Moraltheologie und Kasuistik, Teil 12a: Das 6. & 9. Gebot – Allgemeine Prinzipien

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/19/St_Alphonsus_Liguori.jpg

 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

[Hier noch eine kleine Korrektur zum vorletzten Teil bzgl. Verhältnismäßigkeit: Ein verhältnismäßiger Grund dafür, eine Handlung zu setzen, bei der man einen Schaden in Kauf nimmt, dürfte wahrscheinlich auch vorhanden sein, wenn die Risiken auf beiden Seiten (nichts tun bringt ungewollten Schaden für A / etwas tun bringt ungewollten Schaden für B) gleich hoch sind, nicht nur, wenn sie auf der Nichts-Tun-Seite überwiegen.]

Unter dem 6. Gebot – „Du sollst nicht die Ehe brechen“ – und dem 9. Gebot – „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau“ – fasst man mehr oder weniger alles, was Ehe & Sexualität angeht, zusammen. Die Tugend der Keuschheit bedeutet, knapp gesagt, die vernünftige, gottgewollte Ordnung in sexuellen Dingen einzuhalten. In diesem Artikel soll es erst einmal um Begründungen dafür gehen, wieso die Keuschheit gut und notwendig ist, und was genau sie bedeutet.

Zuerst ein paar Begriffsabgrenzungen: Keuschheit =/= Jungfräulichkeit =/= Zölibat. Jungfräulichkeit ist der Zustand des „Nie-Sex-gehabt-habens“ (Anmerkung: eine Vergewaltigung verletzt die formelle Jungfräulichkeit nicht, nur die materielle), Zölibat ist das Leben ohne Ehe und Sex für Gott. Wer zölibatär lebt, muss nicht zwangsläufig jungfräulich sein, er kann auch Sünden in der Vergangenheit haben oder verwitwet sein; wer jungfräulich ist, muss nicht zwangsläufig im gottgeweihten Zölibat leben, er kann einfach noch niemanden zum Heiraten gefunden haben; wer verheiratet ist und ganz normal mit seinem Ehepartner schläft, lebt keusch, aber weder jungfräulich noch zölibatär. Jungfräulichkeit und Zölibat sind gute Dinge, aber keine Verpflichtungen für jeden; im Unterschied zur Keuschheit.

Für Keuschheit hat man früher auch oft den Begriff Reinheit verwendet, was mir früher komisch vorkam, aber jetzt nicht mehr komisch vorkommt. Hier ist nicht mal gemeint, dass Sex an sich unrein sei, sondern einfach die sexuelle Unordnung. Und man ist nun mal freier, gelöster und „reiner“, wenn man sich nicht von seiner Sexualität kontrollieren lässt und fähig ist, sich auf alle möglichen anderen Dinge zu konzentrieren, und nicht gleich schmutzige Gedanken bei allem und jedem hat.

Zur Keuschheit kommt auch noch die Schamhaftigkeit hinzu, die quasi zum Schutz der Keuschheit dient. Zur Schamhaftigkeit gehört es, intime Dinge nicht überall auszubreiten.

Halten wir bzgl. der Keuschheit am Anfang erstmal als Faustregel fest: So ziemlich alles außerhalb der Ehe ist schwere Sünde, und innerhalb manches. Wir sind ja katholisch hier. (Bzgl. der Schamhaftigkeit ist es nicht so schlimm; da gibt es auch viele lässliche Sünden.)

Es ist so ziemlich Konsens unter den klassischen Moraltheologen, dass es im 6.-Gebot-Bereich keine „materielle Geringfügigkeit“ gibt, dass es also (wenn Wissen & Wille auch voll da sind) keine lässlichen Sünden gibt, sondern nur schwere. Lässliche Sünden in diesem Bereich wären also dann da, wenn jemand etwas mit eingeschränktem Wissen um die Schwere (was oft bei den gewöhnlichen Nichtchristen der Fall ist) oder eingeschränkter Willenszustimmung (z. B. unter Alkoholeinfluss, im Halbschlaf, unter Drohungen/Druck von anderen, oder bei bestimmten spontanen Gedankensünden, wo der Wille nicht voll da ist (dazu später mehr)), tut.

Das heißt nicht, dass alle diese schweren Sünden gleich schwer wären – Petting mit der Verlobten ist offensichtlich deutlich weniger schwer, als die Ehefrau serienmäßig zu betrügen, und dafür käme man bei fehlender Reue auch in unterschiedliche Höllenkreise. Aber beides eben schwere Sünde.

