Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 1: Zusammenfassungen des Glaubens, Glaubensbekenntnisse

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Lk 24,46-49, Mt 28,18-20, 1 Kor 15,3-7, Phil 2,6-11, 1 Petr 1,3-4.18-23, 1 Petr 3,18-22, Joh 1, 1 Joh 1,1-4, 1 Joh 4,2.

Die früheste Stelle, die ich für diesen Artikel herangezogen habe, findet sich beim hl. Bischof Ignatius von Antiochia, der, wohl im Jahr 107, auf dem Weg von Syrien zu seinem Prozess und anschließenden Märtyrertod in Rom an eine Gemeinde schreibt:

„Verstopfet daher eure Ohren, sobald euch einer Lehren bringt ohne Jesus Christus1, der aus dem Geschlechte Davids, der aus Maria stammt, der wahrhaft geboren wurde, aß und trank, wahrhaft verfolgt wurde unter Pontius Pilatus, wahrhaft gekreuzigt wurde und starb vor den Augen derer, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind, der auch wahrhaft auferweckt wurde von den Toten, da ihn sein Vater auferweckte; denn nach diesem Vorbild wird uns, die wir ihm glauben, sein Vater auch so auferwecken in Christus Jesus, ohne den wir das wahre Leben nicht haben.“ (Brief des Ignatius an die Trallianer 9)

(In der Fußnote heißt es: „Damit wendet sich Ignatius gegen die Irrlehre der Doketen, die Christus nur einen Scheinleib zuschrieben, um seine Gottheit zu wahren.“ Der Doketismus soll hier ein anderes Mal Thema sein.)

Kurz darauf schreibt der hl. Bischof Polykarp von Smyrna, mit dem Ignatius auf seiner Reise auch zu tun gehabt und an den er einen seiner Briefe gerichtet hatte, an eine andere Gemeinde:

„Darum gürtet eure Lenden und dienet Gott in Furcht1 und Wahrheit, verlasset das leere Gerede und den Irrtum der Menge, glaubet an den, der unseren Herrn Jesus Christus von den Toten auferweckt und ihm Herrlichkeit und den Thron zu seiner Rechten verliehen hat2! Ihm ist alles untertan im Himmel und auf Erden, ihm dient jegliches Leben, er kommt als Richter der Lebendigen und Toten3, sein Blut wird Gott fordern von denen, die nicht an ihn glauben. Der aber ihn von den Toten erweckt hat, wird auch uns auf erwecken4, wenn wir seinen Willen tun und in seinen Geboten wandeln und lieben, was er geliebt hat, und uns frei halten von jeder Ungerechtigkeit, Habsucht, Geldgier, übler Rede, falschem Zeugnis; wenn wir Böses nicht mit Bösem vergelten oder Schmähung nicht mit Schmähung5, noch Faustschlag mit Faustschlag; noch Fluch mit Fluch; 3. eingedenk der Worte, die der Herr lehrend sprach: ‚Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet‘6; ‚Verzeihet, damit ihr Verzeihung findet; seid barmherzig, damit ihr Barmherzigkeit erfahret; mit dem Masse, mit dem ihr messet, wird man auch euch messen‘7, und: ‚Selig sind die Armen und die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich Gottes‘8.“ (Brief Polykarps an die Philipper 2)

(Die Fußnoten verweisen hier nur auf die entsprechenden Bibelstellen.)

Eine ganz einschlägige Stelle findet sich in der Epistula Apostolorum, einem vollständig in äthiopischer Übersetzung und fragmentarisch in einer koptischen Version erhaltenen Werk, das sich als Brief der Apostel ausgibt und einen angeblichen Dialog Jesu mit den Aposteln nach Seiner Auferstehung enthält: ein frühes Glaubensbekenntnis (offensichtlich eine feststehende Formel); abrupt eingeschoben mitten in einer Erläuterung der wundersamen Brotvermehrung (Hervorhebung von mir):

„Als wir darauf kein Brot außer fünf Broten und zwei Fischen hatten, gebot er den Leuten, sich zu lagern, und es belief sich ihre Zahl auf 5000 außer den Kindern und Frauen, denen wir Brotstückchen vorlegten; und sie wurden satt, und es blieb (davon) übrig, und wir trugen zwölf volle Körbe von Brocken weg, indem wir fragten und sagten: ‚Welche Bewandtnis hat es mit diesen fünf Broten?‘ Sie sind ein Bild unseres Glaubens betreffs des großen Christentums und d. h. an den Vater, den Herrscher der ganzen Welt, und an Jesum Christum, unsern Heiland, und an den heiligen Geist, den Parakleten, und an die heilige Kirche und an die Vergebung der Sünden.

Und dies offenbarte und zeigte uns unser Herr und Heiland und wir euch gleicherweise, damit ihr Genossen an der Gnade des Herrn und unseres Dienstes und an unserer Herrlichkeit seid, indem ihr auf das ewige Leben sinnt. Seid, ohne zu wanken, fest in der Erkenntnis und Erforschung unseres Herrn Jesu Christi, und er wird sich gnädig erweisen und retten immerdar und in alle niemals endende Ewigkeit.“

(Epistula Apostolorum 5(16)-6(17), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 129. Englische Übersetzung hier.)

Man sieht hier also dieselbe Struktur, die sich in späteren Bekenntnissen findet.

