Von Kameltreibern und Spitzeln

Deutschland hat einen neuen Skandal gefunden: Patrick Moster, ein Radsporttrainer, hat einem deutschen Radler bei den Olympischen Spielen während eines Radrennens zugerufen „Hol die Kameltreiber! Hol die Kameltreiber! Komm!“, um ihn anzufeuern, seine algerischen und eritreischen Konkurrenten einzuholen. Die Medien stürzen sich auf die Aufnahme, der mittlerweile übliche Shitstorm beginnt, Moster bringt die mittlerweile übliche reuevolle Entschuldigung vor, was natürlich niemanden besänftigt, und wird von seinem Verband vorzeitig nach Deutschland zurückgeschickt.

Das Ganze ist ekelhaft. Irgendein beliebiger Mann wird ins Rampenlicht gezerrt und wie ein Aussätziger behandelt. Wenn es um einen französischen Konkurrenten gegangen wäre, und er „Hol die Froschfresser“ gerufen hätte, hätte man irgendetwas davon gehört? Natürlich nicht.

Das Perfide daran ist, dass auch Leute, die eigentlich gegen linke Hetzjagden sind, sich hier manchmal davon anstecken lassen, um nicht selbst als rassistisch zu gelten, und sich schnell „distanzieren“ und erklären, wie schlimm sie so eine „Entgleisung“ finden. Nicht, dass sie gar keine Entschuldigung dafür hätten: Der Ausdruck ist herablassend und gehört sich nicht. Und? Da könnte man jeden in Acht und Bann stellen, der schon mal „Arschloch“ gesagt hat. Unhöflichkeit gegenüber Ausländern ist keine besondere Form der Unhöflichkeit, und kein Kapitalverbrechen. Wie können Leute so offensichtlich jeden Sinn für Verhältnismäßigkeit verlieren? Der Zweck des Strafverteidigers vor Gericht ist es ja auch nicht nur, Unschuldige vor einer Bestrafung zu bewahren, sondern auch, Schuldige vor einer unverhältnismäßigen Bestrafung zu bewahren. (Auch wenn es bei unseren Gerichten ja mittlerweile so ist, dass Schuldige in aller Regel eine unverhältnismäßig geringe Strafe bekommen, aber das ist nicht der Punkt.)

Auch ein Trainer eines Profi-Radlers ist keine Person, die enorm im Rampenlicht steht, und bei der man jedes Wort belauschen darf. (Nicht, dass man das bei Personen, die enorm im Rampenlicht stehen, tun sollte.) Das erinnert an Leute, die heimlich mitfilmen, wie ihre Eltern irgendetwas „Rassistisches“ oder irgendetwas Rassistisches sagen und das dann auf Tiktok oder Twitter stellen. Die Öffentlichkeit hat nicht das Recht, jede kleine private Sünde – auch wenn es eine Sünde ist – zu erfahren, und man hat nicht das Recht, auf diese Weise jemandes Ruf zu schädigen. Hätte es früher irgendjemand entschuldbar gefunden, überall herumzuerzählen, dass der eigene Vater „Herrgott Sakrament, der blöde Hund läuft mir ständig zwischen die Beine“ gesagt hat, auch wenn man das als Sünde gesehen hätte? Natürlich nicht.

Petzen und Spitzel und in geringerem Ausmaß auch Leute, die sich auf die Seite von Mobbern stellen, weil sich ja auch irgendwas am Opfer findet, wegen dem sie sich sagen können, dass es irgendwie selber am Mobbing schuld ist – solche Leute verhalten sich ekelhaft.

Letztere – ich hab den Fehler auch schon gemacht – tun das nicht immer ganz bewusst. Sie wollen vielleicht wirklich fair sein – aber sie sind es nicht. Und unterbewusst lassen sie sich sicher in gewissem Maße von dem Motiv leiten, sich nicht bei den Mobbern unbeliebt machen zu wollen.

Außerdem lassen sie sich von einer sehr undurchdachten Taktik leiten. Wenn keiner mehr die Boomer mit losem Mundwerk verteidigt, stürzen sich die Mobber natürlich auf das nächste Opfer, und das kann sehr wohl der sein, der das erste Opfer nicht verteidigen wollte. Ob sich dann an ihm auch eine kleine Sünde findet oder er eigentlich ganz unschuldig ist, wird dann keinen mehr kümmern.

10 Gedanken zu “Von Kameltreibern und Spitzeln

  1. Der Mob auf Twitter (pars pro toto) will halt die Rede des Herrn vom Splitter im Auge des Bruders und vom Balken im eigenen Auge nicht hören.

    Die sollen nur so weitermachen – bis es dann die eigene Existenz erwischt. Dann wird man es nicht gewesen sein und nicht gewusst haben wollen.

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  2. Entschuldigung, aber nein, ekelhaft verhält sich hier nur der Mobber und der Spitzel, vielleicht auch der, der sich mit besonderem Eifer auf die Seite stellt.

