Missbrauch in München-Freising: Fälle in den 40ern und 50ern

Ich dachte mir, es wäre sicher lehrreich, nicht nur die Kardinal Ratzinger betreffenden Fälle von Missbrauch im Erzbistum München-Freising, sondern alle konkreten Fälle, in denen das neue Gutachten dem Erzbistum Fehlverhalten attestiert, kurz durchzusehen. Deshalb heute eine kurze Zusammenfassung der Fälle, die ca. zwischen 1945 und 1960 begannen / erstmals bekannt wurden, also unter Kardinal Faulhabers Amtszeit (vor 1952; er war bereits seit 1917 Erzbischof, aber das Gutachten beginnt erst mit der Nachkriegszeit) oder Kardinal Wendels Amtzeit (1952-1960). Diese Fälle reichen teilweise auch noch in die 60er und 70er Jahre hinein, also als Kardinal Döpfner (1961-1976) Erzbischof war; aber irgendwo muss man ja Abgrenzungen vornehmen. Zu den Fällen, die erst unter Kardinal Döpfner begannen, komme ich dann im nächsten Artikel.

Jetzt also eine kurze Zusammenfassung der 17 Fälle aus dieser Zeit, bei denen das Gutachten Fehlverhalten gefunden hat. (Fall 8 und Fall 18 behandle ich in den kommenden Artikeln, es sollte dann klar werden, wieso.)

Fall 1: Ein wegen homosexueller Handlungen (damals waren homosexuelle Handlungen zwischen Männern noch strafbar) in einer anderen Diözese verurteilter Priester wechselt Ende der 1940er in die Erzdiözese München-Freising (diese weiß nichts von der Verurteilung). Als ihm vorgeworfen wird, wiederholt mit Schülern eine Gaststätte aufgesucht zu haben (was er bestreitet), wird er von Generalvikar Buchwieser in seine ehemalige Diözese zurückgeschickt. Sechs Jahre später kommt er zurück. Der neue Münchner Generalvikar Dr. Fuchs fragt bei der anderen Diözese nach dem Grund – staatliche Ermittlungen wegen Kindesmissbrauch. Dr. Fuchs entzieht dem Priester zunächst die Zelebrationserlaubnis; nachdem dieser die Vorwürfe bestreitet, erteilt er ihm eine auf mehrere Monate befristete Erlaubnis, und legt ihm nahe, die Erzdiözese zu verlassen, was der Priester tut. Kurz darauf verstirbt er; die staatlichen Ermittlungen waren noch nicht abgeschlossen.

Fall 2: Ein Priester wird Ende der 1940er beschuldigt, mehrere Mädchen unangemessen berührt zu haben. Ihm wird von Kardinal Faulhaber und Generalvikar Buchwieser der Rücktritt von seinem Amt nahegelegt, und er tritt zurück. Es gibt staatliche Ermittlungen, die aber eingestellt werden. Der Pfarrer der ehemaligen Nachbargemeinde des Beschuldigten informiert das Erzbistum, dass dieser ihm bereits vorher aufgefallen sei und er ihm den Rücktritt von seinem Amt angeraten habe. Außerdem gehen weitere Beschwerden ein (er spreche auf der Straße Mädchen an, wolle in deren Wohnungen). Der Priester wird Seelsorger in einem Erholungsheim; der dortige Pfarrer berichtet von weiteren Vorwürfen, der Priester versuche sich Zugang zu Kindern zu verschaffen. Der Priester wird sofort suspendiert und in ein Kloster eingewiesen, ihm wird der Kontakt zu Kindern verboten. Als er dagegen verstößt (er soll sich mit einem Jungen in einen Heustadel begeben haben), wird er in ein anderes Kloster eingewiesen und ihm wird der Kontakt zur gesamten Öffentlichkeit verboten. Als er um Verzeihung bittet und Besserung gelobt, wird seine Suspendierung schließlich aufgehoben, aber das Kontaktverbot zu Kindern und Jugendlichen bleibt. Es wird auch ein kirchliches Disziplinarverfahren geführt, dessen Ergebnis aber nicht aus den Akten hervorgeht. Anfang der 1950er wird er wieder in der Seelsorge eingesetzt, und darf auch Kinder unterrichten, allerdings keine Mädchen. „Ende der 2010er Jahre wandte sich eine männliche Person an den Missbrauchsbeauftragten der Erzdiözese und schilderte erlittenen sexuellen Missbrauch durch den Priester, der sich in der Gemeinde, in der er Anfang der 1950er tätig war ereignete, als der Geschädigte zwischen zwölf und 13 Jahren war. Diese Schilderung wurde von dem zuständigen Fachreferenten als glaubhaft eingestuft.“ (S. 450)

