Die frühen Christen: Eine neue Reihe

Über die frühen Christen – die der ersten drei Jahrhunderte, vor der Konstantinischen Wende – sind besonders zwei Mythen im allgemeinen Bewusstsein verankert: Erstens, dass man über sie eigentlich kaum etwas wisse und kaum Quellen hätte, zweitens, dass sie sicher nicht so gewesen wären wie die spätere katholische Kirche, sondern irgendwie „einfacher“ und vermutlich protestantischer und vermutlich undogmatischer. Ich habe vor über einem Jahr hier schon einmal einen kleinen (unvollständigen) Überblick darüber präsentiert, was für eine Masse an Quellen wir tatsächlich von ihnen haben; seit anderthalb Jahren bin ich jetzt damit beschäftigt, diese Quellen zu lesen und aussagekräftige Exzerpte zu allen möglichen Themen zu sammeln. Inzwischen ist diese Materialsammlung so weit gediehen, dass ich einiges davon meinen Lesern zur Verfügung stellen kann.

Der Anspruch der katholischen Kirche ist etwa folgender:

Die Kirche des 1., 2., 3. Jahrhunderts ist der heutigen katholischen Kirche nicht nur ähnlich, sondern mit ihr identisch, wie ein Schößling identisch ist mit dem ausgewachsenen Baum. Sicher verändern sich manche Äußerlichkeiten; sicher entwickelt sich manches, reift manches, verfestigt sich manches; das ist auch gut so. Manche Lehren, die früher nur keimhaft vorhanden waren oder noch legitimerweise diskutiert wurden, wurden irgendwann klar definiert und festgelegt, manche Dinge in Liturgie, Kirchenrecht, Pastoral haben sich gewandelt. Wie der Baum verschiedene Jahreszeiten durchmacht und vielleicht im einen Jahr von jenen Schädlingen, im nächsten von diesen befallen wird, macht auch die Kirche bessere und schlechtere Zeiten durch und wird im Lauf der Jahrhunderte von verschiedenen schlechten Tendenzen befallen. Aber es findet keine Verwandlung, kein Bruch statt. Im Kern ist es dieselbe Kirche.

Dieser Anspruch muss natürlich belegt werden, und genau dafür sind solche Texte hilfreich – tatsächlich bin ich beim Lesen selber immer wieder ziemlich verblüfft gewesen, wie deutlich katholisch die frühen Kirchenväter waren. (Vulgärprotestantische Vorurteile über Kirchengeschichte stecken tief in einem drin.)

Es geht mir in meiner neuen Reihe nicht darum, die Texte genauer zu analysieren, oder zu bewerten, wo ein einzelner Kirchenvater Recht oder Unrecht hatte (auch die Kirchenväter irrten sich gelegentlich und waren sich gelegentlich uneinig); es geht darum, einen einigermaßen repräsentativen und authentischen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. Ich habe viele typische Stellen gesammelt, wo etliche Texte dasselbe sagen, aber auch die untypischen Ausreißer haben ihren Platz. Die Reihe soll eine Materialsammlung werden, keine wissenschaftliche Arbeit, und ich beschränke meine Kommentare hauptsächlich auf kurze Erklärungen, die zum Verständnis nötig sein könnten. Ich habe nicht den Anspruch, alle vorhandenen Quellen abzubilden, aber schon eine gewisse Masse davon.

Im Folgenden will ich insbesondere folgende Themen behandeln:

  • Was waren die zentralen Punkte des Glaubens? Was war die Gottesvorstellung der frühen Christen? Was für eine Bedeutung hatte Jesus für sie – für wen hielten sie Ihn, was bedeutete Sein Tod am Kreuz? Welche Ansätze gab es bzgl. der Dreifaltigkeitslehre?
  • Was verstanden sie unter dem Begriff „Kirche“, welche Kirchenämter gab es und wie sah das Gemeindeleben konkret aus? Welche Rolle spielten die Gemeinde und der Bischof von Rom (der Papst) in der Weltkirche?
  • Was bedeutete die Bibel, welche Texte galten als heilige Schriften?
  • Was hielt man von Abspaltungen und Irrlehren?
  • Wie sah es aus mit Taufe, Eucharistie, Buße, Fasten, Gebet, also mit den Sakramenten und der praktischen Frömmigkeit?
  • Wie sahen die ersten Christen das Thema Rechtfertigungslehre? Glaube und Werke oder nur der Glaube? Freier Wille oder Prädestination?
  • Welche Rolle spielte das gottgeweihte (ehelose) Leben (geweihte Jungfrauen, geweihte Witwen usw.)?
  • Welche Rolle spielten Propheten, Visionen, Träume?
  • Welche Moralvorstellungen gab es? Insbesondere auch zu Themen wie Abtreibung, Kindesaussetzung, Keuschheit?
  • Welche Rolle hatten christliche Frauen und Kinder, was waren die Idealvorstellungen für Ehe und Familie?
  • Freie, Sklaven, Arme, Reiche etc. – wie lebten die verschiedenen Gruppen in der Gemeinde zusammen, wie betrachtete man solche Dinge wie weltlichen Reichtum und Status?
  • Die letzten Dinge: Was glaubte man über Himmel, Hölle, Auferstehung des Fleisches, Wiederkunft Christi, Fegefeuer?
  • Wie dachte man über Engel, Dämonen und den Satan?
  • Die Christenverfolgungen: Welche Sicht hatten ihre Verfolger auf die Christen? Was bedeuteten die Verfolgungen für die Christen selbst? Wie gingen die Gemeinden damit um?
  • Wie verehrte man Heilige, insbesondere Märtyrer, Apostel, Propheten und die Jungfrau Maria?
  • Wie sah man heidnische Kulte und abergläubische Praktiken? Wie sah man heidnische Philosophien?

