Heilsegoismus vs. moralischer Kollektivismus

In den Vorstellungen vieler Leute von Gut und Böse kann man einen gewissen Kollektivismus feststellen: Gut und Böse wird weniger an den eigenen Taten, als an den Einstellungen zum System festgemacht, und Gut und Böse als Kategorien werden von Einzelmenschen auf das System verschoben.

In der Moraltheologie kann man das gut beobachten: Das alte Fach der Kasuistik, das darauf schaute, Lösungen für die Gewissenskonflikte einzelner zu präsentieren, wird verdrängt durch die Sozialethik. Man hält es für quasi skandalös, wenn jemand wissen will, ob Bauchweh ausreicht, um einen von der Sonntagspflicht zu entschuldigen (das tut es) oder ob man am Sonntag staubsaugen darf (wenn es einigermaßen machbar ist, es zu verschieben, eher nicht). Die Sozialethik gab es freilich auch früher schon, gerade ab dem späten 19. Jahrhundert, während gleichzeitig viel Kasuistik betrieben wurde; erst heute will man die beiden als Feinde sehen.

Dieser Kollektivismus äußert sich auf optimistische und pessimistische Weise: Einerseits ist das System an allem Bösen schuld, also hat man selbst keine Verantwortung für seine schlechten Taten; andererseits ist das System völlig böse, also hat man keine Möglichkeit, als guter Mensch zu leben, solange man sich nicht völlig vom System abkapselt, was man wiederum nicht kann, also ist man notwendigerweise ein schlechter Mensch. (Das äußert sich auch in dem, was man anderen vorwirft, die irgendwelche ungewöhnlichen Ideale haben. „Du bist Kommunist, hast aber ein Smartphone aus einem kapitalistischen System“ – äh, ja, weil ein Kommunist ja ganz leicht kommunistische Alternativmöglichkeiten finden kann, mit anderen zu kommunizieren und sich zu vernetzen etc. Das soll keine Verteidigung der verabscheuenswerten kommunistischen Ketzerei sein.) Das ist natürlich lähmend; dann denkt man sich auch, man kann es ja eh gleich vergessen, gut sein zu wollen.

Darum reden Leute auch ständig davon, „ein Zeichen zu setzen für/gegen X“, statt etwas dafür oder dagegen zu tun. (Je nachdem, was X ist, ist es ja leider besser, wenn sie nur leere Zeichen setzen, aber das nur anbei.)

Darum nimmt man es auch Pius XII. übel, dass er nicht öffentlich den Holocaust angeprangert, sondern im Stillen tausende Juden im Vatikan, in Castelgandolfo und in römischen Klöstern verstecken hat lassen, ohne einen Gegenschlag der Nazis zu provozieren. (Die Nazis hatten übrigens dennoch ernsthafte Pläne, den Papst entführen zu lassen; er war nicht gerade mächtig gegen sie.)

Darum gelten vor allem die Leute als böse, die – sagen wir – internationale Spekulationsgeschäfte mit Lebensmitteln machen (die ich hier definitiv nicht verteidigen will) oder die die falsche Partei wählen, und weniger die, die ihre Kinder vernachlässigen oder ihre Frau betrügen.

Darum ist es so auffällig, wie Mainstream-Autoren ihre Figuren in historischen Romanen darstellen: Dass die gut sind, äußert sich weniger darin, dass sie Gutes tun, und mehr darin, dass sie demokratische oder feministische Ideen äußern, in einer Zeit, als noch keiner oder zumindest wenige Leute diese Ideen vertreten.

Darum gilt es auch als „Heilsegoismus“, sich um das Heil seiner Seele zu sorgen – was ungefähr so logisch ist, wie es als „Nahrungsegoismus“ und „Schlafegoismus“ zu bezeichnen, wenn jemand regelmäßig genug essen und schlafen will, um nicht zu sterben, oder es „Medizinegoismus“ zu nennen, wenn Diabetiker sich bei Bedarf Insulin spritzen.

Es ist gut und nötig, für das eigene Seelenheil zu sorgen, erstens weil man selber auch ein wertvolles Geschöpf Gottes ist, das Gott bei sich haben will, aber zweitens auch, weil man anderen niemals besser helfen kann, wenn man sich in Sünden stürzt. Sünden stören das Gleichgewicht im Universum und haben immer Nachwirkungen, die einem nicht bewusst sind. So, wie Gott die Welt geordnet hat, ist es einfach eine Tatsache, dass es am Ende immer für alle besser ausgehen wird, wenn man eine Sünde, mit der man denkt, anderen helfen zu können, nicht begeht. Sünden machen einen selber auch zu einem schlechteren Menschen, der anderen dementsprechend weniger helfen kann. Wer sich zu Tode hungert, hat nicht mehr die Kraft, anderen Essen zu bringen.

