Corona, Messe, Kommunion und Skrupulosität

Da ich mir denke, dass ich vermutlich einige Leser habe, die Probleme mit Skrupulosität haben, wäre es vermutlich hilfreich, zwei Punkte in der jetzigen Situation klarzustellen. Ich kann mir vorstellen, dass einige Leute gerade Gewissensängste haben; auf der einen Seite davor, Gott nicht richtig zu ehren; auf der anderen, für Krankheit oder Tod anderer Menschen verantwortlich zu sein. Daher ganz kurz zu folgenden zwei Punkten:

 

Zum Messbesuch:

  • Die Sonntagspflicht greift bis auf weiteres immer noch überhaupt nicht. Erstens könnten sie wegen der Abstandsregelungen in den Kirchen nicht immer alle Katholiken erfüllen, zweitens werden die meisten Bistümer sowieso davon dispensiert haben (die Sonntagspflicht ist ein kirchliches Gebot, von dem die Kirche beliebig dispensieren kann). Im Endeffekt kann sich also jeder entscheiden, ob er zur Messe geht, nachdem der Staat sie wieder erlaubt hat, oder zu Hause bleibt, erst recht, wenn er vielleicht keine Viren zu Familienmitgliedern mit Vorerkrankungen heimbringen will. Wer will und die Gelegenheit hat, darf natürlich auch auf weniger besuchte Werktagsmessen ausweichen.
  • Andererseits ist denen kein schlechtes Gewissen zu machen, die endlich wieder so oft wie möglich zur Messe gehen wollen. Man sehnt sich nach so langer Zeit doch schon ziemlich danach, aus gutem Grund, und es besteht dabei ein wirklich geringes Risiko. Freilich ist dieses Risiko nicht Null, aber Risiken kann man immer nur minimieren. Auch das Risiko für etwas Schlimmes, wie den Tod von anderen, darf oder muss man oft eingehen, wenn dieses Risiko wirklich gering ist. Man darf oder muss auch mal Auto fahren, obwohl man das Risiko nicht ausschließen kann, dass plötzlich ein Reh über die Straße springen und man geschockt ausweichen und in ein entgegenkommendes Auto fahren wird.

 

Zur Kommunion:

  • Viele haben sich über die Anweisung einiger Bischöfe aufgeregt, dass nur noch die Handkommunion erlaubt sein soll. Nun will ich hier nicht debattieren, ob diese Maßnahme aus hygienischer Sicht überhaupt Sinn macht, mit solchen Debatten lässt sich an der Anweisung nichts ändern. Was ich hier nur sagen will: wenn in der eigenen Pfarrei nur Handkommunion möglich ist, darf man Handkommunion machen. Das ist ein Notfall; der Herr sieht es in diesem Fall nach, dass die übliche Ehrerbietung nicht möglich ist. Auch vor dem Konzil gab es Notfälle, in denen Laien den Leib Christi berühren durften – z. B. um ihn vor Desekration zu schützen, wenn gerade kein Priester da war (etwa, wenn ein Bombenangriff erwartet wurde, und man die Hostien vorsichtshalber konsumierte, falls die Kirche und der Tabernakel getroffen werden würden), oder auch nur aus Schicklichkeitsgründen (der Moraltheologe Heribert Jone schreibt über Fälle, wenn bei der Kommunionspendung die Hostie dem Priester herunterfällt: „Wenn die Hostie auf die Kleidung einer Frau fällt, nimmt diese sie und reicht sie dem Priester“ (Précis de théologie moral catholique, Nr. 518)). Freilich sind manche Praktiken bei der jetzigen Kommunionspendung fragwürdig, insbesondere, wenn der Priester die Hostie mit Gummihandschuhen anfasst, an denen Krümel kleben bleiben könnten. Das ist allerdings erst mal die Verantwortung des Priesters, ob er solche Handschuhe nimmt und ob/wie er sie purifiziert; als Laie darf man einfach vorgehen und die Kommunion so empfangen, wenn der Priester das leider tut.
  • Andererseits sollte auch keinem ein schlechtes Gewissen eingeredet werden, von wegen, er schätze die Eucharistie einfach nicht genug, wenn er nicht zur Handkommunion bereit ist. Die Kommunion ist nicht in jeder Messe Pflicht, und auch vom Gebot der Kommunion in der Osterzeit darf man sich in der jetzigen Pandemie dispensiert sehen; und es ist nichts Böses, den Herrn in einer ehrfurchtsvolleren Weise empfangen zu wollen. Wenn manche Priester (z. B. die, die die Messe im außerordentlichen Ritus feiern, wo es immer nur Mundkommunion gibt) sich in dieser Situation entscheiden, gar keine Kommunionspendung anzubieten, ist das eine legitime Entscheidung.

