Moraltheologie und Kasuistik, Teil 9c: Gelegenheiten zur Sünde

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Während Verführung, Ärgernis und Mitwirkung an den Sünden anderer Sünden gegen die Nächstenliebe sind, kann es eine Sünde gegen die Selbstliebe sein, sich selbst Gelegenheiten zur Sünde auszusetzen.

Natürlich lassen sich nicht alle Gelegenheiten zur Sünde vermeiden, solange man auf der Welt lebt; einige allerdings schon. Man unterscheidet vor allem die nächste und die entfernte Gelegenheit zur Sünde; dann die notwendige und die nicht notwendige Gelegenheit zur Sünde.

Die nächste Gelegenheit zur Sünde ist eine, in der man vernünftigerweise damit rechnen kann, dass man sündigen wird oder in der es zumindest relativ wahrscheinlich ist; wenn man z. B. in acht von zehn Fällen, in denen man sich Alkohol gekauft hat, sich nicht mäßigen konnte und sich total betrunken hat, ist der Kauf von Alkohol eine nächste Gelegenheit. Eine entfernte Gelegenheit ist eine, in der man in etwas größerer Versuchung als sonst ist, aber ihr noch relativ leicht widerstehen kann. Wenn man sich ein paar Mal in seinem Leben betrunken hat und sich manchmal dazu verleiten lassen möchte, mehr zu trinken als gut ist, wenn man mit seinen Freunden weggeht, sich aber relativ leicht beherrschen und davon zurückhalten kann, ist es eine entfernte Gelegenheit.

Notwendig ist eine Gelegenheit, wenn man sich ihr aus einem verhältnismäßigen Grund aussetzt. (Wenn man sich ihr aus einem geringfügigeren, nicht verhältnismäßigen Grund aussetzt, zählt sie im strengen Sinn als nicht notwendig, noch mehr, wie wenn man sich ihr völlig ohne Grund oder aus einem schlechten Grund aussetzt.)

Zwei Beispiele: Wenn ein frisch zum Katholizismus bekehrtes, bisher unverheiratet zusammenlebendes Paar, das erst in zwei Monaten heiraten kann, sich entscheidet, bis zur Hochzeit noch weiterhin zusammenzuleben, weil sie ein gemeinsames Kind haben, das sie beide braucht, und weil es außerdem praktisch kaum machbar wäre, dass sich einer in der Zwischenzeit eine andere Unterkunft sucht, obwohl sie dabei immer wieder in Versuchungen gegen die Keuschheit geraten, ist das eine notwendige Gelegenheit zur Sünde; wenn das Paar kein Kind hätte, sich auch noch gar nicht sicher wäre, ob sie überhaupt irgendwann heiraten wollten, und einer leicht in absehbarer Zeit eine andere Wohnung finden könnte, wäre es eine nicht notwendige Gelegenheit zur Sünde.

Erstmal ein paar Grundprinzipien:

  1. Sich einer a) nicht notwendigen b) nächsten Gelegenheit zur c) schweren Sünde auszusetzen, ist selbst eine schwere Sünde.
  2. Wenn man sich einer notwendigen nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde aussetzt, muss man etwas dafür tun, um sie zu einer entfernteren Gelegenheit zu machen (bestimmte Vorkehrungen treffen, die es einem schwerer machen, in die Sünde zu fallen oder es leichter machen, ihr zu widerstehen; zu Gott um Seine Hilfe beten). Da die Gelegenheit notwendig ist, wird Gott einem auch Seine Hilfe gewähren, aber man muss auch das Seine tun, also praktische Vorkehrungen treffen.
  3. Je entfernter eine Gelegenheit zur schweren Sünde, desto leichter lässt es sich rechtfertigen, dieses Risiko einzugehen. Je größer die Gefahr zur Sünde, und je größer die Sünde, desto bedeutender muss der Grund sein, das Risiko einzugehen. Es kann in manchen Fällen auch eine lässliche Sünde sein, wenn man sich einer noch relativ nahen, aber nicht mehr ganz nahen Gelegenheit nicht ganz grundlos, aber aus einem gerade so nicht mehr verhältnismäßigen Grund aussetzt.
  4. Bei wirklich entfernten Gelegenheiten zur schweren Sünde, denen man also leicht widerstehen kann und bei denen man weiß, dass das Risiko nicht groß ist, gibt es keine Pflicht, sie unter Sünde zu meiden, oder jedenfalls ist es höchstens eine lässliche Sünde bzw. lässt sich mit einem relativ geringfügigen Grund rechtfertigen.
  5. Auf Gelegenheiten zu lässlichen Sünden muss man im Allgemeinen nicht besonders achten, weil sie ziemlich zahlreich sind und es sehr umständlich wäre, wenn man sie alle vermeiden wollte; vielleicht wird es Situationen geben, in denen man eine Gelegenheit für bestimmte häufige lässliche Sünden meiden/entfernen sollte. Aber sie nicht zu meiden geht jedenfalls nicht über lässliche Sünde hinaus.

