Die Kongogräuel, Teil 2: Die eigentlichen Verbrechen und die Opferzahlen

Im ersten Teil ging es darum, wie es um 1885 zur Entstehung des Kongo-Freistaats und 1891/92 zur Entstehung des Zwangsarbeitssystems in diesem Staat kam; jetzt dazu, welche Verbrechen geschahen, wenn die (oft genug exzessive) Pflicht zum Kautschuksammeln durchgesetzt werden sollte, und ganz am Ende des Artikels noch zu den Opferzahlen.

Es gab verschiedene Methoden: Man nahm Geiseln (häufig Frauen) aus den Dörfern, die auf den Staatsposten festgehalten wurden, bis das Dorf die gewünschte Menge an Kautschuk lieferte, wobei die Geiseln oft unter schlechten Bedingungen eingesperrt wurden; man sperrte diejenigen, die zu wenig geliefert hatten, für ein paar Wochen oder Monate ein und ließ sie Zwangsarbeit verrichten; man verabreichte ihnen Schläge mit der „Chicotte“/Nilpferdpeitsche (einer Peitsche aus Nilpferdhaut); man legte dem Dorf zusätzlich hohe Geldbußen auf, die in einer lokalen Währung aus Kupferstäbchen gezahlt werden mussten und die es irgendwie auftreiben musste (es gibt ein paar Berichte, dass manche Einheimische sich gezwungen sahen, ihre Familienmitglieder in die Sklaverei in andere Dörfer zu verkaufen, um genug Kupferstäbe zusammenzubekommen); man stationierte einzelne „Wächter“ (sog. „Sentinelles“ oder „Capitas“) in den Dörfern, die mit einfachen Gewehren bewaffnet waren und die Arbeit überwachen sollten; man schickte die Armee – die sog. Force Publique („öffentliche Streitmacht“) – in die Dörfer.

Die „Wächter“ waren immer Einheimische; die Force Publique bestand zum größten Teil aus Einheimischen unter weißen Befehlshabern; im Jahr 1905 ca. 15.000 Einheimische unter wenigen hundert Weißen – alle Zivilisten mitgezählt lebten im Kongo im Jahr 1908 ca. 3000 Weiße. (Es war nicht immer ganz leicht, Leute zu finden, die in die Kolonien gehen wollten und auch das Klima vertrugen, und es war eine Sache der Notwendigkeit, sich mit Einheimischen zu verbünden oder sie anzuheuern.) Die schlimmsten Gräueltaten passierten laut den Berichten davon tatsächlich oft, wenn (was nach einiger Zeit theoretisch verboten wurde) Truppen ohne europäischen Offizier ausgeschickt wurden. Einer der Vorwürfe gegen den Kongo-Freistaat war gerade, er würde seine Soldaten unter „wilden und kannibalischen“ Stämmen wie den Bangala auswählen, worauf seine Antwort in etwa lautete, es gäbe ja keine Auswahl, da wären doch eh alle Kannibalen. Die Täter stammten für gewöhnlich aus anderen Stämmen als ihre Opfer, man schickte sie in andere Gegenden, als die, in denen sie beheimatet gewesen waren; und die Stämme im Kongo waren oft genug verfeindet gewesen.

Es war beileibe nicht so, dass es keine weißen Täter gegeben hätte, die Morde und Massaker direkt befahlen (oder indirekt befahlen, ohne ganz die Verantwortung übernehmen zu wollen); und in jedem Fall errichteten und hielten die weißen Agenten ein System aufrecht, das regelmäßig zu Mord und Totschlag führen musste, und profitierten davon (sie erhielten v. a. anfangs Prämien für höhere Mengen Kautschuk oder Elfenbein). Dennoch: Die schlimmsten Taten geschahen ohne ihre direkte Anweisung durch afrikanische Täter; sie hätten sich oft mit (auch sehr unschönen) Methoden wie Geiselnahme und Auspeitschung zufriedengegeben statt Mord und Plünderung. Und ihre einheimischen Soldaten waren meistens nur zu eifrig dabei, andere auszuplündern und ihre neue Macht willkürlich auszunutzen.

Force Publique in Boma.

Da der Staat nicht die Ressourcen hatte, alle Gebiete zu erschließen, vergab er in einigen Gebieten „Konzessionen“, also das Monopol auf bestimmte Rohstoffe – v. a. Kautschuk, aber auch Kopal und Elfenbein – und das Recht, die Abgabenpflicht der Einheimischen in Anspruch zu nehmen. In den Gebieten der Konzessionsgesellschaften (v. a. der ABIR-Gesellschaft („Anglo-Belgian India Rubber Company“ – Kautschuk heißt auf Englisch „india rubber“, „indischer Gummi“) und der Anversoise-Gesellschaft) war es deutlich schlimmer als auf dem staatlichen Land, ausgenommen die „Stiftung der Krone“ (Domaine de la Couronne), wo es ebenfalls viele Verbrechen gab; und sie bemühten sich natürlich auch nicht, auch nur das geringste bisschen an öffentlicher Infrastruktur wie Eisenbahnen oder Krankenhäuser bereitzustellen. Auch diese Gesellschaften stellten Wächter ein und führten oft, ohne dazu eigentlich befugt zu sein, regelrechte militärische Expeditionen. Hinter den Gesellschaften standen wenige wohlhabende Geldgeber wie z. B. der belgische Bankier Alexandre de Browne de Tiège. Der Staat erhielt für gewöhnlich die Hälfte der Einnahmen der Gesellschaft.

Karte des Kongo-Freistaats mit den Konzessionsgebieten („ABIR Trust“, „Anversoise Trust“; oben mittig), 1906.

Um einen Eindruck von der Situation zu geben, wieder einige Zitate aus dem Bericht der Untersuchungskommission von 1904/05 (im nächsten Artikel mehr zu dieser Kommission), den ich in Teil 1 schon erwähnt habe:

Zu den Wächtern:

„Laut den Zeugen missbrauchen diese Hilfskräfte, vor allem die, die in die Dörfer abgestellt werden, die Autorität, die ihnen übertragen wurde, spielen sich als Despoten auf, verlangen Frauen, Lebensmittel, nicht nur für sich, sondern auch für das Gefolge von Schmarotzern und zwielichtigen Gestalten, die die Liebe zum Diebstahl schnell dazu bringt, sich ihrem Schicksal anzuschließen und mit denen sie sich wie mit einer wahrhaftigen Leibgarde umgeben; sie töten ohne Mitleid jene, die Miene machen, sich ihren Forderungen, ihren Launen zu widersetzen.

Die Kommission konnte offensichtlich nicht in allen Fällen die Korrektheit der Anschuldigungen überprüfen, die vor ihr vorgebracht wurden, besonders da die Fakten oft mehrere Jahre zurücklagen. Dennoch, die Grundlage der gegen die Wächter vorgebrachten Anschuldigungen scheint aus einer Gesamtheit von Zeugenaussagen und offiziellen Berichten hervorzugehen. […]

Wie vieler Missbräuche haben sich die Wächter schuldig gemacht? Es ist uns unmöglich, das zu sagen, selbst annäherungsweise.

Mehrere Häuptlinge aus der Region von Baringa [im Gebiet der ABIR-Gesellschaft] haben uns nach der einheimischen Methode Bündel von Stäben gebracht, von denen jedes einen ihrer Untergebenen repräsentieren sollte, der von den Capitas getötet worden war. Einer von ihnen zeigte für sein Dorf eine Gesamtmenge von hundertzwanzig in den letzten Jahren begangenen Morden an. Was man auch darüber denken mag, welches Vertrauen diese Berechnung der Verbrechen verdient, ein Dokument, das der Kommission vom Direktor der AIBR-Gesellschaft in Afrika übergeben wurde, erlaubt es nicht, am unheilvollen Charakter dieser Institution zu zweifeln. Es handelt sich um eine Liste, die feststellt, dass vom 1. Januar bis zum 1. August 1905, d. h. im Verlauf von sieben Monaten, hundertzweiundvierzig Wächter der Gesellschaft von den Einheimischen getötet oder verletzt worden waren. Nun ist es anzunehmen, dass die Wächter in vielen Fällen wegen der Repressalien von den Einheimischen angegriffen wurden. […] Andernteils haben die von der Kommission befragten oder bei den Anhörungen anwesenden Agenten nicht einmal versucht, die gegen die Wächter vorgebrachten Anschuldigungen zu widerlegen.“ (Untersuchungsbericht, S. 52)

Als Wächter wurden auch oft Ortsfremde gewählt, die mit ihren Untergebenen nichts gemeinsam hatten; und auch wenn sie aus dem Dorf selbst stammten, stellten sie eine Gegenautorität zum traditionellen Häuptling dar und meinten, ihre neu erworbene Stellung ausnutzen zu können; es gab damals schlicht keine kongolesische (der Staat war eine reine Konstruktion Leopolds) oder afrikanische Identität oder Zusammenhalt.