Das klingt jetzt hart, und die Vorstellung war für mich auch ungewohnt. Aber es hat seine Gründe, dass Sex besondere moralische Bedeutung besitzt. Das ergibt sich daraus, was Sex in seiner eigentlichen Form ist.

Die katholische Ethik ist, wie in Teil 2 schon gesagt, eine Ethik des Naturrechts – gemeint ist nicht „Natur“ im Sinne von „Wildnis“, sondern „Natur“ im Sinne von „Wesen, innerer Zweck der Dinge“. Auch Tiere können im philosophischen Sinn „Widernatürliches“ tun, das ihrem eigenen inneren Zweck zuwiderläuft (wenn z. B. ein Muttertier die eigenen Jungen tötet), weil auch der Rest der Schöpfung nicht unberührt vom Bösen ist; auch wenn sie  dafür natürlich keine Schuld tragen können, weil sie nicht bewusst und willentlich handeln. Der Mensch dagegen kann sich bewusst entscheiden, im Einklang mit seiner Natur oder gegen seine Natur zu handeln.

Sex ist an sich eine intime Vereinigung eines Mannes und einer Frau, bei der möglicherweise Kinder entstehen können (und auch oft entstehen, selbst wenn Leute das verhindern wollen). Natürlich stellen die Menschen noch anderes mit ihren Geschlechtsorganen an, aber das ist das, was ihr biologischer Zweck in ihrer gesunden Form, ihre eigentliche Funktion ist (wie der Mund zum Reden und Essen da ist, oder das Atmen für die Versorgung mit Sauerstoff) und für die Erhaltung der menschlichen Art sorgt, das, was man Kindern erklärt, wenn sie wissen wollen, wo die Babys herkommen. Daraus folgen jetzt verschiedene  Dinge:

  • Da kann, wie gesagt, ein Kind entstehen; und Kinder brauchen eine Familie, Vater und Mutter, die sich lieben und zusammenleben. Wenn das nicht da ist, fehlt immer etwas, sogar wenn es fehlt, ohne dass jemand Schuld hat (z. B. wenn ein Elternteil stirbt, als Gastarbeiter ins Ausland gehen muss…); wobei es natürlich schlimmer für das Kind ist, wenn Eltern nicht zusammenleben, weil sie sich zerstritten haben. Und Kinder brauchen diese Familie nicht nur kurzfristig; sie sind lange völlig abhängig von Erwachsenen. Wer sich also noch nicht sicher ist, ob er mit der und der eine Familie haben will, sollte mit ihr auch keinen Sex haben und riskieren, ein Kind zu zeugen, das ohne Vater aufwachsen muss (oder vielleicht sogar abgetrieben werden wird, weil es gerade nicht hinpasst). Und gerade weil hier ein Menschenwesen entstehen kann, eine neue unsterbliche Seele, sollte man das Ganze doch mit einiger Ehrfurcht behandeln.
  • Das Ganze drückt Vereinigung und Hingabe aus. Die kann ihrem Wesen nach nur exklusiv und unauflöslich sein. Außerdem haben hier Brutalität, Nötigung und Zwang keinen Platz.
  • Es ist eine Ergänzung von Mann und Frau, die aufeinander hingeordnet sind (nicht nur, aber auch in körperlicher Hinsicht; Körper und Seele gehören zusammen und machen beide den ganzen Menschen als Mann oder Frau): homosexuelle Handlungen beispielsweise sind eigentlich nur eine schlechte Nachahmung von Sex, ein Missbrauch der Geschlechtsorgane; vergleichbar der Masturbation, wo jemand aus etwas, das als Ausdruck gegenseitiger Liebe, als Geschenk an jemand anderen, gedacht ist, eine egoistische, in sich verschlossene Handlung macht.

Sex im eigentlichen Sinn ist also Ausdruck von treuer Liebe, aus der neues menschliches Leben entstehen kann.

