Werden Frauen für Fehlgeburten bestraft, wenn Abtreibung illegal ist?

Die einfache Antwort lautet: Nein. (Die umständliche Antwort auch.)

Dieses Szenario gehört zu den Schreckensszenarien, die Abtreibungsbefürworter gerne mal hervorziehen. Die Behauptung, ist, grob gesagt: „Wenn Abtreibungen erst einmal illegal sind, wird eine allgemeine Hexenjagd gegen Frauen losgehen. Wenn du eine Fehlgeburt hast, wirst du sofort unter Verdacht geraten, abgetrieben zu haben. Frauen werden unschuldig ins Gefängnis gehen.“ Das ist natürlich eine ziemlich perfide Taktik, die sogar Frauen, die pro life sind, unsicher werden lassen kann, ob ein Verbot nicht doch unerwünschte Nebeneffekte hätte. Es ist auch leichter, zu argumentieren „ich will nur Kollateralschäden durch das Verbot vermeiden“ als „ich will, dass Abtreibung aus jedem beliebigen Grund zu jedem beliebigen Zeitpunkt in der Schwangerschaft legal ist“.

Besonders hervorgetan hat sich etwa die taz im Februar mit einem Bericht über El Salvador, wobei die Autorin Sarah Ulrich sogar offen lügt und behauptet, eine Fehlgeburt würde nicht nur u. U. mit einer Abtreibung verwechselt, sondern stehe ausdrücklich unter Strafe (!!):

„Totgeburt, Fehlgeburt oder gynäkologischer Notfall – es ist egal, wie eine Schwangerschaft beendet wird, ob gewollt oder ungewollt, ob freiwillig oder unfreiwillig. Stirbt der Embryo oder Fötus, gilt es als Mord oder Totschlag.“

Gut; mit solchen offenen Lügen muss man sich nicht lange aufhalten, aber gehen wir mal nur von der Behauptung aus, dass Fehlgeburten mit Abtreibungen verwechselt werden könnten. Und sehen wir uns dafür die drei Fälle an, die Frau Ulrich heranzieht, um ihre Behauptungen zu untermauern, und die für einiges internationales Aufsehen gesorgt haben, teilweise sogar vor den Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof gebracht wurden. Der erste Fall wird folgendermaßen beschrieben:

„Die Geschichte von Cinthia Marcela Rodríguez Ayala beginnt am 3. Juli 2008. Rodríguez, damals 19 Jahre alt, ist im achten Monat schwanger. Sie lebt in armen Verhältnissen am Rande von San Salvador, arbeitet als Reinigungskraft in einer Textilfabrik.

Die Schwangerschaft hatte sie nicht geplant, das Kind wollte sie trotzdem behalten. Sie sei allein zu Hause gewesen, als das Baby kam. Aber, so erzählt sie es, das Kind war tot. Vom Schock sei sie wie benebelt gewesen, blutend habe sie Hilfe bei einer Nachbarin gesucht. Die bringt sie in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Dort wird sie betäubt. ‚Als ich wieder aufwachte, wollte ich mein Baby sehen‘, erinnert Rodríguez sich. ‚Aber ich war gefesselt.‘ Eine Krankenschwester hatte die Polizei gerufen: wegen illegaler Abtreibung.

Drei Tage verbringt sie im Krankenhaus, bevor sie in das Frauengefängnis von Ilopango gebracht wird. Dort beginnt ihre Befragung. Angezeigt ist sie nun nicht mehr nur wegen Abtreibung, sondern, so steht es in den Gerichtsakten, nach Artikel 129-1 in Verbindung mit Artikel 20 des Strafgesetzbuchs wegen ‚homicidio agravado‘. Schwere Tötung. […]

Die Prozessakten zeichnen das Bild einer Mörderin. Rodríguez habe das Neugeborene beim Durchschneiden der Nabelschnur mit einer Schere tödlich verletzt. Ein Beweis dafür sei, dass die Leiche des Babys später in einer Tasche gefunden wurde. Aber: Die Nabelschnur war bereits bei der Geburt um den Hals des Babys gewickelt. Rodríguez selbst sagt, das Neugeborene sei bereits bleich gewesen, sie habe die Schnur durchgeschnitten, um dem Kind zu helfen.

In den Akten wird sich auf die Obduktion der Leiche berufen. Demnach sei das Baby an Verletzungen am Hals durch die Schere, mit der die Nabelschnur durchtrennt wurde, verstorben.

