Lieber persönliche Barmherzigkeit statt Wohlfahrtsstaat?

(Ein evtl. etwas polemischer Beitrag; Diskussion gerne erwünscht.)

Bei Neocons und Libertären, gerade bei solchen, die gleichzeitig auch noch an der Religion hängen oder zumindest eine gewisse Sympathie dafür haben, hört man manchmal die Argumentation: Der Wohlfahrtsstaat hat viel zu viel übernommen, Barmherzigkeit und Nächstenliebe sollte keine staatliche Sache sein, sondern das, wozu einzelne aufgerufen sind, statt unpersönlicher Programme sollte es persönliche Hilfe geben, die der erdrückende Sozialstaat nur unmöglich macht, indem er eine hohe Steuerlast aufbürdet.

Was ich dann höre, ist erstmal: Schade, dass der Arbeitslose oder der Erwerbsunfähige auf geregelte Weise seine Wohnung und sein Geld für Essen und Kleidung bekommt, er sollte doch viel lieber auf der Straße betteln und in der Suppenküche anstehen müssen. Das mag nur eine schnell dahingesagte Phrase sein; aber worauf sollte es sonst hinauslaufen?

(Anmerkung: Ich gehöre nicht zu denen, die Betteln für unwürdig/ehrlos halten, diese Einstellung ist eine neuzeitliche Erfindung: Es ist niemandem vorzuwerfen, Bettelei zu betreiben, der nichts hat, und es ist auch nicht entwürdigend, wenn man „milde Gaben“, „Almosen“ annehmen muss, genausowenig, wie es entwürdigend ist, ansonsten auf Hilfe angewiesen zu sein. Aber es ist trotzdem nicht angenehm, das tun zu müssen.)

Jesus hat (was dann gerne herangezogen wird) gesagt, dass wir die Armen immer bei uns haben werden, aber nicht, dass wir diesem Zustand nicht entgegenarbeiten sollen. Das ist eine Voraussage, kein Ideal. Es gibt – vor allem weltweit – immer noch mehr als genug Arme und bis zum Jüngsten Tag wird die Menschheit es nicht schaffen, Armut vollkommen verschwinden zu lassen, aber man kann darauf hinarbeiten.

Der Staat kann einiges dafür tun, indem er bloß für gerechte Regeln unter den Leuten sorgt, die einigermaßen für sich selbst sorgen können – Mindestlöhne, Kündigungsschutz, Förderung von Gewerkschaften und Innungen, Gesetze gegen Kartellbildung usw. -, aber es wird immer auch diejenigen geben, die nicht für sich selbst sorgen können. Kranke, Alte, Behinderte, Arbeitslose, die kein eigenes Vermögen haben und vielleicht nichts hätten ansparen können, die vielleicht auch keine Familie haben, die helfen kann. Und inwiefern kann es eine schlechte Sache sein, dafür zu sorgen, dass die gar nicht erst in totale Armut geraten (aus der sie dann umso schwerer herauskommen würden), sondern eine Sicherung haben, auf die sie sich verlassen können?

NGOs, die Spendengelder sammeln, oder Freundeskreise, oder Nachbarschaftshilfsprojekte, sind einfach nicht besonders gut dafür geeignet, das regelmäßige Einkommen von Behinderten, deren Werkstättenlohn nicht reicht, von Langzeitarbeitslosen oder armen Rentnern sicherzustellen. Es gibt sicher einige sehr gut funktionierende Organisationen mit Ehrenamtlichen; die Tafeln zum Beispiel. Und ich habe sicher nichts dagegen, wenn die Tafeln die Sozialhilfe ergänzen, vor allem, wenn sie dafür sorgen, dass Leute mal abwechslungsreicheres Essen finden oder anderswo ein paar Euro sparen können, aber man kann offensichtlich nicht alles über solche Organisationen bewirken. Abgelaufenes Essen zu spenden kostet niemanden viel: Wenn es z. B. um Krankenversorgung oder Wohnungen geht, sind hohe Kosten da, die irgendwer übernehmen muss, und zwar in geregelter Weise. Wollen wir amerikanische Verhältnisse, wo wegen hoher Eigenbeteiligung – und freilich enorm überhöhter Kosten für Behandlung und Medikamente – Krebskranke hoffen müssen, über ein GoFundMe Geld zusammenzubekommen, um nicht obdachlos zu werden und in Schulden zu versinken?