Fall 3: Einem Priester, Leiter eines Lehrlings- und Schülerheims, wird vorgeworfen, er habe Jungen in seinem Schlafzimmer übernachten lassen und mit ihnen Ringkämpfe veranstaltet, eine Gruppe Jungen sei öfter bis spät am Abend in seiner Wohnung gewesen. Er rechtfertigt die Übernachtungen mit dem Platzmangel im Heim und gibt zu, sich ungewöhnlich ungezwungen den Jungen gegenüber verhalten zu haben. Generalvikar Buchwieser und die Kriminalpolizei ermitteln. „Bei Befragungen gaben einige der Jungen an, der Priester sei ihnen nähergekommen, habe sie aber nicht zärtlich angefasst. Zurück blieb der Vorwurf, der Priester habe ‚durch sein erzieherisch unkluges und unverständliches Verhalten bei Erwachsenen und Jugendlichen selbst Anlass zu solchen Gerüchten gegeben‘.“ (S. 451) Er verliert seine Stelle als Heimleiter und wird Aushilfspriester, erteilt auch Religionsunterricht. Sieben Jahre später ermahnt Generalvikar Dr. Fuchs ihn in einem Brief, keine Jugendlichen mehr auf seinen Autofahrten mitzunehmen. Er unterstellt ihm zwar nichts, fürchtet aber schwere Verdächtigungen. Mein Fazit: Es bleibt unklar, ob der Priester wirklich bloß aus Naivität oder Hilfsbereitschaft unangemessenes Verhalten zeigte, oder ob er ein Pädophiler war, der vielleicht nur Berührungen von Jugendlichen suchte. Für schwerwiegenden Missbrauch gibt es aber zumindest keine Anhaltspunkte.

Fall 4: Ende der 1940er wendet sich ein Kaplan an Generalvikar Buchwieser, und berichtet, „dass über ihn ‚eine Rederei im Gange sei, wonach er Mädchen der Jugendgruppe ‚beim Spielen abgetastet oder abgegriffen habe und mit Vorliebe ihnen beim Ballspiel den Ball gegen die Brust werfe‘. Er erklärte
weiter, sich gegen diese ‚üble Verleumdung‘ einer ‚bis jetzt unbekannten Urheberin der Rederei‘ wehren zu wollen, die ihn nicht allein als Privatperson, sondern auch als Seelsorger betreffe.“
(S. 452) Was genau der Generalvikar unternimmt, geht nicht aus den Akten hervor. Einen Monat später wendet sich der Pfarrer, dem der Kaplan unterstellt ist, an die Diözese; ein Kirchenpfleger habe sich bei ihm über ähnliches Verhalten beschwert, der Kaplan habe Mädchen der Pfadfindergruppe beim Blinde-Kuh-Spiel angefasst. Der Pfarrer regt eine Versetzung an, und einige Monate später wird der Kaplan versetzt. Er bewirbt sich in den folgenden Jahren um verschiedene Pfarrstellen, wird aber von der Diözese (jetzt Generalvikar Dr. Fuchs) abgewiesen, weil Gerede entstehen könnte, wenn er zu nahe an seinem früheren Wirkungsort wäre. Später wird er doch Pfarrer und erteilt auch Religionsunterricht. Weitere Vorwürfe sind nicht ersichtlich.

Fall 5: „Der Priester wurde Ende der 1940er Jahre durch das örtlich zuständige Landgericht wegen Sittlichkeitsverbrechen mit Kindern in sechs Fällen zu einer Zuchthausstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt. Bei den Geschädigten handelte es sich um männliche und weibliche Kinder im Alter von elf bis 13 Jahren.“ (S. 454) Nach der Verbüßung der Strafe wurde er wieder in der Seelsorge eingesetzt, als Aushilfspfarrer und dann als Kurat. Es gab weder neue kirchliche Sanktionen noch neue Vorwürfe.

