Pro-Life aus Sicht von Pro-Choice

Wenn Pro-Choicer (der beliebte Euphemismus für Abtreibungsbefürworter) versuchen, die Argumente von uns Abtreibungsgegnern in ihren eigenen Worten wiederzugeben, kommt da manchmal etwa das heraus:

„Ihr wollt doch nur Frauen dafür bestrafen, dass sie Sex haben – wenn sie Sex haben, müssen sie damit gestraft werden, dass ihr Leben zerstört wird und sie neun Monate lang ihre komplette körperliche Autonomie verlieren.“

Aus Pro-Life-Sicht wäre das etwa so, als würde man sagen „Wer will, dass Männer den Unterhalt für ihre Kinder zahlen, will sie doch nur dafür bestrafen, dass sie Sex hatten und ihre ganze finanzielle Unabhängigkeit ruinieren“ – völliger Blödsinn. (Wobei Väter unter normalen Umständen mehr Pflichten und auch mehr Rechte haben als bloß den Unterhalt zu zahlen, aber belassen wir es mal bei dem Beispiel.) Pro-Choicer versuchen so krampfhaft, das Kind, um dessen Beseitigung es hier eigentlich geht, zu vergessen, dass sie sich nicht mehr vorstellen können, dass andere an es denken. Nein, natürlich muss es darum gehen, die Frau zu bestrafen.

Aber ein Kind ist keine Strafe für eine Frau – die Existenz keines Menschen ist die Strafe für einen anderen. Es ist ein Mensch mit seinem eigenen Leben und seinen eigenen Rechten. Ein Kind ist einfach da, und verdient Fürsorge und Liebe statt Tötung. Wenn die Frau es beseitigen will, obwohl sie selber das Risiko in Kauf genommen hat, dass es überhaupt entsteht, ist das ein Umstand, der die Sache verschlimmert, aber nichts grundsätzlich ändert. Es gibt auch Fälle, in denen die Frau überhaupt nichts dafür kann. In der Serie „Jane the Virgin“ (von der ich nur die Vorschau gesehen habe und zu der ich weiter nichts sagen kann, das soll keine Schleichwerbung sein) wird eine junge Frau aus Versehen von ihrem Frauenarzt künstlich befruchtet und schwanger. In dieser Situation war sie überhaupt nicht verantwortungslos, hat nichts Falsches getan, aber trotzdem ist ihr Kind jetzt da und hat ein Recht auf Leben. (In der Serie bekommt sie es auch.)

Anderes Beispiel: Man hat einen Autounfall auf einer einsamen Straße, der andere Fahrer wird schwer verletzt, einem selbst passiert nichts. Jetzt ist man verpflichtet, dem anderen zu helfen und den Rettungsdienst zu rufen, egal, ob man schuld war. Wenn man Fahrerflucht begeht, nachdem man den Unfall fahrlässig verursacht hat, ist das noch schlimmer, aber man dürfte auch keine Fahrerflucht begehen, wenn nur unvorhersehbare Umstände (z. B. ein aus dem Wald herausstürmendes Reh) verantwortlich waren und man selbst nichts dafür kann.

Bei der Frage, ob man einen Menschen, der sich nichts zu Schulden kommen hat lassen, sondern einfach da ist (Notwehr ist etwas anderes), gezielt töten darf, ist es völlig gleichgültig, wie seine Existenz andere Menschen betrifft und ob die Umstände banal oder tragisch sind. Es spielt schlichtweg keine Rolle. Man kann darüber debattieren, wie man über mildernde und verschlimmernde Umstände debattiert, aber es lenkt eher von der eigentlichen Frage ab.

Menschen haben nicht Gott zu spielen und anderen ihr Leben zu stehlen, und Punkt.

8 Wochen altes Kind.

Ein Gedanke zu “Pro-Life aus Sicht von Pro-Choice

  1. Guter Punkt. Verantwortung für das Leben anderer hat man in vielen Situationen, nicht nur in dieser – auf die die Lebensschutzdiskussion oft verengt wird.

    Auch besagt der Vorwurf, Abtreibungsgegner würden den Frauen nur das Ausleben sexueller Lust nicht gönnen, ja sehr peinlich und sehr offensichtlich nichts anderes als: „Der Genuß der Geschlechtslust ist wichtiger als das Leben der Kinder, die daraus hervorgehen.“

    (Nebenbei ganz großes Kino, wenn Männer sich hier zu selbstlosen Kämpfern für Frauenrechte stilisieren – nämlich für das „Frauenrecht“, Männern möglichst unkomplizierten, man nennt es: „unverklemmten“, Zugriff auf sie zu gewähren)

    Gefällt 1 Person

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