Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (1)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

 

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Joh 1, Joh 20,28, Joh 8,58, Joh 10,30, Joh 14,5-21, Joh 16,28, Phil 2,6-11, 1 Kor 15,3-11, Mk 1,1, Mk 2,2-12, Mk 9,2-8, Mk 14,61-64, Mk 15,39, Mt 28,18-20, Mt 7,28f., 1 Joh 1,1-4, 1 Petr 1,3f., 1 Petr 1,18-23.

 

Heute zu einem der offensichtlich wichtigsten Themen: Wie sahen die ersten Christen Jesus. Knapp zusammengefasst: Sie nennen Ihn Gottes Sohn, Gottes Wort bzw. Logos (dieses griechische Wort verwendet Johannes im Prolog zu seinem Evangelium, und es kann gleichzeitig „Wort“, „Ausspruch“ und „Vernunft“ bedeuten); sie nennen ihn auch schlicht Gott. Sie bestehen darauf, dass er wirklich Mensch geworden ist, Fleisch angenommen und am Kreuz für die Erlösung von den Sünden gelitten hat – dass nicht, wie die doketistische Sekte meinte, Er nur eine göttliche Erscheinung und Sein Körper nur eine leidensunfähige Illusion gewesen sei.

Weil hier so viel zusammengekommen ist, habe ich das Ganze auf zwei Teile aufgeteilt; hier der erste.

 

So beschreiben verschiedene frühe Schriften Jesus und Seine Erlösungstat am Kreuz:

 

Clemens von Rom, einer der ersten Päpste, schreibt um 95 n. Chr. in einem Brief an die Korinther:

„Wir wollen hinblicken auf das Blut Christi und erkennen, wie kostbar es auch Gott seinem Vater ist, weil es, wegen unseres Heiles vergossen, der ganzen Welt die Gnade der Reue gebracht hat. Lasset uns alle Geschlechter durchwandeln und erkennen, dass der Herr einem jeden Geschlechte Gelegenheit zur Buße gab, allen, die sich zu ihm bekehren wollten. Noe1 predigte Buße, und die auf ihn hörten, wurden gerettet. Jona2 kündigte den Niniviten ihren Untergang an; sie taten Buße für ihre Sünden, versöhnten durch Gebet ihren Gott und erlangten Rettung, obwohl sie nicht zum Volke Gottes gehörten.“ (1. Clemensbrief 7,4-7)

„Wer Liebe in Christus hat, der halte die Gebote Christi. Wer kann das Band der Liebe Gottes beschreiben? Wer ist imstande, seine erhabene Schönheit zu schildern? Die Höhe, zu der die Liebe emporführt, ist unbeschreiblich. Liebe verbindet uns mit Gott, ‚Liebe deckt eine Menge Sünden zu‘1, Liebe erträgt alles, Liebe ist in allem langmütig; nichts Gemeines gibt es in der Liebe, nichts Hoffärtiges; Liebe kennt keine Spaltung, Liebe lehnt sich nicht auf, Liebe tut alles in Eintracht; in der Liebe haben alle Auserwählten Gottes ihre Vollkommenheit erlangt, ohne Liebe ist Gott nichts wohlgefällig. In Liebe hat der Herr uns angenommen; wegen der Liebe, die er zu uns trug, hat unser Herr Jesus Christus sein Blut hingegeben für uns nach Gottes Willen, sein Fleisch für unser Fleisch, seine Seele für unsere Seelen.“ (1. Clemensbrief 49)

 

Bischof Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. (oder wenig später) auf dem Weg zu seinem Prozess und Martyrium in Rom:

„Einer ist der Arzt, fleischlich sowohl als geistig, geboren und ungeboren, im Fleische wandelnd ein Gott, im Tode wahrhaftiges Leben, sowohl aus Maria als aus Gott, zuerst leidensfähig, dann leidensunfähig, Jesus Christus unser Herr.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 7,2)

„Ich habe aufgenommen in Gott deinen vielgeliebten Namen (= die Gemeinde Ephesus), den ihr erworben habt durch euer gerechtes Wesen gemäß eurem Glauben und eurer Liebe in Christus Jesus, unserem Erlöser; da ihr Nachahmer Gottes seid, habt ihr, im Blute Gottes zu neuem Leben gelangt, das Werk der Bruderliebe vollkommen ausgeübt.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 1,1)

„vielmehr wünsche ich euch gefestigt im Glauben an die Geburt, das Leiden und die Auferstehung, die geschah, als Pontius Pilatus Landpfleger war; wahrhaft und sicher vollbracht von Jesus Christus, unserer Hoffnung, um die keiner von euch gebracht werden möge.“ (Brief des Ignatius an die Magnesier 11)

„Ich preise den Gott Jesus Christus, der euch so weise gemacht hat; ich habe nämlich erkannt, dass ihr vollendet seid in unerschütterlichem Glauben, wie angenagelt mit Leib und Seele an das Kreuz des Herrn Jesus Christus, gefestigt in der Liebe im Blute Christi, vollkommen (im Glauben) an unseren Herrn, den wahrhaftigen Spross aus dem Geschlechte Davids dem Fleische nach1, den Sohn Gottes nach dem Willen und der Macht Gottes, wahrhaft geboren aus der Jungfrau und von Johannes getauft, auf dass jegliche Gerechtigkeit von ihm erfüllt würde2; wahrhaft unter Pontius Pilatus und dem Vierfürsten Herodes für uns im Fleische (ans Kreuz) genagelt, von dessen Frucht wir (stammen) von seinem gottgepriesenen Leiden, auf dass er für ewige Zeiten durch seine Auferstehung sein Banner erhebe3 für seine Heiligen und Getreuen, sei es unter den Juden oder unter den Heiden in dem einen Leibe seiner Kirche.

