Heilsegoismus vs. moralischer Kollektivismus

In den Vorstellungen vieler Leute von Gut und Böse kann man einen gewissen Kollektivismus feststellen: Gut und Böse wird weniger an den eigenen Taten, als an den Einstellungen zum System festgemacht, und Gut und Böse als Kategorien werden von Einzelmenschen auf das System verschoben.

In der Moraltheologie kann man das gut beobachten: Das alte Fach der Kasuistik, das darauf schaute, Lösungen für die Gewissenskonflikte einzelner zu präsentieren, wird verdrängt durch die Sozialethik. Man hält es für quasi skandalös, wenn jemand wissen will, ob Bauchweh ausreicht, um einen von der Sonntagspflicht zu entschuldigen (das tut es) oder ob man am Sonntag staubsaugen darf (wenn es einigermaßen machbar ist, es zu verschieben, eher nicht). Die Sozialethik gab es freilich auch früher schon, gerade ab dem späten 19. Jahrhundert, während gleichzeitig viel Kasuistik betrieben wurde; erst heute will man die beiden als Feinde sehen.

Dieser Kollektivismus äußert sich auf optimistische und pessimistische Weise: Einerseits ist das System an allem Bösen schuld, also hat man selbst keine Verantwortung für seine schlechten Taten; andererseits ist das System völlig böse, also hat man keine Möglichkeit, als guter Mensch zu leben, solange man sich nicht völlig vom System abkapselt, was man wiederum nicht kann, also ist man notwendigerweise ein schlechter Mensch. (Das äußert sich auch in dem, was man anderen vorwirft, die irgendwelche ungewöhnlichen Ideale haben. „Du bist Kommunist, hast aber ein Smartphone aus einem kapitalistischen System“ – äh, ja, weil ein Kommunist ja ganz leicht kommunistische Alternativmöglichkeiten finden kann, mit anderen zu kommunizieren und sich zu vernetzen etc. Das soll keine Verteidigung der verabscheuenswerten kommunistischen Ketzerei sein.) Das ist natürlich lähmend; dann denkt man sich auch, man kann es ja eh gleich vergessen, gut sein zu wollen.

Darum reden Leute auch ständig davon, „ein Zeichen zu setzen für/gegen X“, statt etwas dafür oder dagegen zu tun. (Je nachdem, was X ist, ist es ja leider besser, wenn sie nur leere Zeichen setzen, aber das nur anbei.)

Darum nimmt man es auch Pius XII. übel, dass er nicht öffentlich den Holocaust angeprangert, sondern im Stillen tausende Juden im Vatikan, in Castelgandolfo und in römischen Klöstern verstecken hat lassen, ohne einen Gegenschlag der Nazis zu provozieren. (Die Nazis hatten übrigens dennoch ernsthafte Pläne, den Papst entführen zu lassen; er war nicht gerade mächtig gegen sie.)

Darum gelten vor allem die Leute als böse, die – sagen wir – internationale Spekulationsgeschäfte mit Lebensmitteln machen (die ich hier definitiv nicht verteidigen will) oder die die falsche Partei wählen, und weniger die, die ihre Kinder vernachlässigen oder ihre Frau betrügen.

Darum ist es so auffällig, wie Mainstream-Autoren ihre Figuren in historischen Romanen darstellen: Dass die gut sind, äußert sich weniger darin, dass sie Gutes tun, und mehr darin, dass sie demokratische oder feministische Ideen äußern, in einer Zeit, als noch keiner oder zumindest wenige Leute diese Ideen vertreten.

Darum gilt es auch als „Heilsegoismus“, sich um das Heil seiner Seele zu sorgen – was ungefähr so logisch ist, wie es als „Nahrungsegoismus“ und „Schlafegoismus“ zu bezeichnen, wenn jemand regelmäßig genug essen und schlafen will, um nicht zu sterben, oder es „Medizinegoismus“ zu nennen, wenn Diabetiker sich bei Bedarf Insulin spritzen.

Es ist gut und nötig, für das eigene Seelenheil zu sorgen, erstens weil man selber auch ein wertvolles Geschöpf Gottes ist, das Gott bei sich haben will, aber zweitens auch, weil man anderen niemals besser helfen kann, wenn man sich in Sünden stürzt. Sünden stören das Gleichgewicht im Universum und haben immer Nachwirkungen, die einem nicht bewusst sind. So, wie Gott die Welt geordnet hat, ist es einfach eine Tatsache, dass es am Ende immer für alle besser ausgehen wird, wenn man eine Sünde, mit der man denkt, anderen helfen zu können, nicht begeht. Sünden machen einen selber auch zu einem schlechteren Menschen, der anderen dementsprechend weniger helfen kann. Wer sich zu Tode hungert, hat nicht mehr die Kraft, anderen Essen zu bringen.

Es ist kein Egoismus, wenn man z. B. viel Zeit im Gebet verbringt. Das Gebet nützt erstens direkt etwas; zweitens stärkt es einen, um das Gute zu tun; drittens ist es an sich extrem wertvoll, Zeit mit Gott zu verbringen. Würde man es Leuten verbieten wollen, Zeit mit Freunden oder Familie zu verbringen, weil man in der Zeit auch ein Ehrenamt ausüben könnte?

(In diesem Sinne möchte ich auch noch etwas anderes anmerken: Manchmal wird vielleicht auch in christlichen Kreisen zu schnell der unterschwellige Erwartungsdruck aufgebaut, dass Neubekehrte Zeugnis geben und christliche Freude ausstrahlen und damit wieder andere bekehren sollen, wenn sie erst mal selber Zeit brauchen, um Heilung durch Christus zu finden und bei allem durchzusteigen und Frieden im Gebet zu erleben. Manchmal müsste es vielleicht etwas „heilsegoistischer“ zugehen, als das derzeit der Fall ist. Manchmal muss man erst vor der eigenen Tür kehren und seine eigenen Probleme angehen.)

Bildquelle hier.

Ich will hier Systeme gar nicht kleinreden; Systeme können immens helfen oder schaden, und zwar weltlich wie seelisch. Manche äußere Systeme helfen Leuten dabei, gut zu sein, andere treiben sie zum Bösen hin. Und Systemänderungen können sehr, sehr wichtig sein. Aber letztlich sind es immer noch die einzelnen konkreten Menschen, die am Ende im Himmel oder in der Hölle sein werden, und nicht die Systeme, und diese einzelnen konkreten Menschen können oft wenig an dem System ändern, in dem sie nun mal leben, aber viel Gutes oder Böses in ihrer unmittelbaren Umgebung schaffen.

Ironisch ist es, dass Leute, die in mancher Hinsicht so einen Kollektivismus verinnerlicht haben, dann wieder sagen „Man lebt nur einmal, genieß dein Leben, denk an dich“. Was veganes Essen und Fitness angeht, soll man sich um sich selber kümmern, was Reisen angeht, muss man sein Leben ausnutzen. Daran sieht man aber, dass man diesen Kollektivismus, was Lebenssinn und Moral und so weiter angeht, eben nicht durchhält. Man merkt trotzdem, dass man auch vor seiner eigenen Tür kehren, sich selber verbessern soll oder will. Und weil dann der Fokus auf die Nächstenliebe (konkreten Nächsten Gutes wollen, nicht einen fernen Systemwechsel gut finden) fehlt, wird das eben auch übertrieben und es wird wirklich egoistisch.

Selbstverwirklichungsegoistisch statt heilsegoistisch eben.

Download: Heribert Jone, „Katholische Moraltheologie“

Ich habe ja schon einige Texte zum Thema „Moraltheologie & Kasuistik“ veröffentlicht und dabei auch öfter den bekannten Moraltheologen Heribert Jone zitiert, dessen Handbuch zur Moraltheologie erstmals 1930 veröffentlicht wurde. Er ist ganz besonders hilfreich, wenn man Antworten auf Detailfragen und Gewissensdilemmata sucht.

Ich habe das Buch (17. Auflage, 1961) letztens eingescannt und wollte es jetzt hier als Download zur Verfügung stellen. Ich habe es nicht auf einmal gescannt, daher hier jetzt sieben PDFs.

Achtung: Die Nummern im Inhaltsverzeichnis beziehen sich auf die Nummern der Abschnitte, nicht die Seitenzahlen.

Christliche Kultur am Sonntag: „Alphabet der Träume“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

Heute: „Alphabet der Träume“ (Susan Fletcher)

Heute möchte ich nur auf ein Jugendbuch verweisen, das ich auf diesem Blog schon mal vorgestellt habe, und das sich perfekt als Weihnachtsgeschenk für 11-16jährige eignet. Es geht um die vierzehnjährige Mitra und ihren kleinen Bruder Babak, die im alten Persien in eine Karawane mit Sterndeutern geraten, die Richtung Judäa zieht.

Die Ereignisse aus der Weihnachtsgeschichte nehmen nur einen geringen Teil des Buches ein, bilden allerdings damit auch den Höhepunkt; der Großteil spielt in Persien, bevor sie Bethlehem erreichen; es geht um Mitras und Babaks eigene Geschichte.

Achilles und die Schildkröte oder Scheinparadoxa

Man bekommt es manchmal zu hören und seltsamerweise scheinen es die, die es erzählen, immer für sehr beeindruckend zu halten: Eins der Paradoxa des griechischen Philosophen Zeno. Achilles macht einen Wettlauf mit einer Schildkröte, die einen Vorsprung bekommt. Achilles läuft zwar schneller, kann die Schildkröte aber nie einholen, weil er dafür erst ihren Vorsprung einholen müsste. Aber dafür müsste er erst den Punkt erreichen, an dem sie war, als er losgelaufen ist, dann den Punkt, an dem sie ist, wenn er diesen Punkt erreicht, und so kann man die Strecke immer weiter in unendlich viele Teile unterteilen, die immer kleiner werden.

