Moraltheologie und Kasuistik, Teil 12c: Das 6. & 9. Gebot – Sünden gegen die Schamhaftigkeit

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen. (Bzgl. dem englischen Beichtspiegel: Wenn hier davon die Rede ist, andere zu kritisieren, ist natürlich ungerechte, verletzende Kritik gemeint, nicht jede Art Kritik, und bei Ironie/Sarkasmus ist auch verletzende Ironie/Sarkasmus gemeint.)

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Anmerkung: Das hier sind wahrscheinlich die Teile aus dieser Reihe, bei denen am meisten kritische Kommentare von wegen komisch und kleinkariert kommen könnten. Aber das hier ist eben Kasuistik, und die ist dazu da, peinliche Einzelfragen zu beantworten, die die Leute nicht gerne groß diskutieren. Ich werde mich bemühen, es so trocken und klar wie möglich zu halten. Dumme Kommentare und Kommentare, die sich über andere lustig machen, werden gelöscht. Wenn Fragen länger diskutiert werden, liegt das eher daran, dass sie besonders umstritten sind, und nicht zwangsläufig daran, dass sie besonders wichtig sind.

Auch die Tugend der Schamhaftigkeit wird durch das 6. und 9. Gebot vorgeschrieben. Sie gehört ins Vorfeld der Keuschheit und verbietet ein zu offenes, Grenzen verletzendes Umgehen mit Sexualität; sie ist quasi ein Schutz für die Keuschheit. Dafür wird auch ab und zu das Wort „Sittsamkeit“ (im englischsprachigen Bereich „modesty“, was auch die Bedeutung „Bescheidenheit, Anständigkeit“ hat) verwendet, aber ich finde „Schamhaftigkeit“ passender.

Um Keuschheit und Schamhaftigkeit abzugrenzen: Wenn jemand sich gezielt sehr freizügig anzieht, um auf andere sexuell anziehend zu wirken, wären wir im Bereich der Unkeuschheit; wenn jemand sich aus Unachtsamkeit oder um die Eltern zu ärgern so anzieht, im Bereich der Unschamhaftigkeit. Wenn jemand Sexszenen in Liebesromanen liest, weil er dabei schmutzige Fantasien entwickelt, ist das Unkeuschheit; wenn er das tut, um nicht aus Versehen etwas von der Handlung zu verpassen, wobei er nicht auf die schmutzigen Fantasien abzielt, die vielleicht kommen oder vielleicht nicht, Unschamhaftigkeit. Wir haben hier auch eine Überschneidung mit dem Thema indirekte sexuelle Erregung, das ich im vorigen Teil behandelt habe.

Der Moraltheologie Heribert Jone definiert die Unschamhaftigkeit als „die freiwillige Beschäftigung mit Dingen, die leicht geschlechtliche Lust hervorrufen können“ (Jone, Katholische Moraltheologie, S. 181, Nr. 222). Es geht bei dieser Tugend einerseits natürlich darum, nicht unnötigerweise sexuelle Erregung zu riskieren, auf die man kein Recht hat, aber auch darum, dass manche Dinge, die mit Sexualität zu tun haben, einfach intim sind und intim bleiben sollen. (Z. B. sollte auch ein unattraktiver alter Mensch nicht nackt herumlaufen.) Es gehört freilich zur Keuschheit, sich nicht überrumpeln zu lassen, wenn man auf Unschamhaftigkeit stößt, und z. B. so unbefangen und normal wie möglich damit umzugehen, wenn Leute besonders unschamhaft angezogen sind o. Ä. (sprich, in diesem Fall nicht auf irgendwelche Körperteile hinzuschauen, schlechte Gedanken zu ignorieren und die Leute ansonsten normal zu behandeln).

Bei der Bestimmung der Sündhaftigkeit der Unschamhaftigkeit kommt es insbesondere auf vier Dinge an:

  • Wie groß ist das Risiko, dass X sexuelle Erregung mit sich bringt?
  • Wenn X ungewollte Erregung mit sich bringt, wie groß ist das Risiko, dass ich innerlich auch noch darin einwillige?
  • Beeinflusse ich durch X noch andere Leute, bringe ich sie z. B. dazu, ihr Schamgefühl zu verlieren; bin ich ein schlechtes Beispiel? (Thema „Ärgernis“)
  • Gibt es einen verhältnismäßigen Grund, X trotzdem zu tun/zuzulassen?

Die Schamhaftigkeit wirkt sich auf verschiedene Bereiche aus. (Sie ist freilich kulturabhängig; und ich will hier meine Einschätzungen oder die von bestimmten Moraltheologen nicht als unfehlbare Wahrheit vortragen. Was als sexuell anziehend empfunden wird, ist auch anerzogen. Und noch etwas: Es kommt darauf an, wie es die Mehrheit der normal empfindenden Leute sieht; ein Fuß-Fetischist könnte es auch unschamhaft finden, wenn Leute barfuß herumlaufen, aber seine Meinung zählt offensichtlich nicht.)

