Moraltheologie und Kasuistik, Teil 11a: Das 5. Gebot – Pflichten gegen das eigene Leben

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Beim 5. Gebot – „Du sollst nicht morden“ – geht es um die Pflichten gegen das menschliche Leben und die körperliche Unversehrtheit; es verbietet nicht nur Mord und Totschlag, sondern auch Verstümmelung, Körperverletzung, Entehrung von Toten etc., und im Endeffekt auch Hass und unmäßigen Zorn. (Die Mäßigung generell kann man auch unter diesem Gebot fassen, wenn man will.) Man kann in diesem Zusammenhang auch die Frage nach dem Leben von Tieren und dem Umgang mit der Umwelt stellen.

Der Grundsatz ist: Gott ist der Herr über das menschliche Leben. In drei Ausnahmefällen „delegiert“ er sein Recht darüber an Menschen, nämlich:

  • im Fall von Notwehr/Nothilfe an jeden, der den Angreifer abwehrt, insoweit das Töten notwendig ist
  • im Fall der Todesstrafe an den Staat
  • im Fall des gerechten Krieges an den sich im Recht befindenden Staat / dessen einzelne Soldaten

Das Recht auf Leben ist ein Recht, das verwirkt werden kann, aber eben nur durch eigene schwerwiegend falsche Handlungen, wenn man z. B. einen anderen mit einer tödlichen Waffe angreift. Aber grundsätzlich hat Gott jedem Menschen seine Lebenszeit zugewiesen, in der er sich bewähren soll, und weder man selbst noch andere haben sie zu beenden. Leben, Gesundheit und körperliche Unversehrtheit haben einen grundlegenden, aber instrumentalen Wert; man braucht sie, um irgendetwas anderes zu tun. Dass Gott das Recht hat, das Leben zu beenden heißt nicht einfach nur „es gehört Ihm, und was man nur verliehen hat, darf man wieder wegnehmen“, sondern eher: Das Leben ist sowieso nur etwas Vorläufiges, die eigentliche Bestimmung kommt in der Ewigkeit, und Gott weiß, wann es am besten ist, die Bewährungszeit zu beenden und den Menschen in sein eigentliches Schicksal aufzunehmen.

Das heißt nicht, dass der Tod nichts Schlechtes mehr ist. Er bedeutet das Auseinanderreißen von Leib und Seele und das ist etwas, das es eigentlich ohne den Sündenfall nicht hätte geben sollen. Trotzdem erkennt die Seele eben nach dem Tod Gott wirklich und geht an ihren eigentlichen Bestimmungsort (Himmel – evtl. mit Umweg über das Fegefeuer – oder Hölle), und am Jüngsten Tag wird der Tod völlig wiedergutgemacht werden, indem auch die Körper auferstehen und sich mit den Seelen wiedervereinen, sodass die Menschen wieder vollständige Menschen sind.

Da Gott dem Menschen das Leben gegeben hat – oder besser gesagt: konstant „gibt“ -, ist man auch verpflichtet, in vernünftigem Maß auf seine Gesundheit zu schauen und sich nicht absichtlich z. B. zu Tode zu saufen oder unnötige Todesrisiken einzugehen.

Daher jetzt genauer zu Pflichten gegen das eigene Leben; und in den nächsten zwei Artikeln zu Pflichten gegen fremdes Leben und dem Umgang mit Tieren und Umwelt.

Auch gegenüber dem eigenen Leben, hat man, wie gesagt, Pflichten. Der Selbstmord ist an sich schwere Sünde, aber man wird in Betracht ziehen müssen, dass Selbstmörder für gewöhnlich schwer psychisch krank sind und nicht ausreichend Kontrolle über ihre Handlungen haben, und eher Hilfe, Medikamente und treue Freunde als Ermahnungen brauchen. (Übrigens wurde dem hl. Pfarrer von Ars einmal offenbart, dass ein Selbstmörder vor dem Todeseintritt noch bereut hatte und nun zeitlich begrenzt im Fegefeuer war, nicht in der Hölle; ähnliches wird man in anderen Fällen erhoffen können. Früher war es kirchenrechtlich verboten, Selbstmörder auf kirchlichen Friedhöfen zu beerdigen, aber der hl. Alphons von Liguori schreibt über dieses Verbot: „Die Canones der Kirche verbieten das. Nichtsdestotrotz sind sie nicht in Bezug auf jene zu verstehen, die dies aus Raserei, Wahnsinn, oder unter extremer Traurigkeit leidend oder von Wahnvorstellungen gestört tun, oder von jemandem, der sicher vor seinem Tod daran gelitten hat. Und wenn es sicher wäre, dass ein Mensch sich selbst getötet hat, und unsicher, ob er das aus freier Entscheidung getan hat, ist ihm in der Praxis das heilige Begräbnis zu verwehren, da aufgrund der äußerlichen Tat angenommen wird, er habe frei gehandelt, außer das Gegenteil kann aus den Umständen geschlossen werden.“ (St. Alphonsus Liguori, Moral Theology, Band II, aus dem Lateinischen übersetzt von Ryan Grant, Post Falls 2017, S. 404. Meine Übersetzung aus dem Englischen.))