Aber: Es gibt einen weiteren Bericht, den ein unabhängiger Gerichtsmediziner auf Anfrage von Rodríguez’ Unterstützer:innen, denn diese gibt es auch, verfasst hat. Auf Grundlage der Prozessakten und des vorliegenden Obduktionsberichts hat er den Fall erneut bewertet. Beide Berichte liegen der taz vor.

Der Verfasser, Professor und Direktor der Forensik an der Universität von Kentucky, kommt darin zum Schluss, dass die im Obduktionsbericht angeführten Gründe dafür, dass Rodríguez ihr Baby getötet haben soll, medizinisch nicht haltbar sind. Ein sogenannter Float-Test der Lunge, der klären sollte, ob das Baby bei der Geburt bereits tot war oder noch lebte, sei ‚unzuverlässig‘, so der Arzt. Der Obduktionsbericht aus El Salvador, der eine Grundlage für Rodríguez’ Verurteilung war, komme zu falschen Schlüssen.“

Rodriguez wurde dann zu 30 Jahren Haft verurteilt, später auf 10 Jahre reduziert, ist mittlerweile wieder auf freiem Fuß.

Fassen wir also die Fakten zusammen, wie sie der Polizei und dem Gericht vorlagen:

  • Eine Frau kommt ins Krankenhaus, die offenbar gerade ein Kind geboren oder abgetrieben hat; ihr Kind hat sie nicht bei sich.
  • Das Kind wird später tot in einer Tasche gefunden, mit schweren Verletzungen am Hals.
  • Laut Obduktion waren es diese Verletzungen, die seinen Tod herbeiführten, und es hat bei der Geburt noch gelebt.
  • Die Mutter behauptet, sie habe dem Kind die Verletzungen aus Versehen zugefügt, als sie die um seinen Hals gewickelte Nabelschnur durchgeschnitten habe; es sei bei der Geburt bereits tot gewesen.
  • Ein von Unterstützern der Mutter angeheuerter Gerichtsmediziner aus den USA behauptet (offenbar ohne die Leiche selbst angesehen zu haben, nur auf Grund der Aktenlage), die Obduktion stelle nicht mit hinreichender Sicherheit die Todesursache fest; er beruft sich darauf, dass der sog. Float Test, der dazu benutzt wird, zu sehen, ob ein Kind jemals geatmet hat, fehleranfällig sei. (Laut Wikipedia führt dieser Test in 2% der Fälle zu falschen Ergebnissen und in 98% zu korrekten. Das entspricht auch einer Studie von 2013, die feststellt, dass er bei 208 getesteten Neugeborenen in 204 Fällen zu einem korrekten Ergebnis geführt habe und in 4 Fällen zu einem falsch negativen. Falsch negativ heißt aber, dass der Test zum Ergebnis kam, das Kind sei tot geboren worden, obwohl es kurz noch gelebt hatte. Falsch positive Ergebnisse, also Fälle, in denen ein totgeborenes Kind als Lebengeburt diagnostiziert wurde, hat diese Studie nicht gefunden.)

Alle diese Indizien führen die Ermittler zu dem Schluss, dass die Mutter mit hinreichender Sicherheit ihr Kind lebend geboren, es mit der Schere getötet und in der Tasche versteckt hat. Also wird sie verurteilt. Klipp und klar gesagt: Ein solcher Fall hätte auch in Deutschland zu einer Anklage und wahrscheinlich zu einer Verurteilung geführt. Ist es möglich, dass der Float Test falsch positiv war UND Rodriguez das Kind aus Versehen noch schwer verletzt hat UND die Leiche dann versteckt hat, vielleicht aus Angst oder Verstörtheit? Vielleicht. Die Wahrscheinlichkeit wirkt aber sehr gering. In jedem Fall handelt es sich aber um keine Verurteilung wegen einer Fehlgeburt, auch nicht wegen einer Abtreibung, sondern wegen Tötung nach Lebendgeburt, die in buchstäblich jedem Land dieser Welt unter Strafe steht.