Dies alles hat er nämlich gelitten unseretwegen, damit wir gerettet werden; und zwar hat er wahrhaft gelitten, wie er sich auch wahrhaft auferweckt hat, nicht wie einige Ungläubige behaupten, er habe nur scheinbar gelitten, da sie selbst nur scheinbar leben; und gemäß ihren Anschauungen wird es ihnen ergehen, wenn sie körperlos und gespensterhaft sind (bei der Auferstehung).

Ich nämlich weiß und vertraue darauf, dass er auch nach der Auferstehung derselbe war im Fleische. Und als er zu Petrus und seinen Genossen kam, sprach er zu ihnen: ‚Fasset (mich) an, betastet mich und sehet, dass ich nicht ein körperloser Geist bin‘1. Und sogleich betasteten sie ihn und glaubten, da sie in Fühlung gekommen waren mit seinem Körper und seinem Geiste. Deshalb verachteten sie auch den Tod und zeigten sich stärker als der Tod. Nach der Auferstehung aß und trank er mit ihnen wie ein leibhaftiger Mensch, obwohl er dem Geiste nach vereinigt war mit dem Vater.“ (Brief des Ignatius an die Smyrnäer 1-3)

Ignatius wendet sich hier, wie gesagt, gegen die Doketisten, die meinten, dass Jesus nicht wirklich Fleisch angenommen und gelitten haben könne, sondern dass sein Leiden nur scheinbar gewesen sei, die also die Inkarnation quasi für unter der Würde Jesu hielten.

 

Bischof Polykarp von Smyrna, ein Schüler des Apostels Johannes, an den Ignatius auch einen seiner Briefe gerichtet hatte, schreibt kurz darauf in einem Brief an die Ortskirche in Philippi:

„Unablässig wollen wir festhalten an unserer Hoffnung und an dem Unterpfand unserer Gerechtigkeit, nämlich an Jesus Christus, der unsere Sünden an seinem eigenen Leibe ans Kreuz getragen, der keine Sünde getan1und in dessen Mund kein Betrug gefunden worden2; sondern unseretwegen hat er alles auf sich genommen, damit wir in ihm das Leben haben. So wollen wir also Nachahmer werden [seiner] Geduld, und wenn wir seines Namens wegen leiden, wollen wir ihn verherrlichen. Hierin hat er nämlich durch sich selbst ein Beispiel gegeben, und wir haben daran geglaubt.“ (Brief Polykarps an die Philipper 8)

 

Als ein nichtchristliches Zeugnis hätten wir das Spottkreuz vom Palatin (Rom), irgendwann aus dem 2. Jahrhundert. Hier hat jemand einen Gekreuzigten mit einem Eselskopf in eine Wand geritzt (es ging das Gerücht um, dass die Christen einen Eselsgott anbeten würden), vor dem ein Mann in Gebetshaltung steht. Dabei steht: „Alexamenos betet [den/seinen] Gott an.“

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c2/Jesus_graffito.jpg

Bei den Heiden war also nicht nur das Gerücht mit dem Eselsgott ein Grund für Spott über die Christen, sondern auch ihr Glaube an einen gekreuzigten Gott.

 

Bei Bischof Irenäus von Lyon, der noch Polykarp gekannt hatte und dessen Werk ca. 180 entstanden ist, finden sich sehr viele schöne und aufschlussreiche Stellen. Er betont sehr, dass Jesus durch die Menschwerdung den Menschen in sich rekapituliert, den Menschen zu Gott herangezogen hat:

„Christus aber, unser Herr, ertrug mutvoll, ein eigentliches Leiden, durch welches er nicht nur nicht in Gefahr geriet, verloren zu gehen, sondern den verlorenen Menschen in seiner Kraft stärkte und zur Unvergänglichkeit wiederherstellte. […] Uns brachte Christus durch sein Leiden die Erlösung, indem er uns die Erkenntnis des Vaters schenkte. […] Unser Herr hat durch sein Leiden den Tod vernichtet, den Irrtum aufgehoben, die Vernichtung unschädlich gemacht und die Unwissenheit vertrieben, er hat das Leben geoffenbart und die Wahrheit gezeigt und Unvergänglichkeit geschenkt.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,20,3)

„Aber darin irren sie von der Wahrheit ab, weil ihre Lehre den allein wahren Gott nicht kennt, weil sie nicht wissen, daß sein eingeborenes Wort, das immer dem menschlichen Geschlechte beisteht, vereint und eingesät in sein Geschöpf, nach dem Willen des Vaters Fleisch geworden ist, Jesus Christus, unser Herr ist, der für uns gelitten hat und unseretwegen auferstanden ist und wieder kommen wird in der Herrlichkeit des Vaters, um alles Fleisch aufzuerwecken und Rettung zu bringen and das Gesetz des gerechten Gerichtes allen zu zeigen, die ihm unterworfen sind. Es ist also ein Gott Vater, wie wir gezeigt haben, und ein Christus Jesus, unser Herr, der durch die ganze Heilsordnung hindurch ging und alles in sich selbst zusammenfaßte. Zu diesem ‚allen‘ gehört aber auch der Mensch, das Geschöpf Gottes; also faßte er auch den Menschen in sich zusammen, indem er, der Unsichtbare, sichtbar wurde, der Unbegreifbare begreifbar, der Leidensunfähige leidensfähig, das Wort Mensch. So faßte er in sich das All zusammen, damit er, wie das Wort in den überhimmlischen und geistigen Dingen Herrscher ist, ebenso in den sichtbaren und körperlichen Dingen herrsche, indem er auf sich die Herrschaft nahm und sich zum Haupte der Kirche einsetzte, und damit er alles an sich ziehe zu der passenden Zeit.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,16,6)

„Wir haben somit klar bewiesen, daß das Wort, welches im Anfang bei Gott war, und durch welches alles gemacht worden ist, und das immer bei dem menschlichen Geschlechte weilte, jetzt in den letzten Zeiten gemäß der vom Vater bestimmten Zeit mit seinem Geschöpfe sich vereinte und zum leidensfähigen. Menschen geworden ist. […] Vielmehr faßte er die lange Entwicklung der Menschen in sich zusammen, indem er durch die Inkarnation Mensch wurde, und gab uns in dieser Zusammenfassung das Heil, damit wir unser Sein nach, dem Bild und Gleichnis Gottes, das wir in Adam verloren hatten, in Christo Jesu wiedererlangen möchten.