Fall 6: In den 1940ern begeht ein Priester schon in der ersten Gemeinde, wo er eingesetzt ist, „sexuelle Handlungen mit zwei Ministranten“ (S. 455). Er wird ohne weitere Konsequenzen versetzt. Vier Jahre später wird er wegen sexueller Handlungen an drei Minderjährigen zwischen 11 und 14 Jahren zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt (er ist geständig). Jetzt schon unter Kardinal Wendel wird ein Gnadengesuch zur vorzeitigen Haftentlassung gestellt. „Unmittelbar nach der sich anschließenden Haftentlassung Mitte der 1950er Jahre verbrachte der Priester einen Teil seines Erholungsurlaubes mit einem Ministranten. Generalvikar Dr. Fuchs drohte dem Priester daraufhin die sofortige Suspension im Wiederholungsfall an.“ (S. 456) Er wird in einem Altenheim eingesetzt; als dort die Vorgeschichte bekannt wird, wird er von Generalvikar Dr. Fuchs abgezogen und in einem Kloster untergebracht. Zwei Jahre später wird er wieder in einem Altenheim eingesetzt, aber als sich herausstellt, dass er Kontakt zu Jugendlichen sucht, wird er von Generalvikar Dr. Fuchs wieder in ein Kloster gesteckt und ihm wird die Zelebration verboten. Anfang der 1960er wird er wieder aushilfsweise in der Seelsorge eingesetzt. Als der Ortspfarrer ihn auch Religionsunterricht erteilen lassen will, erlaubt Dr. Fuchs das, schreibt aber, es solle darauf geachtet werden, dass er keine außerschulischen Freundschaften mit Kindern anfange. „Während dieser Zeit kam es zu erneuten Missbrauchshandlungen des Priesters an einem 14jährigen körperlich beeinträchtigten Jungen. Diese Vorfälle waren nach Aktenlage dem Erzbischöflichen Ordinariat damals nicht bekannt. Der Geschädigte meldete sich erstmals Anfang der 2010er Jahre und gab an, von dem Priester dahingehend unter Druck gesetzt worden zu sein, mit niemandem über die Vorfälle zu sprechen. Im Rahmen eines Verfahrens auf Anerkennung des Leids erhielt der Geschädigte daraufhin eine Zahlung in Höhe von 5.000,00 €.“ (S. 457) Nach ein paar Monaten wird er wieder in ein Altenheim versetzt. „Nachdem drei Jahre später, Mitte der 1960er Jahre, erneut der Verdacht aufkam, dass er Jungen nicht näher bezeichneten Alters zu nahe gekommen sei, wurde er erneut in ein anderes Altenheim versetzt. Parallel kam es zu Aushilfstätigkeiten in der Gemeindeseelsorge, unter anderem im Rahmen der Kinderbeichte. Der damalige Generalvikar Defregger wies daraufhin den Gemeindepfarrer an, bei der Kinderbeichte vorsichtig zu sein und diese nur unter Aufsicht zu gestatten. Beinahe zehn Jahre später, Anfang der der 1970er Jahre, kam es im Ort des Altenheimes zu sexuellen Handlungen des Priesters an einem Ministranten. Der Gemeindepfarrer teilte dies dem damaligen Generalvikar Dr. Gruber mit und erwähnte zugleich, dass er um noch mehr Opfer fürchte, da der Priester sich auch im Altenheim mit vielen Ministranten umgebe. Generalvikar Dr. Gruber hielt in einer vertraulichen Note für Erzbischof Kardinal Döpfner fest, dass der Vorfall aufgrund der Vorgeschichte des Priesters nicht leichtgenommen werden dürfe. Der Priester dürfe jedoch weiter aushilfsweise in der Seelsorge tätig sein, da er mit Ministranten nur im Gottesdienst und im Beisein des Mesners Kontakt habe. Der Priester, der diese Vorwürfe bestritt, solle zudem auf die Ministrantenarbeit verzichten. Nachdem der Vater des missbrauchten Ministranten mit dieser Lösung nicht einverstanden war, wurde der Priester an einen anderen Ort versetzt, wo er in einem Altenheim und in einer Justizvollzugsanstalt tätig war. Dieser Sachverhaltsteil ergibt sich ausschließlich aus den persönlichen Unterlagen des damaligen Generalvikars Dr. Gruber. Ab Mitte der 1970er Jahre wurde der Priester nur noch nebenamtlich in der Justizvollzugsanstalt eingesetzt.“ (S. 458)

Fall 7: Ende der 1940er beschwert sich ein Pfarrer über seinen Kaplan; nämlich über den „nicht einwandfreien Umgang des Priesters mit Mädchen der 4. Hochschulklassen“ (S. 459), er habe diese Jugendlichen auch mit aufs Zimmer genommen. Bei einer Unterredung bestreitet der Kaplan das; nur einmal habe ihm ein Kind etwas gebracht. Kurze Zeit später wird er von Generalvikar Buchwieser zum Direktor eines Kinderheims ernannt. Neue oder schwerwiegendere Vorwürfe gab es offenbar nicht; dennoch wirkt es extrem unklug und fahrlässig, ihn ausgerechnet auf eine solche Stelle zu setzen.