Über militärische Expeditionen schreibt die Kommission, wobei sie noch nicht das Abgabensystem an sich infragestellt, alles immer noch im für die Regierung am wenigsten schlimmen Licht präsentiert und sich bewusst sehr diplomatisch ausdrückt:

„Oft besteht die Expedition dieser Art in einer einfachen Aufklärungsmission, einer friedlichen Tour, bei der der weiße Offizier, der die Anweisungen und Rundschreiben achtet, sich darauf beschränkt, seine Truppen in die verweigernden oder nachlässigen Dörfer zu führen. Er setzt sich mit den Häuptlingen in Verbindung, und indem er den Schwarzen, die nur den Apparat der Macht respektieren, die Stärke des Staates zeigt, gibt er ihnen die Torheit einer Eigensinnigkeit zu verstehen, die sie in Konflikt mit den Truppen bringen würde. […]

Leider haben die Expeditionen nicht immer diesen friedlichen Charakter und diese guten Auswirkungen. Manchmal wurde es für nötig gehalten, energischer zu handeln.

In diesem Fall bestand der schriftliche Befehl, der dem Befehlshaber der Expedition von seinem Vorgesetzten gegeben wurde, meistens darin, ihm anzuordnen, ‚die Einheimischen an ihre Pflichten zu erinnern‘.

Das Vage, die Ungenauigkeit solcher Befehle, und, in bestimmten Fällen, die Leichtfertigkeit dessen, der damit beauftragt war, sie umzusetzen, hatten oft nicht gerechtfertigte Tötungen zur Folge. […]

Es kommt tatsächlich am häufigsten vor, dass die Einheimischen beim Näherrücken der Truppe fliehen, ohne irgendeinen Widerstand entgegenzusetzen. Die im Allgemeinen befolgte Taktik besteht dann darin, das verlassene Dorf oder die benachbarten Felder zu besetzen. Vom Hunger getrieben kehren die Einheimischen zurück, entweder allein oder in kleinen Gruppen. Man nimmt sie fest, man ist bestrebt, den Häuptling und die angesehenen Männer zu fassen, die sich fast immer unterwerfen, versprechen, ihre Verpflichtungen nicht mehr zu verletzen, und denen manchmal Geldbußen auferlegt werden.

Aber es kommt auch vor, dass die Einheimischen nur zögerlich wiederkehren. Eine der im Allgemeinen angewandten Maßnahmen in diesem Fall ist das Aussenden von Patrouillen, die sich durch den Busch schlagen, mit dem Auftrag, die Einheimischen zurückzuholen, die sie treffen. Man sieht sofort die Gefahren dieses Systems. Der bewaffnete Schwarze, sich selbst überlassen, fühlt in sich die blutigen Instinkte wieder aufsteigen, die die strikteste Disziplin kaum zügeln konnte. Während solcher Patrouillen wurden die meisten Morde begangen, die den Soldaten des Staates vorgeworfen werden, und insbesondere jene, die die in der Gegend von Monsembe unternommene Expedition kennzeichneten, Gegenstand einer Beschwerde von Reverend Weeks.

Die Regierung wurde sich der dieser Taktik inhärenten Missbräuche bewusst und hat die Aussendung von Patrouillen, die nicht von einem Weißen befehligt werden, strikt verboten, aber diese Verbote wurden oft missachtet, trotz der über Agenten, die dagegen verstießen, verhängten Strafen. […]

Manchmal nahm die militärische Expedition einen noch klarer repressiven Charakter an. Wir wollen von jenen Operationen sprechen, die man als ‚Strafexpeditionen‘ bezeichnet hat und deren Zweck es ist, einem Dorf oder Gruppierungen von Einheimischen eine examplarische Bestrafung zuzufügen, und von denen manche unbekannt geblieben sind und sich eines Verbrechens oder einer schwerwiegenden Beeinträchtigung der Autorität des Staates schuldig gemacht haben.

(Foto in „King Leopold’s Rule in Africa“ von E. D. Morel; der Autor bezeichnet die Kongogräuel als neue Form der Sklaverei, daher die Bildunterschrift.)

Der dem Kommandant der Abordnung gegebene Befehl war dann im Allgemeinen in der folgenden Weise abgefasst: ‚N… wird beauftragt, dieses Dorf zu bestrafen oder zu züchtigen‘. Die Kommission hat von mehreren Expeditionen dieser Art erfahren. Deren Folgen waren manchmal sehr mörderisch. Und man braucht sich nicht darüber zu wundern. Wenn während delikater Operationen, deren Ziel die Geiselnahme und die Einschüchterung der Einheimischen ist, eine Überwachung zu allen Zeiten nicht immer verhindern kann, dass die blutigen Instinkte der Schwarzen sich freien Lauf lassen, wenn der Befehl zu strafen von einer höheren Autorität kommt, ist es sehr schwierig, dass die Expedition nicht in Massaker begleitet von Plünderung und Brandstiftung ausartet.“ (Untersuchungsbericht, S. 63-66)

Häufig vergewaltigten die Soldaten auch Frauen aus den Dörfern und/oder verschleppten sie auf die Posten und hielten sie dort für längere Zeit fest.

Man wird davon ausgehen dürfen, dass die Vorgesetzten sich gut bewusst waren, was aus ihren (bewusst) vagen Befehlen öfter mal resultieren würde.

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Soldaten im Fort von Shinkakasa.

Für besonderes Entsetzen sorgten in Europa Bilder von Kongolesen mit abgehackten Händen, die in den Jahren ca. ab 1903 öfter verbreitet wurden. Heute ist es verbreitet, zu glauben, Belgier hätten zur Strafe für zu wenig gesammelten Kautschuk Hände abhacken lassen. Das ist falsch; und wäre auch eine sehr schlechte Idee gewesen, wenn man von Leuten in Zukunft noch Kautschuk bekommen will. Um Art und Ausmaß der Verstümmelungen zu sehen, ist der Untersuchungsbericht wieder hilfreich.

Vor allem bei Militärexpeditionen, schreibt die Kommission, seien die Verstümmelungen passiert, auf die v. a. protestantische Missionare hingewiesen hätten. Es werden folgende Aussagen/Vorkommnisse aufgezählt:

„Beim Tumba-See in Ikoko haben Missionare und mehrere Schwarze uns versichert, um das Jahr 1895 in einem mit Soldaten besetzten Einbaum einen Korb gesehen zu haben, der zwischen zwölf und zwanzig abgehackte Hände enthielt. Reverend Clark erklärt, ungefähr um dieselbe Zeit in einem Einbaum an einen Stab gebundene abgehackte Hände gesehen zu haben; sie seien ihm vorgekommen, als seien sie geräuchert worden. Beide Einbäume waren unterwegs in Richtung Bikoro. Ein Einheimischer beteuert, dass diese Hände dem Postenchef von Bikoro gezeigt wurden und Herr Clark erklärt, dass dieser Agent, der heute verstorben ist, als er ihm seinen Hund gezeigt habe, ihm gesagt habe: ‚Das ist ein menschenfressender Hund, er frisst abgehackte Hände.‘ Derselbe Missionar, Frau Clark und Frau Whitman haben uns gesagt, bei mehreren Gelegenheiten im Verlauf von staatlichen Expeditionen getötete Einheimische gesehen zu haben, deren rechte Hand abgeschnitten worden war. Herr und Frau Clark, wie auch ein schwarzer Zeuge, behaupten, ein kleines Mädchen gesehen zu haben, dessen Hand während einer Expedition abgehackt worden war, und das nach sechs Monaten starb, trotz der medizinischen Pflege, die man ihr reichlich zukommen ließ, und eine auf dieselbe Weise verstümmelte Frau.

Diese Missionare erzählten uns zuletzt von einem Einheimischen namens Mola, der beide Hände nach schlechter Behandlung durch Soldaten verloren hatte, was durch eine Ermittlung festgestellt worden war. (Mola war von Soldaten gefangen genommen worden. Die Fesseln um seine Handgelenke, zu eng zugezogen, verursachten Wunden, die brandig wurden; die beiden Hände waren verloren.)

(Der Mola im mittleren Bild dürfte derselbe sein, von dem hier die Rede ist; Fotos aus „King Leopold’s Rule in Africa“.)

Schwarze Zeugen, beheimatet im Distrikt des Leopold-II-Sees, die Herr Scrivener in Bolobo beigebracht hat, brachten vor, dass sie, als ihr Dorf vor fünf oder sechs Jahren nach einem Kampf von staatlichen Truppen besetzt worden war, sieben Genitalien gesehen hatten, die bei während des Kampfes getöteten Einheimischen abgeschnitten worden und an eine Liane gehängt worden waren, die zwischen zwei Stangen vor der Hütte, in der der Weiße wohnte, festgemacht war.

Die Kommission ihrerseits hat mehrere Verstümmelte gesehen.

Im Posten von Coquilhatville haben wir Epondo und Ikabo befragt. Epondo fehlte die linke Hand, und Ikabo die rechte.

Herr Clark, in Ikoko, präsentierte uns Mputila, aus Yembe (Tumba-See), dem die rechte Hand fehlte. Reverend Louver, in Ikau, hat vor uns Imponge aus N‘Songo erscheinen lassen, einen Jungen, der etwa zehn Jahre alt wirkte, und der der rechten Hand und des rechten Fußes beraubt war. Reverend Harris hat uns in Baringa einen Mann namens Isekosu und die Frau Boali gezeigt, dem ersten fehlte die rechte Hand und der zweiten der rechte Fuß.