Es war nämlich unmöglich, den einmal besiegten und durch seinen Ungehorsam gefallenen Menschen neu zu schaffen und den Siegespreis ihm zu verleihen, aber ebenso unmöglich konnte der in die Sünde gefallene Mensch das Heil erlangen. Deshalb bewirkte beides der Sohn, der das Wort Gottes war, indem er vom Vater herunterstieg, Fleisch annahm und bis zum Tode ging. So erwirkte er uns unsere Erlösung.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,1-2)

„So näherte und vereinte er, wie wir gesagt haben, den Menschen mit Gott. Wenn nämlich der Mensch nicht den Feind des Menschen besiegt hätte, so wäre nicht gerechterweise der Feind besiegt worden. Und wiederum hätte nicht Gott dem Menschen das Heil verliehen, so würden wir dessen nicht gewiß sein. Und wäre der Mensch nicht mit Gott verbunden worden, so hätte er keinen Anteil an der Unvergänglichkeit erlangen können. Es mußte nämlich der Mittler zwischen Gott und den Menschen kraft seines Verhältnisses zu beiden in Freundschaft und Eintracht beide zusammenführen und die Menschen Gott nahe bringen und die Menschen mit Gott bekannt machen.

Aus welchem Grunde könnten wir denn teilhaftig sein der Annahme an Kindesstatt, wenn wir nicht durch den Sohn diese verwandtschaftliche Beziehung zu ihm empfangen hätten; wenn nicht sein Wort, Fleisch geworden, sie uns mitgeteilt hätte? Deshalb machte er auch jede Altersstufe durch, um für alle die Gemeinschaft mit Gott wiederherzustellen. […]

Wer also die Sünde vernichten und den Menschen von seiner Todesschuld erlösen wollte, der mußte das werden, was jener war, nämlich Mensch. Denn der Mensch war von der Sünde in die Knechtschaft geschleppt und wurde von dem Tode festgehalten. Daher mußte die Sünde von einem Menschen überwunden werden, damit der Mensch des Todes ledig würde. Wie nämlich durch den Ungehorsam des einen Menschen, der zuerst von der jungen Erde gebildet war, die vielen Sünder wurden und das Leben verloren, so mußten auch durch den Gehorsam eines Menschen, der zuerst von einer Jungfrau geboren wurde, viele gerechtfertigt werden und ihr Heil erlangen.

So wurde also das Wort Gottes Mensch, wie auch Moses sagt: ‚Gott, wahrhaft sind seine Werke‘3 . Wäre er aber nicht Fleisch geworden, sondern nur als solches erschienen, so wäre sein Werk nicht wahr gewesen. Was er schien, das war er also auch: Gott faßte in sich das alte Menschengebilde zusammen, um die Sünde zu vernichten, den Tod niederzuwerfen und den Menschen lebendig zu machen. Deswegen sind auch ‚wahrhaft seine Werke‘.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,7)

„Von dem Abfall erlöste er uns rechtlich durch sein Blut; uns aber, den Erlösten, ward seine Güte zuteil, Denn wir gaben ihm nichts zuvor, noch begehrte er etwas von uns, als ob er es gebrauchte. Wir aber bedürfen der Gemeinschaft mit ihm und deswegen gab er sich gütig hin, um uns in den Schoß seines Vaters zu sammeln.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,2,1)

Er betont sehr die Realität der Fleischwerdung:

„Wenn aber nach einer andern Ordnung der Herr Fleisch geworden ist und er aus einer anderen Wesenheit Fleisch annahm, dann hat er den eigentlichen Menschen in sich nicht rekapituliert; ja, er kann nicht einmal Fleisch genannt werden. Denn Fleisch ist in Wahrheit nur das, was von der ersten Schöpfung aus Erde abstammt. Hätte er aus einer anderen Substanz den Stoff haben sollen, dann hätte der Vater von Anfang an dies Gebilde aus einer anderen Substanz müssen entstehen lassen. Nun aber ist das, was der gefallene Mensch war, das heilbringende Wort geworden, indem es durch sich selbst die Verbindung und Aufsuchung des Heiles herstellte. Der gefallene Mensch aber hatte Fleisch und Blut, denn aus dem Schlamm der Erde bildete Gott den Menschen, um dessentwillen der Herr auf die Erde überhaupt kommen mußte. Also hatte auch er Fleisch und Blut; indem er kein anderes als das ursprüngliche Geschöpf des Vaters rekapitulierte, suchte er das, was verloren war. Deswegen sagt auch der Apostel im Briefe an die Kolosser: ‚Da ihr einstmals entfremdet waret und feind seinem Ratschlusse in bösen Werken, seid ihr jetzt wiederversöhnt in dem Leibe seines Fleisches durch seinen Tod, um euch heilig und keusch und ohne Tadel in seinem Angesichte darzustellen‘1 . In dem Fleische seines Leibes wiederversöhnt, heißt es, weil das gerechte Fleisch jenes Fleisch versöhnte, das in der Sünde niedergehalten wurde, und es in die Freundschaft mit Gott brachte.

