Die frühen Christen (bis 200 n. Chr.), Teil 11a: Himmel und Hölle

Wer wissen will, was es mit dieser Reihe auf sich hat, möge bitte diese kurze Einführung hier lesen; knapp gesagt: ich habe Zitate aus christlichen Schriften vom Jahr 95 bis ca. 200 n. Chr. gesammelt, um einen Eindruck von der frühen Kirche zu vermitteln. (In der Einführung findet sich eine Liste mit allen herangezogenen Werken mitsamt ihrer Datierung.)

Alle bisher veröffentlichten Teile gibt es hier.

Bibelstellen zum Vergleich (Auswahl): Offb 21-22; Offb 4; Lk 16,19-31; Mt 13,36-43; Mt 22,23-33; Mt 25; Lk 13,22-30; Jes 66,18-24; Phil 3,20

In den letzten Teilen ging es bereits um den Jüngsten Tag und das Weltgericht und dergleichen; heute dazu, wie man sich dann das Leben bei Gott im Himmel bzw. in der Hölle konkret vorstellte. Kurz die katholische Lehre zusammengefasst: Der Himmel bedeutet die Anschauung Gottes, bedeutet Liebe, Erkenntnis, Vereinigung, und enthält noch zusätzliches Glück z. B. durch das Wiedersehen mit den verstorbenen Angehörigen; alle im Himmel sind völlig selig und leiden keinen Mangel, aber die großen Heiligen werden von Gott noch besonders geehrt und mehr belohnt. In der Hölle gibt es zwei Arten von Strafen: Der Verlust der Anschauung Gottes, der alle Verdammten betrifft, und die „Sinnenstrafen“, also zusätzliche Strafen, deren Schwere sich nach der Schwere der Sünden richtet; wer sich mehr von Gott entfernt hat, ist eben am Ende mehr von Gott entfernt. Glückseligkeit bzw. Strafen betreffen zunächst nur die Seele; dann, nach der Auferstehung des Fleisches, auch den wieder mit der Seele vereinigten Körper, der ja auch das seinige getan hat und am Ende Anteil am Schicksal der Seele haben soll, damit der Mensch wieder vollständig ist. Sowohl für die Erlösten als auch für die Verdammten ist ihr Zustand endgültig; die Erlösten beharren in der Liebe zu Gott, die Verdammten im Hass auf Gott, und wollen sich gar nicht mehr ändern.

Fangen wir mit dem Himmel an. Der hl. Irenäus von Lyon hat um 180 n. Chr. einige sehr schöne Stellen darüber geschrieben, was der Himmel ist:

Denn wie die, welche das Licht schauen, in dem Lichte sind und an seinem Glanze teilnehmen, so sind die, welche Gott schauen, in Gott und haben teil an seiner Herrlichkeit. Diese Herrlichkeit aber macht sie lebendig, denn das Leben empfangen, die Gott schauen. Und auf diese Weise macht sich der Unfaßbare und Unbegreifbare und Unsichtbare sichtbar, begreifbar und faßbar für die Gläubigen, damit er lebendig macht, die ihn durch den Glauben fassen und schauen. Denn wie seine Größe unerforschbar ist, so ist seine Güte unaussprechbar, durch die er sich sehen läßt und Leben verleiht denen, die ihn sehen. Denn zu leben ohne das Leben ist unmöglich; die Subsistenz des Lebens aber kommt her von der Teilnahme an Gott. An Gott aber teilnehmen, heißt ihn schauen und seine Güter genießen. Die Menschen also werden Gott sehen, damit sie leben, indem sie durch das Schauen unsterblich geworden sind und in Gott eintauchen.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,20,5-6)

„Denn unser Angesicht wird schauen das Angesicht Gottes, des lebendigen, und wird sich freuen in unaussprechlicher Freude, wenn es nämlich seine Freude sieht.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,7,2)

„Wenn wir also jetzt, wo wir bloß das Unterpfand haben, Abba, Vater, rufen, was wird dann erst geschehen, wann wir nach der Auferstehung ihn von Angesicht zu Angesicht schauen werden, wann alle Glieder in überströmender Freude den Jubelhymnus anstimmen und den preisen werden, der sie von den Toten auferweckt und mit dem ewigen Leben beschenkt hat? Denn wenn schon das Unterpfand dadurch, daß es den Menschen umfängt, ihn rufen läßt: Abba, Vater, was wird dann die gesamte Gnade des Geistes bewirken, die dem Menschen von Gott verliehen werden wird? Ähnlich mit ihm wird sie uns machen und vollenden nach dem Willen des Vaters, denn sie wird den Menschen machen nach dem Bild und Gleichnis Gottes.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,8,1)

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(Gustave Doré, Darstellung des Himmels.)

