Die Piusbruderschaft: Fairness bitter nötig

Ich habe an diesem Artikel schon ziemlich lang gearbeitet; und auch meine eigene Meinung erst langsam ausgearbeitet. Jetzt, nach Franziskus‘ Maßnahme gegen die alte Messe, gewinnt das ganze Thema noch mal neue Relevanz; aber ich dachte mir, diese neueste Entwicklung streife ich hier nur kurz, lasse den Artikel ansonsten so, wie er war, und gehe dann eigens noch mal drauf ein.

Seit ca. fünf Monaten gehe ich jetzt regelmäßig zur Messe bei der Piusbruderschaft. Bitte nicht gleich entrüstet kommentieren oder aufhören zu lesen. Ich hatte auch früher eine relativ negative – allmählich positiver werdende – Meinung zur Piusbruderschaft und habe sie lange als „schön und gut, aber die sind doch trotzdem ungehorsam“ gesehen. Dann habe ich langsam festgestellt, dass das erstens ziemlich oberflächlich und zweitens ziemlich unfair war.

Das Wichtigste zuerst: Die Piusbruderschaft ist, auch wenn sie keinen anständigen kirchenrechtlichen Status (mehr) hat, nicht schismatisch, und war das auch nie; und Rom selbst hat sogar 2002 (als die Beziehungen noch angespannter waren) klargestellt, dass man bei ihr seine Sonntagspflicht erfüllen kann, und ihren Priestern seit dem Jahr der Barmherzigkeit 2015 sogar offiziell die nötige Vollmacht fürs Beichtehören und für Eheschließungen gegeben. Das geht nicht, wenn jemand gar nicht katholisch ist. Die Frage bei der Piusbruderschaft ist, ob es für ihren praktischen Ungehorsam gegenüber der Kirchenhierarchie, die sie anerkennt, genügend Rechtfertigungsgründe gibt; aber schismatisch sind weder die Priester noch ihre Anhänger.

(Und zwischendurch einmal bei ihr die Messe zu besuchen, weil man z. B. sonst keine alte Messe erreichen kann, kann auch von denen nicht als Sünde konstruiert werden, die finden, man sollte ihren Ungehorsam verurteilen und sich nicht damit gemein machen.)

Ihr kirchenrechtlicher Status ist etwas kompliziert; aber er wäre vergleichbar mit dem eines Pfarrers, den sein Bischof wegen angeblicher Finanzvergehen von seinem Pfarramt abgesetzt hat, der aber seine Unschuld beteuert und seine Absetzung nicht anerkennen will. Hier würde niemand behaupten, der Pfarrer oder Ex-Pfarrer wäre nicht mehr katholisch; er begeht weder Kirchenspaltung noch vertritt er Irrlehren, die Frage ist nur, ob er die Beauftragung für dieses konkrete Amt innerhalb der Kirche rechtsgültig hat und im Namen der Kirche lehren und die Sakramente spenden darf. Wenn er unerlaubt die Messe hält, wäre er ungehorsam, nicht schismatisch.

Die Frage ist wie gesagt gar nicht, ob die FSSPX schismatisch ist. Sie ist, ob

a) sie Grund genug für ihren Ungehorsam hatte bzw. heute immer noch hat

b) sie auch supplizierte Vollmacht zur Sakramentenspendung und kirchlichen Leitung hat, ob bei ihr das Prinzip ecclesia supplet greift (das wird dafür wichtig, ob vor 2015 die bei ihr abgelegten Beichten und geschlossenen Ehen gültig waren; mehr dazu unten; ihre Messen sind sowieso immer gültig gewesen)

Zunächst mal stellte sich ja bei ihr keine dieser Fragen; im Jahr 1970 wurde sie ganz normal als eine Vereinigung diözesanen Rechts mit der Zustimmung eines schweizerischen Bischofs gegründet. Auch da feierten die Piusbrüder nur die alte Messe (die nicht offiziell verboten worden war, aber zu dieser Zeit überall durch die neue Messe ersetzt wurde) und hielten an der alten Theologie fest, und es gab zuerst keine rechtlichen Probleme (auch wenn das Seminar in Êcone öfter schief angesehen war); übrigens auch keine lehramtlichen Verurteilungen irgendeiner konkreten Position des Gründers, Erzbischof Lefebvre.

Mgr Lefebvre - Marcel Lefebvre new
(Lefebvre, hier noch Jahre vor dem Konzil mit Papst Pius XII.)

Bzgl. dieser frühen Jahre dürften auch gemäßigtere, zur FSSP oder zu einer diözesanen alten Messe gehende Tradis das Vorgehen des Erzbischofs für absolut legitim und notwendig gehalten haben. Mit dem Konzil passierte nun mal ein Abbruch sondergleichen.

Wenn ich mir als eine, die über dreißig Jahre nach dem Konzil geboren ist, die vorkonziliare Zeit vor Augen halte, wirkt sie erstmal richtig fremd: Im Religionsunterricht werden die klaren, eindeutigen Sätze des Katechismus gelehrt, statt dass nur Gruppenbastelarbeiten veranstaltet werden. Man muss sich sein theologisches Wissen nicht mühsam irgendwo zusammensuchen, sondern bekommt es direkt präsentiert. Man kann bei den theologischen Fakultäten an den Unis davon ausgehen, dass zumindest keine offensichtlichen Häresien gelehrt werden, und wenn Professoren das doch tun sollten, werden sie gemaßregelt. Der Priester liest die Messe einfach nach dem Messbuch. Es besteht praktisch nie ein Anlass, sich Sorgen zu machen, dass man eine ungültige Absolution empfängt. Man hat auch beim Beichten nicht das Gefühl, dass der Priester, bei dem man beichtet, gar nicht mehr wirklich an die Bedeutung der Beichte glaubt oder die Hälfte der Sünden, die man beichtet, gar nicht für Sünden hält, und einem eben nur die Absolution gibt, weil er es soll. Man muss sich nach dem Kommunionempfang keine Sorgen machen, ob irgendwelche Hostienkrumen auf der Erde gelandet sein könnten, weil alle die Kommunion in den Mund empfangen und der Ministrant die Patene drunter hält. Der Altersdurchschnitt in Nonnenklöstern liegt nicht bei 80. Wenn man sich das so vorstellt, denkt man sich doch unwillkürlich: Was mussten die damals eigentlich über ein paar Luxusprobleme jammern.

Ich will gar nicht behaupten, dass damals alles gut gewesen sein muss – als ob das je so sein könnte, es wird immer irgendwelche Missstände, auch schlimme Missstände, geben -, aber zumindest ein Teil dessen, was nicht gut war, dürfte gewesen sein, dass sich in den 50ern (und vorher) eben schon dieselben Probleme ankündigten, die dann beim und nach dem Konzil voll in den Vordergrund treten sollten. Und ich hoffe, man wird es einem nach einem Erdbeben nicht übelnehmen, dass man das halb eingestürzte Haus wehmütig mit dem ein wenig baufälligen Haus vorher vergleicht.

Man kann jetzt langwierig darlegen „aber die Konzilstexte kann man immer noch hauptsächlich in einem rechtgläubigen Sinn interpretieren und das meiste, was darin steht, sind längst bekannte Wahrheiten, und in den Texten der neuen Messe stehen auch keine Häresien“, das ist alles schön und gut: Aber die Modernisten stützten sich trotzdem auf die wenigen falschen und die häufigeren zweideutigen Stellen und die ganze Atmosphäre. Diese Atmosphäre vermittelte: Es bewegt sich jetzt etwas, es soll sich noch mehr bewegen; vorher waren wir eigentlich gar nicht richtig christlich, jetzt entdecken wir langsam das richtige Christentum. Und das Resultat war, dass das ganze übliche katholische Leben aufgegeben wurde und bald kein Kommunionkind mehr wusste, wer Jesus eigentlich ist.

Zum Problem der neuen Messe (und anderer „Reformen“) ein Vergleich:

Man stelle sich ein Land mit etlichen Provinzen vor, in dem ein König herrscht. Der Provinzstatthalter führt regelmäßige Zeremonien durch bzw. lässt sie von unteren Beamten durchführen, z. B. um den Geburtstag des Königs zu feiern oder auch, um ihn selber willkommen zu heißen, wenn er zu Besuch in die Provinz kommt. Dann werden Reformen durchgeführt, bei denen diese Zeremonien massiv abgekürzt und umgeändert werden, und in die einige Gegner der Monarchie neue Ausdrücke hineinbringen, die eine gewisse Ablehnung der Monarchie implizieren oder jedenfalls eine Absicht, die Autorität der Monarche zu schwächen, und eine Geringschätzung des Königs. Das, was man früher feierte, soll auf keinen Fall mehr so stark gefeiert werden. Ein Teil der Beamten des Provinzstatthalters lehnt diese Reformen ab und hält nach dem alten Brauch weiterhin die pompösen Zeremonien ab, wenn es etwas zu feiern gibt oder der König gerade in ihre Stadt kommt. Gleichzeitig wird vom Provinzstatthalter den Gegnern des Königs mehr oder weniger freie Hand gelassen, in seiner Provinz gegen den König zu agitieren und sich mit Vertretern aggressiver ausländischer Mächte in Verbindung zu setzen, die das Land öfter angegriffen haben, die wären ja nach deren Ansicht gar keine wirklichen Feinde; gelegentlich gibt es ein paar mahnende Worte vom Provinzstatthalter, aber nicht viel mehr, während die am alten Brauch hängenden Beamten abgesetzt werden sollen.

Das ist in etwa das, was hier passiert ist. Denn bei jeder Messe kommt unser König, Christus, das Oberhaupt der Kirche, dessen Statthalter der Papst ist, zu uns zu Besuch, und die Messe wurde in einer Weise umgeändert, durch die typisch katholische Wahrheiten in den Hintergrund treten sollten, sodass man nicht mehr so sehr anders wirken würde als die Protestanten und sich mit ihnen besser ökumenisch verständigen könnte (an der Ausarbeitung der neuen Messe waren protestantische Theologen beteiligt), und in einer Weise, durch die die Bedeutung der Messe massiv verdunkelt wurde. Besonders betrifft das den Charakter der Messe als ein Opfer, ein Sühnopfer für die Sünden. Mir war vor einiger Zeit noch gar nicht bewusst, wie viel textlich an der Messe herumgestrichen wurde. (Wenn man sich einen Eindruck davon verschaffen will, kann man z. B. hier stöbern.) Auch der komplette Festkalender wurde verändert. Zum Vergleich: In früheren Zeiten gab es halbe Aufstände, wenn ein Papst nur ein paar Worte im Hochgebet hinzufügen wollte, ohne sonst etwas zu ändern. Und keine einzige dieser Änderungen war positiv – keine stellte Gottes Größe oder Liebe besser heraus, machte die Messe schöner oder die Leute andächtiger. (Übrigens auch der Wechsel von Latein zur Landessprache nicht. Der Islam und andere Religionen zeigen, dass eine heilige Sprache, die unveränderlich ist und den Bereich des Heiligen abgrenzt, den Leuten gerade helfen kann, das Heilige zu verstehen, vor allem dann, wenn man auch in Übersetzungen präsentiert bekommt, was genau sie jetzt eigentlich sagt – und das war ja vor dem Konzil mit den zweisprachigen Volksmessbüchern wie dem Schott der Fall.) Die ganze Reform war rein destruktiv; man wollte sich anpassen, und sich vom typisch Katholischen distanzieren. Es war alles eine Abschwächung, inspiriert von Modernisten, die den Glauben gar nicht mehr so ganz hatten.

Erzbischof Marcel Lefebvre – der in Frankreich aufgewachsen, in Rom im Seminar gewesen, nach kurzer Zeit als diözesaner Kaplan in Frankreich dem Orden der Spiritaner beigetreten war, in Afrika Missionar gewesen war, dort Priester ausgebildet hatte und Erzbischof von Dakar im Senegal geworden war, außerdem Apostolischer Delegat für das ganze französischsprachige Afrika, dann kurze Zeit Bischof einer kleinen französischen Diözese und schließlich Generaloberer der Spiritaner – war einer der Konzilsväter, und gehörte dem traditionellen Flügel an, ebenso wie z. B. der schon sehr alte Kardinal Ottaviani, Leiter des Hl. Offiziums (heute Glaubenskongregation). Wenn man die Schriften des Erzbischofs vom Beginn des Konzils liest, merkt man eine gewisse leichte Besorgnis, aber auch optimistische Aussichten; es war nicht so, dass er das Konzil von vornherein abgelehnt hätte. Die liberale Seite – zu der auch der Konzilsberater Joseph Ratzinger gehörte – hatte allerdings im Endeffekt auf dem Konzil mehr, na ja, Erfolg bei der Organisation, und das auch wegen mancher Intrigen. (Aber das hier soll keine Geschichtsschreibung über das Konzil werden, damit kenne ich mich sowieso insgesamt zu wenig aus.)

Marcel Lefebvre - Wikipedia
(Erzbischof Lefebvre.)

Wenn man Lefebvres Schriften im Lauf des Konzils liest, fällt auf, dass er zuerst auch stark besorgt war, wie die „Kollegialität“ betont wurde, dass viele Theologen z. B. meinten, der Papst habe nicht die volle Jurisdiktionsgewalt in der Kirche, sondern habe sie immer nur zusammen mit den Bischöfen, aber dann erleichtert war, dass die Konzilstexte sich doch einigermaßen klar über diesen Punkt ausdrückten. Lefebvre verteidigte die Autorität des Papstes in der Weltkirche, aber auch die des Bischofs in seiner Diözese, die durch die Bischofskonferenzen und alle möglichen Gremien innerhalb des Bistums eingeschränkt zu werden drohte. Damit hatte er auch Recht; viele Köche verderben den Brei, und bei Gremienarbeit (die noch dazu langwierig und umständlich ist) kommt oft nichts Halbes und nichts Ganzes heraus; außerdem ist sie eine schöne Möglichkeit dafür, persönliche Verantwortung zu verwischen. Jesus hatte ja einen Grund, wieso Er einzelne über die Weltkirche und die Diözesen gesetzt hat.

Ein anderes, gravierenderes Problem, war jedoch die Frage der Religionsfreiheit, und hier muss man wirklich sagen, dass im Konzilstext selber das Problem liegt. Kardinal Ottaviani hatte einen Text „Über die religiöse Toleranz“ vorgeschlagen, aber die liberale Seite brachte einen Text über die „Religionsfreiheit“ durch. Traditionelle katholische Lehre war nun immer gewesen, dass nicht nur einzelne sich zu Christus bekennen sollen, sondern auch Staaten, und dass andere Religionen toleriert werden können, aber nicht Maßstab des staatlichen Handelns sein sollen, und dass (auch wenn man natürlich niemandem die Taufe aufzwingen kann, da der Glaube etwas Innerliches ist) es kein natürliches Recht gibt, etwas Falsches nach außen hin zu verbreiten. Das kann einem erst mal sehr radikal und abwegig vorkommen. Aber im Grunde genommen erkennt jeder heute dasselbe Prinzip an; z. B. will man radikalen Islamisten keine Religionsfreiheit zugestehen (und definiert ihre Religion daher als „nicht wirklichen Islam“, sodass man sich nicht eingesteht, dass man die Religionsfreiheit einschränkt). Auch im politischen Bereich sieht es jeder, dass Meinungen gefährlich sein und Schaden anrichten können, dass Leute Lügen und Halbwahrheiten verbreiten und eine vollkommene Meinungsfreiheit nicht machbar ist. (Auch wenn es wohl sehr unterschiedliche Ansichten dazu gibt, welche Meinungen die gefährlichen sind.) Man sieht es nicht als natürliches Recht an, sämtliche Lügen, Halbwahrheiten, Fehlschlüsse und Irrtümer zu verbreiten, die Menschen schaden können, und das zu Recht. Und falsche Ideen über Gott und das Wesen des Menschen können natürlich noch mehr Schaden zufügen als falsche Ideen über den Staat. Man kann Leute nicht einfach so direkt zwingen, falsche Ideen aufzugeben, aber man kann ihnen zumindest Hilfestellungen dafür anbieten, davon loszukommen, und die Verbreitung der Ideen verbieten – wie man es z. B. auch bei Drogen tut. In Staaten mit religiös vielfältiger Bevölkerung wird man zu Kompromissen finden müssen, aber das sind eben die Begrenzungen in der Praxis. Eine relativ weitgehende Religionsfreiheit als bürgerliches Recht, in der Verfassung garantiert, kann man schon haben und achten. Aber ideal ist es, dass die wahre Religion zumindest bevorzugt wird.

Auch heute noch gibt es übrigens Länder, die eine Staatsreligion haben, und die verlangen, dass die Inhaber bestimmter Ämter dieser Religion angehören müssen, oder die eine Religion besonders bevorzugen bzw. andere einschränken. In England darf der Thronfolger kein Katholik sein, in Israel ist Missionsarbeit bei Minderjährigen verboten und Missionsarbeit generell wird sehr misstrauisch beäugt und eher eingeschränkt, in der theoretisch säkularen Türkei durften fast hundert Jahre lang keine neuen Kirchen gebaut werden. So gab es auch Länder mit katholischer Staatsreligion. Der Kanton Wallis in der Schweiz beispielsweise behielt trotz ein paar Gesetzesänderungen immerhin bis 1993 die katholische Religion als Staatsreligion bei. In Spanien war es so gewesen, dass die katholische Religion als Staatsreligion gemäß der Verfassung öffentlichen Schutz genoss und nur öffentliche Kundgebungen dieser Religion zugelassen waren, aber die private Ausübung und das Bekenntnis anderer Religionen toleriert wurde. Auch in Südamerika gab es Länder mit katholischer Staatsreligion (z. B. Kolumbien). Und leider muss man sagen: Dass diese katholischen Länder diese besondere Stellung der Kirche abschafften, kam nicht zuletzt daher, dass es der Kirche selber jetzt auf einmal peinlich war, sie zu fordern, und sie eigentlich sogar dagegen agitierte. Die Kirche wollte virtue signalling betreiben und zeigen, dass sie ganz freundlich zu anderen Religionen war, und gab dadurch ihren Einfluss auf einige Staaten auf, obwohl sie durch diesen Einfluss viel Gutes hätte bewirken können (z. B. auf eine wirklich christliche Gesetzgebung hinwirken hätte können). (Heute gibt es nur noch sehr vereinzelte Länder mit katholischer Staatsreligion, z. B. Malta.)

Erzbischof Lefebvre schreibt:

„Kardinal Ottaviani behandelte seinerseits die Frage sehr korrekt: ‚Ebenso, wie sich die weltliche Gewalt für berechtigt erachtet, die Staatsbürger vor den Verführungen des Irrtums zu schützen, … kann sie auch von sich aus die öffentlichen Kundgebungen anderer Kulte regeln und beschränken und die Staatsbürger gegen die Verbreitung falscher Lehren schützen, die nach dem Urteil der Kirche ihr ewiges Heil gefährden.‘ […]

Die Verbreiter falscher Ideen über natürlich auf die Schwächsten, auf die am wenigsten Gebildeten, einen Druck aus. Wer wird bestreiten, daß der Staat die Pflicht hat, die Schwachen zu schützen? Das ist seine vornehmste Aufgabe, der Grund dafür, daß sich die Menschen zu einer Gesellschaft organisiert haben. […]

Ich glaube, daß kein Katholik, selbst wenn er ratlos wäre, auf die Idee käme, einer Regierung den Vorwurf zu machen, Drogen zu verbieten, weil sie damit auf die Süchtigen einen Zwang ausübt. […]

Die Segnungen, welche die katholische Religion mit sich bringt, zeigen, wie illusorisch die Voreingenommenheit der postkonziliaren Geistlichen ist, die meinen, sich jeden Zwanges, ja sogar jeder Einflußnahme auf die ‚Nichtglaubenden‘ enthalten zu müssen. In Afrika, wo ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe, bekämpfte die Mission die Geiseln der Polygamie, der Homosexualität, der Mißachtung der Frau, die zur Sklavin oder zu einer Sache wird, sobald die christliche Kultur schwindet. Man weiß ja, wie erniedrigend die Lage der Frau auch in der islamische Gesellschaft ist. An dem Recht der Wahrheit, sich durchzusetzen und an die Stelle der falschen Religionen zu treten, ist nicht zu zweifeln. Dennoch befürwortet die Kirche in der Praxis nicht etwa einen blinden Starrsinn hinsichtlich des öffentlichen Kultes dieser Religionen. Sie hat immer offen bekundet, daß dieser Kult von der Staatsgewalt toleriert werden kann, um ein größeres Übel zu vermeiden. Deshalb hat Kardinal Ottaviani die Bezeichnung ‚religiöse Toleranz‘ vorgezogen.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 97-99)

Die Frage ist hier nicht vorrangig, welche Mittel zulässig sind, um andere Religionen einzuschränken – das kommt auch immer drauf an, wie schädlich, wie gewalttätig und wie gefährlich diese konkret sind. Es geht viel grundsätzlicher darum, dass der Glaube das Recht hat, eine Rolle in der Öffentlichkeit zu spielen, dass Katholiken nach einem katholischen Staat streben dürfen. Es geht auch nicht darum, wie durchsetzbar das ist; es geht darum, dass man das Ziel haben darf. Wie Liberale einen liberalen Staat wollen, oder Umweltschützer einen (genau nach ihren Vorstellungen) umweltschützerischen, so sollten auch Katholiken nach einem katholischen Staat streben wollen dürfen, freilich alles auf anständige Weise. Es geht darum, dass Christus König sein soll. „Wenn die Kirche unter einem laizistischen oder atheistischen Regime de facto auf den Rang einer Vereinigung unter anderen in der Gesellschaft reduziert ist, kann sie für den Augenblick kaum etwas anderes für die Gegenwart erhoffen und beanspruchen als einen Status des ‚gemeinen Rechts‘ zusammen mit den anderen Vereinigungen innerhalb des Gemeinwesens, doch diese prekäre Lösung infolge dieser ganz besonderen (wenngleich de facto sehr verbreiteten) Situation kann keineswegs als die allgemeine und unversehrte Lehre betrachtet werden“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 48)

Die weltliche Gesellschaft sollte es den Leuten erleichtern, ihr ewiges Ziel bei Gott zu erreichen, nicht dem neutral gegenüberstehen, meinte der Erzbischof. (Dass der Glaube des einzelnen erzwingbar wäre, behauptete er gar nicht.) Auf das Argument, die Zeiten hätten sich geändert, antwortet er: „Das heißt, das Öffentliche Recht der Kirche vor dem Stand der Dinge beugen zu wollen. Es ist sogar noch schlimmer, es heißt, die Apostasie der Völker zu einer unentrinnbaren geschichtlichen Notwendigkeit zu machen.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 45)  Er führte auch an, dass die gesellschaftliche religiöse Gleichgültigkeit in aller Regel auch die private religiöse Gleichgültigkeit zur Folge hatte.

