Über schwierige Bibelstellen, Nachträge zu Teil 19 – weitere irritierende Aussagen Jesu

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/

 

Und wieder mal was vergessen. Mir ist nach der Veröffentlichung meines letzten Artikels aufgefallen, dass ich nicht alle Stellen berücksichtigt hatte, die man berücksichtigen könnte, also bin ich die Evangelien noch einmal ganz genau durchgegangen. Et voilà.

(Zu Markus 9,1 / Matthäus 16,28 / Lukas 9,27 („Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn in seinem Reich kommen sehen“) siehe außerdem den ersten Kommentar unter Teil 19: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-19-irritierende-aussagen-und-taten-jesu-einige-gesammelte-stellen/ und zum Gleichnis mit den Talenten siehe diesen Artikel hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/11/20/ueber-fehlinvestitionen-risiken-und-vorsicht-nach-dem-massstab-des-himmelreiches/ Speziell zu den Kindheitsgeschichten, zur Bergpredigt, zum Thema Wunder und Dämonenaustreibungen, und zu moderner Kritik am Johannesevangelium werde ich außerdem in den folgenden Artikeln noch kommen.)

 

1) Keine Eide?

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs! Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.“ (Matthäus 5,33-37)

Die Schwierigkeit besteht hier darin, dass die Kirche das Schwören von Eiden immer erlaubt hat, während Jesus es zu verbieten scheint; tatsächlich wurden Sekten wie die Anabaptisten des 16. Jahrhunderts dafür verurteilt, dass sie Eide grundsätzlich ablehnten.

Aber Jesus verbietet hier das Schwören von Eiden nicht ganz und gar; er kritisiert das leichtfertige Schwören und sagt, dass man nicht nur dann die Wahrheit sagen soll, wenn man schwören muss. Er kritisiert die Einstellung, ohne Eid wäre es nicht so wichtig, bei der Wahrheit zu  bleiben: Ein Ja soll immer ein Ja und ein Nein immer ein Nein sein. Man soll keinen Eid brauchen, um wahrhaftig zu sein. Aber wenn doch einmal (etwa vom Staat) ein Eid verlangt wird, wäre es nicht gegen Christi Lehre, ihn zu leisten.

 

2) Keine Ehrentitel?

Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.“ (Matthäus 23,8-10)

Aufgrund dieser Stelle lehnen einige protestantische Gruppierungen den Titel „Heiliger Vater“ für den Papst oder den Titel „Pater“ für Ordenspriester als unbiblisch ab. Allerdings haben selbst sie nichts gegen die Anrede „Vater“ für den eigenen leiblichen Vater, oder den Titel „Lehrer“ für Schullehrer. Was genau meint Jesus nun hier?

Die Verse drum herum sind aufschlussreich. Vorher heißt es: „Alles, was sie [die Schriftgelehrten und Pharisäer] tun, tun sie, um von den Menschen gesehen zu werden: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang, sie lieben den Ehrenplatz bei den Gastmählern und die Ehrensitze in den Synagogen und wenn man sie auf den Marktplätzen grüßt und die Leute sie Rabbi nennen.“ (Matthäus 23,5-79 Und hinterher: „Der Größte von euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Matthäus 23,11f.) Was Jesus hier kritisiert, ist, sich etwas auf seine Ehrentitel einzubilden und auf ihnen zu bestehen. Zudem wird an dieser Stelle klar gemacht, dass alle irdischen Väter, Lehrer und anderen Autoritäten ihre Autorität nur von Gott, dem wahren Vater, Lehrer und Meister haben, und daher keine absoluten Autoritäten sind. Vor Gott sind wir alle Brüder (und Schwestern, ja). Um das klarzumachen, wählt Jesus übertreibende Worte, so wie Er, um die Schwere der Sünde klarzumachen, in der Bergpredigt sagt „Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg!“ (Matthäus 5,29), ohne damit die Leute animieren zu wollen, sich tatsächlich zu verstümmeln. Wir dürfen Seine Worte nicht ignorieren, aber wir müssen sie eben in ihrem Kontext sehen.

Tatsächlich wäre die völlige Ablehnung von Titeln wie „Vater“ und „Lehrer“ unbiblisch:

  • In einem Gebet der Urgemeinde heißt es: „du hast durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den Heiligen Geist gesagt“ (Apostelgeschichte 4,24).
  • Paulus schreibt über Abraham: „Er ist unser aller Vater.“ (Römer 4,16)
  • Und er sieht sich selbst als geistlichen Vater der Christen von Korinth und von Timotheus: „Nicht um euch zu beschämen, schreibe ich das, sondern um euch als meine geliebten Kinder zu ermahnen. Hättet ihr nämlich auch unzählige Erzieher in Christus, so doch nicht viele Väter. Denn in Christus Jesus habe ich euch durch das Evangelium gezeugt. Darum ermahne ich euch: Haltet euch an mein Vorbild! Deswegen habe ich Timotheus zu euch geschickt, mein geliebtes und treues Kind im Herrn. Er wird euch erinnern an meine Wege in Christus Jesus, wie ich sie überall in jeder Gemeinde lehre.“ (1 Korinther 4,14-17)
  • Auch Johannes redet die Adressaten seines ersten Briefs als „Meine Kinder“ (1 Johannes 2,1) an.
  • Der Titel „Lehrer“ wird in den frühen Gemeinden oft verwendet: „Und er setzte die einen als Apostel ein, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer“ (Epheser 4,11), „So hat Gott in der Kirche die einen erstens als Apostel eingesetzt, zweitens als Propheten, drittens als Lehrer; ferner verlieh er die Kraft, Machttaten zu wirken, sodann die Gaben, Krankheiten zu heilen, zu helfen, zu leiten, endlich die verschiedenen Arten von Zungenrede“ (1 Korinther 12,28), „Nicht viele von euch sollen Lehrer werden, meine Brüder und Schwestern. Ihr wisst, dass wir im Gericht strenger beurteilt werden“ (Jakobus 3,1).
  • Paulus sagt sogar von sich selbst, dass er „als Lehrer der Völker im Glauben und in der Wahrheit“ (1 Timotheus 2,7) eingesetzt wurde.

 

3) Verweigerung der Sündenvergebung?

„Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.“ (Johannes 20,21-23)

Wir Katholiken gehen bekanntlich davon aus, dass die Vollmacht der Apostel zur Sündenvergebung auch auf deren Nachfolger, die Bischöfe, und deren Beauftragte, die Priester, übergegangen ist, und dass sie im Sakrament der Beichte ausgeübt wird. Wenn der Priester die Absolution spricht, vergibt Gott die Sünden. Soweit klar; wenn Gott Sünden vergeben kann, kann Er diese Vollmacht auch an menschliche Beauftragte delegieren, wenn Er das will. Aber was mich (und da bin ich wohl nicht die Einzige) beim Lesen dieser Stelle früher sehr irritiert hat, ist nicht das „Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen“, sondern das „denen ihr sie behaltet, sind sie behalten“; sprich, dass Menschen von Gott nicht nur die Vollmacht bekommen, Sünden zu vergeben, sondern auch die Vollmacht, diese und jene Sünde da nicht zu vergeben.

Aber hier geht es eben nicht um eine Erlaubnis zur Willkür, um eine Erlaubnis, diese Sünde da einfach zu erlassen und jene Sünde da einfach nicht, weil es einem gerade so passt; so darf Autorität in der Kirche nie ausgeübt werden (wie Jesus an anderen Stellen sehr deutlich macht), und das macht auch das Kirchenrecht klar. „Can. 980 — Wenn der Beichtvater keinen Zweifel an der Disposition des Pönitenten hat und dieser um die Absolution bittet, darf diese weder verweigert noch aufgeschoben werden.“ (Codex des Kanonischen Rechtes, http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3G.HTM)

Aber es gibt Fälle, in denen Joh 20,23 Anwendung finden kann; es gibt Fälle, in denen Priester die Absolution verweigern können bzw. sogar sollen; wenn der Pönitent eben keine rechte „Disposition“ hat, d. h. etwa, wenn er nicht vorhat, eine Sünde in Zukunft bleiben zu lassen. Daher können z. B. Wiederverheiratete-Geschiedene keine Absolution erhalten, wenn sie nicht vorhaben, die Sünde des Ehebruchs in Zukunft aufzugeben (d. h. zumindest enthaltsam zu leben). Für die Absolution sind immer Reue und der Vorsatz, in Zukunft keine schweren Sünden mehr zu begehen, nötig; wenn das nicht da ist, kann der Priester sie verweigern.

Zudem kann die Kirche aufgrund ihrer Vollmacht zur Sündenvergebung auch weitere Kriterien für sie aufstellen; so hat sie z. B. bei einzelnen, sehr schweren Sünden geregelt, dass nur Bischöfe oder sogar nur der Papst sie vergeben können (in so einem Fall würde dann der örtliche Priester an den Vatikan schreiben), um den Christen deren Schwere bewusst zu machen. Beispiele: „Can. 1367 — Wer die eucharistischen Gestalten wegwirft oder in sakrilegischer Absicht entwendet oder zurückbehält, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu […]“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P52.HTM), d. h. die Strafe tritt automatisch, ohne die Notwendigkeit einer Urteilsverhängung, ein, und kann nur vom Papst aufgehoben werden; „Can. 1370 — § 1. Wer physische Gewalt gegen den Papst anwendet, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu […]“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P53.HTM) Es gibt auch noch ein paar weitere kirchenrechtliche Einschränkungen der Vollmacht zur Absolution in Sonderfällen; etwa diese hier: „Can. 977 — Die Absolution des Mitschuldigen an einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs ist ungültig, außer in Todesgefahr.“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3G.HTM) D. h. ein Priester darf nicht seine Geliebte lossprechen; wenn ihr die Affäre leid tut und sie sie beichten will, muss sie zu einem anderen Priester gehen. In der Praxis werden solche Regelungen für die meisten Christen wahrscheinlich keine Rolle spielen; aber es macht durchaus Sinn, dass es sie gibt, und dass die Kirche das Recht hat, sie aufzustellen.

Aber was, wenn doch einmal ein Priester, Bischof oder Papst ungerechterweise die Absolution verweigern sollte? Weil er einfach fies ist und jemandem nicht glauben will, dass der sich bessern will, zum Beispiel? Nun, dann wird Gott die Ungerechtigkeit der Menschen nicht Seine Gerechtigkeit torpedieren lassen; eine Vollmacht zum willkürlichen „Sünden-Behalten“ hat Er nicht erteilt. Gott ist nicht absolut an Seine Sakramente gebunden. (Das gilt ja auch in anderen Zusammenhängen: So wird Gott zum Beispiel auch jemandem die Sünden vergeben, der seine Sünden noch beichten wollte, aber nicht mehr dazu gekommen ist, weil er vorher von einem Auto überfahren wurde.)

 

4) Will Jesus nicht bekannt werden?

In den Evangelien gibt es zahlreiche Stellen, an denen Jesus anderen verbietet, über Ihn als Messias und Sohn Gottes zu reden:

  • „Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu sagen, dass sie wussten, wer er war.“ (Markus 1,32-34)
  • „Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du mich rein machen. Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will – werde rein! Sogleich verschwand der Aussatz und der Mann war rein. Jesus schickte ihn weg, wies ihn streng an und sagte zu ihm: Sieh, dass du niemandem etwas sagst, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring für deine Reinigung dar, was Mose festgesetzt hat – ihnen zum Zeugnis. Der Mann aber ging weg und verkündete bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.“ (Markus 1,40-45)
  • „Denn er heilte viele, sodass alle, die ein Leiden hatten, sich an ihn herandrängten, um ihn zu berühren. Wenn die von unreinen Geistern Besessenen ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrien: Du bist der Sohn Gottes! Er aber gebot ihnen, dass sie ihn nicht bekannt machen sollten.“ (Markus 3,10-12)
  • „Als die Sonne unterging, brachten die Leute ihre Kranken, die alle möglichen Gebrechen hatten, zu Jesus. Er legte jedem von ihnen die Hände auf und heilte sie. Von vielen fuhren auch Dämonen aus und schrien: Du bist der Sohn Gottes! Da drohte er ihnen und ließ sie nicht reden; denn sie wussten, dass er der Christus war.“ (Lukas 4,40f.)
  • „Da brachten sie zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, er möge ihm die Hand auflegen. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden. Jesus verbot ihnen, jemandem davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr verkündeten sie es. Sie staunten über alle Maßen und sagten: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.“ (Markus 7,32-37)
  • „Als Jesus weiterging, folgten ihm zwei Blinde und schrien: Hab Erbarmen mit uns, Sohn Davids! Nachdem er ins Haus gegangen war, kamen die Blinden zu ihm. Und Jesus sagte zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich dies tun kann? Sie antworteten: Ja, Herr. Darauf berührte er ihre Augen und sagte: Wie ihr geglaubt habt, so soll euch geschehen. Da wurden ihre Augen geöffnet. Jesus aber wies sie streng an: Nehmt euch in Acht! Niemand darf es erfahren. Doch sie gingen weg und erzählten von ihm in der ganzen Gegend.“ (Matthäus 9,27-31)
  • „Jesus ging mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Auf dem Weg fragte er die Jünger: Für wen halten mich die Menschen? Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen von den Propheten. Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Christus! Doch er gebot ihnen, niemandem etwas über ihn zu sagen.“ (Markus 8,27-30)
  • „Dann befahl er den Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei.“ (Matthäus 16,20)

Etwas mehr Aufschluss geben zwei dieser Stellen:

  • „Als Jesus das erfuhr, ging er von dort weg. Viele folgten ihm nach und er heilte sie alle. Er gebot ihnen, dass sie ihn nicht bekannt machen sollten, damit erfüllt werde, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem ich Gefallen gefunden habe. Ich werde meinen Geist auf ihn legen und er wird den Völkern das Recht verkünden. Er wird nicht streiten und nicht schreien und man wird seine Stimme nicht auf den Straßen hören. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen, bis er dem Recht zum Sieg verholfen hat. Und auf seinen Namen werden die Völker ihre Hoffnung setzen.“ (Matthäus 12,15-21)
  • Nach der Verklärung wendet Jesus sich an Petrus, Johannes und Jakobus: „Während sie den Berg hinabstiegen, gebot er ihnen, niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.“ (Markus 9,9)

Jesus ist vor allem zu Beginn Seines Auftretens noch eher zurückhaltend. Dem Aussätzigen, den Er heilt, trägt Er auf, ganz nach Vorschrift das Reinigungsopfer darzubringen und seine Heilung vom Priester bestätigen zu lassen; das soll den Leuten nicht nur die Heilung nachweisen, damit der Aussätzige wieder normal in der Gesellschaft leben kann, Jesus will hier auch zeigen, dass Er kein Feind des mosaischen Gesetzes ist, sondern sich sozusagen an die Regeln hält. (So sagt Er ja auch in der Bergpredigt, Er sei nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen.) Er will nicht, dass überall von Seinen Heilungen geredet wird; und Er will – noch – nicht, dass Seine Jünger Seinen Anspruch als Messias weithin verbreiten oder die Dämonen Ihn als Sohn Gottes bezeichnen. Er lässt die Leute teilweise noch im Unklaren. Erst, als das Passahfest und damit Sein Tod näher rücken, wird Er deutlicher; so zum Beispiel bei Seinem Einzug in Jerusalem, als Er, wie von Sacharja prophezeit, auf einem Esel in die Stadt reitet. Das hat Gründe: Er will nicht, dass die Leute ihn gleich in der Rolle des messianischen Königs sehen, der den Aufstand gegen die Römer führen soll. Eine Stelle im Johannesevangelium macht das sehr deutlich: „Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll. Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein. (Johannes 6,14f.) Jesus geht absichtlich immer wieder weg, wenn die Menschenmassen kommen; Er verbreitet nicht selbst den Anspruch, der Messias zu sein, auch wenn Er nicht leugnet, dass Er es ist. Er will nicht als politischer Messias gesehen werden. Er wartet und lässt die Leute erst einmal sehen, was für eine Art von Messias Er ist, damit sie Ihn nicht missverstehen. Im Endeffekt braucht es Seinen Tod am Kreuz und Seine Auferstehung, bis sie ganz verstehen können, wer Er ist; deshalb sollen Seine Jünger erst nach der Auferstehung alles verkünden, was sie über Ihn wissen; im Nachhinein sieht man klarer.

„A premature assertion of his own claim would it seems certain, have led to a crown in Galilee, a shower of stones in Judea. The nation, then, must be left to learn its own lesson.“ (Ronald Knox, The belief of Catholics, Kapitel 8; http://www.ewtn.com/library/CHRIST/BELIEF.txt)

„Ein verfrühtes Vorbringen seines eigenen Anspruches hätte, das erscheint sicher, zu einer Krone in Galiläa, zu einem Steinehagel in Judäa geführt. Das Volk musste daher dazu gebracht werden, seine Lektion selbst zu lernen.“

Zwei Bibelstellen, die in diesem Zusammenhang noch interessant sind:

  • „Weil Jesus schon nahe bei Jerusalem war, meinten die Menschen, die von alldem hörten, das Reich Gottes werde sofort erscheinen. Daher erzählte er ihnen ein weiteres Gleichnis. Er sagte: Ein Mann von vornehmer Herkunft wollte in ein fernes Land reisen, um die Königswürde für sich zu erlangen und dann zurückzukehren.“ (Lukas 19,11f.)
  • „Danach zog Jesus in Galiläa umher; denn er wollte sich nicht in Judäa aufhalten, weil die Juden ihn zu töten suchten. Das Laubhüttenfest der Juden war nahe. Da sagten seine Brüder zu ihm: Geh von hier fort und zieh nach Judäa, damit auch deine Jünger die Taten sehen, die du vollbringst! Denn niemand wirkt im Verborgenen, wenn er öffentlich bekannt sein möchte. Wenn du dies tust, offenbare dich der Welt! Auch seine Brüder glaubten nämlich nicht an ihn. Jesus sagte zu ihnen: Meine Zeit ist noch nicht gekommen, für euch aber ist immer die rechte Zeit. Euch kann die Welt nicht hassen, mich aber hasst sie, weil ich bezeuge, dass ihre Taten böse sind. Geht ihr nur hinauf zum Fest; ich gehe nicht zu diesem Fest hinauf, weil meine Zeit noch nicht erfüllt ist. Das sagte er zu ihnen und er blieb in Galiläa. Als aber seine Brüder zum Fest hinaufgegangen waren, zog auch er hinauf, jedoch nicht öffentlich, sondern im Verborgenen. Die Juden suchten beim Fest nach ihm und sagten: Wo ist er? Und in der Volksmenge wurde viel über ihn hin und her geredet. Die einen sagten: Er ist ein guter Mensch. Andere sagten: Nein, er führt das Volk in die Irre. Aber niemand redete öffentlich über ihn aus Furcht vor den Juden.“ (Johannes 7,1-13)

 

5) Scheidung im Fall von Ehebruch?

„Da kamen Pharisäer zu ihm, um ihn zu versuchen, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? Er antwortete: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang männlich und weiblich erschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Sie sagten zu ihm: Wozu hat dann Mose vorgeschrieben, der Frau eine Scheidungsurkunde zu geben und sie aus der Ehe zu entlassen? Er antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch gestattet, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so. Ich sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch. (Matthäus 19,3-9)

Vers 9 wird von konservativen Protestanten für gewöhnlich so verstanden, dass Ehescheidung und Wiederheirat nicht legitim sind – außer jedoch, der erste Partner hat einen betrogen („obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt“). Dann kann man sich scheiden lassen und sich selbst jemand anderen suchen. Die katholische Kirche lehnt diese Interpretation ab und hat das auf dem Konzil von Trient auch dogmatisch verankert. Die Ehe ist und bleibt immer unauflöslich: Kan. 7. Wer sagt, die Kirche irre, wenn sie lehrte und lehrt, gemäß der Lehre des Evangeliums und des Apostels könne das Band der Ehe wegen Ehebruchs eines der beiden Gatten nicht aufgelöst werden, und keiner von beiden, nicht einmal der Unschuldige, der keinen Anlaß zum Ehebruch gegeben hat, könne, solange der andere Gatte lebt, eine andere Ehe schließen, und derjenige, der eine Ehebrecherin entläßt und eine andere heiratet, und diejenige, die einen Ehebrecher entläßt und einen anderen heiratet, begingen Ehebruch: der sei mit dem Anathema belegt.“ (Quelle: Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, lt.-dt., hrsg. v. Heinrich Denzinger u. Peter Hünermann, 42. Aufl., Freiburg im Breisgau 2009.)

