An die, die daran denken, die Kirche (oder Papst Franziskus) zu verlassen

Ab und zu trifft man – online vor allem – auf Katholiken, die sich von Argumenten von Atheisten oder Säkularisten oder – manchmal – Anhängern anderer Religionen ziemlich nervös machen und durcheinanderbringen lassen, weil sie die Gegenargumente nicht kennen. Ein ähnliches Problem findet sich jetzt gerade bei manchen Katholiken, die an unserem derzeitigen Papst schier verzweifeln und gar nicht mehr wissen, was hier eigentlich los ist. Ein paar kurze generelle Worte an solche Katholiken über selbstverständliche Dinge, die man leicht vergisst (und unten noch ein bisschen zum Papst im speziellen).

1. Wenn etwas bereits bewiesen ist, und dann eine Schwierigkeit auftaucht, macht sie die Beweise nicht zunichte. Sagen wir, zahlreiche sicher belegte chemische Experimente beweisen eindeutig, dass Stoff X diese Eigenschaften hat. Dann reagiert Stoff X aber in einem weiteren Experiment ähnlich wie Stoffe, die diese Eigenschaften nicht haben. Was macht man? Man forscht weiter, man will herausfinden, wie sich das vereinbaren lässt. Vielleicht lief in dem letzten Experiment etwas falsch, vielleicht hat Stoff X aber auch weitere Eigenschaften, die diese untypische Reaktion erklären.

Was macht man nicht? Die ganzen Ergebnisse, die man bereits hatte, einfach verwerfen.

Es gibt einen Unterschied zwischen einer Schwierigkeit und einem Gegenbeweis, einer Widerlegung. Das eine ist: „Okay, das scheint bewiesen zu sein, aber wie funktioniert es dann, dass das und das trotzdem so und so ist?“ Das andere ist: „Das hier beweist, dass das falsch ist.“

2. Es gibt auch einen Unterschied zwischen der Kritik, dass ein Beweis nicht ausreiche, und einer Widerlegung. „Das und das beweist noch nicht, dass Jesus auch wirklich Gottes Sohn ist“ ist eine andere Behauptung als „Das ist ein Beweis, dass Jesus nicht Gottes Sohn ist“, so wie „Die Studie reicht noch nicht aus, um zu sagen, ob dieses Medikament auch sicher bei der Mehrheit der Patienten wirkt, weil wir zu wenig Teilnehmer hatten“ eine andere Aussage ist als „Dieses Medikament wirkt nicht“.

Wenn man einmal zu dem Ergebnis gekommen ist, dass es philosophisch und/oder historisch durch die biblische Offenbarung bewiesen ist, dass Gott existiert, dann können Schwierigkeiten wie „Wieso lässt Gott das Leid zu?“ an diesem Beweis nichts ändern. Das sind wichtige Fragen, aber wenn einem darauf nicht auf Anhieb Antworten einfallen, dann ändert das nichts daran, dass Gottes Existenz bereits bewiesen ist.

Die Sache ist die: Es gibt sehr viele hervorragende Antworten auf die Argumente von Säkularisten und Atheisten und auf die Schwierigkeiten, die einen als Christ selber plagen können. (Ich habe hier sehr viele Quellen dafür zusammengestellt.) Aber keiner kann die auf Anhieb alle wissen, und es ist würdelos und lächerlich, wenn man sich von jeder neuen Schwierigkeit aus der Bahn werfen lässt. Das Wichtige ist, ein gutes Fundament zu haben und darauf fest zu stehen. Dazu gehört vor allem, ein paar wichtige historische Argumente für die Glaubwürdigkeit Jesu und dafür, dass Er die katholische Kirche gegründet hat, zu kennen. (Wenn das so ist, ist auch klar, dass es Gott gibt, auch wenn es sehr gut ist, zusätzlich im Vorhinein die philosophischen Gottesbeweise zu kennen, die nicht davon abhängen, ob Gott selber sich in der Geschichte offenbart hat, und die schon die alten griechischen Philosophen kennen konnten.) Dieses Fundament bleibt. Weiters kann (und sollte) man sich mit all seinen Schwierigkeiten befassen, aber das Fundament muss man dafür nicht verlassen.