Die Schamhaftigkeit verbietet gewisse sexualisierende Tanzstile, wie z. B. offensichtlich Twerking (das außerdem ja ziemlich billig aussieht) oder Poledance. Hier gibt es auch einen Graubereich; schöne Bewegungen müssen nicht automatisch sexuell sein. Okay sind normalerweise die klassischen Paartänze, die gewöhnlichen europäischen Volkstänze, Square Dance und dergleichen. Kriterien: Wenn man beim Tanzen engen Körperkontakt sucht (auch bei an sich anständigen Tänzen – es gibt ja in Amerika den Spruch, man solle beim Tanzen zwischen sich noch Platz für den Heiligen Geist lassen), oder wenn die Bewegungen sexualisierend sind und das Publikum sie sexy finden soll, ist es falsch. Also jedenfalls kein Dirty Dancing (der Film ist übrigens ziemlich perverse Abtreibungspropaganda).

Unschamhaftigkeit kommt auch in den Medien vor; wenn z. B. Filme oder Romane Sexszenen enthalten. Hier dürfte meiner Meinung nach die einfachste Lösung sein, wenn man unerwarteterweise darüber stolpert: vorspulen oder überblättern. Wenn man einen Film mit anderen zusammen oder im Kino anschaut, könnte man zumindest wegschauen (oder kurz aufs Klo gehen). Intime Körperteile der Schauspieler gehen einen nichts an, auch wenn sie die einem präsentieren wollen. Man sollte an sich solche Medien vermeiden, aber manchmal kommt ja auch in ansonsten harmlosen Büchern/Filmen so etwas unerwarteterweise mal vor. Aber dann eben: vorspulen oder überblättern. Wenn man merkt, dass man das Überblättern doch nicht macht, sollte man solche Bücher ganz weglegen. Ich persönlich denke aber nicht, dass man Filme/Bücher, bei denen man es im vorhinein nicht genau weiß, ganz vermeiden muss, wenn man weiß, dass es einem leicht fällt, schlechte Szenen einfach zu ignorieren und wegzuschauen / vorzuspulen / sie zu überblättern. Menschen reagieren sicherlich auch unterschiedlich auf so etwas, den einen lassen Sexszenen im Fernsehen vielleicht komplett kalt; aber es ist trotzdem normalerweise unschamhaft, hinzuschauen, auch wenn man es nicht aus Unkeuschheit tut. Zur Handlung tragen die Szenen in den allermeisten Fällen sowieso nichts bei. Von offensichtlichen erotischen Romanen („Fifty Shades of Grey“ u. Ä.) oder Fortsetzungen von Romanen, bei denen es schon in Teil 1 ständig um Sex ging, etc. hat man sich freilich von vornherein fernzuhalten. Es gibt ja zum Glück auch gute christliche Bücher. Jone meint dazu:

„Schlechte Bücher lesen, auch wenn sie nicht ganz schlecht sind, ist gewöhnlich eine schwere Sünde, weil es großen Einfluß auf die Erregung der geschlechtlichen Lust hat. Zur Erwerbung der notwendigen Kenntnisse aber kann diese Lektüre erlaubt sein. Je größer aber die Gefahr der Einwilligung ist, um so schwerwiegender muß auch der Grund sein. – Sachen, die ein wenig unanständig sind, lesen ist an sich nur eine läßliche Sünde. Es kann aber zur Todsünde werden, wenn es aus böser Absicht geschieht, oder wenn man aus Erfahrung weiß, daß man in die Versuchung, die dabei entsteht, einwilligt. Besonders Jugendlichen ist die Lektüre von Liebesromanen, die nicht durchaus edel sind, abzuraten.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 238, S. 193)

Wie sieht es mit Aktbildern von Künstlern aus? Schwieriges Thema. Normalerweise wird hier prinzipiell Kunst (ausgerichtet auf Darstellung schöner Formen des menschlichen Körpers) und Pornographie (ausgerichtet auf sexuelle Erregung) unterschieden; in der Theorie ist diese Unterscheidung schön und gut, aber die Bereiche sind vielleicht in der Praxis nicht immer so klar abgetrennt, wie man es sich wünschen würde, und es kann deswegen etwas Gefährliches haben. Gerade bei manchen Historienbildern der Klassizisten oder Orientalisten des 19. Jahrhunderts denkt man sich schon: Die haben doch nur nach Gründen gesucht, um Brüste zu malen. Man kann sich fragen, ob auch Kunst immer alles zeigen muss, oder ob sie nicht eine gewisse Intimsphäre respektieren sollte. Ich persönlich bin kein großer Fan von solcher Kunst und würde hier zu mehr Strenge tendieren, aber ich will meine Meinung nicht als Lehramt darstellen. Einerseits haben auch Kirchenvertreter nackte Statuen und Bilder öfter akzeptiert oder zumindest toleriert; andererseits sind auch Kirchenvertreter in diesen Fragen nicht unfehlbar. Nacktheit ist nicht immer sexuell; z. B. wären auch Fotos von nackten Kriegsopfern nicht sexuell; aber auch diese Leute würden sich vielleicht wünschen, man würde ihre Körper nicht so zeigen. Gezielt erotische Haremsdarstellungen u. Ä. sollte man sich so oder so nicht aufhängen.