An anderen Stellen, an denen im Neuen Testament von Scheidung und Wiederheirat die Rede ist, wird keine derartige Ausnahme angedeutet. Bei Markus heißt es: „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau aus der Ehe zu entlassen? Damit wollten sie ihn versuchen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat gestattet, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie männlich und weiblich erschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Und wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch.“ (Markus 10,2-12) Auch bei Lukas heißt es schlicht und einfach: „Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch; auch wer eine Frau heiratet, die von ihrem Mann entlassen worden ist, begeht Ehebruch.“ (Lukas 16,18) Und Paulus schreibt: „Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen – wenn sie sich aber trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann – und der Mann darf die Frau nicht verstoßen.“ (1 Korinther 7,10f.) Wir wissen nicht, ob das Matthäusevangelium überhaupt schon geschrieben war, als Paulus den ersten Brief an die Korinther schrieb, und auch nicht, ob, falls ja, die Korinther es schon kannten; insofern kann man sich doch fragen, wieso der Apostel eine solche mutmaßliche Ausnahme bei Jesu Scheidungs-und-Wiederheirats-Verbot nicht erwähnt, die für seine Adressaten schließlich von Bedeutung sein könnte.

Matthäus’ „obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt“ wurde katholischerseits manchmal so interpretiert: Bei Ehebruch darf man sich vom Ehepartner trennen, aber wieder heiraten darf man trotzdem nicht. Diese Interpretation macht für mich aus mehreren Gründen keinen Sinn. Zunächst einmal gibt es laut katholischer Lehre auch noch andere gute Gründe für eine „Trennung an Tisch und Bett“ ohne Wiederheirat; wenn ein Ehepartner einen schlecht behandelt, aber nicht betrügt, muss man deshalb nicht bei ihm bleiben. Auch das wurde auf dem Konzil von Trient in den Kanones verankert: Kan. 8. Wer sagt, die Kirche irre, wenn sie erklärt, eine Trennung zwischen den Gatten in bezug auf Bett bzw. in bezug auf Zusammenwohnen, auf bestimmte oder unbestimmte Zeit, sei aus vielen Gründen möglich: der sei mit dem Anathema belegt.“ Dann sollte man sich den Text anschauen: Hier ist gar nicht von Ehebruch die Rede.

Sondern eben von „Unzucht“, im griechischen Original „porneia“. Dieser Begriff ist weiter gefasst als „Ehebruch“ („moicheia“); er schließt voreheliche Beziehungen, Konkubinat, Prostitution, homosexuelle Beziehungen, inzestuöse Beziehungen etc. ein. Auch Ehebruch, ja, aber nicht vorrangig. Am Ende desselben Verses verwendet Jesus ausdrücklich das Verb „moichaomai“ (in der dritten Person: „moichatai“) für „ehebrechen“, „Ehebruch begehen“. Wenn Er „Ehebruch“ meint, sagt Er offensichtlich Ehebruch; zuvor sagt Er „Unzucht“.

Außerdem heißt es hier nicht „obwohl sie nicht Unzucht begangen hat“, sondern „obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt“; wörtlich „me epi porneia“, was ich vielleicht so ungefähr mit „außer bei Unzucht“ oder „außer wegen Unzucht“ übersetzen würde („me“ ist ein Wort für „nicht“ (das nur in bestimmten grammatikalischen Kontexten verwendet wird), „epi“ eine Präposition, die in allen möglichen Situationen verwendet wird und „auf“, „bei“, „an“, „mit“, „zu“, „wegen“, „um … willen“, „während“ und noch einiges andere heißen kann).

Also: Sprachlich gesehen macht folgende Deutung des Satzes Sinn: Jesus stellt klar, dass jemand, der sich von seiner Frau scheiden lässt und eine andere heiratet, Ehebruch begeht – anders sieht es lediglich „im Fall von Unzucht“ aus, d. h. wenn die Beziehung, in der er sich befindet, gar keine Ehe ist, sondern wenn er etwa mit seiner Geliebten zusammenlebt (ja, doch, „eheähnliche Lebensgemeinschaften“ gab’s in der Antike auch). Eine Beziehung, die eigentlich „Unzucht“ ist, kann man lösen und eine andere eingehen. Vielleicht bezieht Jesus sich hier auf nach der Tora verbotene Verwandtenehen, oder auf Ehen, die schon Zweitehen nach Scheidung sind (ich muss spontan an Herodes und Herodias denken), oder auf eheähnliche Verhältnisse, wie sie vermutlich bei Römern und Griechen häufiger bestanden (jetzt fallen mir Augustinus vor seiner Bekehrung und seine langjährige Lebensgefährtin ein). Die meisten Autoren des NT, die Jesu Gebote zu Scheidung und Wiederheirat überliefern, machen sich nicht die Mühe, diesen Zusatz aufzuschreiben; Matthäus lässt ihn vielleicht der Vollständigkeit halber stehen.

 

6) Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

„Um die neunte Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46)

Dieser Ruf Jesu am Kreuz, kurz vor Seinem Tod, wird außer bei Matthäus auch noch bei Markus überliefert, und er hat die Leute schon oft irritiert. Wie kann Jesus, der eines Wesens mit dem Vater ist, von Gott verlassen sein?

Zum Verständnis der Stelle sollte man zunächst wissen: Jesus betet hier den ersten Vers von Psalm 22, den man unbedingt ganz kennen muss:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bleibst fern meiner Rettung, den Worten meines Schreiens?

Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; und bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe.

Aber du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels.

Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut und du hast sie gerettet.

Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet.

Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:

Wälze die Last auf den HERRN! Er soll ihn befreien, er reiße ihn heraus, wenn er an ihm Gefallen hat!

Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, der mich anvertraut der Brust meiner Mutter.

Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott.

Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe und kein Helfer ist da!

Viele Stiere haben mich umgeben, Büffel von Baschan mich umringt.

Aufgesperrt haben sie gegen mich ihren Rachen, wie ein reißender, brüllender Löwe.

Hingeschüttet bin ich wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder, mein Herz ist geworden wie Wachs, in meinen Eingeweiden zerflossen.

Meine Kraft ist vertrocknet wie eine Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes.

Denn Hunde haben mich umlagert, eine Rotte von Bösen hat mich umkreist. Sie haben mir Hände und Füße durchbohrt.

Ich kann all meine Knochen zählen; sie gaffen und starren mich an.

Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.

Du aber, HERR, halte dich nicht fern! Du, meine Stärke, eile mir zu Hilfe!

Entreiß mein Leben dem Schwert, aus der Gewalt der Hunde mein einziges Gut!

Rette mich vor dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern der Büffel! – Du hast mir Antwort gegeben.

Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Versammlung dich loben.

Die ihr den HERRN fürchtet, lobt ihn; all ihr Nachkommen Jakobs, rühmt ihn; erschauert vor ihm, all ihr Nachkommen Israels!

Denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut des Elenden Elend. Er hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm; er hat gehört, als er zu ihm schrie.

Von dir kommt mein Lobpreis in großer Versammlung, ich erfülle mein Gelübde vor denen, die ihn fürchten.

Die Armen sollen essen und sich sättigen; den HERRN sollen loben, die ihn suchen. Aufleben soll euer Herz für immer.

Alle Enden der Erde sollen daran denken und sich zum HERRN bekehren: Vor dir sollen sich niederwerfen alle Stämme der Nationen.

Denn dem HERRN gehört das Königtum; er herrscht über die Nationen.

Es aßen und warfen sich nieder alle Mächtigen der Erde. Alle, die in den Staub gesunken sind, sollen vor ihm sich beugen. Und wer sein Leben nicht bewahrt hat,

Nachkommen werden ihm dienen. Vom Herrn wird man dem Geschlecht erzählen, das kommen wird.

Seine Heilstat verkündet man einem Volk, das noch geboren wird: Ja, er hat es getan.“

(Psalm 22,2-32)

Es ist wichtig, auch das Ende dieses Psalms zu kennen. Dann sollte man wissen:

“The signal feature in the sufferings of Our Lord revealed in this Psalm was His desolation and solitude. The Divine Son called His Father ‘My God’ – in contrast to the prayer which taught men to say ‘Our Father Who art in heaven.’ It was not that His human nature was separated from His Divine nature; that was impossible. It was rather that just as the sun’s light and heat can be hidden at the base of a mountain by intervening clouds, though the peak is bathed in sunlight, so too, in taking upon Himself the sins of the world He willed a kind of withdrawal of His Father’s face and all Divine consolation. Sin has physical effects, and these He bore by having His hands and feet pierced; sin has mental effects which He poured forth in the Garden of Gethsemane; sin also has spiritual effects such as a sense of abandonment, separation from God, loneliness. This particular moment He willed to take upon Himself that principal effect of sin which was abandonment.

Man rejected God; so now He willed to feel that rejection.” (Fulton Sheen, Life of Christ, S. 551f.)

„Das besondere Merkmal der Leiden unseres Herrn, das sich in diesem Psalm offenbart, war Seine Trostlosigkeit und Einsamkeit. Der göttliche Sohn nannte Seinen Vater ‚Mein Gott’ – im Gegensatz zu dem Gebet, das die Menschen lehrte, zu sagen ‚Vater unser, der du bist im Himmel’. Es war nicht so, dass Seine menschliche Natur von Seiner göttlichen Natur getrennt gewesen wäre; das war unmöglich. Es war eher, dass, so wie Licht und Hitze der Sonne am Fuß eines Berges von dazwischentretenden Wolken versteckt sein können, obwohl der Gipfel in Sonnenlicht gebadet ist, Er so auch eine Art von Rückzug vom Angesicht Seines Vaters und allem göttlichen Trost wollte, als Er die Sünden der Welt auf sich nahm. Die Sünde hat physische Effekte, und diese trug Er, indem Seine Hände und Füße durchbohrt wurden; die Sünde hat geistige Effekte, die Er im Garten von Gethsemane zeigte; die Sünde hat auch seelische Effekte wie einen Sinn der Verlassenheit, der Trennung von Gott, der Einsamkeit. In diesem bestimmten Moment wollte Er diesen Haupteffekt der Sünde, der die Verlassenheit ist, auf sich nehmen.

Der Mensch wies Gott zurück; also wollte Er nun diese Zurückweisung fühlen.“

Jesus hat sich so weit mit uns sündigen Menschen gemein gemacht, dass Er alle Folgen der Sünde, auch das schreckliche Gefühl des Abgeschnittenseins von Gott, in Seinem Leiden auf sich nahm.

 

7) Hatte Jesus Geschwister?

Der Vollständigkeit halber noch kurz zu dieser Stelle (und ähnlichen) : „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?“ (Markus 6,3)

Die Stellen, an denen Brüder und Schwestern Jesu erwähnt werden, werden zwar oft erklärt, aber wenn ich schon bei den Evangelien bin, will ich sie doch nicht auslassen: Mit den Brüdern und Schwestern können auch (beispielsweise) Cousins und Cousinen gemeint sein; im jüdischen Sprachgebrauch wurden auch alle möglichen Verwandten als „Brüder“ und „Schwestern“ bezeichnet. Im Buch Genesis sagt Abraham zu seinem Neffen Lot: „Zwischen mir und dir, zwischen meinen und deinen Hirten soll es keinen Streit geben; wir sind doch Brüder.“ (Genesis 13,8) Im Buch Tobit sagt Tobias: „Asarja, mein Bruder, sprich bitte zu Raguël, dass er mir Sara, meine Schwester, gebe!“ (Tobit 7,9) Gemeint ist: zur Ehefrau gebe. Tobias ist hier ein Verwandter von Sara, was bedeutet, dass er auch ein bevorzugter Heiratskandidat für sie ist, aber er ist eben nicht ihr Bruder. (Wie genau ihre Eltern verwandt sind, erfährt man nicht.) Auch später, nach der Hochzeit, sagt Tobias noch einmal, hier jetzt zu Sara: „Schwester, steh auf, lass uns beten und unseren Herrn bitten, er möge Erbarmen und Rettung über uns walten lassen!“ (Tobit 8,4) Auf die Interpretation der „Brüder“ und „Schwestern“ als Cousins, Cousinen oder anderweitige Verwandte deutet auch die Tatsache hin, dass Jesus am Kreuz seine Mutter seinem Lieblingsjünger anvertraut, was nicht nötig gewesen wäre, wenn sie noch weitere Söhne gehabt hätte. „Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ (Johannes 19,26f.)

 

8) Besitzlosigkeit

„Ebenso kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.“ (Lukas 14,33)

Heißt das, wer als Christ noch etwas besitzt, kann kein wirklicher Christ sein?

Erst einmal zum Originaltext. Mein Griechisch-Wörterbuch – leider kein vollständiges Wörterbuch, sondern nur der Anhang zu meinem griechischen NT – hat für „apotassomai“ „Abschied nehmen, aufgeben“; „tassomai“ (eine Form von „tasso“) wird übersetzt mit „anordnen, bestimmen, befehlen; einsetzen, anstellen; (einer Autorität) unterstellen, unterordnen“. Die Vorsilbe „apo“ hat etwa die Bedeutung „von, weg von“ – insofern könnte man „apotassomai“ vielleicht auch mit „wegstellen“, „beiseitestellen“, „hintanstellen“, „wegtun“ übersetzen.

Man muss also seinen Besitz aufgeben, wegstellen, von ihm Abschied nehmen. Was sagen andere Bibelstellen noch zum Thema Besitz?

Da wäre diese bekannte Stelle mit dem reichen Jüngling: „Und siehe, da kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist der Gute. Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote! Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch? Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. Da sagte Jesus zu seinen Jüngern: Amen, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer in das Himmelreich kommen. Nochmals sage ich euch: Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Als die Jünger das hörten, gerieten sie ganz außer sich vor Schrecken und sagten: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich. Da antwortete Petrus: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen? Jesus erwiderte ihnen: Amen, ich sage euch: Wenn die Welt neu geschaffen wird und der Menschensohn sich auf den Thron der Herrlichkeit setzt, werdet auch ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Und jeder, der um meines Namens willen Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben erben. Viele Erste werden Letzte sein und Letzte Erste.“ (Matthäus 19,16-30)

Zunächst trägt Jesus dem jungen Mann bloß auf, sich an die allgemein bekannten Gebote zu halten; erst, als der noch einmal nachfragt, was er noch darüber hinaus tun kann, fügt der Herr hinzu: „Wenn du vollkommen sein willst, geh verkauf deinen Besitz…“ Da jedoch wird der junge Mann durch die Anhänglichkeit an sein Vermögen davon abgehalten, die Sache durchzuziehen, und Jesus stellt fest, dass es für einen Reichen schwer ist, ins Himmelreich zu gelangen. Von sich aus wäre Jesus mit dem Halten der Zehn Gebote zufrieden gewesen; der junge Mann wollte noch mehr für Gott tun – aber dann wird es kritisch, wenn er von diesem hehren Ziel nur durch die Liebe zum Besitz abgehalten wird.

Eine interessante Geschichte ist auch die von Zachäus. Nachdem Jesus bei ihm, dem reichen, korrupten Beamten, eingekehrt ist, sagt Zachäus: „Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“ (Lukas 19,8) Und Jesus ist sehr zufrieden: Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ Zachäus ist bereit, umstandslos auf einen beträchtlichen Teil seines Vermögens zu verzichten und vergangenes Unrecht vielfach wiedergutzumachen; aber er gibt tatsächlich nicht sein gesamtes Vermögen, und auch nicht seinen einträglichen Beruf, auf, um von nun an Jesus nachzufolgen.

Ich denke, insgesamt sagen diese Stellen aus: Ja, man muss als Christ bereit sein, den eigenen Besitz hintanzustellen, und, wenn es nötig sein sollte, auf ihn zu verzichten, sprich, man muss innerlich von ihm Abschied nehmen. Es braucht eine innere Unabhängigkeit; es ist immer falsch, am Besitz zu hängen. Aber nicht jeder einzelne Mensch ist dazu berufen, tatsächlich ohne jeden eigenen Besitz zu leben – so wie nicht jeder dazu berufen ist, ehelos zu leben, obwohl der Herr auch diese Lebensform sehr empfohlen hat. Ein anderes Beispiel: Es gab Menschen, die berief der Herr, ihm direkt nachzufolgen (wie etwa die Zwölf); aber es passierte auch einmal, dass Er etwas anderes zu jemandem sagte, der Ihm nachfolgen wollte: „Als er ins Boot stieg, bat ihn der Mann, der zuvor von den Dämonen besessen war, dass er bei ihm sein dürfe. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat!“ (Markus 5,18f.) Auch andere seiner Anhänger behielten ihr normales Leben bei, ohne dass das irgendwie kritisiert wird, etwa die drei Geschwister Lazarus, Maria und Martha in Betanien. In ähnlicher Weise verhält es sich vielleicht mit der Besitzlosigkeit. Noch ein Beispiel: Alle Christen sollen bereit sein zum Martyrium, aber nicht von jedem erfordert es die Situation, zum Märtyrer zu werden. So sollte auch der Christ, der sich nicht zum Armutsgelübde berufen fühlt, bereit sein, im Notfall seinen Besitz aufzugeben.

 

9) Das Gleichnis vom ungerechten Verwalter

„Jesus sprach aber auch zu den Jüngern: Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen. Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Denn du kannst nicht länger mein Verwalter sein. Da überlegte der Verwalter: Was soll ich jetzt tun, da mein Herr mir die Verwaltung entzieht? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht und zu betteln schäme ich mich. Ich weiß, was ich tun werde, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin. Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem anderen, zu sich kommen und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Er antwortete: Hundert Fass Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich schnell hin und schreib fünfzig! Dann fragte er einen andern: Wie viel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig! Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte, und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. Ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht!“ (Lukas 16,1-9)

Dieses Gleichnis hat mich früher ein wenig irritiert: Wieso lobt Jesus hier einen Betrüger? Aber die Lösung ist eigentlich nicht schwer; sie liegt in Vers 8: „Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.“ „Die Kinder dieser Welt“ ist kein positiver Begriff; natürlich ist der Verwalter unehrlich. Aber er wendet wenigstens seinen Verstand auf und macht sich Gedanken – wenn auch nur darüber, wie er für sich das Beste herausschlagen kann. „Die Kinder des Lichts“ dagegen machen sich offenbar weniger Gedanken und Mühe, wenn es um ihre (wichtigeren, besseren) Angelegenheiten geht. Ein moderner, etwas banaler Vergleich: Weltliche Filmproduzenten bekommen oft grandiose Filme hin, und ihr Ziel ist es lediglich, Geld zu machen. Dezidiert christliche Filme von kleinen, christlichen Produktionsfirmen sind dagegen oft eher von… na ja… minderer Qualität. Ausnahmen gibt es („Die Passion Christi“ von Mel Gibson, zum Beispiel), aber wenn man etwa Filme von Pureflix („God’s not dead“, „God’s not dead II“ und dergleichen) anschaut… über die verliere ich mal keinen weiteren Kommentar.

Der letzte Satz – „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht!“ – wird klarer, wenn man die Verse danach anschaut: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen. Wenn ihr nun im Umgang mit dem ungerechten Mammon nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das Eure geben?“ (Lukas 16,10-12) Das Geld in dieser Welt ist ungerecht verteilt, aber man soll mit dem, was man eben zufällig hat, auf kluge Weise Gutes tun, um sich Gott sozusagen „zum Freund zu machen“, damit man „in die ewigen Wohnungen aufgenommen“ wird, so wie der unehrliche Verwalter sich Freunde macht, damit die ihn aufnehmen, wenn die Zeit kommt und er entlassen wird.

 

10) Ist der Messias nicht der Sohn Davids?

„Da fragte er sie: Wie kann man behaupten, der Christus sei der Sohn Davids? Denn David selbst sagt im Buch der Psalmen: Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten, bis ich dir deine Feinde als Schemel unter die Füße lege! David nennt ihn also Herr. Wie kann er dann sein Sohn sein?“ (Lukas 20,41-44)

Lehnt Jesus hier den Titel „Sohn Davids“ für sich ab? Heißt das, wir dürfen Ihn nicht mehr so nennen, wie wir es manchmal, auch in offiziellen kirchlichen Gebetstexten, tun?

Ich denke nicht. Eher denke ich, Er stellt hier eine ernst gemeinte Frage an die Schriftgelehrten, mit denen Er sich gerade unterhält, um sie zum Nachdenken über den Messias zu bringen (er selbst kennt die Antwort ja). Er erhält jedoch keine Antwort; im vorigen Vers heißt es schon: „Und man wagte nicht mehr, ihn etwas zu fragen.“ (Lukas 20,40) Aber vielleicht hätte Er gerne eine Antwort gehabt.

Vielleicht könnte man als Antwort sagen: Der Messias ist gleichzeitig Sohn Davids, in dem Sinne, dass Er sein entfernter Nachkomme ist; aber Er steht natürlich auch über David und ist damit dessen „Herr“. So, wie Jesus sich auch als „Menschensohn“ bezeichnet, aber gleichzeitig der Herr der Menschen ist.

 

11) Die Jünger sollen Schwerter kaufen?