Oft gibt es Grenzfälle zwischen der entfernten und der nächsten Gelegenheit; dazu weiter unten mehr.

Heribert Jone schreibt über die Plichten des Beichtvaters gegenüber Gelegenheitssündern:

„I. Begriff der Gelegenheit. Unter Gelegenheit versteht man einen äußeren Umstand, der jemand zur Sünde anlockt und es leicht macht, sie zu begehen.

Hier kommt nicht die entferntere, sondern nur die nächste Gelegenheit in Betracht, d. h. jene Gelegenheit, in der jemand immer oder fast immer sündigt, so daß es auch für die Zukunft moralisch sicher oder sehr wahrscheinlich ist, daß jemand sündigt, wenn er in diese Gelegenheit kommt. Dabei ist es gleich, ob nun die Menschen im allgemeinen fallen (absolute Gelegenheit) oder nur ein bestimmter wegen seiner besonderen Anlagen (relative Gelegenheit). – Die entferntere Gelegenheit kommt hier nicht in Betracht, weil man sich ihr aus einem vernünftigen Grunde aussetzen darf. [Anmerkung: Mit einem „vernünftigen Grund“ ist in der Moraltheologie nicht dasselbe gemeint wie mit einem „schwerwiegenden Grund“; ein vernünftiger Grund ist relativ leicht gefunden.]

Die nächste Gelegenheit kann sein eine freiwillige oder eine notwendige. Erstere kann man leicht meiden. Die Meidung der letzteren ist physisch oder moralisch unmöglich wegen des mit der Meidung verbundenen großen Schadens für Leben, Gesundheit oder guten Namen. Notwendige nächste Gelegenheit zur Sünde ist z. B. eine Bekanntschaft, bei der Aussicht auf baldige Heirat vorhanden ist.

2. Absolution von solchen, die sich in der nächsten Gelegenheit zur Sünde befinden.

a) Wer die nächste freiwillige Gelegenheit zur Sünde nicht meiden will, kann nicht losgesprochen werden.

Dies gilt auch, wenn er die Gelegenheit durch Gebet usw. zu einer entfernteren machen will. [Anmerkung: Ein Grund wird sein, dass man nicht unbedingt mit Gottes großer Hilfe rechnen können wird, wenn man eine nicht notwendige Gelegenheit nicht aufgeben will.]

Wer aufrichtig verspricht, diese Gelegenheit sofort zu meiden, kann auch sofort absolviert werden. – Wer schon öfters dieses Versprechen gebrochen hat, dessen Disposition ist zweifelhaft. Er kann deshalb gewöhnlich nicht absolviert werden, bevor er die Gelegenheit tatsächlich aufgegeben hat (vgl. Nr. 605). […]

b) Wer die nächste notwendige Gelegenheit zur schweren Sünde nicht entfernt, aber durch Anwendung geeigneter Mittel zu einer entfernteren machen will, kann absolviert werden.