Und hier war wirklich das Konzilsdokument „Dignitatis Humanae“ das Problem. Denn die offensichtliche Lesart sagt gerade, dass (obwohl private religiöse Indifferenz schlecht sei) religiöse Toleranz auch für das öffentliche Verbreiten von falschen Religionen nicht nur ein notwendiges Übel oder ein bürgerliches Recht, sondern ein positives Gut sei. Jetzt kann man an den genauen Formulierungen herumkritteln und z. B. darauf eingehen, dass noch „gebührende Grenzen“ der Religionsfreiheit erwähnt werden. Aber das ist nur so eine kleine Einschränkung; die prinzipielle Stoßrichtung ist klar, und vor allem ist klar, wie der Durchschnittsmensch das verstehen wird. Früher war die Kirche sich dessen bewusst und formulierte Dokumente sehr genau. Manchmal ändern sich Ausdrucksweisen im Lauf der Zeit, oder man muss spezielle Fachausdrücke kennen, aber die Kirche legte Wert auf Klarheit, auf Eindeutigkeit, und machte im Notfall nachträglich klar, was gemeint war. Hier? Jeder normale Mensch musste den Eindruck eines Abweichens von vorigen Aussagen der Päpste haben.

Hier ist eine Sache wichtig: Das Konzil war ein Pastoralkonzil, kein dogmatisches. Es beanspruchte für Dokumente wie „Dignitatis Humanae“ keine Unfehlbarkeit und deswegen kann man auch kein Abtrünniger werden, wenn man dieses Dokument als falsch sieht. Man muss nicht das Konzil als Ganzes für ungültig halten; seine Dokumente beanspruchen keine Unfehlbarkeit, und folglich muss ich ihnen auch keine zusprechen. Natürlich muss man nicht nur die streng genommen unfehlbaren Dokumente des Lehramts im Allgemeinen mit Ehrfurcht behandeln; aber wenn man bereits etliche hat, die gegen etwas sprechen, und dann plötzlich eins, das dafür spricht, muss man nicht speziell dieses eine über die anderen, die noch dazu höhere Autorität haben, stellen.

Damit zusammenhängend sah Erzbischof Lefebvre natürlich auch den Ökumenismus als großes Problem. Vor dem Konzil war die Kirche ja den ökumenischen Ideen, die damals schon unter protestantischen Kirchen verbreitet waren, generell ablehnend gegenübergestanden, einfach weil der Ökumenismus die Ansicht verbreiten konnte, dass alle Kirchen nur einen Teil der Wahrheit hatten und keine es besser wüsste als die anderen oder gar von anderen Christen erwarten sollte, zu ihr zu konvertieren. Jetzt war sie selbst vorne mit dabei. Das Weltgebetstreffen in Assisi oder der Korankuss von Johannes Paul II. schockierten tatsächlich einige – und zurecht. Unter dem Koran waren die Christen jahrhundertelang verfolgt und mit mal mehr, mal weniger hartem Druck abtrünnig gemacht worden; und beim Weltgebetstreffen konnte man quasi den Eindruck gewinnen, als würden Katholiken zum selben Gott beten wie Buddhisten, deren Vorstellungen dem Atheismus näher sind als irgendeiner monotheistischen Religion. Natürlich war das schlimm. Hier wurden viele Katholiken völlig ratlos und wussten gar nicht mehr, ob man jetzt noch dasselbe glauben durfte wie früher. Und Johannes Paul II. – obwohl er ein Papst war, der sicher rechtgläubig sein wollte, der persönlich sympathisch war und gegen manche Exzesse einschritt – war hier auch nicht schuldlos (nicht in Bezug auf seine persönliche Schuld gemeint; aber seine Handlungen waren oft nicht hilfreich). Er wollte praktisch die schlimmsten Auswüchse zurückhalten, aber doch irgendwie daran festhalten, dass mit „dem“ Konzil eine neue Ära gekommen war, und auf jeden Fall Religionsfreiheit und Ökumene hochhalten.

Zu: Koran-Kuss war nutzlos: Papst Johannes Paul stirbt als ein Gottloser  pius.info - PDF Kostenfreier Download
(Johannes Paul II. küsst den Koran.)

Der Erzbischof merkte auch an, wie oft auf dem Konzil quasi das Lehramt der öffentlichen Meinung angerufen wurde, wie oft es auch in den Konzilstexten „die Welt von heute hat erkannt“, „die Welt von heute erwartet von uns“ oder so ähnlich hieß. Statt dass man anhand der gesammelten Weisheit von 2000 Jahren die typischen Fehler der Welt anging, nahm man sie als Lehrmeisterin an. Das wird manchmal auch ein bisschen peinlich – man lese nur mal den Anfang von Gaudium et spes. Und es gibt ja auch sonst noch ein paar Dinge, die man, ohne dass das Konzil viel dazu gesagt hätte, seit dem Konzil quasi aufgehört hat, zu verkünden; z. B. die Lehre, dass, obwohl beides sehr gut ist, Jungfräulichkeit/Zölibat an sich besser ist als die Ehe (ohne dass deswegen alle Zölibatären besser sind als alle Verheirateten).

Und es ist ja nicht so, dass das Konzil ansonsten viel Gutes bewirkt und nur ein paar Flüchtigkeitsfehler in unwesentlichen Dokumenten gehabt hätte. Denen, die sich auf dem Konzil durchsetzten, ging es gerade darum, die zweideutigen und falschen Stellen in Dokumenten wie Dignitatis Humanae und Gaudium et spes durchzubringen, um in dieser Richtung fortschreiten zu können. (Man denke auch an die zweideutige Formulierung, die wahre Kirche sei „verwirklicht in“ der katholischen Kirche.) Das Konzil brachte auch nette Texte heraus, die hauptsächlich altbekannte Wahrheiten wiederholten, aber diese hatten nicht viel Einfluss; und es brachte keine guten Texte heraus, die relevante neue Irrtümer verurteilt hätten o. Ä.

Erzbischof Lefebvre warnte also schon auf dem Konzil vor Fehlentwicklungen, damals noch zusammen mit anderen, und ohne viel Erfolg; 1968 sah er sich gezwungen, sein Amt als Generaloberer der Spiritaner niederzulegen, weil der Orden sich in eine falsche Richtung entwickelte, bei der er sich nicht beteiligen wollte. Dann hatte er eigentlich keinen besonderen Posten mehr und hätte sich zur Ruhe setzen können. Einige Jahre später schrieb er über die Gründung der FSSPX und die Sanktionen gegen ihn:

„Sie gehören vielleicht zu denen, ratlose Leser, die mit Trauer und Angst den Verlauf sehen, welchen die Dinge nehmen, die sich aber doch davor fürchten, eine wahre Messe zu besuchen, obwohl Sie sich danach sehnen, weil man Ihnen weismachen wollte, daß diese Messe verboten ist. […] Sie haben Angst, sich außerhalb der Kirche zu stellen. Diese Angst ist im Prinzip lobenswert, aber sie beruht hier auf falschen Vorstellungen. […]

Schon vor diesem Zeitpunkt [1968] wandten sich zahlreiche Familien und Priester mit der Frage an mich, an welche Ausbildungsstätten sie die jungen Männer weisen sollten, die Priester werden wollten. Ich muß gestehen, daß ich diesbezüglich sehr unschlüssig war. Nachdem ich von meinen Verantwortungen entbunden war und gerade beabsichtigte, mich zurückzuziehen, dachte ich an die Universität Freiburg in der Schweiz, die noch thomistisch orientiert und geleitet war. Der Bischof, Mgr. Charrière, empfing mich mit offenen Armen. Ich mietete ein Haus, und wir nahmen neun Seminaristen auf, die die Vorlesungen an der Universität besuchten und während der übrigen Zeit ein regelrechtes Seminarleben führten. Sie zeigten sehr bald den Wunsch, auch weiterhin miteinander zu arbeiten. Nach einiger Überlegung fragte ich Mgr. Charrière, ob er bereit wäre, ein Gründungsdekret für eine ‚Bruderschaft‘ zu unterzeichnen. Er billigte deren Statuten, und so entstand am 1. November 1970, die ‚Priesterbruderschaft St. Pius X.‘ Damit waren wir in der Diözese Fribourg kanonisch errichtet.

Wie Sie noch sehen werden, sind diese Einzelheiten wichtig. Ein Bischof hat kanonisch das Recht, in seiner Diözese Vereinigungen zu errichten, die Rom schon auf Grund dieser Errichtung anerkennt, und zwar so weit, daß ein anderer Bischof, ein Nachfolger des ersteren, der diese Vereinigung oder Bruderschaft aufheben möchte, dies nicht tun kann, ohne sich an Rom zu wenden. Die römische Oberbehörde schützt das, was der erste Bischof errichtet hat, damit die Vereinigungen nicht einer Widerruflichkeit ausgesetzt sind, die für ihre Entwicklung schädlich wäre. […] Es gibt Hunderte von Ordenskongregationen diözesanen Rechts, die Häuser in der ganzen Welt haben. […]

Als es notwendig wurde, ein regelrechtes Seminar zu eröffnen und ich das Haus in Ecône – ein ehemaliges Erholungsheim für die Chorherrn vom Großen Sankt Bernhard – gemietet hatte, suchte ich den Bischof von Sion [Sitten], Mgr. Adam auf, der mir seine Zustimmung gab. […] Von Jahr zu Jahr ist die Zahl der Seminaristen gewachsen; im Jahr 1970 sind 11 eingetreten, 1974 waren es 40. Bei den Neuerern verbreitete sich Unruhe […]

Und so sind am 11. November 1974, mit dem ersten Schnee, zwei Apostolische Visitatoren im Seminar erschienen. Sie waren von einer Kommission entsandt, die von Papst Paul VI. ernannt worden war und aus den Kardinälen Garrone, Wright und Tabera bestand – letzterer war Präfekt der Heiligen Kongregation für die Ordensleute und die Säkularinstitute. Sie befragten zehn Professoren und zwanzig der hundertvier anwesenden Seminaristen wie auch mich selbst. Zwei Tage später reisten sie wieder ab und hinterließen einen unangenehmen Eindruck: Sie hatten vor den Seminaristen skandalöse Reden geführt, die Priesterweihe Verheirateter für normal erachtet, hatten erklärt, daß sie keine unveränderliche Wahrheit gelten ließen, und Zweifel an der traditionellen Auffassung von der Auferstehung unseres Herrn geäußert. Über das Seminar sagten sie nichts und hinterließen auch keinerlei Protokoll. Daraufhin veröffentlichte ich, empört über die von ihnen geführten Reden, eine Erklärung, die mit folgenden Worten begann: ‚Wir hängen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele am katholischen Rom, der Hüterin des katholischen Glaubens und der zur Aufrechterhaltung dieses Glaubens notwendigen Traditionen, am ewigen Rom, der Lehrmeisterin der Weisheit und der Wahrheit.

Wir lehnen es dagegen ab und haben es immer abgelehnt, dem Rom einer neomodernistischen und neoprotestantischen Tendenz zu folgen, die sich auf und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und in allen Reformen, die aus diesem hervorgegangen sind, klar gezeigt hat.‘ [Hier eine englische Übersetzung der ganzen kurzen Erklärung.]

Diese Sprache war sicher etwas scharf, aber sie drückte damals meine Gedanken aus, die auch heute noch dieselben sind. Die Kardinalskommission hat hierauf beschlossen, unsere Vernichtung auf diesen Text zu gründen, denn sie konnte sich für ihr Vorhaben nicht auf die Führung des Seminars beziehen: Die Kardinäle erklärten mir nämlich zwei Monate später, daß die Apostolischen Visitatoren bei ihren Erhebungen einen guten Eindruck gewonnen hätten.

Die Kardinalskommission hat mich für den 13. Februar des folgenden Jahres zu einer ‚Unterredung‘ nach Rom eingeladen, um einige Punkte zu klären, und ich habe mich dort eingefunden, ohne zu ahnen, dass man mir eine Falle stellte. Die Unterredung verwandelte sich von Anfang an in ein straffes Verhör wie vor Gericht. Es folgte ein zweites am 3. März, und zwei Monate darauf informierte mich die Kommission „mit der vollen Billigung Seiner Heiligkeit“ über die Beschlüsse, die sie getroffen hatte: Mgr. Mamie, dem neuen Bischof von Fribourg, wurde das Recht zuerkannt, die von seinem Vorgänger erteilte Approbation der Bruderschaft zurückzuziehen. Damit hätte diese, ebenso wie ihre Gründungen, in erster Linie das Seminar von Ecône, ihre ‚Existenzberechtigung‘ verloren.

Ohne die amtliche Bekanntmachung dieser Beschlüsse abzuwarten, schrieb mir Mgr. Mamie: ‚Ich informiere Sie also, daß ich die von meinem Vorgänger gesetzten Rechtshandlungen und erteilten Konzessionen hinsichtlich der Priesterbruderschaft St. Pius X. zurückziehe, insbesondere das Errichtungsdekret vom 1. November 1970. Diese Entscheidung tritt sofort in Kraft.‘

Wenn Sie meinen Ausführungen gefolgt sind, können Sie feststellen, daß diese Aufhebung vom Bischof von Fribourg vorgenommen wurde und nicht vom Heiligen Stuhl. Nach Canon 493 [des damals geltenden Kirchenrechts] ist dies also eine wegen mangelnder Zuständigkeit rechtlich nichtige Maßnahme.

Dazu kommt noch der Mangel an ausreichenden Gründen. […] Meine Erklärung war aber niemals Gegenstand einer Verurteilung durch die Heilige Kongregation für die Glaubenslehre (das ehemalige Heilige Offizium), die allein zu dem Urteil darüber berufen ist, ob sie in Gegensatz zum katholischen Glauben steht. Sie wurde ja nur von drei Kardinälen als ‚in allen Punkten unannehmber‘ befunden, und zwar im Verlauf einer Veranstaltung, die offiziell nach wie vor als Unterredung gilt.

Die rechtliche Existenz der Kommission selbst wurde niemals bewiesen. Mit welchem päpstlichen Akt wurde sie eingesetzt? Unter welchem Datum? In welcher Form wurde der Akt abgefaßt? Wem wurde er amtlich bekanntgegeben? Die Tatsache, daß die römischen Autoritäten seine Vorlage verweigerten, erlaubt Zweifel an seiner Existenz. ‚Im Rechtszweifel verpflichtet das Gesetz nicht‘, sagt das kirchliche Gesetzbuch; um so weniger, wenn die Kompetenz, ja sogar das Vorhandensein einer erkennenden Behörde zweifelhaft ist. Die Worte ‚mit der vollen Billigung Seiner Heiligkeit‘ sind juristisch unzureichend; sie können nicht das Dekret ersetzen, das die Kardinalskommission konstituieren und ihre Vollmachten hätte umschreiben müssen.

Lauter Verfahrensmängel, die die Aufhebung der Bruderschaft nichtig machen. Man darf auch nicht vergessen, daß die Kirche nicht eine totalitäre Gesellschaft von nazistischem oder marxistischem Typ ist, und daß das Recht, selbst wenn es respektiert wird – was in dieser Sache eben nicht der Fall ist -, keinen absoluten Begriff darstellt. Das Kirchenrecht ist geschaffen, um uns das geistige Leben zu ermöglichen und uns so zum ewigen Leben zu führen. Benützt man dieses Gesetz, um uns zu hindern, dorthin zu gelangen, um gewissermaßen unser geistiges Leben abzutöten, dann sind wir verpflichtet, den Gehorsam zu verweigern, genauso wie die Bürger eines Landes verpflichtet sind, dem Gesetz über die Abtreibung nicht zu gehorchen.

Um im Bereich des Juristischen zu bleiben: Ich habe zweimal nacheinander bei der Apostolischen Signatur, die etwas Ähnliches ist wie der Oberste Gerichtshof im bürgerlichen Recht, Berufung eingelegt.

Der Kardinalstaatssekretär, Mgr. Villot, hat diesem höchsten Gericht der Kirche verboten, die Rekurse anzunehmen, was einen Eingriff der Regierungsgewalt in die richterliche Gewalt darstellt.“ (Offener Brief an die ratlose Katholiken, S. 165-171.)

Die Piusbruderschaft sah und sieht also ihre Aufhebung als eine rechtlich mit Verfahrensfehlern belastete und außerdem grundsätzlich ungerechte Maßnahme. Jetzt könnte man sagen: „Aber dann gehorcht man eben einer ungerechten Maßnahme. Gott wird es schon irgendwie zum Guten führen, wenn man gehorcht.“ Aber das ist keine katholische Denkweise. Ein Gesetz ist nur dann wirklich ein Gesetz, wenn es dem Gemeinwohl dient – ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz. Und dieses Gesetz hier schadete dem Gemeinwohl, nicht nur einfach deshalb, weil eine rechtmäßig gegründete Vereinigung sich nicht wirklich etwas zu schulden kommen hatte lassen und nicht einfach aufgelöst werden sollte, sondern vor allem, weil diese Vereinigung für viele Menschen verlässliche Seelsorge bot, die sie sonst bei ihren Pfarrern nicht mehr bekommen konnten. Gerade in den 70ern war ja die Situation oft noch viel katastrophaler, als man aus den Konzilsdokumenten hätte irgendwie begründen können. Da hatte man schon mal ungültige Messen und Priester, die sich weihen ließen in der Erwartung, dass bald der Zölibat fallen würde, und die sowieso nicht mehr an die Auferstehung Jesu glaubten.

Und deshalb hatte die Piusbruderschaft auch recht damit, ihre Aufhebung, da ungerecht, als nichtig anzusehen, und einfach so weiterzumachen.

Da sie das als nichtig sah, schrieb sie sich auch weiterhin die Vollmacht zu, Beichten zu hören und bei Trauungen zu assistieren. Anders als bei anderen Sakramenten ist es hierbei ja so, dass zur Gültigkeit nicht nur der gültig geweihte Priester da sein muss, sondern dieser Priester auch die Beauftragung vom Bischof haben muss; ein suspendierter Priester beispielsweise spendet die Absolution ungültig und auch eine Ehe ist ungültig, wenn sie vor ihm geschlossen wird. Aber hier ist eine Sache wichtig: Es gibt das Prinzip „Ecclesia supplet“ – Die Kirche ersetzt im Notfall die fehlende Vollmacht. Ein einfacher Fall wäre z. B., wenn ein frisch geweihter Priester davon ausgehen konnte, dass seine Beichtvollmacht ab 1.8. gilt, aber wegen irgendeinem Fehler gilt sie erst ab 1.9. In diesem Fall ersetzt die Kirche die fehlende Vollmacht und die im August bei ihm abgelegte Beichte wird gültig. (Es gibt auch noch andere „Notstandsregeln“; z. B. darf die Ehe auch ohne Priester geschlossen werden, wenn man längere Zeit keinen finden kann.)

Auch hier berief sich die Piusbruderschaft eben wieder auf den Notstand: Gläubige, die einen verlässlichen Beichtvater oder eine gute Ehevorbereitung und Brautmesse suchten, hatten oft wenige Möglichkeiten und brauchten sichere Seelsorge. Und hier hatte sie, soweit ich das beurteilen kann, vollkommen Recht. Die Notsituation zu leugnen heißt, sich selber blind stellen und den eigenen Verstand beleidigen. Man muss sich als guter Katholik nicht alles schönreden, damit die Kirchenhierarchie gut herauskommt. Manchmal begehen auch Bischöfe sehr schwere Sünden und vernachlässigen ihre Aufgaben komplett. Ein solcher Fall wie nach dem Konzil ist historisch ziemlich selten, nicht mal die Arianismuskrise im 4. Jh. reicht ganz heran; und besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen; und nach dem Kirchenrecht ist das oberste Gesetz das Heil der Seelen. Die Kirche ist vielleicht eine absolute Monarchie, aber keine totalitäre Diktatur, in der es willkürlich und unsinnig zugeht, sondern eine rechtsstaatliche absolute Monarchie.


(Der Erzbischof ist auf dem Bild in der Mitte zu sehen.)

Es ging dann noch weiter; zuerst erhielt Lefebvre 1976 die Suspension a divinis (was ihm die Spendung der Sakramente untersagte) und es gab ein Verfahren vor der Glaubenskongregation, das Anfang 1978 eingeleitet wurde, bei dem der Erzbischof nach Rom geladen wurde, um Stellung zu einigen Fragen zu nehmen, das aber am Ende zu nichts führte.

Ihm wurden seine Ansichten zur Religionsfreiheit vorgeworfen; auf die Widersprüche mit früheren Päpsten wurde nicht eingegangen. So schrieb Kardinal Seper an ihn: Durch die Konzilserklärung wird dieser Punkt der Lehre klar zum Bestandteil der Unterweisung durch das Lehramt und beansprucht, obwohl er nicht Gegenstand einer Definition ist, willige Aufnahme und Zustimmung.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 15f.) (Was Lefebvre, wie man sich denken kann, nicht anerkannte.)