Trotzdem ist Selbstmord an sich falsch; und in manchen Fällen sind die Leute sehr wohl schuldig – z. B. wenn man ruhig plant, dass man Euthanasie in Anspruch nehmen will, wenn man nicht mehr selbstständig und gesund genug ist, weil man auf keinen Fall von anderen abhängig sein will, oder wenn man sich (was in manchen Kulturen üblich war) umbringt, um einen Ehrverlust zu vermeiden. Freilich: Die subjektive Schuld kann auch dann gemindert sein, weil viele Leute die Vorstellung internalisiert haben, dass man über sein eigenes Leben entscheiden darf und nicht auf der Erde ist, um einen Zweck zu erfüllen. Trotzdem ist es an sich falsch, wie eine Desertation falsch ist, oder wie es falsch ist, ein anvertrautes Gut zu zerstören; oft wird man damit auch der eigenen Familie Leid zufügen.

Der Moraltheologe Heribert Jone schreibt:

„I. Direkte Tötung seiner selbst ist schwere Sünde, wenn es auf eigene Autorität hin geschieht.

Es ist auch verboten, in der Absicht sich zu töten, einen Akt vorzunehmen, aus dem per accidens [als Nebenwirkung möglicherweise] der Tod folgt, z. B. stark rauchen, trinken usw., um sich das Leben abzukürzen. – […] Ein vom Staate rechtmäßig gefälltes Todesurteil im Auftrage des Staates an sich selbst vollziehen, ist wahrscheinlich erlaubt. [Hier dürfte an solche Fälle gedacht sein, wie sie z. B. in der Antike vorkamen, wenn Todesurteile dadurch vollzogen wurden, dass der Verurteilte Gift trinken musste.]

II. Indirekt sich töten ist an sich verboten, kann aber aus einem entsprechend schwerwiegenden Grunde erlaubt sein.

Indirekt tötet jemand sich selbst, wenn er den Tod zwar durchaus nicht beabsichtigt, aber mit Wissen und Willen eine Handlung vornimmt, aus der nicht nur die beabsichtigte gute Wirkung, sondern auch der Tod folgt. Dabei ist aber vorausgesetzt, daß die gute Wirkung aus der Handlung wenigstens gleich unmittelbar folgen kann wie der Tod.

Es ist daher erlaubt, sich von einem hohen Punkte herabzustürzen, um dem Feuertode zu entgehen, besonders wenn noch irgendeine Hoffnung besteht, mit dem Leben davonzukommen. Ähnlich darf eine Frau handeln, um sich aus den Händen eines Wüstlings zu retten, der sie ergreifen und vergewaltigen will. – Ebenso ist es im Kriege erlaubt, ein Festungswerk oder ein Schiff in die Luft zu sprengen, um dem Feinde zu schaden, auch wenn man voraussieht, daß man dabei selbst den Tod findet.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, 17. Aufl., Paderborn 1961, S. 168f., Nr. 207)

Es wäre dementsprechend auch erlaubt, sich vor eine Kugel zu werfen, damit sie nicht einen Freund trifft, etc. Bei diesen Dingen geht es aber um Erlaubtes; verpflichtend ist all das nicht, es ist nur eben kein verbotener Selbstmord. Verbotener Selbstmord wäre es aber tatsächlich, sich z. B. im Kriegsfall selbst umzubringen, um nicht den feindlichen Truppen in die Hände zu fallen und möglicherweise gefoltert oder vergewaltigt zu werden; hier ist das, was man beabsichtigt, ja der Tod; er ist nicht nur eine Nebenwirkung, die man gern vermieden hätte. Hier würde man Gott vorgreifen, der immer noch etwas mit einem vorhaben kann und einen evtl. auch aus der Situation retten könnte. Selbstmordattentate sind genauso falsch, auch wenn wir den Fall eines gerechten Krieges annehmen. (Samson aus dem Alten Testament wäre wohl ein Sonderfall, da wir annehmen können, dass er mit göttlicher Autorisation handelte, da Gott für ihn ein Wunder wirkte.)