Über die Erlösten und die Verdammten und ihr jeweiliges selbstgewähltes Los schreibt er:

„Gott aber, der alles voraussieht, hat beiden passende Wohnungen zubereitet: Denen, die das unvergängliche Licht suchen und nach ihm laufen, schenkte er gütig das Licht, das sie begehren; für die anderen aber, die es verachten und sich von ihm abwenden, die es fliehen und gleichsam sich selbst blenden, machte er die Finsternis, die für die Feinde des Lichtes paßt. So legte er denen, die sich dem Gehorsam gegen ihn entzogen, die geziemende Strafe auf. Der Gehorsam aber gegen Gott ist die ewige Ruhe; und die, welche vor dem Licht fliehen, haben einen Platz, der ihrem Fliehen entspricht, und die, welche die ewige Ruhe fliehen, haben eine Wohnung, passend zu ihrer Flucht. Da aber bei Gott alles Gute ist, so berauben sich jene selbst aller Güter, die aus eigenem Entschluß Gott fliehen, und fallen dementsprechend in das gerechte Gericht Gottes. Wer die Ruhe flieht, wird gerechterweise in Strafe umherziehen, wer das Licht flieht, wird gerechterweise in Finsternis wohnen. Wie aber die, welche dies zeitliche Licht fliehen, sich der Finsternis überantworten, sodaß es ihre Schuld ist, wenn sie von dem Lichte verlassen werden und in Finsternis wohnen und das Licht, wie gesagt, daran keine Schuld hat, so sind auch die, welche das ewige Licht Gottes fliehen, das alles Gute in sich enthält, allein daran schuld, daß sie in der ewigen Finsternis wohnen, verlassen von allen Gütern.

Es ist ein und derselbe Vater, der denen, die nach seiner Gemeinschaft verlangen und im Gehorsam gegen ihn verharren, seine Güter bereitet hat, dem Urheber des Abfalls aber und seinen Mitschuldigen das ewige Feuer, in das nach den Worten des Herrn die zur Linken Abgesonderten geschickt werden.“ (Irenäus, Gegen die Häresien IV,39,4 u. IV,40,1)

„Und wer immer die Liebe zu ihm bewahrt, dem schenkt er seine Gemeinschaft. Die Gemeinschaft mit Gott aber ist Licht und Leben und der Genuß der Güter, die bei ihm sind. Welche nun immer aus eigenem Entschluß von ihm sich abwenden, die führt er in die von ihnen erwählte Trennung. Die Trennung von Gott aber ist der Tod, und die Trennung von dem Licht ist die Finsternis, und die Trennung von Gott ist der Verlust aller Güter, die in ihm sind. Die aber wegen ihrer Apostasie die genannten Güter verloren haben — aller Güter sind sie ja verlustig gegangen —, die verfallen jeglicher Strafe, ohne daß Gott die Bestrafung im voraus in die Hand nimmt; auf dem Fuße folgt ihnen die Strafe, indem sie aller Güter beraubt werden. Weil aber die Güter bei Gott ewig und ohne Ende sind, deswegen ist auch ihre Strafe ewig und ohne Ende, wie ja auch bei der Unermeßlichkeit des Lichtes die, welche sich selbst blenden oder von andern geblendet werden, endlos des Genusses des Lichtes beraubt sind, ohne daß das Licht sie mit Blindheit bestraft. Denn gerade ihre Blindheit ist ihr Unglück. Deswegen sprach auch der Herr: ‚Wer an mich glaubt, wird nicht gerichtet‘, d. h., wird nicht von Gott getrennt, denn immer ist er mit Gott durch den Glauben vereinigt. ‚Wer aber nicht glaubt‘, spricht er, ‚der ist schon gerichtet, da er an den Namen des eingeborenen Sohnes nicht geglaubt hat‘, d. h., sich selbst durch freiwilligen Entschluß von Gott getrennt hat. ‚Das ist nämlich das Gericht, daß das Licht in diese Welt gekommen ist, und die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht. Denn jeder, der Böses tut, haßt das Licht und kommt nicht an das Licht, damit seine Werke nicht gerügt werden. Wer aber den Willen tut, kommt ans Licht, damit seine Werke offenbar werden, die er in Gott gewirkt hat.‘

