Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 4: Die Dreifaltigkeitslehre

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Von den frühchristlichen Schriftstellern selbst werden oft herangezogen: Joh 1, Joh 14, Joh 16, als Hinweise aus dem AT Spr 8,22-31, Gen 1,26, Gen 19,24, Ps 45,7, Ps 33,6, Ps 110,1, in Bezug auf den hl. Geist Apg 2. Außerdem gäbe es z. B. Mt 28,19f.

Hier seien kurz ein paar wichtige Punkte der katholischen Dreifaltigkeitslehre zusammengefasst: Gott ist ein Wesen in drei Personen; alle bestehen von Ewigkeit her. Der Sohn ist gezeugt, nicht geschaffen, vom Vater; der Heilige Geist geht aus dem Vater und dem Sohn hervor. Es handelt sich um ewige Abhängigkeiten, ewige Hervorgänge, wie ein Arm am Körper hängt, ohne dass der Körper jemals ohne den Arm existiert hat. Der Vater ist Gott, der Sohn ist Gott, der Heilige Geist ist Gott; es ist nur ein Gott. Die Personen sind real unterschieden, nicht nur verschiedene Bezeichnungen für den einen Gott; trotzdem ist nur ein Gott, nicht drei Götter; Gott ist in sich Gemeinschaft, und Er ist vollkommen einfach und ungeteilt. Alle Vergleiche, die man dafür heranziehen kann, sind immer unvollständig und irgendwo falsch.


(Schaubild. Gemeinfrei.)

In den Anfangszeiten der Kirche findet man das noch stärker, was man heute auch findet: Der Heilige Geist wird gerne mal etwas vernachlässigt (trotzdem finden sich auch ein paar Stellen über Ihn); die meisten hier gesammelten Stellen befassen sich deswegen nur mit dem Verhältnis von Gott Sohn zu Gott Vater. Viele gehen von Joh 1 aus, wo Jesus als das „Wort“ / die „Vernunft“ / die „Weisheit“ (griechisch Logos) des Vaters bezeichnet wird, und zitieren auch Hinweise aus dem AT, wie etwa Spr 8,22-31.

Die Dreifaltigkeitslehre, die v. a. auf den großen Konzilien des 4., 5., 6. Jahrhunderts ausformuliert und geklärt wurde, ist hier noch etwas verschwommener und weniger genau in Worte gefasst, aber implizit findet sich derselbe Glaube und manchmal findet man ihn auch in denselben Worten ausgedrückt. Eine gewisse Unklarheit besteht allerdings bei der Frage, ob Gott der Sohn genauso ewig wie der Vater ist oder nicht; hier finden sich beide Meinungen, manche Autoren scheinen sich dessen auch nicht ganz im klaren zu sein. Daher jetzt ein paar Stellen.

Athenagoras beschreibt Gott, den Sohn, und die Dreifaltigkeit folgendermaßen; er macht auch klar, dass der Sohn keinen Anfang in der Zeit hatte:

„Denn nach unserer Lehre existiert ein Gott und ein Sohn, sein Wort, und ein Heiliger Geist, die hinsichtlich der Macht ein einziges Wesen sind, der Vater, der Sohn, der Geist; denn der Sohn ist des Vaters Verstand, Wort, Weisheit und der Geist ist Ausfluß wie Licht von Feuer“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 24)

„Daß wir also keine Atheisten sind, ist von mir hinlänglich dargetan. Denn jener eine ist unser Gott, der da ungeworden und ewig ist, unsichtbar, unwandelbar, unbegreiflich, unfaßbar, nur mit Verstand und Vernunft erkennbar, von Licht und Schönheit, von Geist und Kraft in unaussprechlich hohem Grade umgeben, von dem durch sein Wort das All geschaffen und geordnet ist und regiert wird. Indes kennen wir auch einen Sohn Gottes. Halte es ja niemand für lächerlich, daß Gott einen Sohn habe! Denn unsere Gedanken über Gott Vater und Sohn weichen gar sehr von den Mythen der Dichter ab, die die Götter nicht im mindesten besser sein lassen als die Menschen; der Sohn Gottes ist das Wort (Logos) des Vaters als vorbildlicher Gedanke und schöpferische Kraft; denn nach ihm und durch ihn ist alles gemacht; Vater und Sohn sind eins. Da der Sohn im Vater und der Vater im Sohne ist durch die Einheit und Kraft des Geistes, so ist der Sohn Gottes der Gedanke (Nus) und das Wort (Logos) des Vaters. Sollte Euch aber bei Eurer überlegenen Einsicht die Frage belieben, was der Ausdruck Sohn bedeutet, so will ich Euch in Kürze folgendes antworten: Er ist dem Vater das Erst-Erzeugte, nicht als ob er geworden wäre; denn von jeher hatte Gott als ewiger Gedanke selbst das Wort in sich, da er nie ohne das Wort ist; sondern der Sohn ist hervorgegangen, um für alles Körperliche, das anfangs noch als qualitätslose Naturmasse ohne alles Leben existierte, wobei die dichteren Teile noch mit den leichteren vermischt waren, vorbildlicher Gedanke und schöpferische Kraft zu sein. Hiermit stimmt auch der prophetische Geist überein: ‚Der Herr‘, sagt er, ‚hat mich erzeugt im Anfang seiner Wege für seine Werke‘1). Indes ist nach unserer Lehre auch der Heilige Geist, welcher sich in den Propheten wirksam erweist, ein Ausfluß Gottes, ausfließend und zurückkehrend wie ein Sonnenstrahl. Wer sollte sich da noch auskennen, wenn er Leute, die einen Gott Vater und einen Gott Sohn und einen Heiligen Geist bekennen und nachweisen, daß dieselben mächtig sind in der Einigung und verschieden in der Ordnung, als Atheisten verschreien hört?“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 10)

„Wir hingegen, die wir uns darüber klar geworden sind, daß das Erdenleben nur weniges und geringes wert ist, die wir uns einzig von der Erkenntnis des wahren Gottes und seines Wortes leiten lassen (nämlich von der Erkenntnis, welches die Einheit des Sohnes mit dem Vater, welches die Gemeinschaft des Vaters mit dem Sohne ist, was der Geist ist, was die Einigung solcher Größen und der Unterschied der Geeinigten ist, nämlich des Geistes, des Sohnes und des Vaters)“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 12)

Botticelli, Pala della Convertite.jpg
(Dreifaltigkeit, Botticelli. Gemeinfrei.)

Bei Irenäus finden sich einige sehr schöne und klare Stellen zum Verhältnis von Gott Sohn und Gott Vater:

„Wenn aber jemand uns fragen sollte: Wie ist also der Sohn vom Vater hervorgebracht? dann antworten wir ihm: Seine Emanation oder Geburt oder Aussprechung oder Eröffnung oder, wie immer man seine unaussprechliche Geburt nennen möge, weiß niemand, weder Markion, noch Valentinus, noch Saturninus, noch Basilides, noch die Engel oder Erzengel oder Fürsten und Herrschaften, sondern nur der Vater, der hervorbrachte, und der Sohn, der gezeugt wurde. Da also seine Geburt unaussprechlich ist, so übernehmen die, welche sich bemühen, seine Geburt und Hervorbringung zu beschreiben, sich selbst, indem sie versprechen, das Unaussprechliche auszusprechen.“ (Ireäus, Gegen die Häresien II,28,6)

Irenäus nennt den Sohn und den Geist Gottes „Wort“ und „Weisheit“, die zu Ihm selbst gehören, und sagt klar, dass der Sohn gleich ewig mit dem Vater ist:

Sondern nur einer ist Gott und Schöpfer, er, der über alle Hoheit und Macht und Herrschaft und Kraft erhaben ist; er ist der Vater, er der Gott, er der Schöpfer, der Urheber, der Bildner, der durch sich selbst, d. h. durch sein Wort und durch seine Weisheit, Himmel und Erde und Meere und alles, was in ihnen ist, gemacht hat. Er ist der Gerechte und Gute, der den Menschen gebildet hat, der das Paradies gepflanzt hat, der die Welt erschaffen und die Sintflut gesandt hat, der den Noe gerettet hat. Er ist der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, der Gott der Lebenden, den das Gesetz verkündet, die Propheten verheißen, Christus offenbart, die Apostel predigen, die Kirche bekennt. Er ist durch sein Wort, welches sein Sohn ist, der Vater unsers Herrn Jesus Christus, durch ihn offenbart und zeigt er sich allen, denen er sich offenbart, denn es erkennen ihn die, denen der Sohn es offenbart hat. Indem aber der Sohn gleich ewig mit dem Vater ist, offenbart er immer und von Anbeginn den Vater den Engeln und den Erzengeln und den Mächten und Kräften und allen, denen Gott es offenbaren will.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,30,9)

Weder der Herr, noch der Heilige Geist, noch die Apostel hätten den, der nicht Gott war, jemals Gott ohne Vorbehalt und Einschränkung genannt, wenn er nicht Gott in Wahrheit wäre, noch hätten sie ihrerseits jemand als Herrn bezeichnet außer dem allerhöchsten Gott Vater und seinem Sohn, der die Herrschaft über die ganze Schöpfung von seinem Vater empfing, wie geschrieben steht: ‚Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis daß ich lege deine Feinde zum Schemel deiner Füße‘1 . D. h. der Vater sprach mit dem Sohne und gab ihm zum Erbe die Heiden und unterwarf ihm alle seine Feinde. Da nun der Vater Herr ist und der Sohn in Wahrheit Herr, so bezeichnet der Heilige Geist mit Recht beide als Herren. Und wenn die Schrift wiederum bei der Zerstörung Sodomas sagt: ‚Und es regnete der Herr über Sodoma und Gomorrha Feuer und Schwefel von dem Herrn des Himmels‘2 , so bezeichnet sie hier ebenfalls den Sohn, der mit Abraham gesprochen hat und von dem Vater die Gewalt empfangen hatte, die Sodomiter wegen ihrer Gottlosigkeit zu bestrafen. Ähnlich heißt es: ‚Dein Thron, o Gott, steht in Ewigkeit. Ein Szepter der Gerechtigkeit ist das Szepter Deines Reiches. Du liebtest die Gerechtigkeit und haßtest das Unrecht, deshalb hat Dich, o Herr, Dein Gott gesalbt‘3 . Beide nämlich bezeichnete der Heilige Geist als Gott, den Sohn, der gesalbt wird, und den Vater, der salbt. […]

Kein anderer also, wie gesagt, heißt Gott oder wird Herr genannt als jener allerhöchste Gott und Herr, der auch zu Moses sprach: ‚Ich bin, der ich bin. Sage also den Söhnen Israels: Der, welcher ist, hat mich zu euch gesandt‘1 . Sein Sohn ist Jesus Christus, unser Herr, der die zu Söhnen Gottes macht, die an seinen Namen glauben. Und abermals spricht der Sohn zu Moses, wenn es heißt: ‚Ich bin herabgestiegen, dieses Volk zu erretten‘2 . Denn er ist es, der herabstieg und hinaufstieg, die Menschen zu erlösen. Durch den Sohn also, der im Vater ist und in sich den Vater hat, der da ist, hat sich Gott geoffenbart, indem der Vater für den Sohn Zeugnis ablegt und der Sohn den Vater verkündigt. In diesem Sinne spricht Isaias: ‚Und ich bin Zeuge, spricht Gott der Herr, und der Sohn, den ich erwählt habe, damit ihr erkennet und glaubet und einsehet, daß ich es bin‘3 .“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,6,1-2)

„Denn daß überhaupt keiner aus den Söhnen Adams schlechthin Gott genannt oder Herr geheißen wird, das haben wir aus den Schriften nachgewiesen. Alle aber, die nur ein wenig um die Wahrheit sich kümmern, können sehen, daß er allein von allen Menschen, die jemals gewesen sind, im eigentlichen Sinne als Gott und Herr und ewiger König und Eingeborener und fleischgewordenes Wort von allen Propheten und Aposteln und dem Geiste selber bekannt wird. Dies Zeugnis über ihn würden die Schriften nicht ausstellen, wenn er ähnlich wie alle ein bloßer Mensch gewesen wäre. Beide göttlichen Schriften bezeugen aber seine vor allem einzige glorreiche Geburt aus dem ewigen Vater und ebenso seine glorreiche Geburt aus der Jungfrau, und daß er als Mensch ohne Schönheit6 sein und leiden werde, daß er sitzen werde auf dem Füllen der Eselin7 , daß er mit Essig getränkt werden8 ;
und im Volke verspottet werden würde9 und in den Tod hinabsteigen, und daß er zugleich der heilige Herr und wunderbare Ratgeber10 und schön von Gestalt und der starke Geist sein werde, über den Wolken kommend als erster Richter des Weltalls11 , dies alles haben von ihm die Schriften verkündet.