7 Gedanken zu “Corona, Messe, Kommunion und Skrupulosität

  1. „…auf der anderen, für Krankheit oder Tod anderer Menschen verantwortlich zu sein…“

    Die Übertragung von Viren ist zunächst einmal ein naturwüchsiges, ’schicksalhaftes‘ Geschehen, das sich der Verantwortung eines einzelnen Menschen entzieht. Selbst wenn man annehmen müsste, dass man jemandem das Virus übertragen haben könnte und diese Person stirbt, ist m.E. nicht klar, ob dies in den persönlichen Bereich schuldhafter Zurechnung von Verantwortung fällt, wenn wir nicht davon ausgehen wollen, dass ein Kranker, der davon weiß, sich einen Spaß daraus macht, wissentlich andere zu infizieren.

    Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, klar. Aber die Rhetorik der vergangenen Wochen, „Leben zu schützen“ um jeden Preis, ohne Abwägung von Rechtsgütern, die Verantwortung dem Bürger zuschieben, indem er z.B. Masken nähen soll, weil der Staat erkennbar (materiell) nicht vorbereitet war, das alles ist ein Gift, das die Gesellschaft zersetzt. Dazu kommt die Datenlage, von der m.E. jetzt schon klar ist, dass das Virus ernst zu nehmen ist, aber keinesfalls die Gefahr darstellt, die uns zuerst auf Butterbrot geschmiert worden ist. (Statistisch betrachtet, wohlgemerkt; von den Kollateralschäden, die wg. Lockdown, unterbrochener Lieferketten, Wirtschaftseinbruch und Hunger kommen werden, mag ich gar nicht reden.)

    Seien wir vorsichtig, ja, aber wir sollten uns nicht zu viel persönliche Verantwortung aufbürden.

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    1. Mit dem hl. Paulus könnte man sinngemäß rufen: „Corona! Corona! Aber da ist kein Corona!“
      Das babylonische Sprachengewirr um das sog. Killervirus, wo keiner nichts genaues weiß, lässt nun Dispensionen zu, die eine überwältigende Mehrheit der Katholiken hierzulande schon seid Jahrzehnten praktizieren. Paradox ist, dass jetzt diejenigen nicht mehr sündigen, die sowieso nicht an den Sonntagsmessen teilnehmen, weil sie nun offiziell dispensiert sind. Ob das beim jüngsten Gericht berücksichtigt wird, wage ich leicht zu bezweifeln.
      Folgerichtig (weil wir ja nicht für den Tod anderer Menschen verantwortlich sein wollen), müssen die Gottesdienste nun für den Rest der (Lebens)zeit, auf Abstand gefeiert werden, weil Viren sich auch in den nächsten 20 000 Jahren nicht an Zeitpläne halten werden. Es ist durchaus denkbar, dass man in Zukunft zwangsgeimpft oder zumindest nur noch mit Immunitätsausweis einen Gottesdienst besuchen kann.
      Irgendwie habe ich den Eindruck, dass Gott seine Kirche momentan kräftig renoviert.

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      1. „Irgendwie habe ich den Eindruck, dass Gott seine Kirche momentan kräftig renoviert.“

        Lieber Gerd, Ihr Wort in Gottes Ohr, aber leider habe ich im Moment noch eher den Eindruck, dass in der Corona-Krise feuchte Träume von weit links bis weit rechts, von progressiv bis konservativ wahr werden… :/ An Christi Himmelfahrt hatte ich zum ersten Mal wieder die Möglichkeit, eine Messe zu besuchen. Von Anmeldung und Hygiene-Konzept mag ich gar nicht reden – davon abgesehen war es eine unerträgliche Ego-Show von im Altarraum herumhüpfenden katholischen Berufslaien und einem Priester, der Krokodilstränen vergießt. Und trotzdem war ich nur froh, überhaupt wieder in eine Messe gehen zu können.

        Aber Sie haben natürlich insofern recht, als dass der Berufskatholizismus jetzt mit heruntergelassenen Hosen dasteht.

