Wo Sie gerade hier sind, darf man Ihre Organe haben?

Man könnte es fast für ein Wunder halten (na ja, das vielleicht nicht, aber gerechnet habe ich nicht damit): Der Bundestag hat einen komplett bescheuerten Gesetzesentwurf abgelehnt.

Die Widerspruchsregelung bei der Organspende kommt nicht. Es ist also nicht jeder automatisch Organspender, wenn er nicht rechtzeitig widersprochen hat; der Staat beansprucht nicht die Organe von Menschen, die sich aus Antriebslosigkeit oder Gedankenlosigkeit nicht mit diesem speziellen Thema beschäftigt haben.

Öfter darauf ansprechen soll man die Leute stattdessen („erweiterte Zustimmungsregelung“). Wenn man aufs Amt muss, um den Personalausweis zu erneuern, soll es in Zukunft heißen: Möchten Sie nicht doch Ihre Organe spenden? Sie können hier gleich zustimmen. Zusätzlich sollen die Hausärzte einen zur Spende ermuntern. Druck statt Zwang soll jetzt das Ziel erreichen, mehr Organe zu bekommen.

Auch wenn ich froh bin, dass die Widerspruchsregelung nicht kommt, finde ich dieses Vorgehen, wenn ich ganz ehrlich bin, abstoßend. Es wird ja sehr offen gesagt, dass es das Ziel ist, „die Organspendebereitschaft zu erhöhen“; nicht einfach nur, die Leute mal auf dieses Thema aufmerksam zu machen, sondern mehr Leute zu einer bestimmten Entscheidung zu diesem Thema zu bringen. Und wenn sie trotzdem nicht bereit sind? Dann sind sie wohl einfach egoistisch.

Das Ziel ist sehr gut und richtig, natürlich: Kranken das Leben zu retten. Aber nicht alle Mittel zu einem guten Ziel sind gut. Und viele der hier angewandten Mittel sind sehr, um das Mindeste zu sagen, fragwürdig. Es ist hart, wenn man eine tödliche Krankheit hat und es ein Mittel gäbe, das einem helfen könnte, das man aber nicht auf eine moralisch erlaubte Weise bekommen kann; selbstverständlich. Aber das macht das Mittel nicht erlaubt. Und irgendwann muss sowieso jeder sterben; der Tod lässt sich nicht vermeiden. Zudem ist auch die Organtransplantation eine sehr risikoreiche, schwierige Sache (das Organ kann wieder abgestoßen werden usw.).

Das Vorgehen der meisten Befürworter der Organspende ist schlicht völlig falsch. Da wäre zunächst mal die Tatsache, dass die „Aufklärung“ über die Organspende (schon bisher gab es ja Post von der Krankenkasse deswegen) nie darin besteht, über strittige Punkte aufzuklären, sondern immer nur in Werbung. Vor allem das Thema Hirntod wird auf den „Aufklärungs“broschüren für gewöhnlich gar nicht erst erwähnt. Es heißt immer nur: Möchten Sie nach Ihrem Tod Organe spenden? Wenn der Hirntod so unproblematisch wäre, sollte es kein solches Problem dabei geben, tatsächlich darüber zu informieren, dass Organe nur bei den wenigen entnommen werden, bei denen das Gehirn vor dem Restkörper abschaltet, bevor dieser Restkörper dann wirklich tot ist.

Der Tod ist die Trennung von Leib und Seele; das ist die Definition. Es ist nun nicht komplett unmöglich, dass der Hirntod der Tod sein könnte; man kann postulieren, dass die Seele den Körper verlassen hat, wenn die Gehirnfunktionen erloschen sind und nur noch ein paar, sozusagen, Restzuckungen im Körper bleiben; wie auch kopflose Hühner noch kurz herumflattern können. Diese Restzuckungen sind in jedem Fall bald weg; in den extremsten Fällen ist es allerdings gelungen, sie für ein paar Monate zu erhalten.