Arme sind auch normale Menschen, die nicht darauf erpicht sein werden, ständig von der „persönlichen Hilfe“ anderer abhängig zu sein, die gerade etwas geben wollen bzw. können oder auch nicht. Es ist Aufwand genug, sämtliche Anträge, Nebenkostenabrechnung, Kontoauszüge usw. usf. beim Sozialamt einzureichen.

'Portrait of an Old Man Begging' by Michael Sweerts.jpg
Michiel Sweerts, Porträt eines alten Bettlers. Gemeinfrei.

Persönliche Hilfe ist v. a. da gut, wo es auch um Persönliches geht. Dafür, dass die Wohnung eines Rentners mit zu geringer Rente geheizt ist, genügt eine Überweisung vom Sozialamt; wenn der Rentner einsam ist und keine Familie mehr hat, sind Pfarrgemeinde und Nachbarschaft gut. Freilich kann die Tatsache, dass materiell für das Wichtigste gesorgt ist, verschleiern, dass es jemandem trotzdem schlecht gehen kann; aber das heißt nicht, dass es besser wäre, wenn für das Materielle nicht gesorgt wäre. Sollte der Rentner lieber im Kalten sitzen oder gleich seine Wohnung verlieren?

Gerade in schlechten wirtschaftlichen Zeiten können Staaten sicher nicht immer so viel tun wie wünschenswert wäre, und private Initiativen sind zu allen Zeiten noch notwendig; aber wieso sollte er kaum etwas tun, wenn er etwas tun kann?

Von Libertären, die sich als katholisch verstehen, wird gerne das Subsidiaritätsprinzip aus der katholischen Soziallehre zitiert: Aber genau dieses Prinzip beweist doch, dass es hier Hilfe vom Staat braucht. Es sagt, dass größere Einheiten (wie der Staat) da unterstützend eingreifen sollen, wo kleinere Einheiten (Einzelner, Familie, Gemeinde) es nicht allein schaffen; dass die größeren Einheiten nicht alles an sich reißen und zentralisieren sollen. Aber da, wo es die kleineren Einheiten schlecht schaffen, sollen die größeren eben auch helfen: Subsidium heißt gerade Hilfe, Beistand, Reserve.

Abgesehen davon ist auch das Solidaritätsprinzip Teil der katholischen Soziallehre.

In der libertären Gedankenwelt ist der Staat ein Feind oder ein notwendiges Übel, das so wenig wie nur möglich tun soll, außer vielleicht die Freiheit des einzelnen sicherzustellen. Aber in der katholischen Soziallehre gibt es so etwas wie das Allgemeinwohl und es ist natürlich für die Menschen, in einer staatlichen Gemeinschaft zu leben. Und wieso sollte sich diese Gemeinschaft dann aus einem Teil, der so wichtig für das Gemeinwohl ist, völlig oder sehr stark heraushalten?

Tatsache ist einfach, kein Libertärer hat mehr das 19. Jahrhundert vor Augen gehabt, wo Arbeiter extrem geringe Löhne und schlechte Bedingungen akzeptieren mussten und es bestenfalls noch Armenhäuser für diejenigen gab, die nichts mehr hatten. Mir ist ein „Wohlfahrtsstaat“ doch lieber als Slums oder massenhafte Obdachlosigkeit. Dass der Markt alles regeln wird, ist letztlich ein Aberglaube. Über viele Einzelheiten kann man streiten, vielleicht meinen manche, die sich als liberal oder libertär sehen, auch nur Dinge, die noch völlig im Rahmen sind und lassen sich bloß zu übertriebenen Phrasen hinreißen; aber wenn Leute ein grundlegendes – wie man so sagt – „soziales Netz“ ablehnen, das Hunger und Obdachlosigkeit mit ziemlicher Sicherheit verhindert, begreife ich einfach nicht, wieso.