Dann sollte man nicht zu schüchtern und defensiv sein: Sämtliche alternativen weltanschaulichen Systeme zum Katholizismus laufen an vielen Stellen in enorme Probleme. Ruhig mal zum Angriff übergehen! „Okay: Du sagst, das würde Gott nicht beweisen; ich bin anderer Ansicht, aber lassen wir das kurz beiseite. Die Alternativen zum Theismus (es gibt etwas Höheres hinter der Welt) sind Pantheismus (die Welt selbst ist göttlich) und Atheismus (es gibt keinen Gott, die Welt ist aus dem Nichts aufgeploppt). Man muss sich in der Praxis nach irgendeiner Ansicht richten. Du richtest dich nach dem Atheismus: Dann sag doch mal deine Argumente dafür und widerleg diese und jene Gegenargumente und Schwierigkeiten.“

Dann sollte man daran denken, dass manche Leute – ohne es böse zu meinen – einfach Dinge nachplappern, die nicht stimmen. Dass jemand etwas als historischen Fakt behauptet, muss nicht bedeuten, dass das stimmt. Wenn Leute z. B. behaupten, in der antiken Kirche hätte es das Papsttum nicht gegeben, ist das nur eins: Falsch. Das haben sie aus vagen Klischees über die Kirchengeschichte, nicht aus den Quellen, die etwas ganz anderes sagen.

Ein letzter Punkt. Manchmal sieht man, dass Leute, die sich kurzfristig für den Katholizismus interessiert haben, oder auch, dass solche, die damit aufgewachsen sind, ihn innerhalb relativ kurzer Zeit aufgeben aus einem einfachen Grund: Man kommt in ein anderes Umfeld, wo man sich bewusst oder unterbewusst anpassen will, und/oder man hat schlicht und einfach keine Lust auf das 6. Gebot. Bischof Fulton Sheen soll mal einen Priester, der meinte, er würde am Glauben zweifeln, gefragt haben „Ist sie blond oder brünett?“. Manchmal ist der Wunsch der Vater des Gedankens und die Zweifel folgen dem Gefühl, dass es doch eigentlich irgendwie nett wäre, wenn man sich Tinder holen und ein Date mit Aussicht auf mehr haben könnte. Bei wem das nicht zutrifft, der braucht sich nicht angesprochen zu fühlen, aber manche Leute sollten sich fragen, ob sie dem Katholizismus auch mit all seinen Ansprüchen folgen würden, wenn sie Beweise sehen würden, die ihnen genügten, oder ob sie solche Beweise lieber nicht sehen wollen. (Und ob sie dieselben Maßstäbe dafür, dass etwas als bewiesen zählt, hier anlegen wie anderswo.)

Ich sage das auch an die Katholiken gerichtet, die immer meinen, wer die Kirche verlassen hat, müsse ja irgendwie traumatisiert worden sein oder man müsse ihm zumindest die intellektuellen Gründe für den Katholizismus nicht gut genug dargelegt haben. Manchmal stimmt das; manchmal nicht; und man kann auch nicht davon ausgehen, dass jeder über die Zeit seines Lebens, von der er sich abgewandt hat und mit der er nichts mehr zu tun haben will, immer hundertprozentig ehrlich redet. Apostasie, Abfall vom Glauben bei einem, der einmal ehrlich geglaubt hat, ist etwas Schreckliches, und sie beginnt meistens dann, wenn jemand irgendetwas in der Welt als seine eigentliche Autorität anerkennt und anhand dieser Autorität den Glauben beurteilt statt umgekehrt. Man kann nicht zwei Herren dienen.

Jetzt zum Papst. Wenn man einmal zum Ergebnis gekommen ist, dass das Papsttum als ununterbrochene Institution von Beginn der Kirche an historisch sehr gut belegt ist, dass es geholfen hat, in der Kirche immer dieselbe Lehre zu erhalten, sodass nie ein Dogma revidiert wurde, dass die Bibel seine Einsetzung und die Vernunft seine Notwendigkeit belegt: Dann bleiben diese Argumente und Beweise, auch wenn neue Schwierigkeiten auftauchen.

