Maria, voll der Gnade

Mir ging es so: Ich habe Maria in den letzten zehn Jahren immer irgendwo mit verehrt (natürlich, das gehört dazu, wenn man katholisch ist), aber habe manchmal eher ihre Verehrung anderen gegenüber verteidigt als wirklich persönlich verinnerlicht. Aber wenn man sich erst einmal auf sie einlässt, fängt man an, sie immer mehr zu lieben und zu ehren.

Wir wissen eigentlich sehr viel über sie aus dem Neuen Testament. Vielleicht nicht sehr viele Daten, aber sehr viel über ihren Charakter. Sie ist keine Randfigur und kein Klischee.

„Sei gegrüßt, du Gnadenvolle! Der Herr ist mit dir“ – so begrüßt der Erzengel Gabriel die Jungfrau Maria, als er zu ihr nach Nazareth gesandt wird (Lk 1,28). Und dann heißt es da weiter: „Sie erschrak über seine Rede und dachte nach, was dieser Gruß bedeuten solle. Der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären. Dem sollst du den Namen Jesus geben. Dieser wird groß sein und der Sohn des Allerhöchsten genannt werden. Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben; er wird über das Haus Jakobs für ewig herrschen, und seines Reiches wird kein Ende sein. Da sprach Maria zum Engel: Wie wird dies geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten dich überschatten. Deswegen wird auch das Heilige, das [von dir] geboren werden soll, Sohn Gottes genannt werden. Siehe, auch deine Verwandte Elisabeth hat in ihrem hohen Alter einen Sohn empfangen; schon der sechste Monat ist es bei ihr, die als unfruchtbar gilt; bei Gott ist ja kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Worte!“ (Lk 1,29-38)

(Helena Vurnik, Verkündigung.)

Maria ist zunächst verständlicherweise erschrocken über den Engel, aber sie fasst sich schnell und stellt ihm die schlichte Frage, wie das geschehen soll, was er ihr verkündet. Sie fragt nicht aus Zweifel – sie will einfach wissen, wie. Als Gabriel vorher bei dem Priester Zacharias war, um ihm die Geburt seines Sohnes, Johannes des Täufers, anzukündigen, hat auch Zacharias nachgefragt, aber auf andere Weise: „Woran soll ich dies erkennen? Bin ich doch ein Greis, und mein Weib steht in vorgerücktem Alter.“ (Lk 1,18) Er fordert ein Zeichen, obwohl er den Engel schon sieht, weil er eigentlich nicht glaubt, was dieser ihm sagt – und Gabriel gibt ihm wie gewünscht eins: „Siehe, du wirst stumm sein und nicht reden können bis zu dem Tage, da dies geschieht, weil du meinen Worten, die zu ihrer Zeit in Erfüllung gehen werden, nicht geglaubt hast.“ (Lk 1,20) Maria dagegen erhält keine Rüge von Gabriel, sondern einfach nur eine Antwort.

An ihrer Frage sieht man auch schon eins: Sie hat geplant, Jungfrau zu bleiben, auch obwohl sie schon verlobt war; hat wahrscheinlich ein Gelübde abgelegt, sich Gott als Jungfrau zu weihen, und ihr Verlobter muss es gewusst haben und einverstanden gewesen sein – eine normale Braut, der man die Geburt eines Kindes ankündigen würde, hätte es nicht nötig, nachzufragen, wie das denn passieren soll. Maria sagt es einfach als Tatsache: „da ich keinen Mann erkenne“.

Und als der Engel es ihr erklärt hat, weiß sie alles, was sie wissen muss; sie weiß, dass Gott nicht plant, ihr Gelübde aufzuheben; und weiter braucht sie nichts; sie sagt schlicht und einfach: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Worte.“ Sie stimmt ausdrücklich und bewusst zu, weil sie vollkommen auf Gott vertraut, auch ohne noch mehr Informationen. Laut dem apokryphen, also vermutlich teilweise legendarischen, Jakobusevangelium war Maria zu dieser Zeit 16 Jahre alt, also noch relativ jung, aber geistig sehr reif und zu ihrer Aufgabe bereit.

Alexandr Ivanov, Verkündigung.

Maria ist gleichzeitig demütig, klug, würdevoll.

Die ausführlichsten Worte, die wir von ihr haben, ist das Magnificat, den Lobpreis, den sie spricht, als sie gleich nach der Verkündigung ihre Verwandte Elisabeth, die Mutter Johannes des Täufers, besucht:

„Hoch preist meine Seele den Herrn, und mein Geist frohlockt in Gott, meinem Heiland. Denn er hat herabgeschaut auf seine kleine Magd. Siehe, von nun an werden alle Geschlechter mich seligpreisen. Denn Großes hat an mir der Mächtige getan, und heilig ist sein Name. Sein Erbarmen wächst von Geschlecht zu Geschlecht für die, welche ihn fürchten. Er übet Macht mit seinem Arme, zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Die Gewalthaber stürzt er vom Throne und erhöhet die Niedrigen. Die Hungernden erfüllt er mit Gütern, und die Reichen läßt er leer ausgehen. Er hat sich Israels, seines Knechtes, angenommen, eingedenk seines Erbarmens, wie er es unsern Vätern verheißen hat, dem Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“ (Lk 1,46-55)

Sie preist nicht sich selbst, sondern Gottes Wirken an ihr, ihr ist vollkommen klar, dass sie ihre Größe nicht aus sich selbst hat, aber sie weiß, dass diese Größe da ist und versteckt sie nicht verschämt. Da ist eine vollkommene Demut und Freude; sie jubiliert über das, was Gott Großes in ihr wirkt. Sie jubiliert auch darüber, dass Gott der Beschützer der Kleinen, Niedrigen ist und dass Er die Hohen, die Machthaber zur Verantwortung ziehen wird. Sie ist vollkommen sicher in Gott. Man könnte es Selbstbewusstsein oder Selbstsicherheit nennen, wenn man einen üblichen Begriff nehmen wollte, aber es ist wohl eher Gottesbewusstsein oder Gottessicherheit. Sie kennt die Verheißungen, die ihr Volk seit über tausend Jahren bekommen hat, ist sich ihrer Geschichte bewusst, und vertraut darauf.

