Die historisch-kritische Methode bei der Datierung von Texten: An einem einfachen Beispiel erklärt

Es kann manchmal verwirrend sein, wenn man zum Beispiel als Theologiestudent im 1. Semester in der Vorlesung übers Alte Testament sitzt und der Professor sämtliche Theorien darüber, wann die einzelnen Texte aus den fünf Büchern Mose oder dem Buch Amos laut prominenten Exegeten entstanden sein könnten, erläutert. Wieso nochmal soll das jetzt aus dem 9. Jahrhundert stammen und das erst nachexilisch sein und wieso behauptet der, das wäre noch viel jünger, und der, das wäre ein bisschen älter, aber ganz sicher auf jeden Fall nicht so alt, wie traditionell angenommen?

Aber keine Angst. Ich habe inzwischen schon ein paar Semester Theologiestudiumserfahrung und kann ganz einfach erklären, wie die Datierung biblischer Texte funktioniert. Am besten funktioniert es immer mit Beispielen. Nehmen wir also einmal folgendes Szenario an:

Durch eine treue Gruppe von Wise Guys-Fans wurde der Text des folgenden Liedes über Jahrtausende immer wieder abgeschrieben und ist im Jahr 4583 noch erhalten:

„In unsrem Land passieren schreckliche Geschichten:
Die jungen Leute kriegen mit den Fremden Streit.
Die Fremden stören sie beim Denken und beim Dichten,
so kann’s nicht weitergehn bei uns, das geht zu weit.
Unsre Computer programmieren jetzt die Inder,
die sich bei uns die schnelle Mark verdienen solln.
Und keiner denkt an unsre armen kleinen Kinder,
die selber auch ein bisschen programmieren wolln!
Ein klares Wort zur Lage der Nation:
Hier kommt der Plan – naja, Sie wissen schon:

Wir baun die Mauer wieder auf, denn langsam wird uns das zu dumm,
aber nicht mehr mitten durch, diesmal baun wir außen rum.
Dann feiern wir zwölf Monate im Jahr Oktoberfest
und hoffen, dass die Welt da draußen uns in Ruhe lässt.
Mit Eisbein, Bier und Sauerkraut und viel Kartoffelbrei
und Volksmusik. Wir klatschen auf die Eins und auf die Drei.

Die ganzen Fußballspiele mit den andren Ländern
ham wir verlorn, weil so viel Gegentore fieln.
Das war frustrierend, doch das wird sich sicher ändern,
sobald wir nicht mehr gegen andre Länder spieln.
Bleibt nur noch ein Problem: Die Sache mit Mallorca.
Es geht nicht ohne den Exzess am Ballermann.
Doch weil die Insel ja schon lang ein deutscher Ort war,
holn wir sie heim, die kommt bei Sylt gleich nebendran!
Ein klares Wort zur Lage der Nation:
Hier kommt der Plan – naja, Sie wissen schon:

Wir baun die Mauer wieder auf,

Dann gibt’s kein Sushi mehr, nur noch Blumenkohl.
Dann bleibt der Anton in Tirol.
Dann meckert keiner, ‚was erlauben Struuunz?!‘
Und wir sind endlich unter uns!

Wir baun die Mauer wieder auf,
…“

So! Und weil sich die treuen Fans nur um die Erhaltung der Texte, nicht aber besonders um die Erforschung ihrer Entstehung gekümmert haben, möchte jetzt endlich eine Professorin für Musikgeschichte herausfinden, wann und in welchem Kontext das denn geschrieben wurde. Ihre Schlussfolgerungen könnten folgendermaßen aussehen:

„Das früheste, nur teilweise erhaltene Manuskript mit dem Text von ‚Zur Lage der Nation‘, das wir noch haben, stammt leider erst aus dem 34. Jahrhundert. Wir müssen also intratextuelle Indizien betrachten, um uns dem Jahr der Abfassung annähern zu können.

Mit ‚der Mauer‘ ist in deutschen Texten aus dem späten 20. und dem 21. Jahrhndert für gewöhnlich jene Mauer oder jener Grenzzaun gemeint, die während der Teilung Deutschlands im 20. Jahrhundert von der ostdeutschen Regierung errichtet wurde und die Ostdeutschen an der Ausreise nach Westdeutschland hinderte. Während das Datum des Mauerbaus unsicher ist (einige Historiker haben das Jahr der Gründung der beiden deutschen Staaten, 1949, vorgeschlagen, andere ein etwas späteres, etwa in der Mitte der 1950er liegendes), wissen wir aus einer nur teilweise erhaltenen Zeitung, die bei einer Ausgrabung in der antiken Niederlassung Darmstadt gefunden wurde, dass die Mauer 1989 ‚fiel‘, d. h. wohl, von der ostdeutschen Regierung abgebaut wurde. Die friedliche Vereinigung der beiden Staaten muss bald gefolgt sein. Folglich ist der Text auf jeden Fall nach 1989 zu datieren.

Klassischerweise wird er von den Wise Guys-Fans in die Zeit ihrer ersten großen Erfolgsphase datiert, die etwa in den späten 1990ern oder frühen 2000ern stattgefunden haben soll. Diese Datierung taucht aber erstmals in einer Liedsammlung aus dem Jahr 3551 auf. Ich möchte eine etwas spätere Abfassungszeit vorschlagen.

Wir wissen von den Historikern des 23. Jahrhunderts, dass Deutschland in den Jahren von 2014-2019 eine starke Einwanderungsbewegung aus afrikanischen und asiatischen Ländern erlebte, deren Höhepunkt ins Jahr 2015 fällt. Auch andere Länder Europas waren von der damals so bezeichneten ‚Flüchtlingskrise‘ betroffen, die von Historikern des Fachs als die ‚Asiatisch-afrikanische Flucht- und Migrationsbewegung der 2010er Jahre‘ bezeichnet wird, Deutschland, das als stabiles und reiches Zielland galt, jedoch in besonderem Maß. Berichte, laut denen im Jahr 2015 an manchen Tagen zehntausend Menschen am Münchner Bahnhof angekommen sein sollen, können wir als übertrieben zurückweisen, jedoch wanderte bei der Flucht- und Migrationsbewegung offenbar tatsächlich eine für jene Zeit ungewöhnlich große Zahl an Menschen zu. Ab 2016 wurden von immer mehr europäischen Ländern Maßnahmen getroffen, um diese als zu groß empfundene Zahl zu verringern. Gleichzeitig wurden Stimmen laut, die diese ‚Abschottung‘ kritisierten. In welchem Maß in dieser Zeit auch ‚Inder‘, d. h. Menschen aus dem heutigen Trachanien und Gabien zuwanderten, wissen wir leider nicht.

Für uns interessant sind hier besonders zwei Funde der jüngeren Zeit: Ein Leserbrief aus einer Ausgabe der ‚Süddeutschen Zeitung‘  aus dem Herbst 2016, die erst 4572 bei einer Ausgrabung in Bielefeld gefunden wurde, und ein Leitartikel in einer teilweise erhaltenen Ausgabe des ‚Unterammerdinger Landboten‘ (4550 in Süddeutschland ausgegraben, aber erst 4569 in einer Quellensammlung veröffentlicht). Das Datum der Ausgabe ist beim ‚Landboten‘ nicht mehr vollständig lesbar; die Jahreszahl lautet jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit ‚2018‘. Der Leserbrief befasst sich mit der Präsidentschaftswahl der Vereinigten Staaten von Amerika von 2016 und stellt fest, dass, während ein Präsidentschaftskandidat eine ‚Mauer‘ an der Südgrenze seines Landes bauen wolle, um Einwanderer fernzuhalten, ‚wissen wir Deutschen, dass Mauern nichts Positives sind – wir hatten auch jahrzehntelang eine Mauer in unserem Land‘. Des weiteren werden ‚Abschottungspolitik‘ und ‚Fremdenangst sogenannter besorgter Bürger, die manchmal von Fremdenhass kaum zu unterscheiden ist‘ beklagt. In dem Leitartikel heißt es an einer Stelle: ‚Fast dreißig Jahre, nachdem in Berlin die Mauer gefallen ist, werden wieder Mauern hochgezogen. Das hohe Gut der Reisefreiheit – es scheint plötzlich unwichtig.‘ In beiden Fällen stellen wir also fest: Die Abschottungsbemühungen der 2010er gegenüber Einwanderern werden mit der ostdeutschen ‚Mauer‘ verglichen, auch wenn diese freilich den Zweck hatte, Aus- statt Einwanderung zu verhindern. Solche Vergleiche scheinen gang und gäbe gewesen zu sein und auch ‚Zur Lage der Nation‘ würde sich in dieses Bild einfügen.

Entscheidend sind auch folgende Zeilen: ‚Die ganzen Fußballspiele mit den andren Ländern / ham wir verlorn, weil so viel Gegentore fieln.‘  Dieser Satz würde klar ins Jahr 2018 passen. Während die deutsche Nationalmannschaft in der alle vier Jahre ausgetragenen Weltmeisterschaft im Fußball, einer gesellschaftlich bedeutenden Ballsportart, 2014 noch den ersten Platz errungen hatte, schied sie 2018 als eine der ersten Mannschaften aus und enttäuschte sämtliche Erwartungen, die in sie gesetzt worden waren. Diese Niederlage scheint in einer Tonaufnahme aus dem Jahr 2018 als bedeutende, bisher nie vorgekommene nationale Schande gewertet zu werden.

Ein Text, der sich in ironischer Weise gegen Fremdenfeindlichkeit und gegen geschlossene Grenzen wendet, das historische Beispiel von ‚der Mauer‘ in gewissermaßen verfremdeter Weise aufgreift, und die schlechte Leistung der deutschen Fußballmannschaft erwähnt, würde insofern eindeutig ins Jahr 2018 oder 2019 passen, auch wenn es nicht ganz auszuschließen ist, dass er noch etwas später entstanden ist. Später wurde er dann offensichtlich, da er vor allem im 4. Jahrtausend große Beliebtheit in der Fan-Gemeinschaft erlangte, in die Zeit der ersten Erfolge der Band rückdatiert, statt in ihre erfolglose Spätphase (die Band muss irgendwann vor 2028 aufgelöst worden sein).“

Okay – vielleicht ist mein Beispiel nicht besonders gut. Die Forscherin berücksichtigt viel zu viele archäologische Funde, hat überhaupt viel zu viele archäologische Funde, und versucht gar nicht, das Lied irgendwelchen Wise Guys-Fans im 26. Jahrhundert zuzuschreiben, die es dann der Band zugeschrieben hätten. Okay.

Was ich sagen will: Die ganzen unterschiedlichen und widersprüchlichen Datierungsversuche für die Sintflut- oder die Exodusgeschichte sind oft nichts als Spekulation. Die kann man für die Prüfung auswendig lernen und hinterher wieder vergessen. Ich will hier gar nicht behaupten, dass sie irgendwie häretisch wären; nur, dass sie meistens rein auf Spekulationen aufbauen und auch nicht besonders nützlich sind. „XYZ kann erst in der Situation unter dem und dem israelitischen König gesagt worden sein“ – nö, nicht unbedingt. Das ist Spekulation, wenn auch manchmal überzeugend klingende Spekulation. Aber mein Beispiel klingt ja auch überzeugend für Leute aus dem Jahr 4583, die sich nicht mit der Mark oder den Indern oder den Wise Guys auskennen, oder?

 

(Das Lied stammt von 2001.)

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Der Monogenismus und die Genforschung – Oder: Stammen wir von einem Adam und einer Eva ab?

Ich habe vor längerer Zeit ausführlich darüber geschrieben, wie sich die biblische Schöpfungs- und Sündenfallgeschichte mit der Evolutionstheorie vereinbaren lässt. Das ist im Allgemeinen ein alter Hut; auf ein spezielles Problem bin ich dabei aber nicht eingegangen, deswegen hole ich das heute nach: Ist es aus wissenschaftlicher Sicht – insbesondere aus Sicht der Genforschung – möglich, dass wir von nur einem ursprünglichen Menschenpaar abstammen? Oder muss die Population von Frühmenschen, die erstmals genuin „menschlich“ im philosophischen Sinn gewesen ist, größer gewesen sein? Was würde dann aus Adam, Eva und einem historischen Sündenfall? Dazu möchte ich einfach einen Auszug aus dem Aufsatz „Science, Theology and Monogenesis“ von Kenneth W. Kemp, der 2011 im American Catholic Philosophical Quarterly, Band 85, Nr. 2, erschienen ist und hier im Original heruntergeladen werden kann (es lohnt sich, ihn ganz zu lesen!), hier übersetzen:

Theologen, die die Frage des Ursprungs der Menschheit diskutierten, unterschieden traditionell drei logischerweise mögliche Alternativen. Diese Alternativen können verdeutlicht werden, indem man zwei Fragen unterscheidet.

Die erste lautet, ob der Mensch an einem Ort oder unabhängig voneinander an mehreren verschiedenen Orten entstand. Diese zwei möglichen Darstellungen der Anthropogenese nennen sich Monophyletismus und Polyphyletismus.

Die monophyletische Antwort auf die erste Frage bringt eine zweite Frage auf: Gab es ein einziges ursprüngliches Menschenpaar, von dem alle späteren Menschen abstammen, oder kann der Ursprung der menschlichen Rasse nur zu einer ursprünglichen Gruppe von mehr als zwei Personen zurückverfolgt werden? Diese Alternativen nennen sich „Monogenismus“ und „Polygenismus“.

 Die traditionelle christliche Präferenz des Monogenismus (und die folgende völlige Ablehnung des Polyphyletismus) hatte zwei Gründe. Für einige Christen beruht die Verteidigung der These direkt auf einigen Passagen der Schrift. In der katholischen Tradition wurde allerdings die Betonung viel mehr darauf gelegt, dass der Monogenismus die einzige Sicht sei, die mit der Lehre von der Erbsünde vereinbar sei.

[…]

Eine Darlegung der Erbsündenlehre kann mit dem beginnen, was G. K. Chesterton einmal „den einzigen Teil der christlichen Theologie, der wirklich bewiesen werden kann“ genannt hat, nämlich:

(P1) Alle Menschen leben jetzt in einem Zustand der Erbsünde – sie leiden an einer Schwierigkeit, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden, einer Neigung zu Ungerechtigkeit, Schwäche angesichts des schwierigen Guten, und Konkupiszenz.

Aber die Lehre sagt etwas mehr als das. „Die menschliche Rasse“, wie Kardinal Newman es ausgedrückt hat, „ist verwickelt in eine fürchterliche ursprüngliche Katastrophe. Sie ist nicht mehr im Einklang mit den Absichten ihres Schöpfers.“ Das Herzstück der Lehre kommt also in der Erklärung von P1:

(P2) Gott beabsichtigte, dass der Mensch in einem Zustand der ursprünglichen Gerechtigkeit leben sollte.

(P3) Die ersten menschlichen Wesen zerstörten Gottes Absicht durch einen frei gewählten Akt, die Ursünde.

Sowohl P1 als auch P3 werden „original sin“ [im Deutschen unterscheidet man Erbsünde und Ursünde] genannt, wobei sie im Lateinischen mit mit den Ausdrücken peccatum originale originans für P3 und peccatum originale originatum für P1 unterschieden werden. Was genau ist der Zusammenhang zwischen der Ursünde unserer Vorfahren und dem Zustand der Erbsünde, in dem wir uns alle (sogar Kinder, die zu jung sind, um jemals eine eigene persönliche Sünde begangen zu haben) wiederfinden?

Der locus classicus zu dieser Frage ist der Römerbrief des heiligen Paulus (bei 5,12) […].

Diese Stelle betont klar den Schaden, den Adams Sünde uns allen angetan hat. Das heißt, sie postuliert eine historisch reale Ursünde (peccatum originale originans), um den Zustand der Erbsünde (peccatum originale originatum) zu erklären, der jeden Menschen vom ersten Augenblick seiner Existenz an befällt. Was auch immer man von dieser Stelle hält, die Lehre der Kirche wurde klar beim Konzil von Trient (1545-1563) ausgedrückt – die Schuld dieser Sünde wird von uns allen geerbt. [In der dt. Übersetzung des Dekrets heißt es genau genommen: „‚Wer behauptet, die Übertretung Adams habe nur ihm und nicht seiner Nachkommenschaft geschadet‘, die von Gott empfangene Heiligkeit und Gerechtigkeit, die er verloren hat, habe er nur für sich und nicht auch für uns verloren; oder er habe, befleckt durch die Sünde des Ungehorsams, ’nur den Tod‘ und die Strafen ‚des Leibes auf das ganze menschliche Geschlecht übertragen, nicht aber auch die Sünde, die der Tod der Seele ist‘: der sei mit dem Anathema belegt, ‚da er dem Apostel widerspricht, der sagt: ‚Durch einen Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen, und durch die Sünde der Tod, und so ging der Tod auf alle Menschen über; in ihm haben alle gesündigt‘ [Röm 5,12]‘.“] Das Konzil sagt weiterhin:

„diese Sünde Adams, die ihrem Ursprung nach eine ist und, durch Fortpflanzung, nicht durch Nachahmung übertragen [wird], [wohnt] allen – einem jeden eigen – inne[…]“

Das gibt uns, was wir brauchen, um die Kraft des Arguments von [Papst] Pius [XII. in Humani Generis 37, dass der Polygenismus nicht mit dem katholischen Glauben vereinbar sei] zu sehen. Wenn:

(P4) „ihrem Ursprung nach eine“ bedeutet „als eine Tat begangen“; und

(P5) „durch Fortpflanzung“ bedeutet „durch biologische Abstammung“; und

(P6) der Ursprung des Menschen polygenetisch (oder polyphyletisch) wäre;

würde daraus folgen, dass

(P7) Adams Zeitgenossen (und vielleicht einige ihrer Nachkommen) Menschen frei von Erbsünde gewesen wären.

Da die Ablehnung von P7 klar vom Konzil von Trient beabsichtigt ist, und P4 und P5 immer vernünftige Interpretationen dessen zu sein schienen, was die tridentinischen Väter meinten, lehnte Papst Pius P6 als unvereinbar mit der Erbsündenlehre ab.

Theologische Schlussfolgerung. Diese katholische Darstellung der Erbsünde also, wenn nicht der Text von Genesis 2-4, schien für viele eine monogenetische Darstellung der Ursprünge der menschlichen Rasse zu erfordern.

[Es werden naturwissenschaftliche Argumente für den Monophyletismus und gegen den Monogenismus angeführt; so ganz geklärt scheint die Frage nicht zu sein, aber die Indizien deuten offenbar auf Monophyletismus und Polygenismus hin.]

[Es werden Ideen liberaler Theologen zur Neuinterpretation der Erbsündenlehre vorgestellt, um sie mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu vereinbaren.]

Natürlich, wenn eine dieser revisionistischen Deutungen der Erbsünde haltbar wäre, würde das Problem verschwinden. Ich beabsichtige nicht, hier im Detail zu zeigen, dass sie falsch sind. Ich werde meine Besorgnis über diese Herangehensweisen darauf beschränken, zu erwähnen, dass sie das rechtgläubige Verständnis (wenn nicht die Praxis als solche) der Kindertaufe in Frage stellen. […]

Es genügt für meine Zwecke, zu zeigen, dass diese neuen Deutungen nicht nötig sind, um die Fakten der Paläoanthropologie anzunehmen. Sie müssen, wenn sie das können, durch andere Gründe überzeugen.

Eine Unterscheidung und ein Fazit. Zum Glück ist eine andere Lösung möglich. Der Grund dieser Lösung wurde von Andrew Alexander CJ gelegt, der vor einigen Jahren die Idee verteidigte, dass „während es wahr ist, dass alle Menschen von Adam abstammen, die Rasse dennoch einen breiten Ursprung hat“. Was Alexanders Analyse zu Grunde liegt, ist eine Unterscheidung, die er nie in genau diesen Begriffen trifft, zwischen dem Menschen als theologischer Spezies und dem Menschen als biologischer Spezies. Man sollte von diesen beiden unterscheiden, was Alexander nicht tut, was man die philosophische Spezies nennen könnte.

Die biologische Spezies ist die Population von Individuen, die sich miteinander fortpflanzen können.

Die philosophische Spezies ist das vernunftbegabte Wesen, d. h. eine natürliche Art, die durch die Fähigkeit zum konzeptionellen Denken, Urteilen, Vernunftüberlegungen und freien Entscheidungen charakterisiert ist. Der hl. Thomas von Aquin legt dar, dass eine bestimmte Art von Körper für Vernunftaktivität notwendig, aber nicht ausreichend sei. Vernunftaktivität erfordert darüber hinaus die Präsenz einer rationalen Seele, etwas, das mehr als die Kraft irgendeines körperlichen Organs ist, und das daher nur, in jedem einzelnen Fall, durch ein schöpferisches Wirken Gottes entstehen kann.

Die theologische Spezies ist, in Erweiterung dessen, die Ansammlung der Individuen, die für die Ewigkeit bestimmt sind. Der Katechismus der Katholischen Kirche sagt: „Gott hat den Menschen nach seinem Bilde geschaffen und in seine Freundschaft aufgenommen.“ Die menschliche Vernunftbegabung ist vermutlich eine notwendige Bedingung für eine solche Freundschaft. Es ist allerdings nicht klar, ob das Angebot einer solchen Freundschaft eine logische Konsequenz der Vernunftbegabung ist. Vermutlich ist das Angebot (ein Angebot, das in sich die Spezies theologisch distinkt macht) ein separater, freier Akt Gottes, vielleicht von seiner Gutheit gefordert, aber nicht in irgendeinem strikteren Sinne notwendig. In jedem Fall sind die beiden menschlichen Attribute zumindest dem Konzept nach voneinander unterscheidbar.

Die Unterscheidung zwischen dem biologischen Spezieskonzept und dem theologischen ist wichtig, da sie nicht notwendigerweise deckungsgleich sind. Zwei Individuen, eins im theologischen Sinne menschlich und das andere nicht, würden solange Mitglieder derselben biologischen Spezies bleiben, wie sie miteinander fruchtbare Nachkommen zeugen könnten. Während es mit Sicherheit ein theologischer Irrtum wäre, irgendwelche jetzt lebenden Mitglieder der biologischen Spezies von der philosophischen oder theologischen Spezies ausschließen zu wollen (d. h. zu behaupten, dass ihnen vernunftbegabte Seelen fehlen würden, oder dass sie nicht unter denen wären, denen Gott seine Freundschaft angeboten hat), kann es keinen theologischen Einwand gegen die Behauptung geben, dass ein (oder zwei) Mitglieder einer prähistorischen, biologisch (d. h. genetisch) menschlichen Spezies ausreichend verschieden von den anderen gemacht wurden, dass sie eine neue theologische Spezies darstellen, z. B. indem ihnen vernunftbegabte Seelen und ein ewiges Schicksal gegeben wurden.

[…]

Diese Darstellung kann mit einer Population von ungefähr 5000 Hominiden beginnen [eine Zahl, die von manchen Genforschern genannt wird], Wesen, die in vielerlei Hinsicht wie Menschen sind, aber denen die Fähigkeit zum intellektuellen Denken fehlt.

Aus dieser Population erwählt Gott zwei und stattet sie mit einem Intellekt aus, indem er ihnen rationale Seelen schafft, und gibt ihnen zum selben Zeitpunkt jene übernatürlichen Gaben, die die ursprüngliche Gerechtigkeit ausmachen. Nur Wesen mit rationalen Seelen (mit oder ohne die übernatürlichen Gaben) sind wahrhaft Menschen. Die beiden ersten theologisch menschlichen Wesen missbrauchen allerdings ihren freien Willen, um eine Sünde (die Ursünde) zu begehen, verlieren dabei die übernatürlichen Gaben, allerdings nicht das Angebot der göttlichen Freundschaft, wodurch sie theologisch (nicht nur philosophisch) von ihren lediglich biologisch menschlichen Vorfahren und Vettern unterschieden bleiben. Diese ersten wahren Menschen haben auch Nachkommen, die sich zu einem gewissen Grad weiterhin gemeinsam mit den nicht-vernunftbegabten Hominiden fortpflanzen, unter denen sie leben. Wenn Gott jedes Individuum, das auch nur einen einzigen menschlichen Vorfahren hat, mit einem eigenen Intellekt ausstattet, würden eine leidliche Rate des reproduktiven Erfolgs und ein leidlicher selektiver Vorteil leicht innerhalb von drei Jahrhunderten eine nicht-vernunftbegabte Hominidenpopulation von 5000 Individuen mit einer philosophisch (und, wenn die zwei Konzepte deckungsgleich sind, theologisch) menschlichen Population ersetzen. Während diesem Prozess würden alle theologisch menschlichen Wesen von einem einzigen menschlichen Paar abstammen (in dem Sinne, dass sie dieses Paar unter ihren Vorfahren hätten), ohne dass es je eine Flaschenhals-Situation [biologischer Fachbegriff aus dem ausgelassenen Textteil; steht für eine vorübergehende starke Reduzierung einer Population (z. B. durch Naturkatastrophen), die danach wieder wächst] in der menschlichen Spezies gegeben hätte.

[…]

Diese Theorie ist monogetisch, was die theologisch menschlichen Wesen angeht, aber polygenetisch in Bezug auf die biologische Spezies. Somit löst die Unterscheidung den Widerspruch auf.

Einwände und Antworten darauf. Lassen Sie mich kurz vier Fragen ansehen, alles Quellen möglicher Einwände.

Erstens, beleidigt diese Idee fromme Ohren? Natürlich mag es eine Folgerung aus meiner Sicht sein, dass unsere frühesten Vorfahren Sünder waren, weil sie sich weiterhin gemeinsam mit jenen vormenschlichen Wesen fortpflanzten, die, wenn sie auch nicht einer anderen biologischen Spezies angehörten, auch nicht im vollen Sinne Menschen waren. Diese Sünde wäre eher wie Promiskuität – unpersönliche sexuelle Handlungen – als wie Bestialität gewesen. Aber die Idee, dass unsere ersten Vorfahren Sünder waren, kann kaum ein Einwand gegen diese Theorie sein. Es ist eine Idee, die von allen vier großen Episoden der menschlichen Frühgeschichte aus Genesis gestützt wird – dem Sündenfall, Kains Mord an Abel, der Flut und dem Turmbau zu Babel.