Dass die Realität das Paradoxon widerlegt, könnte ein Hinweis darauf sein, dass mit der Logik etwas nicht stimmt, und es ist eben auch nicht schwer zu sehen, was. Das Paradoxon geht davon aus, dass eine begrenzte Strecke, da in unendlich viele Teile teilbar, eigentlich unendlich ist, was offensichtlich falsch ist. Nehmen wir eine Strecke von einem Kilometer.

Wenn man diesen 1 Kilometer in 2 Teile teilt, braucht man für jedes 1/2 der Zeit.

Wenn man ihn in 4 Teile teilt, 1/4 der Zeit.

Und wenn man ihn in unendlich viele Teile teilt, 1/unendlich, d. h. unendlich wenig Zeit, für ein Teilstück. Wenn man ein Teilstück in dieser unendlich kleinen Zeit zurücklegt, legt man die Gesamtstrecke in einer begrenzten Zeit zurück.

Wenn man etwas Begrenztes in unendlich viele Teile teilt, werden diese auch unendlich klein. Und alle diese Teilungen existieren sowieso nur potentiell; konkret ist die Strecke, wie sie ist, oder kann sie jeweils immer nur in eine bestimmte Zahl von kleineren Strecken unterteilt sein.

Graphische Widerlegung des Paradoxons (lila = Achilles; grün = Schildkröte). Gemeinfrei.

Vielleicht müsste ich keinen Blogpost über etwas schreiben, das jeder bei Wikipedia nachlesen kann, aber ich will hier eigentlich sagen:

Manchmal kommen Leute mit scheinbar verblüffenden Sprüchen, Paradoxa, Vergleichen, die aber komplett gegen den gesunden Menschenverstand zu verstoßen scheinen. Und nicht immer, aber oft, sind diese Paradoxa tatsächlich einfach dumm und falsch, und da muss man sich nicht total aus dem Konzept bringen lassen davon, dass man im Moment keine ausführliche Widerlegung parat hat. Man kann ruhig erst mal abwarten und schauen.

Abtreibung: Eine Sammlung von Diskussionsstrategien

Gelegentlich gerät man ja in Diskussionen mit Abtreibungsbefürwortern; da kann es sinnvoll sein, sich im Voraus seine Strategie zu überlegen. Deswegen habe ich mal zusammengetragen, was meiner Meinung nach am effektivsten funktioniert, um deren talking points zu kontern, und vielleicht doch mal zumindest den ein oder anderen Zuhörer/Mitleser zu überzeugen.

Die Pro-Choice-Position beruht hauptsächlich auf drei Argumenten, zwischen denen Pro-Choicer hin- und herwechseln:

  1. „Das Kind ist noch kein vollwertiger Mensch. Wenn es einer wäre, dürfte man es nicht töten, es ist aber keiner.“
  2. „Selbst wenn es ein Mensch ist, wenn ein Mensch mit deinem Körper verbunden ist, darfst du ihn töten, weil es dein Körper ist und er dich einschränkt, deine Gesundheit gefährdet, o. Ä.“
  3. „Abtreibung ist zwar nicht gut, weil das Kind ein Mensch ist und auch nicht getötet werden sollte, nur weil es im Körper der Frau ist, aber ein staatliches Verbot wäre kontraproduktiv. Es würde a) Abtreibungen nicht verhindern und b) abtreibende Frauen gefährden. Außerdem kann man Abtreibungen nicht verbieten, wenn es dann keine guten Zustände für die geborenen Kinder und ihre Mütter gäbe.“

Wichtig ist es deswegen erst mal, den Diskussionsgegner darauf festzunageln, was davon er denkt, oder ob er eine Kombination daraus denkt („einen nicht vollwertigen Menschen darf man erst recht dann töten, wenn er mit deinem Körper verbunden ist, und das sollte erst recht legal sein, wenn man es eh nicht verhindern könnte“).

Dann würde ich folgende Standardargumente vorschlagen, die man einsetzen kann (erst Antworten auf die grundlegenden Punkte, dann weitere Denkanstöße).

Ad 1 („kein vollwertiger Mensch“):

Das Kind ist ab der Vereinigung von Ei- und Samenzelle ein lebendes Wesen der Spezies homo sapiens. Es hat alle seine Gene und alle Merkmale, mit denen Biologen „Leben“ definieren: Stoffwechsel, Wachstum und Entwicklung, Homöostase (Organisiertheit und Selbstregulation), Bewegung, Reizbarkeit (Reaktion auf Umwelteinflüsse), es besteht aus Zellen (der Begriff „Zellklumpen“, um das Kind zu entmenschlichen, ist eigentlich ironisch, denn nur Lebewesen bestehen aus Zellen; Dinge, die nicht selbst Lebewesen sind, aber aus Zellen bestehen, wie z. B. eine abgehackte Hand, stammen von einem Lebewesen und waren mal ein Teil von ihm; das Kind ist allerdings ein eigenständiges Lebewesen, das andere Gene als die Mutter hat). Wenn ein Lebewesen stirbt, zerfallen die Zellen, das gleiche gilt bei der abgehackten Hand (auch Haare und Fingernägel bestehen aus bereits abgestorbenen Zellen).

(Prochoicer kommen gerne mit einer versuchten reductio ad absurdum: „Wenn Abtreibung Mord ist, ist dann Masturbation Massenmord, weil dabei die Samenzellen verlorengehen???“ – gerade so, als hätte irgendwer behauptet, Samenzellen wären lebende Menschen. Samenzellen sind Zellen des männlichen Körpers, die die Hälfte der DNA für einen neuen Menschen enthalten, und die nicht selbst lebendig sind, und eben keine Merkmale wie Homöostase zeigen. Sobald sie sich mit der Eizelle vereinigen, entsteht ein neuer Mensch. Das ist der zentrale Punkt, die zentrale Veränderung; dieser Mensch muss dann nur noch in die richtige Umgebung – die Gebärmutter – gelangen und wachsen und sich aus sich heraus entwickeln.)

Wenn man nun sagt, dass nicht jeder lebende homo sapiens ein „Mensch“ im Sinne von „jemand, der Menschenwürde hat und Menschenrechte verdient“ ist – nun, wer ist dann noch kein „Mensch“? Wem kann man noch seine Menschenrechte nehmen? Wer sagt, ein Embryo sei kein „Mensch“ oder keine „Person“ in diesem Sinne, muss definieren, was ein Mensch oder eine Person ist.

Wenn Prochoicer sich an dieser Definition versuchen, zeigen sich verschiedene vage Ideen:

  • „Eine Person soll Bewusstsein haben.“ Das würde Schlafende und Komapatienten ausschließen. Schlafende sind des Bewusstseins nur für ziemlich kurze Zeit beraubt und Komapatienten hatten es zumindest mal; aber auch in Embryonen ist die Fähigkeit dazu grundlegend angelegt und sie würden es später erlangen, tatsächlich erlangen sie es im Lauf der Schwangerschaft. Dass jemand, der an sich Bewusstsein haben kann, es im Augenblick nicht hat, sagt offensichtlich nicht viel aus.
  • „Eine Person soll zu vernünftigem Denken fähig sein.“ Das würde nicht nur Schlafende und Komapatienten, sondern auch Neugeborene, Kleinkinder und bestimmte Behinderte ausschließen. Wie Bewusstsein ist Vernunft eine im Menschen angelegte, ihm seinem Wesen nach innewohnende Fähigkeit, deren Ausübung aber durch verschiedene Gründe (noch nicht weit genug entwickeltes Gehirn, krankhaft verändertes Gehirn, ausruhendes Gehirn) gehemmt sein kann. Der Körper, der das Instrument für die Ausübung der seelischen Fähigkeiten ist, ist auch ein fehleranfälliges Instrument, das sie behindern kann. Diese grundsätzlich angelegte Fähigkeit gehört tatsächlich zur Würde des Menschen, nicht aber ihre Ausübung. (Wenn jemand diese Fähigkeit im Leben nie ausüben konnte, kann er es nach dem Tod, wenn die Einschränkung durch den fehlerhaften Körper wegfällt.)
  • „Eine Person muss eine bestimmte Größe oder körperliche Entwicklung/Ausdifferenzierung haben“. (Das „Zellklumpen“-Argument.) Dahinter steht im Grunde die Vorstellung einer gestaffelten Menschenwürde: Eine Frühabtreibung über Präparate der Pille danach, die nicht nur die Vereinigung von Ei- und Samenzelle, sondern auch die Einnistung des bereits existierenden Embryos in der Gebärmutter verhindern, sehen solche Leute oft als völlig unproblematisch an; mit einer Abtreibung in den ersten 12 Wochen haben sie ziemlich wenige Probleme, wobei sie vielleicht finden, dass sie nicht aus ganz frivolen Gründen stattfinden sollte („keine Frau treibt gerne ab!“), eine spätere Abtreibung, z. B. in der 20. oder 24. Woche sehen sie nur in Ausnahmefällen als gerechtfertigt an, z. B. bei einem Kind mit Downsyndrom (von denen ja 90-95% in Deutschland abgetrieben werden). Da „Embryo“ und „Fötus“ aber nur die ersten Entwicklungsstufen eines Menschen sind, und seine Entwicklung auch nach der Geburt noch mit Stufen wie „Baby“, „Kleinkind“, „Kind“, „pubertärer Jugendlicher“, „Erwachsener“ weitergeht, müsste man auch hier eine Staffelung annehmen: Selbst wenn man einem Baby bereits ein ausreichendes Maß an Menschenwürde zugestehen würde, dass seine Tötung nicht legal sein sollte, müsste man sie als weniger schlimm sehen und weniger hart bestrafen als die eines Erwachsenen, wenn man der Theorie von der nach Alter, Größe und Entwicklungsstand gestaffelten Menschenwürde konsequent folgen würde. Die von Pro-Choicern aufgestellten Grenzen sind offensichtlich willkürlich: Wenn Abtreibung bis zur 14. statt bis zur 12. Woche straffrei wäre, wäre es dann in Ordnung, Kinder in der 14. Woche zu töten, aber jetzt ist es das nicht? Manchmal kann es auch helfen, darauf hinzuweisen, wie schnell Kinder sich schon entwickeln; z. B. dass der Herzschlag bereits ab dem 22. Tag (!), d. h. nach knapp über 3 Wochen, beginnt. In der 12. Woche ist das Kind mehrere Zentimeter groß und hat alle Organe.