Epondo, der wiederholt, was er schon zuvor berichtet hat, sagt uns, dass er die linke Hand infolge eines Wildschweinbisses verloren habe, als er eines Tages mit seinem Herrn auf der Jagd gewesen sei. (Ohne etwas auf die Aussagen von Epondo zu geben, der bei seinen verschiedenen Zeugenaussagen in den letzten zwei Jahren Unterschiedliches erzählt hat, ist die Kommission, indem sie sich auf ihre eigenen Feststellungen und die gründliche ärztliche Untersuchung, die von Dr. Védy in Coquilhatville vorgenommen wurde, stützt, überzeugt, dass Epondo die Hand tatsächlich in Folge des Bisses eines wilden Tieres verloren hat. Außerdem hat Reverend Weeks uns gesagt, dass diese Tatsache im Dorf Malele, aus dem Epondo ursprünglich stammt, bekannt sei, wie er persönlich bei einem kürzlichen Besuch in diesem Dorf habe feststellen können.)

Imponge erklärt, dass, als er ein kleines Kind war, Wächter (Sentinelles) in sein Dorf kamen, sein Vater mit ihm auf dem Arm floh und ihn zu einem bestimmten Zeitpunkt im Wald fallen ließ, um schneller rennen zu können. Ein Wächter sah ihn und hackte ihm die rechte Hand und den linken Fuß ab, um sich die Kupferringe zu verschaffen, die er am Knöchel und Daumen trug. Dieser Bericht wird vom Vater bestätigt.

Die Frau Boali sagt, dass ein Capita, dem sie sich verweigert hatte, sie mit einem Gewehrkolben zu Boden schlug und, da er sie für tot hielt, ihr den Fuß abschnitt, um den Kupferring um ihren Knöchel mitzunehmen.

Die drei anderen Verstümmelten geben eine Aussage ab, die sich so zusammenfassen lässt: ‚Die Soldaten (oder die Wächter) sind gegen unser Dorf in den Krieg gezogen. Ich bin verletzt worden und wie tot zu Boden gefallen. Ein Soldat (oder ein Wächter), der mich für tot hielt, hackte mir die Hand ab.‘

Herr Monney, der Chef des Postens von Bikoro, sagt, dass er abgesehen von Mola noch drei andere Einheimische gesehen habe, denen die rechte Hand fehlte und die ihm dasselbe berichtet hätten.

Aus der Gesamtheit der gemachten Feststellungen und der Zeugenaussagen und Auskünfte, die die Kommission erhalten hat, lässt sich schließen, dass die Verstümmelung von Leichen ein alter Brauch ist, der in den Augen der Einheimischen nicht denselben leichenschänderischen Charakter hat wie in unseren. Das Abtrennen gewisser Körperteile einer Leiche entspricht dem Bedürfnis des Einheimischen, sich entweder eine Trophäe oder auch einfach ein Beweisstück mitzunehmen.

Die Verstümmelung von gefallenen Feinden geschah häufig bei den Kriegen zwischen Einheimischen gewisser Regionen. Heute noch sind die Schwarzen es gewöhnt, wenn sie einen greifbaren Beweis des Todes eines von ihnen erbringen wollen und die Leiche selbst nicht mitnehmen können oder wollen, entweder die rechte Hand oder den rechten Fuß vorzuzeigen. So brachte auch vor kurzem ein Einheimischer aus Wala (bei Baringa) zur Mission in Baringa und dann zur Faktorei der ABIR einen Kinderfuß und eine Kinderhand, die er abgeschnitten hatte. Er kam, um die Ermordung des Kindes durch einen Sentinelle zu beklagen. [Anmerkung: In diesem Fall dürfte ein kleiner Fehler (vielleicht ein Missverständnis bei der Übersetzung der Zeugenaussagen o. Ä.) auf der Seite der Kommission vorliegen. Laut dem Bericht eines Missionars namens Stannard hatte dieser Einheimische, Nsala, die Gliedmaßen zwar als Beweisstücke hergebracht, aber ausdrücklich gesagt, sie nicht selbst abgeschnitten zu haben; seine Tochter sei von den Wächtern zerstückelt und teilweise gekocht und gegessen worden, hatte er berichtet. Siehe auch weiter unten.] Ein paar Tage später brachten Einheimische aus N‘Songo Frau Harris zwei Hände, die sie abgeschnitten hatten, wobei sie sagten, dass sie zwei von den Sentinelles getöteten Männern gehörten. 1902 kam ein Einheimischer zum Gericht von Coquilhatville, um den Mord eines Verwandten während einer Schlägerei anzuzeigen. Als Beleg seiner Erzählung zeigte er die Hand des Toten vor, die er abgeschnitten und geräuchert hatte.

Man muss sich nicht wundern, wenn die in der Force Publique angemusterten Schwarzen diesen eingefleischten Brauch nicht gleich aufgeben konnten, und wenn sie, um ihren Vorgesetzten einen Beweis ihrer Tüchtigkeit als Krieger zu bringen, ihnen manchmal blutige Trophäen brachten, die sie von den Kadavern ihrer Feinde abgeschnitten hatten. […]

Wie auch immer, ein Punkt steht außer Frage: Nie hat ein Weißer über lebende Einheimische solche Verstümmelungen als Strafe für fehlende Abgaben oder aus irgendeinem anderen Grund verhängt oder verhängen lassen. Derartige Vorgänge sind uns von keinem Zeugen angezeigt worden und trotz all unserer Ermittlungen haben wir keine gefunden.“ (Untersuchungsbericht, S. 71-74)

Daraus, dass die Kommission unter den während der Monate, die sie im Kongo verbrachte, angehörten Zeugen nur fünf von Wächtern/Soldaten Verstümmelte anhörte, zeigt auch, dass es zwar Fälle von Verstümmelungen von (für gewöhnlich totgeglaubten) Lebenden gab, aber relativ wenige, und die Morde mit anschließender Leichenschändung das eigentliche Problem waren.

Es gibt anderswo allerdings auch Berichte davon, dass bestimmte weiße Postenchefs sich die Hände von Toten hatten bringen lassen als Beweis dafür, dass die allein ausgeschickten schwarzen Soldaten mit den Patronen nicht sonst etwas angestellt hatten.

„Wir kennen Namen, Orte. In der Gegend des Leopold-II-Sees, in der von Equateur scheinen die abgeschnittenen Hände Ende des 19. Jahrhunderts obligatorisch mit zahlreichen militärischen Expeditionen einhergegangen zu sein. Der beste Spezialist dieser Methode war ein Mann, der von seinen Freunden als ’sehr energisch‘ charakterisiert wurde und der in Equateur während mehrerer Jahre den Befehl innehatte, Kapitän Fiévez. Man prahlte in seiner Umgebug mit den erreichten Ergebnissen: ‚Ein großes Palaver (d. h. eine militärische Expedition) von Fiévez: 200 Opfer mit 375 Patronen.‘ Fiévez war das Muster der gefühllosen Bestie; selbst unter Offizieren, die keinen so ausgeprägten Charakter hatten wie den seinen, fand er Nachahmer.“ (Stengers, Jean: Les accusations anglaises contre le Congo: E. D. Morel, le fondateur de la Congo Reform Association, et la Belgique, in: Ders.: Congo. Mythes et réalités, Brüssel 2005, S. 129-158, S. 154f.)

Und es gibt auch Aussagen, dass es dann manchmal vorgekommen war, dass Soldaten, die Patronen auf der Jagd verschwendet hatten, sogar bewusst Lebenden die Hände abgehackt hatten.

Es lohnt sich noch, zwei der von der Untersuchungskommission erwähnten Fälle noch genauer anzusehen; als konkrete Beispiele für die Grausamkeiten. Beide Fälle wurden von Missionaren der baptistischen britischen Missionsgesellschaft „Congo-Balolo Mission“ dokumentiert. John Hobbis Harris, seine Frau Alice Seeley Harris und ein weiterer Missionar namens Edgar Stannard waren im Jahr 1904 in der Missionsstation von Baringa stationiert. Stannard beschreibt in einem Brief folgendes:

„Am Sonntagmorgen, dem 15. Mai [1904], um kurz nach acht Uhr, war ich zu Mr. Harris‘ Haus hinübergegangen, und wir wollten gerade den morgendlichen Gottesdienst beginnen, als zwei Jungen atemlos hereinstürmten und sagten, dass einige Wächter eine Anzahl an Leuten getötet hätten, und dass zwei Männer vorbeigegangen wären, um es den weißen Kautschuk-Männern zu melden [d. h. den Agenten der Konzessionsgesellschaft, die ihren Posten in der Nähe der Missionsstation hatte], und dass sie auch ein paar Hände dabei hätten, um sie ihm zu zeigen, falls er ihnen nicht glauben wollte. Es erschütterte uns sehr, und wir sagten ihnen, sie sollten nach den Männern Ausschau halten, wenn sie zurückkämen, und uns Bescheid sagen, damit wir sie treffen könnten. Kurz danach kamen die zwei Männer den Pfad entlang, und wir hörten, wie die Jungen ihnen zuriefen, sie sollten kommen und es uns zeigen; aber sie wirkten ängstlich, und so gingen wir schnell nach draußen und holten sie ein und fragten sie, wo die Hände wären. Daraufhin öffnete einer von ihnen ein Päckchen aus Blättern und zeigte uns Hand und Fuß eines kleinen Kindes, das nicht älter gewesen sein konnte als fünf Jahre. Sie waren frisch und mit einem sauberen Schnitt abgetrennt worden. Es war ein furchtbarer Anblick, und selbst jetzt, während ich schreibe, kann ich den Schauder und das Gefühl des Entsetzens spüren, das mich überkam, als wir sie ansahen, und den gequälten Blick des armen Mannes sahen, der benommen vor Trauer wirkte, und der sagte, dass es Hand und Fuß seines kleinen Mädchens wären. Ich kann nie den Anblick dieses entsetzten Vaters vergessen. Wir baten sie, ins Haus zu kommen und uns von der Sache zu erzählen, was sie taten, und das Folgende ist die Geschichte, die sie uns erzählten.