„III. Sich einer Lebensgefahr aussetzen ist nur aus einem hinreichenden Grunde gestattet.

Der Grund muß um so wichtiger sein, je näher die Lebensgefahr ist. Sich ohne hinreichenden Grund einer entfernteren Lebensgefahr aussetzen ist nur läßliche Sünde. – Erlaubt ist die Pflege der Pestkranken auch auf die Gefahr hin, dabei den Tod zu finden. Dachdecker usw. dürfen sich den Gefahren aussetzen, die mit der Ausübung ihres Berufes verbunden sind. Gefangene dürfen eine lebensgefährliche Flucht wagen, um der Hinrichtung oder lebenslänglicher Kerkerhaft zu entgehen. – Verboten ist die Vornahme gefährlicher seiltänzerischer Kunststücke nur aus Gewinnsucht. Infolge persönlicher Geschicklichkeit kann aber die Gefahr zu einer entfernteren gemacht worden sein, so daß wenigstens keine schwere Sünde vorliegt. – Hierher gehören auch unsinnige Wetten, große Mengen von Speisen oder Getränken zu sich zu nehmen.

IV. Verkürzung der Lebenszeit auch um mehrere Jahre oder Schädigung der Gesundheit durch Übernahme einer bestimmten Lebensweise oder bestimmter Arbeiten ist aus einem entsprechenden Grunde erlaubt.

Deshalb ist die Arbeit gestattet an Hochöfen, in Bergwerken, in Glasschleifereien, in gewissen chemischen Fabriken usw. Ebenso ist es erlaubt, vernünftige Bußübungen auf sich zu nehmen. – Wer durch ungeordneten Genuß von Speise und Trank sein Leben voraussichtlich etwas verkürzt, begeht dadurch eine läßliche Sünde. Bedeutende Abkürzung des Lebens und Ruinierung der Gesundheit, z. B. durch ungeordneten Gebrauch von Morphium oder Kokain, ist aber schwere Sünde (vgl. auch Nr. 110).“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 169f., Nr. 208)

Hier noch allgemein zu Drogen, Alkohol und dergleichen: Zunächst einmal sind alle Substanzen, mit denen man sich den Verstand wegsäuft oder -kifft deswegen schlecht: Weil man sich selbst eben der Vernunft beraubt, die gerade das ist, was Menschen auszeichnet, und weil es unter der menschlichen Würde und verantwortungslos ist, sich in einen unkontrollierten Zustand, in dem man vielleicht Dinge tut, die man sonst nie getan hätte, zu versetzen. Hier ist das Ausmaß der Droge wichtig; Alkohol ist deshalb erst nach einer gewissen Menge schlecht, Cannabis schneller. Sich wirklich zu betrinken ist deswegen sogar schwere Sünde. (Ganz unabhängig davon, wie schädlich das langfristig ist.) Es ist aber keine Sünde, z. B. ein normales Grillfest mit etwas Bier zu veranstalten oder auf seiner Hochzeit Alkohol servieren zu lassen, auch auf die Gefahr hin, dass ein Gast sich richtig betrinken wird, denn hier sind die Gäste schlicht und einfach selbst verantwortlich und die meisten werden gemäßigt trinken; es wäre möglicherweise eine, eine Party mit viel Alkohol zu veranstalten, wo erwartet wird, dass sich einige stark betrinken, und insbesondere wäre es eine, den Gästen selber immer noch mehr auszuschenken, auch wenn sie schon halb betrunken sind, z. B. weil man es lustig findet, einen betrunken zu machen.

Die Mäßigung ist generell eine wichtige Tugend; daher ist z. B. auch unmäßiges Essen eine Sünde (in aller Regel eine lässliche).

Es ist keine Sünde, sich ein Narkosemittel geben zu lassen, oder ein Schmerzmittel zu nehmen, das einen benebelt, etc.; hier gibt es einen rechtfertigenden Grund dafür. Das gilt auch für Schmerzmittel, die richtige Drogen sind, z. B. Morphium oder Cannabis, wenn keine anderen Mittel helfen.

