Schlecht und in sich schlecht

„Das ist ja nicht in sich schlecht“ tröstet man sich als Katholik manchmal. Eine schöne Gelegenheit zu solchen Selbsttröstungen bieten z. B. Entscheidungen von Papst Franziskus. Er macht zwar viel, was einem sauer aufstößt, aber soll man nicht lieber den Mund halten und gehorchen, weil, es ist ja normalerweise nicht in sich schlecht? Und dann muss man es wohl akzeptieren.

Aber „in sich schlecht“ ist eben gerade nicht die einzige Art von „schlecht“. Es gibt Dinge, die ihrem Wesen nach (in sich) schlecht sind, und Dinge, die es nur durch die Umstände sind. Einen unschuldigen Menschen direkt zu töten ist in sich schlecht, aber Todesstrafe, Krieg und Notwehr nicht. Trotzdem wäre es sehr schlecht, die Todesstrafe für Falschparken zu verhängen; einen Krieg anzufangen, weil einem die Nase des Präsidenten des Nachbarlandes nicht gefällt; oder in Notwehr gegen einen Freund, der einem in betrunkenem Zustand aus Ärger einen leichten Schlag gegen den Arm versetzt hat, zur Pistole zu greifen und ihn zu erschießen. Eine Lüge ist in sich schlecht, während es nicht in sich schlecht ist, die Wahrheit zu verheimlichen. Es wäre aber sehr schlecht, jemandem zu verheimlichen, dass er nur noch zwei Monate zu leben hat, oder dass man weiß, dass seine Frau ihn betrügt, weil er ein Recht hätte, das zu erfahren; das wäre auch eine größere Sünde als eine kleine Lüge darüber, wieso man fünf Minuten zu spät zu einer Verabredung gekommen ist.

„In sich schlecht“ und „durch die Umstände schlecht“ bezeichnet die Art, nicht die Größe der Sünde. Wenn etwas in sich schlecht ist, macht das die Entscheidung schlicht sehr einfach; bei Abtreibungen z. B. brauchen wir gar nicht erst zu diskutieren anfangen, ein unschuldiges Kind zu töten ist immer falsch. Aber auch bei schwierigeren Entscheidungen, wo man auf Angemessenheit, auf Verhältnismäßigkeit schauen muss, und die Tugend der Klugheit stärker zur Anwendung bringen muss, kann man nicht einfach willkürlich irgendwas tun. Ist dieser konkrete Krieg gerechtfertigt? Sollte man in diesem oder jenem Land einen Mindestlohn einführen, damit der nach der katholischen Soziallehre notwendige gerechte Familienlohn gesichert ist, und wenn ja, wie hoch? Wie hält man es mit der Einwanderungspolitik, wie mit dem Umweltschutz? Da gibt es überall vernünftige Kriterien, und rechtgläubige Katholiken, die einigermaßen vernünftig und sorgfältig nachdenken und genug wahre Informationen haben, sollten in ihren praktischen Schlussfolgerungen am Ende nicht zu extrem weit auseinanderliegen.

Natürlich kann einer mal zu wenige Informationen über die konkrete Lage haben, oder einzelne Dinge anders gewichten, oder irgendwo einen Irrtum in seinen Schlussfolgerungen haben. Man sollte bei Klugheitsfragen auch nicht panisch werden. Manchmal muss man sich im Zweifelsfall nach Faustregeln richten und das besser scheinende wählen, auch wenn man sich nicht hundertprozentig sicher ist, weil man sich für irgendetwas entscheiden muss.

Aber mir geht es hier darum, dass man auf Bedenken anderer Leute nicht einfach mit „Das ist nicht in sich schlecht, das kann grundsätzlich erlaubt sein, also halt die Klappe und kritisier es nicht“ reagieren kann.

Als Beispiel: Papst Franziskus hat jetzt das Kirchenrecht dahingehend geändert, dass auch Frauen das Amt des Akolythen und Lektors übertragen werden kann.