Sehen wir den zweiten Fall in dem taz-Artikel an:

„Manuela, der zum Schutz öffentlich ein anderer Name gegeben wurde, ist eine Frau, die aus einer armen, ländlichen Gegend kam. Sie war Analphabetin, lebte mit ihrer Familie in prekären Verhältnissen. Auch sie war zuvor wegen schwerer Tötung an ihrem Neugeborenen inhaftiert worden. Am 28. Februar 2008 hatte die Polizei die Leiche des Babys in einer Klärgrube nahe ihrem Haus gefunden. Umgebracht hatte sie es nicht, das Kind war bereits tot, als es auf die Welt kam. Dennoch wurde auch Manuela zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Noch zwei Jahre lebte sie in Gefangenschaft, bevor sie 2010, mit Handschellen an das Krankenhausbett gefesselt, an Lymphkrebs verstarb.“

Auch hier: Ein Kind wird tot aufgefunden, unter noch krasseren Umständen als im ersten Fall, nämlich in einer Klärgrube (!!). Die Mutter behauptet, es sei bei der Geburt schon tot gewesen, das Gericht urteilt, es habe noch gelebt und sei dann getötet worden. Mehr erwähnt Frau Ulrich nicht.

Dann lässt der Artikel die Frauen, die wegen Tötung nach Lebendgeburt verurteilt wurden, hinter sich, und konzentriert sich auf eine dritte Frau, die wegen medizinischer Probleme während der Schwangerschaft eine Abtreibung wollte:

„Beatriz selbst lebt nicht mehr [Anmerkung: Weiter unten wird erwähnt, dass sie später einen Verkehrsunfall hatte]. Doch der Arzt, der sie behandelte, spricht bereitwillig über den Fall. Doktor Guillermo Ortiz Opas hat inzwischen das Land verlassen. Zu massiv waren die Anfeindungen gegen ihn und seine Familie, zu sehr zweifelte er an dem medizinischen Ethos im Land. Als er ein Jobangebot in den USA bekam, überlegte er nicht lange und wanderte aus. Das Interview findet per Zoom statt. In einem roten Poloshirt, mit grauem Bart und schwarzer Hornbrille sitzt er in seinem neuen Zuhause in North Carolina vor dem Computer. […]

Ob er verbotene Abtreibungen vorgenommen hat? ‚Ich habe versucht, Frauen zu helfen, egal in welcher Situation‘, sagt Ortiz. ‚Sonst wären viele Frauen gestorben.‘ Mehr will er nicht sagen. […]

2013 kam Beatriz in das Krankenhaus. Ihr eigentlicher Name ist anders, zu ihrem Schutz wird auch sie öffentlich anders genannt. Der taz liegt der richtige Name vor, ihr Facebook-Profil ist noch immer online. Inzwischen ist Beatriz an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorben.

Als sie zu Doktor Ortiz kommt, ist Beatriz 20 Jahre alt und in der 12. Woche schwanger. Der Fötus jedoch ist unterentwickelt, ohne Gehirn. Es ist klar, dass er außerhalb des Uterus nicht über­leben würde.

Und auch Beatriz war in Lebensgefahr. Mit 18 wurde bei ihr die Autoimmunerkrankung Lupus diagnostiziert. Ihr Körper war schwach, schon ihre erste Schwangerschaft löste bei ihr die lebensbedrohliche Erkrankung Präeklampsie mit Bluthochdruck aus. Damals überlebte ihr Sohn, doch diesmal war es anders. Ein medizinisches Komitee aus 13 Fach­ärz­t:in­nen unter der Leitung von Doktor Ortiz war sich sicher: Der Fötus würde eine Geburt nicht überleben. Und Beatriz würde während der Schwangerschaft sterben.

Aber sie wollte leben.

‚Eine geheime Abtreibung war nicht möglich, weil alle von dem Fall wussten‘, sagt Doktor Ortiz. Der juristische Weg war der einzig mögliche. Ortiz überredete den Klinikdirektor und andere Kolleg:innen, ihn zu unterstützen. Sie schrieben Briefe, an den Gesundheitsminister, an das Menschenrechtsbüro. Die einzige Antwort, so erzählt es Ortiz: ‚Wir können euch nicht helfen.‘

Deshalb riet er Beatriz, ihn auf unterlassene Hilfeleistung zu verklagen. Er und die Anwälte sahen darin den einzigen juristischen Weg, sie zu retten. Wenn das Gericht entschied, dass Dr. Ortiz ihr helfen müsse, dann müsste es auch anordnen, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen. ‚Es war eine schlimme Zeit für mich‘, erzählt der Arzt heute. ‚Ich wurde angegriffen, im Krankenhaus wollte niemand mit mir sprechen, weil niemand mit dem Fall zu tun haben wollte.‘

Am 11. April 2013 reicht Beatriz die Klage ein. Sie fühlt sich immer schwächer. Die Zeit wird knapp, denn es ist klar, dass der Gesundheitszustand ab der 28. Schwangerschaftswoche noch schlechter würde. 81 Tage später die Entscheidung: Eine Abtreibung ist und bleibt illegal.