Derartige Mittel können entweder die geistigen Kräfte stärken (Gebet, Sakramente, Erwägung der ewigen Wahrheiten) oder die Macht der Gelegenheit mindern (Bewachung der Augen; Vermeidung eines vertrauten Verkehrs mit der Person; es meiden, mit dieser Person allein zusammen zu sein).

Wer trotz der angewandten Mittel immer wieder fällt, kann nicht gezwungen werden, um jeden Preis die Gelegenheit aufzugeben, er muß aber nachdrücklich zur eifrigeren Anwendung der Gegenmittel aufgefordert werden. – Wenn ihn aber diese Gelegenheit in die nächste Gefahr der ewigen Verdammnis brächte, müßte er sie sogar um den Preis seines Lebens aufgeben. Nicht absolviert werden kann derjenige, der die entsprechenden Mittel nicht anwenden will, um eine solche Gelegenheit zu einer entfernteren zu machen.

Anmerkung: Zwischen der entfernteren und nächsten Gelegenheit gibt es verschiedene Zwischenstufen. Je größer die Gefahr zu sündigen ist, um so wichtigere Gründe werden erfordert, damit man diese Gelegenheit nicht aufzugeben braucht.

Wer ohne hinreichenden Grund eine Gelegenheit nicht meidet, die eigentlich keine entferntere mehr ist, aber auch noch keine nächste, begeht wenigstens eine lässliche Sünde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie auf das Leben angewandt, 17. Aufl., Paderborn 1961.)

Hier wären wir wieder bei den Grenzfällen. Vielleicht weiß man, dass man bei dieser Gelegenheit eine 2-prozentige oder 5-prozentige Chance hat, eine Sünde zu begehen, und sich leicht zurückhalten kann – gut, das ist entfernt. Aber wie ist es bei einer 30-prozentigen, oder 40-prozentigen, oder 50-prozentigen Chance, bei einer Gelegenheit, bei der man weiß, dass man es mit Anstrengung schon schaffen kann, ihr zu widerstehen, es aber auch schon öfter nicht geschafft hat? Was ist diese Gelegenheit dann und was für eine Art Sünde wäre es, sie nicht zu meiden? Wie Jone schon schreibt, ist es zumindest eine lässliche Sünde, kann aber öfter auch eine schwere sein; es kommt auch darauf an, aus welchem Grund man es tut.

Zu dieser Frage möchte ich John C. Ford SJ und Gerald Kelly SJ zitieren, die einige ausführlichere hilfreiche Überlegungen bieten:

„Es ist ein allgemein anerkanntes Prinzip, dass jedes Gesetz implizit die Verpflichtung enthält, die gewöhnlichen Mittel anzuwenden, um es zu erfüllen; und ein solches Mittel ist die Vermeidung von Dingen, die eine nicht zu rechtfertigende Gefahr schaffen, das Gesetz zu brechen. […]

Und es gibt wahrscheinlich kein besseres Beispiel für die Notwendigkeit der Kasuistik, wie auch für ihre Schwierigkeiten, als die Versuche angesehener Theologen, Prinzipien und praktische Regeln in Bezug auf Gelegenheiten zur Sünde aufzustellen.

Darüber hinaus ist das Problem der Gelegenheiten zur Sünde eine exzellente Illustration der Aussage des Heiligen Vaters, dass es Situationen geben kann, auf die keine absolut bindenden Gebote direkt anwendbar sind, und in denen daher besondere Notwendigkeit für die Tugend der Klugheit besteht. Das bedeutet natürlich nicht, dass es irgendein moralisches Problem gibt, das unabhängig von einem allgemeinen Prinzip gelöst wird. Es bedeutet einfach, dass es für die Anwendung mancher Prinzipien einer ungewöhnlich sorgfältigen Prüfung aller konkreten Umstände bedarf. Die Klugheit führt diese Prüfung durch und zieht die Schlussfolgerung, nicht durch das mysteriöse ‚lumen internum‘ [inneres Licht] der Situationsethiker, sondern indem man ein vernünftiges Prinzip auf die Situation anwendet.