Bei Lukas’ Schilderung des Letzten Abendmahls findet sich diese Stelle: „Dann sagte Jesus zu ihnen: Als ich euch ohne Geldbeutel aussandte, ohne Vorratstasche und ohne Schuhe, habt ihr da etwa Not gelitten? Sie antworteten: Nein. Da sagte er zu ihnen: Jetzt aber soll der, der einen Geldbeutel hat, ihn mitnehmen und ebenso die Tasche. Wer dies nicht hat, soll seinen Mantel verkaufen und sich ein Schwert kaufen. Denn ich sage euch: An mir muss sich erfüllen, was geschrieben steht: Er wurde zu den Gesetzlosen gerechnet. Denn alles, was über mich gesagt ist, geht in Erfüllung. Da sagten sie: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er erwiderte: Genug davon!“ (Lukas 22,35-38)

Jesus erteilt den Jüngern hier Anweisungen, wie sie nach Seinem Tod (und Seiner Auferstehung und Himmelfahrt) bei der Mission vorgehen sollen. Anders als zu dem einen Zeitpunkt, als Er sie zuvor in Paaren ausgesandt hat, um das Reich Gottes zu verkünden, Krankheiten zu heilen und Dämonen auszutreiben (vgl. Matthäus 10,5-15), sollen sie nicht mehr ohne Ausrüstung losziehen; sie sollen jetzt Vorratstasche, Geldbeutel und Schwert mitnehmen. Vorratstasche und Geldbeutel: Sie können vielleicht nicht mehr so oft auf die Gastfreundschaft der Leute zählen und müssen besser vorsorgen; auch anlässlich der Tatsache, dass die Mission nach Ostern auf die Heiden ausgeweitet werden wird, nachdem sie zuvor nur in jüdischen Gebieten (bei den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“, Matthäus 10,6) unterwegs gewesen waren. Und wozu das Schwert? Vielleicht ganz banal, um sich auf dem Weg gegen Straßenräuber und wilde Tiere verteidigen zu können; das würde erklären, wieso das Schwert noch wichtiger ist als der Mantel. Und wie hängt das dann mit dem Vers darüber zusammen, dass Jesus zu den Gesetzlosen gerechnet wird? Vielleicht bedeutet diese Aussage einfach, dass Seine Jünger in Zukunft oft allein reisen oder auf der Straße übernachten müssen werden (statt sich Gruppen anschließen zu können und in Häuser aufgenommen zu werden), weil sie nicht auf die Unterstützung der Leute zählen können werden. Paulus schreibt später von sich selbst: „Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder.“ (2 Korinther 11,26) Reisen waren damals nicht ungefährlich; ein Schwert kann da nützlich gewesen sein.

Als die Jünger dann darauf hinweisen, dass da zwei Schwerter sind, sagt Jesus „Es ist genug!“ (so die wörtlichere Übersetzung; sprich: „Genug von dem Thema, mehr muss dazu nicht mehr gesagt werden!“) und beendet die Anweisungen für die Zeit nach Seiner Passion und geht zum Ölberg.

Dass das Schwert nicht gegen sonstige Gegner eingesetzt werden soll, zeigt sich jedenfalls noch im selben Kapitel, als Jesus dann festgenommen wird: „Als seine Begleiter merkten, was bevorstand, fragten sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? Und einer von ihnen schlug auf den Diener des Hohepriesters ein und hieb ihm das rechte Ohr ab. Da sagte Jesus: Lasst es! Nicht weiter! Und er berührte das Ohr und heilte den Mann.“ (Lukas 22,49-51) Bei Matthäus wird Jesus noch deutlicher: „Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte? Wie würden dann aber die Schriften erfüllt, dass es so geschehen muss?“ (Matthäus 26,52-54) Zusätzlich könnte man andere Stellen in den Evangelien aufzählen, aus denen klar wird, dass die Jünger auf Verfolgung nicht mit Gewalt antworten sollen, etwa Matthäus 5,38-48 und Matthäus 10,16-39. Offensichtlich verstanden die ersten Christen das auch; laut Apostelgeschichte reagierten weder die Urgemeinde in Jerusalem noch Paulus noch irgendwelche anderen Christen mit Gewalt auf Verfolgung. Sie flohen in andere Gegenden; sie wurden von Engeln aus dem Gefängnis befreit; sie ertrugen die Strafen; sie versuchten, sich mit dem Appell an römische Rechtsprinzipien zu verteidigen; jedenfalls griffen sie nicht zum Schwert.

Übrigens wurde die Stelle „Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er erwiderte: Genug davon!“ im Mittelalter gern allegorisch interpretiert: Jesus sagt, dass genau zwei Schwerter genug sind; das bedeutet, dass es auf Erden genau zwei Gewalten geben soll, nämlich die weltliche Gewalt des Staates und die geistliche Gewalt der Kirche (Zwei-Schwerter-Lehre). Doch, ja, solches Zeug las man damals in Bibeltexte. Von wegen wortwörtliche Interpretation.

 

12) „Alles, was der Vater mir gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen […] Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. […] Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn ausliefern würde. Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist.“ (Johannes 6,37.44.64f.)

Diese Stelle hat mich früher gestört, weil sie sich anhört, als ob Gott einige Leute zu sich zöge und andere nicht, und letztere dann gar nicht zu Jesus kommen könnten – ohne selbst jedoch daran schuld zu sein.

Nun, es ist eine theologische Binsenweisheit, dass der Mensch Gottes Gnade braucht, um zu Ihm zu kommen; wir sind gefallene Geschöpfe. Jeder, der zu Gott kommt, tut das unter dem Einfluss Seiner Gnade, und dafür können wir dankbar sein. Dann stellt sich nur noch die Frage: Was ist mit den Menschen, die nicht zu Gott kommen?

a) Hat Gott denen aus grundloser Willkür keine Gnade gegeben?

b) Hat Gott denen Gnade gegeben, aber sie haben sie zurückgewiesen?

c) Hat Gott denen keine Gnade gegeben, weil Er wusste, dass sie sie zurückweisen würden?

Logischerweise akzeptabel wären b) und c); die Verse 64-65 scheinen auf c) hinzudeuten. Auf jeden Fall muss man einen solchen Text im Kontext der anderen biblischen Texte lesen, die klarmachen, dass Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Timotheus 2,4).

 

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Über schwierige Bibelstellen, Teil 19: Irritierende Aussagen und Taten Jesu – einige gesammelte Stellen

Ab und an stößt man in der Bibel auch auf Aussagen oder Taten Jesu, die einen irritiert oder erschrocken zurücklassen – und die Schwierigkeit hier besteht eben darin, dass es um Jesus geht, den Sohn Gottes selbst, der sich nicht einmal irren geschweige denn sündigen kann, wie etwa Petrus, Paulus oder König David. Daher hier ein paar Erklärungsansätze zu einigen bekannten solchen Stellen. (Zu einigen gibt es mehrere mögliche Erklärungen; ich bringe hier die, die mir am logischsten erscheinen.)

 

1) Die Lästerung des Heiligen Geistes:

„Darum sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben werden. Auch wer ein Wort gegen den Menschensohn sagt, dem wird vergeben werden; wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt.“ (Matthäus 12,31f.)

Die klassische Stelle, um Bibelleser zu verwirren.

Daher gleich in aller Deutlichkeit: Es gibt keine Sünde, die bei Reue und dem Vorsatz zur Besserung nicht vergeben werden könnte. Daran lässt die beständige Lehre der Kirche gar keinen Zweifel.

Was ist aber dann gemeint? Es geht um Menschen, die „etwas gegen den Heiligen Geist sag[en]“ (wörtlich: gegen den Heiligen Geist reden), also den Heiligen Geist zurückweisen; d. h. das innerliche Wirken Gottes, Gottes Gnade zurückweisen. Wenn jemand sich äußerlich als Gegner Jesu aufführt – noch nicht so schlimm, vielleicht „weiß er nicht, was er tut“. Der Heilige Geist aber steht immer für Gottes inneres Wirken im Menschen, und wenn jemand das zurückweist, dann kann ihm nicht vergeben werden, weil er sich eben in einem Zustand befindet, in dem er Gottes Vergebung nicht zulässt – einem Zustand der „Unbußfertigkeit“, mit einem älteren Ausdruck. Die Zurückweisung oder „Lästerung“ des Heiligen Geistes besteht gerade in innerlicher Gottferne, darin, nicht bereuen zu wollen, nicht das Gute tun zu wollen, sich um vergangene Sünden nicht zu kümmern, etc. Hier fehlen gerade die Reue und der Vorsatz zur Besserung, die die Vergebung der Sünden sonst möglich machen.

 

2) Will Jesus die Leute verwirren?

„Da traten die Jünger zu ihm und sagten: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Er antwortete ihnen: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen; ihnen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen. An ihnen erfüllt sich das Prophetenwort Jesajas: Hören sollt ihr, hören und doch nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen und doch nicht einsehen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. Mit ihren Ohren hören sie schwer und ihre Augen verschließen sie, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen und sich bekehren und ich sie heile. Eure Augen aber sind selig, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören. Denn, amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“ (Matthäus 13,10-17)

Ähnlich Markus 4,10-12: „Als er mit seinen Begleitern und den Zwölf allein war, fragten sie ihn nach dem Sinn seiner Gleichnisse. Da sagte er zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; für die aber, die draußen sind, geschieht alles in Gleichnissen; denn sehen sollen sie, sehen, aber nicht erkennen; hören sollen sie, hören, aber nicht verstehen, damit sie sich nicht bekehren und ihnen nicht vergeben wird.“

Die zugehörige Jesaja-Stelle, aus der Jesus hier zitiert, lautet: „Da hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich sagte: Hier bin ich, sende mich! Da sagte er: Geh und sag diesem Volk: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen. Sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Verfette das Herz dieses Volkes, mach schwer seine Ohren, verkleb seine Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht, mit seinen Ohren nicht hört, damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt und es sich nicht bekehrt und sich so Heilung verschafft.“ (Jesaja 6,8-10)

Will Jesus hier, dass das Himmelreich exklusiv ein paar wenigen Auserwählten vorbehalten bleibt? Will Er, dass einige Menschen nicht „geheilt“ werden? Sicher nicht.

Die sinnvollste Erklärung, die ich zu dieser Stelle gefunden habe, ist die folgende: Jesus spricht in seinen öffentlichen Reden in Gleichnissen, weil er die Leute dazu bringen will, wirklich zu seinen Jüngern zu werden und sich die genaueren Erklärungen für die auf Anhieb nicht einfach so verständlichen Gleichnisse anzuhören, die er im kleineren Kreis gibt. („Die Jünger“ meint übrigens bei weitem nicht nur „die Zwölf“; an einer anderen Stelle ist z. B. von 72 Jüngern mit einer speziellen Sendung die Rede.) Jesus will die, „die draußen sind“, dazu bringen, eben nicht bloß draußen, nicht bloß mehr oder weniger interessierte Zuhörer zu bleiben. Man soll sich entscheiden, ob man ganz zu Christus gehören will.

In diesem Sinne: „wer hat, dem wird gegeben“ bedeutet: Wenn man einmal angefangen hat, auf Gott zu hören und das Gute zu tun, wird es einem mit der Zeit immer leichter fallen. Wenn man dagegen anfängt, seine Augen und Ohren zu verschließen, wird es immer schwerer, sie wieder zu öffnen. Wenn man sich in seinen schlechten Gewohnheiten oder Vorurteilen versteift, fällt es einem nach und nach schwerer, sie wieder zu hinterfragen oder abzulegen. Davor warnt Jesus hier: „wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat“.

Hier wird zudem eine ähnliche Sprache verwendet wie z. B. bei der Geschichte vom Exodus, als davon die Rede ist, dass Gott das Herz des Pharaos verhärtet – d. h., genau genommen ist dort abwechselnd die Rede davon, dass Gott sein Herz verhärtet und dass der Pharao sein Herz selbst verhärtet, ebenso, wie es auch hier in Matthäus 13,15 heißt: „Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. Mit ihren Ohren hören sie schwer und ihre Augen verschließen sie, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen und sich bekehren und ich sie heile.“ Die Leute selbst verschließen hier ihre Augen und Ohren, um nicht zu sehen und zu hören, weil sie sich nicht bekehren wollen. In Matthäus 13,13 heißt es: „Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen.“ Die griechische Präposition „hóti“ wird hier mit „weil“ und in anderen Übersetzungen (z. B. Zürcher Bibel) mit „dass“ wiedergegeben; sie kann tatsächlich beides heißen. Wenn man „weil“ übersetzt, stellt sich die Sache eher so dar: Jesus sieht, dass die Menschen schon nicht hören und sehen wollen, stellt sich darauf ein und erzählt ihnen – vielleicht beim ersten Hören nicht ganz verständliche, aber zum Nachdenken anregende – Gleichnisse, die sie dazu bringen sollen, tiefer zu bohren.

Aber, zurück zum Vergleich mit dem Pharao; es gibt ja auch die Formulierungen, in denen Gott bzw. der Prophet Jesaja Augen und Ohren verschließt. Hier muss man wie immer beachten: In der Bibel wird oft etwas als von Gott verursacht dargestellt, wenn Er es in Wahrheit bloß zulässt (da zum Beispiel vom Autor der Stelle betont wird, dass Gott das Schicksal der ganzen Welt in der Hand hält und nichts gegen Seinen Willen (Seine Zulassung) geschehen kann). Regel Nummer 14: Es gibt einen Unterschied zwischen dem direkt verursachenden und dem bloß zulassenden Willen Gottes. Gott lässt es zu, dass die Menschen ihre Augen verschließen, aber Er will es nicht und verursacht es nicht direkt.

Außerdem zu beachten: Gerade bei Jesaja spricht Gott auch etwa so wie in Offenbarung 22,11f. („Wer Unrecht tut, tue weiter Unrecht, der Unreine bleibe unrein, der Gerechte handle weiter gerecht und der Heilige strebe weiter nach Heiligkeit. Siehe, ich komme bald und mit mir bringe ich den Lohn und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht.“). Gott kündigt Jesaja einfach an, dass seine Predigt nicht zur Bekehrung des Volkes führen wird, sondern dazu, dass die Leute ihre Augen nur noch fester verschließen werden. Ja, dann verstopft doch Augen und Ohren!

 

3) Jesus und die Kanaaniterin:

„Jesus ging weg von dort und zog sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her! Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Doch sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“ (Matthäus 15,21-28)

Wenn diese Stelle im Sonntagsevangelium drankommt, bekommt man immer mal wieder eine Predigt zu hören, nach der Jesus selbst noch Vorurteile gegenüber der Kanaaniterin gehabt hätte, von ihr dann eines Besseren belehrt worden sei und gemerkt hätte, dass auch Kanaaniter bewundernswerten Glauben haben könnten und dass Seine eigene Sendung nicht nur Seinem eigenen Volk galt. Diese Erklärung ist natürlich von vornherein auszuschließen. Erstens war Jesus ohne Sünde, ergo auch ohne Vorurteile und Gleichgültigkeit gegenüber Kanaanitern. Zweitens können wir aufgrund der Einheit der göttlichen und der menschlichen Natur in Ihm davon ausgehen, dass Er selbst in Seiner menschlichen Natur Seine Sendung gut genug verstand, um zu wissen, dass sie auch den Heiden galt. (Wenn Er sich auch vor Ostern hauptsächlich an die Juden wandte und die Heiden eher erst nach Ostern und Pfingsten eine größere Rolle in der Kirche bekamen; die Juden sind nun mal das auserwählte Volk.)

Die viel logischere Interpretation ist: Jesus erteilt hier seinen Jüngern eine Lehre, um deren Vorurteilen gegenüber den heidnischen Völkern etwas entgegenzusetzen. Man sieht, dass sie sich nicht wirklich für die Frau interessieren; sie wollen nur, dass sie aufhört, ihnen hinterher zu schreien und bitten Jesus deshalb, sich um ihr Anliegen zu kümmern. Jesus gibt als Antwort zunächst eine sicherlich auch unter einigen der Jünger verbreitete Ansicht wieder: Der Messias sei aber doch nur zu Israel gesandt; es sei doch nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Als die Kanaaniterin dann aber unbeirrt, demütig und glaubensfest antwortet: „Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen“ hat Jesus den Jüngern demonstriert, wie groß ihr Glaube ist; er heilt ihre Tochter.

Ein Vergleich mit König Salomo und seinem sprichwörtlich gewordenen salomonischen Urteil bietet sich an. Zur Erinnerung die Stelle:

„Damals kamen zwei Dirnen und traten vor den König. Die eine sagte: Bitte, Herr, ich und diese Frau wohnen im gleichen Haus und ich habe dort in ihrem Beisein geboren. Am dritten Tag nach meiner Niederkunft gebar auch diese Frau. Wir waren beisammen; kein Fremder war bei uns im Haus, nur wir beide waren dort. Nun starb der Sohn dieser Frau während der Nacht; denn sie hatte im Schlaf auf ihm gelegen. Sie stand mitten in der Nacht auf, nahm mir mein Kind weg, während deine Magd schlief, und legte es an ihre Seite. Ihr totes Kind aber legte sie an meine Seite. Als ich am Morgen aufstand, um mein Kind zu stillen, war es tot. Als ich es aber am Morgen genau ansah, war es nicht mein Kind, das ich geboren hatte. Da rief die andere Frau: Nein, mein Kind lebt und dein Kind ist tot. Doch die erste entgegnete: Nein, dein Kind ist tot und mein Kind lebt. So stritten sie vor dem König. Da begann der König: Diese sagt: Mein Kind lebt und dein Kind ist tot! und jene sagt: Nein, dein Kind ist tot und mein Kind lebt. Und der König fuhr fort: Holt mir ein Schwert! Man brachte es vor den König. Nun entschied er: Schneidet das lebende Kind entzwei und gebt eine Hälfte der einen und eine Hälfte der anderen! Doch nun bat die Mutter des lebenden Kindes den König – es regte sich nämlich in ihr die mütterliche Liebe zu ihrem Kind: Bitte, Herr, gebt ihr das lebende Kind und tötet es nicht! Doch die andere rief: Es soll weder mir noch dir gehören. Zerteilt es! Da befahl der König: Gebt jener das lebende Kind und tötet es nicht; denn sie ist seine Mutter. Ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie schauten mit Ehrfurcht zu ihm auf; denn sie erkannten, dass die Weisheit Gottes in ihm war, wenn er Recht sprach.“ (1 Könige 3,16-28)

Ich denke, man kann getrost davon ausgehen, dass König Salomo nicht vorhatte, das Kind in zwei Hälften zu schneiden und erst durch die Bitte der wahren Mutter davon abgehalten wurde. Er hatte schlichtweg vor, die Reaktionen der beiden Frauen auf seinen Lösungsvorschlag zu testen.

[Zu einer anderen möglichen Interpretation dieser Stelle: Siehe die Kommentare.]

 

4) Die Verfluchung des Feigenbaums (und die Schweine bei Gerasa):

„Als sie am nächsten Tag Betanien verließen, hatte er Hunger. Da sah er von Weitem einen Feigenbaum mit Blättern und ging hin, um nach Früchten zu suchen. Aber er fand nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigenernte. Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen. Und seine Jünger hörten es. […] Als sie am nächsten Morgen an dem Feigenbaum vorbeikamen, sahen sie, dass er bis zu den Wurzeln verdorrt war. Da erinnerte sich Petrus und sagte zu Jesus: Rabbi, sieh doch, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt. Jesus sagte zu ihnen: Habt Glauben an Gott! Amen, ich sage euch: Wenn jemand zu diesem Berg sagt: Heb dich empor und stürz dich ins Meer! und wenn er in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass geschieht, was er sagt, dann wird es geschehen. Darum sage ich euch: Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.“ (Markus 11,12-14.20-24)

Hier stellen sich zweierlei Probleme:

Erstens: Radikale Umweltschützer könnten sich aufregen, dass Jesus ein Lebewesen absterben lässt (wenn auch in diesem Fall kein fühlendes Lebewesen). Ein ähnliches Problem würde sich für sie übrigens bei der Geschichte mit dem Besessenen von Gerasa stellen: „Sie kamen an das andere Ufer des Sees, in das Gebiet von Gerasa. Als er aus dem Boot stieg, lief ihm sogleich von den Gräbern her ein Mensch entgegen, der von einem unreinen Geist besessen war. Er hauste in den Grabstätten. Nicht einmal mit einer Kette konnte man ihn bändigen. Schon oft hatte man ihn mit Fußfesseln und Ketten gebunden, aber er hatte die Ketten zerrissen und die Fußfesseln durchgescheuert; niemand konnte ihn bezwingen. Bei Tag und Nacht schrie er unaufhörlich in den Grabstätten und auf den Bergen und schlug sich mit Steinen. Als er Jesus von Weitem sah, lief er zu ihm hin, warf sich vor ihm nieder und schrie laut: Was habe ich mit dir zu tun, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht! Jesus hatte nämlich zu ihm gesagt: Verlass diesen Menschen, du unreiner Geist! Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Mein Name ist Legion; denn wir sind viele. Und er flehte Jesus an, sie nicht aus diesem Gebiet fortzuschicken. Nun weidete dort an einem Berghang gerade eine große Schweineherde. Da baten ihn die Dämonen: Schick uns in die Schweine! Jesus erlaubte es ihnen. Darauf verließen die unreinen Geister den Menschen und fuhren in die Schweine und die Herde stürmte den Abhang hinab in den See. Es waren etwa zweitausend Tiere und alle ertranken. Die Hirten flohen und erzählten es in der Stadt und in den Dörfern. Darauf eilten die Leute herbei, um zu sehen, was geschehen war. Sie kamen zu Jesus und sahen bei ihm den Mann, der von der Legion Dämonen besessen gewesen war, bekleidet und bei Verstand. Da fürchteten sie sich. Die es gesehen hatten, berichteten ihnen, wie es mit dem Besessenen und den Schweinen geschehen war. Darauf baten die Leute Jesus, ihr Gebiet zu verlassen. Als er ins Boot stieg, bat ihn der Mann, der zuvor von den Dämonen besessen war, dass er bei ihm sein dürfe. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat! Da ging der Mann weg und verkündete in der ganzen Dekapolis, was Jesus für ihn getan hatte, und alle staunten.“ (Markus 5,1-20) Wieso lässt Jesus zweitausend Schweine ertrinken? Hier einfach die Erinnerung an Regel Nr. 15: Gott ist der Herr über alles Leben. Er lässt auch zu, dass das Leben von Tieren und Pflanzen auf andere Weise zu Ende geht.