Hauptsächlich habe ich folgende Quellen verwendet: Die digitalisierte Version der „Bibliothek der Kirchenväter“ auf der Seite der Universität Freiburg (hier die alte Version der Seite), die „Siegener antiken Texte zur Umwelt des Neuen Testaments“ auf der Seite der Universität Siegen, das zweibändige Werk „Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung“ von Edgar Hennecke und Wilhelm Schneemelcher, und zur Ergänzung die englische Sammlung unter „Early Christian Writings“. Ich verlinke alle in den kommenden Artikeln aufgeführten Stellen, damit die Leser ihren Kontext nachschauen können (zu manchen Texten, deren deutsche Übersetzung ich aus Schneemelchers Buch habe, gibt es online leider nur eine englische auf Early Christian Writings).

Am Anfang jedes Artikels werde ich auch noch Bibelstellen nennen, die das jeweils behandelte Thema betreffen, damit die Leser sie mit den Schriften der Kirchenväter vergleichen können.

Weil inzwischen schon so enorm viel Material zusammengekommen ist und ich immer noch nicht mit allem fertig bin, habe ich das Ganze allerdings auf verschiedene Phasen aufgeteilt und veröffentliche schon mal einen Teil; in der ersten Phase kommen Artikel dazu, was verschiedene Kirchenväter bis ca. 200 n. Chr. über bestimmte Themen lehrten, in der zweiten Phase dann nochmal dasselbe von 200 bis 300 n. Chr. (bzw. kurz nach 300). In die erste Phase fallen viele kleinere Texte, in die zweite eher Schriften von bekannteren Kirchenvätern, die ziemlich viel produziert haben, von solchen wie Clemens von Alexandria, Tertullian, Origenes, Cyprian von Karthago, Hippolyt von Rom (und von ein paar unbekannteren wie Gregorius Thaumaturgus und Arnobius Major).

(Die Abgrenzung ist nicht ganz strikt; Tertullian hat ein paar seiner Werke schon in den 190ern geschrieben, Clemens von Alexandria auch um, vielleicht schon vor 200. Umgekehrt habe ich auch ein paar um 200 entstandene kleinere Werke noch in die erste Phase aufgenommen (z. B. die Märtyrerakten der hl. Perpetua und Felicitas aus dem Jahr 203).)

Ich bin für die erste Phase folgende Texte folgender Autoren ganz durchgegangen (ganz grob und mit Unsicherheiten im Detail chronologisch geordnet):

Bei ein paar Schriften ist die Datierung ziemlich schwer; man kann eigentlich nur sagen, dass sie ins 2. Jahrhundert fallen müssten. Das sind:

Dazu kommen Zitate aus Eusebius von Cäsareas „Kirchengeschichte“, die aus älteren, nicht mehr erhaltenen Werken stammen (z. B. von Papias oder Gaius von Rom), und seine Berichte über Vorkommnisse bis 200 n. Chr.; grob gesagt aus den ersten fünf der zehn Bücher der „Kirchengeschichte“. Er hat vermutlich teilweise vor, teilweise kurz nach der Konstantinischen Wende (313) geschrieben.

Diese Texte decken eine große Bandbreite von Genres ab: Da hätten wir u. a. Briefe von Bischöfen an Gemeinden und andere Bischöfe (z. B. Ignatiusbriefe, Brief des Polykarp); theologische und philosophische Werke (z. B. bei Irenäus, Athenagoras); Verteidigungsschriften von Christen, die an ein heidnisches Publikum gerichtet waren (die sog. Apologien, z. B. bei Aristides und Justin – griechisch „Apo-Logia“ = Gegenrede, Verteidigung); Berichte von Martyrien, die die Gemeinden hinterher anfertigten (z. B. über Polykarp, Justin, die Scilitanischen Märtyrer); Legenden über die Apostel (z. B. Paulusakten, Petrusakten); apokryphe Berichte über Jesus (z. B. Epistula Apostolorum); Privatoffenbarungen / prophetische Schriften (Hirte des Hermas, Sibyllinen), eine Grabinschrift eines Bischofs (Aberkios), usw.

