Christliche Kultur am Sonntag: „Die Brautleute“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Alessandro Manzoni: „Die Brautleute“ („I Promessi Sposi“)

Manzoni ist für Italien quasi das, was Goethe oder Fontane oder Thomas Mann für Deutschland ist; nur dass er mir besser gefällt. Sein in einer ersten Fassung 1827 und in der Endfassung 1840-42 erschienener Roman spielt im Herzogtum Mailand in den Jahren 1628-1630. Ich habe ihn dieses Jahr zu Weihnachten geschenkt bekommen und sofort geliebt. In früheren deutschen Übersetzungen hieß er oft „Die Verlobten“; in meiner neueren Übersetzung von Burkhart Kroeber heißt er „Die Brautleute“, was dem italienischen Titel wohl besser entspricht, weil die zwei Hauptfiguren nicht nur verlobt sind, sondern eigentlich kurz vor ihrer Hochzeit stehen.

Der Erzähler gibt das Buch als Nacherzählung einer Geschichte aus, die er in einer anonymen barocken Schrift gefunden hat. Es geht um Renzo Tramaglino und Lucia Mondella, ein junges Paar aus einem kleinen Dorf in den Bergen bei Mailand; sie stehen kurz vor ihrer Hochzeit. Ein Adliger aus der Gegend, Don Rodrigo, hat angefangen, Lucia nachzustellen, und bedroht ihren Pfarrer, um die Hochzeit zu verhindern, und will Lucia dann entführen lassen. Renzo, Lucia und Lucias verwitwete Mutter Agnese müssen aus ihrem Dorf fliehen, und sich auf der Flucht dann trennen; und dann gibt es noch allerlei Verwicklungen, die sie voneinander entfernen.

(Renzo und Lucia, Illustrationen in der Ausgabe von 1840. Gemeinfrei.)

Es kommen Hungersnot, Krieg und Pest in diesem Buch vor, aber es bleibt eine trotz ihrer Fremdheit verständliche, menschliche und manchmal sehr faszinierende Welt, die Manzoni hier zeigt. Das Schöne ist: Er hat wirklich sehr gut recherchiert, bis hin zu sämtlichen Erlassen der Mailänder Gesundheitsbehörde und der korrekten Anrede für Kardinäle; und er erfasst einfach den Geist des 17. Jahrhunderts und hat es nicht nötig, seine Figuren zurückversetzte „ihrer Zeit voraus“ seiende Charaktere seines eigenen Jahrhunderts sein zu lassen. Außerdem schön: Der billige Antiklerikalismus des 19. Jahrhunderts fehlt bei dem Katholiken Manzoni völlig. Man hat im Verlauf der Handlung sehr bewundernswerte Kirchenleute wie Kardinal Federigo Borromeo oder Pater Cristoforo (ein Kapuzinerpater und Lucias Beichtvater), und sehr, nun, nicht bewundernswerte wie Don Abbondio (Renzos und Lucias Pfarrer) oder die Nonne Gertrude. Der Schreibstil ist hervorragend.

Man legt das Buch jedenfalls weg mit einer gehörigen Bewunderung für Mut und Frömmigkeit, und mit der gefestigten Erkenntnis, dass Behördeninkompetenz nichts Neues unter der Sonne ist. Der Roman hat um die 800 Seiten; aber keine zu viel. Der einzige Wermutstropfen ist, dass die Nebenfiguren manchmal so ausführlich ausgestaltet sind (was an sich sehr schön ist), dass die Hauptfiguren fast ein wenig unterzugehen drohen; und dass Manzoni an ein oder zwei Stellen durchblicken lässt, dass er Aristoteles nicht so sehr bewundert, wie es sich schickt. Aber bis auf das könnte man es fast das perfekte Buch nennen. Sehr, sehr empfehlenswert.

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