Fall 9: Im Priesterseminar hat Ende der 1940er ein Kandidat irgendwelche Verbindungen zu jugendlichen Mädchen, wird aber am Ende trotzdem geweiht. Anfang der 1950er bittet dieser Priester Generalvikar Buchwieser um seine Versetzung, „da durch Unvorsichtigkeiten hervorgerufene Spannungen sein seelsorgerisches Arbeiten erschweren würden“ (S. 461), und wird auch versetzt; es wird nicht klar, was das für Spannungen sind. Mitte der 1950er wird er zu zehn Monaten Gefängnis wegen Unzucht mit Kindern verurteilt. (Die drei Kinder waren zehn bis elf Jahre alt.) Nach der Haftentlassung hält er sich drei Monate in einem Kloster auf, und kommt dann in eine Gemeinde, wo er unter der Aufsicht des Ortspfarrers stehen soll. „Ein Jahr später hält Generalvikar Dr. Fuchs fest, dass der Priester die Gemeinde verlassen müsse, da er erneut zwei Mädchen berührt habe. Generalvikar Dr. Fuchs suspendierte den Priester noch im selben Monat von allen Handlungen der Weihegewalt. Parallel dazu erfolgte die Anweisung, dass er sich unverzüglich in ein Kloster zu begeben habe. Es folgten ein Aufenthalt in einem weiteren Kloster sowie diverse therapeutische Behandlungen.“ (S. 462) Ärztlicherseits wird ihm schließlich bescheinigt, er könne wieder eingesetzt werden, aber ohne Kontakt zu Kindern. Das Erzbistum ist jedoch nicht überzeugt davon; Generalvikar Dr. Fuchs schreibt dem Pfarrer an seinem Therapieort: „[Der Priester] ist sexuell krankhaft überreizt und hat sich wiederholt mit Schuldmädchen verfehlt. Weder eine längere Freiheitsstrafe noch kirchliche Maßnahmen hätten auf die Dauer eine abschreckende Wirkung. Auch eine Behandlung in der […] Nervenklinik brachten keinen Erfolg. […] Bei den bisherigen Erfahrungen mit den häufigen und hartnäckigen Rückfällen sind wir sehr in Sorge.“ (S. 463) Er wird wieder in einem Kloster untergebracht, und Dr. Fuchs ordnet „unerbittliche Strenge“ und „äußerste Vorsicht“ ihm gegenüber an (S. 463). Nachdem er in ein anderes Kloster versetzt wurde, wird er wieder wegen Unzucht mit einem Kinde (diesmal einer Zehnjährigen) zu einer Haft von neun Monaten verurteilt. Er ist dann wieder im Kloster und in ärztlicher Behandlung, versucht aber wieder trotz der Auflagen, Kontakte mit Kindern anzuknüpfen, was Generalvikar Defregger zu verhindern versucht. Dann stirbt er unerwartet.

Fall 10: Anfang der 1950er erhebt eine Schulleiterin gegen einen Kaplan den Vorwurf der sexuellen Nötigung gegenüber Achtklässlerinnen. Sein Pfarrer verteidigt ihn bei Generalvikar Buchwieser, die Schulleiterin sei kirchenfeindlich eingestellt. „Die Schulleiterin selbst habe dem Pfarrer gegenüber erklärt, das Verhalten des Kaplans sei ihr ‚zu väterlich und zu kameradschaftlich erschienen, aber es sei keineswegs sexuell betont gewesen.‘ Der Kaplan solle eine Pfarrei bekommen, so der Pfarrer, die seine ausgezeichneten Begabungen und seinem überaus eifrigen und gesegnetem priesterlichen Wirken entspreche. Kurz darauf bestätigte die Klassenleitung der besagten 8. Klasse gegenüber dem Erzbischöflichen Ordinariat, dass das Verhalten des Kaplans gegenüber den Schülerinnen nicht zu beanstanden sei.“ (S. 465) Das Erzbistum gab sich damit zufrieden und ermittelte nicht weiter; fünf Jahre später wurde der Priester Dekanatsjugendseelsorger. Neue Vorwürfe gab es nicht.