Aristides fasst den Glauben der Christen folgendermaßen zusammen:

„Die10 Christen nun leiten ihre Abkunft11 von12 Jesus Christus13 her. Dieser wird der Sohn des höchsten Gottes genannt14, und es heißt (von ihm), daß er (als) Gott vom Himmel niederstieg15 und von einer hebräischen Jungfrau Fleisch nahm16 und anzog, und (daß so) in einer Menschentochter der Sohn Gottes Wohnung nahm17. Dies wird gelehrt von dem Evangelium, das – so heißt es bei ihnen – (erst) vor kurzem gepredigt worden ist, (und) dessen Sinn auch Ihr, wenn Ihr darin leset, erfassen werdet. Dieser Jesus also entstammt dem Geschlechte der Hebräer. Er hatte aber zwölf Jünger, damit sein wunderbares18 Heilswerk vollendet würde19. Derselbe wurde von den Juden20 durchbohrt21 [und starb und wurde begraben], und es heißt (von ihm), daß er nach drei Tagen wieder auflebte22 und in den Himmel erhoben23 wurde. Und dann zogen diese zwölf Jünger aus24 in die bekannten Gegenden der Welt25 und lehrten seine Majestät in aller Milde und Ehrbarkeit. Deshalb werden auch diejenigen, die heute an jene Predigt glauben26, Christen genannt, wie sie allbekannt sind.“ (Aristides von Athen, Apologie 2,6-8)

(Die Fußnoten geben u. a. leicht abweichende Varianten in den verschiedenen Manuskripten an.)

Justin der Märtyrer schreibt:

„Unverständige werden, um unsere Lehren zurückweisen zu können, vielleicht einwenden: Da nach unserer Behauptung erst vor 150 Jahren Christus unter Quirinius1 geboren worden ist und da er das, was wir als seine Lehre ausgeben, noch später unter Pontius Pilatus gelehrt hat, so seien alle Menschen, die vorher lebten, der Verantwortung enthoben. Darum wollen wir im voraus diese Bedenken lösen. Daß Christus als der Logos [griechisch für Wort, Ausspruch, Vernunft, Logik: Jesus ist laut dem Prolog des Johannesevangeliums das Wort, der „Logos“ Gottes], an dem das ganze Menschengeschlecht Anteil erhalten hat, Gottes Erstgeborener ist, das ist eine Lehre, die wir überkommen und euch schon vorher dargelegt haben. Die, welche mit Vernunft2 [Logos] lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit3 und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher4 ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann. Aus welchem Grunde er nun durch die Kraft des Logos nach dem Ratschlusse Gottes, des Allvaters und Herrn, durch eine Jungfrau als Mensch geboren und Jesus genannt wurde, dann gekreuzigt und gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist, das wird aus unseren früheren weitläufigen Darlegungen der Verständige sich erklären können. (Justin, 1. Apologie 46)

Laut dem Bericht, der über sein Martyrium verfasst wurde, sagte Justin bei der Gerichtsverhandlung vor dem römischen Präfekt:

„Der Präfekt Rustikus sagte: An der Gelehrsamkeit dieser Menschen hast du deine Freude, Unseliger! Justinus antwortete: Allerdings, weil ihre Lehre wahr ist. Der Präfekt Rustikus fragte: Welches ist diese Lehre? Justinus antwortete: Die christliche Gottesverehrung besteht darin, daß wir an einen Gott glauben, der die ganze sichtbare und unsichtbare Schöpfung gemacht und hervorgebracht hat, und an den Herrn Jesus Christus, von dem die Propheten vorherverkündet haben, daß er dem Menschengeschlechte erscheinen werde als Herold des Heiles und als Verkünder trefflicher Lehren. Ich, ein Mensch, bin zu schwach, solches auszusagen, was seiner unendlichen Gottheit würdig wäre, ich kenne aber eine prophetische Macht an; denn über ihn, den ich hier Sohn Gottes genannt habe, ist vorherverkündet worden; ich weiß, daß durch Eingebung Gottes die Propheten über sein zukünftiges Verweilen unter den Menschen vorhergesagt haben.“ (Martyrium des hl. Justin und Gefährten 2)

Bischof Irenäus von Lyon schreibt gegen Ende des 2. Jahrhunderts:

„Der Glaube bewirkt dies in uns, wie uns die Alten2 , die Schüler der Apostel, überliefert haben. Zuvörderst mahnt er uns zu gedenken, daß wir die Taufe zur Nachlassung der Sünden im Namen Gottes des Vaters empfangen haben, und im Namen Jesu Christi, des Sohnes Gottes, der einen Leib angenommen hat, gestorben und von den Toten auferstanden ist, und im heiligen Geist Gottes, und daß diese Taufe das Siegel des ewigen Lebens und der Wiedergeburt in Gott ist, so daß wir nicht mehr Kinder der sterblichen Menschen, sondern des ewigen, immerwährenden Gottes3 sind. Und daß das ewig und beständig Seiende für Gott gehalten werde und hoch über allem Gewordenen4 steht, und daß alles andere5 ihm unterworfen ist, und daß das Gott Unterworfene alles ihm zu eigen machen soll, denn nicht über Fremdes gebietet er und herrscht er, sondern über das Seinige. Gottes sind alle Dinge. Deshalb ist Gott der Allmächtige und alles, was ist, ist von Gott.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 3)

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