Da nun in dieser Welt einige dem Lichte zueilen und durch den Glauben sich mit Gott vereinen, die andern aber sich vom Lichte abwenden und von Gott sich absondern, so kam das Wort Gottes, um allen die passende Wohnung zu bereiten: Die da im Lichte sind, sollten das Licht genießen und alle Güter, die darinnen sind; die aber in der Finsternis sind, sollten ihren Teil haben an all dem Übel, das in dieser ist. Und deswegen sagt er, daß die zur Rechten in das Reich des Vaters gerufen würden, daß er die zur Linken aber in das ewige Feuer senden werde. Denn diese beraubten sich selber aller Güter.“ (Irenäus, Gegen die Häresien V,27,2 u. V,28,1)

Im 2. Clemensbrief heißt es, dass Gottes Gericht alles richtigstellen wird; die Bösen, denen es gut gegangen ist, bestrafen, und die Guten, denen es schlecht gegangen ist, entschädigen und belohnen wird:

„Darum lasst uns die Gerechtigkeit üben, dass wir schließlich gerettet werden. Glückselig, die diese Vorschriften befolgen; auch wenn es ihnen kurze Zeit auf dieser Welt übel ergeht, so werden sie doch die unsterbliche Frucht der Auferstehung ernten. Deshalb soll sich der Fromme nicht kränken, wenn er in dieser Zeit dulden muss; eine glückselige Zeit wartet auf ihn; dort oben wird er neu aufleben unter den Vätern und wird frohlocken durch eine selige Ewigkeit.

Aber auch dies soll euch nicht beunruhigen, dass wir die Bösen in Reichtum und die Diener Gottes in Armut sehen. Wir wollen den Glauben festhalten, Brüder und Schwestern! Wir müssen die Prüfung des lebendigen Gottes bestehen und werden in diesem Leben geschult, damit wir im künftigen gekrönt werden. Keiner der Gerechten hat alsbald seinen Lohn bekommen, sondern er erwartet ihn. Denn wenn Gott den Lohn der Gerechten unverzüglich ausbezahlen würde, dann würden wir eilends ein Geschäft betreiben, aber nicht die Gottesverehrung; denn wir würden als gerecht gelten, nicht wenn wir die Frömmigkeit, sondern den Gewinn erstrebten. Und deshalb verwirft das Gericht einen Geist, der nicht gerecht ist und legt ihn in schwere Ketten.“ (2. Clemensbrief 19,3-20,4)

Athenagoras schreibt in einer Schrift, in der er die Christen gegenüber heidnischen Gerüchten, sie würden alle möglichen Verbrechen begehen, verteidigt, dass die Christen das wohl kaum tun würden, da sie um das Gericht Gottes wissen:

„Hätte wir nämlich den Glauben, daß sich unser Leben auf diese Welt allein beschränke, so könnten wir wohl auch in den Verdacht kommen zu sündigen, etwa indem wir den Regungen des Fleisches und Blutes nachgeben oder der Gewinnsucht und Begehrlichkeit unterliegen. Nachdem wir aber wissen, Gott wacht Tag und Nacht über unsere Gedanken und Worte, er sieht, da er ganz Licht ist, auch unser Inneres, nachdem wir ferner überzeugt sind, wir werden nach diesem Leben ein anderes Leben führen, entweder ein besseres als das gegenwärtige, ein himmlisches, kein irdisches, insofern wir bei Gott und mit Gott sein werden, durch nichts mehr in der Seele beeinflußt und beirrt, nicht als Fleisch, obwohl wir Fleisch noch haben werden, sondern als himmlischer Geist, oder, wenn wir mit den übrigen zusammenfallen, ein schlechteres, ein Leben im Feuer (denn Gott hat uns nicht wie Herdenvieh und Zugtiere als Nebensache erschaffen mit der Bestimmung umzukommen und zu verschwinden), nach all dem ist nicht zu erwarten, daß wir Schlechtes begehen und uns der Bestrafung des großen Richters aussetzen wollen.“ (Athenagoras, Bittschrift für die Christen 31)

Justin der Märtyrer schreibt um 150 n. Chr. über die Hölle:

„Schaut nur hin auf das Ende eines jeden der früheren Herrscher, sie starben den allen gemeinsamen Tod. Führte nun dieser zu einem Zustande der Bewußtlosigkeit, so wäre er für alle Ungerechten ein Glück; da aber allen, die einmal gelebt haben, Empfindung verbleibt und ewige Strafe ihnen bevorsteht, so versäumt es nicht, euch überzeugen zu lassen und zu glauben, daß diese Dinge wahr sind. […] Die Hölle aber ist ein Ort, wo diejenigen gezüchtigt werden sollen, die unrecht gelebt haben und nicht an die Erfüllung dessen glauben, was Gott durch Christus gelehrt hat.“ (Justin, 1. Apologie 18f.)