Noch einmal Jone:

„Unmäßigkeit ist das ungeordnete Verlangen nach Speise und Trank.

a) Unmäßigkeit im Essen ist an sich nur eine lässliche Sünde ex genere suo [ihrer Art nach].

Dies gilt an sich auch, wenn jemand ißt bis zum Erbrechen. Aus anderen Gründen (z. B. Schädigung der Gesundheit, Ärgernis [schlechtes Vorbild]) aber kann jemand schwer sündigen (vgl. auch Nr. 208).

b) Unmäßigkeit im Trinken, die unmittelbar den Verlust des Vernunftgebrauchs bewirkt, ist eine schwerere Sünde als Unmäßigkeit im Essen.

α) Trunkenheit bis zum teilweisen Verlust des Vernunftgebrauches ist nur eine lässliche Sünde.

Sie kann aber eine schwere Sünde werden wegen Ärgernis, Schaden für die Gesundheit oder die Familie usw.

β) Trunkenheit bis zum völligen Verlust des Vernunftgebrauches ist eine schwere Sünde, wenn sie ohne hinreichenden Grund verursacht wird.

Völliger Verlust des Vernunftgebrauches ist anzunehmen, wenn man Gut und Bös nicht mehr unterscheiden kann, oder sich nachher nicht mehr an das erinnert, was man in der Trunkenheit getan oder gesagt hat, oder wenn man etwas tut, das man im nüchternen Zustande niemals getan hätte.

Ein hinreichender Grund, sich vorübergehend des Vernunftgebrauches zu berauben, ist z. B. die Heilung von Cholera oder die Errettung von einer Vergiftung. Kein hinreichender Grund ist die Vertreibung einer melancholischen Stimmung.

Einen anderen völlig betrunken zu machen, ist ebenfalls schwer sündhaft. Doch gibt es auch hier Entschuldigungsgründe, z. B. wenn man den anderen dadurch an einer schweren Sünde hindern könnte. Noch eher ist es erlaubt, dem anderen Gelegenheit zu geben, sich zu betrinken, z. B. bei einem Feste.

c) Da Morphium, Opium, Chloroform usw. ebenfalls vorübergehend den Vernunftgebrauch nehmen können, so gilt von diesen narkotischen Mitteln dasselbe, was von berauschenden Getränken gilt.

α) In kleineren Mengen und nur vorübergehend narkotische Mittel zu gebrauchen, ist eine läßliche Sünde, wenn es ohne hinreichenden Grund geschieht. Es ist aber erlaubt, wenn ein hinreichender Grund vorliegt (z. B. Beruhigung der Nerven, Vertreibung von Schlaflosigkeit).

Ein derartiger Gebrauch wird aber schwer sündhaft, wenn daraus eine Sucht nach narkotischen Mitteln entsteht, die noch schwerer heilbar ist als Trunksucht und der Gesundheit noch mehr schadet.

β) In großen Mengen narkotische Mittel zu nehmen, so daß man den Vernunftgebrauch verliert, ist an sich eine schwere Sünde. Aus einem entsprechenden Grunde aber ist es erlaubt.

Ein solcher Grund ist vorhanden bei Operationen, damit der Kranke die damit verbundenen großen Schmerzen nicht fühlt, oder damit er bei der Operation sich ruhig verhält. Auf ähnliche Weise darf man auch bei schmerzlichen Krankheiten dem Leidenden durch Anwendung solcher Mittel Linderung verschaffen.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 82f., Nr. 110)

Außerdem kommt hier aber eben die langfristige Gesundheitsschädigung ins Spiel; deswegen sind die harten Drogen generell noch mal schwere Sünde (außer eben, jemand leidet unter chronischen Schmerzen, die er ohne Morphium nicht mehr aushält). Ab und zu geringe Mengen Alkohol zu trinken ist unter diesem Gesichtspunkt keine Sünde. Ab und zu eine Zigarette zu rauchen, ist keine Sünde; mehrere am Tag zu rauchen vermutlich eine lässliche.

Als drittes wären die staatlichen Gesetze bzgl. Drogen einzuhalten.

Dann noch zum Riskieren des eigenen Lebens: Extremsportler können hier in den Bereich der Sünde, auch der schweren Sünde, gelangen (z. B. wenn jemand ungesichert an einer gefährlichen Felswand klettert, weil er den Nervenkitzel sucht); aber generell ist das Betreiben von Sportarten, bei denen immer mal wieder Unfälle und Verletzungen passieren, keine Sünde. Man kann nicht alle Gefahren meiden, und sportliche Leistung und Spaß sind gut. Eine leicht erhöhte Risikobereitschaft kann einfach lässliche Sünde sein.