C. S. Lewis (ein Anglikaner) schreibt einmal über sie:

„Bei Maria finden sich keine Verwünschungen, kein Hass, keine Selbstgerechtigkeit. Statt dessen stellt sie einfach fest: Er hat die Hoffärtigen zerstreut, die Machthaber gestürzt, Reiche leer ausgehen lassen […] und tut das nicht etwa in wildem Triumph, sondern – wer könnte es überhören? – in ruhiger und furchtbarer Freude.

Hier bin ich versucht, für einen Moment abzuschweifen auf eine Spekulation, die uns in einer Hinsicht vielleicht etwas beruhigt, während sie uns in einer anderen erschreckt. Die Christen sind sich leider nicht darüber einig, auf welche Weise die Mutter Gottes verehrt werden sollte, doch es gibt eine Wahrheit, an der wohl niemand zweifeln kann. Wenn wir an die Jungfrauengeburt glauben und wenn wir an die menschliche Natur unseres Herrn glauben (denn es ist ketzerisch, sich ihn als einen Menschen vorzustellen, in dessen Körper statt einer menschlichen Seele die zweite Person der Dreieinigkeit wohnte), dann müssen wir für diese Menschennatur auch an eine menschliche Vererbung glauben. Für diese gibt es nur eine Quelle (wiewohl in dieser Quelle das ganze wahre Israel vertreten ist). Wenn in Jesus ein eiserner Zug ist – dürfen wir nicht, ohne unehrerbietig zu sein, mutmaßen, woher er stammt? Sagten wohl die Nachbarn in seiner Kindheit von ihm: ‚Er ist ganz der Sohn seiner Mutter?‘ Das könnte die Härte mancher Dinge, die er zu oder von seiner Mutter gesagt hat, in ein neues und weniger schmerzliches Licht rücken. Wir dürfen annehmen, dass sie das sehr gut verstand. (Aus: C. S. Lewis, Die Psalmen)

Edward von Steinle, Madonnenkopf.

„Maria aber behielt alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen“ heißt es über sie bei der Weihnachtsgeschichte, als die Hirten zu ihr in den kleinen Stall, die Felsgrotte, kommen und erzählen, ihnen seien Engel erschienen und hätten zu ihnen von ihrem Sohn gesprochen (Lk 2,19).

Albert Edelfelt, Madonna.

Sie denkt immer daran, was Gott getan hat. Sie weiß vielleicht noch nicht alles, verkündet wahrscheinlich auch nicht gleich alles vor ihren Freunden und Nachbarn; sie bewahrt es in ihrem Herzen und denkt darüber nach, denn sie hat da viel nachzudenken. Sie weiß wohl auch, dass sie nie zum Ende damit kommen wird, Gottes Weisheit und Vorsehung zu betrachten. Auch an einer späteren Stelle, als sie ihren zwölfjährigen Sohn im Tempel findet, heißt es: „Seine Mutter bewahrte all diese Vorgänge in ihrem Herzen.“ (Lk 2,51)

Geburtsgrotte in der Geburtskirche in Bethlehem.

Sie ist arm; vermutlich nicht bettelarm (ihr Mann ist kein Tagelöhner oder Bettler, sondern Handwerker), aber doch arm, muss sparen und verzichten. Bei der Darstellung Jesu im Tempel heißt es, dass Maria und Josef das Opfer darbrachten, das bei der Geburt des Erstgeborenen dargebracht werden musste; normalerweise war das ein Lamm, für die Armen aber zwei Tauben, und sie brachten zwei Tauben dar. Sie führt das gewöhnliche schlichte Leben einer armen jüdischen Hausfrau in einer Kleinstadt, und ist zufrieden damit.

Mutmaßliches Geburtshaus Mariens, das von Engeln nach Loreto getragen worden sein soll, und in dem ein Altar und über dem eine Basilika errichtet wurden.

Sie ist vor allen Dingen Mutter, die Mutter des Herrn.

Jeanne Labrousse, Madonna und Kind.

Sie liebt ihren Sohn und zieht Ihn groß, sorgt sich um Ihn, ist eben Seine Mutter, mit allem, was dazugehört. Sie hört Seine ersten Worte, sie singt Ihn in den Schlaf, sie macht Ihm Essen, sie wechselt Seine Windeln. Sie merkt als erste, dass an Ihm etwas sehr Besonderes ist, das Er noch nicht allen zeigt; vielleicht ist Er auch noch ihr gegenüber zurückhaltend, aber vielleicht zeigt und sagt Er ihr auch schon manche Dinge, die Er den übrigen Menschen erst später zeigen und sagen wird. Sie lebt mit Ihm in der Zurückgezogenheit von Nazareth und lernt Ihn kennen wie niemand sonst.

Und Er bringt ihr auch – weil Er das 4. Gebot vollkommen erfüllt – die Liebe, die Ehrfurcht und den Gehorsam entgegen, den eine Mutter erwarten kann. Er ehrt sie; Er achtet auf ihre Worte; Er sorgt für sie, nachdem der hl. Joseph gestorben ist.

Viktor Vasnetsov, Muttergottes.

Da ist die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel:

„Seine Eltern gingen alljährlich nach Jerusalem zum Osterfeste. Als der Knabe zwölf Jahre alt war, zogen sie gemäß dem Festbrauch nach Jerusalem hinauf. Als die Tage vorüber waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der Jesusknabe aber blieb in Jerusalem zurück, ohne daß es seine Eltern merkten. Sie meinten, er sei bei der Reisegesellschaft, gingen eine Tagereise weit und suchten ihn bei den Verwandten und Bekannten. Da sie ihn aber nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn. Und es geschah nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel, wie er unter den Lehrern saß, ihnen zuhörte und sie fragte. Alle, die ihn hörten, gerieten außer sich über seine Einsicht, und seine Antworten. Als sie ihn sahen, waren sie entsetzt, und seine Mutter sagte ihm: Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist? Sie aber verstanden nicht, was er ihnen mit diesem Worte sagen wollte. Er zog mit ihnen nach Nazareth hinab und war ihnen untertan. Seine Mutter bewahrte all diese Vorgänge in ihrem Herzen. Jesus aber nahm zu an Weisheit, Alter und Wohlgefallen bei Gott und den Menschen.“ (Lk 2,41-52)