Der Vater des kleinen Mädchens sagte, sein Name sei Nsala, und er stamme aus Wala, was eine Sektion des Nsongo-Distrikts ist und verbunden mit Lifinda, dem Außenposten von Baringa. Am vorigen Tag, obwohl es noch drei Tage waren, bis sie den Kautschuk hätten bringen müssen, kamen fünfzehn Wächter aus Lifinda, alle abgesehen von zwei bewaffnet mit Albini-Gewehren, und begleitet von Anhängern. Sie begannen, Gefangene zu machen und zu schießen, und töteten Bongingangoa, seine Frau; Boali, seine kleine Tochter von ungefähr fünf Jahren; und Esanga, einen Jungen von ungefähr zehn Jahren. Diese schnitten sie sofort in Stücke, und kochten sie danach in Töpfen, taten Salz hinein, das sie mitgebracht hatten, und aßen sie dann.

Sie schossen auch drei andere an, die, obwohl verwundet, es schafften, in den Wald zu rennen. […]

Nsala sagte, dass er, als die Wächter nicht hinsahen, den Fuß und die Hand seines kleinen Mädchens schnappte, um sie mitzunehmen und dem weißen Mann zu zeigen, falls er ihm nicht glauben sollte. Wir fragten ihn, ob er die Hand und den Fuß abgeschnitten hatte, aber er sah entsetzt aus und protestierte, dass er das nicht getan hätte. […]

Mrs. Harris nahm dann ein Photo von dem gramgebeugten Mann und allem, was ihm von seiner Frau und kleinen Tochter geblieben war, auf. Uns wurde schlecht, als wir darauf blickten, und an das unschuldige kleine Kind dachten, und uns vorstellten, wie sie eine kurze Zeit vorher herumgerannt war. Wir versuchten, ein wenig an den Gefühlen des unglücklichen Vaters Anteil zu nehmen, und unwillkürlich stieg ein Gebet aus unseren Herzen auf, dass Gott selbst um dieser Leute willen einschreiten möge.“

Im selben Brief beschreibt Mr. Stannard noch die Entstehung eines weiteren Photos:

„Am Donnerstag, dem 19. Mai, kam Mr. Harris um Mittag herum von Jikau zurück, und wir hofften, dass diese Schrecken ein Ende hatten, wenigstens für eine Weile. Leider war das nicht der Fall, denn am Freitag Nachmittag, etwa um 4:30 Uhr, während ich mit Mr. Harris zusammen war, kamen drei Männer mit einem kleinen Paket zu uns und sagten, während sie es öffneten: ‚Schaut! Das ist die Hand von Lingomo, und das die Hand von Bolengo. Wir konnten Balengolas Hand nicht mitbringen, da sie ihren ganzen Körper gegessen haben.‘ Ich erkannte zwei der Männer als Bompenju und Lofiko, die zu uns am vorigen Dienstag gekommen waren. Wir sagten: ‚Was, haben sie noch mehr getötet?‘ ‚Ja‘, antworteten sie, ‚drei mehr, von denen sie einen gegessen haben.‘ ‚Weiße Männer‘, fuhren sie fort, ‚was sollen wir tun? Sie erledigen uns alle. Während wir vor drei Tagen herkamen, töteten sie einen Mann, einen Jungen und eine Frau.‘ Mrs. Harris nahm ein Photo von den Männern mit den Händen auf, und Mr. Harris und ich standen mit in der Gruppe, da wir dachten, es wäre eine zusätzliche Beglaubigung. […]

Ich fürchte, Mr. Harris und ich sehen auf dem Photo eher zornig aus, aber ich bekenne, dass ich zornig war. Es brachte mein Blut zum Kochen, an diese Dinge zu denken – Schrecken über Schrecken – die diesen verfolgten Menschen zugefügt werden.“

Dann das Thema Auspeitschungen: Staatliche Agenten hatten – eigentlich – keine Befugnis, Auspeitschungen als Strafe für fehlende Abgaben anzuordnen, durften es aber als Disziplinarstrafen für Soldaten der Force Publique und staatliche Angestellte, wobei das Höchstmaß 50 Schläge betrug, an einem Tag höchstens 25 auf einmal verabreicht werden durften, und bei einem Zusammenbruch sofort aufgehört werden musste. Wie man sich denken kann: Auch hier war man nicht allzu skrupulös bei der Beachtung der Regeln, und wandte das Auspeitschen auch an, um mehr Kautschuk zusammenzubekommen.

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Auspeitschung mit der Nilpferdpeitsche.

Dazu schreibt die Kommission:

„Trotz aller vom Gesetz für den Gebrauch der Chicotte vorgeschriebenen Einschränkungen entstehen manchmal Missbräuche, ob man nun zu oft und in zu wenig gerechtfertigter Weise auf diese Strafe zurückgreift, oder ob man das vorgeschriebene Maß überschreitet.

Die Kommission hat zu dieser Angelegenheit Beschwerden zahlreicher Arbeiter erhalten. Hier vor allem muss man die gewohnheitsmäßige Übertreibung der Schwarzen in Betracht ziehen. Die Kommission war mehr als einmal von Anfang an misstrauisch in Bezug auf die phantastische Zahl an Schlägen, von der die Zeugen behaupteten, sie an einem einzigen Tag erhalten zu haben, und sehr oft konnte sie die Beschwerdeführer auf frischer Tat bei einer Lüge ertappen.

Dennoch ist es nicht zu leugnen, dass die Postenchefs sich manchmal verleiten ließen, im Wunsch, ein Exempel zu statuieren, die Vorschriften der Disziplinarordnung zu verletzen. Es ist gleichfalls wahr, dass diese Verfehlungen nicht immer mit der wünschenswerten Härte verfolgt wurden […] Die Kommission musste sogar feststellen, dass zweifach wiederholte Instruktionen der Staatsanwaltschaft, die sich auf solcherlei Missbräuche bezogen, die sich im Botanischen Garten von Eala ereignet hatten, wegen Anordnung von oben ohne Folge blieben. […]

Die Vorschriften verbieten es ausdrücklich, Frauen mit der Chicotte zu bestrafen. Manche Verstöße gegen diese Bestimmung wurden uns angezeigt; aber das sind Einzelfälle und zumindest aktuell sehr selten. In jedem Fall hat die Regierung nie irgendeine Toleranz für diesen Missbrauch gezeigt.“ (Untersuchungsbericht, S. 105f.)

Es mag vielleicht überraschen, aber: Im Kongo gab es in dieser Zeit ein Justizsystem, und wenn Fälle von Morden oder Misshandlungen vor Gericht gelangten, wurden sie auch bestraft (die Jusitz interessierte sich wesentlich mehr für die Rechte der Einheimischen als die Verwaltung). Ein Hauptproblem war schlicht, dass das Justizsystem hoffnungslos unterbesetzt war: Es gab im ganzen Kongo 14 Gerichte, aber weil an den meisten keine Berufsrichter waren, mussten sämtliche wichtigeren Fälle in die Hauptstadt Boma. Zum Vergleich: Man stelle sich vor, wegen eines in Warschau oder Danzig begangenen Mordes erst nach Marseille vor Gericht ziehen zu müssen. Man muss es immer wieder wiederholen: Der Kongo war ein enormes Gebiet, noch dazu zum großen Teil von Regenwald bedeckt, und die Chefs von isolierten Posten und erst recht die Wächter in den Dörfern waren oft fern von jeder Kontrolle.

Wenn man sich für ein Beispiel für einen solchen Prozess aus dem Jahr 1904 interessiert: Die Akten aus dem Berufungsverfahren gegen einen Belgier namens Philipp Caudron und einen Afrikaner aus dem britischen Lagos namens Silvanus Jones, beide bei einer Konzessionsgesellschaft angestellt, gibt es hier (zuerst eine englische Einleitung, dann die französischen Akten, dann eine englische Übersetzung der Akten); beide wurden wegen diverser Morde usw. zu einigen Jahren Zwangsarbeit verurteilt (Jones bekam 10 Jahre, Caudron zuerst 20, im Berufungsverfahren auf 15 reduziert). Gegner des Kongo-Freistaats wie E. D. Morel kritisierten solche Urteile als zu lasch, auch, da andere Verurteilte schon nach drei oder vier Jahren Gefängnis wieder entlassen worden waren.

Gefängnis in Nouvelle-Anvers.

Die Justiz konnte natürlich immer nur niedrigere Agenten belangen und hatte nicht die Macht, die höchsten Männer im Staat wegen ihrer Anweisungen zur Rechenschaft zu ziehen. Es war wesentlich leichter, einem untergeordneten Postenchef ein Massaker in einem bestimmten Dorf nachzuweisen, als einen Distriktkommissar oder Generalgouverneur für Anweisungen zu belangen, von denen er wissen musste, dass sie zu solchen Massakern führten. Gerade, wenn die Aussagen eines Angeklagten die höheren Beamten im Staat hätten belasten können, wurden sie auch einfach mal laufen gelassen; so z. B. in der „Tilkens-Affäre“, als man einen Agenten namens Tilkens, der Verbrechen im Osten des Kongo begangen hatte, nach Belgien entkommen ließ und von Belgien nicht seine Auslieferung forderte.