Auch, dass Lefebvre die neue Messe als etwas sah, das den Glauben schmälerte und angriff, wurde beanstandet: „Ein Gläubiger kann jedenfalls nicht in Zweifel stellen, daß ein vom Obersten Hirten promulgierter sakramentaler Ritus mit der Glaubenslehre im Einklang steht, vor allem wenn es sich um den Ritus der Messe handelt, die das Herzstück des Lebens der Kirche bildet.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 17) Der Erzbischof hielt ja den neuen Ritus nicht für ungültig; aber sehr wohl für etwas, das den Glauben nicht genug zum Ausdruck brachte und die Leute allmählich in eine falsche Richtung lenkte, auch wenn er nichts direkt Häretisches ausdrückte, er sah ihn als „die Häresie begünstigend“, nicht als „häretisch“. Wieso ein Katholik das nicht denken könnte, wurde nicht gesagt.

Ihm wurde vorgeworfen, das 2. Vatikanum und Paul VI. anzugreifen und sich allmählich ins Schisma zu begeben: „Sie beginnen, ob Sie es wollen oder nicht, mit Priestern, die Sie geweiht haben und die faktisch von Ihnen allein abhängen, eine Gruppierung zu bilden, die geeignet ist, eine dissidente kirchliche Gemeinschaft zu werden.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 25) Daraufhin wiederholte Lefebvre schlicht und einfach, dass der Gehorsam gegenüber Menschen Grenzen habe: „Nun wurden die uns auferlegten Verbote dazu erlassen, um uns zu dem Einverständnis zu verpflichten, daß unser Glaube gemindert und angegriffen werde. Deshalb sind wir überzeugt, daß diese Vorschriften keinerlei Gesetzeskraft besitzen.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 115) „Von uns zu verlangen, daß wir unsere Seminare schließen und die neue konziliare und postkonziliare Richtung annehmen, hieße uns zwingen, zur Zerstörung der Kirche beizutragen, die Autorität des römischen Apostolischen Stuhls zu unterminieren. Nur weil wir dem Lehramt der Kirche treu bleiben wollen, flehen wir den Heiligen Vater an, sich auch selbst treu zu sein“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 118)

Hier kann man den Vorwürfen noch am ehesten eine gewisse Glaubwürdigkeit zugestehen; von außen mochte es für unwissende Beobachter so aussehen, als entstünde hier ganz langsam eine eigene Kirche. Aber an dieser Situation ließ sich vonseiten Lefebvres nun einmal nichts ändern, solange er nicht das ganze Wirken der Piusbruderschaft aufgeben wollte; das Problem war, dass Rom dieses Wirken nicht gefiel. Und er machte immer wieder klar, dass er eben keine eigene Kirche aufbaute und nur ungerechten Befehlen nicht gehorchte.

In diese Zeit fielen der Tod von Paul VI., die Wahl und 33 Tage später der Tod von Johannes Paul I., und die Wahl von Johannes Paul II. In einem Brief Ende des Jahres 1978 bat Lefebvre Johannes Paul II., die traditionellen Gemeinschaften doch einfach zuzulassen: „Welche Schwierigkeit bereitet eine derartige Haltung? Keine. Die Bischöfe würden Orte und Zeiten bestimmen, die für diese Überlieferung reserviert wären. Die Einheit wäre auf der Ebene des örtlich zuständigen Bischofs sofort wiedergefunden. […] Die Priorate würden den Diözesen durch Predigten von Pfarrmissionen, Exerzitien nach Art des hl. Ignatius und Dienstleistungen in den Pfarren, in voller Unterordnung unter die Ortsbischöfe dienen.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 150f.)

Im Januar 1979 gab es dann ein Treffen bei der Glaubenskongregation. Man fragte ihn, ob er nicht handle, als ob die Hierarchie nicht mehr existiere, wenn er seinen Priestern supplizierte Jurisdiktion zuschreibe. Er antworte nicht, dass die Hierarchie nicht mehr existiere, sondern sagte: „Man kann der Ansicht sein, daß die Hierarchie in bestimmten Ländern ganz allgemein nicht mehr ihre Aufgabe erfüllt.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 163) Über seine Unterwerfung unter den Papst sagte er: „Solange nicht die päpstliche Unfehlbarkeit betroffen ist, stellt es kein Delikt des Aufruhrs dar, wenn ein Bischof seine Schwierigkeiten öffentlich darlegt, falls er sich dabei auf die Überlieferung stützt. Die Einwände, die ich der Gesamtheit der Liturgiereform entgegenhalte, berücksichtigen die Tatsache, daß Papst Paul VI. die Liturgiereform als disziplinäre Reform betrachtete.“ (Erzbischof Marcel Lefebvre und das Heilige Offizium, S. 174) Er erkärte auch, dass es sein Wunsch sei, dass die FSSPX eine Gesellschaft päpstlichen Rechts werde, die ihre Seelsorge und Priesterausbildung so weiterführen könne.

Noch einmal: Er stellte gegenüber seinen Priestern und den Gläubigen, die deren Messen besuchten, immer klar, dass er keine eigene Kirche gründete, kein Oberhaupt einer Gegenkirche war:

„Gleich zu Beginn will ich ein Mißverständnis klären, und zwar so nachdrücklich, daß ich nicht mehr darauf zurückkommen muß: Ich bin kein Anführer einer Bewegung, noch viel weniger das Haupt einer eigenen Kirche. Ich bin nicht, wie man unaufhörlich schreibt, ‚der Anführer der Traditionalisten‘. Ja, man ist soweit gegangen, gewisse Leute als ‚Lefebvristen‘ zu bezeichnen, als ob es sich um eine Partei oder um ein eigenes theologisches Lehrsystem handelte. Das ist eine unzulässige Redeweise.

Ich vertrete auf religiösem Gebiet keine persönliche Lehre. Mein ganzes Leben lang habe ich mich an das gehalten, was man mich auf der Schulbank des Französischen Seminars von Rom gelehrt hatte, nämlich die katholische Lehre, wie sie das Lehramt seit dem Tod des letzten Apostels, der das Ende der Offenbarung bedeutet, von Jahrhundert zu Jahrhundert überliefert hat.

Darin kann nichts enthalten sein, was dem Sensationshunger der Journalisten und, durch sie, der öffentlichen Meinung als Nahrung dienen könnte. Trotzdem geriet am 29. August 1976 ganz Frankreich in Aufregung, als bekannt wurde, daß ich in Lille die Messe lesen würde. Was war so außergewöhnlich daran, daß ein Bischof das heilige Meßopfer zelebriert? Ich mußte vor einem Wald von Mikrophonen predigen, und jeder meiner Sätze wurde als aufsehenerregende Erklärung begrüßt. Was habe ich denn anderes gesagt, als was jeder beliebige andere Bischof hätte sagen können?

Aber das ist ja eben des Rätsels Lösung: Diese anderen Bischöfe haben seit einer Reihe von Jahren nicht mehr das Gleiche gesagt. Haben Sie sie zum Beispiel oft vom Königtum unseres Herrn Jesus Christus über die Gesellschaft reden hören?“ (Marcel Lefebvre, Offener Brief an die ratlosen Katholiken, 3. Aufl. Stuttgart 2012, S. 13)

Und bei aller Kritik an den Päpsten war es nicht so, dass die Piusbrüder völlig unfair ihnen gegenüber gewesen wären. Lefebvre äußerte sich mehrmals sehr positiv über das „Glaubensbekenntnis“ von Paul VI., das dieser 1968 öffentlich ablegte, und das eine schöne Darstellung des rechten Glaubens ist.

„Der Heilige Vater veröffentlichte am 30. Juni 1968 sein Glaubensbekenntnis. Das war ein Akt, der vom dogmatischen Gesichtspunkt aus wichtiger ist als das ganze Konzil.

[…] Als der Papst sich erhob, um es zu sprechen, erhoben sich auch die Kardinäle, und alle übrigen Anwesenden wollten es ihnen gleich tun, aber er ließ alle sich wieder niedersetzen; er wollte allein, als Stellvertreter Christi, sein Credo proklamieren, und er tat es mit den feierlichsten Worten, im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, vor den heiligen Engeln, vor der ganzen Kirche. Folglich hat er einen Akt gesetzt, der den Glauben der Kirche bindet.

So haben wir diesen Trost und dieses Vertrauen, zu fühlen, daß der Heilige Geist uns nicht im Stich gelassen hat. Man kann sagen, daß die Arche des Glaubens, die ihren Stützpunkt im Ersten Vatikanischen Konzil hat, einen neuen Stützpunkt in dem Glaubensbekenntnis Pauls VI. findet.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 132.)

Was man der Piusbruderschaft manchmal vorwerfen kann, ist, dass zu leichtfertig Begriffe wie „Konzilskirche“ verwendet werden, was implizieren könnte, dass Novus-Ordo-Gemeinden nicht Teil der wahren Kirche wären, sondern dass auf dem Konzil eine neue Kirche entstanden wäre. Das ist eine Ungenauigkeit im Reden; denn vertreten tut die Piusbruderschaft eine solche Ansicht gerade nicht. Die Ansicht ist, dass die Kirche besetzt und von vielen Übeln geplagt ist, gegen die man sich wehrt, aber nicht, dass sie nicht mehr Kirche ist; die FSSPX wird nicht als die einzig wahre Kirche, sondern als Gruppe innerhalb der Kirche gesehen, die als fast einzige (neben ein paar kleineren Gruppen) ausreichend Widerstand gegenüber den Übeln leistet.

Z. B. sagt Pater Franz Schmidberger in einem neuen Interviewbuch mit Ingo Langner: „Und, um es klar zu sagen, wir haben nicht die Verheißung der Unvergänglichkeit, die hat allein die Kirche. ‚Portae inferi non praevalebunt – Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.‘ Das gilt für die Kirche, das gilt nicht für die Piusbruderschaft! Mit allen menschlichen Abschätzungen muss man sagen, die Piusbruderschaft wird weiterbestehen. Aber das sind rein menschliche Kategorien, während die Kirche als solche die Verheißung hat, dass sie nie untergehen wird.“ (Ausschnitt aus „Die Mächte der Finsternis“, veröffentlicht im Mitteilungsblatt der FSSPX vom Januar 2020, S. 33f.)

Ich finde es auch von Pfarrer Hans Milch, dem Gründer der actio spes unica, der mit der Piusbruderschaft eng verbunden war, schön ausgedrückt:

„Im lockeren Gespräch, wo die Worte nicht auf die Goldwaage gelegt werden, da man voneinander weiß, wie’s gemeint ist, kann man schon mal sagen: ‚Konzils-Kirche‘ oder ‚Neu-Kirche‘, womit – sprachlich unkorrekt zusammengezogen – zum Ausdruck kommen soll die vom neomodernistischen Ungeist bedeckte und besetzte Kirche.

Jemand schrieb mir im Zeichen des Vorwurfs – bezogen auf den letzten spes-unica-Sonntag: ‚Interessant war für mich bei Ihrem gestrigen Vortrag auch die Feststellung, daß auch die Kirche Johannes XXIII. und Pauls VI. usw. die wahre katholische Kirche sei.‘

Meine Freunde! Es gibt nur die eine, heilige, katholische und apostolische römische Kirche. Sonst kann es keine Kirche geben, also auch nicht eine Kirche Johannes XXIII. und Pauls VI. Es gibt freilich die Katastrophe, die sich unter Roncalli und Montini im Innenraum der Kirche ereignet hat, da mit ihrer Duldung das antikirchliche erobernd und verwüstend einbrach. Ob diese Duldung die beiden im Sinne einer subjektiven Schuld belastet oder nicht, können wir nicht beurteilen. Wir haben für beide zu beten. Alle Mutmaßungen über ihre persönlichen Qualifikationen oder Nichtqualifikationen sind Zeitverschwendung. Wir haben uns damit nicht zu befassen. Uns erfüllt einzig die Sorge um die große Wende, da die Kirche wieder, wie ich zu sagen pflege, in ihrem eigenen Licht aufleuchten wird!

Was die Progressisten beherrschen, ist der Raum der Kirche; was sie besetzt halten, ist der Boden der Kirche. Erkennbar sind die Stahlgerüste ihrer ursprünglichen Struktur, die mißbraucht ist und mit Falschem ausgefüllt. Einmal schrieb ich: ‚Sie ist wie ein wankendes Gerippe.‘ Das war keine ‚dichterische Pathetik‘, sondern sehr präzise zu verstehen: das Skelett ist eben noch erkennbar. Die Substanz, das ‚Fleisch‘, ist unsichtbar geworden, im Verborgenen, in innerer oder äußerer Emigration. Der Gedanke, daß da eine ’neue Kirche‘ entstanden wäre, ist theologisch unhaltbar. Hätte sich die katholische Kirche als solche quasi ‚unter der Hand‘ in eine ‚andere‘ verwandelt, so wäre die Verheißung widerlegt: ‚Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen!‘ Die Kirche als unerkennbar gewordenes, besetztes Gebiet – in Oasen und scheinbar ‚außen‘ in Erscheinung tretenden Zentren lebend – ist dagegen noch lange nicht überwältigt. Man muß Theologie treiben in Ernst und tiefem Verantwortungsbewußtsein.

Überhaupt – auch in unseren Reihen schläft Satan keineswegs. Auf der einen Seite sehr viel Unwissenheit und mangelnde Unterscheidungskraft, auf der anderen Seite das Herumschwadronieren mit theologischen Privatmeinungen. Die in unseren antiprogressistischen Reihen Lehramt ausüben, müssen, weil das Amt der letztinstanzlichen Entscheidung zur Zeit nicht in Erscheinung tritt, mit doppelter Selbstdisziplin sich auf das beschränken, was absolut gesichert ist.“

Trotzdem, diese Ungenauigkeit im Reden kann man ihr manchmal vorwerfen.

(Ich habe manchmal auch den Eindruck, dass in den Veröffentlichungen der FSSPX manchmal eine gewisse pompös-dramatische Ausdrucksweise überhand nehmen kann. Aber das ist ja auch in allen möglichen christlichen Kreisen der Fall, und ein ziemlich unwichtiger Kritikpunkt; ich schreibe sicher auch immer wieder stilistisch unschön.)

Erzbischof Lefebvre beschreibt den Konflikt zwischen dem Traditionalismus und dem Rest der Kirche folgendermaßen:

„Es gibt Priester, die oft nicht mehr wissen, was sie tun sollen: Entweder gehorchen sie blind dem, was ihre Vorgesetzten ihnen aufzwingen, und verlieren in gewisser Weise den Glauben ihrer Kindheit und ihrer Jugend, sie brechen das Gelöbnis, das sie bei ihrer Weihe durch den Antimodernisteneid abgelegt haben; oder sie leisten Widerstand, haben aber das Gefühl, sich vom Papst zu trennen, der unser Vater und der Stellvertreter Christi ist. Welche Zerrissenheit in beiden Fällen! Viele Priester sind vor Schmerz vorzeitig gestorben.

Und wie viele andere wurden gezwungen, ihre Pfarreien aufzugeben, in denen sie seit Jahren ihren Dienst ausgeübt hatten, weil sie einer offenen Verfolgung durch ihre Hierarchie ausgesetzt waren und obwohl ihre Gläubigen, denen man damit ihren Hirten entrissen hat, sich für sie einsetzten!“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 159.)

„Denn es ist ein Meisterstück Satans, daß er die Katholiken so weit gebracht hat, im Namen des Gehorsams der gesamten Tradition ungehorsam zu sein.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 161.)

Und deshalb beharre ich unabänderlich auf meinem Standpunkt, und wenn Sie den tiefsten Grund dieser Beharrlichkeit wissen wollen, will ich Ihnen sagen: Wenn unser Herr mich in der Stunde meines Todes fragen wird: ‚Was hast du aus deinem Bischofsamt gemacht, was hast du mit deiner bischöflichen und priesterlichen Gnade gemacht?‘ will ich nicht aus Seinem Mund die furchtbaren Worte hören: ‚Du hast mit den anderen dazu beigetragen, die Kirche zu zerstören.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 193)

Und genau das hier ist der Punkt: Dass der Gehorsam nicht das Wichtigste ist, sondern im Dienst der Wahrheit und des Guten steht. Blinder Gehorsam ist nicht katholisch. Wenn eine minderjährige Tochter gegen seinen Willen bei ihrem Vater auszieht, der sie misshandelt, und zu ihrer Tante zieht, ihn aber immer noch grundsätzlich als ihren Vater anerkennt, kann man ihr nichts vorwerfen. Und die Hierarchie der Kirche hat die Gläubigen misshandelt, immer und immer wieder.

Im Jahr 1987 kündigte Lefebvre dann seine Absicht an, Weihbischöfe zu konsekrieren. Er wollte keine Jurisdiktion für sie beanspruchen; sie sollten da sein, um Firmungen und Priesterweihen durchführen zu können, wenn er selbst tot war, aber er wollte sie nicht zu Ortsbischöfen über irgendwelche Orte einsetzen, was er für sich ja auch nicht beanspruchte. Rom war offensichtlich etwas erschrocken, und ging wieder etwas auf die FSSPX zu, bot neue Gespräche an. Pater Schmidberger sagte in einem Vortrag von 1988, in dem er über Roms Motive spekulierte, dass einige wohl inzwischen gemerkt hätten, dass die Kirche zu modernistisch geworden sei und die FSSPX als Korrektiv zulassen wollten, um zu einem Gleichgewicht zu finden: „Solche Leute – ohne Zweifel gehören die Kardinäle Ratzinger und Oddi zu ihnen – wollen also die Priesterbruderschaft als Hofhund gegen den Progressismus einsetzen, der freilich an die Kette gelegt und an kurzer Leine zu halten ist, um einerseits zu bellen, aber ja nicht zu beißen!“ (Franz Schmidberger, Die Bischofskonsekrationen des 30. Juni 1988, Stuttgart 1988, S. 25) Man vermutete aber auch, dass Rom quasi den Aufruhr verhindern und ein kontrolliertes Aussterben der traditionellen Gemeinschaften wollte; dass man ihnen genug Zwänge auferlegen würde, um sie nach und nach zu ersticken.

Ein Kardinal Gagnon, der der FSSPX gegenüber freundlich eingestellt war, visitierte sie; es gab dann Anfang 1988 Gespräche in Rom und es wurde in Aussicht gestellt, dass die FSSPX eine Gemeinschaft päpstlichen Rechts werden könnte und man in Rom eine Überbehörde mit der Zuständigkeit für die traditionalistischen Gemeinschaften schaffen könnte. Erzbischof Lefebvre drängte darauf, dass die FSSPX unabhängig gegenüber den Ortsbischöfen sein sollte, dass sie möglichst bald eigene Bischöfe bekommen sollte, und dass die angedachte Kommission in Rom mit traditionalistischen Klerikern besetzt sein sollte. Rom war dabei nicht sehr entgegenkommend; die Kommission sollte aus fünf Mitgliedern der römischen Kurie, darunter Kardinal Ratzinger als Vorsitzender, und zwei Traditionalisten bestehen; Bischöfe wollte man zuerst überhaupt nicht zugestehen, Bischöfe von außerhalb könnten ja die Weihen und Firmungen übernehmen. Da die meisten Bischöfe der FSSPX gegenüber sehr feindlich eingestellt waren, waren deren Vertreter nicht erfreut; schließlich stellte Rom einen Bischof in Aussicht.

„Am Abend kam man zu einem gewissen Rahmenabkommen: In einem ersten Teil erklärt Monseigneur im Namen der gesamten Priesterbruderschaft die Unterwerfung unter den Papst; er ist damit einverstanden, einen kurzen, durchaus korrekten Text des Konzils über das Lehramt (‚Lumen gentium‘ Nr. 25) zu unterschreiben; er anerkennt die sakramentale Gültigkeit des Novus Ordo Missae und der neuen Sakramentsformen gemäß der lateinischen Ausgabe und anerkennt auch das neue Kirchenrecht, wobei für das Konzil, den NOM und die Sakramente wie auch für das neue Kirchenrecht mit der Tradition schwer, sprich nicht vereinbare Punkte später zu klären wären. Diese Reserven wurden also von Rom ausdrücklich anerkannt.

Ein zweiter Teil sah die Errichtung der Priesterbruderschaft als apostolische Gemeinschaft päpstlichen Rechts vor mit relativer Exemption von den Ortsbischöfen. Sie sollte abhängen von einer römischen Kommission, zusammengesetzt wie oben beschrieben im Verhältnis 5:2. Man gestand die Weihe eines Bischofs aus der Reihe der Bruderschaft zu, allerdings ohne Angabe eines konkreten Konsekrationsdatums.

Erzbischof Lefebvre unterzeichnete am 5. Mai dieses Rahmenabkommen, das es nun mit Leben erfüllen galt. Er schrieb am gleichen Tag einen Brief an den Papst mit der Bitte, die Prozedur der Verwirklichung in die Wege zu leiten.

Was hatte den Erzbischof zur Unterschrift bewogen? Gewiß, er hatte seine Bedenken gegen den ersten Teil der Erklärung. Die Zusammensetzung der römischen Kommission war alles andere als zufriedenstellend gelöst und ein Datum für die Bischofskonsekration war nicht zu bekommen. Aber andererseits war das Prinzip eines Bischofs zugestanden; die Türe einmal geöffnet, konnten vielleicht weitere Konsekrationen im Laufe der Zeit folgen.

Intensives Nachdenken brachte ihn allerdings zu der begründeten Überzeugung, die im Rahmenabkommen niedergelegten Bedingungen insgesamt seien bei der derzeitigen Geisteshaltung Roms kein hinreichender Schutz gegen die Auflösung der gesamten Tradition.

Folglich schrieb er sofort am Tage danach, am 6. Mai, einen Brief an Kardinal Ratzinger, in dem er darlegte, daß die im Protokoll enthaltenen Bedingungen, insbesondere bezüglich des Datums der Bischofskonsekration, ganz und gar unzureichend seien. Später sagte er uns, die Muttergottes habe uns aus einer Falle errettet.

Kardinal Ratzinger antwortete noch am gleichen Tag: Der Prozeß der Versöhnung – mit diesem Term bezeichnet er die Normalisierung – könne unter diesen Bedingungen nicht in die Wege geleitet werden. Auch betrachtete man den Brief des Erzbischofs vom 5. Mai, an den Papst gerichtet, als nicht ausreichend; man ließ Monseigneur einen Textentwurf zukommen mit einem eigenen Paragraphen, wo er sich entschuldigen würde für das Unrecht, das er dem Heiligen Stuhl zugefügt habe.

