Über Gehorsam

Ich dachte mir, es wäre mal nötig, ein bisschen was über dieses Thema zu schreiben, weil in katholischen Kreisen leider doch öfter falsche Vorstellungen davon, was Gehorsam ist, herumschwirren. Franziskus-Verteidiger z. B. reden oft davon, dass man Bischöfen gehorchen müsste, solange sie nicht ganz offensichtlich Dinge befehlen, die in sich Sünde sind (was falsch ist). Andererseits würden genau diese Leute oft extrem gereizt reagieren, wenn es an die Frage geht, ob/wann Frauen ihren Ehemännern gehorchen müssen, oder wie lange/wobei Kinder ihren Eltern gehorchen müssen.

Daher jetzt hier mal was Grundsätzliches dazu, und Beispiele, was Theologen vor dem 2. Vatikanum gesagt hätten.

Erst mal das Grundsätzliche: Gehorsam ist an sich in vielen Fällen gut und notwendig, allein schon, damit eine gewisse Ordnung herrscht und Verantwortlichkeiten klar sind. Auch freiwilliger Gehorsam, wenn man eigentlich ein Recht auf Selbstbestimmung hätte, hat einen Wert, weil man damit praktisch seinen eigenen Willen hintanstellt und Verzicht übt, das ist Sinn des Gehorsamsgelübdes im Kloster. Gehorsam ist gerade nichts Erniedrigendes; auch Jesus Christus war Maria und Joseph als Kind gehorsam (Lk 2,51), und ist im Gehorsam gegenüber Seinem himmlischen Vater ans Kreuz gegangen.

Grundsätzlich sind Menschen aber von Natur aus – in einem gewissen Rahmen – frei. Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ist an sich etwas Gutes, in Maßen wie alles Gute (Sinn der Gelübde im Kloster ist es ja, auf gute Dine zu verzichten). Auch Gott lässt einem übrigens eine gewisse Freiheit innerhalb des Guten und Neutralen – auch zwischen dem Guten und dem noch Besseren, z. B. ob man lieber heiraten oder ob man Seinem einladenden Ruf ins Kloster folgen will. Es gibt Gebot und Rat, Verpflichtendes und Werke der Übergebühr. Und Gott ist nicht beleidigt, wenn man einem Rat nicht folgt und ein Werk der Übergebühr nicht tut. Er meint es, wenn Er sagt, dass wir xyz nicht tun müssen. Er sagt uns klar, was wir tun müssen – „Wenn du das Leben erlangen willst, halte die Gebote!“ – und Er freut sich, wenn wir besonders eifrig sind und schlägt uns Dinge vor, die wir dann noch zusätzlich tun können.

Jetzt aber zu menschlicher Autorität. Menschen haben grundsätzlich nur dann das Recht, anderen Menschen Befehle zu erteilen, wenn Gott ihnen dieses Recht zugesteht, praktisch einen Teil seiner Autorität über die ganze Schöpfung delegiert. Und Gott hat drei Arten von Autorität direkt gewollt: Die Familie, den Staat und die Kirche. In Familien und Staaten zusammenzuleben ist natürlich für Menschen, die ja schon in Gemeinschaften hineingeboren werden und nie autonome Einzelwesen sind (mehr zu diesem Thema, vor allem der staatlichen Autorität, mal in einem eigenen Artikel). Die Kirche als übernatürliche Gemeinschaft wurde von Gott direkt an Pfingsten eingesetzt. Andere Arten von Autorität leiten sich entweder aus der Delegation von Autorität ab (z. B. wenn die Eltern einen Teil ihrer Autorität an Lehrer übertragen, oder der Staat einen beliehenen Unternehmer mit einer staatlichen Aufgabe beauftragt) oder aus dem freien Willen einzelner Menschen, die zustimmen, diese Autorität anzuerkennen – z. B. indem man einen Arbeitsvertrag unterzeichnet und die Autorität des Vorgesetzten anerkennt, oder einem Verein beitritt und die Autorität des Vorstands anerkennt.

Hans Bornemann - Zweischwerterlehre.jpg
Christus überreicht Papst und Kaiser (d. h. Kirche und Staat) die zwei Schwerter (=Autoritäten), Handschrift aus dem 15. Jh.

Es gibt einen simplen Fall, in dem man einer legitimen Autorität nicht gehorchen darf: Wenn sie etwas befiehlt, was eine höhere Autorität verboten hat, z. B. wenn der Chef will, dass man ein gerechtes staatliches Gesetz bricht, oder der Staat einem etwas befehlen will, das Gott verbietet.

