Heribert Jone über Skrupulosität und das Handeln gegen das skrupulöse Gewissen

Ich will in nächster Zeit mal wieder ein paar mehr Blogbeiträge bringen; vielleicht brauchen manche Leser ja Ablenkung während der Coronazeit. Heute mal nur ein Gastbeitrag zum Thema Skrupulosität von meinem Lieblingskasuisten: ein kurzer Auszug aus Heribert Jones „Katholische Moraltheologie“*, einem besonders für Beichtväter gedachten Handbuch von 1930.

Im Kapitel über das Gewissen schreibt Jone zum skrupulösen Gewissen folgendes:

„Das skrupulöse Gewissen glaubt aus belanglosen und scheinbaren Gründen, Sünden zu sehen, wo es keine gibt, oder Todsünden zu sehen, wo nur lässliche Sünden bestehen. – Das Wesen des Skrupels besteht weniger in einem Irrtum des Urteils als vielmehr in einem Zustand der Unruhe. Diese Beunruhigungen gehören, genau genommen, nicht zur Tätigkeit des Intellekts, und gehören dementsprechend auch nicht zum Gewissen. Es sind vielmehr Suggestionen des Vorstellungsvermögens, Eindrücke oder Aufreizungen des Empfindens.

Die Zeichen eines skrupulösen Gewissens sind folgende: Gewissensprüfung über oft lächerliche Einzelheiten, unruhige und kontinuierliche Nachforschungen, eine Aufmerksamkeit, die auf alle möglichen Umstände gerichtet ist, die eine Handlung begleitet haben oder sie hätten begleiten können, häufige Änderungen des Urteils, Unentschlossenheit, die Furcht, überall Sünden zu begegnen, der Wunsch, verschiedene Beichtväter zu sprechen, die Furcht, von ihnen nicht richtig verstanden worden zu sein, das hartnäckige Festhalten am eigenen Urteil trotz ihrer Entscheidungen. – Es ist oft schwierig genug, an sich den Skrupel zu erkennen, es ist besonders wichtig, sich nicht auf sein eigenes Urteil zu verlassen, sondern sich an das Urteil des Beichtvaters zu halten. Oft kann man skrupulös bei einigen Angelegenheiten und lax bei anderen sein.

Die Ursachen des Skrupels sind: ein krankhafter Zustand, ein vererbter schlechter organischer Zustand (nervöse Überreiztheit, Blutarmut, Blutarmut im Gehirn), ein zu heftiges Vorstellungsvermögen, eine dominante Empfindsamkeit, eine frühreife Feinsinnigkeit, eine übertriebene Gewohnheit der Selbstbeobachtung, Urteilsschwäche, oft auch ein verborgener Stolz, der dazu treibt, sich vor jedem Vorwurf reinzuwaschen, und der in allen Dingen jene Sicherheit erreichen will, die selbst den leichtesten Zweifel ausschließt, zuletzt ein Mangel an Vertrauen in die göttliche Barmherzigkeit. Skrupulanten sind oft selbst verantwortlich für die Verschlimmerung ihres Zustands, weil sie nicht einwilligen, auf beständige Weise die Heilmittel anzuwenden, die man ihnen vorschlägt.

Die Mittel, die gegen den Skrupel zu gebrauchen sind, sind die folgenden: Das Gebet und das Vertrauen auf Gott, der absolute und vertrauensvolle Gehorsam gegenüber dem Seelenführer [Beichtvater], die Ausbildung allgemeiner Regeln für das moralische Handeln, an die man sich um jeden Preis halten muss, selbst wenn sie uns unter diesem oder jenen Umstand trügen mögen, das Fliehen des Müßiggangs, das Entfernen der Ursachen des Skrupels, besonders der organischen Probleme.

[…]

Gegen ein skrupulöses Gewissen zu handeln ist keine Sünde, selbst wenn man eine Handlung mit einer extremen Furcht zu sündigen begeht.