Das ist er eigentlich; aber in der Praxis ist der Sexualtrieb eben nicht nur Liebesbedürftigkeit, sondern seit dem Sündenfall auch ein starker biologischer Trieb, der einen dazu führen kann, einiges Blödsinniges oder Schlechtes zu tun. Das ist auch bei anderen biologischen Trieben der Fall; aber die geraten oft nicht ganz so leicht außer Kontrolle. C. S. Lewis beschreibt es passend:

„Der biologische Zweck der Sexualität ist die Erhaltung der Art, wie der biologische Zweck des Essens die Erhaltung des Körpers ist. Wenn wir nun essen, wann immer uns die Lust ankommt und soviel wir wollen, werden sicher die meisten von uns zuviel essen, aber doch nicht ganz unmäßig. Ein Mann ißt vielleicht für zwei, aber nicht für zehn. Sein Appetit übersteigt ein wenig das biologisch Notwendige, geht aber nicht ins Maßlose. Würde dagegen ein gesunder junger Mensch seiner sexuellen Begierde nachgeben, sooft ihn die Lust ankommt, und dabei jedesmal ein Kind in die Welt setzen, so könnte er in zehn Jahren leicht ein kleines Dorf bevölkern. Dieser Appetit steht in einem lächerlichen und widersinnigen Verhältnis zu seinem biologischen Zweck.

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Mit Striptease-Vorstellungen, also damit, daß sich ein Mädchen auf der Bühne auszieht, kann man eine Menge Publikum anlocken. Nehmen wir aber einmal an, wir kämen in ein Land, wo man ein Theater damit füllen könnte, daß jemand eine zugedeckte Platte auf die Bühne trägt und dann langsam den Deckel abnimmt, so daß jedermann – kurz bevor das Licht ausgeht – sehen kann, daß ein Hammelkotelett oder ein Stück Speck auf der Platte liegt. Würden wir nicht annehmen, daß in diesem Land mit dem Appetit der Leute etwas nicht in Ordnung ist? Und würde nicht jemand aus einer anderen Welt von uns annehmen müssen, daß es um unseren Geschlechtstrieb nicht sehr viel anders bestellt ist?

Ein Kritiker wandte ein, wenn in einem Land solche Striptease-Vorstellungen mit Hammelkoteletts üblich wären, so würde er daraus schließen, daß die Leute dort am Verhungern sind. Er wollte damit natürlich sagen, daß solche Dinge wie Striptease-Darbietungen nicht von sexueller Verdorbenheit, sondern von sexuellem Ausgehungertsein herrühren. In gewissem Sinne stimme ich ihm zu. Wenn wir in einem Land ‚Hammelkotelett-Entkleidungsszenen‘ vorfinden, so könnte eine der möglichen Erklärungen natürlich eine Hungersnot sein. Der nächste Schritt wäre dann allerdings, die Ernährungslage jenes Landes zu untersuchen. Sollte sich dabei herausstellen, daß sie gut ist, so würde die Hungersnot als Begründung ausscheiden, und wir müßten nach einer anderen Erklärung suchen.

Das gleiche gilt für die Stripteaseszenen auf unseren Bühnen: Bevor wir annehmen, daß sie durch eine sexuelle Hungersnot bedingt sind, müßten wir nachweisen, daß die geschlechtliche Enthaltsamkeit heute wirklich größer ist als zu Zeiten, in denen man vom Striptease nichts wußte. Dieser Beweis läßt sich nicht erbringen. Verhütungsmittel haben die Befriedigung geschlechtlichen Verlangens innerhalb der Ehe viel billiger und außerhalb viel sicherer werden lassen als je zuvor, und die öffentliche Meinung zeigt gegenüber außerehelichen Verbindungen und sogar sexuellen Verirrungen mehr Nachsicht, als es seit heidnischer Zeit jemals der Fall war.

Außerdem ist die These von der Hungersnot nur eine von mehreren möglichen Erklärungen. Jeder weiß, daß die sexuelle Begierde, wie jede andere Begierde auch, mit ihrer Befriedigung zunimmt. Der Hungrige träumt von gedeckten Tischen, aber ein Vielfraß tut dasselbe. Die Satten wie die Hungrigen erfreuen sich am Gaumenkitzel.

Ein weiteres Beispiel: Wir werden nur wenige Menschen finden, die etwas verzehren möchten, was nicht eßbar ist, oder die Nahrungsmittel nicht zum Essen benutzen wollen. Verirrungen der Eßlust sind selten, Verirrungen des Geschlechtstriebs dagegen sehr häufig. Sie sind furchtbar und sehr schwer zu heilen. […]

Uns wird gesagt, die Sexualität sei in Unordnung geraten, weil sie vertuscht und verheimlicht wurde. Aber in den letzten zwanzig Jahren wird sie nicht mehr totgeschwiegen. Man hat Tag und Nacht über sie geredet, und doch ist sie immer noch in Unordnung. Wäre Heimlichtuerei die Quelle allen Übels, so hätten die unzähligen Diskussionen über diese Fragen Abhilfe schaffen müssen. Aber das ist nicht geschehen.

