Missbrauch in München-Freising: Fälle in den 2010ern

Heute zu den Fällen, die unter Kardinal Marx (ab 2008) begannen bzw. bekannt wurden. Ich fasse wieder erst einmal nur die Fälle zusammen, wie sie das Gutachten darstellt; unten dann das Fazit, und das Gesamtfazit zu allen Fällen. In diesem Zeitraum wurden dem Erzbistum relativ viele Fälle bekannt, und die Gutachter haben Fehlverhalten nur in relativ wenigen Fällen festgestellt (die Fälle ohne Fehlverhalten sind hier gar nicht aufgeführt).

Fall 18: Der fragliche Priester ist von den 1950ern bis in die 1980er geistlicher Direktor eines Kinderheims. Anfang der 2010er melden sich zwei ehemalige Heimkinder bei der Erzdiözese und geben an, von dem Priester und den Ordensschwestern im Heim körperliche Misshandlungen erlebt zu haben. Ein Jahr später meldet sich ein anderer Mann, der ebenfalls von Schlägen durch die Ordensschwestern berichtet, aber auch von sexuellem Missbrauch durch den Priester. Der Priester, der schon im Ruhestand ist und in einer anderen Diözese lebt, wird angehört und streitet die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs entrüstet ab und mutmaßt, das mutmaßliche Opfer sei eventuell durch antikirchliche Berichterstattung dazu gebracht worden, solche Vorwürfe zu erheben. Auch zwei Ordensschwestern werden befragt, die angeben, keine Hinweise auf sexuellen Missbrauch durch den Priester gesehen zu haben, und bloß angeben, die Kinder geohrfeigt zu haben, was der Priester seinerseits auch zugibt. Offizial Dr. Wolf meint in einer E-Mail: „Resümee: ich glaube nicht, dass er nicht stärker zugeschlagen hat, bin aber nicht überzeugt, das [sic] es zu sexuellem Missbrauch gekommen ist.“ (S. 485) Da einfach Aussage gegen Aussage steht, entscheidet die Erzdiözese, auf ein weiteres Verfahren zu verzichten (auch eine eigentlich vorgeschriebene Meldung an die Glaubenskongregation erfolgt nicht), leistet aber dem mutmaßlichen Opfer eine Zahlung von 5.000 € und erstattet seine Therapiekosten.

