Über das Ausgeliefertsein

Manchmal geht es mir ja gesundheitlich nicht so gut; und wenn ich dann nicht rechtzeitig Schmerztabletten nehme, muss ich eine Viertelstunde oder halbe Stunde ziemliche Schmerzen aushalten. Und auch wenn dann die Tablette wirkt, fühle ich mich erst einmal noch unwohl und zittrig. Das ist kein Dauerzustand bei mir, glücklicherweise, aber wenn es so ist, ist es einfach schlimm, und das auch wegen diesem Gefühl des Ausgeliefertseins. Erst mal muss man durch die Schmerzen durch, Schreien hilft auch nicht. Man denkt sich, man muss doch etwas tun können, und man kann ja auch die Tabletten nehmen, und, wenn das akute Problem vorbei ist, einen neuen Termin beim Arzt ausmachen (und glücklicherweise wurde bei mir nach vielen Jahren endlich von den Ärzten entdeckt, was ich habe, nämlich eine Endometriose, bei der man immer mal wieder operieren muss). Aber bis zu einem gewissen Grad ist man einfach seinem Körper ausgeliefert, der einen angreift. Und dem Körper ist es ganz egal, ob man sich denkt „ich halte das nicht mehr aus“, man muss es einfach aushalten.

Ein ähnliches Gefühl habe ich öfter in Bezug auf die Politik, nur hier weniger akut und mit mehr Angst vor dem Unbekannten gekoppelt. Man weiß nicht, wie es mit diesem ganzen Coronawahnsinn weitergeht, und ob unsere Herrscher ihre neuen Sonderbefugnisse nicht auch noch für andere Dinge nutzen werden, wenn sie merken, dass sie damit durchkommen, z. B. ein social credit system nach dem Vorbild Chinas einführen werden, und die Politik wird auch tendenziell immer christenfeindlicher. Wenn man in die Geschichte schaut, gab es alle paar Jahrzehnte Katastrophen und großflächige Grausamkeiten; wer kann garantieren, dass wir im Lauf unserer restlichen Lebenszeit so etwas entkommen? Niemand; und mit allem, was man politisch machen kann – wählen, auf Demos gehen, Petitionen unterschreiben – wird man persönlich sehr wenig Einfluss haben.

Und dann sind da die letzten Dinge, der Tod und die direkte, endgültige Konfrontation mit Gott, die auch für so ein Gefühl des Ausgeliefertseins sorgen. Irgendwann wird man sterben, früher oder später, und dann Gott auf eine Weise gegenüberstehen, die man sich jetzt nicht recht vorstellen kann. Und man kann sich ja letztlich doch nicht hundertprozentig sicher sein, wie man zu Gott steht, und ob man sich etwas vormacht. Vielleicht kommt man direkt in den Himmel (die Kirche bietet uns ja glücklicherweise auch die einfache Möglichkeit, einen vollkommenen Ablass in der Todesstunde zu erwerben), vielleicht aber auch nicht, und die Fegefeuerzeit wird man einfach aushalten müssen, man selber kann dann nichts daran ändern. Vielleicht werden andere für einen beten, aber man selber wird vollkommen hilflos sein, bis alles gesühnt und gereinigt ist, und das Fegefeuer soll ja nach einigen Meinungen und Visionen unserer Heiligen nicht so schön sein. Und vielleicht kommt man auch weder direkt noch über diesen Umweg in den Himmel, sondern in die Hölle. Und da muss man nicht nur hilflos abwarten, sondern es wird niemals ein Entrinnen geben. Ob in einem tieferen oder weniger tiefen Höllenkreis: Dieser Zustand wird ewig dauern. „Ihr, die ihr hier eintretet: Lasst alle Hoffnung fahren.“

Natürlich ist man für all das selber verantwortlich, aber auch hier ist man in einem gewissen Sinne ausgeliefert: Gottes Wesen und Ansprüche sind einfach so, wie sie sind, und man kann mit Ihm nicht verhandeln, Ihn nicht täuschen, oder von Ihm eine andere Alternative verlangen (z. B. dass man aufhören möchte, überhaupt zu existieren, oder in einem neutralen, weder angenehmen noch unangenehmen, Zustand weiterleben möchte). Man muss Gottes Bedingungen erfüllen, und Punkt.