Aufs Neue wird Erzbischof Lefebvre nach Rom geladen. Mit zwei Briefen in der Hand findet er sich am 24. Mai zum Gespräch mit Kardinal Ratzinger ein; der erste Brief ist verfaßt unter dem Datum des 20. Mai und ist an den Papst gerichtet, der zweite trägt des Datum des 24. Mai und wendet sich an Seine Eminenz selbst. Monseigneur legt darin dar, daß a) die Konsekration über den 30. Juni hinaus nicht mehr verschoben werden könne, b) auf Grund der weiten Ausdehnung der Priesterbruderschaft und der überreichlichen Arbeit ein Bischof keineswegs genüge, c) die Besetzung der römischen Kommission mehrheitlich mit Mitgliedern aus der Tradition erfolgen müsse, um einen wirklichen Schutz gegen alle möglichen Einflüsse zu garantieren.

Im Gespräch sichert der Kardinal dem Erzbischof zwar den 15. August als Konsekrationsdatum zu, geht aber auf die Frage nach mehreren Bischöfen überhaupt nicht ein und besteht ausdrücklich auf der vorgesehenen Besetzung der römischen Kommission. […]

Man bat uns außerdem, weitere Namen für die Vorschlagsliste der Bischofskandidaten einzureichen. Offensichtlich waren unsere Vorschläge nicht genehm. Man wollte Kandidaten vom Profil der römischen Vorstellungen, also weich, kompromißbereit, auf zwei Hochzeiten tanzend.

Kurze Zeit später hat Kardinal Ratzinger dann in einem uns hinterbrachten privaten Gespräch die Katze aus dem Sack gelassen: Es handle sich bei der Unterhandlung mit der Priesterbruderschaft um einen langen Versöhnungsprozeß, an dessen Ende Erzbischof Lefebvre das gesamte Konzil anerkennen müsse; die römische Kommission solle nur von kurzer Dauer sein; die ihr unterstellten Ordensgemeinschaften seien schließlich in ihre Ordensverbände zurückzuführen. Ähnliche Vorstellungen hatte der Kardinal auch für die Priesterbruderschaft selbst. […]

An diesem selben 30. Mai fand eine Zusammenkunft der Oberen der verschiedenen mitbetroffenen Ordensgemeinschaften in Frankreich statt, in deren Verlauf der Erzbischof diesen die gesamte Situation vortrug und sie auch um ihren Rat und ihre Stellungnahme bat.

Nach vielen Überlegungen, schlaflosen Nächten, reichem Gebet und dem Einholen des Rates von vielen Seiten hat der Erzbischof am 2. Juni einen Brief folgenden Inhaltes an den Papst geschrieben:

‚Heiliger Vater! Die Unterredungen und Gespräche mit Kardinal Ratzinger und seinen Mitarbeitern, wiewohl in höflicher und liebevoller Atmosphäre stattfindend, haben uns überzeugt, daß der Augenblick für eine freimütige und wirkungsvolle Zusammenarbeit noch nicht gekommen ist … Angesichts der Weigerung, unsere Ersuchen zu berücksichtigen, und da es evident ist, daß das Ziel dieser Versöhnung keineswegs für den Heiligen Stuhl dasselbe ist wie für uns, ziehen wir es vor, günstigere Zeiten für die Rückkehr Roms zur Tradition abzuwarten …‘

Unter dem Datum des 9. Juni antwortet der Papst mit einem feierlichen Appell zugunsten der Einheit der Kirche und mit dem Hinweis auf die kanonischen Strafen, die ausgesetzt sind für den Schritt, den der Erzbischof ins Auge gefasst habe.“ (Franz Schmidberger, Die Bischofskonsekrationen des 30. Juni 1988, Stuttgart 1988, S. 35-38)

Erzbischof Lefebvre ließ sich davon nicht mehr abbringen. Er wählte vier Kandidaten aus und schritt zu den Weihen.

„Inzwischen hatte auch Bischof de Castro Mayer seine Teilnahme als Mitkonsekrator zugesagt. Er traf am Samstag, den 25. Juni zusammen mit vier Priestern der Diözese Campos (Brasilien) in Ecône ein.

Am 29. Juni weihte Monseigneur 13 Seminaristen und 3 Ordensleute zu Priestern. Abends um 18 Uhr kam ein Bote der Nuntiatur von Bern mit einem Telegramm von Kardinal Ratzinger, abgesandt im Auftrage des Papstes. Der Erzbischof möge sofort nach Rom kommen! Wohin in Rom? Um wen in Rom zu treffen? Um über was zu sprechen? Tatsächlich stand ein großer schwarzer Mercedes abfahrbereit zur Verfügung. Wäre nicht bei den tage-, um nicht zu sagen wochenlangen Aufenthalten Monseigneurs in Rom im Januar, im April und zweimal im Mai beste Gelegenheit gewesen, alle Unstimmigkeiten auszuräumen und auch, wenn notwendig, eine Audienz beim Papst in die Wege zu leiten? Oder wollte man jetzt im letzten Augenblick ‚das Schlimmste‘ verhindern und sich vor der Welt den Anschein geben, man habe bis zuletzt die Verständigung gesucht und goldene Brücken gebaut? Über solche Initiativen kann man nur den Kopf schütteln.

Folglich schritt Erzbischof Lefebvre am 30. Juni, am letzten Tage des Herz-Jesu-Monats, zusammen mit Bischof de Castro Mayer zur Bischofskonsekration […]

Noch während der Zeremonie ließ der Vatikan durch seinen Sprecher Navarro die für die sechs Bischöfe angeblich eingetretene Exkommunikation feststellen. Im Brief vom 1. Juli wiederholte Kardinal Gantin diese Feststellung. Er spricht von einem schismatischen Akt und bedroht die Gläubigen, die in Zukunft den exkommunizierten Bischöfen und der Priesterbruderschaft die Treue halten, sie verfielen dem Ausschluß aus der Kirche durch ihre Haltung selbst. Im Motu proprio ‚Ecclesia Dei afflicta‘ vom 2. Juli versichert der Papst jene Priester und Gläubigen, die sich von der Bruderschaft lossagen, des größten Entgegenkommens; Rom werde die im Abkommen vom 5. Mai vorgesehene Kommission schleunigst gründen; außerdem sollten die Ortsbischöfe den Gläubigen mit großzügiger Gewährung der überliferten Liturgie Heimatrecht gewähren.

Tatsächlich hatten uns 10 Priester und 13 Seminaristen wegen der Konsekration den Rücken gekehrt. Einige von ihnen wurden sofort vom Papst empfangen; man hat sogar eine neue Priesterbruderschaft St. Petrus gegründet. Derartige Unternehmen werden indes von nicht viel längerer Dauer sein als alle anderen ähnlichen Versuche früherer Jahre, die samt und sonders kläglich gescheitert sind.“ (Franz Schmidberger, Die Bischofskonsekrationen des 30. Juni 1988, Stuttgart 1988, S. 39-41)

Ganz so kam es ja nun nicht; die Petrusbruderschaft besteht und wächst immer noch, auch die Kommission Ecclesia Dei besteht noch. Dennoch: Einen Bischof hat die Petrusbruderschaft bis heute nicht, obwohl sie ihn rechtmäßigerweise schon lange hätte bekommen sollen, und besonders am Anfang ihres Wirkens wurde sie von den Ortsbischöfen sehr stark eingeschränkt, z. B. brauchten Besucher ihrer Messen eine schriftliche Erlaubnis vom Bischof. Man kann wohl nicht bestreiten, dass damals manche lieber ein kontrolliertes Aussterben oder der Traditionalisten sehen wollten, oder eine Eingliederung in Novus-Ordo-Gemeinschaften, als eine dauernde Duldung. Als Joseph Ratzinger Papst wurde, hatte sich seine Meinung zur Tradition offenbar zumindest so entwickelt, dass er ihr entgegenkommen wollte, was er mit Summorum Pontificum tat, wobei er erklärte, dass die alte Messe eigentlich nie verboten worden war (wie Lefebvre von Anfang an gesagt hatte) und jeder Priester sie feiern könnte.

(Wegen dieser Behinderung des Traditionalismus halte ich die „Abspaltung“ der Petrusbruderschaft von der Piusbruderschaft zwar eher für falsch, aber verstehe sie generell schon; für ihre Gründer war die Sache mit den Bischofsweihen eben eine Gewissensfrage, in der sie zu einem anderen Urteil kamen als der Rest der FSSPX; und sie haben sich ja seitdem um die Tradition wirklich verdient gemacht. Wobei man sagen muss, dass sie zu problematischen Stellen beim Konzil oft ein bisschen leiser sind als die FSSPX.)

Aber zurück zu den Bischofsweihen. In seiner Predigt dazu sagte Erzbischof Lefebvre u. a. folgendes:

„Es ist notwendig, daß Sie gut verstehen, warum wir um nichts auf der Welt mit dieser Zeremonie ein Schisma wollen. Wir sind keine Schismatiker. Wenn über die Bischöfe Chinas, die sich von Rom getrennt und die sich der chinesischen Regierung unterworfen hatten, die Exkommunikation ausgesprochen wurde, versteht man sehr gut, warum Papst Pius XII. das getan hat. Für uns aber kommt es absolut nicht in Frage, uns von Rom zu trennen und uns irgendeiner Rom fremden Macht zu unterwerfen und eine Art Parallelkirche zu gründen, wie es zum Beispiel die Bischöfe von Palmar de Troya in Spanien gemacht haben, die einen Papst ernannt, die ein Kardinalskollegium gegründet haben. Für uns kommen derartige Dinge auf keinen Fall in Frage! Ferne von uns seien so erbärmliche Gedanken wie die, uns von Rom zu trennen. Ganz im Gegenteil, wir nehmen diese Zeremonie vor, um unsere Verbundenheit mit Rom zu manifestieren, um unsere Verbundenheit mit der Kirche aller Zeiten zu manifestieren, mit dem Papst und mit allen jenen, die die Vorgänger der Päpste waren, die nun seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil leider gemeint haben, Irrtümer annehmen zu müssen, schwere Irrtümer, die im Begriffe sind, die Kirche zu zerstören und das katholische Priestertum zu vernichten.

Nichts liegt mir ferner, als mich zum Papst zu erheben! Ich bin nur ein Bischof der katholischen Kirche, der fortfahrt, die Lehre weiterzugeben. „Accepi quod et tradidi vobis.” Ich glaube, ich werde mir wünschen, daß man das auf mein Grab schreibt — es wird zweifellos nicht lange auf sich warten lassen — daß man auf mein Grab schreibt: „Tradidi quod et accepi”, diese Worte des hl. Paulus: „Ich habe empfangen, was ich euch auch überliefert habe”. (1 Kor 11,23) Ich erfinde nichts, ich bin nur der Briefträger, der einen Brief bringt.“

Was genau hatte die FSSPX noch zu ihrer Rechtfertigung zu sagen? Tatsächlich einiges:

Pater Schmidberger argumentiert:

„Ein bedeutender Theologe der jüngeren Zeit, Dom Gréa, spricht in seinem Buch ‚L’Eglise et sa divine constitution‘ [Die Kirche und ihre göttliche Verfasstheit] über die außergewöhnliche Vollmacht eines Bischofs in der Kirche. Der Einzelbischof kann für die Gesamtkirche verantwortlich sein und in dieser Verantwortlichkeit handeln müssen, wenn a) die Religion selbst in Gefahr ist und b) die römische Autorität unerreichbar ist. Wir brauchen wohl nicht mehr auf die Frage des Erfülltseins der ersten Bedingung einzugehen. Aber auch die zweite Bedingung ist erfüllt; denn die römische Autorität als Hüterin und Verteidigerin des Glaubens ist heute für den Katholiken unerreichbar. Der Papst ist der Gefangene seiner eigenen antichristlichen Ideologie.

Dom Gréa gibt ein konkretes historisches Beispiel für ein solches außerordentliches Handeln eines Bischofs an: Als im 4. Jahrhundert die meisten Diözesen von arianischen Bischöfen besetzt waren, weihte Bischof Eusebius von Samosata rechtgläubige Bischöfe und setzte sie in die verwüsteten Diözesen ein. Man behauptet nun, solches sei wenigstens mit stillschweigendem Einverständnis des Papstes geschehen. Nun regierte aber zu jener Zeit Papst Liberius, der den Arianismus eher begünstigte als bekämpfte. Weder konnte Eusebius noch können wir vom heutigen Wissensstand aus das Einverständnis von Papst Liberius voraussetzen. Eusebius hat sich von der Pflicht der Rettung des Glaubens leiten lassen, und die Kirche hat ihm recht gegeben.“ (Franz Schmidberger, Die Bischofskonsekrationen des 30. Juni 1988, S. 48)

Bzgl. der Bischofsweihen und der Exkommunikation argumentiert die FSSPX außerdem folgendermaßen:

Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat sind im Kirchenrecht als Vergehen gegen das Ausüben des kirchlichen Amtes eingeordnet, nicht als Schisma oder Häresie. Das ist einfach eine Tatsache. Von römischer Seite aus wurden gelegentlich Begriffe wie „Schisma“ und „schismatischer Akt“ verwendet, aber in der Erklärung der Exkommunikation auch auf den Can. 1382 verwiesen, der die unerlaubte Weihe als Vergehen bzgl. des kirchlichen Amtes, nicht als Schisma wertet. Und am Ende wertete auch Rom die Piusbruderschaft als nicht im Schisma befindlich, wie man z. B. daran sehen kann, dass der Messbesuch und die Beichte bei ihnen als erlaubt bewertet wurden (ohne Änderung der kirchenrechtlichen Lage). Weiters wird argumentiert:

„Darüber hinaus besteht auch keine Exkommunikation. Sie ist nicht gültig, denn das Kirchenrecht sagt uns (Kanon 1323 u. 1324): ‚Niemand wird mit einer Strafe belegt, der in Verletzung eines Gesetzes oder einer Vorschrift in schwerer Furcht gehandelt hat oder der durch die Not gedrängt war, oder der gehandelt hat, um einen schweren Nachteil zu vermeiden.‘ Also keine Strafe… Nun ist aber dies genau die Beweisführung, die wir seit 1988 vorbringen. Es ist der Notstand. Kanon 1324: ‚Der Urheber einer Gesetzesverletzung ist nicht frei von Strafe, aber die vom Gesetz oder von der Anordnung vorgesehene Strafe muß gemildert werden, oder es muß ein anderes Bußwerk an ihre Stelle gesetzt werden, falls das Vergehen von jemand begangen wurde, der durch einen schuldhaften Irrtum geglaubt hat, daß einer der Umstände eintritt, von denen im Kanon 1323 die Rede ist.‘ Selbst wenn Monseigneur sich also eines Irrtums der Einschätzung der Lage der Kirche schuldig gemacht hätte, selbst wenn er sich ein falsches Urteil über den Notstand der Kirche gebildet hätte, so wäre die Strafe zu mildern. Und der letzte Paragraph dieses selben Kanons sagt folgendes: ‚In den Umständen, von denen im § 1 die Rede ist, verfällt der Schuldige nicht einer Strafe latae sententiae [einer Strafe, welche durch die Tat selbst eintritt].‘ Es gibt also kein Schisma, und folglich gibt es auch keine Exkommunikation.“ (Abbé Michel Simoulin, 1988. Das unauffindbare Schisma, Niederschrift eines Vortrags vom 17. März 1997 in Lyon, übers. von Franz Schmidberger, S. 40)

4 new SSPX bishops receive their crosiers
(Die vier neu geweihten Bischöfe.)

Erzbischof Lefebvre starb 1991; aus römischer Sicht als Exkommunizierter. Die Exkommunikation der vier von ihm geweihten Bischöfe wurde von Papst Benedikt 2009 aufgehoben, und seitdem bahnte sich eine langsame Regularisierung an, zu der überraschenderweise zuerst auch Franziskus beitrug, der eigentlich wirklich von Anfang an seine Feindseligkeit gegenüber allem Traditionellen zeigte. Vielleicht war das reiner Pragmatismus, vielleicht irgendeine seltsame Laune. Jetzt, mit der neuen Maßnahme gegen die alte Messe, ist es fraglich, wie es weitergehen wird.

Was auf jeden Fall klar sein sollte: Es besteht kein Schisma. Ein Schisma kann nicht einfach herbeigeredet werden; jemand ist nicht dann im Schisma, wenn jemand von der Kirchenobrigkeit erklärt, er sei im Schisma, sondern wenn er ins Schisma geht. Und das heißt, dass er die Autorität des Papstes zurückweist und ihm grundsätzlich – nicht situationsbedingt – den Gehorsam aufkündigt. Die Piusbruderschaft hat das nie getan. Und das ganze Vorgehen gegen sie war zutiefst ungerecht. Wenn die alte Messe nie verboten wurde, wieso dann gegen sie vorgehen? Wenn das Konzil keine Unfehlbarkeit beansprucht, wieso dann seine Aussagen so durchsetzen – während man wirkliche Dogmen bei wirklichen Häretikern nicht durchsetzt? Ein Grund könnte sein, dass man es als Vorwurf an sich selber sah, dass die FSSPX nicht zumindest grundsätzlich einsehen wollte, dass es „Reformbedarf“ gegeben habe, die neue Messe gut und nötig sei, usw., dass man sich hier vorwerfen lassen musste, auf einem komplett falschen Weg zu sein, den man ganz aufgeben müsste, und das von einer kleinen Minderheit. Aber ich will hier nicht zu viel Herumpsychologisieren.

Ich will es hier mal deutlich sagen: Ich mache keinem einen Vorwurf, der zur FSSP oder zum Novus Ordo geht. Ich bin schon der Meinung, dass man Tradi sein muss, wenn man sich die Fakten ansieht, aber auch als Tradi kann man sich über das praktische Vorgehen uneinig sein.

Die FSSP und ähnliche Gemeinschaften sagen praktisch: Besser, man übt den Gehorsam, soweit es nur irgend geht; seht doch, wir haben immerhin einen kanonischen Status in der Kirche erreicht. Ihr habt doch schon versöhnliche Angebote bekommen, geht endlich mal auf Rom zu.

Die FSSPX sagt praktisch: Falscher Gehorsam ist eine Untugend; und ohne Druck und Widerstand wäre überhaupt nichts erreicht worden. Ihr von der FSSP habt bis heute noch keinen Bischof bekommen. Schaut doch mal, wie sehr vor allem in den 80ern, 90ern noch versucht wurde, die alte Messe zu unterdrücken. Wenn Rom nicht fürchten müsste, dass Tradis zur „kanonisch irregulären“ FSSPX gehen, wenn man ihnen keine legale alte Messe gibt, sähe es außerdem noch schlimmer aus für die legalen alten Messen. Wir machen einfach unser Ding, bieten anständige Liturgie und Seelsorge, so gut wir es können, sind in der Lehre so klar, wie wir können, irgendwann muss Rom uns weiter entgegen kommen, und dann können wir die Situation regularisieren.

Einige Tradis, die keine alte Messe in der Nähe haben, sagen praktisch: Es ist besser, überhaupt eine Messe zu haben als gar keine. Auch wenn sie verhunzt wird, es ist trotzdem die Messe, Jesus ist dort gegenwärtig, also sollten wir auch dort sein. Und immerhin gibt es auch Priester, die die neue Messe ohne liturgische Missbräuche feiern. Außerdem müssen wir unsere Sonntagspflicht erfüllen, da haben wir gar keine Wahl, zu irgendeiner Messe müssen wir gehen.

Die FSSPX sagt praktisch: Wenn bei einer Messe Jesus verunehrt wird, kann man diese Messe nicht guten Gewissens mitfeiern wollen; man sollte sich aus Protest fernhalten. Wenn man zu einer Hochzeit o. Ä. eingeladen wird, kann man auch zum Novus Ordo gehen, ohne ihn innerlich mitfeiern zu wollen, aber man sollte es nicht von sich aus tun. Vor allem aber gibt es keine Pflicht, zu etwas zu gehen, das den eigenen Glauben schädigt, wenn sein Zweck eigentlich ist, den Glauben zu stärken. Und die neue Messe schadet mit ihrer Verdunkelung katholischer Wahrheiten und ihren häufigen zusätzlichen Missbräuchen und falschen Predigten dem Glauben. Man muss hier besonders auch an den Glauben der eigenen Kinder denken, welcher Umgebung man sie aussetzen will. Man darf die Leute nicht mit „Erfüllt eure Sonntagspflicht bei einer Gott entehrenden Messe oder kommt in die Hölle“ erpressen; Gott verlangt eine solche Teilnahme nicht. Genauso, wie eine Gefahr für die Gesundheit des Körpers vom Messbesuch entschuldigt (z. B. wenn man die Grippe hat und sich ausruhen soll), entschuldigt eine Gefahr für die Gesundheit der Seele.

(Ich habe mal den Pater an meiner FSSPX-Kapelle noch dazu gefragt, und er meinte, es gehe bei dieser Haltung nicht darum, dass jemand, der überhaupt keinen Zugang zu einer alten Messe habe, nie zu einer neuen gehen dürfe, sondern eher darum, dass es besser sei, gelegentlich zu einer alten Messe zu gehen als jeden Sonntag zu einer neuen, und dass man die alte Messe zugänglich machen müsse.)

Erzbischof Lefebvre hat über die neue Messe geschrieben:

„Ihre Ratlosigkeit wird darum vielleicht zu folgenden Fragen führen: Darf ich, wenn keine andere Möglichkeit zur Erfüllung meiner Sonntagspflicht besteht, in eine zwar sakrilegische, aber immerhin gültige Messe gehen? Die Antwort ist einfach. Derartige Messen können nicht Gegenstand einer Verpflichtung sein. Man muß überdies auf sie die Bestimmungen der Moraltheologie und des Kirchenrechts anwenden, die sich auf die aktive Teilnahme an einer für den Glauben gefährlichen oder unter Umständen sakrilegischen Veranstaltung oder auch nur deren Besuch beziehen.

