Von kanadischen Internaten und irischen Mutter-Kind-Heimen

Vielleicht haben es einige mitbekommen: Überschriften in den Zeitungen über angeblich gefundene „750 unmarkierte Gräber“ bei einem ehemaligen kirchlichen Internat in Kanada für Kinder aus indigenen Familien. Die offensichtlich gewünschte Assoziation (denn natürlich wissen Journalisten, dass die meisten Leute nur Überschriften lesen, und schreiben öfter auch ihre Artikel vage genug, um diese Assoziation noch zuzulassen) ist: Da haben irgendwelche Nonnen hunderte Kinder ermordet und verscharrt.

Sobald man ein bisschen tiefer gräbt, stellt sich dann heraus:

  • Es handelt sich um einen Friedhof, auf dem sowohl Schulkinder als auch andere Menschen aus der Umgebung begraben wurden
  • Die Gräber waren nicht unmarkiert, sondern bloß mit Holzkreuzen oder Ähnlichem markiert, die irgendwann verrottet sind
  • Die Toten starben an natürlichen Ursachen
  • Der Friedhof wurde auch nicht wirklich neu entdeckt

Es ist absolut krass, wie man mithilfe von Halbwahrheiten so lügen kann: Da gehen ein paar Leute mit Radar über alte Friedhöfe neben aufgegebenen Gebäuden irgendwo im tiefsten ländlichen Kanada, und daraufhin wird in der Öffentlichkeit der Eindruck verbreitet, hier hat die Kirche lauter Kinder ermordet. (Was übrigens dazu geführt hat, dass mittlerweile ca. 10 Kirchen in Brand gesteckt wurden.)

Im Gefolge dieser Vorwürfe wurden ja noch weitere, ernstzunehmendere Vorwürfe zu Gewalt oder Vernachlässigung berichtet, von denen manche auch schon länger bekannt waren. Daher erst einmal grundsätzlich zu diesen Schulen: Im 20. Jahrhundert entschied der kanadische Staat, dass die indigene Bevölkerung, die ihr traditionelles Leben als Jäger und Sammler nicht mehr wirklich leben konnte, in die Gesellschaft integriert werden müsste, und zwang die Familien in den Reservaten, ihre Kinder in Internate, sog. „residential schools“, zu geben (da es vor Ort bei den zerstreut lebenden Stämmen oft keine Schulen gab). Hierbei delegierte der kanadische Staat diese Aufgabe an kirchliche (katholische und anglikanische) Schulen, die evtl. auch schon länger bestanden und auch indigene Kinder unterrichtet hatten, als der Schulbesuch noch freiwilig gewesen war.

(Eine solche Strategie war übrigens kein Einzelfall aus Kanada: Dass u. a. mithilfe einer Schulpflicht eine national einheitliche Sprache und Kultur durchgesetzt werden sollte und Minderheiten zwangsweise assimiliert werden sollten, findet man in der Neuzeit in vielen Ländern von Frankreich bis Indien.)

Hätte die Kirche sich hier anders verhalten sollen? Eigentlich war sie ja immer für das Recht der Eltern (auch ungetaufter Eltern) eingetreten, ihre Kinder zu erziehen, wie sie es für richtig hielten, und hätte nicht einfach so dabei mitmachen sollen, Familien für einen großen Teil des Jahres auseinanderzureißen. Offensichtlich sahen es die damaligen beteiligten Ordensleute und Lehrer allerdings so, dass die Kinder eine zivilisierte und christliche Erziehung bräuchten, die sie auf das Leben im modernen Kanada vorbereitete, und dass das vorging.

Gab es jetzt ansonsten, abgesehen von der unsinnigen Friedhofsgeschichte, Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung in den Internaten? Hier schwirren verschiedene Berichte herum, und manche glaubwürdiger als andere. Ich habe vor, da mal etwas Recherche zu betreiben und zu schauen, ob und wo man belastbare Informationen finden kann, z. B. auch bei den Informationen, die die sog. „Truth and Reconciliation Commission“ gesammelt hat. Hier will ich nur fürs erste mal davor warnen, alles sofort zu glauben, was man liest. Unter den Sachen, die Leute im Internet verbreiten, findet sich nämlich z. B. auch so was:

Bild

Ja, hier wird behauptet, dass ein paar kanadische Nonnen in den späten 1940ern einfach mal ein Baby in einen Ofen geworfen hätten, und zwar vor den Augen einer Schülerin und einer anderen Nonne, ohne sich die Mühe zu machen, irgendetwas auch nur ansatzweise zu verbergen. Schließlich gab es ja keine Polizei und nichts in Kanada. Das wirkt in etwa so, wie wenn eine alte Frau von den Erfahrungen aus ihrer deutschen Dorfschule in den 50ern berichten würde: „Fräulein Hintermeier war ziemlich streng und hat mir mit dem Rohrstock auf die Finger geschlagen, wenn ich mit meiner Banknachbarin geflüstert habe. Sie hat das eine Roma-Mädchen in unserer Klasse oft ungerecht behandelt. Außerdem hat sie mal ein rothaariges Mädchen auf dem Scheiterhaufen verbrannt.“

Wie kommt es, dass so etwas verbreitet wird? Manchmal denken sich Leute einfach irgendwas aus, fertigen eine Grafik an und stellen sie ins Internet. Manchmal gibt es auch wirkliche Zeugenaussagen, aber die Zeugen haben aus irgendeinem Grund gelogen. Manchmal gibt es aber auch das „false memory syndrome“, manchmal haben auch Leute, die eine wirkliche Traumatisierung erlebt haben (z. B. durch eine frühe Trennung von der Familie und Vernachlässigung in einem Internat), Schwierigkeiten, Reales und Nicht-Reales auseinanderzuhalten, und es entwickeln sich in ihren Gedanken falsche Erinnerungen an weitere Traumatisierungen, gerade, wenn sie damals noch Kinder waren. Manchmal werden Menschen aber auch solche Kindheitserinnerungen durch Suggestivfragen eingeredet, z. B. von unseriösen Therapeuten, die sich darauf versteifen, sie würden etwas verdrängen.

Bei alldem kann man sich an eine Geschichte aus Irland erinnert fühlen. Die Medien bringen skandalös wirkende Überschriften: Bei einem kirchlichen Kinderheim in Tuam sollen hunderte Kinderleichen in einer Klärgrube entsorgt worden sein. Auch hier stellt sich dann heraus, es handelt sich um einen normalen Kinderfriedhof neben einer ehemaligen, zugeschütteten Klärgrube; und die Kindersterblichkeit in den Heimen waren genauso hoch, wie man es in dem bettelarmen Land, das Irland zu Beginn des 20. Jahrhunderts war, in überfüllten Heimen erwarten konnte. Todesursachen waren Tuberkulose, Masern, Magen-Darm-Krankheiten usw.

Die Magdalenenheime blieben in den Schlagzeilen. Dabei ging völlig unter, wofür sie eigentlich da waren. Gegründet wurden solche Heime im 19. Jahrhundert zuerst zur Rehabilitation von Prostituierten, die der Prostitution entkommen wollten, dann auch, um unehelich schwangere Frauen aufzunehmen, deren Familien sie nicht bei sich haben wollten, oder die ihre Kinder heimlich gebären wollten. (Manchmal wurden auch sonstige Obdachlose oder Not leidende Leute aufgenommen.) Den Frauen wurde geholfen, eine Arbeit zu finden, bevor sie die Heime wieder verließen, und keine Frau wurde gezwungen, in ein solches Heim zu gehen, wenn sie unehelich schwanger war; aber viele hatten wohl nicht viele Alternativen, weil sie sonst auf der Straße gesessen hätten. Die Nonnen, die diese Heime betrieben, hatten meistens finanzielle Schwierigkeiten (der Staat gab auch nur wenig Geld dazu, auch wenn die Nonnen immer wieder darum baten), weshalb auch die aufgenommenen Frauen dort z. B. in Wäschereien arbeiten mussten, damit überhaupt Geld hereinkam. Oft wurden die in den Heimen geborenen Kinder dann zur Adoption freigegeben; es gab wohl auch einen gewissen Druck auf die Frauen, die Kinder adoptieren zu lassen, da man sie selbst nicht für geeignet als Mütter hielt. Manche wurden auch in den Heimen selbst aufgezogen. Was wohl tatsächlich stimmt, ist, dass es öfter eine gewisse Vernachlässigung und Kaltherzigkeit gegenüber den Frauen und ihren Kindern gab, und eben auch, dass Druck gemacht wurde, die Kinder zur Adoption freizugeben, aber nichts davon kommt an das Bild der höllischen Konzentrationslager heran, das gewisse Medien sich in den letzten Jahren bemüht haben zu verbreiten.