Ich glaube, es ist genau umgekehrt. Ich glaube, die Menschen haben den Sex ursprünglich deswegen totgeschwiegen, weil er in solche Unordnung geraten war.“ (C. S. Lewis, Pardon, ich bin Christ, 9. Aufl., Basel 1977, S. 92-94. (Original: Mere Christianity, erschienen 1955))

Insofern ist das also auch ein Trieb, bei dem man besonders gut aufpassen muss.

Edward Feser schreibt zu diesem Thema auch sehr passend (meine Übersetzung):

„Es gibt mindestens drei Gesichtspunkte, unter denen Sex eine spezielle moralische Bedeutung hat, und das eindeutig:

1. Sex ist das Mittel, mit dem neue Menschen gemacht werden. Nun hat es offensichtlich moralische Bedeutung, wie wir Menschen behandeln, besonders in Angelegenheiten von Leben und Tod. […] Außerdem leugnet niemand, dass wir spezielle moralische Pflichten gegenüber unseren engsten Verwandten und vor allem Kindern haben. Aber die neuen Menschen, die wir durch Sex in die Welt setzen, sind natürlich gerade unsere Kinder. Daher ist Sex tatsächlich moralisch sehr bedeutsam. […]

2. Sex ist die Weise, auf die wir als Männer und Frauen vervollständigt werden. Es ist unnötig zu erwähnen, dass die sexuellen Organe einer Person die eines anderen Menschen des anderen Geschlechts erfordern, wenn sie ihre biologische Funktion erfüllen sollen. […] Aber es ist mehr als bloße Klempnerei oder Biologie. Die meisten Menschen werden sich zumindest für einen bedeutenden Teil ihres Lebens frustriert und unerfüllt fühlen, wenn sie unfähig sind, die Art romantische Beziehung mit einer anderen Person zu haben, die Sex als natürliche Begleiterscheinung hat. […]

Natürlich gibt es Ausnahmen. Es gibt Menschen, die auf solche Beziehungen verzichten, weil sie zu einem höheren Stand der Art berufen sind, die vom Priestertum oder Ordensleben verkörpert wird. Gerade weil dieses Gut ein höheres Gut ist, kann die so berufene Person die Frustration überwinden, die ansonsten einen solchen Verzicht begleiten würde. Es gibt auch manche Menschen, denen signifikante sexuelle oder romantische Wünsche von Anfang an fehlen. Aber im typischen Fall werden Menschen durch das Fehlen einer sexuellen Beziehung mit einem anderen Menschen frustriert sein.

Nun denken natürlich wir traditionellen Naturrechtler, dass eine solche Beziehung nur im Kontext der Ehe existieren sollte, und auch […] dass das natürliche Ziel, auf das die menschliche Sexualpsychologie ausgerichtet ist, ein Mensch des anderen Geschlechts ist statt nur ‚eine Person‘ im Abstrakten. Aber noch einmal, vorerst müssen Sie nicht alldem zustimmen. Das Buch Genesis beschreibt unsere sexuelle Unvollständigkeit in klar heterosexuellen Begriffen. Der Mythos des Aristophanes in Platos Symposium beschreibt sie bekanntermaßen auf sehr viel freiere Weise. Aber beide bezeugen das Alter der Vorstellung, dass ein Mensch einen anderen Menschen auf sexuelle Weise für seine vollständige Erfüllung braucht. Befürworter der ‚gleichgeschlechtlichen Ehe‘ bezeugen dieses Bedürfnis ebenso, insofern sie die ‚gleichgeschlechtliche Ehe‘ im Namen von romantischer Liebe und persönlicher Erfüllung verteidigen.

Das Scheitern an romantischen Beziehungen kann nicht nur an sich frustrierend sein, sondern das Selbstwertgefühl einer Person beeinträchtigen, wie das auch jeder Hinweis kann, dass einem einfach die Fähigkeit fehlt, einen Geliebten anzuziehen oder zufriedenzustellen. Daher wird es als besonders gemein und demütigend empfunden, die romantischen Gefühle oder sexuellen Avancen einer Person lächerlich zu machen, oder seine oder ihre sexuelle Performance oder Attraktivität für das andere Geschlecht zu verspotten. Die Präsenz eines sexuellen Aspekts bei anderen Schäden und Unglücksfällen macht sie auch viel härter zu ertragen. Ehebruch wird als viel tieferer Verrat empfunden als irgendein bloßer Vertragsbruch. Vergewaltigung und Kindesmissbrauch sind viel grausamer und psychologisch schädlicher als ein nicht-sexueller Angriff. Die öffentliche Aufdeckung von privaten sexuellen Eskapaden wird als viel demütigender gesehen als die Aufdeckung von finanziellen Vergehen oder anderen Verbrechen. […]