Da Gott gerecht ist, folgt logischerweise die Existenz von Himmel und Hölle, sonst kämen ja die Ungerechten mit ihren bösen Taten davon:

„Damit aber niemand das nachspreche, was die vermeintlichen Philosophen einzuwenden pflegen, daß es nur Prahlerei und Schreckmittel sei, wenn wir von der Bestrafung der Ungerechten in ewigem Feuer sprechen, und daß wir verlangen, die Menschen sollten aus Furcht tugendhaft leben und nicht, weil es schön und beglückend sei, so will ich kurz darauf antworten. Wenn jene unsere Behauptung nicht zutrifft, so gibt es entweder keinen Gott, oder, wenn es einen gibt, kümmert er sich nicht um die Menschen; Tugend und Laster sind dann leere Worte und die Gesetzgeber bestrafen dann, wie wir schon sagten, mit Unrecht die Übertreter ihrer guten Anordnungen. Aber da weder diese ungerecht sind noch ihr Vater, der durch den Logos dasselbe zu tun lehrt, was er selbst tut, so sind auch die, welche diesen folgen, nicht ungerecht. Sollte aber jemand die Verschiedenheit der menschlichen Gebräuche geltend machen und sagen, bei den einen Menschen gelten gewisse Dinge als löblich, die bei anderen als schimpflich betrachtet werden, gewisse Dinge aber als schimpflich, die bei anderen hinwiederum als löblich angesehen werden, so mag er hören, was wir hierüber zu sagen haben. Einerseits wissen wir, daß die bösen Engel Gebräuche eingeführt haben, die ihrer eigenen Bosheit entsprechen; andererseits erweist die rechte Vernunft nicht alle Lehrmeinungen und Satzungen, an die sie herantritt, als gut, sondern die einen als schlecht, die andern als gut. Darum will auch ich solchen Leuten Gleiches oder Ähnliches und, wenn es nötig ist, sogar in größerer Ausführlichkeit antworten. Für jetzt aber kehre ich zu meinem Gegenstande zurück.“ (Justin, 2. Apologie 9)

Minucius Felix schreibt folgendes über die Hölle, wobei er auch meint, dass diejenigen, die Gott bewusst nicht kennen wollten, dorthin kommen (vgl. Röm 1,19f., wo Paulus schreibt, dass grundsätzlich alle Menschen Gottes Existenz erkennen können):

„Und für diese Martern gibt es weder Maß noch Ende. Dort brennt ein klug berechnendes Feuer die Glieder und heilt sie wieder, zerfrißt sie und nährt sie wiederum. Und wie das Feuer des Blitzes den Körper berührt, aber nicht verzehrt, wie die Feuer des Ätnaberges und des Vesuvs und sonstiger Erdbrände lodern, ohne sich zu verbrauchen, so wird jenes strafende Feuer nicht durch Verzehrung der brennenden Körper genährt, sondern durch deren unaufhörliche Zerfleischung erhalten. Daß aber diejenigen, welche Gott nicht kennen, mit Recht gemartert werden, als Ruchlose, als Ungerechte, das kann nur ein Gottloser bezweifeln; ist es ja gewiß kein geringerer Frevel, den Vater des Alls und Herrn des Alls nicht zu kennen, als ihn zu beleidigen. Es reicht nun zwar schon die Unkenntnis Gottes zur Strafwürdigkeit hin, wie seine Erkenntnis zur Aussicht auf Verzeihung beiträgt. Indessen werden wir Christen im Vergleich mit euch, wenn auch bei einigen unsere Vorschriften zu wenig ausgeprägt sind, viel besser als ihr befunden. Denn ihr verbietet den Ehebruch und begeht ihn; wir sind als Ehemänner nur für unsere Ehefrauen auf der Welt. Ihr straft Vergehen, die ihr zulaßt; bei uns gilt schon der bloße Gedanke daran als Sünde. Ihr fürchtet die Mitwisser, wir sogar das Gewissen allein schon, ohne das wir nicht sein können. Von euren Leuten endlich wimmeln die Gefängnisse; Christ ist dort keiner, es sei denn, er ist wegen seiner Religion angeklagt oder abtrünnig geworden.“ (Minucius Felix, Octavius 35,3-6)

Dann gäbe es die sog. Offenbarung des Petrus (ein Text, der sich als von Petrus geschrieben ausgibt), in der die Hölle ausführlich beschrieben wird. (Ich zitiere aus der äthiopischen Version; die Unterschiede zwischen den Versionen sind aber nicht groß.)

