Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 8: Rechtfertigungslehre (1)

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (kleine Auswahl):

AT: Dtn 30,15-20; Sir 15,11-20; Sir 17; Ez 18.

NT: Joh 3; Mt 7,21-23; Jak 2; Mt 25,31-46; Mt 13; Mk 16,16; Lk 15; Joh 12,44-50; Tit 3,3-8; Röm 1-8; Gal 3; 1 Kor 9,23-27; 1 Tim 6,12.

Weil sehr viele Stellen zusammengekommen sind, die irgendwie dieses Thema behandeln, und ich ein wirklich umfassendes Bild präsentieren will, damit gerade Protestanten sich überzeugen können, dass ich hier kein „cherry-picking“ betreibe, habe ich Teil 8 auf zwei Artikel aufgeteilt. Bei diesen Stellen wird folgendes immer wieder deutlich:

  • die Rettung hängt von Gott ab, der Mensch kann seine Gnade nur annehmen, aus eigener Kraft könnte er sich nicht retten
  • diese Gnade wird allen angeboten – allgemeiner Heilswille Gottes
  • der Mensch antwortet auf Gottes Gnade mit dem Glauben, der sich auch in den Werken zeigen muss; die Werke sind heilsrelevant
  • der freie Wille der Menschen; der heidnische (stoische) Schicksalsglaube wird klar abgelehnt (besonders z. B. bei Justin dem Märtyrer und Minucius Felix)
  • das einmal empfangene Heil kann verloren gehen, wenn jemand wieder schwere Sünden begeht (und dann durch Reue und Buße wiedererlangt werden)
  • wer in die Hölle kommt, ist selbst schuld; die Gebote sind erfüllbar
  • die Verdienstlichkeit der Werke
  • die Tatsache, dass Sünden verschieden schwer sind

Die Stellen sind grob chronologisch geordnet, nicht thematisch. Im 1. Teil kommt alles bis etwa zur Mitte des 2. Jahrhunderts (Didache, 1. Clemensbrief, Ignatiusbriefe, Brief des Polykarp von Smyrna, Barnabasbrief, Hirte des Hermas, Werke von Justin dem Märtyrer, Apologie des Aristides, 2. Clemensbrief und noch der schwer zu datierende Diognetbrief, die Epistula Apostolorum und die christlichen Sibyllinen), im 2. alles aus dem späteren 2. Jahrhundert (hauptsächlich Aussagen aus dem umfangreichen Werk des Irenäus von Lyon, außerdem Justins Schüler Tatian, Theophilus von Antiochia, Athenagoras und Minucius Felix, und ein Märtyrerbericht).

Speziell zum Sündenfall und der Erbsünde, die ja auch mit der Rechtfertigungslehre zusammenhängen, s. Teil 7.

Hervorhebungen alle von mir.

In der Didache (ca. 100 n. Chr), einer Gemeindeordnung, heißt es über den Weg des Lebens und den Weg des Todes:

„Zwei Wege gibt es, einen zum Leben und einen zum Tode; der Unterschied zwischen den beiden Wegen aber ist groß.

Der Weg des Lebens nun ist dieser: ‚erstens du sollst deinen Gott lieben, der dich erschaffen hat, zweitens deinen Nächsten wie dich selbst‘; ‚alles aber, von dem du willst, daß man es dir nicht tue, das tue auch du keinem anderen.'“ (Didache 1,1f.)

„Der Weg des Todes aber ist dieser: vor allem ist er schlecht und voll von Fluch: ‚Mord, Ehebruch, Leidenschaft, Unzucht, Diebstahl, Götzendienst, Zauberei, Giftmischerei, Raub, falsches Zeugnis, Heuchelei, Falschheit, Hinterlist, Stolz, Bosheit, Anmaßung, Habsucht, üble Nachrede, Missgunst, Frechheit, Hoffart, Prahlerei, Vermessenheit‘. Leute, die das Gute verfolgen, die Wahrheit hassen, die Lüge lieben, den Lohn der Gerechtigkeit nicht kennen, ‚dem Guten nicht nachstreben‘ und nicht dem gerechten Urteil, die ein wachsames Auge haben nicht für das Gute, sondern für das Schlechte; Leute, die weit entfernt sind von Sanftmut und Geduld, ‚die Eitles lieben, nach Lohn trachten‘, die kein Mitleid haben mit den Armen, sich nicht annehmen um den Bedrückten, die ihren Schöpfer nicht kennen, ‚ihre Kinder töten‘, das Gebilde Gottes (im Mutterleibe) umbringen, vom Bedürftigen sich abkehren, den Elenden unterdrücken, den Reichen beistehen, die Armen gegen das Gesetz richten, in allem sündigen; reißet euch los, Kinder, von allen diesen.“ (Didache 5)

Clemens von Rom, einer der ersten Päpste, schreibt in einem Brief an die Korinther ca. im Jahr 95 n. Chr. folgendes.

Rettung aus Gnade durch Glaube:

„Suchen wir uns also seinen Segen und schauen wir, welches die Wege seines Segens sind! Lasset uns die Geschichte von Anfang an betrachten! Weswegen wurde unser Vater Abraham gesegnet? Nicht deshalb, weil er Gerechtigkeit und Wahrheit übte durch Glauben? Isaak ließ sich voll Vertrauen, da er die Zukunft kannte, freudig zum Opfer bringen. Jakob verließ demütigen Sinnes seine Heimat wegen des Bruders, ging zu Laban und diente ihm, und ihm wurden verliehen die zwölf Stämme Israels.“ (1. Clemensbrief 31)

Alle haben demnach Ehre und Herrlichkeit erlangt nicht durch sich selbst oder durch ihre Werke oder wegen ihrer Gerechtigkeit, die sie übten, sondern durch seinen Willen. Und auch wir, die wir durch seinen Willen in Christus Jesus berufen sind, werden nicht durch uns selbst gerechtfertigt noch durch unsere Weisheit oder Einsicht oder Frömmigkeit oder durch die Werke, die wir vollbracht haben in der Heiligkeit des Herzens, sondern durch den Glauben, durch den alle von Anbeginn an der allmächtige Gott gerechtfertigt hat. Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Was sollen wir demnach tun, Brüder? Sollen wir ablassen von guten Werken und die Liebe aufgeben? Möge es der Herr niemals zugeben, dass dies bei uns geschehe, sondern beeilen wir uns, mit Beharrlichkeit und Bereitwilligkeit jedes gute Werk zu vollbringen. Denn der Schöpfer und Herr des Weltalls frohlockt über seine Werke. […] Beachten wir, dass alle Gerechte mit guten Werken verherrlicht waren und dass der Herr selbst, nachdem er sich selbst durch gute Werke verherrlicht hatte, darüber erfreut war. Da wir nun ein solches Vorbild haben, wollen wir unverzüglich seinem Willen nachkommen; mit all unserer Kraft wollen wir Werke der Gerechtigkeit tun.

Der gute Arbeiter nimmt freimütig das Brot für seine Arbeit, der faule und untätige aber wagt nicht, dem Blicke seines Arbeitgebers zu begegnen. Daher ist es nötig, dass wir bereit sind zu guten Werken; von ihm kommt ja alles. Er sagt nämlich zu uns: ‚Siehe, hier ist der Herr und sein Lohn ist vor ihm, damit er jedem gebe nach seinem Werke.‘ Deshalb ermahnt er uns, die wir aus ganzem Herzen ihm vertrauen, weder träge noch nachlässig zu sein ‚in jeglichem guten Werke‘. Unser Ruhm und unsere Zuversicht sei in ihm; seinem Willen wollen wir uns fügen; denken wir an die ganze Schar seiner Engel, wie sie bereit stehen, seinen Willen zu erfüllen. Denn die Schrift sagt: ‚Zehntausendmal zehntausend standen vor ihm, und tausendmal tausend dienten ihm und riefen: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Sabaoth, die ganze Schöpfung ist voll seiner Herrlichkeit.‘ Auch wir, in Eintracht versammelt, einmütigen Sinnes, wollen wie aus einem Munde anhaltend zu ihm rufen, damit wir teilhaftig werden seiner großen und herrlichen Verheißungen. Er sagt ja: ‚Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, und in keines Menschen Herz ist es gedrungen, was Gott denen bereitet hat, die auf ihn harren.‘ […]