Wenn nun jemand sagen wollte, daß das Fleisch des Herrn insofern von unserm Fleische verschieden war, als jenes nicht sündigte, noch irgend ein Arg in seiner Seele gefunden wurde, wir aber Sünder sind, so hat er recht gesprochen. Wollte er dem Herrn aber eine andere Substanz des Fleisches andichten, so würde das Wort von der Versöhnung nicht mehr bestehen. Denn wiederversöhnt war das, was einmal in Feindschaft war. Nahm aber der Herr sein Fleisch aus einer andern Substanz, dann ist das nicht mehr mit Gott versöhnt worden, was ihm durch den Ungehorsam feind geworden war. Weil nun aber zwischen ihm und uns eine Gemeinschaft besteht, versöhnte der Herr den Menschen mit Gott, indem er uns durch den Leib seines Fleisches versöhnte und durch sein Blut uns erlöste. So sagt der Apostel den Ephesern: ‚In ihm haben wir gehabt Erlösung durch sein Blut, Vergebung der Sünden‘1 . Und wiederum ebendenselben: ‚Die ihr einstmals ferne waret, seid nahe geworden in dem Blute Christi‘2 . Und wiederum: ‚Die Feindschaft hob er auf in seinem Fleische, das Gesetz der Gebote durch seine Lehren‘3 . Und so bezeugt der Apostel in seinem ganzen Briefe deutlich, daß wir durch das Fleisch unseres Herrn und durch sein Blut erlöst worden sind.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,14,2-3)

„Und deswegen brachte der Herr uns in den letzten Zeiten durch seine Menschwerdung in die Freundschaft mit ihm zurück, indem er ‚der Mittler zwischen Gott und den Menschen wurde‘1 . Für uns versöhnte er seinen Vater, gegen den wir gesündigt hatten, und machte unsern Ungehorsam durch seinen Gehorsam wieder gut; uns aber verlieh er, mit unserm Schöpfer zu verkehren und ihm zu gehorchen. Deshalb lehrte er uns in seinem Gebete zu sprechen: ‚Und erlaß uns unsere Schulden!‘2 Ist es doch unser Vater, dessen Schuldner wir geworden waren, indem wir sein Gebot übertraten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,17,1)

„Indem er ihm also die Sünden erließ, heilte er den Menschen und zeigte offenkundig, wer er war. Wenn nämlich nur Gott die Sünden vergeben kann und demnach der Herr sie vergab, wie er die Menschen heilte, dann ist es offenbar, daß er selbst das Wort Gottes war, das zum Menschensohne geworden war und von dem Vater die Macht der Sündenvergebung empfangen hatte, daß er Gott und Mensch war, damit er als Mensch mit uns Mitleid hätte und als Gott sich unser erbarme und uns die Schulden vergebe, welche wir Gott, unserm Schöpfer, schulden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,17,3)

Er schreibt über das Lebensalter Jesu:

„Mit dreißig Jahren wurde er getauft, dann kam er in dem für einen Lehrer richtigen Alter nach Jerusalem, so daß er mit Recht von allen Lehrer sich nennen hörte. Denn nicht schien er ein anderer zu sein, als er war, wie es die möchten, die ihn als eine bloße Erscheinung auffassen, sondern was er war, das schien er auch. Da er also als Lehrer auftrat, hatte er auch das Alter des Lehrers, indem er die menschliche Natur weder verschmähte, noch überholte, noch in sich das Gesetz des menschlichen Geschlechtes aufhob, sondern jedes Alter durch die Ähnlichkeit mit ihm heiligte.

Ist er doch gekommen, um alle zu retten, alle, die durch ihn für Gott wiedergeboren werden, die Säuglinge und die Kleinen, die Kinder, die Jünglinge und die Greise. So durchlebte er jedes Lebensalter, wurde den Säuglingen zuliebe ein Säugling und heiligte die Säuglinge; wurde den Kindern zuliebe ein Kind und heiligte die, welche in diesem Alter stehen, indem er Ihnen das Vorbild der Frömmigkeit, der Gerechtigkeit und des Gehorsames gab; wurde den Jünglingen zuliebe ein Jüngling, wurde ihnen ein Vorbild und heiligte sie für den Herrn. So wurde er auch den Männern zuliebe ein Mann, um allen ein vollkommener Lehrer zu sein, nicht nur, indem er die Wahrheit vortrug, sondern auch dem Alter nach, indem er auch die Männer heiligte, indem er ihnen zum Vorbild wurde. Und schließlich schritt er auch zum Tode, damit er, der Erstgeborene aus den Toten, auch selbst in allem den Vorrang behaupte1 . Er, der Fürst des Lebens und der erste von allen, wollte auch allen voranleuchten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,22,4)

Über die Weisen aus dem Morgenland sagt er:

„Matthäus aber läßt die Magier, die aus dem Osten kamen, sprechen: ‚Wir haben seinen Stern im Morgenlande gesehen und sind gekommen, ihn anzubeten‘7 . Und von dem Stern in das Haus Jakobs zum Emmanuel geführt, haben sie durch die Darbringung ihrer Geschenke angezeigt, wer der war, den sie anbeteten: durch die Myrrhe, daß er es war, der für das sterbliche Geschlecht der Menschen sterben und begraben werden wollte; durch das Gold, daß er der König war, ‚dessen Reich kein Ende hat‘8 ; durch den Weihrauch, daß er ‚der in Judäa bekannt gewordene Gott‘9 ist, der sich denen offenbarte, die ihn suchten.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,9,2)