3. Sex ist der Bereich des menschlichen Lebens, in dem die tierische Seite unserer Natur am stärksten gegen die rationale Seite unserer Natur kämpft. Sexuelle Lust ist die intensivste Lust. Die Gründe dafür haben mit den Erwägungen, die bei den ersten beiden Punkten aufgebracht wurden, zu tun. Sex ist notwendig für die Entstehung neuer Menschen, aber neue Menschen zu machen legt uns enorme Kosten und Verantwortlichkeiten auf, die zu übernehmen wir sehr widerwillig sind. Die Natur hat Sex so extrem angenehm gemacht, dass die Leute ihn trotzdem haben werden, trotz seiner Neigung dazu, neue Menschen zu machen, für die sie Verantwortung übernehmen müssen. Sex ist auch die Handlung, die auf die körperlich und emotional intimste oder innigste Weise jene romantischen Beziehungen vollendet, in denen wir unserem Gefühl der Unvollständigkeit abzuhelfen suchen. Das fügt eine weitere, psychologisch bedeutsame Ebene des Genusses zu der Handlung hinzu, die das, was bloß auf einem rohen animalischen Level schon immens angenehm ist, noch einmal stark steigert.

Es ist daher nicht überraschend, dass die Befriedigung, die diese Art der Lust uns verspricht, uns dazu führen kann, jede Art zutiefst irrationaler Dinge zu tun. Für ein paar Momente sexueller Lust werden viele Menschen eine Schädigung ihres Rufs und das Auseinanderbrechen von Ehen und Familien, ihrer eigenen wie der anderer, riskieren. Sexuelle oder romantische Leidenschaft kann Menschen daran hindern, zu sehen, dass eine bestimmte Person einfach kein passender Ehepartner oder jemand, mit dem man Kinder haben sollte, ist. Romantische und sexuelle Eifersucht kann Leute dazu versuchen, das Objekt ihrer Zuneigung auszuspionieren und zu stalken, oder sogar dazu, einen Mord zu begehen. Die Suche nach romantischer und sexueller Lust kann einen zwanghaften Charakter annehmen. Daher werden Leute promiskuitiv, oder süchtig nach Pornographie, oder geneigt zu exzessivem romantischen Fantasieren und ver- und entlieben sich ständig. Und natürlich gibt es verschiedene weniger schwerwiegende Weisen, auf die romantische Liebe oder der Wunsch nach Sex uns dazu führen kann, auf Weisen zu handeln, die wir sonst als offensichtlich töricht sehen würden (schlecht geplante Versuche, jemanden zu beeindrucken, von dem man angezogen ist, plumpe sexuelle Avancen etc.). […]

Tatsächlich bieten Leute, die angesichts all der offensichtlichen Beweise sagen, dass Sex ‚keine große Sache‘ ist, nur ein weiteres Beispiel für die Irrationalität, zu der wir in sexuellen Angelegenheiten neigen. Denn diese Art von Bemerkung ist natürlich typischerweise ein Versuch, sexuelle Verhaltensweisen zu rationalisieren oder zu entschuldigen, die weitgehend als moralisch fragwürdig betrachtet werden, aber auf die der, der das sagt, sich trotzdem einlassen möchte.“

Auf rein biologischer Ebene sorgt Sex übrigens dafür, dass das „Bindungshormon“ Oxytocin ausgeschüttet wird. Das ist noch ein Grund, mit dem Sex erst mal zu warten: Wenn man Sex mit jemandem hat, bei dem man später feststellt, dass man nicht zusammenpasst, fühlt man sich trotzdem aneinander gebunden und tut sich schwer damit, diese Bindung wieder auseinanderzureißen.