Ausgefeiltere Versionen libertärer Ideen werden natürlich mit freiwilligen Verbänden kommen, wo man Mitglied sein und sich z. B. gegen Arbeitslosigkeit oder für die Rente versichern und dabei zwischen verschiedenen Programmen wählen soll, aber wo ist hier noch der große Unterschied zum Staat? Es handelt sich um eine größere Gemeinschaft, wo alle einen gewissen, gar nicht so geringen Teil ihres Einkommens einzahlen, und der einzelne im Notfall etwas herausbekommt. Und das Argument von wegen „unpersönlich“ und „bürokratisch“ kann man hier definitiv nicht bringen: Nichts ist unpersönlicher und bürokratischer und unfreundlicher gegenüber den Kunden als eine private Versicherung.

(Und: Was ist mit denen, die das nicht können oder einfach vernachlässigt haben (ja, Menschen sind so dumm)? Was macht man mit dem psychisch Kranken oder Alkoholabhängigen, der sein Leben nicht auf die Reihe bekommen hat, oder mit dem, der sich einfach zu sicher war, dass er nie arbeitslos werden würde und sein Geld deswegen nicht für eine Versicherung hinauswerfen wollte? In der Obdachlosigkeit kann man auch den nicht enden lassen.)

19 Gedanken zu “Lieber persönliche Barmherzigkeit statt Wohlfahrtsstaat?

  1. Wenn ich nun auch mal polemisch werden darf: Sozialschmarotzer. Die gibt es natürlich auch und versauen zu einem großen Teil das ganze Konstrukt des sozialen Staates. Es gibt professionelle Bettlerbanden. Es gibt faule und antriebsschwache Menschen, die ihre soziale Hilfe in den Kneipen und Kiosken unseres Landes versaufen. Es gibt eine nicht unerhebliche Zahl von Zeitgenossen, die eigenes Versagen vom Staat beseitigt oder finanziert haben wollen. Alles das kostet eine Menge Geld und dieses fehlt dem Staat, um bei realer Not ihrer Bürger effektiv helfen zu können. Das ist ein Dilemma welches sich nicht oder nur teilweise auflösen lässt. Wobei ich persönlich zu ersterem tendiere.
    Zu welchen Auswüchsen der soziale Staat mutieren kann, zeigt z. B. das Pandemiegedöns in unserem Land. Von allen Türmen und Zinnen erschallt der Ruf: Solidarität, Mitgefühl,soziale Verantwortung. (Wir wollen doch nicht das andere sterben, oder?)
    Dort die Bösen und Unbarmherzigen, die keine Maske tragen wollen oder können, hier die Guten und Barmherzigen, die sich den Mundlappen bis an die Ohren ziehen und mit dem noch verbliebenen bösen Blick, die Maskenverweigerer anzeigen, denunzieren oder sogar gewaltbereit aus öffentliche Verkehrsmitteln oder Plätzen schleppen und vor den Richter ziehen.
    In jener Zeit, als der barmherzige Samariter den schwer Verwundeten auf sein Packtier schnallte nachdem er dessen Wunden versorgt hatte gab es noch keinen Wohlfahrtsstaat. Ich vermute mal, dass Jesus diesen auch gar nicht gewollt oder gemeint hat, als er von den Armen sprach, die wir immer bei uns haben. Er bietet uns etwas ungleich Größeres an, nämlich die Erlösung. Aber das ist ein anderes Feld, wo die Polemik keinen Platz haben sollte.

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    1. „Er bietet uns etwas ungleich Größeres an, nämlich die Erlösung.“

      Hier wird impliziert, dass man das Geringere – Essen, Kleidung, Wohnung – gar nicht brauchen würde, wenn man das Größere – die Erlösung – hat. Jesus hat dazu gesagt „Euer Vater weiß, dass ihr das alles braucht“. Man kann Prioritäten setzen und die Erlösung für wichtiger halten, ohne so zu tun, als wäre es deswegen vernachlässigbar, wenn Leute materiell total am Boden sind und ohne Hilfe hungrig auf der Straße landen würden.

