Von „Instrumentalisierung“, Phrasen, und den Zielen von Terroristen

Als „Instrumentalisierung“ würde man es im normalen Sprachgebrauch bezeichnen, wenn jemand etwas rein taktisch-rhetorisch als Werkzeug benutzt, um etwas nicht oder kaum damit Zusammenhängendes durchzusetzen, und sich für diese Sache selber eigentlich nicht interessiert. Nach jedem islamischen Terroranschlag wird heutzutage denjenigen „Instrumentalisierung“ vorgeworfen, die Analysen und Lösungsvorschläge anbieten.

Da heißt es dann auf der einen Seite ungefähr:

„Menschen werden getötet, und das liegt daran, dass in der Vergangenheit das und das hier falsch gelaufen ist (das hätte man wissen können und manche haben es auch gewusst). Wenn wir wollen, dass nicht noch mehr Menschen getötet werden, müssen wir für die Zukunft endlich xyz tun.“

Und von der respektablen Seite kommt dann eine Antwort, die etwa auf das hier hinausläuft:

„Wie kannst du nur die Toten verunehren, indem du Lösungsvorschläge anbietest? Worauf es jetzt ankommt, ist, die immer gleichen Betroffenheitsphrasen abzuspulen, daher: Wir stehen fest an der Seite unserer Freunde in xyz, wir verurteilen diesen feigen und sinnlosen Terroranschlag, wir stehen zusammen und lassen uns durch Terror und Gewalt nicht einschüchtern, unser Mitgefühl ist bei den Angehörigen der Opfer. So, und jetzt husch-husch weitermachen wie bisher. Wir wollen doch die Terroristen nicht gewinnen lassen, nicht wahr? Und wehe, einer erwähnt den Hintergrund. Terror gibt es in allen Religionen. Das Problem ist Fundamentalismus.“

Da hört man dann auch oft Phrasen wie „Terroristen wollen die Gesellschaft spalten und Hass säen“: Eine unglaublich dumme Erklärung.

Kein Terrorist ist ein hirnloses Monster, das „muss hasserfüllte Gesellschaft haben“ vor sich hin murmelt. Terrorismus ist nicht sinnlos (und normalerweise auch nicht feige: Es erfordert schon Mut, auf andere Menschen loszugehen und sich selbst der Todesgefahr durch Polizeikugeln oder die eigene Bombe auszusetzen; Terroristen kann man pervers, gefühllos, mörderisch, selbstgerecht, hochmütig nennen, aber feige m. E. nicht). Terroristen wollen mit ihrem Terror konkrete Ziele durchsetzen.

Im Fall islamischer Terroristen wollen sie die Gesellschaft einschüchtern und sie mit der Bedrohung durch weiteren Terror davon abbringen, den Islam zu kritisieren oder gegen den wachsenden Einfluss des Islam in der Gesellschaft vorzugehen. Sie wollen Allah oder Mohammed zugefügte Beleidigungen rächen, indem sie konkrete Ungläubige töten. [In diesem Fall halte ich übrigens das schnodderige Gegenargument „dein Gott muss aber schwach und empfindlich sein, wenn du jemanden töten musst, der ihn beleidigt“ für ziemlich schlecht. Jemandem, der sagen würde, „wer meine Mutter beleidigt, den schlag ich zusammen, dass alle seine Knochen gebrochen sind“ würde man auch nicht entgegnen „deine Mutter ist aber empfindlich“. Das wäre noch ein bisschen etwas anderes als Mord und dieser Vergleich soll auch nicht im Entferntesten Sympathie für Mord ausdrücken (Vergleiche sind nun mal keine Gleichsetzungen, auch wenn der Durchschnittsmensch das immer weniger auseinanderhalten kann), sondern einfach klarmachen, dass das Argument nicht zieht.] Sie wollen vielleicht auch ihre eigenen Verbündeten bestärken, indem sie ihre Stärke beweisen und zeigen, dass sie Städte in Angst und Schrecken versetzen können. Und ihr Endziel ist die islamische Weltherrschaft, ganz einfach, das wird offen gesagt. „Weltherrschaft“ klingt immer so nach Zeichentrickfilmschurke, aber eigentlich will ja jeder, dass seine Ideale irgendwann auf der ganzen Welt angenommen werden; andere Leute wollen eben, dass irgendwann die ganze Welt liberal und demokratisch (was übrigens zwei verschiedene Sachen sind) ist. Radikale Muslime wollen, dass auf der ganzen Welt der Islam herrscht, islamische Regeln gelten und die verbliebenen Ungläubigen sich unterwerfen und die Schutzsteuer zahlen, oder einfach konvertieren.