Er will ihr helfen – also entscheidet er sich für einen minimal invasiven Kaiserschnitt, um den Fötus zu entfernen. Der Eingriff gelingt. Beatriz überlebt, der Fötus stirbt fünf Stunden später. Verurteilt wird niemand. Ortiz hatte, in dem er das Baby durch Kaiserschnitt lebend zur Welt brachte, einen Weg gefunden, die Illegalität zu umgehen.“

Um das Ganze zusammenzufassen:

  • Eine Frau ist schwanger und krank; bei einer früheren Schwangerschaft war sie auch schon krank, hat aber zusammen mit ihrem Kind überlebt.
  • Ihr Arzt (der schon öfter illegale Abtreibungen vorgenommen hat) behauptet, sie würde eine Fortsetzung der Schwangerschaft nicht überleben.
  • Weil das Gericht die Abtreibung nicht erlaubt, besteht die Schwangerschaft noch einige Monate fort, bis das Kind so weit ist, dass (wäre es ansonsten gesund) es mit etwas Glück außerhalb des Mutterleibs überleben könnte; es wird legalerweise per Kaiserschnitt auf die Welt geholt und stirbt Stunden später – nicht wegen der frühen Geburt, sondern wegen seiner Fehlentwicklung.
  • Die Frau überlebt (und stirbt später an den Folgen eines Verkehrsunfalls – die taz erwähnt erst ihren Tod und versteckt ein paar Absätze weiter unten die Ursache).

Mit anderen Worten: Obwohl es der Frau wohl nicht gut ging, war eine Abtreibung nicht nötig gewesen, sondern ein völlig legaler früher Kaiserschnitt genügte, und sie überlebte. Der Arzt, der diesen Fall evtl. auch als Gelegenheit für seinen Pro-Abtreibungs-Aktivismus nutzen wollte, hatte sich verschätzt oder bewusst übertrieben, als er ihr Angst machte und behauptete, ohne Abtreibung laufe sie in den sicheren Tod. (Damit, dass das Kind an seiner Fehlbildung sterben würde, hatte er offenbar recht; aber auch hierbei kommt es ja immer wieder dazu, dass Ärzte fehlerhafte Diagnosen stellen und ein angeblich behindertes Kind sich bei der Geburt als kerngesund herausstellt.)

Und so ist es ja auch in anderen Fällen. Auch Frauen mit gesundheitlichen Problemen, mit Präeklampsie und dergleichen, sind nicht einfach dem sicheren Tod geweiht, sondern haben in vielen Fällen überlebt, wenn sie dem Drängen ihrer Ärzte auf Abtreibung nicht nachgaben. Es besteht (heutzutage freilich nur noch in seltenen Fällen) ein Todesrisiko, das Ärzte, die nicht wollen, dass man ihnen hinterher vorwirft, einer Patientin nicht genug geholfen zu haben, gern zum sicheren Tod aufbauschen. In solchen Fällen ist es (aus katholischer Sicht jedenfalls, also auch aus meiner Sicht) nicht in Ordnung, das Kind dem sicheren Tod zu überliefern; ein Risiko für A wiegt nicht den sicheren Tod für B auf. Es ist aber in Ordnung, es früher auf die Welt zu holen, wenn das Risiko für die Frau, bei der Fortsetzung der Schwangerschaft zu sterben (bzw. auch das Risiko, dass gleich beide sterben), größer ist als das Risiko für das Kind, nach einer Frühgeburt zu sterben – hier handelt es sich ja nicht um eine gewollte Tötung, sondern man nimmt nur ein Risiko, das man nicht will, aus einem verhältnismäßigen Grund in Kauf.