Maria ist keine Helikoptermutter; sie traut ihrem zwölfjährigen Sohn zu, bei der Großfamilie zu bleiben. Aber dann erlebt sie schreckliche Sorgen, wie sie jeder Mutter sehr wehtun müssen. Und es fragt sich hier wirklich: Wieso ist Jesus in Jerusalem geblieben, was genau musste Er hier manchen Menschen sagen, wobei ihnen vielleicht helfen, etwas zu verstehen, oder was hat Er in den ersten Tagen sonst noch getan, bevor Seine Eltern Ihn fanden? Wir wissen es einfach nicht; Maria hat es vielleicht auch (auf Erden) nie erfahren. Jesus sind seine Mutter und sein Pflegevater nicht egal, und gerade deswegen glaube ich, dass es einen besonderen Grund geben muss, aus dem Er ausgerechnet in einer solchen Weise Seine dreißigjährige Zurückgezogenheit, das Schweigen Seiner Vorbereitungszeit brach; Er hatte den Gelehrten wirklich etwas zu sagen, das sie in diesem Moment hören mussten. Er weist seine Eltern zwar in gewisser Weise zurecht, erwartet irgendwo, dass sie (die Ihn so sehr kannten) hätten ahnen können, dass Er nicht einfach irgendwo in der Stadt verloren gegangen war, aber hier tadelt Er (ganz leicht) einen Fehler aus Angst und Besorgnis, keine Sünde.

In den Fußnoten zur Keppler-Bibel heißt es zu dem Vers: „Wusstet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?“ als Anmerkung: „Das Festhalten am Willen des Vaters ist für Jesus die oberste Norm. Darin geht er ganz auf, auch wenn er dabei der Mutter und dem Pflegevater Schmerz bereiten muß. Nicht vom Hause des Vaters ist das Wort zu verstehen.“, der Vers wird also so interpretiert, dass Jesus im Willen des Vaters ist. Und offensichtlich wollte Gott der Vater von Ihm in diesem Moment, dass Er irgendetwas im Tempel tut, und Er sagt Seinen Eltern: Habt ihr euch nicht gedacht, dass ich nicht einfach verloren gegangen sein kann, sondern einen Grund gehabt haben muss, zurückzubleiben? Marias Frage war erlaubt und berechtigt und Er sagt ihr: Keine Sorge, du weißt doch, dass ich das aus einem guten Grund getan haben muss.

Und dann heißt es, Er war Seinen Eltern untertan oder gehorsam. Er, der menschgewordene Gott, hat sich selbst daran gebunden, konkreten Menschen gehorsam zu sein. Den Geboten Gottes war Er (in Seiner Menschheit) sowieso gehorsam, und man wird auch nicht erwarten können, dass Seine Eltern je etwas von Ihm verlangten, das diesen Geboten widersprochen hätte. Aber Er hat sich daran gebunden, mit besonderer Ehrfurcht auch ihre Weisungen oder Bitten zu beachten, etwas zu tun, das er nicht allein schon aufgrund der göttlichen Gebote hätte tun müssen. Daher bitten wir auch so besonders gerne Maria, und an zweiter Stelle den hl. Joseph, um ihre Fürbitte bei Ihm. Er ist in Seiner verklärten Menschheit im Himmel kein Kind mehr, sondern erwachsen, aber Er achtet weiterhin Seine Mutter und Seinen Pflegevater, und wenn sie Ihn bitten, einer Seele noch mehr als nötig zu helfen oder ihr besondere Gnaden zu erweisen oder noch mehr Nachsicht mit ihr zu üben, als Er sowieso schon geübt hätte, wird Er gerne geneigt sein, dem zu entsprechen.

Maria ist gleichzeitig Jungfrau und Ehefrau. Sie hat sich als Jungfrau Gott versprochen, für Ihn gelobt, auf etwas zu verzichten, und ihr Mann hat sie geheiratet, um sie zu behüten und zu lieben, und auch bewusst auf eine normale Ehe verzichtet.

Edward von Steinle, Vermählung Mariä.

Trotzdem liebten sich die zwei als Eheleute. Es war eine wirkliche Ehe, auch wenn es keine normale Ehe war. Wir können davon ausgehen, dass Maria eine sehr gute, sehr liebevolle Ehefrau war. Der hl. Joseph konnte auf den Engel hören und voller Liebe ein Kind großziehen, das nicht sein eigenes war, weil er völlig darauf vertrauen konnte, dass Maria keusch und treu und gut war.

Die Theologen und Kirchenväter sind sich ja uneinig, warum er zuerst vorhatte, Maria ohne öffentliches Aufsehen einen Scheidebrief zu geben (Mt 1,19): Die einen meinen tatsächlich, er habe hier schon geahnt/geglaubt, dass Gott am Werke sein könnte, und sich nicht für würdig gehalten, diese Frau als seine Frau zu haben (daher auch der Satz des Engels, er sollte sich nicht fürchten, Maria zu sich zu nehmen). Vielleicht hatte sie ihm die Wahrheit gesagt und er hatte ihr schon geglaubt, weil er ihren Charakter kannte. Die anderen meinen, er hätte wirklich gedacht, sie wäre von einem anderen Mann schwanger; vielleicht hatte er ihre Schwangerschaft bemerkt, bevor sie gewusst hatte, wie sie es ihm erklären sollte. Vielleicht war er völlig verwirrt und zornig, konnte nicht glauben, wie ein so gutes Mädchen verführt worden war, dachte möglicherweise, jemand hätte sie genötigt oder Schlimmeres. Auf jeden Fall machte alles für ihn wieder Sinn, nachdem er die Botschaft des Engels bekommen hatte.

Modesto Faustini, Tod Josephs.