Sein Hauptwerk „Gegen die Häresien“ beendet Irenäus hiermit:

„Denn es ist ein Sohn, der den Willen des Vaters vollendete, und ein Menschengeschlecht, in welchem die Geheimnisse Gottes sich vollziehen, ‚den die Engel zu schauen begehren‘4 , und nicht vermögen sie die Weisheit Gottes ergründen, durch welche sein Geschöpf zur vollkommensten Einverleibung in seinen Sohn gelangt, so daß sein Sohn, das eingeborene Wort, hinabsteigt in das Geschöpf, d. h. in sein Gebilde, und von ihm aufgenommen wird. Und das Geschöpf hinwiederum nimmt auf das Wort und steigt zu Ihm empor, indem es über die Engel sich erhebt, und so wird es nach dem Bild und Gleichnis Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,36,3)

 

In seinem kleineren Werk „Erweis der apostolischen Verkündigung“ schreibt er:

„Und er erschien als Mensch in der Fülle der Zeit und faßte als Wort Gottes alles, Himmel und Erde, in sich zusammen. Er vereinigte den Menschen mit Gott und stellte zwischen Gott und dem Menschen die Gemeinschaft und Eintracht wieder her, während wir nicht imstande gewesen wären, in anderer Weise an der Unvergänglichkeit1 gesetzmäßigen Anteil zu gewinnen, wenn er nicht zu uns gekommen wäre. Denn würde die Unvergänglichkeit unsichtbar und unerkannt geblieben sein, so hätte sie uns kein Heil gebracht. So wurde sie sichtbar, damit wir in jeder Hinsicht Anteil an dem Geschenk der Unvergänglichkeit gewinnen. Der Ungehorsam des Stammvaters Adam hatte uns alle in die Bande des Todes verstrickt. Deshalb war es notwendig und recht, daß die Fesseln des Todes gebrochen wurden durch den Gehorsam dessen, der für uns Mensch ward. Weil der Tod über den Leib herrschte, so war es notwendig und recht, daß er durch den Leib unterworfen werde und so den Menschen aus seiner Sklaverei freigeben mußte. Das Wort wurde Fleisch, damit der Leib, wodurch die Sünde zur Herrschaft gelangt war, Besitz genommen und gewaltet hatte, durch ebendasselbe bezwungen, auch in uns ein anderer sei2 . Und deshalb nahm unser Herr denselben Leib, wie er in Adam war, an, damit er für die Väter kämpfe und durch Adam den besiege, der durch Adam uns getroffen hatte3 .“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 31)

„Die Übertretung, welche vermittelst des Baumes geschehen war, wurde auch getilgt durch den Baum des Gehorsams, an welchem in Unterwürfigkeit gegen Gott der Sohn des Menschen gekreuzigt wurde; da überwand er die Erkenntnis des Bösen und schaffte der Erkenntnis des Guten wieder Einlaß und befestigte sie. Böse ist es, Gott ungehorsam zu sein, wie es gut ist, Gott zu gehorchen. […] Durch den Gehorsam bis in den Tod am Kreuze tilgte er den alten, am Holz begangenen Ungehorsam. Er ist selbst das Wort des allmächtigen Gottes, welches in unsichtbarer Gegenwart uns alle zumal durchdringt, und deshalb umfaßt er alle Welt, ihre Breite und Länge, ihre Höhe und Tiefe; denn durch das Wort Gottes werden alle Dinge der Ordnung gemäß geleitet; und Gottes Sohn ist in ihnen gekreuzigt, indem er in der Form des Kreuzes allem aufgeprägt ist; war es doch recht und angemessen, daß er mit seinem eigenen Sichtbarwerden an allem Sichtbaren seine Kreuzesgemeinschaft mit allem auspräge; denn seine Wirkung sollte es an den sichtbaren Dingen und in sichtbarer Gestalt zeigen, daß er derjenige ist, welcher die Höhen, d. h. den Himmel, erhellt und hinabreicht in die Tiefen, an die Grundfesten der Erde, der die Flächen ausbreitet von Morgen bis Abend und von Norden und Süden die Weiten leitet und alles Zerstreute von überallher zusammenruft zur Erkenntnis des Vaters.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 34)

„Auf diese Weise hat er also unsere Erlösung als herrlicher Sieger vollendet, hat die Verheißungen an die Vorväter erfüllt und die alte Auflehnung getilgt und ausgeschaltet. Der Sohn Gottes wurde zum Sohne Davids, zum Sohne Abrahams; diese vollendend und in sich erneuernd und zusammenfassend, um uns in den Besitz des Lebens zu setzen, ist das Wort Gottes geheimnisvoll in der Jungfrau Fleisch geworden, den Tod zu vernichten und den Menschen mit dem Leben zu begaben. Wir lagen ja in den Banden der Sünde, die wir in Sünden geboren sind und unter der Herrschaft des Todes leben.

Gott der Vater war also voll Erbarmen. Er sandte das wunderwirkende Wort. Es kam uns zu erretten und hielt sich dazu an denselben Orten und Gegenden unter uns auf, wo wir das Leben bei unserm Verweilen verloren haben, und zerbrach die Bande der Gefangenschaft. Sein Licht leuchtete auf und zerstreute die Finsternis des Kerkers, heiligte unsere Geburt und besiegte den Tod, indem er die Fesseln löste, mit denen wir in Knechtschaft gehalten waren. Selbst zum Erstgeborenen der Toten geworden, zeigte er die Auferstehung und weckte in sich selbst den gefallenen Menschen zur Auferstehung, indem er ihn nach oben, zuhöchst in den Himmel zur Rechten des Vaters emporführte. So hatte es Gott durch den Propheten verheißen, als er sprach: ‚Ich werde wieder aufrichten das zerfallene Zelt Davids‘1 , d. h. den Leib, der von David stammt. Das hat in Wahrheit unser Herr Jesus Christus vollbracht, da er unsere Erlösung siegreich erkämpfte, um uns wahrhaft aufzuerwecken vom Tode zum Leben für den Vater. […]

Denn der erstgeborene Urausgang aus dem Gedanken des Vaters, das Wort, vollendete alles, die Welt regierend und sie ordnend. Er war der Erstgeborene der Jungfrau, gerecht, heilig als Mensch, gottergeben, gut, gottgefällig, in allem vollkommen, die Rettung aller vor der Hölle, welche ihm nachfolgten. Er war der Erstgeborene von den Toten and der Uraufgang des Lebens in Gott.

