Die Gefahren des „linken“ Katholizismus

Es ist ein wiederkehrendes Phänomen in der Geschichte der Kirche: Katholiken, die sich irgendwie von der für sie langweiligen Kirche abgrenzen, aber trotzdem (vorerst) noch gute Katholiken bleiben wollen, die in gewissem Maße zeittypischen beliebten Strömungen verfallen, und die in ein gewisses utopistisch-idealistisches Denken verfallen. Seit 200 oder 300 Jahren sind das eben diese Leute, die man gemeinhin „links“ nennt. Und das ist kein harmloses Phänomen, vor allem, weil diejenigen unter Umständen nicht mehr für längere Zeit Katholiken bleiben.

Linke Christen geraten einfach sehr leicht in eine der folgenden typischen linken Fallen (auch wenn sie erst mal aus guten Motiven links werden) :

  • Man denkt, dass die Sache mit dem Jenseits nur als Vertröstung verwendet wird (auch wenn sie an sich vielleicht wahr sei), und dass es vor allem drauf ankomme, jetzt die Welt zu verbessern, wofür dann immer mehr Mittel den Zweck heiligen sollen.
  • Man will besonders radikal und konsequent sein oder erscheinen und sich von den „verbürgerlichten“ Christen abgrenzen, also muss man sich dafür irgendwelche Methoden suchen. Das wird dann z. B. radikaler Pazifismus, den man damit begründet, man würde endlich die Bergpredigt ernst nehmen, oder Zusammenleben in Gütergemeinschaft auch bei Familien statt nur bei ledigen, unabhängigen Personen in Ordensgemeinschaften. Dorothy Day zum Beispiel (die sicher eine sehr fromme und idealistische Frau war) trieb diesen Pazifismus in ihrer Gemeinschaft so weit, dass sie es ablehnte, irgendetwas gegen Mitglieder zu tun, die andere bestahlen und die Gemeinschaft ausnutzten. Damit stellt man sich aber früher oder später gegen das, was die Kirche 2000 Jahre lang verkündet und gelebt hat. Notwehr z. B. ist völlig legitim und gut; und ein normales „bürgerliches“ Leben mit Bürojob, Einfamilienhaus, vier Kindern und einmal im Jahr Urlaub in Italien ist ebenfalls gut und passend für Laien und keine Sünde. Die sind dadurch nicht schlechte Christen und können auch so in ihrer Familie ein starkes Gebetsleben aufrecht erhalten und die Nächstenliebe füreinander und für andere pflegen, und die Kirche hat sie nie für verurteilenswert gehalten, auch wenn man vielleicht noch heiliger leben könnte. Und so entfernt man sich nach und nach, zuerst vielleicht unbewusst und nur gefühlsmäßig, immer mehr von der Kirche. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sagt: Ok, die Kirche lehrt das als angeblich unveränderliche Lehre, aber nein, das nehme ich nicht an.
  • Man wird arrogant, weil man für das große Ganze, den Weltfrieden, die Beendigung aller Armut und Unterdrückung eintreten will, und dabei leicht vergisst, dass man ein konkreter Mensch mit konkreten Verantwortlichkeiten für andere konkrete Menschen ist. Linke halten es oft für wichtiger, auf die richtigen Demos zu gehen (egal, ob die was bewirken oder nicht), als ihre Familie zu lieben. Ein Beispiel dafür wäre Ulrike Meinhof, die in ihrer Jugend- und Studentenzeit evangelische Christin war, bevor sie sich zum Kommunismus bekehrte.
  • Man gewinnt an Beliebtheit bei den Medien und der Öffentlichkeit, die selber links sind und denen erst mal alle Christen sympathisch sind, die sich von der bösen Kirche abgrenzen. Diese Beliebtheit kann einem leicht zu Kopf steigen, oder man wird sich einfach daran gewöhnen und sie nicht mehr verlieren wollen, und deswegen dazu neigen, Aspekte des Glaubens, die die Linken ablehnen, nicht so sehr zu betonen, sondern eher peinlich berührt zu verstecken, und sich sehr schnell und auf übertriebene Weise von weniger linken Christen abgrenzen; wer nicht links sei, wäre gar kein „wirklicher“ Christ mehr. Ein gutes Beispiel dafür ist Thomas Merton. Er konvertierte 1938 zum Katholizismus, wurde Mönch in einem amerikanischen Trappistenkloster, und bald sehr bekannt für seine geistlichen Schriften, die Konversionen und Ordenseintritte inspirierten. Nach und nach wurde er jedoch immer „linker“, suchte Kontakt zu den bekannten Köpfen der Pazifisten und Sozialisten der 60er, wurde seine Klostergemeinschaft leid, und zog sich in eine „Eremitage“ auf dem Klostergelände zurück, was er statt zur Zurückgezogenheit einfach dazu nutzte, Kontakte nach außen aufzubauen. Er hatte eine kurze Affäre mit einer halb so alten Krankenschwester, wurde recht ruhmsüchtig und eitel, und interessierte sich für östliche Religionen.
  • Es ist eine gewisse Zerstörungswut da, die sich als Radikalität tarnt. Man ist irgendwie missmutig, will was kaputt machen, und sagt sich, dass es eben nötig sei, bestehende Realitäten radikal zu zerschlagen, um dann irgendetwas Besseres aufbauen zu können. Dabei vergisst man leicht, dass Zerstören viel leichter ist als Aufbauen, und es nicht garantiert ist, dass nach der Zerstörung etwas Besseres aufgebaut wird.
  • Man übernimmt das Narrativ, dass Hierarchie dasselbe wie Unterdrückung und Gleichheit dasselbe wie Gerechtigkeit sei. Jede Art von Herrschaft gilt als ungerecht. Das steht in einem ziemlichen Kontrast zur klassisch-christlichen Vorstellung, dass verschiedene Hierarchien notwendig und gut sind, und auch der Gehorsam gegenüber anderen – das Hintanstellen des eigenen Willens – oft etwas Gutes ist (im richtigen Maß und im richtigen Zusammenhang natürlich).