Wie er nämlich Mensch war, um versucht zu werden, so war er auch das Wort, um verherrlicht zu werden. Das Wort ruhte, damit er versucht, verunehrt, gekreuzigt werden und sterben konnte; es tat sich aber mit dem Menschen zusammen, damit er siegen, ausharren, sich liebreich erweisen, auferstehen und in den Himmel auffahren konnte. Dieser Sohn Gottes also ist unser Herr und das Wort des Vaters und der Sohn des Menschen. Denn insofern er aus Maria, die von Menschen abstammte und daher selbst ein Mensch war, sein Dasein empfing, ist er der Sohn des Menschen geworden. Deswegen gab auch der Herr selbst uns das Zeichen in der Tiefe und in der Höhe oben1 , das der Mensch nicht verlangt hatte, weil er gar nicht hoffte, daß eine Jungfrau, die wirklich Jungfrau war, schwanger werden und einen Sohn gebären könne. Und dieser ihr Sohn war der ‚Gott mit uns‘, stieg herunter auf die Erde2 und suchte das verlorene Schaf3 , das doch sein eigenes Geschöpf war, und stieg hinauf in die Höhe, um seinem Vater den Menschen, den er gefunden hatte, anzubieten und zu empfehlen, und stand selber als erster von den Toten auf, damit, wie das Haupt, so auch der ganze übrige Leib des Menschen, der das Leben empfangen hatte, nach der für seinen Ungehorsam festgesetzten Zeit der Verdammnis auferstehe, durch die innigste Verbindung erstarkend und gekräftigt4 durch das Zutun Gottes, indem jedes Glied seinen eigenen und passenden Platz am Körper hat. Denn viele Wohnungen sind bei dem Vater5 , wie auch viele Glieder am Körper.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,19,2-3)

„Ihm hatte der Vater alles unterworfen, und von allen empfing er das Zeugnis, daß er wahrer Mensch und wahrer Gott ist, vom Vater, von dem Geiste, von den Engeln, von dem Schöpfer selbst, von den Menschen, von den abtrünnigen Geistern, von den Dämonen, von dem Feinde und zuletzt selbst von dem Tode. So wirkt der Sohn von Anfang bis zum Ende für den Vater, und ohne ihn kann niemand Gott erkennen. Die Kenntnis des Vaters ist der Sohn, und der Sohn wird erkannt im Vater und durch den Sohn offenbart. Deswegen sprach der Herr: ‚Niemand erkennt den Sohn als der Vater, noch den Vater als der Sohn und wem immer der Sohn es offenbart haben wird.‘ […] Denn von Anfang an steht der Sohn seinem Geschöpfe bei, offenbart den Vater allen, denen er will, und der Vater offenbart, wann er will, und wie er will, und deswegen ist in allem und bei allem ein Gott Vater, ein Wort der Sohn, und ein Geist und ein Heil für alle, die an ihn glauben.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,6,7)

„In seiner Größe also können wir Gott nicht erkennen, denn unmöglich ist es, den Vater zu messen. In seiner Liebe aber, die uns durch das Wort zu Gott hinführt, werden wir, wenn wir ihm gehorchen, immer besser verstehen, daß Gott so groß ist und durch sich selbst alles beschlossen, erwählt und ausgeschmückt hat und alles umfängt. Somit auch diese Welt hienieden. […] Auch bedurfte Gott keiner solchen Hilfe, um das zu machen, was er bei sich beschlossen hatte, gleich als ob er selbst keine Hände hätte. Denn immer ist bei ihm das Wort und die Weisheit, der Sohn und der Geist, durch die und in denen er alles aus freiem Willen und Entschluß geschaffen hat. Zu ihnen spricht er auch: ‚Laßt uns den Menschen machen nach unserm Bild und Gleichnis‘2 , indem er aus sich selbst die Substanz der Geschöpfe und ihre Idee und ihre schöne reale Gestalt hernahm.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,1)

„Hierher wurden von Gott im Hl. Geist die Propheten gesandt. Sie mahnten das Volk und wandten es zum allmächtigen Gott ihrer Väter zurück. In ihnen erstanden die Herolde der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus, des Sohnes Gottes. Denn sie zeigten an, daß sein Leib aus dem Geschlechte Davids sprossen werde, damit er dem Fleische nach in langer Stammfolge ein Sohn Davids sei, welcher ein Sohn Abrahams gewesen war, dem Geiste nach aber der Sohn Gottes, der aus dem Vater hervorgegangen war, gezeugt vor der Schöpfung der ganzen Welt.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 30)

„Gott alles zu glauben ist Pflicht und geziemend. Denn Gott ist wahr in allem, auch darin, daß es einen Sohn Gottes gibt und daß derselbe nicht nur existierte, bevor er in der Welt erschien, sondern auch schon, bevor die Welt wurde.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 43)

Also ist Herr der Vater und Herr der Sohn, und Gott der Vater und Gott der Sohn; denn wer von Gott erzeugt ist, ist Gott. Und in dieser Weise wird nach Dasein und Kraft seines Wesens ein Gott erwiesen, nach dem Vorgange und der Vollführung unserer Erlösung aber Sohn und Vater. Denn da der Vater für alles Gewordene unsichtbar und unnahbar ist, so bedurfte es für diejenigen, welche [künftig] zu Gott gelangen sollten, der Hinführung zur Unterwerfung vor dem Vater durch den Sohn1 . Deutlich spricht in hellerem Glanze auch David so von Vater und Sohn: ‚Dein Thron, o Gott, ist und bleibt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Du liebst die Gerechtigkeit und hassest das Unrecht. Deshalb hat dich Gott gesalbt mit dem Öle der Freude mehr als deine Genossen‘2 . Denn weil der Sohn Gott ist, empfängt er vom Vater den Thron des ewigen Reiches und das Salböl mehr als seine Genossen. Das Öl der Salbung aber ist der Geist. Mit ihm ist er gesalbt. Seine Genossen aber sind die Propheten, die Gerechten, die Apostel und alle, welche teilnehmen an seinem Reiche, d. h. seine Jünger.“ (Irenäus, Erweis der apostolischen Verkündigung 47)

Über den Heiligen Geist schreibt Irenäus:

„Diesen Geist erbat David für das menschliche Geschlecht, indem er sprach: ‚Und mit Deinem Urgeiste befestige mich!‘1 Daß dieser nach der Himmelfahrt des Herrn auf die Jünger am Pfingstfeste herabgestiegen sei2 und allen Völkern den Eintritt zum Leben eröffnete und das Neue Testament erschloß, berichtet Lukas. Deshalb lobpriesen sie auch in dem Zusammenwehen aller Sprachen Gott, indem der Geist die auseinanderwohnenden Stämme zur Einheit zurückführte und die Erstlinge aller Völker dem Vater darbot. Deshalb versprach der Herr auch, den Tröster zu senden3 , der uns an Gott anpassen sollte. Wie nämlich aus dem trockenen Weizen ein Teig nicht werden kann ohne Feuchtigkeit, noch ein Brot, so konnten wir viele nicht eins werden in Christo Jesu ohne das Wasser, das vom Himmel kommt. Und wie die trockene Erde, wenn sie keine Feuchtigkeit empfängt, auch keine Frucht bringt, so würden auch wir, die wir von Haus aus trockenes Holz sind, niemals das Leben ohne den ‚Gnadenregen‘4 von oben als Frucht bringen. Denn unsere Leiber haben durch jenes Bad, das zur Unvergänglichkeit dient, die Einheit empfangen, unsere Seelen aber durch den Geist. Daher ist auch beides nötig, da beides hinführt zum Leben in Gott. Erbarmte sich doch der Herr über jenes ehrvergessene samaritanische Weib, das bei einem Manne nicht blieb, sondern mit vielen herumbuhlte, und zeigte und versprach ihr das lebendige Wasser, damit sie fürder nicht dürste und trachte nach Anfeuchtung mit dem Mühewasser, wenn sie in sich habe den Trank, der da quillt zum ewigen Leben5 . Dieses Geschenk, das der Herr von seinem Vater empfing, gab er auch denen, die an ihm Anteil haben, indem er auf die gesamte Erde den Heiligen Geist sandte.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,17,2)

„Und daß das Wort, d. h. der Sohn, immer bei dem Vater war, haben wir vielfach dargetan. Daß aber auch die Weisheit, d. h. der Geist, bei ihm vor aller Schöpfung war, sagt er durch Salomon: ‚Gott hat durch die Weisheit die Erde gegründet, den Himmel bereitet durch die Klugheit. Durch seinen Geist brachen die Abgründe hervor und die Wolken träufelten Tau‘1 .Und wiederum; ‚Der Herr schuf mich am Anfang seiner Wege zu seinen Werken, vor der Ewigkeit gründete er mich, im Anfang, bevor er die Erde machte, bevor er die Abgründe festlegte, und bevor die Wasserquellen hervorgingen und die Berge befestigt wurden, vor allen Hügeln erzeugte er mich‘2 . Und wiederum: ‚Als er den Himmel bereitete, war ich bei ihm, und als er die festen Quellen des Abgrundes machte, als er die starken Fundamente der Erde legte, war ich bei ihm helfend. Ich war es, mit dem er sich freute, täglich aber freute ich mich vor seinem Angesichte zu jeder Zeit, als er sich freute über die Vollendung des Erdkreises, und er ergötzte sich unter den Menschenkindern‘3 .“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,3)

Er schreibt über die Dreifaltigkeitslehre:

„Denn der Name Christus bedeutet den, der salbt, und der gesalbt worden ist, und die Salbung selbst, in der er gesalbt wurde. Es salbte aber der Vater, gesalbt wurde der Sohn in dem Geiste, der die Salbung ist, gemäß dem Worte des Isaias, der da spricht: ‚Der Geist des Herrn ist über mir, deswegen hat er mich gesalbt‘10 . Damit weist er hin auf den Vater, der salbt, den Sohn, der gesalbt wurde und den Geist, welcher die Salbung ist.“ (Irenäus, Gegen die Häresien III,18,3)

„Denn Gott vermag alles. Ehemals wurde er im Geiste prophetisch geschaut, dann durch den Sohn, wie es angenommenen Kindern zukommt, schließlich wird er gesehen werden im Himmelreiche als Vater. Denn der Geist bereitet den Menschen vor im Sohne Gottes, der Sohn führt ihn hin zum Vater, der Vater aber schenkt ihm Unverweslichkeit zum ewigen Leben, das jedem deswegen zuteil wird, weil er Gott schaut. Denn wie die, welche das Licht schauen, in dem Lichte sind und an seinem Glanze teilnehmen, so sind die, welche Gott schauen, in Gott und haben teil an seiner Herrlichkeit. Diese Herrlichkeit aber macht sie lebendig, denn das Leben empfangen, die Gott schauen. Und auf diese Weise macht sich der Unfaßbare und Unbegreifbare und Unsichtbare sichtbar, begreifbar und faßbar für die Gläubigen, damit er lebendig macht, die ihn durch den Glauben fassen und schauen. Denn wie seine Größe unerforschbar ist, so ist seine Güte unaussprechbar, durch die er sich sehen läßt und Leben verleiht denen, die ihn sehen. Denn zu leben ohne das Leben ist unmöglich; die Subsistenz des Lebens aber kommt her von der Teilnahme an Gott. An Gott aber teilnehmen, heißt ihn schauen und seine Güter genießen. […]

Einige nämlich von ihnen [den Propheten] sahen den prophetischen Geist [=Heiligen Geist] und seine Wirkungen, die sich in die verschiedenen Charismen ergossen. Andere die Ankunft des Herrn und sein Walten von Anbeginn, durch welches er den Willen des Vaters im Himmel und auf Erden vollzog. Andere wieder die Herrlichkeit des Vaters, wie sie den Zeiten angepaßt war und den Menschen, die sie sahen und hörten und fortan hören sollten. So also offenbarte sich Gott. Denn in all diesem offenbart sich der Vater, indem der Geist wirkt, der Sohn dient, der Vater bestätigt, der Mensch aber zum Heile vollendet wird.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,5-6)

Der Vater nämlich, der die Schöpfung und sein Wort trägt, und das Wort, das vom Vater getragen wird, gibt den Geist allen, wie der Vater es will: dem einen, das nur erschaffen ist, daß es existiert, dem andern, das aus Gott geboren ist, daß es angenommen wird an Kindesstatt. So ergibt sich ein Gott Vater, der über alles und durch alles und in allem ist. Über allem nämlich ist der Vater, und er selbst ist das Haupt Christi; durch alles ist das Wort, und dies ist das Haupt der Kirche; in uns allen aber ist der Geist, und dieser ist ‚das lebendige Wasser‘1 , das der Herr ‚allen gibt, die an ihn recht glauben‘2 und ihn lieben und wissen, daß ‚ein Vater, der da ist über allem und durch alles und in uns allen‘3 . Hierfür zeugt auch Johannes, der Schüler des Herrn, der in seinem Evangelium also spricht: ‚Im Anfange war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dies war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe gemacht worden, und ohne dasselbe ist nichts gemacht worden‘4 . […] Denn der wahre Weltenschöpfer ist das Wort Gottes, d. h. unser Herr, der in den letzten Zeiten Mensch geworden ist. Obwohl er in der Welt ist, umfaßt er unsichtbarer Weise alles, was gemacht ist, und ist eng verbunden mit der gesamten Schöpfung, da das Wort Gottes alles leitet und ordnet, und deshalb kam er sichtbarer Weise und wurde Fleisch und hing am Holze, um alles in sich zu rekapitulieren.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,18,2-3)

„Der Sachverhalt, der sich ergibt, ist also folgender: [Es ist] Ein Gott, der ungewordene Vater, unsichtbar, Schöpfer von allem; kein anderer Gott steht über ihm, noch ist ein anderer Gott unter ihm. Gott ist ein vernünftiges Wesen und hat deswegen das Gewordene durch das [Vernunft-] Wort erschaffen. Auch ist Gott Geist und hat somit alles durch den Geist geordnet, wie der Prophet sagt: ‚Durch das Wort des Herrn sind die Himmelsfesten geschaffen worden1 , und durch seinen Geist all ihre Kraft‘2 . Da also das Wort schafft d. h.3 die Körper wirkt und dem Hervorgegangenen Bestand verleiht, während der Geist die Kräfte in ihrer Verschiedenheit ordnet und gestaltet, so wird mit Recht4 das Wort der Sohn, Geist aber die Weisheit Gottes genannt. Auch der Apostel desselben, Paulus, sagt darüber passend: ‚Ein Gott, der als Vater über allen ist und der mit allen und in uns allen ist‘5 . Denn über allen ist er als Vater; mit allen ist er als Wort, da durch dasselbe alles vom Vater ins Werden trat, in uns allen jedoch ist er als Geist, der da ruft: ‚Abba, Vater‘6 und den Menschen zum Ebenbild Gottes gestaltet. Nun zeigt der Geist das Wort und deswegen verkündeten die Propheten den Sohn Gottes, während das Wort den Geist wehen macht, und deshalb ist er selbst der Sprecher der Propheten und führt den Menschen zum Vater zurück.