In einem Brief an einen belgischen Offizier, den er noch als Postenchef geschrieben hatte, hatte Tilkens (mit einer gewissen Mischung aus Selbstmitleid, Verzweiflung und dem Wunsch, sich reinzuwaschen) geschrieben: „Zwei Jahre lang führe ich schon Krieg in diesem Land, immer begleitet von vierzig oder fünfzig Albinis [= Soldaten mit Albini-Gewehren]. Und doch kann ich nicht sagen, dass ich die Leute unterworfen habe. […] Sie sterben lieber. […] Was soll ich tun? Ich werde bezahlt, meine Arbeit zu tun, ich bin ein Instrument in den Händen meiner Vorgesetzten, und ich gehorche den Befehlen, die die Disziplin verlangt.“ (Zitiert in: E. D. Morel, King Leopold’s Rule in Africa, S. 308.)

Weitere Schwierigkeiten, mit denen die Justiz zu kämpfen hatte, waren, dass ermittelnde Staatsanwälte in den Gebieten der Konzessionsgesellschaften auf deren Dampfboote, Posten etc. angewiesen waren, um überhaupt irgendwohin zu gelangen, und dass der Generalgouverneur Prozesse gegen Europäer verhindern konnte. Wie machtlos die Justiz vor Ort manchmal sein konnte, zeigt eine weitere Schilderung des Missionars Stannard:

„Vor kurzer Zeit war Richter Bosco hier, und stellte Ermittlungen an bezüglich der Morde, die von Wächtern in den Städten im Hinterland begangen worden waren, kurz bevor Mr. Frost nach England abreiste, und die er persönlich erforschte. Die Morde waren bis ins letzte bewiesen – tatsächlich eine größere Zahl, als wir zuerst sicher gewusst hatten. Verwandte der Ermordeten und Zeugen aus den Städten kamen und sagten vor dem Richter aus, und die Wächter gestanden, die Leute getötet zu haben. Der Richter sagte, dass es gesichert war, dass die Morde geschehen waren, und die einzige Frage war, wer dafür verantwortlich war. Ausnahmslos alle Wächter sagten, dass sie von Monsieur Van Calcken, dem Agenten, angewiesen worden waren, Leute zu töten, und dass die, die es nicht taten, gerügt worden waren. Der Agent andererseits bestritt, das getan zu haben.

Die Macht und Autorität des Richters schienen sehr begrenzt zu sein, und es schien, dass er nicht mehr tun konnte, als eine Ermittlung anzustellen. Er sagte, dass, da ein Weißer beteiligt war, alles, was er tun konnte, war, die Fakten nach Boma zu melden, und dass er wahrscheinlich in ungefähr drei Monaten eine Antwort zu der Angelegenheit erhalten würde. Wir wiesen darauf hin, dass diese Wächter zugaben, die Morde begangen zu haben, und fragten ihn, da das so war, was er mit ihnen tun würde; aber er bekannte sein Unvermögen, mehr in der Sache zu tun, da die Verantwortung nicht geklärt war, und es mit Kautschuk zu tun hatte. […] Wundern Sie sich, dass die Leute sagen, dass es nutzlos ist, diese Dinge anzuzeigen? Sie kommen und erzählen uns von diesen Dingen, oft unter großem Risiko, aber mit keinem besseren Ergebnis als dem obigen, und oft nicht einmal so viel. Der Richter hat Ilangala, den Capita, oder obersten Wächter, verhaftet; aber er erklärte uns, dass er das nur tat, weil er eine Frau getötet hatte, und er sagte, dass es illegal wäre, dass eine Frau wegen Kautschuk bestraft wird. Diese bestimmten Männer sind keine Wächter mehr, aber sie sind in ihren Städten und ganz frei, und es ist wahrscheinlich, dass sie, wenn sie in drei Monaten gesucht werden, verschwunden sind, und dann wird ihr Vorwurf gegen den Agenten unbelegt sein, und die ganze Sache wird ins Wasser fallen und nichts daraus werden.

Das ist die übliche Vorgehensweise bei diesen Palavern, bei denen Menschen ermordet werden. Die Wächter versichern stets, dass ihnen gesagt wird, sie sollten Menschen töten, während, wenn Morde ans Licht kommen, die Agenten sie beschuldigen, und die Verantwortung ablehnen. Es ist allerdings auffällig, dass sie [die Agenten] fast nie, wenn überhaupt jemals, Maßnahmen ergreifen, außer in Fällen, die wir ihnen berichten. Mein deutlicher Eindruck ist, dass sie von den Aktionen ihrer Wächter wissen, und zum großen Teil dafür verantwortlich sind. Sie sind gezwungen, ihre volle Menge an Kautschuk zusammenzubekommen, und guten Kautschuk, wenn man ihn bekommen kann, und sind bereit, alle Mittel zu diesem Zweck zu gebrauchen. Natürlich ziehen sie es vor, die schreckliche Arbeit nicht selbst zu erledigen, und die Wächter sind nur zu willig, das Gewehr zu benutzen. Die Agenten sollten die Sorte Männer kennen, die sie bewaffnen […]

Der Richter hat uns gegenüber bemerkt, dass die Arbeit, ihm zu tun gegeben wird, nicht ernst [der Auftrag nicht ernst gemeint, nur eine Fassade] ist, d. h., dass sie unmöglich ist. In diesem Distrikt Equator, so groß wie ein großer europäischer Staat, ist er der einzige Justizbeamte, und er kann kaum den ganzen Distrikt während seiner Amtsdauer besuchen. Wenn er kommt, um einem Vorwurf nachzugehen, ist dieser möglicherweise ein Jahr alt, und es ist unmöglich, Zeugen zu finden. Und während er auf Reisen ist, weiß er, dass sich in Coquilhatville eine enorme Menge Arbeit für ihn ansammelt, und dass es keine anständige Rechtspflege gibt.“

Andere Missstände

Es seien kurz weitere Missstände aufgezählt.

Andere Abgaben/Arbeiten:

Von den Einheimischen wurde nicht nur das Kautschuksammeln verlangt; auch für die Versorgung der Posten mit Lebensmitteln (Maniok und Trockenfisch für die einheimischen Arbeiter und Soldaten, Wild und Vieh für die Weißen), für Reparaturarbeiten, für die Instandhaltung von Telegraphenkabeln, für die Versorgung der Dampfschiffe mit Holz zum Heizen, usw. usf., zog man nach Belieben die Bewohner der umliegenden Dörfer heran. Bei manchen Posten waren die Arbeiten quasi kontinuierlich und auf eine geringe Bevölkerung verteilt, oder wurden zu unvorhersehbaren Zeiten verlangt; auch diese Arbeiten oder Abgaben wurden zwar geringfügig bezahlt, belasteten die Bevölkerung aber trotzdem manchmal sehr. Ähnliches wie für das Kautschuksammeln gilt hier.

Am belastendsten war die Arbeit als Lastenträger in einer Karawane in den Regionen, in denen die Flüsse nicht schiffbar waren. Anfangs betraf das v. a. die Region der Katarakte, einen Abschnitt des Kongo voller Stromschnellen zwischen Matadi und Leopoldville/Kinshasa; weiter flussaufwärts ist der Kongo wieder schiffbar. Dort wurde dann ab 1889 eine Eisenbahn gebaut, die 1898 fertiggestellt war; die Situation der Bevölkerung im Gebiet der Katarakte, die auch nicht mit Kautschuksammeln belastet war, besserte sich. Dafür sollten neue Gebiete im Osten des Kongo erschlossen werden, für die man wieder Lastenträger brauchte. Der bereits erwähnte Tilkens, ein Postenchef im Osten des Kongo, später angeklagt wegen Verbrechen gegen die Einheimischen, schrieb noch auf seinem Posten in einem Brief an einen Major:

„Der Postenchef von Buta kündigt die Ankunft des Dampfers Vande Kerkhove an, der zum Nil gebracht werden soll. Er wird die kolossale Zahl von 1500 Trägern verlangen. Unglückliche Schwarze! Ich will nicht daran denken. Ich frage mich, wo ich sie finden kann? Wenn die Straßen gut wären, wäre es vielleicht anders, aber sie sind kaum gerodet, werden wiederholt von Sümpfen unterbrochen, wo viele einen sicheren Tod finden werden. Hunger und die Erschöpfung von einem achttägigen Marsch werden für viele mehr sorgen. Wie viel Blut dieser Transport nicht hat fließen lassen! Schon drei Mal war ich gezwungen, Krieg gegen Häuptlinge zu führen, die sich weigern, sich an der Arbeit zu beteiligen. Leider werden sie nur schlecht für eine solche harte Arbeit bezahlt, Kaurimuscheln im Wert von 5d. (50 Centimes) für den Hinweg, und ein Stück amerikanischen Stoff für den Heimweg. Wenn ein Häuptling sich weigert, heißt es Krieg; und dieser furchtbare Krieg – perfektionierte Waffen der Zerstörung gegen Speere und Lanzen! … Ein einheimischer Häuptling ist gerade gekommen, um mir zu sagen: ‚Mein Dorf ist ein Haufen Ruinen. Alle meine Frauen wurden getötet. Und doch, was kann ich tun? Ich bin Häuptling, weil mein Vater Häuptling war, aber ich habe nicht seine Stärke und Macht. Wenn ich meinen Leuten sage, sie sollen die Fracht des weißen Mannes tragen, fliehen sie in den Wald, und wenn deine Soldaten kommen, um zu rekrutieren, kann ich ihnen niemanden geben, weil meine Leute lieber im Wald an Hunger sterben, als Transportarbeit zu erledigen.‘ Oft bin ich gezwungen, diese unglücklichen Häuptlinge in Ketten zu legen, bis 100 oder 200 Träger gefunden sind, was ihre Freilassung erlangt. Sehr oft finden meine Soldaten die Dörfer verlassen; dann ergreifen sie Frauen und Kinder und nehmen sie gefangen.“