So also ist bei der abermaligen Berufung des Menschen durch Gott das Wort Gottes Führer für alle zur einträchtigen Gemeinschaft, weil es wahrhaft Mensch, wunderbarer Ratgeber und mächtiger Gott1 ist. So sollen wir durch diese Gemeinschaft teilnehmen an der Unvergänglichkeit. Er nun, der im Gesetz des Moses verkündigt worden und von den Propheten des höchsten und allmächtigen Gottes und des Sohnes des Vaters aller, er, von dem alles ist, der mit Moses geredet hat, er trat auf in Judäa, von Gott entsproßt durch den Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria, welche aus dem Geschlechte Davids und Abrahams war, Jesus, der Gesalbte Gottes, mit dem Beweis, daß er der zuvor von den Propheten Verkündigte ist.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 37-40)

 

Justin der Märtyrer, ein Philosoph, der vom Platonismus zum Christentum konvertiert war, und in Rom im Jahr 165 hingerichtet wurde, schreibt in seiner Verteidigung („Apologia“) des Christentums (um 150):

„Wohl aber ist der in unserer Zeit gekreuzigte und gestorbene Jesus Christus wieder auferstanden, zum Himmel aufgefahren und König geworden, und über das, was in seinem Namen von den Aposteln unter allen Völkern gepredigt wurde, herrscht Freude bei denen, die der von ihm angekündigten Unvergänglichkeit entgegensehen.“ (Justin, 1. Apologie 42)

Er bezeichnet Jesus wie im Johannesprolog als den „Logos“ (das Wort, die Vernunft, der Ausspruch Gottes). Den Heiligen Geist bezeichnet er als den „prophetischen Geist“, und er sagt hier, dass die Christen Jesus sozusagen an zweiter Stelle und den heiligen Geist an dritter Stelle ehren. (Zur Dreifaltigkeitslehre, die damals ja noch nicht ganz ausformuliert war, in einem der nächsten Teile genauer.)

„Daß ihr aber mit euren Opfern kein Glück haben werdet, bezeugt der Logos, der königlichste und gerechteste Herrscher, den wir nächst Gott, seinem Erzeuger, kennen. […] Daß das alles so geschehen werde, hat, sage ich, unser Lehrer Jesus Christus, der Sohn und Gesandte Gottes, des Vaters und Herrn des Weltalls, vorhergesagt, nach dem wir den Namen Christen erhalten haben. Dadurch werden wir auch voll Zuversicht in Bezug auf alles, was er uns gelehrt hat, weil es sich herausstellt, daß tatsächlich alles eintrifft, was er als zukünftig vorausgesagt hat; denn das ist Gottes Werk, vor dem Geschehen vorherzusagen und dann es so geschehen zu lassen, wie es vorhergesagt worden ist3. […]

Daß wir nun nicht gottlos sind, da wir doch den Schöpfer dieses Alls verehren und, wie wir gelehrt worden sind, behaupten, daß er keiner Schlacht-, Trank- und Räucheropfer bedarf, und die wir ihn bei allem, was wir zu uns nehmen, durch Gebet und Danksagungswort, soviel wir können, lobpreisen, indem wir als die seiner allein würdige Ehrung nicht die kennen lernten, das von ihm zur Nahrung Geschaffene durch Feuer zu verzehren, sondern die, es uns und den Bedürftigen zugute kommen zu lassen, ihm aber zum Danke in Worten Huldigungen und Gesänge emporzusenden1 für unsere Erschaffung und für alle Mittel zu unserem Wohlsein, für die Mannigfaltigkeit der Arten und für den Wechsel der Jahreszeiten, und die wir Bitten empor senden, daß wir wieder in Unvergänglichkeit erstehen durch den Glauben an ihn – welcher Vernünftige wird das nicht einräumen? Und daß wir außerdem den, der unser Lehrer hierin gewesen und dazu geboren worden ist, Jesus Christus, der gekreuzigt wurde unter Pontius Pilatus, dem Landpfleger von Judäa zur Zeit des Kaisers Tiberius, den wir als den Sohn des wahrhaftigen Gottes erkannt haben, an die zweite Stelle setzen und daß wir den prophetischen Geist an dritter Stelle mit Fug und Recht ehren, das werden wir zeigen. Denn darin beschuldigt man uns der Torheit, indem man sagt, daß wir die zweite Stelle2 nach dem unwandelbaren und ewigen Gott, dem Weltschöpfer, einem gekreuzigten Menschen zuweisen. Das sagt man, weil man das darin eingeschlossene Geheimnis nicht kennt. Indem wir dieses erklären, bitten wir euch, recht dabei aufzumerken.“ (Justin, 1. Apologie 12-13)

