Alles Pharisäer, diese Traditionalisten

Die Unterstellung kommt recht oft, manchmal explizit, manchmal unterschwellig, und man hat sie auch schon von unserem lieben Heiligen Vater gehört: Diese Traditionalisten, das sind doch alles Pharisäer. Bilden sich was auf ihre Riten und ihre Gesetzestreue ein; Jesus hätte sie verurteilt. Vielleicht mag es noch einzelne tolerierbare geben, aber der Traditionalismus kann einen sicher nicht näher zu Jesus bringen und ist seinem Geist voll und ganz entgegengesetzt.

Ich habe manchmal einen ganz gegensätzlichen Eindruck. Oh, nicht dass alle Tradis immer perfekt wären (auch wenn ich in meiner neuen Tradi-Gemeinde immer noch einen praktisch ungetrübt positiven Eindruck habe, und im Internet einen eher positiven). Aber ich meine, dass im Großen und Ganzen die Tradis öfter diejenigen sind, die zu unterscheiden wissen, wann man den Regeln und Befehlen folgen muss, und wann nicht, weil der Geist des Gesetzes verletzt wird.

Man muss schauen, was Jesus den Pharisäern eigentlich vorgeworfen hat: Dass sie Gottes einfache, alte, schon beim Exodus offenbarte Gebote durch neue, nur menschengemachte Regeln und Detailvorschriften außer Kraft setzten, und sich mehr um die Gebote der Theologen, die jetzt gerade in Mode waren, als die Gebote Gottes kümmerten. Ein Beispiel: „Und weiter sagte Jesus: Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft, um eure eigene Überlieferung aufzurichten. Denn Mose hat gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter! und: Wer Vater oder Mutter schmäht, soll mit dem Tod bestraft werden. Ihr aber lehrt: Wenn einer zu seinem Vater oder seiner Mutter sagt: Korbán – das heißt: Weihgeschenk sei, was du von mir als Unterstützung erhalten solltest – , dann lasst ihr ihn nichts mehr für Vater oder Mutter tun. So setzt ihr durch eure eigene Überlieferung Gottes Wort außer Kraft. Und ähnlich handelt ihr in vielen Fällen.“ (Mk 7,9-13) Pharisäer konnten also ihren Besitz für geweiht erklären, um ihre alten Eltern nicht mehr unterstützen zu müssen. Ein klarer Verstoß gegen Gottes Gesetz, das Jesus hier sehr fundamentalistisch ernst nimmt. (Anmerkung: Bei dem, was von Mose mit der Todesstrafe bedroht wurde, geht es um schwere Misshandlung der Eltern, nicht um eine kleine Beleidigung.)

Dann wären da Seine Heilungen am Sabbat; es lohnt sich, hier näher hinzusehen. Eine Begebenheit sah so aus: „Am Sabbat lehrte Jesus in einer Synagoge. Und siehe, da war eine Frau, die seit achtzehn Jahren krank war, weil sie von einem Geist geplagt wurde; sie war ganz verkrümmt und konnte nicht mehr aufrecht gehen. Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte: Frau, du bist von deinem Leiden erlöst. Und er legte ihr die Hände auf. Im gleichen Augenblick richtete sie sich auf und pries Gott. Der Synagogenvorsteher aber war empört darüber, dass Jesus am Sabbat heilte, und sagte zu den Leuten: Sechs Tage sind zum Arbeiten da. Kommt also an diesen Tagen und lasst euch heilen, nicht am Sabbat! Der Herr erwiderte ihm: Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke? Diese Frau aber, die eine Tochter Abrahams ist und die der Satan schon seit achtzehn Jahren gefesselt hielt, sollte am Sabbat nicht davon befreit werden dürfen? Durch diese Worte wurden alle seine Gegner beschämt; das ganze Volk aber freute sich über all die großen Taten, die er vollbrachte.“ (Lk 13,10-17)

Die Pharisäer waren also nicht generell dagegen, dass Jesus heilte; aber man könnte doch bitte einen Tag warten! Gehorcht doch einfach dem Gesetz, das ist doch wirklich kein übertriebenes Opfer, noch einen Tag zu warten, wenn man schon achtzehn Jahre lang krank ist! Das klingt erst einmal nicht völlig unlogisch. Aber darauf entgegnet Jesus: Nein, das ist nicht nötig, solche Lasten muss man nicht aufbürden. Eine Kranke soll nicht wegen eines falsch ausgelegten Gesetzesbuchstabens noch einen Tag länger leiden müssen.