Jone meint:

„Als Modelle Mädchen oder Frauen benützen, bei denen nur die Geschlechtsteile bedeckt sind, ist an sich nicht erlaubt. Sind aber junge Künstler gezwungen, zu ihrer Ausbildung entsprechende Kunstakademien zu besuchen, dann sündigen sie nicht, wenn sie derartige Modelle abzeichnen. Sie dürfen aber selbstverständlich in die geschlechtlichen Regungen nicht einwilligen und müssen daher versuchen, durch Gebet und Erneuerung des guten Vorsatzes die Gefahr zu einer entfernteren zu machen. – Haben solche Mädchen und Frauen kein anderes Mittel, um sich vor schwerer Not zu bewahren, so ist es ihnen auch erlaubt, Modell zu stehen, vorausgesetzt, daß sie die entsprechenden Vorsichtsmaßregeln anwenden. […] Nackte Bilder und Kunstwerke mit besonderer Aufmerksamkeit auf die Geschlechtsteile länger betrachten, kann leicht eine schwere Sünde werden, besonders wenn es sich um neuere Darstellungen handelt, die darauf angelegt sind, die Sinnlichkeit zu erregen.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 237, S. 192)

Wie sieht es mit dem Reden über Sexualität aus? Auch ein schwieriges Thema; hier kommt es eben auch darauf an, was in der jeweiligen Kultur als angebracht gilt. Auch im christlichen Europa änderten sich die Manieren im Lauf der Geschichte; im 19. Jahrhundert war man viel zurückhaltender als im 16., zum Beispiel.

Es ist zunächst einmal lieblos, anderen Unbehagen zu bereiten, indem man über etwas auf besonders offene/provozierende Weise redet (z. B. wenn man vor Kindern oder zurückhaltenden Leuten redet). Besonderes Zurschaustellen der Sexualität ist generell nicht schön und kommt meistens aus unkeuschen Gründen, aber komplettes Verschweigen ist auch nicht hilfreich. Ein Mittelweg ist wahrscheinlich am gesündesten. Man kann über Dinge auf sachliche, respektvolle Weise reden, aber muss es nicht auf graphische Weise tun.

Kinder sollte man früh genug aufklären, vor allem wenn sie Fragen stellen – manche kommen ja auch schon mit zehn oder elf in die Pubertät -, aber nicht auf eine Weise, die Grenzen verletzt, sondern eben einfach so, dass sie wissen, wie Kinder entstehen, was sich in der Pubertät im Körper verändert, und auch, was sexueller Missbrauch ist und wie sie sich verhalten sollen, wenn Erwachsene sie missbrauchen wollen. Irgendwann müssen sie auch wissen, was Sünden wie sexuelles Fantasieren, Selbstbefriedigung und Pornokonsum sind, weil sie früher oder später damit konfrontiert werden können, und auch ohne Konfrontation mit Pornos o. Ä. selber Versuchungen erleben können. Über naturwidrige Sexualpraktiken können sie auch im späteren Verlauf der Pubertät noch aufgeklärt werden; keine Fünftklässlerin muss wissen, was Analsex ist.

Was ist mit Liedern und dergleichen? Darf man bewusst Lieder anhören oder bei Liedern mitsingen, in denen es vor allem um Sex geht oder Sünden positiv dargestellt werden? Hier muss man wahrscheinlich unterscheiden; bei englischen Liedern z. B. merken viele Leute ja gar nicht, was der Text ist – wobei es da schon manche mit recht widerlichen Texten gibt („WAP“ von Cardi B, „Blurred Lines“ von Robin Thicke und ähnlicher Schmutz). Mitsingen, wenn man es versteht, sollte man bei so etwas nicht, genauso wie man nicht bei „Einst ging ich am Strande der Donau entlang“ mitsingen sollte; vom DJ sollte man sich solche Lieder natürlich auch nicht wünschen. Wenn schlechte Lieder im Bierzelt gespielt werden, wo man eben gerade ist, kann man sie einfach ignorieren, würde ich sagen. Jone meint:

„Das freiwillige Anhören schlechter Reden oder Lieder ist schwere Sünde, wenn es einen großen Einfluß auf die Erregung der geschlechtlichen Lust hat, oder wenn der andere dadurch veranlaßt wird, schwer sündhafte Reden zu führen, oder wenn man daran Freude hat. – Nur eine läßliche Sünde ist es, wenn man derartige Sachen, die keinen großen Einfluß auf die Erregung der bösen Lust haben, aus Neugierde anhört oder aus Menschenfurcht dazu lächelt, vielleicht auch ein Wort dazu sagt oder lacht über die Art und Weise der Darstellung, nicht über den Inhalt. Dabei ist aber vorausgesetzt, daß dadurch kein Ärgernis entsteht.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 238, S. 193)

Wenn man Radio hört, und ab und zu schlechte Lieder kommen, sollte es meiner Einschätzung nach kein Problem sein, das Radio laufen zu lassen, solange es nicht besonders schmutzige Lieder sind, bei denen man die Texte auch versteht (wie die Beispiele oben).

Dann wäre da die Frage nach Blicken und Berührungen, sowohl bzgl. des eigenen Körpers als auch anderer Menschen.

Sich selber beim Waschen usw. anzuschauen und zu berühren ist etwas ganz Normales, mit dem man einfach unbefangen umgehen kann, aber man sollte sich eben nicht in der Weise dabei aufhalten, dass man irgendwann in die Gefahr der Selbstbefriedigung kommt. Sich aus Neugier etwas dabei aufhalten wird z. B. von Jone als lässliche Sünde bewertet.

Bzgl. anderer Personen schreibt Jone, wobei er der einfacheren Einteilung halber bei den Körperteilen „unehrbare Teile“ (Geschlechtsteile und ihnen nahe Körperpartien), „weniger ehrbare Teile“ (Brust, Rücken, Arme, Schenkel) und „ehrbare Teile“ (Gesicht, Hände, Füße) unterscheidet:

„An anderen sind Berührungen schwere Sünden, wenn ohne Grund unehrbare Teile berührt werden (auch nur über den Kleidern), gleich ob es sich um Personen desselben oder des anderen Geschlechts handelt. Eine läßliche Sünde liegt nur dann vor, wenn diese Berührungen geschehen ohne böse Absicht und nur flüchtig und schnell aus Leichtsinn oder im Scherz. […]

Bei Personen desselben Geschlechts unehrbare Teile flüchtig aus Neugierde anschauen ist eine läßliche Sünde; es wird aber zu einer Todsünde, wenn es absichtlich und lange geschieht, besonders wenn damit eine gewisse Zuneigung verbunden ist. […] Weniger ehrbare Teile solcher Personen anschauen ist keine Sünde, außer es geschieht in sodomitischer Absicht. – Bei Personen des anderen Geschlechts unehrbare Teile anschauen ist Todsünde, ausgenommen wenn es fast unversehens und flüchtig oder kurz und von weitem geschieht, oder wenn es sich um ein kleines Kind handelt.“ (Nr. 235-237, S. 190-192)

Bei den sog. „weniger ehrbaren Teilen“ von Personen anderen Geschlechts, also z. B. Brust und Oberschenkeln, bewertet er das Berühren im Allgemeinen als Todsünde, das Anschauen nur dann, wenn man sich lange dabei aufhält. Jemandem auf die Brust zu starren ist ja auch nicht schön.

Dann wäre da der Kleidungsstil. Das ist ja auch ein schwieriges Thema, praktisch ein Minenfeld im christlichen Internet. Aber einfach auslassen kann man es in einem Kasuistikartikel ja leider nicht. Für schamhafte Kleidung gibt es verschiedene Argumente:

  • Anderen helfen, Gedankensünden gegens 6. Gebot zu vermeiden. Dieses Argument hört man oft, und es ist auch sinnvoll. Man muss es anderen nicht extra schwer machen, und gerade junge Männer und Jungs in der Pubertät sind nun mal eher visuell veranlagt. Natürlich ist a) jemand auch dann verantwortlich dafür, seine Gedanken zu beherrschen, wenn andere in seiner Gegenwart wie Schlampen angezogen sind, und b) werden sich schmutzige Gedanken nicht ganz durch allgemeinen Anstand vermeiden lassen; die kommen schon auch aus einem selber. Aber der Anstand macht es leichter. Das trifft besonders deswegen zu, weil Kleidungsstücke ja öfter mal von den Designern gemacht werden, um sexy zu sein, auch wenn eine sie vielleicht nur wegen des hübschen Musters anzieht.
  • Das, was der Name „Schamhaftigkeit“ aussagt: Intimes nicht zur Schau stellen. Sollte man öfter hören. Übrigens kann etwas auch eindeutig unschamhaft sein, das nicht dazu geeignet ist, andere zu unkeuschen Gedanken zu reizen: Wenn ältere Männer zu weite, verrutschende Hosen tragen, die ihr Hinterteil sehen lassen, wird das niemand anziehend finden, aber sehr wohl unschamhaft.
  • Zurückhaltung, eine Art Wettbewerb der Zurschaustellung vermeiden, und damit gerade unter Frauen ein besseres Klima schaffen. Auch bedenkenswert.
  • Sexualität nicht in den Vordergrund stellen, um sich einfach auf „geschwisterliche“ Weise begegnen zu können, ohne dass das ein Thema wird. Auch sinnvoll.