Dabei ist es einfach nur sinnlos und unnötig, sich irgendwie an Linken zu orientieren.

Nehmen wir das traditionelle Thema der sozialen Gerechtigkeit. Marx baut auf lauter Fehlannahmen auf und seine Ideologie war nie erfolgreich; wieso sollte man bei ihm Inspiration suchen? Der traditionelle Katholizismus gibt schon genug Grundlagen dafür, z. B. gegen Zins- und Preiswucher zu sein, einen gerechten Familienlohn (also einen Lohn, mit dem ein Vollzeitarbeiter eine mittelgroße Familie ernähren kann) als striktes Recht zu sehen, Pflichten der Arbeitgeber gegenüber den Arbeitnehmern zu sehen, für Solidarität bei der Sicherstellung des Lebensunterhalts für Alte, Kranke, Behinderte, Arbeitslose zu sein, und die Ansammlung von extremem Reichtum in den Händen weniger zu kritisieren. Der Katholizismus sagt auch, dass die Güter der Erde eigentlich für das Wohl der gesamten Menschheit bestimmt sind; es muss nicht jeder genau gleich viel haben, aber es ist kein gutes System, wenn viele Leute zu wenig haben. Aber gleichzeitig sagt der Katholizismus eben auch, dass es gut ist, dass die Güter der Erde als Privateigentum aufgeteilt sind; dass es ein natürliches Recht ist, sich Privateigentum zu erwerben; dass gewaltsame Änderungen normalerweise sehr viel mehr schaden als nützen und Klassenkampf falsch ist; dass nicht alles vom Staat zentral geplant werden soll, weil es besser ist, Dinge vor Ort selbstständig zu erledigen, solange das praktisch möglich ist; dass nicht genaue Gleichheit herrschen muss, sondern es völlig ok ist, wenn manche mehr haben, als sie benötigen, solange sie dabei nicht andere ungerecht behandeln. Auch sehr „rechte“ Christen haben für soziale Verbesserungen gesorgt, z. B. Engelbert Dollfuß in Österreich oder (um ein heikleres Beispiel zu nehmen) Antonio Salazar in Portugal, und natürlich auch „mittige“ Christen wie Konrad Adenauer. Nicht nur der Sozialismus hatte Ideen für soziale Gerechtigkeit, sondern auch Korporatismus, Distributismus, soziale Marktwirtschaft.