Drittens, wie wir mehr als einmal in unseren frühen Kapiteln erwähnt haben, gibt es unter katholischen Theologen viele legitime Kontroversen – Kontroversen, die der Heilige Stuhl erlaubt und die nur der Heilige Stuhl autoritativ lösen kann. Der Streit unter Moraltheologen, der die Natur einer nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde betrifft, ist eine solche Kontroverse, und eine sehr wichtige.

Zuletzt […] möchten wir daran erinnern, was wir in Kapitel 6 über die unbesonnene Veröffentlichung der Meinungen einzelner Moralisten gesagt haben, als ob diese Meinungen die autoritative Lehre der Kirche wären. Unglücklicherweise ist das in unserem Land innerhalb etwa des letzten Jahrzehnts nur zu häufig passiert, mit dem Ergebnis, dass die Gläubigen hochgradig verwirrt wurden über gewisse wichtige moralische Probleme des täglichen Lebens. Einige dieser praktischen Probleme betreffen Pflichten in Bezug auf Gelegenheiten zur Sünde. […]

DIE GENERELLE KONTROVERSE

Punkte, in denen Übereinstimmung herrscht

Bevor wir versuchen, die generelle Kontroverse betreffs der nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde zu skizzieren, möchten wir kurz die Punkte erwähnen, bei denen sich die Moralisten einig sind. Zunächst ist nach allen Autoren eine Gelegenheit zur Sünde ein äußerer Umstand, der einen Impuls oder eine Verlockung zur Sünde enthält mit einer daraus folgenden Wahrscheinlichkeit oder Gefahr zu sündigen, und diese Wahrscheinlichkeit oder Gefahr wäre nicht da, oder wäre bedeutend niedriger, wenn der äußere Umstand vermieden würde. Der Zweck dieser Definition ist es, zwischen einer Gefahr der Sünde zu unterscheiden, die vor allem aus dem äußeren Umstand resultiert, und einer Gefahr, die vor allem wegen einer persönlichen Schwäche existiert. Wenn daher ein Junge nur dann in unreinen Gedanken schwelgt, wenn er eine gewisse Art von Zeitschrift liest, besteht die Annahme, dass das Lesen für ihn eine Gelegenheit zur Sünde darstellt.  Andererseits, wenn er zu fast jeder Zeit und unter fast allen Umständen unreine Gedanken unterhält, ist die vernünftige Schlussfolgerung, dass die Quelle des Problems in ihm liegt; er ist kein occasionarius im technischen Sinn. Außerdem sollte ein Umstand, der bewusst gewählt wird als Mittel, um eine Sünde zu begehen, nicht mit einer Gelegenheit im strengen Sinn verwechselt werden. Eine solche Entscheidung ist eine direkte Entscheidung zur Sünde, nicht die Wahl einer Gelegenheit zur Sünde. Eine Gelegenheit wird nicht zum Zweck gewählt, eine Sünde zu begehen. Es wird davon ausgegangen, dass sie aus einem anderen Grund gewählt wird und dann eine Verleitung zur Sünde wird. Wenn daher ein Mann, nachdem er sich in den Kopf gesetzt hat, zu sündigen, die Person oder den Ort aufsucht, die es ihm ermöglichen wird, ist diese Person oder dieser Ort nicht die ‚Gelegenheit‘ zu seiner Sünde. Ein Beichtvater, der verlangen würde, dass ein solcher Pönitent ‚verspricht, die Gelegenheit zur Sünde zu meiden‘ würde harmlosen, aber ungeeigneten Rat geben. Er würde das wirkliche Problem des Pönitenten nicht erkennen und dabei scheitern, es zu lösen.

