Täter vs. Mitläufer

Es ist ja in Mode, sich bei Verbrechen nicht so sehr über die wenigen eigentlichen Täter, sondern eher über die vielen Mitläufer, Zuschauer, Wegschauer aufzuregen, die das Verbrechen der Täter möglich machen. So ganz kann ich dabei nicht zustimmen.

Nehmen wir mal die jetzige politische Situation. Die Täter im eigentlichen Sinne wären z. B. Leute, die Fotos von Querdenker-Demonstranten machen und versuchen, deren Arbeitgeber herauszufinden, um sie zu denunzieren; Leiter von Krankenhäusern und Altenheimen, die 2G-Regeln für Besucher einführen, sodass manche alte Menschen allein ohne Angehörige dahinvegetieren müssen; Leute, die gehässig darauf warten, ob irgendein Ungeimpfter an Corona stirbt oder sich in gehässigen Fantasien darüber ergehen, womit man Impfpassfälschung bestrafen sollte; Politiker, die manche Berufsgruppen oder die ganze Bevölkerung zu diesen unseligen Impfungen zwingen wollen, die sogar schon vorschlagen, Ungeimpfte nicht nur mit Bußgeld, sondern mit Verlust des Arbeitsplatzes oder der Rente zu bestrafen; Ärzte, die Impfnebenwirkungen ignorieren und die Leute damit alleinlassen; CEOs dubioser Pharmakonzerne, die schon früher öfter einige Klagen am Hals hatten und sich jetzt Haftungsausschluss für ihre neuen Produkte sichern konnten, deren Wirkungsdauer sich alle zwei Tage zu ändern scheint, usw. Die Taten solcher Leute sind abstoßend, und lassen die Opfer hilflos zurück. Die normalen Leute, die sich brav impfen und boostern lassen, ab und zu ihre ungeimpften Angehörigen in Diskussionen herablassend behandeln oder damit nerven, wann sie sich jetzt endlich impfen lassen wollen, und meinen, wenn Politiker die Impfpflicht beschließen würden, werde das schon seinen Sinn haben, sind etwas ganz anderes. Die sind vielleicht politisch kurzsichtig, wollen es sich bequem machen, sind es einfach nicht gewohnt, sich vorzustellen, dass wir in einem Land leben, in dem Recht und Gesetz nicht eingehalten werden, oder kennen wichtige Informationen nicht, weil die Tagesschau die einfach nicht bringt und sie das Internet höchstens für Google Maps benutzen. Sie haben vielleicht auch einfach dem Gruppendruck nachgegeben und wollen auf der Seite der „Guten“ stehen. Aber sie sind nicht böswillig, genießen es nicht, sich einen Sündenbock zu suchen, gehen vielleicht auch mal auf einen ein – „bei dir mit deiner Gesundheit verstehe ich es ja, dass du bei der Impfung vorsichtig sein willst, aber diese ganzen radikalisierten Querdenker…!“.

Irgendwie fällt es mir jetzt auch leichter, Verständnis für die Mitläufer in anderen, um einiges schlimmeren Diktaturen aufzubringen. Wenn man mitten in der Situation ist, fällt es einem wahrscheinlich oft nicht so leicht, zu sehen, wie schlimm etwas ist, und manches wird ja auch verborgen gehalten, als Feindpropaganda oder Verschwörungstheorie abgetan – und wer will schon Verschwörungstheoretiker sein? (Wieder ein Beispiel aus unserer Zeit: Als es z. B. noch in Mode war, es für eine Verschwörungstheorie zu halten, dass das Coronavirus aus dem Labor käme, waren sogar kritisch denkende Menschen vorsichtig dabei, diese Behauptung in Betracht zu ziehen. Man will ja keinem hohen Herrn in der Volksrepublik China irgendetwas Böses unterstellen, oder gar noch eine Lüge.) Und dann: Selbst wenn man nicht wirklich auf die Propaganda hereinfällt, nicht wirklich „mitläuft“, sich der Beteiligung enthält, sagen sich eben viele: Was soll ich als Einzelner denn dagegen tun? Jetzt und hier hat man zwar noch die Möglichkeit, auf Demos zu gehen, aber z. B. Einzelhändler hätten wahrscheinlich schon Angst davor, die 2G-Regel einfach zu brechen und alle Kunden unkontrolliert in ihr Geschäft zu lassen, nicht gerade wegen KZ-Haft, aber die drohende Schmähung und die Geldstrafen reichen schon als Abschreckung, und man versteht das irgendwie. Und wenn das schon bei so vergleichsweise mildem staatlichem Unrecht wie hier der Fall ist, dann sind die Leute in der DDR (deren Leben von der Stasi zerstört werden konnte) oder die Leute unter Hitler (die in Dachau im KZ verschwinden konnten) sehr viel leichter verstehbar. Ja, was hätte irgendein einzelner Bauer oder ein Student oder eine Hausfrau denn gegen Hitler oder Ulbricht machen sollen? Man muss auch unterscheiden: Manche Arten der Beteiligung muss man immer verweigern, bei anderen gibt es keine moralische Pflicht dazu, das Heldenhaftere zu tun.