Außerdem habe ich einzelne Stellen folgender nichtchristlicher Autoren herangezogen, ohne ihre vollständigen Werke gelesen zu haben:

Werke, die ich nicht mehr angeschaut habe, wären z. B. die Andreasakten, die Himmelfahrt des Jesaja oder das Kindheitsevangelium des Thomas. Irgendwann muss auch mal gut sein, und die wichtigsten Schriften aus dem späten 1. und dem 2. Jahrhundert sollte ich abgedeckt haben.

Für die Quellenangaben benutze ich die ausgeschriebenen deutschen Werktitel, nicht die lateinischen Abkürzungen, die in der wissenschaftlichen Literatur üblich sind, damit es für die Leser einfacher ist.

In beiden Phasen kommen auch ein paar archäologische Quellen dran, z. B. das Spottkreuz vom Palatin (2. Jahrhundert) oder Fresken aus der Hauskirche in Dura Europos (3. Jahrhundert).

Wenn ich mit beiden Phasen, die sich mit den Ansichten und dem Leben der rechtgläubigen – ach, sagen wir es doch einfach: der katholischen – Christen befasst haben, durch bin, kommt noch eine dritte Phase zum Verhältnis dieser Christen zu rivalisierenden/gegnerischen Gruppen, insbesondere Abspaltungen von der Kirche (Montanisten, Novatianer, Ebioniten etc.), pseudo-christlichen esoterischen Sekten (Gnostiker) und den damaligen nicht-christlichen Juden. Dazu gehe ich das durch, was Katholiken gegen sie schrieben, und das, was von ihnen selbst erhalten ist; dazu gehören ja z. B. auch eigene „Evangelien“ der Gnostiker aus dem 2. und 3. Jahrhundert. Diese Phase ist vermutlich eher für die historischen Interessierten von Bedeutung und hat wenig praktische Relevanz für heute.

Also: Enjoy! Hier geht es los mit dem ersten Teil und frühchristlichen Glaubensbekenntnissen; und alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

15 Gedanken zu “Die frühen Christen: Eine neue Reihe

  1. Na – das ist ja ein enormes Projekt, das Sie sich da vorgenommen haben. Ich werde es mit Interesse verfolgen, zumal ich in den letzten Jahren einen kleinen Teilbereich davon ebenfalls unter die Lupe genommen habe: Betreffend die Herausdifferenzierung verschiedener Christlicher Richtungen aus ebenso verschiedenen Strömungen des Judentums. Selbst dieses Teilgebiet hat sich als unerschöpflich erwiesen 😉

    Ein Tip noch: Sie erwähnen eher nebenbei in einem kleinen Absatz die archäologischen Zeugnisse aus früher Zeit. So ziemlich alles, was es dazu gibt, ist aufbereitet bei Stefan Heid, Altar und Kirche, erschienen 2019 bei Schnell und Steiner. Lektüre dieses Werkes schützt sowohl vor Irrtümern als auch vor Neuentdeckungen, die keine sind 😉

    Diese Zuschrift ist eher privat gedacht – ich bin nicht beleidigt, wenn sie nicht veröffentlicht wird.

    Gruß

    Michael Charlier

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    1. Da müssen Sie ins Neue Testament schauen, das habe ich mal als bekannt vorausgesetzt 😀

      (Die Paulusbriefe zwischen den späten 40ern und den frühen 60ern, die drei synoptischen Evangelien wohl vor dem Jahr 60, die Apostelgeschichte in den frühen 60ern, usw. Die Kreuzigung war ziemlich sicher im Jahr 30.)

      – Viele Grüße, Crescentia.

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      1. Ich hatte irgendwie in Erinnerung, dass ein Fragment des Johannes-Evangeliums um 70 das älteste Dokument ist, das je gefunden wurde, kann sein, dass ich mich da vertue.

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      2. @Andreas:

        Bei Papyrusfragmenten ist die Datierung, wenn es keine interne Kriterien gibt, keine leichte Angelegenheit, weil die Paläographie in der Regel einen Spielraum von einem halben Jahrhundert lassen kann (dafür lege ich die Hand ins Feuer, weil das – zwar nicht bei Papyri, aber bei Inschriften – mein täglich Brot ist). Sie spielen wohl auf das Fragment P52 an, das wohl in die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts gehört. Wenn das zutrifft, wäre das definitiv ein sehr früher materieller Beleg. Aber, wie gesagt, bei geschriebenen Texten müssen eher innere Kriterien herangezogen werden (sprachlicher Stil, historische Bezüge, etc.).

        Die Datierungen, die Crescentia nennt, halte ich für zutreffend. Aber sie werden sich vorstellen können, je ‚liberaler‘ die Exegese, desto spätere Datierungen kommen raus, z.B.: Jesus kann ja nie vor 70 die Zerstörung des Tempels vorausgesagt haben, heißt es dann. Auf solche Ideen kommt nur jemand, der das historische Handwerk nicht gelernt hat, was leider bei so manchem Theologen der Fall ist.

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  2. @Sokleidas: Vielen Dank für die fachkundige Erläuterung. Bin durch „Der Fall Jesus“ auf die Thematik gestossen und finde die historischen Quellen deshalb sehr interessant.

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