[…]

Der vorrangige Zweck dieses Aufsatzes war es, zu zeigen, dass es keinen wirklichen Widerspruch zwischen einer theologisch konservativen (monogenetischen) Darstellung der Anthropogenese und den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Evolutionsbiologie und modernen Genetik gibt. […] Manchmal müssen Widersprüche nicht durch die Ablehnung einer der scheinbar widersprüchlichen Theorien gelöst werden, sondern durch die Anerkennung einer solchen vorher übersehenen Unterscheidung.“

File:Lucas Cranach d.Ä. - Adam und Eva im Paradies (1531, Gemäldegalerie, Berlin).jpg

(Lucas Cranach der Ältere, Adam und Eva im Paradies, 1531; Quelle: Wikimedia Commons)

Aus dem Denzinger: Der Heilige Stuhl über Bibel und Naturwissenschaft, Schöpfungsgeschichte und Evolution (vor dem 2. Vatikanum)

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

 Alle Teile hier.

 

Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im frühen 20. die Paläontologie und die Biologie Fortschritte machten und die Evolutionslehre von immer mehr Wissenschaftlern vertreten wurde, mussten sich auch die Kirchen der Frage stellen, wie sie es mit der Auslegung der ersten Kapitel des Buches Genesis halten wollten. Im Protestantismus gab es ganz unterschiedliche Wege; liberalere Theologen glaubten nicht an eine wörtliche Genesisauslegung, während die wegen ihrem Bekenntnis zu den „fünf Fundamenten“ des Glaubens als „Fundamentalisten“ bezeichneten amerikanischen Protestanten eine wörtliche Auslegung der sieben Schöpfungstage und anderer biblischer Aussagen im frühen 20. Jahrhundert für nicht verhandelbar erklärten. Die katholische Kirche ging einen etwas komplizierteren Weg.

Papst Leo XIII. stellt in seiner Enzyklika „Providentissimus Deus“, in der es um die Hl. Schrift geht, allgemeine Grundsätze über das Verhältnis zwischen der Schrift und den Naturwissenschaften auf, die auf dem Prinzip beruhen, dass sich Glaube und Vernunft nicht widersprechen können:

 

„Dem Lehrer der heiligen Schrift wird die Kenntnis der Naturwissenschaften eine gute Hilfe sein, mit der er auch derartige gegen die göttlichen Bücher gerichteten Trugschlüsse leichter aufdecken und widerlegen kann.

Zwischen dem Theologen und dem Naturwissenschaftler wird es freilich keinen wahren Widerstreit geben, solange sich beide auf ihr Gebiet beschränken und sich gemäß der Mahnung des hl. Augustinus davor hüten, ‚irgendetwas unbesonnen oder Unbekanntes für Bekanntes zu behaupten’*. Sollten sie aber dennoch in Widerstreit geraten, so ist kurz zusammengefasst die von demselben dargebotene Regel, wie sich der Theologe verhalten soll: ‚Von allem,’ sagt er, ‚was sie von der Natur der Dinge mit stichhaltigen Beweisen darlegen können, wollen wir zeigen, daß es unserer Schrift nicht entgegengesetzt ist: von allem aber, was sie aus welchen ihrer Bücher auch immer dieser unserer Schrift, das heißt dem katholischen Glauben, Entgegengesetztes vorbringen, wollen wir entweder, soweit nur irgend möglich, zeigen oder ohne jeden Zweifel glauben, daß es völlig falsch ist’**.

In bezug auf die Billigkeit dieser Regel soll zuerst erwogen werden, daß die heiligen Schriftsteller oder besser ‚der Geist Gottes, der durch sie redete, dies (nämlich die innerste Beschaffenheit der sichtbaren Dinge) die Menschen nicht lehren wollte, da es niemandem zum Heile nützen sollte’***; daß sie daher, statt geradewegs Naturforschung zu betreiben, die Dinge selbst bisweilen lieber entweder in einer gewissen Art von Übertragung beschreiben und abhandeln, oder wie es die alltägliche Sprache in jenen Zeiten mit sich brachte und heute bei vielen Dingen im täglichen Leben selbst unter den gebildetsten Menschen mit sich bringt. Da mit der Volkssprache aber dies zunächst und im eigentlichen Sinne ausgedrückt wird, was unter die Sinne fällt, hat sich in gleicher Weise der heilige Schriftsteller (und auch der Engelgleiche Lehrer machte darauf aufmerksam)‚ an das gehalten, was sinnenfällig erscheint’****, bzw. was Gott selbst, zu den Menschen redend, entsprechend ihrem Fassungsvermögen auf menschliche Weise äußerte.

Deshalb, weil die Verteidigung der heiligen Schrift eifrig betrieben werden soll, sind aber nicht alle Auffassungen in gleicher Weise in Schutz zu nehmen, die die einzelnen Väter oder die nachfolgenden Exegeten bei ihrer Erklärung geäußert haben: sie haben, je nachdem die Meinungen der Zeit waren, bei der Erörterung von Stellen, wo Naturkundliches behandelt wird, vielleicht nicht immer wahrheitsgemäß geurteilt, so daß sie manches behaupteten, was jetzt weniger gebilligt werden könnte.

Deshalb ist bei ihren Auslegungen geflissentlich zu unterscheiden, was sie denn tatsächlich als den Glauben betreffend oder mit ihm aufs engste verbunden lehren, was sie in einmütiger Übereinstimmung lehren; denn ‚in dem, was nicht notwendig zum Glauben gehört, war es den Heiligen erlaubt, verschiedener Meinung zu sein, wie auch uns’*****, wie der Satz des Hl. Thomas lautet. Er bemerkt auch an anderer Stelle überaus klug: ‚Mir scheint es sicherer zu sein, daß das, was die Philosophen gemeinsam gutgeheißen haben und unserem Glauben nicht widerspricht, weder so zu behaupten ist wie Lehrsätze des Glaubens, auch wenn sie manchmal unter dem Namen der Philosophen eingeführt werden, noch so abzulehnen ist als dem Glauben entgegengesetzt, damit den Weisen dieser Welt keine Gelegenheit geboten werde, die Lehre des Glaubens zu verachten’******.

Obwohl der Ausleger zeigen muß, daß das, von dem die Naturwissenschaftler schon mit sicheren Beweisen bestätigt haben, daß es sicher ist, den richtig ausgelegten Schriften keineswegs entgegensteht, soll ihm freilich dennoch nicht entgehen, daß es bisweilen geschehen ist, daß manches, was von jenen als sicher gelehrt wurde, später in Zweifel gezogen und verworfen wurde. …

Sodann wird es nützlich sein, ebendies auf verwandte Wissenschaften, vor allem auf die Geschichte, zu übertragen.“

(Leo XIII., Enzyklika „Providentissimus Deus“, 1893; in: DH 3287-3290)

 

* Vgl. Augustinus, De Genesi ad litteram imperfectus liber c. 9, n. 30 (CSEL 28,48113 / PL 34,233).

** Augustinus, De Genesi ad litteram I 21, n. 41 (CSEL 28,314–9 / PL 34,262).

*** Augustinus, De Genesi ad litteram II 9, n. 20 (CSEL 28,468–10 / PL 34,270f).

**** Thomas von Aquin, Summa theologiae I, q. 70, a. 1 ad 3 (Editio Leonina 5,178b).

***** Thomas von Aquin, Super IV libros Sententiarum II, dist. 2, q. 1, a. 3, solutio (Parmaer Ausg. 6,405b / R. Busa, Opera omnia 1 [1980] 130).

****** Thomas von Aquin, Responsio ad lectorem Vercellensem de articulis 42, Vorwort (Opusculum 10 in der römischen Ausg.; = opusculum 22 in der Ausg. von Mandonnet 3 [Paris 1927] 197; = opusculum 9 in der Parmaer Ausg. 16,163b).

 

Die Päpstliche Bibelkommission schrieb dann im Jahr 1909:

 

„Frage 1: Stützen sich die verschiedenen exegetischen Lehrgebäude, die zum Ausschluß des wörtlichen, historischen Sinnes der drei ersten Kapitel des Buches Genesis ausgedacht und unter dem Schein der Wissenschaftlichkeit verfochten wurden, auf eine feste Grundlage?

Antwort: Nein.

Frage 2: Kann, trotz der historischen Eigenart und Form des Buches Genesis, der besonderen Verbindung der drei ersten Kapitel untereinander und mit den folgenden Kapiteln, des vielfältigen Zeugnisses der Schriften sowohl des Alten als auch des Neuen Testamentes, der fast einmütigen Auffassung der heiligen Väter und der traditionellen Meinung, die, auch vom israelitischen Volk übermittelt, die Kirche immer festgehalten hat, gelehrt werden, daß die eben genannten drei Kapitel der Genesis keine Erzählungen wirklich geschehener Dinge enthalten, die nämlich der objektiven Realität und historischen Wahrheit entsprechen; sondern entweder Sagenhaftes, das den Mythologien und Kosmogonien der alten Völker entnommen und vom heiligen Verfasser nach Reinigung von jeglichem Irrtum des Polytheismus der monotheistischen Lehre angepaßt wurde; oder Gleichnisse und Symbole, die der Grundlage der objektiven Realität entbehren und unter dem Schein der Geschichte vorgelegt wurden, um religiöse und philosophische Wahrheiten einzuschärfen; oder schließlich teils historische und teils erdachte Legenden, die zur Unterweisung und Erbauung der Herzen frei zusammengestellt wurden?

Antwort: Nein zu beiden Teilen.

Frage 3: Kann insbesondere der wörtliche, historische Sinn in Zweifel gezogen werden, wo es sich um in ebendiesen Kapiteln erzählte Tatsachen handelt, die die Grundlagen der christlichen Religion berühren: als da sind, unter anderem, die von Gott am Anfang der Zeit getätigte Erschaffung aller Dinge; die besondere Erschaffung des Menschen; die Bildung der ersten Frau aus dem ersten Menschen; die Einheit des Menschengeschlechtes; die ursprüngliche Glückseligkeit der Stammeltern im Stande der Gerechtigkeit, Unversehrtheit und Unsterblichkeit; das dem Menschen von Gott gegebene Gebot, um seinen Gehorsam auf die Probe zu stellen; die Übertretung des göttlichen Gebotes aufgrund der Einflüsterung des Teufels unter der Gestalt der Schlange; die Vertreibung der Stammeltern aus jenem ursprünglichen Stand der Unschuld; sowie die Verheißung des künftigen Wiederherstellers?

Antwort: Nein.

Frage 4: Ist es erlaubt, bei der Auslegung jener Stellen dieser Kapitel, die die Väter und Lehrer auf unterschiedliche Weise verstanden haben, ohne daß sie irgend etwas Sicheres und Bestimmtes überliefert hätten, unbeschadet des Urteils der Kirche und unter Wahrung der Analogie des Glaubens jener Auffassung zu folgen und sie zu verteidigen, die ein jeder umsichtig für richtig befunden hat?

Antwort: Ja.

Frage 5: Ist alles und jedes, nämlich die Worte und Redewendungen, die in den eben genannten Kapiteln vorkommen, immer und notwendig im eigentlichen Sinne aufzufassen , so daß man niemals von ihm abweichen darf, auch wenn sich deutlich zeigt, daß Redeweisen uneigentlich, metaphorisch oder anthropomorph verwendet wurden und den eigentlichen Sinn entweder die Vernunft beizubehalten verbietet oder die Notwendigkeit aufzugeben zwingt?

Antwort: Nein.

 Frage 6: Kann, den wörtlichen und historischen Sinn vorausgesetzt, eine allegorische und prophetische Auslegung mancher Stellen ebendieser Kapitel gemäß dem voranleuchtenden Beispiel der heiligen Väter und der Kirche selbst klugerweise und nutzbringend angewandt werden?

 Antwort: Ja.

Frage 7: Ist, obwohl es bei der Abfassung des ersten Kapitels der Genesis nicht die Absicht des heiligen Autors war, die innerste Beschaffenheit der sichtbaren Dinge und die vollständige Reihenfolge der Schöpfung auf wissenschaftliche Weise zu lehren, sondern vielmehr seinem Volk eine volkstümliche Kunde – wie es die allgemeine Sprache zu jenen Zeiten zuließ – zu überliefern, die den Sinnen und dem Fassungsvermögen der Menschen angepaßt war, bei der Auslegung dieser Dinge genau und stets nach der Eigentümlichkeit wissenschaftlicher Rede zu forschen?

Antwort: Nein

Frage 8: Kann bei jener Bezeichnung und Unterscheidung der sechs Tage, um die [es] im ersten Kapitel der Genesis [geht], das Wort Yôm (Tag) sowohl im eigentlichen Sinne als natürlicher Tag als auch im uneigentlichen Sinne als bestimmter Zeitraum aufgefasst werden, und ist es erlaubt, über diese Frage unter den Exegeten zu diskutieren?

Antwort: Ja.“

(Päpstliche Bibelkommission, 1909; in: DH 3512-3519)

 

Ein paar Jahrzehnte später äußerte sich auch Papst Pius XII. zu dieser Frage:

 

„Deshalb verbietet das Lehramt der Kirche nicht, daß die ‚Evolutionslehre’ (insofern sie nämlich den Ursprung des menschlichen Leibes aus schon existierender und lebender Materie erforscht – daß nämlich die Seelen unmittelbar von Gott geschaffen werden, heißt uns der katholische Glaube festzuhalten –) gemäß dem heutigen Stand der menschlichen Wissenschaften und der heiligen Theologie in Forschungen und Erörterungen von Gelehrten in beiden Feldern behandelt werde, und zwar so, daß die Gründe beider Auffassungen, nämlich der Befürworter und der Gegner, mit der nötigen Ernsthaftigkeit, Mäßigung und Besonnenheit erwogen und beurteilt werden; dabei sollen alle bereit sein, dem Urteil der Kirche zu gehorchen, der von Christus die Aufgabe übertragen wurde, sowohl die Heiligen Schriften authentisch auszulegen als auch die Lehren des Glaubens zu schützen.

Diese Freiheit der Erörterung überschreiten jedoch manche in leichtfertiger Vermessenheit, wenn sie sich so benehmen, als ob dieser Ursprung des menschlichen Leibes aus schon existierender und lebender Materie durch bis jetzt gefundene Hinweise und durch aus ebendiesen Hinweisen abgeleitete Vernunftschlüsse schon ganz und gar sicher und bewiesen sei und es aufgrund der Quellen der göttlichen Offenbarung nichts gebe, was in dieser Sache größte Mäßigung und Vorsicht erfordert.

Wenn es sich aber um eine andere auf Vermutung gründende Ansicht handelt, nämlich um den sogenannten Polygenismus, dann genießen die Kinder der Kirche keineswegs eine solche Freiheit. Die Christgläubigen können diese Auffassung nämlich nicht gutheißen, deren Anhänger behaupten, entweder habe es nach Adam hier auf Erden wahre Menschen gegeben, die nicht von demselben als dem Stammvater aller durch natürliche Zeugung abstammten, oder ‚Adam’ bezeichne eine Menge von Stammvätern; es ist nämlich keineswegs ersichtlich, wie eine solche Auffassung mit dem in Übereinstimmung gebracht werden könnte, was die Quellen der geoffenbarten Wahrheit und die Akten des Lehramtes der Kirche über die Ursünde vorlegen, die aus der wahrhaft von dem einen Adam begangenen Sünde hervorgeht und die, durch Zeugung auf alle übertragen, einem jeden als ihm eigen innewohnt [vgl. Röm 5,12-19; Dekret des Konzils von Trient über die Ursünde].

Wie aber in den biologischen und anthropologischen Disziplinen, so gibt es auch in den historischen Leute, die die von der Kirche festgesetzten Grenzen und Vorsichtsmaßnahmen verwegen übertreten. Und in besonderer Weise beklagenswert ist eine gewisse allzu freie Interpretationsweise der geschichtlichen Bücher des Alten Testamentes, deren Befürworter zu Unrecht den vor nicht so langer Zeit von der Päpstlichen Bibelkommission an den Erzbischof von Paris gerichteten Brief zur Verteidigung ihrer Sache anführen. Dieser Brief macht nämlich ausdrücklich darauf aufmerksam, daß die ersten elf Kapitel der Genesis, wenn sie auch eigentlich nicht mit den Verfahren der Geschichtsschreibung zusammenstimmen, deren sich die herausragenden griechischen und lateinischen Geschichtsschreiber oder die Gelehrten unserer Zeit bedienten, nichtsdestoweniger doch in einem gewissen Sinne, der von den Exegeten noch näher erforscht und bestimmt werden muß, zur Gattung der Geschichte  gehören, und daß dieselben Kapitel in einfacher und bildhafter Sprache, die dem Verständnis eines wenig gebildeten Volkes angemessen ist, sowohl die hauptsächlichen Wahrheiten berichten, auf die sich die Sorge um unser ewiges Heil stützt, als auch eine volkstümliche Beschreibung des Ursprungs des Menschengeschlechtes und des erwählten Volkes bieten.

Wenn die alten Verfasser der heiligen Bücher aber etwas aus volkstümlichen Erzählungen geschöpft haben (was man durchaus einräumen  kann), so darf man niemals vergessen, daß sie unterstützt vom Hauch der göttlichen Eingebung so gehandelt haben, durch den sie bei der Auswahl und Beurteilung jener Dokumente von jeglichem Irrtum rein bewahrt wurden.

Was aber aus volkstümlichen Erzählungen in die Heilige Schrift übernommen wurde, das darf keineswegs mit Mythologien oder anderem Derartigem gleichgestellt werden, das mehr aus einer weitschweifenden Einbildungskraft herrührt als aus jenem Streben nach Wahrheit und Einfachheit, das in den Heiligen Büchern auch des Alten Testamentes so sehr aufstrahlt, daß man von unseren Verfassern der heiligen Bücher sagen muß, daß sie die alten Profanschriftsteller klar überragen.“

(Pius XII., Enzyklika „Humani Generis“, 1950; in: DH 3896-3899)

 

In der Enzyklika bezieht sich der Papst auf einen zwei Jahre zuvor verfassten Brief des Sekretärs der Bibelkommission an den Erzbischof von Paris, der folgende Abschnitte enthält:

 

„Die Frage der literarischen Formen der elf ersten Kapitel der Genesis ist viel undurchsichtiger und umfassender. Diese literarischen Formen entsprechen keiner unserer klassischen Kategorien und können nicht im Lichte der griechisch-lateinischen oder modernen literarischen Gattungen beurteilt werden. Man kann folglich ihre Historizität als ganze weder verneinen noch bejahen, ohne auf sie die Gesetze einer literarischen Gattung ungerechtfertigterweise anzuwenden, unter die sie nicht eingeordnet werden können. Wenn man sich darauf einigt, in diesen Kapiteln nicht Geschichte im klassischen oder modernen Sinne zu sehen, so muß man auch zugeben, daß die gegenwärtigen wissenschaftlichen Gegebenheiten es nicht erlauben, allen Problemen, die sie stellen, eine positive Lösung zu geben.

Die erste Pflicht, die hier der wissenschaftlichen Exegese obliegt, besteht zuallererst in der aufmerksamen Untersuchung aller literarischen, wissenschaftlichen, geschichtlichen, kulturellen und religiösen Probleme, die mit die-sen Kapiteln verbunden sind; man müßte sodann die literarischen Vorgehensweisen der alten orientalischen Völker, ihre Psychologie, ihre Ausdrucksweise und ihren Begriff von geschichtlicher Wahrheit genau überprüfen; man müßte, in einem Wort, ohne Vorurteile das ganze Material der paläontologischen und historischen, epigraphischen und literarischen Wissenschaften sammeln. Nur auf diese Weise kann man darauf hoffen, klarer zu sehen, was die wirkliche Natur bestimmter Erzählungen der ersten Kapitel der Genesis angeht.

A priori zu erklären, ihre Erzählungen enthielten nicht Geschichte im modernen Sinne des Wortes, ließe leicht heraushören, daß sie in keinem Sinne des Wortes Geschichte enthielten, wohingegen sie in einer einfachen und bilderreichen Sprache, die dem Fassungsvermögen einer weniger entwickelten Menschheit angepaßt ist, die grundlegenden Wahrheiten berichten, die der Heilsordnung zugrundeliegen, gleichzeitig mit der volkstümlichen Beschreibung der Anfänge des Menschengeschlechts und des auserwählten Volkes.“

(Brief des Sekretärs der Bibelkommission an den Erzbischof von Paris, Kardinal Suhard, 1948; in: DH 3864)

 

Mit anderen Worten: Die Schöpfungsgeschichte muss keineswegs vollkommen wörtlich zu verstehen sein und die christliche Theologie ist mit der Annahme einer Milliarden von Jahren alten Erde, einer Evolution und einer körperlichen Abstammung des Menschen von Tieren vereinbar; aber Genesis erzählt doch von wirklichen geschichtlichen Ereignissen; der Sündenfall zum Beispiel muss irgendwann einmal tatsächlich geschehen sein, in welcher Form auch immer. Und es gab keinen völlig fließenden Übergang zwischen Tier und Mensch, sondern an irgendeinem Punkt muss Gott menschliche Seelen für von Tieren abstammende Wesen erschaffen haben – wenn wir auch nicht wissen können, wann genau das war.

Hinabgestiegen in das Reich des Todes

Die Zeile „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ (in der früheren dt. Übersetzung: „hinabgestiegen zu der Hölle“, auf Latein „descendit ad inferos“; „inferos“ = „Totenwelt, Unterwelt, Hölle“) ist eine für viele Christen wohl schwer verständliche Zeile im Credo. Ich habe sie früher jedenfalls überhaupt nicht verstanden. Der Abstieg „in das Reich des Todes“ ist das, was Christus zwischen Seinem Tod und Seiner Auferstehung getan hat, woran wir also heute am Karsamstag denken; aber was ist dieses Reich? Und wenn es sich um die Hölle handelt, was hat Christus da gemacht?

(Abstieg Christi in die Unterwelt, Domenico Beccafumi, 1530/35; Quelle: Wikimedia Commons)

Der Katechismus der katholischen Kirche schreibt dazu:

„632 Die häufigen Aussagen des Neuen Testamentes, wonach Jesus „von den Toten auferweckt“ worden ist (Apg 3,15; Röm 8,11; 1 Kor 15,20), setzen voraus, daß er vor der Auferstehung am Aufenthaltsort der Toten geweilt hat [Vgl. Hebr 13,20.]. Das ist der erste Sinn, den die Predigt der Apostel dem Abstieg Jesu in die Unterwelt gab: Jesus erlitt wie alle Menschen den Tod und begab sich der Seele nach zum Aufenthaltsort der Toten. Aber er stieg in diesen hinab als Retter und verkündete den Seelen, die dort festgehalten wurden, die Frohbotschaft [Vgl. 1 Petr 3,18-19..].

633 Die Schrift nennt den Aufenthaltsort der Toten, zu dem Christus nach dem Tod hinabgestiegen ist, „Hölle“, „Scheol“ oder „Hades“ [Vgl. Phil 2,10; Apg 2,24; Offb 1,18; Eph 4,9.], denn diejenigen, die sich darin aufhalten, entbehren der Anschauung Gottes [Vgl. Ps 6,6; 88,11-13.]. Das war vor dem Kommen des Erlösers bei allen Toten der Fall, ob sie nun böse oder gerecht waren [Vgl. Ps 89,49; 1 Sam 28,19; Ez 32,17-32.]. Das will jedoch nicht besagen, daß alle das gleiche Los hatten. Jesus zeigt uns das im Gleichnis vom armen Lazarus, der „in den Schoß Abrahams“ aufgenommen wird [Vgl. Lk 16,22-26.]. „Die Seelen der Gerechten, die in Abrahams Schoß den Heiland erwarteten, hat Christus der Herr bei seinem Abstieg in die Hölle befreit“ (Catech. R. 1,6,3). Jesus ist nicht in die Unterwelt hinabgestiegen, um die Verdammten daraus zu befreien [Vgl. Syn. v. Rom 745: DS 587.], und auch nicht, um die Hölle, den Ort der Verdammung, aufzuheben [Vgl. DS 1011; 1077.], sondern um die Gerechten zu befreien, die vor ihm gelebt hatten [Vgl. 4. Syn. v. Toledo 625: DS 485;vgl. auch Mt 27,52-53.].

634 „Auch Toten ist das Evangelium … verkündet worden“ (1 Petr 4,6). Im Abstieg zu den Toten vollendete sich die Verkündigung der frohen Botschaft vom Heil. Er ist die letzte Phase der messianischen Sendung Jesu – eine der Zeitdauer nach sehr knappe, aber ihrer Bedeutung nach unermeßliche Phase: die Ausweitung des Erlösungswerkes auf alle Menschen aller Zeiten und aller Orte, denn allen Geretteten wurde die Erlösung zuteil.

635 Christus ist somit in die Tiefe des Todes hinabgestiegen [Vgl. Mt 12,40; Röm 10,7; Eph 4,9.], damit „die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören …; und alle, die sie hören, leben“ (Joh 5,25). Jesus, der „Urheber des Lebens“ (Apg 3,15), ist gekommen, „um den zu entmachten, der die Gewalt über den Tod hat, nämlich den Teufel, und um die zu befreien, die durch die Furcht vor dem Tod ihr Leben lang der Knechtschaft verfallen waren“ (Hebr 2,14-15). Der auferweckte Christus hat nun „die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt“ in Händen (Offb 1,18), und „im Himmel, auf der Erde und unter der Erde“ beugen alle „ihre Knie vor dem Namen Jesu“ (Phil 2,10).