Wer über Leben und Tod von Menschen entscheiden will, muss das wenigstens konsequent tun und Gründ dafür angeben, dass einer keine Menschenrechte haben soll; Gründe, die dann allgemein gelten müssen.

Bild
10 Wochen altes Kind.

Tatsächlich ist das hier der Knackpunkt: Denn Pro-Choicer gehen oft genug von der nominalistischen Idee aus, dass es keine genau abgrenzbaren Kategorien von Wesen gibt und alle Label nur menschliche Festlegungen sind, dass also auch der Unterschied zwischen Menschen und Tieren z. B. fließend ist, und es eine rein pragmatische Festlegung ist, wann man die Tötung eines wenig entwickelten Menschen erlaubt; außerdem glauben sie nicht so wirklich an eine besondere Menschenwürde, die dem Menschen als Menschen zukommt.

Instinktiv lehnen viele das jetzt noch ab: Sie wissen, dass es nicht dasselbe ist, ob man einen Schweineschinken isst oder sich eine Suppe aus einem im 6. Monat abgetriebenen Kind kocht. Aber man sollte es auch begründen können. Dafür muss man zunächst den Nominalismus widerlegen (dazu bald ein eigener Artikel), und dann belegen, dass die abgrenzbare Kategorie Mensch eine besondere Würde hat. Das ergibt schon die Feststellung, dass in Menschen grundsätzlich die Fähigkeit zur Vernunft und zum Guten angelegt ist; auch Menschen, bei denen ihre Ausübung gehemmt ist, gehören eben zur Kategorie Mensch, sie teilen eine Wesenhaftigkeit mit anderen Menschen. Und zu diesem Wesen gehört es, Gutes oder Böses tun zu können, seinem Gewissen folgen zu können, andere Menschen lieben zu können, über sich selbst hinausdenken zu können, bewusst und frei handeln zu können statt nur Instinkten zu folgen; Tiere können das nicht, sie können weder so gut noch so böse sein wie Menschen. Aber die tiefste Begründung geht eigentlich nur mit dem Christentum, damit, dass wir wirklich nach dem Ebenbild Gottes geschaffen und für das ewige Leben bestimmt sind, dass alle Menschen spätestens nach dem Tod uneingeschränkt ihr eigentliches Selbst sein werden und diejenigen unter ihnen, die das Richtige draus gemacht haben, Gott schauen werden. Menschen sind sehr viel wert, und zwar jeder einzelne. Es ist kein Wunder, dass in sämtlichen heidnischen Gesellschaften, auch den hoch entwickelten wie Indien, China, Rom, das menschliche Leben wenig wert war, dass Abtreibung und auch Kindesaussetzung und in manchen Gesellschaften auch die Aussetzung von Alten und Kranken gang und gäbe war.

Hier muss man evtl. tiefer in die Grundlagen einsteigen. Am Ende kann man Menschenwürde und Lebensrecht nur mit dem Christentum haben; aber vorerst müssen wir uns damit begnügen, Leute, die gefühlsmäßig noch an diesen Konzepten hängen, ohne Christen zu sein, ein wenig zum Nachdenken zu bringen und sie dazu zu bringen, dass sie wenigstens merken, dass entweder alle Menschen Menschenwürde haben müssen oder man sie allen möglichen Gruppen nehmen kann.

Manchmal kommen Prochoicer auch damit, es würden doch sowieso soundsoviel Prozent der Embryonen von selbst abgehen. Das ist in etwa das Argument: Je höher dein Risiko, auf natürliche Weise zu sterben, desto eher darf man dich töten. Menschen über 80 haben auch ein hohes Risiko, bald auf natürliche Weise zu sterben; früher hatten Babys und Kleinkinder ein hohes Risiko, bald auf natürliche Weise zu sterben. Und eigentlich hat sowieso jeder Mensch ein 100%iges Risiko, irgendwann zu sterben.

Zuletzt: Angenommen, der Prochoicer meint, man könnte ja nicht wissen, ab wann genau ein Embryo wirklich weit genug entwickelt sei, um als Mensch zu zählen; in dem Fall kann man ihn fragen: Wäre es dann nicht angebracht, auf Nummer sicher zu gehen und ihn nicht zu töten, weil er möglicherweise ein Mensch sein könnte? Wenn ein Jäger eine sich bewegende Figur hinter einem Busch ausmachen kann, aber sich nicht sicher ist, ob es ein Reh oder ein Mensch ist, darf er dann auch darauf schießen, weil es ja nur vielleicht ein Mensch ist? Natürlich nicht.

Ad 2 („mit dem Körper der Frau verbunden und ihre Gesundheit gefährdend“):

  • Das offensichtlichste Gegenargument dagegen, dass man jemanden töten dürfe, der mit dem eigenen Körper verbunden ist, ist: Darf dann auch ein siamesischer Zwilling den anderen töten? Nehmen wir einfach mal an, einer könnte eine Trennung leicht überleben, aber der andere würde dabei sterben. Darf der erste gegen den Willen des zweiten einen Arzt zu der Trennung beauftragen? Welcher siamesische Zwilling hat hier das höhere Lebensrecht und darf bestimmen? Wenn man hier sagt „Keiner darf den anderen töten!“, wieso sagt man das nicht bei Menschen, die auf andere Weise verbunden sind, d. h. einer Schwangeren und ihrem Kind? Wieso macht man hier einen Unterschied in der Menschenwürde? Um es noch stärker ad absurdum zu führen: Wird ein Zahnarzt Teil meines Körpers, sobald sein Finger in meinem Mund ist, und darf ich ihm diesen Finger deswegen abbeißen? Wo ein Mensch sich befindet, ändert nichts an seinem Lebensrecht.
  • Es geht nicht nur darum, dass die Schwangere einem Kind das „Gastrecht“ in ihrem Körper verweigert, es ist eine aktive Tötung. Bei einer Frühabtreibung wird ein Kind i. d. R. durch Saugluft in Stücke gerissen und abgesaugt, bei einer Spätabtreibung wird einem Kind häufig Gift ins Herz gespritzt und dann eine Frühgeburt eingeleitet. Die „Komplikation“ des Überlebens soll so verhindert werden; denn früher, als man nur eine Frühgeburt einleitete, ohne Gift, kam es öfter vor, dass das Kind lebend geboren wurde und noch einige Zeit unversorgt liegen gelassen werden musste, damit es auch starb. Wenn es nur darum ginge, ein Kind aus dem Körper zu entfernen, könnte man zunächst schon mal aus Spätabtreibungen normale Geburten/Kaiserschnitte machen, bei denen man versuchen würde, das Leben des Kindes zu retten, und das Kind dann weggeben würde.
  • Tatsächlich gibt es Menschen, die eine Spätabtreibung überlebt haben und dann doch noch versorgt wurden; z. B. Gianna Jessen. Seit wann hat Gianna Jessen ein Recht auf Leben? Bei vielen Spätabtreibungen lebt das Kind noch kurze Zei außerhalb des Mutterleibs; ist es unterlassene Hilfeleistung, es zum Sterben liegenzulassen, sobald es draußen ist, aber war völlig unbedenklich, sich daran zu machen, es zu töten, während es drinnen war? Ein anderer Überlebender einer Spätabtreibung, Tim, das „Oldenburger Baby“ wurde 11 Stunden unversorgt liegengelassen. Ab wann war das ein Verbrechen, und was wäre gewesen, wenn er nach diesen 11 Stunden still und heimlich gestorben wäre?
  • Selbst wenn es nur um ein „verweigertes Gastrecht“ ginge, hätten dann auch Eltern von geborenen Kindern das Recht, diesen Kindern das Gastrecht in ihrem Haus zu verweigern? Auch geborene Kinder hängen von ihren Eltern ab, um auch nur kurze Zeit zu überleben. Natürlich kann man geborene Kinder zur Adoption freigeben, aber nehmen wir mal an, das ginge nicht; nehmen wir an, eine Mutter wäre allein mit ihrem neugeborenen Kind auf einer einsamen Insel gestrandet; es ist vollkommen angewiesen auf sie, sogar angewiesen auf ihren Körper, weil sie es stillen muss. Darf sie es einfach irgendwo liegen lassen, damit es stirbt, oder hat sie eine Verantwortung für es? Eltern haben eine ganz besondere Verantwortung gegenüber ihren Kindern, und jeder Mensch hat eine besondere Verantwortung gegenüber einem hilflosen anderen Menschen, um den sich sonst niemand kümmern kann, er aber schon.
  • Das Kind hat sich nicht selbst entschieden, in den Körper der Schwangeren einzudringen; in aller Regel ist sie selbst wissentlich das Risiko eingangen, schwanger zu werden, was auch trotz Verhütung passieren kann. Im Fall einer Vergewaltigung (was glücklicherweise die allerwenigsten Fälle von Abtreibungen betrifft; weit unter 1%) sind weder die Mutter noch das Kind verantwortlich; auch hier ist das Kind kein böswilliger Angreifer. (Unten noch einmal zu diesem Härtefallthema.) Aber es sei nochmal wiederholt: In der Regel ist die Mutter wissentlich das Risiko eingegangen, dass ein neuer Mensch entsteht, der ihr im Weg wäre, damit sie ein paar Minuten Spaß hat.
  • Auch wenn eine Schwangerschaft für die Mutter lebensgefährlich wird (was heute sehr selten der Fall ist und meistens ist dann ein verfrühter Notkaiserschnitt oder eine Einleitung der Geburt sowieso besser als eine Abtreibung, da man bei einer Abtreibung erst noch das Kind vergiften und einige Zeit abwarten müsste), oder zumindest ihre Gesundheit gefährdet, tut das Kind nichts, um sie anzugreifen; Notwehr ist nur gegen einen schuldigen Menschen erlaubt, der aktiv etwas tut, um einen anzugreifen. Wenn jemandes bloße Existenz oder Anwesenheit für mich lebensgefährlich wird, darf ich ihn deswegen nicht töten. Sagen wir, mein kleines Kind, mit dem ich mich an einem einsamen Ort ohne andere Menschen befinde, hat eine schwere ansteckende Krankheit, die mir gefährlich werden könnte, darf ich es schnell erschießen und die Leiche wegschaffen, damit ich mich nicht anstecke, wenn ich es pflege? Sagen wir, ich renne auf einem schmalen Weg neben einem Abgrund vor einem Mörder weg; ein kleines Kind, das nicht begreift, was da passiert, steht mir im Weg; darf ich es in den Abgrund stoßen, um weiterrennen zu können? Ich verstecke mich vor Polizeispitzeln eines Diktators und habe mein kleines Kind dabei; ich habe Angst, dass es schreien und mich verraten könnte; darf ich es schnell im Schlaf mit einem Kissen ersticken, solange die Spitzel noch fern sind?
  • Manchmal liest man, Abtreibung sollte ab dann verboten sein, wenn das Kind eigenständig überleben könnte. Das ist völlig absurd. Es heißt im Endeffekt: Je hilfloser und bedürftiger du bist, desto eher darf man dich töten. Und auch ein in der 28. Woche verfrüht auf die Welt geholtes Kind kann eben nicht alleine überleben; auch ein normal geborenes Baby kann das nicht, ein dreijähriges Kind kann es nicht, und es gäbe sicher auch genug Erwachsene, die nicht überleben würden, wenn sie plötzlich völlig auf sich gestellt und alle anderen Menschen von der Erde verschwunden wären. Dass geborene Menschen (meistens) selbstständig atmen können und Nahrung durch den Mund statt die Nabelschnur aufnehmen: Was bedeutet das groß? Wieso soll das einen Unterschied für ihr Lebensrecht machen?