Und obwohl sie sich uneinig dabei sind, die Unterscheidung zu erklären, sprechen alle Autoren von entfernten und nächsten Gelegenheiten. Außerdem, wenn sie von der nächsten Gelegenheit zur schweren Sünde sprechen, unterscheiden sie generell zwischen der allgemeinen oder absoluten und der persönlichen oder relativen Gelegenheit. Letzteres bezieht sich auf eine Gelegenheit, die erfahrungsgemäß eine nächste Gelegenheit für dieses Individuum ist, zum Beispiel nach seiner persönlicher Erfahrung; ersteres bezieht sich auf eine Gelegenheit, die mutmaßlich für die Menschen im Allgemeinen eine nächste Gelegenheit ist, oder für alle normalen Mitglieder einer bestimmten Gruppe, z. B. Jugendliche. […]

Ein anderer Punkt, über den es keinen theoretischen Streit gibt (obwohl praktische Fälle vielleicht schwierige Probleme bieten können und unterschiedliche Meinungen zulassen) ist die Unterscheidung zwischen freiwilligen und notwendigen Gelegenheiten zur Sünde. Eine Gelegenheit wird freiwillig genannt, wenn sie mit Leichtigkeit oder wenigstens mit relativ geringen Schwierigkeiten vermieden werden kann; während sie notwendig ist, wenn ihre Vermeidung entweder physisch oder moralisch unmöglich ist. [Mit „moralisch unmöglich“ ist hier „praktisch kaum möglich“ gemeint, während physische Unmöglichkeit absolute Unmöglichkeit ist. Jemandem, der bewusstlos ist, ist es „physisch unmöglich“, aufzustehen, jemandem, dem der Arzt gesagt hat, er muss liegen bleiben, oder der unter Schwindel leidet, ist es „moralisch unmöglich“, aufzustehen.] Und soweit es die Theorie betrifft, besteht Übereinstimmung, dass eine Person berechtigterweise in einer notwendigen Gelegenheit bleiben oder sie nicht vermeiden kann, selbst zur Todsünde. Dieser letzte Punkt ist selbst von notwendigen Gelegenheiten wahr, die je nach den unterschiedlichen Definitionen, nächste Gelegenheiten zur Todsünde sind. Die übliche Bedingung ist natürlich, dass angemessene Mittel angewandt werden, um die nächste Gelegenheit zur entfernten zu machen.

Zuletzt gibt es keinen Streit unter den Theologen darüber, dass bei einer Gelegenheit zur schweren Sünde, die freiwillig und wirklich nahe ist, eine schwerwiegende Pflicht besteht, sie zu entfernen oder zu meiden. […]

Selbst die strengsten Autoren sind generell gewillt, die Frage der Gelegenheiten zur lässlichen Sünde beiseitezulassen – und das aus zwei Gründen: erstens, die Einstellung eines Pönitenten in Bezug auf solche Gelegenheiten hätte selten, wenn überhaupt jemals, irgendeinen Einfluss auf die Gültigkeit der Absolution [Fußnote: Es scheint theoretisch möglich, dass ein Widerwille, die nächste Gelegenheit zur lässlichen Sünde aufzugeben, sich auf die Gültigkeit der Absolution auswirken könnte, z. B. wenn diese lässliche Sünde die einzige Materie der Beichte darstellen würde, sodass nicht anderes selbst allgemein gefasst enthalten wäre.]; und zweitens sind Gelegenheiten zur lässlichen Sünde so zahlreich, dass es unmöglich wäre, sie alle zu vermeiden, und in vielen bestimmten Fällen wäre es unmöglich, zu bestimmen, ob die Gelegenheit notwendig oder freiwillig war. Aus ähnlichen Gründen messen einige Autoren der Pflicht, wirklich entfernte Gelegenheiten zur Todsünde zu meiden, wenig Gewicht bei; und viele leugnen explizit, dass es irgendeine Verpflichtung gibt, solche Gelegenheiten zu meiden.