Im muslimischen Bereich hört man auch manchmal das Argument, dass schamhafte Kleidung Schutz vor sexuellen Übergriffen biete. (Manchmal kommt es auch bei Leuten, die nichts von Vorschriften zu sittsamer Kleidung halten und denen, die solche Vorschriften machen wollen, unterstellen, sie würden dieses Argument verwenden.) Dieses Argument ist eigentlich Quatsch, und man hört es bei Christen im Normalfall nicht. Wer Frauen belästigen will, lässt sich ja von Kleidung nicht abhalten; manche sind gerade davon angezogen, wenn eine besonders unschuldig wirkt. Und Statistiken zeigen, dass sexuelle Gewalt oft in solchen Ländern sehr verbreitet ist, in denen viele Frauen sehr züchtig angezogen sind (islamischen Ländern). Es kann sein, wenn man z. B. auf eine Veranstaltung geht, auf der viel geflirtet und belästigt wird und Leute miteinander zu One-Night-Stands weggehen, dass man mit besonders offenherziger Kleidung die Botschaft aussendet, besonders offen für Anmache zu sein, aber generell ist das hier nicht der Grund für schamhafte Kleidung.

Weil ich weiß, dass es nervt, immer nur „also irgendwie gibt es so etwas wie anständige und unanständige Kleidung schon, aber Genaueres wollen wir dazu jetzt auch nicht sagen, das ist ja auch in jeder Kultur anders“ zu hören, und weil das hier der Kasuistik-Artikel ist, ein paar Regeln:

1) Offensichtlich falsch ist die Art von Auftreten, für die man als Exhibitionist verhaftet werden kann, das, was als nackt oder fast nackt gilt – auch wenn man das nicht macht, um andere sexuell zu belästigen, sondern um ein Statement abzugeben, zu provozieren, was auch immer. FKK-Strände z. B. sollte man vermeiden. Auch wenn dort niemand andere belästigt o. Ä., ist das Abtrainieren des Schamgefühls falsch. Das Ausziehen beim Arzt oder in geschlechterspezifischen Gemeinschaftsumkleiden ist natürlich kein Problem.

Solche Sünden, also wenn jemand sich z. B. für irgendeine provozierende Kunstaktion öffentlich nackt präsentiert, dürften für gewöhnlich an sich schwere Sünden sein. (Das gilt natürlich nicht, wenn jemand sich z. B. im Bad ausgezogen hat und dann merkt, dass jemand reinschauen kann, weil er nicht darauf geachtet hat, den Vorhang zu schließen, und ähnliche Fälle. Keine bis allerhöchstens lässliche Sünde. Aber man sollte z. B. natürlich nicht halb nackt in der Wohnung herumlaufen, wenn auch der Stiefbruder oder der Cousin zu Hause ist.)

2) Dann gibt es natürlich den großen Bereich von normaler Kleidung, bei der die gewissenhafte Christin sich denkt „das hab ich schon so lang, und eigentlich gefällt mir die Farbe und das Muster so gut“, „heute ist es so heiß“, „ich hab gerade nichts anderes im Schrank, was mir gefällt“ und sich dann fragt, ob sie noch okay ist oder vielleicht doch ein bisschen zu freizügig. Deswegen ein paar Regeln, anhand derer man schauen kann, ob man etwas noch nimmt oder lieber nicht – wohl gemerkt, Faustregeln von mir in Bezug auf unsere Kultur. In anderen Kulturen kann wieder anderes gelten, auch wenn in keiner Kultur die Leute völlig nackt herumlaufen. Grundsätzliche Faustregel: Wenn etwas in einer Kultur von der Mehrheit der Leute als sexy – statt einfach als hübsch – empfunden wird, ist es unschamhaft. Nackte Arme oder Unterschenkel z. B. werden in unserer nicht so empfunden, aber Hotpants und tiefe Ausschnitte sehr wohl.

(Kleinkinder und bis zu einem gewissen Grad auch überhaupt Kinder vor der Pubertät brauchen sich bei diesen Regeln im strengen Sinne nicht angesprochen zu fühlen; aber es ist sinnvoll, sie auch schon an Regeln und ein gewisses Schamgefühl zu gewöhnen.)