Auch sein Pflegesohn ehrte und liebte ihn sehr

Feministinnen mögen Maria nicht besonders, gerade weil sie Jungfrau, Ehefrau und Mutter zugleich war und damit quasi ein unerreichbares Idealbild darstelle, mit dem man alle anderen Frauen herabwürdigen könne. Dabei ist das doch gerade der Punkt: Sie ist der vollendete Mensch, die vollendete Frau, und vereint Dinge in sich, die andere nicht in sich vereinen können. Natürlich kann keine andere sie erreichen. Einen solchen Menschen muss man nicht beneiden, sondern bewundern. Keine andere Frau ist wie Maria, genau wie kein Mann wie Joseph – oder gar wie Jesus – ist. Männer dürfen nicht ihren Frauen vorhalten, dass sie nicht wie die hl. Jungfrau sind (wobei ich keine Männer kenne, die das täten), und Frauen ihren Männern nicht, dass sie nicht wie der hl. Joseph sind, aber beide danach streben, ihrem jeweiligen Vorbild ähnlich zu werden.

Maria ist Jungfrau vor, in und nach der Geburt.

Heutige Protestanten behaupten oft, sie habe nach Jesus noch andere Kinder gehabt, sei also keine Jungfrau „nach der Geburt“ geblieben. Die Bibel legt freilich nichts dergleichen nahe. Da ist von „Brüdern und Schwestern“ Jesu die Rede, aber damit waren oft alle möglichen Verwandten gemeint (z. B. nennt Abraham seinen Neffen Lot seinen Bruder). Von zweien dieser „Brüder“, nämlich Joses und Jakobus, wissen wir auch, wer ihre Eltern waren – eine andere Maria, eine Schwester (Schwägerin?) von Maria, und ein Mann namens Klopas/Kleophas; auch diese Maria stand mit der Gottesmutter Maria unter dem Kreuz. (Vgl. folgende Stellen: „Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.“ Joh 19,25. „Auch einige Frauen sahen von Weitem zu, darunter Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus dem Kleinen und Joses, sowie Salome“ Mk 15,40. „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?“ Mk 6,3. „Zu ihnen gehörten Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.“ Mt 27,56.) Dann wird da behauptet, Mt 1,25 lege nahe, dass Joseph nach der Geburt Jesu mit Maria geschlafen habe: „Aber er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar.“ Aber nichts dergleichen ist zwingend. Das Wort „bis“ kann in so einem Satz auch einfach in dem Sinne von „er erkannte sie nicht und dann gebar sie einen Sohn“ verwendet werden. Zum Vergleich: Wenn man sagt „er vertraute auf Gott, bis dann sein Gebet erhört wurde“, wird damit wohl kaum impliziert, derjenige habe nach der Gebetserhörung nicht mehr auf Gott vertraut. Und es wird wohl selbst der entschiedenste Protestant nicht behaupten wollen, Maria und Joseph hätten gleich nach der Geburt im Stall von Bethlehem prompt ihre Ehe vollzogen.

Solche Protestanten behandeln Maria tatsächlich wie eine Mischung aus Leihmutter und Kindermädchen – Gott benutzt sie, um ein paar Aufgaben zu erfüllen, aber diese Aufgaben machen nicht ihr Leben und ihre Identität aus. Aber sie war die Mutter Jesu, des Gottmenschen. Es hat etwas beinahe Obszönes, sich vorzustellen, dass noch andere Kinder diese Gebärmutter beanspruchten, in der Gott Mensch wurde. Das ist, als würde man auf dem Altar in der Kirche ein Sommerpicknick veranstalten. Normale Kinder zu bekommen ist etwas absolut Wunderbares, da entsteht ein neues Menschenwesen, das vorher nicht existiert hat und das Gottes Abbild trägt, aber es ist etwas ganz anderes als die Menschwerdung Gottes. Maria ist wie die Bundeslade, wie der Tempel; reserviert für den Herrn. „Da sprach der Herr zu mir: Dies Tor soll verschlossen bleiben, es wird nicht geöffnet werden und niemand soll durch dasselbe eintreten; denn der Herr, der Gott Israels, ist durch dasselbe eingezogen und darum soll es geschlossen bleiben.“ (Ez 44,2) Ein Jakobus oder Joses hätte nicht das Recht gehabt, diese Gebärmutter zu beanspruchen; es wäre absolut unangemessen gewesen. Es ist genug der Ehre, dass sie Cousins Gottes sein durften.

Maria hatte, wie oben gesehen, schon vorher vor, Jungfrau zu bleiben. Nicht, weil eine normale Ehe irgendwie schlecht wäre, sondern weil sie ganz besonders Gott geweiht sein und für Ihn auf etwas Gutes verzichten wollte. Und der Bereich der Sexualität ist schon einer, der für einige Probleme und Verwicklungen sorgen kann; davon hält sich Maria einfach fern. Sie ist ungeteilt und rein für Gott da.

Feminstinnen mögen Maria auch nicht, weil sie als so brav, so gehorsam gilt. Aber das ist nun mal etwas Gutes. Maria ist nicht duckmäuserisch und sie verkündet triumphierend, dass Gott ungerechte Herrscher zur Rechenschaft ziehen wird, aber sie hat absolut kein Problem damit, sich gerechter Herrschaft einfach unterzuordnen, ihren eigenen Willen mal hintanzustellen. Sie hat zuerst ihren Eltern gehorcht, dann ihrem Ehemann gehorcht; und vor allem hat sie Gott gehorcht. Gleichzeitig hat sie von ihrem Kind in manchen Dingen, vor allem in Seiner Kindheit, Gehorsam beansprucht; denn nur, wer gut gehorchen kann, kann auch gut befehlen.

Sie ist Jungfrau „in der Geburt“, heißt es in der Lehre. Da kratzen sich natürlich immer wieder Leute am Kopf und denken sich: Hä? Was hat Jungfräulichkeit mit Geburt zu tun? Die Definition von Jungfräulichkeit ist „keinen Sex gehabt haben“, nicht „ein unverletztes Hymen haben“ (das ja bei einer normalen Geburt verletzt werden würde, wenn es das nicht schon beim Sex geworden wäre). Das ist der Kirche schon auch klar. (Deswegen interpretiert z. B. auch Ludwig Ott in seinem Handbuch der Dogmatik diese Sache eher in einem anderen Sinn, Fehlen von sexuellen Regungen zu absolut jeder Zeit.) Aber wieso sollte Maria nicht auch körperlich unverletzt sein? Das ist gerade sehr angemessen, aus zwei Gründen: Erstens, das ist normalerweise ein Zeichen der Jungfräulichkeit, wie das jeder Frauenarzt bestätigen kann, auch wenn es nicht die Jungfräulichkeit selbst ist; zweitens, die Schmerzen bei der Geburt sind eine Folge der Erbsünde, wie Gott zu Eva sagte; da ist es angemessen, dass Maria davor bewahrt wurde; dass ihr Sohn sie zumindest in diesem freudigen Moment Seiner Geburt vor allen Schmerzen bewahren wollte.