    Wer ohne Nachdruck und besonderen Eifer in einer Situation, in der es von ihm erwartet wird, seine Pflichtdistanzierung abgibt, ist vielleicht nicht besonders mutig; wobei die Frage ist, ob dieser fehlende Mut nicht bloß der zu einem völlig sinnlosen Selbstopfer ist. Von Ekelhaftigkeit jedenfalls kann dann keinesfalls die Rede sein. Das wäre wie unter kommunistischer Herrschaft „für die Solidarität der Arbeiterklasse!“ zu plakatieren (und Plakate der Bauart „für die konsequente Durchführung des Marxismus-Leninismus!“ dabei zu unterlassen – anders als diese ist Solidarität der Arbeiterklasse immerhin im Prinzip eine akzeptable Sache).

    Und an der Stelle ist die Tatsache, daß es sich immerhin um eine, wenn auch private, wenn auch geringe, wenn auch auf übertriebene und politisch aufs äußerste bedenkliche Weise ausgeschlachtete, Sünde handelt, eben doch von einer gewissen Bedeutung. Denn: das macht das die Pflichtdistanzierung „find‘ ich nicht in Ordnung so“ zu einer wahren Aussage. Man findet es ja *wirklich* nicht in Ordnung so.

    Wenn also die Frage ist, wie schlage ich mich möglichst sündelos durchs Leben und hab doch Spaß dabei (hier freilich nicht an dem Kotau selbst, sondern daran, was man durch ihn vermeidet), dann ist das hier immerhin etwas, was man mal so eben tun kann.

    >>Und unterbewusst lassen sie sich sicher in gewissem Maße von dem Motiv leiten, sich nicht bei den Mobbern unbeliebt machen zu wollen. Außerdem lassen sie sich von einer sehr undurchdachten Taktik leiten. Wenn keiner mehr die Boomer mit losem Mundwerk verteidigt, stürzen sich die Mobber natürlich auf das nächste Opfer, und das kann sehr wohl der sein, der das erste Opfer nicht verteidigen wollte.

    Auch bewußt. – Wenn nicht die ganze Angelegenheit ohnehin hoffnungslos wäre, wenn es noch den Hauch einer Chance gäbe, daß die Mobber *nicht* gewinnen (sagen wir etwas optimistischer: die Öffentlichkeit und nicht miteinander bekannte Kreise zu beherrschen), dann wäre da vielleicht etwas dran. Nun aber gibt es diese Chance nicht, auch nicht den Hauch von ihr. Unter diesen Umständen kann man von einem erwarten, daß er nicht drüben mitschießt, aber nicht, daß er sich hüben oben aufs Schanzwerk stellt und den feindlichen Gewehren als Zielscheibe anbietet.

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    1. Das kann man alles so sagen – aber wenn das halt *alle* so machen, steht das Opfer ziemlich allein da, und das wünsche ich wirklich niemanden. Wer schon mal gemobbt worden ist, wird das wissen. Zumindest wenn es um Leute geht, die mit dem Opfer selber zu tun haben, deren Verhalten das Opfer auch mitkriegt, sollten ihm zeigen, dass sie nicht damit einverstanden sind, was mit ihm gemacht wird.

      – Crescentia.

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      1. Nun, wer schon mal gemobbt worden ist, wird vor allem wissen, daß man nicht gerne gemobbt wird und wirklich alles oder fast alles dafür tut – wenn’s klappt wird er immerhin das vermeiden, was wir Katholiken die Sünde nennen; aber sonst – um selber nicht gemobbt zu werden. Aus dem Grund wird das Opfer in der Regel auch damit zufrieden sein, daß ihn ein anderer *nicht* mobbt, ihm natürlich auch privat zeigen, daß sie nicht einverstanden sind (wie Du sagst) usw., ihn weiter auf seinen Geburtstag einlädt pp . und nicht darauf bestehen, daß er als Freundschaftsbeweis sich selbst auch in ein Unglück stürzt, das dem Opfer auch nichts bringt.

        Und das Opfer? Das hat’s wirklich schwer, vor allem weil bei allen denkbaren Auswegen, dem Hungerstreik, sich aus Protest irgendwo anzuketten und nicht fortzubewegen usw., andererseits dem gewaltsamen Aufstand gegen irgendeinen Repräsentanten dieser Verhältnisse usw. immer recht bald das Fünfte Gebot ins Spiel kommt. Insofern ist das Hoffen auf ein Wunder wahrscheinlich die pragmatischste Lösung.

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      2. Entschuldigung für die späte Antwort. Die Sache ist halt auch die: Das Mobbing bleibt nicht bei einem stehen. Und es ist viel angenehmer, wenn die vielen Opfer sich als Gruppe zusammenstellen, als dass jeder allein gemobbt wird.