Um zusammenzufassen: Sex macht Kinder, drückt Vereinigung und Liebe aus und lässt Leute sich aneinander gebunden fühlen, der Sexualtrieb ist aber auch ein starker biologischer Trieb, der relativ leicht entarten kann. Das alles passt damit zusammen, wofür die Ehe nach traditioneller katholischer Vorstellung von Gott eingesetzt wurde (sog. Ehezwecke):

  • Sie ist dafür da, Kinder zu machen, aber nicht nur das, sondern sie auch großzuziehen, auf die Welt vorzubereiten, in Kontakt mit Gott zu bringen. Es hat mehrere Gründe, dass das gut und notwendig ist. Erstens einmal ist jedes Lebewesen, besonders jedes menschliche Wesen, schlicht und einfach an sich sehr wertvoll; und Menschen werden ewig leben, im Idealfall bei Gott. Zweitens ist auch die „Erhaltung der Art“ einfach gut und notwendig – die Menschheit soll weiterbestehen, die erreichten Werke sollen erhalten und weitergeführt werden, die Jüngeren sollen sich um die Älteren kümmern. Das ist keine rein pragmatische oder biologische Sache. Auch für die Eltern ist es eine Art Erfüllung, wenn sie ihren Kindern etwas weitergeben, wenn ihr Erbe in ihren Kindern weiterlebt.
  • Sie ist dafür da, dass Mann und Frau einander lieben, helfen und ergänzen.
  • Sie ist da als „remedium concupiscentiae“, „Heilmittel für die Begierlichkeit“, d. h. sie soll einen Trieb, der an sich nicht schlimm ist, aber auch viel Schaden anrichten könnte, in geordnete Bahnen lenken, wie man eine Pflanze anbindet und stutzt, damit sie gerade und schön wächst. Das ist ein legitimer Zweck. Wir sind nun mal nicht perfekt, und unsere Neigungen und Wünsche auch nicht. Diesen Zweck kann man auch in „optimistischerer“ Weise als „sexuelle Erfüllung“ deuten, aber ich belasse es mal bei dem klassischen Begriff.

Heilige Zélie & Louis Martin | PureWomanhood
(Die Heiligen Zélie und Louis Martin; sie sind gute Patrone für Ehepaare.)

Grundsätzlich kann man dann sagen, es gibt drei verschiedene Komponenten, die eine sexuelle Handlung moralisch falsch werden lassen: 1) außerhalb der gültigen Ehe 2) nicht im Rahmen der natürlichen Ordnung, 3) Verstöße gegen Gerechtigkeit und Liebe (wie etwa: keine Zustimmung der (dazu fähigen!) anderen Person, Anwendung von Gewalt). Unter diese Kriterien fallen z. B.:

  1. Jeder Geschlechtsverkehr vor der Ehe (darunter fallen Konkubinat, also eheähnliches Zusammenleben, und Prostitution), unkeusche Berührungen, Ehebruch (auch Sex mit einem neuen Partner nach einer zivilrechtlichen Scheidung vom eigentlichen Partner, ob man mit dem neuen Partner in Zivilehe zusammenlebt oder nicht, ist Ehebruch; und auch offene Ehen sind Ehebruch), Polygamie, unkeusche Blicke, Lektüre, Phantasien, Pornographiekonsum, Voyeurismus, Inzest, Gruppensex.
  2. Masturbation, künstliche Empfängnisverhütung, coitus interruptus, [Anmerkung: NFP (Natürliche Familienplanung, auch periodische Enthaltsamkeit oder Natürliche Empfängnisregelung genannt), ist nicht naturwidrig], Sexualpraktiken mit nicht dafür gedachten Körperöffnungen, homosexuelle Handlungen, Bestialität (Sex mit Tieren).
  3. Brutale/erniedrigende Sexualpraktiken (Sadismus und Masochismus), sexuelle Belästigung, Vergewaltigung,  Zwangsverheiratung, Frauenraub, Kindesmissbrauch.

(Freilich gibt es Grenzfälle; Kindesmissbrauch z. B. kann man unter 1) (mit Kindern ist keine gültige Ehe möglich), 2) (Sex mit jemandem, der nicht mal voll entwickelt ist, ist offensichtlich naturwidrig) oder unter 3) (Kinder können Sex nicht zustimmen, und oft wird hier Gewalt angewandt) verbuchen. In der Praxis gibt es außerdem oft Fälle, wo Handlungen aus mehreren Kategorien zusammenkommen (z. B. voreheliche Unzucht gekoppelt mit Gebrauch von Kondomen und Sadomasopraktiken). Ein interessanter Fall sind auch künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft, die ich oben in der Liste noch nicht aufgeführt habe; beide trennen die Fortpflanzung von der Liebe und dem Sex und sind deswegen sowohl naturwidrig (2) als auch ein Verstoß gegen die Liebe (3).

Manches fällt eigentlich auch schon unter die Überschrift „Gewalt“ beim 5. Gebot, aber so, wie man gewaltsamen Raub nochmal unterm 7. Gebot bei Eigentumsdelikten behandelt, behandelt man auch Gewalt im sexuellen Kontext  normalerweise nochmal gesondert unter dem 6. Gebot.)