Solche Dinge wie Russian Roulette sind ganz offensichtlich Todsünde. Mutproben sind lässliche oder schwere Sünde, je nachdem wie gefährlich sie sind.

Vorsicht im Straßenverkehr ist durch das 5. Gebot auch geboten; hier betrifft die Gefahr ja meistens sowohl einen selbst als auch andere. Auch hier wieder: Leichte Unvorsichtigkeit lässliche Sünde, schwere Unvorsichtigkeit schwere Sünde. Wer als alter Mensch merkt, dass er nicht mehr sicher fahren kann, hat auch die Pflicht, nicht mehr zu fahren.

Priester sind generell auch unter Lebensgefahr (z. B. bei einer Seuche) verpflichtet, den ihnen Anvertrauten die Sakramente der Taufe und der Beichte zu spenden; andere Sakramente dürfte man freilich aufschieben, und bei der Spendung des Sakraments wären Vorsichtsmaßnahmen wie Schutzkleidung angemessen.

Was die „vernünftigen Bußübungen“ angeht, von denen Jone erwähnt, dass sie gesundheitsschädlich sein könnten: Es gibt ja die Geschichten von Heiligen, die z. B. extrem viel gefastet oder die Nacht über gebetet und kaum geschlafen haben. Als normaler Christ sollte man damit sehr vorsichtig sein und sich nicht gleich zu viel zutrauen; das kann auch geistlich gefährlich werden und entweder zu Hochmut oder Entmutigung führen. Solche Dinge wie gelegentliches Fasten, Knien auf hartem Boden, einmal in der Woche ohne Kopfkissen schlafen, o. Ä. sind leichte, normale Bußübungen, die man sicherlich machen darf. Für mittelschwere Bußübungen (die Jone evtl. meint) sollte man sich aber lieber mit dem Beichtvater absprechen. Es ist gut, ein paar Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten auf sich zu nehmen, um sich mit dem Leiden Jesu zu vereinen und sich daran zu gewöhnen, auf etwas zu verzichten; das ist quasi wie Training beim Sport. Das darf nicht selbstzerstörerisch werden, und wer sich z. B. schon aus Selbsthass ritzt, sollte so etwas lieber langsam angehen. Aber hier ist jedenfalls generell ein rechtfertigender Grund vorhanden.

Austin Fagothey schreibt über das Riskieren des Lebens:

„Es gibt ein gewöhnliches, entferntes und mögliches Risiko dabei, Auto zu fahren oder Flugzeug zu fliegen, aber man darf es zum bloßen Vergnügen tun. Auf rutschigen Straßen zu fahren oder bei schlechtem Wetter zu fliegen ist viel gefährlicher und erfordert einen besseren Grund. Die Verhältnisse können so schlecht werden, dass kein Fahren oder Fliegen mehr erlaubt ist, außer vielleicht um ein Leben zu retten, und dann müssen wir sehen, wie gefährdet dieses Leben ist.

Um jemand anderen vor dem sicheren Tod zu retten dürfen wir uns dem sicheren Tod aussetzen. Eine solche Handlung ist normalerweise erlaubt, aber wird nur unter besonderen Bedingungen verpflichtend. Diejenigen, die, entweder von Natur aus oder durch Vertrag, Verantwortung für das Leben anderer tragen, können und müssen manchmal größere Risiken auf sich nehmen, um ihre Anvertrauten zu schützen. Ehemänner werden sich für ihre Frauen opfern und Eltern für ihre Kinder, dem Antrieb der Natur folgend, dass die Starken die Schwachen beschützen sollten. Soldaten, Seeleute, Polizisten, Feuerwehrleute, Ärzte, Krankenschwestern und andere mit ähnlichem Beruf sind durch Vertrag, ausdrücklich oder implizit, auch bei der ärgsten Gefahr an ihre Verpflichtungen gebunden.

Je mehr eine Handlung oder ein Beruf der Gesellschaft nützt, desto gefährlicher darf er sein, ohne die Verhältnismäßigkeit zu verlieren. […] Gefährliche Arbeit mit Radium kann gerechtfertigt sein in der Hoffnung, Krebs zu heilen, aber nicht, um leuchtende Zifferblätter zu zeichnen. Akrobaten […] ist es nur moralisch erlaubt, ihren Beruf auszuüben, weil ihr Geschick die Gefahren zu entfernten macht.“ (Austin Fagothey SJ, Right and Reason, 2. Aufl., St. Louis 1959, S. 299)

Jone schreibt weiter:

„V. Selbstverstümmelung ist nur gestattet zur Rettung des Lebens.