Denn sie ist „voll der Gnade“, wie der Engel Gabriel zu ihr gesagt hat. Gott hat sie vom ersten Augenblick ihres Lebens an (also ihrer Empfängnis) vor der Erbsünde bewahrt, was die Kirche als die Unbefleckte Empfängnis bezeichnet. Nicht so, als ob sie keine Erlösung gebraucht hätte; sie nennt Gott im Magnificat ihren Heiland. Aber Gott hat ihr diese Erlösung schon im Vorhinein angerechnet. Sie sollte ganz rein sein, weil sie eben ein Tempel für Gott sein sollte. Sie musste sich sicher auch mal die Hände schmutzig machen, aber ihre Seele war rein. Sie ist frei von bösen Neigungen, die die Folge der Erbsünde sind, und sie hat auch keine einzige persönliche Sünde begangen.

Maria ist in dieser Hinsicht das, was alle Menschen hätten sein sollen, was Eva vor dem Sündenfall war, sie ist die zweite Eva, die reine Idee Gottes vom Menschen, und sie hat das nicht wie Eva verspielt, sondern bewahrt. Gott hat ihr so viel Gnade gegeben, dass sie niemals auch nur im geringsten gesündigt hat.

Maria tröstet Eva, Schwester Grace Remington OCSO.

Sie kennt dennoch das Leid; insoweit nahm sie, wie auch ihr Sohn, Folgen der Erbsünde ohne eigene Schuld auf sich, einige derjenigen Folgen der Erbsünde, die kein moralisches, sondern ein physisches Übel sind. Schon der hl. Simeon sagte es ihr im Tempel voraus: „Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist bestimmt zum Fall und zum Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem man widerspricht; deine eigene Seele aber wird ein Schwert durchdringen. So werden die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.“ (Lk 2,34f.)

Schon die Geburt Jesu fand unter schwierigen Umständen statt, aber dann, nachdem die Familie aus dem Tempel noch einmal nach Bethlehem zurückgekehrt war, kamen auch die drei Weisen aus dem Morgenland, und durch sie wurde König Herodes auf das Kind aufmerksam, und Joseph erhält eine Warnung im Traum. Er gehorcht dieser Warnung und Maria vertraut ihm und geht sofort mit ihm nach Ägypten.

Eugène Girardet, Flucht nach Ägypten.

Man kann davon ausgehen, dass sie dort schon einigermaßen zurechtgekommen sein werden; vielleicht fanden sie Anschluss an die jüdische Gemeinde in Alexandria, und Joseph hatte einen Beruf, der überall nützlich war; und dann waren da noch die Geschenke von den drei Weisen. Aber trotzdem machte ihr Sohn seine ersten Schritte in einem fremden Land, zwischen Tempeln mit Tiergöttern, und Maria wusste wahrscheinlich nicht, wie es ihrer Verwandtschaft in Nazareth ging, und auch nicht, ob Herodes irgendwann seine Finger nach Ägypten ausstrecken würde und sie weiter fliehen müssten.

Aber viel schlimmer war es, als sie sehen musste, wie ihr Sohn verhaftet und verurteilt wurde, wie er ans Kreuz genagelt wurde und dort stundenlang hing und dann starb, und schließlich abgenommen und ihr in den Schoß gelegt wurde, bevor sie ihn mit ein paar seiner Anhänger in ein nahes Grab legen musste. Er begann sein menschliches Leben in ihrem Schoß, und nachdem er es beendet hatte, wurde er wieder in ihren Schoß gelegt. Sie vereinigte ihre Schmerzen mit Seinen, als sie ohnmächtig zusehen musste, wie Er litt. Schon menschliche Mütter sind oft so; meine Mutter (ich liebe sie sehr) sagt immer wieder Dinge wie „wenn es meinen Kindern gut geht, geht es mir auch gut“ oder „es ist das Schlimmste, wenn es deinen Kindern schlecht geht“. Aber keine Mutter konnte so sehr lieben und so sehr leiden wie Maria. Sie hätte nie gewollt oder von Ihm verlangt, dass Er dem Auftrag des Vaters ausweicht; aber das machte ihr Leiden nicht geringer.

In der Offenbarung des Johannes taucht Maria auch wieder auf:

„Am Himmel erschien ein großes Zeichen: Ein Weib, bekleidet mit der Sonne, der Mond zu seinen Füßen und eine Krone von zwölf Sternen auf seinem Haupte. Es ist gesegneten Leibes und schreit in seinen Wehen und Geburtsnöten. Und ein anderes Zeichen erschien am Himmel: Siehe, ein großer, roter Drache mit sieben Häuptern; zehn Hörnern und sieben Kronen auf seinen Häuptern. Sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels weg und warf sie zur Erde. Der Drache stellte sich hin vor das Weib, dessen Stunde bevorstand, um nach der Geburt ihr Kind zu verschlingen. Es gebar einen Sohn, der alle Völker mit eisernem Zepter regieren sollte, und sein Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Throne. Das Weib aber floh in die Wüste, wo von Gott ein Ort für es bereitet war, um dort zwölfhundertsechzig Tage lang gepflegt zu werden. […]

Als der Drache sah, daß er zur Erde herabgestürzt sei, verfolgte er das Weib, das den Knaben geboren hatte. Dem Weibe aber wurden beide Flügel des großen Adlers gegeben, damit es an seine Stätte in der Wüste fliege, wo es eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit ernährt wird, fern von der Schlange. Die Schlange spie aus ihrem Rachen Wasser dem Weibe nach gleich einem Strome, damit es von dem Strome fortgerissen werde. Aber die Erde half dem Weibe. Sie öffnete sich und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Rachen gespien hatte. Da ergrimmte der Drache gegen das Weib und begann Krieg zu führen mit seinen übrigen Kindern, die Gottes Gebote halten und das Zeugnis Jesu [Christi] bewahren.“ (Offb 12,1-6.13-17)

Es geht hier wohl kaum um Geburtsschmerzen bei der Geburt in Bethlehem, sondern symbolisch um alle Schmerzen, die Marias Mutterschaft ihr bereitet hat, die sie durchstehen musste, während der Teufel (erfolglos) gegen sie und ihren Sohn kämpfte. Gott behütete sie weiterhin, auch nachdem ihre hauptsächlichen Schmerzen vorbei waren und ihr Sohn die Erlösung gewirkt hatte und in den Himmel zurückgekehrt war.

