Nominalismus, Materialismus und andere Dummheiten

Manchmal hört man ja von Leuten den Gedankengang: Offensichtlich sind sich viele sehr kluge und gebildete Leute nicht einig, was die Wahrheit ist; wie soll ich dann erst drauf kommen? Es ist aber gar nicht nötig, so zu denken. Erstens sind nicht alle Gebildeten auch gescheit. Zweitens haben auch gescheite Gebildete oft keine Ahnung außerhalb ihres Fachgebiets, und viel philosophische und historische Bildung wird gar nicht mehr unterrichtet. (Wer weiß noch, was Aristoteles oder Platon selber wirklich alles gesagt haben? Ich nehme mich da gar nicht unbedingt aus, ich hab selber bis jetzt noch kaum was von denen im Original gelesen.) Und drittens können auch umfassend gebildete Gescheite sich einfach aus den banalsten Gründen irren – weil sie doch irgendwelchen Vorurteilen aufsitzen, oder weil sie eine bestimmte Motivation haben, etwas zu denken, oder weil sie über Scheineinwänden gegen X die gewichtigeren Gründe vergessen, die schon zu X geführt haben.

Und auch kluge Menschen suchen sich manchmal irgendetwas Absurdes aus, einfach um originell zu wirken, und suchen dann schlaue Gründe, um daran zu glauben. Man kann seine Intelligenz auch manchmal einfach nur nutzen, um offensichtliche, einfache Wahrheiten gekonnt zu verschleiern und zu verunklaren. (Ob man sich dessen ganz bewusst ist oder nur halb oder kaum.) Ein hoher IQ hat sicher viele Vorteile; aber man muss ihn auch richtig verwenden.

Da gibt es ja diese Philosophien, die hauptsächlich darauf aufbauen, irgendetwas zu leugnen, das eine Selbstverständlichkeit ist, die einen aus der Welt um einen herum quasi anspringt:

  • Der Materialismus, der den Geist für Schein erklärt
  • Das Gegenteil, östliche Philosophien, die alles Materielle für Schein erklären
  • Der Nominalismus, der es für Schein erklärt, dass mehrere Dinge eine Wesenheit teilen können, und der alle Einteilungen der Wirklichkeit für menschliche Konvention hält
  • Der Solipsismus, der nur das Selbst für wirklich hält
  • Die heraklitische Philosophie, alles sei im Fluss, nichts konstant
  • Die eleatische Philosophie, alles sei eins und völlig statisch, Werden und Vergehen nur Schein

(Im Gegensatz dazu ist der Thomismus eine relativ klare Philosophie, die immer wieder sehr gut mit dem gesunden Menschenverstand übereinstimmt.)

Das muss man nicht ernst nehmen, nur weil schlaue Menschen es gesagt haben. Auch schlaue Menschen können ganz grundlegend Unsinn reden – vielleicht einfach nur, weil sie sich von den dummen Menschen abheben wollen. Ich bin ja gerne vorlaut und besserwisserisch und bilde mir was auf mein Einserabitur ein, aber ich weiß schon, dass es auch einige wirklich geniale Menschen gibt, die schlauer sind als ich. Aber deswegen muss ich nicht jede Meinung von denen übernehmen, genausowenig wie andere von mir.

Zu diesen Philosophien also: Wenn man ein bisschen sucht, finden sich auch zu ihnen allen ausführliche Widerlegungen, die über den ersten Eindruck hinausgehen. Der Nominalismus wäre ein gutes Beispiel, weil er auf den ersten Blick ein wenig vernünftiger klingt als die anderen. Nominalisten könnten sagen: Es gibt doch keine Dinge, die wirklich ein Wesen teilen, wir ordnen sie nur in Gruppen ein, weil sie uns ähnlich erscheinen. Was grenzt diese zwei Stühle wirklich von diesen zwei Tischen ab? Nur menschliche Konventionen.