Wieder einmal, wie öfter seit 2013, sind Katholiken verwirrt nach Papst Franziskus‘ letztem verworrenen Kommentar, diesmal zu eingetragenen Lebenspartnerschaften für Homosexuelle.

Die eigentliche Sache mit Papst Franziskus ist, dass er viele wohl nach und nach mürbe macht und immer weiter demoralisiert. Man versucht, seinen Glauben normal zu leben, und verteidigt ihn, wenn nötig, gegen die Angriffe von säkularen Familienmitgliedern und Bekannten, und dann fällt der Papst einem in den Rücken, statt einen zu stärken. Säkularisten gefällt das, während sie weiterhin alles, wofür der Papst als Papst steht, ablehnen und gar nicht daran denken würden, zu Jesus zu beten. Wieder mal.

Seine jetzigen Kommentare sind eigentlich im Vergleich zu früheren weniger schlimm: Die Fußnote in Amoris Laetitia war näher an der Häresie. Es ist, wie die Kirche bisher immer wieder klargestellt hat, ein Irrtum, für „Lebenspartnerschaften“ zu sein, weil sie homosexuellen Beziehungen eine gesetzliche Anerkennung geben, die sie nicht verdienen, und weil sie in der Praxis ein Schritt auf dem Weg zur Homo“ehe“ sind. Aber eine Befürwortung einer rein juristischen Regelung einer Sache, die man weiterhin als unmoralisch sieht, ist noch keine Häresie, sondern ein Irrtum auf einer niedereren Stufe, und Papst Franziskus hat auch schon einige Kommentare abgegeben, die deutlich machen, dass er Sodomie als Sünde sieht (Bischöfe sollten nicht links sein „und wenn ich links sage, meine ich homosexuell“, sehr deutliche Statements gegen die Homoehe und dergleichen). Das Fatalste ist der praktische Effekt: Die Leute, die das über die Medien mitkriegen, meinen „aha, so langsam und allmählich gibt die katholische Kirche auf und gesteht zu, dass homosexueller Sex gut ist“.

Manche Katholiken schielen dann nach der Orthodoxie: Bewahren die den Glauben nicht auf traditionellere Weise? Einfache Antwort: Nein. Sie haben seit langem ziemlich genau die Probleme, die manche bei uns herankommen sehen.

1) Sie haben seit Ewigkeiten Wiederheirat nach Scheidung; und ich kann keine Kirche ernst nehmen, die das an mehreren Stellen in mehreren Evangelien und bei Paulus klar und deutlich kundgetane Verbot der Wiederheirat ignoriert, was so ziemlich jede Kirche getan hat, sobald sie sich von Rom getrennt hat; anscheinend verlieren sie die Gnade, diese extrem unpopuläre Lehre beizubehalten, als erstes.

2) Seit einiger Zeit hat sie eine unklare Position zu künstlicher Empfängnisverhütung, die am weitesten verbreitetste Meinung ist, dass künstliche Verhütungsmittel in Ordnung sind, wenn sie nicht frühabtreibend wirken, man gute Gründe hat und es mit seinem Priester besprochen hat. Bei diesem Thema genau wie bei der Scheidung findet man öfter die Ansicht, dass manche Menschen eben die Gebote nicht vollauf erfüllen können und man ihnen Zugeständnisse machen muss, was dann Oikonomia genannt wird – eine furchtbare Sache, denn hier unterstellt man Gott, er würde Unmögliches befehlen.

3) Auch bei weiblichen Diakonen „bewegt sich etwas“, wie Säkularisten sagen würden; es gibt inzwischen die ersten orthodoxen Diakoninnen, die zwar keine Weihe wie die männlichen Diakone haben, d. h. das Amt an sich ist nichts Schlimmes, sondern nur eine Art Pastoralreferentin mit nettem Titel, es wird aber ja auch manchmal als Durchgangsstufe zum richtigen Diakonat und zur Priesterweihe gesehen bzw. gefordert.