Ich sollte hier der Ehrlichkeit halber erwähnen, dass viele Länder mit sehr strengen Abtreibungsgesetzen – Polen oder Malta zum Beispiel – Abtreibungen bei Lebensgefahr für die Mutter noch erlauben bzw. die Einleitung einer Frühgeburt erlauben, auch wenn das Kind noch nicht lebensfähig ist, die Mutter also nicht einmal ein solches Risiko auf sich nehmen muss und die allermeisten Abtreibungen trotzdem verboten bleiben. (Und diese Länder haben eine extrem geringe Müttersterblichkeit im weltweiten Vergleich.) Ich halte es hier aber aus den genannten Gründen mit dem Totalverbot à la El Salvador. Das wird in manchen Fällen dazu führen, dass das Kind stirbt, in manchen Fällen dazu, dass die Mutter stirbt, beides wird nicht gewollt sein, und in den meisten Fällen werden beide überleben; insgesamt wird es bei dieser Regelung am wenigsten Tote geben.

Tatsächlich geht, wenn es in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft Komplikationen gibt, ein Notkaiserschnitt sogar viel schneller und ist damit gefahrloser als eine Abtreibung, bei der das Kind erst noch umständlich vergiftet oder sonstwie getötet wird, bevor man es aus dem Mutterleib herausholt.

In der 22. Woche geborenes Kind.

Wenn man sich anschaut, welche Fälle Abtreibungsbefürworter herausziehen, um ihre Sicht zu stützen, kann man also schon deutlich sehen, dass es mit ihren Behauptungen nicht weit her sein kann. Besseres finden sie offensichtlich nicht. (Um das noch einmal zu betonen: Ich habe hier nur die Informationen genutzt, die die Abtreibungsbefürworter selbst eingestehen mussten. In anderen Fällen muss man weiter recherchieren – z. B. gab es in den USA einen Fall, in dem eine Mutter vor Gericht gestellt wurde, weil sie ihr ungeborenes Kind durch Drogenkonsum geschädigt hatte. Aber hier ist es selbst aus den Behauptungen der Aktivisten klar.) Und das kann man auch sehen, wenn man das Ganze einmal vernünftig durchdenkt.

Extrem viele Frauen erleiden Fehlgeburten; auch bei einer traditionell eingestellten katholischen Mutter, die nacheinander 6 Kinder bekommt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie einmal eine Fehlgeburt hat. Das wissen Frauen, das wissen Ärzte, das weiß die Gesellschaft. Wenn man bei jeder Fehlgeburt anfangen würde, zu ermitteln, säße bald die Hälfte der weiblichen Bevölkerung zwischen 15 und 50 in Untersuchungshaft und man bräuchte hunderttausende Polizisten. (Das wissen auch die Frauen in El Salvador – Frau Rodriguez erzählt in dem taz-Artikel davon, dass sie selbst im Frauengefängnis als Kindermörderin gegolten habe und die anderen Frauen, die z. B. wegen Bandenkriminalität einsaßen, nichts mit ihr zu tun haben wollten.)

Der taz-Artikel selbst erwähnt, dass in El Salvador zwischen 2000 und 2019, also in 20 Jahren, 181 Frauen wegen Abtreibung angeklagt worden seien (also nur angeklagt, nicht einmal verurteilt, und selbst diese Zahlen stammen von der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung) – und das bei einer Bevölkerung von 6,5 Mio.

Könnte es trotzdem einmal vorkommen, dass ein Arzt wegen Verdachts auf Abtreibung Anzeige erstattet, wenn eine Frau tatsächlich eine Fehlgeburt hatte? Rein theoretisch wäre es möglich – ich könnte mir z. B. den Fall vorstellen, dass eine Frau ins Krankenhaus kommt, die sich auf irgendeine dumme Weise verletzt hat und daraufhin eine Fehlgeburt hatte, und bei der es so aussieht, als hätte sie sich die Verletzungen bewusst zugefügt, um die Fehlgeburt auszulösen (wobei Ärzte sicher wissen, welche Verletzungen typischerweise selbst zugefügt sein können und welche eher nicht). Aber auch in einem solchen Fall würde in jedem normalen Staat gelten: Im Zweifelsfall für die Angeklagte. Und bei Fällen, in denen Abtreibungen nicht von Fehlgeburten zu unterscheiden sind, würde man gar nicht erst anfangen zu ermitteln. Das Resultat ist natürlich, dass einige Frauen abtreiben und damit durchkommen werden; aber daran kann man, wie bei anderen Verbrechen, leider nichts ändern. Was nicht resultiert: Dass Frauen wegen einer Fehlgeburt als Mörderinnen verurteilt werden.