Während als Träger und Kautschuksammler vor allem Männer verlangt wurden, lastete die Versorgung mit Maniokbrot, dessen Herstellung arbeitsintensiv war, v. a. auf Frauen, Kindern und Sklaven der Einheimischen, denen sowieso die meiste landwirtschaftliche Arbeit überlassen wurde; dementsprechend mussten sie die Versorgung ihrer eigenen Familien vernachlässigen. Einheimische, deren Vieh ständig zu einem zu geringen Preis als Abgabe verlangt werden konnte, sahen auch keinen Anlass mehr, welches zu züchten. In der Umgebung von kleinen Posten mit wenigen Arbeitern und Soldaten war es noch nicht schlimm; aber in der Umgebung der großen war die Folge eine deutliche Verarmung der Bevölkerung.

„Die in Leopoldville angehörten Missionare, katholische und protestantische, schilderten übereinstimmend die generelle Armut, die in der Region herrscht. Einer von ihnen glaubte sagen zu können: ‚wenn dieses System, das die Einheimischen verpflichtet, die 3000 Arbeiter von Leopoldville zu ernähren, noch fünf Jahre andauert, war es das mit der Bevölkerung des Distrikts‘. Ohne diese pessimistischen Bewertungen vollständig zu teilen, kann man zugeben, dass sie einen wahren Kern enthalten.“ (Untersuchungsbericht, S. 35)

(Die Lösungsvorschläge der Kommission waren so banale wie etwa: man solle selber Landwirtschaft betreiben und die Frauen der Soldaten dazu anstellen, die nichts zu tun hätten, oder mehr Reis auf Vorrat kaufen/importieren statt schnell verderbliches Maniok zu verlangen; ein anderes System hätte sich leicht etablieren können.)

Rekrutierung von Soldaten:

Auch um der Force-Publique-Soldaten selbst willen gab es Kritik; Kritiker meinten, das Vorgehen bei der Rekrutierung ähnele dem von Sklavenfängern. Die Untersuchungskommission meinte dazu, diese Kritik sei „ungerecht. In jedem Fall kann sie nicht auf die aktuelle Situation Anwendung finden.“ (Untersuchungsbericht, S. 95) Auf die frühere Situation konnte sie allerdings eine gewisse Anwendung finden.

In den ersten Jahren des Kongo-Freistaats hatte der Staat Freiwillige aus anderen, bereits von anderen europäischen Staaten kolonisierten afrikanischen Gebieten angeworben, was ihn teures Geld gekostet hatte; ab 1891 war er dazu übergegangen, im Kongo lebende Freiwillige zu suchen und zusätzlich eine Wehrpflicht einzuführen, da die Freiwilligen nicht ganz reichten. Die Wehrpflicht traf nicht jeden; in der Theorie sah es so aus, dass in den Distrikten ein Losentscheid durchgeführt werden oder die einheimischen Häuptlinge bestimmen sollten, wer zur Armee musste. Man kann ganz grob sagen, dass Anfang des 20. Jahrhunderts jeder tausendste Kongolese in der Armee war.

In der Praxis gab es in den ersten Jahren nach 1891 verschiedene Methoden, Soldaten zusammenzubekommen. Die europäischen Agenten erhielten Prämien für jeden einberufenen Soldaten, also waren sie sehr motiviert, Soldaten zu finden. Manchmal kauften sie einfach Haussklaven der Einheimischen; oder verpflichteten die Einheimischen, ihnen anstelle einer Geldbuße für irgendein Vergehen oder als Lösegeld für auf den Posten festgehaltene Geiseln ihre Haussklaven zu überlassen; oder führten Strafexpeditionen durch, um Gefangene zu machen, die sie dann zu Soldaten machen konnten.

Die Prämien wurden allerdings irgendwann abgeschafft und die Situation verbesserte sich, während die übrigen Verbrechen noch andauerten; die Wehrpflicht wurde jetzt regulärer von den Distriktkommissaren in Zusammenarbeit mit den Häuptlingen vor Ort durchgesetzt. Und die Force Publique hatte tatsächlich nach einiger Zeit relativ viele Freiwillige, und relativ viele Soldaten, die sich nach Ablauf ihrer Dienstzeit noch einmal verpflichteten. Die Stellung als Soldat bot eben doch Vorteile, auch wenn sie bedeutete, den Heimatort verlassen zu müssen; wer gerne Macht über andere ausübte, hatte jetzt eine leichte Möglichkeit dazu.

Für diejenigen, die – ob irregulär gezwungen oder regulär vom Distriktkommissar einberufen – nicht freiwillig Soldat geworden waren, war es sicher ein spezielles Grauen, zu einer Truppe zu gehören, die immer wieder solche Verbrechen wie oben beschrieben beging. Viele allerdings waren sogar ganz zufrieden mit ihrer neuen Situation: eine Beschwerde einiger Rekruten, die die Kommission wiedergibt, lautete, dass sie entgegen ihrer Erwartungen als Arbeiter beim Festungsbau anstatt als Soldaten eingesetzt worden waren; und sonst wurden vor ihr kaum Beschwerden von Soldaten vorgebracht. E. D. Morel zitiert in seinem Buch über die Kongogräuel eine eidliche Aussage vor einem britischen Beamten von zwei Afrikanern aus britischen Gebieten, die eine Zeitlang im Kongo gewesen waren, laut der die Offiziere sogar Angst gehabt hätten, ihre Soldaten zu bestrafen: „Die weißen Männer haben so große Angst vor den Soldaten, dass sie sie tun lassen, was immer sie wollen. Sie vergewaltigen, morden und stehlen alles von den Einwohnern, und wenn der Häuptling oder Dorfbewohner sich ihnen entgegenstellen, werden sie oft auf der Stelle erschossen. Die Offiziere wissen das alles, aber sie beachten es nie, weil sie Angst haben, ihre Soldaten zu bestrafen.“ (King Leopold’s Rule in Africa, S. 211)

Letztlich kann man doch sagen, dass die Soldaten der Force Publique zumindest in den meisten Fällen wohl eher Täter als Opfer waren.

Über das alltägliche Leben der Soldaten schreibt die Kommission: „Nämlich sind die Soldaten der Force Publique auch im Allgemeinen gut behandelt, gut versorgt. […] Sie beziehen einen Tagessold von 21 Cent. Jeder Soldat hat das Recht, mit seiner Frau zusammenzuleben und sie überall mit ihm zu nehmen. Außerdem ordnet ein kürzliches Rundschreiben des Generalgouverneurs an, dass die neuen Einberufenen ermutigt werden sollen, bevor sie sich zu ihrer Kompanie begeben, sich eine Frau aus ihrer Heimat zu wählen.“ (Untersuchungsbericht, S. 96)

Oben: Soldatenkantine; unten: Ehefrauen von Soldaten.

Die Dienstzeit dauerte allerdings exzessiv lang: Sieben Jahre im aktiven Dienst, fünf Jahre in der Reserve; auch das war oft Gegenstand heftiger Kritik. Bei den weißen Offizieren dagegen kritisierte man eher, dass sie oft nur kurz im Kongo waren, bevor sie daheim in Europa wieder etwas Besseres fanden; dass sie oft weder die Sprachen noch die Einstellungen der Einheimischen in ihrer Region lernen konnten, bevor sie wieder verschwanden.

Rekrutierung von Arbeitern:

Der Staat, die Gesellschaften und Privatleute hatten natürlich auch gewöhnliche langfristige Angestellte; und auch um ihretwillen gab es diverse Kritik, u. a., dass Einheimische, die kein sehr bestimmtes Zeitgefühl hatten, sogar schon Kinder, dazu gebracht wurden, Verträge zu unterschreiben, die man ihnen kaum erklärt hatte und an die sie dann jahrelang gebunden waren.

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Arbeiter im Kongo, 1888.

Ein Vertrag konnte für bis zu sieben Jahre abgeschlossen werden und musste eigentlich vor einem Richter (oder einem Vertreter des Richters) unterzeichnet werden, von denen es aber sehr wenige im Land gab, damit sichergestellt war, dass der Arbeiter die Bedingungen kannte und verstand. Das Gesetz wurde im Niederkongo (einem kleinen Gebiet an der Küste) eingehalten, wo eine strengere Aufsicht geübt wurde, im wesentlich größeren Oberkongo aber nicht.