„Tiefes Schweigen herrscht heute auf Erden, tiefes Schweigen und Stille. Tiefes Schweigen, weil der König ruht. Furcht hat die Erde gepackt und sie ist verstummt, weil Gott – im Fleisch – in Schlaf gesunken ist und Menschen aufgeweckt hat, die seit unvordenklicher Zeit schliefen … Er geht auf die Suche nach Adam, unserem Stammvater, nach dem verlorenen Schaf. Besuchen will er, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes. Er kommt, um den gefangenen Adam und die mitgefangene Eva von ihren Schmerzen zu erlösen, er, der zugleich ihr Gott und ihr Sohn ist … ‚Deinetwegen wurde ich dein Sohn, ich, dein Gott … Wach auf, Schläfer… Ich habe dich nicht geschaffen, damit du im Gefängnis der Unterwelt festgehalten wirst. Steh auf von den Toten! Ich bin das Leben der Toten“ (Alte Homilie zum Karsamstag).

KURZTEXTE

636 Mit „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ bekennt das Glaubensbekenntnis, daß Jesus wirklich gestorben ist und durch seinen Tod für uns den Tod und den Teufel besiegt hat, „der die Gewalt über den Tod hat“ (Hebr 2,14). 

637 Der tote Christus ist in seiner Seele, die mit seiner göttlichen Person vereint blieb, zum Aufenthaltsort der Toten hinabgestiegen. Er hat den Gerechten, die vor ihm gelebt hatten, die Pforten des Himmels geöffnet.“

(Anastasis (Auferstehung), Fresko in der Chorakirche in Istanbul, um 1320; Quelle: Wikimedia Commons)

Die Lehre der Kirche ist, dass durch die Sünde der ersten Menschen, unserer Stammeltern, das ganze Menschengeschlecht von Gott getrennt wurde; sie verloren durch ihre Entscheidung gegen Gott die sog. „übernatürlichen Gnadengaben“, die ihnen für sich selbst und ihre Nachkommen geschenkt worden waren; von da an waren alle Menschen der Neigung zur Sünde, irdischen Leiden und dem Tod unterworfen und auch noch nach dem Tod von Gott abgeschnitten. (Über die Erbsünde und die ersten Menschen ließe sich noch mehr sagen (Was können wir für Adams und Evas Sünde? Gab es Adam und Eva überhaupt?); dafür verweise ich mal auf zwei ältere Artikel von mir: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/03/29/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-10-bestrafung-fuer-die-suenden-der-eltern-ueber-die-erbsuende-und-aehnliches/ ; https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/31/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-4-schoepfung-urknall-evolution-suendenfall-usw-zur-bedeutung-von-genesis-1-11/) Hinzu kommen natürlich auch noch sämtliche persönliche Sünden der einzelnen späteren Menschen; jedenfalls hatte sich die Menschheit von Gott abgewandt und es war den Menschen an sich nicht möglich, den Abgrund zwischen ihnen und Gott wieder zu überwinden; sie waren sozusagen geistlich tot, und wenn man tot ist, kann man sich nicht mehr selber heilen. So war die Situation bis zu Jesu Erlösungstod, Seinem Sühnetod für uns. Wieso Jesus für die Erlösung der Menschen sterben musste, dazu ließe sich auch noch einiges sagen; jedenfalls hat Er unsere Sünden auf sich genommen und ist für uns gestorben und hat uns damit den Weg zu Gott wieder eröffnet.

Nach Seinem Tod ist Er dann also in das „Reich des Todes“ / die Unterwelt / den Scheol / die Hölle hinabgestiegen, wo sich bisher alle Toten befanden. Dieses Reich des Todes ist kein Ort, sondern meint den Zustand des Getrenntseins von Gott. Aus diesem Zustand hat Er die sog. „Gerechten“ befreit, d. h. alle, die nicht in unbereuter Todsünde gestorben sind, also alle, die für die Rückkehr zu Gott überhaupt offen waren. Dazu zählen wir z. B. die Patriarchen des Alten Bundes, Abraham, Isaak, Jakob, usw., und auch Eva und Adam.

Der „Aufenthaltsort“ der Gerechten des Alten Bundes wird daher auch als „limbus patrum“ bezeichnet – „Limbus der Väter“. „Limbus“ meint wörtlich „Rand“; die Bezeichnung meint also, dass es sich sozusagen um den Rand der Hölle handelt; auf Deutsch gibt es dafür auch den Begriff „Vorhölle“. Im Unterschied zur „richtigen“ Hölle der reuelosen Sünder, deren Schicksal endgültig ist, stellte man sich den Limbus generell immer als einen Ort ohne Strafen und Leid vor – einen Ort, der evtl. sogar eine natürliche Glückseligkeit einschließt, nur eben keine übernatürliche, die im Schauen Gottes besteht. Jesu Beispielgeschichte von dem Reichen und dem armen Lazarus, in der die Rede davon ist, dass Lazarus von Engeln „in Abrahams Schoß getragen“ (Lukas 16,22) wird, wurde von den Theologen i. d. R. auch auf den Limbus  der Väter bezogen; hier ist ein „ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund“ zwischen Abrahams Schoß, wo der Arme getröstet wird (dieser Interpretation nach der Limbus der Väter), und dem Ort, an dem der Reiche nach seinem Tod Qualen erleidet (die richtige Hölle).

(Den limbus patrum muss man übrigens vom limbus puerorum/infantium (Limbus der Kinder) unterscheiden. Der Limbus der Väter gehört zur offiziellen Kirchenlehre; der Limbus der Kinder gehört zu einer früher weit verbreiteten Theorie unter den Theologen, die z. B. auch vom hl. Thomas vertreten wurde. Mit dem Limbus der Kinder war eine weitere Vorhölle, ebenfalls evtl. mit rein natürlicher Glückseligkeit, gemeint. Dorthin verfrachtete man gedanklich die ungetauften Kinder, die zu jung starben, um schwere Sünden begangen zu haben. Da solche Kinder mit der Erbsünde belastet sind, und nicht durch die von Christus eingesetzte Taufe Anteil an der von Ihm gewirkten Erlösung haben, und auch nicht, wie die Gerechten des Alten Bundes, die noch keine Taufe kannten, immerhin irgendwelchen Glauben bzw. gute Taten vorzuweisen haben, war man der Ansicht, dass ihnen der Weg in den Himmel nicht offenstehen könnte; da sie allerdings auch keine persönlichen Sünden begangen hatten, wollte man sie nicht (wie der hl. Augustinus es noch tat) in die „richtige“ Hölle stecken. Heute vertritt die Kirche da eine etwas agnostischere Position; die Erlösung läuft an sich über die Taufe (und wenn jemand sich taufen lassen will, aber vorher stirbt, gilt das auch („Begierdetaufe“), und wenn jemandem nicht bewusst ist, dass er sich taufen lassen sollte, er sich aber taufen lassen würde, wenn es ihm bewusst wäre, gilt das auch); ob Gott, der das Heil aller Menschen wünscht, aber auch einen anderen Weg der Erlösung für die ungetauften Kinder, die sich weder bewusst für Ihn noch gegen Ihn entscheiden konnten, eröffnet, wissen wir nicht – wir können jedoch darauf hoffen. Sie bedürfen wegen der Erbsünde tatsächlich der Erlösung, das ja, aber Gott, der uns an die Sakramente gebunden hat, ist selber nicht unbedingt an sie gebunden (s. Begierdetaufe) und kann daher den Menschen das Heil auch ohne die Sakramente zukommen lassen. Dazu schreibt der KKK:

„1257 Der Herr selbst sagt, daß die Taufe heilsnotwendig ist [Vgl. Joh 3,5.]. Darum hat er seinen Jüngern den Auftrag gegeben, das Evangelium zu verkünden und alle Völker zu taufen [Vgl. Mt 28, 19-20; DS 1618; LO 14; AG 5]. Die Taufe ist für jene Menschen heilsnotwendig, denen das Evangelium verkündet worden ist und die Möglichkeit hatten, um dieses Sakrament zu bitten [Vgl. N4k 16,16]. Die Kirche kennt kein anderes Mittel als die Taufe, um den Eintritt in die ewige Seligkeit sicherzustellen. Darum kommt sie willig dem vom Herrn erhaltenen Auftrag nach, allen, die getauft werden können, zur „Wiedergeburt aus Wasser und Geist“ zu verhelfen. Gott hat das Heil an das Sakrament der Tauft gebunden, aber er selbst ist nicht an seine Sakramente gebunden.

1258 Die Kirche ist von jeher der festen Überzeugung, daß Menschen, die wegen des Glaubens den Tod erleiden, ohne vorher die Taufe empfangen zu haben, durch ihren Tod für und mit Christus getauft werden. Diese Bluttaufe sowie das Verlangen nach der Tauft bringen die Wirkungen der Taufe hervor, ohne selbst Sakrament zu sein.

1259 Den Katechumenen, die vor der Taufe sterben, sichert das ausdrückliche Verlangen nach der Taufe, die Reue über ihre Sünden und die Liebe jenes Heil zu, das sie nicht durch das Sakrament empfangen konnten.

1260 „Da Christus … für alle gestorben ist und da es in Wahrheit nur eine letzte Berufung des Menschen gibt, nämlich die göttliche, müssen wir festhalten, daß der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, sich mit diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise zu verbinden“ (GS 22) [Vgl. LG 16; AG 7.]. Jeder Mensch, der ohne das Evangelium Christi und seine Kirche zu kennen nach der Wahrheit sucht und den Willen Gottes tut, soweit er ihn kennt, kann gerettet werden. Man darf annehmen, daß solche Menschen ausdrücklich die Tauft gewünscht hätten, falls ihnen deren Notwendigkeit bewußt gewesen wäre.

1261 Was die ohne Taufe verstorbenen Kinder betrifft, kann die Kirche sie nur der Barmherzigkeit Gottes anvertrauen, wie sie dies im entsprechenden Begräbnisritus tut. Das große Erbarmen Gottes, der will, daß alle Menschen gerettet werden‘, und die zärtliche Liebe Jesu zu den Kindern, die ihn sagen läßt: „Laßt die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran!“ (Mk 10,14), berechtigen uns zu der Hoffnung, daß es für die ohne Taufe gestorbenen Kinder einen Heilsweg gibt. Die Kirche bittet die Eltern eindringlich, die Kinder nicht daran zu hindern, durch das Geschenk der heiligen Taufe zu Christus zu kommen.“

Soweit zum Limbus der Kinder.)

Der Limbus der Väter jedenfalls ist jetzt leer; ihn gab es nur bis zum Karsamstag. Hier würde sich natürlich noch die Frage stellen: Gibt es im Leben nach dem Tod überhaupt Zeit? Kann man davon reden, dass ein Toter sich bis zu diesem Zeitpunkt in dem und dem Zustand befand, und ab jenem Zeitpunkt dann in einem anderen? Das spielt ja eine Rolle nicht nur für die Lehre vom Limbus der Väter, sondern auch für die vom Purgatorium (= Fegefeuer; Zustand der Reinigung von lässlichen Sünden vor dem „Eintritt“ in den Himmel). Befindet sich Gott nicht außerhalb der Zeit?

Hier muss man wohl unterscheiden; ich würde es so erklären: Gott befindet sich schon außerhalb der Zeit, ja, aber das muss nicht heißen, dass die Menschen nach dem Tod nicht mehr eine Art von Zeit erleben könnten. Aber wenn sie „bei Gott“ sind…? Das eine schließt das andere nicht aus. Ein Vergleich: Jemand kann gleichzeitig „in München“ sein, sich „in Wut“ befinden, „in Winterstiefeln“ stecken und „auf Facebook“ sein. Jemand anderer kann ebenfalls auf Facebook und in Wut sein und sich mit dem ersten darüber austauschen, und dass er weder in Winterstiefeln steckt noch in München ist, tut dem keinen Abbruch; oder er kann auch in München sein und dem ersten Gesellschaft leisten und mit ihm fühlen, dabei aber nicht selbst in Wut sein, noch in Winterstiefeln, noch auf Facebook. In beiden Fällen bestünde ein Kontakt und eine Gemeinschaft zwischen der ersten und der zweiten Person, auch wenn sie nicht beide genau dasselbe erleben (also der eine z. B. nicht das Gefühl von Stiefeln an den Füßen hat oder das Gefühl von Wut spürt). Ebenso kann jemand bei Gott sein, aber deshalb nicht im selben Sinne Ewigkeit erleben wie Gott. Gott ist Seinem Wesen nach ewig und unveränderlich; die Menschen sind es nicht, auch nicht automatisch nach dem Tod. (Wie genau sich das mit der Zeit nach dem Tod darstellt, können wir natürlich nicht wissen; ebensowenig, wie wir uns z. B. die leibliche Auferstehung vorstellen können. Aber davon auszugehen, dass es in einer gewissen, veränderten Weise Zeit und Veränderung geben wird, ebenso wie es nach der leiblichen Auferstehung in einer gewissen, veränderten Weise Körper geben wird, macht durchaus Sinn.)

 

PS: Interessant dazu auch die Aussagen des hl. Thomas in der Summa Theologiae zum Abstieg Christi in die Hölle: https://dhspriory.org/thomas/summa/TP/TP052.html#TPQ52OUTP1

 

Über schwierige Bibelstellen, Teil 21: Wunder und Dämonenaustreibungen

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/

 

Die Bibel berichtet immer wieder von Wundern; hier stechen besonders die Evangelien mit ihren Berichten von Wunderheilungen durch Jesus heraus. (Dazu Totenerweckungen, Dämonenaustreibungen, Brotvermehrungen, das Weinwunder zu Kana, der Gang auf dem Wasser… ach ja, und Seine eigene Auferstehung.) Hier stellen sich mehrere Fragen. Zunächst einmal gibt es Menschen, die ganz grundsätzlich davon ausgehen, dass Wunder nicht geschehen können. Dann stellt sich aber auch die Frage: Wenn Wunder geschehen können, wieso sind sie dann so ungleich, so scheinbar ungerecht verteilt? Wieso wird einzelnen Menschen ein Wunder durch Gott zuteil, und anderen nicht?

 

Zur ersten Frage zuerst: Die Ansicht, dass Wunder nicht geschehen könnten, ist keine naturwissenschaftlich begründete Überzeugung, sondern ein philosophisches Dogma. Die Naturwissenschaft geht einfach davon aus, dass die Welt nach immer gleichen Regeln funktioniert und führt dann Experimente durch, um herauszufinden, was genau diese Regeln sind, was wir aufgrund dieser Regeln erwarten können, wenn wir etwas tun, usw. Man stößt auf Dinge, die man nicht versteht (z. B. Krankheiten mit unentdeckter Ursache), ist sich aber von vornherein sicher, dass sie nach bestimmten Regeln funktionieren müssen, und forscht dann so lange, bis man diese herausgefunden hat. Dass die Welt nach immer gleichen Regeln funktioniert, ist also eine philosophische Grundüberzeugung, die der Naturwissenschaft vorausgeht und ihr zugrunde liegt – und die übrigens gerade auch zum Christentum gehört. Wir glauben schließlich an einen vernünftigen Schöpfergott, der eine geordnete Welt eingerichtet hat; das macht Naturwissenschaft möglich. Der Glaube etwa der antiken Griechen, wonach jede Naturerscheinung die direkte Manifestation eines Gottes sei (wenn es auf dem Meer einen Sturm gibt, ist Poseidon sauer, wenn es blitzt, steckt Zeus dahinter), würde keine solche Forschung zulassen. Aber wir sind ja Christen und keine Heiden.

Aber wie sieht es dann mit den Wundern aus? Na ja, ich klaue mir mal einen Vergleich von den Deisten (der so seine Tücken hat*, aber hier trotzdem ganz nützlich ist): Gott ist wie ein Uhrmacher, der eine Welt einrichtet, die dann nach bestimmten Regeln vor sich hin läuft. Jedoch würde nichts den Uhrmacher daran hindern, noch einmal in die fertige Uhr einzugreifen – z. B. die Zeiger für eine halbe Stunde anzuhalten und sie dann hinterher so weit vorzustellen, dass die Uhr wieder die richtige Zeit anzeigt. Wenn man – quasi als Naturwissenschaftler – das Räderwerk studiert hätte, könnte man voraussagen, welche Zeit die Uhr soundsoviele Stunden und Minuten in der Zukunft oder der Vergangenheit anzeigen wird oder angezeigt hat – es sei denn jedoch, der Uhrmacher hätte irgendwann eingegriffen und die Zeiger umgestellt oder angehalten. Wenn der Naturwissenschaftler darauf stoßen würde, dass die Uhr eine unpassende Zeit anzeigt, müsste er im Endeffekt sagen „Durch die Funktionsweise des Räderwerks nicht erklärbar“, was einen Eingriff von außen als einzige andere Möglichkeit offenlassen würde.

Nun ist das, wie gesagt, kein perfekter Vergleich; bei einer Uhr bringt es nichts, sie einfach mal anzuhalten. Ein anderer Vergleich wäre vielleicht ein Sparkonto, auf dem seit Jahren ein bestimmtes Vermögen vorhanden ist, das sich nach dem immer gleichen Zinssatz vermehrt. Mithilfe der Rechenregeln kann man die Höhe des Vermögens voraus- bzw. zurückberechnen. Das funktioniert erst dann nicht mehr, wenn von außen jemand etwas einzahlt – z. B. ein netter Onkel, der ein Geldgeschenk macht – oder etwas abhebt.

Regel Nummer 20 Wenn wir davon ausgehen, dass ein allmächtiger Schöpfer der Welt existiert, können wir nicht ausschließen, dass Er durch außergewöhnliche Zeichen, Wunder genannt, in die Welt eingreift.

Ein solcher Eingriff lässt sich per definitionem nicht mit den Naturgesetzen vorhersagen oder erklären, genau darum geht es ja. Und das haben nicht erst die Menschen der Neuzeit entdeckt, als die Naturgesetze besser erforscht wurden. Auch den antiken Juden war sehr wohl klar, dass es gewisse Gesetzlichkeiten in der Natur gibt – z. B. dass Jungfrauen nicht schwanger werden. Wieso wollte Joseph sich wohl in aller Stille von Maria scheiden lassen? Weil er genau wusste, dass Jungfrauen für gewöhnlich nicht schwanger werden. Der Engel erklärte ihm dann, dass ein Wunder geschehen war, etwas, das durch die Naturgesetze nicht erklärt werden kann, und Joseph akzeptierte diese Erklärung (immerhin kam sie, wie gesagt, von einem Engel).

Wenn ein Wunder naturwissenschaftlich erklärbar wäre, wäre es kein Wunder.** Ein Wunder ist gerade etwas naturwissenschaftlich nicht Erklärbares, das sich nur durch einen übernatürlichen Eingriff erklären lässt. Nur deshalb können Wunder überhaupt Zeichen Gottes sein.

Okay, könnte man sagen, Wunder sind für Gott also möglich. Aber ist denn die Vorstellung, dass Gott eine Welt erschafft, um dann immer wieder an ihr herumzudoktern und ihre Regeln außer Kraft zu setzen, Gott angemessen? Darauf gibt es zweierlei Entgegnungen:

Zunächst einmal hat Gott bestimmten Geschöpfen in seiner Welt (Engeln, Menschen) auch einen freien Willen gegeben und die haben damit die Welt aus ihrer ursprünglichen Bahn gebracht. Die Welt ist also keine perfekt vor sich hin laufende Maschine mehr, sondern eine kaputte, die Reparaturmaßnahmen erfordert.

Dann gehört zu diesen Reparaturmaßnahmen auch, dass Gott sich den Menschen offenbart. Dabei ist es angemessen, dass Er ihnen zeigt, dass wirklich Er es ist, und kein Scharlatan oder Verrückter. Das geht am besten durch Dinge, die einem Scharlatan oder Verrückten nicht möglich wären – Wunder. Das im NT verwendete Wort für „Wunder“ bedeutet übrigens eigentlich „Zeichen“.

Soweit dazu, was Gott tun könnte und was Ihm angemessen wäre. Wenn wir nun wissen wollen, ob Gott in der Praxis tatsächlich Wunder tut, müssen wir einfach auf konkrete Berichte schauen. Gibt es glaubwürdige Hinweise darauf, dass früher Dinge geschehen sind, die naturwissenschaftlich nicht erklärbar sind, oder dass solche Dinge heute noch geschehen? Die gibt es offensichtlich – ich nenne nur mal exemplarisch das 1917 von 30.000 Menschen beobachtete Sonnenwunder in Fatima und die von einer unabhängigen Ärztekommission geprüften Heilungen in Lourdes. Wenn wir in die Bibel schauen, berichten die Evangelien von Jesus unzählige Wunder; dazu kommt natürlich Seine Auferstehung, auf der der ganze christliche Glaube aufbaut. Ich will mich nicht lange bei den Belegen für einzelne Wunder aufhalten, nur so viel zur Auferstehung: Das leere Grab wurde von niemandem geleugnet und wir haben die Berichte von den Erscheinungen des Auferstandenen vor bis zu 500 Menschen gleichzeitig (vgl. 1 Korinther 15,6). Die Apostel hätten nichts davon gehabt, sich so etwas auszudenken; im Gegenteil, sie starben den Märtyrertod für ihren Glauben. Aber zu alldem ein anderes Mal ausführlicher…

 

Aber dann wäre ja noch die Frage: Sind Wunder denn nicht sehr ungerecht verteilt? Okay, Jesus heilte offenbar alle, die zu Ihm kamen (zumindest ist nicht überliefert, dass Er irgendjemandem eine Heilung verweigerte), aber Er konnte auch nicht überall sein. Jemand, der zu Seiner Zeit in Alexandria oder Ephesos lebte, hatte offenbar Pech. Und schauen wir auf die Situation heute – so viele Kranke pilgern nach Lourdes, und so wenige kommen von dort geheilt zurück.

Hierzu ist eine Stelle aus dem Lukasevangelium interessant. Hier predigt Jesus in der Synagoge in Nazareth, seiner Heimatstadt, nachdem er schon anderswo, z. B. in Kafarnaum, aufgetreten ist und Wunder getan hat: „Wahrhaftig, das sage ich euch: In Israel gab es viele Witwen in den Tagen des Elija, als der Himmel für drei Jahre und sechs Monate verschlossen war und eine große Hungersnot über das ganze Land kam. Aber zu keiner von ihnen wurde Elija gesandt, nur zu einer Witwe in Sarepta bei Sidon. Und viele Aussätzige gab es in Israel zur Zeit des Propheten Elischa. Aber keiner von ihnen wurde geheilt, nur der Syrer Naaman. Als die Leute in der Synagoge das hörten, gerieten sie alle in Wut. Sie sprangen auf und trieben Jesus zur Stadt hinaus; sie brachten ihn an den Abhang des Berges, auf dem ihre Stadt erbaut war, und wollten ihn hinabstürzen. Er aber schritt mitten durch sie hindurch und ging weg.“ (Lukas 4,25-30)

Regel Nummer 21 Niemand hat einen Anspruch auf ein göttliches Wunder.

Es stimmt nun mal leider: Die Wege des Herrn sind unergründlich. „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des HERRN. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ (Jesaja 55,8f.) Wir können nicht wissen, wieso Gott in der einen Situation eingreift und in der anderen nicht, dazu ist unsere Perspektive einfach zu begrenzt auf unsere Erlebnisse, unsere Zeit, unsere irdische Welt. Gott sieht das Gesamtbild und weiß, welche Auswirkungen es insgesamt hat, wenn jemand z. B. geheilt oder nicht geheilt wird. Das Leid hat einen Sinn (worüber ein anderes Mal ausführlich zu reden wäre; aber auch der Gottmensch Jesus selbst hat gelitten); und dass Gott in manchen Fällen auf die Bitten der Menschen hin beschließt, es auf außergewöhnliche Art und Weise zu lindern, muss auch einen Sinn haben.