Fall 11: „Anfang der 1950er Jahre wurde der Priester wegen Unzucht mit Kindern in Tateinheit mit Unzucht mit Abhängigen und schwerer Unzucht mit Männern zu einem Jahr Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt. Der Priester hatte über einen längeren Zeitraum hinweg zwei 13- und 15jährige Flüchtlingsjungen, die gemeinsam mit ihrer Mutter und zwei weiteren Geschwistern bei ihm im Pfarrhaus einquartiert waren, mehrfach dazu gezwungen, sich vollständig zu entkleiden, um ihre nackten Körper sodann zu betrachten und zu betasten.“ (S. 465f.) Das Erzbistum bemühte sich um seine bedingte Begnadigung (begründet mit der Verschrobenheit und psychischen Krankheit des Priesters), die zunächst abgelehnt wurde; nach einem halben Jahr wurde ihm jedoch die Reststrafe erlassen. Er sollte gemäß dem Gnadengesuch eigentlich in einem Kloster untergebracht werden, wurde aber wieder in der Seelsorge, inklusive Religionsunterricht, eingesetzt, wobei er von einem Pfarrer überwacht werden sollte.

Fall 12: Mitte der 1950er wurde dem Erzbistum gemeldet, dass ein Priester in der Vergangenheit ein Verhältnis mit einem 16jährigen Mädchen gehabt habe. Interessant ist es, wie der Dekan gegenüber Generalvikar Fuchs die Situation in der Pfarrei beschreibt:

„Die beiden Parteien in [der Pfarrei] sind ganz durchsichtig, jede hat ihre beiden Flügel. Die scheinbar größere Pro Pfr. Partei setzt sich zusammen aus:
1. willigen Ignoranten, 2. Diabolischen Wissern, deren es in [der Pfarrei] viele geben kann, die ein Alibi für ihre eigenen widrigen sittlichen Anschauungen finden, 3. gutmeinenden Wissern, die nach falsch kath. Art meinen, alles vertuschen zu müssen.
Die Contra-Pfr. Partei wiederum setzt sich zusammen aus:
1. der betr. Clique, 2. Aus wirklichen Wissern die eben reinen Tisch und Ruhe und Sauberkeit in [der Pfarrei] haben wollen,
Dass bei der bekannten demagogischen Art und Bezauberung die Pro Partei zZ hochsteht ist klar; vielfach ist es einfach auch Dorfmassengeist, der keine Unehre übers Dort kommen lassen will, ähnlich wie bei Vorkommnisses sittlicher Art in der Schule, die Eltern gegen Lehrer und Polizei zusammenhalten.“
(S. 470)

Die junge Frau gab jedoch schließlich eine eidesstattliche Erklärung ab, kein Verhältnis mit dem Priester gehabt und nichts dergleichen verbreitet zu haben, und der Priester blieb noch für die nächsten zehn Jahre in der Pfarrei.

Fall 13: „Mitte der 1940er Jahre ging im Erzbischöflichen Ordinariat ein Schreiben ein, in dem detailliert erläutert wurde, warum der Priester nach dem Krieg nicht mehr in seine Gemeinde zurückkehren solle. Keiner der Gemeindemitglieder wünsche sich seine Rückkehr, in der Pfarrei habe er nicht die geringsten Sympathien. Erwähnt wurden darin auch ‚vielfache Entgleisungen gegenüber Kindern‘ bei der Erteilung von Religionsunterricht. Um welche Art von Entgleisungen es sich dabei handelte, wurde in dem Schreiben jedoch nicht dargelegt. Aus der Personalakte ergibt sich nicht, ob diesem Vorwurf vonseiten des Erzbischöflichen Ordinariats in irgendeiner Weise nachgegangen wurde.“ (S. 471) (Waren die Entgleisungen nur Gemeinheiten, Wutanfälle, oder vielleicht unzüchtige Berührungen oder Kommentare…?) Mitte der 1950er gab es dann jedoch konkrete, schwerwiegendere Vorwürfe, die der Priester auch eingestand, nämlich Missbrauch von zwei 14jährigen Jungen: „Er habe die Jungen zu einem Badeausflug eingeladen. Dort sei er sehr zärtlich zu den Jungen gewesen und habe sie ‚abgebusselt‘. Danach habe der Priester die Jungen zu einer mehrtägigen Bergwanderung mitgenommen. Sie hätten zusammen zwei Nächte lang auf einer Almhütte übernachtet. Nachts habe der Priester die Jungen dazu aufgefordert, sich zu entkleiden, er
habe mit ihnen über das Thema Aufklärung gesprochen, sie dabei berührt. Er habe ihnen erklärt, dass ‚dies‘, wenn man es ernst meine, keine Sünde sei. Im Nachgang habe der Priester gegenüber den Jungen keinerlei Reue gezeigt und sich bei ihnen auch nicht entschuldigt.“
(S. 472) Der Priester zeigte sich reuig, trat von seinem Amt zurück. „Der Priester wurde verpflichtet, sich in ein Kloster zurückzuziehen, ihm wurde zeitweise die Cura entzogen und darüber hinaus auch untersagt, alle priesterlichen Funktionen mit Ausnahme der Zelebration der Stillen Heiligen Messe auszuüben. Das Kloster durfte der Priester nur mit Erlaubnis des Priors verlassen.“ (S. 472f.) Er sollte dann jedoch wieder in die Seelsorge zurückkehren und wurde nach einigen Monaten an einem anderen Ort als Vikar eingesetzt, war jedoch unzufrieden mit seiner Behandlung. Mitte der 1960er wurde er wieder Pfarrer und erteilte auch Religionsunterricht.

