Christliche Kultur am Sonntag: „Heimkehr – die letzten Tage im Leben der Mönche“ (Gastbeitrag)

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Nicolas Diat: „Heimkehr. Die letzten Tage im Leben der Mönche“

Heute ein Gastbeitrag, ausnahmsweise auf Wunsch der Verfasserin einmal nicht zu einem Roman oder Film, sondern zu einer Art Reportage über ein meistens sehr verdrängtes Thema, das Sterben; und speziell das Sterben im Kloster. Der Autor, Nicolas Diat, wird einigen Lesern wahrscheinlich schon als der Journalist bekannt sein, der die Interviewbücher mit Kardinal Robert Sarah gemacht hat. Ich übergebe das Wort an Angela Römelt, Dipl. Theol.:

 

Nicolas Diat, Heimkehr. Die letzten Tage im Leben der Mönche. Kißlegg 2019.

Der Tod ist ein Meister aus China.

Heimlich, still und leise hat er sich über drei Monate in die Schlagzeilen, den Alltag, die Gedanken und Gefühle der Menschen zurück geschlichen. Von seiner Sommerresidenz auf Netflix aus hat er nahezu im Handstreich zurückerobert, was ihm über fast siebzig Jahre genommen worden war; die Realität der Menschen des Westens.

Der mittelalterliche „Gevatter“ Tod war ein Familienmitglied.Er saß am Tisch, hatte die Hand an der Wiege und konnte jederzeit ungebeten eintreten. Man beschloss den Tag mit der Gebetsbitte, nicht unversehens – und unversehen- im Schlaf zu sterben. Man entwickelte eine Ars Moriendi, eine Kunst des Sterbens aus der täglichen Erfahrung heraus, dass dieses eine Thema das Thema aller war. Sterben würde jeder, und es war nicht egal, wie.

Der neuzeitliche Tod ist jener übel beleumundete Vetter, der vor Jahren nach Papua-Neuguinea ausgewandert ist und von dem niemand mehr gerne spricht. Wenn er im Land ist, trifft er sich mit Verwandten auf neutralem Terrain. Im Krankenhaus oder im Hospiz. Er ist kein Teil unseres Lebens mehr und dabei hat er unsere Handynummern, von jedem.

Die „Corona-Krise“ führt uns vor Augen, was bisher mehr oder weniger ein Spiel war: Sterben tun immer nur andere. Im Film. Im Videospiel. In Kabul.

Die Alten. Die Vorerkrankten. Die anderen.

Unsere neuzeitliche Ars Moriendi erschöpft sich darin, um das Thema einen Kranz aus Zahlen zu bauen, und zwar so, dass wir nicht darin sind. Weil wir weder alt noch vorerkrankt noch in Kabul sind.

Es ist schwierig, von der deutschen katholischen Kirche einen Beitrag zu einer Ars Moriendi Edition 2020 zu erhalten. Am ehesten und verstörendsten gelingt es noch dem umstrittenen Hildesheimer Bischof Wilmer, wenn er sagt „der Allmächtige schlechthin ist derTod“, damit freilich etwas, das allein aus dem Nichtsein heraus definiert wird – Tod ist nicht-Leben, aber aus sich selbst heraus nichts – eine Macht zusprechend, die nur verständlich scheint, wenn Leben lediglich als irdische, organische Existenz verstanden wird.

Nicolas Diat, geb. 1975, ist ein Meister aus Frankreich. Ein Meister der poetischen Prosa, der behutsamen Annäherung an ein Thema, der dialogischen Gestaltung eines Buches. Wikipedia nennt ihn einen „Essayisten“. In seinem Buch „Heimkehr. Die letzten Tage im Leben der Mönche“, erschienen im fe-medien Verlag 2019 (das französische Original unter dem Titel „Un Temps pour Mourir“, 2018) unternimmt er in der Tat einen Versuch. In mehreren unterschiedlichen Klöstern versucht er zu verstehen, wie Mönche sterben. Herausgekommen ist dabei eine Ars Moriendi nicht so sehr für die Gegenwart als mitten ins Gesicht der Gegenwart. In your face, Freund Hein!