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      3. Auch wenn es viele sind, was nicht einmal so sicher ist, sind es jedenfalls weniger. Da kann man jetzt natürlich sehr viel mit Waswärewenn kommen, wenn jeder, der sagenwir kleine Fehltritte als das behandelt, was sie sind, oder vielleicht ein bissel übertreibend aber nicht so schlimm wie die Mobber; und jeder, der mit der ganzen Wokeness vielleicht nicht so *ganz* einverstanden ist wie ihre Propagandisten (und ja, *das* dürfte – noch – die Mehrheit sein) herginge und denen mal zeigen würde, wo der Pfeffer wächst… wenn denn jeder…

        Fakt ist aber, das tut eben nicht jeder, und daran werden wir auch nichts ändern, es sei denn mit Mitteln, die aus moralischen Gründen nicht in Frage kommen. (Wenndann müßte man konzertierte Aktionen machen, aber das setzt gerade voraus, daß man *vorher* heimlich konspirativ tätig war, um sich zu versichern, daß man genügend stark ist, daß es zum einen was bringt und zum anderen man es aushält.)

        Und der moralische Schluß „wenn denn jeder, dann würde, also mußt gerade du“ war im Kindergarten und der Grundschule (wo er zugegeben sehr beliebt war) schon falsch. Was ich zu tun habe, habe ich als einzelner unter Beobachtung meiner Situation zu tun und kann dabei annehmen, daß sich das Verhalten meiner Mitmenschen nicht und schon gar nicht plötzlich ändern wird, weil das nunmal fast sicher so ist.

        Und so muß man eben immer als gemobbte Minderheit mit der mobbenden Mehrheit in einem Landstrich zusammenleben. (Wegziehen und mit Gleichgesinnten zusammen siedeln ist natürlich auch eine Option…)

        Und für das praktische? Wir wollen nicht ganz vergessen: wenn irgendwo Räume freigehalten werden, wo die Mobber nicht gemobbt werden, wo bei allen halbherzigen Kotaus vor Dingen, die immerhin an sich halbwegs stimmen, jeder spürt, daß die Prinzipien der Mobber *nicht* ganz freie Bahn haben, dann ist bereits das one hell of an achievement, wie der Amerikaner sagt, man sollte vielleicht besser sagen: one heaven of an achievement. (nebenbei: *Das* war bei aller Herumdrückerei, Durchwurstelei und bei allem halben Mitläuferwesen, woraus die Achtundsechziger später so große Vorwürfe machten, *der* große Erfolg der katholischen Kirche im nationalsozialismus, der sicher kräftig dazu beigetragen hat, ihr nach dessen Widerlegung so viel Attraktivität zu verleihen, die sie damals ja einige Jahre hatte.)

        Das Feine ist: anders als das Ende des Mobbings überhaupt *ist* das konkret *erreichbar*, und jeder *kann* dazu beitragen, sogar ohne daß es ihn allzuviel kostet. Dann die gutwilligen, populären und vielleicht ja durchaus auch im Sinne einer Charakterschwäche (sowas gibt’s^^) popularitätshungrigen Mitmenschen zu vergraulen, indem man ihnen sagt, daß sie genaugenommen genauso schlimm sind wie die Mobber selber, dürfte sich in dem Zusammenhang doch eher als kontraproduktiv erweisen.

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      1. Ich korrigiere mich: der Ausdruck „aussichtslos“ ist tatsächlich besser als „hoffnungslos“. Denn „Aussicht“ unterstellt einen konkreten Anhaltspunkt für dieselbe. Und der, jedenfalls der, fehlt.

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  3. „Wie können Leute so offensichtlich jeden Sinn für Verhältnismäßigkeit verlieren?“

    Eine Frage die bis zur Wiederkunft des Herrn wohl unbeantwortet bleiben wird. Eine vorläufige Antwort könnte die sich universell ausgebreitete Gottlosigkeit sein. Zumindest aus der katholischen Sicht. Ein anderer Gedanke der mir des öfteren kommt und über den ich echt grübel ist die Tatsache, dass in so ziemlich allen Kirchen das Weihwasser entfernt wurde. Wenn der Teufel wie ein brüllender Löwe umhergeht ( das ist mal ziemlich sicher) und nicht einmal mehr das Weihwasser in den Kirchen fürchten muss, dann sind die Gläubigen verwirrt und das sind die einzigen die der Widersacher wirklich fürchtet. Die „Kameltreiber“ und Spitzel hat er längst im Sack. Da hilft nur noch fürbittendes Gebet. Selbst wenig religiösen Zeitgenossen erkennen die dystopische Zeit in der wir leben. Wir sollten uns daran gewöhnen unsere Lebenszeit zumindest gedanklich auf den Knien zu verbringen. Ein demütiger Mensch kann nicht sündigen und somit auch den Blick für Verhältnissmäßigkeiten bewahren.

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