      Leute, die ein System ausnutzen, wird es immer geben. Kann man deswegen die anderen alle im Stich lassen?

      (Ein bisschen Wohlfahrtsstaat gab es übrigens damals schon, z. B. in Rom, wo der Staat manchmal Getreide verteilt hat.)

      – Crescentia.

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      1. „Hier wird impliziert, dass man das Geringere – Essen, Kleidung, Wohnung – gar nicht brauchen würde, wenn man das Größere – die Erlösung – hat.“

        Genau das wird es eben nicht. Es soll eigentlich impilziert werden, dass erst die Erlösung (das Reich Gottes) gesucht werden soll und dann sich alles andere (meinetwegen der Wohlstandsstaat) sich von alleine, sozusagen selbstverständlich, einstellt.

        „Leute, die ein System ausnutzen, wird es immer geben. Kann man deswegen die anderen alle im Stich lassen?“

        Es dürfte unbestritten sein (zumindest gehe ich davon aus), dass in unserem Land, die Zahl der Schmarotzer beiweitem die Zahl der wirklich am verhungernden und/oder ohne Kleidung in den Strassen liegenden Menschen überschreitet. Zum Thema „im Stich lassen“: Vor einigen Jahren, musste ich als Betreuer meiner Mutter Sozialhilfe vom Staat beantragen, da ihre „große“ Witwenrente sie wohl auf kurz oder lang obdachlos und in den Hungertod getrieben hätte. Wenn man durch den großen Spiessrutenlauf (unter Fachleuten wird das auch als „die Hosen runter lassen“ bezeichnet) des Sozial-bzw. Wohlstandsstaates gelaufen ist, lernt man die Bedeutung des Begriffes „im Stich“ lassen auf eine ganz besondere Art kennen. Eine Frage des Wohlfahrtsstaates war direkt an mich gerichtet: “ Warum haben Sie und ihre Geschwister eigentlich kein Vermögen, für das Überleben und die Pflege ihrer Mutter angesammelt?“
        Ja, warum eigentlich nicht? Wenn wir es getan hätten, was nun wirklich nicht immer möglich ist, dann wäre der Wohlstandsstaat überflüssig wie ein Kropf. Womit wir wieder bei der Polemik angelangt wären.

        „(Ein bisschen Wohlfahrtsstaat gab es übrigens damals schon, z. B. in Rom, wo der Staat manchmal Getreide verteilt hat.)“

        Das würde ich unter „Brot und Spiele“ ablegen.

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      2. Ich verstehe Sie nicht. Sie beklagen – sehr verständlicherweise – das bürokratische Prozedere, das man durchlaufen muss, um Sozialhilfe zu bekommen. Aber die Leute, die Sie Sozialschmarotzer nennen (und es gibt sicher solche), müssen dieses Prozedere auch durchlaufen, und wenn es das Prozedere nicht gäbe, könnten Sie sich wieder beschweren, dass es Sozialschmarotzern ja ganz leicht gemacht wird.

        Und dann sagen Sie zuerst, dass Jesus ja den Sozialstaat nicht wollte, weil Er uns Größeres anbietet, und jetzt sagen Sie, dass Sie das gar nicht gesagt haben und der Sozialstaat sich von selbst einstellt?

        Und was wollen Sie mit dem Vermögenansammeln sagen? Das ist nicht immer möglich, genau das ist doch hier allen klar.

        – Crescentia.

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      3. @gerd

        „Das würde ich unter „Brot und Spiele“ ablegen.“

        Mit Verlaub, das ist Unsinn. Crescentia hat mit ihrer Aussage vollkommen recht, man könnte noch viele andere Einrichtungen, wie z.B. Begräbnisvereine etc., ergänzen.

        Man muss nicht zu allem eine starke Meinung haben. Vor allem wenn man erkennbar Laie auf einem Gebiet ist.