Zum Vergleich: Auch beim plötzlichen Kindstod kann man manchmal nicht ausschließen, dass die Eltern den Tod des Kindes irgendwie herbeigeführt haben. Aber im Normalfall wird es keine Ermittlungen geben; und kein Mensch würde sagen, dass Ermittlungen bei wirklichen Verdachtsfällen unterbleiben sollten, weil man hier auch gegen unschuldige Eltern ermitteln könnte. Dafür ist ja der Ermittlungsprozess da, dass Schuldige überführt und Unschuldige entlastet werden.

Abtreibungsbefürworter behaupten auch manchmal, wenn Abtreibung verboten wäre, würde damit auch die Entfernung des Kindes bei einer Eileiterschwangerschaft oder die Entfernung eines toten, aber noch nicht abgegangenen Kindes aus der Gebärmutter verboten. Auch hier handelt es sich um eine offene Lüge. Nehmen wir einmal das viel kritisierte, relativ neue Gesetz aus Texas, das Abtreibungen verbietet, sobald ein Herzschlag festzustellen ist (ca. 6. Woche). Da heißt es ausdrücklich:

„Eine Handlung ist kein Schwangerschaftsabbruch, wenn sie in der Absicht vorgenommen wird,
(A) das Leben eines ungeborenen Kindes zu retten oder seine Gesundheit zu erhalten;
(B) ein totes ungeborenes Kind zu entfernen, dessen Tod durch einen Spontanabort verursacht wurde; oder
(C) eine Eileiterschwangerschaft zu entfernen.“

(Bei einer Eileiterschwangerschaft könnte das Kind nach dem jetzigen Stand der Wissenschaft normalerweise nicht überleben, weil der Eileiter schlicht zu klein ist und irgendwann reißen wird, was normalerweise zu starken inneren Blutungen, zum Tod des Kindes und evtl. dem der Mutter führt. Es gibt nur extrem, extrem seltene Berichte davon, dass das Reißen des Eileiters nicht zu weiteren Komplikationen geführt hat und das Kind dann im Bauchraum überlebt hat, aus der Eileiterschwangerschaft also eine Bauchhöhlenschwangerschaft wurde; Ronan Ingram ist ein Beispiel. Aus katholischer Sicht ist hier das Entfernen des Eileiters erlaubt, weil man dabei ein Organ entfernt, das krank ist und Probleme machen wird, und den Tod des Kindes nicht beabsichtigt. Die Abwägung ist recht klar: Man hätte auf der einen Seite den fast zu 100% sicheren Tod des Kindes und Lebensgefahr für die Mutter und auf der anderen Seite den zu 100% sicheren Tod des Kindes und Lebensrettung für die Mutter. Also ist zwar keine direkte Tötung, aber eine indirekte Tötung erlaubt. (Keine Einigkeit unter den Moraltheologen herrscht dazu, ob evtl. auch das Entfernen nur des Kindes, solange es dabei nicht zerstückelt wird o. Ä., erlaubt wäre, statt das Entfernen des ganzen Eileiters, oder ob das schon eine direkte Tötung wäre. Aber diese Frage ist hier nicht so wichtig; beides ist durch solche Gesetze erlaubt und beides rettet die Mutter.))

Man sollte auch erwähnen, dass viele Pro-Life-Gesetze nur den Arzt, der eine Abtreibung vornimmt, mit Strafe bedrohen, und die Mutter ausdrücklich davon ausnehmen. Ich finde das nicht ideal; eine Mutter, die ihr ungeborenes Kind getötet hat, sollte genauso behandelt werden wie eine Mutter, die ihr geborenes Kind getötet hat. Aber es ist so. Und wenn Abtreibungsbefürworter mit solchen Gesetzen, die nur dem Arzt Strafe androhen, zufrieden wären, um die Möglichkeit auszuschließen, dass Mütter wegen einer Fehlgeburt belangt werden, könnten wir uns gerne vorläufig auf diesen unvollkommenen Kompromiss einigen.

PS: Bei einer ungewollten Schwangerschaft helfen in Deutschland Organisationen wie Pro Femina mit Beratung und tatkräftiger Unterstützung. Es gibt auch Beratung und Hilfe, wenn man nach einer Abtreibung mit Trauer und Reue nicht klarkommt, z. B. bei der Aktion Leben, s. hier oder hier.

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