Selbstverstümmelung ist gewöhnlich eine schwere Sünde. Entfernung eines unbedeutenden Teiles, der zudem keine wichtigen Lebensfunktionen hat (z. B. Ohrläppchen) ist nur eine läßliche Sünde. – […] Vasektomie, Entfernung der Gebärmutter und der Ovarien [Eierstöcke] ist schwer sündhaft, wenn es geschieht zur Verhinderung der Nachkommenschaft. – Bei Krebs, Blutvergiftung und dergl. aber ist die Amputation eines Gliedes erlaubt.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 170, Nr. 209)

Hier stellt sich noch die Frage: Was ist mit Schönheitsoperationen? Wenn es darum geht, z. B. einen Defekt wie eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zu behandeln, der eigentlich krankhaft ist, deutlich stört und dafür sorgen kann, dass jemand ausgegrenzt wird, ist ein geringes Risiko durch eine OP sicher vertretbar; dasselbe dürfte für die Behandlung von extremem Übergewicht (das ja auch gesundheitlich gefährlich ist) durch eine Magenverkleinerung gelten, wenn die Risiken entsprechend abgewogen worden sind. Wenn es um die Korrektur eines normal und gesund geformten Körpers geht, z. B. durch eine Nasen-OP, ist die Entscheidung schwieriger. An sich ist besseres Aussehen kein verbotenes Ziel, aber eine Operation bringt auch immer Risiken mit sich. Meiner Einschätzung nach dürfte das Risiko in den meisten Fällen nicht groß genug sein, dass es schwere Sünde wird, aber ganz unbedenklich wirkt es auch nicht. Vielleicht normalerweise lässlich, aber erlaubt, wenn jemand psychisch besonders unter seinem Aussehen leidet.

Die Sterilisation ist, wie oben gesagt, eine Verstümmelung, da sie eine zentrale Fähigkeit des Menschen abschaltet; Kinder zu haben ist etwas Wichtiges. Sie darf auch nicht vom Staat gegenüber Unschuldigen befohlen werden, um z. B. zu verhindern, dass Behinderte sich fortpflanzen, oder dass Überbevölkerung entsteht. Hier ergäbe sich nur noch die Frage: Wäre sie als Strafe für Sexualstraftäter erlaubt, die hier selbst ein Recht verwirkt haben? Prinzipiell wäre hier die bloße Sterilisation schlicht und einfach ungeeignet, weil sie den Sexualtrieb nicht ausschaltet; die chemische oder physische Kastration wäre dagegen möglich und theoretisch erlaubt (natürlich bei schweren Verbrechen wie Vergewaltigung und Kindesmissbrauch – nicht bei Catcalling oder ungefragtem Versenden von Penisbildern), wenn ein Staat sich dafür entscheidet. In manchen Staaten ist es schon nötig, wenn ein solcher Sexualstraftäter Bewährung will, dass er chemische Kastration, d. h. stark libidosenkende Medikamente, akzeptiert. In einzelnen Ländern, z. B. Polen und Moldawien, ist die chemische Kastration auch als Strafe möglich.

Sogenannte „geschlechtsangleichende Operationen“ bei Transpersonen, also wenn z. B. einer Frau die Brüste entfernt werden, oder einem Mann die Geschlechtsteile entfernt werden und eine künstliche Wunde zwischen den Beinen geschaffen wird, sind immer verbotene Verstümmelungen.

Ohrlochstechen, Tattoos, Piercings usw. sind keine Sünde.

Jone schreibt weiter:

„VI. Sich den Tod wünschen ist in Unterordnung unter Gottes Willen aus einem entsprechenden Grunde erlaubt.

Ein solcher Grund ist das Verlangen nach der Anschauung Gottes oder die Bewahrung vor einem überaus großen irdischen Unglück oder Leid (z. B. eine überaus schmerzliche und langdauernde Krankheit). – Wegen der gewöhnlichen Beschwerden des Lebens im Ernste sich den Tod wünschen ist schwere Sünde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 170, Nr. 209)

Das ist eigentlich recht tröstlich: Wenn das Leben schwer erträglich wird, darf man nicht Gott vorgreifen und sich selber töten, aber man darf Ihm sehr wohl sein Leid klagen und Ihn bitten, einen bald zu holen.