Ihr Sohn muss sich sehr gefreut haben, als Er sie schließlich am Ende ihres Lebens in den Himmel aufnehmen und dort mit allen Ehren einer Königinmutter ehren konnte. Sie stand bei Ihm unter dem Kreuz; nun hat Er den Siegespreis des Kreuzes errungen und lässt sie daran teilhaben. Es ist nicht ganz sicher, ob Maria gestorben ist oder ohne zu sterben von Gott in den Himmel aufgenommen wurde; denn den Tod, die Strafe der Sünde, hätte sie nicht verdient. Aber wahrscheinlich ist sie gestorben, um ihrem Sohn gleich zu werden, um auch die Trennung von Leib und Seele zu leiden, die Er gelitten hat. Und dann hat Er sie wieder auferweckt und mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen, was bei uns allen erst am Jüngsten Tag passieren wird, wenn sich die Seelen im Himmel wieder mit ihren Leibern vereinigen. Der Körper, in dem Gott Mensch wurde, sollte nicht verwesen. (Es gibt daher auch keine Reliquien Mariens, außer ein paar Haaren.)

Fra Angelico, Krönung Mariens.

Sie musste ein wenig darauf warten, nachdem ihr Sohn auferstanden war und in den Himmel aufgefahren war. Sie empfing mit den Aposteln am Pfingsttag den Heiligen Geist, und dann muss sie noch bei dem hl. Apostel Johannes in Jerusalem und Ephesus einige Jahre oder vielleicht Jahrzehnte gelebt haben. Sie wirkte weiter; sie war es wahrscheinlich, die dem hl. Lukas all die Begebenheiten aus Jesu Kindheit erzählte, und sie hat sicher auch die anderen Christen gestärkt. Die Einzelheiten sind uns verborgen; Maria ist demütig und musste ihr Wirken nicht vor aller Welt bekannt wissen. Und bei jeder Messe, die der hl. Johannes feierte, muss sie ihren Sohn noch einmal empfangen haben; Er, der von Gott in ihre Gebärmutter gelegt wurde, wurde jetzt in ihren Mund gelegt und nährte sie. Vielleicht sprach Er zu ihr: Noch eine kleine Weile, dann siehst du mich wieder richtig; jetzt bin ich unter dieser Gestalt mit dir.

Die Jungfrau Maria empfängt die Kommunion vom hl. Johannes.

Und Maria ist nicht nur die Mutter Jesu, sie ist auch unsere Mutter. Er hat sie zunächst unter dem Kreuz Johannes zur Mutter gegeben (daraus kann man auch was lernen: wer, anders als die anderen Apostel, unter dem Kreuz bleibt und ausharrt, steht auch unter dem besonderen Schutz Mariens), aber sie hat nun noch eine viel größere Kinderschar, alle, die ihr Sohn zu Gotteskindern gemacht, also als seine Geschwister adoptiert hat – natürlich ist sie auch deren Mutter.

Edward von Steinle, Maria, Schirmherrin der Christenheit.

Sie hat schon zur Zeit des Erdenlebens Jesu bei ihm für andere gebeten. Auf ihre Initiative hat Jesus Sein erstes öffentliches Wunder gewirkt. Bischof Fulton Sheen schreibt über die Hochzeit zu Kana:

„Johannes der Evangelist, der bereits als Jünger erwählt worden war, war bei diesem Fest anwesend; und er war es, der Augen- und Ohrenzeuge dessen war, was Maria in Kana tat. Er war auch mit ihr am Fuß des Kreuzes, und er zeichnete beide Ereignisse treu in seinem Evangelium auf. Im Tempel und am Jordan erhielt unser Herr den Segen und die Billigung Seines Vaters, Sein Werk der Erlösung zu beginnen. In Kana erhielt Er die Einwilligung Seines menschlichen Elternteils. Später, in der schrecklichen Einsamkeit von Kalvaria, würde ein dunkler Augenblick kommen, in dem Sein Vater sich scheinbar von Ihm zurückzuziehen schien, und Er den Psalm zitieren würde, der beginnt mit:

‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘ Psalm 21,1

Ein weiterer Augenblick würde kommen, in dem Er sich von Seiner Mutter zurückzuziehen schien:

‚Frau, siehe, dein Sohn.‘ Johannes 19,26

Als der Wein in Kana ausging, ist es interessant, dass Maria mehr an die Gäste dachte als der Speisemeister; denn es war sie, und nicht er, die ihren Bedarf an Wein bemerkte. Maria wandte sich an ihren Sohn in einem vollkommenen Geist des Gebets. In vollkommener Sicherheit und Vertrauen auf Seine Barmherzigkeit, sagte sie:

‚Sie haben keinen Wein mehr.‘ Johannes 2,3

Es war keine persönliche Bitte; sie war schon eine Mediatrix [Mittlerin] für alle, die die Fülle der Freude suchten. Sie war nie nur eine Zuschauerin, sondern eine voll Beteiligte, die sich bereitwillig mit den Nöten anderer befasst. Die Mutter nutzte die besondere Macht, die sie als Mutter über ihren Sohn hatte, eine Macht, die von gegenseitiger Liebe geschaffen wird. Er antwortete ihr mit scheinbarem Zögern.