Das skrupulöse Gewissen ist nämlich genau genommen ein krankhafter Zustand der Unruhe. – Das Prinzip, das soeben aufgestellt wurde, ist selbst dann gültig, wenn der Skrupulant im Augenblick der Handlung nicht bedacht hat, dass er es mit einem Skrupel zu tun hat; es genügt, dass er auf gewohnheitsmäßige Weise weiß, dass er das Recht hat, alles zu tun, was ihm nicht sicher als Sünde erscheint. – Der Skrupulant darf alles tun, was er fromme Personen tun sieht, selbst wenn diese Handlungsweise gegen seine eigene Ansicht geht. In seinen Handlungen ist er nur gehalten, eine ganz gewöhnliche Aufmerksamkeit aufzubringen; wenn er nicht der Richtschnur folgen kann, die man ihm gegeben hat, oder auf jemandes Rat zurückgreifen kann, kann er tun, was er will, außer wenn es sich offensichtlicherweise und sicherlich um eine Sünde handelt. Wegen der Beschwerlichkeiten, die daraus hervorgehen würden, kann der Skrupulant von mehreren positiven Pflichten [positive Pflicht = Pflicht, etwas zu tun, im Unterschied zur negativen Pflicht, etwas zu unterlassen] befreit sein, z. B. der Pflicht zur brüderlichen Zurechtweisung, zur Vollständigkeit der Beichte. Wenn er beim Anblick unschuldiger Objekte oder anständiger Personen in sich unreine Gedanken spürt, soll er nur ruhig diese Gegenstände und sittsam diese Personen ansehen, ohne sich mit diesen schlechten Eindrücken zu beschäftigen / wegen dieser schlechten Eindrücke zu beunruhigen. Wenn der Skrupel ihn dazu bringt, sich zu fragen, ob er seine Pflichten richtig erfüllt hat (sein Brevier, seine Buße, sein Gelübde), kann er davon ausgehen, sie erfüllt zu haben. Wenn der Skrupel ihn zweifeln lässt, ob seine Reue ausreichend war, darf er zu seinen Gunsten entscheiden. Was Sünden angeht, die er vor der letzten Beichte begangen hat, hat er sich ihrer nicht anzuklagen, zumindest, wenn er nicht schwören kann, dass sie sicher Todsünden waren und er sich ihrer sicher noch nie [in einer Beichte] angeklagt hat. Und selbst in diesem Fall könnten sich Umstände finden, die ihn von der Vollständigkeit der Beichte entschuldigen würden. Man muss dasselbe über die Ängste bezüglich der Gültigkeit früherer Beichten sagen. – Wenn Skrupulanten Empfindungen der Angst (Seelenqualen) mit Schuldgefühlen verwechseln, muss man sie darüber in Kenntnis setzen, dass diese Ängste zur Ursache die Nerven und nicht Sünden haben.

Man hat sogar die Pflicht, sich gegen die Skrupel zu wehren, weil man andernfalls durch Stolz, Selbstliebe, Ungehorsam sündigen könnte oder sich Schäden für die physische und moralische Gesundheit aussetzen oder seine Stellung schädigen könnte. Aber wenn der Skrupulant guten Willen hat, wird er in konkreten Fällen schwerlich eine Todsünde begehen. Wegen der bezeichneten Beschwerlichkeiten darf der Beichtvater nur ein Mal die vollständige Darstellung der Skrupel oder eine Generalbeichte erlauben; man muss diese einmalige Aufdeckung des Gewissenszustandes sogar verbieten, wenn der Skrupulant sie schon kurze Zeit vorher gegenüber einem anderen Beichtvater gemacht hat und geringe Chancen bestehen, dass er lange bei seinem neuen Beichtvater bleiben wird.“**

 

Zur Erklärung, was er meint, wenn er von der Vollständigkeit der Beichte spricht: An späterer Stelle erwähnt er das Thema Skrupulosität noch, wenn er über die Beichte schreibt:

„Wenn man zweifelt, ob man eine Sünde begangen hat, ob man bei ihrer Begehung schwer schuldhaft gehandelt hat, oder auch, ob man sie schon gebeichtet hat, ist man in der Praxis nicht gehalten, sie zu beichten; wenn es sich allerdings um Personen mit laxem Gewissen handelt, soll man [der Beichtvater] darauf bestehen, dass sie beichten (s. Nr. 90); was Skrupulanten angeht, soll man ihnen verbieten, sie zu beichten; allen anderen Personen soll man die Beichte zumindest anraten. […]

Man ist im Fall einer Unmöglichkeit davon entschuldigt, alle seine Todsünden zu bekennen, sofern es notwendig ist, in diesem Moment beim fraglichen Beichtvater zu beichten […] Die Unmöglichkeit kann physisch oder moralisch sein. […] Die moralische Unmöglichkeit besteht, wenn das Bekenntnis auf außerordentliche Schwierigkeiten stößt, die nicht von der Beichte selbst abhängen. […] Unter die extrinsischen Schwierigkeiten, die von der Vollständigkeit der Beichte entschuldigen, zählt man insbesondere: […] 4) die Gefahr eines schweren geistlichen oder zeitlichen Schadens (für sich oder andere), z. B.: ein Skrupulant gerät durch die Wiederholung seiner Beichten oder durch zu minutiöse Gewissenserforschungen nur noch mehr in Verwirrung, oder auch, eine zu lange Beichte würde der Gesundheit des Pönitenten schaden, oder auch, man ist der Gefahr ausgesetzt, sich mit einer ansteckenden Krankheit anzustecken, oder zuletzt auch, man fürchtet, dass der Pönitent sterben könnte, bevor er seine Beichte beendet hat.“***

Hier spricht Jone offensichtlich von denselben Fällen, über die Tanquerey schreibt: „In gewissen Fällen hochgradiger Skrupulosität befehle man den Beichtkindern, sich mit dieser allgemeinen Anklage zu begnügen: ‚Ich klage mich aller seit meiner letzten Beichte begangenen Sünden und aller jener meines vergangenen Lebens an.'“ Also von Fällen, in denen Skrupulanten extrem in Verwirrung geraten, gar nicht mehr zwischen Todsünden und lässlichen Sünden unterscheiden können, und stundenlang für Gewissenserforschung und Beichte brauchen.

 

* Wie in meiner „Moraltheologie- und Kasuistik“-Reihe sind alle Zitate von mir aus der französischen Übersetzung von 1935 zurück ins Deutsche übersetzt.

** Heribert Jone: Précis de theologie morale catholique, Nr. 86 und 91.

*** Ebd., Nr. 565-568.

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