Die Pharisäer erinnern mich hier an die Leute, die immer den Tradis (manchmal auch den Konservativen) vorhalten: Was stellt ihr euch denn so an, seid doch einfach gehorsam. Dann verbietet euch der Papst eben die alte Messe, also nehmt gefälligst mit der neuen vorlieb. Dann verbietet der Bischof eben während des Corona-Lockdowns, eure Kinder zu taufen, also wartet eben ab. Dass diese Gesetze keinen Sinn machen und gegen die gesamten überlieferten Grundsätze unserer Religion verstoßen, interessiert nicht; solange diejenigen befehlen, die jetzt etwas gelten, gelten nur deren Befehle. Hier kann man sich über die überheben, die sich zerrissen fühlen und zum Ungehorsam gezwungen sehen, und sich dabei wunderbar gerecht vorkommen. Man ist gut, man hält sich an die Gesetze.

Aber hier haben eben die Gesetze nicht recht. Um das Beispiel der Taufe zu nehmen: Als Taufen verboten waren, wären alle Eltern im Recht gewesen, die ihre Kinder selbst getauft hätten, und alle Priester, die trotzdem heimlich getauft hätten. Wegen des Gesetzesbuchstabens soll einem Kind nicht auch nur einen Tag die Gemeinschaft mit Gott vorenthalten werden. Manchmal hat man das Recht, gegen einen Befehl zu handeln, und manchmal sogar die Pflicht. Bei Pflichtenkollision geht das höhere Gesetz vor, und ungerechte Gesetze haben überhaupt keine Gesetzeskraft.

In den letzten fünfzig, sechzig Jahren waren es die Tradis, die gezwungen waren, nachzugrübeln, was eigentlich der Sinn von kirchlichen/päpstlichen/bischöflichen Geboten ist, und auch mal ungehorsam zu sein. Den einfachen Luxus, den Gesetzen unbeschwert folgen zu können, hatten wir da nicht mehr. In den letzten Jahren unter Franziskus (den ich, ohne Übertreibung, für den schlechtesten Papst aller Zeiten halte, das muss man leider so sagen) ist es immer mehr Katholiken so gegangen. Und da bekommt man dann sehr schnell von triumphierenden selbstgerechten Leuten vorgehalten, dass man eben der Autorität folgen müsse. Der Papst sagt das, die führenden Theologieprofessoren sagen das, was bildet man sich also ein. Es wird nicht darüber nachgedacht, was der Zweck dahinter ist, das gilt eben gerade als So-muss-man-das-machen, und wer es nicht so macht, wird gemieden – asoziales Fundamentalistengesindel.

Manchmal brüstet sich diese Art von Pharisäern sogar damit, sich brav an Gesetze zu halten, die (noch) gar keine Gesetze sind; das sieht man z. B. bei Leuten, die stolz darauf sind, dass sie alle Coronaauflagen übererfüllen, und die z. B. Ärzte verteidigen, die Ungeimpfte nicht behandeln wollen. Die könnten sich ja einfach impfen lassen, warum es einer nicht will, interessiert nicht (nicht mal, wenn es z. B. um Schwangere geht, die unbekannte Reaktionen bei ihrem Baby befürchten). Dass es keine Impfpflicht gibt, wird dabei leicht vergessen; auch, dass es sehr wohl eine Pflicht für Kassenärzte gibt, Kranke zu behandeln. Der perfekte Pharisäer interessiert sich nicht einmal mehr für den Gesetzesbuchstaben, auf den er vorher so gepocht hat, wenn er sich weiter für besser als andere halten kann (und meint, dass er das Gesetz bald auch noch auf seiner Seite haben wird).

Bei einer anderen Gelegenheit heißt es im Neuen Testament: „Von dort ging er weiter und kam in ihre Synagoge. Und siehe, dort saß ein Mann, dessen Hand verdorrt war. Sie fragten ihn: Ist es am Sabbat erlaubt zu heilen? Sie suchten ihn nämlich anzuklagen. Er aber sprach zu ihnen: Wer von euch, der ein einziges Schaf hat, wird es nicht packen und herausziehen, wenn es ihm am Sabbat in eine Grube fällt? Wie viel mehr ist ein Mensch als ein Schaf? Darum ist es am Sabbat erlaubt, Gutes zu tun. Dann sagte er zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er streckte sie aus und die Hand wurde wiederhergestellt – gesund wie die andere. Die Pharisäer aber gingen hinaus und fassten den Beschluss, Jesus umzubringen.“ (Mt 12,9-14)