Fall 14: „Mitte der 1950er Jahre gingen im Erzbischöfliche Ordinariat Beschwerden ein, der Priester habe ‚die Kameradschaft‘ mit der Jugend, ‚in einigen Fällen in ein intimes Verhältnis‘ gebracht. Er habe junge Männer mit Alkohol und Süßigkeiten zu sich gelockt und versucht, diese mit runtergelassener Hose ‚unter Verherrlichung der Homosexualität für seine Zwecke zu gewinnen‘. Mit einem 20jährigen Jungen habe er sich bei einer Party im Zimmer eingesperrt, ihm die Hose ausgezogen und an seinem Penis manipuliert. Das Gleiche habe er während eines Zelturlaubs auch bei einem 18jährigen Jungen gemacht.“ (S. 475) Der Priester leugnete die Vorwürfe größtenteils, gab nur zu, sich vielleicht zu ungezwungen gegenüber den Jugendlichen verhalten zu haben. Aus seiner Pfarrei erhielt er viel Unterstützung, die jungen Männer wurden als Denunzianten bezeichnet, ihr Verhalten als Racheakt. „Sieben Monate nach Eingang der Meldungen beim Erzbischöflichen Ordinariat wurde der Priester amtsgerichtlich wegen eines Vergehens der Unzucht zwischen Männern zu einer Bewährungsstrafe von drei Monaten verurteilt. Das Gericht sah zwar nur einen Vorwurf gegenüber einem 18jährigen Jungen als bewiesen an, hielt in seinem Urteil zu einem anderen Vorwurf aber fest, dass der Priester dessen ‚im aller höchsten Grade nach wie vor dringend
verdächtig‘ sei. Ausweislich der Urteilsgründe leugnete der Priester jedwede unzüchtige Handlung und gab an, dass es sich um eine Verschwörung gegen ihn handle.“
(S. 477) Er wurde vorübergehend in den Ruhestand versetzt, aber dann wieder ganz normal in der Seelsorge eingesetzt.

Fall 15: Ein Priester aus einer anderen Diözese wollte Mitte der 1950er nach München-Freising wechseln. Generalvikar Dr. Fuchs erkundigte sich bei seiner vorigen Diözese und erfuhr, dass er eben eine Zuchthausstrafe von dreieinhalb Jahren wegen homosexueller Handlungen mit Jugendlichen verbüßt hatte. Außerdem gab es ein kirchenrechtliches Verfahren gegen ihn und ein Zelebrationsverbot war verhängt worden. Er kam nach München-Freising, ohne Aufgaben in der Seelsorge zu übernehmen, erhielt aber nach einer Weile immerhin wieder die Zelebrationserlaubnis. Er wechselte schließlich wieder in eine andere Diözese, und wurde in seiner Ursprungsdiözese schließlich kirchenrechtlich verurteilt. Nach einer weiteren staatlichen Verurteilung wegen einer Sexualstraftat wurde er vom Heiligen Stuhl laisiert. Hier sieht es eigentlich nicht nach einem Fehlverhalten des Erzbistums München-Freising aus; man gab ihm keine wirkliche kirchliche Position, sondern beherbergte ihn nur vorübergehend, während ein kirchliches Verfahren gegen ihn noch lief.