Über die Sorge für das eigene Leben schreibt er:

„VII. Zur Erhaltung des Lebens und der Gesundheit muß man auch die ordentlichen Mittel anwenden.

Zu den ordentlichen Mitteln gehört vor allem entsprechende Nahrung. Deshalb ist Hungerstreik eine schwere Sünde, wenn jemand dabei wirklich die Absicht hat, eher zu verhungern als auf die Erreichung seines Zieles zu verzichten. Zu den ordentlichen Mitteln gehören ferner: entsprechende Kleidung, Wohnung, körperliche Erholung; ebenso Anwendung entsprechender Arzneien und Heilmittel, vorausgesetzt, daß sie für den Kranken nicht zu teuer sind; ferner Heranziehung eines Arztes. Dabei ist immer vorausgesetzt, daß es sich nicht um eine leichtere Krankheit handelt, die auch von selbst heilt, und daß begründete Hoffnung vorhanden ist, daß der Arzt oder die Arznei helfen kann.

Außerordentliche Mittel zur Erhaltung des Lebens anwenden ist für gewöhnlich nicht Pflicht. Deshalb müssen auch sehr reiche Leute nicht entlegene Länder oder Bäder aufsuchen, noch die berühmtesten Ärzte kommen lassen, auch dann nicht, wenn sie sonst sterben müßten. Ebenso ist an sich niemand verpflichtet, sich einer schwierigen chirurgischen Operation zu unterziehen. – Eine Ausnahme findet nur statt, wenn jemand seiner Familie oder dem Staate sehr notwendig ist, und der Erfolg moralisch gewiß ist. Nur in einem solchen Falle scheint der Vater oder der Obere jemandem auch befehlen zu können, sich der Operation zu unterziehen.“ (Heribert Jone, Katholisch Moraltheologie, Nr. 210, S. 170f.)

Man kann sich eben auch selbst töten, indem man etwas Bestimmtes nicht mehr tut, z. B. nicht mehr isst, und das ist ebenso falsch wie der direktere Selbstmord. Aber gefährliche/beschwerliche außergewöhnliche Mittel sind eine Sache der Freiwilligkeit.

Das alles heißt auch, dass man einem alten Menschen nicht mehr sämtliche Behandlungsmöglichkeiten zumuten muss (z. B. Operationen), aber die Ernährung (auch über Schläuche) und die Luftzufuhr abzubrechen, wäre schwere Sünde, denn Atemluft, Flüssigkeit und Nahrung sind normale Pflege, keine außerordentlichen Behandlungen. Das darf man also auch nicht für sich in einer Patientenverfügung festlegen. (Eine Ausnahme besteht, wenn der Körper gar keine Nahrung mehr aufnehmen kann; dann darf man die sinnlos gewordene künstliche Ernährung abbrechen.)

(Katholisches medizinisches Personal darf sich nicht daran beteiligen, so jemanden durch Nahrungsentzug etc. zu töten, aber muss nicht versuchen, es zu verhindern, was sowieso in aller Regel vergeblich wäre.)

Aktive Sterbehilfe und Beihilfe zum Selbstmord sind beide schwere Sünden, ebenso wie Euthanasie ohne die Zustimmung des Kranken. Es ist allerdings keine Sünde, Menschen, die voraussichtlich bald sterben werden, starke Schmerzmittel zu geben, die ihren Tod möglicherweise ungewollt beschleunigen könnten (unter der Voraussetzung, dass man sie ihnen gibt, um die Schmerzen zu lindern, und nicht, weil man hofft, den Tod zu beschleunigen).

Aber es ist nicht ganz so einfach, wenn der Kranke komplett betäubt werden soll, damit er gar nichts mehr von seinem Tod mitbekommt:

„Im Interesse eines schmerzlosen Todes […] den Kranken durch derartige Mittel zu betäuben, ist im allgemeinen unerlaubt.

Erlaubt ist aber ein solches Verfahren bei einem Kranken, der auf den Tod gut vorbereitet ist, wenn Gefahr besteht, daß er sonst noch in Sünden fällt. Manche Autoren halten ein solches Verfahren auch noch für erlaubt, wenn dadurch ungewöhnlich große Schmerzen gelindert werden sollen, und man mit Grund die Zustimmung des Sterbenden voraussetzen kann. – Nach allgemeiner Ansicht aber ist es nicht erlaubt, wenn dadurch nur die gewöhnlichen Beängstigungen behoben werden sollen, die mit dem Todeskampf verbunden sind. Verlangt der Kranke im guten Glauben danach, und ist keine Hoffnung, daß er sich belehren läßt, so soll man ihm seinen guten Glauben nicht nehmen.