Wenn jemand einem befehlen will, eine Sünde zu begehen, kommt es nicht darauf an, ob etwas in sich Sünde ist (z. B. ein Mord an einem Unschuldigen) oder unter anderen Umständen okay sein könnte, aber durch die hier gegebenen Umstände Sünde ist (z. B. ein aufgrund der Umstände nicht mehr gerechtfertigter Krieg). Beides sind Sünden.

Außerdem gibt es auch Situationen, in denen es zwar keine Sünde wäre, zu gehorchen, man aber nicht gehorchen muss, nämlich dann, wenn die Autorität den ihr zugeteilten Bereich überschreitet.

Es gibt verschiedene Sphären der Autorität. Die Eltern können einem nicht befehlen, dass man auf der Autobahn nie schneller als 80 km/h fahren darf, der Staat nicht, dass man jeden Dienstag sein Zimmer aufräumen soll. Und es gibt Grenzen der Autorität – Eltern können auch einem minderjährigen Kind nicht befehlen, dass es nur genau 3,5 Minuten auf der Toilette brauchen darf, Bischöfe können einem nicht befehlen, die Kirche über das hinaus zu unterstützen, was man und seine Familie entbehren kann.

Jetzt ein paar ältere Zitate, um zu zeigen, dass ich mir das hier nicht aus den Fingern sauge. Hier ein Ausschnitt aus Dominikus Prümmers „Handbuch der Moraltheologie“ über Gehorsam (meine Übersetzung aus der englischen Übersetzung):

„Gehorsam ist die Tugend, die den Willen geneigt macht, sich dem Willen eines anderen zu fügen, der befiehlt. So lautet die Definition, die der hl. Thomas gibt. […]

Das Ausmaß des Gehorsams ist so groß wie die Autorität der befehlenden Person. Daher kennt der Gehorsam gegenüber Gott keine Grenzen, während der Gehorsam gegenüber Menschen begrenzt wird a) durch höhere Gesetze, die nicht durch Befehle von Oberen gegenüber ihren Untergebenen übertreten werden dürfen, und b) durch die begrenzte Zuständigkeit der Oberen.

Der Gehorsam ist eine noble Tugend, da er Gott ein nobles Gut opfert, d. h. den individuellen Willen.

Sünden gegen den Gehorsam sind a) Sünden des Übermaßes: Kriecherei oder wahlloser Gehorsam, der bereit ist, auch bei unrechtmäßigen Dingen zu gehorchen; b) Sünden des Mangels: Ungehorsam, der entweder materiell ist – die Verletzung irgendeiner Tugend – oder formell – formelle Verachtung für das Gebot oder die gebietende Person.

Dann ein paar Zitate aus Heribert Jone, „Katholische Moraltheologie“ („der Jone“ war vor dem Konzil das standardmäßige Nachschlagewerk für Beichtväter; Zitate aus der 17. Auflage). Zunächst mal definiert Jone den Begriff „Gesetz“ folgendermaßen:

„Das Gesetz ist eine vernunftgemäße, dauernde Norm des freien Handelns, die vom Obern eines öffentlichen Gemeinwesens zum Zwecke des Allgemeinwohls erlassen und genügend bekanntgemacht wurde.

  1. Das Allgemeinwohl fordert, daß ein Gesetz gerecht ist, sittlich gut, möglich, notwendig oder wenigstens nützlich zur Erreichung des Allgemeinwohls.
    Ein Gesetz, das dem Allgemeinwohl nicht dient, hat keine Rechtskraft.
  2. Die Bekanntmachung ist notwendig, damit das Gesetz die Untergebenen auch tatsächlich verpflichtet.“ (S. 40, Nr. 43-44)

Ein Gesetz muss alle diese Bedingungen erfüllen – „gerecht, sittlich gut, möglich, notwendig oder wenigstens nützlich zur Erreichung des Allgemeinwohls“. Auch wenn ein Gesetz sehr nützlich und gut ist, aber es dir einfach buchstäblich unmöglich ist, bist du nicht verpflichtet.

Über Aufhören der Verpflichtung oder Aufhören des Gesetzes schreibt er u. a.:

„1. Physische Unmöglichkeit [= totale Unmöglichkeit; z. B. man kann nicht rennen, weil man gelähmte Beine hat] entschuldigt von der Beobachtung eines jeden Gesetzes […]

2. Moralische Unmöglichkeit [= die Beachtung des Gesetzes erfordert unverhältnismäßig große Mühe, bereitet unverhältnismäßig große Probleme]

a) Von negativen Naturgesetzen gibt es bei moralischer Unmöglichkeit keine Entschuldigung. Negative Naturgesetze verbieten eine Handlung, die innerlich schlecht ist. Selbst um dem Tode zu entgehen, ist es daher nicht erlaubt, einen Götzen anzubeten, Gott zu lästern, Onanismus zu treiben, falsch zu schwören, zu lügen usw.