Und das ist die rechte Ordnung unseres Glaubens, die Grundlage des Gebäudes und die Sicherung des Weges: Gott der Vater, ungeworden, unendlich, unsichtbar, ein Gott Schöpfer des Alls. Das zunächst ist das erste Hauptstück unseres Glaubens. Das zweite Hauptstück sodann ist das Wort Gottes, der Sohn Gottes, Christus Jesus unser Herr, welcher den Propheten erschienen ist gemäß der Gestalt ihrer Weissagungen1 und nach den Bestimmungen der Vorsehung des Vaters, er, durch den alles geworden ist. Derselbe wurde auch am Ende der Zeiten Mensch unter den Menschen, um alles vollkommen zu vollenden; er wurde sichtbar und körperlich, um den Tod zu besiegen und das Leben zu zeigen2 und Gemeinschaft und Frieden zwischen Gott und den Menschen zu bewirken. Das dritte Hauptstück dann ist der Hl. Geist, durch den die Propheten weissagten, und die Väter die göttlichen Dinge lernten, die Gerechten vorangingen auf dem Weg der Gerechtigkeit, und der in der Fülle der Zeiten aufs neue über die Menschheit ausgegossen ward auf der ganzen Erde, die Menschen für Gott neu zu schaffen.

Deshalb wird bei unserer Wiedergeburt die Taufe durch diese drei Stücke vollzogen, indem der Vater uns zur Wiedergeburt begnadigt durch seinen Sohn im Hl. Geiste. Denn diejenigen, welche den Hl. Geist empfangen und in sich tragen, werden zum Worte, d. h. zum Sohne geführt. Der Sohn hinwieder führt sie zum Vater und der Vater macht sie der Unvergänglichkeit teilhaft. Also kann man ohne den Geist das Wort Gottes nicht sehen und ohne den Sohn kann niemand zum Vater kommen1 . Denn das Wissen des Vaters ist der Sohn. Das Wissen vom Sohne Gottes aber [erlangt man] durch den Hl. Geist; den Geist aber gibt nach dem Wohlgefallen des Vaters der Sohn als Spender an diejenigen, welche der Vater will und wie er es will.“ (Irenäus, Erweis der Apostolischen Verkündigung 5-7)

Oraison de Jésus Christ - BNF Fr19246 f3r (Assemblée céleste).jpeg
(Die Dreifaltigkeit in einer mittelalterlichen Buchmalerei. Gemeinfrei.)

Auch bei Justin dem Märtyrer finden sich mehrere Stellen über das Verhältnis von Gott Sohn zu Gott Vater. Manche Stellen könnten so verstanden werden, als hätte die Existenz des Sohnes (des Logos) irgendwann begonnen und es habe eine Zeit gegeben, in der Er noch nicht war; andererseits sagt Justin auch, dass der Logos bereits „vor aller Schöpfung in ihm [Gott Vater] war“.

„Es ist aber der Logos die erste Kraft nach Gott, dem Vater des All, und sein Sohn; auf welche Weise er Fleisch geworden und als Mensch geboren worden ist, werden wir im folgenden zeigen.“ (Justin, 1. Apologie 32)

„Der Vater des Alls hat, weil ungezeugt, keinen ihm beigelegten Namen. Denn wenn jemand einen Namen erhält, so ist der Namengeber älter als er. Vater, Gott, Schöpfer, Herr und Gebieter sind keine Namen, sondern nur Titel, die von seinen Wohltaten und Werken hergenommen sind1. Sein Sohn aber, der allein im eigentlichen Sinne sein Sohn heißt2, der Logos, der vor aller Schöpfung in ihm war und der gezeugt wurde, als er im Anfange alles durch ihn schuf und ordnete3, wird Christus genannt, weil er gesalbt wurde und Gott durch ihn alles ordnete, ein Name, der ebenfalls einen unerkennbaren Begriff umschließt, sowie auch die Bezeichnung ‚Gott‘ kein Name, sondern nur eine der Menschennatur angeborene Vorstellung eines unerklärbaren Wesens ist. ‚Jesus‘ aber hat Namen und Begriff eines Menschen und Erlösers. Denn, wie wir schon gesagt haben (I 23), er ist Mensch geworden, nach dem Willen Gottes des Vaters zur Welt gekommen für die gläubigen Menschen und zum Sturze der Dämonen, wie ihr noch jetzt aus dem ersehen könnt, was vor euren Augen geschieht. Haben doch viele von den Unsrigen, nämlich von den Christen, eine ganze Menge von Besessenen in der ganzen Welt und auch in eurer Hauptstadt, die von allen anderen Beschwörern, Zauberern und Kräutermischern nicht geheilt worden waren, durch Beschwörung im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, geheilt und heilen sie noch, indem sie die Dämonen, welche die Menschen festhalten, außer Kraft setzen und vertreiben4.“ (Justin, 2. Apologie 5)

Im Alten Testament habe der Sohn, nicht der Vater, zu Mose und den Propheten gesprochen:

„Die Juden lehren alle heute noch, der namenlose Gott habe zu Moses geredet. Darum hat der prophetische Geist durch den früher erwähnten Propheten Isaias scheltend, wie oben gesagt (c. 37), zu ihnen gesprochen: ‚Ein Ochs kennt seinen Besitzer und ein Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat mich nicht erkannt und mein Volk mich nicht begriffen‘1. Und auch Jesus Christus hat, als die Juden nicht erkannten, was Vater und was Sohn sei, gleichfalls scheltend zu ihnen gesagt: ‚Niemand kennt den Vater als der Sohn und niemand den Sohn als der Vater und wem der Sohn es geoffenbart hat‘2. Gottes Logos aber ist sein Sohn, wie wir früher gesagt haben (c. 21-23). Auch Engel [Bote] und Gesandter wird er genannt; denn er verkündet, was zu wissen nottut, und wird gesandt, um alles zu melden, was von Gott geoffenbart wird, wie denn unser Herr auch selbst sagte: ‚Wer mich hört, der hört den, der mich gesandt hat‘3. Und das wird auch aus den Schriften des Moses erhellen, in denen folgendes gesagt ist: ‚Es sprach zu Moses ein Engel Gottes in einer Feuerflamme aus dem Dornbusche und erklärte: Ich bin der Seiende, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, der Gott deiner Väter. Geh hinab nach Ägypten und führe mein Volk heraus‘4. Was folgt, könnt ihr, wenn ihr wollt, aus jenen Schriften erfahren; denn es ist nicht möglich, hier alles anzuführen, Aber diese Worte dienen zum Beweise, daß Jesus Christus Gottes Sohn und Gesandter ist, der zuerst Logos war und bald in Feuersgestalt, bald ohne körperliche Gestalt5, jetzt aber, nach Gottes Willen für das Menschengeschlecht Mensch geworden, alle die Leiden auf sich genommen hat, die ihm auf Anstiften der Dämonen die verblendeten Juden angetan haben. […] Die Juden glauben, immer habe der Vater des Alls mit Moses gesprochen, während doch der Sohn Gottes, der auch sein Bote und Gesandter heißt, mit ihm sprach; mit Recht wird ihnen daher sowohl durch den prophetischen Geist [so bezeichnet Justin den Hl. Geist] als auch durch Christus selbst der Vorwurf gemacht, daß sie weder den Vater noch den Sohn erkannt haben. Denn die den Sohn zum Vater machen, laden den Vorwurf auf sich, daß sie weder den Vater kennen noch wissen, daß der Vater des Alls einen Sohn hat, der als Gottes Logos und Erstgeborener auch Gott ist. Früher ist dieser in Feuersgestalt und auch unkörperlich dem Moses und den übrigen Propheten erschienen; jetzt aber in den Zeiten eurer Herrschaft ist er, wie wir früher gesagt haben (c. 46), nach des Vaters Willen zum Heile seiner Gläubigen durch eine Jungfrau Mensch geworden und hat Verachtung und Leiden auf sich genommen, um durch sein Sterben und Auferstehen den Tod zu besiegen.“ (Justin, 1. Apologie 63)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon geht Justin genauer auf das Thema ein. An einer Stelle argumentiert er, dass klar erwiesen ist, dass Jesus der Messias ist, und Er dann auch Gottes Sohn sein muss (da Er das selbst behauptet hat und als Messias kein Lügner oder im Irrtum sein kann):

„Tryphon entgegnete: ‚[…] Deine Behauptung, der genannte Christus sei als Gott von Ewigkeit, habe aber dann sich herbeigelassen, Mensch zu werden und geboren zu werden, und er sei nicht Mensch von Menschen, scheint mir nicht nur unfaßbar, sondern geradezu töricht zu sein.‘

Ich erwiderte daraufhin: ‚Ich weiß es, daß die Lehre widersinnig zu sein scheint, vor allem eurem Volke; denn nicht die Anordnungen Gottes, sondern, wie Gott selbst laut verkündet2, die Anordnungen eurer Lehrer habt ihr stets zu verstehen und zu beobachten gewünscht. Fürwahr, Tryphon‘, sagte ich, ‚es bleibt nunmehr dabei, daß Jesus der Christus Gottes ist3, wenn ich auch nicht beweisen könnte, daß er, der Sohn des Weltschöpfers, als Gott präexistierte, und daß er durch die Jungfrau geboren und Mensch geworden ist. Da der Beweis ganz und gar gegeben ist, daß Jesus der Christus Gottes ist, wer immer er auch sein mag, so darf doch, wenn ich nicht beweisen würde, daß er präexistierte, und daß er gemäß dem Willen des Vaters gleich uns als Mensch in leidender, fleischlicher Natur geboren werden wollte, nur in diesem Punkte mir ein Irrtum nachgesagt werden. Aber nicht recht ist es, zu leugnen, daß Jesus der Christus ist, wenn es auch scheinen möchte, daß er als Mensch von Menschen geboren wurde, und wenn auch dargetan würde, daß er zum Christus (erst) erwählt wurde. Es gibt nämlich, meine Freunde‘, sagte ich, ‚unter eurem Volke Leute, welche zwar zugeben, daß Jesus der Christus ist, aber behaupten, er sei ein Mensch von Menschen gewesen. Ihre Ansicht teile ich nicht. Auch dürften die wenigsten meiner Gesinnungsgenossen so behaupten; denn eben Christus hat uns befohlen, nicht menschlichen Lehren zu folgen, sondern der Predigt der seligen Propheten und der Lehre Christi selbst.'“ (Justin, Dialog mit Tryphon 48)

„Nun will ich versuchen, euch zu überzeugen von meiner Behauptung, es stehe unter dem Weltschöpfer noch ein anderer Gott und Herr, von ihm werde auch Erwähnung getan, und er werde Engel genannt, weil er den Menschen verkünde, was der Weltschöpfer, über dem kein anderer Gott steht, denselben verkünden will.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 56,4)

„‚Meine Freunde!‘ fuhr ich fort, ’noch ein anderes Zeugnis will ich euch aus der Schrift geben: Vor allen Geschöpfen als Anfang hat Gott aus sich eine vernünftige Kraft1 erzeugt, welche vom Heiligen Geiste auch Herrlichkeit des Herrn2, ein andermal Sohn3, dann Weisheit4, bald Engel, bald Gott, bald Herr und Logos5 genannt wird, und welche sich selbst als ersten Feldherrn6 bezeichnet, da sie in Gestalt eines Menschen Josua, dem Sohne des Nave, erschien. Alle Attribute kommen derselben nämlich zu, weil sie dem väterlichen Willen dient, und weil sie aus dem Vater durch das Wollen erzeugt worden ist.