Diat hat für sein Buch im Laufe des Jahres 2017 acht verschiedene Klöster besucht. Alles Männerorden. Darunter bekannte Namen wie Solemnes, Citeaux und die Große Kartause und unbekanntere wie die Abtei Lagrasse der Regularkanoniker der Gottesmutter. Er hat sich von Äbten und Patres und Brüdern, die mit der Pflege der Kranken beauftragt waren, erzählen lassen, oft in stundenlangen sehr intensiven Gesprächen. Diese Erzählungen handelten nie vom Tod, immer nur vom Sterbenden. Der Tod, wie gesagt, ist nichts. Nicht mehr lebendig, nicht mehr atmend, nicht mehr unter uns. Der sterbende Mönch ist alles das in höchstem Maße. Diat schildert zu Beginn jedes Kapitels, das jeweils einem Kloster gewidmet ist, seine Ankunft dort, in etwa die Lage, die es umgebende Natur, seine Geschichte, und der Leser schleicht sich sozusagen hinter ihm rasch durch die zufallende Pforte und begegnet im nächsten Augenblick höchst lebendigen Menschen. Diats Buch ist auch und vielleicht sogar noch mehr, ein Buch über das Leben, das Leben im Kloster.

Denn das Sterben der Mönche ist anders als das der „Menschen in der Welt“, und das liegt in erster Linie daran, dass ihr Leben anders ist. Es hat ein anderes Gravitationszentrum.

Der Mönch begegnet, je nach Orden mehr oder weniger intensiv, seinem eigenen Sterben schon sehr bald nach seinem Eintritt. (Vor Jahren nahm ich an einer Führung durch ein Benediktinerkloster teil, und der uns begleitende, junge und rüstige Mönch, betrat mit uns den Friedhof und sagte:“Ich weiß schon ziemlich genau, wo ich mal liegen werde.“) Der Tod ist im Leben der Mönche stets präsent, aber nicht als der „Allmächtige“, von dem Bischof Wilmer spricht, sondern als Durchgang zum Ewigen Leben.

Oh, ja, Mönche fürchten den Tod. Manche sehr, manche wenig, manche wie jeder von uns, aber wer – wie in mindestens einer Besprechung des Buches, die ich gelesen habe betont – Schilderungen erwartet, wie Mönche angesichts des eigenen Sterbens zweifeln und verzweifeln an dem Glauben, dem sie ihr ganzes Leben „geopfert“ haben, wird sanft enttäuscht. Es scheint nicht einmal Diats Absicht gewesen zu sein, den Leser zu enttäuschen. Er beschreibt den Tod eines jungen Mannes an Multipler Sklerose, den erschütternden Fall eines Selbstmords, den völlig unerwarteten Tod eines Novizen, und immer wieder erwecken seine Schilderungen den Eindruck, dass er das Grässliche, Schockierende, allmächtig Zerstörende des Todes selbst hinter dem nächsten Satz erwartete – und es kommt nicht. Die All-Macht des Lebens, des irdischen und des ewigen, ist so übermächtig, dass der Tod geradezu verschwindet. Die Beschreibung des tatsächlichen, realen Leidens, die durchaus ihren Platz hat in diesem Buch, Schmerzen, Behinderungen, Ängste, wird gehalten von zwei Aspekten, die wie Säulen in jedem Kapitel auftauchen: dem Glauben und der Gemeinschaft. Und beides ist viel weniger romantisch als man denken möchte.