Auch erinnert fühlen kann man sich an das 19. Jahrhundert, als in antiklerikalen und protestantischen Kreisen Geschichten herumschwirrten, in katholischen Nonnenklöstern würden junge Frauen eingesperrt, Nonnen hätten Beziehungen mit Priestern und würden die daraus resultierenden Kinder töten und heimlich vergraben, usw. Die (erwiesenermaßen gefälschten) Geschichten über Maria Monk fallen einem da ein.

Wobei man hier auch sagen muss, dass falsche Geschichten über Gräueltaten ja nicht nur die Kirche betreffen, und manchmal auch um ganz wirkliche Verbrechen herum gestrickt wurden (wie z. B. bei Leuten, die sich, um sich wichtig zu machen, als Holocaustopfer ausgaben). Falsche Geschichten schließen nicht aus, dass es auch wirkliche Verbrechen gab; aber solange man noch keine Beweise für diese wirklichen Verbrechen gesehen hat, sollten die falschen Geschichten zumindest einen gewissen Skeptizismus hervorrufen.

Jedenfalls, woher kommt hier die Leichtgläubigkeit so vieler Leute? Vielleicht ist es teilweise berechtigtes Grundmisstrauen gegenüber Heimerziehung, vielleicht ist es teilweise die Lust am Grusel beim Zusammentreffen des Heiligseinsollenden und des Grausigen. Ich weiß auch nicht.

Am Ende jedenfalls würde ich sagen: Das Ganze wirkt bis jetzt etwa so, wie wenn im Jahr 2100 jemand herausfände, dass im frühen 21. Jahrhundert alte Leute oft in Altenheime abgeschoben wurden, dass einige Altenheime von der Kirche betrieben wurden, und dass die Heimbewohner dort manchmal vernachlässigt wurden, dass es Pfleger gab, denen sie egal waren oder die ihre Macht über sie ausspielten, und dann dazudichten würde, dass irgendwelche Nonnen hunderte alte Leute ermordet hätten, und deswegen Kirchen anzünden würde.

Es ist etwas sehr Ernstes, Menschen schlimmer Verbrechen zu beschuldigen, besonders dann, wenn viele von diesen Menschen sehr alt oder tot sind und sich nicht mehr wehren können. Und man sollte es nicht einfach mal schnell so leichtfertig tun, auch wenn man sich dann Vorwürfe anhören muss, als wären einem Missbrauchsopfer und tote Kinder egal.

2 Gedanken zu “Von kanadischen Internaten und irischen Mutter-Kind-Heimen

  1. Das alles erinnert doch stark an eine Begebenheit vor ca. 2000 Jahren:
    Und die kamen mit den Ältesten zusammen, hielten Rat und gaben den Soldaten viel Geld und sprachen: Sagt, seine Jünger sind in der Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, während wir schliefen. Und wenn es dem Statthalter zu Ohren kommt, wollen wir ihn beschwichtigen und dafür sorgen, dass ihr nichts zu fürchten habt. Sie nahmen das Geld und taten, wie sie angewiesen waren. Und dies Gerücht hat sich bei Juden verbreitet bis auf den heutigen Tag.

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  2. „Es ist etwas sehr Ernstes, Menschen schlimmer Verbrechen zu beschuldigen“ – ja. Aber ich habe nach dem Überfliegen einiger Artikel zum Thema den Eindruck, hier geht es gar nicht darum, einzelne Menschen zu beschuldigen (was schlimm genug wäre, wenn es Falschbeschuldigungen wären). Ginge es um einzelne Menschen, hätte man ja genauer recherchiert und konkreten Einzelpersonen konkrete Verbrechen nachgewiesen. Vielmehr scheint mir – ähnlich wie bei den Kindesmißbräuchen durch Priester – der Vorwurf gegen die Kirche „an sich“ zu gehen. Also nicht gegen einzelne Menschen, sondern gegen… den mystischen Leib Christi. Und damit gegen Gott, der uns die Kirche gegeben hat. Der modische Vorwurf der „strukturellen Gewalt“: nicht einzelne (oder gar ich selbst!) sind verbrecherisch oder böse, sondern ganze Strukturen oder Institutionen sind „menschheitsfeindlich“ („böse“ sagt man ja auch nicht mehr, es heißt menschheitsfeindlich, demokratiefeindlich, freiheitsfeindlich oder fortschrittsfeindlich) und müssen weg – müssen gesellschaftlich geächtet und am besten zerschlagen werden, damit endlich alles gut wird auf diesem Planeten. Diejenigen, die nun fanatisiert herumziehen und Kirchen verbrennen, haben die Botschaft also richtig verstanden.

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