Selbst wenn ein Priester die Neue Messe mit Frömmigkeit und unter Respektierung der liturgischen Vorschriften liest, fällt sie unter dieselben Bestimmungen, weil sie von protestantischem Geist erfüllt ist. Sie enthält ein für den Glauben schädliches Gift. Angesichts dieser Tatsachen sieht sich der französische Katholik heute für sein religiöses Praktizieren Bedingungen gegenüber, die jenen in den Missionsländern gleichen. Dort können Bewohner bestimmter Gebiete nur drei- oder viermal im Jahr einer Messe beiwohnen. Die Gläubigen unseres Landes sollten sich bemühen, wenigstens einmal im Monat die Messe aller Zeiten, die wahre Quelle der Gnaden und der Heiligung, an einem jener Orte zu besuchen, wo sie auch weiterhin in Ehren gehalten wird.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 39.)

Ich bin mir selbst bei dieser Frage mit der Messe auch nicht ganz sicher. Ich würde sagen: Es stimmt, dass in der neuen Messe der Sühnecharakter (und anderes) viel zu kurz kommt, und dass auch eine gut gefeierte neue Messe den Glauben nicht ganz ausreichend nährt. Aber Mangelernährung ist auf Dauer besser als gar keine Ernährung, und es ist ja auch nicht einfach, den Glauben für sich im stillen Kämmerlein zu erhalten, eine gewisse Gemeinschaft mit anderen braucht man schon. Gerade wenn man also irgendwo in der tiefsten Diaspora wohnt und gar nicht zur alten Messe könnte, wäre es m. E. schon besser, zur neuen zu gehen, am besten eben in einer Pfarrei, wo sie einigermaßen gut gefeiert wird – so, wie es, wenn man gar keine Messe in der Nähe hätte, besser wäre, wenigstens zu einem Bibelkreis zu gehen. Man kann sich ja auch immer daran festhalten: Jesus ist da. Und alles andere ignorieren. Und es gibt ja auch recht gut gefeierte neue Messen; sie haben ein paar Defekte, aber sind deswegen nicht schlecht. Ab und zu mal eine neue Messe zu besuchen, weil es praktisch besser geht, sollte auch kein Problem sein.

Wobei ich mir aber relativ sicher bin, ist, dass es zumindest keine Verpflichtung gibt, zu einer Messe mit häretischen Predigten und gravierenden liturgischen Missbräuchen zu gehen, und dass, es wenn man die Gelegenheit dazu hat, eine Messe im alten Ritus zu besuchen, das auf jeden Fall die bessere Wahl ist. Wenn es eine so lange Fahrt ist, dass man sie nicht jeden Sonntag machen will (z. B. zwei oder drei Stunden), dann eben nur alle zwei, drei oder vier Wochen; aber es tut wirklich gut, dorthin zu gehen. Man muss nicht so weit gehen, zu sagen, dass, wenn man in eine neue Messe geht, weil die nur 5 min entfernt ist und man zur alten Messe eine halbe Stunde fahren müsste, man die Sonntagspflicht nicht erfüllt; aber es ist geistlich auf die Dauer einfach viel hilfreicher, zur alten zu gehen.

Lefebvre stellte auch die Gültigkeit mancher neuer Messen (nicht der neuen Messe an sich!) infrage, da er nämlich daran zweifelte, ob manche Priester noch die für das Sakrament nötige Intention hätten. Nun bin ich keine Expertin in diesem Bereich der Theologie, frage mich aber, ob er hier zu weit ging; denn als Intention muss ja vorhanden sein, „tun zu wollen, was die Kirche bei so etwas tut“, nicht, auch selbst daran zu glauben. Z. B. schreibt Heribert Jone über die Gültigkeit von Sakramenten:

„Die Absicht muß darin bestehen, die betreffende sakramentale Handlung vorzunehmen.

Diese Absicht kann aber in einer anderen Absicht enthalten sein. Demnach ist die Taufe gültig, die ein jüdischer Arzt spendet [hier ist z. B. an die Nottaufe eines kranken Kindes gleich nach der Geburt gedacht] in der Absicht, dabei zu tun, was die Kirche tut, oder was die Christen tun. – Kein Sakrament aber kommt zustande, wenn jemand das sakramentale Zeichen vornimmt, um sich zu üben (z. B. taufen, Messe lesen) oder um andere zu verhöhnen. […]

Nicht gefordert [für die bloße Gültigkeit] sind Glaube und Gnadenstand.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, 17. Aufl. Paderborn 1961, S. 365f., Nr. 451f.)

Erzbischof Lefebvre sah das schon grundsätzlich auch so; er schreibt:

„Die dritte Bedingung für die Gültigkeit eines Sakramentes ist die Intention. Der Bischof oder Priester muß die Intention haben, zu tun, was die Kirche will. Auch das kann selbst der Papst nicht ändern.

Der Glaube des Priesters ist kein unerläßliches Erfordernis. Ein Priester oder ein Bischof kann keinen Glauben mehr haben, ein anderer einen geringeren, wieder ein anderer einen nicht ganz unversehrten Glauben. Das hat alles keinen direkten Einfluß auf die Gültigkeit des Sakramentes, kann aber einen indirekten Einfluß haben. Man erinnert sich an die Erklärung Papst Leos XIII., daß alle anglikanischen Weihen ungültig sind wegen der fehlenden Intention.“ (Offener Brief an die ratlosen Katholiken, S. 61.)

Die Anglikaner aber, deren Weihen von Leo XIII. für ungültig erklärt wurden, hatten ja auch die Form des Sakraments geändert, worauf Leo XIII. auch eingeht. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Erzbischof Lefebvre hier überhaupt ganz richtig verstanden habe; meint er, dass, wenn der Priester ausdrücklich die Absicht hat, etwas zu tun, das die Kirche verurteilt hat, also z. B. die Absicht hat, ein Erinnerungsmahl statt eines Opfers zu feiern, aber die Form und Materie des Sakraments (also Wandlungsworte und Brot und Wein) so belässt, wie sie sind, dann die Messe schon ungültig ist? Ist das so oder ist das ein Fehlschluss? Nochmal: Ich kenne mich in diesem Bereich der Theologie nicht so gut aus, aber vielleicht weiß ja ein Leser hier besser Bescheid.

Alles in allem ist mein Urteil einfach folgendes geworden: Erzbischof Lefebvre war einer von sehr, sehr wenigen Bischöfen nach dem Konzil, die sich noch genug um die Gläubigen geschert haben, um wirklich entschieden etwas zu tun, und einfach bei dem geblieben sind, was sicher feststand. Er wurde ziemlich ungerecht behandelt und angesichts der Haltung des Vatikans hat die Piusbruderschaft Recht behalten damit, einfach ihr Ding durchzuziehen und auf bessere Zeiten zu hoffen. Und zwar ohne ins Schisma zu gehen.

Soweit mal zur Geschichte und kirchenrechtlichen Situation der FSSPX. Seit alldem ist sie ja ziemlich gewachsen und hat Kapellen auf der ganzen Welt. Ich finde das tatsächlich beachtlich. Die Vorgehensweise „den Baum nach seinen Früchten beurteilen“ kann manchmal oberflächlich sein (eine Gemeinschaft kann bei oberflächlicher Bekanntschaft besser wirken, als sie ist, oder nur kurzfristigen Erfolg haben, der bald zu Ende sein wird), aber einen gewissen Wert hat sie meines Erachtens, und ich finde es tatsächlich bemerkenswert, dass die Piusbrüder nicht nur diese Kapellen haben, sondern z. B. auch Kindergärten, Schulen und Altenheime betreiben (teilweise durch ihren eigenen Frauenorden), also die Kinder und die Alten unter ihren Anhängern nicht in einem säkularen Umfeld allein lassen. Da kann man sich ja schon mal sehr verloren fühlen; und es gibt immer wieder Leute, die dann am Glauben nicht festhalten, weil sie sich gegen die Beeinflussung schlecht wehren können. Klar, die FSSP hat die KPE (Katholische Pfadfinderschaft Europas), die Christkönigsjugend und ähnliche Gruppen, und das ist sehr viel wert, aber es ist schon noch mal etwas Besonderes, wenn z. B. alte Menschen ohne Familie nicht in ein Altenheim gehen müssen, wo es vielleicht einmal im Monat eine ökumenische Andacht gibt.

Zuletzt jetzt noch zu mir persönlich. Ich schiebe das bewusst ans Ende, weil es hier vor allem um die objektive Situation gehen soll, und ich meine Erfahrung eher nur als Beispiel berichte.

Bevor ich bei der Piusbruderschaft war, war ich schon ein paar Mal bei der Petrusbruderschaft in der alten Messe gewesen. Die alte Messe: Sie hält schon Überraschungen bereit! Ich hatte mir im Vorfeld ein kleines Heftchen mit den gleichbleibenden Texten der Messe bestellt, und war beim Durchsehen doch sehr überrascht gewesen, wie viel textlich anders ist als in der neuen. Die Stufengebete am Anfang wurden in der neuen gestrichen; das Vorlesen des 1. Kapitels des Johannesevangeliums am Ende wurde gestrichen. Im Hochgebet wurde herumgestrichen wie sonst was; auch sonst wurde vieles entfernt und umgeschrieben. Auch Annibale Bugnini konnte nicht alles Schöne, Erhabene aus der Messe streichen; aber man muss sagen, dass er doch ein sehr beträchtliches Ausmaß gestrichen hat. Als ich dann im Sommer 2019 tatsächlich bei meiner ersten alten Messe war, hat es mich wieder sehr überrascht, dass das Hochgebet still gebetet wurde, so still, dass man wirklich nichts hörte. Es wird in dieser Messe, wo der Priester ständig dem Hochaltar zugewandt ist, wirklich deutlich, dass der Priester ein Opfer darbringt, an dem man teilnimmt. Ich war begeistert davon, dass bei jedem Sonntagshochamt eine Schola singt, und dass man das Große Glaubensbekenntnis betet, das im neuen Ritus nur alle Jubeljahre mal auftaucht. Das Latein? Ich fand es schön, aber auch ein bisschen gewöhnungsbedürftig; tatsächlich war es der gewöhnungsbedürftigste Teil für mich, auch wenn ich Latein für eine wunderschöne Sprache halte. Natürlich, es ist erst mal seltsam. Und wenn man dann zurück zur neuen Messe kommt, ist die wieder seltsam. Ich schätze, nachdem man die alte Messe kennt, wird man immer Schwierigkeiten haben, die neue wieder normal zu finden. Wie wenn man sein Leben lang farbenblind war, dann plötzlich Farben gesehen hat, verwirrt davon war, und dann wieder in eine Schwarz-Weiß-Welt zurückkehren muss.

Bei der FSSP war ich also Ende 2019 ein paar Mal; dazwischen immer wieder in der örtlichen Pfarrei im Novus Ordo, wie es praktischerweise eben ging. Die Liturgie, die Predigten bei der FSSP waren schön; die Gemeinden haben freundlich gewirkt. So wirklich Anschluss hatte ich dort nicht, aber ich war ja auch keine sehr regelmäßige Besucherin.

Im Winter 2019/20 habe ich dann von einer Bekannten, die mir anvertraut hat, dass sie zu einer Pius-Familie gehört, nachdem sie gehört hatte, wie ich Erzbischof Lefebvre gegen einen Vorwurf verteidigt hatte, erfahren, dass es in der nahen Umgebung überhaupt Kapellen der Priesterbruderschaft St. Pius X. gibt. Mehr so aus Interesse, und ohne die FSSPX für ganz legitim zu halten, war ich dann einmal (im Januar 2020 kurz vor dem ersten Lockdown) in einer Messe dort.

Dann kam der Lockdown und die Kirchen waren einige Wochen geschlossen; dann war ich länger immer wieder krank und bin zwischendurch nur in die örtliche Pfarrei zum Novus Ordo gegangen; ich war mir auch unsicher, ob man sich bei den Tradikapellen der Umgebung vorher anmelden müsste von wegen Coronaregeln. Im Januar 2021 hatte ich eine kleine OP, vor der ich relativ viel Angst hatte, und habe mich dann schließlich mal getraut, die örtliche Piusbruderschaft per E-Mail zu kontaktieren, und kurz vor der OP kam ein Pater zu mir, brachte mir die Krankenkommunion, nahm mir die Beichte ab, und gab mir den Krankensegen. Er war ein sehr freundlicher Mann, der viel von der Liebe Gottes redete. Nach der OP ging es mir dann bald besser, und seitdem gehe ich jeden Sonntag zur FSSPX.

Der Messbesuch dort hat einen leichten Touch von Untergrundkirche; man fährt auf dem halbstündigen Weg an fünf schönen alten Dorfkirchen vorbei und trifft sich dann in einem Anbau, der von außen nicht leicht die Kapelle erkennen lässt. Den Kapellen der FSSPX merkt man an, dass hier versucht wird, es mit begrenzten Mitteln so schön wie möglich zu machen, also so ziemlich das Gegenteil wie bei den typischen neueren Kirchen, die man mit viel Geld so hässlich wie möglich macht.

Aber gleichzeitig wirkt es alles so angenehm normal. Die Predigt trägt unaufgeregt katholische Wahrheiten vor, die Leute sind freundlich, und es sind viele kleine Kinder da, die zwischen ihren drei oder vier Geschwistern auf der Bank herumzappeln und in Bilderbüchern blättern. Gleich bei meiner zweiten Messe dort wurde ich von einer anderen jungen Frau angesprochen, die zur KJB (Katholische Junge Bewegung) gehört, eine alte Frau hat mir eine wundertätige Medaille in die Hand gedrückt. Sogar in Coronazeiten wird man gewissermaßen einbezogen. Ich hatte von Anfang an den Eindruck: Die sehen mich gern da.

Man könnte den Piusleuten, wenn man wollte, vorwerfen, dass sie quasi aus purem Trotz an alten Formen hängen – dass die Leute das Vaterunser und das Ave Maria nach der älteren Übersetzung (z. B. „du bist gebenedeit unter den Weibern“ statt „du bist gebenedeit unter den Frauen“) beten oder dass der Priester einen als unverheiratete junge Frau mit „Fräulein“ statt „Frau“ anredet – aber gerade das hat für mich einen gewissen Charme. Ich fühle mich wohl dort.

Es gibt ja diese Klischees: Die Traditionalisten sind die grimmigen, humorlosen, selbstgerechten Leute, die überall den drohenden Weltuntergang sehen. Solche Leute gibt es sicher, online habe ich sie auch schon getroffen. (Wobei es ja auch Gründe dafür gibt, wieso jemand so wird, und Schwarzseherei nicht immer falsch ist.) Aber in der Piusgemeinde hier hatte ich einfach überhaupt nicht diesen Eindruck. Es wirkt dort auch relativ tolerant bei den Sachen, bei denen Katholiken es so oder so sehen können. Die bereits erwähnte junge Frau aus der Gemeinde hat mir von ihrem Einsatz bei den Querdenkern erzählt und mir Videos auf Whatsapp geschickt, und man hat definitiv nicht den Eindruck, dass irgendjemand sich an ihr stören würde, aber auch nicht davon, dass von allen dieselbe Einstellung verlangt wird. Besonders an den Priestern der Piusbruderschaft, die ich bis jetzt kenne, fällt mir auf, dass sie in politischen Fragen, eben gerade nicht zu sehr Partei ergreifen wollen (solange es nicht um Offensichtliches wie das Lebensrecht der Ungeborenen geht). Ich bin auch nie seltsam angesehen worden, weil ich Hosen trage, während fast alle anderen Frauen und Mädchen zumindest zur Messe in Röcken und Kleidern kommen. Und ich habe dort auch alte Bekannte getroffen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie mit der FSSPX zu tun haben. Kurz, ich fühle mich wirklich sehr wohl da.

Ich will mit alldem nicht sagen, dass man sich seinen Messort nur nach sympathischen Leuten usw. aussuchen soll; ich will nur von einer schönen Erfahrung berichten.

Und noch etwas: Wenn man anfängt, zur Piusbruderschaft zu gehen, hat das nichts davon, einer neuen Kirche beizutreten. Man fängt einfach an, dort zur Messe zu gehen, dann zur Beichte, lernt langsam Leute kennen, wird vielleicht zur KJB eingeladen. Man muss kein Glaubensbekenntnis ablegen, keine Generalbeichte, keinen Häresien abschwören. Es gibt gar keine organisierte Gemeinschaft der FSSPX-Messbesucher – zwar gibt es Gruppen, die von der FSSPX ausgehen, aber man muss dabei nicht Mitglied sein.

Ich hatte auch inhaltlich nie den Eindruck, zu einer anderen Religion zu wechseln – sondern einfach den, endlich die im Keller versteckten Schätze derselben Religion zu sehen, die auch die konservativen Kapläne in meiner Novus-Ordo-Pfarrei eigentlich verkündet haben.

54 Gedanken zu “Die Piusbruderschaft: Fairness bitter nötig

  1. Ich muss sagen, ich habe das Lesen Ihres Beitrags wirklich genossen, weil ich sehr viel meiner eigenen Meinung darin wiedererkannt habe. Ich muss dazu noch erwähnen, dass es mir tatsächlich so geht wie von Ihnen oben beschrieben (Diaspora, Alte Messe außer Reichweite). Ich bin Konvertit, und zur Kirche ganz klar durch die traditionellen Gemeinschaften gekommen. Bekannt bin ich eher mit der FSSP, aber will mich damit nicht bewusst von der FSSPX abgrenzen, oder so. Ich muss gestehen, ich fühle mich immer etwas zerrissen wenn ich in den NOM gehe, und dann mal eine Messe im Überlieferten Ritus (notgedrungen Online) mitfeiere. Ich will den Leuten in der Pfarrei, den Priestern und engagierten Laien ihren Glauben und ihren Einsatz für die Kirche und Christus niemals absprechen. Ich habe ganz tolle Leute kennengelernt, die das Beste aus unserer Lage machen (wenige Katholiken, noch weniger Mittel). Und ich habe von den Priestern (Claretiner) noch nie eine Häresie oder Ähnliches gehört. Dennoch ist eben die – sagen wir mal – „Konfrontation“ mit der vollen Ladung Katholizismus bei der Tradition etwas ganz und gar Anderes. Es ist eben so, dass ich in der „durchschnittlichen Pfarrei“ immer wieder auf Dinge treffe, mit denen ich mich einfach nicht anfreunden kann. Ich mache weder den Gläubigen noch den Priestern einen Vorwurf. Ich denke immer – es liegt halt an der Ausbildung. An den Seminaren und Unis wird Vieles gelehrt, was einfach nicht mehr katholisch ist. In Deutschland muss man da schon lange suchen, bis man eine halbwegs katholische Lehre findet. Und ich kenne Priester und angehende Priester (mein Firmpate ist Diakon, und wird im September zum Priester geweiht), die einfach nicht wissen, wie sie noch weitermachen sollen. Mir selbst hat ein Pfarrer gesagt, er sei nicht sicher, was in 10 Jahren sein wird. Weil der Glaube immer schneller verdunstet, und selbst tüchtige Gemeindemitglieder ziemlich, naja „exotische“ Meinungen vertreten. Ich denke, an der Entwicklung der letzten Jahre lässt sich doch recht klar beobachten, dass Lefebvre mit seiner Einschätzung größtenteils recht hatte. Mich selbst belastet die Erkenntnis, dass die Gräben immer tiefer werden. Ich verurteile niemanden oder spreche ihm oder ihr das „Katholisch-sein“ ab, wenn er nicht zu den „Tradis“ geht. Mir als Frischling in der Kirche steht das nicht zu! Für mich selbst habe ich aber die Entscheidung getroffen, den Weg mit den traditionellen Gemeinschaften zu gehen. Ob der FSSP das gleiche Schicksal wie den Franziskanern der Immaculata droht hoffe ich nicht, aber in diesem Fall bleibt für mich nur der Gang zur FSSPX. Liebe Grüße!

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    1. Ich kann Ihren Kommentar voll und ganz nachvollziehen! Das ist echt keine einfache Situation. Ach, da kann man dann immer sagen, man kann diese Zerrissenheit noch aufopfern und damit wieder was Gutes tun (was man ja auch kann), aber schön ist es halt doch nicht. Aber gutwillige orthodoxe Priester sind ja auch immerhin *etwas*.

      – Liebe Grüße, Crescentia.

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  2. „Ich verurteile niemanden oder spreche ihm oder ihr das ‚Katholisch-sein‘ ab, wenn er nicht zu den ‚Tradis‘ geht. Mir als Frischling in der Kirche steht das nicht zu!“

    Unbeschadet davon, dass ich Ihre Analyse, was den Zustand des Glaubens in deutschsprachigen Ländern anbelangt, teile: Das kaufe ich Ihnen nicht ab. Ihre Relativierung als „Frischling“ bringt nichts. Ich empfinde das im Gegenteil als eine ziemliche Anmaßung und Beleidigung, die Sie hier von sich geben. Wenn Sie meinen, das so ausdrücklich sagen zu müssen, steht der Verdacht im Raum, dass Sie mit Ihrem Konvertiteneifer tief im Herzen doch ein ganz klares Urteil getroffen haben.

    Ich habe das Glück nach meinem Umzug in einer Kirchengemeinde gelandet zu sein, die vom Oratorium Philipp Neri betrieben wird, und damit wieder den inneren Frieden als Katholik gefunden zu haben. Die Pfarren lesen strikt nach Messbuch den Novus Ordo auf Deutsch, den Novus Ordo auf Latein od orientem (daran hängt mein Herz) und die Alte Messe, alles eingebunden in ein ganz ’normales‘, rechtgläubiges und lebendiges Gemeindeleben mit vielen Kindern und jungen Leuten und hervorragender, gut katholischer Katechese. Die Messen sind alle proppenvoll. Ich vermute, das ist die genau die Situation, die Benedikt XVI vorgeschwebt und die er sich gewünscht hat.

    Ich respektiere Papst Franziskus, aber das derzeitige Pontifikat ist eine intellektuelle und pastorale Katastrophe, keine Frage. Das neue Motu Proprio ist eine krasse und eklatante Fehlentscheidung. Aber solche Äußerungen wie die oben zitierte nähren in mir schon länger den Verdacht, dass an der Analyse von Papst Franziskus schon etwas dran sein könnte.