Eine schöne Liturgie ändert nichts an alldem. Was diesen zerstrittenen Nationalkirchen, die sich gegenseitig exkommunizieren, völlig fehlt, ist irgendeine Einheit. Auch die Klarheit in der Lehre – z. B. wann sind Taufen anderer Konfession gültig – findet man nicht; und in den letzten Jahrzehnten werden oft Lehren abgelehnt, die in der Orthodoxie früher normal und anerkannt waren, weil sie als zu „römisch“ gelten (z. B. wollen manche Orthodoxe auf Gedeih und Verderb einen Unterschied in der Erbsündenlehre von Ost und West finden).

Andere werden zu Sedisvakantisten: Auch keine gute Idee. Ich halte nichts von der leicht dahingesagten „Sedisvakantisten sind auch nur Protestanten“-Phrase; denn der Protestantismus ist eine bestimmte Kategorie von Häresie und leugnet, dass es überhaupt ein von Christus eingesetztes Papsttum gibt, während der Sedisvantismus meint, dass ein bestimmter Mann nicht der gültige Papst ist; aber trotzdem: Sedisvakantismus bedeutet erstens Schisma und zweitens massive theologische Probleme bis hin zur Häresie. Das ist auch wahr, wenn Sedisvakantisten gutgläubig in diesem Irrtum sind.

Nicht nur diejenigen, die meinen, wir hätten seit sechzig Jahren keine gültigen Päpste mehr, sondern auch diejenigen, die Benedikt noch für den gültigen Papst halten (und die den nicht ganz passenden Spitznamen „Benevacantisten“ erhalten haben), verfallen einer antikatholischen Denkweise:

Denn die Tatsache, dass ein bestimmter Mann der gültige Papst ist, muss akzeptiert werden, wenn nach einer friedlichen (d. h. nicht bestrittenen, umkämpften) Wahl die überwältigende Mehrheit der Kirche ihn anerkennt, diese Akzeptanz ist das Zeichen dafür, dass die Wahl gültig war. Sonst könnte jeder sich zum Papst aufstellen – à la „Pope Michael“ – und Katholiken könnten sagen „ich folge, wem ich will, ich leugne ja das Papsttum nicht, ich sage einfach, dass der und der Papst ist“.

Auch die konkrete Identität des Papstes gehört zu den Glaubenswahrheiten, die von Katholiken akzeptiert werden müssen, weil sie so eng mit den Dogmen zusammenhängen (wenn ein Papst ein Dogma verkündet, muss klar sein, dass er der Papst ist; dasselbe gilt für ein Konzil); auch sie sind sekundärer Gegenstand der Unfehlbarkeit der Kirche, direkt nach den Dogmen im ganz strengen Sinn. Bei einzelnen Fällen von umstrittenen Wahlen im Mittelalter, resultierend in einem Papst und einem oder zwei Antipäpsten, von denen alle, Papst und Antipapst, eine große Nachfolgerzahl hatten, war der Fall oft komplizierter und es war schwieriger für Katholiken, zu sehen, wer der gültige Papst war. Aber es gibt keinen Fall in der Kirchengeschichte, in denen der gültige Papst sich selbst nicht für den gültigen Papst hielt und so gut wie keine Anhänger hatte, und in denen die ganze Kirche einen falschen Papst akzeptierte; davor ist die Kirche geschützt. (Antworten auf Einwände unter dem obigen Link.)

Die „benevacantistische“ Position entbehrt auch jeder Logik; sie beruht z. B. darauf, dass Benedikt in seiner Abdankungsrede ein bestimmtes lateinisches Wort hätte verwenden müssen, damit es gültig ist. Das ist völlig lächerlich, denn ein päpstlicher Amtsverzicht ist an keine Form gebunden und Benedikt hatte offensichtlich die Absicht, zurückzutreten, hat diese Absicht zum Ausdruck gebracht, und sieht Franziskus als den jetzigen Papst.

