Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 5d: Gemeindeleben

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Apg 2,42-47; Agp 4,23-37; Apg 5; Apg 6,1-7; 2 Thess 3,6-18; 1 Kor 16; Röm 15-16; 1 Kor 1,10-16; 1 Kor 5-6; 1 Tim 5,1f.; 1 Tim 6.

In diesem Teil soll es darum gehen, welches Ideal die frühen Christen für das Gemeindeleben hatten, und auch darum, wie das dann in der Praxis aussah.

Justin der Märtyrer beschreibt um 150 n. Chr. in einer Verteidigungsschrift gegenüber den Heiden das Gemeindeleben, die Caritas und die Sonntagsmesse:

„Wir aber erinnern in der Folgezeit einander immer hieran, helfen, wenn, wir können, allen, die Mangel haben, und halten einträchtig zusammen. Bei allem aber, was wir zu uns nehmen, preisen wir den Schöpfer des Alls durch seinen Sohn Jesus Christus und durch den Heiligen Geist. An dem Tage, den man Sonntag nennt, findet eine Versammlung aller statt, die in Städten oder auf dem Lande wohnen; dabei werden die Denkwürdigkeiten der Apostel oder die Schriften der Propheten vorgelesen, solange es angeht. Hat der Vorleser aufgehört, so gibt der Vorsteher in einer Ansprache eine Ermahnung und Aufforderung zur Nachahmung all dieses Guten. Darauf erheben wir uns alle zusammen und senden Gebete empor. Und wie schon erwähnt wurde, wenn wir mit dem Gebete zu Ende sind, werden Brot, Wein und Wasser herbeigeholt, der Vorsteher spricht Gebete und Danksagungen mit aller Kraft, und das Volk stimmt ein, indem es das Amen sagt. Darauf findet die Ausspendung statt, jeder erhält seinen Teil von dem Konsekrierten; den Abwesenden aber wird er durch die Diakonen gebracht. Wer aber die Mittel und guten Willen hat, gibt nach seinem Ermessen, was er will, und das, was da zusammenkommt, wird bei dem Vorsteher hinterlegt; dieser kommt damit Waisen und Witwen zu Hilfe, solchen, die wegen Krankheit oder aus sonst einem Grunde bedürftig sind, den Gefangenen und den Fremdlingen, die in der Gemeinde anwesend sind, kurz, er ist allen, die in der Stadt sind, ein Fürsorger.“ (Justin, 1. Apologie 67)

Justin hat schon in den beiden Kapiteln zuvor eine Beschreibung der Eucharistie gegeben; in anderen frühchristlichen Schriften gibt es auch noch genauere Beschreibungen der Messe und des Glaubens an die Realpräsenz; aber darauf will ich in einem eigenen Teil eingehen und mich hier mehr auf Zusammenleben in der Gemeinde, Caritas usw. konzentrieren.

In der Didache, einer frühen Kirchenordnung (ca. 100 n. Chr.) stehen einige Anweisungen zum Gemeindeleben. Über neu in der Stadt angekommene Christen heißt es folgendes:

„Jeder aber, ‚der kommt im Namen des Herrn‘, soll aufgenommen werden; dann aber sollt ihr ihn prüfen und so kennen lernen; ihr sollet nämlich euren Verstand anwenden zur Entscheidung über rechts und links. Wenn der Ankömmling nur durchreist, helfet ihm, so viel ihr könnt; er soll aber bei euch nicht länger bleiben als zwei oder drei Tage, wenn’s nötig ist. Wenn er sich aber bei euch niederlassen will als Handwerker, dann soll er arbeiten und essen. Wenn er aber kein Handwerk versteht, dann sorget nach eurer Einsicht dafür, dass nicht ein fauler Christ unter euch lebt. Will er es aber nicht so halten, so ist er einer, der mit seinem Christentum Geschäfte macht; hütet euch vor solchen.“ (Didache 12)

Offenbar wollte man sichergehen, dass jemand nicht die karitative Hilfe der Gemeinde ausnutzte, obwohl er selbst hätte arbeiten können.