Zwei Dinge bei der Beschreibung der Hölle sind auffällig: Erstens, die Strafen sind unterschiedlich; zweitens, die Strafen hängen mit den Vergehen zusammen. Wer mit Worten gesündigt hat, wird an der Zunge aufgehängt usw. Unter den Bestraften sind auch solche, die Christen an ihre Verfolger verraten und umgebracht haben, oder die die Armen schlecht behandelt haben:

„Dann werden Männer und Weiber an den ihnen bereiteten Ort kommen. An ihrer Zunge, mit der sie den Weg der Gerechtigkeit gelästert haben, wird man sie aufhängen. Man breitet ihnen hin nie verlöschendes Feuer. …

Und siehe wiederum ein Ort: da ist eine große volle Grube. Darin die, welche verleugnet haben die Gerechtigkeit. Und Strafengel suchen (sie) heim, und hier in ihr zünden sie das Feuer ihrer Strafe an. Und wiederum zwei Weiber: Man hängt sie an ihren Nacken und Haaren auf, in die Grube wirft man sie. Das sind die, welche sich Haarflechten gemacht haben nicht zur Schaffung des Schönen, sondern um sich zur Hurerei zu wenden, damit sie fingen Männerseelen zum Verderben. Und die Männer, die sich mit ihnen in Hurerei niedergelegt haben, hängt man an ihren Schenkeln in diesen brennenden Ort und sie sagen untereinander: ‚Wir haben nicht gewußt, daß wir in die ewige Pein kommen müßten.'“ (Petrusoffenbarung 7, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 475f.)

„Es bringt der Zornengel Ezrael Männer und Weiber zur Hälfte (des Körpers) brennend und wirft sie an einen Ort der Finsternis, der Hölle der Männer, und ein Geist des Zornes züchtigt sie mit jeglicher Züchtigung, und nimmer schlafendes Gewürm frißt ihre Eingeweide. Das sind die Verfolger und Verräter meiner Gerechten.

Und bei denen, die hier waren, andere Männer und Weiber, die kauen ihre Zunge, und man quält sie mit glühendem Eisen und verbrennt ihre Augen. Das sind die Lästerer und Zweifler an meiner Gerechtigkeit.

Anderen Männern und Weibern – und ihre Taten (bestanden) in Betrug – schneidet man die Lippen ab, und Feuer geht in ihren Mund und in ihre Eingeweide. [Das sind die], welche die Märtyrer getötet haben lügnerischerweise.

Und an einem nahe bei ihnen gelegenen Orte, auf dem Stein eine Feuersäule (?), und die Säule ist spitzer als Schwerter – Männer und Weiber, die man kleidet in Lumpen und darauf wirft, damit sie das Gericht unvergänglicher Qual erleiden. Das sind die, welche vertrauen auf ihren Reichtum und Witwen und das Weib (mit) Waisen … verachtet haben Gott ins Angesicht.“ (Petrusoffenbarung 9, in: Ebd., S. 477f.)

Die Bestrafung der Bösen bedeutet eine Genugtuung für deren Opfer – also z. B. die Opfer von Mord, Abtreibung und Kindstötung:

„Und die Mörder und die mit ihnen gemeinschaftliche Sache gemacht haben, wirft man ins Feuer, an einen Ort, der angefüllt ist mit giftigen Tieren, und sie werden gequält ohne Ruhe, indem sie ihre Schmerzen fühlen, und ihr Gewürm ist so zahlreich wie eine finstere Wolke, und der Engel Ezrael bringt die Seelen der Getöteten herbei; und sie sehen die Qual [derer, die sie] getötet haben, und sie sagen untereinander: ‚Gerechtigkeit und Recht ist das Gericht Gottes. Denn wir haben es zwar gehört, aber nicht geglaubt, daß wir an diesen ewigen Gerichtsort kommen würden.‘

Und bei dieser Flamme ist eine große und sehr tiefe Grube, und es fließt dahinein (?) alles von überall her: Gericht (?) und Schauderhaftes und Aussonderungen. Und die Weiber (sind) verschlungen (davon) bis an ihren Nacken und werden bestraft mit großem Schmerz. Das sind also die, welche ihre Kinder abtreiben und das Werk Gottes, das er geschaffen hat, verderben. Gegenüber von ihnen ist ein anderer Ort, wo ihre Kinder sitzen; aber beide lebendig, und sie schreien zu Gott. Und Blitze gehen aus [und] von diesen Kindern, welche die Augen derer durchbohren, welche durch diese Hurerei ihren Untergang bewirkt haben.

