Korrektur: Kongogräuel, Missionare und Waisenkinder

Teil 2 meiner kurzen Reihe zu den Kongogräueln (1885-1908) enthielt neben vielem anderen auch einen Vorwurf an die katholischen Missionare im Kongo-Freistaat, nämlich dass sie die Augen vor den Verbrechen schlossen, während die protestantischen Missionare sie in Europa bekannt machten. Ich habe in der Zwischenzeit noch ein bisschen weiter recherchiert, und denke, dass man den Vorwurf zumindest abmildern muss; ich will auch historischen Personen schließlich nur genau das vorwerfen, was man ihnen einigermaßen sicher vorwerfen kann.

Der korrigierte Abschnitt lautet jetzt:

„Ein öfter vorgebrachter Vorwurf gegen die katholischen Missionare lautete, dass sie vor den Gräueltaten außerhalb ihrer Stationen häufig die Augen schlössen und manchmal auch die Aussagen der englischen oder amerikanischen protestantischen Missionare darüber als Verleumdungen bezeichneten. Die Situation ist allerdings nicht so einfach. Es waren insgesamt nicht sehr viele Missionare im Land, und keine Konfession hatte überall Stationen. Die protestantischen Missionare hatten ihre Stationen nun tendenziell in Gebieten mit vielen Missbräuchen, nämlich im Gebiet der ABIR-Gesellschaft, von Mongala und des Leopold-II-Sees, und reisten auch mehr umher; die katholischen Missionare hatten ihre Stationen tendenziell eher in bessergestellten Gebieten. Der Kongo war ein extrem großes, dünn besiedeltes Land, in dem Informationen nicht schnell reisten; ein Missionar im Gebiet der Stanley Falls bekam einfach nichts davon mit, wenn im Gebiet der ABIR-Gesellschaft ein Massaker begangen wurde. Dazu kam, dass der Staat seine Agenten anwies, mit brutalen Aktionen im Umfeld von Missionsstationen generell vorsichtig zu sein. So hieß es in einem Rundschreiben der Regierung von 1903: „Ich empfehle Ihnen, in der Umgebung der Missionsstationen, noch mehr als sonst überall, alles zu vermeiden, was für gewaltsames Vorgehen in Bezug auf die Einheimischen gehalten werden könnte. […] Ich empfehle Ihnen die größte Vorsicht in Ihrem Verhältnis zu den Missionaren jeder Konfession. Sie müssen es sich zur Regel machen, nie irgendeine Frage mit ihnen zu diskutieren.“ (Quelle: Arthur Vermeersch, La question congolaise, Brüssel 1906, S. 281, Fußnote 1, meine Übersetzung) Natürlich war das nicht überall der Fall; auch manche katholische Missionare bekamen Gräueltaten mit, und wandten sich dann oft auch mit Beschwerden an die Verwaltung und Gerichtsbarkeit und hatten teilweise kleine Erfolge. Was allerdings stimmt, ist, dass die katholische Seite irgendwie viel zögerlicher dabei war, die Verbrechen vor der Öffentlichkeit anzuprangern, als noch nicht viel davon bekannt war. Viele der Missionare waren Belgier, die ihr Land wohl nicht von Ausländern in Misskredit gebracht sehen wollten; vielleicht teilten sie die Meinung vieler anderer Belgier, dass es sich (auch) um eine Kampagne Englands handle, das den Kongo einfach nur für sich wolle (s. Teil 3) und meinten, die Probleme würden intern schon nach und nach gelöst werden; vielleicht hatten sie als Belgier mehr Vertrauen darin, dass die Gräueltaten nur vereinzelt und vorübergehend wären und die Regierung endlich etwas dagegen tun würde; vielleicht wollten sie auch nicht riskieren, Schwierigkeiten mit dem Staat zu bekommen und ihr (ja für die Kongolesen sehr nützliches) Wirken im Kongo ganz aufgeben zu müssen; vielleicht hielten sie es auch nicht für zielführend, sich an die Presse zu wenden. Dennoch: Am Ende waren es die Proteste der protestantischen Missionare, die eine Änderung bewirkten, und der Erfolg wäre vielleicht rascher gekommen, wenn sie sich auch angeschlossen hätten. Den katholischen Missionaren wird man wohl keine Böswilligkeit unterstellen können – sie waren ja, anders als andere Europäer, ohne jede Hoffnung auf persönlichen Gewinn und nur aus religiösen und humanitären Motiven ins Land gekommen – , aber wahrscheinlich schon zu wenig Einsatz und zu viel Rücksicht auf den Staat und den König.“

Um Genaueres, auch über einzelne, sagen zu können, müsste ich sicher viel mehr recherchieren, als ich so einfach könnte, in Archive gehen usw.

Dann wäre da noch das Thema der Waisenkinder, die in staatliche Schulen gebracht oder vom Staat Missionsschulen anvertraut wurden. Die Untersuchungskommission kritisierte hier, dass oft Waisen in die Schulen gebracht wurden, die noch Verwandte hatten, die für sie gesorgt hätten. Es gibt aber auch Berichte aus dem Kongo, dass Waisen zwar für gewöhnlich bei Verwandten unterkamen, aber von ihnen auch oft wie Arbeitssklaven behandelt worden seien. Hier konnte ich jetzt nicht genau nachprüfen, ob das zutraf (bzw. für welche Gebiete im Kongo es vielleicht zutraf oder für welche nicht), aber ich wollte es erwähnt haben.

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