Schuldgefühle, früher und heute

Es ist wahrscheinlich eine der pervertiertesten Ideen, die existieren: Wenn eine Mutter bei der Geburt ihres Kindes stirbt, würde sich das Kind sicher sein Leben lang entsetzlich schuldig fühlen, dass „es seine Mutter getötet hat“, ergo muss logischerweise die Mutter das Kind durch ihren Arzt töten lassen, um ihm dieses schreckliche Schicksal zu ersparen. (Ob ihr dann das Schicksal des schlechten Gewissens erspart bleibt, sei hier dahingestellt.)

Das Interessante an dieser Idee ist, dass sie ziemlich jung zu sein scheint. In Zeiten, in denen das Risiko, bei der Geburt oder hinterher am Kindbettfieber zu sterben, ziemlich hoch war, scheinen Kinder oder andere überlebende Familienmitglieder dieses Gefühl nicht gehabt bzw. dem Kind keine Schuld eingeredet zu haben. Da scheint man so damit umgegangen zu sein, wie wir heute damit, dass wir wissen, dass unsere Mütter bei der Geburt extreme Schmerzen hatten, dass sie an Schwangerschaftsübelkeit gelitten haben, Komplikationen hatten, wegen denen sie während der Schwangerschaft ins Krankenhaus mussten. Selbst der skrupulöseste Mensch würde wahrscheinlich nicht darauf kommen, sich ein schlechtes Gewissen zu machen, weil „ich meine Mutter stundenlang gefoltert habe, bis ich endlich geboren war“. Schon die Vorstellung ist lächerlich.

Man ehrt und liebt Mütter für gewöhnlich einfach für die Leiden und Gefahren, die sie auf sich genommen haben (und weiterhin nehmen). Und das war’s. Wenn jemand für mich gelitten hat, oder sogar für mich gestorben ist, was fühle ich dann für den? Liebe.

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(Christus wird vom Kreuz abgenommen. Viktor Vasnetsov. Gemeinfrei.)

Unter Christen beklagt man oft, dass die Leute heute zu wenig Schuldgefühle hätten. Das ist oft richtig (beispielsweise wenn sie ihre ungeborenen Kinder töten). Aber manchmal haben sie auch zu viele – bzw. sie haben sie an den falschen Stellen. Es scheint seit einiger Zeit auch sehr beliebt zu sein (wenn man nach Belletristik und Film geht), sich die dümmsten Schuldgefühle einzureden à la „Ich bin schuld am Tod meines Bruders, wenn ich ihm nicht gesagt hätte, er sollte sich diesen Urlaub gönnen, wäre er nicht in dieses Flugzeug gestiegen, das dann abgestürzt ist“. In vielen Fällen scheint das wirklich nur eine Sache der Fiktion zu sein, aber manchmal erlebt man es schon, dass Leute sich ihre Vorstellungen davon, was die angemessenen Gefühle in einer bestimmten Situation sind, davon prägen lassen.

[Ähnliches gilt vermutlich für das „Eltern verlieren den Glauben, weil ihr Kind stirbt oder permanent behindert wird“-Motiv. Zu den Zeiten, als die Kindersterblichkeit ziemlich hoch war und die meisten Eltern mindestens ein Kind verloren haben und es auch noch keine Heilung für Kinderlähmung u. Ä. gab, hieß es „Not lehrt beten“, kaum „wie kann Gott mir das antun; Ihn kann es also nicht geben“. Selbst wenn man verzweifelt fragte „Wie kann Gott mir das antun?“, erwartete man eher, dass Gott einem irgendwann eine Antwort darauf geben würde, statt den Atheismus zu postulieren. Aber vielleicht kommt das Problem in diesem Fall daher, dass die Menschen „früher“ das Thema Leid einfach weniger ignoriert haben, und sich mehr bewusst waren, dass Gott einen nicht immer vor schlimmen Leid bewahrt, dass es dafür tatsächlich gute Gründe geben kann, und dass sogar der Sohn Gottes selbst schlimmes Leid auf sich genommen hat. Aber selbst heute scheint „Not lehrt beten“ häufiger zu sein als „Wie kann Gott mir das antun“ – meinem persönlichen Eindruck nach, der täuschen kann. Über die Theodizeefrage spekulieren, das tun vielleicht eher Theologen vom Schreibtisch aus; sich an Gott wenden, das tun vielleicht eher Krebskranke und Verwitwete. Aber ich schweife ab.]

Man könnte spekulieren, ob Leute sich zuerst Schuldgefühle für abstruse Dinge einreden, um sich dann zu sagen, dass ihre realen Schuldgefühle genauso abstrus wären wie jene und sie beide verdrängen sollten. Wenn man weiß, dass es unsinnig ist, sich Schuldgefühle einzureden, weil man jemandem zu dem Flug geraten hat, bei dem das Flugzeug abgestürzt ist, bringen wohl auch die Schuldgefühle nichts, die man hat, weil man die Sicherheitsvorkehrungen in der Fabrik nicht eingehalten hat und ein anderer einen schweren Arbeitsunfall hatte. „Gib dir nicht die Schuld.“ Das kommt wahrscheinlich auch daher, dass es keinen guten Weg mehr gibt, mit als real anerkannter Schuld umzugehen. Man glaubt nicht, dass es Verzeihung dafür gäbe. Auf eine Entschuldigung scheint die erwartete Antwort immer zu sein „ist okay, war nicht so schlimm“, nicht „ist verziehen“ oder so etwas. Dass etwas wirklich Schlimmes bei Reue und eventueller Wiedergutmachung verziehen werden kann, scheinen viele nicht mehr zu glauben.