Andere Männer und Weiber stehen nackt oberhalb davon. Und ihre Kinder stehen hier ihnen gegenüber an einem Ort des Entzückens. Und sie seufzen und schreien zu Gott wegen ihrer Eltern: ‚Das sind die, welche vernachlässigt und verflucht und deine Gebote übertreten haben. Und sie töteten uns und fluchten dem Engel, der (uns) geschaffen hatte, und hängten uns auf. Und sie enthielten das Licht, das du für alle bestimmt hast, (uns) vor.‘ Und die Milch ihrer Mütter fließt von ihren Brüsten und gerinnt und stinkt, und daraus gehen fleischfressende Tiere hervor, und sie gehen heraus, wenden sich und quälen sie in Ewigkeit mit ihren Männern, weil sie verlassen haben das Gebot Gottes und ihre Kinder getötet haben. Und ihre Kinder wird man dem Engel Temlakos geben. Und die sie getötet haben, wird man ewig quälen, weil Gott es so will.“ (Petrusoffenbarung 7-8, in: Ebd., S. 476f.)

Am Ende der Beschreibung der Hölle wird das noch einmal im Allgemeinen gesagt:

„Darauf brachten Engel meine Auserwählten und Gerechten, die vollkommen sind in aller Gerechtigkeit, indem sie sie trugen auf ihren Händen, indem sie bekleidet waren mit den Kleidern des ewigen Lebens. Sie sehen (ihre Lust) an jenen, die ihn gehaßt haben, indem er sie bestraft. Qual (ist) einem jeden in Ewigkeit nach seinem Tun.“ (Petrusoffenbarung 13, in: Ebd., S. 480)

Jetzt bereuen die Verdammten zwar, aber es ist zu spät:

„Und alle, die in der Qual sind, sagen einstimmig: ‚Erbarm dich unser, denn jetzt haben wir erkannt das Gericht Gottes, das er uns vorher angekündigt hat und wir nicht geglaubt haben.‘ Und es kommt der Engel Tatirokos (=Tartarouchos) und züchtigt sie mit noch größerer Qual und sagt zu ihnen: ‚Jetzt habt ihr Reue, wo es nicht mehr Zeit zur Reue gibt und nichts vom Leben übriggeblieben ist.‘ Und alle sagen: ‚Gerecht ist das Gericht Gottes; denn wir haben gehört und erkannt, daß gut ist sein Gericht, denn wir werden gestraft nach unserm Tun.'“ (Petrusoffenbarung 13, in: Ebd., S. 480)

Die Gerechten dagegen werden mit dem Himmel belohnt:

„Dann werde ich meinen Erwählten und Gerechten die Taufe und das Heil geben, um das sie mich gebeten haben, bei dem Gefilde: Akrosja (=Acherusia), das man nennt: ‚Anelasleja (= Elysium). Sie schmücken mit Blumen das Teil der Gerechten, und ich gehe, … ich mich mit ihnen erfreuen. Ich lasse eintreten die Völker in mein ewiges Reich, und erweise ihnen das Ewige, worauf ich ihre Hoffnung gerichtet habe, ich und mein himmlischer Vater.“ (Petrusoffenbarung 14, in: Ebd., S. 480)

Die Petrusoffenbarung schildert auch die Verklärung Jesu auf dem Berg, wobei Mose und Elija erscheinen. Petrus stellt Fragen und erhält einen kurzen Einblick in den Himmel (oder noch den limbus patrum?):

„Und ich trat zu Gott Jesus Christus und sagte zu ihm: ‚Mein Herr, wer ist das?‘ Und er sagte zu mir: ‚Das ist Moses und Elias.‘ Und ich sagte zu ihm: ‚(Wo sind denn) Abraham, Isaak, Jakob und die anderen gerechten Väter?‘

Und er zeigte uns einen großen geöffneten Garten. (Er war) voll von schönen Bäumen und gesegneten Früchten, voll von Duft von Wohlgerüchen. Sein Duft war schön, und sein Duft reichte zu uns. Und von ihm … sah ich viele Früchte.

Und es sagte zu mir mein Herr und Gott Jesus Christus: ‚Hast du gesehen die Scharen der Väter? Wie ihre Ruhe ist, so ist die Ehre und Herrlichkeit derer, die man um meiner Gerechtigkeit willen verfolgt.“ (Petrusoffenbarung 16, in: Ebd., S. 481f.)