Was nun fürwahr ist denen bereitet, die ausharren? Der Schöpfer und Vater der Ewigkeit, der Allheilige selbst kennt die Größe und Schönheit dieser Güter. Wir nun wollen kämpfen, damit wir erfunden werden in der Zahl derer, die ausharren, auf dass wir teilhaben an den versprochenen Gütern. Wie aber wird das geschehen, Geliebte? Wenn unsere Gesinnung in Treue gefestigt ist gegen Gott, wenn wir nachstreben dem, was ihm angenehm und wohlgefällig ist, wenn wir tun, was seinem heiligen Willen entspricht, wenn wir gehen auf dem Wege der Wahrheit, wenn wir wegwerfen von uns alles Unrecht und alle Schlechtigkeit, Habsucht, Streit, Bosheit und Hinterlist, Verleumdung und üble Nachrede, Hass gegen Gott, Aufgeblasenheit und Prahlerei, Eitelkeit und ungastliches Wesen. Denn wer solches tut, ist bei Gott verhasst; aber nicht allein die solches tun, sondern auch die, welche ihnen zustimmen. Es sagt nämlich die Schrift: ‚Zu dem Sünder aber sprach Gott: Warum zählst du meine Satzungen auf und warum nimmst du meinen Bund in deinen Mund? Du hast die Zucht gehasst und hast meine Worte verworfen. Wenn du einen Dieb sähest, gingst du mit ihm, bei den Ehebrechern hattest du Anteil. Dein Mund ging über von Schlechtigkeit, und deine Zunge spann trügerische Tücke. Du setztest dich hin und sprachest gegen deinen Bruder, und dem Sohn deiner Mutter stelltest du eine Falle. Das tatest du, und ich habe geschwiegen. Du nahmst an, Gottloser, dass ich dir gleich sei. Ich werde dich überführen und dein Antlitz gegen dich kehren. Beherziget dies, ihr Gottvergessenen, damit er euch nicht wegschleppe wie ein Löwe und niemand da sei, der rettet; ein Lobopfer wird mich ehren, und dort ist der Weg, den ich ihm zeigen will, das Heil Gottes.‘

Das ist der Weg, Geliebte, auf dem wir unser Heil finden, Jesus Christus, den Hohenpriester unserer Opfergaben, den Anwalt und Helfer in unserer Schwäche. Durch ihn streben wir standhaft nach den Höhen des Himmels, durch ihn schauen wir sein heiliges und erhabenes Antlitz, durch ihn wurden die Augen unseres Herzens geöffnet, durch ihn ringt sich unser unweiser und dunkler Verstand durch zum Licht, durch ihn wollte der Herr uns kosten lassen von dem unsterblichen Wissen, der, ‚da er der Abglanz ist seiner Majestät, um soviel größer ist als die Engel, um wieviel sein Name sich unterscheidet, den er erhalten hat‘. Es steht nämlich also geschrieben: ‚Der Geister zu seinen Boten macht und Feuerflammen zu seinen Dienern‘. Zu seinem Sohne aber sprach der Herr also: ‚Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt; verlange von mir, und ich will dir Völker geben zum Erbe und zu deinem Besitze die Enden der Erde.‘ Und wiederum sagt er zu ihm: ‚Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege.‘ Welches sind aber die Feinde? Die Schlechten, die Gottes Willen sich widersetzen.

Lasset uns also kämpfen, Männer, Brüder, mit aller Ausdauer unter seinen untadeligen Gesetzen. […]

Wie denn? Soll denn ein Sterblicher rein sein vor Gott?(1. Clemensbrief 32,3-39,2)

Schön ausgedrückt finde ich es in dem kurzen Halbsatz: Durch ihn streben wir – alles Streben geht nur durch Ihn, aber es ist ein wirkliches Streben, das wir dann tun müssen.

Werke nötig fürs Heil:

„Wir wollen daher gehorchen seinem allheiligen und herrlichen Namen, um zu entgehen den erwähnten Drohungen, die seine Weisheit gegen die Ungehorsamen gerichtet hat, damit wir wohnen im Vertrauen auf seinen heiligsten und erhabensten Namen. Nehmet an unseren Rat, und es wird euch nicht gereuen. Denn es lebt Gott und es lebt der Herr Jesus Christus und der Heilige Geist, der Glaube und die Hoffnung der Auserwählten, dass der, welcher in Demut mit beharrlichem Gehorsam ohne Wanken die von Gott gegebenen Satzungen und Gebote hält, dass dieser wird eingeordnet und eingereiht werden in die Zahl der durch Jesus Christus Geretteten, durch den ihm die Ehre sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ (1. Clemensbrief 58)

Ignatius von Antiochia schreibt um 107 n. Chr. auf dem Weg nach Rom zu seinem Prozess und Martyrium folgendes.

Kein Glaube ohne Werke; man muss treu bleiben bis zum Ende:

„Davon bleibt euch nichts verborgen, wenn ihr vollkommen seid in Glaube und Liebe zu Jesus Christus; denn das ist Anfang und Ende des Lebens. Anfang ist der Glaube, Ende die Liebe. Diese beiden, zur Einheit verbunden, sind Gott! Alles Übrige, was zum rechten Leben gehört, folgt aus diesen. Keiner, der den Glauben bekennt, sündigt, und keiner, der die Liebe besitzt, hasst. Den Baum erkennt man an seinen Früchten; so werden die, welche sich zu Christus bekennen, an ihren Werken erkannt werden. Denn jetzt kommt es nicht an auf das Bekenntnis, sondern darauf, dass einer in der Kraft des Glaubens befunden wird bis ans Ende.“ (Brief des Ignatius an die Epheser 14)

„Niemand lasse sich täuschen; sogar die himmlischen Mächte und die Herrlichkeit der Engel und die sichtbaren und unsichtbaren Herrscher, auch sie müssen des Gerichtes gewärtig sein, wenn sie nicht an das Blut Jesu Christi glauben. Wer es fassen kann, der fasse es! Keinen blähe seine Stellung auf; das Ganze nämlich ist Glaube und Liebe; diese übertrifft nichts. Lernet sie kennen, die Sonderlehren aufstellen über die Gnade Jesu Christi, die zu uns gekommen ist, wie sehr sie dem Willen Gottes entgegen sind! Um die (Nächsten-) Liebe kümmern sie sich nicht, nicht um die Witwe, nicht um die Waise, nicht um den Bedrängten, nicht um den Gefangenen oder Freigegebenen, nicht um den Hungernden und Dürstenden. (Brief des Ignatius an die Smyrnäer 6)

„Denn falls wir in ihm allen Übermut des Fürsten dieser Welt ertragen und meiden, werden wir Gottes teilhaftig werden.“ (Brief des Ignatius an die Magnesier 1)

Verdienstlichkeit der Werke:

„Gewinnet die Zufriedenheit eures Kriegsherrn, von dem ihr ja auch den Sold empfanget; keiner werde fahnenflüchtig. Eure Taufe bleibe als Rüstung, der Glaube als Helm, die Liebe als Speer, die Geduld als volle Rüstung. Eure Einlage seien eure Werke, damit ihr würdig euren Lohn empfanget.“ (Brief des Ignatius an Polykarp 6,2)

Polykarp von Smyrna, einer der Empfänger von Ignatius‘ Briefen, schrieb kurze Zeit später einen Brief an die Philipper.

Erlösung durch Gnade:

„und weil gefestigt ist die Wurzel eures Glaubens, der seit ursprünglichen Zeiten verkündet wird, bis heute fortlebt und Früchte bringt für unseren Herrn Jesus Christus, der es auf sich nahm, für unsere Sünden bis in den Tod zu gehen, den Gott auferweckt hat, nachdem er die Leiden der Unterwelt gelöst hatte; an den ihr, ohne ihn gesehen zu haben, glaubet in unaussprechlicher und herrlicher Freude, in die viele einzugehen wünschen, weil sie wissen, dass ihr durch die Gnade erlöst seid nicht kraft der Werke vielmehr nach dem Willen Gottes durch Jesus Christus.“ (Brief Polykarps an die Philipper 1,2f.)

Im Barnabasbrief finden sich auch ein paar Stellen.

Werke sind nötig, um die Erlösung, die durch Jesus geschehen ist, zu bewahren:

„Der Weg des Lichtes nun ist dieser: Wenn einer seinen Weg gehen will bis zum vorgesteckten Ziele, so soll er sich beeilen durch seine Werke. Die Erkenntnis nun, die uns gegeben wurde darüber, wie wir auf diesem Wege wandeln müssen, ist also: Liebe den, der dich erschaffen, fürchte den, der dich gebildet, verherrliche den, der vom Tode dich erlöst hat! Sei geraden Herzens und reich im Geiste! Verkehre nicht mit denen, die wandeln auf dem Wege des Todes! Hasse alles, was Gott nicht gefällt, hasse jegliche Heuchelei! Versäume nichts von Gottes Geboten!“ (Barnabasbrief 19,1f.)