Das Thema „außerhalb der natürlichen Ordnung“ ist besonders gewöhnungsbedürftig aus säkularer Sicht. Aber aus katholischer Sicht geht man eben davon aus, dass Gott, der uns geschaffen hat, uns so geschaffen hat, dass jeder Antrieb, jedes Organ, jede natürliche menschliche Institution ihren Zweck hat, den man an ihrem Wesen sehen kann, und dass wir im Einklang mit diesem Zweck handeln müssen, wenn wir nicht auf Dauer einigen Schaden anrichten wollen. U. a. hat er eben dafür gesorgt, dass Sex für Liebe und Kinder da ist, und deshalb ist es naturwidrig, einen der beiden Zwecke direkt auszuschließen, wenn man Sex genießen will. (Naturwidriges ist allein wegen der Naturwidrigkeit schon falsch, aber es richtet immer auch irgendwann Schaden an.)

Dann zum Thema „außerhalb der Ehe“: Manche würden vielleicht sagen, gut, One-Night-Stands seien nicht schön, aber in langfristigen Beziehungen könnte man doch wohl miteinander schlafen. Das ist allerdings nicht konsequent; denn auch langfristige Beziehungen sind ganz bewusst Beziehungen, in denen man gewohnheitsmäßig zusammen ist, aber sich nicht gebunden hat. Und damit Liebe gefestigt werden kann, muss auch eine wirkliche Bindung dazukommen. Ehen sind auch rein statistisch, selbst bei den jetzigen Scheidungsraten, stabiler als eheähnliche Lebensgemeinschaften und bieten eine bessere Basis für Kinder. Kinder, die bei ihren verheirateten Eltern aufwachsen, haben im Durchschnitt weniger schulische Schwierigkeiten, Verhaltensauffälligkeiten, psychische Probleme usw., als Kinder, die bei nur einem Elternteil oder bei ihren nicht verheirateten Eltern aufwachsen. (Hier einige Links zu Studien.)

Die katholische Sexualethik geht, entgegen der modernen Welt, davon aus,

  • dass Sex kein Grundrecht und keine unbedingte Notwendigkeit ist. Das entschuldigt eigentlich sowieso Sexualstraftäter (die Armen bräuchten ja irgendwoher Sex und könnten nicht anders). Es ist sehr gut möglich, ohne Sex glücklich und gesund zu leben, und es ist auch nicht verpflichtend, jede sexuelle Phantasie auszuleben. Niemand hat ein Recht auf Sex und jeder kann ohne auskommen. (Das ist auch Gewöhnungssache: Wer seinen Trieben ständig nachgibt, kommt nicht mehr so leicht davon los und braucht immer mehr, wer das Umgekehrte tut, dem geht es umgekehrt.) Die Ehe ist ein wichtiger Teil des normalen Lebens für die meisten (und das nicht nur wegen dem Sex); aber im Notfall muss es auch ohne gehen, und Gott wird dabei helfen. Die Welt geht davon aus, dass der Sextrieb wie ein Kochtopf wäre, der irgendwann überkocht; das ist Blödsinn. Er ist eher wie eine Pflanze, die man festbindet, damit sie nicht auf falsche Weise wuchert, und die dann schön gerade wächst (Ehe = remedium concupiscentiae), oder wie der Appetit auf irgendein besonderes Essen; wenn man lange genug darauf verzichtet hat (= nicht verheiratet ist und keusch lebt), vermisst man es gar nicht mehr. Das ist Sex bei Mäßigung oder Verzicht; aber wenn man sich nicht mäßigt und nicht verzichtet, ist er eher wie eine Droge, von der man immer mehr braucht.
  • dass der Körper ein „Tempel des Heiligen Geistes“ ist. Wie der hl. Paulus sagt: „Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib. Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken. Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen? Auf keinen Fall! Oder wisst ihr nicht: Wer sich an eine Dirne bindet, ist ein Leib mit ihr? Denn es heißt: Die zwei werden ein Fleisch sein. Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm. Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ (1 Kor 6,13-20) Man kann Körper und Seele auch nicht einfach trennen; was der Körper tut, hat Auswirkungen auf die Seele. „Es war ja nur Sex und hat nichts bedeutet“ ist völliger Blödsinn, auf einer Stufe mit „Ich habe ihm zwar ein Messer in den Rücken gerammt, aber es war nicht feindselig gemeint“.
  • dass Kinderkriegen etwas Normales, Natürliches und Gutes ist, nichts Absonderliches oder Minderwertiges oder etwas, für das man sich erst rechtfertigen muss (aus Klimaschutzgründen oder warum auch immer). Jede neue Seele ist unendlich viel wert. Niemand muss heiraten und Kinder bekommen; und Verheiratete müssen nicht die höchstmögliche Anzahl an Kindern bekommen; aber jedes Kind, das sie bekommen, ist wertvoll.