 

Dann stellt sich noch die Frage nach einer speziellen Art von Wundern: Exorzismen, d. h. Dämonenaustreibungen. Immer wieder wird in den Evangelien davon erzählt, dass Jesus Besessenen half:

  • „Man brachte alle Kranken mit den verschiedensten Gebrechen und Leiden zu ihm, Besessene, Mondsüchtige und Gelähmte, und er heilte sie.“ (Matthäus 4,24)
  • „Dann brachte man zu ihm einen Besessenen, der blind und stumm war. Er heilte ihn, sodass der Stumme wieder reden und sehen konnte.“ (Matthäus 12,22)
  • „In ihrer Synagoge war ein Mensch, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien:Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes. Da drohte ihm Jesus: Schweig und verlass ihn! Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei. Da erschraken alle und einer fragte den andern: Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht: Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl. Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.“ (Markus 1,23-28)
  • „Sie kamen an das andere Ufer des Sees, in das Gebiet von Gerasa. Als er aus dem Boot stieg, lief ihm sogleich von den Gräbern her ein Mensch entgegen, der von einem unreinen Geist besessen war. Er hauste in den Grabstätten. Nicht einmal mit einer Kette konnte man ihn bändigen. Schon oft hatte man ihn mit Fußfesseln und Ketten gebunden, aber er hatte die Ketten zerrissen und die Fußfesseln durchgescheuert; niemand konnte ihn bezwingen. Bei Tag und Nacht schrie er unaufhörlich in den Grabstätten und auf den Bergen und schlug sich mit Steinen. Als er Jesus von Weitem sah, lief er zu ihm hin, warf sich vor ihm nieder und schrie laut: Was habe ich mit dir zu tun, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht! Jesus hatte nämlich zu ihm gesagt: Verlass diesen Menschen, du unreiner Geist! Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Mein Name ist Legion; denn wir sind viele. Und er flehte Jesus an, sie nicht aus diesem Gebiet fortzuschicken. Nun weidete dort an einem Berghang gerade eine große Schweineherde. Da baten ihn die Dämonen: Schick uns in die Schweine! Jesus erlaubte es ihnen. Darauf verließen die unreinen Geister den Menschen und fuhren in die Schweine und die Herde stürmte den Abhang hinab in den See. Es waren etwa zweitausend Tiere und alle ertranken. Die Hirten flohen und erzählten es in der Stadt und in den Dörfern. Darauf eilten die Leute herbei, um zu sehen, was geschehen war. Sie kamen zu Jesus und sahen bei ihm den Mann, der von der Legion Dämonen besessen gewesen war, bekleidet und bei Verstand. Da fürchteten sie sich. Die es gesehen hatten, berichteten ihnen, wie es mit dem Besessenen und den Schweinen geschehen war. Darauf baten die Leute Jesus, ihr Gebiet zu verlassen. Als er ins Boot stieg, bat ihn der Mann, der zuvor von den Dämonen besessen war, dass er bei ihm sein dürfe. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat! Da ging der Mann weg und verkündete in der ganzen Dekapolis, was Jesus für ihn getan hatte, und alle staunten.“ (Markus 5,1-20)
  • „Als sie [Jesus, Petrus, Jakobus und Johannes] zu den anderen Jüngern zurückkamen, sahen sie eine große Menschenmenge um sie versammelt und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. Sobald die Leute Jesus sahen, liefen sie in großer Erregung auf ihn zu und begrüßten ihn. Er fragte sie: Warum streitet ihr mit ihnen? Einer aus der Menge antwortete ihm: Meister, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht. Er ist von einem stummen Geist besessen; immer wenn der Geist ihn überfällt, wirft er ihn zu Boden und meinem Sohn tritt Schaum vor den Mund, er knirscht mit den Zähnen und wird starr. Ich habe schon deine Jünger gebeten, den Geist auszutreiben, aber sie hatten nicht die Kraft dazu. Da sagte er zu ihnen: O du ungläubige Generation! Wie lange muss ich noch bei euch sein? Wie lange muss ich euch noch ertragen? Bringt ihn zu mir! Und man führte ihn herbei. Sobald der Geist Jesus sah, zerrte er den Jungen hin und her, sodass er hinfiel und sich mit Schaum vor dem Mund auf dem Boden wälzte. Jesus fragte den Vater: Wie lange hat er das schon? Der Vater antwortete: Von Kind auf; oft hat er ihn sogar ins Feuer oder ins Wasser geworfen, um ihn umzubringen. Doch wenn du kannst, hilf uns; hab Mitleid mit uns! Jesus sagte zu ihm: Wenn du kannst? Alles kann, wer glaubt. Da rief der Vater des Knaben: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Als Jesus sah, dass die Leute zusammenliefen, drohte er dem unreinen Geist und sagte: Ich befehle dir, du stummer und tauber Geist: Verlass ihn und kehr nicht mehr in ihn zurück! Da zerrte der Geist den Knaben hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei. Er lag da wie tot, sodass alle Leute sagten: Er ist gestorben. Jesus aber fasste ihn an der Hand und richtete ihn auf und er erhob sich. Jesus trat in das Haus und seine Jünger fragten ihn, als sie allein waren: Warum konnten denn wir den Dämon nicht austreiben? Er antwortete ihnen: Diese Art kann nur durch Gebet ausgetrieben werden.“ (Markus 9,14-29)
  • Jesus trägt auch den Jüngern auf: „Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!“ (Matthäus 10,8)
  • „Und er setzte zwölf ein, damit sie mit ihm seien und damit er sie aussende, zu verkünden und mit Vollmacht Dämonen auszutreiben.“ (Markus 3,14f.)
  • Er spricht auch über die Dämonen: „Als die Pharisäer das hörten, sagten sie: Nur mit Hilfe von Beelzebul, dem Herrscher der Dämonen, treibt er die Dämonen aus. Doch Jesus wusste, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Jedes Reich, das in sich gespalten ist, wird veröden und eine Stadt und eine Familie, die in sich gespalten ist, wird keinen Bestand haben. Wenn also der Satan den Satan austreibt, dann ist Satan in sich selbst gespalten. Wie kann sein Reich dann Bestand haben? Und wenn ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben dann eure Söhne sie aus? Deswegen werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber im Geist Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen. Wie kann einer in das Haus des Starken eindringen und ihm den Hausrat rauben, wenn er nicht zuerst den Starken fesselt? Erst dann kann er sein Haus plündern.“ (Matthäus 12,24-29)
  • Und: „Wenn ein unreiner Geist aus einem Menschen ausfährt, durchwandert er wasserlose Gegenden, um eine Ruhestätte zu suchen, findet aber keine.Dann sagt er: Ich will in mein Haus zurückkehren, das ich verlassen habe. Und er kommt und findet es leer, sauber und geschmückt. Dann geht er und nimmt sieben andere Geister mit sich, die noch schlimmer sind als er selbst. Sie ziehen dort ein und lassen sich nieder. Und die letzten Dinge jenes Menschen werden schlimmer sein als die ersten. Dieser bösen Generation wird es genauso gehen.“ (Matthäus 12,43-45)

Über Besessenheit hört man heute oft: Na ja, damals konnten die Menschen das eben noch nicht unterscheiden; sie hielten schwere psychische Erkrankungen oder Epilepsie für Besessenheit durch unreine Geister – aber die gibt es ja gar nicht.

Nun, sicher war das medizinische Wissen vor zweitausend Jahren noch nicht so groß wie heute. Sicher kann damals mal jemand Epilepsie für Besessenheit gehalten haben. Aber das heißt nicht, dass es gar keine Besessenheit gab. Auch heute noch, wo kirchliche Exorzisten (Priester, die von Bischöfen beauftragt sind, Befreiungsgebete über Menschen zu sprechen, die von dämonischer Besessenheit oder Bedrängung betroffen sind) genau prüfen, ob eine natürliche Erklärung möglich ist, sprich, statt einer Besessenheit oder Bedrängung eine physische oder psychische Erkrankung vorliegt, gibt es immer noch Fälle, in denen das keine ausreichende Erklärung ist. Solche Fälle sind selten; Exorzisten berichten, dass die wenigsten Menschen, die zu ihnen kommen, tatsächlich besessen sind (http://www.kath.net/news/62886 ; https://www.catholicnewsagency.com/news/us-exorcists-demonic-activity-is-on-the-rise-45102 („I’ve only seen three possessions in the last three years“)), aber es gibt sie.

Wir als Christen wissen durch Gottes Offenbarung, dass es rein geistige Geschöpfe gibt, die unsterblich, sehr intelligent (nicht allwissend!) und sehr mächtig (nicht allmächtig!) sind. Diese Geschöpfe nennen wir Engel. Sie haben einen freien Willen wie wir, können sich also für Gott oder gegen Ihn entscheiden, und einige von ihnen haben sich unwiderruflich von Ihm abgewandt; sie nennt man die gefallenen Engel oder Dämonen. Die Dämonen versuchen nun auch, andere Geschöpfe, nämlich die Menschen, von Gott, den sie hassen, abzubringen – in der Regel durch geistige Versuchungen; schließlich sind sie geistige Wesen, und das ist das eigentlich Gefährliche an ihnen. Der einzige Weg, auf dem sie uns ganz von Gott  abbringen können, ist, indem sie uns dazu bringen, Sünden zu begehen. Aber gelegentlich schaffen sie es offenbar auch, eine andere Art von Einfluss über einen Menschen zu gewinnen – z. B. dann, wenn der sich durch okkulte Praktiken (Totenbeschwörung, Geisterbefragung, automatisches Schreiben, solche Dinge) selbst für den Einfluss von Geistern geöffnet hat. (Da kommen nicht immer die, die man rufen möchte.)

Man kann, wenn man will, annehmen, dass zu Jesus auch mal Menschen gebracht wurden, von denen man glaubte, dass sie besessen wären, denen aber in Wahrheit etwas anderes fehlte (Epilepsie, Psychose), und dass Er sie vielleicht einfach heilte, ohne die Leute langwierig über ihren Irrtum aufzuklären. Die Evangelisten berichten an einigen Stellen einfach kurz, dass Er viele Besessene und Kranke heilte, ohne  ins Detail zu gehen. Aber Er ging ganz offensichtlich sehr wohl davon aus, dass dämonische Besessenheit möglich war, und bei einigen Geschichten, die ausführlich erzählt sind, befahl Er ganz klar Dämonen, einen Menschen zu verlassen. Er trug Seinen Jüngern auf, Dämonen auszutreiben. Er sprach darüber, wie Dämonen sich verhalten – dass es Unsinn sei, zu sagen, Er treibe Dämonen mit anderen Dämonen aus; dass Dämonen, wenn sie mal einen Menschen verlassen, keinen besseren finden, und dann bei ihrer Rückkehr merken, dass er noch immer ihrem Einfluss offen steht, gerne mit mehreren anderen Dämonen zurückkommen. Letzteres könnte man, wenn man wollte, noch bildlich auslegen, aber insgesamt kommt man nicht drum herum: Jesus ging davon aus, dass Dämonen existieren, und dass dämonische Besessenheit existiert.

Wir haben dann zwei Möglichkeiten: Auch davon auszugehen, dass Dämonen existieren und dass dämonische Besessenheit existiert, oder zu sagen, dass Jesus sich geirrt hat. Wäre es möglich, dass Jesus sich hier geirrt hat? Er hatte immerhin auch eine menschliche Natur, wäre es daher möglich, davon auszugehen, dass Er in seiner menschlichen Natur falsche Annahmen Seiner Zeitgenossen übernahm? Nun, Er hatte eine menschliche Natur, aber menschliche und göttliche Natur sind in Ihm nicht getrennt (auch nicht vermischt, aber… es ist kompliziert). Wie genau Jesu menschliche Seele es erlebte, mit dem allwissenden göttlichen Logos verbunden zu sein: darauf habe ich keine ausgefeilten Antworten, und man könnte sicher ewig darüber diskutieren und spekulieren. Aber sie waren (und sind) jedenfalls verbunden. Daher sehe ich nicht, wie man logischerweise sagen könnte, Jesus hätte sich in einer solchen Sache geirrt und selbst nicht mitbekommen, was Er bei „Dämonenaustreibungen“ eigentlich tat.

Eine Frage bliebe noch: Es wird in den Evangelien vereinzelt auch von Kindern erzählt, die besessen sind. Da wäre die Tochter der heidnischen Frau aus Matthäus 15,21-28 bzw. Markus 7,24-30 (deren genaues Alter allerdings nicht klar wird; sie könnte auch schon ein Teenager gewesen sein), und insbesondere der Junge, von dem sein Vater sagt, er hätte das schon „von Kind auf“ (Markus 9,21; griechisch „ek paidióthen“, „von Kindheit ab“). Aber ein Kind hat vermutlich nicht freiwillig und bewusst an irgendwelchen okkulten Ritualen teilgenommen – können Dämonen also auch „einfach so“ Menschen auf diese Weise bedrängen? Unter Umständen kann das durch Gottes Zulassung anscheinend möglich sein (so wie auch schwere Krankheiten Unschuldige treffen; hier möchte ich auch darauf hinweisen, dass Besessenheit nicht das Seelenheil angreift!). Auch aus dem Leben einiger Heiliger und Seliger (z. B. der sel. Angela von Foligno) wird berichtet, dass sie zwar nicht besessen waren, aber von Dämonen auf außergewöhnliche Weise bedrängt wurden, was sie selbst als Prüfung durch Gott sahen. Insgesamt ist es so etwas aber sicher, noch mehr als dämonische Besessenheit im Allgemeinen, sehr selten.

 

* Die wichtigste dieser Tücken: Die Welt ist nicht einmal von Gott eingerichtet worden, sodass sie dann für sich existieren würde, ohne ihn weiterhin zu benötigen, wie es mit einer Maschine und ihrem Erbauer der Fall ist; sie ist eher in der Weise von Ihm abhängig, wie eine Schaukel, die an einem Ast hängt, von diesem Ast abhängig ist, oder ein Haus, das auf einem bestimmten Fundament gebaut ist, von diesem Fundament.

** Edit: Jedenfalls nicht im strengen Sinne. Gott lenkt auch das gewöhnliche Schicksal der Welt durch indirekte Ursachen, die wir naturwissenschaftlich erklären können, und da kann es auch mal zu einem unwahrscheinlichen, aber nicht naturgesetzlich unerklärbaren Ereignis kommen, das z. B. auf ein Gebet eines Menschen hin passiert, und das wir dann als „wundersam“ bezeichnen würden.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 20: Die Forderungen der Bergpredigt

„Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin! Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel! Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm! Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab!

 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?

 Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!“ (Matthäus 5,38-48)

 

Über solche Forderungen der Bergpredigt wurde in zweitausend Jahren Kirchengeschichte viel geschrieben und viel gestritten. Die andere Wange hinhalten, Feindesliebe, „Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ – die Reformatoren, allen voran Luther, hielten diese Forderungen für so unerfüllbar, dass sie erklärten, dass Jesu Worte hier nur dazu da seien, uns vor Augen zu führen, dass wir sie nicht erfüllen könnten. Er sagt uns, wir sollen vollkommen sein, damit wir beim Versuch, es zu sein, erkennen, wie unvollkommen wir sind.

Der hl. Thomas von Aquin, knapp drei Jahrhunderte vorher, sah das anders. Gegen die Ansicht, niemand könnte in diesem Leben Vollkommenheit erreichen, erklärte er mit völliger Selbstverständlichkeit*:

„Sed contra est quia lex divina non inducit ad impossibile.“ – „Dagegen steht, dass das göttliche Gesetz nicht das Unmögliche verlangt.“ (Summa Theologiae II/II 184,2; http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel700-2.htm; die dt. Übersetzung auf dieser Seite kommt mir übrigens wenig wortgetreu vor, hier gibt es eine bessere englische Übersetzung: http://dhspriory.org/thomas/summa/SS/SS184.html#SSQ184OUTP1)

Thomas sagte, dass die Vollkommenheit in der Liebe bestehe, und unterschied dann verschiedene Arten der Vollkommenheit – eine Vollkommenheit, die nur Gott möglich ist (so zu lieben, wie es tatsächlich angemessen ist); eine Vollkommenheit, die die Seelen im Himmel haben (so zu lieben, wie es ihnen mit ihren begrenzten Kräften als Geschöpfe überhaupt möglich ist); und eine Vollkommenheit, die den Menschen auf Erden möglich ist, und die darin besteht, die Hindernisse, die der Liebe entgegenstehen, aus ihrem Leben wegzuräumen. (Diese Vollkommenheit ist auf zwei Arten möglich: Erstens, das, was wirklich der Liebe entgegensteht (Todsünden) zu beseitigen, und zweitens, das Übrige, was einen auch noch dabei behindert, ganz auf Gott ausgerichtet zu sein, zu beseitigen.) Diese dritte Art der Vollkommenheit, sagt er, ist den Menschen auf Erden möglich.

Man könnte diese Stelle auch etwas anders interpretieren und einfach sagen, Jesus gibt uns, wenn Er uns sagt „Seid also vollkommen“, das Ziel vor, das wir anstreben müssen; dieses moralische Ziel braucht es, so, wie man sich auch beim Rechnen vornehmen muss, bei jeder einzelnen Rechnung richtig zu rechnen; und man kann theoretisch dahin gelangen, auch wenn man in der Praxis wohl nicht dahin gelangen wird, so, wie man sicher auch mal einen Rechenfehler machen wird. Trotzdem braucht es dieses klare Ziel; es wäre falsch, zu sagen „Man muss ja nicht immer das Richtige machen“, so, wie es falsch wäre, zu sagen „Man muss ja nicht immer richtig rechnen“.

 

Aber dann stellt sich ja nicht nur die Frage nach der Erfüllbarkeit, sondern auch die nach der Richtigkeit solcher Vorschriften. Kommen wir von „Seid also vollkommen“ zu „wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“. Ist es denn richtig, ist es gerecht, wenn man immer die andere Wange hinhalten soll, immer klein beigeben soll, denen, die einen ungerecht behandeln, ihren Willen lassen soll? Schließlich ist Gerechtigkeit auch ein unerlässlicher Wert, sie wird auch zu den vier Kardinaltugenden gerechnet und ist eine zentrale Eigenschaft Gottes. Insbesondere die Psalmen rühmen Gott als den gerechten Richter, der den Unterdrückten Recht verschaffen wird. Muss man wirklich alles mit sich machen lassen? Verbietet Jesus hier Notwehr? Verbietet Er jede Art von „vergeltender“ Gerechtigkeit (inklusive etwa Strafen für Mobbing in der Schule, oder Strafen für Raubüberfälle durch den Staat)?

Nein, ich denke, das tut Er nicht; aber was will Er dann?

Es kennt wahrscheinlich jeder irgendwelche schwierigen Menschen. Ich habe eine etwas schwierige Beziehung zu jemandem aus meiner Familie; das ist schon lange so; wir haben heute immerhin nicht mehr so viel Kontakt wie früher. Jedenfalls haben wir uns schon ziemlich heftig gestritten. Die eine tut irgendetwas, die andere ist deswegen empört und wird zickig, die eine beleidigt sie auf passiv-aggressive Art, die andere beleidigt zurück, die eine wird noch beleidigender, die andere schreit sie an, die eine provoziert die andere, indem sie noch irgendetwas tut, die andere provoziert zurück… und das Ende ist nie schön. Ich denke, ich kann sagen, dass sie sich oft unvernünftig verhält, wenn ihr etwas gerade nicht passt; aber wenn ich immer reagiere, indem ich mein Recht einfordere oder Wiedergutmachung für etwas will, das sie getan hat, kommen wir auch nicht weiter; da habe ich genügend schlechte Erfahrungen gemacht. Wenn ich dagegen diejenige bin, die einen Schritt auf sie zugeht oder einfach mal etwas kommentarlos hinnimmt (was ich oft nicht hinkriege), wird es manchmal besser. Dann beruhigt sich die Situation eher, man kann miteinander reden und kommt eventuell zu einer vernünftigen Lösung. Da kennt wahrscheinlich jeder ähnliche Situationen.

Paulus macht Jesu Aussage im Römerbrief deutlicher: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden! Übt nicht selbst Vergeltung, Geliebte, sondern lasst Raum für das Zorngericht Gottes; denn es steht geschrieben: Mein ist die Vergeltung, ich werde vergelten, spricht der Herr. Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt. Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute! (Römer 12,17-21)

Es geht darum, das Böse durch das Gute zu besiegen, indem man jemandem, der es mit seinem Verhalten gerade nicht verdient hat, etwas Gutes tut, und ihn so vielleicht zum Nachdenken und zur Einsicht bringt. Man soll souverän reagieren und nicht selbst aggressiv werden. Jemand, der einem das Hemd wegnimmt, und dem man es dann nicht wegreißt, sondern ihm auch noch den Mantel reicht, wird vielleicht beschämt das Hemd wieder zurückgeben.

Das funktioniert nicht immer und es gibt Situationen, in denen man sich anders verhalten kann/sollte/muss. Man muss nicht alles mit sich machen lassen; wenn man z. B. in einer Partnerschaft permanent schlecht behandelt wird, ohne dass der Partner sich ändern würde, ist es eindeutig das Beste, sich der Situation zu entziehen; man tut jemandem langfristig nichts Gutes, wenn man seine Sünden einem gegenüber ständig duldet und/oder entschuldigt. Es gibt auch alltägliche Situationen, da hilft es mehr, jemanden direkter zu konfrontieren, als ihm auf die obige Weise entgegenzukommen. Und die Kirche hat aufgrund dieser Stelle nie die Notwehr oder gerechte Strafen verboten.

Eine Sache ist auch sehr wichtig: Notwehr, wenn man selbst angegriffen wird, ist erlaubt, aber nicht verpflichtend; Nothilfe, wenn andere angegriffen werden, kann dagegen unter Umständen sehr wohl eine Pflicht sein (es ist zwar nicht nötig, aber auch nicht unmoralisch, sich nicht zu wehren, wenn man selbst zusammengeschlagen wird; aber wenn man jemand anderem, der zusammengeschlagen wird, nicht helfen würde, wäre das schlichtweg feige und falsch). Und insbesondere Autoritäten sind dazu da, die Gerechtigkeit durchzusetzen. Wenn Anna-Lena ihrer kleinen Schwester Marie-Louise ihre Legosteine wegnimmt, hat die Mutter, zu der Marie-Louise läuft, dafür zu sorgen, dass Anna-Lena die Steine zurückgibt und sich entschuldigt (mindestens; bei wiederholtem gemeinen Verhalten sollten Disziplinarmaßnahmen folgen). Sie hat nicht zu Marie-Louise zu sagen, dann soll sie doch ihrer Schwester was abgeben. Barmherzigkeit geht über die Gerechtigkeit hinaus; aber sie bedeutet nicht Ungerechtigkeit, vor allem nicht von oben herab verordnete Ungerechtigkeit. Im Idealfall würde Marie-Louise vielleicht am Ende sagen „Hier kannst du doch ein paar abhaben“ – aber das wäre dann Marie-Louises Sache. Und ja, Marie-Louise hat ein Recht darauf, Gerechtigkeit einzufordern (wenn auch kein Recht darauf, ihrer Schwester z. B. aus Rache eine reinzuhauen).** Es gibt Dinge, die in der Bibel sehr empfohlen werden, die verdienstvoll und oft praktisch sind, aber nicht in jeder Situation anwendbar und allgemein verpflichtend sind.

In einem Moraltheologie-Handbuch aus den 50ern habe ich übrigens diese Stelle zur Erläuterung der Bibelstelle gefunden: „Die Mahnung des Herrn, dem Feinde, der uns auf die eine Wange schlägt, auch noch die andere hinzuhalten [Lk 6,27ff.], verlangt immer die innere Fassung und geduldige Gesinnung der Liebe, die äußere Bereitschaft und Verwirklichung dieser Hochforderung aber nur, wenn dies zur Bekehrung des Feindes notwendig oder wenigstens nützlich sein kann. Keineswegs aber wäre dies gefordert oder auch nur erlaubt, wenn dadurch nur die Frechheit und Unversöhnlichkeit des Feindes bestärkt würde.“ (Bernhard Häring, Das Gesetz Christi, 5. Aufl., Freiburg im Breisgau 1958, S. 834f.)

Der Heiland hat übrigens auch nicht alles Unrecht in der Welt einfach hingenommen; gegen die Händler im Tempel ist Er recht rabiat vorgegangen: „Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern; das Geld der Wechsler schüttete er aus, ihre Tische stieß er um und zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ (Johannes 2,15f.) Für seine Gegner hatte Er manchmal scharfe Worte übrig. Paulus versuchte selbstverständlich, sich mit juristischen Mitteln gegen seine ungerechte Gefangenschaft zu wehren, indem er also z. B. darauf bestand, als römischer Bürger in Rom gerichtet zu werden (was übrigens nach hinten losging – „Und Agrippa sagte zu Festus: Dieser Mensch könnte freigelassen werden, wenn er nicht an den Kaiser appelliert hätte“ (Apostelgeschichte 26,32)). Und dann sollten wir auch das Alte Testament berücksichtigen, das schließlich noch immer seine Gültigkeit hat. Sicher, man kann an vielen einzelnen Stellen anführen, dass eine Begebenheit, die in einer Geschichte erzählt wird, nicht haargenau nach Gottes Willen passiert sein muss, aber nehmen wir mal die Bücher der Makkabäer als Beispiel: In beiden Büchern ist das Hauptthema, um das sich alles dreht, der Aufstand gegen die griechischen Unterdrücker, die die jüdische Religion verfolgen; und man müsste diese Bücher schon sehr verdrehen, um zu sagen, der ganze Aufstand wäre gegen den Willen Gottes gewesen.

Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind keine Gegensätze, sondern sollten zusammengebracht werden; die Gerechtigkeit aufgrund einer falsch verstandenen Barmherzigkeit ganz abschaffen zu wollen, würde nur zu Ungerechtigkeit führen (siehe Marie-Louise). Jesus sagt auch nicht, dass „Auge um Auge“ ein absolut böses Prinzip ist***; Er will aber offensichtlich sagen, dass es gut ist, es unter Umständen mal beiseite zu stellen, über die reine Gerechtigkeit hinauszugehen und barmherzig zu sein, auch wenn jemandem die Barmherzigkeit nicht zusteht. Das ist in unserer Welt einfach deshalb sinnvoll, weil wir alle uns gegenseitig oft genug verletzen und Barmherzigkeit nötig haben.

Die allgemeine Vorschrift zur Feindesliebe nun bedeutet an sich sowieso noch keinen Verzicht auf Notwehr oder gerechte Strafen. Sie bedeutet, den Feind als Menschen, als von Gott geliebtes Geschöpf, anzuerkennen, und grundsätzlich das Gute für ihn zu wollen, also etwa auch darauf zu hoffen, dass man einmal mit ihm gemeinsam im Himmel sein wird, und dafür zu beten. Sie kann durchaus zusammengehen mit dem Wunsch, dass ein Feind, der, sagen wir mal, einen betrogen oder ausgeraubt hat, ins Gefängnis kommt, damit a) die Gerechtigkeit erfüllt ist und b) er zur Einsicht kommt und sich bessert. Der hl. Johannes Paul II. besuchte seinen Attentäter im Gefängnis, wollte aber nicht, dass der nicht ins Gefängnis kommt, soweit ich weiß.

Häring schreibt übrigens über die Feindesliebe:

Die Feindesliebe ist ein verpflichtendes Gebot.