Ein zweiter, allgemeiner Einwand: Jesus wird wütend auf einen Baum, weil der keine Früchte trägt? Noch dazu, wenn gar nicht Erntezeit ist? Dieser Einwand ist sehr rasch erledigt: Es handelt sich bei diesem Wunder nicht um eine wütende Reaktion darauf, dass Er nichts zu essen findet, sondern schlichtweg um eine Art „Lehrwunder“ für seine Jünger. Einerseits demonstriert Er an dem Baum, was die Kraft des Glaubens ausrichtet (s. Verse 20-24); andererseits wirkt das Ganze wie eine Illustration zu einem Seiner Gleichnisse, das Lukas überliefert hat: „Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine. Da sagte er zu seinem Winzer: Siehe, jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen? Der Winzer erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er in Zukunft Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen!“ (Lukas 13,6-9) Gott kommt, um zu inspizieren, ob es gute Früchte gibt oder nicht; es gibt keine, also zieht Er die Konsequenzen. Hier wird schlichtweg das göttliche Gericht an einem Beispiel demonstriert.

 

5) Wann ist der Jüngste Tag?

„Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist. So erkennt auch ihr, wenn ihr das alles seht, dass das Ende der Welt nahe ist. Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Matthäus 24,32-36)

Das eine Problem hier ist: Wie kann es sein, dass der Sohn „jenen Tag und jene Stunde“ nicht kennt, wenn wir glauben, dass er „wahrer Gott und wahrer Mensch“ und „eines Wesens mit dem Vater“ ist? Hier zitiere ich ganz einfach mal Joseph Ratzinger:

„Das Problem der Bedeutung des Verses Mt 24, 36 (Was jenen Tag und jene Stunde angeht, so kennt sie niemand, nicht einmal die Engel des Himmels, nicht einmal der Sohn, sondern allein der Vater) wird seit den Väterzeiten unter Dogmatikern und Exegeten heftig diskutiert. Im Laufe der Zeit haben sich zwei Hauptantworten herauskristallisiert:

1. Allen Lösungen ist die durch das Dogma verbürgte Erkenntnis gemeinsam, dass in Christus zwischen seinem menschlichen und göttlichen Wissen unterschieden werden muss. Christus war nicht nur der gleichwesentliche Sohn des ewigen Vaters, sondern ebenso sehr voller, gleichwesentlicher Mensch mit uns, der, wie die Dogmen des 5. und 7. Jahrhunderts herausgestellt haben, auch einen eigenen menschlichenVerstand und menschlichen Willen und so auch eine menschliche Weise des Wissens besaß. Klar ist weiterhin, dass sich die Aussage Mt 24, 36 auf das menschliche, nicht auf das göttliche Wissen Jesu bezieht. Umstritten ist allein die Frage, wie sich menschliches und göttliches Wissen in Jesus zueinander verhalten. Die Theologie des Mittelalters kam diesbezüglich zu der Meinung, dass beiderlei Wissen sich so eng durchdringe, dass Jesus auch als Mensch an der göttlichen Allwissenheit Anteil habe. Um dennoch das Problem von Mt 24,36 und ähnlichen Versen lösen zu können, unterscheidet man dann zwischen mitteilbarem und nichtmitteilbarem Wissen. Zwar habe Jesus für sich selbst kraft seiner Anteilnahme am Ewigen Wort alles Wirkliche geschaut, aber er sei mit einem festumrissenen Offenbarungsauftrag in diese Welt getreten und zu diesem Offenbarungsauftrag gehörte nicht das Datum des Jüngsten Tages. So konnte er mit Recht in Bezug auf das ihm zur Mitteilung zur Verfügung stehende Wissen sagen, dass es Zeit und Stunde des Weltendes nicht umfasse. Das Wissen darüber wird gleichsam nicht freigegeben, es gehörte nicht zum göttlichen Offenbarungsbestand.

2. Moderne Deutungen gehen noch einen Schritt weiter. Sie sagen, dass Jesus mit dem Grunde seiner menschlichen Seele immer eingetaucht war in das göttliche Wort, mit dem er ja eine Person bildete, dass aber diese Verbindung, die den Grund seines Seins prägte, nicht auch sein menschliches Bewusstsein mit allen Details der göttlichen Allwissenheit erfüllte, sondern es nur so weit durchdrang, soweit dies für seinen Offenbarungsauftrag nötig war. Auf diese Weise wird es möglich, ein echtes menschliches Wissen und Wachsen bei Jesus anzunehmen, ohne dass man seine seinsmäßige Einheit mit der zweiten Person der Trinität in Frage stellt. Das Gesamtbild der Evangelien, die uns Jesu wahre Menschlichkeit so unmittelbar erleben lassen, wird auf diese Weise verständlicher. Nach dieser Auslegung konnte Jesus mit vollem Recht sagen, dass er, obgleich vom Grunde seines Seins her der „Sohn“, dennoch das Datum des Letzten Tages nicht wisse, weil der göttliche Grund seines Seins seinen menschlichen Verstand nicht darüber belehrte. Wie Sie sehen, ist diese Lösung mit der Unterscheidung von mitteilbarem und nichtmitteilbarem Wissen zwar verwandt, aber sie streift den etwas fiktiven Charakter dieses Gedankens ab und versucht, ebenso dem vollen Ernst der Gottessohnschaft Jesu wie dem vollen Ernst des biblischen Wortes gerecht zu werden.“

(Quelle: http://www.institut-papst-benedikt.de/nc/ergebnisausgabe/schriften/jesus-christus/text/warum-weiss-jesus-nicht-alles-wenn-er-doch-gott-ist.html)

Jesu menschliche Natur spielt auch für die Erklärung anderer Bibelstellen eine Rolle, z. B. wenn es in Lukas‘ Kindheitsgeschichte heißt „seine Weisheit nahm zu“ (Lukas 2,52). Als Mensch entwickelte sich Jesus auch in Bezug auf Verstand und Bewusstsein ebenso wie andere Menschen nach und nach.

Das zweite Problem ist: Wie kann Jesus gleichzeitig sagen, dass Er den Tag nicht kennt, und zuvor, dass „diese Generation“ nicht vergehen wird, bis das alles geschieht? Und… das Ende der Welt kam schließlich auch nicht zur Zeit „dieser Generation“. Irrte Jesus hier also?

Es gibt zwei mögliche Erklärungen:

Erstens: Das Wort, das hier mit „Generation“ übersetzt wird, heißt „geneá“ und kann auch „Geschlecht“ bedeuten; es ist also nicht eindeutig zeitlich gemeint. Jesus könnte zum Beispiel auch im übertragenen Sinne Menschen nach der Art seiner Zeitgenossen gemeint haben. Wenn er an anderen Stellen von „dieser Generation / diesem Geschlecht“ spricht, hat das in der Regel eine negative Konnotation:

  • „Mit wem soll ich diese Generation vergleichen? Sie gleicht Kindern, die auf den Marktplätzen sitzen und anderen zurufen: Wir haben für euch auf der Flöte gespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben die Totenklage angestimmt und ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen. Denn Johannes ist gekommen, er isst nicht und trinkt nicht und sie sagen: Er hat einen Dämon. Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt und sie sagen: Siehe, ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Und doch hat die Weisheit durch ihre Taten Recht bekommen.“ (Matthäus 11,16-19)
  • „Er antwortete ihnen: Diese böse und treulose Generation fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein Zeichen gegeben werden außer das Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein. Die Männer von Ninive werden beim Gericht mit dieser Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie sind auf die Botschaft des Jona hin umgekehrt. Und siehe, hier ist mehr als Jona. Die Königin des Südens wird beim Gericht gegen diese Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie kam vom Ende der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.“ (Matthäus 12,39-42)
  • „Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommt.“ (Markus 8,38)

Es könnte also zum Beispiel die Art von Menschen gemeint sein, die dieselben negativen Eigenschaften besitzen wie die hier kritisierten.

Zweitens: Jesus kündigt in seiner langen Rede über die Endzeit nicht nur das Jüngste Gericht an, sondern beginnt schon mit der Zerstörung des Tempels, die 70 n. Chr. passieren sollte (vgl. Matthäus 24,1-2). Dann kündigt Er im weiteren Verlauf von Kapitel 24 eine längere Zeit an, die man noch nicht für die direkte Endzeit halten soll: „Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Gebt Acht, dass euch niemand irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin der Christus! und sie werden viele irreführen. Ihr werdet von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. Gebt Acht, lasst euch nicht erschrecken! Das muss geschehen. Es ist aber noch nicht das Ende. Denn Volk wird sich gegen Volk und Reich gegen Reich erheben und an vielen Orten wird es Hungersnöte und Erdbeben geben. Doch das alles ist erst der Anfang der Wehen. Dann wird man euch der Not ausliefern und euch töten und ihr werdet von allen Völkern um meines Namens willen gehasst. Und viele werden zu Fall kommen und einander ausliefern und einander hassen. Viele falsche Propheten werden auftreten und sie werden viele irreführen. Und weil die Gesetzlosigkeit überhand nimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten. Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet werden. Und dieses Evangelium vom Reich wird auf der ganzen Welt verkündet werden – zum Zeugnis für alle Völker; dann erst kommt das Ende.“ (Matthäus 24,4-14) In dieser Zeit befinden wir uns offensichtlich immer noch.

Es ist also möglich, dass Jesus „diese Generation“ im zeitlichen Sinne verstand, den Satz aber auf den Anfang all der zusammenhängenden Ereignisse ab der Zerstörung des Tempels bezog. 70 n. Chr. war „diese Generation“ noch nicht vergangen.

(Eine zudem noch mögliche dritte Interpretation, die ich einmal auf einer Internetseite gelesen habe, wäre, „geneá“ als „Geschlecht“ zu verstehen, und auf das jüdische Volk zu beziehen, das nicht vergehen wird.)

 

6) Jesus und Seine Familie:

„Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen. […] Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben draußen stehen und ließen ihn herausrufen. Es saßen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich. Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Markus 3,21.31-35)

Hier stellen sich zwei Fragen: Erstens: Wieso ist Maria (die dem katholischen Glauben nach ohne Sünde war) bei den Angehörigen mitgekommen, die Jesus für verrückt hielten und Ihn von Seiner Sendung abbringen wollten? Zweitens: Wieso verhält Jesus sich so abweisend gegenüber Seiner Familie, bevor man Ihm überhaupt gesagt hat, was sie wollen? Sollte die Familie nicht etwas Wichtiges sein?

Zu erstens: Zunächst einmal muss es nicht so gewesen sein, dass Maria dasselbe dachte wie der Rest der Familie; das wird hier jedenfalls nicht ausdrücklich gesagt. Sie kann deshalb mitgekommen sein, weil sie einfach sehen wollte, was Jesus nun eigentlich tat, als sich sein Ruf als Wundertäter und möglicher Messiaskandidat im Land verbreitete. Oder vielleicht, um einen mildernden Einfluss auf die Brüder (Vettern) auszuüben, die Jesus zur Rede stellen wollten? Dass sie die Verwandtschaft begleitete, als die Jesus aufsuchen wollte, ist jedenfalls ganz logisch.

Zu zweitens: Die leibliche Familie hatte zu Jesu Zeit eine enorme Bedeutung; Er jedoch stellt sich diesem Verständnis immer wieder entgegen: „Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ (Matthäus 10,35-39) „Ein anderer aber, einer seiner Jünger, sagte zu ihm: Herr, lass mich zuerst weggehen und meinen Vater begraben. Jesus erwiderte: Folge mir nach; lass die Toten ihre Toten begraben!“ (Matthäus 8,21f.) „ Es geschah aber: Als er das sagte, da erhob eine Frau aus der Menge ihre Stimme und rief ihm zu: Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brust, die dich gestillt hat! Er aber erwiderte: Ja, selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen.“ (Lukas 11,27f.) Jesus leugnet nicht, dass die Familie gut und wichtig ist; aber Er stellt heraus, dass es etwas noch Wichtigeres gibt, das man auf keinen Fall vergessen darf. Es gibt eine Loyalität, die steht höher als die zur Familie, und das ist die zu Gott. Und es gibt auch eine umfassende Familie, eine Gemeinschaft aller, die „den Willen Gottes tu[n]“ – alle Christen gehören zu Jesu Familie. Jesus leugnet nicht, dass Seine leiblichen Verwandten Seine Familie sind; Er sagt, dass andere es auch sind. Er sagt, dass Blutsverwandtschaft nicht das Entscheidende ist.

 

7) Jesus und Seine Mutter:

„Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungssitte der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist! Sie brachten es ihm. Dieser kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn. Danach zog er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kafarnaum hinab. Dort blieben sie einige Zeit.“ (Johannes 2,1-12)

Hier fällt auf: Jesus lässt sich von Seiner Mutter überreden; Er ändert praktisch Seine Meinung, nachdem Er zuerst darauf bestanden hat, dass Seine „Stunde“ noch nicht gekommen ist. (Übrigens, eine Klarstellung noch: Die Anrede „Frau“ ist hier nicht unhöflich; dass es uns so vorkommt, liegt nur an der Begrenztheit von Übersetzungen aus dem Altgriechischen.) Ich möchte hier zunächst einmal Fulton Sheen zitieren:

“In order to understand His meaning more fully, consider the words, ‘My Hour is not yet come.’ The ‘Hour’ obviously refers to His Cross. Whenever the word ‘Hour’ is used in the New Testament, it is used in relation to His Passion, death and glory. […] At Cana, Our Lord was referring to Calvary and saying that the time appointed for beginning the task of Redemption was not yet at hand. His mother was asking for a miracle; He was implying that a miracle worked as a sign of His Divinity would be the beginning of His Death. The moment He showed Himself before men as the Son of God, He would draw down upon Himself their hatred, for evil can tolerate mediocrity, but not supreme goodness. […]

There were, in His life, two occasions when His human nature seemed to show an unwillingness to take on His burden of suffering. In the Garden, He asked His Father if it be possible to take away His chalice of woe. But He immediately afterward acquiesced in His Father’s will: ‘Not My will, but Thine be done.’ The same apparent reluctance was also manifested in the face of the will of His mother. Cana was a rehearsal for Golgotha. He was not questioning the wisdom of beginning His Public Life and going to death at this particular point in time; it was rather a question of submitting His reluctant human nature to obedience to the Cross. There is a striking parallel between His Father’s bidding Him to His public death and His mother’s bidding Him to His public life. Obedience triumphed in both cases; at Cana, the water was changed into wine; at Calvary, the wine was changed into blood.” (Fulton Sheen, Life of Christ, S. 88-90)

„Um besser zu verstehen, was Er meint, betrachte die Worte ‚Meine Stunde ist noch nicht gekommen’. Die ‚Stunde’ bezieht sich offensichtlich auf Sein Kreuz. Immer, wenn das Wort ‚Stunde’ im Neuen Testament gebraucht wird, wird es in Beziehung zu Seinem Leiden, Seinem Tod und Seiner Verherrlichung gebraucht. […] In Cana verwies unser Herr auf Kalvaria und sagte, dass die Zeit, die dafür bestimmt war, die Aufgabe der Erlösung zu beginnen, noch nicht da war. Seine Mutter bat um ein Wunder; Er implizierte, dass ein Wunder, das als ein Zeichen Seiner Göttlichkeit gewirkt werden würde, der Beginn Seines Todes sein würde. In dem Augenblick, in dem Er sich vor den Menschen als der Sohn Gottes zeigte, würde Er ihren Hass auf sich ziehen, denn das Böse kann die Mittelmäßigkeit dulden, aber nicht die höchste Gutheit. […]

Es gab in Seinem Leben zwei Gelegenheiten, bei denen Seine menschliche Natur eine Unwilligkeit zu zeigen schien, Seine Last des Leidens auf sich zu nehmen. Im Garten bat Er Seinen Vater, ob es möglich wäre, Seinen Kelch des Leidens wegzunehmen. Aber gleich danach ergab Er sich in den Willen des Vaters: ‚Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.’ Dasselbe scheinbare Widerstreben zeigte sich auch gegenüber dem Willen Seiner Mutter. Kana war eine Probe für Golgotha. Er hinterfragte nicht die Weisheit dahinter, zu genau diesem Zeitpunkt Sein öffentliches Leben zu beginnen und auf den Tod zuzugehen; es war eher eine Frage davon, Seine widerstrebende menschliche Natur dem Gehorsam zum Kreuz zu unterwerfen. Es gibt eine bemerkenswerte Parallele zwischen der Bitte Seines Vaters an Ihn zu Seinem öffentlichen Tod und die Bitte Seiner Mutter an Ihn zu Seinem öffentlichen Leben. Der Gehorsam triumphierte in beiden Fällen; in Cana wurde das Wasser in Wein verwandelt; auf Kalvaria wurde der Wein in Blut verwandelt.“

Diese Stelle zeigt zudem ganz wunderbar, weshalb wir die Gottesmutter verehren und sie bitten: „Bitte für uns.“ Weil es was bringt. Weil ihr Sohn (auch jetzt immer noch) eben ihr Sohn ist und sich von ihr auch mal überreden lässt. Ich glaube, ich habe schon einmal zum Bittgebet geschrieben: Manchmal wartet Gott eben darauf, dass wir fragen. Wir Menschen haben wirkliche Macht, etwas in der Welt zu verändern, und zwar entweder durch direkte Taten, oder durch Bittgebete, die Gott dann erfüllen kann oder nicht. Gott hat eine wirkliche Beziehung zu Seinen Geschöpfen, und lässt sich von ihnen sogar gewissermaßen beeinflussen (nicht, dass das nicht schon im Plan vorgesehen wäre – schließlich ist Gott außerhalb der Zeit und allwissend).

 

8) Hält sich Jesus selbst gar nicht für Gott?

 „Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer der eine Gott.” (Markus 10,17f.)

Zu dieser Stelle ein Zitat von Ronald Knox:

“So, for that matter, is the well-known rejoinder, ’Why dost thou call me good? None is good, save God’ – a rejoinder which is exquisitely flat and meaningless if it be taken as a serious statement, full of significance when you realise that it was uttered in irony.” (Ronald Knox, The belief of Catholics, Kapitel 8, http://www.ewtn.com/library/CHRIST/BELIEF.txt)

„Ebenso, übrigens, ist es bei der wohlbekannten Erwiderung ‚Wieso nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott’ – eine Erwiderung, die ausnehmend inhaltsleer und bedeutungslos ist, wenn man sie als ernsthafte Aussage versteht, voller Bedeutung, wenn man begreift, dass sie ironisch ausgesprochen wurde.“

(Eine andere, oft gehörte Interpretation wäre einfach, dass Jesus hier in Seiner menschlichen Natur spricht. Mir gefällt Knox’ Interpretation besser.)

 

Was macht feministische Theologie manchmal so nervig?

Vor kurzem habe ich fürs Studium einen Aufsatz mit dem Titel „Maria von Magdala – erste Apostolin?“ von der Theologin Andrea Taschl-Erber gelesen*. Ja, ganz stereotyp, der Doppelname und die Fixierung auf Maria von Magdala. Man erlaube mir an dieser Stelle übrigens die Bemerkung, dass „Apostolin“ irgendwie doof klingt, und „Apostelin“ auch nicht besser wäre.