Es ist außerdem Dogma, dass es bis zum Ende der Zeiten Päpste geben wird (s. 1. Vatikanisches Konzil von 1870, Dogmatische Konstitution „Pastor Aeternus“: „Was aber der Fürst der Hirten und große Hirt der Schafe, der Herr Christus Jesus, im seligen Apostel Petrus zum ewigen Heil und immerwährenden Wohl der Kirche eingesetzt hat, das muß auf sein Geheiß hin in der Kirche, die, gegründet auf dem Felsen, bis zum Ende der Zeiten sicher stehen wird, beständig fortdauern. […] Wer also sagt, es sei nicht aus der Einsetzung Christi, des Herrn, selbst bzw. göttlichem Recht, daß der selige Petrus im Primat über die gesamte Kirche fortdauernd Nachfolger hat: oder der Römische Bischof sei nicht der Nachfolger des seligen Petrus in ebendiesem Primat: der sei mit dem Anathema belegt.“). Und vor allem bei denen, die meinen, dass es seit 60 Jahren keinen gültigen Papst mehr gegeben hat, fragt man sich doch, wie die sich eigentlich vorstellen, dass dieses Versprechen des Herrn eingehalten werden wird. Eine kurze Sedisvakanz von ein paar Wochen oder Monaten oder einem Jahr nach dem Tod eines Papstes – selbst von mehreren Jahren – ist offensichtlich etwas anderes als eine von mehreren Jahrzehnten, bei der es auch keine Aussicht auf ein Ende gibt.

Auch das, was Sedisvakantisten darüber lehren, dass ein (öffentlich & formell) häretischer Papst automatisch sein Amt verlieren würde, ist eine theologische Meinung, keine Kirchenlehre, und eine ziemlich umstrittene theologische Meinung; hier ein guter Text von Weihbischof Athanasius Schneider zur Möglichkeit eines häretischen Papstes.

Sedisvakantisten verhalten sich oft inkonsequent; bei einem häretischen Bischof oder Priester gehen sie nicht davon aus, dass er gleich automatisch jede Jurisdiktionsgewalt in der Kirche verliert (oder jedenfalls habe ich sie das noch nie tun sehen). (Anmerkung: Die Jurisdiktionsgewalt, die Ausübung von Herrschaft in der Kirche, ist etwas anderes als die Vollmacht, z. B. eine gültige Eucharistie zu feiern. Ein von seinem Bischof wegen eines Vergehens abgesetzter Pfarrer hat z. B. nicht mehr die Jurisdiktionsvollmacht, um einem Angehörigen der Pfarrei Dispens von der Sonntagspflicht zu erteilen, aber er hat die Weihevolllmacht und könnte gültig die Eucharistie feiern, auch wenn ihm das vielleicht verboten worden ist.)

Sedisvakantisten verlieren auch Fälle von Häresie bei Päpsten früherer Zeiten aus dem Blick (wie Honorius, der von einem späteren Konzil verurteilt wurde), und dass die Hürden für den Beweis öffentlicher, formeller Häresie hoch sind. Es gibt Päpste, die zumindest materielle Häretiker waren (Honorius wohl, auch Liberius und Johannes XXII. sind Kandidaten); wieso sollte das bei diesem so undenkbar sein? Auch der Fall von Papst Vigilius ist interessant: „Was wir also haben ist ein Papst, den heterodoxe Parteiungen mochten und dessen Wahl sie anzettelten; der zum Papst gemacht wurde, während sein Vorgänger, der unter Druck gewesen war, zurückzutreten, noch lebte; dessen Legitimität als Papst daher von manchen in Frage gestellt wurde; und der dafür bekannt war, mal so und mal so zu reden, und für zweideutige theologische Positionen. Klingt das bekannt?“

Was uns versprochen ist, ist nur, dass kein Papst Häresie als Dogma verkünden wird, d. h. im Namen seiner höchsten päpstlichen Autorität Häresie als bindend für die Kirche erklären wird, nicht, dass einer nicht zumindest materielle Häresie in anderen Aussagen vertreten wird.