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      4. „Man muss nicht zu allem eine starke Meinung haben. Vor allem wenn man erkennbar Laie auf einem Gebiet ist.“

        @Sokleidas

        Das war keine starke Meinung sondern eine Mischung von Sarkasmus und Polemik. Vielleicht sollte ich das vorher erwähnen.

        @Crescentia

        Mein Kommentar bezog sich auf die Schriftstelle: „Sucht zuerst das Reich Gottes, alles andere wird euch dazu gegeben werden!“
        Zum Prozedere für die Berechtigung um Sozialleistungen zu erlangen: Wenn dieses Prozedere über jeden Antragsteller hinwegfegt, hätten wir mit Sicherheit keine Schmarotzer in unserem Land. Das ist allerdings nur meine subjektive Meinung.

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    1. Was ich auf Deine Frage drüben, wie dem Bettler am besten geholfen ist, mir so denke, ist das Folgende. DISCLAIMER: Ich denke nur laut, gebe keine Stellungnahme ab; deshalb auch, nachdem die Diskussion drüben doch etwas – naja, wir wissen schon, jedenfalls fürs erste mal nur hier.

      Ich für meinen Teil halte es durchaus für möglich, zu den Bedürftigen zu gehören.

      Du hast die Frage so gestellt, daß der Bettler allein ist und keine Familie hat, für die er sorgen muß. (Die wurde wenigstens von Dir nicht erwähnt.) Das vereinfacht die Sache; mit Familie wäre es komplizierter.

      Weitere Vorbemerkung: Wir sprechen hier ja von einem klassischen Bedürftigen. Wenn einer wegen eines unverschuldeten Berufsverbots nichts verdient, dann schuldet ihm – jetzt mal ohne Begründung in die Luft gesagt – der, der das Berufsverbot verhängt, den Ersatz von nicht etwa 75 %, sondern 120 % seiner Einkünfte, weil man nämlich noch ein Schmerzensgeld fürs Nichtarbeitendrüfen draufzuschlagen ist, und zwar gerechtigkeitshalber, nicht als Almosen. Aber das hier nur nebenbei und zur Abgrenzung: Jedenfalls ist nicht das hier das Thema.