b) Von den übrigen Gesetzen entschuldigt moralische Unmöglichkeit. Hierher gehören die affirmativen Naturgesetze, die positiven göttlichen Gesetze und alle menschlichen Gesetze. – Man ist daher nicht verpflichtet, unter Hingabe seines eigenen Lebens den Nächsten vom leiblichen Tode zu retten oder unter großer Gefahr für die Gesundheit alle schweren Sünden zu beichten oder trotz schwerer Arbeit zu fasten. – Je wichtiger das Gesetz ist, ein umso größeres Ungemach wird für die Entschuldigung verlangt. Göttliche Gesetze verpflichten schwerer als menschliche, negative (verbietende) schwerer als affirmative (befehlende). Eine Ausnahme besteht nur a) wenn die Übertretung des Gesetzes zur Verachtung Gottes, der Religion oder der Kirche gereichen würde, b) wenn das Allgemeinwohl die Beobachtung fordert, c) wenn ein freiwillig gewählter Stand bestimmte heroische Opfer auferlegt, d) wenn sonst eine Einzelperson in äußerste seelische Not käme. […]

4. Bei Pflichtenkollision geht die höhere Pflicht vor. […] Kann jemand bei Pflichtenkollision trotz aller angewandten Mühe nicht erkennen, welche Pflicht die wichtigere ist, und ist ein Aufschub unmöglich, so sündigt er nicht, für welchen Teil er sich auch immer entscheiden mag.“ (S. 52f., Nr. 69f.)

„Das Gesetz selbst kann aufhören infolge eines neuen Gesetzes, einer Gewohnheit oder dadurch, daß es seinen Zweck verliert. […]

Seinen Zweck kann ein Gesetz verlieren für die Gesamtheit oder nur für Einzelpersonen; ferner so, daß seine Beobachtung nur nutzlos oder auch schädlich wird.

1. Wird für die Allgemeinheit ein Gesetz auch nur nutzlos, so hört es damit auf. Einem solchen Gesetze fehlt ein wesentliches Merkmal: es dient nicht mehr dem Allgemeinwohl (vgl. Nr. 43).

2. Wird für eine Einzelperson das Gesetz schädlich, so hört seine Verpflichtung für den Betreffenden auf, wenn die Beobachtung für ihn moralisch unmöglich wird, oder wenn man Epikie anwenden kann. [Epikie = man kann vernünftigerweise davon ausgehen, dass der Gesetzgeber das Gesetz nicht für einen solchen Einzelfall gedacht hatte] […]

3. Wird für eine Einzelperson die Beobachtung eines Gesetzes nutzlos, so bleibt diese Person nach der weitaus allgemeinen Ansicht zur Beobachtung des Gesetzes verpflichtet. Im entgegengesetzten Falle würde nämlich das Allgemeinwohl leiden, weil viele sich einbildeten, das Gesetz sei für sie nutzlos. – Nur wenn in einem Einzelfall die Nutzlosigkeit evident und kein Ärgernis [Verleitung anderer zu einer Sünde z. B. durch schlechtes Vorbild] zu befürchten ist, dürfte man der milderen Ansicht folgen. Aber auch diese letztere Ausnahme ist unstatthaft bei Gesetzen, die erlassen wurden, um einer allgemeinen Gefahr vorzubeugen“ (S. 57f., Nr. 76 u. 78)

Um konkrete Beispiele für Gehorsam zu nehmen, meint Jone z. B., dass in der Familie die Eltern über Erziehungsfragen bestimmen können, solange das Kind minderjährig ist, und über die Ordnung im Haus, solange es bei ihnen wohnt, und dass Ungehorsam dann eine schwere Sünde ist, wenn es um etwas Wichtiges geht und die Eltern ein wirkliches Gebot geben; oder auch, dass in der Ehe der Mann das Familienoberhaupt ist und auch Dinge befehlen kann, aber die Frau sich z. B. allein um die Familie kümmern kann, wenn er abwesend oder geistesgestört ist, dass sie heimlich Geld zurücklegen kann, wenn er das gemeinsame Vermögen verschwendet, dass sie ihm nicht an einen neuen Wohnsitz folgen muss, wenn ihr dadurch schwerer Schaden (z. B. gesundheitlich) droht.

Um das Ganze zusammenzufassen: Ja, Gehorsam ist etwas Gutes, und zwar im rechten Maß; manchmal hat man die Pflicht, nicht zu gehorchen, weil Gehorsam eine Sünde wäre; und manchmal hat man auch einfach das Recht dazu, weil man eben Rechte gegenüber der befehlenden Autorität hat und die keine unbegrenzte Autorität hat.

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