Unerlaubt aber ist ein solches Verfahren immer, wenn der Kranke auf den Tod nicht vorbereitet ist und Hoffnung besteht, er werde sich noch vorbereiten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 83f., Nr. 110)

Mit dem Tod ist eben nicht alles aus und die noch möglichst bewusste Vorbereitung darauf ist wichtig, deswegen sollte man einem Kranken nicht die Möglichkeit dieser Vorbereitung nehmen.

Die Frage nach dem Hirntod und der Organspende kommt hier auch noch auf. Hirntote können ja noch atmen, schwitzen, etc., aber haben keine Chance mehr, sich wieder zu erholen, und im Normalfall werden sie in kurzer Zeit völlig tot sein. (Wobei es manchmal Fehldiagnosen gab und mutmaßlich Hirntote wieder aufgewacht sind.) Ich halte es jedoch für sehr klar, dass Hirntote sich eben erst im Sterbeprozess befinden und noch nicht tot sind (auch wenn sie bald tot sein werden), dass die Seele (die anima, die den Körper belebt, „animiert“), ihn noch nicht verlassen hat, auch wenn ein Organ (das Gehirn) schon abgeschaltet hat.

Generell darf man erst dann Organe entnehmen, wenn jemand sicher tot ist, nicht wenn er sich erst im Sterbeprozess befindet. (Organspende ist ja nur bei Hirntoten möglich, deren restlicher Körper noch nicht abgeschaltet hat, und weil die meisten Menschen zuerst herztot und dann erst hirntot sind, statt umgekehrt, gibt es einen solchen Mangel an Spenderorganen.) Wer also nicht völlig davon überzeugt ist, dass der Hirntod der Tod ist (und das sind oft auch die Befürworter der Organspende nicht, und auch das medizinische Personal fühlt sich oft sehr unwohl bei Organentnahmen), darf sich nicht als Organspender zur Verfügung stellen, als Arzt keinem Hirntoten Organe entnehmen, und selbst als Kranker keine Organe von Hirntoten annehmen. Wenn jemand hirntot ist, muss man allerdings nicht mehr sämtliche irgendwie möglichen intensivmedizinischen Maßnahmen ergreifen, um diesen Zustand noch zu erhalten und den endgültigen Tod hinauszuzögern.

Bei einer schwangeren Hirntoten muss man das allerdings; es gab Fälle, in denen ein Körper noch ein paar Monate am Leben erhalten werden konnte, so dass ein gesundes Baby geboren wurde. Hier gibt es eine Verpflichtung, das Leben des Babys zu erhalten.

Wenn der Hirntod sicher der Tod wäre, wäre Organspende ein Akt der Nächstenliebe, aber keine Pflicht; denn es gibt kein Anrecht auf den Körper eines anderen, auch nicht auf den toten Körper; die Integrität des Leichnams und der respektvolle Umgang mit ihm ist auch ein Wert. (Vor allem, da auch die Körper am Jüngsten Tag in veränderter Weise auferstehen und sich mit den Seelen wieder vereinen werden. Ein Spenderorgan wird dann übrigens zum ursprünglichen Körper gehören.)

Die Organspende bei Lebenden von nicht lebenswichtigen Organen (z. B. Niere) ist ein Akt der Nächstenliebe, aber auch nie eine Pflicht, auch dann nicht, wenn es z. B. um eine Spende für ein Familienmitglied geht; denn ein anderer hat kein Recht darauf, dass man seinen Körper gewissermaßen verstümmelt und sich einer Operation unterzieht, ohne dass es die eigene Gesundheit erfordert.

Blutspende und Knochenmarkspende sind ebenfalls Akte der Nächstenliebe, und ebenfalls keine Pflicht.

Essstörungen (Magersucht, Bulimie) wären an sich Sünde, aber hier ist der freie Wille oft ja nicht oder nur eingeschränkt vorhanden. Dasselbe gilt, wenn jemand sich ritzt.

Es gibt keine allgemeine Pflicht, z. B. immer nur gesund zu essen und dreimal die Woche Sport zu machen, auch wenn das sicher schön und gut ist und einem selber sehr gut tun kann; und man kann es mit der Sorge um die eigene Gesundheit auch übertreiben (z. B. Hypochonder).

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