Für Frauen/Mädchen:

  • Brustbereich bedeckt, auch beim Vorbeugen kein Brustansatz sichtbar. (Vielleicht bin ich hier etwas streng; aber man sollte definitiv auch beim Vorbeugen keine tiefen Einblicke gewähren.) Keine durchscheinenden Nippel. (Allerdings: Stillen in der Öffentlichkeit ist in Ordnung. Erstens ist es nicht sexualisierend, außerdem ist es notwendig; Kinder müssen schließlich essen. Man muss sich dabei ja nicht gezielt komplett oberkörperfrei präsentieren.)
  • Die „Rock/Hose bis zum Knie“-Regel ist m. E. sinnvoll; wobei man bei Hosen im Sommer vielleicht ein klein wenig weniger streng sein kann; Röcke (zumindest die meisten Röcke) rutschen beim Rennen, Bücken oder Hinsetzen leichter nach oben, was bei kurzen Hosen nicht passiert. Da wäre es also nicht schlimm, wenn eine kurze Hose 5 cm über dem Knie endet. Ich würde schätzen, dass z. B. auch Sporthosen eines Frauenfußballteams, die ein bisschen mehr als die Hälfte der Oberschenkel bedecken, auch wenn sie nicht ideal sind, noch als nicht sündhaft durchgehen, und man sie deswegen tragen kann, wenn man zu dem Team gehört (wobei, wem das unangenehm ist, natürlich auch eine Leggings drunter anziehen könnte). Hotpants und Miniröcke definitiv vermeiden.
  • Keine sichtbare Unterwäsche.
  • Kein durchsichtiger Stoff oder Schlitze an den Stellen, die bedeckt sein sollen.
  • Nichts, was arg eng anliegt, und z. B. an Brust, Hinterteil, Oberschenkeln arg körperbetont ist. Manche Frauen mit größerer Oberweite können Rundungen natürlich nicht so gut „verstecken“, das ist dann auch keine Sünde, aber jede kann Kleidung anziehen, die nicht darauf angelegt ist, Körperformen extra ganz besonders hervorzuheben. Wenn es besonders eng anliegt und spannt, ist es eher zu vermeiden. Auch Röcke, die an den Beinen ein gutes Stück enger anliegen als weiter oben und so die Hüften hervorheben, sind grenzwertig und eher zu meiden.
  • In diesem Zusammenhang: Leggings sind keine Hosen. Leggings nur, wenn drüber ein Rock, eine kurze Hose o. Ä. getragen wird. Strumpfhosen würde man auch nicht als Hosen tragen. Auch beim Sport kann man Jogginghosen oder andere Sporthosen anziehen statt Leggings, oder zumindest eine kurze Hose über der Leggings tragen. (Gut, wenn man Dehnübungen im eigenen Wohnzimmer macht, wo niemand einen sieht, ist das was anderes. Aber wenn niemand einen sieht, auch nicht durchs Fenster, kann man ja eh herumlaufen, wie man mag.) Skinny Jeans sind auch schwierig; wenn sie an Hintern und Oberschenkel eng sitzen, sollte man zumindest ein ganz besonders langes Oberteil darüber tragen (oder einfach eine andere Hose anziehen). Es gibt in letzter Zeit auch öfter Hosen, die zwar eher weit sind, aber dadurch, wie die Naht am Hintern angebracht ist, so komisch die Pofalte betonen. Die würde ich auch meiden bzw. ein langes Oberteil drüber tragen.
  • Schulterfrei, rückenfrei und bauchfrei würde ich als grenzwertig empfinden und eher vermeiden, auch wenn ich nicht jedes solche Outfit für sicher sündhaft erklären will. Es deutet einfach mehr Nacktheit an.
  • Was Bademode angeht: Das Problem bei Bikinis ist für gewöhnlich, dass sie nicht mal die Bereiche, die sie bedecken sollen, wirklich bedecken, weswegen man sie meines Erachtens vermeiden und eher einteilige Badeanzüge / Tankinis / Badekleider / Shorts + anständig bedeckendes Tankinioberteil o. Ä. nehmen sollte. Hier ist mehr sichtbares Bein in Ordnung, weil es so üblich ist und als normalerweise nicht sexualisierend wahrgenommen wird, aber Brustbereich, Hinterteil und Schambereich sollten vollständig bedeckt sein. Wenn noch die Oberschenkel ein bisschen bedeckt sind, schadet es nicht, aber das muss nicht sein. (Mit ein bisschen Googeln lässt sich übrigens ziemlich viel Auswahl an „sittsamerer“ Bademode finden, auch Hübsches, gerade bei Badekleidern, und auch für die, die etwas strengere Maßstäbe haben, vor allem, wenn man die englischsprachige Welt hinzunimmt und „modest swim wear / swim suits“ googelt. Da findet man auch leicht hübsche Badekleider, die bis zum Knie reichen.)
  • Manche Katholikinnen lehnen Hosen ab, weil die Männerkleidung seien. Das ist allerdings ein Argument, das man vor hundert Jahren hätte bringen können und das damals auch sinnvoll gewesen wäre; heute werden Frauenhosen aber schon lange nicht mehr als Cross-Dressing empfunden. (Anders als wenn z. B. eine Frau im Herrenanzug auftauchen würde.) Im Gegenteil: Es wäre praktisch schon Cross-Dressing, wenn Männer Frauenhosen anziehen würden. Wenn eine lieber Röcke trägt, weil sie sich gern feminin anziehen will, ist das selbstverständlich ihr gutes Recht; nur ist es keine Sünde, wenn andere Hosen tragen wollen.