Wer verloren geht, ist selbst schuld:

„Es sagt aber die Schrift: ‚Nicht mit Unrecht werden Netze ausgespannt für die Vögel‘, das besagt, dass mit Recht ein Mensch zugrunde gehen wird, der sich wegbegibt auf den Weg der Finsternis, obwohl er den Weg der Gerechtigkeit kennt.“ (Barnabasbrief 5,4)

Das Heil kann also auch verloren gehen:

„Sorgfältig müssen wir also, Brüder, bedacht sein auf unser Heil, damit nicht der Böse einen Schlupfwinkel für den Irrtum in uns bereite und uns so wegschleudere von unserem Leben.“ (Barnabasbrief 2,10)

„Denn die ganze Zeit unseres Lebens und Glaubens wird uns nichts nützen, wenn wir nicht jetzt in der zuchtlosen Zeit und in den bevorstehenden Ärgernissen Widerstand leisten, wie es Kindern Gottes geziemt. Damit also der Schwarze sich nicht einschleichen könne, wollen wir vor jeglicher Eitelkeit fliehen, wollen wir ganz und gar hassen die Werke des bösen Wandels. Ziehet euch nicht auf euch selbst zurück und bleibet nicht allein, als ob ihr schon gerechtfertigt wäret, sondern kommet an einem Ort zusammen und strebet vereint dem nach, was der Gesamtheit nützlich ist. Denn die Schrift sagt: ‚Wehe denen, die sich selbst weise und die in ihren eigenen Augen verständig sind.‘ Werden wir doch Geistesmenschen, werden wir ein vollkommener Tempel für Gott! Streben wir, soviel es an uns liegt, nach der Furcht Gottes und ringen wir um die Erfüllung seiner Gebote, damit wir froh werden in seinen Satzungen. Der Herr wird die Welt richten ohne Ansehen der Person. Ein jeder wird empfangen nach seinen Werken. Wenn er gut ist, wird seine Gerechtigkeit ihm vorangehen; wenn er böse ist, wird der Lohn seiner Schlechtigkeit vor ihm her sein. (Hüten wir uns), dass wir nicht ausruhend wie Berufene einschlafen über unseren Sünden und der böse Fürst Gewalt über uns bekomme und uns hinausstoße aus dem Reiche des Herrn. Auch das bedenket noch, meine Brüder! Wenn ihr sehet, dass nach so vielen Zeichen und Wundern, die in Israel geschehen sind, sie auch so noch verlassen worden sind, dann wollen wir sorgen, dass nicht wir erfunden werden gemäß dem Worte der Schrift: ‚Viele sind berufen, aber wenige auserwählt.'“ (Barnabasbrief 4,9-14)

Über Taufe und Erbsünde:

„Als er nun uns erneuerte in der Vergebung unserer Sünden, da machte er uns zu einer anderen Art, so dass wir die Seele von Kindern haben, wie wenn er uns ein zweites Mal geschaffen hätte.“ (Barnabasbrief 6,11)

„Bevor wir nämlich unserem Gotte glaubten, war die Wohnung unseres Herzens dem Verderben zugänglich und schwach, wie ein wirklich von Händen erbauter Tempel, weil es voll war von Götzendienst und weil es war eine Behausung für Dämonen, weil wir taten, was Gott zuwider war. Er wird aber aufgebaut werden auf den Namen des Herrn. Gebet aber acht, auf dass der Tempel des Herrn prachtvoll aufgebaut werde. Wie? Das vernehmet! Da wir Verzeihung der Sünden erlangten und gehofft haben auf den Namen des Herrn, sind wir neu geboren worden, wiederum von neuem geschaffen; deshalb wohnt in uns im Gemache (unseres Herzens) Gott wahrhaftig. Wieso? Sein Wort der Treue, seine Berufung zur Verheißung, die Weisheit seiner Satzungen, die Forderungen seiner Lehre, ja er selbst, der in uns weissagt, er selbst, der in uns wohnt, der uns, dem Tode Unterworfenen, die Türe des Tempels, das ist den Mund öffnet, der uns Bußgeist verleiht, er zieht ein in den unvergänglichen Tempel.“ (Barnabasbrief 16,7-9)

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(Fra Angelico, Jüngstes Gericht.)

Im Hirten des Hermas, einer Privatoffenbarung eines römischen Laien, spätestens zwischen 140 und 155 entstanden, gibt es folgende Stellen.

Das Halten der Gebote ist nötig fürs Heil:

„‚Fürchte den Herrn‘, sprach er, ‚und halte seine Gebote; wenn du nämlich die Gebote Gottes hältst, wirst du mächtig sein in all deinem Tun, und dieses wird unvergleichlich sein. Denn in der Furcht des Herrn wirst du alles trefflich machen. Das ist die Furcht, die du haben musst, um das Heil zu erlangen. […] Fürchte also den Herrn, und du wirst ihm leben; und alle, die ihn fürchten und seine Gebote halten, werden in Gott leben.‘ ‚Warum, Herr‘, fragte ich, ’sagtest du von denen, die seine Gebote halten: Sie werden in Gott leben?‘ ‚Weil‘, entgegnete er, ‚weil jedes Geschöpf den Herrn zwar fürchtet, aber seine Gebote nicht hält. Wer aber ihn fürchtet und seine Gebote hält, der wird das Leben haben bei Gott; wer aber seine Gebote nicht hält, der wird auch das Leben nicht haben.‚“ (Hirte des Hermas II,7,1.4f.)

„‚Künde mir auch, Herr, die Bedeutung der guten Dinge, damit ich in ihnen wandle und ihnen diene und dadurch das Heil erlangen könne.‘ ‚So höre auch die guten Werke, die du tun musst und nicht unterlassen darfst. Vor allem ist es der Glaube, die Furcht des Herrn, Liebe, Eintracht, gerechte Rede, Wahrheit, Geduld; etwas Besseres als dies gibt es nicht im Leben des Menschen. Wenn einer dieses tut und nicht unterlässt, wird er glückselig in seinem Leben. Höre auch, was diese Tugenden nach sich ziehen: den Witwen beistehen, Waisen und Unglückliche besuchen, die Diener Gottes aus Bedrängnis befreien, Gastfreundschaft üben (in der Ausübung der Gastfreundschaft findet man einmal Wohltätigkeit), mit niemand Feindschaft halten, in Ruhe leben, sich kleiner machen als alle (anderen) Menschen, das Alter ehren, die Gerechtigkeit üben, die Bruderliebe pflegen, Übermut erdulden, langmütig sein, Unrecht nicht nachtragen, die Niedergeschlagenen trösten, die im Glauben Strauchelnden nicht verstoßen, sondern zurückbringen und ihnen das Gleichgewicht der Seele geben, die Fehlenden zurechtweisen, die Schuldner und die Bedürftigen nicht drängen und noch vieles dieser Art. Dünkt dich dies gut?‘ ‚Was soll es denn Besseres geben als dies, o Herr?‘ ‚So wandle denn‘, fuhr er fort, ‚in ihnen und halte dich nie fern von ihnen, dann wirst du das Leben haben in Gott.'“ (Hirte des Hermas II,8,8-11)

Die Gebote sind erfüllbar:

„Gewiss, über alles, auch über alle diese Gebote kann der Mensch Herr werden, wenn er den Herrn in seinem Herzen trägt. Für diejenigen aber, die den Herrn nur auf den Lippen haben, deren Herz aber verstockt und vom Herrn weit entfernt ist, für solche sind diese Gebote schwer und nur mit Mühe zu erfüllen. Nehmet also ihr, die ihr leer seid und geringen Glaubens, den Herrn in euer Herz auf, und ihr werdet erkennen, dass nichts leichter, nichts süßer und milder ist als diese Gebote. Bekehret euch daher, die ihr in den Geboten des Teufels wandelt, von diesen schweren, bitteren, wilden und wüsten Geboten und fürchtet den Teufel nicht, weil er keine Gewalt wider euch besitzt. Denn ich, der Engel der Buße, werde mit euch sein, und ich habe Gewalt über ihn. Der Teufel flößt nur Furcht ein, aber diese Furcht ist ohne Belang; fürchtet ihn also nicht, und er wird von euch weichen.“ (Hirte des Hermas II,12,4,3-7)

Es kommen mehrere Gleichnisse vor.

In einem sehr ausführlichen Gleichnis wird die Kirche als ein Turm dargestellt, der aufgebaut wird, und die Menschen als Steine, die in ihn eingefügt werden. Manche werden eingefügt, aber später wieder entfernt, weil sie sich verfärbt und Risse bekommen haben, andere werden zunächst neben den Turm gelegt, weil sie untauglich sind, aber später behauen und doch noch eingefügt. Aber selbst die entfernten Steine können sich nochmals ändern und wieder eingefügt werden. Das soll darstellen, dass auch gute Christen das Heil verlieren und andererseits Sünder durch Buße wieder zu Gott  zurück kommen können. Das Tor zum Bauplatz und das Fundament ist Jesus; es sind die Taufe und die Tugenden nötig, um zum Bau hinzukommen. Die Steine stammen aus verschiedenen Bergen, die sämtliche Menschengruppen auf der Erde darstellen. (Hirte des Hermas III,9)

Die Sünden derer, die einmal gläubig wurden, sind schlimmer als die der Heiden, sagt der Engel zu Hermas:

„‚Wieso, Herr‘, fragte ich, ‚wurden sie schlechter, nachdem sie doch Gott erkannt hatten?‘ ‚Wer Gott nicht kennt‘, sprach er, ‚und sündigt, der wird bestraft für seine Sünde; wer aber Gott erkannt hat, darf nichts Böses mehr tun, sondern er muss recht handeln. Wenn nun der, welcher recht handeln muss, Böses tut, scheint der nicht ein größeres Unrecht zu begehen als der, welcher Gott nicht kennt? Deshalb sind die, welche ohne Gott zu kennen Böses tun, zum Tode verurteilt, und die, welche Gott kennen und seine Großtaten gesehen haben und dennoch sündigen, werden doppelt bestraft und zum ewigen Tode verurteilt werden. Auf diese Weise wird die Kirche Gottes gereinigt werden. Wie du es beim Turme sahest, dass die Steine herausgenommen, den bösen Geistern übergeben und von dort entfernt wurden, so werden die Gereinigten einen Leib bilden, und wie der Turm nach der Reinigung wie aus einem Steine geformt dastand, so wird es auch mit der Kirche Gottes sein, wenn sie gereinigt und gesäubert ist von den Bösen, den Heuchlern, den Verleumdern, den Zweiflern und von denen, die alles mögliche Unrecht tun. Nach der Entfernung dieser wird die Kirche Gottes sein wie ein Leib, eine Gesinnung, ein Geist, ein Glaube, eine Liebe. Dann wird der Sohn Gottes frohlocken und sich freuen unter ihnen, wenn er sein Volk rein bekommen hat.'“ (Hirte des Hermas III,9,18,1-4)

In einem anderen Gleichnis wird die verschiedene Schwere der Sünden dadurch dargestellt, dass die Menschen alle grüne Weidenzweige von einem Engel bekommen, die er später wieder einsammelt; manche Zweige bleiben grün oder tragen sogar noch Frucht, und die Träger dieser Zweige werden sofort belohnt. Andere werden dürr und bekommen Risse, teilweise sind sie auch von Motten angefressen, andere werden zur Hälfte dürr, oder werden nur an der Spitze dürr, oder zu zwei Dritteln, usw. in allen möglichen Variationen. Die Menschen, deren Zweige teilweise dürr sind, bekommen noch eine Chance; ihre Zweige werden bewässert und viele werden wieder ganz grün und treiben aus. Hermas bekommt auch eine Erklärung dafür:

Du siehst den Zweig von jedem einzelnen; denn die Zweige sind das Gesetz. Du siehst nun, dass viele Zweige verdorben sind; daraus wirst du jeden, der das Gesetz nicht gehalten hat, erkennen, auch wirst du sehen, wo ein jeder wohnen wird.‘ Ich fragte ihn: ‚Herr, warum schickte er die einen in den Turm und überließ dir die anderen?‘ ‚Alle, die das von ihm überkommene Gesetz übertreten haben, übergab er in meine Gewalt zur Buße; wer aber dem Gesetze bereits Genüge getan und es erfüllt hatte, den behielt er in seiner eigenen Gewalt.‘ ‚Wer sind nun, Herr, die, welche mit Kränzen geschmückt in den Turm gingen?‘ ‚[Bekränzt wurden die, welche mit dem Teufel gerungen und ihn niedergerungen haben]; das sind solche, die für das Gesetz gelitten haben [=die Märtyrer]. Die anderen aber, die zwar gleichfalls grünende Zweige mit Trieben, aber ohne Fruchtansatz übergeben haben, das sind die, welche für das Gesetz wohl Mühsal getragen, aber nicht gelitten noch ihr eigenes Gesetz verleugnet haben. Grün, wie sie dieselben bekommen hatten, gaben ihre Zweige die ab, welche heilig und gerecht in sehr großer Herzensreinheit gelebt und die Gebote des Herrn gehalten haben. Das übrige sollst du erfahren, wenn ich nach diesen eingepflanzten und begossenen Zweigen gesehen habe.'“ (Hirte des Hermas III,8,3)

Das Gleichnis geht noch ein gutes Stück weiter; einige Menschen tun Buße, andere nicht, und der Engel erläutert ihre verschiedenen Kategorien von Sünden. Der Engel sagt schließlich zu Hermas:

„Als er mit der Auslegung aller Zweige fertig war, sprach er zu mir: ‚Gehe hin und sage zu allen, sie sollen Buße tun, und sie werden in Gott leben; denn der Herr hat in seiner Erbarmung mich gesandt, allen Buße zu gewähren, auch wenn einige wegen ihrer Werke sie nicht verdienen. Aber in seiner Langmut will der Herr, dass alle das Heil erlangen, die durch seinen Sohn berufen worden sind.‘ Darauf sagte ich: ‚Herr, ich hoffe, dass alle, die es hören, Buße tun; denn ich bin überzeugt, dass ein jeder in der Erkenntnis seiner eigenen Werke und aus Furcht vor Gott Buße tun wird.‘ Da antwortete er mir: ‚Alle, die aus ganzem Herzen [Buße tun und] sich von den genannten Sünden reinigen und fernerhin keine Ungerechtigkeit mehr begehen, werden Heilung ihrer begangenen Sünden vom Herrn erhalten und werden in Gott leben, wenn sie nicht wanken in diesen Geboten. [Wer aber in seinen Sünden weiterlebt und in den Lüsten dieser Welt wandelt, der schreibt sich selbst das Todesurteil.] Und du selbst wandle in meinen Geboten, und du wirst leben [in Gott; und alle, die in ihnen wandeln und recht handeln, werden in Gott leben].'“(Hirte des Hermas III,8,11,1-4)

Laut Hermas ist die Geduld des Herrn begrenzt und die Christen haben nur noch eine begrenzte Zeit der Buße, während den Heiden länger Zeit gelassen wird (eine der Aussagen, die man als Christ nicht unbedingt übernehmen sollte):

„Wenn du ihnen diese Worte mitgeteilt hast, die mir der Herr aufgetragen hat, damit du sie offen erkennest, dann werden ihnen alle Sünden nachgelassen, die sie früher begangen haben, ebenso allen Heiligen, was sie bis auf diesen Tag gesündigt haben, wenn sie aus ganzem Herzen sich bekehren und aus ihrem Herzen den Zwiespalt nehmen. Denn der Herr hat bei seiner Herrlichkeit gegen seine Auserwählten geschworen: wenn nach diesem festgesetzten Tage noch eine Sünde geschieht, dann sollen sie das Heil nicht erlangen; denn die Bußzeit hat ein Ende für die Gerechten; die Tage der Buße sind erfüllt für alle Heiligen; für die Heiden aber gibt es eine Buße bis zum Jüngsten Tage. Sage daher den Vorstehern der Kirche, auf dass sie ihre Wege bessern in Gerechtigkeit und mit großer Herrlichkeit aus dem Vollen die Verheißungen empfangen. Fahret fort, die Gerechtigkeit zu üben und duldet keinen Zwiespalt im Herzen, damit ihr eingehen werdet zu den heiligen Engeln! Glückselig seid ihr alle, wenn ihr die kommende große Trübsal aushaltet und wenn ihr euer Leben nicht verleugnet. Denn der Herr hat durch seinen Sohn geschworen, dass denen, die ihren Herrn verleugnen, ihr Leben abgesprochen ist, nämlich denen, die in den kommenden Tagen ihn verleugnen werden; wer es früher getan, dem zeigte sich der Herr gnädig wegen seiner Barmherzigkeit.“ (Hirte des Hermas I,2,2,4-8)

Justin der Märtyrer schreibt um 150 folgendes.

Das Heil kommt von Gott, aber dann hat der Mensch den freien Willen:

„Und wir sind ferner gelehrt worden, daß er im Anfange, weil er gut ist, alles aus formloser Materie der Menschen wegen erschaffen hat; wir haben die Überlieferung, daß diese, wenn sie sich nach seinem Ratschlusse in Werken dessen wert erweisen, des Umganges mit ihm gewürdigt werden und mit ihm gemeinsam herrschen, nachdem sie unvergänglich und leidenlos geworden sind. Denn so gewiß er sie im Anfange, als sie nicht waren, geschaffen hat, ebenso gewiß werden, so glauben wir, die, welche das ihm Wohlgefällige erwählen, wegen dieser Wahl der Unsterblichkeit und des Zusammenwohnens mit ihm gewürdigt werden. Denn daß wir im Anfange ins Dasein gerufen wurden, war nicht unser Verdienst; daß wir aber dem nachstreben, was ihm lieb ist, indem wir es mit Vernunftkräften, die er selbst uns schenkte, frei wählen, dazu leitet er uns an und dazu führt er uns zum Glauben.“ (Justin, 1. Apologie 10)

„Ihr habt aber in der ganzen Welt keine bessern Helfer und Verbündeten zur Aufrechthaltung der Ordnung als uns, die wir solches lehren, wie, daß ein Betrüger, Wucherer und Meuchelmörder so wenig wie ein Tugendhafter Gott verborgen bleiben könne und daß ein jeder ewiger Strafe oder ewigem Heile nach Verdienst seiner Taten entgegengehe. Denn wenn die Menschen insgesamt zu dieser Überzeugung kämen, so würde niemand für die kurze Zeit dem Laster sich hingeben, weil er wüßte, daß er der ewigen Strafe im Feuer entgegengehe, sondern man würde auf alle Weise sich zusammennehmen und mit Tugend schmücken, um der göttlichen Belohnungen teilhaftig zu werden und von den Strafen frei zu bleiben.“ (Justin, 1. Apologie 12)

