Ja, ja, Gott liebt mich, klar

„Gott liebt dich“: Wenn es was gibt, das im christkatholischen Glauben als altbekannte Platitüde behandelt wird, dann wahrscheinlich diese Aussage. Eigentlich seltsam; in anderen monotheistischen Religionen ist es gar nicht selbstverständlich. Würden Muslime so reden? Ich weiß nicht. Auch monotheistische antike griechische Philosophen hätten nicht so vom „lieben Gott“ gesprochen.

Gott liebt dich, das heißt Gott will dir Gutes, weil Gott selbst das vollkommene Gute ist, und zwar liebt Gott dich mehr als du dich selbst liebst oder irgendein Mensch dich lieben könnte. „Gott ist mehr bereit, einem reuigen Sünder zu verzeihen, als eine Mutter, ihr Kind aus dem Feuer zu retten“, hat der hl. Pfarrer von Ars einmal gesagt.

Manzoni_Brautleute

(Ein kurzer Abschnitt aus diesem Roman; hier spricht Kardinal Federigo Borromeo mit einem Mann, der so eine Art Raubritter ist. Ich fand die Stelle gerade sehr passend.)

Gott vergisst dich nicht einen Augenblick lang; Er hat dich gemacht und erhält dich im Leben, weil Er will, dass du bist; weil du für Ihn nicht überflüssig und keine Platzverschwendung bist. Er sieht mit Mitleid auf dich, wenn es dir schlecht geht (auch wenn Er das aus Gründen zulassen muss) und wenn du dich in Sünden verrennst. Er will dich bei sich haben. Er will dir Trost, Freude, Frieden geben.

Eigentlich eine bekannte Grundtatsache der katholischen Religion; der frohen Botschaft, die der Herr Jesus Christus zu bringen gekommen ist. Trotzdem steht sie einem auch als Katholik nicht immer vor Augen. Besonders, wenn man Probleme mit Skrupulosität hat.

Für mich ist der Gedanke die meiste Zeit über fern und theoretisch. Ja. Gott liebt mich. Ich leugne es nicht, aber habe es sicher nicht gefühlsmäßig verinnerlicht. Schon der Versuch, es zu verinnerlichen ist, sagen wir, schwierig. Da ist immer die Angst dabei, und die Hilflosigkeit. Ich könnte unehrerbietig sein. Schließlich kann ich nicht einfach proklamieren, dass Gott mit mir zufrieden ist, nicht wütend auf mich ist, meine Reue akzeptiert, oder irgendetwas, das wirklich über das theoretische Mindestwissen, dass Er etwas namens Liebe für mich hat, hinausgeht. Was heißt diese Liebe denn in der Praxis? Bei so vielen Gelegenheiten weiß ich z. B. nicht, ob ich mir etwas vormache in Bezug darauf, ob ich Seine Liebe in einem gerade noch ausreichenden Maß erwidere oder nicht, und wie Er dann jetzt zu mir steht – und dann habe ich wieder das Gefühl, dass Er mich vielleicht gar nicht wirklich haben will. Er weiß das alles, Er weiß auch, was ich eigentlich tun sollte; ich weiß es nicht, oder vielleicht sage ich mir das auch nur. Es wäre nett, wenn Gott direkt mit einem reden würde, denke ich mir dann. So viel einfacher. Wenn er einem sagen würde, was genau Er hier und jetzt von einem will, und dass Er sich für einen interessiert. Er tut das nicht, und dafür wird Er Gründe haben (vielleicht, dass Er einem beibringen will, auf das zu vertrauen, was Vernunft und Kirche einem sagen, statt sich von rein gefühlsmäßigen Eindrücken leiten zu lassen? Dass man manche Dinge selbst herausfinden muss?); aber danach sehnen werde ich mich trotzdem weiterhin. Hat Gott Geduld mit dieser meiner Schwierigkeit? Ist das hier falsch, oder ist es das nicht? Was heißt es, dass Gott milde und barmherzig ist? Kann ich im Frieden sein oder nicht? Ich weiß es eben nicht, und es gibt nun mal genug Dinge, die ich falsch mache.

Gott ist nicht der Feind, versuche ich mir (oder anderen; gerade wenn man bei den eigenen Problemen als Skrupulantin offen ist, bekommt man manchmal auch die anderer anvertraut) öfter mal zu sagen. Der Teufel will uns in der Hölle haben, um uns zu quälen, Gott geht uns nach wie der Hirt dem verlorenen Schaf, Er ist barmherzig zu uns wie zum guten Schächer am Kreuz – Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein(Lk 23,43). Er wartet nicht auf eine Gelegenheit, uns zu verdammen. Ja, schwere Sünden trennen uns wirklich von Ihm, aber nicht alles und jedes ist schwere Sünde, und Er ist jederzeit bereit, schwere Sünden zu vergeben.*

Das ist ein schönes Prinzip, ja; die Praxis schaut aber eben schwieriger aus.

Da geht man so drüber hinweg. Gott liebt mich. Klar. Weiß ich schon, das ist Katholizismus auf Erstklässlerlevel, so wie man bei der Schulanfangsfeier „Ja, Gott hat aaalle Kinder lieb“ krakeelt und hinterher „Aaaaaalle Kinder lernen leeeeeeeesen“**. Aber es ist eben tatsächlich wahr.

Neben den mehr oder weniger irrationalen Ängsten, die einen quälen können, gibt es leider auch noch die finstereren, durchdachteren Zweifel vonseiten der Calvinisten und ihrer Sympathisanten, die einen auch beeinflussen können (selbst wenn man sie intellektuell an sich ablehnt, wie ich das tue). Ich bin ja der Meinung, dass Calvinismussympathien in den meisten Fällen entweder von Verzweiflung (bei denen, die sich für wahrscheinlich verworfen halten) oder Hochmut (bei denen, die sich für erwählt halten) kommen; aber woher auch immer sie kommen, ihre Früchte sind nach allem, was ich beobachtet und bei mir selbst erlebt habe, jedenfalls Verzweiflung oder Hochmut.