Die Gemeinschaft. Keiner der sterbenden Mönche ist alleine. Auch der Selbstmörder, der es im Augenblick seines Todes war, liegt auf dem Friedhof seines Klosters begraben und die Erschütterung, die sein Tod für den ganzen Konvent bedeutet, ist in jeder Zeile spürbar. Jede Geschichte, jedes Schicksal wird in Gesprächen und Begegnungen erzählt mit den Menschen, die daran Teil hatten und noch immer Teil haben. Diat spricht mit Äbten, die ihre Verantwortung für jeden Mitbruder geradezu körperlich zu spüren scheinen, die den Schwerkranken bitten, mit dem Heimgang zu warten, bis sie von einer Reise zurück kommen. Er begegnet Krankenpflegern, die erzählen, wie sie sich selbst verändert haben in der jahrelangen Pflege eines Mitbruders, und immer wieder dem Problem, dass der Schwerstkranke und Sterbende von der modernen Medizin aus der Gemeinschaft hinaus genommen wird. „Sobald wir den Notarzt oder den Krankenwagen rufen, verlieren wir die Kontrolle über den Kranken,“ sagt der Abt der Benediktinerabtei En-Calcat. (S.48) und kritisiert das moderne Gesundheitssystem als unmenschlich. „Wenn wir die Lebenden immer wieder wie Automaten reparieren, werden wir wie Elektroschrott enden.“ (S.61)

In der klösterlichen Gemeinschaft hat der Sterbende seinen Platz. Er ist keine Nummer, er ist ein Bruder.

Die zweite Säule ist die Liturgie. Im weitesten Sinne. Nicht nur schildert Diat Totenmessen von solcher Schönheit, dass man als Leser auf der Stelle sterben möchte, wenn man denn vorher Mönch werden könnte, auch schon vor dem Tod des Mönches wird klar, dass jedes Kloster auf seine Weise zwei Gebäude darstellt: das äußere der mehr oder weniger alten Mauern, und das innere der Regel und der Liturgie, ebenfalls mehr oder weniger alt, aber meistens mehr. Ohne die Regel und die Liturgie gäbe es keine Gemeinschaft, die den sterbenden Mönch trägt, und ohne den einzelnen Mönch, jeden einzelnen, auch den Sterbenden, gäbe es keine Regel und Liturgie mehr. Aus diesem Ineinanderwirken des irdischen, „normalen“ Lebens – die Glocke läutet zur Vesper, klapp das Buch zu, leg den Hammer weg,nimm dein Brevier und geh in die Kapelle – und des ewigen – „ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus“ (Koh 12,5) entsteht beim Lesen des Buches etwas wie ein großer, stiller Klang, ein Herzschlag des Ewigen durch alle Widerlichkeiten des Sterbens hindurch, das sehr, sehr tröstlich wirkt.

Nicolas Diat hat den Versuch einer Ars Moriendi für eine erschütterte Zeit vorgelegt, von der er 2017 kaum ahnen konnte, wie nötig 2020 sie haben würde. Für alle Nichtmönche, die das Buch zur Hand nehmen, bleibt natürlich die frustrierende Frage, was von dieser Art zu leben und zu sterben sich überhaupt übertragen lässt in ein „weltliches Leben“.

Da mögen für verschiedene Leser verschiedene Aspekte wichtig werden, die deutlichste Präsenz dürften aber die oben genannten Säulen des mönchischen Lebens und Sterbens haben: die Gemeinschaft und die Regel und die Liturgie. Die Sterbenden nicht alleine zu lassen, ihnen einen Platz zu geben, den sie als Sterbende einnehmen dürfen, ist eine Herausforderung ganz eigener und unerwarteter Brisanz in Tagen, in denen weder Priester noch Angehörige zu an CoVid-19 Sterbenden gelassen werden. Man kann sich aber fragen, was die Äbte, Krankenpatres und Mitbrüder der Klöster, die Nicolas Diat besucht hat, getan hätten in solch einer Situation. Sie hätten ihre Schmerz über die Trennung nicht geleugnet noch verborgen. Sie hätten den Namen des Sterbenden ausgesprochen und für ihn gebetet. In der Gemeinschaft. Und ihm so einen Platz gegeben. Mindestens das.