Aber komisch klingende Wörter machen einen Aufsatz ja nicht falsch, auch wenn das nicht das einzige komisch klingende Wort bleibt. (Im Text kriegen wir noch „ZeugInnenschaft“, was ungefähr so viel Sinn macht wie „ÄrztInnenkammer“ oder „FremdInnenzimmer“.) Der Aufsatz beginnt folgendermaßen: „Maria von Magdala zählt zu den meistgenannten AnhängerInnen Jesu in den Evangelien. Allerdings verdunkelte eine von androzentrischen Mechanismen und patriarchalen Projektionen bestimmte Auslegungsgeschichte die Bedeutung der engagierten Jüngerin und prophetischen Apostolin. So gilt es, ihre spezifische literarische wie historische Rolle von den Schatten der Rezeptionsgeschichte zu befreien.“ Die Bedeutung der „engagierten Jüngerin“. Ich liebe es, wie Frau Taschl-Erber ihre Beschreibung der Heiligen so klingen lässt wie eine Dankesrede bei der Verabschiedung einer scheidenden Elternbeiratsvorsitzenden. („Frau Plötzenthaler hat sich jahrelang als engagiertes Mitglied unseres Gremiums erwiesen…“)

Sie fährt fort: „Grundsätzlich ist das literarische Porträt einer Erzählfigur als ein narratives Konstrukt zu verstehen, anhand dessen nicht unmittelbar, gleichsam spiegelbildlich, ein historisches Profil der namentlich identifizierten Person gezeichnet werden kann. Um dennoch mit aller methodischen Vorsicht historische Informationen ableiten zu können, bedarf es vor allem auch einer kritischen Reflexion des ideologischen Horizonts der jeweiligen Erzählwelt und ihrer androzentrischen Dynamik gemäß den Prinzipien einer ‚Hermeneutik des Verdachts‘.“ Der Begriff „Hermeneutik des Verdachts“ ist sehr treffend gewählt. Frau Taschl-Erber bleibt noch den ganzen Text über in diesem Dilemma stecken: Eigentlich können wir ja nichts Genaues, historisch Glaubwürdiges aus den biblischen Texten wissen, aber dass wir alle biblischen Darstellungen von Frauen unter Verdacht stellen müssen, das wissen wir auf jeden Fall.

Zunächst geht die Autorin darauf ein, wo überall in den Evangelien Maria von Magdala erwähnt wird: Sie gehört zu einer größeren Gruppe von Frauen um Jesus und wird zusammen mit anderen dieser Frauen Zeugin der Kreuzigung, der Grablegung und dann der Auferstehung. Aus Mk 15,41, wo es heißt, dass diese Frauen Jesus schon in Galiläa „nachgefolgt“ waren und ihm „gedient“ hatten (hier wird das griechische Verb „diakoneo“ verwendet), leitet Frau Taschl-Erber ab, dass sie nicht bloß für die Brotzeit auf dem Weg gesorgt hätten (wer hat das denn gesagt?), sondern Beauftragte Jesu (als seine Zeuginnen und Verkündigerinnen oder so) gewesen wären; immerhin leitet sich auch das Wort „Diakon“ vom selben Verb ab, das ja z. B. bei Paulus ein Amt in der Gemeinde bezeichnet. (Witzigerweise wurden zwar gerade die ersten Diakone laut Apostelgeschichte vor allem für den „Dienst an den Tischen“ bestellt, damit die Apostel sich ungestört der Verkündigung widmen konnten (Apg 6,2)… aber lassen wir das. Ich will ja auch nicht behaupten, dass die Jüngerinnen bloß für die Brotzeit und nichts weiter zuständig gewesen wären. Ich weiß nichts drüber, was genau sie so gemacht haben.) Frau Taschl-Erber betont dann noch, dass die Frauen die nach Markus „echte Nachfolge“, die „Kreuzesnachfolge“, durch ihre Anwesenheit bei der Kreuzigung verwirklichen, während die Zwölf verschwinden. Das stimmt ja auch, und es wurde von der patriarchalischen, androzentrischen Christenheit übrigens nie geleugnet. Mir fällt spontan eine Stelle aus einer Schrift über Lourdes von 1907 ein, in der der Priester Robert Hugh Benson über eine große Gruppe von in den vergangenen Jahren an diesem Wallfahrtsort Geheilten, die zu einer Dankesprozession zusammengekommen sind, schreibt: „I had looked at their faces: there were many more women than men (as there were upon Calvary).“ (http://www.gutenberg.org/files/18729/18729-h/18729-h.htm ; Ausgabe von 1914)

Nach der markinischen geht die Autorin auf die lukanische Darstellung der Jüngerinnen Jesu ein, wo es u. a. heißt, dass aus Maria von Magdala, dank Jesus, „sieben Dämonen ausgefahren waren“ (Lk 8,2). Ich schätze, es ist nicht erstaunlich, dass Frau Taschl-Erber nicht an dämonische Besessenheit glaubt, aber es ist erstaunlich, welchen Vorwurf gegen den Evangelisten Lukas sie aufgrund dieser Stelle konstruiert: „Dämonische Besessenheit fungiert in bestimmten soziokulturellen Kontexten als personifizierte Ursache für (insbesondere psychische, von Kontrollverlust und Selbstentfremdung gekennzeichnete) Krankheitszustände sowieso vom Normencodex abweichende Verhaltensweisen […]. Ob sich die Information auf eine tatsächliche Krankheit bezieht oder nicht, mit ihrer Wiedergabe erzielt Lk eine bestimmte Wirkung. Entsprechend führte die lk Darstellung, welche die Phantasie späterer RezipientInnen anregte, zu beträchtlichen Verzerrungen im Bild der Jüngerin.“ Auch wenn die Information wahr ist, verzerrt sie das Bild? Die Logik erschließt sich mir nicht. Und was ist denn so schlimm daran, dass eine geheilte Besessene / Kranke / psychisch Kranke zu den Jüngerinnen Jesu gehörte? Paulus war ein bekehrter Christenverfolger. Normalerweise glorifiziert man im Christentum die Geheilten und die Bekehrten eher besonders, als dass man sie herabsetzt; und bei Lukas scheint das meinem Eindruck nach nicht anders zu sein. Inwiefern macht er Maria von Magdala hier schlecht?

Als nächstes geht es um den Auferstandenen und seine in Joh 20 ausführlich beschriebene Erscheinung vor Maria. „So verweist die mehrfache Bezeugung der Protophanie [Ersterscheinung] vor Maria von Magdala auf Alter und Bedeutung der Tradition, welche in den Ostererzählungen der Evangelien Spuren hinterließ, obwohl sie innerhalb patriarchaler Kontexte Widerständen begegnete.“ An dieser Stelle wird u. a. Paulus ein Vorwurf gemacht, weil der in 1 Kor 15 unter den Zeugen der Auferstehung Maria von Magdala nicht namentlich erwähnt, sondern nur die beiden männlichen Autoritäten Petrus und Jakobus, was eine „Marginalisierung der Zeuginnen“ sei. Das ist kein ganz aus der Luft gegriffenes Argument; tatsächlich mussten die ersten Christen ja damit rechnen, dass in einer patriarchalen Umwelt das Zeugnis von Frauen bei der Verkündigung nicht sehr viel zählen würde**, und es ist immerhin möglich, dass Paulus hier absichtlich nur auf das Zeugnis der für sein Publikum „maßgeblichen Jerusalemer Autorität“ mit Namensnennungen verweist. Aber kann man es den Evangelisten dann nicht wenigstens danken, dass sie gerade trotzdem – und zwar alle vier – davon berichten, dass die Frauen die ersten am Grab waren und / oder Erscheinungen des Auferstandenen erlebten? Nö, offensichtlich kann man das nicht. Dem Evangelisten Lukas werden gleich noch mal Vorwürfe gemacht – die Relevanz der Ostererfahrungen der Frauen werde in seinem Evangelium „heruntergespielt“, und zwar u. a. dadurch, dass die Apostel deren Botschaft als „leeres Geschwätz“ „disqualifizieren“ und Petrus „den Bericht der Frauen erst bestätigen muss“. Kann man einen Text deutlicher missverstehen? In Lukas 24 behalten die Frauen Recht. Die Apostel sind im Unrecht, als sie ihren Bericht zuerst für „Geschwätz“ halten, und werden am Ende eines Besseren belehrt. Da könnte ich genausogut „Hakuna Matata“ als die Aussage von „Der König der Löwen“ hinstellen.

Der Text schließt mit einem Flirt mit der Gnosis: „Vermutlich existierte in Bezug auf Maria von Magdala eine breitere Überlieferung, von welcher sich im NT nur einige Reflexe finden, der bedeutendste in Joh 20,1-18. […] Demgegenüber tritt sie in gnostischen und gnosisnahen Texten auch im Zuge des Lehrens und Wirkens Jesu als seine Dialogpartnerin auf. Auf der Basis des Traditionswissens um ihren Primat als Erstzeugin des Auferstandenen avancierte sie  zu einer der bedeutendsten apostolischen TraditionsträgerInnen in christlich-gnostischen Zirkeln. Am deutlichsten knüpft das Evangelium nach Maria an Joh 20 an, das Jesu (Wieder-)Aufstieg zum Vater in Joh 20,17 zu einem großen Visionsbericht des (Wieder-)Aufstiegs der Seele in die himmlische Sphäre entfaltet und explizit Marias apostolische Konkurrenz zu Petrus thematisiert. Hier wie in anderen apokryph gewordenen Schriften wird der geisterfüllten Lieblingsjüngerin der eifersüchtige Vertreter des männlichen Primats gegenübergestellt, der ihre Leitungsposition, die Legitimität ihrer Verkündigung, ihr Rederecht sowie überhaupt ihre Zugehörigkeit zum JüngerInnenkreis bestreitet, wohingegen Maria von Magdala als Repräsentantin der Frauen in der Nachfolgegemeinschaft Jesu wie auch der Frauen in den Gemeinden die weiblichen Autoritätsansprüche verkörpert. Vielleicht fanden gerade viele ihrer AnhängerInnen im Gefolge einer allgemeinen Marginalisierung frauenzentrierter Traditionen sowie einer zunehmenden Zurückdrängung von Frauen aus Leitungsfunktionen (vgl. 1 Tim 2,11f.) eine neue Heimat in ‚gnostisch‘ kategorisierten frühchristlichen Gruppierungen, welche die ursprüngliche Bedeutung der Magdalenerin als Zeugin und Offenbarungsempfängerin des Auferstandenen rezipierten? Doch es bleibt die grundsätzliche hermeneutische Frage, inwieweit sich die Leerstellen im ntl. Porträt Marias von Magdala aus den späteren gnostisch-apokryphen Texten füllen lassen, um die historische Figur zurückzugewinnen.“

Da das Evangelium der Maria erst von ca. 160 n. Chr. stammt, während die kanonischen Texte deutlich älter sind, erscheint es mir als eher zweifelhaft, dass sich die historische Figur hier zurückgewinnen lässt. Übrigens ist Frau Taschl-Erbers Deutung dieses Textes doch etwas gewollt; im 2. Teil des Evangeliums der Maria (es lässt sich im Internet finden) sagt Petrus zu Maria zunächst ganz respektvoll: „Schwester, wir wissen, dass der Retter dich mehr liebte als alle anderen Frauen. Berichte uns von den Worten des Retters, die du erinnerst – die du kennst und wir nicht oder von denen wir noch nie gehört haben.“ Als sie dann eine lange, etwas seltsame Vision vom Aufstieg der Seele aus der materiellen Welt heraus erzählt hat (hier fehlen Teile des Textes), reagieren die Jünger folgendermaßen:

„Doch Andreas antwortete und sagte zu den Jüngern: ‚Sprecht, was sagt ihr darüber, was sie eben erzählt hat? Ich bin der letzte der glaubt, dass dies der Erlöser gesagt hat. Diese Lehre ist sicherlich eine befremdliche Vorstellung.‘

Petrus antwortete und sprach die gleichen Dinge betreffend. Er befragte sie nach dem Retter: ‚Sprach Er wirklich ohne unser Wissen mit einer Frau und das nicht öffentlich? Sollen wir uns ihr nun zuwenden und ihr künftig zuhören? Hat er sie uns vorgezogen?‘

Dann weinte Maria und sagte zu Petrus: ‚Mein Bruder Petrus, was denkst du denn? Denkst du, dass ich mir all dies in meinem Herzen ausgedacht habe oder dass ich über unseren Retter Lügen erzähle?‘

Levi (Matthäus) antwortete und sagte zu Petrus: ‚Petrus, du warst schon immer temperamentvoll. Nun sehe ich, wie du dich gegen diese Frau aufbäumst als wäre sie dein Gegner. Denn wenn der Retter sie als wertvoll erachtete, wieso möchtest du sie dann ablehnen? Der Retter kennt sie sicherlich sehr gut. Das ist der Grund, wieso er sie mehr liebte als uns. Wir sollten uns besser schämen und lieber dafür sorgen, den perfekten Menschen in uns und für uns zu leben, so wie Er es uns aufgetragen hat. Lasst uns das Evangelium predigen und nicht Gesetze aufstellen, die jenseits dessen stehen, die uns der Retter mitgeteilt hat.‘ Danach begonnen sie zu verkünden und zu predigen.“

Nach einem grundsätzlich Konflikt zwischen Männern und Frauen sieht das weniger aus; eher habe ich den Verdacht, dass sich hier die Situation der gnostischen Gemeinden des 2. Jahrhunderts spiegelt, deren neu aufgetauchte Geheimlehren andere christliche Gemeinden nicht als ursprüngliche Worte Jesu anerkennen wollten („Diese Lehre ist sicherlich eine befremdliche Vorstellung“). Die Gnostiker legen also in ihrem angeblichen Evangelium ihre Sichtweise Maria und Levi/Matthäus in den Mund, und die ihrer Gegner Andreas und Petrus. Maria kommt mir zudem nicht mal besonders sympathisch vor; anstatt zu erklären, wieso Jesus nur ihr solche wichtigen Dinge mitgeteilt haben soll, die den anderen Jüngern offenbar ganz fremd sind, reagiert sie passiv-aggressiv und heult. (Okay, ich heule auch schnell mal. Das kann schon passieren. Trotzdem.)

Es sind jedenfalls im Großen und Ganzen zwei Hauptprobleme, die sich bei Frau Taschl-Erber zeigen und die ihren Text so nervig machen:

Erstens, feministische Theologie dieser Art (es wird sicher auch anders geartete feministische Theologie geben, ich will hier mal nicht die feministische Theologie als Ganzes attackieren) geht mit einem bestimmten Anliegen, mit einer vorher beschlossenen Agenda an die Bibel heran. Man liest nicht den Text und überlegt dann, was er einem sagen will, sondern man liest ihn schon mit einer bestimmten Zielvorstellung. Natürlich kann man gar nicht anders, als Texte durch eine bestimmte Brille zu lesen; die Lektüre wird immer auc durch eigene subjektive Erfahrungen gefärbt sein. Aber man sollte sich zumindest bemühen, einen Text an sich erst einmal auf sich wirken zu lassen. Wenn man das nicht tut, schaut man am Ende, wie Andrea Taschl-Erber zuerst darauf, welche Texte einem besser gefallen, und nicht darauf, welche näher am Geschehen sind und damit eher die historische Realität wiedergeben.

Zweitens, hier wird die Bibel nicht als ein heiliger Text behandelt, sondern als etwas, das kritisiert und dekonstruiert werden muss, als ein Teil der großen bösen androzentrischen und patriarchalen Welt. Es ist eben eine, wie Frau Taschl-Erber sagt, „Hermeneutik des Verdachts“, eine grundsätzliche Voreingenommenheit gegenüber den menschlichen (männlichen) Autoren der Heiligen Schrift, unter deren verzerrten Darstellungen sich noch die feministische Wahrheit verbergen soll. Dabei wird ihnen z. T. Frauenfeindlichkeit unterstellt, wo sie einfach nicht da ist. Das soll christliche Theologie sein?

Die Titelfrage beantwortet die Autorin übrigens auf den letzten Seiten noch so nebenher, und auf sehr vorhersehbare Weise: Nach einem erweiterten Apostelbegriff, wie er in der Bibel teilweise verwendet wird, würde sie als „Apostolin“ zählen (und immerhin wurde sie in Antike und Mittelalter auch manchmal tatsächlich als „apostola“ bezeichnet), nach der lukanischen „Verengung“ des Begriffs auf die Zwölf jedoch nicht. Also, das wusste ich auch vorher schon.

 

* Veröffentlicht in: Mercedes Navarro Puerto u. Marinella Perroni [Hrsg.]: Evangelien. Erzählungen und Geschichte (Irmtraud Fischer u. a. [Hrsg.]: Die Bibel und die Frauen. Eine exegetisch-kulturgeschichtliche Enzyklopädie. Neues Testament, Bd. 2.1).

** Frau Taschl-Erber zitiert an einer Stelle einen Vorwurf antiker antichristlicher Polemik, den der christliche Theologe Origines (3. Jh.) in seiner Schrift „Contra Celsum“ zitiert: „Wer hat dies gesehen? Eine wahnsinnige Frau, wie ihr sagt…“

Ein verspäteter Buchtipp zu Dreikönig

Wer waren die „Sterndeuter aus dem Osten“? In dem Jugendbuch „Alphabet der Träume“ spinnt Susan Fletcher eine Geschichte um die geheimnisvollen Gestalten aus dem Matthäusevangelium. Hier gibt es eine Leseprobe: https://www.amazon.de/Alphabet-Tr%C3%A4ume-Susan-Fletcher/dp/3446209018/ref=sr_1_3?ie=UTF8&qid=1515444591&sr=8-3&keywords=alphabet+der+tr%C3%A4ume

(Darstellung der Drei Weisen auf einem Mosaik aus dem 6. Jahrhundert, Ravenna)

Ich habe „Alphabet der Träume“ vor einigen Jahren geschenkt bekommen, fand es toll und habe es mehrmals wieder gelesen. Die Autorin übernimmt eine häufig gehörte Deutung und stellt die „Magoi“ als persische zoroastrische Priester und Sterndeuter dar. Die Hauptpersonen in dem Buch aber sind die vierzehnjährige Mitra und ihr fünfjähriger Bruder Babak, die in der Karawane des Magus Melchior landen, der sich dann auch Kaspar und Balthasar anschließen.

Mitra, Babak und ihr großer Bruder Suren stammen aus einer Familie, die königlicher Abstammung ist – und ihr Vater Vardan hat vor drei Jahren versucht, den persischen König Phraates zu stürzen. Seitdem sind sie auf der Flucht; ihre Eltern sollen tot sein. Am Beginn des Buches leben Mitra und Babak in der „Totenstadt“ bei der Stadt Rhagae, einem großen System aus uralten Grabhöhlen, in dem Bettler hausen. „Die meisten Bettler zogen es vor, innerhalb der Stadtmauern von Rhagae zu hausen, in irgendeinem verlassenen Loch oder in den Ruinen eines alten Palastes, wo die Luft frischer war und wo man nicht über Knochen stolperte, die aus zerfallenen Urnen gefallen waren. In den Höhlen dagegen war die Luft dumpf, und man wurde ständig an den Tod erinnert. In diesen uralten Felsenhöhlen lebten nur diejenigen, die sich vor anderen Bettlern in Sicherheit bringen mussten – wehrlose Frauen, Kranke oder Krüppel, sehr Junge oder sehr Alte.“ (S. 17f.) Mitra gibt sich zu ihrer Sicherheit als Junge aus und nennt sich Ramin, und tagsüber geht sie mit ihrem Bruder in die Stadt, um zu betteln und Essen zu stehlen.

Die beiden warten auf die Rückkehr Surens, den Mitra vor einigen Wochen überredet hat, sich Arbeit in einer Karawane nach Susa, wo sie herkommen, zu suchen. „Suren wusste, wo unser Vater Schatullen mit Goldmünzen vergraben hatte. Alles, was er tun musste, war, sie auszugraben und damit zu uns zurückzukehren. Das würde er doch sicher schaffen! Mit Goldmünzen konnten wir für uns drei einen Platz in einer Karawane nach Palmyra bezahlen, wohin, wie wir gehört hatten, Mitglieder unserer Familie geflohen waren.“ (S. 14) Palmyra liegt in weiter Entfernung auf römischem Gebiet, im heutigen Syrien; Rhagae ist ein Stück südlich vom Kaspischen Meer.

Im ersten Kapitel zieht die Karawane eines Magus in Rhagae ein und Mitra und Babak halten vergeblich nach Suren Ausschau; aber wieder einmal ist er nicht dabei. An diesem Tag gelingt es Babak auch, die Fellmütze eines Skythen auf dem Marktplatz zu stehlen, und als er in der Nacht mit dieser Mütze auf dem Kopf schläft, träumt er von der Geburt eines Jungen. Am nächsten Tag, als er den Skythen in der Stadt wiedererkennt, ruft Babak ihm zu, es würde ein gesunder Jungen werden. Der Skythe, der die zwei erwischt, obwohl Mitra noch versucht, mit Babak wegzulaufen, denkt nicht mehr an die gestohlene Mütze, sondern hält Babaks Traum für ein gutes Omen, da seine Frau tatsächlich ein Kind erwartet, und gibt den beiden etwas Geld dafür. Nachdem sich der Traum erfüllt hat, sucht er wieder nach ihnen, und auch seine Verwandten, unter denen sich die Nachricht herumgesprochen hat, wollen Babak jetzt für sich träumen lassen, indem sie ihn mit ihren Kleidungsstücken am Körper schlafen lassen.