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    1. @Sokleidas
      Wo habe ich denn Jemanden beleidigt? Ich habe lediglich meine Beobachtungen beschrieben. Ihnen müsste doch aufgefallen sein, dass auch ich immer wieder den NOM besuche. Würde ich das tun, wenn ich diesen Ritus „des Teufels“ fände? Es war mitnichten meine Absicht, anmaßend oder beleidigend zu sein. Aber ich habe (für mich persönlich!) eben die Entscheidung getroffen, mich bei den traditionellen Gemeinschaften theologisch und (bevorzugt) liturgisch einzureihen. Lassen Sie mir doch meine Entscheidung! Ich freue mich für Sie, wenn Sie zu Ihrer stehen, und sich dort aufgehoben fühlen, wo Sie zur Messe gehen. Schönen Abend!

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      1. @Michael Paschalis: Selbstverständlich lasse ich Ihnen Ihre Entscheidung, darum geht es mir doch überhaupt nicht.

        Aber Sie sollten meiner Meinung Ihren Kompass noch mal etwas nachjustieren, wenn Sie nicht sehen wollen, dass es eine Ungeheuerlichkeit ist, mit einem Bedingungssatz in den Raum zu stellen, jemand könnte vielleicht nicht katholisch sein, wenn er nicht zu den Tradis gehe, und das Ganze dann noch eine Bescheidenheitsfloskel zu kleiden. Und nein, es kommt nicht immer nur auf die Intentionen an, mit der man etwas sagt, sondern auch, wie es beim Gegenüber ankommt.

        Ich habe nichts (mehr) gegen die Piusbrüder, ich habe da im Vergleich zu der Diskussion, die hier vor fast zwei Jahren geführt worden ist und worauf @iamfoetet unten anspielt, meine strikte Haltung auch etwas revidiert. Aber Sie sollten Ihre Aussage schon auch in dem Kontext sehen, dass Sie sich mit der FSSPX für eine Gemeinschaft entscheiden, deren kirchenrechtliche Stellung gelinde gesagt problematisch ist. Ich könnte Ihnen jetzt eine Aussage aus der Stellungnahme von Kardinal Müller zu Traditionis custodes heute auf kath.net entgegenhalten:

        „Katholisch kann sich keiner nennen, der entweder hinter das II. Vatikanum (oder sonst eines der vom Papst anerkannten Konzilien) als Zeit der ‚wahren Kirche‘ zurück will oder es als eine Zwischenstufe zu einer ’neuen Kirche‘ hinter sich lassen möchte.“

        Sollte ich jetzt etwa sagen: „Ich verurteile niemanden oder spreche ihm oder ihr das ‚Katholisch-sein‘ ab, wenn er zu den ‚Tradis‘ geht“?

        Und dann wären wir in einem Patt, wie es schon so oft in der Kirchengeschichte gegeben hat. Über die Abspaltung der Monophysiten schreibe ich gerade sogar ein Buch, das bald fertig ist.

        Wenn Sie jetzt mit den Schultern zucken, dann verstehen wir uns wahrscheinlich an diesem Punkt nicht. Wenn Sie sich über diese Aussage dagegen ärgern oder zumindest ein Magenzwicken verspüren würden, dann hoffe ich, dass Sie verstehen, was ich meine.

        Um mehr geht es mir nicht.

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      2. Entschuldigung, aber ich sehe das Problem hier nicht. Im Voraus mal klarzustellen, dass man irgendwas nicht meint, ist doch normal, angesichts so vieler naiver oder böswilliger Missverständnisse, wie es im Internet geben kann. Wenn hier jemand sagen würde „ich finde, man sollte nur zum NO gehen, weil das am meisten dem christlichen Gehorsam entspricht, aber damit will ich jetzt nicht sagen, dass Tradis nicht mehr katholisch sind“ hätte ich auch kein Problem damit.

        – Crescentia.

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      3. @Sokleidas

        Mit diesem „Bedingungssatz“ wollte ich mich eigentlich von Leuten abgrenzen, die genau die von Ihnen erwähnte Ansicht vertreten! Ich hab nämlich im Internet schon genug Spinner gesehen, die tatsächlich eine Art „Abstufung“ vornehmen, und sich selbst überlegen fühlen, und wollte klarstellen, dass ich das „Katholisch-Sein“ nicht an dem Besuch der überlieferten Messe festmache! Tut mir leid, aber das haben Sie in den falschen Hals gekriegt.

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      4. @Michael Pascalis

        Vielen Dank für Ihre Antwort und die Klarstellung! Wie Sie gemerkt haben, bin ich vielleicht etwas rabiat beim Diskutieren, sehen Sie mir das bitte nach. 🙂

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  3. Tatsächlich ist meine große Differenz zu den Piusbrüdern gar nicht ihre Haltung zu Dignitatis humanae (der einzige Punkt im Konzil, dem von *informierten* Piusbrüdern und Anhängern auch in sauberer Diskussion wirklich explizit widersprochen wird… gut, nostra aetate, mein großes n geht nicht, mag man auch nicht gerne, kann da aber noch Deutungen finden, die man unter Bauchschmerzen akzeptiert), das ist eher ein kleiner, und einer, wo ich mir nicht einmal sicher bin.

    Der Punkt, dem ich allerdings entschieden widersprechen muß, ist einer, den die Piusbrüder in den letzten Jahren wohl so nicht mehr sagen, den sie aber früher vertreten haben und der auch bei Dir so herüberkommt: Die Liturgiereform war falsch, gut; der novus Ordo ist objektiv nicht so gut, gut. Das macht mich aber als Besucher desselben nicht zum „Mittäter“. Ich habe jedes Recht, jede Messe, die die Kirche mir darbietet, zu besuchen, aus welchem Motiv auch immer (passende Uhrzeit… Freundeskreis, der da auch hingeht… Heimatpfarrei… musikalische Ausgestaltung). Es mag sinnvoll sein, wenn Predigt und ein krasses Ausmaß an liturgischen Mißbräuchen einen tatsächlich geistlich schaden, vielleicht woanders hinzugehen; aber: das Verpflichtende ist verpflichtend und alles andere ist freiwillig, darauf muß ich bestehen. „Die Welt ist aus den Fugen; weh mir, daß ich geboren ward sie einzurichten“ ist so eben nicht; ich *darf* mich, sofern ich meine Befugnisse nicht überschreite, um die hohe Kirchenpolitik kümmern, aber müssen tue ich gar nichts.

    Und darauf muß ich bestehen, auch aus Bequemlichkeit, gewiß, aber vor allem und tatsächlich primär, weil es schädlich ist, mehr Pflichten zu haben als ich tatsächlich habe oder ein härteres Leben führen zu müssen als ich tatsächlich muß.

    (Das fordert die Piusbruderschaft aber jedenfalls nicht von ihren Meßbesuchern, wenn sie es jetzt überhaupt noch vertritt. Es hat aber mal eine Zeit gegeben, als sie es von ihren eigenen Mitgliedern, das sind nämlich die Priester, aber auch denen der KJB als einer offiziellen Untergliederung forderte.)

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    1. Es mag natürlich auch sinnvoll sein, auch aus kirchenpolitischen Gründen eher in die alte, und von den neuen eher in die bessere neue Messe zu gehen. Sehr klar.

      nur daß das meine Pflicht als Laie sein sollte und ich besondere Gründe, bräuchte um es einmal nicht zu tun, selbst wenn es solche gibt („Besuch einer Hochzeit im novus ordo“)… nein. Das Verpflichtende ist verpflichtend und das Freiwillige ist freiwillig.

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      1. Der Kollege @Nepomuk hat das Talent, die Dinge trotz einer gewissen Neigung zur Weitläufigkeit gut gelaunt und pragmatisch genau auf den Punkt hin zu formulieren. Diese Fähigkeit geht mir leider ab… 🙂

        Ich würde dem vielleicht hinzufügen wollen: Wenn die hehren Ansprüche an eine Messe gelegentlich nicht erfüllt werden und es nicht leicht möglich ist, eine neue Messe zu hören, wie sie sich gehört, oder eine alte, gibt es auch die Möglichkeit, jenseits der Sonntagspflicht selbst tätig zu werden: Bibel- oder Kirchenväterlektüre, Gebet, was auch immer.

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  4. Was für eine Freude! Herzlich willkommen bei Pius!

    Ich habe mich im Oktober und November anlässlich Ihres Beitrags „Von Synkretismus und der Amazonassynode“ mit dem Beitrag „Solange Sie auf PXIII warten, können Sie doch zur FSSPX“ zu Wort gemeldet. Das hat damals hier schon zu einer unerwartet heftigen Diskussion über Pius und Pachamama geführt.

    Nach der Veröffentlichung von Traditiones Custodes fiel mir die Sache wieder ein und ich habe mich gefragt, wie es Ihnen (und Ihren Kommentatoren) so geht. Von dem Artikel bin ich freudig überrascht. Gut gemacht! Es ist nicht verkehrt, dass Sie so lange gewartet haben, man muss sich seiner Sache sicher sein.

    Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Tradition in all ihren Facetten kennenlernen. Ich denke dabei an Exerzitien, Wallfahrten, Primizen, etc. Sie werden überrascht sein und nach und nach viele neue Freunde finden.

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  5. Man sollte dahin gelangen, in eine Messe zu gehen, wo lauter Häresien gepredigt werden, der Pfarrer sein eigenes Hochgebet zusammenflickt um dann am Ende ehrlich mit Jesus zu beten: Herr verzeih es ihnen. Wenn man einst vor dem ewigen Richter steht, dann ist unsere Verantwortung voll abgedeckt. Ich finde den Gedanken sehr tröstlich, wie seht ihr das?

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    1. @Gerd: Das hat mir meine Frau mal geraten angesichts der fürchterlichen Fürbitten in einer bundesdeutschen Universitätsstadt in der Diaspora. Am Beginn des „gemeinsamwegigen Weges“ habe ich mal eine Messe bei den Fürbitten verlassen, weil es gar nicht mehr ging.

      Ihr Vorschlag ist schwer und benötigt viel Übung, kann aber in der Tat dazu beitragen, den eigenen inneren Frieden zu behalten.

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  6. Ja, das ist schwer und benötigt viel Übung. Aber es gibt ja genügend „Messen“ wo wir trainieren können. 😉 Also lasst uns doch den „gemeinsamwegigen“ (LOLL) Weg einschlagen. Und als Belohung sozusagen, beim Oratorium Philipp Neri z.B. ein fürstliches Stück Sahnetorte verspeisen.

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    1. Das geht ganz kurz: Diese ist nicht zu befürchten, und wenn geht es uns nichts an.

      *Etwas* länger:

      1. Die Intention, die für die Gültigkeit eines Sakraments gefordert ist, ist, das zu tun, was die Kirche tut; es ist nicht notwendig, das tun zu wollen, was die *katholische* Kirche tut; es ist nicht notwendig, das tun zu wollen, was die *römische* Kirche tut, und es ist nicht notwendig darüber den rechten Glauben zu haben.

      2. Wer die Ungültigkeit [oder zumindest den, wie der deutsche Jurist sagen würde, dringenden Verdacht darauf, nehme ich an] nicht gerichtsfest beweisen kann, hat wegen des öffentlichen Charakters der ganzen Angelegenheit von der Gültigkeit auszugehen und entsprechend zu handeln.

      Also: Wenn nicht ein Priester sich denkt „ich weiß genau, daß die katholische Kirche Brot und Wein in Leib und Blut Christi wandelt, aber ich entschließe mich heimlich, das *nicht* zu tun“, dann ist von Intentionsseite Ungültigkeit nicht zu befürchten, und wenn es doch einer tut, dann betreiben seine Gläubigen zwar *objektiv* Götzendienst, aber er allein kann etwas dafür und sündigt.

      Die Erklärungen Nr. 1 und 2 (ohne die eckigen Klammern) habe ich übrigens von einem Pius-Pater, der noch hinzufügte, daß selbstverständlich auch die korrekte Übersetzung des pro multis *nicht* für die Form wesentlich ist, und schloß, „deshalb ist auch die Neue Messe gültig“, (weiter wörtlich:) „für uns aber verboten“. Ich bewundere die intellektuelle Redlichkeit, generell wohl häufig bei der Piusbruderschaft anzutreffen, das dubiose dumpfe Geraune, das es in Tradikreisen ja bekanntlich gibt, eben *nicht* nachzuplappern, weil man es als Argument für die eigene Seite gebrauchen könnte. Bei dann solchen aus dem Nichts kommenden Sonderregeln für die (wie Du sehr richtig schreibst, ja gar nicht richtig definierte) „eigene Gemeinschaft“ kann ich bewundern und loben, daß nicht so getan wird, als wären sie etwas anderes, aber nicht nachvollziehen, wo sie herkommen…

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      1. Eine kleine historische Fußnote zu Ihrem Punkt 1: Dass Sakramente trotz mangelnder Rechtgläubigkeit gültig gespendet sind, war in historischer Perspektive nicht immer Konsens.

        Christen im oströmischen Reich, die das Konzil von Chalkedon 451 nicht anerkannt haben und aus denen sich die Syrisch-Orthodoxen und Kopten entwickelt haben, haben sich im Gegenteil darauf berufen, dass Sakramente nur aus der Hand von rechtgläubigen Priestern (je nach Definition!) gültig seien. Argumente dafür gab es im griechischen Kirchenrecht (z.B. Synode von Laodikeia o.ä.). Diese rigoristische Position wurde zwar dogmatisch begründet, hatte aber zur Folge, dass sich die neu entstehenden Kirchen konsolidieren und abgrenzen konnten, weil die Sakramentengemeinschaft mit der ‚Großkirche‘ aufgegeben wurde.

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      2. Ja (wußte ich nicht, aber glaube ich sofort), aber die waren halt nicht rechtgläubig.

        Was die insofern sagen, interessiert mich weniger. Natürlich können sich immer allerlei Leute auf verschiedene eminente Kirchenväter und Theologen usw. berufen: der hl. Cyprian war materiell häretisch in der Ketzertauffrage, der hl. Thomas materiell fast bis ganz häretisch in der Immaculatafrage, und mit dem nichtsdestoweniger nach Aussage aller Fachleute großen Theologen und Kirchenvater Origenes (ich selbst habe von ihm nichts gelesen) fangen wir gar nicht erst an. Aber die Antichalcedonier haben ein von einem Konzil verkündetes, vom Papst unterschriebenes Dogma nicht angenommen. Und wenn die Kirche einmal ein Dogma entschieden hat, dann wissen wir ja, was die Wahrheit ist, was (auch wenn es in der Glaubenslehre natürlich schon enthalten gewesen sein muß) wir vorher nicht wußten.

        Das geht natürlich auch nur, weil die Kirche dafür die göttliche Zusicherung hat, aber die hat sie halt.

        – Es wäre (um ein Argument vorwegzunehmen) freilich sachlich nicht gerechtfertigt, dieses Prinzip auf irgendwelche Entscheidungen der Kirche auszudehnen, wie hohen Ranges auch immer, die theoretisch eventuell noch falsch sein könnten. Da gelten, sicher, andere Prinzipien; solche Dinger sind ist auch nicht zu verachten (zur Streitfrage später noch); aber daß das Dissentieren tatsächlich Glaubensabfall wäre ist *dann* eben nicht so.

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      3. „Ja (wußte ich nicht, aber glaube ich sofort), aber die waren halt nicht rechtgläubig.“

        Als Historiker muss ich darauf antworten: „Rechtgläubigkeit“ ist keine wissenschaftliche Kategorie.

        Als Christ antworte ich: Das ist richtig und den durch den weiteren Gang der Kirchengeschichte ja auch so bestätigt.

        Allerdings, wenn man vergleicht, womit man so seit der Reformation zu tun hat und was man heute so hört, habe ich allerdings schon Bauchschmerzen, Mitglieder der orientalischen Kirchen als nicht rechtgläubig zu bezeichnen, zumal es ja inzwischen Versöhnungserklärungen gibt: https://recht.drs.de/fileadmin/user_files/117/Dokumente/Rechtsdokumentation/4/2/1/94_10_01.pdf

        Aber eigentlich wollte ich ja nur ein bisschen was erzählen. Die katholische Position ist da vollkommen richtig.

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  7. @sokleidas: Ich habe das Interview mit Kardinal Müller auch gelesen. Man könne nicht hinter das VKII zurück. Sie selbst finden die Priesterbruderschaft wegen ihrer kirchenpolitischen Stellung gelinde gesagt für problematisch.

    Mir geht es genau umgekehrt.

    Ich finde das VKII wegen Aussagen, die den vorherigen Enzykliken (der Pius-Päpste) teilweise diametral entgegensetzt sind, für problematisch. Manche Aussagen widersprechen eben unübersehbar der Hl. Schrift und der Tradition. Maßgeblich für die Unterschiede zwischen VKI und VKII dürfte sein, was die jeweiligen Konzilsväter (konservativ oder modern) gedacht haben.

    Ich denke nicht, dass einer von den Kommentatoren hier tatsächlich so denkt wie Rahner, Lubac, etc., die das Konzil maßgeblich beeinflusst haben. Die hatten ein völlig anderes Weltbild als ein konservativer Laie. Das VKII ist eben Ausdruck dieses neuen Weltbilds. VKI und die Piusbruderschaft gehen dagegen von der Philosophie des Aristoteles und des Aquinaten als maßgebliche Denke aus. Die sagen das aber auch so. Man könnte hier ansetzen, um zur Klarheit zu kommen, was man eigentlich will und denkt – also über die Philosophie zu Pius.

    Beispiel: Wenn man davon ausgeht, dass nicht die Realität das Denken informiert, sondern das Denken die Realität schafft, ist es eben zum Pantheismus und Synkretismus nicht mehr weit.

    Die Piusbruderschaft hält mit Pius X eher eisern am Thomismus fest, der für die moderne Theologie keine Rolle mehr spielt. Die Denkmodelle schließen sich aus. Damit bleibt bei den Tradis ein allgemeines Unbehagen mit den Texten des VKII, explizit natürlich mit den Widersprüchen zu den alten Enzykliken. Genau genommen stehen wir dabei zunächst nur im Widerspruch zu der neuen Philosophie. Nachdem diese neue Philosophie aber die modernen theologischen Texte prägt, sind wir zwangsläufig auf Kollisionskurs mit der neuen Theologie und ihren Verbesserungen.

    Wenn Kardinal Müller sagt, man könne nicht hinter das VKII zurück, dann führt er das bezeichnenderweise nicht näher aus, bringt dafür aber breit die Verfehlungen des neuen Ritus bis hin zum Pachamama-Spektakel zur Sprache.

    Also, wenn man damals mit der Festschreibung der alten Messe die Formen verboten hat, in denen ein Missbrauch stattgefunden hat, müsste man heute konsequenterweise die neue Messe verbieten, weil nur in dieser Missbräuche bekannt sind. PF hat sich vielleicht bloß verschrieben, er wollte wahrscheinlich die neue Messe verbieten.

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    1. Zum Thema „Man kann nicht hinter X zurück“: Da könnte man ja auch sagen „Wir können nicht hinter Päpste mit Mätressen zurück, das ist jetzt nun mal so“ (sehr überspitzt gesagt). Reformen wollen doch immer zurück hinter einen Missbrauch. Und das letzte Konzil, so wie es die Kirche am Ende in der Praxis geprägt hat, war einfach nicht hilfreich, ob man die Texte selber jetzt als Verursacher sieht oder nicht.

      – Crescentia

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    2. @iamfoetet: Als ich oben das Zitat von Kardinal Müller ins Spiel gebracht habe, ging es mir nicht darum, eine Diskussion über die Gültigkeit des Zweiten Vatikanischen Konzils vom Zaun zu brechen, sondern darum, for the sake of the argument, die Aussage „ich spreche niemanden das Katholisch-Sein ab, wenn er nicht zu den Tradis geht“ umzukehren und damit vielleicht besser zu verdeutlichen, warum ich dem armen Mitkommentator @Michael Pascalis einen Streit aufgezwungen habe.

      Dass die FSSPX nicht in voller Gemeinschaft mit Rom steht, das ist ja nun objektiv nicht zu leugnen. Obwohl ich viele Kritikpunkte, wie sie an den Konzilstexten und an nachkonziliaren Entwicklungen hier geäußert wurden (insbesondere auch die Kalenderreform, das ist ein fürchterlicher Krampf), sehr gut nachvollziehen kann und große Sympathien für die „Alte Messe“ habe, könnte ich daher den Schritt zu ihr nicht gehen. Emotional wäre für mich das wie meine Überlegungen von vor 12, 13 Jahren, aus der Kirche auszutreten: Ich habe meinen Mund angesichts des aufkommenden Missbrauchsskandals ziemlich voll genommen, dann aber gemerkt, dass ich mir meine Wurzeln abschneiden würde. Dadurch bin ich nach jahrelanger Gedankenlosigkeit erst überhaupt wieder in einem jahrelangen Prozess in den Schoß der Kirche zurückgekehrt. Allerdings liegen diese Wurzeln nun mal für jemanden, der Anfang 40 ist, in der ‚nachkonziliaren‘ Kirche, aber dennoch in einem vollkommen ‚normalen‘ Katholizismus im tiefsten Oberpfälzer Wald, der mit dem Deutschkatholizismus von heute nichts gemein hatte. Ich weiß allerdings, dass für jüngere Leute, die dem Deutschkatholizismus in voller Breitseite ausgesetzt sind, die Sache anders liegt und deswegen viele von ihnen „Tradis“ werden.

      Meine erste Erfahrungen mit der Alten Messe waren im Übrigen eher ernüchternd. Sie waren leider in der Tat ‚sektiererisch‘, zwar in derselben Kirche, in der ich da regelmäßig die Messe besucht habe, aber kein personeller Zusammenhang mit dem sonstigen Gemeindeleben. Ebensowenig wie ich eine Predigt hören möchte, die wie auf einem Grünenparteitag klingt, möchte ich auch keine hören, die auf einem AfD-Parteitag gehalten worden sein könnte. Erst jetzt in meiner neuen Gemeinde bei den Oratianern hat sich das für mich ganz wesentlich geändert, weil es da die katholische Breite gibt, wie ich sie oben schon geschildert habe, und wo die „Alte Messe“ wirklich Teil des Gemeindelebens ist und weiterhin auch sein wird. Die Zeit, wo ich mich über Liturgiemissbräuche ärgern muss, ist vorbei.