Doch sehen wir denn nicht ähnliche Vorgänge auch bei uns? Wenn wir nämlich ein Wort (λόγος) aussprechen, erzeugen wir ein Wort, ohne damit etwas zu verlieren, ohne daß also die Vernunft (λόγος) in uns weniger wird. So sehen wir auch, daß ein Feuer, wenn an ihm ein anderes entsteht, nicht deshalb, weil an ihm etwas entzündet worden ist, verringert wird, daß es vielmehr ein und dasselbe bleibt; das an ihm entzündete Feuer erscheint jenem gleich, und doch hat es jenes nicht verringert, an dem es entzündet wurde7.

Zeuge soll mir sein das Wort der Weisheit, welches selbst Gott ist, vom Vater des Weltalls erzeugt, welches Logos, Weisheit, Kraft und Herrlichkeit des Erzeugers ist. Durch Salomo sprach er die Worte8 : ‚Wenn ich euch das verkündet habe, was täglich geschieht, will ich daran denken, von dem Ewigen zu erzählen. Der Herr erschuf9 mich als Anfang seiner Wege für seine Werke. Vor der Zeit, im Anbeginn, ehe er die Welt erschuf und die Abgründe erschuf, ehe die Wasserquellen hervorbrachen und die Berge aufgestellt wurden, hat er mich gesetzt; vor allen Hügeln erzeugt er mich. Gott hat gemacht das Land, die unbewohnten Gegenden und die bewohnten Höhen unter dem Himmel. Als er den Himmel bereitete, war ich bei ihm; als er seinen Thron über den Winden errichtete, als er die oberen Wolken festigte und die Quellen der Tiefe ausglich, als er die Festigkeit gab dem Fundament der Erde, war ich bei ihm, um zu ordnen. Ich war es, mit dem er sich freute. Täglich freute ich mich zu jeder Zeit vor ihm, da er sich freute über die Vollendung des Erdkreises und sich freute an den Menschenkindern. Nun, mein Sohn, höre jetzt auf mich! Selig der Mann, der auf mich hören wird, und der Mensch, der meine Wege einhalten wird, der täglich vor meinen Toren wacht und an den Pfosten meiner Eingänge acht hat; denn meine Ausgänge sind Ausgänge des Lebens. Bereitet ist ihm Wohlgefallen beim Herrn. Wer dagegen wider mich sündigt, verfehlt sich gegen seine Seele, und wer mich haßt, liebt den Tod.'“ (Justin, Dialog mit Tryphon 61)

„Daß die erwähnte Kraft, welche von dem prophetischen Worte – wie oft gezeigt worden ist – Gott und Engel genannt wird, nicht gleich dem Sonnenlichte nur dem Namen nach (für sich) besteht, sondern tatsächlich für sich existiert, habe ich im vorhergehenden3 kurz auseinandergesetzt, da ich erklärte, diese Kraft sei vom Vater durch dessen Macht und Willen erzeugt worden, nicht jedoch sei sie abgetrennt worden, so daß das Wesen des Vaters geteilt worden wäre gleich allem andern, das dann, wenn es geteilt und getrennt wird, nicht dasselbe ist wie vor der Trennung. Auch hatte ich das Beispiel angeführt; wenn wir auch sehen, daß die Feuer, welche an einem andern entzündet wurden, eigene Feuer sind, so wird doch jenes Feuer, an welchem viele entzündet werden können, keineswegs weniger, es bleibt im Gegenteil dasselbe.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 128,4)

Auch bei Theophilus von Antiochia gibt es einige interessante Stellen. Bei der Auslegung der Schöpfungsgeschichte erwähnt Theophilus den Begriff „Dreieinigkeit“:

„Auf dieselbe Weise sind auch die drei Tage, welche der Schöpfung der Lichter vorangingen, ein Sinnbild der Dreieinigkeit: Gottes, seines Wortes und seiner Weisheit. Das vierte Sinnbild ist das des Menschen1, der des Lichtes bedarf, so daß nun da sind: Gott, sein Wort, seine Weisheit, der Mensch. Deswegen wurden auch am vierten Tage die Lichtgestirne erschaffen.“ (Theophilus, An Autolykus II,15)

„Und zwar lehrten sie uns erstens in voller Übereinstimmung, daß Gott das Weltall aus dem Nichts erschaffen. Denn nichts existierte neben Gott, sondern er selbst war sein Raum, war sich selbst vollkommen genug und war da vor allen Zeiten. Er wollte aber den Menschen schaffen, um von ihm erkannt zu werden; für diesen also bereitete er die Welt zu. Denn der Gewordene ist vieler Dinge bedürftig, der Ewige aber ist bedürfnislos. Es zeugte also Gott mit seiner Weisheit sein Wort, das er in seinem eigenen Innern beschlossen trug1, indem er es vor allen Dingen aus sich hervortreten ließ. Dieses Wort nun gebrauchte er als Mittel aller seiner Schöpfungen und erschuf alles durch dasselbe2. Dies Wort heißt ‚der Anfang‘, weil es das Prinzip und der Herr aller Dinge ist, die durch dasselbe sind geschaffen worden. Dies Wort also, das da ist der Geist Gottes3, das Prinzip (aller Dinge), die Weisheit und Kraft des Allerhöchsten, war es, das auf die Propheten herabkam und durch sie die Offenbarungen über die Erschaffung der Welt und die übrigen Dinge redete. Denn die Propheten waren noch nicht, als die Welt entstand, aber die Weisheit Gottes, die in ihm ist, und das hl. Wort Gottes, das ewig bei ihm wohnt, waren schon4. Eben aus diesem Grunde spricht es auch durch den Propheten Salomon: ‚Als er den Himmel zubereitete, war ich bei ihm, und als er den Grund der Erde fest machte, war ich bei ihm und ordnete mit‘5.“ (Theophilus, An Autolykus II,10)

„Du wirst mir nun einwerfen: ‚Du behauptest, es gehe nicht an, daß Gott im Raume eingeschlossen (gedacht) werde; und wie kannst du jetzt sagen, daß er im Paradiese umherwandelte?‘ Höre, was ich erwidere! Gott, der Vater aller Wesen, ist unbegrenzbar und befindet sich in keinem Raum; denn ‚es gibt keine Stätte seiner Ruhe‘1. Sein Wort aber, durch welches er alles gemacht hat, das da ist seine Kraft und seine Weisheit, übernahm die Stelle des Vaters und Herrn aller Dinge, und dieses ist es, das an der Stelle Gottes im Paradiese erschien und mit Adam redete. Denn auch die Hl. Schrift belehrt uns, daß Adam sagte, er habedie Stimme gehört. Was ist aber die Stimme anderes als das Wort Gottes, welches auch sein Sohn ist? nicht auf die Weise, wie die Dichter und Mythographen die Söhne der Götter erzeugt werden lassen, durch fleischliche Vermischung, sondern so, wie die Wahrheit das Wort darstellt, als ewig im Herzen Gottes beschlossen2. Denn bevor irgend etwas erschaffen wurde, hatte er dieses zum Ratgeber, da es sein eigener Gedanke und seine Weisheit ist. Als aber Gott die Dinge alle, die er zu erschaffen beschlossen hatte, erschaffen wollte, da erzeugte er dieses Wort als ausgesprochenes, den Erstgeborenen jeglicher Kreatur, nicht, daß er dieses Wortes verlustig wurde, sondern so, daß er es zeugte und in Ewigkeit mit seinem Worte beisammenblieb. Darauf fußt auch die Lehre der hl. Schriften und der mit dem Geist Gottes erfüllten Männer, von denen einer, Johannes, sagt: ‚Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott‘3, womit er ausspricht, daß im Anfang nur Gott und das Wort in ihm da war. Hierauf sagt er: ‚Und Gott war das Wort; alles ist durch ihn gemacht‘. Das Wort ist also Gott und von Gott gezeugt. Und dies Wort schickt der Vater des Alls, wenn er will, nach irgendeinem Platze im Raum, und vom Vater geschickt erscheint es dort, wird gesehen und gehört und befindet sich so im Raume.“ (Theophilus, An Autolykus II,22)

Tatian schreibt folgendes; er schreibt dem Logos offenbar einen zeitlichen Anfang zu:

„Gott war im Anfang; der Anfang aber ist nach unserer Überlieferung die Kraft des Logos (des ‚Wortes‘)1. Der Herr aller Dinge, der zugleich die Hypostase (der Urgrund) des Alls ist2, war nämlich zu der Zeit, da es noch keine Schöpfung gab, allerdings allein: insofern aber jegliche Kraft alles Sichtbaren und Unsichtbaren bei ihm war, bestanden eben auch alle Dinge schon bei ihm vermöge der Kraft des Logos3. Erst durch einen Willensakt Gottes, dessen Wesen einfach ist, trat der Logos hervor, aber nicht zwecklos ging er von ihm aus und ward des Vaters erstgeborenes Werk4: wir wissen, daß er der Anfang der Welt ist. Seine Geburt erfolgte durch Teilung, nicht durch Abtrennung; denn was man abschneidet, ist von dem Ersten, zu dem es gehörte, für immer geschieden, das aber, was man teilt, wird nur wie in einer Hauswirtschaft da und dorthin gegeben, ohne denjenigen ärmer zu machen, von dem es genommen ist. Wie nämlich von einer Fackel viele Feuer entzündet werden, das Licht der ersten Fackel aber durch das Anzünden vieler anderer Fackeln nicht vermindert wird, so hat auch das Wort, indem es aus der Kraft des Vaters hervorging, seinen Erzeuger nicht des Wortes beraubt. Denn auch ich rede und ihr hört und doch wohl werde ich, der Redende, indem mein Wort zu euch übergeht, keineswegs des Wortes beraubt, sondern indem ich meine Stimme von mir gebe, ist es mein Vorsatz, die ungeordnete Materie in euch zu ordnen. Und wie der im Anfang gezeugte Logos seinerseits unsere Welt sich selber erzeugt hat, indem er die Materie bildete, so verbessere auch ich, der ich zur Nachahmung des Logos wiedergeboren und zur Aufnahme der Wahrheit geschaffen bin, die Unordnung der mitgeborenen Materie5. Denn nicht anfangslos ist die Materie wie Gott, noch hat sie etwa ihrer Anfangslosigkeit wegen gottgleiche Macht; sie ist vielmehr geschaffen worden und von keinem anderen geschaffen, als allein von dem Schöpfer aller Dinge.“ (Tatian, Rede an die Bekenner des Griechentums 5)

Interessant zum Vergleich mit dem, was von vielen christlichen Autoren über Jesus, den Logos, geschrieben wird, ist die Vorstellung des jüdischen Philosophen Philo von Alexandria (gest. vermutlich zwischen 40 und 50 n. Chr.) vom „Logos“, einer Kraft oder einem Mittlerwesen Gottes.

Was ist Rassismus? Teil 2a: Geschichtsmythen: Afrika vor dem Kolonialismus und der Sklavenhandel

Hinter dem heutigen „Anti-Rassismus“ der Linken steckt ein bestimmtes Weltbild, ein bestimmtes Geschichtsbild. Unter vielen Afrikanern ist (verstärkt durch panafrikanische Propaganda oder „black nationalism“) die Sichtweise verbreitet: Wo es Afrika/Schwarzen schlecht geht, ist das der Unterdrückung durch Weiße zu verdanken; wenn diese Unterdrückung nicht gewesen wäre, wäre Afrika haushoch überlegen. Quasi Wakanda. Und im Grunde genommen wollen Weiße Schwarze immer noch unterdrücken, wo sie können; dass es jetzt nicht mehr so schlimm wie früher ist, verdankt sich nur dem geeinten Widerstand der Schwarzen, ohne den käme praktisch die Sklaverei wieder. Unter Weißen wiederum wird es immer mehr verbreitet, zu glauben, die eigene Geschichte sei eine einzige Ansammlung von Gräueltaten und Überlegenheitsdünkel; es gäbe hier nichts, worauf man irgendwie stolz sein könnte. Das natürliche, erwartbare Resultat davon ist Hass und Paranoia unter Schwarzen (und die hat Folgen), und Scham, Minderwertigkeitsgefühle und Selbsthass unter Weißen.

Daher will ich hier mal ein paar Fakten aufzählen, um die Perspektive etwas zurechtzurücken. Öfter geht es wirklich um eine Umkehrung des allgemein verbreiteten Bildes, manchmal auch nur um eine Abmilderung; aber auch „mildernde Umstände“ sollte man erwähnen. (Wenn jemand einen Einbruch begangen und dabei eine Person leicht verletzt hat, ist es auch falsch, ihm einen geplanten Doppelmord vorzuwerfen; dasselbe gilt für Verbrechen von historischen Persönlichkeiten. Die Wahrheit ist ein Wert an sich.)

Der zentrale Punkt, den ich meinen Lesern einhämmern möchte, ist: Sklaverei und Kolonialismus waren zwei verschiedene Epochen in der afrikanischen Geschichte, und der Kolonialismus und nur der Kolonialismus hat die Sklaverei beendet.

Der transatlantische Sklavenhandel fällt in die Zeit, als Afrika unabhängig war und Afrikaner aus eigenem Willen ihre Nachbarn verkauften; es waren die Europäer, die beschlossen, ihn zu beenden, und es waren auch sie, die etwas später, als sie Afrika kolonialisierten, den so oft vergessenen Sklavenhandel mit der islamischen Welt unterdrückten, der im Lauf der Jahrhunderte locker 20 Millionen Opfer gefordert hatte (im Vergleich zu 11-12 Millionen beim transatlantischen Sklavenhandel). Der Kolonialismus hat einige sehr große Übel beendet, von denen das schlimmste der Sklavenhandel war; und er hat neben manchem Schlechten auch viel Gutes gebracht. (In späteren Artikeln will ich auf den Kolonialismus und einige Geschichtsmythen und Fälschungen diesbezüglich eingehen, die v. a. unter Afrikanern verbreitet werden, wie die „Charta des Imperialismus“.)