Und hätten sie denn gewonnen, wenn man nicht weitermacht wie bisher? Man kann nicht einfach weitermachen wie bisher, in der Hinsicht, dass man sich einredet, dass es ja nur Einzelfälle sind und man nicht viel machen kann, das schuldet man den Opfern und möglichen zukünftigen Opfern; hier hätten sie gewonnen, wenn man weitermacht wie bisher. Und in anderer Hinsicht wird jetzt bereits nicht weitergemacht wie bisher, trotz aller Phrasen, dass man sich nicht einschüchtern lässt: Je mehr Terror und Gewalt, desto weniger öffentliche Kritik am Islam wird man hören, weil Einzelne das nicht mehr wagen. Die Leute, die davon reden, dass die Gesellschaft sich ihr Leben durch Terror nicht kaputt machen lassen wird, lassen sich vom Terror vielleicht nicht davon abhalten, vom Islam (manchmal zu Recht) als verdorben gesehene Lebensweisen weiter zu leben, aber sehr wohl davon, Mohammed öffentlich als falschen Propheten zu bezeichnen.

Terroristen sagen deutlich, was sie wollen; aufschlussreich z. B. eine Veröffentlichung des IS („Why we hate you and why we fight you“, ab S. 30 – Warnung, weiter unten in anderen Artikeln sind sehr brutale Bilder). Der erste Grund für Kampf und Terror gegen den „Westen“ – ausdrücklich wird gesagt, dass die westliche Außenpolitik ein untergeordneter Punkt ist – ist, dass man Gott verunehre, indem man ihm einen Sohn an die Seite stelle. Islamische Terroristen hassen sicherlich den Säkularismus und Liberalismus (wie sie dann auch an zweiter Stelle, ebenfalls vor der Außenpolitik, sagen), aber sie hassen zuerst auch das Christentum (und manchmal scheinen sie beides kaum auseinanderzuhalten). Illustriert wird dieser Teil des Textes mit einem Bild aus einer traditionellen lateinischen Messe, nicht gerade Ausdruck moderner Dekadenz.

Da helfen auch keine von vierzigjährigen Sozialpädagoginnen durchgeführten Programme zur Demokratiebildung oder Deradikalisierung, über die jeder Sechzehnjährige lachen wird, der sie über sich ergehen lassen muss.

Wenn man will, dass Leute nicht dem radikalen Islam verfallen, muss man ihnen etwas Ernstzunehmendes bieten; das (richtige) Christentum wäre hier nötig, und manchmal funktioniert das auch, aber viele Muslime sind dagegen leider schon zu sehr „geimpft“: Christentum ist Polytheismus, weil man Allah einen Sohn an die Seite stellt, eins ist nicht drei, und Allah kann ja wohl nicht leiden, weiter wird nicht gedacht und nicht diskutiert, obwohl es wunderbare Antworten auf das alles gäbe.