Ad 3 („Kriminalisierung kontraproduktiv“):

Die erste Behauptung ist, dass man Abtreibungen nicht verhindern könnte; Frauen würden sowieso abtreiben. Diese Behauptung ist schlicht falsch. Dafür kann man sich ansehen, ob es irgendein Land gibt, in dem nach der Legalisierung die Zahl der Abtreibungen gleich blieb oder nach unten ging; das ist nicht der Fall. In den USA beispielsweise ging die jährliche Zahl der Abtreibungen erst einmal um das 15fache (!) nach oben (von 100.000 im Jahr auf 1,5 Millionen). Wo es stärkere Einschränkungen von Abtreibungen gibt (z. B. Pflichtberatung und Wartezeit vor der Abtreibung; Zustimmung der Eltern bei Minderjährigen nötig; Abtreibung nur innerhalb bestimmter Fristen oder bei bestimmten Indikationen legal) sind die Zahlen, wenn andere Umstände (z. B. Armut) vergleichbar sind, niedriger als dort, wo es sie nicht gibt. Strenge Gesetze verhindern Abtreibungen; das ist durch viele Studien nachgewiesen.

(Wichtig ist es hier, dieselben Länder vor und nach Gesetzesänderungen zu vergleichen, und nicht nur Länder miteinander, in denen andere Umstände sehr unterschiedlich sein können.)

Es ist auch leicht einzusehen, wieso:

  • Viele Menschen haben ein „Wenn das Gesetz es erlaubt, kann es ja nicht so schlimm sein“-Denken verinnerlicht; Menschen müssen bewusst inneren Widerstand leisten, um die Überzeugung beizubehalten, dass etwas, das das Gesetz zulässt und das viele ihrer Mitbürger tun, falsch ist. Wenn Abtreibung dagegen illegal ist, ist sie mehr tabu. Das Gesetz ist ein Lehrer.
  • Es gibt mehr Hindernisse auf dem Weg zu einer Abtreibung; es ist schwieriger, einen Arzt zu finden, der bereit ist, eine vorzunehmen, für eine Abtreibung ins Ausland zu reisen, o. Ä. Viele Frauen, die heute ein Kind abtreiben lassen, sind sich davor unsicher bei der Entscheidung und schwanken hin und her. Wenn es leichter ist, eine Abtreibung zu bekommen, werden unsichere Frauen eher in diese Richtung gelenkt.
  • Wenn Abtreibung legal ist, ist es für den Kindsvater, die Familie, die Freunde leichter, Druck auf die Schwangere auszuüben und sie kann dem weniger entgegensetzen. Ein mittelmäßig gewissenhafter Kindsvater hätte mehr Hemmungen, seine Freundin zu einer illegalen Abtreibung zu drängen als zu einer legalen; selbst wenn ein wenig gewissenhafter es tut, wird sie eher noch sagen können „wegen dir mache ich doch nichts Illegales!“. Auch der Druck der Gesellschaft – „wie kannst du daran denken, so etwas zu tun“ – kann viel ausrichten.

Manchmal kommen Abtreibungsbefürworter in diesem Zusammenhang auch mit „Wenn man Abtreibung verbieten will, muss man erst mal dafür sorgen, dass Müttern in Not genug geholfen wird, aber das wollt ihr mal wieder nicht!“ Der letzte Halbsatz ist nur eine beliebig wiederholte Verleumdung (genau so könnten wir einfach mal sagen „ihr redet, als würden euch kranke Schwangere interessieren, aber ihr seid ja gegen jede medizinische Forschung, weil ihr Menschen verrecken sehen wollt!!!11“, weil es auch irgendwelche Prochoicer geben wird, die medizinische Tierversuche verbieten wollen); und der erste Teil des Arguments hat etwa den Wert, den das Argument „Es reicht nicht, die Sklaven nur freizulassen, man muss auch dafür sorgen, dass sie dann einen besseren Platz in der Gesellschaft finden und z. B. zu guten Löhnen angestellt werden statt zu Hungerlöhnen wieder als Quasi-Sklaven, dass sie auch Bildung und Wohlstand erlangen können etc.“ hätte – ja, genau, und das heißt jetzt wohl, wir sollen lieber gleich auf absehbare Zeit die Sklaverei beibehalten?

Abgesehen davon geht das Argument von falschen Voraussetzungen aus: In Deutschland jedenfalls endet ganz sicher keine alleinerziehende Mutter auf der Straße, und für die wenigen Kinder, die zur Adoption freigegeben werden, stehen sofort mehr als genug Adoptiveltern bereit. Auch in Ländern mit strengem Abtreibungsrecht wie Polen oder (früher) Irland gibt es Sozialhilfe und natürlich auch z. B. Hilfen für Behinderte, auch wenn etwa der polnische Staat nicht so viel Geld hat wie der deutsche. Die USA sind eine Ausnahme, sowohl als 1.-Welt-Staat mit schlechtem Sozialsystem als auch darin, dass es dort viele Prolifer gibt, die gleichzeitig relativ wirtschaftsliberal/anti-Sozialstaat gesonnen sind. Das ist eine US-amerikanische (meiner Meinung nach) Fehlentwicklung; aber auch diese liberal Gesonnenen muss man nicht für persönlich schlechte Menschen halten: Republikanerwähler spenden privat durchschnittlich mehr als Demokratenwähler. Ich halte ihre Sicht, dass private Hilfe bei diesem Thema immer besser ist als staatliche, für falsch, aber es ist nicht so, dass sie nichts täten, z. B. bei der Unterstützung von Crisis Pregnancy Centers oder als Pflege- oder Adoptiveltern. Von diesen Crisis Pregnancy Centers, die Beratung, Babyausstattung und dergleichen bieten, werden tatsächlich sehr viele betrieben; das ist eine Haupttätigkeit der Prolifebewegung. Und wenn Prolifer Kinder adoptieren, wie die katholische US-Supreme-Court-Richterin Amy Coney Barrett, die zusätzlich zu ihren fünf eigenen Kindern zwei Kinder aus Haiti adoptiert hat, ist das Prochoicern seltsamerweise auch nicht recht. Und nochmal: Das macht in etwa den Sinn, den es machen würde, Prochoicer würden Leute sterben sehen wollen, weil unter ihnen auch militante Veganer sein werden, die medizinische Tierversuche verbieten wollen.

Auch in Deutschland gibt es übrigens Pro-Life-Organisationen, die Schwangerenberatung und praktische Hilfe bieten. Das ist Prochoicern natürlich auch wieder nicht recht; da wird schon mal Vandalismus betrieben und eine Kleiderkammer mit Babyausstattung unbrauchbar gemacht, weil sie von Prolifern betrieben wird.

Aber wenn man als Prolifer als „Heuchler“ o. Ä. beschimpft wird, muss man eigentlich gar nicht so weit ausholen. Ein Heuchler ist, wer heimlich etwas anderes tut, als was er predigt und wie er sich selbst darstellt. Wir nun verlangen von anderen Menschen einfach nur, dass sie ihre Kinder nicht töten. Und wir selber töten unsere Kinder dementsprechend auch nicht.

Ja, auch Prolifer haben die Fähigkeit, schwanger zu werden. Auch christliche Ehepaare können ein Kind haben, bei dem in der Schwangerschaft Downsyndrom diagnostiziert wird, oder ungeplanterweise noch ein Kind bekommen, nachdem sie sich eigentlich schon dachten, jetzt reicht es, oder wenn es der Frau gesundheitlich schlecht geht. Unverheiratete Prolifer hätten genauso wie andere Menschen die Möglichkeit, Sex zu haben, und tun das für gewöhnlich aus Verantwortungsgefühl etc. eben nicht. Und um wieder einen Extremfall zu nehmen: Auch Frauen, die prolife sind, können vergewaltigt und davon schwanger werden.

Wenn eine Frau sich als prolife geben würde, aber dann sagen würde „in meinem Fall ist das eben anders, es passt gerade so dermaßen nicht, außerdem geht es mir nicht gut, ich treibe ab, das ist was anderes als sonst!“, dann wäre die eine Heuchlerin. Wenn ein Mann sich als prolife geben würde, aber dann mit Frauen schlafen würde, die er wenig kennt, und sie zur Abtreibung drängen würde, damit er keine Scherereien hat, dann wäre er ein Heuchler. Vermutlich wird es in Gottes weiter Welt sogar irgendwo solche Menschen geben; aber bei den Prolifern, die ich kenne, trifft das auf keinen zu.