Freier Wille:

Damit aber niemand aus dem vorher von uns Gesagten den Schluß ziehe, wir behaupten, daß das, was geschieht, nach der Notwendigkeit des Verhängnisses geschehe, weil wir ja vorhin bemerkten, es sei vorhergewußt, so wollen wir auch diese Schwierigkeit lösen. Daß die Strafen und Züchtigungen wie auch die Belohnungen nach dem Werte der Handlungen eines jeden zugeteilt werden, darüber sind wir von den Propheten belehrt worden und verkünden es als wahr. Wenn das nicht der Fall wäre, sondern alles nach einem Verhängnisse geschähe, so gäbe es gar keine Verantwortlichkeit; denn wenn es vom Schicksale bestimmt ist, daß dieser gut und jener schlecht ist, so ist der eine so wenig zu loben als der andere zu tadeln. Und wiederum: Wenn das Menschengeschlecht nicht das Vermögen hat, aus freier Wahl das Schändliche zu fliehen und sich für das Gute zu entscheiden, so ist es unschuldig an allem, was es tut. Daß es aber nach freier Wahl sowohl recht als auch verkehrt handelt, dafür führen wir folgenden Beweis. Man sieht ein und denselben Menschen den Übergang zum Entgegengesetzten machen; wenn es ihm aber vom Schicksale bestimmt wäre, daß er entweder schlecht oder gut ist, so wäre er niemals empfänglich für das Entgegengesetzte und ändert sich nicht so oft. Aber es wären auch nicht einmal die einen gut, die andern schlecht; denn wir müßten sonst erklären, daß das Verhängnis die Ursache des Guten und des Bösen sei und sich selbst widerspreche, oder wir müßten jenen früher erwähnten Satz (c. 18,4) für wahr halten, daß Tugend und Laster nichts seien, sondern nur nach der subjektiven Meinung das eine für gut, das andere für schlecht gehalten werde; das wäre aber, wie die wahre Vernunft zeigt, die größte Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit. Wir sehen vielmehr das unentrinnbare Verhängnis darin, daß denen, die das Gute wählen, die entsprechende Belohnung und ebenso denen, die das Gegenteil wählen, die entsprechende Strafe zuteil wird. Denn nicht wie die übrigen Wesen, z. B. die Bäume und die Vierfüßler, die nichts nach freier Wahl zu tun vermögen, hat Gott den Menschen geschaffen; auch verdiente er weder Strafe noch Lohn, wenn er nicht aus sich das Gute wählte, sondern dazu geboren wäre, und ebenso könnte ihn nicht, wenn er böse wäre, mit Recht Strafe treffen, da er nicht aus sich so wäre, sondern nichts anderes sein könnte, als wozu die Natur ihn gemacht hätte.

Es hat uns aber dieses der heilige prophetische Geist gelehrt, der durch Moses bezeugt, Gott habe zu dem ersten Menschen, den er gebildet hatte, also gesprochen: ‚Siehe, vor deinem Angesichte liegt das Gute und das Böse, wähle das Gute!‘ Und wiederum ist durch Isaias, den andern Propheten, in der Person Gottes, des Allvaters und Herrn, in gleichem Sinne folgendes gesagt worden: ‚Waschet euch, werdet rein, schaffet die Bosheiten fort aus euren Seelen, lernet Gutes tun, schaffet Recht der Waise und laßt Recht widerfahren der Witwe, und dann kommt und wir wollen miteinander verhandeln, spricht der Herr. Und wenn eure Sünden sind wie Purpur, ich werde sie weiß machen wie Wolle, und wenn sie sind wie Scharlach, ich werde sie weiß machen wie Schnee. Und wenn ihr wollt und auf mich hört, so sollt ihr das Beste des Landes essen; hört ihr aber nicht auf mich, so wird das Schwert euch verzehren; denn der Mund des Herrn hat dies gesprochen.‘ […] Demgemäß hat auch Platon seinen Ausspruch: ‚Die Schuld fällt auf den Wählenden, Gott ist ohne Schuld‘ dem Propheten Moses entnommen; denn Moses ist älter als alle griechischen Schriftsteller. […] Wenn wir also behaupten, zukünftige Begebenheiten seien geweissagt worden, so sagen wir damit nicht, daß sie mit der Notwendigkeit des Verhältnisses sich zutragen; vielmehr liegt die Sache so: Weil Gott die zukünftigen Handlungen aller Menschen vorausweiß und weil es sein Grundsatz ist, jedem der zukünftigen Menschen nach dem Verdienste seiner Taten zu vergelten, so sagt er durch den prophetischen Geist vorher, was ihnen nach dem Werte ihrer Handlungen von seiner Seite begegnen werde, und führt dadurch allezeit das Menschengeschlecht zur Überlegung und Besinnung, indem er ihm zeigt, daß er sich um die Menschen kümmert und Vorsorge für sie trifft. (Justin, 1. Apologie 43-44)

„Aber ebensowenig glauben wir, daß die Menschen nach einem Verhängnisse handeln oder leiden, was ihnen begegnet, sondern vielmehr, daß jeder nach freier Wahl recht oder unrecht tut und daß, wenn die Guten, wie Sokrates und seinesgleichen, verfolgt werden und in Banden liegen, dagegen ein Sardanapal, Epikur und ihresgleichen in Überfluß und Ruhm glücklich zu sein scheinen, dies auf Anstiften der bösen Dämonen geschieht. Das haben die Stoiker nicht bedacht, wenn sie den Satz aufstellten, daß alles mit der Notwendigkeit des Verhängnisses geschehe. Aber weil Gott das Geschlecht der Engel und das der Menschen ursprünglich frei erschaffen hat, werden sie mit Recht für ihre Vergehungen in ewigem Feuer gestraft werden. Alles Gewordene ist von Natur der Schlechtigkeit und der Tugend fähig; es wäre ja auch keines davon des Lobes wert, wenn es nicht auch die Fähigkeit hätte, sich dem einen wie dem anderen zuzuwenden. Das beweisen auch jene Männer, die in den verschiedenen Ländern nach der wahren Vernunft Gesetze gegeben oder Forschungen angestellt haben, indem sie das eine zu tun, das andere zu lassen gebieten. Und selbst die stoischen Philosophen vertreten in ihrer Sittenlehre entschieden dieselbe Anschauung, woraus sich ergibt, daß sie in ihrer Lehre von den Grundprinzipien und von den übersinnlichen Dingen nicht auf dem rechten Wege sind. Denn wenn sie behaupten, daß das, was menschlicherseits geschieht, nur ein Werk des Verhängnisses sei oder daß Gott nichts anderes sei als was sich beständig umwandelt, verändert und in dieselben Bestandteile wieder auflöst, dann wird es offenkundig sein, daß sie nur von vergänglichen Dingen eine Vorstellung gewonnen haben, daß ihre Gottheit selbst sowohl in ihren Teilen als auch im Ganzen mit jeder Schlechtigkeit behaftet ist; sie müßten denn lehren, daß Tugend und Laster überhaupt nichts sind, was freilich gegen alles gesunde Denken und gegen Vernunft und Verstand ist.“ (Justin, 2. Apologie 6)

In einem Dialog mit dem Juden Tryphon schreibt Justin:

„Daß jedoch diejenigen, deren Ungerechtigkeit man vorherwußte, seien sie Engel oder Menschen, nicht durch Gottes Schuld Sünder werden, sondern daß jeder durch seine eigene Schuld das ist, als was er erscheinen wird, habe ich auch schon oben dargetan. Damit ihr aber nicht einwendet: ‚Es war notwendig, daß Christus gekreuzigt wurde, oder daß in unserem Volke Sünder sind, es konnte nicht anders sein‘, habe ich zum voraus kurz bemerkt: da Gott wollte, daß Engel und Menschen seinem Willen gehorchen, wollte er dieselben, damit sie gerecht handeln, mit freiem Willen ausstatten, ihnen, damit sie wissen, wer sie erschaffen hat, und um wessen willen sie aus dem Nichts ins Dasein gerufen worden sind, Verstand geben und ein Gesetz, damit sie gerichtet werden, wenn sie gegen den gesunden Verstand handeln. Wir selbst, Menschen wie Engel, werden die Schuld an unserer Verurteilung sein, wenn wir sündigen und uns nicht rechtzeitig bekehren. Wenn der Logos Gottes die sichere Bestrafung gewisser Engel und Menschen prophezeit, so hat er es deshalb getan, weil er vorauswußte, daß sie verstockte Sünder sein werden, nicht aber deshalb, weil Gott sie zu Sündern gemacht hat. Daher können alle, wenn sie wollen, an der göttlichen Barmherzigkeit teilhaben; sie brauchen sich nur zu bekehren. Solchen prophezeit der Logos Glück mit den Worten: ‚Selig der Mann, dem Gott die Sünde nicht anrechnet‘, das heißt derjenige, welcher seine Sünden bereut und daher Nachlassung der Sünden von Gott erhält. Ihr jedoch wie noch mancher, der da eurer Gesinnung ist, belügt euch über diese Worte und legt sie also aus: mögen sie auch Sünder sein, so rechnet doch der Herr, wenn sie nur Gott kennen, ihnen ihre Sünde nicht an. Beweis für unsere Auslegung ist uns die eine Sünde Davids, in welche ihn sein Hochmut fallen ließ: die Sünde wurde dann nachgelassen, nachdem er sie so sehr beweint und beklagt hatte. So erzählt die Schrift. Wenn aber einem solchen Manne nicht, ehe er seine Sünde bereut hatte, Nachlassung gewährt wurde, sondern erst nachdem dieser große König, Gesalbter und Prophet in bekannter Weise geweint und gehandelt hatte, können dann die Unreinen und die ganz Verkommenen, ohne unter Weinen und Klagen Buße zu tun, Hoffnung haben, daß der Herr ihnen ihre Sünde nicht anrechne?“ (Justin, Dialog mit Tryphon 140,4-141,3)