[Das heißt übrigens nicht, dass es vorher illegal war, dass Frauen in der Messe die Lesungen vortrugen, denn das geht auch ohne das offizielle Amt des Lektors. Hier ein bisschen Kirchenrechtsgeschichte: Die drei höheren Weihen (Diakon, Priester, Bischof) sind göttlichen Rechts und existieren seit den Zeiten der Apostel. Ein wenig später (schon im 3. Jahrhundert liest man solche Titel) wurden die vier niederen Weihen eingeführt, die nur kirchlichen Rechts sind: Das waren Ostiarier (Türhüter), Exorzist, Lektor, Akolyth (Ministrant). Die niederen Weihen wurden von Paul VI. vor ein paar Jahrzehnten abgeschafft, aber die Beauftragung zum Amt des Lektors und Akolythen (keine Weihe mehr) ist immer noch ein Teil des Werdegangs von Priesterseminaristen. Allerdings konnten die Aufgaben, die zu diesen Ämtern gehörten, auch da schon von normalen Laien übernommen werden – den gewöhnlichen Ministranten und den Leuten, die die Lesungen in der Messe vortragen. Was sich jetzt geändert hat, ist, dass auch Frauen dieses offizielle Amt bekommen können, statt nur als quasi „Notlösung“ vorzulesen.]

Es ist also (da so etwas kirchlichen, nicht göttlichen Rechts ist) nicht in sich schlecht, Frauen als Lektor oder Akolyth zu beauftragen, aber es ist aus den Umständen schlecht: Weil es selbstverständlich allgemein als allmähliches Nachgeben der Kirche auf dem Weg zum Frauenpriestertum gedeutet werden wird.

Ähnliches gilt für so vieles andere, was seit ca. sechs Jahrzehnten in der Kirche vor sich geht. Es war nicht in sich schlecht, z. B. bei der Liturgiereform etliche sehr schöne Gebete aus der Messe zu werfen oder zu verflachen, das Latein als heilige Liturgiesprache aufzugeben und die Orientierung des Priesters, der sich gemeinsam mit dem Volk zum Hochaltar Richtung Osten wandte, mit der Orientierung Richtung Volk zu vertauschen. Nicht in sich falsch; aber es sandte das Signal, dass irgendwas in der Kirche bisher ganz furchtbar falsch gemacht worden war, man jetzt alles anders machen sollte, und dass man im Grunde nicht mehr dasselbe glauben durfte, was man vor der Erleuchtung durch das 2. Vatikanum geglaubt hatte.

Und damit sandte es – genau wie Franziskus‘ Aktionen jetzt – die Botschaft, die Kirche wäre eben nicht so unveränderlich, wie sie sich gegeben habe, wäre nicht wirklich die Kirche Gottes, der Papst nicht wirklich der Stellvertreter Christi. Und wenn der jetzige Papst was ganz anderes lehrt als Papst Gregor der Große oder Papst Bonifaz VIII., wieso sollte man dann der Kirche überhaupt vertrauen? So werden sich auch Leute abwenden, die sich vielleicht für die Kirche interessiert hätten, gerade weil sie so unmodern ist und sich nicht angepasst hat, und die dann von Kirchenleuten wie dem Papst selbst davon überzeugt worden sind, dass sie es wohl doch nicht ist.

Natürlich kann jeder, der sich gut informiert, wissen, dass die eigentlichen Dogmen eben nie geändert wurden, und schwerwiegende Unklarheiten, Halbherzigkeiten und Missbräuche vonseiten der Hierarchie nichts dran ändern; dass die päpstliche Unfehlbarkeit, wie sie das 1. Vatikanische Konzil definiert hat, eben nur bedeutet, dass der Papst kein falsches Dogma verkünden, und nicht, dass er sonst nichts falsch machen kann. Aber genau darum geht es: Jeder, der sich aus eigenem Antrieb aus gut katholischen Quellen informiert. Wer nicht viel vom Katholizismus weiß, und nur am Rande in den Nachrichten oder der Zeitung was mitkriegt, oder vielleicht mal auf eine offizielle Bistumsseite oder in die durchschnittlich liberale Kirchenzeitung schaut, wenn er sich doch dafür interessiert, was wird der denken?

Auch Dinge, die nur durch die Umstände schlecht sind, darf man kritisieren – vor allem, wenn es wirklich sehr deutlich zu sehen ist, dass die Umstände es schlecht machen.

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