Fall 30: Anfang der 2010er meldet sich ein Mann beim Missbrauchsbeauftragten der Erzdiözese. Er sei Mitte der 1960er durch einen Priester sexuell missbraucht worden; es habe noch mehr Opfer gegeben und das Verhalten des Priesters (damals als Kaplan tätig) sei in der Gemeinde bekannt gewesen. Der Missbrauchsbeauftragte erstattet gleich darauf Anzeige bei der Staatsanwaltschaft, die aber nur die Verjährung des Sachverhalts feststellt. Außerdem bittet er Offizial Dr. Wolf, zu prüfen, ob ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet werden soll. Ein Mitarbeiter hält für Generalvikar DDr. Beer fest, bei einer kirchlichen Untersuchung könne man auch nur die Verjährung feststellen, Dr. Wolf erhält eine Kopie der Aktennotiz. Kardinal Marx trifft sich mit dem mutmaßlichen Opfer, und Dr. Wolf befragt den Priester, der „sich wiederholt dahingehend einließ, dass er es sich ’nicht vorstellen‘ könne, dass er den mutmaßlichen Geschädigten sexuell missbraucht habe“ (S. 515). Schließlich befragt er auch das mutmaßliche Opfer, und hat dabei Zweifel an dessen Schilderung. Seine Angaben seien nicht widerspruchsfrei und zu unkonkret, er verlange Schadensersatz, weil wegen des Missbrauchs so viel in seinem Leben falsch gelaufen sei, wolle keinen Eid ablegen, sondern nur eine eidesstattliche Erklärung. Er erhält später 5.000 € und die Zusage zur Übernahme weiterer Therapiekosten; die Missbrauchsbeauftragten stufen seine Geschichte als plausibel ein. Schließlich will die Erzdiözese doch eine kirchenrechtliche Voruntersuchung durchführen. Ein weiterer Mann wird als Zeuge befragt, der berichtet, er sei im Alter von zwölf Jahren bei einem gemeinsamen Urlaub durch den Priester sexuell missbraucht worden, und dieser sei dann mit ihm zur Beichte in ein Kloster gefahren. „Der Priester wurde daraufhin erneut befragt. Im Rahmen dieser Befragung gestand er den äußeren Tatbestand der von dem zweiten mutmaßlich Geschädigten geschilderten Missbrauchshandlungen und die gemeinsame Beichte ein. Er habe dabei jedoch nicht mit einer sexuellen Absicht gehandelt. Hinsichtlich der Vorwürfe des ersten mutmaßlich Geschädigten gab er erneut an, dass er sich diese nicht ‚vorstellen könne‘. Ausweislich des Befragungsprotokolls reagierte Offizial Dr. Wolf auf diese Einlassung wie folgt: ‚[…] ‚Das kann ich mir nicht vorstellen‘ heißt nach Ihrer Diktion, dass es unvorstellbar ist ‚ich kann mich weder erinnern noch glaube ich, dass es so war‘? […]‘ Daraufhin antwortete der Priester: ‚[…] Bei Bewusstsein kann ich mir das nicht vorstellen. […]'“ (S. 519f.) Offizial Dr. Wolf übermittelt den Untersuchungsbericht schließlich an Generalvikar DDr. Beer: Beim ersten mutmaßlichen Opfer bestünden Zweifel, die Schilderung des zweiten Opfers sei wahrscheinlich, aber eine vollständige Aufklärung sei nicht mehr möglich, Sicherheit nicht zu erlangen. Generalvikar DDr. Beer gibt die Anweisung, den Bericht nach Rom zur Glaubenskongregation weiterzuleiten, die entscheiden solle, wie weiter zu verfahren sei. Der Bericht wird aber aus irgendeinem Grund nicht weitergeleitet, was man nach über drei Jahren merkt. (Jetzt wird auch bemerkt, dass der Priester immer noch in der Seelsorge hilft.) Die Glaubenskongregation wird schließlich doch unterrichtet und ein Antrag auf Aufhebung der Verjährung gestellt. „Die Kongregation entschied zwei Monate nach der Übermittlung des Berichts, dass die Verjährung aufgrund des hohen Alters des Priesters nicht aufgehoben wird. Die Glaubenskongregation wies Erzbischof Kardinal Marx gleichzeitig darauf hin, dass dieser eine disziplinarische Maßnahme oder eine Buße, diese gegebenenfalls strafbewehrt, verhängen könne. Von dieser Möglichkeit wurde aufgrund des Alters des Priesters kein Gebrauch gemacht.“ (S. 521f.)

Fall 33: Ein Ordenspriester ist seit Anfang der 1990er für die Erzdiözese tätig. „Anfang der 2010er Jahre ging bei dem Orden des Priesters eine Meldung von Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen ein. Die Taten sollen Ende der 1960er Jahre stattgefunden haben. Damals war der Priester Präfekt eines Knabenseminars seines Ordens. Ein ehemaliger Schüler des Seminars gab im Rahmen der Meldung an, dass er und andere minderjährige Schüler von dem Priester nachts im Schlafsaal mehrfach sexuell missbraucht worden seien. Sie hätten die Vorfälle damals beim Seminardirektor angezeigt, jedoch sei vonseiten des Knabenseminars daraufhin nichts unternommen worden. Vielmehr sei der Priester Präfekt geblieben.“ (S. 535) Der Priester gesteht die Übergriffe gegenüber einem Ordensoberen ein, und der Orden meldet es der Erzdiözese. Offizial Dr. Wolf und Generalvikar DDr. Beer planen Maßnahmen gegen ihn: Die Sache soll an die Staatsanwaltschaft und die Glaubenskongregation gemeldet werden, der Priester soll keinen Kontakt mehr mit Jugendlichen haben und eine Therapie machen müssen, usw. Der Vertrag mit ihm wird beendet, er wird von seinem Amt als Krankenhausseelsorger entpflichtet und zieht in eine benachbarte Diözese um. Leider ist nicht klar, wie es weitergeht. „Ob und inwieweit die weiteren geplanten Maßnahmen umgesetzt wurden, ergibt sich aus den Akten nicht.“ (S. 536)

