Über christliche Dritte-Welt-Idealisierung

Es hat eine gewisse Tradition: Vor hundert Jahren haben Missionare, wenn sie sich an ein europäisches Publikum wandten, auch schon gern herausgestellt, dass die nachlässigen europäischen Christen sich ein Vorbild an den eifrigen Neugetauften in China, Afrika oder sonstwo nehmen sollten. Und ebenso werden die Dritte-Welt-Christen heute noch gerne ein bisschen idealisiert. Da sei es noch nicht so säkularisiert, und der Klerus nicht damit beschäftigt, den Glauben zu unterminieren. Teilweise stimmt das; aber eben auch nur teilweise.

Erstens: die Dritte Welt ist eben kein abgeschiedener Urwald mehr, wo nichts hingelangt. Natürlich nehmen europäische und amerikanische Ideen dort Einfluss. Die Elite dieser Länder studiert in Europa und Amerika, und es kommen oft genug Entwicklungshelfer und ab und zu noch Missionare. Und auch das Zweite Vatikanum, die Liturgiereform und die ganzen nachkonziliaren Missbräuche haben diese Länder erreicht; da hat man auch einen Bruch und eine Verunsicherung dabei, wie der Glaube jetzt gelebt werden sollte, erlebt. Die Messe wurde in Kamerun ebenso plötzlich anders gefeiert wie in Deutschland, die Priester demonstrierten ein anderes Verhältnis zu rivalisierenden Religionen.

Aber es ist ja nicht nur der Westen, der hier Einfluss nimmt; früher sah die Sowjetunion sehr darauf, ihren Einfluss in der Dritten Welt auszubauen, und heute tut China das. In vielen solchen Ländern waren oder sind immer noch sozialistische, kirchenfeindliche Parteien an der Macht. Nach der Dekolonialisierung verbreitete sich in vielen afrikanischen Ländern teilweise die Idee, man müsse das Christentum als etwas von außen Übergestülptes wieder loswerden.

Und dazu kommen eben die üblichen Probleme einer Gesellschaft, in der noch viele Ungetaufte leben und auch die Christen oft erst in erster, zweiter, dritter Generation Christen sind. Neubekehrteneifer ist eine schöne Sache, aber irgendwann lässt auch der nach, auch wenn man noch nicht sein ganzes Leben umgestellt hat, und nicht jeder hat ihn. Gerade in viele Teile Afrikas sind Missionare erst im 20. Jahrhundert gekommen, und Bekehrungen passieren auch nicht von heute auf morgen. Das Christentum hatte noch keine Zeit, diese Kulturen in der Tiefe zu prägen, also geben auch Christen alten Aberglauben oder Praktiken wie Polygamie und Mädchenbeschneidung nicht so schnell auf. Was in Europa die Wiederverheiratet-Geschiedenen sind, sind in Afrika die Polygamisten. Aber selbst z. B. die alte christliche Kultur Äthiopiens – die sowohl von der katholischen Kirche getrennt als auch durch islamische Länder ziemlich abgeschnitten vom Rest der christlichen Welt war – ist nicht so ganz perfekt; auch da hat sich noch die Mädchenbeschneidung erhalten, die jede europäische Kirche als schwer sündhafte Verstümmelung sieht.

Und leider ist es auch so, dass eine dysfunktionale Gesellschaft mit viel Korruption und Kriminalität ihren Einfluss auch auf Christen ausübt. Natürlich tut sie das. Um ein besonders extremes Beispiel zu nehmen: In der Demokratischen Republik Kongo ist die Hälfte der Bevölkerung katholisch, und ca. 40% der Frauen werden irgendwann in ihrem Leben vergewaltigt.

In Afrika gibt es viel weniger Atheismus als hier, das stimmt. Da haben die Leute noch viel eher ein grundsätzliches, manchmal irgendwie auch fatalistisches, Vertrauen in Gottes Willen. Aber das heißt nicht, dass Afrika ein Hort der perfekten Frömmigkeit und Nächstenliebe wäre. Und in Südamerika haben die Kirchengegner schon mehr Erfolge und auch einige Leute auf ihrer Seite (siehe die ganzen Kampagnen für Abtreibung), und dazu kommen Synkretismus und der Abfall zu den Freikirchen. In Südkorea (nicht gerade Dritte Welt, das stimmt, aber auch eins dieser „exotischeren“ Länder) erlebt das Christentum einen Aufschwung, aber leider ist hier der Prosperity Gospel zu einflussreich.

Ein paar Beispiele aus meiner persönlichen Erfahrung:

  • Von einer deutschen Nonne, die in Tansania lebt, habe ich gehört, dass es manchmal vorkommt, dass der Orden jungen afrikanischen Nonnen ein Medizinstudium finanziert und sie dann einfach aus dem Kloster verschwinden, nachdem sie fertig sind und merken, wie viel sie außerhalb des Klosters verdienen könnten. Und Diebstahl sei so häufig, dass auch im Kloster geklaut werde (z. B. von Angestellten).
  • Die Interpretation, Jesus habe von der Kanaaniterin gelernt, keine Vorurteile zu haben, habe ich auch schon mal von einem nigerianischen Pfarrer gehört.
  • Ein brasilianischer Freund hat mir mal erzählt, in Brasilien gründen mittlerweile etliche ihre eigenen Garagenkirchen und Drogenhändler verlassen sich darauf, dass Jesus ihnen bei ihren Drogengeschäften hilft.
  • Ein anderer Freund hat mir von inkompetenten indischen Priestern erzählt, die bei der Beichte Bußen auftragen wie „zwei Wochen keine Pornos schauen“, und meinte, in Indien würden zu oft arme christliche Männer aus unteren Kasten das Priesterseminar als Weg zum Aufstieg nutzen, ohne wirklich berufen und geeignet zu sein.

Nicht jeder afrikanische Kleriker ist ein Kardinal Sarah. Und erst recht nicht jeder afrikanische Christ.

Was man natürlich sagen muss: In einigen Ländern haben Christen es viel schwerer als hier. In muslimischen Ländern werden sie ständig benachteiligt und ausgeschlossen und wer vom Islam zum Christentum konvertiert, muss um sein Leben fürchten. In Ländern wie Ägypten und Pakistan werden immer wieder christliche Mädchen von Moslems entführt, zwangs“konvertiert“ und zwangs“verheiratet“. In Indien werden Christen manchmal von Hindu-Nationalisten angegriffen und schikaniert. Die Leute, die das aushalten, muss man wirklich bewundern. Freilich: Manchmal haben auch verfolgte Minderheiten ihre internen Probleme, oder werden von der Verfolgung einfach nur geschwächt. Aber jedenfalls ist es bewundernswert, wie viele unter Verfolgung aushalten.

Nur: Man sollte sich nichts vormachen und nicht darauf hoffen, dass sich schon alles richten wird, wenn die Christen der Dritten Welt einflussreicher werden. Wir müssen schon auch dazu beitragen und unsere Erdteile sind nicht vernachlässigbar.

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