Aber für deutlich plausibler halte ich die andere Ansicht, die man so beschreiben kann: Solange noch Leben im Körper ist (und man kommt einfach nicht umhin, es als „Leben“ zu beschreiben, was einem zu denken geben sollte; übrigens auch bei den kopflosen Hühnern), ist die Seele noch da, auch wenn ein Organ schon ausgefallen ist; der Sitz der Seele ist nicht das Gehirn, sondern der ganze Körper. Erst wenn sie weg ist, ist er nur noch Materie, tot, ohne Bewegung. Wenn ein Körper atmet, das Herz schlägt, er Reflexe hat, sogar im Extremfall noch ein ungeborenes Kind austragen kann, ist noch etwas da, das ihn eben belebt: Die Seele. Dass der Sterbeprozess unumkehrbar und zwangsläufig und nur noch mühevoll kurz aufzuhalten ist, heißt nicht, dass der Sterbende schon ein Toter ist. Man würde es auch sonst nicht als gerechtfertigt ansehen, bei einem bewusstlosen, unumkehrbar im Sterben Liegenden schnell noch Organe zu entnehmen, um jemand anderen zu retten.

Die katholische Kirche hat sich bisher nicht dazu geäußert, ob der Hirntod als Tod zählt, das ist ja auch eine wissenschaftliche Frage; aber sie sagt ganz prinzipiell, dass der Tod vor der Organentnahme feststehen muss.

Wenn man jetzt Gründe hat, die man als gewichtig beurteilt, den Hirntod nicht als Tod gelten zu lassen, muss man es als immer falsch beurteilen, nach dem Hirntod Organe zu spenden; selbst als Kranker Organe Hirntoter anzunehmen; oder sich als Arzt an einer Entnahme zu beteiligen. Dann müsste der Staat das System komplett verbieten, und solange er das nicht tut, müsste der Einzelne seine Beteiligung verweigern.

Aber selbst wenn man den Hirntod als Tod sieht, kann man es niemandem zur Pflicht machen, seine Organe zu spenden. Der Körper ist ein Teil des Menschen; der Mensch ist Körper und Seele, nicht nur die Seele; und auch nach dem Tod behält der Körper seine Würde. Es hat seinen Grund, dass man Tote bestattet, ihre Gräber besucht, und die Störung der Totenruhe bestraft. Der Körper wird am Jüngsten Tag bei der Auferstehung des Fleisches auferstehen, erneuert werden, und sich wieder mit der Seele vereinen. (Wem dann das gespendete Organ gehören wird, ist eigentlich ganz einfach: dem Spender. Aber solche Fragen haben ja schon die Kirchenväter geklärt, die sich damit befassten, was für den Fall von Kannibalismus gilt, wenn einer den Körper eines anderen isst. So ganz mechanisch muss man sich die Auferstehung des Fleisches ja auch nicht vorstellen.) Wenn man den Hirntod als Tod sieht, ist die Organspende sicher ein besonderes Opfer der Nächstenliebe, aber eben keines, das man einfordern kann. Es gibt Dinge, die gut sind, aber keine Pflicht sind. Und bei Organentnahmen wird mit dem Körper tatsächlich nicht sehr schön umgegangen; Zeit zur Verabschiedung für die Angehörigen bleibt auch nicht.

(An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich es ehrlich gesagt auch seltsam finde, dass manchmal dieselben Leute, die keine Pflicht einer Mutter sehen, ihr eigenes Kind auszutragen (bzw. es nicht gewaltsam töten zu lassen), meinen, dass man es zur Pflicht machen kann, fremden Menschen seine Organe zur Verfügung zu stellen.)

Dass es schon einzelne Fälle gab, in denen der Hirntod fälschlich diagnostiziert wurde und ein „Hirntoter“ wieder erwachte, ist noch ein zusätzlicher Punkt; ich halte dieses Risiko nicht für besonders groß, aber das ist etwas, über das man Bescheid wissen sollte. Es kann im Einzelfall schon vorkommen, dass übereifrige Ärzte, die das Leben anderer Patienten retten wollen, nicht genau genug hinsehen, ob jemand wirklich hirntot oder nur komatös ist.

Wenn man die Organspende nach Hirntod für falsch hält, muss die Konsequenz sein, auch selbst keine Organe anzunehmen, wenn man krank werden sollte. Ich würde keine Organe annehmen. Und wenn man sie nicht für falsch hält, aber trotzdem selbst nicht dazu bereit ist, wäre es vielleicht nicht das Allervorbildichste, aber auch nicht unbedingt moralisch verboten, selbst Organe anzunehmen, auch wenn man keine spenden wollen würde; man darf vom Prinzip her auch ein freiwilliges Opfer anderer annehmen, das man selbst nicht zu bringen bereit ist.