Mitra hat kein gutes Gefühl dabei, ihren Bruder für andere träumen zu lassen, lässt sich aber letzten Endes doch auf den Handel ein, solange seine Gabe noch einigermaßen geheim gehalten wird und sie für die Träume bezahlt werden. Eine alte Bettlerin aus der Totenstadt, Zoya, übernimmt für die beiden die Vermittlung, da Mitra nicht will, dass diese Leute direkten Kontakt zu ihr und ihrem Bruder haben.

Babak ist zufrieden, solange sie mit dem Geld von seinen Träumen, die sich weiterhin erfüllen, Melonen kaufen können; Mitra dagegen träumt nicht nur davon, nicht mehr stehlen und hungern zu müssen, sondern vor allem davon, die Reise nach Palmyra auch dann bezahlen zu können, falls Suren nicht an das versteckte Gold kommen sollte. Palmyra ist das Ziel ihrer Träume: „Viele Perser, die aus dem Land hatten fliehen müssen, lebten jetzt dort, hatte ich gehört. In Palmyra sei die Familie Vardans hoch angesehen. Würde hofiert und geehrt, wie es unserer rechtmäßigen Stellung entsprach. Suren schien in der Lage zu sein, unsere jetzige elende Existenz hinzunehmen, doch ich konnte das nicht. Wollte es auch nicht! Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass es für alle Zeit so weitergehen würde mit uns, dass wir uns immer weiter so jämmerlich durchschlagen müssten mitten unter dem Pöbel.“ (S. 27) „Vergiss nicht, wer du bist“, sagt sie Babak immer wieder, wie ihre Großmutter es ihr früher gesagt hat. Sie ist sich sehr sicher, wer sie ist und was sie will. Zu diesem Zeitpunkt.

Nicht allzu lange Zeit später merkt sie, dass ein Mann aus der Karawane des Magus, mit dem offenbar ein Verwandter des Skythen gesprochen hat, sich für Babak zu interessieren scheint, und sie verstecken sich vor ihm. Zur selben Zeit tauchen zwei Männer in Rhagae auf, die Zoya bemerkt, und die sie für Spione von Phraates hält. „Zoya [berichtete], dass Stunden zuvor zwei wie Kaufleute gekleidete Männer in die Totenstadt gekommen seien und sich nach einem kleinen Jungen namens Babak und einem älteren Bruder oder einer Schwester erkundigt hätten. ‚Aber mich konnten sie nicht täuschen‘, sagte Zoya. ‚Wann sieht man schon einmal einen Kaufmann mit einem Bogenfutteral am Sattel oder einem Bogenring am Daumen? Und ein Kaufmann mit so harten Augen ist mir auch noch nicht begegnet.'“ (S. 66) Zoya vermutet, dass Suren gefangen genommen wurde und unter Folter den Aufenthaltsort seiner Geschwister verraten hat, weshalb die Spione nach Rhagae gekommen sind. Mitra will das nicht glauben, und sie weigert sich, wie Zoya vorschlägt, zur Karawane des Magus zu gehen, um dort Schutz zu suchen.

Zoya schafft Mitra und Babak daraufhin zu Bekannten, die ihr noch etwas schulden und die in einer kleinen Siedlung in den Sümpfen nahe der Stadt leben, um sie vor „den Augen und Ohren des Königs“ zu verstecken – und gibt Mitra dann ein Schlafmittel und schafft Babak fort, um ihn an den Magus zu verkaufen, der von Babaks prophetischen Träumen erfahren hat und sie für sich nutzen will. Als Mitra aufwacht, behauptet Zoya, sie habe ihnen damit einen Gefallen getan. Mitra folgt der Karawane, die aus Rhagae nach Westen aufgebrochen ist, und wird schließlich von Melchiors Diener Giv, der ihr schon entgegengekommen ist, aufgegriffen. Ihr Bruder weint nach ihr und will ohne sie weder träumen noch auch nur etwas essen, erfährt sie. Melchior, der als reicher, eingebildeter, an Luxus gewöhnter Mann dargestellt wird, lässt Mitra daher in seiner Karawane bleiben, weigert sich aber, Babak gehen zu lassen. Er will dessen Gabe jedoch ebenso wie Mitra geheim halten – sie für sich behalten.

Sie ziehen weiter Richtung Westen. Babak träumt für Melchior von geheimnisvollen Sternen, die dieser offenbar schon in Rhagae beobachtet hat, und wegen denen er sich entschieden hat, plötzlich in diese Richtung zu reisen. (Im Nachwort geht die Autorin übrigens auf die reale Sternenkonstellation ein, die die Weisen beobachtet haben könnten.) Seine Träume bestätigen die Pläne des Magus und fügen schließlich neue Informationen hinzu. Mitra versteht das Ziel der Reise nicht und schmiedet Fluchtpläne, und Babak wird allmählich geschwächt und krank durch das Träumen für andere Menschen. Die Augen und Ohren des Königs sind weiterhin auf der Suche nach den beiden Geschwistern, und als ein Mann aus der Karawane Mitra heimlich anbietet, ihr bei der Flucht zu helfen, und sie zu Suren zu bringen, den er angeblich getroffen habe, ist sie hin- und hergerissen, ob sie ihm vertrauen soll oder nicht…

Ich will jetzt nicht noch mehr verraten; vermutlich waren es schon zu viele Spoiler. Nur noch so viel: Auch der gelehrte Kaspar und der heiligmäßige Balthasar tauchen schließlich auf, und sie alle erreichen Jerusalem, wo König Herodes ist, und dann Bethlehem, wo die Heilige Familie sich befindet. Susan Fletcher hält sich hier an den Bericht des Matthäusevangeliums, und dieser Teil des Buches ist magisch.

Auch das Ende ist dann wirklich schön, die Figuren sind gelungen, und die Handlung sorgt für Spannung. Empfehlenswert vor allem für 12-16-Jährige. Aber gerne auch für ältere Leser.

Nichts Neues von Margot

Beim evangelischen Nachrichtenportal idea erfährt man, passend zur Saison, welche Gedanken Margot Käßmann sich gerade so über die Weihnachtsgeschichte macht: „Käßmann äußerte sich in der ‚Bild am Sonntag‘ auf die Frage, ob man seiner Tochter erzählen solle, dass Maria eine Jungfrau war. Wie sie schreibt, will der Evangelist Matthäus deutlich machen, dass schon die Propheten auf Jesus hingewiesen haben. Deshalb zitiere er Jesaja, der weissagte, eine junge Frau würde schwanger werden und den Retter Israels zur Welt bringen. Käßmann: ‚Das hebräische Wort dafür lautet ‚almah‘, junge Frau. Im Griechischen wird sie zu ‚parthenos‘, ein Wort, bei dem sexuelle Jungfräulichkeit mitschwingt.‘ Matthäus erzähle ‚deshalb‘, Maria sei schwanger geworden vom Heiligen Geist: ‚So wollte er zeigen, dass Jesus eben ganz besonders war.'“ (https://www.idea.de/glaube/detail/kaessmann-ueber-jungfrauengeburt-maria-war-eine-junge-frau-103645.html) Frau Käßmanns Sorge gilt der möglichen Bewertung der Sexualität als etwas, das „etwas mit Unreinheit zu tun“ hätte, die durch die Geschichte von der Jungfrauengeburt rüberkommen könnte. Klar, ich meine, seitdem Jesus die Brote auf wundersame Weise vermehrt hat, haben wir Christen schließlich auch unsere Vorbehalte dagegen, das Brot ganz normal beim Bäcker zu kaufen oder gar selber zu backen. Brot backen, statt es vermehrt zu bekommen, das ist so unrein, die Hände werden so voll Mehl, und die ganze Küche ist auch voll davon, wenn man nicht aufpasst, und wenn man häufig zähe Teigreste aus der Schüssel spült, kann das irgendwann auch noch den Abfluss des Spülbeckens verstopfen… (Kein Scherz, das geht.) Vor solchen falschen Ideen müssen natürlich vor allem die Töchter geschützt werden. Also, das Brotbacken toll finden müssen sie nicht unbedingt, aber…

Ach, Mensch, Margot. Klar, Matthäus kannte keine Geschichte von Josefs Zweifeln an Marias Treue und seinen anschließenden Offenbarungen im Traum, der Evangelist hat bloß aus einer „schlecht“ übersetzten Prophezeiung in der Septuaginta eine Geschichte spinnen müssen, um zeigen zu können, dass die alttestamentlichen Prophezeiungen auf seinen Messiaskandidaten passten. Also – wieso genau vertrauen wir Matthäus ansonsten noch gleich, laut dem Evangelium nach Margot? (Und Lukas hat natürlich nie geschrieben, also reden wir über den gar nicht erst.)

Und wenn wir schon die Übersetzung der griechischen Septuaginta – die zumindest uns Katholiken auch als Heilige Schrift gilt; mehrere Bücher des (katholischen) AT sind nur in dieser griechischen Version überliefert – verwerfen müssen, dann sollten wir uns das hebräische „almah“ doch zumindest noch mal genauer anschauen. Ja, ich weiß, das hier ist schon oft genug klargestellt worden, aber Käßmanns falsche Behauptung wird ja auch immer wieder wiederholt. Also: „Almah“ bedeutet sowohl „Jungfrau“ als auch „junge Frau“ und zwar – obacht! – weil beides in der Vorstellungswelt der damaligen Menschen zusammenhing. Eine junge, unverheiratete Frau hatte Jungfrau zu sein. Das Gegenteil dazu war die erwachsene, verheiratete Frau, nicht die ältere Jungfrau oder die junge Nicht-mehr-Jungfrau. „Almah“ wurde etwa so verwendet wie das deutsche „Jungfer“ oder das englische „maiden“. Als Beispiel für diesen immer irgendwo zweideutigen Sprachgebrauch kann man sich mal diesen Abschnitt aus dem Drama „Die Kindermörderin“ von 1776 anschauen, wo Evchen nach der Geburt ihres unehelichen Kindes mit der Frau spricht, bei der sie anonym untergekommen ist:

Fr. Marthan. Behüt und bewahre! da käm sie ja ins Tollhaus! – weiß sie was, Jungfer –

Evchen. Spricht sie mit mir, Frau Marthan?

Fr. Marthan. Mit wem sonst? – Soll ich sie etwa nit Jungfer heißen? Kurios! – gehn so viele vornehme und geringe in der Stadt herum, die schon drey, vier so Puppelchen in der Kost haben, thäten einem die Augen auskratzen, oder gar einen Jurienprozeß an Hals hängen, wenn man sie nit hinten und vornen Jungfern hieß!

Eine als „Jungfer“ betitelte junge Frau musste nicht immer auch im sexuellen Sinn Jungfrau sein, aber es wurde eigentlich schon im Begriff impliziert. Ähnlich bei „almah“. Es hat vorrangig die Bedeutung „junge Frau“, aber eben auch die Nebenbedeutung „Jungfrau“. Daraus folgt zunächst mal, dass man „almah“ an sich mit „Jungfrau“ oder mit „junge Frau“ übersetzen kann, wie’s beliebt, auch an anderen Stellen wird das Wort mit „Jungfrau“ übersetzt; wenn man sich im Zweifelsfall dann allerdings an der Septuaginta orientieren würde, die immerhin auch schon ein gutes Stück vor Christi Geburt (3. Jhd. v. Chr.) datiert, bliebe „Jungfrau“; und wenn man dann noch den Kontext beachten würde, um auf die richtige Weise der Übersetzung zu kommen, könnte man sich fragen, was Jesaja hier eigentlich sagen wollte. Achtung, er macht eine Prophezeiung über den Messias! Große Neuigkeiten! Wir erfahren ein Erkennungsmerkmal des Messias! Der Herr wird ein bedeutsames Zeichen geben! Der Messias wird von – jetzt kommt’s – einer jungen Frau geboren werden! Seine Mutter wird keine Vierzigjährige sein! Äh, ja.

Und noch etwas. Selbst, wenn die Jesaja-Stelle eindeutig „junge Frau“ lauten würde, wie würde Frau Käßmann dann den Gedankenschritt machen zu „Maria war also keine Jungfrau, weil sie eine junge Frau war“? Ja, ich weiß, sie macht ihn, weil sie alle Schilderungen der Evangelisten nur für Erfindungen zum Promoten ihres Messias hält, die anhand diverser prophetischer AT-Stellen zusammengesponnen wurden, und nicht wirklich glaubt, dass Jesus eben tatsächlich „ganz besonders“ war, zumindest nicht „ganz besonders“ im Sinne von „Gottes Sohn“… Na ja. Wir haben ja auch in der katholischen Kirche den ein oder anderen Bischof, den man nicht mögen muss, aber die Lutherischen können einem manchmal schon leid tun.

Na ja. Es ist Advent. In diesem Sinne, freuen wir uns darauf, zu hören: „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.“

Zu Gaudete

Ein Gastbeitrag von meinem regelmäßigen Kommentator Nepomuk in Form einer Predigt zum Gaudete-Sonntag:

Freut euch allezeit im Herrn! Noch einmal sage ich: freut euch. (Phil 4,4)

Den heutigen Sonntag nennt man Gaudete, das heißt „Freut euch!“. Das kam im Introitus. Das kam in der Lesung. Und jetzt kommt’s auch in der Predigt schon wieder. Natürlich muß es hier um die Freude gehen.

Man könnte an dieses Thema naiv herangehen und sagen: freuen, das tun wir Christen uns ja sowiesó. Könnte man. Aber es wäre naiv. Man könnte dann noch naiver auf irgendwelche Statistiken eingehen, die irgendwie (vermutlich) nahelegen würden, daß die Gläubigen fröhlicher durchs Leben gehen als die Ungläubigen; wahrscheinlich ist das auch so. Ich habe die statistische Lage nicht geprüft, aber ich meine mich zu erinnern, daß es das immer heißt. Ich weiß freilich – offen gestanden – nicht, wie die Statistiker, wenn es diese Statistiken überhaupt gibt, zu ihren Ergebnissen kommen. Ob das irgendwelche Fragebögen sind? Wie aussagekräftig das ist? Hat einer geantwortet, wie er antworten soll, weil er weiß, daß er eigentlich Grund zur Freude hat? Damit müßte man sich wenndann im Detail beschäftigen; letztlich ist es aber, so denke ich, nicht so wichtig. Eines heißt es jedenfalls, die Gläubigen begehen seltener Selbstmord als die Ungläubigen. Aber liegt das daran, daß sie sich mehr freuen – oder doch ganz banal daran, daß sie an der moralischen Pflicht festhalten, aus ihrem Leben gerade dann nicht zu flüchten, wenn es wirklich unangenehm wird? (Natürlich ist die Pflicht eine des Naturrechts; de facto hält das aber wohl nur noch der Gläubige hoch.)

Man könnte an das Thema auch moralisierend herangehen; dann kommt in der Regel relativ bald der Spruch von Friedrich Nietzsche: „Erlöster müßten mir die Christen aussehen […] wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ Ich will keinen Hehl daraus machen, daß ich von diesem Sprüchlein – das nebenbei Nietzsche tatsächlich einmal gesagt hat, das in gefühlten 95 % aller Fälle, in denen es heute zitiert wird, aber von eifrigen Christen zitiert wird, immer beflissen, einander zu ermahnen: was, wenn wegen eines unterlassenen Lächelns ein Mensch sich nicht bekehrt, will jemand diese Verantwortung tragen usw.? – in dieser Verwendung nicht allzuviel halte.

Es gibt eine Pflicht, sich zu freuen; der Apostel schreibt das ja ausdrücklich. Ich komme darauf auch gleich zu sprechen. Aber einstweilen – diese gibt es, weil wir tatsächlich Grund zur Freude haben! Aber einen Atheisten mit Hang zur Verrücktheit, wie Nietzsche es war, der von unserem Glauben keine Ahnung, bloß oberflächliche Kenntnisse hat, der insbesondere von den Dingen, die dem Gläubigen auch tatsächlich schwer zu ertragen werden, denn es gibt sie, keine Ahnung hat, der ist der allerletzte, der uns zu sagen hätte, was unser Gefühl zu tun und zu lassen hat! Als ob die Freudigkeit oder fehlende Freudigkeit der Christen, von denen doch ohnehin klar ist, daß sie zum einen sündigen und zum anderen auch, wo das, was sie tun, immerhin keine Sünde ist, eher selten dem Bild des zum einen völlig perfekten, zum anderen „geisterfüllt“ (oder was man so nennt) auf Wolke sieben schwebenden „erlösten“ Menschen nahekommt. Das geht Nietzsche einen feuchten Dreck an!

Übrigens ist dieser auf Wolke sieben schwebende Charismatiker, dem wir sein Glück durchaus gönnen wollen, für den Katholiken entgegen der von gewissen religiösen Revival- und Pfingst- und wie-sie-nicht-alle-heißen-Bewegungen kolportierten Vorstellungen durchaus auch nicht das Ideal. Es gibt ja diese Vorstellung, der Heilige bekehre sich einmal in einer großen Bekehrungsaktion, und dann habe er natürlich hier und da die eine oder andere Anfechtung, aber im großen und ganzen sei er im Frieden. – Wie gesagt, wenn das dem einen oder anderen so geht, dann sei ihm das gegönnt. Aber es ist definitiv nicht der typische Lebenslauf der großen katholischen Heiligen; und wohl auch nicht der meisten ein paar Niveaus drunter anzusiedelnden Katholiken. Mit der Bekehrung, sei es daß sie durch ein plötzliches Ereignis kommt, sei es (was trotz aller das Gegenteil behauptenden Neuprotestanten durchaus möglich ist) daß ein als Kind Getaufter wirklich von Kindesbeinen an in den Glauben hineinwächst und natürlich für seine Sünden Buße tun, eine „typische“ Bekehrung aus dem Bilderbuch vom Unglauben zum Glauben aber gar nicht ablegen muß – damit jedenfalls geht der Glaubensweg erst so richtig los; geht auch der Kampf los; geht auch der Lauf, von dem der hl. Paulus schreibt, los. Der in diesen Tagen seinen Geburtstag für den Himmel feiernde Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz hat daran keinen Zweifel gelassen: auf diesem Weg kann es auch zu sogenannten Trockenheiten kommen, in denen der Mensch glaubt, aber die Tröstungen des Glaubens gar nicht spürt; und die hl. Mutter Teresa von Kalkutta hat nach ihrer ewigen Profeß fast das ganze weitere Leben das Martyrium einer solchen Trockenheit erdulden müssen.

Gerade in ebenso einer „Trockenheit“, können wir glaubich sagen, befand im Evangelium des vergangenen Sonntags sich ein anderer großer Heiliger, ein anderer hl. Johannes, eben der hl. Johannes der Täufer, von dem auch heute, wenngleich in anderem Zusammenhang das Evangelium berichtet.

Er sitzt da da, im Gefängnis, in das ihn sein konsequentes Eintreten für die Wahrheit und die rechte Moral – wofür übrigens? Dafür, daß er Herodes darauf hingewiesen hatte, daß geschiedene Leute nicht heiraten dürfen – gebracht hat; und jetzt sitzt er da. Auf Christus hat er hingewiesen; im heutigen Evangelium haben wir von seiner Prophetie gehört, die auf Christus verweist. Unmittelbar danach wird im Johannesevangelium berichtet, daß Christus zu Johannes kam und Johannes den Geist auf ihn herabkommen sah (es muß das bei der Taufe Christi gewesen sein, von der die Synoptiker berichten), und jetzt identifiziert Johannes ihn: Das ist er.

Im Evangelium vom letzten Sonntag ist wie gesagt einige Zeit vergangen; Johannes sitzt im Gefängnis und schickt Boten zu Christus: „Bist Du es denn jetzt, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Glaubensfreude? Auf den ersten Blick Fehlanzeige.

(Nebenbei bemerkt haben sich nicht wenige Kirchenväter gedacht, ein Prophet irrt sich nicht und zweifelt auch an seiner Prophetie nicht; Johannes habe daher gar nicht an Christus gezweifelt, aber seine Jünger hätten es, und um diesen, nicht seinen eigenen, Zweifeln Ruhe zu verschaffen, habe er seine Jünger zu Christus geschickt, daß Er sie selber stille. So oder so: die Zweifel waren jedenfalls in der Welt.)