Die Kontroverse

Es mag ein paar Meinungsverschiedenheiten über den einen oder anderen der vorigen Punkte geben, aber sie wären so gering, dass sie zu einem bloßen Streit um Worte werden würden. Aber, trotz der Tatsache, dass die Frage manchmal durch unterschiedliche Terminologien verkompliziert wird, gibt es ganz klar mehr als einen Streit um Worte in der Kontroverse über die Definition (und daher die wirkliche Bedeutung) einer nächsten Gelegenheit zur Todsünde im Unterschied zu einer entfernten Gelegenheit. Diese Kontroverse wird in den folgenden Beispielen von A. Regan CSSR genau aufgezeigt:

‚Ein Mann geht in ein Hotel und trinkt unter Umständen, die es ihm unmöglich machen, definitiv zu versichern, dass er nicht ernsthaft betrunken werden wird. Vielleicht war er unter denselben Umständen in der Vergangenheit häufig betrunken oder vielleicht wird der Einfluss, den der Alkohol auf ihn hat, schnell so groß, dass ernsthafter Missbrauch definitiv wahrscheinlich ist. Dennoch kann niemand definitiv sagen, dass er bei diesem oder jenem Anlass  betrunken werden wird, denn wir können annehmen, dass die Chancen in beide Richtungen ungefähr gleich sind. Nach dem hl. Alphons macht sich ein solcher Mann jedes Mal der Todsünde schuldig – wenigstens objektiv -, wenn er sich freiwillig in diese gefährlichen Umstände begibt. Unverheiratete Paare treffen sich an Orten oder zu Zeiten oder unter anderen Umständen, die sie wahrscheinlich zur Todsünde führen werden: sie wissen das, weil sie vielleicht in der Vergangenheit gefallen sind, oder vielleicht müssen sie sich ehrlich eingestehen, dass ihr Sinn der Schamhaftigkeit so sehr zusammenbricht, dass es ein ernsthaftes Risiko eines Falls bedeuten würde, die Versuchung sogar nur noch ein Mal zu suchen. Ein solches Risiko sogar nur einmal einzugehen ist in den Augen des heiligen Kirchenlehrers eine Todsünde, obwohl es auch wahrscheinlich sein mag, dass sie nicht fallen, denn der springende Punkt ist, dass, solange ein Fall wahrscheinlich bleibt, kein Raum für ein Klugheitsurteil besteht, dass die Sünde tatsächlich vermieden werden wird.‘

Was die von Pater Regan gewählten Beispiele angeht, sollte erwähnt werden, dass diese dem Beichtvater oft als Gewohnheiten präsentiert werden, sich in Gelegenheiten zu begeben, in denen man oft tödlich sündigt. Das ist nicht der Punkt der Kontroverse. Fast alle Autoren, so scheint es, würden zustimmen, dass man die schwerwiegende Pflicht hat, die Gewohnheit aufzugeben, sich häufig in eine freiwillige Gelegenheit zu begeben, in der man oft tödlich sündigt, weil das gewohnheitsmäßige Aufsuchen dieser Gelegenheit eine praktische Sicherheit einschließt, dass Sünde stattfinden wird. Offensichtlich ist das nicht der Punkt, den Pater Regan betont. Seine These betrifft die Pflicht, eine einzelne Handlung zu meiden. Zudem ist sie nicht auf die Beispiele im Text beschränkt. Es ist eine generelle These, die sich auf jede Todsünde bezieht, ob innerlich oder äußerlich, ob allein oder mit anderen begangen. Die These ist, dass, was alle diese Sünden angeht, eine Gelegenheit eine nächste ist, wenn die Gefahr zu sündigen wirklich wahrscheinlich ist, obwohl es genauso wahrscheinlich ist, dass trotz der Gelegenheit die Sünde vermieden werden wird. Und da dieser Grad der Gefahr eine nächste Gelegenheit darstellt, wird (objektiv) jedes Mal eine Todsünde begangen, wenn man sich dieser Gefahr ohne einen verhältnismäßigen Grund aussetzt.