      A. Wenn ich nur nach meinen Gefühlen ginge noch vor der Prüfung, ob diese Gefühle moralisch richtig sind: *dann* jedenfalls (also ohne Familie) würde ich aus der Perspektive gerade des Bettlers eine Welt ohne Sozialhilfe und Hartz IV bevorzugen. Sie hätte die folgenden Vorzüge:
      1. Vor dem Angebettelten brauche ich mich nur ein bißchen zu verdemütigen, „ich bin in Not, ich bin am Erfrieren, bitte hilf“, dem Sozialamt muß ich mich zumindest in der Theorie mit Haut und Haaren ausliefern.
      2. Der Bettler fällt dem, den er anbettelt, ja nicht zur Last; er argumentiert sinngemäß mit „bitte, ich habe keinen Anspruch, aber wenn du willst, kannst du nett zu mir sein“. Das Sozialamt spendet keine übergebührlichen Geschenke; vor ihm wird man zur Argumentation gezwungen, man *habe*, allein weil man dasei, ohne Gegenleistung, einen *Anspruch*. Das mag nun ja sogar für sich genommen stimmen, objektiv, aber als Bedürftiger würde ich nicht so denken wollen und davon, daß ich es doch tun müßte, einen ziemlichen Knacks wegtragen.
      3. Die Leistungen müssen irgendwo herkommen, und kommen tun sie vom Volk, das sich dafür selbst mit der Genehmigung bezahlt, die ihm ja unbekannten Leistungsempfänger teils offen, teils unterschwellig zu verachten. Nun würde ich aber als Bettler gern den Preis einer Verdemütigung zahlen (oder sage das zumindest jetzt – klar ist aber, daß *schon das* auch mich zweifellos sehr hart ankäme und Leuten, die weniger katholische Luft geatmet haben, vielleicht noch um einiges härter), nicht aber den (mE weitaus *höheren*) Preis, als gegenleistungsloser Ansprüchesteller verachtet zu werden.
      4. Gerade daß die Sozialhilfe pünktlicher kommt als das Almosen, mag zur Fortdauer der an und für sich unerträglichen Situation beitragen. Denn es hilft wie ein Betäubungsmittel darüber weg, entweder (auf dieser sehr theoretischen Möglichkeit – aber es ist eine Möglichkeit, wenn auch eine sehr sehr unwahrscheinliche – wird wohl am ehesten der *Libertäre* bestehen) indem man irgendwann doch mit einer Eigeninitiative sich irgendwo ein Auskommen oder wenigstens einen Fuß in der Tür verdient; oder (auf dieser Möglichkeit würde übrigens z. B. der eigentliche *Linke* bestehen – wir erinnern uns, daß die ursprünglich durchaus etwas gegen von anderen Leuten als sozialistischen Revolutionären eingeführte Sozialversicherung hatten) indem man irgendwann gegen die tatsächlich oder vermeintlich ungerechten Verhältnisse einen Aufstand macht und anschließend entweder dieselben umstürzt oder im Gefängnis oder vor einem Erschießungskommando landet; oder, drittens, der Möglichkeit (und lassen wir mal offen, wer *darauf* besteht, vermutlich der deutsche Spießbürger der Mittelschicht), daß irgendwann der Hunger doch zu groß wird, irgendwann das Frieren doch zu lange andauert und einen somit der Große Gleichmacher aller irdischen Sorgen entledigt. Wir erinnern uns, daß gerade Sozialleistungen u. dgl. wenigstens bei uns in Deutschland gern qualifiziert werden als „zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“, so als mache es das ganze sogar noch schlimmer, daß man, wenn man schon nicht in einem Sinne, den man auch „leben“ nennen will, leben kann, dann aber doch noch genug hat zum bloßen Überleben. „Ich verstehe jetzt den alten Denethor ein bißchen besser“, sagte Pippin: „If doom denies this to me, then I will have naught: neither life diminished, nor love halved, nor honour abated“.

      B. Die *positiven* Effekte dessen, daß es Sozialhilfe gibt, sehe ich eher aus anderer Perspektive: aus
      1. der des Reichen, der dadurch nicht mehr unbedingt geben muß und sich weniger Gewissen machen braucht.
      2. Aus der des Polizisten, der mit den vielen (teils dann ja sogar erlaubten) Kleindiebstählen (und größeren Verbrechen), die es sonst gäbe, nicht fertigwürde.
      3. Aus Sicht des Landschaftsarchitekten bzw. „Stadtschaftsarchitekten“, für den die vielen Bettler einfach ein unschöner Anblick sind, der den Leuten, sammadochamalehrlich, einfach nicht zugemutet werden sollte, insbesondere den zahlungskräftigen Einkaufstouristen.
      4. Aus Sicht der Drogenbeauftragten, der vor all den Leuten, die dann doch Eigeninitiative ergreifen und, weil sie sich sonst nichts besseres Legales vorstellen können, ein moralisch sich wohl noch halbwegs zurechtlegbares Gewerbe wie den Cannabishandel („die Leute wollen das halt, ich liefer das“) aufnehmen würden, graust.
      5. Aus Sicht der Sittenwächter, speziell was die berufsmäßige Unzucht betrifft, da die sonst ja noch mehr blühen würde, als sie es ohnehin tut.
      6. Schließlich – Vorsicht, linkes Argument – aus Sicht des Konservativen, dem vor möglichen Revolten der nicht ruhiggestellten Unzufriedenen graust.

      „Brot und Spiele“ war ja, wir wollen es nicht ganz vergessen, eine Politik der römischen Kaiser, die durchaus sowohl fürsorgliche als auch staatspolitisch-stillhaltetechnisch echt sinnvolle Gründe hatte (und nebenbei, es heißt circenses, nicht munera, es ging also wenigstens in diesem Ausdruck um die auch moralisch weit weniger problematischen Wagenrennen, nicht Gladiatorenschlachterei, aber ich schweife ab).