Kurz zusammengefasst: Bedeckt in etwa von den Schultern bis zu den Knien (beim Baden kann man etwas laxer sein); keine tiefen Ausschnitte; nichts arg Körperbetonendes oder Durchsichtiges.

Das ist alles eigentlich gar nicht so schwer, und sicher nicht so furchtbar, dass man im Sommer damit den Hitzetod sterben müsste; eine knielange Hose und ein T-Shirt mit relativ hohem Ausschnitt sollten nicht so schlimm sein. Man kann sich mit diesen Regeln auch noch sehr hübsch anziehen; ich habe ja nicht viel Modegeschmack, aber die anderen Tradi-Mädchen aus meiner Bekanntschaft sind meistens sehr hübsch mit ihren Röcken oder Kleidern. Man muss auch nicht alle Kleidung, die man schon hat und die den Regeln auf den ersten Blick nicht entspricht, gleich wegwerfen; eine durchscheinende Bluse kann man einfach über ein weißes oder schwarzes Top anziehen; eine hübsch gemusterte Leggings unter eine knielange Jeanshose oder einen weißen Rock; usw.

Für Männer / Jungen gilt dementsprechend auch:

  • keine sichtbare Unterwäsche.
  • kein sichtbares Hinterteil, keine rutschenden Hosen; das ist wirklich unappetitlich.
  • Zumindest die Hälfte der Oberschenkel – oder besser: alles bis zum Knie – bedeckt (Ausnahme: beim Baden).
  • Keine besonders engen Badehosen, keine Leggings.
  • „Oben ohne“ nur wenn notwendig und üblich (z. B. beim Baden; bei Bauarbeiten in der heißen Sonne).

(Ja, meine Regeln für Frauen sind ausführlicher. Das liegt (sorry, isso) einfach daran, dass gewisse Kleidung bei Frauen eher als sexualisierend empfunden wird, während Männermode nicht so auf Sexyness ausgerichtet ist (welches Männerhemd hat einen tiefen Ausschnitt?), und ich zu ein paar Streitpunkten Genaueres erklären wollte, damit mir nicht im Kommentarbereich vorgeworfen wird, etwas zu sagen, das ich nicht sage. Außerdem bin ich nun mal eine Frau und mache mir da logischerweise mehr Gedanken und kenne die Probleme besser. Freilich sollten auch Männer es eben vermeiden, zu anziehend auf Frauen (oder auch auf homosexuell veranlagte Männer) zu wirken – es ist z. B. nicht angebracht, im Fitnessstudio das T-Shirt auszuziehen.)

Wer es einfach haben will, kann sich auch die Regeln für den Einlass in italienische Kirchen hernehmen (wobei man ja dazu tendiert, in Kirchen etwas strenger zu sein als anderswo):

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Es kann natürlich an sich auch schwere Sünden gegen die Schamhaftigkeit geben, aber bei solchen Sachen wie sichtbarem Brustansatz oder einem etwas zu engen oder ein wenig zu kurzen Rock dürften wir uns recht eindeutig im Bereich der lässlichen Sünde bewegen. Hier gilt auch bzgl. der Wirkung auf andere: „Nur eine leichte Sünde liegt vor, wenn der andere schwer sündigt mehr wegen seiner persönlichen Verdorbenheit als wegen einer unbedeutenden Gelegenheit, die er als Anlaß zum Sündigen nimmt. Deshalb liegt nur eine leichte Sünde des Ärgernisses [= jemand anderem Anlass zur Sünde werden] vor, wenn die Kinder durch leichten Ungehorsam den Eltern Anlaß zu schweren Flüchen geben, oder wenn Mädchen durch unbedeutende Eitelkeiten, wenig ehrbaren Schmuck oder wenig ehrbare Kleidung jungen Leuten Anlaß zu Sünden gegen die heilige Reinheit geben.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, Nr. 145, S. 115)