Pater Regans Text enthält auch das Hauptargument, das zur Verteidigung dieser These gebraucht wird: nämlich, dass ein Mensch, der sich ohne genügenden Grund dieser wahrscheinlichen Gefahr der Todsünde aussetzt, sich einer schwerwiegenden Verfehlung gegen die Klugheit schuldig macht. Die Argumentation hinter dieser Aussage ist, dass aktuale Gnade nötig ist, um erfolgreich einer ernsthaften Versuchung zu widerstehen und dass einer, der nicht tut, was er kann, um diese Gnade zu erhalten, sie nicht bekommen wird. Nebenargumente, die vorgebracht wurden, sind die folgenden: Ein solcher Mensch handelt im Zustand des praktischen Zweifels; er stellt Gott auf die Probe; er verletzt das Gebot der Liebe zu sich selbst in derselben Weise (tatsächlich in stärkerer Weise) wie derjenige, der sich oder andere ohne guten Grund der wahrscheinlichen Gefahr der ernsthaften körperlichen Verletzung aussetzt.

Pater Regans These ist natürlich nicht neu; noch sind es die Argumente, die vorgebracht werden, um sie zu stützen. Im Lauf vieler Jahre haben zahlreiche Theologen diese Argumente sorgfältig abgewogen. Sehr viele waren beeindruckt genug, um sich der These anzuschließen; viele andere sind nicht überzeugt worden. Aus diesem oder jenem Grund glauben diese letzteren Theologen nicht, dass die strengere Ansicht bewiesen werden kann; oder wenigstens glauben sie nicht, dass sie universell bewiesen werden kann, sodass ein Beichtvater das Recht hätte, die Absolution zu verweigern, sobald er festgestellt hat, dass ein Pönitent sich freiwillig (d. h. ohne verhältnismäßigen Grund) einer Gelegenheit aussetzt, die die wahrscheinliche Gefahr irgendeiner schweren Sünde beinhaltet.

Die Position derer, die eine mildere Ansicht haben, wird im Licht der folgenden Überlegungen besser verstanden werden.

Zunächst einmal behandeln wir hier nicht die Frage, ob es eine Sünde ist, sich in eine wahrscheinliche Gefahr der Todsünde ohne verhältnismäßigen Grund zu begeben. Alle stimmen überein, dass das sündhaft ist. Die Frage ist: Wie sündhaft? Ist es notwendigerweise schwer sündhaft?

Eine Pflicht unter Todsünde muss bewiesen werden, und die Beweislast liegt bei denen, die die Verpflichtung behaupten. Nach denen, die die mildere Meinung vertreten, beweisen alle von Pater Regan und anderen vorgebrachten Argumente lediglich, dass irgendeine Verpflichtung besteht, in jedem Fall die wahrscheinliche Gefahr der Todsünde zu meiden; sie beweisen nicht, dass die Verpflichtung immer eine schwere ist.

Wenn wir eine Skala der Gefahren zur schweren Sünde, wie sie in verschiedenen Gelegenheiten enthalten sind, aufstellen wollten, würden die Gefahren von sicher, zu moralisch sicher, zu sehr wahrscheinlich, zu wahrscheinlicher [als das Gegenteil], zu gleich wahrscheinlich, zu wahrscheinlich, zu weniger wahrscheinlich, zu geringfügig wahrscheinlich, zu kaum wahrscheinlich, zu möglich, zu kaum möglich, zu unmöglich reichen. Mit anderen Worten sind die Grade der Gefahr unendlich zahlreich. Mit der allmählich nachlassenden Wahrscheinlichkeit der Sünde kommt eine allmählich nachlassende Schuld, bis schließlich ein Punkt erreicht ist, wo alle übereinstimmen würden, dass überhaupt keine tödliche Schuld mehr besteht, sondern nur lässliche Schuld.

Da nun das stärkste und schlagendste Argument dafür, an irgendeinem bestimmten Punkt Todsünde zu behaupten, ein Appell an die Tugend der Klugheit ist, wie kann es gezeigt werden, dass Ter Haar und andere das richtige Verständnis davon haben, was die Klugheit sub gravi verlangt, wenn sie die Linie bei „weniger wahrscheinlich“ oder „gleich wahrscheinlich“ ziehen, und wer kann sagen, dass Vermeersch falsch liegt, wenn er sie bei „wahrscheinlicher“ zieht, oder dass Gericot falsch liegt, wenn er sie, wie es De Lugo und andere große Theologen getan haben, bei „sehr wahrscheinlich“ oder „moralisch sicher“ zieht? […]