V. a. für Großprojekte wie den Bau von Eisenbahnlinien und Straßen wurden auch zwangsweise Arbeiter rekrutiert; Ähnliches wie bei der irregulären Zwangsrekrutierung von Soldaten trifft hier zu, auch hier gab es anfangs Prämien für Agenten, die auf welche Weise auch immer Arbeiter herschafften, und man verlangte die Stellung von Arbeitern manchmal als Strafe oder Lösegeld, oder hielt sogar einfach Einheimische, die zum Posten gekommen waren, um Kautschuk zu liefern, fest und zwang ihnen einen Arbeitsvertrag auf. Diese Zwangsarbeit konnte mehrere Jahre dauern, und einige kehrten nie wieder heim, da die Todesrate bei solchen Großprojekten angesichts der anstrengenden Arbeit, der schlechten Arbeitsbedingungen, des Klimas und der Tropenkrankheiten hoch war. Zwangsarbeiter erhielten einen Lohn von 3-6 Franken im Monat plus Verpflegung.

Noch von der Situation 1904/1905 berichtet die Untersuchungskommission: „Als die Untersuchungskommission in Stanleyville ankam, fand sie dort dreitausend beim Bau der Sektion Stanleyville-Ponthiervielle der Eisenbahnstrecke der Großen Seen beschäftigte Arbeiter, die auf obrigkeitliche Anordnung in der Ostprovinz rekrutiert worden waren, und von denen nur manche einen regulären Vertrag hatten.“ (Untersuchungsbericht, S. 101)

Hausangestellte oder Matrosen für die Flussdampfer fanden sich relativ leicht auf dem freien Markt; aber bei anderen Arbeiten war der Rückgriff auf Zwangsarbeit nicht selten.

Vormundschaft über Waisenkinder:

Dann wurde noch das System der staatlichen Vormundschaft über Waisenkinder angeprangert. Ein Dekret (hier findet sich eine englische Übersetzung) legte fest, dass der Staat die Vormundschaft haben sollte über „Kinder, die bei der Ergreifung oder Zerstreuung einer Sklavenkolonne befreit werden, über jene, die als flüchtige Sklaven seinen Schutz erbeten, über im Stich gelassene, ausgesetzte oder verwaiste Kinder, und über solche, deren Eltern nicht ihre Pflicht des Unterhalts und der Erziehung erfüllen“. (An sich ein sinnvolles Dekret, wie viele Dekrete des Kongo-Freistaats in der Theorie und auf dem Papier sinnvoll waren.) Für diese Kinder gründete der Staat Schulen – auf Französisch als „colonies scolaires“ (Schulkolonien), auf Englisch als „settlement schools“ bezeichnet -, in denen sie eine schulische, handwerkliche und militärische Ausbildung erhielten. Nach dem Ende ihrer Schulzeit traten sie als Handwerker, Dienstboten, Übersetzer, Soldaten usw. in den Dienst des Staates.

Die Kritik betraf folgende Punkte:

  • Am gravierendsten war die Auswahl der Kinder: Als es keine Sklavenkolonnen mehr gab, aus denen Kinder befreit wurden, der Staat aber weiterhin gut ausgebildete Angestellte und Elitesoldaten aus seinen Schulkolonien beziehen wollte, wurden oft Waisenkinder dorthin gebracht, die noch Verwandte hatten, die für sie gesorgt hätten, d. h. Kinder wurden ihren Familien weggenommen, damit der Staat Elitesoldaten für die Force Publique bekam. [Update: Ich bin allerdings nicht mehr sicher, ob diese Kritik vollkommen zutrifft; es gibt auch Berichte aus dem Kongo, wonach Waisenkinder zwar für gewöhnlich noch Verwandte hatten, aber von diesen oft wie Arbeitssklaven behandelt wurden, dass es ihnen also in den Schulen tatsächlich besser gegangen wäre.]
  • Die Vormundschaft des Staates über die Waisen dauerte, bis sie 25 (!) Jahre alt waren, obwohl sie ab 14 die Schule verlassen konnten, wenn sie die drei Jahre Schulzeit beendet hatten.
  • Die Löhne derer, die nach der Schule als Arbeiter (statt als Soldaten) beim Staat waren, waren eher gering in Anbetracht ihrer Ausbildung; die Schulabgänger würden unzufrieden und verbittert und von anderen Einheimischen verspottet und kein Einheimischer würde seine Kinder freiwillig in diese Internate geben (was auch möglich war), meint die Untersuchungskommission dazu.
  • Die Schule in Boma war schlecht finanziert und die Schüler hatten zunächst keine anständigen Unterkünfte, sondern schliefen in Bambushütten; um bessere Gebäude zu bauen, musste der Schuldirektor die Kinder selbst die Bauarbeiten erledigen lassen.

Es gab allerdings nur zwei solche staatliche Schulen (in Boma und Nouvelle-Anvers); anderswo wurden die Waisen vom Staat Missionsschulen anvertraut; hauptsächlich katholischen (Belgien war katholisch).

Laut der Untersuchungskommission trafen hier dieselben Kritikpunkte bzgl. der Auswahl der Waisenkinder zu, auch wenn die Unterkünfte gut seien, die Schüler einen guten Eindruck machen würden, und der Eifer der Missionare beim Unterricht gelobt wird. In den Schulen der Missionsstationen gab es ebenfalls eine schulische und berufliche Ausbildung, allerdings keine militärische.

Ein öfter vorgebrachter Vorwurf gegen die katholischen Missionare lautete, dass sie vor den Gräueltaten außerhalb ihrer Stationen häufig die Augen schlössen und manchmal auch die Aussagen der englischen oder amerikanischen protestantischen Missionare darüber als Verleumdungen bezeichneten. Die Situation ist allerdings nicht so einfach. Es waren insgesamt nicht sehr viele Missionare im Land, und keine Konfession hatte überall Stationen. Die protestantischen Missionare hatten ihre Stationen nun tendenziell in Gebieten mit vielen Missbräuchen, nämlich im Gebiet der ABIR-Gesellschaft, von Mongala und des Leopold-II-Sees, und reisten auch mehr umher; die katholischen Missionare hatten ihre Stationen tendenziell eher in bessergestellten Gebieten. Der Kongo war ein extrem großes, dünn besiedeltes Land, in dem Informationen nicht schnell reisten; ein Missionar im Gebiet der Stanley Falls bekam einfach nichts davon mit, wenn im Gebiet der ABIR-Gesellschaft ein Massaker begangen wurde. Dazu kam, dass der Staat seine Agenten anwies, mit brutalen Aktionen im Umfeld von Missionsstationen generell vorsichtig zu sein. So hieß es in einem Rundschreiben der Regierung von 1903: „Ich empfehle Ihnen, in der Umgebung der Missionsstationen, noch mehr als sonst überall, alles zu vermeiden, was für gewaltsames Vorgehen in Bezug auf die Einheimischen gehalten werden könnte. […] Ich empfehle Ihnen die größte Vorsicht in Ihrem Verhältnis zu den Missionaren jeder Konfession. Sie müssen es sich zur Regel machen, nie irgendeine Frage mit ihnen zu diskutieren.“ (Quelle: Arthur Vermeersch, La question congolaise, Brüssel 1906, S. 281, Fußnote 1, meine Übersetzung) Natürlich war das nicht überall der Fall; auch manche katholische Missionare bekamen Gräueltaten mit, und wandten sich dann oft auch mit Beschwerden an die Verwaltung und Gerichtsbarkeit und hatten teilweise kleine Erfolge. Was allerdings stimmt, ist, dass die katholische Seite irgendwie viel zögerlicher dabei war, die Verbrechen vor der Öffentlichkeit anzuprangern, als noch nicht viel davon bekannt war. Viele der Missionare waren Belgier, die ihr Land wohl nicht von Ausländern in Misskredit gebracht sehen wollten; vielleicht teilten sie die Meinung vieler anderer Belgier, dass es sich (auch) um eine Kampagne Englands handle, das den Kongo einfach nur für sich wolle (s. Teil 3) und meinten, die Probleme würden intern schon nach und nach gelöst werden; vielleicht hatten sie als Belgier mehr Vertrauen darin, dass die Gräueltaten nur vereinzelt und vorübergehend wären und die Regierung endlich etwas dagegen tun würde; vielleicht wollten sie auch nicht riskieren, Schwierigkeiten mit dem Staat zu bekommen und ihr (ja für die Kongolesen sehr nützliches) Wirken im Kongo ganz aufgeben zu müssen; vielleicht hielten sie es auch nicht für zielführend, sich an die Presse zu wenden. Dennoch: Am Ende waren es die Proteste der protestantischen Missionare, die eine Änderung bewirkten, und der Erfolg wäre vielleicht rascher gekommen, wenn sie sich auch angeschlossen hätten. Den katholischen Missionaren wird man wohl keine Böswilligkeit unterstellen können – sie waren ja, anders als andere Europäer, ohne jede Hoffnung auf persönlichen Gewinn und nur aus religiösen und humanitären Motiven ins Land gekommen – , aber wahrscheinlich schon zu wenig Einsatz und zu viel Rücksicht auf den Staat und den König.

Bodengesetzgebung und Handelsfreiheit:

Da, wie bereits erwähnt, alles nicht genutzte Land als Staatsland galt, behandelten manche Postenchefs es als widerrechtliches Betreten von Privatgrund, wenn Einheimische ohne Erlaubnis über das Staatsland zogen, um sich zum Beispiel an anderen Orten niederzulassen, wo sie den Abgaben entgehen konnten, oder sich auch nur einige Zeit von ihrem Dorf entfernten (solche Einheimische wurden dann evtl. verhaftet, zurückgebracht und manchmal ausgepeitscht).