Dagegen kann man aber u. a. sagen: Es gibt sehr wohl Dinge, die eindeutig solche Wesenheiten teilen – z. B. zwei Teile desselben Elements, wie etwa zwei Stücke Eisen. Sie haben eine Einheit untereinander, die sie mit anderen Dingen nicht haben – wenn z. B. diese zwei Eisenstücke verschmelzen, ergeben sie wieder Eisen, das dieselben Eigenschaften hat wie die Eisenstücke davor; wenn Eisen mit einem anderen Metall verschmilzt, ist das nicht so. Ebenso haben zwei Menschen oder zwei Katzen unter sich eine gewisse Einheit; sie können sich miteinander fortpflanzen, mit anderen Wesen nicht (und sie leben auch miteinander). Und auch sonst zeigt sich die Welt ganz so, wie wir es erwarten würden, wenn Wesenheiten nicht nur beliebige menschliche Einteilungen wären. Natürlich können Menschen aus diesen Grundstoffen weitere Dinge herstellen, die keine wirklichen Substanzen sind – z. B. aus Holz einen Hocker, einen Stuhl und eine Bank. Deren Abgrenzung voneinander ist wirklich etwas willkürlich. Aber Abgrenzungen wie die von geometrischen Figuren, chemischen Elementen und biologischen Spezies ist vollkommen objektiv, und jeder Mensch kann sie unabhängig von anderen Menschen feststellen. So haben ja auch zwei Chemiker unabhängig voneinander das Periodensystem festgelegt.

Bei einer Idee wie dem Solipsismus kann man einfach sagen: Das kannst du schon postulieren; aber du kannst eben nichts als Begründung dafür bringen. Du gehst ja davon aus, dass alle unsere Sinne uns grundlegend etwas vortäuschen und wir überhaupt nichts wissen können; dann können wir auch nicht den Solipsismus beweisen. Da kann man dann im Endeffekt postulieren, was man gerade will, und hat keine Gründe dafür. (Dazu kommen natürlich noch andere Argumente: Z. B.: Meine Erinnerungen reichen nur eine begrenzte Zeit zurück; also macht es Sinn, davon auszugehen, dass ich nicht immer existiert habe. Wie hätte dann aber mein Bewusstsein überhaupt entstehen können, wenn es das einzige ist, das existiert und mir die ganze übrige Welt vorgaukelt?)

Beim Materialismus ist es ähnlich. Das Geistige (Gedanken usw.) komplett zu leugnen wäre extrem absurd, aber es nur für eine Art Ausgeburt der Materie zu halten, ist nicht viel besser. Gedanken haben schlicht nichts mit Materie gemein; und die Materie enthält in sich nichts, was Gedanken hervorbringen kann; jedenfalls gibt es keine Hinweise darauf. (Und die Ursache muss das Verursachte in irgendeiner Weise in sich enthalten, entweder real oder in eher potentieller Form. Von nichts kommt nichts.) Der Geist und die Materie hängen – zumindest bei Menschen – zusammen, insofern das richtige Funktionieren des Geistes vom richtigen Funktionieren der Materie (des Gehirns) abhängt. Aber dass etwas zusammenhängt, impliziert nicht die Entstehung des einen aus dem anderen. Der Fahrer und sein Auto hängen ebenso zusammen. Gedanken sind etwas, das selbst keine Materialität hat; denn der Gedanke ist nicht das Zucken im Gehirn, sondern die Denkaussage, z. B. „22 + 33 = 55“ oder „Wenn Max der Bruder von Moritz ist, ist Moritz auch der Bruder von Max“.

Was ich damit nur sagen will: Scheinbar absurde Ideen sind manchmal einfach wirklich absurd und dumm.

Ein Gedanke zu “Nominalismus, Materialismus und andere Dummheiten

  1. Ähnliche Schlüsse, die Intelligenz betreffend, zog ich auch 2016 in meinem kleinen Text „Schlaue lügen besser“ (2016): http://ruediger-plantiko.net/microblog/schlaue-luegen-besser Damals ging es zwar um Rechte, aber sie haben mit den Gläubigen gemeinsam, daß sie von Uni-Abgängern für dumme Landeier gehalten werden, denen man sich unglaublich überlegen fühlt.

    Der Durchschnitts-IQ ist in diesen Gruppen meiner Meinung nach deshab niedriger als in den anderen, weil man, um unbefangen zu erkennen, was wirklich der Fall ist, keine überragend hohe Intelligenz benötigt. Wohl aber muß man intelligent sein, um sich die Wirklichkeit einer Ideologie gemäß (oder einem Wahnglauben gemäß oder einer Spinnerei gemäß) zurechtzulügen.

    Den Nominalismus kann man natürlich auch noch etwas gründlicher widerlegen – man könnte mal bei Feser nachschlagen, in „Der letzte Aberglaube“ (womit er den Atheismus meint) macht er das in populärer Form, wenn ich mich recht erinnere – aber Ihr obiges Argument reicht auch fürs erste. Ich stimme zu: Idee und Sinneswahrnehmung fügen sich zusammen zur Wirklichkeit, beides gehört dem betrachteten Ding wirklich an.

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