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      2. Ich finde es schon ein beachtenswertes Zeichen, dass uns in diesen Zeiten die sog. „Gottesdienste“, (von hl. Messe wird ja kaum noch gesprochen) genommen werden. Ich persönlich vermisse keinen Gottesdienst, wo die Geistlichen und aufgehetzte Laien das Heilige mit Füßen treten und/oder verachten. Es herrscht ja nun die Verwirrung nicht erst seid 2 Monaten, sondern mindestens seid 5 Jahrzehnten. Die Reduzierung der Messe auf eine einzige große Ausdrucksform von menschlicher Solidarität, hat nun schon lange im Hause des Vaters gewütet und einen säkularen Kahlschlag verursacht, der in der Geschichte der universalen Kirche wohl kein anderes Beispiel hat.
        Dem Engel der Gemeinde Philadelphia wurde gesagt, dass Gott uns bzw. seinen Bischöfen und Priestern, den Schlüssel Davids überreicht hat, eine Tür die offen steht und niemand zu schliessen vermag. (Offenbarung 3, 7-ff)
        Alles wurde versucht um diesen Schlüssel zu verschlampen und den Eingang zur Türe mit Müll jeglicher Art zu verstellen. Nun beginnt Gott mit der Renovierung dieses Saustalles und er fängt mit Angst und Hysterie an, dazu benutzt er ein winziges Teil seiner Schöpfung. So schreibt Gott auch auf krummen Zeilen gerade.
        Dem hl. Papst Johannes Paul II. wird folgender Spruch zugesagt: „Wer Gott fürchtet, hat keine Angst vor Menschen.“
        Ich möchte hinzufügen, wer Gott fürchtet hat keine Angst vor Viren.

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    2. Letztlich ist *die* Frage doch ganz einfach zu beantworten, auch dank der verdienstvollen Arbeit unserer Gastgeberin hier. *Unter reinen Naturrechtsbedingungen* braucht sich der gesunde Mensch also um eine möglicherweise von ihm ausgehende Ansteckungsgefahr nicht zu kümmern. Denn ob es nun formal unter „lex dubia“ hineinfällt oder nur analog behandelt werden kann: man könnte sich sogar nach dem gemäßigten Tutiorismus richten und dürfte doch noch alles tun, was ein Gesunder darf, denn die Wahrscheinlichkeit, daß der einzelne (!) Gesunde infektiös ist, ist verschwindend gering: das kann man in Zahlen messen. (NB: Das ist ein wissenschaftliches Faktum.)

      Jetzt könnte einer sagen: Nun, das stimmt zwar für sich genommen, aber wenn das alle tun, dann haben wir trotzdem wir hier den verheerenden Seucheneinbruch mit, wie man im März (richtigerweise eher von den schlimmeren Möglichkeiten ausgehend) befürchtete, möglicherweise Millionen, und wie man jetzt mit größerem Kenntnisstand vermuten wird, mehrere zehn-, vielleicht etliche hunderttausend Tote. Eben weil die Wahrscheinlichkeit zwar sehr gering, aber die Grundgesamtheit (an Menschen) umso höher ist, und dann halt doch jeder die Krankheit bekommt.

      So weit, so richtig (nach gegenwärtigem Kenntnisstand). Hier sind aber zweierlei Dinge zu beachten: erstens ist Kant kein Kirchenlehrer, aber setzen wir das mal beiseite und gehen tatsächlich vom Kategorischen Imperativ aus – nur eben: „Handle so, daß du wünschen kannst, daß die Maxime deines Willens ein allgemeines Gesetz würde.“ Kann jemand im Ernst das von der zum Prinzip erhobenen schrankenlosen Risikovermeidung durch alle Einzelindividuen sagen? So ein Leben, das so beschützt werden würde, würde doch keiner haben wollen. Nein. Dasselbe, aber nicht immer, sondern nur während eine Seuche grassiert? Schon eher, aber auch nein, denn das Individualgewissen des Nichtfachmanns kennt weder die entsprechenden Verbreitungszahlen, noch ist irgendwo klar definiert, was denn nun „grassieren“ ist und was nicht mehr. Aber das kommt der Sache schon näher, denn so wird schließlich ein Schuh daraus: *Sehr wohl* kann man wünschen, daß ein allgemeines Gesetz würde, daß Seuchen bekämpft werden und dabei jeder seinen Job erledigt; und wir haben ja schließlich auch eine *Regierung*, und die hat *auch* einen Job zu erledigen.