Eins noch: Es ist definitiv nicht angebracht, aus heiterem Himmel zu einer in Tanktop und knappen Shorts hinzugehen und ihr zu sagen, sie solle sich schamhafter anziehen (beschämend, nicht zielführend, führt zu Streitereien); aber es ist auch nicht angebracht und ziemlich lieblos, sich implizit oder explizit über eine lustig zu machen, die sich ohne lange Röcke und langärmlige Blusen zu wenig angezogen vorkommt. (Ausnahme für ersteres: Eltern, Schulen etc. dürfen natürlich Regeln festlegen; unter Freundinnen kann man ausnahmsweise mal, wenn es angebracht ist, alle Beteiligten Christinnen sind, man miteinander vertraut ist und solche Sachen nicht übelnimmt, über das Thema reden. Bzgl. zweiterem: Von jemandem zu erwarten, sich etwas auszuziehen, ist in aller Regel einfach übergriffig, außer bei so offensichtlichen Sachen wie polizeilichen Durchsuchungen, oder wenn einen der Lehrer auffordert, die Mütze abzunehmen.)

3) Oft wird in diesem Zusammenhang noch das Thema formelle vs. informelle Kleidung (Abiverleihung, Kirche, Büro vs. Freizeit, zu Hause) angesprochen, aber das gehört eher in den Bereich „Höflichkeit“ und nicht in den Bereich „6. Gebot“, und ist auch nicht gerade das Wichtigste von der Welt. Passende Kleidung gehört sich irgendwo, aber wenn jemand z. B. keine besondere Sonntagskleidung besitzt / sich leisten kann, muss er sich deswegen beim Messbesuch keine Gedanken machen.

4) Außerdem wird das Thema Anstand, Bescheidenheit, Vermeidung von Angeberei hier oft erwähnt.

Der hl. Franz von Sales gibt das Ideal dazu folgendermaßen an: „Sei sauber! Nichts an dir soll schlampig und vernachlässigt sein. Unordentliche Kleidung bedeutet eine Missachtung der Leute, mit denen man umgeht. Hüte dich aber vor allem Gezierten und Eitlen, vor jedem auffallenden und unsinnigen Aufputz. Soviel du kannst, halte dich stets an Einfachheit und Bescheidenheit, den größten Schmuck der Schönen und die beste Entschuldigung der Hässlichen.“ (Philothea, 3. Teil, 25. Kapitel)

Das ist aber ein Ideal; hier geht es eher um lässliche Sünde und u. U. nicht mal darum; Schmuck, Makeup o. Ä. ist an sich keine Sünde, jedenfalls dann, wenn das Motiv einfach nur ein unschuldiger Wunsch ist, hübsch zu sein, anderen zu gefallen usw. Der kann natürlich unmäßig werden und man kann zu viel Wert auf dieses Thema legen und sich zu viel auf das eigene Aussehen einbilden; muss er aber nicht. Am Morgen (zum Beispiel) fünfzehn Minuten dafür aufzuwenden, sich eine hübsche Frisur zu machen, eine Halskette herauszusuchen und Makeup aufzulegen, ist in Ordnung. Verschönerung ist ein legitimer Zweck von Kleidung usw. Eitelkeit wäre es z. B., viel Geld für so was zu verschwenden, ständig an sein Aussehen und seine Wirkung auf andere zu denken. (Mehr dazu vielleicht beim Thema „7 Hauptsünden – Eitelkeit“, weil das eigentlich auch wieder keine 6.-Gebot-Sache ist.)

Könnte eine Katholikin als Model arbeiten? Im allgemeinen wohl nicht, weil sie bei Katalogfotos und Modenschauen in aller Regel sowohl schamhafte als auch unschamhafte Kleider präsentieren müsste, und weil die Auftraggeber sich mit aller Kraft bemühen, ihre Models auch noch geblümte Röcke und Sonnenhüte irgendwie sexualisierend präsentieren zu lassen. Womit ich nichts dagegen gesagt haben will, ausnahmsweise mal einen Modelauftrag für Wintermäntel anzunehmen oder in einer Müsliwerbung aufzutreten, oder ausschließlich für eine fundamentalistisch-christliche Modelinie zu arbeiten. Auch als Schauspieler müsste man sich von solchen Dingen wie dem Drehen von Sexszenen natürlich fernhalten. Nicht jede Darstellung von irgendetwas aus dem Bereich der Sexualität muss falsch sein; aber generell sind solche Sachen zu meiden. (Und hier ist noch gar nicht einberechnet, dass die Mode- und Filmbranche leider besonders anfällig für Korruption, sexuelle Belästigung und Erfolg durch Hochschlafen sind, wie gerade erst wieder gezeigt.)

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