Fall 48: Anfang der 2010er beschuldigt ein Mann einen Diakon, ihn sexuell missbraucht zu haben. Bei einer Befragung schildert er zwei Vorfälle: „Im Alter von sechs oder sieben Jahren, in einem Zeitraum von einem Jahr Anfang der 1980er Jahre, habe der Diakon den mutmaßlich Geschädigten in pfarrlichen Räumen auf die Toilette begleitet. Dort habe er vor dessen Augen uriniert und dabei versucht, seinen Penis in den Mund des mutmaßlichen Geschädigten zu stecken. Schließlich habe er auf den mutmaßlich Geschädigten ejakuliert. Der zweite Vorfall habe sich drei bis vier Jahre später ereignet. Beim Spielen in einem Hinterhof hätten der mutmaßliche Geschädigte und seine Schwester vier Männer wiederholt beim Sex beobachtet. Einmal seien sie dabei erwischt worden. Der mutmaßliche Geschädigte sei von einem der Männer in einen Raum gezogen und dort anal vergewaltigt worden. Während der Vergewaltigung seien insgesamt vier Männer anwesend gewesen. Dies seien der Diakon, der Ortspfarrer, der Hausmeister der Pfarrei und noch ein vierter Mann, den der mutmaßliche Geschädigte aber nicht erkannt habe, gewesen. Nähere Angaben zum Vergewaltiger habe der mutmaßliche Geschädigte nicht machen können, da er bäuchlings auf einer Bank gelegen habe. Nach der Tat hätten die Männer zu ihm gesagt, es dürfe niemandem etwas erzählen, da seiner Familie sonst etwas Schlimmes passiere. Dann habe er gehen dürfen. Zwei Jahre vor seiner Meldung an das Erzbischöfliche Ordinariat habe der mutmaßliche Geschädigte dann eine Arbeitsstelle in der Pfarrei angetreten und dort den Diakon als seinen Peiniger wiedererkannt. Eigentlich hätten sie ein gutes Verhältnis gehabt, aber der mutmaßliche Geschädigte habe starke Rachegefühle aufgebaut. Um diese Gefühle loszuwerden, habe er sich dem Stadtpfarrer anvertraut.“ (S. 581) Der Diakon wird nach diesen Anschuldigungen zunächst versetzt. Die mutmaßlichen Taten sind kirchenrechtlich schon verjährt, aber mit Blick auf die Möglichkeit der Aufhebung der Verjährung wird der Diakon befragt. Er bestreitet die Vorwürfe. „In der Folge nahmen die Eltern des mutmaßlichen Geschädigten Kontakt mit dem Missbrauchsbeauftragten auf und teilten mit, dass die ordinariatsseits zunächst als plausibel angesehenen Vorwürfe nicht der Wahrheit entsprächen. Der mutmaßliche Geschädigte sei seit geraumer Zeit ’sehr angeschlagen, phantasiere und kriege sein Leben nicht in den Griff‘. Nach den Feststellungen des Erzbischöflichen Ordinariates befand er sich zum fraglichen Zeitpunkt in stationärer fachärztlicher Behandlung. Die als erforderlich angesehene erneute Befragung des mutmaßlichen Geschädigten musste daher zunächst unterbleiben.“ (S. 582) Das Vorverfahren wird erst einmal eingestellt, weil man das mutmaßliche Opfer, das an Schizophrenie leidet, nochmals befragen will, aber sein Gesundheitszustand das nicht zulässt. Irgendein weiteres Vorgehen ergibt sich aus den Akten nicht. (Es klingt gut möglich, dass der Mann gelogen oder sich etwas eingebildet hat – die Geschichte mit der Gruppenvergewaltigung wirkt schon sehr drastisch -, aber natürlich kann man das nicht einfach so sagen; auch psychisch kranke Menschen können Opfer von Verbrechen werden, oder Verbrechensopfer psychisch krank werden.)