In den christlichen Sibyllinen gibt es auch Stellen über Hölle und Himmel, und es kommt eine Stelle, die (anders als die anderen frühen Christen es normalerweise glaubten und die Kirche es lehrt) nahelegt, durch Fürbittgebete der Erlösten könnten die Verdammten doch noch aus der Hölle befreit werden:

„Und dann werden sie alle den Strom des Feuers durchschreiten,
Unauslöschlicher Flammen verzehrende Glut. Die Gerechten
Werden gerettet; verloren, verdammt sind auf ewige Zeiten
Alle, die früher in Sünden gelebt und Böses getan und
Morde verübet, auch alle, die Mitwisser waren, die Lügner,
Diebe, Betrüger und schreckliche Frevler an anderer Habe,
Schlemmer, Ehebrecher und solche, die üble Nachrede führen,
Schlimme Verbrecher und Frevler, vor allem die Götzenanbeter,
Solche, die abgefallen vom großen, unsterblichen Gott, und
Alle, die Gotteslästerung getrieben, die Frommen verfolgten,
Gläubige gemordet, und die nach dem Leben Gerechter getrachtet,
Auch alle, welche mit schlauem und schamlosem Mienenspiele
Einst als Presbyter und ehrwürd’ge Diakonen schauten
Auf die Person und den Reichtum der Partner und ungerecht richtend (?)
Anderen Unrecht taten, von falschen Zeugen beeinflußt …
Schlimmer als Perdel und reißende Wölfe …
Und die entsetzlichen Stolz und Hochmut zeigten, die Wuch’rer,
Welche sich häuserweise ihr Geld auf Zinsen anlegten
Und arme Witwen und Waisen sogar um das Letzte gebracht und
Welche den Witwen und Waisen nur geben von unrechtem Gute,
Die aber, wenn sie für ehrliche Arbeit haben gegeben,
Noch dafür schmähen; und solche, die ihre Eltern im Alter
Haben verlassen, ohn‘ ihnen etwas zu geben; den Eltern
Nicht mal die Notdurft des Lebens gegeben; und die nicht gehorchten,
Gegen die Eltern nur harte Worte im Munde geführet;
Ferner die Treu und Glauben genommen und dann es geleugnet,
Auch die Diener, die gegen den eigenen Herrn auftraten,
Und wieder die ihr eigenes Fleisch mit Unzucht befleckten,
Und alle, die den jungfräulichen Gürtel gelöset und heimlich
Beilager suchten, und Frauen, die töten im Leibe die Frucht, und
Welche den Eltern ganz recht- und gesetzlos weisen die Schwelle,
Giftmischer oder Giftmischerinnen mitsamt ihrem Anhang
Wird der Zorn des himmlischen, unvergänglichen Gottes
Nun an den Pranger stellen da, wo um sie alle im Kreise
Unermüdlich der Feuerstrom fließt, doch all diese zusammen
Fesseln mit unzerreißbaren Ketten von oben herab und
Zücht’gen gar schrecklich mit lodernden Peitschen und feurigen Ketten
Abgesandte des ew’gen und immerwährenden Gottes.
Dann aber werden im schwarzen Dunkel der Nacht sie geworfen
Unter die vielen und schrecklichen Tiere im Tartarus drunten,
In der Gehenna, wo undurchdringliche Finsternis herrschet.
Aber wenn sie dann vielerlei Pein allen auferlegt haben,
Deren Herz grundschlecht war, dann wieder das feurige Drehrad
Aus dem mächtigen Strom sie dränget und wirbelt umher, weil
All ihr Sinnen und Trachten auf törichte Werke gerichtet. […]
Nicht wird der Tränen je Sättigung sein, und niemand vernimmt das
Flehen der bald hier bald dort wehklagenden Jammergestalten
Drunten jedoch in des weiten und breiten Tartarus Dunkel
Marter erduldend sie schrein, an unheiligem Orte sie büßen
Dreifach jeglichen Frevel, den einst sie aus Bosheit begangen
Brennend in ewiger Glut. Mit den Zähnen knirschen sie alle,
Furchtbar geplagt von brennendem Durst und harter Bedrängnis.
Und sie rufen: ‚Wie schön wär‘ der Tod!‘, doch der meidet sie alle;
Denn sie wird nicht mehr der Tod, nicht mehr die Nacht sie erlösen.
Ach, vergebens sie flehen zu Gott, dem Herrscher der Höhe.
Offensichtlich wendet er jetzt sein gnädiges Antlitz von ihnen.
Siebenmal schon ist verstrichen die Frist zur Bekehrung und Buße,
Die er den Irrenden gab durch der heiligen Jungfrau Vermittlung.
Aber die anderen Menschen, die Werke der Tugend verrichtet,
Und in Frömmigkeit wandelnd, die rechte Gesinnung betätigt,
Werden, von Engeln entrückt, aus dem Strome des brennenden Feuers
Auf zum Lichte geführt in ein Leben voll Wonne und Freude.
Wo der ewige Pfad des gewaltigen Gottes hinführt und
Dreifach Quellen entspringen von Wein und von Milch und von Honig.
Gleich ist die Erde für alle, und nicht durch Mauern und Schranken
Abgeteilt, bringt dann sie hervor noch viel mehr Früchte
Ganz von selber: gemeinsam das Leben im herrenlosen Reichtum!
Knechte gibt es nicht dort noch Gebieter, nicht hoch oder niedrig,
Könige nicht noch Fürsten, und alle sind gleich vor dem Höchsten.
Niemand sagt mehr: ‚Die Nacht bricht an‘, und keiner: ‚Auf morgen‘;
Niemand spricht mehr von Gestern und zählet die Menge der Tage,
Kümmert sich nicht um Frühling und Herbst, um Sommer und Winter,
Nicht um Hochzeit und Tod, um Käufe nicht oder Verkäufe,
Nicht um Morgen und Abend: es gibt nur verlängerte Tagzeit.
Und der allherrschende ewige Gott wird noch etwas andres
Jenen Frommen verleihen, wenn sie flehen zum ewigen Gotte:
Aus dem schrecklichen Feuer und unvergänglichen Peinen
Wird er die Menschen zu retten verleiten. Dies wird er vollführen.
Denn er sammelt sie wieder, versetzt sie aus rastloser Flamme
Anderswohin und entsendet sie seinem Volke zuliebe
Zu einem andern und ewig währenden Leben, zur Flur des
Sel’gen Elysiums, wo weithin Wasser ihm fließen
Des Acherussischen Sees, des ew’gen, von grundloser Tiefe.
Wehe mir Armen, wie wird’s mir an jenem Tage ergehen!
Habe ich Törin doch alle an Frevelmut überboten,
Hab‘ nicht an Heirat gedacht und keine Vernunft angenommen.
Und auch im eig’nen Palast eines schwerreichen Mannes verwies ich
Darbende oft von der Schwelle. Und wieviel Schlechtes hab‘ früher
Wissentlich ich getan! Du Heiland, errette mich Hündin,
Vor meinen Peinigern mich, die so schamlose Dinge getan hat!
Dich auch flehe ich an, laß ein wenig vom Sange mich ausruhn,
Heiliger Mannaspender, du König des mächtigen Reiches!“
(Christliche Sibyllinen II,252-347, in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 2. Band. Apostolisches, Apokalypsen und Verwandtes, 4. Aufl., Tübingen 1971, S. 507-509.)

