Korrumpierung des Glaubens?

Es ist eine bekannte Phrase: Jetzt, da [nicht total säkularisierte] Christen so gut wie keine politische Macht mehr haben, wird doch wenigstens ihr Christentum nicht von der Tagespolitik korrumpiert. Entweltlichung! Die Kirche wird rein und unbefleckt, nicht so wie in der Renaissance oder zu solchen schrecklichen Zeiten.

Das ist aber im Grunde genommen die Einstellung: Wenn man etwas falsch machen könnte, versucht man es gar nicht erst. Wenn man als Christ in der Politik Fehler machen könnte, lieber keine christliche Politik machen.

Gott hat bekanntlich die ganze Welt geschaffen, nicht nur die Kirche, das Pfarrheim und die eigene Wohnung, und Er hat den Menschen als Wesen geschaffen, das politische Organisation braucht (wie schon der Apostel in Röm 13 klarstellt). Wenn Christen die Politik aufgeben, übernehmen andere, und das hat mehr als genug schlimme Folgen. [Das soll kein Angriff auf einzelne sein: Heute haben wir einfach zu wenig Christen, die fähig dazu wären und denen es praktisch möglich wäre, in die Politik zu gehen und dort was auszurichten. Aber egal, ob die Christen sich zurückziehen oder einfach ihre Zahlen schrumpfen: Das Vakuum füllt sich.]

Bereich Wirtschaft: Mal hat man extrem liberale, mal sozialistische Ideen, wenn man die katholische Soziallehre aufgibt, und beide führen zu Ungerechtigkeit.

Bereich Lebensrecht: Es werden Abtreibung, Euthanasie, Suizidbeihilfe, Embryonenforschung erlaubt.

Bereich Familie: Leihmutterschaft und Homoehe (mitsamt Adoptionsrecht) kommen, davor wird die Scheidung normalisiert. Die Familie wird zugunsten des Staates zurückgedrängt, der die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ will.

Man muss nicht für Fürstbischöfe sein; man kann schon das Argument vorbringen, dass ein Bischof sich hauptsächlich auf bischöfliche Aufgaben konzentrieren sollte. (Wobei Fürstbistümer für die Untertanen gar nicht so schlecht waren; „unter dem Krummstab ist gut leben“ war sprichwörtlich.) Aber gegen katholische Laien in der Politik zu sein, die sich nach ihrem katholischen Glauben richten und mit der Kirche zusammenarbeiten, ob nun Erbmonarchen wie der sel. Karl I. von Österreich-Ungarn, der hl. Ludwig IX. von Frankreich, Albert I. von Belgien oder sonstige Politiker wie Engelbert Dollfuß, Ellen Ammann, Konrad Adenauer, Gabriel Garcia Moreno oder der hl. Thomas Morus? Welchen Sinn ergibt das?

Reichsapfel des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer Arnoldius.

Es ist lustig, dass man dieses Argument manchmal von Leuten hört, die sonst entsetzt zurückschrecken würden, wenn es hieße, der Christ solle sich „von der Welt unbefleckt“ halten. (Das soll er ja auch; von manchen Dingen muss man sich einfach abgrenzen. Der Zweck heiligt nicht die Mittel und man ist nicht für alles verantwortlich. Nur heißt das eben nur in manchen Systemen, dass er sich aus Gewissensgründen ganz dem politischen System entziehen muss, weil es dermaßen dysfunktional ist.) Was, wir sollen uns absondern, uns als die Reinen aufspielen? Niemals; das wäre doch ein Verrat an unseren Mitmenschen. Wenn es an die Politik geht, soll man es aber plötzlich doch. Hier sieht man, dass der Grund wohl eher der ist, dass man nicht als Theokrat gelten will, der anderen „seine religiösen Überzeugungen aufzwingen“ will – also lässt man sich von anderen ihre atheistischen Überzeugungen aufzwingen und lässt diejenigen im Stich, denen man mit seinen christlichen Überzeugungen helfen würde.

Und wie rein wird die Kirche denn? Intrigen im Vatikan und den Bistümern gibt es heute mehr als genug.

„Aber die Kirche sollte sich nicht der Politik / dem Staat anbiedern.“ Mir scheint es, als ob die Kirche das früher, als es noch katholische Parteien wie die Zentrumspartei und die Bayerische Volkspartei gab, oder noch früher, als die meisten Länder von christlichen Monarchen regiert wurden, weniger getan hat als heute.

Gerade weil sie eine mächtige Partei war, die ihre Interessen offensiv vertrat und eine privilegierte Stellung in der Gesellschaft einnahm, musste sie sich weniger anbiedern und andere mussten sich ihren Forderungen mehr anpassen. Dem Sonnenkönig Ludwig XIV., der täglich die Messe besuchte, wurde jahrelang die Kommunion verweigert, als er eine Mätresse hatte (in späteren Jahren war er seiner zweiten Frau treu); unsere Bischöfe schaffen es selten, im Ehebruch lebenden Politikern die Kommunion zu verweigern. Die Kirche damals hatte es nicht so sehr nötig, sich mit den Mächtigen gut zu stellen. Der hl. Bischof Ambrosius von Mailand verwehrte nach dem Massaker von Thessaloniki im Jahr 390 dem römischen Kaiser Theodosius den Zugang zum Dom und brachte ihn dazu, Buße zu tun.

Ambrosius und Theodosius. Gemälde von Anthonis van Dyck, 17. Jh. Gemeinfrei.

Das ist natürlich verallgemeinernd; es wird sicher auch Gegenbeispiele und andere Nachteile geben. Aber hier kommen wir zum Punkt zurück: Dass man etwas falsch machen könnte, heißt nicht, dass man es einfach aufgeben sollte oder kann.

Oft, vermute ich, kommt die Abneigung gegen die Idee einer christlichen Verfassung, eines christlichen Staates, eines christlichen Staatsoberhauptes, christlicher Politiker einfach von vagen und falschen Vorstellungen davon, wie so was früher ausgesehen hätte. Schreckensvorstellungen vom finsteren Mittelalter mit seiner allgegenwärtigen Unterdrückung wabern eben immer noch umher. Daher lohnt es sich, sich über Herrschaft in der christlichen Vergangheit und konkrete christliche Herrscher – vor allem die besonders frommen – zu informieren; und die am besten auch mal mit nicht- oder antichristlichen Herrschern zur selben Zeit zu vergleichen.

(Und aufzuhören, die Herrscher zur eigenen Zeit für den Maßstab aller Dinge zu halten. Vielleicht wäre man ja vor 100, 200 oder 700 Jahren ziemlich entsetzt gewesen, wenn man unsere Herrscher und unsere Gesetze hätte sehen können.)

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