Fall 16: Hier geht es um einen Priester, über den Mitte der 1950er, während er im Urlaub war, Gerüchte aufkamen, er wäre im Gefängnis, weil er ein zwölfjähriges Mädchen nach der Beichte vergewaltigt habe. Der Priester nahm sich einen Rechtsanwalt und ging gegen diese Gerüchte vor. „Der zuständige Dekan wandte sich diesbezüglich an das Erzbischöfliche Ordinariat und teilte mit, er könne kaum glauben, dass an den Gerüchten etwas dran sei, obwohl sehr viel geredet werde und sicher auch ‚eine gewisse Unvorsichtigkeit seitens‘ des Priesters vorliege. Was der Dekan mit ‚Unvorsichtigkeit‘ meinte, lässt sich den Akten nicht entnehmen.“ (S. 480) Das Erzbistum tat hier eigentlich nichts (außer den Priester zu einer Unterredung einzuladen, über die nichts weiter in den Akten vermerkt ist); vermutlich haben die Ersteller des Gutachtens den Fall aufgenommen, weil sie der Ansicht waren, dass das Erzbistum hätte genauere Nachforschungen anstellen sollen, was es mit diesem mutmaßlichen unvorsichtigen/verdächtigen Benehmen auf sich habe, und ob an den Gerüchten von der Vergewaltigung etwas dran sein könnte, auch wenn der Priester nicht im Gefängnis war. Weiter steht jedoch im Gutachten nichts (z. B. dass sich das mutmaßliche Opfer oder dessen Familie gemeldet oder die Polizei ermittelt hätte). Der Priester war weiterhin ganz normal tätig.

Fall 17: Der Betreffende kam Anfang der 1950er ins Priesterseminar von München-Freising; zuvor war er aus nicht genau geklärten Gründen (angeblich politische) im Ausland gewesen. Er erhielt noch im selben Jahr die Diakonenweihe. Die Priesterweihe wurde ihm von Kardinal Wendel jedoch verweigert, weil er etliche erfolglose Bewerbungen in anderen Priesterseminaren verschwiegen hatte. Er wurde dann als Religionslehrer eingesetzt. Dann gab es jedoch staatliche Ermittlungen gegen ihn wegen sexuellem Missbrauch, und er setzte sich ins europäische Ausland ab. „Generalvikar Dr. Fuchs teilte dem Generalvikar des Aufenthaltsortes des Diakons mit, dass dieser, sollte er im dortigen Ordinariat vorstellig werden, aufgefordert werden solle, unverzüglich in die Erzdiözese München und Freising zurückzukehren. Der Diakon wandte sich daraufhin von seinem Aufenthaltsort aus an Generalvikar Dr. Fuchs und teilte diesem mit, dass er nach Rücksprache mit zwei kirchlichen Persönlichkeiten‘ – die Identität dieser Personen lässt sich den Akten nicht entnehmen – den Entschluss gefasst habe, den Ausgang der ‚Sache‘ im Ausland abzuwarten. Zudem bedankte er sich für die ihm gewährte – vermutlich monetäre – ‚Überbrückungshilfe‘. Der Diakon bewarb sich zudem von seinem Aufenthaltsort aus bei einer deutschen Diözese. Generalvikar Dr. Fuchs teilte dem dortigen Generalvikar jedoch mit, dass gegen den Diakon ein staatliches Verfahren wegen Verfehlungen mit Jugendlichen laufe. Kurz darauf wurde der Diakon schließlich bei der Einreise nach Deutschland verhaftet und kam daraufhin in Untersuchungshaft.“ (S. 482) Hier kann man Generalvikar Dr. Fuchs eigentlich nichts vorwerfen; er wollte den Verdächtigen dazu bringen, nach Deutschland zurückzukehren, und verhinderte, dass er sich bei einer anderen deutschen Diözese einschleichen konnte. Dass er ihm vermutlich etwas Geld schickte, lässt sich schon rechtfertigen; vielleicht war es als eine freundliche Geste gedacht, die ihn etwas geneigter machen sollte, der Forderung nachzukommen, nach Deutschland zurückzukehren. (Jedenfalls vermute ich das mal.) Ob die kirchlichen Persönlichkeiten im Ausland, die dem Diakon angeblich rieten, im Ausland zu bleiben, überhaupt existierten, ist fraglich; auf jeden Fall betreffen sie nicht das Verhalten des Erzbistums München-Freising. Er wurde dann wegen „Unzucht mit Kindern und gleichgeschlechtlicher Unzucht“ zu anderthalb Jahren Haft verurteilt; die Opfer waren elfjährige Schüler. Auf Betreiben der Erzdiözese ließ er sich laisieren. Später wurde er wieder straffällig.