Screenshot (5)Screenshot (6)

 (Reale Aussagen eines Calvinisten aus einer Twitterunterhaltung vor einiger Zeit, bei denen ich immer noch etwas fassungslos bin, wie offenherzig sie die willkürliche Grausamkeit des Calvinismus zeigen.)

Der Calvinismus (bzw. mit ihm sympathisierende Theologien) ist nicht überall direkt unlogisch; das ist seine Stärke. Er sagt (in seiner milden Variante) praktisch: Alle Menschen haben die Hölle verdient, und einigen gibt Gott einfach das, was sie verdienen; anderen schenkt Er aus Barmherzigkeit mehr, als sie verdienen, nämlich den Himmel, aber einen Anspruch darauf hat keiner, also können sich die Verdammten auch nicht beschweren. Direkt widersinnig wird es freilich, wenn Calvinisten, um Gottes „Souveränität“ und Allmacht zu wahren (in ihrer Sorge um Seine Hoheit und Unantastbarkeit erinnern sie an Muslime, die Ihm vorschreiben wollen, dass Er sich doch bitte nicht mit einer Menschwerdung zu erniedrigen habe), erklären, Gott sei auch der direkt Verantwortliche für die Sünden der Menschen, insbesondere die Ursünde von Adam und Eva, also wirklich Urheber des Bösen, nicht nur der, der durch sekundäre Ursachen (wie den freien Willen des Menschen) die Entstehung des Bösen zugelassen hat. Das ist eigentlich nur noch Teufelsanbetung unter einem anderen Namen. Aber selbst die „milde“ Variante übersieht etwas: Zwar nicht so sehr Gottes Gerechtigkeit, aber Seine über die Gerechtigkeit hinausgehende Liebe. Gott ist die Liebe.

Nun ist es tatsächlich so, dass der Katholizismus mit der Idee kompatibel ist, dass Gott manchen Menschen, z. B. solchen, die Er für besondere Aufgaben erwählt hat (wie etwa dem Apostel Paulus), ein noch größeres Ausmaß an Gnaden gibt als anderen (freilich wird von denen, denen mehr gegeben wurde, auch mehr erwartet); aber Er gibt allen wirklich genug Gnade für eine ganz reale Chance auf die Erlösung, weil Er alle liebt. Wirklich liebt, nicht nur „liebt.“ Wer verloren geht, hätte gerettet werden können, wenn er gewollt hätte. Ich halte es da mit den tröstenden Worten der Heiligen Schrift:

„[E]r will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4)

Und:

Darum will ich euch richten, jeden nach seinem Weg, ihr vom Haus Israel – Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, kehrt euch ab von all euren Vergehen! Sie sollen für euch nicht länger der Anlass sein, in Schuld zu fallen. Werft alle Vergehen von euch, die ihr verübt habt! Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist! Warum wollt ihr denn sterben, ihr vom Haus Israel? Ich habe doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss – Spruch GOTTES, des Herrn. Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt!“ (Ez 18,30-32)

(Auch Calvinisten berufen sich auf die Heilige Schrift, sicher; aber da kommt dann immer dieselbe falsch interpretierte Paulusstelle; und das war es mehr oder weniger.)

Soweit zu den intellektuellen Zweifeln; aber gefühlsmäßige verschwinden ja nicht einfach, wenn die intellektuelle Seite geklärt ist. Ich weiß auch nicht ganz, wie man sie wirklich verschwinden lassen kann. Akut hilft es mir immer ein bisschen, in der Bibel zu lesen oder einen Teil des Stundengebets zu beten. Das beruhigt. Aber unten drunter sind Angst und Unruhe da. Vielleicht wird so sein, bis dieses Leben hier beendet ist. Hat eben jeder sein Kreuz; immerhin hat man dann etwas zum Aufopfern.

Und am Ende ist es ja trotzdem wahr, dass Gott einen liebt, ob man es fühlt oder nicht.

 

* Hier eine kurze Anmerkung: Es hat mir wirklich geholfen, als ich gelernt habe, dass Gott einem bei einem Akt der Liebesreue inklusive Vorsatz zur Beichte auch schon vergibt, bevor man wirklich zur Beichte kommt, und dass es zwar das Gebot der Kirche ist, zur Beichte zu gehen, aber nicht, zum schnellstmöglichen Zeitpunkt zur Beichte zu gehen. [Ein Gebet zur Erweckung der Liebesreue: „Mein Gott, aus ganzem Herzen bereue ich alle meine Sünden, nicht nur wegen der gerechten Strafen, die ich dafür verdient habe, sondern vor allem, weil ich dich beleidigt habe, das höchste Gut, das würdig ist, über alles geliebt zu werden. Darum nehme ich mir fest vor, mit Hilfe deiner Gnade nicht mehr zu sündigen und die Gelegenheiten zur Sünde zu meiden. Amen.“]

** Okay, vielleicht krakeelt man letzteres heute nicht mehr wegen der Indianer und Eskimos. Meine Einschulung war ja auch schon vor 17 Jahren.

2 Gedanken zu “Ja, ja, Gott liebt mich, klar

  1. Ja.
    Eine Weile war das einizige Gebet, das ging: „Herr, bitte hab mich lieb.“ Und es hilft mir immer noch in Zeiten des Verworfen-fühlens oder des Abstrudelns ins Ja, aber.

    Gefällt 1 Person

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