Aber das ist ziemlich sicher nicht alles. Viele Leute glauben wirklich an unvermeidbare Schuld, und haben Angst davor. Vor kurzem hat man das wegen der Corona-Epidemie gesehen, wenn es darum ging, dass die Intensivbetten und Beatmungsgeräte zu irgendeinem Zeitpunkt nicht reichen könnten (wie das in italienischen Krankenhäusern ja schon der Fall war) und man auswählen muss, wen man beatmet und wen nicht. Viele Leute glauben wirklich, dass man es dann nicht vermeiden kann, schuldig zu werden – dass man hier durch muss, und es auf sich nehmen muss, schuldig zu werden.

Dabei ist es gerade das, was persönliche Schuld ausmacht, dass man das Gute hätte wählen können und es nicht gewählt hat. Sie ist vermeidbar; durch Unvermeidbares kann man keine persönliche Schuld auf sich laden. Wenn man nun aber sieben Patienten und fünf Beatmungsgeräte hat, kann man nicht jedem eins geben. Nicht jede Tragödie beinhaltet Schuld. Manchmal passiert etwas Schlimmes, ohne dass der Betroffene Schuld hat. (Letzten Endes resultiert zwar alles Schlechte irgendwo aus freien Entscheidungen von Geschöpfen für das Böse, aber diese freien Entscheidungen können so weit in der Vergangenheit liegen wie die Ursünde der ersten Menschen.)

Es gibt einerseits protestantische Theologen, die so denken, weil für sie generell die Sünde etwas Unvermeidbares ist, es keinen freien Willen gibt, und der Mensch zutiefst verdorben ist, ohne irgendetwas daran ändern zu können, und für sie die Gnade darin besteht, dass Gott die Sünden dann nicht anrechnet, ohne dass man irgendwelche Bedingungen dafür erfüllen muss. (Eine schöne Gnade, etwas zu vergeben, für das man nicht verantwortlich war.)

Aber das ist doch eine Minderheit; die Mehrheit denkt nicht mehr lutherisch oder reformiert, auch wenn das im Unterbewusstsein irgendwo drin sein könnte. Nein, bei der Mehrheit ist es wahrscheinlich einfach ein zutiefst pessimistischer Ausblick auf die Welt: Man darf nicht sagen, dass Gott alles lenkt, dass alles am Ende gut werden wird, dass alles seinen Sinn hat, dass es (letzten Endes) gerecht zugeht in der Welt. Das wäre triumphalistisch und naiv; erwachsene Menschen sehen die Finsternis. Gerade in Deutschland ist das sehr, sehr weit verbreitet; der Schock der Nazizeit scheint eine gewisse Verantwortung dafür zu tragen.

Entscheidende Argumente kommen dafür aber eigentlich nicht. Es ist wohl mehr ein Gefühl, das aus Müdigkeit, Überdruss und Unsicherheit geboren wird. Dass Gott sowohl vollkommen gut als auch allmächtig als auch die Vernunft selbst ist, ergibt sich logisch sowohl aus den klassischen philosophischen Gottesbeweisen als auch aus der göttlichen Offenbarung; und ein solcher Gott wird Menschen nicht in Situationen unvermeidbarer Schuld geraten lassen. Es ist für mich eine der gesündesten, tröstlichsten und erhellendsten Lehren des Christentums: Die Wirklichkeit ist im tiefsten Inneren gut, logisch, freundlich.

Sog. Dilemmata sind auflösbar. Um auf das Beispiel zurückzukommen, mit dem ich diesen Artikel begonnen habe, die Mutter mit der lebensbedrohlichen Schwangerschaft: Eigentlich sollte jeder Mensch wissen, dass es keine Notwehr ist, jemanden zu töten, der unschuldig ist und nichts tut, um einem zu schaden, und dass es nicht gerechtfertigt ist, jemanden zu töten, dessen bloße Anwesenheit Lebensgefahr für einen bedeutet. Manchmal kommt hier das Argument „wenn mich ein unzurechnungsfähiger Mörder mit einer Waffe angreift, darf ich ihn notfalls auch töten, obwohl er vielleicht keine Schuld trägt“, aber das zieht nicht. Derjenige tut etwas objektiv Böses, und seine subjektive Schuldfähigkeit ist bzgl. der Notwehr nachrangig. Man könnte kaum verlangen, dass Angegriffene immer erst einmal herausfinden sollen, wie schuldfähig ihre Angreifer sind und ob sie vielleicht an Wahnvorstellungen leiden.

Bessere Beispiele wären: Darf ich jemanden in einen Abgrund stoßen, weil er mir im Weg steht, damit ich auf einem schmalen Weg schneller vor einem Mörder wegrennen kann? Darf ich, wenn ich über einem Abgrund hänge und jemand sich an meinen Beinen festhält, nach ihm stoßen, damit er fällt und ich mich nach oben ziehen kann? Natürlich nicht.

Es gibt hier kein „schwieriges Dilemma“, keine „unvermeidbare Schuld“. Manchmal gibt es unvermeidbare Tragik. Und das war es.

3 Gedanken zu “Schuldgefühle, früher und heute

  1. >>Es ist wahrscheinlich eine der pervertiertesten Ideen, die existieren: Wenn eine Mutter bei der Geburt ihres Kindes stirbt, würde sich das Kind sicher sein Leben lang entsetzlich schuldig fühlen, dass „es seine Mutter getötet hat“…

    Aber hey, das ist die Ausgangslage zu „Wer früher stirbt, ist länger tot“ (der, kommt mir gerade so, vielleicht besser „Slipping down the Universe“ geheißen hätte – der englische Titel „Grave Decisions“ hat auch was). Auch was wert.

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      1. Kein Problem; aber mir gefällt er halt.

        Wobei tatsächlich die späteren Filme vom Rosenmüller, soweit ich sie gesehen habe, viel besser sind.

        Gefällt 1 Person

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