So weit, so gut. Und es ist wichtig, auch das zu betonen: Selbst ein bettelarmer Staat, in dem es Familien wirklich schlecht gehen kann, dürfte trotzdem diesen Familien verbieten, ihre Kinder zu töten. Das ist bei ungeborenen Kindern nicht anders als bei geborenen. Und ein Staat, der es sich leisten kann, hat die Pflicht, Familien zu helfen; aber selbst wenn er dieser Pflicht nicht nachkommen würde, wäre es noch schlimmer, wenn er zusätzlich auch seiner anderen Pflicht, das Lebensrecht der Kinder hochzuhalten, nicht nachkommen würde.

Die zweite Behauptung ist, dass bei illegalen Abtreibungen Frauen verletzt werden oder sterben. Zunächst könnte man dazu sagen, dass die Zahlen solcher Todesfälle sehr gering waren im Verhältnis zu den illegalen Abtreibungen, dass vor der Legalisierung (in vielen Ländern in den 60ern, 70ern) illegale Abtreibungen inzwischen viel eher von Ärzten vorgenommen wurden als von Engelmacherinnen oder Frauen selbst (von wegen Kleiderbügel), und dass auch bei legalen Abtreibungen Frauen manchmal verletzt werden oder sterben; es ist wie jede Operation ein Eingriff mit Risiko, wenn auch mit geringem. Man kann auch auf andere Länder mit restriktivem Abtreibungsrecht hinweisen: Wie viele Frauen sterben heute in Polen bei illegalen Abtreibungen? Eben. Selbst wenn eine sich mal verletzen sollte, ist ein Krankenhaus gleich erreicht.

Aber vor allem muss man sagen, dass es darauf nicht ankommt. Das tut es wirklich nicht. Es ist nicht schön, wenn so etwas passiert (vor allem, wenn eine sterben sollte, bevor sie ihre Tat bereut). Aber Tötungsdelikte sicher für die Täter zu machen ist nicht das Ziel; das Ziel ist, Tötungsdelikte zu verhindern und die Würde der Opfer aufrechtzuerhalten. Eine „sichere“ Abtreibung gibt es nicht; immer wird ein Mensch dabei getötet.

Wenn bei einem Amoklauf eines psychisch gestörten Jugendlichen der Täter von der Polizei erschossen wird, ist das auch nicht schön, aber deswegen ist es nicht das zentrale Ziel, diese Taten für die Täter sicherer zu machen. Sicher wird man ein bisschen darauf schauen, z. B. werden die Polizisten ihn erst auffordern, sich zu ergeben (und ebenso wird ein Krankenhaus eine bei einer illegalen Abtreibung verletzte Frau versorgen), aber es ist nicht das eigentliche Problem. Was denkt man über einen Amokläufer, der stirbt, weil seine eigene Pistole unverhofft losgegangen ist und ihn verwundet hat?

Hier muss man sich klar ausdrücken und hart bleiben. Ungeborene Opfer von Tötungsdelikten sind nicht weniger wert als geborene. Das ist keine Aussage über das Ausmaß an Schuld der Mütter oder der Ärzte (aber beide tragen Schuld, wie viel, das hängt vom Fall ab), sondern eine über die Würde der Opfer.

Und es bringt auch nichts, hier nicht konsequent und klar zu sein: Denn wenn wir diese massenhaften Kindertötungen nicht als massenhafte Kindertötungen behandeln, dann geben wir Pro-Choicern nur einen Grund, zu sagen, „aha, die behandeln diese Zellklumpen auch nicht als richtige Menschen, die glauben auch nicht, dass es hier um Morde von einem genozidartigen Ausmaß geht, sie wollen eben nur Frauen kontrollieren und dafür bestrafen, dass sie Sex haben!“ (wie man sie manchmal argumentieren sieht, wenn Pro-Lifer sich zu „kompromissbereit“ zeigen).

Sonstiges / Allgemeine Gedankenanstöße:

Um Prochoicer zum Nachdenken zu bringen, kann man z. B. fragen:

a) Wie viele Frauen, die sich fast für eine Abtreibung entschieden hätten, es aber dann doch nicht getan haben, bereuen es sieben Jahre später, wenn ihr Kind in der 1. Klasse ist, und würden wünschen, dass es nicht existiert? Umgekehrt, wie viele Frauen, die abgetrieben haben, bereuen es später, wenn sie daran denken, dass sie jetzt ein sechs- oder siebenjähriges Kind hätten?

b) Diejenigen, die finden, dass Abtreibung aus jedem Grund erlaubt sein sollte, finden die auch die gezielte Abtreibung von Mädchen in Indien und China gut? (Ein entschlossener Abtreibungsbefürworter könnte darauf vielleicht sagen „an sich ist die nicht schlimm, die abgetriebenen weiblichen Embryonen hatten ja kein Recht auf Leben, sie ist nur schlecht als Zeichen, das anzeigt, dass diese Gesellschaften Mädchen nicht wollen“, aber Mithörer wären vielleicht von dieser Argumentation, zu der er gezwungen wäre, abgestoßen.)

c) Wenn ein Prochoicer mit den „Härtefällen“ (Vergewaltigung, Lebensgefahr) kommt, kann man erstens einfach antworten: „Also wärst du dafür, Abtreibung nur noch in diesen Fällen zu erlauben? Okay, ich bin zwar nicht einverstanden, aber als Verbesserung der jetzigen Gesetzeslage können wir das gerne beschließen und so über 99% der 100.000 jährlichen Abtreibungen in Deutschland verhindern.“ Bald wird sich zeigen, ob derjenige nicht eher sichergehen will, dass gewöhnliche ungeplante Schwangerschaften noch „abgebrochen“ werden dürfen.

Außerdem ist es hilfreich, auf konkrete Beispiele von vergewaltigten Frauen zu verweisen, die ein aus einer Vergewaltigung entstandenes Kind wollen und lieben, oder auf Frauen, die auch ein hohes Risiko eingegangen sind, um lange genug zu warten, bis ein Kaiserschnitt möglich war.

Aber am besten nicht nur auf Einzelbeispiele, sondern auf Daten und Statistiken!

Beim Thema Vergewaltigung etwa wird immer davon ausgegangen, dass die Opfer annähernd alle abtreiben wollen und auch unter den schlimmsten Risiken abtreiben werden. Dazu einige Zahlen: In den USA, wo Abtreibung legal ist (und zwar in vielen Staaten bis spät in die Schwangerschaft hinein), hat eine Studie von 1996 ergeben, dass 50% der Betroffenen nicht abtreiben, in anderen Studien findet man das Ergebnis, dass dort 38% ihre Kinder nicht abtreiben. Da muss man nicht auf obskure Seiten schauen, das gibt Wikipedia selbst zu. (Andere Studien zeigen noch höhere Zahlen.)

Wirklich interessant ist, wie viele Kinder dann zur Adoption freigegeben wurden; denn man kann sich ja denken, dass es passieren kann, dass eine es nicht über sich bringt, das Kind abzutreiben, aber dann später nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Wieder laut Wikipedia ergaben Studien Werte von 6% oder von 26% – das zeigt sehr gut, dass diese Mütter es aus vielen Gründen schwerer haben, ihr Kind aufzuziehen, aber dass auch eine Mutter, die vergewaltigt worden ist, ihr Kind lieben kann, und es nicht nur als Hinterlassenschaft seines Vaters sehen muss – wie auch andere Mütter, die von den Vätern ihrer Kinder schwer misshandelt wurden o. Ä., und diese Kinder trotzdem genauso lieben.

Und man sollte hier nicht verschweigen, dass Vergewaltigungsopfer, die nicht abgetrieben haben, oft von der Pro-Choice-Seite angegriffen werden, weil sie nicht mehr nützlich sind und nicht mehr als menschliche Schutzschilde für ein Recht auf Abtreibung gebraucht werden können – „viel Spaß mit deinem Vergewaltiger-Baby, mal sehen, ob es nach seinem Vater schlägt“; so etwas sieht man in dem Fall häufig.

Auch Vergewaltiger selbst profitieren von Abtreibung, v. a. im Fall von Inzest. Wenn die 13-jährige plötzlich schwanger ist, könnten Fragen gestellt werden, also fährt der Stiefvater oder Onkel, der sie missbraucht hat, sie eben schnell zu einer Abtreibungsklinik, damit die Beweise verschwinden. Von der amerikanischen Abtreibungsorganisation Planned Parenthood sind immer wieder Fälle bekannt geworden, in denen sie wegen schwangeren Mädchen unterhalb des Schutzalters die Behörden hätten informieren müssen und es nicht getan haben. Auch Fälle von brutal durch den Missbrauchstäter erzwungenen Abtreibungen gibt es. Vergewaltigungsopfern, die durch eine Abtreibung nur noch mehr traumatisiert wurden, wird nicht zugehört; Vergewaltigungsopfern wird Druck gemacht, abzutreiben, weil das doch das einzig Normale sein kann, und wenn eine nicht will, gilt sie als verrückt oder es wird bezweifelt, ob sie dann wirklich vergewaltigt worden sein kann.

Auch Menschen, die selbst durch eine Vergewaltigung gezeugt wurden, wird nicht zugehört. Ihnen wird im Endeffekt gesagt: Ihr seid etwas Ekliges, ihr solltet nicht da sein, man hätte euch töten sollen, jedenfalls habt ihr nicht dieselben Rechte wie andere Menschen, ihr seid nur Hinterlassenschaften eurer Väter.

Was ist mit sehr jungen Mädchen, die schwanger geworden sind? Bei diesen Mädchen wird eine Schwangerschaft oft erst spät durch Zufall entdeckt, und ein solches Mädchen wird dann wissen und spüren, was eine Abtreibung ist und dass hier ein kleines Baby getötet wird. Eine solche Spätabtreibung hat viele gesundheitliche Risiken und wird normalerweise wieder für ein neues Trauma sorgen. Und vor allem mit der modernen Medizin ist eine sichere Geburt über einen Kaiserschnitt sehr gut möglich – auch bei einer 12- oder 13jährigen.