Aber jetzt der Reihe nach einige Fakten zur afrikanischen Geschichte vor dem Kolonialismus.

Manche Leute, die nur vage Geschichtskenntnisse haben, machen den Fehler, wenn sie über afrikanische Geschichte reden, nicht zu beachten, dass man von einem Kontinent spricht, der zweigeteilt ist durch die Sahara: Afrika nördlich der Sahara, mit seinen hellhäutigeren Bewohnern, die nicht wirklich anders aussehen als Spanier und Griechen, war immer in den Mittelmeerraum eingebunden; es war der Sitz von Reichen wie Ägypten und Karthago, später Teil des Römischen Reiches, früh christianisiert, Heimat von solchen Heiligen wie Augustinus, Clemens von Alexandria, Athanasius, Antonius. Dieser Teil Afrikas wurde im 7. Jahrhundert von arabischen Muslimen erobert und war später teilweise Teil des Osmanischen Reiches (heutige Türkei); freilich wurde der Anteil der christlichen Bevölkerung auch unter muslimischer Herrschaft nur langsam kleiner. Afrika südlich der Sahara, mit seinen schwarzen Bewohnern, bestand größtenteils aus sehr dezentralisierten Gesellschaften und war sehr lange größtenteils heidnisch (polytheistisch, animistisch). Auch die größeren Reiche dort (Dahomey, Kongo, Buganda etc.), waren meistens technologisch ziemlich wenig entwickelt.

Kampala Kasubi Tombs.jpg Eze Nri Obalike.jpg
(Links: Ehemaliger Königspalast, später ein Königsgrab, von Buganda. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer not not phil. Rechts: König (Eze) Obalike von Nri, 1913. Gemeinfrei.)

(Die größte Ausnahme bildet Äthiopien, das über den Nil viel Kontakt zu Ägypten hatte, dessen König im 4. Jahrhundert das Christentum annahm, und das eine Schriftkultur und ein paar ganz beeindruckende Kirchen und Paläste hatte (und das leider zusammen mit den Ägyptern der monophysitischen Häresie verfiel, nach der Christus nur eine Natur, die göttliche, hat).)

Bete Abba Libanos.jpg ET Gondar asv2018-02 img03 Fasil Ghebbi.jpg Aethiopisch orthodoxer Moench.jpg(Bilder aus Äthiopien: Felsenkirche in Lalibela, Palast in Gondar, Mönch mit einer Bibelhandschrift. Bildquelle: Wikimedia Commons, Fotos von Nutzern Bernard Gagnon, A. Savin, Klemens Reidlinger.)

Wenn man an afrikanische Geschichte denkt, denkt man sofort an das Stichwort Sklaverei. Daher eine Klarstellung: Vor 2000 Jahren gab es auf der ganzen Welt Sklaverei. Korea, Indien, Afrika, Rom, Germanien, Irland: Man wird kein Land finden, in dem es keine Sklaverei gab. Die Sklaven stammten nicht aus einer bestimmten Rasse, und Afrika spielte nicht die Rolle eines Sklavenexporteurs für den Rest der Welt. Nachdem manche Länder (vorrangig das Römische Reich) das Christentum annahmen, ging die Sklaverei dort sehr langsam zurück oder nahm mildere Formen an; noch verschwand sie allerdings nicht.

Die ganze Situation änderte sich ab dem 7. Jahrhundert, als eine neue, recht militante Religion entstand, nämlich der Islam. Die islamischen Reiche führten massiv Kriege und importierten massiv Sklaven, teils durch Raubzüge, teils durch Handel. Sie waren nicht wählerisch bei deren Ursprung: Sklaven aus Franken wurden ebenso genommen wie Sklaven aus Osteuropa oder aus Indien (der Name „Hindukusch“ bedeutet übrigens „Hindu-Tod“, da beim Marsch über dieses Gebirge so viele indische Sklaven zu Tode kamen) – oder eben auch aus Afrika.

Die muslimischen Herrscher in Nordafrika bauten militärischen Druck auf die weiter südlich lebenden (schwarzen) Völker auf und zwangen sie dazu, Sklaven als Tribut zu liefern, um nicht selbst versklavt zu werden; die gingen also in der Sahelzone auf Menschenjagd und lieferten die gewünschte Ware nach Norden. Teilweise machten sich die Araber auch selbst einen Spaß an der Sklavenjagd, und teilweise wurde Handel von einzelnen Schwarzafrikanern aus schlichter Geldgier ohne fürstlich organisierte Sklavenjagden betrieben. In Westafrika waren es eher schwarze Fürsten, die auf Sklavenjagd gingen; an der ostafrikanischen Küste legten die Araber selbst Städte an.

„Im 15. Jh. gab es zwischen Kilwa und Mogadischu 37 regelmäßig angelegte Städte mit eigenen Moscheen und raffiniertem persischem Dekor. Alle dienten sie als Exporthäfen für Sklaventransporte in den Irak, nach Persien, auf die arabische Halbinsel, nach Indien und sogar nach China. […] Die Sklaven wurden teils von Händlern im Landesinnern erworben, zusammen mit Elfenbein, welches sie zur Küste tragen mussten; teils wurden sie durch die Raubzüge der Emire erbeutet. So vermerkt der Schriftsteller Ibn Battuta, welcher 1331 Kilwa besuchte, dass der Sultan jährlich zu Sklavenjagden auszog. […] Als Oman im 16. Jh. Seemacht wurde, importierte der Sultan in manchen Jahren 20.000 Schwarzafrikaner.“ (Egon Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, 3. Auflage, München 2018, S. 101-103)


(Schwarzafrikanische Sklaven in Sansibar, 1889. Gemeinfrei.)

Die niedrigste Schätzung für die von den Muslimen zwischen dem 7. und dem 20. Jahrhundert aus Afrika importierten Sklaven beträgt 17 Millionen; dabei sind aber die beim Transport gestorbenen und in den Versklavungskriegen getöteten Menschen nicht mitgerechnet; und selbst diese Schätzung ist höchstwahrscheinlich zu niedrig. Man wird von 20 Millionen und noch mehr auf den arabischen Märkten angekommenen Sklaven ausgehen können.


(Sklavenmarkt im Jemen, Illustration aus dem 13. Jahrhundert. Gemeinfrei.)

In Nordwesteuropa (England, Frankreich, Deutschland etc.) verschwand im Hochmittelalter die Sklaverei, in Südeuropa (Italien, Spanien, Portugal) blieb sie etwas länger erhalten, war aber nicht sehr bedeutend. Europa blieb allerdings in dieser Zeit noch (wenn auch in geringerem Maße als Afrika) ein Herkunftsgebiet für Sklaven: Die muslimischen Kaperfahrer aus den sog. Barbareskenstaaten wie Algier und Tunis erbeuteten im Lauf der Jahrhunderte mehr als eine Million Europäer von Schiffen oder aus Küstendörfern; in einzelnen Fällen fuhren sie bis Irland und sogar Island, aber hauptsächlich konzentrierten sie sich auf das Mittelmeer und die Mittelmeerstaaten: Italien, Malta, Frankreich, Spanien (das die christlichen Spanier langsam von den Arabern zurückeroberten, die von Nordafrika aus dort eingefallen waren) usw. Diese Sklavenjagden dauerten bis ins frühe 19. Jahrhundert; im mittelalterlichen Europa wurden Orden wie die Mercedarier gegründet, die in muslimische Länder gingen, um dort Sklaven freizukaufen. Zu den berühmten Personen, die einige Jahre lang Sklaven der Muslime waren und dann fliehen konnten, gehören der spanische Schriftsteller Miguel de Cervantes und der hl. Vincent de Paul. Der Großteil der Sklaven konnte allerdings weder freigekauft werden noch fliehen. Osteuropa und Russland litten ebenfalls stark unter muslimischen Sklavenjagden.*


(Linkes Bild: Mönche kaufen europäische Sklaven in den Barbareskenstaaten frei. Gemeinfrei. – Rechtes Bild: Kaufmann aus Mekka (rechts) mit seinem tscherkessischen Sklaven (links), ca. 1888. Gemeinfrei.)

Aber zurück zu Afrika: Die Muslime importierten, wie gesagt, besonders viele Sklaven aus Schwarzafrika und in Ländern wie Marokko bildete sich nach und nach eine „color-line“ zwischen hellhäutigeren und dunkelhäutigeren Bevölkerungsschichten: Bei einem Schwarzen war es typisch, dass er Sklave war. Für die Versklavung von Schwarzen wurde als Rechtfertigung manchmal Noahs Fluch über Ham (der u. a. als Stammvater von Kusch, also Äthiopien, gilt) herangezogen, der aus der Bibel stammt (Gen 9,24-27), aber den auch der Islam kannte. Diese Interpretation war etwas vom Islam, nicht vom Christentum Erfundenes; im Christentum wurde sie erst deutlich später von einzelnen übernommen.

Unter muslimischen Gelehrten finden sich sehr viele sehr unfreundliche Äußerungen über Schwarze; hier ein paar Kostproben:

„Ein Anonymus aus dem Irak (um 902) führt die Entstehung unterschiedlicher Rassen von defizienten Untermenschen auf das Klima zurück; in der heißen Klimazone würden die Kinder im Mutterleib zu lange ‚gekocht‘:

’so daß das Kind zwischen schwarz und dunkel gerät, zwischen übelriechend und stinkend, kraushaarig, mit unebenmäßigen Gliedern, mangelhaftem Verstand und verkommenen Leidenschaften, wie etwa die Zanj, die Äthiopier und andere Schwarze, die ihnen ähneln‘.

Eine persische geographische Abhandlung (928 n. Chr.) behauptet:

‚Was die Länder des Südens angeht, so sind alle ihre Einwohner schwarz … Es sind Leute, die dem Maßstab des Menschseins nicht genügen‘.

Desgleichen notiert der Geograph Maqdisi (10. Jh.) über Schwarzafrikaner:

‚Es gibt bei ihnen keine Ehen; das Kind kennt seinen Vater nicht; und sie essen Menschen … Was die Zanj (Ostafrikaner südlich Äthiopiens) angeht, so sind es Menschen von schwarzer Farbe, flachen Nasen … und geringem Verstand oder Intelligenz‘.

Interessanterweise handelt es sich zumeist nicht um einen dichotomischen Rassismus (Schwarz-Weiß), sondern um einen trichotomischen: Zwei minderwertige Rassen (Schwarz und Weiß), beheimatet in den extremen Klimazonen, stehen einer hochwertigen (Rot oder Hellbraun) in der ‚mittleren‘ Zone gegenüber. Demgemäß gelten auch Türken, Slawen und Chinesen als minderwertige Rassen. Die große arabische Philosophie übernahm diesen Hautfarbenrassismus. So untermauert der große Avicenna (Ibn Sina, gest. 1037) die aristotelische Theorie des Untermenschen klimatheoretisch; extremes Klima produziere Sklaven von Natur: ‚denn es muß Herren und Sklaven geben‘; und im Liber Canonis behauptet er, die Schwarzafrikaner seien intellektuell minderwertig. Auch im islamischen Spanien grassierte diese Rassentheorie: Sa’id al-Andalusi (gest. 1070) lehrt eine klimatologisch begründete Minderwertigkeit der Schwarzafrikaner; desgleichen tat der jüdische Philosoph Maimonides (gest. 1204) aus Córdoba, der sowohl Schwarzafrikaner als auch Türken zwischen Menschen und Affen einstuft. Ebenso lässt der große Gelehrte Ibn Khaldun (1332-1406) keinen Zweifel am Untermenschentum der Schwarzen:

‚Daher sind in der Regel die schwarzen Völker der Sklaverei unterwürfig, denn (sie) haben wenig Menschliches und haben Eigenschaften, die ganz ähnlich denen von stummen Tieren sind, wie wir festgestellt haben‘.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 128f.)

Jetzt werden sich manche Leser fragen: Wieso gibt es dann heute keine schwarze Minderheit mehr in Saudi-Arabien, dem Iran oder der Türkei? Die Gründe sind recht einfach: Erstens wurden Sklaven (z. B. auf den Zuckerrohrplantagen oder in den Minen) stärker verheizt als z. B. später in den Südstaaten der USA; sie arbeiteten sich zu Tode, ohne Nachkommen zeugen zu können. Zweitens vermischten sich die hellhäutigeren Herren leichter mit schwarzen Sklavinnen als das in christlichen Gesellschaften der Fall war, wo die Monogamie erwartet wurde und es keine Harems gab. Drittens, und das ist ein noch wichtigerer Grund: Die männlichen Sklaven wurden vor ihrem Import für gewöhnlich kastriert.