‚Frau, was ist das mir und dir? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.‘ Johannes 2,4

Zuerst betrachte die Worte: ‚Was ist das mir und dir?‘ Das ist ein hebräischer Ausdruck, den man schwer auf Englisch übersetzen kann. Der hl. Johannes übertrug ihn sehr wörtlich ins Griechische, und die Vulgata bewahrt diese Wörtlichkeit in ‚Quid mihi et tibi‘, was bedeutet: ‚Was mir und dir?‘ […]

Um vollkommener zu verstehen, was Er meint, betrachte die Worte ‚Meine Stunde ist noch nicht gekommen‘. Die ‚Stunde‘ bezieht sich offensichtlich auf Sein Kreuz. Immer, wenn das Wort ‚Stunde‘ im Neuen Testament gebraucht wird, wird es in Beziehung zu Seinem Leiden, Seinem Tod und Seiner Verherrlichung gebraucht. […]

In Kana verwies unser Herr auf Kalvaria und sagte, dass die Zeit, die dafür bestimmt war, die Aufgabe der Erlösung zu beginnen, noch nicht da war. Seine Mutter bat um ein Wunder; Er implizierte, dass ein Wunder, das als ein Zeichen Seiner Göttlichkeit gewirkt werden würde, der Beginn Seines Todes sein würde. In dem Augenblick, in dem Er sich vor den Menschen als der Sohn Gottes zeigte, würde Er ihren Hass auf sich ziehen, denn das Böse kann die Mittelmäßigkeit dulden, aber nicht das höchste Gute. […]

Es gab in Seinem Leben zwei Gelegenheiten, bei denen Seine menschliche Natur eine Unwilligkeit zu zeigen schien, Seine Last des Leidens auf sich zu nehmen. Im Garten bat Er Seinen Vater, ob es möglich wäre, Seinen Kelch des Leidens wegzunehmen. Aber gleich danach ergab Er sich in den Willen des Vaters: ‚Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.‘ Dasselbe scheinbare Widerstreben zeigte sich auch gegenüber dem Willen Seiner Mutter. Kana war eine Probe für Golgotha. […] Es gibt eine bemerkenswerte Parallele zwischen der Bitte Seines Vaters an Ihn um Seinen öffentlichen Tod und der Bitte Seiner Mutter an Ihn um Sein öffentliches Leben. Der Gehorsam triumphierte in beiden Fällen; in Kana wurde das Wasser in Wein verwandelt; auf Kalvaria wurde der Wein in Blut verwandelt.

Er sagte Seiner Mutter, dass sie quasi ein Todesurteil über Ihn sprach. Es gibt wenige Mütter, die ihre Söhne auf das Schlachtfeld schicken; hier war eine, die tatsächlich die Stunde des tödlichen Konflikts ihres Sohnes mit den Mächten des Bösen beschleunigte. Wenn Er ihrer Bitte nachgab, würde Er Seine Stunde des Leidens und der Verherrlichung beginnen. Zum Kreuz würde Er mit einem doppelten Auftrag gehen, von Seinem Vater im Himmel und von Seiner Mutter auf Erden.

Sobald Er zugestimmt hatte, Seine ‚Stunde‘ zu beginnen, fuhr Er damit fort, ihr zu sagen, dass ihre Beziehung mit Ihm von nun anders sein würde. Bis dahin, während Seines verborgenen Lebens, war sie als die Mutter Jesu bekannt gewesen. Aber nun, da Er das Werk der Erlösung begonnen hatte, würde sie nicht mehr länger nur Seine Mutter sein, sondern auch die Mutter all Seiner menschlichen Brüder, die Er erlösen würde. Um diese neue Beziehung zu signalisieren, spricht Er sie jetzt nicht mit ‚Mutter‘ an, sondern als die ‚Universelle Mutter‘ oder ‚Frau‘. Welchen Klang diese Worte für Menschen hatten, die im Licht des Alten Testaments lebten. Als Adam fiel, sprach Gott zu Satan und sagte voraus, dass Er Feindschaft zwischen seinen Samen und ‚die Frau‘ setzen werde, denn das Gute würde ebenso Nachkommenschaft haben wie das Böse. […] Die ‚Frau‘ hatte einen Samen, und es war ihr Samen, der jetzt bei dem Hochzeitsfest stand, der Samen, der zu Boden fallen und sterben würde und dann in neues Leben ersprießen würde.

In dem Augenblick, in dem die ‚Stunde‘ begann, wurde sie ‚die Frau‘; sie würde auch andere Kinder haben, nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist. Wenn Er der neue Adam sein sollte, sollte sie die neue Eva sein, und die Mutter dieser neuen Menschheit. […] Johannes, der bei dieser Hochzeit war, war auch am Höhepunkt der ‚Stunde‘ auf Kalvaria da. Er hörte, wie unser Herr sie vom Kreuz aus ‚Frau‘ nannte, und dann zu ihr sagte: ‚Siehe, dein Sohn.‘ Es war, als ob er, Johannes, jetzt das Symbol ihrer neuen Familie war. Als unser Herr den Sohn der Witwe von Naim von den Toten auferweckte, sagte er: ‚Gebt ihn seiner Mutter zurück.‘ Am Kreuz tröstete Er Seine Mutter, indem Er ihr einen weiteren Sohn gab, Johannes, und mit ihm die ganze erlöste Menschheit.

Bei der Auferstehung gab Er sich ihr zurück, um ihr zu zeigen, dass, obgleich sie neue Kinder gewonnen hatte, sie Ihn nicht verloren hatte. […]

Als Er andeutete, dass Sein erstes Wunder unweigerlich zu Seinem Kreuz und Tod führen würde, und dass sie von nun an eine Schmerzensmutter werden würde, wandte sie sich sofort an den Speisemeister [genau genommen an die anderen Diener, Anmerkung von mir – Crescentia] und sagte: Alles, was Er euch sagt, das tut.