Fall 19: Ein Ordenspriester war als Religionslehrer und Spiritual in einem Mädchenwohnheim tätig. „Ende der 1950er Jahre wurde er vom zuständigen Amtsgericht wegen erschwerter Unzucht zwischen Männern zu einer Haftstrafe von sieben Monaten verurteilt. Der Priester hatte einen ihm unbekannten 15jährigen auf dem Heimweg von der Schule angesprochen und unter einem Vorwand in das Mädchenwohnheim gelockt. Dort kam es zum sexuellen Missbrauch des Jungen.“ (S. 487) Nach seiner Entlassung teilte er dem Erzbistum mit, dass er in Absprache mit seinem Abt als Spiritual in einem Kloster tätig sei und Religionsunterricht gebe. „Generalvikar Dr. Fuchs intervenierte daraufhin bei den Ordensoberen, da er eine Gefährdung der Jugend aber insbesondere einen Skandal für die Kirche befürchtete, sollte die Polizei Kenntnis von diesem Einsatz erlangen. Kurz darauf wurde der Priester von seinem Orden von seinen Pflichten entbunden. Anfang der 1960er Jahre erbat der Priester die Zurückversetzung in den Laienstand. Dies führte jedoch einstweilig nur zu seiner Exklaustration [Befreiung vom Gemeinschaftsleben im Kloster]. Er wurde daraufhin der Aufsicht des Erzbischöflichen Ordinariats unterstellt. Dort wurde er nach Aktenlage nicht weiter eingesetzt.“ (S. 487f.) Hier kann man definitiv den Ordensoberen einen Vorwurf machen, dass sie ihn zuerst weiter einsetzen wollten, aber doch wohl kaum dem Erzbistum, das dafür sorgte, dass er keine seelsorgerlichen Aufgaben mehr übernahm. (Hier soll wohl auch unterstellt werden, dass es Generalvikar Dr. Fuchs vor allem nur darum ging, einen Skandal zu verhindern. Das erschließt sich mir aber nicht ganz – selbst wenn er sich z. B. in einem Brief an die Ordensoberen so ausgedrückt haben sollte, kann das Taktik gewesen sein, um sie zur Einsicht zu bringen. Aber Motive lassen sich jetzt nicht mehr feststellen.) Und dass man ihn nicht laisierte, wirkt in diesem Fall sogar ganz vernünftig – man hatte weiterhin ein Auge auf ihn, setzte ihn aber nirgends ein.

Fazit: Totale Gleichgültigkeit kann man der Erzdiözese (bzw. Kardinal Faulhaber, Kardinal Wendel, Generalvikar Buchwieser und Generalvikar Dr. Fuchs) nicht unterstellen, es gab Reaktionen, auch Suspendierungen und Kontaktverbote, allerdings in einigen Fällen auch zunächst bloß Versetzungen (bei denen man die Vergangenheit nicht bekannt werden lassen wollte), und Taten hätten wohl verhindert werden können, wenn z. B. in Fall 2 und Fall 6 die Verbannung ins Kloster endgültig und die Kontaktverbote streng kontrolliert gewesen wären. Täter wurden nach Abbüßung einer Strafe wieder eingesetzt, da man sie wohl für gebessert hielt. Es ist erstaunlich, dass z. B. der Priester in Fall 5 nach seiner Haftstrafe einfach wieder relativ normal eingesetzt wurde, wenn auch auf einer untergeordneten Position. In manchen Fällen – z. B. Fall 9 – merkt man allerdings ein gutes Bemühen des Erzbistums um Kontrolle über einen rückfälligen Täter. Und in Fall 17 kann ich keine Verfehlung sehen, im Gegenteil – man versuchte, den Täter dazu zu bringen, sich zu stellen, und er wurde dann laisiert. In vier Fällen (Fall 3, Fall 4, Fall 7, Fall 10) war bloß ein ungeklärter Verdacht wegen möglicher unsittlicher Berührungen und unangemessenem Umgang mit Kindern oder Jugendlichen da, und dafür hätte man jemanden zumindest nicht gleich suspendieren können o. Ä.

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