Christus antwortet darauf nach ein paar Sätzen, auf die ich noch eingehe, mit dem Lob des Hl. Johannes, als wollte er es den von dem protestantischen Gerede über die Stärke des Glaubensgefühls als Gradmesser der Festigkeit des Glaubens verunsicherten Menschen von heute ins Stammbuch schreiben, daß dieser Zweifel, ob ihn der hl. Johannes nun hatte oder ob es nur der seiner Jünger war, mit dem er sich aber in dem Fall unzweideutig solidarisierte, nicht heißt, daß einer ein schlechter Christ sei.

Auch in einem der beeindruckendsten Bücher des Alten Testaments, im Buch Ijob, von dem man bitte nicht einfach eine Zusammenfassung lese, sondern das man von vorn bis hinten durchlesend auf sich einwirken lassen sollte, wird Ijob nicht für die Klage getadelt, zu der er kein Recht habe. Man wird sich erinnern (weil man vielleicht doch schon eine Zusammenfassung gelesen hat): Ijob verliert alles, was er auf der Erden hat, auch seine Gesundheit und liegt da in Schmerzen und klagt, warum ihm das passiere, er habe es doch nicht verdient. (So ganz grob.) Drei Freunde sind da, Elifas, Bildad und Zofar, die sagen ihm dann, er müsse ganz einfach ein Sünder sein und außerdem stehe es ihm keineswegs zu, mit Gott zu rechten, er habe sich seiner Majestät einfach zu unterwerfen. (So ganz grob.) Im Grunde also predigen sie die Haltung, die heute der Islam einnimmt – wenn der auch sonst bisweilen schlecht informierte deutsche Denker Oswald Spengler behauptet, Ijob (und nicht die drei Freunde) sei der Prototyp des Moslems, dann stimmt das nicht. Nichtsdestoweniger ist die Rede der drei auch nicht ganz falsch, wenn sie auch hernach dafür getadelt werden. Nachher erscheint ein jüngerer Mann namens Elihu, der differenzierte Theologie betreibt; das ist schon hilfreicher, und er wird dafür nicht getadelt. Dann aber kommt die Hauptsache, dann tritt Gott selbst auf den Plan. Und was der nur überfliegende Leser ebenfalls für einen Tadel von seiten Gottes halten würde,

„Wer ist es, der den Plan verdunkelt / mit Worten, denen die Erkenntnis mangelt?
Umgürte Deine Lenden wie ein Mann; / ich will dich fragen, Du belehre mich!
Wo warst Du denn, als ich die Erde gründete? / Sag an, wenn Du so große Einsicht hast!“
und dann geht es so eine Weile weiter und dann kommt:
„und wer hat ihren Eckstein eingefügt,
als all die Morgensterne jauchzten / und alle Gottessöhne jubelten?“

– das ist gar kein Tadel. Gott beschreibt dann geradezu detailverliebt die Schönheit und den Detailreichtum Seiner Schöpfung, und wie Chesterton bemerkt, wird klar, daß die Gottessöhne wirklich etwas zu jubeln hatten, und daß Gott Hagelkörner aufbewahrt
„für den Tag des Kampfes und der Schlacht“,
und daß die Frevler (und nicht Ijob!) von der Erde geschüttelt werden würden.

Die Antwort Ijobs darauf scheint für viele oberflächliche Leser die Grundaussage des Buches zu sein:

„Sieh, zu gering bin ich. Was soll ich Dir erwidern? / Ich lege meine Hand auf meinen Mund.
Einmal hab‘ ich geredet, tu’s nicht wieder / sogar ein zweitesmal, doch fahre ich nicht fort.“

Auch die Haltung ist, versteht sich, nicht ganz falsch. Aber Grundaussage des Buches? Nichts dergleichen. Jetzt, wo, wenn das stimmte, Gott doch zufrieden sein müßte, jetzt gerade ändert sich auf einmal der Tonfall; jetzt kommt noch eine zweite Rede Gottes, und jetzt kommt Gott wirklich fast ein wenig zornig herüber!

„Willst du wirklich mir mein Recht zunichte machen/ mich schuldig sprechen, daß Du Recht behältst?“
Jetzt kommt die zweite Rede Gottes von seiner Hoheit und seiner Majestät, jetzt treten Nilpferd und Walfisch auf und so weiter. Und am Ende sagt Ijob dann:
„Ich weiß nun, daß Du alles kannst / und kein Gedanke Dir unmöglich ist.
Wer ist es, der den Rat verdunkelt ohne Einsicht? / So sprach ich im Unverstand von dem  / was mir zu wunderbar und unbegreiflich war.
So höre doch, ich will nun reden! / Ich will Dich fragen, Du belehre mich!
Vom Hörensagen nur hab ich von Dir gewußt / jetzt aber hat mein Auge Dich geschaut.
Drum leiste Widerruf ich und bereue / in Staub und Asche.“

„Ich weiß, daß mein Erlöser lebt / selbst wenn er sich als Letzter aus dem Staub erhebt“, hatte er vorher mitten in seiner Klage gesagt. Und er hatte Recht.

Johannes ließ anfragen: „Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ So höre denn, ich will nun reden: ich will Dich fragen, Du belehre mich! Und Christus antwortet: „Berichtet ihm, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden auferweckt und den Armen wird das Evangelium verkündet. Und selig, der an mir keinen Anstoß nimmt.“

Das ist der Grund für unsere christliche Freude, daß unser Erlöser lebt und sich aus dem Staub erhoben hat.

Johannes fragte in einer Zeit der Unsicherheit, der Buße – er war ja Bußprediger – des Advents, der violetten Gewänder, der Erwartung der Ankunft Gottes in diese Welt. Ijob fragte in seiner persönlichen Unsicherheit, seiner Klage, seinem Leiden – in einer Zeit der violetten Gewänder, des Advents, der Erwartung der Ankunft Gottes in diese Welt. Und sie erhielten beide Antwort: Mit der Ankunft Gottes in diese Welt.

Darin freilich ist Johannes Ijob voraus: Dem Ijob erschien Gott, um ihn zu trösten: letztlich, um ihn damit zu trösten, daß Er da ist, daß die ganze Problemlage tatsächlich eine zum Himmel schreiende Problemlage ist und daß der Himmel antworten wird. Christus, Gott selbst, der Menschgewordene, ist die Antwort des Himmels – Er wird die Sünden der Welt – und damit letztlich auch die Sündenfolgen – hinwegnehmen. Johannes durfte mit den Worten „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt“ auf ihn hinweisen (wieder: unmittelbar im Anschluß an das Evangelium von heute) – nachdem er es, bevor ihm gesagt wurde, daß Er es sei („auch ich kannte ihn nicht“ würde er sagen; persönlich kannte er Ihn schon, Er war sein Cousin, aber er wußte nicht, daß Er es sei), schon als adventlicher Prophet verkündet hatte.

Er, Christus, ist der Grund für unsere Freude; und deswegen hat der Herr Zelebrant heute ein rosanes Gewand an als aufgehelltes Violett.

Und was folgt nun für unser Verhalten daraus? Nein, nicht, daß wir nicht klagen dürften. Auch Ijob durfte. Auch Johannes durfte. Wohl aber wird man ganz pragmatisch sagen: wir sollten es damit nicht übertreiben.

Der Hl. Thomas von Aquin lehrt an einer Stelle, wenn uns die Traurigkeit übermannt, dann solle man ein heißes Bad nehmen (oder so ähnlich): Zur Freude gehört schon auch, daß wir uns nicht alleweil der Trübsal hingeben – und wenn so banale gewissermaßen „Techniken“ wie Baden, Duschen, lautes Singen von von rechter Fröhlichkeit erfüllten Liedern, zum Beispiel von religiösen, aber auch, anstatt dauerndem Vor-sich-hin-Gegrummel die Klage wirklich einmal auszusprechen, laut hinauszuschreien, zu weinen etc. – auch wenn es paradox klingt, aber das hilft in der Regel, zur Freude zurückzufinden – uns dabei helfen, dann können wir diese auch hernehmen. „Durch die äußeren Formen [gemeint: des katholischen Ritus] werden die inneren Haltungen sowohl ausgedrückt als auch hervorgebracht“, heißt es in der Erklärung der Alten Messe von Pater Martin Ramm; das ist das schlagende Argument gegen den von protestantischer und anderer Seite vorgebrachten Vorwurf, wir würden nur auf Äußerlichkeiten setzen; und was für den Ritus gilt, das gilt auch außerhalb.

Machen wir uns nichts vor! Aber scheuen wir uns auch nicht, die Haltung, die wir eigentlich in unserem Herzen, oder, wenn für jemanden das Wort „Herz“ zu sehr nach „Gefühl“ klingt: durchaus auch in unserem Kopfe, haben, laut zu äußern auch in der Hoffnung, daß wir unser eigenes Gemüt damit erst noch so überzeugen. Wie es die hl. Mutter Teresa gehandhabt hat: sie hat immer gelächelt – weil sie wußte, es gibt Grund zum Lächeln. Das war nicht unehrlich. Auch wenn das Lächeln mühevolle Arbeit war.

Und dann, klar, tun wir, wie der Hl. Paulus gesagt hat. „Euer gütiges Wesen sollen alle Menschen erfahren.“ Freude auszustrahlen ist selbst schon ein Akt der Gütigkeit; er macht den Mitmenschen das Leben angenehmer. Und so wie wir angelegt sind, wird zumeist nur mit Freude im Herzen es gelingen, Großes zu leisten, sei es in der Nächstenliebe, sei es anderweitig. „Du wirst es nicht zu Tücht’gem bringen / bei deines Grames Träumereien, / die Tränen lassen nichts gelingen; / wer schaffen will, muß fröhlich sein. // Wohl Keime wecken mag der Regen, / der in die Scholle niederbricht, / doch golden Korn und Erntesegen / reift nur heran bei Sonnenlicht.“ So, mit Recht, Theodor Fontane.

Und das geht ja auch. Denn, so Paulus: „Um nichts macht euch Sorgen; laßt vielmehr in jeder Lage eure Anliegen durch Bitten und Flehen – mit Dank! – vor Gott kund werden.“

Das ist der nächste praktische Hinweis: Scheuen wir uns nicht, unseren Herrgott mit Bittgebeten zu bestürmen! Wir wissen ja, daß er uns gibt, was wir brauchen.

Und vergessen wir das Dankgebet nicht. Denn was wir brauchen könnten, ist allenfalls ein kleiner Tropfen in dem Meer von dem, was er uns schon gegeben hat in der Schöpfung; was Er uns zuteil hat werden lassen in der Erlösung, in der Gnade, in Jesus Christus; und vor allem, um den Dank mit dem Gloria zu sagen: in bezug auf Seine eigene große Herrlichkeit: denn Er, das vollkommene Gute und die Ewige Schönheit, íst:

und wenn das für einen kein Grund zur Freude ist, dann ist er entweder seines Verstandes nichtmächtig oder ein Trottel.

Über Fehlinvestitionen, Risiken und Vorsicht nach dem Maßstab des Himmelreiches

Es gibt bekanntlich die Art von Predigten, bei denen man sich denkt: Ja, danke, ich weiß, was diese Bibelstelle bedeutet. Das ist offensichtlich. Geht es endlich mit den Fürbitten weiter? Und dann gibt es die Art von Predigten, bei denen man sich denkt: Von der Seite habe ich diese Stelle noch nie gesehen.

Der neue Kaplan in meiner Pfarrei hat eine gewisse Art, herausfordernden, beunruhigenden, seltsamen oder verstörenden Stellen aus den Evangelien sehr Tröstliches abzugewinnen. Zum Beispiel gestern dem Gleichnis mit den anvertrauten Talenten: „Es ist wie mit einem Mann, der auf Reisen ging. Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab. Sofort ging der Diener, der die fünf Talente erhalten hatte hin, wirtschaftete mit ihnen und gewann noch fünf weitere dazu. Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei weitere dazu. Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kehrte der Herr jener Diener zurück und hielt Abrechnung mit ihnen. Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du tüchtiger und treuer Diener. Über Weniges warst du treu, über Vieles werde ich dich setzen. Komm, nimm teil am Freudenfest deines Herrn! Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen. Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du tüchtiger und treuer Diener. Über Weniges warst du treu, über Vieles werde ich dich setzen. Komm, nimm teil am Freudenfest deines Herrn! Es kam aber auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mensch bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Sieh her, hier hast du das Deine. Sein Herr antwortete und sprach zu ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe. Du hättest mein Geld auf die Bank bringen müssen, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten. Nehmt ihm also das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat! Denn wer hat, dem wird gegeben werden und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.“ (Matthäus 25,14-30)

Die zentrale Aussage ist klar: Mach was aus deinen Talenten, die du von Gott bekommen hast; es nicht zu tun, ist Sünde. (Oder wie es der Jakobusbrief ausdrückt: „Wer also das Gute tun kann und es nicht tut, der sündigt.“ (Jakobus 4,17))

Aber wenn man die Geschichte einfach nur so oberflächlich liest, hat mir der dritte Diener immer ein bisschen leid getan. Er hatte nur Angst; er war vorsichtig; ein Fehler vielleicht, aber doch kein Verbrechen. Sein Herr wirkt unsympathisch und scheint überzureagieren. In der Predigt am Sonntag wurde ich dann aber auf etwas aufmerksam gemacht: Jesus zieht die Möglichkeit, dass eine Investition des Geldes durch den Diener hätte scheitern können, gar nicht in Betracht – und zwar deshalb, weil es sie nicht gibt. Nach dem Maßstab des Himmelreiches können Bemühungen unsererseits nie vergeblich sein, auch wenn sie vordergründig scheitern; auch dann haben sie einen verborgenen Wert. Jesus ist zuerst vordergründig gescheitert, bevor er von den Toten auferstanden ist. Der Diener hätte keine Angst haben müssen, das Geld zu investieren; er hätte nicht verlieren können.

(Und noch etwas: Der Herr hatte seine Diener dafür eingestellt, mit dem Geld zu wirtschaften, nicht dazu, es bloß zu vergraben – und er wäre schon mit einem sehr geringen Arbeitsaufwand ihrerseits zufrieden gewesen: sie hätten das Geld bloß auf die Bank bringen müssen. Aus dieser Perspektive betrachtet klingt seine Rechtfertigung noch mehr nach einer Ausrede.)

Über schwierige Bibelstellen, Teil 18: Der Töpfer und der Ton – was sagt Paulus über Prädestination?

Und noch einmal die obligatorische Klarstellung: Regel Nummer 19 Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt sogar die Bibel selber. („Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.))

 

Im Römerbrief heißt es: „Es ist aber keineswegs so, dass Gottes Wort hinfällig geworden ist. Denn nicht alle, die aus Israel stammen, sind Israel; auch sind nicht alle, weil sie Nachkommen Abrahams sind, deshalb schon seine Kinder, sondern es heißt: In Isaak wird dir Nachkommenschaft berufen. Das bedeutet: Nicht die Kinder des Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Nachkommen anerkannt; denn es ist eine Verheißung, wenn gesagt wird: Um diese Zeit werde ich kommen, dann wird Sara einen Sohn haben. So war es aber nicht nur bei ihr, sondern auch bei Rebekka, die von einem einzigen Mann empfangen hatte, von unserem Vater Isaak; denn ihre Kinder waren noch nicht geboren und hatten weder Gutes noch Böses getan; damit aber Gottes freie Wahl und Vorherbestimmung gültig bleibe, nicht abhängig von Werken, sondern von ihm, der beruft, wurde ihr gesagt: Der Ältere muss dem Jüngeren dienen; wie geschrieben steht: Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst. Was sollen wir nun sagen? Handelt Gott ungerecht? Keineswegs! Denn zu Mose sagt er: Ich schenke Erbarmen, wem ich will, und erweise Gnade, wem ich will. Also kommt es nicht auf das Wollen und Laufen des Menschen an, sondern auf den sich erbarmenden Gott. Denn in der Schrift wird zum Pharao gesagt: Eben dazu habe ich dich bestimmt, dass ich an dir meine Macht zeige und dass auf der ganzen Erde mein Name verkündet wird. Er erbarmt sich also, wessen er will, und macht verstockt, wen er will. Nun wirst du einwenden: Wie kann er dann noch anklagen, wenn niemand seinem Willen zu widerstehen vermag? O Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Sagt etwa das Werk zu dem, der es geschaffen hat: Warum hast du mich so gemacht? Ist nicht vielmehr der Töpfer Herr über den Ton? Kann er nicht aus derselben Masse ein Gefäß herstellen zu ehrenhaftem, ein anderes zu unehrenhaftem Gebrauch? Wie aber, wenn Gott in der Absicht, seinen Zorn zu zeigen und seine Macht zu erweisen, die zur Vernichtung bereiteten Gefäße des Zorns mit großer Langmut ertragen hat, auch um den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen des Erbarmens zu erweisen, die er zuvor zur Herrlichkeit bestimmt hat? Sie hat er auch berufen, das sind wir, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. So spricht er auch bei Hosea: Ich werde als mein Volk berufen, was nicht mein Volk war, und als Geliebte jene, die nicht geliebt war. Und dort, wo ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, dort werden sie gerufen werden: Söhne des lebendigen Gottes. Und Jesaja ruft über Israel aus: Wenn auch die Israeliten so zahlreich wären wie der Sand am Meer – nur der Rest wird gerettet werden. Denn der Herr wird handeln, indem er sein Wort auf der Erde erfüllt und durchsetzt. Ebenso hat Jesaja vorhergesagt: Hätte nicht der Herr Zebaoth uns Nachkommenschaft übrig gelassen, wir wären wie Sodom geworden, wir wären Gomorra gleich. Was sollen wir nun sagen? Heiden, die nicht der Gerechtigkeit nachjagten, haben Gerechtigkeit empfangen, die Gerechtigkeit aber aus Glauben. Israel aber, das dem Gesetz der Gerechtigkeit nachjagte, hat das Gesetz nicht erreicht. Warum? Weil es ihm nicht um die Gerechtigkeit aus Glauben, sondern um die Gerechtigkeit aus Werken ging. Sie stießen sich am Stein des Anstoßes, wie geschrieben steht: Siehe, ich richte in Zion einen Stein auf, an dem man anstößt, einen Fels, an dem man zu Fall kommt. Und wer an ihn glaubt, wird nicht zugrunde gehen.“ (Römer 9,6-32)

Die Lieblingsstelle aller Calvinisten.

Die interpretieren sie folgendermaßen: Ja, Gott hat die einen Menschen für den Himmel vorherbestimmt und die anderen für die Hölle; also verursacht er auch, dass Erstere die Gebote halten und Letztere sündigen – Gefäße des Zorns und so. Das hat keinen besonderen Grund – der Wille des Herrn ist unergründlich –, Gott will halt einfach seine Souveränität und Macht und Herrlichkeit zeigen und an irgendwem muss er ja auch seinen Zorn über die Sünde erweisen, obwohl er die Leute eigentlich vorher selber zur Sünde getrieben hat, also… hey, die hätten ja selber auch sündigen wollen, bloß durch Gottes Gnade kann überhaupt jemand davon abgehalten werden, zu sündigen, weil wir Menschen alle so extrem verdorben sind, was daher kommt, dass Gott die Menschen zur Ursünde getrieben und damit die Erbsünde verursacht hat, weil… aber die wollten das auch… also, wir sind halt verdorben und Gott kann ein paar von uns begnadigen, wenn er will, und wenn er den Rest nicht begnadigt, dann ist das seine Sache, also beschwert euch mal nicht, ihr verdient hier nämlich eigentlich gar nichts.