Schon im AT ist sie wiederholt eingeschärft [Lev 19,17; Job 31,29f.; Spr 25,21; Sirach 28,1-10]. Herrliche Beispiele der Feindesliebe sind der ägyptische Josef gegenüber seinen Brüdern, und David gegenüber Saul. Es steht im AT nirgends ‚Du sollst deinen Feind hassen’ (vergleiche Mt 5,43), aber die Rabbiner hatten die Stellen des AT, die die Feindesliebe aussprechen, als bloßen Rat hingestellt, so daß sie zur Erklärung kamen: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben, deinen Feind magst du hassen!’ […]

Die Hauptpflichten, die das Gebot der Feindesliebe an uns stellt, sind vor allem folgende:

1) Man muß immer wieder von Herzen verzeihen, auch wenn der Beleidiger nicht um Verzeihung bittet. […]

2) Man darf die Wiedergutmachung an Ehre, beziehungsweise gutem Namen und an zeitlichen Gütern verlangen, aber in ständiger Hut vor dem Geist des Hasses und der Rachsucht. […]

3) Man muß alles Gute am Feinde gern anerkennen und ihm aufrichtig alles Gute, besonders das ewige Heil wünschen. […]

4) Die wohlwollende Gesinnung muß man wenigstens durch die gewöhnlichen, allen Menschen geschuldeten Zeichen der Achtung und Liebe erweisen […]

5) Der Beleidigte muß unter allen Umständen um die innere Bereitschaft ringen, dem Feinde in der Not zu helfen (so verlangt es schon das AT Exodus 23,4f.) und ihm auch besondere Zeichen der Liebe zu erweisen, wenn dies zur Rettung seiner Seele notwendig sein sollte. […]

6) Der Beleidiger oder Hauptschuldige ist zwar auf Grund der Gerechtigkeit zuerst verpflichtet, sich um die Versöhnung zu bemühen […]. Jedoch auf Grund des Gebotes der Feindesliebe muß sich auch der Beleidigte die Beilegung der Feindschaft nach Möglichkeit und zur rechten Zeit angelegen sein lassen.“ (Das Gesetz Christi, S. 837-840)

 

* An dieser Stelle noch ein Dankeschön an meinen Leser Nepomuk für den Hinweis auf die Stelle in der Summa!

** C. S. Lewis führt in einem Buch über die Psalmen übrigens ein ganz ähnliches Beispiel an (wobei es da erst um einen anderen Aspekt der Gerechtigkeit geht) und schreibt am Ende: „Noch schlimmer wär’s, wenn sie [die Eltern] sagen wollten, Tommy solle den Bleistift, ob er ihm nun gehöre oder nicht, Karl überlassen, weil er damit seinen guten Charakter unter Beweis stelle. Das mag wahr sein, aber es wäre eine Wahrheit zur Unzeit. Liebe sollte nicht gefordert werden, wo Gerechtigkeit versagt wird. Wahrscheinlich würde es Tommy für den Rest seines Lebens die Überzeugung einpflanzen, daß Liebestätigkeit nur eine scheinheilige Ausrede sei, um Diebstahl zu entschuldigen und ungerechte Bevorzugung zu beschönigen.“ (C. S. Lewis, Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen, Zürich u. Düsseldorf 1999, S. 45)

*** Dieses Prinzip stellt eigentlich nur exemplarisch die (noch nicht von der Barmherzigkeit abgemilderte) Gerechtigkeit heraus; wirklich böse wäre das Prinzip des Lamech: „Lamech sagte zu seinen Frauen: Ada und Zilla, hört auf meine Stimme, ihr Frauen Lamechs, horcht meiner Rede! Ja, einen Mann erschlage ich für meine Wunde und ein Kind für meine Strieme. Wird Kain siebenfach gerächt, dann Lamech siebenundsiebzigfach.“ (Genesis 4,23f.)

Über schwierige Bibelstellen, Nachträge zu Teil 19 – weitere irritierende Aussagen Jesu

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/

 

Und wieder mal was vergessen. Mir ist nach der Veröffentlichung meines letzten Artikels aufgefallen, dass ich nicht alle Stellen berücksichtigt hatte, die man berücksichtigen könnte, also bin ich die Evangelien noch einmal ganz genau durchgegangen. Et voilà.

(Zu Markus 9,1 / Matthäus 16,28 / Lukas 9,27 („Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn in seinem Reich kommen sehen“) siehe außerdem den ersten Kommentar unter Teil 19: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-19-irritierende-aussagen-und-taten-jesu-einige-gesammelte-stellen/ und zum Gleichnis mit den Talenten siehe diesen Artikel hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/11/20/ueber-fehlinvestitionen-risiken-und-vorsicht-nach-dem-massstab-des-himmelreiches/ Speziell zu den Kindheitsgeschichten, zur Bergpredigt, zum Thema Wunder und Dämonenaustreibungen, und zu moderner Kritik am Johannesevangelium werde ich außerdem in den folgenden Artikeln noch kommen.)

 

1) Keine Eide?

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs! Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.“ (Matthäus 5,33-37)

Die Schwierigkeit besteht hier darin, dass die Kirche das Schwören von Eiden immer erlaubt hat, während Jesus es zu verbieten scheint; tatsächlich wurden Sekten wie die Anabaptisten des 16. Jahrhunderts dafür verurteilt, dass sie Eide grundsätzlich ablehnten.

Aber Jesus verbietet hier das Schwören von Eiden nicht ganz und gar; er kritisiert das leichtfertige Schwören und sagt, dass man nicht nur dann die Wahrheit sagen soll, wenn man schwören muss. Er kritisiert die Einstellung, ohne Eid wäre es nicht so wichtig, bei der Wahrheit zu  bleiben: Ein Ja soll immer ein Ja und ein Nein immer ein Nein sein. Man soll keinen Eid brauchen, um wahrhaftig zu sein. Aber wenn doch einmal (etwa vom Staat) ein Eid verlangt wird, wäre es nicht gegen Christi Lehre, ihn zu leisten.

 

2) Keine Ehrentitel?

Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.“ (Matthäus 23,8-10)

Aufgrund dieser Stelle lehnen einige protestantische Gruppierungen den Titel „Heiliger Vater“ für den Papst oder den Titel „Pater“ für Ordenspriester als unbiblisch ab. Allerdings haben selbst sie nichts gegen die Anrede „Vater“ für den eigenen leiblichen Vater, oder den Titel „Lehrer“ für Schullehrer. Was genau meint Jesus nun hier?

Die Verse drum herum sind aufschlussreich. Vorher heißt es: „Alles, was sie [die Schriftgelehrten und Pharisäer] tun, tun sie, um von den Menschen gesehen zu werden: Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Gewändern lang, sie lieben den Ehrenplatz bei den Gastmählern und die Ehrensitze in den Synagogen und wenn man sie auf den Marktplätzen grüßt und die Leute sie Rabbi nennen.“ (Matthäus 23,5-79 Und hinterher: „Der Größte von euch soll euer Diener sein. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ (Matthäus 23,11f.) Was Jesus hier kritisiert, ist, sich etwas auf seine Ehrentitel einzubilden und auf ihnen zu bestehen. Zudem wird an dieser Stelle klar gemacht, dass alle irdischen Väter, Lehrer und anderen Autoritäten ihre Autorität nur von Gott, dem wahren Vater, Lehrer und Meister haben, und daher keine absoluten Autoritäten sind. Vor Gott sind wir alle Brüder (und Schwestern, ja). Um das klarzumachen, wählt Jesus übertreibende Worte, so wie Er, um die Schwere der Sünde klarzumachen, in der Bergpredigt sagt „Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg!“ (Matthäus 5,29), ohne damit die Leute animieren zu wollen, sich tatsächlich zu verstümmeln. Wir dürfen Seine Worte nicht ignorieren, aber wir müssen sie eben in ihrem Kontext sehen.

Tatsächlich wäre die völlige Ablehnung von Titeln wie „Vater“ und „Lehrer“ unbiblisch:

  • In einem Gebet der Urgemeinde heißt es: „du hast durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den Heiligen Geist gesagt“ (Apostelgeschichte 4,24).
  • Paulus schreibt über Abraham: „Er ist unser aller Vater.“ (Römer 4,16)
  • Und er sieht sich selbst als geistlichen Vater der Christen von Korinth und von Timotheus: „Nicht um euch zu beschämen, schreibe ich das, sondern um euch als meine geliebten Kinder zu ermahnen. Hättet ihr nämlich auch unzählige Erzieher in Christus, so doch nicht viele Väter. Denn in Christus Jesus habe ich euch durch das Evangelium gezeugt. Darum ermahne ich euch: Haltet euch an mein Vorbild! Deswegen habe ich Timotheus zu euch geschickt, mein geliebtes und treues Kind im Herrn. Er wird euch erinnern an meine Wege in Christus Jesus, wie ich sie überall in jeder Gemeinde lehre.“ (1 Korinther 4,14-17)
  • Auch Johannes redet die Adressaten seines ersten Briefs als „Meine Kinder“ (1 Johannes 2,1) an.
  • Der Titel „Lehrer“ wird in den frühen Gemeinden oft verwendet: „Und er setzte die einen als Apostel ein, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer“ (Epheser 4,11), „So hat Gott in der Kirche die einen erstens als Apostel eingesetzt, zweitens als Propheten, drittens als Lehrer; ferner verlieh er die Kraft, Machttaten zu wirken, sodann die Gaben, Krankheiten zu heilen, zu helfen, zu leiten, endlich die verschiedenen Arten von Zungenrede“ (1 Korinther 12,28), „Nicht viele von euch sollen Lehrer werden, meine Brüder und Schwestern. Ihr wisst, dass wir im Gericht strenger beurteilt werden“ (Jakobus 3,1).
  • Paulus sagt sogar von sich selbst, dass er „als Lehrer der Völker im Glauben und in der Wahrheit“ (1 Timotheus 2,7) eingesetzt wurde.

 

3) Verweigerung der Sündenvergebung?

„Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.“ (Johannes 20,21-23)

Wir Katholiken gehen bekanntlich davon aus, dass die Vollmacht der Apostel zur Sündenvergebung auch auf deren Nachfolger, die Bischöfe, und deren Beauftragte, die Priester, übergegangen ist, und dass sie im Sakrament der Beichte ausgeübt wird. Wenn der Priester die Absolution spricht, vergibt Gott die Sünden. Soweit klar; wenn Gott Sünden vergeben kann, kann Er diese Vollmacht auch an menschliche Beauftragte delegieren, wenn Er das will. Aber was mich (und da bin ich wohl nicht die Einzige) beim Lesen dieser Stelle früher sehr irritiert hat, ist nicht das „Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen“, sondern das „denen ihr sie behaltet, sind sie behalten“; sprich, dass Menschen von Gott nicht nur die Vollmacht bekommen, Sünden zu vergeben, sondern auch die Vollmacht, diese und jene Sünde da nicht zu vergeben.

Aber hier geht es eben nicht um eine Erlaubnis zur Willkür, um eine Erlaubnis, diese Sünde da einfach zu erlassen und jene Sünde da einfach nicht, weil es einem gerade so passt; so darf Autorität in der Kirche nie ausgeübt werden (wie Jesus an anderen Stellen sehr deutlich macht), und das macht auch das Kirchenrecht klar. „Can. 980 — Wenn der Beichtvater keinen Zweifel an der Disposition des Pönitenten hat und dieser um die Absolution bittet, darf diese weder verweigert noch aufgeschoben werden.“ (Codex des Kanonischen Rechtes, http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3G.HTM)

Aber es gibt Fälle, in denen Joh 20,23 Anwendung finden kann; es gibt Fälle, in denen Priester die Absolution verweigern können bzw. sogar sollen; wenn der Pönitent eben keine rechte „Disposition“ hat, d. h. etwa, wenn er nicht vorhat, eine Sünde in Zukunft bleiben zu lassen. Daher können z. B. Wiederverheiratete-Geschiedene keine Absolution erhalten, wenn sie nicht vorhaben, die Sünde des Ehebruchs in Zukunft aufzugeben (d. h. zumindest enthaltsam zu leben). Für die Absolution sind immer Reue und der Vorsatz, in Zukunft keine schweren Sünden mehr zu begehen, nötig; wenn das nicht da ist, kann der Priester sie verweigern.

Zudem kann die Kirche aufgrund ihrer Vollmacht zur Sündenvergebung auch weitere Kriterien für sie aufstellen; so hat sie z. B. bei einzelnen, sehr schweren Sünden geregelt, dass nur Bischöfe oder sogar nur der Papst sie vergeben können (in so einem Fall würde dann der örtliche Priester an den Vatikan schreiben), um den Christen deren Schwere bewusst zu machen. Beispiele: „Can. 1367 — Wer die eucharistischen Gestalten wegwirft oder in sakrilegischer Absicht entwendet oder zurückbehält, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu […]“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P52.HTM), d. h. die Strafe tritt automatisch, ohne die Notwendigkeit einer Urteilsverhängung, ein, und kann nur vom Papst aufgehoben werden; „Can. 1370 — § 1. Wer physische Gewalt gegen den Papst anwendet, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu […]“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P53.HTM) Es gibt auch noch ein paar weitere kirchenrechtliche Einschränkungen der Vollmacht zur Absolution in Sonderfällen; etwa diese hier: „Can. 977 — Die Absolution des Mitschuldigen an einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs ist ungültig, außer in Todesgefahr.“ (http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3G.HTM) D. h. ein Priester darf nicht seine Geliebte lossprechen; wenn ihr die Affäre leid tut und sie sie beichten will, muss sie zu einem anderen Priester gehen. In der Praxis werden solche Regelungen für die meisten Christen wahrscheinlich keine Rolle spielen; aber es macht durchaus Sinn, dass es sie gibt, und dass die Kirche das Recht hat, sie aufzustellen.

Aber was, wenn doch einmal ein Priester, Bischof oder Papst ungerechterweise die Absolution verweigern sollte? Weil er einfach fies ist und jemandem nicht glauben will, dass der sich bessern will, zum Beispiel? Nun, dann wird Gott die Ungerechtigkeit der Menschen nicht Seine Gerechtigkeit torpedieren lassen; eine Vollmacht zum willkürlichen „Sünden-Behalten“ hat Er nicht erteilt. Gott ist nicht absolut an Seine Sakramente gebunden. (Das gilt ja auch in anderen Zusammenhängen: So wird Gott zum Beispiel auch jemandem die Sünden vergeben, der seine Sünden noch beichten wollte, aber nicht mehr dazu gekommen ist, weil er vorher von einem Auto überfahren wurde.)

 

4) Will Jesus nicht bekannt werden?

In den Evangelien gibt es zahlreiche Stellen, an denen Jesus anderen verbietet, über Ihn als Messias und Sohn Gottes zu reden:

  • „Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu sagen, dass sie wussten, wer er war.“ (Markus 1,32-34)
  • „Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du mich rein machen. Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will – werde rein! Sogleich verschwand der Aussatz und der Mann war rein. Jesus schickte ihn weg, wies ihn streng an und sagte zu ihm: Sieh, dass du niemandem etwas sagst, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring für deine Reinigung dar, was Mose festgesetzt hat – ihnen zum Zeugnis. Der Mann aber ging weg und verkündete bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.“ (Markus 1,40-45)
  • „Denn er heilte viele, sodass alle, die ein Leiden hatten, sich an ihn herandrängten, um ihn zu berühren. Wenn die von unreinen Geistern Besessenen ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrien: Du bist der Sohn Gottes! Er aber gebot ihnen, dass sie ihn nicht bekannt machen sollten.“ (Markus 3,10-12)
  • „Als die Sonne unterging, brachten die Leute ihre Kranken, die alle möglichen Gebrechen hatten, zu Jesus. Er legte jedem von ihnen die Hände auf und heilte sie. Von vielen fuhren auch Dämonen aus und schrien: Du bist der Sohn Gottes! Da drohte er ihnen und ließ sie nicht reden; denn sie wussten, dass er der Christus war.“ (Lukas 4,40f.)
  • „Da brachten sie zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, er möge ihm die Hand auflegen. Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel; danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich! Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden. Jesus verbot ihnen, jemandem davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr verkündeten sie es. Sie staunten über alle Maßen und sagten: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.“ (Markus 7,32-37)
  • „Als Jesus weiterging, folgten ihm zwei Blinde und schrien: Hab Erbarmen mit uns, Sohn Davids! Nachdem er ins Haus gegangen war, kamen die Blinden zu ihm. Und Jesus sagte zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich dies tun kann? Sie antworteten: Ja, Herr. Darauf berührte er ihre Augen und sagte: Wie ihr geglaubt habt, so soll euch geschehen. Da wurden ihre Augen geöffnet. Jesus aber wies sie streng an: Nehmt euch in Acht! Niemand darf es erfahren. Doch sie gingen weg und erzählten von ihm in der ganzen Gegend.“ (Matthäus 9,27-31)
  • „Jesus ging mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Auf dem Weg fragte er die Jünger: Für wen halten mich die Menschen? Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen von den Propheten. Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Christus! Doch er gebot ihnen, niemandem etwas über ihn zu sagen.“ (Markus 8,27-30)
  • „Dann befahl er den Jüngern, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei.“ (Matthäus 16,20)

Etwas mehr Aufschluss geben zwei dieser Stellen:

  • „Als Jesus das erfuhr, ging er von dort weg. Viele folgten ihm nach und er heilte sie alle. Er gebot ihnen, dass sie ihn nicht bekannt machen sollten, damit erfüllt werde, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist: Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem ich Gefallen gefunden habe. Ich werde meinen Geist auf ihn legen und er wird den Völkern das Recht verkünden. Er wird nicht streiten und nicht schreien und man wird seine Stimme nicht auf den Straßen hören. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen, bis er dem Recht zum Sieg verholfen hat. Und auf seinen Namen werden die Völker ihre Hoffnung setzen.“ (Matthäus 12,15-21)
  • Nach der Verklärung wendet Jesus sich an Petrus, Johannes und Jakobus: „Während sie den Berg hinabstiegen, gebot er ihnen, niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.“ (Markus 9,9)

Jesus ist vor allem zu Beginn Seines Auftretens noch eher zurückhaltend. Dem Aussätzigen, den Er heilt, trägt Er auf, ganz nach Vorschrift das Reinigungsopfer darzubringen und seine Heilung vom Priester bestätigen zu lassen; das soll den Leuten nicht nur die Heilung nachweisen, damit der Aussätzige wieder normal in der Gesellschaft leben kann, Jesus will hier auch zeigen, dass Er kein Feind des mosaischen Gesetzes ist, sondern sich sozusagen an die Regeln hält. (So sagt Er ja auch in der Bergpredigt, Er sei nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen.) Er will nicht, dass überall von Seinen Heilungen geredet wird; und Er will – noch – nicht, dass Seine Jünger Seinen Anspruch als Messias weithin verbreiten oder die Dämonen Ihn als Sohn Gottes bezeichnen. Er lässt die Leute teilweise noch im Unklaren. Erst, als das Passahfest und damit Sein Tod näher rücken, wird Er deutlicher; so zum Beispiel bei Seinem Einzug in Jerusalem, als Er, wie von Sacharja prophezeit, auf einem Esel in die Stadt reitet. Das hat Gründe: Er will nicht, dass die Leute ihn gleich in der Rolle des messianischen Königs sehen, der den Aufstand gegen die Römer führen soll. Eine Stelle im Johannesevangelium macht das sehr deutlich: „Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll. Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein. (Johannes 6,14f.) Jesus geht absichtlich immer wieder weg, wenn die Menschenmassen kommen; Er verbreitet nicht selbst den Anspruch, der Messias zu sein, auch wenn Er nicht leugnet, dass Er es ist. Er will nicht als politischer Messias gesehen werden. Er wartet und lässt die Leute erst einmal sehen, was für eine Art von Messias Er ist, damit sie Ihn nicht missverstehen. Im Endeffekt braucht es Seinen Tod am Kreuz und Seine Auferstehung, bis sie ganz verstehen können, wer Er ist; deshalb sollen Seine Jünger erst nach der Auferstehung alles verkünden, was sie über Ihn wissen; im Nachhinein sieht man klarer.

„A premature assertion of his own claim would it seems certain, have led to a crown in Galilee, a shower of stones in Judea. The nation, then, must be left to learn its own lesson.“ (Ronald Knox, The belief of Catholics, Kapitel 8; http://www.ewtn.com/library/CHRIST/BELIEF.txt)

„Ein verfrühtes Vorbringen seines eigenen Anspruches hätte, das erscheint sicher, zu einer Krone in Galiläa, zu einem Steinehagel in Judäa geführt. Das Volk musste daher dazu gebracht werden, seine Lektion selbst zu lernen.“

Zwei Bibelstellen, die in diesem Zusammenhang noch interessant sind:

  • „Weil Jesus schon nahe bei Jerusalem war, meinten die Menschen, die von alldem hörten, das Reich Gottes werde sofort erscheinen. Daher erzählte er ihnen ein weiteres Gleichnis. Er sagte: Ein Mann von vornehmer Herkunft wollte in ein fernes Land reisen, um die Königswürde für sich zu erlangen und dann zurückzukehren.“ (Lukas 19,11f.)
  • „Danach zog Jesus in Galiläa umher; denn er wollte sich nicht in Judäa aufhalten, weil die Juden ihn zu töten suchten. Das Laubhüttenfest der Juden war nahe. Da sagten seine Brüder zu ihm: Geh von hier fort und zieh nach Judäa, damit auch deine Jünger die Taten sehen, die du vollbringst! Denn niemand wirkt im Verborgenen, wenn er öffentlich bekannt sein möchte. Wenn du dies tust, offenbare dich der Welt! Auch seine Brüder glaubten nämlich nicht an ihn. Jesus sagte zu ihnen: Meine Zeit ist noch nicht gekommen, für euch aber ist immer die rechte Zeit. Euch kann die Welt nicht hassen, mich aber hasst sie, weil ich bezeuge, dass ihre Taten böse sind. Geht ihr nur hinauf zum Fest; ich gehe nicht zu diesem Fest hinauf, weil meine Zeit noch nicht erfüllt ist. Das sagte er zu ihnen und er blieb in Galiläa. Als aber seine Brüder zum Fest hinaufgegangen waren, zog auch er hinauf, jedoch nicht öffentlich, sondern im Verborgenen. Die Juden suchten beim Fest nach ihm und sagten: Wo ist er? Und in der Volksmenge wurde viel über ihn hin und her geredet. Die einen sagten: Er ist ein guter Mensch. Andere sagten: Nein, er führt das Volk in die Irre. Aber niemand redete öffentlich über ihn aus Furcht vor den Juden.“ (Johannes 7,1-13)

 

5) Scheidung im Fall von Ehebruch?

„Da kamen Pharisäer zu ihm, um ihn zu versuchen, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? Er antwortete: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer sie am Anfang männlich und weiblich erschaffen hat und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein? Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Sie sagten zu ihm: Wozu hat dann Mose vorgeschrieben, der Frau eine Scheidungsurkunde zu geben und sie aus der Ehe zu entlassen? Er antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch gestattet, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so. Ich sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch. (Matthäus 19,3-9)

Vers 9 wird von konservativen Protestanten für gewöhnlich so verstanden, dass Ehescheidung und Wiederheirat nicht legitim sind – außer jedoch, der erste Partner hat einen betrogen („obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt“). Dann kann man sich scheiden lassen und sich selbst jemand anderen suchen. Die katholische Kirche lehnt diese Interpretation ab und hat das auf dem Konzil von Trient auch dogmatisch verankert. Die Ehe ist und bleibt immer unauflöslich: Kan. 7. Wer sagt, die Kirche irre, wenn sie lehrte und lehrt, gemäß der Lehre des Evangeliums und des Apostels könne das Band der Ehe wegen Ehebruchs eines der beiden Gatten nicht aufgelöst werden, und keiner von beiden, nicht einmal der Unschuldige, der keinen Anlaß zum Ehebruch gegeben hat, könne, solange der andere Gatte lebt, eine andere Ehe schließen, und derjenige, der eine Ehebrecherin entläßt und eine andere heiratet, und diejenige, die einen Ehebrecher entläßt und einen anderen heiratet, begingen Ehebruch: der sei mit dem Anathema belegt.“ (Quelle: Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, lt.-dt., hrsg. v. Heinrich Denzinger u. Peter Hünermann, 42. Aufl., Freiburg im Breisgau 2009.)

An anderen Stellen, an denen im Neuen Testament von Scheidung und Wiederheirat die Rede ist, wird keine derartige Ausnahme angedeutet. Bei Markus heißt es: „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau aus der Ehe zu entlassen? Damit wollten sie ihn versuchen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat gestattet, eine Scheidungsurkunde auszustellen und die Frau aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie männlich und weiblich erschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Und wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch.“ (Markus 10,2-12) Auch bei Lukas heißt es schlicht und einfach: „Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht Ehebruch; auch wer eine Frau heiratet, die von ihrem Mann entlassen worden ist, begeht Ehebruch.“ (Lukas 16,18) Und Paulus schreibt: „Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen – wenn sie sich aber trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann – und der Mann darf die Frau nicht verstoßen.“ (1 Korinther 7,10f.) Wir wissen nicht, ob das Matthäusevangelium überhaupt schon geschrieben war, als Paulus den ersten Brief an die Korinther schrieb, und auch nicht, ob, falls ja, die Korinther es schon kannten; insofern kann man sich doch fragen, wieso der Apostel eine solche mutmaßliche Ausnahme bei Jesu Scheidungs-und-Wiederheirats-Verbot nicht erwähnt, die für seine Adressaten schließlich von Bedeutung sein könnte.

Matthäus’ „obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt“ wurde katholischerseits manchmal so interpretiert: Bei Ehebruch darf man sich vom Ehepartner trennen, aber wieder heiraten darf man trotzdem nicht. Diese Interpretation macht für mich aus mehreren Gründen keinen Sinn. Zunächst einmal gibt es laut katholischer Lehre auch noch andere gute Gründe für eine „Trennung an Tisch und Bett“ ohne Wiederheirat; wenn ein Ehepartner einen schlecht behandelt, aber nicht betrügt, muss man deshalb nicht bei ihm bleiben. Auch das wurde auf dem Konzil von Trient in den Kanones verankert: Kan. 8. Wer sagt, die Kirche irre, wenn sie erklärt, eine Trennung zwischen den Gatten in bezug auf Bett bzw. in bezug auf Zusammenwohnen, auf bestimmte oder unbestimmte Zeit, sei aus vielen Gründen möglich: der sei mit dem Anathema belegt.“ Dann sollte man sich den Text anschauen: Hier ist gar nicht von Ehebruch die Rede.