Auch die Kritik an schlechten Herrschern ist nichts, was Linke erfunden haben; zu allen Zeiten haben unsere Heiligen den Herrschern gepredigt, dass sie sich damit, wie sie mit ihrer Verantwortung umgehen, entweder ewige Glückseligkeit oder ewige Strafen verdienen, und dass Gott nicht auf die Person sieht. Und im christlichen Mittelalter war man auch nicht der Ansicht, dass man sich von Tyrannen alles gefallen lassen muss. Freilich sah man immer auch die Gefahren bei gewaltsamen Umsturzversuchen, die am Ende meistens nur zum Putsch eines neuen Tyrannen werden, daher gab man sich eher damit zufrieden, wenn ein König nach einem Verbrechen öffentlich Buße tun und Besserung geloben musste.

Aber soziale Gerechtigkeit ist ja nicht das einzige Thema, auf das sich Linke konzentrieren. Heute sind es in viel größerem Ausmaß: Migration, Kriminalität, Feminismus, LGBTQ. Und dabei wird es manchmal noch deutlicher, wie sehr sie sich vom Christentum entfernen.

Thema Migration: Hier ist es noch nicht gleich so klar. Migration ist etwas, worüber die Kirche wenig Vorschriften macht, und das sehr vom Kontext abhängig ist. Sie sagt dazu grundsätzlich sogar: Die Erde ist als Ganze für die ganze Menschheit da, und deshalb sollen Staaten für Einwanderer in Not da sein, und ihnen Möglichkeiten zur Ansiedlung und Arbeit bieten. Das ist allerdings nicht absolut; so schreibt Papst Pius XII in „Exsul Familia“ (Hervorhebungen von mir): „Deshalb darf die Grundherrschaft der einzelnen Staaten, wenn sie auch zu achten ist, nicht so gesteigert werden, dass, während die Erde ringsum eine Fülle von Lebensmitteln für viele darbietet, aus ungenügenden und unbilligen Gründen den anderswo geborenen und wohlgesitteten Bedürftigen der Zutritt verweigert wird, sofern dies dem gerecht abgewogenen öffentlichen Interesse nicht widerspricht. Daraus ergibt sich: Kein Staat ist verpflichtet, Kriminelle aufzunehmen oder weiter zu beherbergen; es kann gerechte Gründe des Gemeinwohls geben, bestimmte Migranten nicht aufzunehmen, oder allgemein wenig Migranten aufzunehmen; und ein Recht auf Aufnahme kann es nur für wirklich Bedürftige geben. Und solche gerechten Gründe des Gemeinwohls sind offensichtlich da vorhanden, wo die Migranten aus einem völlig anderen Kulturkreis kommen, sich normalerweise nicht anpassen, den sie aufnehmenden Staat oft verachten, überdurchschnittlich oft kriminell sind, und oft über ihre Herkunft lügen, und auch andere Alternativen haben und sicher nicht dem Tod ausgeliefert sind, wenn man sie abweist. Nächstenliebe gilt auch für die eigenen Leute; in unserem Fall z. B. für deutsche Kinder, die zur gemobbten Minderheit an sog. „Brennpunktschulen“ werden, oder für Verbrechensopfer wie Maria Ladenburger. Und dann ist die sog. „Hilfe vor Ort“ ja oft auch effektiver; und wenn man die ganze Dritte Welt aufnähme, würde man nur selber zu Dritten Welt. Und es entspricht auch – besonders in einer Demokratie, wo das Volk herrschen soll – dem Gemeinwohl, dass die Zusammensetzung des Volkes nicht einfach so drastisch geändert wird, sodass es plötzlich zur Hälfte aus Leuten besteht, die zwar auf schnellem Weg eine Staatsbürgerschaft erwerben konnten, aber sich kaum mit dem Volk identifizieren. Das ist im Endeffekt eine Art Putsch. Mit Exsul Familia lässt es sich sehr gut begründen, z. B. Flüchtlinge vor dem Ukrainekrieg großzügig aufzunehmen, aber keine Wirtschaftsmigranten aus Nigeria oder Marokko.