      Obwohl, oder gerade weil ich mich sehr intensiv mit der Geschichte der antiken Konzilien (ein Arbeitsgebiet neben meinen eigentlichen Schwerpunkten als Althistoriker) auseinandersetze, fällt es mir schwer, aus den Kritikpunkten am Zweiten Vaticanum Konsequenzen ziehen zu sollen; mir geht es da wie @Nepomuk, der für sich das Recht reklamiert, sich nicht um die hohe Kirchenpolitik kümmern zu müssen. (Obwohl ich mich täglich über die aktuellen kirchenpolitischen Nachrichten schwarzärgere.)

      Es ist alles in ermüdender Weise schon mal dagewesen. Ein Beispiel: Nach dem Konzil von Chalkedon 451 haben sich die Mono- bzw., wie man heute sagt, die Miaphysiten abgespalten, weil sie die Zwei-Naturen-Lehre abgelehnt haben. Alle Versöhnungsversuche, quasi hinter das Chalkedonense zurückzugehen (z.B. mit dem sogenannten „Henotikon“ von 482), sind gescheitert, weil den einen das zu wenig, den andern zu viel war. (Ich könnte mir vorstellen, das Kardinal Müllers Aussagen auch vor solchen historischen Hintergründen zu verstehen sind.) Die Monophysiten haben sich wiederum in Syrisch-Orthodoxe und Kopten aufgespalten, und zuvor gab es Abspaltungen von Julianisten, Gaianiten und was weiß der Teufel noch alles, mal aus rein kirchendisziplinarischen Gründen, mal aus dogmatischen Gründen. Alle haben für sich in Anspruch genommen, der rechtgläubige Rest zu sein, während die Großkirche in den Unglauben verfallen sei. Und doch hat es in den Großkirchen hat nach Einseitigkeiten auch immer wieder Korrekturbewegungen gegeben. Daraus meine ich den Schluss ziehen zu dürfen, jetzt erst Mal zu überwintern und zu hoffen, dass der 267. Papst wieder mehr papabile sein wird als der jetzige, und dass die Römische Kirche weiterhin auf einem guten Weg bleibt. Es kann halt nur sein, dass das erst außerhalb unserer Lebenszeit passiert…

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      1. Kurze Ergänzung zu meinen Bemerkungen bzgl. erste Erfahrungen mit der Alten Messe: Das war nicht FSSPX/FSSP, sondern ein Verein – damit keine Missverständnisse aufkommen.

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    3. Das Ergebnis des Konzils sind nun einmal die Texte des Konzils. In welchem Geist ihre Autoren die gedacht haben mögen, ist wie jedes wissenschaftliche Sujet sicher an und für sich interessant. Notwendig dafür, das zu lesen, was dasteht, ist es nicht. Und auch die thomistische Philosophie würde man doch bedeutend unterschätzen, wenn man behauptete, man könne mit ihr nur an Texte herangehen, die in thomistischem Geist auch geschrieben worden sind.

      Das heißt also: wenn man sich mit dem Konzil beschäftigt, man muß ersteinmal lesen, was dasteht. Ob man das dann sonderlich toll findet, ist auch eine schöne Frage für abends bei einem Glas Moscow Mule, aber ebenfalls nicht sehr wichtig – niemand zitiert von Trient irgendetwas mit *Ausnahme* der „Das-mußt-du-unbedingt-glauben“-Canones (die bei Vatican II fehlen).

      That being said:

      1. Das Konzil widerspricht nicht der Hl. Schrift, und die Piusbruderschaft behauptet nicht, daß es das täte.

      2. Das Konzil widerspricht nicht „der Tradition“ im Sinne des bisher fixiert gewesenen Depositum fidei, und die Piusbruderschaft behauptet nicht, daß es das täte.

      3. Das Konzil widerspricht in der Tat teilweise dem päpstlichen bisherigen Lehramt unterhalb dogmatischen Levels (dazu vielleicht später mehr), wenn auch sehr häufig eine Differenz im Tonfall in einen Widerspruch oder ein Ungesagtlassen in eine Ablehnung ungedeutet wird; aber ja, diese Erklärungen erklären nicht *alles*. Allerdings ist es so, daß fehlbare Lehre eben per definitionem falsch sein kann und die Kirche, wenn sie denn einmal falsch *ist* (bitte das erstmal als theoretische Hypothese sich vor Augen führen!) selbstverständlich gut daran tut, ihre Stellungnahmen zu korrigieren. Auch in unwichtigen Dingen. Beharrlichkeit im Irrtum, auch im unbedeutenden Irrtum, ist kein Wert an sich!

      (Und ja: einen besseren Zeitpunkt als während einer laufenden Bedrohung durch Staaten, die gemäß der kommunistischen Häresie regiert werden, auf einem Konzil, auf dem die Wiederholung von deren Verurteilung mit dem innertheologisch sicher richtigen, aber, Argument „ist doch schon verurteilt paßt doch eh“ abgelehnt wird, kann man sich dafür trotzdem vorstellen. Ja. Aber das ändert eben nichts daran, daß wir die Lehraussagen nun eben *haben*.)

      (Erstmal nur das theoretische Szenario, das so natürlich auch für die Aussagen des II. Vaticanums gilt, die ja auch keine Dogmen sind. Inhaltlich zu den Änderungen vielleicht später mal, und dann der Reihe nach.)

      4. Schließlich ist noch die Frage des Tonfalls des Konzils zu nennen; aber den braucht ein Katholik ebensowenig übernehmen wie ein Mathematiker, der den Satz von Picard-Lindelöf als richtig anerkennt, sich eingehend mit gewöhnlichen Differentialgleichungen beschäftigen muß, wenn er viel lieber Maßtheorie macht.

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  8. @Sokleidas

    Verstehe ich.

    Wenn ich bei Freunden im Bayerischen Wald bin, nehmen die mich immer zu einem Geheimtipp mit, zu einem Pfarrer, der „wirklich noch glaubt und die alte Messe liest“. Man muss sagen, alle bemühen sich, vom Pfarrer über den Küster bis zu den Gläubigen. Aber man merkt halt auch, da fehlen Jahrzehnte der Übung, die Tradition ist abgerissen. Es ist einfach unübersehbar, ob ein Priester die Ausbildung und Formung bei Pius erhalten hat und die Gläubigen aus der Tradition kommen oder ob einer als Einzelkämpfer das selber mit seiner Gemeinde auf die Beine stellt.

    @Nepomuk

    Ein Widerspruch zur Hl. Schrift und der Tradition liegt zum Beispiel im subsistit statt im est in der Erklärung Lumen gentium oder im Recht auf religiösen Irrtum in Dignitatis humanae.

    Pius IX hat den Syllabus errorum veröffentlicht, Pius X das Dekret Lamentabili, Pius XII Humani generis, alles Schreiben gegen den Modernismus, also genau gegen das, was Grundlage des VKII ist. Wenn man die Tendenz beachtet, ist das Konzil eigentlich der genaue Gegenentwurf zur vorherigen Linie, natürlich versteckt in Doppeldeutigkeiten. Aber die nachkonziliare Phase hat gezeigt, dass diese Doppeldeutigkeiten kein Zufall waren.

    Sie haben es ja angedeutet: Geschäftsgrundlage für das Konzil waren der Pakt mit den Kommunisten, bloß nicht den Atheismus als Irrlehre verurteilen, sowie weiter der Pakt mit den Protestanten, deswegen nur noch subsistit, und noch ein weiterer hier nicht zu nennender Pakt. Diese Geschäftsgrundlage sieht man dem Konzil an. Das Konzil wollte die Kirche bewusst für die Welt öffnen und hat es auch getan. Schauen Sie sich doch die sechsfarbigen Regenbogenfahnen an, das Verhalten der Bischöfe (nicht systemrelevant) während der letzten 1 ½ Jahre und so weiter. Diese Kirche ist schwer krank. Das Konzil ist die Ursache, es war eine Katastrophe für die Kirche, das wird mit jedem Jahr deutlicher.

    Vielleicht erklären Sie doch kurz einmal, was denn das Konzil so toll macht, was es denn Gutes gebracht hat?Warum war es richtig und wichtig? Das würde mich schon interessieren. Lassen Sie das Visier unten und sagen Sie mir, was Sie denken. Und kurze, einfache Sätze, bitte.

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    1. @iamfoetet: Ihre Diagnose des Traditionsbruches stimme ich grundsätzlich zu. Mir macht das massive Sorgen, weil es eine Entwicklung ist, die einerseits weit über die Kirche hinausreicht, andererseits in den letzten 5 bis 10 Jahren nochmals massiv an Fahrt aufgenommen hat.

      Beispiel Studenten. Das religiöse Grundwissen, wenn ich ein Seminar mit Bezug zum frühen Christentum anbiete, ist nicht einmal mehr rudimentär, und dabei gehören sie noch zu denen, die Interesse daran haben. Der Universitätspfarrer an meiner vorherigen Wirkungsstätte beklagt das auch und sieht darin eine Entwicklung, die in den letzten Jahren nochmal an Fahrt aufgenommen hat. (Jesuit, aber vollkommen rechtgläubig.) Auch Schulzeitverkürzung und Abschaffung der Wehrpflicht sind wesentliche Traditionsbrüche und ein Diebstahl an den jungen Leuten: Dienstpflicht mag lästig sein, aber es ist eine wesentliche Lebenserfahrung, dass man einen Beitrag für das Gemeinwesen leisten muss und nicht alles auf dem Silbertablett serviert bekommt. Jetzt kommen sie als Kinder an die Uni.

      Beispiel Corona. Wir haben einen Staat, der der Auffassung ist, man könne angesichts einer Krisensituation alles zusperren und substantielle Begründungen schuldig bleiben: Kirchen, Theater und Kulturbetriebe, Schulen, Universitäten, Gastronomie. Und plötzlich merkt man, wie schwierig es ist, alles wieder zu öffnen, weil man in der eigenen Logik gefangen ist. Schüler, die eineinhalb Jahre keine ordentliche Schule hatten (man muss das mal auf deren Lebenszeit umrechnen!). Studenten im 3., 4. Semester, die die Uni noch nicht von innen gesehen haben. Dazu Musiker, Künstler, deren Existenz in Trümmern liegt und die nicht mehr in der Lage sind, ihren Beruf weiter auszuüben, sei es, weil sie ihr Geld anderweitig verdienen müssen, sei es, dass es psychisch nicht mehr geht. Personalmangel in der Gastronomie, weil die Mitarbeiter angesichts der Zwangsschließungen sich etwas anderes suchen. Seit eineinhalb Jahren liegt das Chorwesen und öffentliche Singen am Boden, und keinen interessiert es. Und so weiter, und so fort. Mir nichts, dir nichts, greift ein Staat einfach so mal die eigene Substanz an, die Voraussetzungen, von denen er lebt, wie Bockenförde gesagt hätte.

      Nochmal Beispiel Staat. Was hat es in der Bundesrepublik für einen Geschichtskult gegeben! (Wenn auch einseitig.) Habermas sagt: Weil wir eine diverse Gesellschaft seien, bräuchten wir einen Verfassungspatriotismus, der uns in unserer aller Verschiedenheit zusammenhalte. Also, schauen wir doch mal. Jahr 2019: Hymnen des Eigenlobs auf 70 Jahre Grundgesetz (und auf die kommunistischen Revolutionen von 1919, man fasst es nicht). Jahr 2020: Es zeigt sich, dass es möglicherweise das Papier nicht wert ist, auf dem es steht. Jahr 2021: 150 Jahre Gründung des deutschen Kaiserreiches (nicht dass mir persönlich an diesem protestantisch-preussischen Staat etwas läge, aber es gibt viele Mitbürger, für die das gilt und sehr verärgert über das Schweigen waren) – so gut wie kein öffentliches Wort davon. 28. Januar – komplett von Corona überlagert. 22. April – ein brüllender CDU-Fraktionsführer im Bundestag redet von Ermächtigung, und das im Umfeld des 20. April, und das Parlament stimmt der Selbstentmachtung in der Pandemiepolitik zu. 6. Juni – fast kein Wort davon. 17. Juni – sowieso nicht. Heute ist der 20. Juni – kaum ein öffentliches Wort. Dabei hieß es doch immer, die Bundesrepublik sei auf zumindest mit auf die letztgenannten Daten gegründet. Wie es scheint, alles dann doch nicht so wichtig, wenn ein Virus und eine Flut daherkommt.

      Man steht nach dem letzten eineinhalb Jahren da und fragt: Was hat denn die Gesellschaft eigentlich für Werte (von denen andauernd geredet wird) und Traditionen? Und dann kommt auch noch Papst Franziskus daher, packt die Keule aus und straft sein Gerede von Barmherzigkeit Lügen.

      Wo soll man da eigentlich noch hin? (Ich weiß, Ihre Antwort lautet: zur FSSPX 😉.)

      (P.S.: Entschuldigen Sie die Abschweifung vom eigentlichen Thema, aber ich bilde mir ein, dass das alles verschiedene Seiten derselben Medaille sind.)

      (P.P.S.: Ich habe heute zu viel im Internet diskutiert.)

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    2. Lieber iamfoetet,

      wenn Sie mir zuhören wollen, müssen Sie mir schon zuhören. Ich sage Ihnen die ganze Zeit, was ich denke, aber weil das bei aller Demut kein emotionaler Schlagwortabtausch ist, sondern doch etwas mehr, unterstellen Sie, ich dächte irgendetwas anderes. Das ist nicht der Fall. Und es tut mir ja leid, aber Antiintellektualität ist kein Wert an sich.

      Fangen wir hinten an:

      >>Vielleicht erklären Sie doch kurz einmal, was denn das Konzil so toll macht, was es denn Gutes gebracht hat? Warum war es richtig und wichtig?

      *Das ist nicht die Frage*, und deshalb werde ich an dieser Stelle auch nicht darauf antworten. nicht um mit meiner Meinung hinter dem Berg zu halten und auch nicht primär deswegen, weil ich mir diese überhaupt erst überlegen müßte (obwohl letzteres stimmt). Ich könnte jetzt sagen, das und das gefällt mir bei den Konzilsdokumenten, aber da Sie anscheinend geistig nicht willens sind, eine Abschweifung zu ertragen und als solche einzuordnen, unterlasse ich es. Das ist nicht der Punkt, Punkt. (Liebe Crescentia, bei Interesse vielleicht an anderer Stelle.)

      Der Punkt ist, daß gar nicht die Frage ist, ob das Konzil richtig war, ob es wichtig war. Die Frage ist, ob das Konzil stattgefunden hat, und das hat es, ob es der Papst ratifiziert hat, und das hat er. Ob das nun geschehen ist, weil es Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß gefallen hat, die Kirche mit schwerer Pein zu schlagen, oder doch aus einem anderen Grund, ist unerheblich. Ob das Konzil eine Katastrophe in der Kirche ausgelöst hat oder nicht, ist unerheblich. Das ist alles unerheblich. Das Konzil war Konzil; ebenso wie Franziskus Papst ist. Das ist der Punkt.

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    3. Und in der Hoffnung, daß ein neuer Kommentar vielleicht auf mehr Bereitschaft, gelesen zu werden, stößt, jetzt etwas mehr ins Detail.

      Ich soll mein Visier herunterlassen? Okay, ich hatte, wie schon gesagt, nicht den Eindruck, eines aufgehabt zu haben, aber bitte: Was ich will, sind korrekte Aussagen. nichts weiter.

      Das Hauptwerk des von Ihnen (und mir!!) hochgeschätzten hl. Thomas beginnt (worauf Chesterton aufmerksam gemacht hat) mehr oder weniger mit den Worten „es würde scheinen, daß es keinen Gott gibt, und zwar aus den folgenden Gründen“. Man muß Punkte sauber diskutieren, ohne Schaum vor dem Mund, nicht immer gleich mit irgendwelchen praktischen oder „Wo kämen wir denn da hin“-Fragen bei der Hand. Wenn Sie sich weigern, das zu tun, kann ich es Ihnen auch nicht ändern.

      Und wenn ich finde, daß daß sich das schon an sich immer gehört, so doch erst recht in bezug auf ein Konzil der Kirche. Wenn man gegen das kirchliche Lehramt auf einem derart hohen Niveau (wenn auch noch unterhalb dem des Dogmas) einen Gewissensfall anmeldet, dann muß man das Dings mindestens lesen (nicht überfliegen, nicht sich emotionalisieren, sondern: lesen) und sagen, wogegen man sich genau richtet. „Hier lehrt das Konzil das und das, und ich finde, es irrt“ kann, wenn mit gutenn Gründen vorgebracht kann, solange es nicht um Dogmen geht nicht 100%ig unzulässig sein; aber ein Konzil in Bausch und Bogen verwerfen mit der sinngemäßen Begründung „die ganze Richtung paßt mir nicht“? Äh, nein, das fällt aus wegen isnich.

      —–

      Also, ich habe oben nicht von ungefähr unterschieden zwischen Ihren Behauptungen, das Konzil verstoße gegen 1. die Hl. Schrift, 2. die Tradition im Sinne des fixierten Depositum fidei, 3. dem bisherigen Lehramt (oder, wenn Sie wollen, der weiteren Tradition), 4. den ganzen Tonfallgeschichten usw. Die Unterscheidung habe natürlich ich hereingebracht, aber eben, weil das unterschiedliche Dinge *sind*.

      1. Zur Heiligen Schrift: Gegen welche Bibelstellen bitte soll „subsistit in“, selbst wenn man „non est“ hineinlesen *würde*, verstoßen? Welche Bibelstelle besagt „es gibt kein Recht auf religiösen Irrtum“, nicht interpretativ gesehen (das wäre Tradition oder Lehramt) sondern wörtlich? Nur Sie scheinen irgendwie zu unterstellen, wenn die Abweichung nur schlimm genug wäre, dann könnte man einfach „verstößt gegens“ aufhäufen.

      Nun, Worte haben eine bestimmte Bedeutung und wollen dieser gemäß verwendet werden. Wie ich oben schon gesagt habe: Auch die Piusbruderschaft behauptet *nicht*, daß das Konzil gegen die Hl. Schrift verstößt.

      2. Beim Depositum, nicht der Hl. Schrift, mag das in bezug auf ein „non est“, das der Leser für „subsistit in“ liest, anders sein. Aber „non est“ *steht nicht da*! Es steht „subsistit in“ da, das ist *für sich genommen nicht falsch*; die Frage, ob es *zu wenig* ist, diskutieren wir erst bei Nr. 4!

      Wie gesagt, die Piusbruderschaft behauptet nicht, daß das Konzil Häresien gelehrt hätte. Sie (ich denke, es war Pater Gaudron in einem Interview) behauptet meines Wissens, daß es in bezug auf den religiösen Liberalismus einer (bisherigen) Sententia certa, vielleicht behaupten die Piusbrüder auch: einer Sententia fidei proxima, widersprochen habe. Das ist weniger; nicht nichts, aber weniger.

      3. Anders sieht es beim bisherigen Lehramt aus. Dem hat das Konzil in bezug auf die Religionsfreiheit widersprochen, wobei es sich *weder bei dem einen noch bei dem anderen um unfehlbare* Lehräußerungen handelt. (Viele Widersprüche sind aber nur scheinbar; dieser ist tatsächlich einer.)

      4. Und dann schließlich das, was Sie mit „die Tendenz“, der „genaue Gegenentwurf“ zur vorherigen Linie usw. meinen. Das ist vielleicht auch interessant, hebt aber die Frage, ob denn und wenn ja wo es *echte* Differenzen gibt, nicht auf. Wozu nur zu sagen ist: selbst wenn das alles so wäre, ändert es nichts. Doppeldeutigkeiten, wenn es sie gibt, hat man katholisch auszulegen, das ist so, und zwar selbst wenn es alle Welt anders tut. Die Tendenz, wenn sie nicht katholisch sein sollte, hat der Katholik zu ignorieren (oder gegebenenfalls erst durchaus zu kritisieren und dann im weiteren zu ignorieren), auch das ist so.

      (PS: Den Atheismus als solchen mußte das Konzil wirklich nicht verurteilen, weil *das* nun wirklich eh klar ist. Den „atheistischen Kommunismus“ dagegen *hätte* es damals angesichts der politischen Lage und der Erwartungen der Welt offenkundig verurteilen sollen [obwohl die Erklärung, daß auch das unnötig gewesen sei, *innertheologisch* durchaus stimmt] und es gab auch einen entsprechenden Antrag. Einen „Pakt mit den Protestanten“ gab es nicht, recht offensichtlich aber den Wunsch, diesen entgegenzukommen, das ist etwas anderes. Und „ein weiterer nicht zu nennender Pakt“, bitte, ich weiß nicht einmal, was Sie meinen, kann es nur ahnen, aber das ist doch dumpfes Verschwörungsgelaber, das zur Erklärung der Ereignisse durchaus unnötig ist. Sachlich tut es freilich vor allem deswegen nichts dazu, weil noch die mafiösesten Verwicklungen nichts daran ändern würden, daß das Ergebnis genau so ist, wie es jetzt ist, und so rezipiert werden muß, wie ein Katholik es rezipieren muß.)

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      1. Bloß zur Selbstklarstellung noch:

        >>aber ein Konzil in Bausch und Bogen verwerfen mit der sinngemäßen Begründung „die ganze Richtung paßt mir nicht“? Äh, nein, das fällt aus wegen isnich.

        heißt selbstverständlich nicht, daß man sich sonderlich viel damit meditativ usw. beschäftigen muß.