Es ist kein Egoismus, wenn man z. B. viel Zeit im Gebet verbringt. Das Gebet nützt erstens direkt etwas; zweitens stärkt es einen, um das Gute zu tun; drittens ist es an sich extrem wertvoll, Zeit mit Gott zu verbringen. Würde man es Leuten verbieten wollen, Zeit mit Freunden oder Familie zu verbringen, weil man in der Zeit auch ein Ehrenamt ausüben könnte?

(In diesem Sinne möchte ich auch noch etwas anderes anmerken: Manchmal wird vielleicht auch in christlichen Kreisen zu schnell der unterschwellige Erwartungsdruck aufgebaut, dass Neubekehrte Zeugnis geben und christliche Freude ausstrahlen und damit wieder andere bekehren sollen, wenn sie erst mal selber Zeit brauchen, um Heilung durch Christus zu finden und bei allem durchzusteigen und Frieden im Gebet zu erleben. Manchmal müsste es vielleicht etwas „heilsegoistischer“ zugehen, als das derzeit der Fall ist. Manchmal muss man erst vor der eigenen Tür kehren und seine eigenen Probleme angehen.)

Bildquelle hier.

Ich will hier Systeme gar nicht kleinreden; Systeme können immens helfen oder schaden, und zwar weltlich wie seelisch. Manche äußere Systeme helfen Leuten dabei, gut zu sein, andere treiben sie zum Bösen hin. Und Systemänderungen können sehr, sehr wichtig sein. Aber letztlich sind es immer noch die einzelnen konkreten Menschen, die am Ende im Himmel oder in der Hölle sein werden, und nicht die Systeme, und diese einzelnen konkreten Menschen können oft wenig an dem System ändern, in dem sie nun mal leben, aber viel Gutes oder Böses in ihrer unmittelbaren Umgebung schaffen.

Ironisch ist es, dass Leute, die in mancher Hinsicht so einen Kollektivismus verinnerlicht haben, dann wieder sagen „Man lebt nur einmal, genieß dein Leben, denk an dich“. Was veganes Essen und Fitness angeht, soll man sich um sich selber kümmern, was Reisen angeht, muss man sein Leben ausnutzen. Daran sieht man aber, dass man diesen Kollektivismus, was Lebenssinn und Moral und so weiter angeht, eben nicht durchhält. Man merkt trotzdem, dass man auch vor seiner eigenen Tür kehren, sich selber verbessern soll oder will. Und weil dann der Fokus auf die Nächstenliebe (konkreten Nächsten Gutes wollen, nicht einen fernen Systemwechsel gut finden) fehlt, wird das eben auch übertrieben und es wird wirklich egoistisch.

Selbstverwirklichungsegoistisch statt heilsegoistisch eben.

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4 Gedanken zu “Heilsegoismus vs. moralischer Kollektivismus

  1. „Dieser Kollektivismus äußert sich auf optimistische und pessimistische Weise: Einerseits ist das System an allem Bösen schuld, also hat man selbst keine Verantwortung für seine schlechten Taten; andererseits ist das System völlig böse, also hat man keine Möglichkeit, als guter Mensch zu leben, solange man sich nicht völlig vom System abkapselt, was man wiederum nicht kann, also ist man notwendigerweise ein schlechter Mensch.“

    Ja, ich habe schon häufiger gesehen, dass Strukturen für das Böse in der Welt verantwortlich gemacht werden. Dabei wird immer wieder auf gewisse Stämme verwiesen, die angeblich keinen Krieg kennen, da sie unsere Strukturen (Kapitalismus, Eigenbesitz, hierarchische Systeme mit Autoritäten an der Spitze) nicht angenommen haben.

    „Darum nimmt man es auch Pius XII. übel, dass er nicht öffentlich den Holocaust angeprangert, sondern im Stillen tausende Juden im Vatikan, in Castelgandolfo und in römischen Klöstern verstecken hat lassen, ohne einen Gegenschlag der Nazis zu provozieren.“

    Unglücklicherweise gibt es Leute, die noch viel weiter gehen und sogar behaupten, dass die katholische Kirche das Nazi-Regime aktiv unterstützt hat. So habe ich erst kürzlich folgenden Kommentar gefunden: „The Church supported Hitler and helped the Nazis escape“

    Mit freundlichen Grüßen,
    I love BXVI

    Gefällt 1 Person

    1. „Unglücklicherweise gibt es Leute, die noch viel weiter gehen und sogar behaupten, dass die katholische Kirche das Nazi-Regime aktiv unterstützt hat.“

      Und man kann spöttisch noch ergänzen: Mit all den aufrechten Demokraten und Zeichen-Setzern, die es in heute in D gibt („dem besten Deutschland, das wir je hatten“, BP Steinmeier), hätten wir ja auch niemals nie überhaupt keinen Nationalsozialismus gehabt…

      Wir haben auf jeden Fall das selbstgerechteste Deutschland, das es je gab, und was Sie sagen, hört man nicht nur in Englisch, sondern auch da in der Tat ziemlich oft. Auch wenn es nicht stimmt.

      Gefällt 1 Person

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