Dann kam eine neue Entwicklung. Die Iberische Halbinsel wurde von den Arabern befreit (abgeschlossen war die Reconquista 1492); Europa insgesamt wurde technologisch, wirtschaftlich und militärisch stärker, neue, bessere Schiffe wurden gebaut; die Portugiesen und die Spanier (und später die Hollländer, Franzosen und Engländer) begannen einige Entdeckungsfahrten. Die Portugiesen waren die Vorreiter. Sie segelten schon mal ein Stück auf den Atlantik hinaus und die afrikanische Küste entlang; entdeckten schon im 14. Jahrhundert die Kanarischen Inseln; umrundeten Ende des 15. Jahrhunderts das Kap der Guten Hoffnung, die Südspitze Afrikas. Und die Portugiesen waren die ersten Europäer, die schwarzen Stammesfürsten in Westafrika Menschen abkauften.

Beim transatlantischen Sklavenhandel waren es nicht die europäischen Sklavenhändler, die in Westafrika auf Menschenjagd gingen; diese Mühe mussten sie sich gar nicht machen. Sie kauften Afrikanern ihre Gefangenen aus anderen Stämmen ab; manche der Fürstentümer an der westafrikanischen Küste (z. B. Dahomey, Asante) waren richtiggehend auf das Sklavenjagen spezialisiert.


(Sklavenhändler in Gorée, Senegal, 18. Jh. Gemeinfrei.)

„Welche Modalitäten des Versklavens gab es? 1594 nennt Alvares de Almada für das Gebiet am Gambia-Fluss drei: Krieg und Gefangenschaft, dann die Verstoßung von Straftätern, schließlich Entführungen. König Eyo Honesty, der am Ende des 18. Jhs. am Calabar-Fluß (Bucht von Biafra) als großer Menschenverkäufer agierte, fügt noch zwei Arten hinzu: den Selbstverkauf von Schuldnern, und den Verkauf von entfernten Verwandten. Der Missionar S. W. Koelle befragte 1834 in Sierra Leone angesiedelte Ex-Sklaven und erhielt folgendes Bild: 34% waren Kriegsgefangene, 31% gewaltsam Entführte, 7% Schuldner, 11% Straftäter, 7% von Verwandten und Behörden Verkaufte. Der letzte Punkt indiziert ein bedenkliches Ausmaß von Entsolidarisierung […] Doch eine solche Haltung ist ein historisches Resultat; sie kann sich ergeben aus der unablässigen Erfahrung, den Angriffen überlegener Feinde wehrlos ausgesetzt zu sein, ohne jegliche Aussicht, diese Situation politisch verändern zu können. Dann zerbröckelt der Zusammenhalt, zunächst eines Stammes, schließlich auch der Verwandtschaftsgruppen selber.

Die Eliten der afrikanischen Raubstaaten begingen keine ‚Kollaboration‘; denn man kollaboriert mit einem Überlegenen, um ihm gefällig zu sein. Diese Eliten waren ebenbürtige Partner im Spiel und diktierten den Europäern normalerweise die Marktbedingungen […]. Alle Forts an der Küste des afrikanischen Festlandes waren gemietet gegen einen Tribut an die einheimischen Herrscher; zeigten sich die Europäer widerspenstig, zerstörten die Afrikaner das jeweilige Fort. Ferner legten die Afrikaner fest, wie viele Sklaven sie verkaufen wollten, an wen und in welcher Zeit, ja sogar, welche Sklaven nicht exportiert wurden: das Königreich Benin verhängte ein Ausfuhrverbot für männliche Sklaven und hielt es durch, von 1516 bis tief ins 18. Jh. hinein. […]

Afrikaner versklavten andere Afrikaner, sie deportierten ihre Opfer, und sie verkauften diese an der Küste wie Vieh an europäische Händler. Warum? Weil sie überhaupt keine Gemeinsamkeit zwischen sich und ihren versklavten Opfern sahen. […] Eine ‚afrikanische Solidarität‘ oder gar ‚Identität‘ ist niemals entstanden. Die Täter handelten ihren Zwecken und Interessen gemäß – völlig ‚rational‘. […]

Die Europäer bezahlten ihren Einkauf keineswegs mit Tand oder minderwertiger Ware, sondern mit einem breiten Sortiment hochwertiger Güter: Mit Kaurimuscheln, Silbermünzen, Waffen, mit europäischen Stoffen und indischen Textilien, mit Perlen und mit schwedischen Eisenbarren. Ab 1670 stiegen die Preise kontinuierlich. In Wydah (Dahomey) kostete um 1730 ein Sklave 25 Gewehre oder 40 Leinenballen, um 1750 kostete er 40 Gewehre, bzw. 70 Ballen. […] Josef Inikori spricht von einem Gewehr-Sklaven-Zyklus: Die Afrikaner kauften Gewehre, um noch mehr Sklaven zu machen, um noch mehr Gewehre zu kaufen usw. […]. Diese These ist inzwischen widerlegt: Man benutzte nämlich in weiten Teilen Afrikas bis tief ins 19. Jh. fast nie Gewehre, um Sklaven zu erbeuten. Schnell operierende Reiterverbände gebrauchten blanke Waffen, keine Gewehre; als Fernwaffen blieben die Giftpfeile viel gefährlicher. Die militärische Stärke des Yorubastaates Oyo stützte sich auf die Schlagkraft seiner Reiter und Bogenschützen; weiter nördlich waren Angriffsoperationen vollständig auf das Pferd angewiesen. Daraus folgt, daß es keinen Zyklus Gewehr-Sklaven gab, im Gegensatz zum Zyklus Pferd-Sklaven in der Savannen-Region. Wozu dann aber die 19 Millionen importierten Gewehre? Überwiegend dienten sie den großen Versklaverstaaten als Statusdemonstration für ihre militärischen Apparate, vor allem bei Festen. Ferner taugten sie hervorragend, um Städte und befestigte Dörfer zu verteidigen; und dieser defensive militärische Gebrauch der Musketen war politisch entscheidend: Diese Waffe half staatlichen Gebilden, sich gegen mächtige Nachbarn zu behaupten. Solche Staaten überlebten länger; nicht verwunderlich also, dass die Hauptimporteure von Gewehren zu den größten Lieferanten von Sklaven gehörten.

Die Überfahrt nach Amerika war gefürchtet; sie dauerte auf der Strecke Angola-Brasilien 30 bis 40 Tage, von Guinea zur Karibik zwei Monate. […] Es starben insgesamt etwa 15% der Verschleppten bei der Überfahrt, anfangs durchschnittlich 20%, im 18. Jh. anfangs 15%, um 1750 noch 10%, um 1800 noch 8%. In der zweiten Hälfte des 18. Jhs. bedeutete jeder gestorbene Sklave eine durchschnittliche Einbuße von 0,67% des Gewinns; starben mehr als 15% lohnte das Unternehmen kaum noch. Da jedem Sklaven unter Deck nur etwa 0,5m² zustand, zwang man sie, sich tagsüber an Deck zu bewegen, sogar zu tanzen, ferner zu täglichem Waschen und Mundpflege. Für alle Verschleppten war die Überfahrt ein tiefer biographischer Einschnitt, welcher ihnen jegliche Hoffnung auf Heimkehr raubte, und ein weiteres traumatisches Ereignis, welches ihre frühere Identität entwertete und sie gefügiger machte, eine neue anzunehmen.

Die Todesrate war – im Vergleich mit anderen Transporten – nicht sehr hoch; sie ‚lag im 18. Jh. nicht über jener, die bei transatlantischen Truppen- oder Sträflingstransporten ermittelt worden ist‘. Die Sklavenschiffe transportierten allerdings überwiegend junge, gesunde Männer. Maßgeblich war einerseits, wie lange die Überfahrt dauerte, anderseits, aus welchen Regionen die Sklaven stammten, denn sie waren auf unterschiedlichste Weise epidemiologisch anfällig. Die Tropenkrankheiten sind auch der Grund für einen weiteren Umstand: die höchste Sterberate auf Sklavenschiffen betraf nämlich die europäischen Seeleute; auf französischen Transportern des 18. Jhs. betrug sie durchschnittlich 15%, auf englischen oft 25%. Besonders gefährlich waren die Liegezeiten vor der afrikanischen Küste; hierbei verloren mehrere Liverpooler Transporter um 1770 etwa 45% ihrer Mannschaften. Aus diesem Grunde benötigten die Sklaventransporter, obwohl sie so klein waren, so dermaßen viele Matrosen. Die Kapitäne erhielten 2-5% Provision und waren – unter finanziellen Gesichtspunkten – eher daran interessiert, daß Sklaven überlebten als Matrosen.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 172-177)

1599674371196171010700
(Karte aus: Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 181.)

„Der Augenblick des Ablegens war traumatisch. ‚Die Sklaven die ganze Nacht in Aufruhr‘, heißt es im Bordtagebuch eines Seemanns. ‚Sie spürten, wie sich das Schiff in Bewegung setzte. Ein Geheul, schrecklicher als ich es je zuvor gehört hatte, wie bei den armen Irren im Bedlam Hospital. Die Männer rüttelten an ihren Ketten, was einen ohrenbetäubenden Lärm verursacht.‘

Diese Angst rührte zum Teil daher, daß viele Westafrikaner glaubten, Europäer seien Meereslebewesen, Kannibalen aus dem Land der Toten, das schwarze Leder ihrer Schuhe sei die Haut von Afrikanern, der Rotwein, den sie tranken, das Blut von Afrikanern, und ihr Schießpulver bestehe aus verbrannten und zermahlenen Knochen von Afrikanern. Ähnliche Ängste gab es in Mosambik und bei den Völkern, die dem transsaharischen Sklavenhandel ausgesetzt waren.“ (John Iliffe, Geschichte Afrikas, übers. von Gabriele Gockel und Rita Seuß, München 1997, S. 183)

Nicht in allen amerikanischen Kolonien gab es Sklaven. In spanischen Kolonien gab es sie weniger; ins portugiesische Brasilien wurden Millionen importiert. In den englischen Kolonien in Nordamerika bildeten sich sklavenhaltende (im Süden) und sklavenfreie Gebiete (im Norden) heraus; im Allgemeinen brauchte man da Sklaven, wo man Plantagen (für Zuckerrohr, Tabak, Baumwolle usw.) anlegte. Die Freilassungsquoten waren unterschiedlich hoch (in Nordamerika geringer als in Südamerika); aber praktisch überall bildete sich neben der Schicht der Sklaven eine mehr oder weniger große Schicht aus freien Schwarzen und „Mulatten“ heraus. Auch das Ausmaß der Rassenvermischung war verschieden; in Südamerika höher als in Nordamerika.

Anfangs wurden weiße Schuldknechte (die z. B. als verurteilte Kriminelle aus Europa in die Kolonien gebracht worden waren) und aus Afrika hergebrachte Schwarze manchmal ähnlich behandelt; sie mussten mehrere Jahre arbeiten und wurden dann freigelassen. Erst nach und nach ging die Zufuhr an weißen Schuldknechten zurück.

„Die Geschichte der Karibikinsel Barbados zeigt exemplarisch, welche Dynamik nun einsetzte: Ab 1628 übernahmen Kapitalgesellschaften große Teile der Insel, legten binnen zweier Jahre 120 Plantagen mit durchschnittlich 115 ha an. Sie importierten mehrere tausend englische Sträflinge oder Verarmte, von denen etwa 20% auf der Überfahrt starben und die angesichts der expandierenden Plantagen keine Aussicht mehr hatten, eine eigene Parzelle zu erhalten. 1634 machten die Schuldknechte einen Aufstand, den 800 Milizionäre erstickten. Danach verschlechterte sich ihre Lage; 1647 kamen die Pflanzer einem Aufstand zuvor und exekutierten die Anführer. Von 1648 bis 1655 wurden 12 000 irische politische Gefangene nach Barbados geschickt. Die Schuldknechte wurden nicht nach englischem Recht behandelt, sondern nach lokalem Gewohnheitsrecht. Gemäß dem 1661 erlassenen ‚Act for Ordaining of Rights between Masters and Servants‘ konnte man sie verkaufen, vermieten und verpfänden, ihren Dienst bei Vergehen um ein bis zwei Jahr verlängern und sie auspeitschen. Der Fall Barbados dokumentiert, wie leicht ein sklavistisches System auf der Basis weißer Sklaven hätte entstehen können. Warum geschah das nicht? Erstens weil die Zufuhr fast völlig versiegte; die Betroffenen taten alles, um ihre Strafen anderswo abzubüßen oder sich anderweitig zu verdingen; ihnen boten sich inzwischen viele Alternativen an; hatte doch mittlerweile die europäische Besiedlung Nordamerikas begonnen. Zweitens waren die Kosten der ständigen Repression zu hoch: Menschen, die als öffentliche Sträflinge oder als Verarmte bestimmte Erniedrigungen hinzunehmen bereit waren, wehrten sich verbissen dagegen, in eine private Quasi-Sklaverei hineingepresst zu werden. Drittens gab es Arbeitskräfte, von denen ein viel höherer Prozentsatz die Tropenkrankheiten überlebten: afrikanische Sklaven.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 167f.)

Übrigens gab es auch freie Schwarze, die selbst Sklaven besaßen; ein bekanntes Beispiel wäre Anthony Johnson, ein Schwarzer aus Angola, der 1621 nach Virginia gebracht worden war, nach mehreren Jahren freikam, sich einigen Wohlstand erwarb, und vor Gericht um das Recht stritt (und es erhielt), einen anderen Schwarzen namens John Casor lebenslang in seinem Dienst zu halten statt nur begrenzte Zeit als Schuldknecht.