Bei diesem Thema ist nicht so sehr die Einstellung „linkerer“ Christen verstörend, sondern vor allem, wie hasserfüllt sie auf Christen reagieren, die mit solchen Abwägungen zu einem eher migrationskritischen Fazit kommen; denen wird sofort vorgeworfen, keine Nächstenliebe zu haben und keine wirklichen Christen mehr zu sein. Niemand leugnet, dass Migranten Rechte haben; aber wer leugnet, dass es manchmal völlig legitim ist, Leuten nur temporär Asyl zu gewähren, bis sie in ihr Heimatland zurückkehren können, oder dass man Leuten nicht Asyl gewähren muss, die schon in einem anderen sicheren Staat untergekommen sind, stellt sich einfach blind, und der Grund hierfür wird vor allem der sein, dass man sich bei den herrschenden Linken nicht unbeliebt machen will, dass man als „die Guten“ gelten will (statt es zu sein).

Thema Kriminalität: Hier wird es schon etwas deutlicher, und hier sind Linke ja vor allem bekannt dafür, für gewöhnliche Kriminelle immer geringere Strafen [und für politische Gefangene in kommunistischen Ländern immer höhere] gewollt zu haben. Manche amerikanische Linke sind mittlerweile so weit, dass sie dafür eintreten, Polizei und Gefängnisse ganz abzuschaffen; mit genug Sozialarbeitern und dem, was sie unter sozialer Gerechtigkeit verstehen, werde schon alles gut werden, und die Leute würden gar keinen Anreiz mehr sehen, Verbrechen zu begehen. Hier sieht man eine typische linke Verdrehung. Typisch für Linke ist eine arrogante Überheblichkeit gegenüber dem Gewöhnlichen und Geordneten; die normalen Bürger, die z. B. Opfer von Einbrechern werden, werden verachtet. Auch typisch für Linke ist eine Neigung, die Ausgegrenzten zu Wort kommen zu lassen, was an sich eine sehr gute Neigung ist, aber hier dazu führt, dass Kriminelle, weil sie (zu Recht) ausgegrenzt werden, als die Unterdrückten gelten – und wer unterdrückt ist, muss laut linker Lehre gut sein – und daher alle Aufmerksamkeit bekommen. Also hat der Einbrecher eben keinen Anschluss gefunden, und muss rehabilitiert werden; man tritt ihm mit dem festen Glauben gegenüber, er wolle eigentlich lieb sein. Dass es einfach Menschen gibt, die auf eine dumme, gewöhnliche Weise brutal, gehässig, gierig sind, wird nicht mehr registriert. Eine solche Barmherzigkeit wird aber interessanterweise gewöhnlichen „Bürgerlichen“, die die falsche politische Einstellung (z. B. gegenüber Kriminellen) haben, nicht entgegengebracht; das sind die eigentlich Bösen.

Hier sieht man jedenfalls einen ziemlich klaren Unterschied zu dem, was früher im Christentum üblich war. Auch früher begleiteten Priester jeden Verurteilten noch bis zum Schafott, redeten ihm gut zu, brachten ihn oft dazu, zu bereuen und zu beichten. Aber sie redeten ihm auch zu, seine Strafe als Sühne zu akzeptieren, und lehnten die strafende Gerechtigkeit des Staates nicht im geringsten ab, auch wenn sie unter Umständen für Milderungen und Begnadigungen eintraten. Ich will hier nichts gegen humane Gefängnisse sagen; auch ein serienmäßiger Einbrecher muss nicht im finstersten Kerker bei einem halben Stück Brot auf einem fauligen Strohhaufen sitzen. Aber er braucht auch keinen Fernseher im Zimmer und keine Bewährung nach einem halben Jahr. Schön sieht man den Unterschied zwischen linken Katholiken und traditioneller eingestellten Katholiken beim Thema Todesstrafe, besonders in den USA, wo linke Katholiken seit Jahrzehnten Aktivismus gegen die Todesstrafe betreiben, und rechten Katholiken vorwerfen, sie wären nicht konsistent, weil sie für die Todesstrafe sind, aber sich gegen Abtreibung einsetzen – als wäre es nicht völlig konsistent, für die Todesstrafe für Serienmörder zu sein, aber gegen das Töten von unschuldigen ungeborenen Kindern. Und wie auch immer man zur praktischen Anwendung der Todesstrafe steht (nach traditioneller katholischer Lehre muss ein Staat sie nicht anwenden, sie ist aber grundsätzlich legitim, und auch Papst Franziskus kann daran nichts ändern): es ist schon ein Zeichen eines kaputten Gewissens, keinen Unterschied zu sehen zwischen der Hinrichtung von fünf Mördern im Jahr nach einem sehr langen Prozess, in dem sie sämtliche Instanzen anrufen konnten, und dem Töten von hunderttausenden ungeborenen Kindern im Jahr auf Auftrag ihrer Mütter. Sich hauptsächlich gegen ersteres einzusetzen und sich damit über andere zu erheben, die sich hauptsächlich gegen letzteres einsetzen, ist jedenfalls nicht katholisch.