Man beachte auch die Stelle, dass Gott den Menschen „durch der heiligen Jungfrau Vermittlung“ mehr Zeit zur Buße gegeben hatte – mit der heiligen Jungfrau könnte Maria (oder evtl. auch die gesamte Kirche oder beide) gemeint sein.

In der Epistula Apostolorum sagt Jesus über den Himmel:

„Und er sprach zu uns: ‚Ihr werdet ein Licht sehen, das mehr leuchtet als Licht und vollkommener ist als das Vollkommene. Und der Sohn wird durch den Vater, das Licht, vollendet werden – denn der Vater ist vollkommen -, welchen Tod und Auferstehung vollenden, und die eine Vollendung übertrifft die andere. Und die Rechte des Vaters bin ich ganz, ich bin in ihm, der vollendet.‘ […] ‚Habt Vertrauen und seid guten Mutes! Wahrlich, ich sage euch, eine solche Ruhe wird euch zuteil werden, wo es nicht Essen und Trinken und nicht Trauer und Singen (oder Sorge) und weder irdisches Gewand noch Vergänglichkeit gibt. Und nicht an der Schöpfung von unterhalb werdet ihr Anteil haben, sondern werdet zur unvergänglichen meines Vaters gehören, ihr, die ihr nicht vergehen werdet. Wie ich beständig im Vater bin, so auch ihr in mir.'“ (Epistula Apostolorum 19 (30) (äthiopische Version), in: Edgar Hennecke u. Wilhelm Schneemelcher (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. 1. Band. Evangelien, 4. Auflage, Tübingen 1968, S. 136.)

 

Ein kurzes PS: Falls manche Leser sich noch Fragen zum Thema Himmel und Hölle stellen, könnten vielleicht diese Artikel für sie hilfreich sein:

Wie viele werden gerettet werden? Ein paar Bemerkungen

Heilsmöglichkeit für Nichtkatholiken: Kirchliche Aussagen vor dem 2. Vatikanum

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