Sondern eben von „Unzucht“, im griechischen Original „porneia“. Dieser Begriff ist weiter gefasst als „Ehebruch“ („moicheia“); er schließt voreheliche Beziehungen, Konkubinat, Prostitution, homosexuelle Beziehungen, inzestuöse Beziehungen etc. ein. Auch Ehebruch, ja, aber nicht vorrangig. Am Ende desselben Verses verwendet Jesus ausdrücklich das Verb „moichaomai“ (in der dritten Person: „moichatai“) für „ehebrechen“, „Ehebruch begehen“. Wenn Er „Ehebruch“ meint, sagt Er offensichtlich Ehebruch; zuvor sagt Er „Unzucht“.

Außerdem heißt es hier nicht „obwohl sie nicht Unzucht begangen hat“, sondern „obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt“; wörtlich „me epi porneia“, was ich vielleicht so ungefähr mit „außer bei Unzucht“ oder „außer wegen Unzucht“ übersetzen würde („me“ ist ein Wort für „nicht“ (das nur in bestimmten grammatikalischen Kontexten verwendet wird), „epi“ eine Präposition, die in allen möglichen Situationen verwendet wird und „auf“, „bei“, „an“, „mit“, „zu“, „wegen“, „um … willen“, „während“ und noch einiges andere heißen kann).

Also: Sprachlich gesehen macht folgende Deutung des Satzes Sinn: Jesus stellt klar, dass jemand, der sich von seiner Frau scheiden lässt und eine andere heiratet, Ehebruch begeht – anders sieht es lediglich „im Fall von Unzucht“ aus, d. h. wenn die Beziehung, in der er sich befindet, gar keine Ehe ist, sondern wenn er etwa mit seiner Geliebten zusammenlebt (ja, doch, „eheähnliche Lebensgemeinschaften“ gab’s in der Antike auch). Eine Beziehung, die eigentlich „Unzucht“ ist, kann man lösen und eine andere eingehen. Vielleicht bezieht Jesus sich hier auf nach der Tora verbotene Verwandtenehen, oder auf Ehen, die schon Zweitehen nach Scheidung sind (ich muss spontan an Herodes und Herodias denken), oder auf eheähnliche Verhältnisse, wie sie vermutlich bei Römern und Griechen häufiger bestanden (jetzt fallen mir Augustinus vor seiner Bekehrung und seine langjährige Lebensgefährtin ein). Die meisten Autoren des NT, die Jesu Gebote zu Scheidung und Wiederheirat überliefern, machen sich nicht die Mühe, diesen Zusatz aufzuschreiben; Matthäus lässt ihn vielleicht der Vollständigkeit halber stehen.

 

6) Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

„Um die neunte Stunde schrie Jesus mit lauter Stimme: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46)

Dieser Ruf Jesu am Kreuz, kurz vor Seinem Tod, wird außer bei Matthäus auch noch bei Markus überliefert, und er hat die Leute schon oft irritiert. Wie kann Jesus, der eines Wesens mit dem Vater ist, von Gott verlassen sein?

Zum Verständnis der Stelle sollte man zunächst wissen: Jesus betet hier den ersten Vers von Psalm 22, den man unbedingt ganz kennen muss:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bleibst fern meiner Rettung, den Worten meines Schreiens?

Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; und bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe.

Aber du bist heilig, du thronst über dem Lobpreis Israels.

Dir haben unsere Väter vertraut, sie haben vertraut und du hast sie gerettet.

Zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden.

Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet.

Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf:

Wälze die Last auf den HERRN! Er soll ihn befreien, er reiße ihn heraus, wenn er an ihm Gefallen hat!

Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, der mich anvertraut der Brust meiner Mutter.

Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott.

Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe und kein Helfer ist da!

Viele Stiere haben mich umgeben, Büffel von Baschan mich umringt.

Aufgesperrt haben sie gegen mich ihren Rachen, wie ein reißender, brüllender Löwe.

Hingeschüttet bin ich wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder, mein Herz ist geworden wie Wachs, in meinen Eingeweiden zerflossen.

Meine Kraft ist vertrocknet wie eine Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes.

Denn Hunde haben mich umlagert, eine Rotte von Bösen hat mich umkreist. Sie haben mir Hände und Füße durchbohrt.

Ich kann all meine Knochen zählen; sie gaffen und starren mich an.

Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.

Du aber, HERR, halte dich nicht fern! Du, meine Stärke, eile mir zu Hilfe!

Entreiß mein Leben dem Schwert, aus der Gewalt der Hunde mein einziges Gut!

Rette mich vor dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern der Büffel! – Du hast mir Antwort gegeben.

Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Versammlung dich loben.

Die ihr den HERRN fürchtet, lobt ihn; all ihr Nachkommen Jakobs, rühmt ihn; erschauert vor ihm, all ihr Nachkommen Israels!

Denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut des Elenden Elend. Er hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm; er hat gehört, als er zu ihm schrie.

Von dir kommt mein Lobpreis in großer Versammlung, ich erfülle mein Gelübde vor denen, die ihn fürchten.

Die Armen sollen essen und sich sättigen; den HERRN sollen loben, die ihn suchen. Aufleben soll euer Herz für immer.

Alle Enden der Erde sollen daran denken und sich zum HERRN bekehren: Vor dir sollen sich niederwerfen alle Stämme der Nationen.

Denn dem HERRN gehört das Königtum; er herrscht über die Nationen.

Es aßen und warfen sich nieder alle Mächtigen der Erde. Alle, die in den Staub gesunken sind, sollen vor ihm sich beugen. Und wer sein Leben nicht bewahrt hat,

Nachkommen werden ihm dienen. Vom Herrn wird man dem Geschlecht erzählen, das kommen wird.

Seine Heilstat verkündet man einem Volk, das noch geboren wird: Ja, er hat es getan.“

(Psalm 22,2-32)

Es ist wichtig, auch das Ende dieses Psalms zu kennen. Dann sollte man wissen:

“The signal feature in the sufferings of Our Lord revealed in this Psalm was His desolation and solitude. The Divine Son called His Father ‘My God’ – in contrast to the prayer which taught men to say ‘Our Father Who art in heaven.’ It was not that His human nature was separated from His Divine nature; that was impossible. It was rather that just as the sun’s light and heat can be hidden at the base of a mountain by intervening clouds, though the peak is bathed in sunlight, so too, in taking upon Himself the sins of the world He willed a kind of withdrawal of His Father’s face and all Divine consolation. Sin has physical effects, and these He bore by having His hands and feet pierced; sin has mental effects which He poured forth in the Garden of Gethsemane; sin also has spiritual effects such as a sense of abandonment, separation from God, loneliness. This particular moment He willed to take upon Himself that principal effect of sin which was abandonment.

Man rejected God; so now He willed to feel that rejection.” (Fulton Sheen, Life of Christ, S. 551f.)

„Das besondere Merkmal der Leiden unseres Herrn, das sich in diesem Psalm offenbart, war Seine Trostlosigkeit und Einsamkeit. Der göttliche Sohn nannte Seinen Vater ‚Mein Gott’ – im Gegensatz zu dem Gebet, das die Menschen lehrte, zu sagen ‚Vater unser, der du bist im Himmel’. Es war nicht so, dass Seine menschliche Natur von Seiner göttlichen Natur getrennt gewesen wäre; das war unmöglich. Es war eher, dass, so wie Licht und Hitze der Sonne am Fuß eines Berges von dazwischentretenden Wolken versteckt sein können, obwohl der Gipfel in Sonnenlicht gebadet ist, Er so auch eine Art von Rückzug vom Angesicht Seines Vaters und allem göttlichen Trost wollte, als Er die Sünden der Welt auf sich nahm. Die Sünde hat physische Effekte, und diese trug Er, indem Seine Hände und Füße durchbohrt wurden; die Sünde hat geistige Effekte, die Er im Garten von Gethsemane zeigte; die Sünde hat auch seelische Effekte wie einen Sinn der Verlassenheit, der Trennung von Gott, der Einsamkeit. In diesem bestimmten Moment wollte Er diesen Haupteffekt der Sünde, der die Verlassenheit ist, auf sich nehmen.

Der Mensch wies Gott zurück; also wollte Er nun diese Zurückweisung fühlen.“

Jesus hat sich so weit mit uns sündigen Menschen gemein gemacht, dass Er alle Folgen der Sünde, auch das schreckliche Gefühl des Abgeschnittenseins von Gott, in Seinem Leiden auf sich nahm.

 

7) Hatte Jesus Geschwister?

Der Vollständigkeit halber noch kurz zu dieser Stelle (und ähnlichen) : „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?“ (Markus 6,3)

Die Stellen, an denen Brüder und Schwestern Jesu erwähnt werden, werden zwar oft erklärt, aber wenn ich schon bei den Evangelien bin, will ich sie doch nicht auslassen: Mit den Brüdern und Schwestern können auch (beispielsweise) Cousins und Cousinen gemeint sein; im jüdischen Sprachgebrauch wurden auch alle möglichen Verwandten als „Brüder“ und „Schwestern“ bezeichnet. Im Buch Genesis sagt Abraham zu seinem Neffen Lot: „Zwischen mir und dir, zwischen meinen und deinen Hirten soll es keinen Streit geben; wir sind doch Brüder.“ (Genesis 13,8) Im Buch Tobit sagt Tobias: „Asarja, mein Bruder, sprich bitte zu Raguël, dass er mir Sara, meine Schwester, gebe!“ (Tobit 7,9) Gemeint ist: zur Ehefrau gebe. Tobias ist hier ein Verwandter von Sara, was bedeutet, dass er auch ein bevorzugter Heiratskandidat für sie ist, aber er ist eben nicht ihr Bruder. (Wie genau ihre Eltern verwandt sind, erfährt man nicht.) Auch später, nach der Hochzeit, sagt Tobias noch einmal, hier jetzt zu Sara: „Schwester, steh auf, lass uns beten und unseren Herrn bitten, er möge Erbarmen und Rettung über uns walten lassen!“ (Tobit 8,4) Auf die Interpretation der „Brüder“ und „Schwestern“ als Cousins, Cousinen oder anderweitige Verwandte deutet auch die Tatsache hin, dass Jesus am Kreuz seine Mutter seinem Lieblingsjünger anvertraut, was nicht nötig gewesen wäre, wenn sie noch weitere Söhne gehabt hätte. „Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ (Johannes 19,26f.)

 

8) Besitzlosigkeit

„Ebenso kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.“ (Lukas 14,33)

Heißt das, wer als Christ noch etwas besitzt, kann kein wirklicher Christ sein?

Erst einmal zum Originaltext. Mein Griechisch-Wörterbuch – leider kein vollständiges Wörterbuch, sondern nur der Anhang zu meinem griechischen NT – hat für „apotassomai“ „Abschied nehmen, aufgeben“; „tassomai“ (eine Form von „tasso“) wird übersetzt mit „anordnen, bestimmen, befehlen; einsetzen, anstellen; (einer Autorität) unterstellen, unterordnen“. Die Vorsilbe „apo“ hat etwa die Bedeutung „von, weg von“ – insofern könnte man „apotassomai“ vielleicht auch mit „wegstellen“, „beiseitestellen“, „hintanstellen“, „wegtun“ übersetzen.

Man muss also seinen Besitz aufgeben, wegstellen, von ihm Abschied nehmen. Was sagen andere Bibelstellen noch zum Thema Besitz?

Da wäre diese bekannte Stelle mit dem reichen Jüngling: „Und siehe, da kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist der Gute. Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote! Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch? Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen. Da sagte Jesus zu seinen Jüngern: Amen, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer in das Himmelreich kommen. Nochmals sage ich euch: Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. Als die Jünger das hörten, gerieten sie ganz außer sich vor Schrecken und sagten: Wer kann dann noch gerettet werden? Jesus sah sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich. Da antwortete Petrus: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen? Jesus erwiderte ihnen: Amen, ich sage euch: Wenn die Welt neu geschaffen wird und der Menschensohn sich auf den Thron der Herrlichkeit setzt, werdet auch ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Und jeder, der um meines Namens willen Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben erben. Viele Erste werden Letzte sein und Letzte Erste.“ (Matthäus 19,16-30)

Zunächst trägt Jesus dem jungen Mann bloß auf, sich an die allgemein bekannten Gebote zu halten; erst, als der noch einmal nachfragt, was er noch darüber hinaus tun kann, fügt der Herr hinzu: „Wenn du vollkommen sein willst, geh verkauf deinen Besitz…“ Da jedoch wird der junge Mann durch die Anhänglichkeit an sein Vermögen davon abgehalten, die Sache durchzuziehen, und Jesus stellt fest, dass es für einen Reichen schwer ist, ins Himmelreich zu gelangen. Von sich aus wäre Jesus mit dem Halten der Zehn Gebote zufrieden gewesen; der junge Mann wollte noch mehr für Gott tun – aber dann wird es kritisch, wenn er von diesem hehren Ziel nur durch die Liebe zum Besitz abgehalten wird.

Eine interessante Geschichte ist auch die von Zachäus. Nachdem Jesus bei ihm, dem reichen, korrupten Beamten, eingekehrt ist, sagt Zachäus: „Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.“ (Lukas 19,8) Und Jesus ist sehr zufrieden: Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ Zachäus ist bereit, umstandslos auf einen beträchtlichen Teil seines Vermögens zu verzichten und vergangenes Unrecht vielfach wiedergutzumachen; aber er gibt tatsächlich nicht sein gesamtes Vermögen, und auch nicht seinen einträglichen Beruf, auf, um von nun an Jesus nachzufolgen.

Ich denke, insgesamt sagen diese Stellen aus: Ja, man muss als Christ bereit sein, den eigenen Besitz hintanzustellen, und, wenn es nötig sein sollte, auf ihn zu verzichten, sprich, man muss innerlich von ihm Abschied nehmen. Es braucht eine innere Unabhängigkeit; es ist immer falsch, am Besitz zu hängen. Aber nicht jeder einzelne Mensch ist dazu berufen, tatsächlich ohne jeden eigenen Besitz zu leben – so wie nicht jeder dazu berufen ist, ehelos zu leben, obwohl der Herr auch diese Lebensform sehr empfohlen hat. Ein anderes Beispiel: Es gab Menschen, die berief der Herr, ihm direkt nachzufolgen (wie etwa die Zwölf); aber es passierte auch einmal, dass Er etwas anderes zu jemandem sagte, der Ihm nachfolgen wollte: „Als er ins Boot stieg, bat ihn der Mann, der zuvor von den Dämonen besessen war, dass er bei ihm sein dürfe. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat!“ (Markus 5,18f.) Auch andere seiner Anhänger behielten ihr normales Leben bei, ohne dass das irgendwie kritisiert wird, etwa die drei Geschwister Lazarus, Maria und Martha in Betanien. In ähnlicher Weise verhält es sich vielleicht mit der Besitzlosigkeit. Noch ein Beispiel: Alle Christen sollen bereit sein zum Martyrium, aber nicht von jedem erfordert es die Situation, zum Märtyrer zu werden. So sollte auch der Christ, der sich nicht zum Armutsgelübde berufen fühlt, bereit sein, im Notfall seinen Besitz aufzugeben.

 

9) Das Gleichnis vom ungerechten Verwalter

„Jesus sprach aber auch zu den Jüngern: Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen. Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Denn du kannst nicht länger mein Verwalter sein. Da überlegte der Verwalter: Was soll ich jetzt tun, da mein Herr mir die Verwaltung entzieht? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht und zu betteln schäme ich mich. Ich weiß, was ich tun werde, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin. Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem anderen, zu sich kommen und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Er antwortete: Hundert Fass Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich schnell hin und schreib fünfzig! Dann fragte er einen andern: Wie viel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig! Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte, und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes. Ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht!“ (Lukas 16,1-9)

Dieses Gleichnis hat mich früher ein wenig irritiert: Wieso lobt Jesus hier einen Betrüger? Aber die Lösung ist eigentlich nicht schwer; sie liegt in Vers 8: „Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.“ „Die Kinder dieser Welt“ ist kein positiver Begriff; natürlich ist der Verwalter unehrlich. Aber er wendet wenigstens seinen Verstand auf und macht sich Gedanken – wenn auch nur darüber, wie er für sich das Beste herausschlagen kann. „Die Kinder des Lichts“ dagegen machen sich offenbar weniger Gedanken und Mühe, wenn es um ihre (wichtigeren, besseren) Angelegenheiten geht. Ein moderner, etwas banaler Vergleich: Weltliche Filmproduzenten bekommen oft grandiose Filme hin, und ihr Ziel ist es lediglich, Geld zu machen. Dezidiert christliche Filme von kleinen, christlichen Produktionsfirmen sind dagegen oft eher von… na ja… minderer Qualität. Ausnahmen gibt es („Die Passion Christi“ von Mel Gibson, zum Beispiel), aber wenn man etwa Filme von Pureflix („God’s not dead“, „God’s not dead II“ und dergleichen) anschaut… über die verliere ich mal keinen weiteren Kommentar.

Der letzte Satz – „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht!“ – wird klarer, wenn man die Verse danach anschaut: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen. Wenn ihr nun im Umgang mit dem ungerechten Mammon nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das Eure geben?“ (Lukas 16,10-12) Das Geld in dieser Welt ist ungerecht verteilt, aber man soll mit dem, was man eben zufällig hat, auf kluge Weise Gutes tun, um sich Gott sozusagen „zum Freund zu machen“, damit man „in die ewigen Wohnungen aufgenommen“ wird, so wie der unehrliche Verwalter sich Freunde macht, damit die ihn aufnehmen, wenn die Zeit kommt und er entlassen wird.

 

10) Ist der Messias nicht der Sohn Davids?

„Da fragte er sie: Wie kann man behaupten, der Christus sei der Sohn Davids? Denn David selbst sagt im Buch der Psalmen: Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten, bis ich dir deine Feinde als Schemel unter die Füße lege! David nennt ihn also Herr. Wie kann er dann sein Sohn sein?“ (Lukas 20,41-44)

Lehnt Jesus hier den Titel „Sohn Davids“ für sich ab? Heißt das, wir dürfen Ihn nicht mehr so nennen, wie wir es manchmal, auch in offiziellen kirchlichen Gebetstexten, tun?

Ich denke nicht. Eher denke ich, Er stellt hier eine ernst gemeinte Frage an die Schriftgelehrten, mit denen Er sich gerade unterhält, um sie zum Nachdenken über den Messias zu bringen (er selbst kennt die Antwort ja). Er erhält jedoch keine Antwort; im vorigen Vers heißt es schon: „Und man wagte nicht mehr, ihn etwas zu fragen.“ (Lukas 20,40) Aber vielleicht hätte Er gerne eine Antwort gehabt.

Vielleicht könnte man als Antwort sagen: Der Messias ist gleichzeitig Sohn Davids, in dem Sinne, dass Er sein entfernter Nachkomme ist; aber Er steht natürlich auch über David und ist damit dessen „Herr“. So, wie Jesus sich auch als „Menschensohn“ bezeichnet, aber gleichzeitig der Herr der Menschen ist.

 

11) Die Jünger sollen Schwerter kaufen?

Bei Lukas’ Schilderung des Letzten Abendmahls findet sich diese Stelle: „Dann sagte Jesus zu ihnen: Als ich euch ohne Geldbeutel aussandte, ohne Vorratstasche und ohne Schuhe, habt ihr da etwa Not gelitten? Sie antworteten: Nein. Da sagte er zu ihnen: Jetzt aber soll der, der einen Geldbeutel hat, ihn mitnehmen und ebenso die Tasche. Wer dies nicht hat, soll seinen Mantel verkaufen und sich ein Schwert kaufen. Denn ich sage euch: An mir muss sich erfüllen, was geschrieben steht: Er wurde zu den Gesetzlosen gerechnet. Denn alles, was über mich gesagt ist, geht in Erfüllung. Da sagten sie: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er erwiderte: Genug davon!“ (Lukas 22,35-38)

Jesus erteilt den Jüngern hier Anweisungen, wie sie nach Seinem Tod (und Seiner Auferstehung und Himmelfahrt) bei der Mission vorgehen sollen. Anders als zu dem einen Zeitpunkt, als Er sie zuvor in Paaren ausgesandt hat, um das Reich Gottes zu verkünden, Krankheiten zu heilen und Dämonen auszutreiben (vgl. Matthäus 10,5-15), sollen sie nicht mehr ohne Ausrüstung losziehen; sie sollen jetzt Vorratstasche, Geldbeutel und Schwert mitnehmen. Vorratstasche und Geldbeutel: Sie können vielleicht nicht mehr so oft auf die Gastfreundschaft der Leute zählen und müssen besser vorsorgen; auch anlässlich der Tatsache, dass die Mission nach Ostern auf die Heiden ausgeweitet werden wird, nachdem sie zuvor nur in jüdischen Gebieten (bei den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“, Matthäus 10,6) unterwegs gewesen waren. Und wozu das Schwert? Vielleicht ganz banal, um sich auf dem Weg gegen Straßenräuber und wilde Tiere verteidigen zu können; das würde erklären, wieso das Schwert noch wichtiger ist als der Mantel. Und wie hängt das dann mit dem Vers darüber zusammen, dass Jesus zu den Gesetzlosen gerechnet wird? Vielleicht bedeutet diese Aussage einfach, dass Seine Jünger in Zukunft oft allein reisen oder auf der Straße übernachten müssen werden (statt sich Gruppen anschließen zu können und in Häuser aufgenommen zu werden), weil sie nicht auf die Unterstützung der Leute zählen können werden. Paulus schreibt später von sich selbst: „Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder.“ (2 Korinther 11,26) Reisen waren damals nicht ungefährlich; ein Schwert kann da nützlich gewesen sein.

Als die Jünger dann darauf hinweisen, dass da zwei Schwerter sind, sagt Jesus „Es ist genug!“ (so die wörtlichere Übersetzung; sprich: „Genug von dem Thema, mehr muss dazu nicht mehr gesagt werden!“) und beendet die Anweisungen für die Zeit nach Seiner Passion und geht zum Ölberg.

Dass das Schwert nicht gegen sonstige Gegner eingesetzt werden soll, zeigt sich jedenfalls noch im selben Kapitel, als Jesus dann festgenommen wird: „Als seine Begleiter merkten, was bevorstand, fragten sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? Und einer von ihnen schlug auf den Diener des Hohepriesters ein und hieb ihm das rechte Ohr ab. Da sagte Jesus: Lasst es! Nicht weiter! Und er berührte das Ohr und heilte den Mann.“ (Lukas 22,49-51) Bei Matthäus wird Jesus noch deutlicher: „Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte? Wie würden dann aber die Schriften erfüllt, dass es so geschehen muss?“ (Matthäus 26,52-54) Zusätzlich könnte man andere Stellen in den Evangelien aufzählen, aus denen klar wird, dass die Jünger auf Verfolgung nicht mit Gewalt antworten sollen, etwa Matthäus 5,38-48 und Matthäus 10,16-39. Offensichtlich verstanden die ersten Christen das auch; laut Apostelgeschichte reagierten weder die Urgemeinde in Jerusalem noch Paulus noch irgendwelche anderen Christen mit Gewalt auf Verfolgung. Sie flohen in andere Gegenden; sie wurden von Engeln aus dem Gefängnis befreit; sie ertrugen die Strafen; sie versuchten, sich mit dem Appell an römische Rechtsprinzipien zu verteidigen; jedenfalls griffen sie nicht zum Schwert.

Übrigens wurde die Stelle „Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er erwiderte: Genug davon!“ im Mittelalter gern allegorisch interpretiert: Jesus sagt, dass genau zwei Schwerter genug sind; das bedeutet, dass es auf Erden genau zwei Gewalten geben soll, nämlich die weltliche Gewalt des Staates und die geistliche Gewalt der Kirche (Zwei-Schwerter-Lehre). Doch, ja, solches Zeug las man damals in Bibeltexte. Von wegen wortwörtliche Interpretation.

 

12) „Alles, was der Vater mir gibt, wird zu mir kommen, und wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen […] Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. […] Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn ausliefern würde. Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist.“ (Johannes 6,37.44.64f.)

Diese Stelle hat mich früher gestört, weil sie sich anhört, als ob Gott einige Leute zu sich zöge und andere nicht, und letztere dann gar nicht zu Jesus kommen könnten – ohne selbst jedoch daran schuld zu sein.

Nun, es ist eine theologische Binsenweisheit, dass der Mensch Gottes Gnade braucht, um zu Ihm zu kommen; wir sind gefallene Geschöpfe. Jeder, der zu Gott kommt, tut das unter dem Einfluss Seiner Gnade, und dafür können wir dankbar sein. Dann stellt sich nur noch die Frage: Was ist mit den Menschen, die nicht zu Gott kommen?

a) Hat Gott denen aus grundloser Willkür keine Gnade gegeben?

b) Hat Gott denen Gnade gegeben, aber sie haben sie zurückgewiesen?

c) Hat Gott denen keine Gnade gegeben, weil Er wusste, dass sie sie zurückweisen würden?

Logischerweise akzeptabel wären b) und c); die Verse 64-65 scheinen auf c) hinzudeuten. Auf jeden Fall muss man einen solchen Text im Kontext der anderen biblischen Texte lesen, die klarmachen, dass Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Timotheus 2,4).

 

Über schwierige Bibelstellen, Teil 19: Irritierende Aussagen und Taten Jesu – einige gesammelte Stellen

Ab und an stößt man in der Bibel auch auf Aussagen oder Taten Jesu, die einen irritiert oder erschrocken zurücklassen – und die Schwierigkeit hier besteht eben darin, dass es um Jesus geht, den Sohn Gottes selbst, der sich nicht einmal irren geschweige denn sündigen kann, wie etwa Petrus, Paulus oder König David. Daher hier ein paar Erklärungsansätze zu einigen bekannten solchen Stellen. (Zu einigen gibt es mehrere mögliche Erklärungen; ich bringe hier die, die mir am logischsten erscheinen.)

 

1) Die Lästerung des Heiligen Geistes:

„Darum sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben werden. Auch wer ein Wort gegen den Menschensohn sagt, dem wird vergeben werden; wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt.“ (Matthäus 12,31f.)

Die klassische Stelle, um Bibelleser zu verwirren.