Die moderne Argumentation „es schadet doch niemandem, was Erwachsene im gegenseitigen Einverständnis tun“ ist erstens von vornherein nicht stichhaltig (Schaden und Nutzen sind nicht die einzigen Kriterien der Moral) und zweitens sowieso falsch. Unkeuschheit schadet am Ende sehr wohl, wie alles, was der Natur des Menschen widerspricht.

  • Die Normalisierung von Unzucht schadet den Kindern, die hier – trotz aller Verhütungsmittel – gezeugt werden und dann, weil ungeplant, abgetrieben werden, oder, wenn wenigstens das nicht passiert, oft mit nur einem Elternteil aufwachsen; denen, die sich auf diese Weise mit Geschlechtskrankheiten anstecken (man stelle sich mal vor, was mit Geschlechtskrankheiten wäre, wenn niemand gegen die katholische Sexualmoral verstieße – eben); denen, die keusch leben wollen, und auf die durch Partner oder Gesellschaft Druck ausgeübt wird, sich „normal“ zu verhalten, und und und.
  • Die Normalisierung von Pornographie schadet den Konsumenten selbst; die Wirkung auf das Gehirn ist wie die einer Droge. Sie schadet Frauen, auf die Druck ausgeübt wird, den Pornographiekonsum ihres Partners zu tolerieren oder sogar Sachen aus (gewalt)pornographischen Videos selber nachzuspielen. Außerdem schadet die Normalisierung von Pornographie und Prostitution (beides letztlich zwei Varianten derselben Sache) natürlich den in diesen Branchen Beschäftigten langfristig extrem, selbst, wenn sie sich ursprünglich freiwillig darauf eingelassen haben, was oft nicht der Fall ist. Zwangsprostitution und Menschenhandel sind eine furchtbare Realität, die viele nicht gern zur Kenntnis nehmen.
  • Die Normalisierung von offenen Beziehungen, Polyamorie und Ehescheidung schadet denen, die in einer Ehe/Beziehung sind und deren Partner plötzlich entscheidet, dass sie (allein) nicht mehr genügen – die Gesellschaft schlägt sich auf dessen Seite, man müsse ihn schließlich ausleben lassen, was er will usw. Außerdem schadet das alles den Kindern in solchen Beziehungen natürlich auch wieder am meisten.
  • Die Normalisierung von Empfängnisverhütung sorgt dafür, dass Staaten wie China sich ermächtigt sehen, den Menschen das Kinderkriegen zu verbieten, und dafür, dass in sehr vielen Staaten (inklusive China inzwischen) nicht genug junge Menschen mehr da sind, um die Alten zu versorgen.

Man könnte zu alldem noch mehr sagen (in den nächsten Artikeln kommt auch noch ein bisschen), aber wer noch tiefere Begründungen für die Keuschheit an sich haben will, kann woanders nachsehen, z. B. bei dieser Zusammenstellung einiger guter Texte von Edward Feser oder in dem kleinen Heftchen „Keuschheit“ von Pater Martin Ramm FSSP, das man sich von der Petrusbruderschaft kostenlos / gegen Spende zuschicken lassen kann. Grundsätzlich wissen Katholiken ja: Wenn es die Kirche lehrt, kann man sich allein deshalb schon darauf verlassen. Gott will es so, was Gott will, ist eh gut, weil Er nur das Gute wollen kann.

Zu den Einzelsünden gegen die Keuschheit und die Schamhaftigkeit und ihrer Bewertung sowie zu einigen Fragen bzgl. der Ehe dann in den nächsten drei Teilen.

PS: Falls sich jemand fragt, wieso ich hier nicht auf die „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II. eingehe: Ich teile die Meinung eines Freundes, der sie mal mit einem „Liebesroman, geschrieben von einem Zölibatären“ verglichen hat. Man kann die Dinge auch zu sehr romantisieren. Außerdem sehe ich einfach keinen Grund, vom lange bewährten praktischen Jargon der „Vorkonzilszeit“ abzuweichen.

Ein Gedanke zu “Moraltheologie und Kasuistik, Teil 12a: Das 6. & 9. Gebot – Allgemeine Prinzipien

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