Fall 60: Ein Priester erstattet Anfang der 2010er auf Anraten eines hochrangigen Mitarbeiters der Erzdiözese Selbstanzeige gegen sich wegen sexuellem Missbrauch. „Gegenstand dieser Selbstanzeige waren eine Hotelübernachtung mit zwei Jungen (zwölf und 14 Jahre alt), die in einem Kinderdorf lebten, nach einem Musicalbesuch sowie einem Saunabesuch anlässlich eines Schwimmbadausflugs und Berührungen eines Jungen aus dem Dorf durch den Priester. Mit dem 14jährigen Jungen, seinem Patenkind, hatte der Priester in einem Hotel in einem Doppelbett geschlafen.“ (S. 607f.) Neun Monate nach Beginn der Ermittlungen werden dem Priester Auflagen durch Generalvikar DDr. Beer gemacht: Kein Kontakt mit Kindern mehr, monatliches Gespräch mit dem Personalreferenten, verpflichtende therapeutische und seelsorgerliche Begleitung. Außerdem soll ein forensisch-psychiatrisches Gutachten über ihn in Auftrag gegeben werden. Das wird dann allerdings auf Anraten von Offizial Dr. Wolf aufgeschoben. „Dem Priester wurde erklärt, dass eine Untersuchung nicht durchgeführt werden solle, solange noch keine Einsicht in die Ermittlungsakte der Staatsanwaltschaft erfolgt sei. Sollte sich aus den Akten ergeben, dass ein Missbrauch nicht vorliege, dann werde die Sache beendet. Sei die Sache hingegen ‚unklar‘, werde die psychiatrische Untersuchung in Betracht gezogen.“ (S. 608) Zwei Monate später wird das Verfahren durch die Staatsanwaltschaft eingestellt, und Generalvikar DDr. Beer hebt die Auflagen auf. Eine kirchenrechtliche Voruntersuchung findet nicht statt, auch die Glaubenskongregation wird nicht unterrichtet.

Fall 61: „Nachdem bereits unmittelbar nach seiner Priesterweihe fortlaufend Beschwerden gegen den Priester aufgrund seines zumindest fragwürdigen Nähe-Distanz-Verhältnisses vorgebracht worden waren und dieser keinerlei Einsicht in sein Fehlverhalten zeigte, wurde Ende der 2000er Jahre ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren gegen den Priester wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger eingeleitet. Dem Priester wurde vorgeworfen, einen Monat vor Beginn der Ermittlungen ein minderjähriges Mädchen an der Brust massiert zu haben, während sich die beiden eine pornografische DVD angeschaut haben sollen.“ (S. 609f.) Er wird von seinem Amt beurlaubt und darf keinen Religionsunterricht mehr erteilen. Die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren allerdings ein, offenbar wegen Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugin. Kardinal Marx veranlasst eine kirchenrechtliche Voruntersuchung. Offizial Dr. Wolf kommt zu dem Ergebnis, „dass eine Klageerhebung gegen den Priester vor dem kirchlichen Gericht nicht angezeigt sei, da es einen sexuellen Missbrauch eines minderjährigen Kindes auch im Sinne des kirchlichen Rechts nicht gegeben habe. Nach strenger Auslegung der Normen ‚Delicta graviora‘ sei der Sachverhalt, so Dr. Wolf, gegenüber der Glaubenskongregation anzuzeigen. Nach Recht und Billigkeit sei aber abzuwägen, ob durch das staatliche Verfahren der Verdacht nicht ausreichend ausgeräumt sei. Von erheblicher Bedeutung sei dabei aber die Tatsache, dass der Priester nicht zum ersten Mal in der Zeit seines priesterlichen Dienstes in den Verdacht unkorrekten Verhaltens gegenüber Minderjährigen gekommen sei. Es sei zudem festzustellen, dass dieser keine Einsicht betreffend die in Rede stehenden Vorfälle zeige und immer wieder im Zusammenhang mit Berührungen von Kindern damit argumentiere, sich in seinem seelsorgerischen Impetus durch Verdächtigungen nicht irritieren lassen zu wollen.“ (S. 610f.). Im Gutachten steht nichts dazu, wie es weiterging, offenbar waren die Akten hier zu Ende. Einige Akten zu diesem Fall wurden den Gutachtern erst verspätet auf ausdrückliche Anfrage zur Verfügung gestellt.