Im Judentum gab es tatsächlich zu dieser Zeit unterschiedliche Meinungen zu genau diesem Lehrbeispiel mit dem Schaf in der Grube. Manche hielten sogar das Herausholen des Schafs für falsch. Andere hielten es wegen ihrer Grundsätze für falsch, das Schaf mithilfe von Arbeitsgeräten herauszuholen, erlaubten aber, Kissen und Decken in die Grube zu werfen, damit es selbst herausklettern konnte – eine blödsinnige Verkomplizierung. Daran, dass manche sogar bei den einfachsten, deutlichsten Notwendigkeiten nicht sehen wollten, dass man nach dem Zweck eines Gebotes fragen muss, statt bloß dem Buchstaben (oder den Gewohnheitsregeln) zu folgen, sieht man, wie weit Pharisäertum gehen kann.

Und bei alldem war Jesus gar nicht zwangsläufig gegen Details des Gesetzes (solange sie nicht unter besonderen Umständen außer Kraft gesetzt waren, und solange sie als Bestandteil des Alten Bundes immer noch galten): „Doch weh euch Pharisäern! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Gewürzkraut und allem Gemüse und geht am Recht und an der Liebe Gottes vorbei. Man muss das eine tun, ohne das andere zu unterlassen.“ (Lk 11,42)

Jesus war überhaupt nicht gegen das Gesetz, sondern korrigierte schlicht und einfach seine Auslegung. „Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.“ (Mt 5,17)

Mit anderen Worten: Es gibt keinen Grund, sich als Tradi zu fühlen, als wäre Jesus wütend auf einen.

Aber hey, auch zu den Pharisäern kam Jesus ja, und manche kamen zu ihm, man denke an Nikodemus, der am Ende zusammen mit Josef von Arimathäa einen der wichtigsten Dienste an Jesus leistete, nämlich nach Seiner Kreuzigung Seinen Leichnam anständig balsamierte und bestattete. Ich will auch nicht behaupten, dass übertriebene Gesetzestreue immer vor allem aus Selbstgerechtigkeit kommt – manchmal hat man vielleicht nur die Dinge nicht ganz durchdacht, oder will sich an den vermeintlich sichersten Weg halten. Nur sieht dieser Weg nicht immer so aus, wie es scheint.

5 Gedanken zu “Alles Pharisäer, diese Traditionalisten

  1. „Diese Traditionalisten, das sind doch alles Pharisäer“

    „Traditionalistische Gruppierungen lehnen in aller Regel die sexuelle Revolution, die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, die Pränataldiagnostik, die Erleichterung der Ehescheidung, die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe, die Frühsexualisierung und die Sterbehilfe als nicht mit der Lehre der Katholischen Kirche vereinbar ab.“ (Quelle: Wikipedia)

    Noch habe ich den Papst nicht darüber gehört, dass er die ablehende Haltung zu Schwangerschaftsabbrüchen als falsch und pharisäerhaft bezeichnet. Der Papst ist also ein Traditionalist wie er im Buche steht.

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    1. Anders, als viele Jubelperser unterstellen, ist Papst Franziskus in diesen ethischen Kernfragen keineswegs ‚liberal‘, das ist vollkommen richtig, aber auch eine Selbstverständlichkeit als Papst.

      Aber Papst Franziskus ist halt – vorsichtig gesagt und sich bei jeder Katechese und Äußerung bestätigend – leider kein ausgeprägter Denker. Es scheint ihm schlicht an dem notwendigen theologischen Werkzeugkasten zu fehlen, und das merkt man halt leider sehr in diesem Pontifikat. 😦

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      1. Es könnte gut sein, dass Franziskus den Eindruck eines Klischee-Traditionalisten vehement vermeiden will. Katastrophal sind die Ergebnisse seiner Bemühungen. Besonders seine Aussagen zur gegenwärtigen Impfdebatte sind, ganz vorsichtig gesagt, dummes Gerede.

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      2. Ich denke, dass Papst Franziskus gleichzeitig nicht besonders gescheit und sehr machtbewusst ist – ein Peronist eben, der mal so und mal so sagt, und seine Anhänger dazu bringen will, nur ihm zu folgen statt irgendwelchen Inhalten.

        Beim Thema Abtreibung kann man ihm nichts vorwerfen, das stimmt – beim Thema „andere Katholiken beleidigen“ schon eher.

        – Crescentia.

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