Christliche Kultur am Sonntag: „Eines Tages“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

Heute: „Eines Tages“ (Corinna Turner)

Corinna Turners kurzer Roman „Eines Tages“ (geeignet ca. ab 16 Jahre) beginnt irgendwo im ländlichen England, im methodistischen Mädcheninternat Chisbrook Hall. In der Nacht ertönt der Feueralarm, und fremde Männer in Uniform drängen die Schülerinnen nach draußen. Bald wird ihnen klar, dass es keine Soldaten sind. Die Männer geben sich als Mitglieder einer islamischen Terrormiliz zu erkennen, treiben die Mädchen in LKWs und Pferdeanhänger und fahren mit ihnen davon. Später werden sie im Wald in andere Fahrzeuge umgeladen, und noch ein wenig später bei Nacht und Nebel auf ein Schiff gebracht, das England schnell hinter sich lässt.

„Eines Tages“ erzählt die Entführung der 276 nigerianischen Schülerinnen aus Chibok im Jahr 2014 durch die Terrorgruppe Boko Haram nach, versetzt sie aber nach England. Die Geschichte wird aus häufig wechselnder Sichtweise erzählt; aus der Sicht verschiedener Schülerinnen und aus der Sicht von Leuten, die nach ihnen suchen. Da wäre Ruth, die wegen ihres christlichen Glaubens entschlossen ist, sich nicht zwingen zu lassen, das islamische Glaubensbekenntnis aufzusagen, obwohl die anderen sie anflehen, es zu tun, um nicht getötet zu werden; Alleluia, die es schafft, andere Mädchen zu einem riskanten Fluchtversuch zu bewegen, als sich ihnen, während sie noch in England sind, eine Gelegenheit bietet; Daniyah, die muslimische Schülerin, die versucht, den anderen Schülerinnen zu helfen, da sie weiß, was von ihnen erwartet wird; Yoko, die japanische Austauschschülerin, die wenig Englisch spricht und die ihre shintoistischen Talismane aus ihrem Schlafsaal mitgenommen hat, was dann von einem der Entführer entdeckt wird; Sam, Isaar und Rishad, Offizierskadetten, die bei der Suche nach den Mädchen helfen und zwei im Wald zurückgelassene vergewaltigte Mädchen finden.

Es wird nichts beschönigt; manche Mädchen werden vergewaltigt, manche werden getötet. Die Terroristen wollen schließlich aussortieren, wer als „Ehefrau“ taugt und wer nur als Sklavin, was sich bei ihnen kaum voneinander unterscheidet, und wollen sie zur Konversion zum Islam zwingen. Bei vielen einzelnen Punkten der Handlung hat die Autorin sich an Berichte von Mädchen aus Chibok angelehnt, die fliehen konnten.

Die Handlung wirkt an manchen Stellen nicht so glaubwürdig, wie wenn es in Nigeria spielen würde; man würde einen größeren Einsatz der Sicherheitsbehörden erwarten, und dass Flucht und Untertauchen im dichter besiedelten Europa nicht so einfach wären. (Andererseits stellt die Autorin dieses England als mit ständigen weiteren Terrorakten überfordert dar.) Aber es bringt das Ganze eben auch näher. Corinna Turner ist keine brillante, aber eine gute Autorin; und die Geschichte selber fesselt genug. Die schlimmsten Szenen werden nicht direkt geschildert – was eine gewisse Achtung vor den Opfern ausdrückt, meiner Meinung nach; denn es geht hier auch nicht nur um Buchfiguren, sondern auch um die realen Vorbilder.

Das letzte Kapitel endet damit, wie man in England Monate nach der Entführung erfährt, dass vier weitere Mädchen von einer Farm in Albanien geflohen sind, wo sie zuletzt gefangen gehalten wurden, und dass diese Mädchen vom Tod von ein paar weiteren Mädchen berichten konnten. Die anderen – über 200 – werden nicht gefunden; die Terrorgruppe ist weitergezogen.

Es gibt kein wirkliches Ende, keine zufriedenstellende Auflösung, eigentlich überhaupt keine Auflösung. Auch hier hat sich die Autorin an die Realität gehalten. (Das Buch wurde 2016 geschrieben; jetzt, Stand 2021, sind immer noch über 100 der Mädchen aus Chibok in der Gewalt von Boko Haram.) Man erfährt nicht einmal, ob ein paar der Figuren in England, bei denen man es hätte erwarten können, noch irgendwann zusammenfinden; und es wird nichts mehr aus der Sicht der Mädchen erzählt, die noch in Gefangenschaft geblieben sind. Sie sind verschwunden, fort aus der Geschichte, irgendwo verschollen. Man weiß nur von Vergewaltigung, Sklaverei und Elend.

Das Buch enthält ein Vorwort eines nigerianischen Bischofs und im Anhang Berichte realer Opfer von Boko Haram; der Erlös geht an die Hilfsorganisation Kirche in Not, die auch in Nigeria aktiv ist. Es ist über den Verlag Petra Kehl oder den Sarto-Verlag erhältlich.

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