Im Grunde nehmen manche Theologen daher nur diese negative Position ein: Schwere Schuld ist nicht in allen Fällen bewiesen, wenn eine wahrscheinliche Gefahr freiwillig eingegangen wird. […]

Zweitens muss man die Schweregrade bei Todsünden in Betracht ziehen. Es wird offensichtlich unklüger sein, sich der wahrscheinlichen Gefahr auszusetzen, eine sehr große Todsünde zu begehen, als eine geringere Todsünde. Todsünden lassen auch unzählig viele Schweregrade zu, von einer einzigen innerlichen Gedankensünde, zu einer äußerlichen Sünde, zu einer Sünde, die eine oder mehrere andere Personen betrifft, zu Sünden, die die Güter oder Körper oder Seelen anderer schädigen, zu Sünden, die das Gemeinwohl der Gemeinschaft oder der Nation oder der Kirche Christi selbst schädigen. Da die Klugheit das Kriterium ist, wird es einer viel größeren Notwendigkeit bedürfen, um es zu rechtfertigen, sich in die Gelegenheit zu einer dieser größeren Sünden zu begeben. […]

Drittens kann der folgende Grund vorgebracht werden, um die Allgemeingültigkeit der strengeren Sicht in Zweifel zu ziehen. In einem Fall, in dem der Pönitent keinen verhältnismäßigen Grund hat (d. h. keinen wirklich adäquaten rechtfertigenden Grund), sich in die Gelegenheit zu begeben, wird die Gelegenheit eine freie oder freiwillige genannt. Und doch mag er einen Grund haben, sich in sie zu begeben. Er würde sich in eine freiwillige Gelegenheit und in die Gefahr zur Todsünde ohne verhältnismäßigen Grund begeben, aber nicht ohne jeden Grund. In einem solchen Fall, obwohl er sündhaft und unklug handeln würde, würde seine Unklugheit vielleicht hinter schwerer Schuld zurückbleiben. […]

Die Unterscheidung zwischen freiwilligen und notwendigen Gelegenheiten ist terminologisch klar und vollständig. Aber wenn der Begriff der Notwendigkeit untersucht wird, finden wir, dass dieser auch, wie die Wahrscheinlichkeit, unzählige Grade zulässt, die von bloßer Vorliebe (die überhaupt nicht Notwendigkeit genannt werden kann), zu leichter moralischer Notwendigkeit, zu wirklicher moralischer Notwendigkeit, zu schwerer moralischer Notwedigkeit, zu sehr schwerer moralischer Notwendigkeit, zu praktisch physischer Notwendigkeit, zu absoluter physischer Notwendigkeit reichen. Da es nicht völlig klar ist, an welchem Punkt entlang dieser Linie eine Gelegenheit aufhört, freiwillig zu sein, und in manchen Fällen als notwendig betrachtet werden kann, können vernünftige Zweifel vorgebracht werden bezüglich der schweren Schuld einer Person, die sich in diesen Grenzfällen in eine Gelegenheit zur Sünde begibt. […]

Viertens gibt es praktische Überlegungen, die manche Theologen zögern lassen, die strengere Sicht zu akzeptieren. Diese Sicht führt leicht zu eine unvorhersagbaren Vervielfältigung nächster Gelegenheiten zur Todsünde im täglichen Leben, und endet manchmal dabei, sich selbst zu besiegen. ‚Die Menschen werden in keiner Weise aus dem Morast der Sünde gezogen, sondern nur noch tiefer, da umso mehr in Verzweiflung, hineingestürzt.‘ Michael Fabregas SJ meint, dass das Argument, dass der Mensch tun muss, was er kann, um die Sünde zu meiden, leicht so weit geführt werden kann, dass es sogar eine leichte oder weniger wahrscheinliche Gefahr einschließen würde.“ (John C. Ford SJ und Gerald Kelly SJ, Contemporary Moral Theology. Volume I: Questions in Fundamental Moral Theology, Westminster, Maryland 1958, S. 141-154.)

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