      Also wie gesagt: Aus Sicht von *denen* finde ich, daß der Wohlfahrtsstaat mindestens auch nützt. Aus Sicht des Bedürftigen – yikes. Aber vielleicht stimmt ja mit meinen Gefühlen was nicht.

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      1. Ich hab nichts gegen deine Gefühle, aber mir jedenfalls geht es komplett anders, und ich verstehe dich wirklich nicht ganz.

        Ich bin ja ständig krank (vor allem in den letzten drei Monaten), und es fühlt sich jetzt gerade gar nicht so im Bereich des Unmöglichen an, irgendwann berufsunfähig zu sein. Was dann ohne Sozialhilfe? Erst wäre ich auf meine Eltern angewiesen. Dann vermutlich auf meine Schwestern – was ich ehrlich gesagt nicht sehr schön fände – und wenn ich keine Schwestern hätte? Ich will mir diese ständige Angst und Unsicherheit, ob man am nächsten Tag noch was essen und irgendwo schlafen kann, gar nicht vorstellen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es für jemanden sein muss, einfach auf der Straße zu stehen.

        Werden Bettler etwa nicht oft genug verachtet? Das ist doch genauso wie bei Sozialhilfeempfängern, oder noch schlimmer.

        Und wenn die Art, wie das jetzige Sozialsystem gerade funktioniert, seine Probleme bringt, dann behebt man die Probleme und schafft nicht das System ab. Du erwähnst auch die Leute, die Familie haben, wie sollen erst recht die zurechtkommen?

        Und gerade aus extremer Armut kommt man doch sehr viel schwerer raus als aus der Sozialhilfe. Weil man gar nicht mehr zur auch nur halbwegs respektablen Gesellschaft gehört und alle Anstrengung aufs Überleben verwenden muss.

        – Crescentia.

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      2. „Und wenn die Art, wie das jetzige Sozialsystem gerade funktioniert, seine Probleme bringt, dann behebt man die Probleme und schafft nicht das System ab.“

        Das Sozialsystem kann nur dann einigermaßen bestehen, wenn es auf Solidarität gebaut ist. Das ist in einer gottlosen Gesellschaft auf Dauer allerdings nicht möglich. Da nimmt jeder was er kriegen kann. Im übrigen schafft die Politik gerade selber das Sozialsystem ab, indem sie dem Mittelstand massenweise Berufsverbote erteilt, wegen einer angeblich tödlichen Pandemie, die wohl er noch kommen muss.

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  2. Das ist ein schwieriges Thema.

    In einem echten Diskussionsbeitrag würde ich sicher nicht die libertäre Position vertreten, schon allein deswegen nicht, weil sie mir so in zweierlei Weise geprägt erscheint vom Protestantismus: einmal natürlich die (kalvinistische) These, daß der Arme seinen Zustand natürlich verdient haben müsse, sonst sei er nicht arm. Vor allem aber die noch viel schwieriger auf einen Begriff zu bekommende Haltung, daß die edle Spende viel zu nobel sei, um irgendwie mit dem Makel einer staatlichen Vorschrift befleckt werden zu dürfen; deshalb drohe man ja mit gar nicht viel, gell, „nur“ mit dem ewigen Höllenfeuer, und es kann doch nun wirklich nicht jeder Hinz und Kunz in den Himmel kommen.

    Dennoch einmal die folgende, zunächst paradoxe Feststellung (I): *Als Reichem* kann es mir (trotz, versteht sich, mancher Beschwernisse und Ungerechtigkeiten im Detail, die es natürlich bei all dem gibt, so doch insgesamt) die bestehende Besteuerung und Besozialabgabung nur Recht sein, und zwar deswegen, weil ich mir genau wegen ihr kein Gewissen aus Einkommen und Vermögen machen muß und, wenn ich irgendwo großzügig bin (ich denke schon, daß das vorkommt^^), dies dann zu sein im wohligen Bewußtsein, damit etwas zu tun, das ich eigentlich nicht müßte, und in aller Regel zugunsten von Leuten, die ich gut leiden kann.