Hier lehnt Justin also ganz deutlich die These ab, Gott würde die Sünden der Gläubigen nur zudecken, und sie wären nicht wirklich umgewandelt und müssten nicht weiterhin die Gebote halten, um erlöst zu werden.

Man wird von Gott erlöst; nur wenn man die Gebote hält, behält man die Erlösung:

„Wie aus einem Feuer sind wir gerettet, da wir befreit wurden sowohl von unseren früheren Sünden als auch von der Drangsal und dem Brande, welche uns der Satan und alle seine Diener bereiten. Wiederum Jesus, der Sohn Gottes rettet uns aus deren Händen. Für den Fall daß wir seine Gebote beobachten, versprach er, uns mit den bereit gehaltenen Kleidern auszustatten, und verhieß, ein ewiges Reich zu bereiten.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 116,2)

Die Gebote sind erfüllbar:

„Und er hat von Anbeginn das Menschengeschlecht mit Vernunft begabt und mit der Fähigkeit geschaffen, das Wahre zu erwählen und das Gute zu tun, so daß die Menschen samt und sonders vor Gott keine Entschuldigung haben, weil sie als vernünftige und erkenntnisfähige Wesen auf die Welt gekommen sind. Wer aber glaubt, Gott kümmere sich um die Menschen nicht, der leugnet entweder indirekt sein Dasein oder er sagt, wenn er existiere, habe er Freude am Bösen oder verharre in Ruhe wie ein Stein, Tugend und Laster seien leere Begriffe und es sei nur ein Wahn, wenn die Menschen das eine für gut, das andere für bös halten; das ist freilich die größte Ruchlosigkeit, die gedacht werden kann.“ (Justin, 1. Apologie 28)

Bzgl. früherer Generationen schreibt Justin:

„Unverständige werden, um unsere Lehren zurückweisen zu können, vielleicht einwenden: Da nach unserer Behauptung erst vor 150 Jahren Christus unter Quirinius geboren worden ist und da er das, was wir als seine Lehre ausgeben, noch später unter Pontius Pilatus gelehrt hat, so seien alle Menschen, die vorher lebten, der Verantwortung enthoben. Darum wollen wir im voraus diese Bedenken lösen. Daß Christus als der Logos, an dem das ganze Menschengeschlecht Anteil erhalten hat, Gottes Erstgeborener ist, das ist eine Lehre, die wir überkommen und euch schon vorher dargelegt haben. Die, welche mit Vernunft lebten, sind Christen, wenn sie auch für gottlos gehalten wurden, wie bei den Griechen Sokrates, Heraklit und andere ihresgleichen, unter den Nichtgriechen Abraham, Ananias, Azarias, Elias und viele andere, deren Taten und Namen aufzuzählen wir jetzt als zu weitläufig unterlassen möchten. Daher waren auch die, welche vorher ohne Vernunft gelebt haben, schlechte Menschen, Feinde Christi und Mörder derer, die mit Vernunft lebten, wohingegen, wer mit Vernunft gelebt hat und noch lebt, Christ ist und ohne Furcht und Unruhe sein kann. Aus welchem Grunde er nun durch die Kraft des Logos nach dem Ratschlusse Gottes, des Allvaters und Herrn, durch eine Jungfrau als Mensch geboren und Jesus genannt wurde, dann gekreuzigt und gestorben, wieder auferstanden und in den Himmel aufgestiegen ist, das wird aus unseren früheren weitläufigen Darlegungen der Verständige sich erklären können.“ (Justin, 1. Apologie 46)

Justin schreibt auch an mehreren Stellen darüber, dass nicht mehr die Beschneidung und das Einhalten der alttestamentlichen Zeremonialgesetze nötig sind, sondern die Taufe, die jetzt im Neuen Bund von Gott angeordnet wurde:

„Wenn nämlich vor Abraham die Beschneidung und vor Moses die Sabbatfeier, die Feste und Opfer kein Bedürfnis waren, dann sind sie in gleicher Weise auch jetzt kein Bedürfnis, da nach dem Willen Gottes Jesus Christus, der Sohn Gottes, ohne Sünde durch die aus dem Volke Abrahams stammende Jungfrau geboren worden ist. Denn auch Abraham wurde, als er noch unbeschnitten war, gerechtfertigt und gesegnet, und zwar wegen seines Glaubens an Gott, wie die Schrift dartut. Die Beschneidung aber erhielt er als Zeichen, nicht jedoch um gerechtfertigt zu werden. Schrift und Geschichte zwingen uns, das anzunehmen. Mit Recht heißt es daher von jenem Volke: ‚Ausgetilgt soll werden aus seinem Stamme jener, der nicht am achten Tage beschnitten wird.‘ Auch die Unmöglichkeit, daß das weibliche Geschlecht die fleischliche Beschneidung empfängt, beweist, daß diese Beschneidung als Zeichen, nicht aber als eine Tat der Gerechtigkeit gegeben worden ist; denn Gott hat in gleicher Weise auch dem Weibe die Möglichkeit verschafft, all das zu tun, was gerecht und tugendhaft ist. Wir wissen doch, daß nicht wegen des Körperbaues, der, wie wir sehen, bei Mann und Weib verschieden ist, dieselben gerecht oder ungerecht sind, sondern daß Frömmigkeit und Gerechtigkeit entscheiden.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 23,3-5)

Und hierfür haben wir von den Aposteln folgende Begründung überkommen. Da wir bei unserer ersten Entstehung ohne unser Wissen nach Naturzwang aus feuchtem Samen infolge gegenseitiger Begattung unserer Eltern gezeugt wurden und in schlechten Sitten und üblen Grundsätzen aufgewachsen sind, so wird, damit wir nicht Kinder der Notwendigkeit und der Unwissenheit bleiben, sondern Kinder der freien Wahl und der Einsicht, auch der Vergebung unserer früheren Sünden teilhaftig werden, im Wasser über dem, der nach der Wiedergeburt Verlangen trägt und seine Vergehen bereut hat, der Name Gottes, des Allvaters und Herrn, ausgesprochen, wobei der, welcher den Täufling zum Bade führt, nur eben diese Bezeichnung gebraucht. Denn einen Namen für den unnennbaren Gott vermag niemand anzugeben, und sollte jemand behaupten wollen, es gebe einen solchen, so wäre er mit unheilbarem Wahnsinn behaftet. Es heißt aber dieses Bad Erleuchtung, weil diejenigen, die das an sich erfahren, im Geiste erleuchtet werden. Aber auch im Namen Jesu Christi, des unter Pontius Pilatus Gekreuzigten, und im Namen des Heiligen Geistes, der durch die Propheten alles auf Jesus Bezügliche vorherverkündigt hat, wird der, welcher die Erleuchtung empfängt, abgewaschen. […] Wir aber führen nach diesem Bade den, der gläubig geworden und uns beigetreten ist, zu denen, die wir Brüder nennen, dorthin, wo sie versammelt sind, um gemeinschaftlich für uns, für den, der erleuchtet worden ist, und für alle andern auf der ganzen Welt inbrünstig zu beten, damit wir, nachdem wir die Wahrheit erkannt haben, gewürdigt werden, auch in Werken als tüchtige Mitglieder der Gemeinde und als Beobachter der Gebote erfunden zu werden, und so die ewige Seligkeit zu erlangen“ (Justin, 1. Apologie 61.65)

„Daher müßt ihr diese Hoffnung eurer Seele beschneiden und euch bemühen um die Erkenntnis des Weges, auf welchem euch die Sünden werden nachgelassen werden und ihr das Erbe der verheißenen Güter erhoffen dürft. Diesen Weg geht ihr aber nur dann, wenn ihr unseren Christus anerkennt, euch in dem durch Isaias verkündeten, der Nachlassung der Sünden dienenden Bade reinigt und dann ohne Sünden lebt.“ (Justin, Dialog mit Tryphon, 44,4)

Über Jesu Erlösungstat schreibt er:

„er wollte ja auch nicht deshalb, weil er es notwendig gehabt hätte, geboren werden und am Kreuze sterben. Es war ihm vielmehr um das Menschengeschlecht zu tun, welches seit Adam dem Tode und dem Truge der Schlange verfallen war, da jeder sich selbst mit Schuld belud und sündigte. Gott hat nämlich bei Erschaffung der Engel und Menschen gewollt, daß sie, ausgestattet mit freiem Willen und dem Selbstbestimmungsrecht, das tun, wozu er jeden einzelnen befähigt hat; er wollte sie, wenn sie sich für Gottes Willen entscheiden, vor Vergänglichkeit und Strafe bewahren, jedem dagegen nach seinem Gutdünken bestrafen, wenn sie sündigten. (Justin, Dialog mit Tryphon 88,4f.)