Allgemein wird das ideale Gemeindeleben so beschrieben:

„Mein Kind, Tag und Nacht sollst du dessen gedenken, der dir Gottes Wort verkündet, ehren sollst du ihn wie den Herrn; denn woher seine Herrlichkeit verkündet wird, da ist der Herr. Täglich sollst du das Antlitz der Heiligen [gemeint: Christen] suchen, damit du Ruhe findest durch ihre Worte. Du sollst keinen Zwiespalt verursachen, versöhnen sollst du Streitende. ‚Urteile gerecht‘, schau nicht auf die Person, wenn du Fehltritte zurechtweisest.“ (Didache 4,1-3)

Über Unstimmigkeiten und Verfehlungen in der Gemeinde heißt es:

„Weiset einander zurecht nicht im Zorn, sondern in Frieden, wie ihr’s im Evangelium habet; und mit jedem, der sich verfehlt hat gegen seinen Nächsten, soll keiner sprechen, und er soll von euch nichts hören, bis er sich bekehrt hat.“ (Didache 15,3)

Papst Clemens, der ca. 95 n. Chr. einen Brief an die Korinther schrieb, meint zu den größeren Spaltungen und Unstimmigkeiten, die es offenbar in der Korinther Gemeinde gab:

„Wir wollen, Geliebte, die Zurechtweisung annehmen, über die sich niemand ärgern darf. Die Ermahnungen, die wir einander gegenseitig geben, sind gut und überaus nützlich; denn sie verbinden uns mit dem Willen Gottes.“ (1. Clemensbrief 56,2)

„Schleunig wollen wir daher diesen Missstand beseitigen und niederfallen vor dem Herrn und unter Tränen ihn anflehen, dass er in Gnaden sieh versöhne mit uns und uns zurückbringe zu dem erhabenen heiligen Wandel gegenseitiger Bruderliebe. […] Mag einer gläubig sein, mag einer tüchtig sein, Weisheit zu reden, mag einer verstehen die Reden zu unterscheiden, mag einer heilig sein in (seinen) Werken, er muss eben um so demütiger sein, je mehr er sich erhaben dünkt, und er muss das suchen, was allen gemeinsam, nicht ihm allein nützlich ist.“ (1. Clemensbrief 48,1.5-6)

Außerdem ermahnt er, wie im vorigen Teil deutlich wurde, die Korinther mehrfach, ihrem Klerus zu gehorchen.

Der 2. Clemensbrief (der wahrscheinlich nicht von Clemens stammt, sondern ein paar Jahrzehnte später entstanden ist) mahnt, dass man sich gegenseitig bzgl. des Seelenheils helfen und auch im Alltag die Gebote Gottes beachten soll:

„Daher wollen wir aus ganzem Herzen Buße tun, damit keiner aus uns verloren gehe. Wenn wir nämlich Auftrag haben, auch das zu tun, nämlich von den Götzen abzulenken und (in der christlichen Lehre) zu unterrichten, um wieviel weniger darf eine Gott schon kennende Seele verloren gehen? Helfen wir also einander, auch die Schwachen an das Gute heranzubringen, damit wir alle gerettet werden, wir einander bekehren und ermuntern. Und nicht nur jetzt, da wir von den Presbytern Ermahnungen bekommen, wollen wir gläubig und aufmerksam erscheinen, sondern auch wenn wir von hier nach Hause kommen, wollen wir der Gebote des Herrn eingedenk sein und uns nicht von den weltlichen Begierden verleiten lassen, sondern, indem wir fleißiger (hierher) kommen, wollen wir versuchen, in den Geboten Gottes Fortschritte zu machen, damit wir alle eines Sinnes versammelt seien zum Leben.“ (2. Clemensbrief 17,1-3)

Aristides von Athen beschreibt in einer an Heiden gerichteten Verteidigungsschrift (irgendwann zwischen 138 und 161 verfasst) das Leben der Christen und die gegenseitige Unterstützung so:

„Die fremden Götter beten sie nicht an. Sie wandeln in aller Demut und Freundlichkeit. Lüge wird bei ihnen nicht gefunden. Sie lieben einander. Die Witwen mißachten sie nicht; die Waise befreien sie von dem, der sie mißhandelt. Wer hat, gibt neidlos dem, der nicht hat. Wenn sie einen Fremdling erblicken, führen sie ihn unter Dach und freuen sich über ihn, wie über einen wirklichen Bruder. Denn sie nennen sich nicht Brüder dem Leibe nach, sondern [Brüder] im Geiste und in Gott. Wenn aber einer von ihren Armen aus der Welt scheidet und ihn irgendeiner von ihnen sieht, so sorgt er nach Vermögen für sein Begräbnis. Und hören sie, daß einer von ihnen wegen des Namens ihres Christus gefangen oder bedrängt ist, so sorgen alle für seinen Bedarf und befreien ihn, wo möglich. Und ist unter ihnen irgendein Armer oder Dürftiger, und sie haben keinen überflüssigen Bedarf, so fasten sie zwei bis drei Tage, damit sie den Dürftigen ihren Bedarf an Nahrung decken.

Die Gebote ihres Christus halten sie [gar] gewissenhaft, indem sie rechtschaffen und ehrbar leben, so wie der Herr ihr Gott ihnen befohlen, Alle Morgen und zu allen Stunden preisen und loben sie Gott ob der ihnen gespendeten Wohltaten und danken ihm für Speise und Trank. Und wenn ein Gerechter von ihnen aus der Welt scheidet, so freuen sie sich und danken Gott und geben seiner Leiche das Geleite, gleich als zöge er (nur) von einem Ort zum andern. Und wenn einem von ihnen ein Kind geboren worden, so preisen sie Gott; und sollte es dann (schon) in seiner Kindheit sterben, so preisen sie Gott überaus, ist es doch ohne Sünde aus der Welt geschieden. Müssen sie hinwiederum sehen, wie einer von ihnen in seiner Gottlosigkeit und seinen Sünden stirbt, so weinen sie über diesen bitterlich und seufzen, soll er ja zur Strafe hingehen. Das, o Kaiser, ist das Gebot des Gesetzes der Christen und ihre Lebensführung.“ (Aristides von Athen, Apologie 15,7-12)

Es gab auch Leute, die Wunder wirken sollten; Irenäus von Lyon schreibt um 180 n. Chr. folgendes (wobei er die Kirche den gnostischen esoterischen Sekten gegenüberstellt):

„In seinem Namen wirken deshalb seine wahren Schüler, die von ihm die Gnade empfangen haben, Wunder an den übrigen Menschen, wie ein jeder von ihm die Gnade empfangen hat. Die einen treiben wahrhaft und bestimmt Geister aus, so daß oftmals die ihnen glauben, die von den bösen Geistern befreit sind, und in die Kirche eintreten. Die andern schauen in die Zukunft, haben Gesichte und weissagen. Wieder andere legen den Kranken die Hände auf und machen sie gesund. Ja sogar Tote sind auferstanden, wie wir bereits gesagt haben, und lebten unter uns noch etliche Jahre. Doch wer vermöchte alle die Gnaden aufzuzählen, welche die Kirche auf der ganzen Welt von Gott empfängt und zum Heile der Völker im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus gekreuzigten, Tag für Tag ausspendet. Und keinen verführt sie oder nimmt ihm sein Geld ab. Denn was sie umsonst von Gott empfangen hat, teilt sie umsonst auch aus.“ (Irenäus, Gegen die Häresien II,32,4)

Ein interessantes Detail: Es gab früh schon Bischofsstühle. Eusebius von Cäsarea schreibt um 300 n. Chr., dass die Christen in Jerusalem einen Bischofsstuhl bei sich hatten, der dem hl. Jakobus gehört haben sollte. Ob der Bischofsstuhl nun wirklich so alt war oder nicht: Er muss um 300 n. Chr. schon alt genug gewesen sein, dass es als glaubwürdig durchgehen konnte, ihn Jakobus zuzuschreiben.

„Der Bischofsstuhl des Jakobus, der als erster vom Herrn und den Aposteln das Bischofsamt der Kirche von Jerusalem erhielt und der, wie die göttlichen Bücher lehren, Bruder Christi genannt wurde, ist noch heute erhalten und wird von den Brüdern dort ständig verehrt. Damit bekunden sie allen deutlich die Ehrfurcht, welche die Christen schon in alter Zeit und noch jetzt gegen die heiligen Männer wegen ihrer Frömmigkeit hegten und hegen. Soviel hierüber.“ (Eusebius, Kirchengeschichte VII,19)

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