Der Wikipediaartikel über die jüngsten bekannten Mütter der Weltgeschichte enthält viele gruselige Geschichten von Mädchen, die enorm frühzeitig in die Pubertät gekommen, sexuell missbraucht und schwanger geworden waren; die jüngste davon war eine 5-jährige, die 1939 in Peru von ihren Eltern in ein Krankenhaus gebracht wurde, weil sie meinten, sie hätte einen Tumor im Bauch; eineinhalb Monate später wurde sie per Kaiserschnitt von einem Jungen entbunden. Lina Medina lebt heute noch in Peru. Ihr Vater wurde vorübergehend wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch festgenommen, aber wegen Mangel an Beweisen freigelassen. In den 2 Fällen von 6jährigen Müttern (ebenfalls aus den 1930ern) überstanden die Mütter die Geburt; in den 10 Fällen von 8jährigen starb eine (1933 in Indien); in den 27 Fällen von 9jährigen wird von keiner berichtet, dass sie starb; in den 70 Fällen von 10jährigen wird auch in keinem Fall berichtet, dass die Mutter starb. Das sind gerade die absolut extremsten bekannten Fälle, viele aus Entwicklungsländern oder schon länger zurückliegend: Und selbst in diesen bekannten Fällen überlebten so gut wie alle der Mädchen. (Man muss vielleicht in Diskussionen nicht gleich mit 6jährigen Müttern herausplatzen; aber das als Hintergrundwissen.)

Eine Gesellschaft, die pro-life wäre, wäre für jeden pro-life. Sie würde auch dafür sorgen, dass Vergewaltiger die Todesstrafe erhalten oder wenigstens den Rest ihres Lebens im Gefängnis verschwinden, dass die betroffenen Frauen jede Unterstützung bekommen, und dass es Schutz davor gibt, dass die Täter das Sorge- oder Umgangsrecht einklagen, auch, wenn die Vergewaltigung nicht 100% bewiesen ist. Kein Sorge- oder Umgangsrecht für den unehelichen Vater selbst bei nur berechtigtem Verdacht auf Vergewaltigung wäre definitiv machbar.

Soweit zu Vergewaltigungen. Was dann Kinder angeht, bei denen man weiß, dass sie nach der Geburt nicht lange überleben werden: Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich hier nicht einmal die Versuchung zur Abtreibung verstehe. Was ist schlimmer, sein Kind vorzeitig gewaltsam töten (und bei einer Spätabtreibung wird ein Kind grausamste Schmerzen erleben) oder warten, bis es auf die Welt kommt und man es in den Armen halten kann, während sein Leben auf natürliche Weise zu seiner Zeit endet? Vielleicht werden manche Eltern sich denken „lieber ist es gleich vorbei“, aber das ist selbstsüchtig und grausam gegenüber dem Kind. Dabei denkt man auch nicht daran, dass Testergebnisse manchmal falsch sind und es sein kann, dass das Kind gesund ist.

Man hört auch von Fällen, in denen Eltern von Ärzten gedrängt oder gezwungen wurden, ein solches Baby abtreiben zu lassen; in diesem Fall sind natürlich vor allem, wenn auch nicht nur, die Ärzte schuld.

Und behinderte Kinder, die länger leben? Nun, da sollte man vielleicht erst mal Menschen mit diesen Behinderungen fragen, ob sie nicht leben wollten. Behinderungen können für riesige Schwierigkeiten sorgen, manchmal mehr für die Behinderten und manchmal mehr für die Familien als für die Behinderten selbst. Gewisse Krankheiten sind nicht angenehm, da muss man gar nichts schönreden. Aber das heißt nicht, dass solche Behinderten „lebensunwertes Leben“ wären – ja, ab und zu kann es auch nützlich sein, Abtreibungsbefürwortern Nazianspielungen unter die Nase zu reiben, wenn sie nun mal passen. (Gut, manchmal muss man aufpassen, weil dann die ganze Diskussion auf Abwege gelenkt wird und sich nur noch darum dreht, ob man Nazivergleiche bringen darf.)

Selbst wer dafür ist, Behinderten die Selbsttötung zu erlauben, muss zugeben, dass hier einem Kind jede Chance auf ein Leben genommen wird, ohne dass es gefragt wird. Auch wer behindert oder krank ist, kann trotzdem leben wollen. Jemandem das Leben zu nehmen nimmt ihm gleichzeitig mit dem Schlechten auch das Schöne.

Was ist mit einer Eileiterschwangerschaft? In diesem Fall, wo sich ein Kind im Eileiter eingenistet hat statt in der Gebärmutter, würde der Eileiter irgendwann reißen, das Kind sowieso sterben, und die Mutter eventuell auch. Die Lösung besteht einfach darin, den Eileiter mit dem Kind zu entfernen. Hier entfernt man ein Organ, das lebensgefährliche Probleme machen wird, und will dabei den Tod des Kindes nicht, auch wenn man ihn voraussieht und in Kauf nimmt. Wenn es möglich wäre, das Kind in die Gebärmutter zu versetzen, oder bereits künstliche Gebärmütter fertig entwickelt wären (woran die Forschung arbeitet), wo man es hineinsetzen könnte, würde man das tun. Hier gilt das Prinzip der Handlung mit Doppelwirkung: Wenn ich etwas tue, das indirekt etwas Schlechtes verursacht, ich aber nicht auf diese schlechte Wirkung abziele, sondern auf eine andere, und das nur eine Nebenwirkung ist – wenn ich die Handlung auch tun würde, wenn die Nebenwirkung nicht auftreten würde und sie wirklich ungewollt ist -, dann ist das aus einem verhältnismäßigen Grund erlaubt. Der verhältnismäßige Grund ist hier vorhanden: Die Mutter könnte sterben und das Leben des Kindes ist sowieso nicht zu retten. Und was ich tue, ist, den Eileiter zu entfernen, wobei ich voraussehe, aber nicht will, dass das Kind dann außerhalb des Körpers der Mutter nicht überleben wird.

Ähnliches gilt für die Entfernung einer mit Krebs befallenen Gebärmutter bei einer Schwangeren; wobei es hier generell machbar ist, mit der Entfernung zu warten, und das Kind überleben kann und nicht zwangsläufig stirbt wie bei einer Eileiterschwangerschaft. Eine solche OP wäre erlaubt, aber eine Mutter könnte sich auch entscheiden, mehr zu tun, als sie muss, und es riskieren, sie zu verschieben, wenn sie dieses Opfer bringen will.

Ein Kind verfrüht auf die Welt zu holen ist auch aus einem proportionalen Grund erlaubt. D. h. man darf nicht wegen einem geringen Risiko für die Mutter den sicheren Tod des Kindes verursachen, aber man darf wegen einem hohen Risiko für die Mutter ein Kind auf die Welt holen, das vielleicht nicht überleben wird, aber schon eine gute Chance hat. Beide Leben sind genau gleich viel wert, also muss man hier dieselben Prinzipien anwenden wie sonst, wenn man eine Lebensgefahr für einen Menschen nur abwenden kann, indem man etwas tut, was einen anderen in Lebensgefahr bringt.

Manchmal wird dann so etwas gesagt wie: „Aber soll das Kind damit leben, dass es seine Mutter getötet hat??“ Zu der Abwegigkeit dieses Arguments habe ich mich hier schon mal geäußert.

d) Es gibt unterschiedliche Ansichten unter Pro-Lifern dazu, ob man Bilder abgetriebener Kinder herzeigen sollte. Ich bin der Ansicht, dass es manchmal gut ist; nicht so in der Öffentlichkeit, dass Kinder o. Ä. ungewollt darüber stolpern, aber es kann hilfreich sein, z. B. dazu zu verlinken; auch über die genaue Art und Weise der Abtreibungsmethoden zu informieren kann sinnvoll sein. Es macht die Brutalität der Sache deutlich; und es hat seinen Grund, wieso Abtreibungsbefürworter diese Bilder nicht ansehen wollen.

Es sollte aber nicht das zentrale Argument sein: Die Tötung eines unschuldigen Menschen wäre auch dann böse, wenn sie ganz schmerzlos und unblutig erfolgen und die Leiche nicht zerstückelt werden würde (was freilich hier nicht der Fall ist; die Methoden sind extrem grausam).

e) Manche Pro-Lifer in Deutschland verweisen gerne darauf, dass das Grundgesetz nach Auslegung des Bundesverfassungsgerichts Abtreibungen eigentlich verbietet, weil das Recht auf Leben auch für Ungeborene gilt, sodass man sie nur durch Kniffe wie „illegal, aber straffrei“ bekommt. Kann man machen; aber man sollte sich nicht zu sehr darauf verlassen. Selbst Leute, die sich sonst manchmal als totale Grundgesetzanbeter aufführen, werden sich dann eben nur denken „ja, das ist halt trotzdem von bösen alten weißen Männern geschrieben worden, in der Hinsicht ist es halt falsch“. Im Grunde genommen weiß jeder, dass das, was richtig oder falsch ist, nicht auf einem 1949 verfassten und nur in Deutschland geltenden Gesetzestext basiert. Diese Argumentation zieht vielleicht ein bisschen bei gefühlsmäßig konservativen CDU-Wählern.

f) Ich habe ja den Vorteil, weiblich zu sein; wenn Männer gegen Abtreibung argumentieren, werden sie gerne mit „no uterus, no opinion“ angegangen. Auf dieses Argument kann man einfach antworten „Was würdest du sagen, wenn dir jemand sagen würde ‚Es sollte legal sein, geborene behinderte Kinder zu töten, wenn man einfach nicht mehr mit ihnen zurecht kommt, und wenn du keine behinderten Kinder hast, hast du dabei nicht mitzureden‘?“ Andere Vergleiche bieten sich auch an: Dürfen nur Soldaten ihr Urteil darüber abgeben, was ein Kriegsverbrechen ist, weil nur sie an der Front sind und sich vielleicht gegen brutale Terrorgruppen wehren müssen?