„Unverständige werden, um unsere Lehren zurückweisen zu können, vielleicht einwenden: Da nach unserer Behauptung erst vor 150 Jahren Christus unter Quirinius1 geboren worden ist und da er das, was wir als seine Lehre ausgeben, noch später unter Pontius Pilatus gelehrt hat, so seien alle Menschen, die vorher lebten, der Verantwortung enthoben. Darum wollen wir im voraus diese Bedenken lösen. Daß Christus als der Logos, an dem das ganze Menschengeschlecht Anteil erhalten hat, Gottes Erstgeborener ist, das ist eine Lehre, die wir überkommen und euch schon vorher dargelegt haben. Die, welche mit Vernunft2 [griechisch „Logos“] lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit3 und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher4 ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann. Aus welchem Grunde er nun durch die Kraft des Logos nach dem Ratschlusse Gottes, des Allvaters und Herrn, durch eine Jungfrau als Mensch geboren und Jesus genannt wurde, dann gekreuzigt und gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist, das wird aus unseren früheren weitläufigen Darlegungen der Verständige sich erklären können.“ (Justin, 1. Apologie 46)

„Daß er aber auch, für uns Mensch geworden, Schmerzen und Schande ertragen wollte und wieder in Herrlichkeit erscheinen wird, darüber hört folgende Weissagungen: […] Nach seiner Kreuzigung fielen nämlich auch alle seine Vertrauten von ihm ab und verleugneten ihn3; später aber nach seiner Auferstehung, als er ihnen erschienen war und er sie in das Verständnis der Prophezeiungen, in denen das alles als zukünftig vorhergesagt war, eingeführt hatte, und als sie ihn in den Himmel hatten auffahren sehen, Glauben gewonnen, die ihnen dorther von ihm gesandte Kraft empfangen hatten und zu allen Nationen der Menschheit ausgezogen waren, da haben sie das gelehrt und sind Apostel genannt worden.“ (Justin, 1. Apologie 50)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon schreibt Justin:

„so sind auch wir durch die gar schweren Sünden, welche wir begangen haben, untergesunken, wurden aber von unserem Christus durch seinen Kreuzestod und durch die Reinigung mit Wasser erlöst und zu einem Hause des Gebetes und der Andacht gemacht23.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 86,6)

„Er ist ewig, wenn er auch kam, um durch die Jungfrau Maria geboren zu werden und Mensch zu sein; bei der Erneuerung von Himmel und Erde nämlich fängt der Vater bei ihm an7, und durch ihn will er die Neuschaffung bewerkstelligen. Er ist es, der in Jerusalem als ewiges Licht leuchten wird8. Er ist der König von Salem und der ewige Priester des Höchsten nach der Ordnung des Melchisedech9.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 113,4f.)

 

Bei sehr vielen Kirchenvätern findet sich die Ansicht, dass es Gott der Sohn ist, nicht Gott der Vater, der sich den Patriarchen offenbart hat; hier nur ein Beispiel bei Irenäus:

„Und wie der Sohn Gottes mit Abraham in eine Unterredung eintrat, sagt Moses wiederum: ‚Und es erschien ihm Gott bei der Terebinthe Mamres am Mittag; als er die Augen erhob und sah, siehe, da traten drei Männer vor ihn, und er neigte sich zur Erde und sprach: Herr, habe ich wirklich Gnade gefunden vor Dir‘1 . Und alles Weitere sprach er mit dem Herrn und der Herr mit ihm. Zwei von den dreien nun waren Engel, der eine aber war der Sohn Gottes, mit dem eben Abraham sprach und bei dem er Fürsprache einlegte für die Bewohner von Sodoma, daß sie nicht zugrunde gingen, wenn nur zehn Gerechte wenigstens sich fänden. Während diese miteinander redeten, gingen die Engel nach Sodoma, und Loth nahm sie auf. Hierauf sagt die Schrift: ‚Der Herr ließ über Sodoma und Gomorrha Schwefel und Feuer regnen vom Herrn vom Himmel‘2 . Gemeint ist der Sohn, der mit Abraham redete. Als Herr empfing er die Gewalt zur Bestrafung der Sodomiter vom Herrn vom Himmel, von dem Vater, der über alles herrscht. Hiermit ward Abraham ein Prophet und sah das Zukünftige, welches geschehen sollte, in menschlicher Gestalt den Sohn Gottes, denn dieser sollte mit den Menschen reden, mit ihnen Nahrung genießen und hernach von dem Vater aus, der über alle herrscht, das Gericht über sie abhalten, wie er von ihm die Gewalt zur Bestrafung der Sodomiter erhalten hatte. […]

Und alle diese Gesichte deuten an, wie der Sohn Gottes mit den Menschen spricht und unter ihnen weilt. Denn nicht hat ehedem der Vater von allem, der von dieser Welt nicht gesehen wird, und der Schöpfer von allem, der da spricht: ‚Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße, wie wollt ihr mir ein Haus bauen, oder wo wäre der Ort meiner Ruhe‘2 , er, ‚der die Erde faßt mit seiner Faust und den Himmel ausspannt mit seiner Hand‘3 — nicht er hat, in kleinem Raum vorübergehend weilend, mit Abraham gesprochen, sondern das Wort Gottes, das immer mit der Menschheit war und das Zukünftige, welches kommen sollte, zum voraus enthüllte und die Menschen über Gott belehrte.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 44-45)

 

Von den frühen Christen wurde sehr viel Wert auf die Prophezeiungen über Jesus im Alten Testament gelegt. Justin der Märtyrer verteidigt Jesus gegen den heidnischen Vorwurf, er könne auch nur ein Zauberkünstler gewesen sein, folgendermaßen:

„Damit aber niemand uns entgegenhalte: ‚Was steht im Wege, daß nicht auch der, den wir Christus nennen, als Mensch von Menschen geboren, durch Zauberkunst die Wundertaten vollbracht hat, die wir ihm zuschreiben, und daß man deswegen geglaubt hat, er sei Gottes Sohn?‘ so wollen wir nunmehr den Beweis führen, wobei wir uns nicht auf die stützen, die es behaupten1, sondern auf die, welche von ihm vorhergesagt haben, ehe er geboren wurde, denen wir notwendigerweise glauben müssen, weil wir mit Augen die Prophezeiungen erfüllt oder sich erfüllen sehen2, eine Beweisführung, die, wie wir glauben, auch euch als die sicherste und richtigste erscheinen wird.“ (Justin, 1. Apologie 30)

Über die Jungfrauengeburt schreibt er:

„Und nun hört, wie Wort für Wort seine Geburt aus einer Jungfrau durch Isaias geweissagt worden ist. Es heißt nämlich: ‚Siehe, die Jungfrau wird im Schoße tragen und einen Sohn gebären, und man wird seinen Namen nennen: Gott mit uns‘1. Was nämlich unglaublich war und bei den Menschen für unmöglich gehalten wurde, das hat Gott durch den prophetischen Geist als zukünftig eintretend vorhergesagt, damit es, wenn es geschähe, nicht angezweifelt, sondern geglaubt werde, eben weil es vorhergesagt war2.

Damit aber niemand aus Mißverständnis der genannten Weissagung uns vorwerfe, was wir den Dichtern vorwerfen, wenn sie erzählen, Zeus sei aus Liebeslust zu Weibern gekommen, so wollen wir die Worte zu erklären versuchen. Das ‚Siehe die Jungfrau wird im Schosse tragen‘ bedeutet, daß die Jungfrau ohne Beiwohnung empfangen werde; denn hatte irgendeiner ihr beigewohnt, dann war sie keine Jungfrau mehr; vielmehr kam die Kraft Gottes über die Jungfrau, beschattete sie und bewirkte, daß sie, obgleich sie Jungfrau war, schwanger wurde. Und der damals zu eben dieser Jungfrau gesandte Engel Gottes brachte ihr diese frohe Botschaft, indem er sprach: ‚Siehe, du wirst im Schoße vom Heiligen Geiste empfangen und einen Sohn gebären und er wird Sohn des Allerhöchsten genannt werden3, und du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden‘4, wie die berichtet haben, welche alles auf unsern Erlöser Jesus Christus Bezügliche aufgezeichnet haben. Diesen haben wir Glauben geschenkt, weil auch der prophetische Geist durch den obengenannten Isaias verkündet hatte, daß er so werde geboren werden, wie wir oben angegeben haben. Daß man nun unter dem Geiste und der Kraft Gottes nichts anderes verstehen darf als den Logos, der Gottes Eingeborener ist, hat der vorhin genannte Prophet Moses angedeutet5. Und als dieser Geist auf die Jungfrau kam und sie überschattete, hat er nicht durch Beiwohnung, sondern durch seine Kraft bewirkt, daß sie schwanger wurde. Jesus aber, ein hebräischer Name, bedeutet im Griechischen Erlöser; darum sprach auch der Engel zur Jungfrau: ‚Du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden‘6.“ (Justin, 1. Apologie 33)

Über das Leiden Jesu sagt er in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon:

„Die Worte: ‚Wie Wasser ist hingegossen und zerdehnt ist all mein Gebein. Geworden ist mein Herz wie Wachs, zerfließend im Innern meines Leibes‘ waren eine Prophezeiung auf das, was Jesus in jener Nacht erfahren mußte, als man gegen ihn auf den Ölberg ausrückte, um ihn gefangenzunehmen. Denn in den Denkwürdigkeiten, deren Verfasser nach meiner Behauptung die Apostel Jesu und deren Nachfolger waren, steht geschrieben, daß Schweiß wie Blutstropfen zur Erde rann19, da er betete und sprach20 : ‚Wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch vorüber‘ und da sein Herz und ebenso seine Gebeine offenbar bebten und sein Herz wie Wachs in seinem Innern zerfloß, auf daß wir erkennen, daß nach dem Willen des Vaters sein Sohn unsertwegen in der Tat21 solches erduldet hat, und wir nicht behaupten, er habe als Sohn Gottes kein Empfinden gehabt für das, was ihm geschah und begegnete.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 103,7f.)

Über die Werke Jesu sagt er:

„In der Wüste, in welcher es keine Gotteserkenntnis gab, im Lande der Heiden, quoll als Quelle lebendigen Wassers12 von Gott her unser Christus hervor, welcher auch in eurem Volke erschienen ist und die, welche von Geburt aus und dem Fleische nach blind, taub und lahm waren, heilte, indem er dem einen durch sein Wort die Möglichkeit zu springen gab, dem anderen durch dasselbe das Gehör, wieder einem anderen das Augenlicht verlieh. Aber auch Tote erweckte er zum Leben. Durch seine Werke führte er die Menschen seiner Zeit zu seiner Erkenntnis. Sie aber nahmen, obwohl sie diese Wunder sahen, in ihnen Trugbilder und Zauberei an; wagten sie es ja auch, Christus einen Zauberer13 und Volksverführer14 zu nennen. Er aber wirkte eben diese Wunder, um die, welche später an ihn glauben sollten, zu überzeugen, daß er dem, der von körperlichen Leiden heimgesucht ist, wenn er nur seine überlieferten Lehren beobachtet, bei seiner zweiten Ankunft Unsterblichkeit, Unvergänglichkeit und Leidensunfähigkeit verleihen, ihn zu einem Leben frei vom Gebrechen erwecken werde.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 69,6f.)

3 Gedanken zu “Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 3a: Bedeutung Jesu – Gott, Mensch und Erlöser (1)

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