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  9. „Vielleicht erklären Sie doch kurz einmal, was denn das Konzil so toll macht, was es denn Gutes gebracht hat?“

    @iamfoetet

    Ich bin zwar nicht gefragt, aber presche erst mal mit zwei Gegenfragen vor: Sagen Sie mir was das Papsttum so toll gemacht hat, obwohl der erste Papst ein Maulheld und Verleugner war? Was würden Sie zu Franziskus sagen, wenn er behaupten würde er „kenne Jesus nicht?“

    Das Konzil war von Gott gewollt und wurde deshalb durchgeführt. Dabei haben sich einige Apostel nicht mir Ruhm bekleckert und andere widerum hervorragendes geleistet. Was uns Menschen fehlt ist die Geduld und die Erkenntnis des Herrn, „meine (allso unsere) Zeit ist noch nicht gekommen!“ Also warten wir es doch einfach ab, (auch wenn es schwer fällt) wann und wo das Gute aus dem Konzil erwächst. Wenn es nicht von Gott kommt, was ich bezweifle, dann wird es keine Frucht bringen. Wie lange die faulen Früchte in der Kirche verbleiben, können wir nicht wissen, weil es uns nicht zusteht Fristen und Zeiten zu erfahren, die Gott in seiner Allmacht festgelegt hat.

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  10. Ja, aber es käme niemand auf die Idee zu sagen, hinter den Verrat von Petrus können wir nicht zurück. Das, was wir als Fehlverhalten des Petrus sehen, wiederholt sich geheimnisvoll in der Kirchengeschichte. Neu ist, dass dieses jetzt als gut bewertet wird und bewertet werden muss.

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    1. „Neu ist, dass dieses jetzt als gut bewertet wird und bewertet werden muss.“

      Mit dem „Müssen“ ist das so eine Sache. Hier tummeln sich doch einige Gläubige die sich nicht an diesen Zwang halten, etwas gut bewerten zu müssen. Sie tun das nicht und ich tue das nicht. Da sind wir also schon zwei. Das könnten ja gute Früchte des Konzils sein.

      „es käme niemand auf die Idee zu sagen, hinter den Verrat von Petrus können wir nicht zurück.“

      Die Verleugnung Jesu des Petrus ist seine persönliche Schuld. Das betrifft ja nicht den Felsen den er repräsentieren soll. Hätte Petrus den Herrn verraten, würde die Sache anders aussehen. Das kennen wir ja von Judas. Bitte nicht oberlehrerhaft verstehen. Das Fehlverhalten des Petrus ist nun wirklich kein großes Geheimnis, es wird ja explizit in den Evangelien genauestens protokolliert, das Kohlenfeuer, die Magd, die Anzahl der Lügen und das Krähen des Hahns. Warum haben die Evangelisten den Petrus in seiner menschlichen Schwachheit so konkret beschrieben? Damit es kein Geheimnis mehr ist, wenn Päpste Unsinn reden und gegen die eigenen Schafe agieren. So sehe ich das zumindest.

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  11. „Wo soll man da eigentlich noch hin?“

    @Sokleidas

    Auch auf die Gefahr hin, dass Sie das schon längst wissen…..in den Beichtstuhl, auf die Knie, vor die Monstranz, zum Leib des Herrn. Ist das nicht herrlich?

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    1. @Gerd: Sie haben natürlich vollkommen Recht!

      Wenn ich nach dem Knien wieder aufstehe und in den Alltag und die Welt zurückkehre, dann tobt der ganze Unsinn in Welt wieder in voller Wucht in mir. In meinem Dünkel bin ich immer noch ein ganz unfertiger Mensch, und der Weg ist noch weit… Aber ich gebe mir Mühe.

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      1. @Sokleidas

        Damit wir uns richtig verstehen, Ich bin da auch nicht weiter wie Sie und wir alle. Das gleiche gilt auch für mich und meinem Dünkel. Die Versuchung ist groß den Herrn zu bitten „drei Hütten zu bauen“, und ständig auf dem Berg zu träumen.

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  12. @Nepomuk

    Werter Nepomuk, Speerspitze des Intellektualismus,

    bis auf die Häretiker kam bis zum VKII niemand auf die Idee, dass die katholische Kirche nicht die alleinige Kirche Christi ist. Für ein anathema sit hat der Verstoß gegen ein einziges Dogma gereicht. Wenn jemand oder eine Gemeinschaft ein Dogma leugnete, dann war es das. Dann war es völlig egal, was er sonst alles richtig machte. Gott hat zum anderen dem Menschen auch nicht die freie Wahl der Religion gelassen, sondern gewollt, dass er allein als Gott verehrt wird.

    Aber nicht ich muss nachweisen, dass das subsistit oder die Religionsfreiheit gegen die Hl. Schrift oder die Tradition verstoßen, weil das jeder, aber auch jeder bis zum VKII gewusst hat. Die Modernisten und ihre Anhänger sind es vielmehr, die beweisen müssen, dass das subsisitit oder die Religionsfreiheit in der Hl. Schrift oder der Tradition verankert sind und immer und überall geglaubt wurden. Ich denke, den Beweis werden Sie nicht antreten.

    Nein, ich denke nicht, dass es damit getan ist, zu sagen, das Konzil jetzt einmal halt da ist. Der Mensch beurteilt eben Dinge. Dass Sie sich weigern, das Konzil zu bewerten, ist bezeichnend.

    Nicht die Kritik am Konzil, sondern das Konzil selbst sowie der gesamte Modernismus ist antiintellektuell, man weigert sich seit Kant, das Wesen der Dinge zu erkennen, man hält das eigene Bewusstsein statt die Realität für den Dreh- und Angelpunkt, man träumt sich in einem Konzil die Welt zurecht und wenn man sich dann zum Konzil erklären soll, dann sagt man, jetzt ist es halt da. Man will begnügt sich damit, zu sagen, der sei nicht mehr katholisch (Kardinal Müller), der sei antiintellektuell (Nepomuk), wer hinter das Konzil zurückwolle. Da wird ein Tabu aufgebaut.

    Was ist denn hinter dem Konzil? Was ist das Problem aus der Sicht der Modernisten mit der alten Messe? Diese, so lautet deren Vorurteil (und es nur ein Vorurteil ) fördere Antisemitismus, Homophobie und Illiberalismus. Das ist doch der Elefant, der im Raum steht. Man muss doch nur einmal die israelische Presse lesen, ein Aufatmen nach Traditionis Custodes.

    Jetzt nur noch vorwärts immer, rückwärts nimmer, es zählt nur noch die neue Weltordnung nach dem Konzil: Freundschaft mit der Welt, sexuelle Befreiung, Liberalismus (Humanismus, Regenbogen und jeder, wie er will). Nicht umsonst fand das Konzil in den sexuell aufgeladenen, revolutionären 60er Jahren statt. Weg mit den alten Tabus, jetzt ist dafür das VKII das neue Tabu, an dem nicht gerüttelt werden darf. Das war die frohe Botschaft des Konzils, wir sind jetzt auch mit dabei. Das ist aber nicht der Geist Jesu Christi.

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    1. „Das ist aber nicht der Geist Jesu Christi.“

      Werte(r) iamfoetet,

      wir sollten sehr vorsichtig sein, den Geist Jesu Christi zu beurteilen. Wir sind immer diejenigen die mit Petrus fordern: „Herr, das darf nicht sein. Das soll nicht geschehen!“
      Ich persönlich möchte nicht vom Herrn hören: „Weg von mir Satan, geh mir aus den Augen!“

      Ihre „Anrede“ an Nepomuk als „Speerspitze des Intellektualismus“ zeugt m.E. nicht vom Geiste Jesu Christi. Also bedenken Sie bitte ihre Wortwahl und ihre Erkenntnisse über den Geist Jesu Christi, denn wir wissen niemals woher der Wind kommt und wohin er weht.

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    2. Lieber iamfoetet,

      ich weigere mich nicht (an sich), das Konzil zu bewerten. Ich habe mich allerdings geweigert, das Konzil in einer Diskussion mit *Ihnen* zu bewerten. Und das liegt nicht daran, daß Sie da anderer Meinung sind als ich, sondern daß *Sie* eine Disputation in einem eigentlichen Sinn des Wortes darüber offensichtlich darüber gar nicht wünschen.

      Glauben Sie mir, es fällt mir sehr schwer, zum Zweiten Vaticanum, wenn denn die Rede darauf kommt, *nicht* herzugehen und sagen, okay, das ist so zu bewerten, daß wieder so, daß wir überhaupt ein Konzil hatten, der Konzilsgeist so und die Frage, inwieweit der Konzilsgeist Konzilsgeist war, so. Glauben Sie mir, das würde ich wirklich sehr gerne tun. Ich stelle mich, mühsam, auf die Wünsche des Gesprächspartners ein, d. h. von Ihnen.

      Um über Sachen zu reden, muß man *auch* davon überzeugt sein, daß Erkenntnis ein Wert an sich ist; eine Überzeugung, die (to say the least) einem Jünger Christi, der gesagt hat „ich bin … die Wahrheit“, und einem Verehrer des hl. Thomas von Aquin, der am Hofe des hl. Ludwig mit dem Gedankenblitz die Faust auf den Tisch gehaut hat „und damit haben wir die Manichäer geklärt“, als die Manichäer schon jahrzehntelang militärisch besiegt waren, gut ansteht.

      Sie wollen, daß ich mich für irgendein Banner erkläre, unter das ich mich versammle. Dazu: unter das Banner Christi, der katholischen Kirche, des katholischen Glaubens jederzeit. Im übrigen: nihil mihi dogma nisi dogma.

      Katholisch ist, alles zuzulassen, was wahr ist. Wenn Sie sagen: „bekenne dich dazu, daß das II. Vaticanum verkehrt ist, sonst verwerfe ich dich“, dann ist das auch übrigens nicht viel anders wie wenn der Hl. Vater mir sagt „bekenne dich dazu, in der Liturgie, die ich, und wer immer mein Nachfolger sein mag, momentan gerade per Dekret vorgibt, je immer den höchsten und einzigen Ausdruck katholischen Betens anzuerkennen, sonst verwerfe ich dich“. Bekenne Dich! bekenne dich! – Ich bekenne mich zum katholischen Glauben und, so lange wir *so* reden, erstmal zu weiter nichts auf der Welt.

      (Und daß Erkenntnis über die Wahrheit ein Wert an sich ist, darauf kann ich auf jeden Fall nicht verzichten, weil es es eben die Wahrheit ist.)

      (Und auf die Frage, gegen welche Bibelstelle das und das verstößt, eine Frage, die nicht im mindesten leugnet, daß es auch Häresien geben kann, die nicht mit einer einzelnen Bibelstelle widerlegt werden können, kann ich „das hat vor dem Konzil jeder gewußt, daß es das tut“ und die Worte „das ist gegen die Heilige Schrift“ lediglich als einen noch etwas kräftigeren Ausdruck für „ich bin dagegen“ zu verstehen nicht als Antwort akzeptieren.)

      Wie gesagt: ich würde sehr gern, vorausgesetzt die Zeit erlaubt es, en détail und gerne kontrovers über das Konzil reden. Daß ich es nicht tue, liegt daran, daß ich mich bemühe, Ihr für die Fragen und Antworten einer solchen Diskussion geschlossenes Ohr zu respektieren.

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  13. Werter Gerd,

    zur Anrede: Ich bin ein Mann.

    Zum Intellektualismus: Das sollte nicht beleidigend gewesen sein. Ich habe lediglich den inflationär gebrauchten und mir vorgeworfenen Antiintellektualismus aufgegriffen. Ich meine, das war milder, ansonsten: Entschuldigung.

    Zum Willen Gottes: Ist nicht alles der Wille Gottes, der Sündenfall, der Verrat des Judas, der Verrat des Petrus, die Kreuzigung, das VKII, der Vorfall in Würzburg, ja sogar mein Text?

    Gott ist heilig, er will das Gute und hasst das Böse. Er wirkt alles, bis auf die Sünde, die lässt er zu.

    Ich meine, das Konzil wollte nicht Gott in erster Linie, wie hier geäußert wurde, sondern die Modernisten. Man hat dabei Texte verfasst, die katholisch klingen, aber eigentlich versuchte man den Spagat zwischen Kirche und Welt, die Quadratur des Kreises. So kann man immer darauf hinweisen, dass die Texte doch katholisch sind, bis auf ein paar Ausnahmen, und doch die Verweltlichung immer weiter vorantreiben. Die Chiffre ist Barmherzigkeit, über Wahrheit wird nicht mehr gesprochen. Wenn die Intension des Konzils Verweltlichung war und nicht Heiligung, dann entspricht es eben nicht der Gesinnung Christi. An ihren Früchten … Auch die Doppeldeutigkeit der Texte an sich ist problematisch. Jesus sagte, eure Rede sei ja, ja und nein, nein, also eindeutig. Die Doppeldeutigkeit hat ihren Preis, der Verzicht auf Wahrheit.

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    1. Ich hatte „Antiintellektualismus“ gesagt, weil mir die treffendere Beschreibung, wie gerade eben im Kommentar, nicht gleich eingefallen war. Der Punkt ist: Erkenntnis ist ein Wert an sich und Behauptungen nicht nur Schlagworte, für die man in den Krieg zieht. Wir müssen natürlich in den Krieg ziehen, aber für die Wahrheit, nicht für einen bloßen Schlachtruf.

      Das ist hart genug; es auf den Begriff „Antiintellektualismus“ zu bringen zugleich zu wenig und zu unfreundlich. nichtsdestoweniger ist freilich auch die Intellektuellenfeindlichkeit eines anständigen religiösen gesetzten Bürgertums tatsächlich ein Übel; aber das ist eine allgemeine Bemerkung. Für die konkrete Anwendung bitte ich um Entschuldigug. (Immerhin sind die Katholiken, und unter diesen sogar *besonders* die Tradis, von diesem recht wenig betroffen, zumindest wenn man sie mit praktizierenden Protestanten vergleicht.)

      Die „Speerspitze des Intellektualismus“ nehme ich nicht übel, sondern als Kompliment, vermutlich sogar ein unverdientes.

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      1. Lieber Nepomuk,

        es war mit der Speerspitze süffisant gemeint, so wie Sie auch verstanden haben. Das mit dem Antiintellektualismus nahm ich Ihnen nicht übel. Mein Ego hält so etwas aus. Passt scho. Ich fand den Begriff Intellektualismus passend zur Diskussion, weil ich tatsächlich meine, dass das moderne Weltbild antiintellektuell ist und zwar im wahrsten Sinn des Wortes, so wie ich es auch geschrieben habe. Der Kollege Sokleidas hat längere Ausführungen über die moderne Welt gemacht, die ich nicht zu wiederholen brauche.

        Das VKII ist insofern intellektuell, dass die Konzilsteilnehmer über Jahre um theologische Feinheiten und Formulierungen gerungen haben, schon in dem Sinn, nichts „Falsches“ zu sagen, man wollte ja auch des Plazet des Papstes, aber es ist eben auch antiintellektuell, weil man gleichzeitig den alten Glauben nicht mehr verstehen (intus legere) wollte und versucht hat, in einer bestimmten Richtung an die Grenzen des „Erlaubten“ zu gehen und ein paar mal – ich meine absichtlich – auch die Grenzen überschritten hat.

        Wir könnten vermutlich ewig diskutieren und Satz für Satz die Konzilstexte durchgehen und diese anhand von unterschiedlichen Maßstäben bewerten und ich stimme Ihnen zu, die allermeisten Sätze wird man durchwinken müssen. Aber was war der Sinn des Konzils? Die Frage müssten Sie schon beantworten, nicht für mich, aber für sich selbst, nicht jetzt, aber irgendwann.

        Sie vertreten wahrscheinlich eher die Auffassung, dass man das Konzil für sich betrachten müsse und dass es unter diesem Aspekt passt. Ich vertrete eher die Auffassung, dass man das ganze Drumherum mit berücksichtigen muss. Da kommt man mindestens ins Grübeln, wenn man sich die Begleitumstände anschaut. Und es gibt ja noch die Prophetie, zumindest die kirchlich anerkannte sollte man auf dem Schirm haben.

        Ich denke, dass man das Konzil erst dann kritisch sieht, wenn man sich tatsächlich auf die Argumente der Gegenseite einlässt, so wie das auch die Bloggerin hier getan hat. Ich glaube, hier wurde das Buch „Der Rhein fließt in den Tiber“ erwähnt. Es gibt genug kritische Bücher über das Konzil. Ich selbst habe vor kurzem das Buch „Infiltriert“ von Taylor Marshall gelesen, das relativ neu ist. Es kommen immer noch neue Aspekte über das Konzil ans Licht.

        Das Hören der Gegenseite ist der Normalfall. Et audiatur altera pars. Das ist zwar nicht schön, aber es hilft nichts. (Ja, ja, ich weiß, nicht Ihre, sondern meine Ohrwascheln sind zu.)

        Aber eigentlich reden wir – so lautet die Überschrift – über die Piusbruderschaft und nicht über das Konzil. Nachdem Sie aber Pater Gaudron erwähnt haben, schlage ich vor, wir treffen uns zur nächsten Priesterweihe in Zaitzkofen und reden mit ihm über das Konzil, also maximaler Erkenntnisgewinn bei gleichzeitigem völligen Abbau von Vorurteilen. (Sie dürfen sich mit Ihren Konzilstexten bewaffnen und zur Beruhigung, es gibt auch Bier.)

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  14. „Ist nicht alles der Wille Gottes, der Sündenfall, der Verrat des Judas, der Verrat des Petrus, die Kreuzigung, das VKII, der Vorfall in Würzburg, ja sogar mein Text?“

    Werter iamfoetet,

    Natürlich ist es das. Bezeichnend oder besser auffallend für Ihre Aufzählung ist, dass sie nur die Sünde, den Verrat, die Kreuzigung oder den Vorfall in Würzburg erwähnen. Nun denn, vervollständigen wir doch mal diese Liste: Der Wille Gottes ist auch, die Errettung des Menschen von der Sünde, die Umkehr seiner Geschöpfe aus freien Willen, das Fiat der Gottesmutter, die Umkehr des Paulus, die Treue der Apostel bis in den Tod. Der Wille Gottes ist weiter: Eine Mutter Teresa, ein Johannes vom Kreuz, ein Pater Damian, der Priester Maximilian Kolbe, ein D. Bonhoefer und die Geschwister Hans und Sophie Scholl. Damit die Frauen hier nicht zu kurz kommen: Teresa von Avilla, Katharina von Alexandrien, Edith Stein. Ich denke, dass Gott immer dazu in der Lage ist, das Ungleichgewicht zwischen Gut und Böse, zwischen Wahrheit und Lüge, in die reine Wahrheit verwandeln kann.
    Beten wir füreinander.

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  15. „Aber das ist keine katholische Denkweise.“

    Eigentlich schon, außer der legitimen Autorität zu gehorchen erfordert eine Sünde. Dazu gibt es unzählige Heiligengeschichten angefangen mit Pater Pio.

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    1. Heiligengeschichten sind oft Geschichten von Werken der Übergebühr 😉 Auch die legitime Autorität hat keine unbegrenzte Macht, da kann man jeden rechtgläubigen Moraltheologen fragen. Außerdem *wäre* es ja eine Sünde gewesen, bei Fehlentwicklungen mitzumachen, ohne was zu sagen.

      – Crescentia.

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  16. Ohne was zu sagen ist ein Punkt, unerlaubte Konsekration ist ein ganz anderer Punkt.
    Bischöfe *nicht* zu weihen ist KEINE Sünde, Bischöfe *unerlaubt* zu weihen sehr wohl.

    Aber mir ginge es primär um die pauschale Aussage (evtl. war sie doch nicht so pauschal gemeint), dass einer ungerechten Maßnahme zu gehorchen *an sich* nicht katholisch sei.

    Das stimmt einfach nicht, falls was befohlen wird keine Sünde ist, angefangen mit der anderen Wange.
    Es kann durchaus sein dass in diesem einen Fall nicht zu gehorchen sogar „das richtige“ war, dass weiß nur der liebe Gott, aber einfach zu sagen dass das Gegenteil nicht katholisch wäre kann nicht anhand vom Lehramt begründet werden.

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    1. Also, Entschuldigung für die späte Antwort. Jetzt erst mal systematisch, vielleicht hab ich mich auch ungenau ausgedrückt:

      – Es gibt Situationen, in denen man nur gehorchen darf und Ungehorsam eine Sünde wäre (z. B. der Beichtvater trägt einem eine angemessene normale Buße auf)
      – Es gibt Situationen, in denen man nicht gehorchen darf und Gehorsam eine Sünde wäre (z. B. der Bischof befiehlt einem, einen Fall von sexuellem Missbrauch zu vertuschen)
      – Es gibt Situationen, in denen man das Recht hat, nicht zu gehorchen, es aber auch keine Sünde und vielleicht sogar besser wäre, zu gehorchen; das war das, worauf du hier hinauswolltest (z. B. (das ist aus dem Leben der hl. Crescentia, glaube ich) die Oberin, die schlecht über einen denkt, trägt einem auf, Wasser mit einem Sieb zu schöpfen; man will ihr seinen guten Willen zeigen, die andere Wange hinhalten, ihr den Wind aus den Segeln nehmen, und tut genau das)
      – Es gibt Situationen, in denen man gehorchen dürfte, es aber auch erlaubt und sogar besser/heroischer wäre, nicht zu gehorchen (z. B. der Staat verlangt einen Eid von einem, bei man an sich nichts Schlechtes bekennt/verspricht, der aber allgemein in einem schlechten Sinn verstanden wird)

      Und zum konkreten Fall: Es kann sehr wohl eine Sünde sein, in einem Notfall etwas nicht zu tun, was man normalerweise nicht darf. Wenn die Fußgängerampel Rot zeigt und man deswegen nicht über die Straße läuft, obwohl kein Auto kommt und da drüben jemand schwer verletzt liegt, dem man helfen müsste, weil man die Straßenverkehrsordnung nicht verletzen will, wäre das falsch. Erzbischof Lefebvre sah es eben so, dass er das Weiterbestehen der traditionellen Gemeinden sicherstellen musste, und es dafür Bischöfe brauchte, die firmen und weihen können.

      – LG, Crescentia.

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