Dazu kommt, dass auch Männer manchmal von Abtreibung profitieren und auf Abtreibung drängen; das ist nicht einfach immer etwas, das nur Frauen wollen. Oft sind die Kindsväter für Abtreibung, weil sie keine Lust auf Verantwortung oder Unterhaltszahlung haben. Freilich ist sie böse unabhängig davon, wer sie will.

(Öfter wird es sich auch lohnen, weibliche Abtreibungsgegner hinzuzuziehen, Bilder und Videos vom Marsch für das Leben mit etlichen Mädchen und Frauen zu zeigen, o. Ä., um zu zeigen, dass es hier eben nicht darum geht, dass nur Männer „die Körper von Frauen kontrollieren wollen“, aber man sollte den Gegnern gar nicht erst zugestehen, dass nur eine bestimmte Gruppe mit den Opfern mitfühlen darf.)

g) Manchmal kommen Prochoicer mit dem Argument „Würdest du aus einer brennenden Klinik lieber eine Petrischale mit mehreren Embryonen oder ein Baby retten?“. Das ist gezielte Irreführung: Denn bei Abtreibung geht es nicht darum, ob man diesen Menschen rettet und jenen nicht, oder jenen rettet und diesen nicht, sondern es geht um nur einen Menschen, den man entweder aktiv tötet oder nicht. Wenn man von zwei Menschen nur einen retten kann, ist beides gut, den einen zu retten oder den anderen; den Tod desjenigen, der dann stirbt, konnte man nur nicht verhindern, wollte ihn aber nicht und hat ihn erst recht nicht herbeigeführt.

(Und was sollte die Antwort auf die Frage sein? Nun, keine Ahnung. Beides zu tun wäre gut. Viele würden wahrscheinlich das Baby retten: Weil es unter Schmerzen sterben würde; weil es sicher eine Chance auf ein längeres Leben hätte, während die im Labor geschaffenen Embryonen vielleicht bald weggeworfen worden wären – so, wie viele vielleicht auch lieber ein Baby als drei hundertjährige Komapatienten, die im Schlaf sterben würden, retten würden. Dabei wird kein Unterschied bzgl. ihrer Menschenwürde gemacht. Aber egal wie man sich entscheiden würde, jede Entscheidung wäre richtig, denn man hätte Menschen gerettet.)

h) Man muss es wirklich einfach sagen: Kinder entstehen nicht durch Zauberei. Nun ist es nicht sehr aussichtsreich, Leute gleich mal schnell zu überzeugen, dass Sex außerhalb der Ehe immer falsch ist, aber vielleicht bekommt man sie wenigstens dazu, zu verstehen, dass man vor dem Sex darüber nachdenken kann: Was wäre denn, wenn? Und wenn man in extreme Panik geraten würde beim Gedanken an eine Schwangerschaft, dann ist es sehr wohl möglich, auf Nummer sicher zu gehen und keinen Sex zu haben. Es gibt keine allgemeine Pflicht für Frauen im gebärfähigen Alter, Sex zu haben.

i) Über den Begriff „Mord“ zu debattieren bringt indessen nicht viel. Zu oft wird zwischen dem moralphilosophischen Gebrauch („direkte Tötung eines unschuldigen Menschen“) und dem juristischen Gebrauch (wo niedere Beweggründe etc. nötig sind) nicht unterschieden. Im juristischen Sinn kann eine Abtreibung von den Motiven her auch genausogut Totschlag sein: darauf kommt es aber nicht an.

j) Auch auf „Wo sagt die Bibel, dass Abtreibungen falsch sind“-Diskussionen sollte man sich gar nicht erst einlassen: Denn unsere Argumentation ist nicht, dass Abtreibung falsch ist, weil es die Bibel sagt. Wir gehen von dem biologischen Fakt aus, dass das Kind ein Mensch ist, und von den Überzeugungen, dass jeder Mensch eine hohe Würde hat und kein unschuldiger Mensch direkt getötet werden darf.

Es gibt tatsächlich Abtreibungsbefürworter, die mit „Die Bibel ist gar nicht gegen Abtreibung“ argumentieren, und dafür vor allem zwei Stellen heranziehen:

  • Zunächst Exodus 21,22: „Wenn Männer miteinander raufen und dabei eine schwangere Frau treffen, sodass ihre Kinder abgehen, ohne dass ein weiterer Schaden entsteht, dann muss der Täter eine Buße zahlen, die ihm der Ehemann der Frau auferlegt; er muss die Zahlung nach dem Urteil von Schiedsrichtern leisten.“ Hier wird dieser Fall von Mord und Totschlag unterschieden, weshalb Abtreibungsbefürworter argumentieren, das Leben des ungeborenen Kindes wäre also weniger wert gewesen als das geborener Menschen. Das ist völlig abwegig. Zunächst einmal wird die Tat hier ja bestraft; das Leben des Kindes wird durch das Gesetz geschützt. Zweitens ist eine aus Fahrlässigkeit verursachte Verletzung einer schwangeren Frau, die leicht eine Fehlgeburt haben kann, nun einmal etwas anderes, als jemanden totzuschlagen – zwar nicht, was das Resultat, einen toten Menschen, angeht, aber sehr wohl, was die Schuld des Täters angeht. Übrigens: Das Mosaische Gesetz unterscheidet hier, wie gesagt, auch Mord und Totschlag voneinander, und im Fall von Totschlag bleibt dem Totschläger die Möglichkeit, in eine Asylstadt zu fliehen, wo er dann unbehelligt wäre; er muss also nur das Exil in der Asylstadt auf sich nehmen. Das Gesetz unterscheidet hier nach der Schuld des Täters, nach seinem Vorsatz oder seiner Fahrlässigkeit, nicht nach dem Wert des Opfers. (Vgl. auch Numeri 35)
  • Dann wäre da Numeri 5,11-31: „Der HERR sprach zu Mose: Rede zu den Israeliten und sag ihnen: Angenommen, eine Frau gerät auf Abwege, sie wird ihrem Mann untreu, und ein anderer Mann liegt bei ihr im Beischlaf, ohne dass ihr Mann es merkt, angenommen also, sie ist unrein geworden, ohne dass es entdeckt wird, und es gibt keine Zeugen, weil sie nicht ertappt worden ist, im Mann aber wird Eifersucht wach und er wird eifersüchtig auf seine Frau, die wirklich unrein geworden ist; angenommen aber auch, er wird auf seine Frau eifersüchtig, obwohl sie in Wirklichkeit nicht unrein geworden ist: In einem solchen Fall soll der Mann seine Frau zum Priester bringen und soll zugleich die für sie vorgesehene Opfergabe mitbringen: ein Zehntel Efa Gerstenmehl. Er darf kein Öl darauf gießen und keinen Weihrauch darauf streuen; denn es ist ein Eifersuchtsspeiseopfer, ein Speiseopfer zur Ermittlung der Schuld. Der Priester führt die Frau hinein und stellt sie vor den HERRN. Er nimmt heiliges Wasser in einem Tongefäß; dann nimmt er etwas Staub vom Fußboden der Wohnung und streut ihn in das Wasser. Dann stellt der Priester die Frau vor den HERRN, löst ihr Haar und legt ihr das Ermittlungsspeiseopfer, das heißt das Eifersuchtsspeiseopfer, in die Hände; der Priester aber hält das bittere, fluchbringende Wasser in der Hand. Dann beschwört der Priester die Frau und sagt zu ihr: Wenn kein Mann mit dir geschlafen hat, wenn du deinem Mann nicht untreu gewesen, also nicht unrein geworden bist, dann wird sich deine Unschuld durch dieses bittere, fluchbringende Wasser erweisen. Wenn du aber deinem Mann untreu gewesen, wenn du unrein geworden bist und wenn ein anderer als dein eigener Mann mit dir geschlafen hat – und nun soll der Priester die Frau mit einem Fluch beschwören und zu ihr sprechen – , dann wird der HERR dich zum Fluch und zum Schwur in deinem Volk machen. Der HERR wird deine Hüften einfallen und deinen Bauch anschwellen lassen. Dieses fluchbringende Wasser wird in deine Eingeweide eindringen, sodass dein Bauch anschwillt und deine Hüften einfallen. Darauf soll die Frau antworten: Amen, amen. Der Priester aber schreibt diese Flüche auf und wischt die Schrift sodann in das bittere Wasser. Dann gibt er der Frau das bittere, fluchbringende Wasser zu trinken, damit dieses fluchbringende Wasser in sie eindringt und Bitternis bewirkt. Der Priester nimmt aus der Hand der Frau das Eifersuchtsspeiseopfer, erhebt das Speiseopfer vor dem HERRN und bringt es auf dem Altar dar. Der Priester nimmt von dem Speiseopfer eine Handvoll als Gedächtnisanteil weg und lässt ihn auf dem Altar in Rauch aufgehen. Dann erst lässt er die Frau das Wasser trinken. Sobald er sie das Wasser hat trinken lassen, wird das fluchbringende Wasser in sie eindringen und Bitternis bewirken, falls sie unrein und ihrem Mann untreu geworden ist: Es wird ihren Bauch anschwellen und ihre Hüften einfallen lassen, sodass die Frau in ihrem Volk zum Fluch wird. Wenn sie aber nicht unrein geworden, sondern rein ist, dann wird sich zeigen, dass sie unschuldig ist, und sie kann Kinder bekommen. Das ist die Eifersuchtsweisung für den Fall, dass eine Frau ihren Mann betrügt und unrein geworden ist, oder dass in einem Mann Eifersucht wach wird, er auf sie eifersüchtig wird und sie vor den HERRN treten lässt. Wenn der Priester diese Weisung auf sie anwendet, dann ist der Mann von Schuld frei, die Frau aber muss die Folgen ihrer Schuld tragen.“ Abtreibungsbefürworter lesen das so, dass das bittere Wasser ein Abtreibungsmittel wäre und das Kind abgehen soll, falls sie aus einem Ehebruch schwanger ist. Aber hier lesen sie einfach ihre Annahmen in den Text hinein. Zunächst einmal ist Wasser mit ein klein wenig Staub kein Gift; es ist nicht unbedingt gesund, aber es hat an sich keine schlimmen Folgen. Hier geht es also um eine Prüfung, die normalerweise nicht schadet, außer, wenn Gott ein Wunder wirkt, sodass sie schadet. Und worin besteht dieser Schaden? Offensichtlich in zukünftiger Unfruchtbarkeit. Bei einer Fehlgeburt ist es nicht so, dass der Bauch anschwillt und die Hüften einfallen. Hier ist nirgends die Rede von einer bereits bestehenden Schwangerschaft der Frau. (Vielleicht kommt diese Vorstellung aber auch daher, dass in einer englischen Übersetzung – der New International Version – heißt: „he makes your womb miscarry and your abdomen swell“. In den deutschen und den anderen englischen Übersetzungen, die ich zu rate gezogen habe, ist allerdings überall die Rede davon, dass der Bauch anschwillt und die Hüften oder Oberschenkel einfallen.)