Fall 65: Mitte der 2010er teilt ein Priester dem Erzbistum mit, er habe eine Beziehung und wolle nicht mehr im Zölibat leben; er wird von Generalvikar DDr. Beer von seinem Amt als Kaplan entpflichtet. Gegenüber seinem Dekan räumt er ein, dass er die Beziehung mit einer 16jährigen führt (er habe erst Sex mit ihr gehabt, seitdem sie 16 sei, und ihre Eltern wüssten Bescheid und seien einverstanden). Der Dekan informiert Generalvikar DDr. Beer, der dem Priester eine Verwarnung erteilt. „Der Leiter der Abteilung Kirchenrecht kam wenige Tages später in einer E-Mail an die Missbrauchsbeauftragte und den zuständigen Fachreferenten zu der Einschätzung, dass sowohl die Einleitung einer kirchenrechtlichen Voruntersuchung als auch eine Meldung an die Glaubenskongregation zu erfolgen habe und er Generalvikar DDr. Beer hierüber in Kenntnis setzen werde. Einen Monat nach dieser Mitteilung erfolgte per Strafdekret – ebenfalls durch Generalvikar DDr. Beer – die Suspendierung gemäß c. 1331 CIC/1983 mit Untersagung der Ausübung aller Weihe- und Leitungsgewalt. Der Priester strebte in Folge seine Laisierung an. Ob diese mittlerweile vollzogen wurde, lässt sich den Akten nicht entnehmen. Eine kirchenrechtliche Voruntersuchung sowie eine Meldung an die Glaubenskongregation sind nicht dokumentiert.“ (S. 620)

Fazit: Die Situation hat sich in dieser Zeit definitiv gebessert – was vermutlich an der allgemeinen Sensibilisierung für das Thema und der Existenz der Missbrauchsbeauftragten liegt, man konnte das Thema nicht mehr einfach so ignorieren. Es zeigt sich definitiv keine solche Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern mehr wie seit den 1960ern. Allerdings kann man schon noch Versäumnisse feststellen, z. B. dass verpflichtende Meldungen an die Glaubenskongregation nicht stattfinden, oder Offizial Dr. Wolf zögert, eine richtige Voruntersuchung einzuleiten, oder es ungewöhnlich lange dauert, bis Maßnahmen ergriffen werden. Kardinal Marx oder Generalvikar DDr. Beer wirken aber nicht wie entschiedene Vertuscher.

Gesamtfazit: In den 1940ern und 1950ern unter Kardinal Faulhaber und Kardinal Wendel sieht man, dass durchaus Maßnahmen ergriffen werden und Verdachtsmomenten nachgegangen wird, allerdings wurde nicht in allen Fällen genug getan; vermutlich war den Verantwortlichen nicht ganz bewusst, wie groß der Schaden an den Kindern/Jugendlichen ist, und man verließ sich auf die Besserung von Tätern nach Abbüßung einer Strafe. Man hätte mehr tun können, Fälle wurden auch nicht nach Rom ans Heilige Offizium (Vorgängerorganisation der Glaubenskongregation) gemeldet. Die Gutachter bemerken kritisch, man sehe keine Bemühungen um Kontakt mit den Opfern; ich würde vermuten, dass die Erzbischöfe das einfach nicht als ihre Aufgabe wahrnahmen und sich auf die Täter konzentrierten, so wie nicht unbedingt ein persönliches Gespräch eines weltlichen Richters mit Verbrechensopfern erwarten würde (auch wenn das vielleicht gar keine schlechte Idee wäre). Generalvikar Buchwieser ging es nach Ansicht der Gutachter offenbar zu sehr um die mögliche Rufschädigung für die Kirche, Generalvikar Dr. Fuchs konnte durchaus streng vorgehen, ging aber einem Anfangsverdacht auch nicht immer genug nach.