„Da er es jedoch so für gut hielt, stattete er Engel und Menschen mit freiem Willen aus, damit sie gerecht handelten, und bis zu einer von ihm bestimmten Zeit sah er, daß der freie Wille für sie gut war. Und wiederum weil er es für gut erachtete, hielt er allgemeine und besondere Gerichte ab, aber den freien Willen ließ er.“ (Justin, Dialog mit Tryphon 102,4)

Aristides von Athen schreibt irgendwann zwischen 138 und 161 in einer Verteidigungsschrift der Christen gegenüber den Heiden folgendes:

„Sie [die Christen] bemühen sich gerecht zu sein, erwarten sie ja in großer Herrlichkeit ihren Christus zu sehen und die ihnen gemachten Verheißungen von ihm zu empfangen. Ihre Sprüche und Gebote aber, o Kaiser, den Ruhm ihres (Gottes-) Dienstes und den Lohn [der Vergeltung], den sie entsprechend dem Tun eines jeden einzelnen von ihnen in der andern Welt erwarten, magst du aus ihren Schriften kennen lernen. […]

Kommt es indes vor, daß einer von ihnen [den Heiden] sich bekehrt, so schämt er sich vor den Christen seiner begangenen Missetaten, bekennt (sie) Gott und spricht: ‚Aus Unwissenheit habe ich diese begangen.‘ Und er reinigt sein Herz, und seine Sünden werden ihm nachgelassen, weil er sie aus Unwissenheit in der früheren Zeit beging, wo er (noch) die wahre Erkenntnis der Christen lästerte und schmähte. Ja wahrhaft selig ist das Geschlecht der Christen vor allen Menschen auf der Erdoberfläche. […] Und wahrhaft ist Gottes, was durch der Christen Mund geredet wird, und ihre Lehre ist die Pforte des Lichts. Es sollen sich ihr nun alle die nahen, die Gott (noch) nicht erkannt haben, und sollen die unvergänglichen Worte aufnehmen, die von jeher sind und von Ewigkeit. Mögen sie also zuvorkommen dem furchtbaren Gericht, das durch Jesus Christus über das ganze Menschengeschlecht kommen soll.“ (Aristides von Athen, Apologie 16,2-17,8)

Eine Stelle bzgl. der verstorbenen Kinder ist interessant:

„Und wenn ein Gerechter von ihnen aus der Welt scheidet, so freuen sie sich und danken Gott und geben seiner Leiche das Geleite, gleich als zöge er (nur) von einem Ort zum andern. Und wenn einem von ihnen ein Kind geboren worden, so preisen sie Gott; und sollte es dann (schon) in seiner Kindheit sterben, so preisen sie Gott überaus, ist es doch ohne Sünde aus der Welt geschieden. Müssen sie hinwiederum sehen, wie einer von ihnen in seiner Gottlosigkeit und seinen Sünden stirbt, so weinen sie über diesen bitterlich und seufzen, soll er ja zur Strafe hingehen.“ (Aristides von Athen, Apologie 15,11)

Im 2. Clemensbrief, der wohl nicht von Clemens von Rom stammt, sondern etwas später entstanden ist, heißt es:

„Wenn wir nämlich gering von ihm denken, hoffen wir auch wenig von ihm zu erlangen; und die es anhören wie etwas Geringfügiges, sündigen, und auch wir sündigen, wenn wir nicht wissen, von woher, von wem und wohin wir berufen sind, und welche große Leiden Jesus Christus unseretwegen auf sich genommen hat. Was für eine Entgeltung wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn, der dem, was er uns gegeben hat, entsprechend wäre? Wie viele Gaben schulden wir ihm? Denn das Licht hat er uns geschenkt, wie ein Vater hat er uns seine Söhne genannt, vor dem drohenden Untergang hat er uns gerettet. Was für ein Lob wollen wir ihm nun geben oder welchen Lohn als Gegengabe für das, was wir von ihm empfangen haben? Blind war unsere Einsicht, da wir Werke der Menschen, Steine, Holz, Gold, Silber und Erz anbeteten; und unser ganzes Leben war nichts anderes als der Tod. Dunkelheit lagerte um uns, und unser Auge war voll von einer solchen Finsternis: da wurden wir sehend, als wir durch seinen Willen ablegten jene Finsternis, die uns umgab. Denn er erbarmte sich unser, und aus Mitleid errettete er uns, da er in uns viel Irrtum und Verderben sah, während wir keine Hoffnung auf Rettung hatten außer von ihm. Denn er rief uns, da wir nicht waren, und er wollte, dass wir aus dem Nichts ins Dasein traten.

‚Frohlocke, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst, jauchze auf und rufe, die du keine Wehen hast; denn die Kinder der Alleinstehenden sind zahlreicher als die Kinder derer, die den Mann hat.‘ Mit den Worten: ‚Frohlocke, du Unfruchtbare, die du nicht gebierst‘, meint er uns; denn unsere Kirche war unfruchtbar, bevor ihr Kinder geschenkt waren. […] Eine andere Schriftstelle sagt: ‚Ich bin nicht gekommen, Gerechte, sondern Sünder zu berufen.‘ Dies sagte er, weil man die Untergehenden retten muss. Denn das ist groß und bewunderungswürdig, nicht das Stehende zu stützen, sondern das Fallende. So wollte auch Jesus Christus das Untergehende retten, und er hat viele gerettet, da er erschienen ist und uns berufen hat, die wir schon am Verderben waren.

Da er nun uns gegenüber soviel Erbarmen geübt hat, so ist es das erste, dass wir, die Lebenden, den toten Göttern nicht opfern und sie nicht verehren; vielmehr haben wir durch ihn den Vater der Wahrheit erkannt; worin besteht die zu ihm (= Gott) führende Erkenntnis anders als im Bekenntnis dessen, durch den wir ihn erkannt haben? Auch er selbst sagt: ‚Wer mich vor den Menschen bekennt, den werde ich auch vor meinem Vater bekennen.‘ Dies also ist unser Lohn (für ihn), wenn wir den bekennen, durch den wir erlöst worden sind. Wodurch sollen wir ihn aber bekennen? Wenn wir tun, was er sagt, und seine Gebote nicht überhören und ihn nicht bloß mit den Lippen ehren, sondern aus ganzer Seele und aus ganzer Gesinnung. Es heißt nämlich bei Isaias: ‚Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit weg von mir.‘

Wir wollen ihn daher nicht Herr nennen; denn das wird uns nicht retten. Er sagt nämlich: ‚Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr, wird gerettet werden, sondern wer die Gerechtigkeit übt.‘ Deshalb, Brüder, wollen wir ihn bekennen durch die Werke, dadurch, dass wir einander lieben, die Ehe nicht brechen, nichts Böses über den anderen reden, nicht eifersüchtig sind, vielmehr enthaltsam, barmherzig und gütig sind; auch müssen wir Mitleid miteinander haben und dürfen nicht geldgierig sein. Durch diese und nicht durch die entgegengesetzten Werke wollen wir ihn bekennen; auch müssen wir Gott mehr fürchten als die Menschen. […]

Auch wollet ihr bedenken, Brüder, dass der Aufenthalt in dieser Welt des Fleisches kurz und von geringer Dauer, die Verheißung Christi aber groß und wunderbar ist und Ruhe im künftigen Reiche und im ewigen Leben. Was müssen wir nun tun, um diese Güter zu erlangen? Nichts als heilig und gerecht wandeln, die Dinge dieser Welt für feindlich halten und ihrer nicht begehren. Denn wenn wir nach ihrem Besitze verlangen, verlieren wir den Weg der Gerechtigkeit. […]

Wenn wir nämlich den Willen Christi erfüllen, werden wir Ruhe finden; wo nicht, wird nichts uns vor der ewigen Strafe erretten, wenn wir nämlich auf seine Gebote nicht hören. Die Schrift sagt auch bei Ezechiel: ‚Wenn Noë und Job und Daniel aufstehen, so werden sie ihre Kinder nicht befreien, die in der Gefangenschaft sind.‘ Wenn aber selbst solche Gerechte es mit ihrer Gerechtigkeit nicht vermögen, ihre eigenen Kinder zu befreien, worauf können dann wir bauen, dass wir eingehen dürfen in das Reich Gottes, wenn wir die Taufe nicht rein und unbefleckt bewahren? Oder wer wird unser Beistand sein, wenn wir nicht erfunden werden mit heiligen und gerechten Werken?