Was für ein glorreiches Abschiedswort! Sie spricht in der Schrift nie mehr. Sieben Mal hatte sie in den Schriften gesprochen, aber nun, da Christus sich selbst gezeigt hatte, wie die Sonne im vollen Glanz Seiner Gottheit, wurde unsere liebe Frau willig überschattet wie der Mond, wie Johannes sie später beschrieb.“

Jesus hat auch in Seiner Menschheit nie gesündigt, hätte gar nicht sündigen können, aber Er hatte eben eine menschliche Natur, und dieser menschlichen Natur half der Anstoß Seiner Mutter, schon etwas früher mit Seinem Wirken zu beginnen, als Er es sonst vielleicht getan hätte. Auch im Ölgarten hat Er immer nur darum gebeten, dass der Kelch an Ihm vorübergeht, wenn es möglich ist, und wusste dabei selbst schon, dass es das nicht war, wenn Er Seinen Auftrag so vollkommen erfüllen wollte, wie Er selbst es eigentlich entschieden hatte. (Rein theoretisch hätte auch weniger Leid genügt, um uns zu erlösen, da all das Leid des Gottmenschen einen unendlichen Sühnewert hat. Jesus ging also aus Gehorsam und aus freiwilligem Entschluss ans Kreuz.) Und Maria wollte eben wirklich, dass ihr Sohn Seinen Auftrag erfüllt, egal wie schmerzlich es wird (die Einzelheiten konnte sie nur ahnen); sie wollte kein Hindernis für Ihn aus falsch verstandener Liebe sein. Sie wollte, dass Er das Richtige tut, wie es jede gute Mutter wollen sollte, die nicht will, dass ihr Kind sich vor sich selber schämen muss, sondern will, dass es stolz sein kann.

Es gibt u. a. noch zwei Stellen in der Bibel, in denen Maria vorkommt. Da wäre Lk 11,27f.:

„Es geschah aber, als er so redete, erhob eine Frau aus der Volksmenge ihre Stimme und sprach zu ihm: Selig der Leib, der dich getragen, und die Brust, die du gesogen hast. Er erwiderte: Ja freilich, selig, die das Wort Gottes hören und beobachten.“

Gott hätte rein theoretisch Seinen Sohn auch durch eine unwillige und/oder böse Frau gebären lassen können; Seine Mutter ist nicht allein durch die körperliche Verwandtschaft selig. Die Kepplerbibel zitiert in den Fußnoten den hl. Augustinus: „Seliger ist Maria durch den Glauben an Christus als durch die Empfängnis seiner Menschheit. Sogar die mütterliche Verwandtschaft hätte ihr nichts genützt, hätte sie nicht freudiger Jesus im Herzen als im Schoße getragen.“ Aber diese körperliche Verwandtschaft und ihre geistige Nähe zueinander, Marias Gehorsam, das alles hängt so eng zusammen. Maria ist gerade dadurch Mutter Gottes geworden, dass sie das Wort Gottes gehört und beobachtet hat, dass sie dazu gesagt hat: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn! Mir geschehe nach deinem Worte.“ Gott hat es nicht für passend befunden, Seinen Sohn durch eine unwillige und/oder böse Frau gebären zu lassen. Man beachte auch: Diese Stelle ist im Lukasevangelium, dessen Autor am ausführlichsten die Kindheitsgeschichte Jesu beschreibt, und zwar vor allem aus Marias Sicht. Vielleicht erzählte Maria selbst dem Evangelisten auch diese Begebenheit, um zu vermitteln: Auch ihr seid selig wie ich, wenn ihr auf das Wort Gottes hört. Dazu passt auch eine zweite Stelle, die auch Lukas berichtet, und zwar eher gegen Beginn seines Evangeliums (Lk 8,19-21):

„Seine Mutter und seine Brüder kamen zu ihm, konnten aber wegen der Volksmenge nicht zu ihm gelangen. Man meldete ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen. Er aber entgegnete ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind die, welche das Wort Gottes hören und es befolgen.“

Markus berichtet noch ausführlicher (Mk 3,20-21.31-35):

„Als er nach Hause kam, versammelte sich wieder das Volk, so daß sie nicht einmal essen konnten. Da die Seinen dies hörten, gingen sie hin, um sich seiner zu bemächtigen. Denn sie sagten: Er ist außer sich. […] Nun kamen seine Mutter und seine Brüder. Sie blieben draußen stehen, schickten zu ihm hinein und ließen ihn rufen. Das Volk saß um ihn her. Man sagte ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder sind draußen und suchen dich. Da antwortete er ihnen: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er schaute auf die, welche rings um ihn her saßen, und sprach: Sehet da meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen Gottes tut, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter.“

Die Cousins und vielleicht die Onkel und Tanten Jesu waren erschrocken darüber, wie Jesus auftrat, den sie doch so lange gekannt hatten. Man kann davon ausgehen, dass Maria diese Gefühle nicht teilte, aber sie ging trotzdem mit ihnen, wollte vielleicht gerade, dass sie Jesus gegenüberstehen und dann sehen würden, dass er kein Verrückter war, den man wieder schön nach Hause schaffen sollte. Und dann will Jesus sie nicht sofort sehen, weil Er noch anderes zu tun hat. Das ist keine Zurückweisung: Er liebt Seine Mutter, und auch Seine „Brüder“ (besonders Jakobus) und Seine Tante Maria, die Schwester (Schwägerin?) Seiner Mutter und Frau des Klopas/Kleophas/Alphäus, finden sich im späteren Verlauf der Evangelien an Seiner Seite und erfüllen wichtige Aufgaben. Jakobus wurde Bischof von Jerusalem und Maria Kleophae war unter den Frauen am Grab Jesu. Aber Er zeigt ihnen: Auch all diese Menschen, die mich jetzt hören, nehme ich in meine Familie auf und auch um sie muss ich mich kümmern; ich betreibe keine Vetternwirtschaft. Wenn ihr bei mir sein wollt, dann kommt mit mir und helft mir, haltet mich nicht ab von dem, was meine Pflicht ist. Und zur Zeit Seines Leidens in Jerusalem sehen wir tatsächlich auch Seine Verwandtschaft dort. Er sagt damit auch zu jeder Christin: Auch du kannst meine Schwester und Mutter sein. Du kannst mich in deinem Leben zur Welt bringen und zu anderen tragen, du kannst mich um etwas bitten und ich werde dich erhören.

Maria ist die Tochter Gottes des Vaters, die Mutter Gottes des Sohnes, die Braut Gottes des Heiligen Geistes. Sie ist ganz mit Gott und deshalb auch mit uns. Sie lächelt und nickt uns zu und sagt: „Tapfer sein. Mein Sohn wird siegen und du, mein Adoptivkind, mit Ihm.“

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2 Gedanken zu “Maria, voll der Gnade

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