Eine Regel und eine Liturgie, das lehrt dieses Buch auf unaufdringliche Weise, sollte jeder Mensch sich zulegen. Es kann die der Kirche sein, es können sehr persönliche Formulierungen und Rituale sein, die sich im Laufe eines Lebens entwickeln. Aber eine Regel und eine Liturgie, möglichst unabhängig von Strom und WLAN, sollte das Leben brauchen, um das kurze Nichts des Todes auf dem Weg zum Ewigen Lebens durchschreiten zu können.

Nicolas Diat hat ein wunderbares, tröstendes und ermutigendes Buch geschrieben, das möglicherweise Sterben hilft, ganz sicher aber leben.

2 Gedanken zu “Christliche Kultur am Sonntag: „Heimkehr – die letzten Tage im Leben der Mönche“ (Gastbeitrag)

  1. Danke für die interessante Buchempfehlung, ich habe es direkt mal bestellt.

    Die Gründe des einzelnen sich mit Religion auseinanderzusetzen mögen vielschichtig sein, einen Trost- und Mutmacher für die eigene Endlichkeit zu haben, scheint mir besonders nachvollziehbar zu sein.

    Nur: Auch christliche Religion scheint hier – selbst bei Menschen die sich ihr vollkommen gewidmet haben und ein Leben des Verzichts übten – gar keine universelle Lösung zu sein. Selbst hier scheint es Furcht und Ungewissheit zu geben.
    Kann darin Wahrhaftigkeit liegen?

    Liken

  2. Da ich mittlerweile das Buch erhalten und bereits gelesen habe, eine kurze Rezension:

    Nicolas Diat berichtet von seinen Besuchen in Klöstern verschiedener französischer Orden und wie ihm dort das Sterben von Menschen begegnet ist.
    Ich gebe gerne zu, dass mich bereits die erste Geschichte über das Martyrium eines jungen Geistlichen, der über längere Zeit ziemlich elendig an MS gestorben ist, eher negativ berührt hat.
    Ganz offensichtlich sind auch Menschen, die ihr Leben dem Gott gewidmet haben nicht von Angst, Schmerz und Leiden, ja auch von wiederkehrenden Zweifeln und auch Verzweiflung befreit.
    Und vielleicht wäre es auch naiv das zu glauben.
    Und so kommen diese, wie auch viele weitere der nachfolgenden Geschichten ziemlich „normal“ daher. Zwischen Klinikaufenthalten und den Krankenbereichen der Klöster, der Tagesarbeit und Besuchen der Angehörigen, geschehen Tod und Sterben, Demenz und schwere Krankheit und – wenn Klöster nicht den Rahmen bilden würden – würde man auch da sagen müssen: „Eigentlich alles ganz normal“.
    Auch wenn Nicolas Diat verschiedene Orden besucht, habe ich keine speziellen Unterschiede im Umgang mit dem Sterben festgestellt, dies gilt wohl am ehesten noch für die Kartäuser, deren besonders strenges Einzelleben als „Gemeinschaft von Eremiten“, den Autor sehr beeindruckt haben.
    Einer von Ihnen, Dom Innocent, fasst seine Einstellung zum Tod so zusammen:
    „Die Christen glauben heute nicht mehr an die Auferstehung des Fleisches. Das Paradies wird auf ein Vakuum herabgestuft, in dem die Seelen herumschwirren. Doch alle Menschen sind nach Gottes Abbild geschaffen. Wir müssen unsere Menschlichkeit nicht ablegen, um mit Gott vereinigt zu werden. Die Ewigkeit wird durchaus menschlicher sein, als wir es uns ausmalen können. Wir sollten eine solche Vorstellung vom ewigen Leben pflegen“.
    Das nehme ich als Mut machende Schlussworte gerne mit.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.