Kann ein Papst formeller Häretiker werden? Würde er dann sein Amt verlieren, oder dürfte er wenigstens von den Bischöfen abgesetzt werden, oder würde er es behalten und dürfte nicht abgesetzt werden? Das sind alles sehr umstrittene und auch komplizierte Fragen. Und wenn Sedisvakantisten behaupten, wer ihren Schlussfolgerungen darüber, was in so einem Fall passieren würde und wann genau formelle Häresie vorliegt, nicht folgt, wäre auf dem Weg in die Hölle – nun ja, dann verhalten sie sich einfach lächerlich und versuchen auf unredliche Weise, Katholiken Angst einzujagen.

Abgesehen davon, dass sie in einer Fantasiewelt leben, wenn sie denken, wir wären noch im Mittelalter, wo irgendwelche einflussreichen Bischöfe auch nur auf die Idee kommen könnten, zu versuchen, einen Papst für abgesetzt zu erklären, und irgendeine ihnen genehme Lösung der Papstfrage wäre in absehbarer Zeit in Aussicht.

[Anmerkung: Nur materielle Häresie besteht, wenn jemand etwas vertritt, von dem er denkt, es wäre keine Häresie, obwohl es Häresie ist (z. B. weil er die Kirchenlehre einfach nicht genau kennt, oder denkt, diese Lehre wäre veränderlich und nicht unfehlbar). Das ist v. a. bei Laien manchmal noch nicht tragisch – wobei Kleriker die Verantwortung haben, die Kirchenlehre wirklich zu kennen. Wenn derjenige dann lernt, wie die Lehre wirklich aussieht, und sie daraufhin akzeptiert, ist alles in Ordnung. Wenn er dann allerdings weiter an seiner Häresie festhält, obwohl er weiß, dass sie unfehlbar von der Kirche verworfen wurde, wird er ein formeller Häretiker. Ein bloß materieller Häretiker ist kein richtiger Häretiker.

Wenn z. B. Papst Franziskus einfach die Fähigkeit oder die Geduld zu klarem theologischen Denken abgeht und er denkt, es würde das Dogma von der Unauflöslichkeit der Ehe nicht anfechten, wenn man Ehebrecher zur Kommunion zulässt, dann hat er absolut Unrecht, aber ist kein formeller Häretiker.

Es macht außerdem einen Unterschied, ob jemand im Geheimen Häresie glaubt oder sie öffentlich vertritt. Ein geheimer Häretiker ist Mitglied der Kirche.]

Wir alle wissen seit Jahren, dass Papst Franziskus ein schlechter, ein extrem schlechter Papst ist, definitiv unter den Top Ten der schlechtesten Päpste der Kirchengeschichte, vielleicht auch ganz an der Spitze. Sich etwas anderes einreden zu wollen, wenn er gerade mal in den letzten Tagen nichts extrem Irreführendes gesagt hat, oder sich zu sagen, dass ihn die Medien einfach nur missverstehen wollen, hat etwas davon, wenn Frauen, die mit einem blauen Auge und ein paar gebrochenen Rippen im Krankenhaus sind, sich einreden, dass der Mann, der sie ihnen beigebracht hat, sie ja eigentlich trotzdem liebt. (Zu den Medien: Natürlich haben die meistens keine Ahnung. Aber es ist die Aufgabe des Papstes, hier für Klarheit zu sorgen; im Vatikan bekommt man mit, wie die Medien ihn interpretieren. Wenn er für Klarheit sorgen wollte, könnte er das sofort: Die Dubia sind übrigens immer noch unbeantwortet.)

Wenn einen das zu sehr angreift, ist es am besten, sich gewissermaßen von Franziskus fernzuhalten – ihn zu ignorieren, so weit es geht, und einfach seinen Glauben zu leben. Wir beten zu Gott, nicht zum Papst. Er hat ein bestimmtes Amt, dieses Amt verrät und vernachlässigt er und er tut nichts in diesem Amt, das beachtenswert wäre; also muss man ihn auch nicht beachten.