Tatsache ist, in jeder muslimischen Gesellschaft wird es viele Muslime geben, die ihren Glauben ernst nehmen, und die es daher z. B. für unbedenklich halten, in der Polygamie zu leben, die mit enormer Wut auf Mohammedkritik oder -karikaturen reagieren (anbei: mit Charlie Hebdo, diesem Atheistenblatt, kann ich auch nicht viel anfangen), die finden, dass in einer idealen islamischen Gesellschaft die Christen etc. Dhimmis sein sollten, und die es nicht über sich bringen, den historischen Dschihad zu verurteilen. Freilich werden die meisten von denen immer noch finden, dass heutige Terrorgruppen keine rechtmäßige Autorität sind, die den Dschihad ausrufen kann, und werden willkürliche Morde an Zivilisten in Friedenszeiten normalerweise ablehnen – auch wenn sie nicht allzu sehr trauern, wenn ganz gezielt jemand getötet wurde, der Blasphemie gegen den Islam betrieben hat. Aber es wird auch immer eine Minderheit geben, die da fanatischer ist, und die irgendwann Terroranschläge verübt.

Und deswegen muss das Ziel erst mal sein, dass der Anteil der Muslime an der Bevölkerung in Europa nicht immer weiter wächst, denn diese Minderheit ist in allen islamischen Ländern da. Viele Muslime kommen noch durch Einwanderung, daher wären logische Möglichkeiten solche Dinge wie weniger Einwanderung, auch weniger legale; Abschiebung Ausreisepflichtiger; höhere Hürden für Einbürgerungen; Anreize zur freiwilligen Ausreise; Verlust der Aufenthaltsgenehmigung bei vielen Verbrechen; usw. Es gäbe viele gute denkbare Möglichkeiten, mit denen etliche Länder schon lange arbeiten, und die niemandes Rechte verletzen, die ihm geschuldet sind. Dann haben Muslime oft eine höhere Geburtenrate; das ist ihnen nicht vorzuwerfen, denn Kinderkriegen ist gut und ein natürliches Recht, aber man kann auch Anreize für eine höhere Geburtenrate bei Nichtmuslimen schaffen. Wenn die Gesellschaft kinderfreundlich ist, geht die Geburtenrate oft wenigstens ein Stück weit hoch, weil die Leute eigentlich doch ein bisschen mehr Kinder wollen, als sie derzeit haben (nicht in allen Industrienationen ist sie so niedrig wie in Deutschland; Frankreich hat 2 Kinder pro Frau und Israel 3, mehr als einige seiner islamischen Nachbarstaaten). Demographische Fakten sind nun mal mächtig, egal, ob einem das gefällt oder nicht. Dann gibt es auch Konversionen von Nichtmuslimen zum Islam; die verhindert man am besten durch glaubwürdige Alternativen, d. h. die Kirche hat endlich mal wieder ernsthaft das zu verkünden, was sie zu verkünden hat, ohne sich dafür zu schämen oder es zu verwässern. Natürlich müsste man auch diejenigen Moscheen schließen und Imame ausweisen, bei denen Terror verherrlicht wird, strenger gegen Polygamie, Kinderehen und dergleichen vorgehen, und allgemein klarmachen, dass der Islam als etwas Fremdes geduldet wird, aber nicht die Gesellschaft zu prägen hat („christliche Leitkultur“, wie das dann so genannt wird).

Über solche Mittel zur Abwehr oder Eindämmung des radikalen Islam muss man reden. Wenn Säkularisten „Radikalisierung“ verhindern wollen, indem sie versuchen, Muslimen eine verwässerte Version ihrer Religion als modernen Islam unterzujubeln, der kaum mehr als Äußerlichkeiten mit der ursprünglichen Version gemein hat, oder wenn sie muslimische Mädchen zwingen wollen, gegen ihren Willen Kleidungsstücke abzulegen, dann ist das nicht nur bescheuert, sondern auch moralisch falsch. Und mit stärkerer Kontrolle durch Polizei und Verfassungsschutz kann man zwar was tun, aber irgendwann ist das einfach nicht mehr genug. Wenn die Seele raus ist, kann man den Körper nicht mehr reanimieren.

2 Gedanken zu “Von „Instrumentalisierung“, Phrasen, und den Zielen von Terroristen

  1. Der Text ist sehr interessant, nur frage mich, ob der Link zu dem Bekennerdokument des IS wirklich sinnvoll war, in dem unter anderem Bilder von enthaupteten und gesteinigten Menschen zu sehen sind. Ich denke, dass eine andere Textquelle hier besser gewesen wäre.

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