Beim Feminismus wird es auch deutlicher. Während man bei Migration leichter verschiedene Meinungen finden kann, wird man im Lauf der katholischen Geschichte kaum Theologen oder Heilige finden, die irgendetwas für den Feminismus übrig hatten. Nicht dass jede einzelne Idee von Feministinnen von der Kirche verdammt wurde; aber die Grundsätze, die Grundstimmung des Feminismus wurden immer abgelehnt. Nein, die Geschlechter sind nicht genau gleich/austauschbar; die Mutterrolle als zentrale Rolle für die Mehrheit der Frauen ist nichts zu Überwindendes; Frauen sind nicht automatisch die besseren Menschen; und es hat auch seine Gründe, wieso die Kirchenhierarchie nur aus Männern besteht und der Mann in der christlichen Familie das Familienoberhaupt ist. Das ist ok, das ist absolut auszuhalten.

Und es ist einfach nicht hilfreich, wenn christliche Feministinnen z. B. behaupten, Abtreibung sei ein Werkzeug des Patriarchats – damit übernimmt man nur das Framing des Gegners und ordnet sich seinen Wertungen unter.

Richtig klar sieht man es aber beim Thema LGBTQ. Linke gehen davon aus, dass die Buchstabensuppenleute eine unterdrückte Minderheit sind, und dass sie deshalb verteidigt werden müssen. Nun sind sie das schlicht und einfach nicht – sog. „Homophobie“ zählt mittlerweile als ziemliches Verbrechen, und die Leute hüten sich davor, Dinge zu sagen, die so ausgelegt werden könnten, und Teenager identifizieren sich mittlerweile gerne als bi, wenn sie irgendwie Anteil am Prestige der LGTBQ-Leute haben wollen, ohne besonders tiefe homoerotische Neigungen zu haben, oder als trans, wenn sie Probleme haben, eine Identität zu finden. Aber auch für früher gilt: Es hatte seinen Grund, wieso die Leute nicht viel von Transvestismus hielten, oder es nicht so toll fanden, wenn Männer „vom anderen Ufer“ sich im Park oder auf der Bahnhofstoilette zum anonymen Sex trafen. All dieses Zeug bedeutete immer, natürliche Geschlechterrollen zu verdrehen und naturwidrigen sexuellen Neigungen nachzugeben. Betroffenen müsste man eher helfen, mit ihrem Geschlecht zurechtzukommen und eine gesunde Identität zu finden und falsche sexuelle Neigungen zu ignorieren, wie man einem Mädchen mit Magersucht helfen müsste, mit seinem Körper zurechtzukommen, statt an ihm eine Fettabsaugung vorzunehmen. Und hier ist die Kirchenlehre nun mal sehr klar, da gibt es noch weniger herumzudeuteln als beim Feminismus. Auch Christen, die z. B. auf die Idee kommen, man solle eben auch in homosexuellen Beziehungen Treue praktizieren und eine unauflösliche kirchliche Homo-Ehe einführen, stellen sich gegen die Kirchenlehre, und wissen auch, dass die Kirche jede homosexuelle Handlung immer verurteilt hat.

(Linkskatholisches Marienbild)

Und ja, es kann natürlich nicht nur Gefahren des „linken“, sondern auch Gefahren des „rechten“ Christentums geben – z. B. dass man die Religion einfach als einen Teil der „abendländischen Kultur“ behandelt, die vor allem deswegen wertvoll ist, weil sie unsere ist, und nicht, weil sie auf der objektiven Wahrheit aufbaut. Rechte Katholiken kommen manchmal in die Gefahr, den Glauben nur als eine Art untergeordnetes identitätsstiftendes Brauchtum zu behandeln (wobei er natürlich identitätsstiftendes Brauchtum entwickelt hat, auch unterschiedliches Brauchtum in unterschiedlichen Ländern). Aber man muss nun mal sagen, dass mehr Ideen, die gemeinhin als „links“ gelten, kirchlich verurteilt oder aus katholischer Sicht sehr problematisch sind als Ideen, die gemeinhin als „rechts“ gelten.