Und sonst, wenn man sich nicht zu sehr angreifen lässt, ruhig ab und zu mal kontra geben, z. B. bei Kommentaren von Säkularisten, die Papst Franziskus‘ Kommentare für ihre Zwecke verwenden wollen. Manchmal muss man auch einem Papst „ins Angesicht widerstehen“ (bzw. widerstehen ohne dass man sein Angesicht vor sich hätte), vgl. Gal 2,11. Wir müssen halt noch etwas länger den nötigen Widerstand leisten, bis wir erwarten können, dass es evtl. unter dem nächsten Papst besser wird.

Dass man – wie es wohl nicht anders zu erwarten ist, solange Gott bei ihm keine wundersame Bekehrung wirkt – immer neue Beweise dafür sieht, dass Franziskus ein außergewöhnlich schlechtes Exemplar eines Papstes ist, bedeutet nicht, dass deswegen die Argumente, dass er Papst ist, ungültig werden, oder die Argumente gegen den Katholizismus im Allgemeinen an Glaubwürdigkeit gewinnen. Hier muss man sich von einer rein gefühlsgesteuerten Sichtweise lösen und einfach nur die Fakten sehen. Es ist vorerst nichts anderes zu erwarten.

Der hl. Petrus mit den Schlüsseln, Ikone aus dem 6. Jh. aus dem Katharinenkloster auf dem Sinai.

4 Gedanken zu “An die, die daran denken, die Kirche (oder Papst Franziskus) zu verlassen

  1. Ein Blogpost, den ich gerne weiter verbreite! Sie räumen – in der gewohnten gedanklichen Klarheit – mit Mißverständnissen auf, vor allem mit der verbreiteten Zaghaftigkeit, sobald man irgendwo auf eine Schwierigkeit stößt, die Kirche oder gar den ganzen Glauben in Frage zu stellen.

    Zur Frage des häretischen Papstes möchte ich Sie noch darauf aufmerksam machen, daß es durchaus eine Antwort von Sedisvakantisten auf die Studie des Weihbischofs gibt: „Contra Athanasium“ bei https://antimodernist.net/2019/09/22/contra-athanasium/ Ich hatte mir letztes Jahr einmal vorgenommen, die dort vorgebrachten Argumente durchzugehen, hatte aber letztlich immer andere Prioritäten und stehe auch im Studium der Glaubenslehre bei ganz anderen Fragen (auch macht es mir der etwas schnoddrige Stil des Autors schwer, da einzudringen). Ihnen geht es vielleicht ähnlich – aber wenigstens habe ich es Ihnen nun einmal mitgeteilt 😉

    Sie haben natürlich recht: die Sedisvakantisten sind keine Protestanten – aber was bei dieser Gleichsetzung gemeint ist, daß sie eine gewisse Härte gemeinsam haben, den rebellischen Geist des „non serviam“ atmen – die mangelnde Bereitschaft zum Gehorsam, die letztlich immer im Stolz wurzelt.

    Von Zeiten der Reformation her (vereinzelt auch vorher) gibt es eine hypermoralische Kritik an Papst und Kirche: man beansprucht, selbst den christlichen Glauben und den Standard des Guten, für den die Kirche nur vorgeblich stünde, wahrhaft ernstzunehmen, und kritisiert von dieser Warte aus Papst und Kirche. Diese Art der Kritik ist auch heute verbreitet, auch in Kreisen, die beanspruchen, die wahren Katholiken zu sein, wie etwa bei den Sedisvakantisten.

    An die Kritik der Protestanten (der Papst als Satan, das Tier der Apokalypse, die Hure Babylon, die sich auf dem Thron aus Lästerungen Gottes räkelt, die Kirche als Heidentum usw.) hat man sich mittlerweile schon gewöhnt, und sie kann einem guten Katholiken dank der fleißigen Arbeit vieler guter Kirchenleute (etwa Angelus Silesius, Franz von Sales, Ignatius von Loyola u.v.a.m.) nur wenig anhaben.