    Die Frage ist, ob nicht diese insgesamt günstige Lage für mich und mein Gewissen – die ich aber *habe*, also brauche ich mir kein schlechtes Gewissen daraus zu machen, von ihr Gebrauch zu machen 🙂 – letztlich mit der Würde des Armen erkauft wird. Es ist aus privilegierter Position gesagt und mag obendrein mehr die Prägung durch die Gesellschaft (die geistig viel randianistischer ist, als mancher es sich so träumen läßt) verraten denn die durch die wahre christliche Moral, aber ich selber würde, wenn ich die Wahl hätte, lieber mein Überleben durch Verdemütigung als Bettler auf der Straße verdienen und durch Anstehen in der Suppenküche etc., als Hartz IV entgegenzunehmen. (Würde mich allerdings bei gegenwärtiger Rechtslage verpflichtet sehen, erst Hartz IV entgegenzunehmen, bevor ich betteln gehen würde.) Am Rande sei bemerkt, daß jeder betteln kann, der sich nur entsprechend verdemütigt, aber – ein bißchen Klischee sei mir verstattet – die Leute, die fähig sind, Anträge bei der deutschen Sozialbürokratie selber vollständig und fehlerlos auszufüllen (ich würde mich zu ihnen zählen), sich im Grunde auch gleich bei der Verwaltung bewerben können und dann Arbeit hätten (wenn wir mal, ich denke realistischerweise, davon ausgehen, daß es da offene Stellen gibt).

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  3. Feststellung II: An und für sich sollte Staat Staat sein, eigentlich. Aber man wird kaum umhinkönnen festzustellen, daß es geistig einen (schwer auf einen Begriff zu bringenden) Unterschied macht, ob das ganze unter den Auspizien eines gesalbten Königs (oder auch eines republikanischen Kaisers als Verkörperung des Volkswillens wie Napoleon) mit Titel und Aura eines Vaters des Vaterlandes (oder in letzterem Fall wenigstens: eines Onkels des Vaterlandes, wie in dem interessanten amerikanischen Bild) und in der Verantwortung eines kaiserlichen oder königlichen Großalmoseniers S. M. – der übrigens in der Regel bezeichnenderweise aus den Reihen der Bischöfe des Landes berufen wird (deswegen werden übrigens Dornröschen und ihr Prinz ausgerechnet „vom Almosenier“ getraut!) – geschieht, oder aber von Treuhändern eines Volks-Souveräns, dem ja empirisch gesehen die Fürsorgezöglinge erst einmal verhaßt und von dem sie verachtet sind.

    (Das beruht im wesentlichen auf falschen Vorurteilen, vielleicht noch häufiger auf fälschlichen Verallgemeinerungen, und schlichtweg auf Mangel an Liebe, also Sünde, der allenfalls die Unbewußtheit etwas von der Schuldhaftigkeit nehmen kann; es ist aber trotzdem als Tatsache, die kaum einer bestreiten wird, festzustellen. „Man muß die Menschen nehmen, wie sie sind, andere gibt es nicht.“ [Adenauer])

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  4. Hallo Crescentia, ich bin überaus dankbar für die vielen sehr guten Beiträge über Skrupel, es hat mir sehr geholfen. Hast du alles hier geschrieben? Oder irre ich mich? Ich hätte einige Fragen zu diesem Thema..

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    1. Hallo! Das freut mich wirklich extrem, wenn das geholfen hat. Ja, alle Beiträge sind von mir. Ich hab gerade erst gesehen, dass du mir schon über die Contact-Seite geschrieben hast – tut mir leid, in letzter Zeit hatte ich viel im Kopf und hab vergessen, meine Emails nachzuschauen. Ich hab dir da geantwortet 🙂

      – Crescentia

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      1. Hallo Crescentia, hast du meine „sehr lange“ Email denn vom 11.11.20 schon bekommen? Da hast du mir noch nicht drauf geantwortet.
        Musst du auch nicht sofort, nur sobald du Zeit findest, würde es mich freuen😉🙏🏻

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