Aber letztlich muss das so gut sein. Denn Gott ist gut, und Gott liebt uns mehr, als wir uns selber lieben können; und am Ende wird nur Er am besten wissen, was gerecht ist, und uns mit Gerechtigkeit und Güte behandeln. Und auch, wenn man Angst davor hat, das zu bekommen, was man verdient (wer hätte die nicht, wenn er ernsthaft drüber nachdenkt?): Gott wird immer gnädiger mit einem sein und einem mehr geben, als man verdient, wenn man nur Reue hat. Ganz praktisch: Wer sich als Katholik halbwegs bemüht, wird normalerweise vertrauen dürfen, dass Gott ihn zumindest vor der Hölle bewahrt. (Hier noch mal was zum Thema Zahl der Erlösten/Verdammten.) Und wer in die Hölle kommt, wird sie wirklich verdienen, weil er sich wirklich in seiner Gehässigkeit verschlossen und gegen Gott gestellt hat, und wird auch genau die Sorte Hölle verdienen, die er bekommt.

Und auch alles andere hat Gott in der Hand, auch Politik und Krankheiten, und Er hat Seine Gründe, wieso Er hier manche natürlichen Übel und böse Taten durch Menschen zulässt. Manchmal fällt es einem auf, wie Gott die Dinge lenkt. (Z. B. hat ein nicht idealer Umstand in meinem Leben inzwischen dazu geführt, dass ich zu meiner jetzigen FSSPX-Gemeinde gefunden habe, und einer Freundin helfen konnte.) Aber oft fällt es einem nicht auf, und da muss man praktisch auf das vertrauen, wovon man theoretisch längst weiß, dass es vertrauenswürdig und wahr ist. Ich habe jetzt angefangen, bei meinem Abendgebet auch jedes Mal ausdrücklich zu Gott zu sagen: Ich vertraue auf dich. Es muss besser so sein, dass Gott entscheidet, und wir unser Schicksal weder komplett bestimmen noch in die Zukunft schauen können; am Ende würden wir nur alles ruinieren. Natürlich sind wir ausgeliefert; aber wir sind der Liebe in Person ausgeliefert.

Und vielleicht hilft es ja dabei, das zu verinnerlichen, wenn man es sich selber in einem Blogartikel predigt.

PS: Und wenn ich es mir mal so überlege, wahrscheinlich hat sich niemand je so ausgeliefert gefühlt wie Jesus am Ölberg, gerade auch, weil Er wusste, dass Er die Entscheidung zu Seinem Leiden selbst traf und nicht anders treffen wollte, aber sämtliche Leiden in all ihrer Grausamkeit genau vorherwusste.

Datei:Josef Untersberger - Christus am Ölberg.jpg
Josef Untersberger, Christus am Ölberg

Ein Gedanke zu “Über das Ausgeliefertsein

  1. Ja, Jesus hat sich gänzlich ausgeliefert. Die menschliche Verzweiflung war so groß, dass er den Vater bat „diesen Kelch an mir vorübergehen zu lassen“. Das äußere Zeichen dieses Ausgeliefertseins, ist die Annagelung an das Kreuz und die Zurschaustellung seines geschundenen Körpers der gaffenden uns mehrheitlich spottenden Bevölkerung. Wenn wir armselige Menschen es am Ende unseres Lebens schaffen aus voller Überzeugung zu sagen, „in deine Hände empfehle ich meinen Geist“ dann können wir alle Hoffnung erfüllt sehen. Danke für den Link zu den Ablässen. Das mit der Kreuzwegandacht werden meine Frau und ich möglichst bald in die Tat umsetzen.
    Von meiner verstorbenen Mutter weiß ich, dass Endometriose ziemlich schmerzhaft ist. Sie sind und waren also nicht allein.

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..