Man kann auch von der Prolifeseite aus auf die Stelle im Neuen Testament hinzuweisen, wo die gerade erst schwanger gewordene Maria die im sechsten Monat schwangere Elisabeth besucht: „Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.“ (Lk 1,41-44) Der ungeborene Jesus ist hier bereits da, und Er wird bereits „Herr“ genannt („Mutter meines Herrn“), obwohl er nur ein wenige Tage alter Embryo ist; und der ungeborene Johannes der Täufer erkennt Seine Anwesenheit.

Aber wie gesagt: Solche Diskussionen sind nicht zielführend und lenken nur ab.

Ein letzter Punkt: Meines Erachtens sollte man Abtreibungsbefürwortern nicht zu viel guten Willen unterstellen. Sie wissen oft genug selbst, dass sie sich etwas vorlügen. Jeder normale Mensch hat im Gespür, dass es böse wäre, z. B. ein Baby im 9. Monat umzubringen; und jeder Mensch kann sehr leicht in Erfahrung bringen oder weiß es eigentlich schon, dass es keinen kategorischen Unterschied zwischen dem Baby in diesem Stadium und dem, was es ein paar Monate vorher war, gibt. Es gibt viele Leute (Frauen und Männer), die es zwar nicht so richtig schaffen, Abtreibung ganz zu „verurteilen“, weil sie heute einfach so normalisiert worden ist, die aber selber abgestoßen genug davon sind, dass sie ein eigenes Kind nicht abtreiben würden, auch wenn es „ungeplant käme“. Vor allem wer Abtreibung in jedem Stadium der Schwangerschaft aus jedem Grund, vehement verteidigt, Kinder als Parasiten bezeichnet usw. usf., ist einfach ein schlechter Mensch. Klar kann er sich ändern, aber im Moment ist er ein schlechter Mensch. Und in letzter Zeit sieht man immer häufiger Leute mit solchen Äußerungen. (Wer Abtreibung nur in „Härtefällen“ als notwendiges Übel sieht, ist inkonsequent und denkt nicht an die Opfer, aber es steht nicht so schlimm mit ihm.)

Abtreibungsbefürworter sind auch nicht fähig, unsere Argumentation, unsere Sichtweise in eigenen Worten wiederzugeben; sie müssen sie immer irgendwie entstellen. „Ihr seid einfach gegen Sex“ (Hm, vielleicht glauben viele Prolifer auch an „Kein Sex außerhalb der Ehe“, u. a. weil Sex außerhalb der Ehe nun mal schnell zu Situationen führt, in denen Abtreibung in Erwägung gezogen wird? Aber man muss das nicht glauben, um zu sehen, dass die Tötung eines Kindes immer falsch ist; Abtreibung ist keine Sünde gegen das sechste, sondern eine gegen das fünfte Gebot: Du sollst nicht morden. Ich z. B. war gegen Abtreibung, bevor ich gegen Sex vor der Ehe war.) „Ihr seid nicht pro-life, sondern nur pro-birth“ (Welchen Sinn soll das überhaupt ergeben?) „Ihr wollt Frauen kontrollieren“ (Weil es eine so furchtbare Kontrolle ist, einer zu verbieten, ihr Kind zu töten.) Sie müssen sich immer Karikaturen schaffen, die nicht einmal Sinn ergeben, weil sie sich selbst belügen müssen.

Wenn man merkt, dass Abtreibungsbefürworter aggressiver und irrationaler werden, als sie für gewöhnlich sowieso schon sind, bringt es auch manchmal nichts, weiterzureden. Sollen sie sich selbst überlassen werden, wie sie mit ihrem Gekreisch (im realen oder übertragenen Sinn) ihr eigenes Gewissen und unsere Argumente übertönen wollen.

Christliche Kultur am Sonntag: „Die Flucht nach Ägypten. Königlich böhmischer Teil“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

Heute: „Die Flucht nach Ägypten. Königlich böhmischer Teil“

Otfried Preußlers Roman von 1978 (Achtung: kein Kinderbuch) setzt ein mit einer kurzen Erklärung der Ausgangslage, nämlich wie folgt:

„Der Weg von Bethlehem nach Ägypten muß damals, in jenen heiligen Zeiten, durchs Königreich Böhmen geführt haben, quer durch den nördlichen Teil des Landes, bei Schluckenau etwa herein in das böhmische Niederland, dann nicht ganz bis zum Jeschken hinum, dann weiter im Vorland des Iser- und Riesengebirges durch vorwiegend ärmliche, meist von Glasmachern, Leinewebern und kleinen Häuselleuten bevölkerte Gegenden bis in die Nähe von Trautenau – und zuletzt auf der Alten Zollstraße über Schatzlar hinaus ins Schlesische, wo es dann nach Ägypten hinüber nicht allzu weit mehr gewesen ist.

Das wird zwar geschätzter Leser schwerlich sich vorstellen können, wenn man die heutigen Landkarten sich vor Augen hält: nur – die heutigen Landkarten sind eben damals noch nicht im Gebrauch gewesen, das ist das eine; auch möchte es immerhin ja der Fall sein können, daß sich die Straßen und Reisewege zwischen den biblischen Örtlichkeiten seither verschoben haben, das ist das andere; drittens jedoch und hauptsächlich wird man sich aber fragen müssen, wie denn der heilige Josef seinerzeit, auf der Flucht vor dem König Herodes, überhaupt mit dem lieben Jesulein und der Muttergottes hätte im Königreich Böhmen durchkommen können, wenn vormals der Weg von Bethlehem nach Ägypten nicht in der oben beschriebenen Weise verlaufen wäre. Und durchgekommen im Königreich Böhmen, das sind sie ganz ohne Zweifel, nämlich es fehlt nicht an Zeugen, die das bekundet haben, darunter auch meine beiden Großmütter, und es fehlt nicht an Amtspersonen, welche mit der zeitweiligen Anwesenheit der Heiligen Familie auf königlich böhmischem Territorium sogar dienstlicherweise befaßt gewesen sind, wie zum Beispiel der Herr k.k. Gendarmeriepostenkommandant Leopold Hawlitschek aus der Gemeinde Hühnerwasser, von dem noch die Rede sein wird.“

Auf diesem Szenario aufbauend geht es los im Stall von Bethlehem mit der Heiligen Familie, die, gewarnt vom Erzengel Gabriel, vor König Herodes fliehen muss. (Der Erzengel, um ihnen auf der Reise zu helfen, fährt netterweise in ihren Esel ein.) Sie ziehen also los, und zwar Richtung Böhmen ungefähr ums Jahr 1900, als dieses Land noch zu Österreich-Ungarn gehört.

Herodes, sobald er merkt, dass sie entkommen sind, und seinen ersten Zornausbruch überwinden hat, lässt nach Wien in die Hofburg telegraphieren, man solle die Familie Josefs aus Nazareth, falls sie königlich böhmisches Territorium erreiche, festnehmen und ihm überstellen. Kaiser Franz Joseph ist recht ratlos, denn: „Einerseits ist, wie bekannt, mit den morgenländischen Königen nicht zu spaßen, je kleiner die sind, desto größer ist ihre Empfindlichkeit; andererseits aber ist ja der Kaiser Franz Joseph von kleinauf im wahren christkatholischen Glauben erzogen gewesen, und folglich hat er es mit dem himmlischen Vater sich auch nicht verderben wollen“ (S. 25f.). Schließlich leitet er das Telegramm einfach nach Prag weiter, damit der dortige Statthalter entscheiden soll, was zu tun ist. Der böhmische Statthalter ist nicht da, aber die zuständigen Beamten verständigen Zoll und Gendarmerie, um die Heilige Familie festnehmen zu lassen, und Luzifer, der auch immer wieder in der Geschichte auftaucht, nimmt regen Anteil an der ganzen Geschichte.

Die Heilige Familie entgeht allerdings erst einmal den Verfolgern (bzw. speziell dem Gendarmeriepostenkommandanten Hawlitschek, der ihnen hinterher geschickt wird, nachdem man sie am Zoll nicht erwischt hat) und es begeben sich diverse Begegnungen und Wunder an ihrem Weg.

Das Buch spielt die ganze Zeit mit dem Paradox: Während die Heilige Familie durch Böhmen zieht, existiert das Christentum bereits, ist Weihnachten etwa 1900 Jahre her, und die Kreuzigung und Auferstehung auch schon 1870 Jahre. (Bei der Weiterreise nach Ägypten werden sie wieder in der Zeit zurückversetzt werden.)

Preußler schreibt einerseits sehr amüsant; aber ein paar Szenen entwickeln sich eher traurig als komisch. Preußler hat eben auch einen guten Blick für das Verhalten der Menschen.

Lesenswert und sehr zu empfehlen als Weihnachtsgeschenk.

Die Flucht nach Ägypten in einer Weihnachtskrippe. Bildquelle: Wikimedia Commons, Nutzer Andreas Praefcke.)