Daher gleich in aller Deutlichkeit: Es gibt keine Sünde, die bei Reue und dem Vorsatz zur Besserung nicht vergeben werden könnte. Daran lässt die beständige Lehre der Kirche gar keinen Zweifel.

Was ist aber dann gemeint? Es geht um Menschen, die „etwas gegen den Heiligen Geist sag[en]“ (wörtlich: gegen den Heiligen Geist reden), also den Heiligen Geist zurückweisen; d. h. das innerliche Wirken Gottes, Gottes Gnade zurückweisen. Wenn jemand sich äußerlich als Gegner Jesu aufführt – noch nicht so schlimm, vielleicht „weiß er nicht, was er tut“. Der Heilige Geist aber steht immer für Gottes inneres Wirken im Menschen, und wenn jemand das zurückweist, dann kann ihm nicht vergeben werden, weil er sich eben in einem Zustand befindet, in dem er Gottes Vergebung nicht zulässt – einem Zustand der „Unbußfertigkeit“, mit einem älteren Ausdruck. Die Zurückweisung oder „Lästerung“ des Heiligen Geistes besteht gerade in innerlicher Gottferne, darin, nicht bereuen zu wollen, nicht das Gute tun zu wollen, sich um vergangene Sünden nicht zu kümmern, etc. Hier fehlen gerade die Reue und der Vorsatz zur Besserung, die die Vergebung der Sünden sonst möglich machen.

 

2) Will Jesus die Leute verwirren?

„Da traten die Jünger zu ihm und sagten: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Er antwortete ihnen: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen; ihnen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen. An ihnen erfüllt sich das Prophetenwort Jesajas: Hören sollt ihr, hören und doch nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen und doch nicht einsehen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. Mit ihren Ohren hören sie schwer und ihre Augen verschließen sie, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen und sich bekehren und ich sie heile. Eure Augen aber sind selig, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören. Denn, amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“ (Matthäus 13,10-17)

Ähnlich Markus 4,10-12: „Als er mit seinen Begleitern und den Zwölf allein war, fragten sie ihn nach dem Sinn seiner Gleichnisse. Da sagte er zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; für die aber, die draußen sind, geschieht alles in Gleichnissen; denn sehen sollen sie, sehen, aber nicht erkennen; hören sollen sie, hören, aber nicht verstehen, damit sie sich nicht bekehren und ihnen nicht vergeben wird.“

Die zugehörige Jesaja-Stelle, aus der Jesus hier zitiert, lautet: „Da hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich sagte: Hier bin ich, sende mich! Da sagte er: Geh und sag diesem Volk: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen. Sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Verfette das Herz dieses Volkes, mach schwer seine Ohren, verkleb seine Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht, mit seinen Ohren nicht hört, damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt und es sich nicht bekehrt und sich so Heilung verschafft.“ (Jesaja 6,8-10)

Will Jesus hier, dass das Himmelreich exklusiv ein paar wenigen Auserwählten vorbehalten bleibt? Will Er, dass einige Menschen nicht „geheilt“ werden? Sicher nicht.

Die sinnvollste Erklärung, die ich zu dieser Stelle gefunden habe, ist die folgende: Jesus spricht in seinen öffentlichen Reden in Gleichnissen, weil er die Leute dazu bringen will, wirklich zu seinen Jüngern zu werden und sich die genaueren Erklärungen für die auf Anhieb nicht einfach so verständlichen Gleichnisse anzuhören, die er im kleineren Kreis gibt. („Die Jünger“ meint übrigens bei weitem nicht nur „die Zwölf“; an einer anderen Stelle ist z. B. von 72 Jüngern mit einer speziellen Sendung die Rede.) Jesus will die, „die draußen sind“, dazu bringen, eben nicht bloß draußen, nicht bloß mehr oder weniger interessierte Zuhörer zu bleiben. Man soll sich entscheiden, ob man ganz zu Christus gehören will.

In diesem Sinne: „wer hat, dem wird gegeben“ bedeutet: Wenn man einmal angefangen hat, auf Gott zu hören und das Gute zu tun, wird es einem mit der Zeit immer leichter fallen. Wenn man dagegen anfängt, seine Augen und Ohren zu verschließen, wird es immer schwerer, sie wieder zu öffnen. Wenn man sich in seinen schlechten Gewohnheiten oder Vorurteilen versteift, fällt es einem nach und nach schwerer, sie wieder zu hinterfragen oder abzulegen. Davor warnt Jesus hier: „wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat“.

Hier wird zudem eine ähnliche Sprache verwendet wie z. B. bei der Geschichte vom Exodus, als davon die Rede ist, dass Gott das Herz des Pharaos verhärtet – d. h., genau genommen ist dort abwechselnd die Rede davon, dass Gott sein Herz verhärtet und dass der Pharao sein Herz selbst verhärtet, ebenso, wie es auch hier in Matthäus 13,15 heißt: „Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. Mit ihren Ohren hören sie schwer und ihre Augen verschließen sie, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen und sich bekehren und ich sie heile.“ Die Leute selbst verschließen hier ihre Augen und Ohren, um nicht zu sehen und zu hören, weil sie sich nicht bekehren wollen. In Matthäus 13,13 heißt es: „Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen.“ Die griechische Präposition „hóti“ wird hier mit „weil“ und in anderen Übersetzungen (z. B. Zürcher Bibel) mit „dass“ wiedergegeben; sie kann tatsächlich beides heißen. Wenn man „weil“ übersetzt, stellt sich die Sache eher so dar: Jesus sieht, dass die Menschen schon nicht hören und sehen wollen, stellt sich darauf ein und erzählt ihnen – vielleicht beim ersten Hören nicht ganz verständliche, aber zum Nachdenken anregende – Gleichnisse, die sie dazu bringen sollen, tiefer zu bohren.

Aber, zurück zum Vergleich mit dem Pharao; es gibt ja auch die Formulierungen, in denen Gott bzw. der Prophet Jesaja Augen und Ohren verschließt. Hier muss man wie immer beachten: In der Bibel wird oft etwas als von Gott verursacht dargestellt, wenn Er es in Wahrheit bloß zulässt (da zum Beispiel vom Autor der Stelle betont wird, dass Gott das Schicksal der ganzen Welt in der Hand hält und nichts gegen Seinen Willen (Seine Zulassung) geschehen kann). Regel Nummer 14: Es gibt einen Unterschied zwischen dem direkt verursachenden und dem bloß zulassenden Willen Gottes. Gott lässt es zu, dass die Menschen ihre Augen verschließen, aber Er will es nicht und verursacht es nicht direkt.

Außerdem zu beachten: Gerade bei Jesaja spricht Gott auch etwa so wie in Offenbarung 22,11f. („Wer Unrecht tut, tue weiter Unrecht, der Unreine bleibe unrein, der Gerechte handle weiter gerecht und der Heilige strebe weiter nach Heiligkeit. Siehe, ich komme bald und mit mir bringe ich den Lohn und ich werde jedem geben, was seinem Werk entspricht.“). Gott kündigt Jesaja einfach an, dass seine Predigt nicht zur Bekehrung des Volkes führen wird, sondern dazu, dass die Leute ihre Augen nur noch fester verschließen werden. Ja, dann verstopft doch Augen und Ohren!

 

3) Jesus und die Kanaaniterin:

„Jesus ging weg von dort und zog sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Und siehe, eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Schick sie fort, denn sie schreit hinter uns her! Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Doch sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.“ (Matthäus 15,21-28)

Wenn diese Stelle im Sonntagsevangelium drankommt, bekommt man immer mal wieder eine Predigt zu hören, nach der Jesus selbst noch Vorurteile gegenüber der Kanaaniterin gehabt hätte, von ihr dann eines Besseren belehrt worden sei und gemerkt hätte, dass auch Kanaaniter bewundernswerten Glauben haben könnten und dass Seine eigene Sendung nicht nur Seinem eigenen Volk galt. Diese Erklärung ist natürlich von vornherein auszuschließen. Erstens war Jesus ohne Sünde, ergo auch ohne Vorurteile und Gleichgültigkeit gegenüber Kanaanitern. Zweitens können wir aufgrund der Einheit der göttlichen und der menschlichen Natur in Ihm davon ausgehen, dass Er selbst in Seiner menschlichen Natur Seine Sendung gut genug verstand, um zu wissen, dass sie auch den Heiden galt. (Wenn Er sich auch vor Ostern hauptsächlich an die Juden wandte und die Heiden eher erst nach Ostern und Pfingsten eine größere Rolle in der Kirche bekamen; die Juden sind nun mal das auserwählte Volk.)

Die viel logischere Interpretation ist: Jesus erteilt hier seinen Jüngern eine Lehre, um deren Vorurteilen gegenüber den heidnischen Völkern etwas entgegenzusetzen. Man sieht, dass sie sich nicht wirklich für die Frau interessieren; sie wollen nur, dass sie aufhört, ihnen hinterher zu schreien und bitten Jesus deshalb, sich um ihr Anliegen zu kümmern. Jesus gibt als Antwort zunächst eine sicherlich auch unter einigen der Jünger verbreitete Ansicht wieder: Der Messias sei aber doch nur zu Israel gesandt; es sei doch nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Als die Kanaaniterin dann aber unbeirrt, demütig und glaubensfest antwortet: „Ja, Herr! Aber selbst die kleinen Hunde essen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen“ hat Jesus den Jüngern demonstriert, wie groß ihr Glaube ist; er heilt ihre Tochter.

Ein Vergleich mit König Salomo und seinem sprichwörtlich gewordenen salomonischen Urteil bietet sich an. Zur Erinnerung die Stelle:

„Damals kamen zwei Dirnen und traten vor den König. Die eine sagte: Bitte, Herr, ich und diese Frau wohnen im gleichen Haus und ich habe dort in ihrem Beisein geboren. Am dritten Tag nach meiner Niederkunft gebar auch diese Frau. Wir waren beisammen; kein Fremder war bei uns im Haus, nur wir beide waren dort. Nun starb der Sohn dieser Frau während der Nacht; denn sie hatte im Schlaf auf ihm gelegen. Sie stand mitten in der Nacht auf, nahm mir mein Kind weg, während deine Magd schlief, und legte es an ihre Seite. Ihr totes Kind aber legte sie an meine Seite. Als ich am Morgen aufstand, um mein Kind zu stillen, war es tot. Als ich es aber am Morgen genau ansah, war es nicht mein Kind, das ich geboren hatte. Da rief die andere Frau: Nein, mein Kind lebt und dein Kind ist tot. Doch die erste entgegnete: Nein, dein Kind ist tot und mein Kind lebt. So stritten sie vor dem König. Da begann der König: Diese sagt: Mein Kind lebt und dein Kind ist tot! und jene sagt: Nein, dein Kind ist tot und mein Kind lebt. Und der König fuhr fort: Holt mir ein Schwert! Man brachte es vor den König. Nun entschied er: Schneidet das lebende Kind entzwei und gebt eine Hälfte der einen und eine Hälfte der anderen! Doch nun bat die Mutter des lebenden Kindes den König – es regte sich nämlich in ihr die mütterliche Liebe zu ihrem Kind: Bitte, Herr, gebt ihr das lebende Kind und tötet es nicht! Doch die andere rief: Es soll weder mir noch dir gehören. Zerteilt es! Da befahl der König: Gebt jener das lebende Kind und tötet es nicht; denn sie ist seine Mutter. Ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie schauten mit Ehrfurcht zu ihm auf; denn sie erkannten, dass die Weisheit Gottes in ihm war, wenn er Recht sprach.“ (1 Könige 3,16-28)

Ich denke, man kann getrost davon ausgehen, dass König Salomo nicht vorhatte, das Kind in zwei Hälften zu schneiden und erst durch die Bitte der wahren Mutter davon abgehalten wurde. Er hatte schlichtweg vor, die Reaktionen der beiden Frauen auf seinen Lösungsvorschlag zu testen.

[Zu einer anderen möglichen Interpretation dieser Stelle: Siehe die Kommentare.]

 

4) Die Verfluchung des Feigenbaums (und die Schweine bei Gerasa):

„Als sie am nächsten Tag Betanien verließen, hatte er Hunger. Da sah er von Weitem einen Feigenbaum mit Blättern und ging hin, um nach Früchten zu suchen. Aber er fand nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigenernte. Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen. Und seine Jünger hörten es. […] Als sie am nächsten Morgen an dem Feigenbaum vorbeikamen, sahen sie, dass er bis zu den Wurzeln verdorrt war. Da erinnerte sich Petrus und sagte zu Jesus: Rabbi, sieh doch, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt. Jesus sagte zu ihnen: Habt Glauben an Gott! Amen, ich sage euch: Wenn jemand zu diesem Berg sagt: Heb dich empor und stürz dich ins Meer! und wenn er in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass geschieht, was er sagt, dann wird es geschehen. Darum sage ich euch: Alles, worum ihr betet und bittet – glaubt nur, dass ihr es schon erhalten habt, dann wird es euch zuteil.“ (Markus 11,12-14.20-24)

Hier stellen sich zweierlei Probleme:

Erstens: Radikale Umweltschützer könnten sich aufregen, dass Jesus ein Lebewesen absterben lässt (wenn auch in diesem Fall kein fühlendes Lebewesen). Ein ähnliches Problem würde sich für sie übrigens bei der Geschichte mit dem Besessenen von Gerasa stellen: „Sie kamen an das andere Ufer des Sees, in das Gebiet von Gerasa. Als er aus dem Boot stieg, lief ihm sogleich von den Gräbern her ein Mensch entgegen, der von einem unreinen Geist besessen war. Er hauste in den Grabstätten. Nicht einmal mit einer Kette konnte man ihn bändigen. Schon oft hatte man ihn mit Fußfesseln und Ketten gebunden, aber er hatte die Ketten zerrissen und die Fußfesseln durchgescheuert; niemand konnte ihn bezwingen. Bei Tag und Nacht schrie er unaufhörlich in den Grabstätten und auf den Bergen und schlug sich mit Steinen. Als er Jesus von Weitem sah, lief er zu ihm hin, warf sich vor ihm nieder und schrie laut: Was habe ich mit dir zu tun, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht! Jesus hatte nämlich zu ihm gesagt: Verlass diesen Menschen, du unreiner Geist! Jesus fragte ihn: Wie heißt du? Er antwortete: Mein Name ist Legion; denn wir sind viele. Und er flehte Jesus an, sie nicht aus diesem Gebiet fortzuschicken. Nun weidete dort an einem Berghang gerade eine große Schweineherde. Da baten ihn die Dämonen: Schick uns in die Schweine! Jesus erlaubte es ihnen. Darauf verließen die unreinen Geister den Menschen und fuhren in die Schweine und die Herde stürmte den Abhang hinab in den See. Es waren etwa zweitausend Tiere und alle ertranken. Die Hirten flohen und erzählten es in der Stadt und in den Dörfern. Darauf eilten die Leute herbei, um zu sehen, was geschehen war. Sie kamen zu Jesus und sahen bei ihm den Mann, der von der Legion Dämonen besessen gewesen war, bekleidet und bei Verstand. Da fürchteten sie sich. Die es gesehen hatten, berichteten ihnen, wie es mit dem Besessenen und den Schweinen geschehen war. Darauf baten die Leute Jesus, ihr Gebiet zu verlassen. Als er ins Boot stieg, bat ihn der Mann, der zuvor von den Dämonen besessen war, dass er bei ihm sein dürfe. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat! Da ging der Mann weg und verkündete in der ganzen Dekapolis, was Jesus für ihn getan hatte, und alle staunten.“ (Markus 5,1-20) Wieso lässt Jesus zweitausend Schweine ertrinken? Hier einfach die Erinnerung an Regel Nr. 15: Gott ist der Herr über alles Leben. Er lässt auch zu, dass das Leben von Tieren und Pflanzen auf andere Weise zu Ende geht.

Ein zweiter, allgemeiner Einwand: Jesus wird wütend auf einen Baum, weil der keine Früchte trägt? Noch dazu, wenn gar nicht Erntezeit ist? Dieser Einwand ist sehr rasch erledigt: Es handelt sich bei diesem Wunder nicht um eine wütende Reaktion darauf, dass Er nichts zu essen findet, sondern schlichtweg um eine Art „Lehrwunder“ für seine Jünger. Einerseits demonstriert Er an dem Baum, was die Kraft des Glaubens ausrichtet (s. Verse 20-24); andererseits wirkt das Ganze wie eine Illustration zu einem Seiner Gleichnisse, das Lukas überliefert hat: „Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine. Da sagte er zu seinem Winzer: Siehe, jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen? Der Winzer erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er in Zukunft Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen!“ (Lukas 13,6-9) Gott kommt, um zu inspizieren, ob es gute Früchte gibt oder nicht; es gibt keine, also zieht Er die Konsequenzen. Hier wird schlichtweg das göttliche Gericht an einem Beispiel demonstriert.

 

5) Wann ist der Jüngste Tag?

„Lernt etwas aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum! Sobald seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist. So erkennt auch ihr, wenn ihr das alles seht, dass das Ende der Welt nahe ist. Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Matthäus 24,32-36)

Das eine Problem hier ist: Wie kann es sein, dass der Sohn „jenen Tag und jene Stunde“ nicht kennt, wenn wir glauben, dass er „wahrer Gott und wahrer Mensch“ und „eines Wesens mit dem Vater“ ist? Hier zitiere ich ganz einfach mal Joseph Ratzinger:

„Das Problem der Bedeutung des Verses Mt 24, 36 (Was jenen Tag und jene Stunde angeht, so kennt sie niemand, nicht einmal die Engel des Himmels, nicht einmal der Sohn, sondern allein der Vater) wird seit den Väterzeiten unter Dogmatikern und Exegeten heftig diskutiert. Im Laufe der Zeit haben sich zwei Hauptantworten herauskristallisiert:

1. Allen Lösungen ist die durch das Dogma verbürgte Erkenntnis gemeinsam, dass in Christus zwischen seinem menschlichen und göttlichen Wissen unterschieden werden muss. Christus war nicht nur der gleichwesentliche Sohn des ewigen Vaters, sondern ebenso sehr voller, gleichwesentlicher Mensch mit uns, der, wie die Dogmen des 5. und 7. Jahrhunderts herausgestellt haben, auch einen eigenen menschlichenVerstand und menschlichen Willen und so auch eine menschliche Weise des Wissens besaß. Klar ist weiterhin, dass sich die Aussage Mt 24, 36 auf das menschliche, nicht auf das göttliche Wissen Jesu bezieht. Umstritten ist allein die Frage, wie sich menschliches und göttliches Wissen in Jesus zueinander verhalten. Die Theologie des Mittelalters kam diesbezüglich zu der Meinung, dass beiderlei Wissen sich so eng durchdringe, dass Jesus auch als Mensch an der göttlichen Allwissenheit Anteil habe. Um dennoch das Problem von Mt 24,36 und ähnlichen Versen lösen zu können, unterscheidet man dann zwischen mitteilbarem und nichtmitteilbarem Wissen. Zwar habe Jesus für sich selbst kraft seiner Anteilnahme am Ewigen Wort alles Wirkliche geschaut, aber er sei mit einem festumrissenen Offenbarungsauftrag in diese Welt getreten und zu diesem Offenbarungsauftrag gehörte nicht das Datum des Jüngsten Tages. So konnte er mit Recht in Bezug auf das ihm zur Mitteilung zur Verfügung stehende Wissen sagen, dass es Zeit und Stunde des Weltendes nicht umfasse. Das Wissen darüber wird gleichsam nicht freigegeben, es gehörte nicht zum göttlichen Offenbarungsbestand.

2. Moderne Deutungen gehen noch einen Schritt weiter. Sie sagen, dass Jesus mit dem Grunde seiner menschlichen Seele immer eingetaucht war in das göttliche Wort, mit dem er ja eine Person bildete, dass aber diese Verbindung, die den Grund seines Seins prägte, nicht auch sein menschliches Bewusstsein mit allen Details der göttlichen Allwissenheit erfüllte, sondern es nur so weit durchdrang, soweit dies für seinen Offenbarungsauftrag nötig war. Auf diese Weise wird es möglich, ein echtes menschliches Wissen und Wachsen bei Jesus anzunehmen, ohne dass man seine seinsmäßige Einheit mit der zweiten Person der Trinität in Frage stellt. Das Gesamtbild der Evangelien, die uns Jesu wahre Menschlichkeit so unmittelbar erleben lassen, wird auf diese Weise verständlicher. Nach dieser Auslegung konnte Jesus mit vollem Recht sagen, dass er, obgleich vom Grunde seines Seins her der „Sohn“, dennoch das Datum des Letzten Tages nicht wisse, weil der göttliche Grund seines Seins seinen menschlichen Verstand nicht darüber belehrte. Wie Sie sehen, ist diese Lösung mit der Unterscheidung von mitteilbarem und nichtmitteilbarem Wissen zwar verwandt, aber sie streift den etwas fiktiven Charakter dieses Gedankens ab und versucht, ebenso dem vollen Ernst der Gottessohnschaft Jesu wie dem vollen Ernst des biblischen Wortes gerecht zu werden.“

(Quelle: http://www.institut-papst-benedikt.de/nc/ergebnisausgabe/schriften/jesus-christus/text/warum-weiss-jesus-nicht-alles-wenn-er-doch-gott-ist.html)

Jesu menschliche Natur spielt auch für die Erklärung anderer Bibelstellen eine Rolle, z. B. wenn es in Lukas‘ Kindheitsgeschichte heißt „seine Weisheit nahm zu“ (Lukas 2,52). Als Mensch entwickelte sich Jesus auch in Bezug auf Verstand und Bewusstsein ebenso wie andere Menschen nach und nach.

Das zweite Problem ist: Wie kann Jesus gleichzeitig sagen, dass Er den Tag nicht kennt, und zuvor, dass „diese Generation“ nicht vergehen wird, bis das alles geschieht? Und… das Ende der Welt kam schließlich auch nicht zur Zeit „dieser Generation“. Irrte Jesus hier also?

Es gibt zwei mögliche Erklärungen:

Erstens: Das Wort, das hier mit „Generation“ übersetzt wird, heißt „geneá“ und kann auch „Geschlecht“ bedeuten; es ist also nicht eindeutig zeitlich gemeint. Jesus könnte zum Beispiel auch im übertragenen Sinne Menschen nach der Art seiner Zeitgenossen gemeint haben. Wenn er an anderen Stellen von „dieser Generation / diesem Geschlecht“ spricht, hat das in der Regel eine negative Konnotation:

  • „Mit wem soll ich diese Generation vergleichen? Sie gleicht Kindern, die auf den Marktplätzen sitzen und anderen zurufen: Wir haben für euch auf der Flöte gespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben die Totenklage angestimmt und ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen. Denn Johannes ist gekommen, er isst nicht und trinkt nicht und sie sagen: Er hat einen Dämon. Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt und sie sagen: Siehe, ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Und doch hat die Weisheit durch ihre Taten Recht bekommen.“ (Matthäus 11,16-19)
  • „Er antwortete ihnen: Diese böse und treulose Generation fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein Zeichen gegeben werden außer das Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein. Die Männer von Ninive werden beim Gericht mit dieser Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie sind auf die Botschaft des Jona hin umgekehrt. Und siehe, hier ist mehr als Jona. Die Königin des Südens wird beim Gericht gegen diese Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie kam vom Ende der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.“ (Matthäus 12,39-42)
  • „Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommt.“ (Markus 8,38)

Es könnte also zum Beispiel die Art von Menschen gemeint sein, die dieselben negativen Eigenschaften besitzen wie die hier kritisierten.

Zweitens: Jesus kündigt in seiner langen Rede über die Endzeit nicht nur das Jüngste Gericht an, sondern beginnt schon mit der Zerstörung des Tempels, die 70 n. Chr. passieren sollte (vgl. Matthäus 24,1-2). Dann kündigt Er im weiteren Verlauf von Kapitel 24 eine längere Zeit an, die man noch nicht für die direkte Endzeit halten soll: „Jesus antwortete und sagte zu ihnen: Gebt Acht, dass euch niemand irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin der Christus! und sie werden viele irreführen. Ihr werdet von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. Gebt Acht, lasst euch nicht erschrecken! Das muss geschehen. Es ist aber noch nicht das Ende. Denn Volk wird sich gegen Volk und Reich gegen Reich erheben und an vielen Orten wird es Hungersnöte und Erdbeben geben. Doch das alles ist erst der Anfang der Wehen. Dann wird man euch der Not ausliefern und euch töten und ihr werdet von allen Völkern um meines Namens willen gehasst. Und viele werden zu Fall kommen und einander ausliefern und einander hassen. Viele falsche Propheten werden auftreten und sie werden viele irreführen. Und weil die Gesetzlosigkeit überhand nimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten. Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet werden. Und dieses Evangelium vom Reich wird auf der ganzen Welt verkündet werden – zum Zeugnis für alle Völker; dann erst kommt das Ende.“ (Matthäus 24,4-14) In dieser Zeit befinden wir uns offensichtlich immer noch.

Es ist also möglich, dass Jesus „diese Generation“ im zeitlichen Sinne verstand, den Satz aber auf den Anfang all der zusammenhängenden Ereignisse ab der Zerstörung des Tempels bezog. 70 n. Chr. war „diese Generation“ noch nicht vergangen.

(Eine zudem noch mögliche dritte Interpretation, die ich einmal auf einer Internetseite gelesen habe, wäre, „geneá“ als „Geschlecht“ zu verstehen, und auf das jüdische Volk zu beziehen, das nicht vergehen wird.)

 

6) Jesus und Seine Familie:

„Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen. […] Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben draußen stehen und ließen ihn herausrufen. Es saßen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich. Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Markus 3,21.31-35)

Hier stellen sich zwei Fragen: Erstens: Wieso ist Maria (die dem katholischen Glauben nach ohne Sünde war) bei den Angehörigen mitgekommen, die Jesus für verrückt hielten und Ihn von Seiner Sendung abbringen wollten? Zweitens: Wieso verhält Jesus sich so abweisend gegenüber Seiner Familie, bevor man Ihm überhaupt gesagt hat, was sie wollen? Sollte die Familie nicht etwas Wichtiges sein?