      „Die Stunde der Exekutive“, hat man gesagt – auch, ja, aber vor allem ist so eine Seuche die Stunde des positiven weltlichen Rechts, das ja schließlich auch seinen Sinn hat und nicht nur den, die Bösen dadurch zu überführen, daß sie das verbieten, was ohnehin verboten ist, und die Guten dadurch zu nerven, daß sie das verbieten, was ohne die Bösen gar nicht verboten werden müßte. Ich darf als Gesunder, wie wir gesehen haben („unter reinen Naturrechtsbedingungen“), auch wenn eine Seuche ausgebrochen ist ein Konzert besuchen; wenn es erforderlich ist, daß ich auch als Gesunder kein Konzert besuche, um eine Seuche zu bekämpfen, dann muß die Obrigkeit das verbieten, und dann muß ihr auch gehorcht werden – nicht weil man sonst gegen das Fünfte, sondern weil man gegen das Vierte verstieße.

      (Ich hatte trotzdem eine riesige Angst vor dem Lockdown – aber (auch) deswegen, weil ich der Regierung zwar nie Böswilligkeit unterstellt habe, aber einen sinnvollen Umgang mit dieser Befugnis nicht so wirklich zugetraut habe. Deswegen hatte ich die auch weniger vor Söder als vor Spahn, obwohl seine Maßnahmen härter waren; eben weil ich ihm das noch *eher* zugetraut habe.

      Nun, es ist schon gut, daß die Regierung sich nicht schlimmer und häufig besser gezeigt hat als befürchtet. Daß es jetzt trotzdem *viel* besser ist als befürchtet, dürfte weitaus mehr aber daran liegen, daß zum einen der Herrgott eingelenkt hat, so daß das Seuchengeschehen den Galopp eingestellt hat und zum Schritt-Tempo übergegangen ist – etwas, das *ohne* Gottes guten Willen von keinerlei Maßnahme hätte herbeigeführt werden können – und zum anderen sich das deutsche Volk [wobei zugegeben werden muß, daß das bisweilen ziemlich ekelerregende Formen annimmt] weitaus freiheitsliebender zeigt als erwartet.)

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      1. Mir wurde gesagt: „Wenn du nicht dies und das befolgst, sterben Menschen und Du bist schuld!“
        Mir wurde gesagt: „Wir werden mindestens 300 000 Tote in der BRD zu beklagen haben!“
        Mir wurde gesagt: „Jeder wird in seinem Bekanntenkreis einen Coronatoten beklagen.“
        Mir wurde gesagt: „Das Gesundheitssystem wird zusammenbrechen!“
        Mir wurde gesagt: „Du darfst deine Eltern nicht mehr besuchen und keine Freunde treffen!“
        Mir wurde gesagt: „Mundschutz helfen nicht bei Viren!“
        Mir wurde gesagt: „Du musst einen Mundschutz tragen!“
        Mir wurde gesagt: „Bleiben Sie zu Hause!“
        Mir wurde gesagt: „Haben Sie Angst!“
        Mir wurde gesagt: „Bleiben Sie gesund!“
        Mir wurde gesagt: „Hinterfragen Sie die Maßnahmen der Regierung nicht!“

        Jetzt gibt es genügend „Überlebende“ die nachfragen und zu erschreckenden Ergebnissen kommen, was die Verhältnissmäßigkeit der staatlichen Regeln angeht. Das sind nun folgerichtig, in den Augen der Lockdown Verteidiger, die Verschwörungstheoretiker und Denunzianten in unserem Volk.

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  2. „… und zum anderen sich das deutsche Volk [wobei zugegeben werden muß, daß das bisweilen ziemlich ekelerregende Formen annimmt] weitaus freiheitsliebender zeigt als erwartet …“

    Auch Ihr Wort in Gottes Ohr. Leider hat man – zumindest was die öffentliche Meinung betrifft – eher den Eindruck einer erschreckenden Konformität, allein die Sprache ist schon verräterisch („Lockerungen“: was für ein schräger und unerträglicher Begriff, der die Rechenschaftspflicht der Politik verschleiert). Ich muss gestehen, dass ich mich einerseits von der Kirche aus bekannten Gründen und solchen, die nicht hierher gehören, zutiefst verletzt fühle. Andererseits bin über die schon abzusehenden Schäden und die Verweigerung des Politischen in der Politik (die man schon vor der Krise beobachten konnte) entsetzt. Mir haben die vergangenen zwei Monate die Luft abgeschnürt.

    Aber das gehört eigentlich nicht hierher. Grundsätzlich stimme ich Ihren Ausführungen zu.

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