Sklaverei war eine Sache der Kolonien; in den europäischen Mutterländern existierte sie in aller Regel nicht, und Sklaven wurden frei, sobald sie europäischen Boden betraten (die Ausnahme bildeten Portugal und italienische Städte). Die Menschen in Europa sahen die Sklaverei für gewöhnlich nicht als gut, sondern als eine unschöne Angelegenheit in Übersee, wie man heute Kinderarbeit oder Lohndumping in Fabriken der Dritten Welt sieht, in denen Subunternehmer europäischer Unternehmer produzieren. Erst recht nicht mochten sie den Sklavenhandel, der dafür sorgte, dass ständig immer weitere freie Menschen in die Sklaverei geführt wurden (ab dem 16. Jahrhundert schon findet man übrigens päpstliche Verurteilungen dieses Handels; z. B. hier eine von 1537, hier eine von 1838; auch wenn das Sklavenhalten nicht als in sich falsch kirchlich verurteilt wurde). (Für mehr dazu, was Bibel und Kirche zu Versklavung, Sklavenhandel und Sklaverei sagen bzw. sagten, siehe diesen (ein wenig geupdateten) Artikel hier.)

Die rechtlichen Bestimmungen, denen Sklaven unterworfen waren, variierten. „Als die karabischen Besitzungen Frankreichs immer mehr zu Sklavenkolonien wurden, erachtete es die Krone für nötig, die im Mutterland so verabscheute Sklaverei rechtlich zu regeln; im März 1685 erließ Ludwig XIV. den ‚Code Noir‘. Wie jedwedes Sklavenrecht leidet der Code Noir unter dem Widerspruch, daß Sklaven als Besitz und nicht als Rechtspersonen gelten sollen, anderseits aber Menschen sind, für deren Seelenheil der König höchste Sorge trägt (Artikel 2). Sklaven sind zwar weder als Zeuge noch als Ankläger gerichtsfähig, doch bei schweren Vergehen werden sie nicht vom Herrn bestraft, stattdessen spricht ein Gericht über sie das Urteil. Somit begrenzt der Code Noir die Strafgewalt des Herrn erheblich: Zwar kann der Herr widerspenstige Sklaven ketten, sie mit Ruten oder Seilen schlagen lassen; doch es ist ihm untersagt, sie zu foltern oder zu verstümmeln, andernfalls werden die Sklaven konfisziert. Tötet er einen Sklaven, droht ihm eine Anklage wegen Mordes. Die Arbeit ruht sonntags und an katholischen Feiertagen. Sklaven können nur mit Erlaubnis ihres Herrn heiraten, es ist anderseits verboten, wenn eine Ehe besteht, die Ehegatten und die vorpubertären Kinder getrennt zu halten oder zu verkaufen. Art. 58 erklärt, daß Freigelassene ihren ehemaligen Herrn Respekt zu bekunden haben, aber frei von jeglichen Dienstleistungen sind. Sie gelten automatisch als eingebürgerte Untertanen, mit gleichen Rechten und Pflichten. Falls der verheiratete Herr eine Sklavin als Konkubine hält, so wird diese mitsamt den gemeinsamen Kindern konfisziert, und sie erhält kene Aussicht auf Freilassung. Hingegen darf der unverheiratete Herr eine Sklavin, welche damit automatisch frei wird, ehelichen; die Kinder sind freie Franzosen. […] Die Rechtspraxis der englischen Sklavenregionen folgte nicht dem Code Noir; sie anerkannte keine Sklavenehe, erschwerte die Freilassungen, zog zwischen Freigelassenen und den Weißen eine scharfe politische und soziale Demarkationslinie.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 182f.)

(Eine englische Übersetzung des Code Noir findet man übrigens hier. U. a. enthält er auch Bestimmungen, die Ansammlungen von Sklaven verbieten, Herren befehlen, ihren Sklaven eine bestimmte Menge an Nahrung und Kleidung zur Verfügung zu stellen, die Todesstrafe für Sklaven festlegen, die ihre Herren ins Gesicht schlagen, und festlegen, dass Herren kranke Sklaven pflegen oder einem Hospital für ihre Pflege eine bestimmte Summe zahlen müssen.)

Die Südstaaten der USA zählen zu den bekanntesten Sklavenhalterregionen der Neuen Welt. Die Sklaverei dort war, wenn auch in rechtlicher Hinsicht schlimmer als die Sklaverei in französischen Kolonien, in mancher Hinsicht nicht so schlimm wie andere Sklavensysteme (z. B. im islamischen Machtbereich) – vielleicht gerade „nicht so schlimm“ genug, dass die Südstaatler, denen bewusst war, dass man anderswo auch ohne Sklaverei leben konnte, sich sagen konnten, dass sich am System eigentlich nichts ändern müsste.

Sklaven waren nicht völlig rechtlos und wurden gut genug behandelt, dass sie sich relativ stark vermehren konnten, was in anderen Sklavenhaltergesellschaften der Weltgeschichte, die auf ständigen Nachschub von Sklaven von außerhalb angewiesen waren, nicht der Fall war. Es war verboten, ihnen lesen und schreiben beizubringen, sie durften sich nicht ohne schriftliche Erlaubnis von ihrer Plantage entfernen, und das Schlimmste war natürlich, dass Familien legal getrennt werden konnten; zwar war das nicht so häufig, wie manchmal angenommen wird, aber es kam vor, vor allem, wenn beim Tod eines Sklavenbesitzers sein Erbe zu Geld gemacht und verteilt wurde, und es gab keinen Schutz dagegen. Für die Vergewaltigung von Sklavinnen gilt dasselbe: Sie war nicht so häufig wie manchmal gedacht, aber es gab keinen wirklichen Schutz dagegen. Ein großer Vorteil für Sklaven in den Südstaaten war allerdings, dass ihre Herren oft keine abwesenden Großunternehmer waren, sondern auf der Plantage lebten und ihren Sklaven öfter eine gewisse paternalistische Fürsorge angedeihen ließen. Die Sklaven waren relativ gut ernährt; lebten nicht in großen Baracken, sondern in einzelnen Hütten für eine Familie; wurden versorgt, wenn sie krank waren; oft wuchsen ihre Kinder mehr oder weniger zusammen mit denen ihrer Herren auf. (Einen ganz guten direkten Eindruck von der Sklaverei bekommt man übrigens in den sog. „Slave narratives“, Interviews aus den 1930ern mit Afroamerikanern, die in ihrer Kindheit noch die Sklaverei erlebt hatten.)

Es gibt manchmal eine gewisse Südstaatenschwärmerei, vor allem in den konservativen Kreisen der Südstaaten. Da wird dann die Bedeutung der Sklaverei heruntergespielt – sie wäre mit der Industrialisierung sowieso verschwunden, beim Bürgerkrieg sei es nicht vorrangig um die Sklaverei gegangen – oder auf die Fehler des Nordens verwiesen – den Arbeitern in den Industriestädten des Nordens sei es viel schlimmer gegangen; während der Sklavenhalter des Südens für seine Sklaven gesorgt habe, hätte der Fabrikherr des Nordens seine Arbeiter einfach entlassen können; und überhaupt hätten die Nordstaaten im Bürgerkrieg keine humanen Motive gehabt und es wäre ihnen nicht um die Sklaven gegangen.

Hier ist einiges Wunschdenken dabei. Während man im 18. Jahrhundert in den Südstaaten die Sklaverei noch als etwas Unschönes, als ein Übel, wenn auch vielleicht ein notwendiges Übel, gesehen hatte, das im Lauf der Zeit verschwinden müsste, hatte man sich dort Mitte des 19. Jahrhunderts an sie gewöhnt, wollte sich nicht mehr eingestehen, dass man oder seine Vorfahren die Sklaverei hätten abschaffen können oder sollen. Wer sagt, dass man Sklaven nicht auch als Fabrikarbeiter eingesetzt hätte? Der Süden war sehr überzeugt von dieser Institution. Die Südstaaten haben in ihren Abspaltungserklärungen überdeutlich klargemacht, dass es ihnen um die Sklaverei ging und wie wichtig ihnen diese Institution war; auch die „Cornerstone Speech“ des konföderierten Vizepräsidenten, in der er die Sklaverei als „Eckstein“ der Konföderation bezeichnet, ist aufschlussreich. Das war der Grund der Abspaltung, nichts anderes; und die Abspaltung führte zum Krieg.

Natürlich gab es dann im Norden einige Politiker die mit „wir sind jetzt auch keine so radikalen Abolitionisten, uns geht es jetzt im Krieg erst mal darum, die Union zu bewahren, nicht um die Sklavenbefreiung“ kamen, um auf die öffentliche Meinung einzugehen, denn auch im Norden war die Frage der Sklavenbefreiung keineswegs allen einen Krieg wert. Aber insgesamt war man im Norden doch gegen die Sklaverei und schaffte sie dann ja auch ab. Es stimmt, dass die prakischen Folgen nicht sofort gut waren; dass es im Chaos der Nachkriegszeit den befreiten Sklaven zunächst manchmal schlechter ging als vorher auf den Plantagen. Aber dass der Norden die Befreiung schlecht geplant und durchgeführt hatte, heißt nicht, dass er sie nicht aus wirklicher Empörung über einen schlimmen Missstand beschlossen hatte. Auch die Tatsache, dass es den Fabrikarbeitern im Norden manchmal praktisch schlechter ging, ändert nichts daran; manchmal lenkt man sich ja von eigenen Fehlern damit ab, dass man sich gegen Unrecht anderswo einsetzt, und dieses Unrecht anderswo existiert trotzdem. Und dass die Situation nach den Wirren der Nachkriegszeit besser wurde, wird auch kaum jemand bestreiten wollen.

(Was übrigens die Religion angeht: Norden und Süden waren gleichermaßen religiös (größtenteils protestantisch), und verteidigten ihre Ansichten zur Sklaverei gleichermaßen mit der Bibel.)

Soweit zur Sklaverei in Amerika; am Rande seien hier noch die „Kammermohren“ oder „Hofmohren“ in Europa erwähnt: Schwarze, die auf irgendwelchen Umwegen (oft durch Sklavenhändler) nach Europa gelangten und dort zu Dienern von Fürsten wurden. In Europa war die Situation ganz anders als in den amerikanischen Kolonien; Schwarze waren keine niedere Klasse, sondern als faszinierend gesehene vereinzelte Exoten, die die Fürsten gern um sich haben wollten, denen sie oft Bildung und hohe Gehälter oder Erbschaften zukommen ließen und als deren Taufpaten sie selbst fungierten: der „Hofmohr“ in den Salons von Wien oder Salzburg war etwas ganz anderes als der „Negersklave“ auf der karibischen Zuckerplantage. Auch wenn die Kammermohren (oft als Kinder) als Sklaven nach Europa gebracht worden waren, das europäische Recht kannte, wie oben schon gesagt, eigentlich keine Sklaverei und dementsprechend wurden die Hofmohren im Endeffekt als normale Diener und Höflinge behandelt. Ehen mit Europäerinnen waren nichts Außergewöhnliches.

Einige Kammermohren erlangten eine gewisse Bekanntheit. Anton Wilhelm Amo war ein Philosoph und Jurist, der gegen Ende seines Lebens nach Ghana zurückkehrte; Angelo Soliman ein Prinzenerzieher beim Fürst von Liechtenstein (und leider ein Freimaurer); Abraham Petrowitsch Hannibal erreicht in Russland sehr hohe Stellungen in Politik und Militär und wurde Großgrundbesitzer, außerdem ist er der Urgroßvater des russischen Dichters Puschkin; Ignatius Fortuna war ein typischerer Kammerdiener ohne besondere sonstige Leistungen, allerdings war er recht wohlhabend und wurde er von seiner Fürstin mit einer hohen Erbschaft bedacht und auf ihren Wunsch hin in der Nähe ihres eigenes Grabes bestattet.

(Links: Fürstäbtissin Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach mit Ignatius Fortuna, von Johann Jakob Schmitz, 1772. Gemeinfrei. Rechts: Angelo Soliman. Gemeinfrei.)

Aber jetzt zur Abschaffung der Sklaverei.

Der ab dem 15. Jahrhundert neu entstandene transatlantische Sklavenhandel war, wie schon gesagt, keineswegs allgemein gern gesehen. Ab dem 18. Jahrhundert entwickelte sich eine stärkere Bewegung für die Abschaffung (Abolition) der Sklaverei; in englischsprachigen Gebieten geprägt von Freikirchlern – Methodisten, Quäkern, usw. England beschloss 1807 ein Verbot des Sklavenhandels; kurz darauf untersagten auch die USA den Import neuer Sklaven. Die Sklaverei selbst blieb im Britischen Empire noch ein wenig länger erhalten, aber relativ bald lief es auf ihre Abschaffung zu, während dieser Weg in den US-Südstaaten schwieriger war. Diese Bemühungen waren nicht auf die englischsprachigen Gebiete beschränkt; in ganz Europa entwickelte sich Empörung über die Grausamkeiten des Sklavenhandels und es entstanden Organisationen, um ihn zu bekämpfen.