Dieser Interpretation stehen natürlich andere Bibelstellen – besser gesagt, so ziemlich der ganze Rest der Bibel – deutlich entgegen. Sowohl Gottes allgemeiner Heilswille als auch die Abhängigkeit der Erlösung von den Entscheidungen der einzelnen Menschen werden immer wieder deutlich:

  • „Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen […].Das ist recht und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter; er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“ (1 Timotheus 2,1.3f.) Und diese Stelle ist vom selben Paulus wie der Römerbrief.
  • Auch wieder von Paulus: „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.“ (Titus 2,11)
  • Von Petrus: „Der Herr der Verheißung zögert nicht, wie einige meinen, die von Verzögerung reden, sondern er ist geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle zur Umkehr gelangen.“ (2 Petrus 3,9)
  • In den Evangelien gäbe es das Gleichnis vom verlorenen Schaf: „Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte:Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war! Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.“ (Lukas 15,3-7)
  • Oder man nehme das Gleichnis vom verlorenen Sohn: „Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne.Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht! Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er begann Not zu leiden. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner! Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn zu ihm: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße! Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern. Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz. Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle. Der Knecht antwortete ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederbekommen hat. Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu. Doch er erwiderte seinem Vater: Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten; mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte. Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet. Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.“ (Lukas 15,11-32)
  • Oder Jesu Beschreibung des Weltgerichts: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.“ (Matthäus 25,31-46)
  • „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (Matthäus 7,21)
  • Da wäre die klassische Stelle im Johannesevangelium, die so gerne zitiert wird: Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat. Denn darin besteht das Gericht: Das Licht kam in die Welt, doch die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.“ (Johannes 3,16-21)
  • Auch die Offenbarung des Johannes hat etwas dazu zu sagen: „Ich sah die Toten vor dem Thron stehen, die Großen und die Kleinen. Und Bücher wurden aufgeschlagen; und ein anderes Buch, das Buch des Lebens, wurde geöffnet. Die Toten wurden gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war, nach ihren Taten.Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren; und der Tod und die Unterwelt gaben ihre Toten heraus, die in ihnen waren. Sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Taten.“ (Offenbarung 20,12f.)
  • Und das Alte Testament selbstverständlich auch: „Der Mensch, der sündigt, nur er soll sterben. […]Wenn der Schuldige sich von allen Sünden, die er getan hat, abwendet, alle meine Satzungen bewahrt und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er bestimmt am Leben bleiben, er wird nicht sterben. Keines seiner Vergehen, die er begangen hat, wird ihm angerechnet. Wegen seiner Gerechtigkeit, die er geübt hat, wird er am Leben bleiben. Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen – Spruch Gottes, des Herrn – und nicht vielmehr daran, dass er umkehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?(Ezechiel 18,20-23)

Ich denke, diese Stellen, die ja sehr klar sind, genügen fürs erste; ich könnte noch unzählige weitere anführen. Wenn man den Kontext der gesamten Bibel kennt (und einzelne Bibelstellen müssen immer in diesem Kontext gelesen werden), ist es praktisch unmöglich, an eine Prädestination zu glauben. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden; wenn sie nicht gerettet werden, dann liegt das daran, dass sie selber nicht umkehren wollten. Gut. Wie sollen wir dann Römer 9 interpretieren?

Nun könnte man am Anfang der Stelle, dort, wo es um Jakob und Esau geht, noch meinen, hier ginge es nicht um eine Auserwählung zu Himmel oder Hölle, sondern um eine Auserwählung zu einer bestimmten Aufgabe auf Erden (zum Beispiel: Stammvater des Gottesvolkes sein); und da könnte man ohne Probleme sagen, Gott erwählt eben die einen zu der einen Aufgabe und die anderen zu der anderen; die eine schaut vielleicht wichtiger aus, aber deswegen vergisst Gott die anderen Leute auch nicht. (Auf „Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst“ bin ich hier schon einmal eingegangen: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/06/06/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-11-das-auserwaehlte-volk/) Aber an einer späteren Stelle geht es jedenfalls nicht um diese Art von Auserwählung. „Er erbarmt sich also, wessen er will, und macht verstockt, wen er will. Nun wirst du einwenden: Wie kann er dann noch anklagen, wenn niemand seinem Willen zu widerstehen vermag? O Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Sagt etwa das Werk zu dem, der es geschaffen hat: Warum hast du mich so gemacht? Ist nicht vielmehr der Töpfer Herr über den Ton? Kann er nicht aus derselben Masse ein Gefäß herstellen zu ehrenhaftem, ein anderes zu unehrenhaftem Gebrauch? Wie aber, wenn Gott in der Absicht, seinen Zorn zu zeigen und seine Macht zu erweisen, die zur Vernichtung bereiteten Gefäße des Zorns mit großer Langmut ertragen hat, auch um den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen des Erbarmens zu erweisen, die er zuvor zur Herrlichkeit bestimmt hat?“ Hier geht es offensichtlich um Sünde und Gericht, um den richtigen Weg und den falschen, nicht um verschiedene Berufungen („Wie kann er dann noch anklagen“, „die zur Vernichtung bereiten Gefäße des Zorns“). Hier, denke ich, ist es einfach wichtig, Regel Nummer 14 zu beachten: Es gibt einen Unterschied zwischen dem direkt verursachenden und dem bloß zulassenden Willen Gottes (vgl. dazu auch Teil 8: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-8-ich-aber-will-das-herz-des-pharao-verhaerten/). Nein, Gott verursacht nicht, dass jemand sündigt und verloren geht; deshalb schreibt Paulus ja an anderer Stelle, dass Er will, „dass alle Menschen gerettet werden“. Aber Er hat es zugelassen und vorausgesehen. Warum? „O Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst?“ Diese Stelle führt vielleicht einfach aus, dass der Mensch nicht sämtliche Wege Gottes ergründen kann, und dass es widersinnig wäre, zu meinen, man könnte es, und noch widersinniger, „mit Gott rechten“ zu wollen, sprich, anzunehmen, Gott könnte im Unrecht sein und man könnte Ihm etwas vorzuwerfen haben. „Sagt etwa das Werk zu dem, der es geschaffen hat: Warum hast du mich so gemacht?“ Wir könnten schon rein logisch gesehen gar keinen Maßstab zur Verurteilung Gottes haben, weil wir unsere Existenz überhaupt erst von Ihm her bekommen haben; weil es nichts Höheres gibt als Ihn. Das wäre unmöglich. Natürlich wäre es auch unsinnig, Gott verurteilen zu wollen; denn Gott ist vollkommen gut. Weshalb Er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 17: 1 Korinther 7 – von den ehelichen Pflichten und dem Vorrang der Jungfräulichkeit

Und wieder zur Erinnerung: „Das hat euch auch unser geliebter Bruder Paulus mit der ihm geschenkten Weisheit geschrieben; es steht in allen seinen Briefen, in denen er davon spricht. In ihnen ist manches schwer zu verstehen und die Unwissenden, die noch nicht gefestigt sind, verdrehen diese Stellen ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben.“ (2 Petrus 3,15f.)

Ich glaube, ich führe noch eine Regel ein: Regel Nummer 19 Paulus ist manchmal schwer zu verstehen, und das sagt sogar die Bibel selber.

 

Im ersten Korintherbrief schreibt Paulus:

„Nun zu dem aber, was ihr geschrieben habt: Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren. Wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben und jede soll ihren Mann haben. Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau. Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein! Dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht in Versuchung führt, weil ihr euch nicht enthalten könnt. Das sage ich als Zugeständnis, nicht als Gebot. Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Den Unverheirateten und den Witwen sage ich: Es ist gut, wenn sie so bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist nämlich besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren. […] Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat als einer, den der Herr durch sein Erbarmen vertrauenswürdig gemacht hat. Ich meine, es ist gut wegen der bevorstehenden Not, ja, es ist gut für den Menschen, so zu sein. Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine! Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht. Freilich werden solche Leute Bedrängnis erfahren in ihrem irdischen Dasein; ich aber möchte sie euch ersparen. Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht. Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen. Dies sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr euch in rechter Weise und ungestört immer an den Herrn haltet. Wer sich gegenüber seiner Verlobten ungehörig zu verhalten glaubt, wenn sie herangereift ist und es so geschehen soll, der soll tun, wozu es ihn drängt, nämlich heiraten, er sündigt nicht. Wer aber in seinem Herzen fest bleibt, weil er sich in der Gewalt hat und seinem Trieb nicht ausgeliefert ist, wer also in seinem Herzen entschlossen ist, seine Verlobte unberührt zu lassen, der handelt gut. Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut; doch wer sie nicht heiratet, handelt besser. (1 Korinther 7,1-9.25-38)

Hier gibt es zwei Aussagen, die den heutigen Leser stören könnten:

  • Die Ehe ist nur ein Zugeständnis für die, die nicht enthaltsam leben können und ist minderwertig gegenüber der Jungfräulichkeit?
  • Das mit den ehelichen Pflichten – Sex als „Pflicht“?

Zum ersten Thema. Es ist wichtig, hier genau zu lesen, was Paulus schreibt. Er spricht in einigen seiner Briefe – 2 Korinther ist das beste Beispiel – sehr persönlich zu seinen Gemeinden; auch hier spricht er wieder darüber, was seine persönliche Idealvorstellung wäre, was er aber nicht zu einem allgemeinen Gebot erklären kann (und das ist ihm dabei sehr wohl klar) : „Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so.“ Dann ist es wichtig, zu sehen, dass Paulus hier keinen versteckten moralischen Druck aufbauen will, à la „Na ja, also… so richtig sündigen tut ihr jetzt nicht, wenn ihr heiratet, aber ihr solltet euch das lieber mal gut überlegen, es wäre schon besser, wenn ihr das nicht machen würdet…“. Nein, wenn er sagt, „Heiratest du aber, so sündigst du nicht“ oder „Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut“ oder „Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat“, dann meint er das auch. Was nicht Sünde ist, darf man machen; hier lässt Gott uns jede Freiheit, und er nimmt es uns nicht übel, wenn wir uns für das an sich „Minderwertigere“ entscheiden. Denn noch eins sollte hier klar sein: Minderwertig heißt für Paulus eben nicht „schlecht“, wie wir das Wort oft verwenden, sondern „wertvoll, nur von minderem Wert gegenüber etwas noch Besserem“. Die Ehe ist gegenüber der Jungfräulichkeit für ihn so etwas wie die Arbeit eines Krankenpflegers gegenüber der eines Arztes; beides wichtig, beides gut (Gnadengaben vom Herrn), beides sogar unersetzlich, das eine eben für den einen Menschen geeignet, das andere für den anderen. Und ja, das ist immer noch offizielle Kirchenlehre: Die gottgeweihte Jungfräulichkeit bzw. Enthaltsamkeit steht an sich über der Ehe, wie z. B. Engel über Menschen stehen oder Apfelsaft nahrhafter ist als Leitungswasser. Man darf trotzdem Leitungswasser vorziehen.

Und was ist mit den Versen Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen.“? Heißt das, man kann als Verheirateter nicht so gut dem Herrn dienen wie als Unverheirateter? Man kann als Verheirateter sehr wohl sehr gut dem Herrn dienen, manchmal wohl auch besser als mancher Unverheiratete; vor allem natürlich indirekt, indem man sich um die einem anvertrauten Menschen und seine anderen weltlichen Aufgaben kümmert. Das gottgeweihte Leben ist hier wohl ein direkterer Dienst; man hat ohne Familie natürlich auch mehr Zeit für Gebet, karitative Aufgaben etc. (Allerdings ist das gottgeweihte Leben auch die Berufung, die zu allen Zeiten weniger Christen betraf als die typischen Laienberufungen. So, wie es mehr Hausärzte als Neurochirurgen braucht, braucht es in der Kirche auch mehr Laien.) Aber ja, Paulus spricht auch die ganzen Alltagssorgen an, die mit einer Familie kommen, und den Wunsch, dem Partner zu gefallen, was alles (z. B. auch bei Menschen mit nichtchristlichen Partnern) vielleicht auch mal dazu führen kann, dass jemand den Glauben vernachlässigt. Paulus meint hier schlicht und einfach, dass es mit weniger weltlichen Sorgen einfacher ist, sich auf Gott zu konzentrieren – was auch Jesus im Gleichnis vom Sämann in gewisser Weise anspricht: „In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört, und die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum ersticken es und es bleibt ohne Frucht.“ (Matthäus 13,22). Das ist eine Erkenntnis, die nicht dazu führen muss, dass jeder Christ sich sämtliche weltlichen Sorgen sparen soll – das wäre weder möglich noch sinnvoll –, sondern dazu, dass die, die aufgrund ihrer Lebensumstände viele weltliche Sorgen haben, besonders darauf achten sollten, Gott im Alltag nicht zu vergessen. Sowohl die Ehe als auch das gottgeweihte Leben haben ihre eigenen Schwierigkeiten, aber sie haben eben beide auch ihre ganz praktischen Vorteile; in der Ehe ist es leichter, sich an das sechste Gebot zu halten, wie Paulus hier erwähnt, im gottgeweihten Leben ist es leichter, sich auf Gott zu konzentrieren. (Das gilt wohl vor allem, seitdem wir Klostergemeinschaften mit festem Tagesablauf aus Gebet und Arbeit haben.)

Okay, jetzt zum zweiten Thema: Die ehelichen Pflichten. Nun könnte man es hier einfach komisch finden, ehelichen Sex im Sinne gegenseitiger Pflichten regeln zu wollen; man könnte in der Kritik aber auch noch weitergehen und sagen (was ich auf manchen atheistischen Seiten schon gelesen habe), dass, wenn man ein solches Konzept annehmen würde, man Vergewaltigung in der Ehe nicht mehr wirklich verurteilen könnte. Wenn die Frau ihre Pflicht gegenüber dem Mann erfüllen muss, na…

Dieser Kritik liegt allerdings schon mal grundsätzlich eine völlig falsche Vorstellung von dem Begriff „Pflicht“ zugrunde. Wenn jemand anderer eine Pflicht mir gegenüber hat, dann heißt das nicht, dass ich ihn automatisch dazu zwingen darf, sie zu erfüllen. In Canon 1151 des Codex des Kanonischen Rechts heißt es zum Beispiel „Die Ehegatten haben die Pflicht und das Recht, das eheliche Zusammenleben zu wahren“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P45.HTM); aber das bedeutet nicht, dass eine Frau, deren Mann sie verlassen will, das Recht hat, ihn in der Wohnung einzusperren. Sollte klar sein, oder?

Dann sollte man beachten, dass der katholischen Moraltheologie nach grundsätzlich keine positive Pflicht vollkommen ausnahmslos gilt. Positive Pflichten (Gebote, die eine bestimmte Handlung befehlen, im Unterschied zu Geboten wie „Du sollst nicht töten“, die eine Unterlassung befehlen) müssen für den jeweiligen Menschen überhaupt erst mal erfüllbar sein. Wenn also z. B. jemand die Grippe hat, oder ein krankes Kind pflegen muss, oder als Ärztin oder Feuerwehrmann im Schichtdienst arbeiten muss, oder kein Auto hat und die Kirche zu weit entfernt ist, um zu Fuß zu gehen, dann kann der seine Sonntagspflicht nicht erfüllen und ist damit von ihr entschuldigt. Ein anderes Beispiel: Auch im oben erwähnten Canon heißt der zweite Teil des Satzes „…außer ein rechtmäßiger Grund entschuldigt sie davon“. Mögliche rechtmäßige Gründe für eine Trennung vom Ehepartner werden dann in den nächsten Canones aufgeführt (Ehebruch, „Wenn einer der Gatten eine schwere Gefahr für Seele oder Leib des anderen Gatten oder der Kinder herbeiführt oder auf andere Weise das gemeinschaftliche Leben unerträglich macht“). Genauso kann es auch alle möglichen legitimen Gründe geben, die „ehelichen Pflichten“ nicht zu erfüllen.

Ach ja, übrigens war es in der Antike keineswegs so, dass mit der Vorstellung von den ehelichen Pflichten hauptsächlich die Frauen auf Linie gebracht werden sollten – eher war die Vorstellung verbreiteter, Frauen bräuchten Sex und die Männer müssten ihnen gegenüber die Pflicht erfüllen. Daher zum Beispiel die alttestamentliche Regelung „Nimmt er sich noch eine andere Frau, darf er sie [eine erste Frau, die ursprünglich als Sklavin gekauft wurde] in Nahrung, Kleidung und Beischlaf nicht benachteiligen“ (Exodus 21,10) oder die Stelle im Koran, wo es heißt „Und jene [Ehefrauen], von denen ihr Widerspenstigkeit befürchtet, ermahnt sie, lasst sie allein in den Betten und straft sie“ (Sure 4,34; wobei „straft“ in den meisten Übersetzungen eher mit „schlagt“ wiedergegeben wird, aber darum geht es hier nicht). Die Vorstellung drehte sich eher im viktorianischen 19. Jahrhundert, wo die Ansicht populärer wurde, dass hauptsächlich Männer Sex wollen und Frauen asexuelle Engelchen (oder aber im Ausnahmefall verführerische böse femme fatales) sind. Paulus hält offensichtlich beide Ansichten für zu einseitig; jedenfalls ist der Text hier geprägt von Gegenseitigkeit: „Der Mann soll seine Pflicht gegenüber der Frau erfüllen und ebenso die Frau gegenüber dem Mann. Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt aber auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau.“

Okay, die schlimmsten Einwände wären damit abgehakt. Aber trotzdem bleibt noch das Argument: Was soll dieser Ausdruck überhaupt? Wieso Pflicht? Sollte es hier nicht um Liebe gehen?

Erst einmal, denke ich, sollten wir bestimmte Ausdrucksweisen der damaligen Zeit nicht überbewerten. Man könnte Paulus’ Aussage auch ganz einfach verstehen als „bestraf deinen Partner nicht ohne Grund mit Liebesentzug“. Ich denke, dem Apostel geht es hier auch um so etwas wie normale Beziehungspflege und Rücksichtnahme (er redet ja auch von Dingen wie „gegenseitige[m] Einverständnis“) – und natürlich sorgt er sich um die „Gefahr der Unzucht“. Und dann spielt da natürlich die Vorstellung hinein, dass man in der Ehe, wo man „ein Fleisch“ ist, in gewissem Sinne nicht mehr „sich selbst gehört“ – diese romantische Vorstellung von „Ich bin jetzt dein“ sozusagen ins Praktische übersetzt. Das gilt ja auch für andere Situationen: Wenn man verheiratet ist, lebt man eben nicht nur für sich selbst, sondern wenn der Partner z. B. Probleme hat, unterstützt man ihn, wenn er Erfolg hat, freut man sich mit ihm, etc. Man nimmt an ihm Anteil und geht auf seine Gefühle ein.

Und dann sollten wir natürlich die grundsätzliche Vorstellung loswerden, dass Liebe und Pflicht miteinander unvereinbar wären. Wir sollen Gott lieben, oder? Trotzdem reden wir beim Besuch der Messe auch von der Sonntagspflicht. Natürlich geht man normalerweise nicht nur deshalb zur Sonntagsmesse, weil das halt so Pflicht ist; aber manchmal, wenn man sich am Sonntagmorgen eigentlich eher nach Ausschlafen fühlt, bietet der Gedanke an die von der Kirche festgeschriebene Sonntagspflicht die restliche benötigte Motivation. Und wenn man dann da ist, ist die Messe jedes Mal – na ja, einfach die Messe, wunderschön. Auch in einer Beziehung geht es nicht immer ohne Pflichten – ganz allgemein gesprochen, meine ich. Klar liebt man sich, aber manchmal tut man etwas für den Partner (z. B. zum Besuch bei den Verwandten des anderen mitkommen) auch eher deshalb, weil es so ausgemacht war und man in einer Beziehung eben etwas füreinander tut, als weil man sich gerade so liebevoll fühlt.

Ich fühle mich gerade an eine Folge von The Big Bang Theory erinnert, in der Penny Sheldon zu einer Vorstellung ihres Schauspielkurses einlädt, woraufhin der sofort ablehnt („Das klingt furchtbar, wieso sollte ich da hingehen?“ – Sheldon ist Autist oder etwas in der Art, jedenfalls wirkt er so). Nachdem Sheldon von seinem Mitbewohner Leonard darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Freunde nun einmal so etwas füreinander tun, geht er wieder nach gegenüber zu Penny und sagt doch zu. Sie ist beleidigt und erklärt, dass sie wollte, dass er mitkommt, weil er mitkommen will, nicht weil er mitkommen soll. Sie reden ein wenig aneinander vorbei („Darf ich mitkommen, weil ich mitkommen wollen soll?“) und schließlich sagt Penny genervt „Ach, komm einfach mit!“, worauf Sheldon antwortet „Okay – nicht, dass ich will, aber so klingt’s sinnvoll“ und geht. Die Szene ist schon gut.

Hier wird jedenfalls zweierlei klar: Wenn es von Anfang an für Sheldon klar gewesen wäre, dass man einfach für gewöhnlich zu Veranstaltungen, die Freunden wichtig sind, mitgeht, weil sich das so gehört (Freundschaftspflichten, könnte man sagen), hätte es kein Problem gegeben. Aber: Man will, auch wenn man es irgendwie von ihnen erwartet, eigentlich auch nicht, dass die Freunde bloß gezwungenermaßen mitkommen, wie man an Penny sieht. (Das Sinnvollste ist dann natürlich, ein gutes Theaterstück auf die Bühne zu stellen, zu dem sie gern kommen. Sie ständig zu langweiligen Veranstaltungen mitzuschleppen, verstößt auch wieder gegen den guten Ton. Am besten findet man was, was alle genießen können.)

Worauf ich hinauswollte: Die grundsätzliche Annahme, dass Liebe und Pflicht völlige Gegensätze wären, ist falsch. Auch wenn man Paulus’ Formulierungen hier vielleicht seltsam finden kann.

Gute Neuigkeiten zur neuen Einheitsübersetzung!

In der revidierten EÜ ist 1 Kor 7,21 endlich richtig übersetzt! „Wenn du als Sklave berufen wurdest, soll dich das nicht bedrücken; aber wenn du frei werden kannst, mach lieber Gebrauch davon!“ Was hab ich hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/09/28/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-15-sklaverei-und-kindererziehung-und-ungerechte-regierungen-in-der-bibel/ ) gesagt?

Ich glaube, ich mag die neue EÜ.