So lasst uns denn kämpfen, meine Brüder; denn wir wissen ja, dass der Kampf uns vorgelegt ist und dass zu den vergänglichen Kämpfen viele herbeisegeln, aber nicht alle gekrönt werden, wenn sie nicht vieles auf sich genommen und rühmlich gekämpft haben. Wir also wollen kämpfen, damit wir alle gekrönt werden. […]

Solange wir also auf Erden sind, geschehe unsere Sinnesänderung. Denn wir sind Lehm in des Meisters Hand; wie nämlich der Töpfer, wenn er ein Gefäß fertigt, es in seinen Händen umbiegt und zusammendrückt und dann es wieder neugestaltet, wenn er es aber einmal in den Brennofen gebracht hat, ihm nicht mehr nachhelfen kann, so wollen auch wir, solange wir in dieser Welt sind, was wir im Fleische Böses getan, aus ganzem Herzen bereuen, damit wir vom Herrn gerettet werden, solange wir noch Zeit zur Umkehr haben.“ (2. Clemensbrief 1,2-8,2)

Im Diogenetbrief heißt es:

„Als er nun bereits alles bei sich mit seinem Sohne geordnet hatte, liess er uns bis zu der nun abgelaufenen Zeit, wie wir es wollten, von ungeordneten Trieben geleitet werden, von Lüsten und Begierden fortgerissen; durchaus nicht etwa aus Freude an unseren Sünden, sondern in Langmut, auch nicht, als hätte er Wohlgefallen an der damaligen Zeit der Ungerechtigkeit, sondern zur Vorbereitung auf die jetzige Zeit der Gerechtigkeit, damit wir, in der damaligen Zeit durch unsere eigenen Werke überführt, dass wir des Lebens unwürdig seien, jetzt durch die Güte Gottes würdig gemacht würden und, nachdem wir den Beweis von unserer eigenen Ohnmacht, in das Reich Gottes einzugehen, geliefert hätten, durch die Kraft Gottes dazu befähigt würden. Als aber das Mass unserer Ungerechtigkeit voll und es völlig klar geworden war, dass als ihr Lohn Strafe und Tod uns erwarte, und als der Zeitpunkt gekommen war, den Gott vorausbestimmt hatte, um fortan seine Güte und Macht zu offenbaren, – o überschwengliche Menschenfreundlichkeit und Liebe Gottes! – da hasste und verstiess er uns nicht und gedachte nicht des Bösen, sondern war langmütig und geduldig und nahm aus Erbarmen selbst unsere Sünden auf sich; er selbst gab den eigenen Sohn als Lösepreis für uns, den Heiligen für die Unheiligen, den Unschuldigen für die Sünder, den Gerechten für die Ungerechten, den Unvergänglichen für die Vergänglichen, den Unsterblichen für die Sterblichen. Denn was anders war imstande, unsere Sünden zu verdecken als seine Gerechtigkeit? In wem konnten wir Missetäter und Gottlose gerechtfertigt werden, wenn nicht allein im Sohne Gottes? Welch süsser Tausch, welch unerforschliches Walten, welch unverhoffte Wohltat, dass die Ungerechtigkeit vieler in einem Gerechten verborgen würde und die Gerechtigkeit eines einzigen viele Sünder rechtfertige! Nachdem er also in der früheren Zeit die Ohnmacht unserer Natur, zum Leben zu gelangen, dargetan hatte, zeigte er jetzt, dass der Erlöser Macht habe, auch das Ohnmächtige zu retten; durch beides aber wollte er uns zum Glauben an seine Güte bringen, ihn anzusehen als Ernährer, Vater, Lehrer, Ratgeber, Arzt, Geist, Licht, Ehre, Ruhm, Kraft und Leben, und für Kleidung und Nahrung nicht ängstlich zu sorgen.

[…] Von welcher Freude aber glaubst du wohl erfüllt zu werden, wenn du ihn erkannt hast? Oder wie wirst du den lieben, der dich so zuvor geliebt hat? Liebst du ihn aber, so wirst du auch ein Nachahmer seiner Güte sein. Und wundere dich nicht, dass ein Mensch Nachahmer Gottes sein kann; er kann es, weil er Gott es will. […]

Wenn ihr darauf achtet und es mit Eifer anhöret, werdet ihr inne werden, was Gott denen bietet, die ihn in rechter Weise lieben, die ihr geworden seid ein Paradies der Wonne und in euch aufsprossen lasset einen herrlich blühenden, fruchtbeladenen Baum, mit allerlei Früchten geschmückt.“ (Diognetbrief 9-10.12)

Dann wäre da Epistula Apostolorum, die sich als Brief der 12 Apostel ausgibt.

In diesem Werk spricht Jesus zu den Aposteln davon, dass die Werke wichtig sind:

„Wer aber an mich glaubt und mein Gebot nicht tut, hat, obwohl er an meinen Namen glaubt, keinen Nutzen davon. Vergeblich ist er einen Lauf gelaufen. Sein Ende ist für das Verderben und für die Strafe großen Schmerzes bestimmt, denn er hat gesündigt gegen mein Gebot.“ (Epistula Apostolorum 27(38), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 141)

Freier Wille:

„Und wir sprachen zu ihm ‚Wird man an jenem Tage nicht zu dir sagen: Du hast führen lassen zu Gerechtigkeit und Sünde und hast geschieden Finsternis und Licht, Böses und Gutes?‘ Und er sprach zu uns: ‚Adam ist die Macht gegeben worden, daß er von den zweien, was er wollte, erwähle, und er wählte das Licht und streckte seine Hände aus und nahm (es) und ließ die Finsternis und entfernte sich von ihr. Ebenso ist jeder Mensch ermächtigt, zu glauben an das Licht, dies ist das Leben des Vaters, der mich gesandt hat. Und wer an mich geglaubt hat, wird leben, wenn er das Werk des Lichtes getan hat. Wenn er aber bekennt, daß das Licht ist, und tut das der Finsternis (Eigentümliche), so hat er weder etwas, was er zur Verteidigung wird sagen können, noch wird er das Antlitz erheben können und anblicken den Sohn, der ich bin. Und ich werde zu ihm sagen: Du hast gesucht und gefunden, hast gebeten und empfangen. Was tadelst du uns? Weshalb hast du dich von mir und meinem Reiche entfernt? Du hast mich bekannt und (dann doch) verleugnet. Nun also sehet, daß jeder ermächtigt ist, sowohl zu leben als zu sterben. Und wer mein Gebot tut und bewahrt, wird ein Sohn des Lichtes, d. h. meines Vaters, sein. Und denen, die bewahren und tun, um des willen ich herabgestiegen vom Himmel, ich, das Wort, bin Fleisch geworden und bin gestorben, indem ich lehrte und überführte, daß die einen gerettet werden, die andern aber ewiglich zugrundegehen werden, indem sie im Feuer gestraft werden am Fleisch und am Geist.'“ (Epistula Apostolorum 39(50), in: Ebd., S. 147-149)

In den christlichen Sibyllinen, Weissagungen über das Weltende in Gedichtform, heißt es:

„Hab‘ ich doch selbst zwei Wege gesetzt, den des Lebens und Todes,
Und ihren Willen empfohlen, das gute Leben zu wählen;
Sie aber sind in den Tod und das ewige Feuer gestürzet.
Abbild von mir ist der Mensch, mit rechter Vernunft ausgestattet.
Diesem stell‘ einen reinen und unbefleckten Tisch hin,
Füll‘ ihn mit Gütern voll und gib dem Hungernden Brot und
Reiche dem Durstigen Trank und Kleider dem nacketen Leibe,
Aus dem eigenen Kummer gewährend mit heiligen Händen!
Der Bedrückten nimm stets dich an und hilf dem Erschöpften,
Bring dieses lebende Opfer doch mir, dem lebendigen Gotte,
Jetzt nur säend ins Wasser, damit auch ich dir einst gebe
Unvergängliche Früchte; das ewige Licht sollst du haben,
Unverwesliches Leben, wenn alle ich prüfe im Feuer.
Alles werde ich schmelzen und wieder zur Läuterung scheiden,
Werde den Himmel erschüttern, die Schlünde der Erde eröffnen,
Und dann will ich die Toten erwecken, das Schicksal lösend
Und den Stachel des Todes, und alsbald komm‘ ich zum Gerichte,
Um zu richten das Leben der frommen und gottlosen Menschen“ (Christliche Sibyllinen VIII,399-416, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 523)

Ein Gedanke zu “Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 8: Rechtfertigungslehre (1)

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