Das Ganze ist mal wieder ein Thema, bei dem sich zeigt: Wenn die Welt heute das Moralisieren versucht (man kann sagen: immerhin versucht sie es manchmal noch), macht sie es falsch.

9 Gedanken zu “Wo Sie gerade hier sind, darf man Ihre Organe haben?

  1. (Sorry, wenn ich gerade Ihr Blog vollspamme!)

    Vor zwei Tagen war ich zutiefst erleichtert: endlich mal wieder eine erträgliche Entscheidung aus dem Bundestag. Grundsätzlich habe ich zwar auch keine Lust, mich beim Antrag für den Personalausweis nach der Organspende fragen zu lassen, aber besser ist das allemal als die Widerspruchslösung (auch wenn ich der Ansicht bin, die Menschen hätten sich gefälligst auf staatliche Anordnung mit der Organspende auseinanderzusetzen). Ich stimme Ihrem Beitrag in jedem Punkt zu.

    Bei der Debatte im Bundestag sind mir zwei kleinere Sache aber auch noch aufgefallen, die mir aber ziemlich aufstoßen:

    1. Man geht anscheinend davon aus, dass Schwerkranke einen Anspruch auf ein neues Organ haben. Nein, den haben sie nicht (ganz abgesehen von den Folgeproblemen mit Fremdorganen). Es nicht unchristlich, auf diesen Aspekt hinzuweisen. Es gibt übrigens auch Leute, die den Empfang eines fremden Organs ablehnen.

    2. Das Thema sei auch problematisch, weil die Menschen davor zurückschrecken, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen, hieß es, oder weil der Tod in unserer Gesellschaft ein Tabu sei. Ich finde es ehrlich gesagt eine Beleidigung, als Bürger von der Politik so dermaßen unterschätzt zu werden.

    [Abgesehen davon: Jens Spahn hält sich für einen Katholiken und sagt, Glauben sei auch keine reine Privatsache. Soso. Jedenfalls hat der katholische Katechismus keine Rolle gespielt bei seinem unsäglichen Gesetzentwurf.]

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    1. Korrektur: “ (auch wenn ich NICHT der Ansicht bin, die Menschen hätten sich gefälligst auf staatliche Anordnung mit der Organspende auseinanderzusetzen)“

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  2. Meine eigene Schwester war etwa 48 Stunden hirntot. Nach drei Monaten wurde sie vollkommen gesund entlassen. Die Heilung ohne Folgeschäden, ist den Ärtzen bis heute ein Rätsel. Das wird wohl auch für die Wissenschaft so bleiben.

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      1. Danke für den Link und die Segenswünsche!

        Als meine Schwester aufgewacht war, hatte sie nur die Absicht aus dem Bett zu steigen, weil sie angeblich „lange genug“ geschlafen hätte. Vielleicht sollte man den Hirntod in Zukunft Hirnschlaf nennen. Das passt besser und mit dem Transplantations-Spendeorgan-Gedöns ist es dann auch vorbei. Wenn nur das schmutzige Geld nicht wäre……..

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      1. Der Grund für den „vorübergehenden Hirntod“ war ein Aneurysma im Kopf, welches nicht schnell genug als ein solches diagnostiziert worden war.

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  3. Ich habe schon häufiger erleben müssen, dass einem mangelnde Hilfsbereitschaft und Egoismus vorgeworfen wird, wenn man sich gegen Organspende ausspricht. Es kann sogar vorkommen, dass man als schlechter Christ bezeichnet wird, wenn man Organspende ablehnt. Es werden immer wieder gewisse Bibelzitate verwendet, um Organspenden moralisch zu rechtfertigen.

    Hier ist ein Beitrag von Claudia Sperlich, der zeigt, dass man Organspenden nicht mit der Bibel begründen kann:

    https://katholischlogisch.blog/2020/01/18/organspende-biblisch-nicht-begruendbar/

    Zusätzlich gewinnt das Thema Organspende an Brisanz, wenn man an Sterbehilfe bzw. assistierten Suizid denkt:

    https://www.lifesitenews.com/blogs/legalization-of-doctors-killing-sick-canadians-creates-organ-donation-boon-media-org-raves

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