(Logo britischer Abolitionisten. „Bin ich nicht ein Mensch und ein Bruder?“ Gemeinfrei.)

Dass v. a. die Briten es ernst mit der Unterdrückung des Sklavenhandels meinten, zeigt sich an einer einfachen Tatsache: Sie steckten Geld und Einsatz hinein.

„Nachdem in Europa 1814 der Friede wiederhergestellt war, versuchte die britische Regierung, über internationale Verträge den Sklavenhandel lahmzulegen, um die Sklaverei auszutrocknen. Denn das interne britische Verbot hatte nicht verhindert, daß die transatlantischen Überfahrten neue Rekordziffern erreichten. Den ersten bilateralen Vertrag zur Abschaffung des Sklavenhandels unterzeichneten 1814 Großbritannien und Frankreich; im Februar 1815 gaben auf dem Wiener Kongreß acht europäische Monarchien eine Erklärung ab, sie seien entschlossen, den Sklavenhandel zu unterdrücken. 1817 und 1823 folgten bilaterale Verträge mit Portugal und Spanien, um die gegenseitige Durchsuchung von Schiffen zu legalisieren, danach zahlreiche andere. Englische Kapitäne, die man beim Transportieren von Sklaven ergriff, wurden gehenkt. Den ständigen Druck der britischen Marine empfanden freilich andere Länder als Bruch des internationalen Rechts und der nationalen Souveränität. In der Tat drängten die Abolitionisten auf direkte imperiale Intervention, wobei die Quaker in Gewissensnot gerieten, da sie Gewalt ablehnten. Jahrzehntelang leisteten britische Kriegsschiffe humanitäre Interventionen und machten Großbritannien zum Weltpolizisten.

1823 verbot das Parlament das Auspeitschen und begrenzte den Arbeitstag der Sklaven auf 9 Stunden; das Zwangssystem begann zu wanken. Es vervielfachten sich die Revolten, welche jedoch niedergeschlagen werden mussten, da das System immer noch legalerweise bestand. 1833 beschloß das Parlament, die Sklaverei im gesamten Empire abzuschaffen; die Sklavenhalter wurden mit insgesamt 20 Mio Pfund entschädigt, die Sklaven sollten noch 7 Jahre als ‚Lehrlinge‘ bei ihren Herren arbeiten. 1841 kam es zu einem multilateralen Vertrag, welcher den Sklavenhandel auf eine Stufe mit Piraterie stellte und vorsah, die Weltmeere zu überwachen und Seeblockaden zu verhängen – im Dienste der Humanität. Danach patrouillierten regelmäßig bis zu 60 Kriegsschiffe in afrikanischen Gewässern, zuvorderst britische, aber auch französische und US-amerikanische. Im Februar 1848 brach in Frankreich die Revolution aus; am 27. April erklärte ein Dekret in allen französischen Besitzungen die Sklaverei mit sofortiger Wirkung für aufgehoben; nach alter Tradition bestimmte Artikel 7, jeder Sklave werde frei, ’sobald er französischen Boden betritt‘. Ab 1849/50 setzte die britische Marine eine weitgehende Blockade der westafrikanischen Küste durch und erdrosselte tatsächlich den dortigen atlantischen Sklavenhandel. Von 1807 bis 1867 fing man insgesamt 1287 Sklavenschiffe ab. Den Sklavenhandel zu unterbinden war teuer; 90% der gesamten Last trugen die Briten, deren Marine zu diesem Zweck 15% ihrer Schiffe verwandte. ‚Insgesamt wendeten die Briten ein halbes Jahrhundert lang rund 250.000 £ (Pfund) pro Jahr oder … rund 2 bis 6% ihres gesamten Marinebudgets auf.‘ Von 1816 bis 1862 kostete die Unterdrückung des Sklavenhandels ebensoviel wie die britischen Händler von 1760 bis 1807 am Verkauf Versklavter verdient hatten.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 206-208)

„‚Sie nahmen uns die Fesseln von den Füßen und warfen sie ins Wasser‘, erinnerte sich ein befreiter Sklave, ’sie gaben uns Kleider, um unsere Blöße zu bedecken, sie öffneten die Wasserfässer, damit wir unseren Durst stillen konnten, und wir aßen, bis wir satt waren.'“ (Iliffe, Geschichte Afrikas, S. 199.)

HMS Brisk and Emanuela.jpg Captain Sir George Ralph Collier.jpg
(Links: Darstellung eines britischen Marineschiffs, das ein Sklavenschiff aufbringt. Rechts: Sir George Ralph Collier, erster Commodore der ‚West Africa Squadron‘. Gemeinfrei.)

Man muss kein Freund der Briten des 19. Jahrhunderts sein; in ihrem eigenen Land schufteten Kinder in Minen und Fabriken, sie nahmen den Hungertod etlicher Iren billigend in Kauf und mit China begannen sie Krieg, um den Chinesen weiterhin Opium verkaufen zu können; aber in Bezug auf den Sklavenhandel muss man schlicht sagen: Ohne sie würde wahrscheinlich immer noch weltweit Sklavenhandel betrieben.

Von Schiffen befreite Sklaven wurden oft in eigens angelegten Städten in Afrika angesiedelt; dazu gehören Libreville im heutigen Gabun und Freetown im heutigen Sierra Leone. Abolitionistischen Bemühungen verdankt sich auch die Existenz der einzigen amerikanischen Kolonie in Afrika, einer Kolonie besonderer Art: Liberia (von lateinisch liber = frei), gegründet im Jahr 1822 von der „American Colonization Society“, die freigelassenen Afroamerikanern, die auf den Heimatkontinent ihrer Vorfahren zurückkehren wollten, einen Platz zur Ansiedlung verschaffen wollte. (Liberia wurde 1847 unabhängig.)

West Virginia slaves for settlement in Liberia 1837.png
(Ausschnitt eines Zeitungsberichtes im ‚African Repository‘ von 1837 über einen Sklavenbesitzer aus Virginia, der zwölf Sklaven freilassen und für die Reise nach Liberia ausstatten will. Gemeinfrei.)

Sklaverei endete nie von selbst; es brauchte immer die Entscheidung dazu, und den Willen, diese Entscheidung durchzusetzen. In Europa und europäischen Kolonien brachten Aktivismus und Gesetzesänderungen meistens viel; um die muslimische Sklaverei zu beenden, waren militärische Interventionen von außen nötig; diplomatischer Druck tat nur wenig, und aus muslimischen Gesellschaften heraus kam kein Wille zur Veränderung. Sklavenaufstände waren derweil für gewöhnlich zum Scheitern verurteilt. Der einzige größere erfolgreiche Sklavenaufstand der Weltgeschichte fand von 1791 bis 1804 auf Haiti statt; und den Siegern gelang nach ihrem Sieg kein wirklich erfolgreicher Aufbau eines Staates.


(Pétion und Dessalines, zwei Anführer der Haitianischen Revolution, Bild von Guillon-Lethière. Gemeinfrei.)

Das Vorgehen gegen den Sklavenhandel zur See zeigte gewisse Erfolge, wobei immer noch eine gewisse Anzahl an Sklaven von gewinnsüchtigen Kapitänen geschmuggelt wurde (ihr Preis war unter diesen Umständen natürlich gestiegen); die Nachfrage in Amerika verschwand dann erst, nachdem in den USA der Bürgerkrieg (1861-1865) zu Ende und die Sklaverei abgeschafft war, und zuletzt Brasilien sie 1888 abschaffte. Dennoch beendete das Versklavungsprozesse nicht: Dann verkauften westafrikanische Versklaver ihre Sklaven eben in andere afrikanische Reiche, oder (da die Europäer den „legitimen Handel“ mit Gütern wie Palmöl förderten) setzten sie selbst auf Palmölplantagen in Westafrika ein, um das Palmöl dann den Europäern zu verkaufen. Die Sklavenjagden der Araber in Afrika, v. a. Ostafrika, wurden im 19. Jahrhundert unterdessen immer schlimmer; und hier befinden wir uns am Vorabend der Kolonialisierung Schwarzafrikas.

Aber zur Kolonialisierung und der großflächigen Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei innerhalb Afrikas im nächsten Artikel.

* Im Frühmittelalter gab es noch mehr Versklavungsprozessse und Europa war stärker gefährdet: „Es lassen sich 4 wichtige Routen ermitteln: auf der ersten importierten friesische Händler Sklaven irischer und englischer Herkunft aus London, um sie in den Binnenhäfen Westeuropas und Deutschlands zu verkaufen; auf der zweiten verbrachte man Sklaven aus den noch heidnischen slawischen Gebieten durch Bayern über die Alpen nach Venedig, von wo aus sie zu den islamischen Märkten verfrachtet wurden; auf der dritten kamen verschleppte Slawen durch Deutschland über Verdun, das als Sammellager und Kastrationsanstalt diente, das Rhône-Tal abwärts nach Arles und Marseilles, von wo aus sie ins moslemische Spanien gelangten, um die Mamlukenschaft des Kalifats zu ergänzen; die vierte Route führte von England zum islamischen Spanien, welches die meisten importierten Sklaven absorbierte und einen Teil nach Nordafrika und Ägypten weiterverkaufte.

Es war im fränkischen Reich untersagt, Versklavte in andere ‚Staaten‘ oder Christen an nichtchristliche Händler zu verkaufen. Das Verbot wurde ständig missachtet. Wiederholt versuchten kirchliche Synoden diesen Handel zu stoppen, schlugen sogar vor, daß französische Christen die Sklaven kaufen sollten, damit diese nicht in die Hände der Muslime fielen, vergebens.

Es blieb nicht beim Sklavenhandel. Zwischen 827 und 972 schienen die verbliebenen funktionierenden Königreiche zu kollabieren: Seit 825 griffen die Wikinger die Küsten an, drangen entlang der Flussläufe ins Innere, plünderten, zerstörten und verschleppten gefangene Menschen. Ihre Ausgriffe reichten bis tief nach Russland, wo sie 882 das Reich der Waräger gründeten; sie verschifften ihre Opfer von Irland bis ins moslemische Spanien, aber auch nach Osten, entweder über Nowgorod zur oberen Wolga, dann wolgaabwärts bis Bulgar, wo die Händler der moslemischen Niederlassung die Sklaven einkauften und sie über einen weiten Landweg zu den großen Sklavenmärkten und Kastrationszentren von Buchara und Samarkand verschleppten; oder über die Düna-Dnjepr-Linie bis nach Kiew; von dort führte ein Transportweg über das Schwarze Meer nach Konstantinopel und bis Ägypten, ein anderer nach Osten, den Don aufwärts, hinüber zur Wolga bis nach Itil im Norden des Kaspischen Meeres, wo ein riesiger moslemischer Sklavenmarkt die Opfer empfing, um Persien und den Irak zu beliefern. Ab 845 zahlten die Franken Tribute, um dieses Übel abzuwenden (Danegeld), was nur beding half. Gefährlicher war der Angriff aus dem Süden: 827 setzten nordafrikanische Emire nach Sizilien über, 840 besetzten sie Tarent, 846 richteten sie in Bari ein Emirat ein; ihre ständigen Razzien führten 846 zum ersten, 878 zum zweiten Angriff auf Rom; von Bari fuhren die Sklavenschiffe regelmäßig nach Tunis und Ägypten. 890 setzten sich die Truppen des Emirats von Córdoba im südfranzösischen Fraxinetum fest und unternahmen von dort ihre Feldzüge in das obere Rhonetal. 940 sperrten sie die westlichen Alpenpässe. Der südliche Rand Europas drohte zur okkupierten Lieferzone für die militärisch weit überlegene islamische Welt zu werden. Dazu kamen die Invasionen aus dem Osten: Seit 886 machten die Ungarn, ein Reitervolk der eurasischen Steppe ihre Raubzüge tief nach Mitteleuropa; auch sie zerstörten Siedlungen und deportierten Gefangene; 899 traf es Pavia, 911 Köln. Wohin kamen die Versklavten? Wen die Ungarn nicht benötigten, wurde wahrscheinlich donauabwärts verfrachtet, um übers Schwarze Meer nach Konstantinopel zu gelangen; da die Byzantiner nicht mehr die Mittel hatten, große Sklavenmengen zu importieren, dürfte der Großteil zu Schiff nach Syrien, dem Irak und Ägypten verschleppt worden sein. Erst 955 konnte Otto I. mit dem Sieg auf dem Lechfeld dieses Ausbluten der Bevölkerung im ostfränkischen Reich beenden. Die Invasionen der Wikinger endeten, als der westfränkische König 911 ihre Ansiedlung in Nordfrankreich akzepierte; 972 vertrieb das westfränkische Reich die Araber aus Südfrankreich. Angenommen, die fränkischen Reiche wären politisch zusammengebrochen, was wäre geschehen? Das christliche Resteuropa wäre eine ständig heimgesuchte Zone für mehrere kriegerische Versklaver geworden, welche ihre nicht zu absorbierenden Sklavenüberschüsse an das islamische Weltreich lieferten. Wäre Europa eine Lieferzone – vielleicht afrikanischen Typs – geworden, hätte die Weltgeschichte einen anderen Lauf genommen.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklavere, S. 154-157)