Die Standardantwort darauf ist: Aber wenn alle dagegen aufstehen würden…! Aber es stehen nie alle gleichzeitig auf. Irgendjemand muss den Anfang machen, und vielleicht wird er andere nach sich ziehen, vielleicht auch nicht, vielleicht auch einfach nur eine geringe Anzahl. Und solange es nicht viele sind, sind Repressionen leicht. Wenn eine größere „Widerstandsbewegung“ existiert, ist es schon einfacher, sich ihr anzuschließen.

Ich denke, am ehesten sieht man, was in jemandem steckt, wenn der selber in eine Situation gerät, in der er sich entscheiden muss: Soll er den Einzelhändler anzeigen, der einen ungeimpften Kunden reingelassen hat, oder die ungeimpfte Großfamilie, die einfach endlich wieder zusammen Weihnachten feiern wollte? Soll er als Arzt jemandem attestieren, dass er sich wegen einer Vorerkrankung nicht impfen lassen muss, oder wie so viele Ärzte das einfach arrogant verweigern? (Bei diesen Beispielen wäre es sogar ziemlich leicht, das Richtige zu tun und das Falsche zu lassen.)

Das soll jetzt keine Entmutigung für die sein, die sich wirklich einsetzen. Die tun auf jeden Fall das Bessere, und schaffen es vielleicht auch, auf manche Mitläufer zum Guten einzuwirken. Ich bin auch davon überzeugt, dass kein noch so scheinbar sinnloser ehrlicher Einsatz je vergebens ist – und wenn man nur anderen Leuten helfen kann, ihre inneren Überzeugungen über eine schlimme Zeit hinweg zu bewahren. Ich bin sehr froh um jeden, der gerade auf die Demos geht, und würde selber wahrscheinlich anfangen, hinzugehen, wenn ich gerade etwas gesünder wäre. Ich kann mir auch denken, dass es für Verbrechensopfer schlimm ist, zu sehen, wie viele sich für sie einfach nicht interessieren, oder es zumindest nicht wagen, das zu zeigen. Ich denke mir, dass es für alte Menschen in Krankenhäusern, die ihre Angehörigen nicht sehen dürfen, wahnsinnig schlimm sein muss, wenn keiner für sie eintritt. Andererseits, könnte man wirklich von einer Krankenschwester verlangen, die Angehörigen regelmäßig reinzuschmuggeln und damit arbeitsrechtliche Konsequenzen zu riskieren?

Ich will einfach versuchen, jeden auf gerechte Weise zu sehen.

PS: Das soll jetzt aber mal fürs erste genug Politik und Moral sein. Jetzt können wir uns erst mal alle über das Jesuskind freuen, das uns lieb hat und am Ende alles gut machen wird.

Albert Edelfelt - Madonna (1895).jpg

2 Gedanken zu “Täter vs. Mitläufer

  1. Ein Mitläufer ist zumindest jemand, der den Tätern nichts adäquates an Widerstand entgegensetzen kann und wird. Meine Schwägerin, selbst hilfsbereit, gläubig und eine liebe Person, hat mir vor einem halben Jahr gegenüber gesagt, sie möchte einfach nur in Ruhe gelassen werden, auch die Bedenken meinerseits waren nicht mehr erwünscht. Die Impfung sei sicher und basta. Gestern verriet sie meiner Frau, dass es sich nicht mehr lohnt in dieser Welt zu leben, nachdem nun langsam aber sicher bekannt wird, dass wir nach Strich und Faden belogen wurden, nicht nur was das Gen-Experiment angeht. Mein Kommentar dazu wäre: wenn das der Fall ist, dann möge sie doch bitte spätestens jetzt aufstehen und Widerstand leisten. Dazu genügt z.B. ein einfaches Nein, wenn sie vor der Pfarreiratssitzung deren Mitglied sie ist, den Impfnachweis vorlegen muss.
    Was die Ankunft des lieben Jesuskind angeht. Die Geschichte um seine Geburt ist von Anfang an eine ziemlich schlimme Angelegenheit. Die staatliche Gewalt griff nach dem Kind und die hl. Familie musste fliehen. Das Böse in der Welt schläft eben nicht und macht selbst vor dem Sohn Gottes nicht halt. Es genügt halt zu wissen, dass wir Gott mehr gehorchen müssen als den Menschen. Somit wären wir vor den Tätern sicher und wesentlich stärker im Widerstand.

    Frohes Fest, Gottes Segen und vielen Dank für ihre lehrreichen Blogbeiträge besonders in den Fragen der Moral. Hat mir schon oft sehr geholfen auch mal meinen Standpunkt zu überdenken. Niemand möchte ja ein Moralapostel sein….;-)

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