Zu erstens: Zunächst einmal muss es nicht so gewesen sein, dass Maria dasselbe dachte wie der Rest der Familie; das wird hier jedenfalls nicht ausdrücklich gesagt. Sie kann deshalb mitgekommen sein, weil sie einfach sehen wollte, was Jesus nun eigentlich tat, als sich sein Ruf als Wundertäter und möglicher Messiaskandidat im Land verbreitete. Oder vielleicht, um einen mildernden Einfluss auf die Brüder (Vettern) auszuüben, die Jesus zur Rede stellen wollten? Dass sie die Verwandtschaft begleitete, als die Jesus aufsuchen wollte, ist jedenfalls ganz logisch.

Zu zweitens: Die leibliche Familie hatte zu Jesu Zeit eine enorme Bedeutung; Er jedoch stellt sich diesem Verständnis immer wieder entgegen: „Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ (Matthäus 10,35-39) „Ein anderer aber, einer seiner Jünger, sagte zu ihm: Herr, lass mich zuerst weggehen und meinen Vater begraben. Jesus erwiderte: Folge mir nach; lass die Toten ihre Toten begraben!“ (Matthäus 8,21f.) „ Es geschah aber: Als er das sagte, da erhob eine Frau aus der Menge ihre Stimme und rief ihm zu: Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brust, die dich gestillt hat! Er aber erwiderte: Ja, selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen.“ (Lukas 11,27f.) Jesus leugnet nicht, dass die Familie gut und wichtig ist; aber Er stellt heraus, dass es etwas noch Wichtigeres gibt, das man auf keinen Fall vergessen darf. Es gibt eine Loyalität, die steht höher als die zur Familie, und das ist die zu Gott. Und es gibt auch eine umfassende Familie, eine Gemeinschaft aller, die „den Willen Gottes tu[n]“ – alle Christen gehören zu Jesu Familie. Jesus leugnet nicht, dass Seine leiblichen Verwandten Seine Familie sind; Er sagt, dass andere es auch sind. Er sagt, dass Blutsverwandtschaft nicht das Entscheidende ist.

 

7) Jesus und Seine Mutter:

„Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungssitte der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist! Sie brachten es ihm. Dieser kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt aufbewahrt. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn. Danach zog er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kafarnaum hinab. Dort blieben sie einige Zeit.“ (Johannes 2,1-12)

Hier fällt auf: Jesus lässt sich von Seiner Mutter überreden; Er ändert praktisch Seine Meinung, nachdem Er zuerst darauf bestanden hat, dass Seine „Stunde“ noch nicht gekommen ist. (Übrigens, eine Klarstellung noch: Die Anrede „Frau“ ist hier nicht unhöflich; dass es uns so vorkommt, liegt nur an der Begrenztheit von Übersetzungen aus dem Altgriechischen.) Ich möchte hier zunächst einmal Fulton Sheen zitieren:

“In order to understand His meaning more fully, consider the words, ‘My Hour is not yet come.’ The ‘Hour’ obviously refers to His Cross. Whenever the word ‘Hour’ is used in the New Testament, it is used in relation to His Passion, death and glory. […] At Cana, Our Lord was referring to Calvary and saying that the time appointed for beginning the task of Redemption was not yet at hand. His mother was asking for a miracle; He was implying that a miracle worked as a sign of His Divinity would be the beginning of His Death. The moment He showed Himself before men as the Son of God, He would draw down upon Himself their hatred, for evil can tolerate mediocrity, but not supreme goodness. […]

There were, in His life, two occasions when His human nature seemed to show an unwillingness to take on His burden of suffering. In the Garden, He asked His Father if it be possible to take away His chalice of woe. But He immediately afterward acquiesced in His Father’s will: ‘Not My will, but Thine be done.’ The same apparent reluctance was also manifested in the face of the will of His mother. Cana was a rehearsal for Golgotha. He was not questioning the wisdom of beginning His Public Life and going to death at this particular point in time; it was rather a question of submitting His reluctant human nature to obedience to the Cross. There is a striking parallel between His Father’s bidding Him to His public death and His mother’s bidding Him to His public life. Obedience triumphed in both cases; at Cana, the water was changed into wine; at Calvary, the wine was changed into blood.” (Fulton Sheen, Life of Christ, S. 88-90)

„Um besser zu verstehen, was Er meint, betrachte die Worte ‚Meine Stunde ist noch nicht gekommen’. Die ‚Stunde’ bezieht sich offensichtlich auf Sein Kreuz. Immer, wenn das Wort ‚Stunde’ im Neuen Testament gebraucht wird, wird es in Beziehung zu Seinem Leiden, Seinem Tod und Seiner Verherrlichung gebraucht. […] In Cana verwies unser Herr auf Kalvaria und sagte, dass die Zeit, die dafür bestimmt war, die Aufgabe der Erlösung zu beginnen, noch nicht da war. Seine Mutter bat um ein Wunder; Er implizierte, dass ein Wunder, das als ein Zeichen Seiner Göttlichkeit gewirkt werden würde, der Beginn Seines Todes sein würde. In dem Augenblick, in dem Er sich vor den Menschen als der Sohn Gottes zeigte, würde Er ihren Hass auf sich ziehen, denn das Böse kann die Mittelmäßigkeit dulden, aber nicht die höchste Gutheit. […]

Es gab in Seinem Leben zwei Gelegenheiten, bei denen Seine menschliche Natur eine Unwilligkeit zu zeigen schien, Seine Last des Leidens auf sich zu nehmen. Im Garten bat Er Seinen Vater, ob es möglich wäre, Seinen Kelch des Leidens wegzunehmen. Aber gleich danach ergab Er sich in den Willen des Vaters: ‚Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.’ Dasselbe scheinbare Widerstreben zeigte sich auch gegenüber dem Willen Seiner Mutter. Kana war eine Probe für Golgotha. Er hinterfragte nicht die Weisheit dahinter, zu genau diesem Zeitpunkt Sein öffentliches Leben zu beginnen und auf den Tod zuzugehen; es war eher eine Frage davon, Seine widerstrebende menschliche Natur dem Gehorsam zum Kreuz zu unterwerfen. Es gibt eine bemerkenswerte Parallele zwischen der Bitte Seines Vaters an Ihn zu Seinem öffentlichen Tod und die Bitte Seiner Mutter an Ihn zu Seinem öffentlichen Leben. Der Gehorsam triumphierte in beiden Fällen; in Cana wurde das Wasser in Wein verwandelt; auf Kalvaria wurde der Wein in Blut verwandelt.“

Diese Stelle zeigt zudem ganz wunderbar, weshalb wir die Gottesmutter verehren und sie bitten: „Bitte für uns.“ Weil es was bringt. Weil ihr Sohn (auch jetzt immer noch) eben ihr Sohn ist und sich von ihr auch mal überreden lässt. Ich glaube, ich habe schon einmal zum Bittgebet geschrieben: Manchmal wartet Gott eben darauf, dass wir fragen. Wir Menschen haben wirkliche Macht, etwas in der Welt zu verändern, und zwar entweder durch direkte Taten, oder durch Bittgebete, die Gott dann erfüllen kann oder nicht. Gott hat eine wirkliche Beziehung zu Seinen Geschöpfen, und lässt sich von ihnen sogar gewissermaßen beeinflussen (nicht, dass das nicht schon im Plan vorgesehen wäre – schließlich ist Gott außerhalb der Zeit und allwissend).

 

8) Hält sich Jesus selbst gar nicht für Gott?

 „Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer der eine Gott.” (Markus 10,17f.)

Zu dieser Stelle ein Zitat von Ronald Knox:

“So, for that matter, is the well-known rejoinder, ’Why dost thou call me good? None is good, save God’ – a rejoinder which is exquisitely flat and meaningless if it be taken as a serious statement, full of significance when you realise that it was uttered in irony.” (Ronald Knox, The belief of Catholics, Kapitel 8, http://www.ewtn.com/library/CHRIST/BELIEF.txt)

„Ebenso, übrigens, ist es bei der wohlbekannten Erwiderung ‚Wieso nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott’ – eine Erwiderung, die ausnehmend inhaltsleer und bedeutungslos ist, wenn man sie als ernsthafte Aussage versteht, voller Bedeutung, wenn man begreift, dass sie ironisch ausgesprochen wurde.“

(Eine andere, oft gehörte Interpretation wäre einfach, dass Jesus hier in Seiner menschlichen Natur spricht. Mir gefällt Knox’ Interpretation besser.)

 

Was macht feministische Theologie manchmal so nervig?

Vor kurzem habe ich fürs Studium einen Aufsatz mit dem Titel „Maria von Magdala – erste Apostolin?“ von der Theologin Andrea Taschl-Erber gelesen*. Ja, ganz stereotyp, der Doppelname und die Fixierung auf Maria von Magdala. Man erlaube mir an dieser Stelle übrigens die Bemerkung, dass „Apostolin“ irgendwie doof klingt, und „Apostelin“ auch nicht besser wäre.

Aber komisch klingende Wörter machen einen Aufsatz ja nicht falsch, auch wenn das nicht das einzige komisch klingende Wort bleibt. (Im Text kriegen wir noch „ZeugInnenschaft“, was ungefähr so viel Sinn macht wie „ÄrztInnenkammer“ oder „FremdInnenzimmer“.) Der Aufsatz beginnt folgendermaßen: „Maria von Magdala zählt zu den meistgenannten AnhängerInnen Jesu in den Evangelien. Allerdings verdunkelte eine von androzentrischen Mechanismen und patriarchalen Projektionen bestimmte Auslegungsgeschichte die Bedeutung der engagierten Jüngerin und prophetischen Apostolin. So gilt es, ihre spezifische literarische wie historische Rolle von den Schatten der Rezeptionsgeschichte zu befreien.“ Die Bedeutung der „engagierten Jüngerin“. Ich liebe es, wie Frau Taschl-Erber ihre Beschreibung der Heiligen so klingen lässt wie eine Dankesrede bei der Verabschiedung einer scheidenden Elternbeiratsvorsitzenden. („Frau Plötzenthaler hat sich jahrelang als engagiertes Mitglied unseres Gremiums erwiesen…“)

Sie fährt fort: „Grundsätzlich ist das literarische Porträt einer Erzählfigur als ein narratives Konstrukt zu verstehen, anhand dessen nicht unmittelbar, gleichsam spiegelbildlich, ein historisches Profil der namentlich identifizierten Person gezeichnet werden kann. Um dennoch mit aller methodischen Vorsicht historische Informationen ableiten zu können, bedarf es vor allem auch einer kritischen Reflexion des ideologischen Horizonts der jeweiligen Erzählwelt und ihrer androzentrischen Dynamik gemäß den Prinzipien einer ‚Hermeneutik des Verdachts‘.“ Der Begriff „Hermeneutik des Verdachts“ ist sehr treffend gewählt. Frau Taschl-Erber bleibt noch den ganzen Text über in diesem Dilemma stecken: Eigentlich können wir ja nichts Genaues, historisch Glaubwürdiges aus den biblischen Texten wissen, aber dass wir alle biblischen Darstellungen von Frauen unter Verdacht stellen müssen, das wissen wir auf jeden Fall.

Zunächst geht die Autorin darauf ein, wo überall in den Evangelien Maria von Magdala erwähnt wird: Sie gehört zu einer größeren Gruppe von Frauen um Jesus und wird zusammen mit anderen dieser Frauen Zeugin der Kreuzigung, der Grablegung und dann der Auferstehung. Aus Mk 15,41, wo es heißt, dass diese Frauen Jesus schon in Galiläa „nachgefolgt“ waren und ihm „gedient“ hatten (hier wird das griechische Verb „diakoneo“ verwendet), leitet Frau Taschl-Erber ab, dass sie nicht bloß für die Brotzeit auf dem Weg gesorgt hätten (wer hat das denn gesagt?), sondern Beauftragte Jesu (als seine Zeuginnen und Verkündigerinnen oder so) gewesen wären; immerhin leitet sich auch das Wort „Diakon“ vom selben Verb ab, das ja z. B. bei Paulus ein Amt in der Gemeinde bezeichnet. (Witzigerweise wurden zwar gerade die ersten Diakone laut Apostelgeschichte vor allem für den „Dienst an den Tischen“ bestellt, damit die Apostel sich ungestört der Verkündigung widmen konnten (Apg 6,2)… aber lassen wir das. Ich will ja auch nicht behaupten, dass die Jüngerinnen bloß für die Brotzeit und nichts weiter zuständig gewesen wären. Ich weiß nichts drüber, was genau sie so gemacht haben.) Frau Taschl-Erber betont dann noch, dass die Frauen die nach Markus „echte Nachfolge“, die „Kreuzesnachfolge“, durch ihre Anwesenheit bei der Kreuzigung verwirklichen, während die Zwölf verschwinden. Das stimmt ja auch, und es wurde von der patriarchalischen, androzentrischen Christenheit übrigens nie geleugnet. Mir fällt spontan eine Stelle aus einer Schrift über Lourdes von 1907 ein, in der der Priester Robert Hugh Benson über eine große Gruppe von in den vergangenen Jahren an diesem Wallfahrtsort Geheilten, die zu einer Dankesprozession zusammengekommen sind, schreibt: „I had looked at their faces: there were many more women than men (as there were upon Calvary).“ (http://www.gutenberg.org/files/18729/18729-h/18729-h.htm ; Ausgabe von 1914)

Nach der markinischen geht die Autorin auf die lukanische Darstellung der Jüngerinnen Jesu ein, wo es u. a. heißt, dass aus Maria von Magdala, dank Jesus, „sieben Dämonen ausgefahren waren“ (Lk 8,2). Ich schätze, es ist nicht erstaunlich, dass Frau Taschl-Erber nicht an dämonische Besessenheit glaubt, aber es ist erstaunlich, welchen Vorwurf gegen den Evangelisten Lukas sie aufgrund dieser Stelle konstruiert: „Dämonische Besessenheit fungiert in bestimmten soziokulturellen Kontexten als personifizierte Ursache für (insbesondere psychische, von Kontrollverlust und Selbstentfremdung gekennzeichnete) Krankheitszustände sowieso vom Normencodex abweichende Verhaltensweisen […]. Ob sich die Information auf eine tatsächliche Krankheit bezieht oder nicht, mit ihrer Wiedergabe erzielt Lk eine bestimmte Wirkung. Entsprechend führte die lk Darstellung, welche die Phantasie späterer RezipientInnen anregte, zu beträchtlichen Verzerrungen im Bild der Jüngerin.“ Auch wenn die Information wahr ist, verzerrt sie das Bild? Die Logik erschließt sich mir nicht. Und was ist denn so schlimm daran, dass eine geheilte Besessene / Kranke / psychisch Kranke zu den Jüngerinnen Jesu gehörte? Paulus war ein bekehrter Christenverfolger. Normalerweise glorifiziert man im Christentum die Geheilten und die Bekehrten eher besonders, als dass man sie herabsetzt; und bei Lukas scheint das meinem Eindruck nach nicht anders zu sein. Inwiefern macht er Maria von Magdala hier schlecht?

Als nächstes geht es um den Auferstandenen und seine in Joh 20 ausführlich beschriebene Erscheinung vor Maria. „So verweist die mehrfache Bezeugung der Protophanie [Ersterscheinung] vor Maria von Magdala auf Alter und Bedeutung der Tradition, welche in den Ostererzählungen der Evangelien Spuren hinterließ, obwohl sie innerhalb patriarchaler Kontexte Widerständen begegnete.“ An dieser Stelle wird u. a. Paulus ein Vorwurf gemacht, weil der in 1 Kor 15 unter den Zeugen der Auferstehung Maria von Magdala nicht namentlich erwähnt, sondern nur die beiden männlichen Autoritäten Petrus und Jakobus, was eine „Marginalisierung der Zeuginnen“ sei. Das ist kein ganz aus der Luft gegriffenes Argument; tatsächlich mussten die ersten Christen ja damit rechnen, dass in einer patriarchalen Umwelt das Zeugnis von Frauen bei der Verkündigung nicht sehr viel zählen würde**, und es ist immerhin möglich, dass Paulus hier absichtlich nur auf das Zeugnis der für sein Publikum „maßgeblichen Jerusalemer Autorität“ mit Namensnennungen verweist. Aber kann man es den Evangelisten dann nicht wenigstens danken, dass sie gerade trotzdem – und zwar alle vier – davon berichten, dass die Frauen die ersten am Grab waren und / oder Erscheinungen des Auferstandenen erlebten? Nö, offensichtlich kann man das nicht. Dem Evangelisten Lukas werden gleich noch mal Vorwürfe gemacht – die Relevanz der Ostererfahrungen der Frauen werde in seinem Evangelium „heruntergespielt“, und zwar u. a. dadurch, dass die Apostel deren Botschaft als „leeres Geschwätz“ „disqualifizieren“ und Petrus „den Bericht der Frauen erst bestätigen muss“. Kann man einen Text deutlicher missverstehen? In Lukas 24 behalten die Frauen Recht. Die Apostel sind im Unrecht, als sie ihren Bericht zuerst für „Geschwätz“ halten, und werden am Ende eines Besseren belehrt. Da könnte ich genausogut „Hakuna Matata“ als die Aussage von „Der König der Löwen“ hinstellen.

Der Text schließt mit einem Flirt mit der Gnosis: „Vermutlich existierte in Bezug auf Maria von Magdala eine breitere Überlieferung, von welcher sich im NT nur einige Reflexe finden, der bedeutendste in Joh 20,1-18. […] Demgegenüber tritt sie in gnostischen und gnosisnahen Texten auch im Zuge des Lehrens und Wirkens Jesu als seine Dialogpartnerin auf. Auf der Basis des Traditionswissens um ihren Primat als Erstzeugin des Auferstandenen avancierte sie  zu einer der bedeutendsten apostolischen TraditionsträgerInnen in christlich-gnostischen Zirkeln. Am deutlichsten knüpft das Evangelium nach Maria an Joh 20 an, das Jesu (Wieder-)Aufstieg zum Vater in Joh 20,17 zu einem großen Visionsbericht des (Wieder-)Aufstiegs der Seele in die himmlische Sphäre entfaltet und explizit Marias apostolische Konkurrenz zu Petrus thematisiert. Hier wie in anderen apokryph gewordenen Schriften wird der geisterfüllten Lieblingsjüngerin der eifersüchtige Vertreter des männlichen Primats gegenübergestellt, der ihre Leitungsposition, die Legitimität ihrer Verkündigung, ihr Rederecht sowie überhaupt ihre Zugehörigkeit zum JüngerInnenkreis bestreitet, wohingegen Maria von Magdala als Repräsentantin der Frauen in der Nachfolgegemeinschaft Jesu wie auch der Frauen in den Gemeinden die weiblichen Autoritätsansprüche verkörpert. Vielleicht fanden gerade viele ihrer AnhängerInnen im Gefolge einer allgemeinen Marginalisierung frauenzentrierter Traditionen sowie einer zunehmenden Zurückdrängung von Frauen aus Leitungsfunktionen (vgl. 1 Tim 2,11f.) eine neue Heimat in ‚gnostisch‘ kategorisierten frühchristlichen Gruppierungen, welche die ursprüngliche Bedeutung der Magdalenerin als Zeugin und Offenbarungsempfängerin des Auferstandenen rezipierten? Doch es bleibt die grundsätzliche hermeneutische Frage, inwieweit sich die Leerstellen im ntl. Porträt Marias von Magdala aus den späteren gnostisch-apokryphen Texten füllen lassen, um die historische Figur zurückzugewinnen.“

Da das Evangelium der Maria erst von ca. 160 n. Chr. stammt, während die kanonischen Texte deutlich älter sind, erscheint es mir als eher zweifelhaft, dass sich die historische Figur hier zurückgewinnen lässt. Übrigens ist Frau Taschl-Erbers Deutung dieses Textes doch etwas gewollt; im 2. Teil des Evangeliums der Maria (es lässt sich im Internet finden) sagt Petrus zu Maria zunächst ganz respektvoll: „Schwester, wir wissen, dass der Retter dich mehr liebte als alle anderen Frauen. Berichte uns von den Worten des Retters, die du erinnerst – die du kennst und wir nicht oder von denen wir noch nie gehört haben.“ Als sie dann eine lange, etwas seltsame Vision vom Aufstieg der Seele aus der materiellen Welt heraus erzählt hat (hier fehlen Teile des Textes), reagieren die Jünger folgendermaßen:

„Doch Andreas antwortete und sagte zu den Jüngern: ‚Sprecht, was sagt ihr darüber, was sie eben erzählt hat? Ich bin der letzte der glaubt, dass dies der Erlöser gesagt hat. Diese Lehre ist sicherlich eine befremdliche Vorstellung.‘

Petrus antwortete und sprach die gleichen Dinge betreffend. Er befragte sie nach dem Retter: ‚Sprach Er wirklich ohne unser Wissen mit einer Frau und das nicht öffentlich? Sollen wir uns ihr nun zuwenden und ihr künftig zuhören? Hat er sie uns vorgezogen?‘

Dann weinte Maria und sagte zu Petrus: ‚Mein Bruder Petrus, was denkst du denn? Denkst du, dass ich mir all dies in meinem Herzen ausgedacht habe oder dass ich über unseren Retter Lügen erzähle?‘

Levi (Matthäus) antwortete und sagte zu Petrus: ‚Petrus, du warst schon immer temperamentvoll. Nun sehe ich, wie du dich gegen diese Frau aufbäumst als wäre sie dein Gegner. Denn wenn der Retter sie als wertvoll erachtete, wieso möchtest du sie dann ablehnen? Der Retter kennt sie sicherlich sehr gut. Das ist der Grund, wieso er sie mehr liebte als uns. Wir sollten uns besser schämen und lieber dafür sorgen, den perfekten Menschen in uns und für uns zu leben, so wie Er es uns aufgetragen hat. Lasst uns das Evangelium predigen und nicht Gesetze aufstellen, die jenseits dessen stehen, die uns der Retter mitgeteilt hat.‘ Danach begonnen sie zu verkünden und zu predigen.“

Nach einem grundsätzlich Konflikt zwischen Männern und Frauen sieht das weniger aus; eher habe ich den Verdacht, dass sich hier die Situation der gnostischen Gemeinden des 2. Jahrhunderts spiegelt, deren neu aufgetauchte Geheimlehren andere christliche Gemeinden nicht als ursprüngliche Worte Jesu anerkennen wollten („Diese Lehre ist sicherlich eine befremdliche Vorstellung“). Die Gnostiker legen also in ihrem angeblichen Evangelium ihre Sichtweise Maria und Levi/Matthäus in den Mund, und die ihrer Gegner Andreas und Petrus. Maria kommt mir zudem nicht mal besonders sympathisch vor; anstatt zu erklären, wieso Jesus nur ihr solche wichtigen Dinge mitgeteilt haben soll, die den anderen Jüngern offenbar ganz fremd sind, reagiert sie passiv-aggressiv und heult. (Okay, ich heule auch schnell mal. Das kann schon passieren. Trotzdem.)

Es sind jedenfalls im Großen und Ganzen zwei Hauptprobleme, die sich bei Frau Taschl-Erber zeigen und die ihren Text so nervig machen:

Erstens, feministische Theologie dieser Art (es wird sicher auch anders geartete feministische Theologie geben, ich will hier mal nicht die feministische Theologie als Ganzes attackieren) geht mit einem bestimmten Anliegen, mit einer vorher beschlossenen Agenda an die Bibel heran. Man liest nicht den Text und überlegt dann, was er einem sagen will, sondern man liest ihn schon mit einer bestimmten Zielvorstellung. Natürlich kann man gar nicht anders, als Texte durch eine bestimmte Brille zu lesen; die Lektüre wird immer auc durch eigene subjektive Erfahrungen gefärbt sein. Aber man sollte sich zumindest bemühen, einen Text an sich erst einmal auf sich wirken zu lassen. Wenn man das nicht tut, schaut man am Ende, wie Andrea Taschl-Erber zuerst darauf, welche Texte einem besser gefallen, und nicht darauf, welche näher am Geschehen sind und damit eher die historische Realität wiedergeben.

Zweitens, hier wird die Bibel nicht als ein heiliger Text behandelt, sondern als etwas, das kritisiert und dekonstruiert werden muss, als ein Teil der großen bösen androzentrischen und patriarchalen Welt. Es ist eben eine, wie Frau Taschl-Erber sagt, „Hermeneutik des Verdachts“, eine grundsätzliche Voreingenommenheit gegenüber den menschlichen (männlichen) Autoren der Heiligen Schrift, unter deren verzerrten Darstellungen sich noch die feministische Wahrheit verbergen soll. Dabei wird ihnen z. T. Frauenfeindlichkeit unterstellt, wo sie einfach nicht da ist. Das soll christliche Theologie sein?

Die Titelfrage beantwortet die Autorin übrigens auf den letzten Seiten noch so nebenher, und auf sehr vorhersehbare Weise: Nach einem erweiterten Apostelbegriff, wie er in der Bibel teilweise verwendet wird, würde sie als „Apostolin“ zählen (und immerhin wurde sie in Antike und Mittelalter auch manchmal tatsächlich als „apostola“ bezeichnet), nach der lukanischen „Verengung“ des Begriffs auf die Zwölf jedoch nicht. Also, das wusste ich auch vorher schon.

 

* Veröffentlicht in: Mercedes Navarro Puerto u. Marinella Perroni [Hrsg.]: Evangelien. Erzählungen und Geschichte (Irmtraud Fischer u. a. [Hrsg.]: Die Bibel und die Frauen. Eine exegetisch-kulturgeschichtliche Enzyklopädie. Neues Testament, Bd. 2.1).

** Frau Taschl-Erber zitiert an einer Stelle einen Vorwurf antiker antichristlicher Polemik, den der christliche Theologe Origines (3. Jh.) in seiner Schrift „Contra Celsum“ zitiert: „Wer hat dies gesehen? Eine wahnsinnige Frau, wie ihr sagt…“