Ab den 1960ern wird die Situation dann katastrophal, man sieht durchgehend eine ziemliche Gleichgültigkeit beim Erzbistum, sowohl unter Kardinal Döpfner als auch unter Kardinal Wetter; Täter wurden oft einfach nur versetzt, und zwar als „Strafe“ höchstens mal in die Krankenhaus- oder Altenheimseelsorge, was ihnen neue Taten keineswegs unmöglich machte (auch da gibt es Ministranten und die Priester helfen mal in der örtlichen Pfarrei aus). Generalvikar Defregger war ziemlich gleichgültig, Generalvikar Dr. Gruber übernahm auch auffallend viele Missbrauchstäter aus anderen Diözesen. Generalvikar Dr. Simon agierte recht passiv, auch Offizial Dr. Wolf war noch zurückhaltend bei der Einleitung von Verfahren, auch wenn es zu seiner Zeit schon besser wurde.

(In die kurze Amtszeit von Kardinal Ratzinger fallen sechs Fälle, in denen die Gutachter bei ihm kein Fehlverhalten sehen, und vier Fälle, die sie näher behandelt haben. Hier ist für mich nicht klar, wie gut er informiert war; man sollte ihn weder gleich schon verurteilen noch gleich völlig freisprechen. Das Gutachten behandelt, wie ich erst verspätet gesehen habe, seine Stellungnahmen nochmals ab S. 682. Er bestreitet hier vor allem, angemessen informiert worden zu sein (und es ist durchaus vorstellbar, dass z. B. der negativ auffällige Generalvikar Dr. Gruber ihm wenig mitgeteilt hat). Ich will hier kein Urteil fällen; aber es ist auch möglich, dass er etwas wusste und nicht ausreichend reagiert hat, und sich einfach nicht erinnern will (bewusste Lügen will ich ihm nicht unterstellen). Die Gutachter selbst ziehen ihre Vorwürfe in einem Fall (Fall 22) zurück, erhalten sie aber in den anderen drei Fällen eher aufrecht.)

Irgendwann nach dem Jahr 2000, etwa um 2010, beginnt dann wieder ein Umdenken, es werden Missbrauchsbeauftragte eingesetzt, auch ältere Fälle werden gemeldet und die mutmaßlichen Opfer erhalten Entschädigungen. Ganz einwandfrei ist das Vorgehen der Erzdiözese auch jetzt nicht immer, aber man sieht eine deutliche Änderung; es wurden auch viele Fälle gemeldet, die im Gutachten nicht aufgeführt wurden, weil die Gutachter kein Fehlverhalten sahen. Die Gutachter sehen bei Kardinal Marx kein außergewöhnlich intensives Interesse oder entschlossenes Vorgehen, aber haben keine härteren Vorwürfe zu machen; er hat sich auch mehrmals mit Missbrauchsopfern getroffen. Generalvikar DDr. Beer scheint recht konsequent vorgegangen zu sein. Die Gutachter bewerten die Präventionsarbeit in diesem Zeitraum als vorbildlich.

Auffällig ist aber, dass im gesamten Zeitraum kaum eine kirchenrechtliche Verurteilung nach den Straftatbeständen im alten CIC von 1917 bzw. im neuen CIC von 1983 erfolgte, was sicher öfter möglich gewesen wäre. Das Kirchenrecht war da, aber oft ging man nur mit Disziplinarmaßnahmen vor.

Um ehrlich zu sein, diese Gesamtsituation überrascht mich nicht besonders. In den 1960ern begann allgemein eine Zeit, in der man mehr Verständnis mit Verbrechern haben wollte, in der auf ihre Therapierbarkeit gesetzt wurde, und in der der Schaden durch sexuellen Missbrauch verharmlost wurde, in manchen Kreisen sogar für die Legalisierung von Sex mit Kindern geworben wurde. Und in den 2010ern wurde dann überall über Missbrauch in der Kirche geredet und man konnte das Thema gar nicht mehr in dieser Weise ignorieren. Ein bisschen unerwartet ist höchstens, dass es auch in den 1990ern und 2000ern noch oft so schlecht war.

Die Frage nach der genauen Schuld der einzelnen Beteiligten ist wohl eine, die nur Gott beantworten kann.

PS: Um das noch einmal klarzustellen, ich habe das 2000seitige Gutachten nicht vollständig, sondern nur ausschnittsweise gelesen; ich hoffe, das hat trotzdem für einen gewissen Einblick gereicht. Die Stellungnahmen von Beteiligten wie Dr. Gruber beispielsweise habe ich nicht alle gelesen, sondern nur die Zusammenfassungen der Gutachter.

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