Das Grundproblem ist dasselbe: Es beginnt immer dann, wenn man die Lehre der Kirche (natürlich immer zu unterscheiden von den Meinungen mancher Heiliger oder Theologen) nicht mehr als das Hauptkriterium behandelt, als den Rahmen, in dem man sich bewegt, sondern als eine Richtlinie unter anderen, eine interessante und beeindruckende Tradition, etwas, das vielleicht zum Teil göttlich inspiriert ist, aber doch nicht unfehlbar. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass man eben irgendwie ungewöhnlich, irgendwie ein Freidenker sein will. Es ist aber völlig ok, ein ganz gewöhnlicher Katholik zu sein, und auch in diesem Rahmen kann man radikal sein (wie die Heiligen eben), kann mitdenken, und wird ab und zu wahrscheinlich sogar zu Meinungen im Rahmen der Kirchenlehre gelangen, die nicht alle anderen Katholiken teilen.

2 Gedanken zu “Die Gefahren des „linken“ Katholizismus

  1. „Marx baut auf lauter Fehlannahmen auf und seine Ideologie war nie erfolgreich; wieso sollte man bei ihm Inspiration suchen?“

    Welche Fehlannahmen siehst du in der von Marx begründeten Ideologie?
    Zu der Aussage, dass seine Ideologie nie erfolgreich war, würden Linke sicherlich sagen, dass sie nie richtig in der Praxis umgesetzt wurde. Das Argument lautet: Der Name „Karl Marx“ sei immer missbräuchlich verwendet worden, um irgendwelche Tyranneien zu rechtfertigen. Das, was im 20. Jahrhundert unter der Flagge des „Marxismus“ getan wurde, habe nichts mit der realen Lehre des Marxismus gemein gehabt. Marx hätte diese Diktaturen abgelehnt und verurteilt. Was kann man dazu sagen?

    „Auch die Kritik an schlechten Herrschern ist nichts, was Linke erfunden haben; zu allen Zeiten haben unsere Heiligen den Herrschern gepredigt, dass sie sich damit, wie sie mit ihrer Verantwortung umgehen, entweder ewige Glückseligkeit oder ewige Strafen verdienen, und dass Gott nicht auf die Person sieht. Und im christlichen Mittelalter war man auch nicht der Ansicht, dass man sich von Tyrannen alles gefallen lassen muss. Freilich sah man immer auch die Gefahren bei gewaltsamen Umsturzversuchen, die am Ende meistens nur zum Putsch eines neuen Tyrannen werden, daher gab man sich eher damit zufrieden, wenn ein König nach einem Verbrechen öffentlich Buße tun und Besserung geloben musste.“

    Da im Gespräch mit Leuten konkrete Beispiele hilfreich sind, würden mich folgende Dinge interessieren:
    1) Welche konkreten Heiligen kann man nennen, die mittelalterliche Herrscher kritisiert haben?
    2) Welche mittelalterlichen Könige mussten nach einem Verbrechen öffentlich Buße tun und Besserung geloben?

    Mit freundlichen Grüßen,
    I love BXVI

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    1. Die zentralste Fehlannahme bei Marx ist, dass Privateigentum an den Produktionsmitteln schlecht wäre. Die meisten Leute wollen, wo das möglich ist, selber fähig sein, sich etwas aufzubauen, wollen nicht nur ein Rädchen in einem großen Kollektiv sein. Marx hält die Gleichheit für so wichtig, dass jede Freiheit verschwindet. Und na ja, wenn sie mit „das war kein echter Marxismus“ kommen, kann man erst mal ein bisschen lachen. Komisch doch, dass sie kein Beispiel finden, wo auch nur ansatzweise „echter Marxismus“ aufgebaut wurde…

      Ein Beispiel für einen König, der Buße tun müsste, finden wir bei Erzbischof Thomas Becket, der sich mit König Heinrich II. anlegte. Ein paar Ritter von Heinrich ermordeten ihn in der Kathedrale von Canterbury. Heinrich II. musste deswegen einen Bußgang nach Canterbury antreten, sich geißeln lassen und auf Knien vor Thomas Beckets Grab beten.

      – Crescentia

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