Auch die Früchte des Landes galten ja als Staatseigentum, also konnte sogar jemand, der im Wald Früchte pflückte, als Dieb behandelt werden. Letzteres wurde nicht unbedingt so streng durchgesetzt; fast überall hatte man den Einheimischen das Recht überlassen, z. B. die Früchte der Ölpalme zu pflücken und auch damit zu handeln. Dass sie mit Kautschuk und Elfenbein (also den wirklich wertvollen Rohstoffen) mit unabhängigen Händlern handelten, hatte man freilich sehr schnell unterdrückt und so auch fast alle unabhängigen Händler aus dem Land vertrieben.

Dazu hatte der Staat sich oft geweigert, Händlern oder sogar Missionaren Teile „seines“ Landes für Niederlassungen zu verkaufen; so hatte es auch weniger Zeugen der Verbrechen gegeben.

Opferzahlen

Wie kommt es dazu, dass heute die „10 Millionen“-Zahl verbreitet wird? Sie kommt von Schätzungen zum Bevölkerungsrückgang im Kongo. Man nahm z. B. eine Schätzung der kongolesischen Bevölkerung von 1924 auf ca. 10 Millionen, und eine weitere Schätzung (genaue Zahlen gab es nicht), dass die Bevölkerung in den Jahrzehnten zuvor um die Hälfte zurückgegangen war (diese Schätzung war wohl ein wenig zu pessimistisch, aber nicht sehr); damit hatte man eine vorkoloniale Bevölkerungszahl von 20 Millionen, und seine 10 Millionen Opfer. Diese Zahl wurde z. B. von dem amerikanischen Journalisten Adam Hochschild in seinem Buch „King Leopold’s Ghost“ aus dem Jahr 1998 verbreitet.

Der Bevölkerungsrückgang geschah allerdings nicht nur der Verbrechen wegen.

Der Hauptgrund – bei weitem – war die Schlafkrankheit, die durch die Tse-Tse-Fliege verbreitet wird und die in dieser Zeit stark ausbrach und für die es noch keine Heilung gab; an zweiter Stelle kamen die Pocken, die es dort auch schon länger gab. Nicht nur waren die Todesraten wegen häufiger Krankheiten hoch, auch die Geburtenraten waren in dieser Situation niedrig.

Natürlich kamen dieser Grund und die Verbrechen zusammen: Verarmung, Angst und extreme Unsicherheit stärken sicher nicht das Immunsystem und man kann davon ausgehen, dass die Ansteckungsraten und Todeszahlen unter anderen Umständen geringer hätten ausfallen können. Es kamen zwar mit dem Kolonialismus allmählich allererste Ansätze einer Verbesserung der Krankenversorgung (Missionare aller Konfessionen bemühten sich um die Isolierung und Pflege von Kranken, der Staat brachte die Pockenimpfung mit sich, und Beamte wurden angewiesen, das schwarze Personal auf den Stationen und die Bewohner der umliegenden Dörfer impfen zu lassen; in Leopoldville wurde ein bakteriologisches Institut eingerichtet, in dem die Schlafkrankheit erforscht wurde), aber dennoch: In dieser Zeit gab es für die allermeisten Kongolesen immer noch sehr wenig Versorgung (es gab nur wenige Missionsstationen und Krankenhäuser im Land, und manche davon waren arm und recht primitiv), vor allem die Schlafkrankheit wütete enorm, und selbst wenn diese Kranken gut versorgt wurden, konnten sie nur selten geheilt werden; die Schlafkrankheit endete meistens tödlich. Auch diejenigen, die die Verbrechen anprangerten, erkannten das oft an; der britische Konsul Casement beispielsweise erwähnt sehr wohl die große Rolle der Schlafkrankheit.

Dazu kamen andere Ursachen.

Viel Bevölkerungsrückgang in bestimmten Regionen – denn es gab ihn nicht überall – ist nicht dem Tod, sondern der Abwanderung der Einwohner anzulasten; das betrifft z. B. Uferregionen im Oberkongo. Man zog in unerschlossene Regionen, wo man den Abgaben entkommen konnte (davon gab es noch einige), oder auch in die benachbarte französische Kongo-Kolonie (von Leopoldville aus beispielsweise musste man nur den Fluss überqueren, um nach Brazzaville zu kommen) oder andere Kolonien. Ein Teil der Abwanderung aus diesen Uferregionen ist auch einer eigentlich guten Ursache anzulasten: Die Einwohner dort hatten sich früher Wohlstand durch den Sklavenhandel erworben, und den konnten sie jetzt nicht mehr ausüben. Der Wegzug von Sklaven, die es jetzt einfacher hatten, wieder zu ihren eigenen Stämmen zurückzukehren, kam dazu.

Dazu kamen häufige Abtreibungen, die das Bevölkerungswachstum hemmten. Die Kommission schreibt dazu:

„Protestantische Missionare sagten uns, dass die Frauen es vermeiden würden, Kinder zu bekommen, um imstande zu sein, im Fall militärischer Expeditionen leichter zu fliehen. Die Tatsache der Abtreibungen ist gesichert, aber sie ist einer abergläubischen Idee zuzuschreiben, die von den Fetischisten [d. h. denen, die einheimischen Religionen mit sog. Fetischen folgten], gegen die die Missionare aller Konfessionen sich bemühen zu kämpfen, und laut der der Ehemann und die Ehefrau sich dem Tod aussetzen würden, wenn sie sexuelle Beziehungen hätten, während das Kind, das sie in die Welt gesetzt haben, noch nicht abgestillt ist. Nun, da die Stillzeit zwei bis drei Jahre lang dauert, erklärt dieser tief verwurzelte Glaube sowohl die vergleichsweise beachtlich geringe Kinderzahl, die man in manchen Regionen beobachtet, als auch das Fortbestehen der Polygamie.

Aus dem Gesagten muss man nicht schließen, dass die Bevölkerung überall zurückgeht oder die Verbindungen überall unfruchtbar sind. Wir haben insbesondere feststellen können, dass in den Becken des Lopori und des Maringa wie auch an den Ufern des Kongo von Mobeka bis zu den [Stanley] Falls die Dörfer zahlreich und bevölkerungsreich und die kleinen Kinder zahlreich sind.“ (Untersuchungsbericht, S. 85f.)

Aber wenn man alle anderen Gründe für den Bevölkerungsrückgang herausrechnet: Wie hoch war dann die Zahl der Opfer? Das weiß man schlicht nicht. Die Quellen geben wohl zu wenig her; niemand rechnete genau nach. Man kann mit Sicherheit sagen, dass nicht die Hälfte der Bevölkerung ausgerottet wurde; aber halbwegs genaue Schätzungen habe ich jedenfalls nirgends gefunden.

Dass man manchmal sogar von 15 Millionen Opfern liest, kommt daher, dass manche spekulierten, eigentlich hätte die Bevölkerung ja in dieser Zeit noch wachsen müssen, also wäre Leopold für mehr Opfer verantwortlich. Das ist unsinnig; in Schwarzafrika gab es in dieser Zeit nirgends das Bevölkerungswachstum, das in Europa durch medizinischen Fortschritt und gute Nahrungsmittelversorgung möglich geworden war; das kam erst im Lauf der späteren Kolonialzeit.

Was Henry Morton Stanleys Schätzung der Bevölkerungszahl in den 1880ern angeht, die man auch manchmal liest: Stanleys Kalkulationsmethode war nicht gerade sinnvoll. Er hatte die Bevölkerung an den Flüssen, die er bereist hatte, auf etwa 806.000 abgeschätzt, war dann einfach davon ausgegangen, dass die Bevölkerungsdichte überall gleich sein müsste, und hatte die Zahl auf das ganze Kongo-Gebiet hochgerechnet. Mit dieser Berechnung wäre er eigentlich auf 27 Millionen gekommen; weil er auch noch einen Rechenfehler machte, kam er auf 42 Millionen. (Der französische Übersetzer seines Buches korrigierte die Zahl nach unten auf 27 Millionen, weshalb man mal die eine und mal die andere Zahl lesen konnte, aber auch diese Zahl war eben nicht belegt; es gibt keinen Grund, davon auszugehen, dass die Bevölkerung anderswo zwangsläufig genauso groß war wie an den Hauptverkehrswegen.)

Fazit

Ein ausbeuterisches System, starke Belastung, Verarmung und Abwanderung der Bevölkerung in vielen Regionen: Das gab es im Kongo-Freistaat. Viele Verbrechen, so einige Massaker, einen starken Bevölkerungsrückgang aus vielen zusammenspielenden Gründen: Das gab es auch, und es ist gut, darüber Bescheid zu wissen. Verstümmelung und Massakrierung von völkermordartigen Ausmaßen mit 10 oder 15 Millionen Opfern gab es allerdings tatsächlich nicht; und viele der Täter bei den Verbrechen, die es gab, waren nicht Europäer, sondern Afrikaner, die gut mit den schuldigen Europäern zusammenarbeiteten.

Im nächsten Teil dann dazu, wie die Kongogräuel beendet wurden.

2 Gedanken zu “Die Kongogräuel, Teil 2: Die eigentlichen Verbrechen und die Opferzahlen

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