    Aber die Kritik der Sedisvakantisten ist ernstzunehmen, zumal sie einen wunden Punkt trifft. Der Modernismus ist ja wirklich tief in die Kirche eingedrungen und findet leider selbst im Papst einen, wenn nicht Fürsprecher so doch großmütigen Dulder (denn auch keine Grenzen zu setzen und sich in Lehramtsfragen in Schweigen zu hüllen, ist eine Aussage).

    Mich würde auch die Diskussion mit den „Benevakantisten“ interessieren, für die in besonders ausformulierter Form die amerikanische Katholikin Ann Barnhardt steht. Ich weiß nicht genau, ob ihr einziger Kritikpunkt ist, daß Benedikt beim Rücktritt nicht wörtlich die im Kanonrecht vorgesehene Rücktrittsformel verwendet hat. Das wäre allerdings kein ausreichender Grund, denn natürlich steht der Papst über dem Kanonrecht. Ann Barnhardt hat einige sehr wertvolle Betrachtungen zu Glaubensfragen geschrieben (besonders ihr Karfreitagstext über das Leiden Christi und die Betrachtung über die männliche und weibliche Rolle des Priesters während des Hochgebetes sind unbedingt lesenswert), aber in dieser Frage hat sie sich verrannt.

    Eine Reihe ihrer Ausführungen strahlen eine ähnliche Härte aus wie die oben erwähnte, bei Sedisvakantisten und Protestanten – eine Härte, die der katholischen Sache sicher nicht dienlich ist und im Grunde gar nicht katholisch ist. Womit ich nicht die Streitbarkeit gegenüber den Feinden der Kirche meine (die Ann Barnhardts in ihren Texten über den „diabolischen Narzißmus“ sehr deutlich skizziert). Aber innerhalb der Kirche, unter uns, muß ja ein anderer Geist herrschen, ein Geist der Milde, der Brüderlichkeit – und vor allem: des Gehorsams, als des besten Mittels gegen den Stolz.

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    1. Danke für den Link, werde ich mir irgendwann mal anschauen.

      Um ehrlich zu sein, ich habe noch nicht viel von Ann Barnhardt gelesen, weil ich ihr Gekeife einfach nicht aushalte. Es wäre sicher mal lohnend, sich noch näher mit dem ganzen Thema zu befassen, mit Sedisvakantismus und mit Benevakantismus, aber es ist auch so ermüdend und es gibt viel interessantere Themen.

      Ich würde sagen, der zentrale Punkt ist ja gar nicht die Frage, ob Franziskus jetzt Häresie vertritt oder nicht oder wie oder was, sondern dass eben nicht die ganze Kirche einen falschen Papst annehmen kann.

      Aber Sie sagen es: Die Sache ist eben die, dass die Sedis einen wunden Punkt treffen. Es ist zurzeit auch für einen ziemlich mittelmäßigen Katholiken, sagen wir, nicht sehr schwer, sich für katholischer als der Papst zu halten.

      – Crescentia.

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  2. Im ganzen kann ich ihren Ausführungen nur zustimmen. Allerdings habe ich hier wie bei vielen anderen Auseinandersetzungen mit dem Sedisvakantismus den Eindruck, dass es eine längere Sedisvakanz im Grunde gar nicht geben kann und daher alle Argumente der Sedisvakantisten mit denen sie die Päpste der letzten 60 Jahre für häretisch erklären, nicht stimmen können. Würden sie das auch so sehen oder würde sie sagen „unter diesen oder jenen Umständen hätten wir tatsächliche eine Sedisvakanz“?

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    1. Das würde ich auch so sehen, auch wenn ich v. a. den Fokus darauf legen würde, dass nicht die ganze Kirche einen falschen Papst anerkennen kann. Bei der Länge der Sedisvakanz kommen Sedisvakantisten halt immer mit „wer sagt, wo die Grenze liegt und dass 60 Jahre schon drüber ist“. Ich finde es sehr offensichtlich, dass 60 Jahre über der Grenze liegen (und dass eine Grenze nicht einfach zu bestimmen ist, heißt ja nicht, dass sie nicht da ist).

      – Crescentia.

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