Über schwierige Bibelstellen, Exkurs: Über das Ringen mit Gott (und der Bibel) – Weisheit 12 vs. Genesis 32

Kurz nachdem ich Teil 13 dieser Reihe, über die Landnahme, beendet hatte, bin ich noch auf die folgende Bibelstelle gestoßen, in der es um genau dieses Thema geht, und die mir erst einmal Stoff zum Nachdenken gegeben hat, weshalb ich sie auch meinen Lesern nicht vorenthalten wollte (schließlich will ich hier alle zum Thema gehörenden Argumente möglichst vollständig präsentieren) :

„Denn wer darf sagen: Was hast du getan? Wer vermag sich deinem Urteilsspruch zu widersetzen? Wer könnte dich anklagen wegen des Untergangs von Völkern, die du selbst geschaffen hast? Wer wollte gegen dich auftreten als Anwalt schuldiger Menschen? Denn es gibt keinen Gott außer dir, der für alles Sorge trägt; daher brauchst du nicht zu beweisen, dass du gerecht geurteilt hast. Kein König und kein Herrscher kann dich zur Rede stellen wegen der Menschen, die du gestraft hast. (Weisheit 12,12-14)

Hm, äh, ja.

Bevor jemand fragt, ich nehme Teil 13 nicht zurück.

Ich bin hier schon einmal (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/28/ueber-schwierige-bibelstellen-exkurs-etwas-grundsaetzliches-ueber-gottes-gutheit/) darauf eingegangen, dass ich es für sehr nötig halte, darzulegen, dass der Gott der Bibel ein gerechter Gott ist, und deshalb klarzumachen, wie Stellen über die Landnahme verstanden werden sollten, und wie sie meiner Meinung nach nicht verstanden werden sollten. Von „fundamentalistisch“-christlicher, besonders von calvinistischer, Seite wäre ja gegen solche Rechtfertigungs- und Erklärungsversuch der Einwand möglich, dass wir einfach zu akzeptieren haben, wie Gott sich zeigt, anstatt das und das zu hinterfragen und mit einer unvollständigen Offenbarung, einem historischen Kontext oder einem „das ist nicht wörtlich gemeint“ wegzuerklären – und das Gleiche scheint ja jetzt auf den ersten Blick auch dieser Text aus der Bibel selbst zu sagen.

 

Ich antworte darauf, dass wir zum einen ein vollständiges Bild dessen brauchen, was die Bibel zum Thema „Gott hinterfragen“ sagt. (Zum anderen brauchen wir die Verse im Zusammenhang – aber dazu unten!) Sie enthält nämlich u. a. auch folgende Stellen:

„In derselben Nacht stand er [Jakob] auf, nahm seine beiden Frauen, seine beiden Mägde sowie seine elf Söhne und durchschritt die Furt des Jabbok. Er nahm sie und ließ sie den Fluss überqueren. Dann schaffte er alles hinüber, was ihm sonst noch gehörte. Als nur noch er allein zurückgeblieben war, rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg. Als der Mann sah, dass er ihm nicht beikommen konnte, schlug er ihn aufs Hüftgelenk. Jakobs Hüftgelenk renkte sich aus, als er mit ihm rang. Der Mann sagte: Lass mich los; denn die Morgenröte ist aufgestiegen. Jakob aber entgegnete: Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest. Jener fragte: Wie heißt du? Jakob, antwortete er. Da sprach der Mann: Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel (Gottesstreiter); denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gewonnen. Nun fragte Jakob: Nenne mir doch deinen Namen! Jener entgegnete: Was fragst du mich nach meinem Namen? Dann segnete er ihn dort. Jakob gab dem Ort den Namen Penuël (Gottesgesicht) und sagte: Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und bin doch mit dem Leben davongekommen. Die Sonne schien bereits auf ihn, als er durch Penuël zog; er hinkte an seiner Hüfte. Darum essen die Israeliten den Muskelstrang über dem Hüftgelenk nicht bis auf den heutigen Tag; denn er hat Jakob aufs Hüftgelenk, auf den Hüftmuskel geschlagen.“ (Genesis 32,23-33) Sehr… kryptische Geschichte, nicht wahr?

Der Herr erschien Abraham bei den Eichen von Mamre. Abraham saß zur Zeit der Mittagshitze am Zelteingang. Er blickte auf und sah vor sich drei Männer stehen. Als er sie sah, lief er ihnen vom Zelteingang aus entgegen, warf sich zur Erde nieder und sagte: Mein Herr, wenn ich dein Wohlwollen gefunden habe, geh doch an deinem Knecht nicht vorbei! […] Die Männer erhoben sich von ihrem Platz und schauten gegen Sodom. Abraham wollte mitgehen, um sie zu verabschieden. Da sagte sich der Herr: Soll ich Abraham verheimlichen, was ich vorhabe? Abraham soll doch zu einem großen, mächtigen Volk werden, durch ihn sollen alle Völker der Erde Segen erlangen. Denn ich habe ihn dazu auserwählt, dass er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm aufträgt, den Weg des Herrn einzuhalten und zu tun, was gut und recht ist, damit der Herr seine Zusagen an Abraham erfüllen kann. Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer. Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen. Die Männer wandten sich von dort ab und gingen auf Sodom zu. Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn. Er trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen? Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort? Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten? Da sprach der Herr: Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben. Abraham antwortete und sprach: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin. Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde. Er fuhr fort, zu ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er: Ich werde es der vierzig wegen nicht tun. Und weiter sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig. Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde. Darauf sagte er: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie um der zwanzig willen nicht vernichten. Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten. Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg und Abraham kehrte heim.“ (Genesis 18,1-3.16-33)

„Es war am Ende der vierzig Tage und der vierzig Nächte, als mir der Herr die beiden Steintafeln, die Tafeln des Bundes, übergab und zu mir sagte: Steh auf, steig rasch hinunter, weg von hier; denn dein Volk, das du aus Ägypten geführt hast, läuft ins Verderben. Sie sind rasch von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe. Sie haben sich ein Bildnis gegossen. Weiter sagte der Herr zu mir: Ich habe mir dieses Volk angesehen. Ja, es ist ein halsstarriges Volk. Lass mich, damit ich sie vernichte, ihren Namen unter dem Himmel auslösche und dich zu einem Volk mache, das mächtiger und zahlreicher als dieses ist. Ich wandte mich um und stieg den Berg hinunter. Der Berg stand in Feuer. Ich trug die beiden Tafeln des Bundes auf meinen Armen. Und ich sah, was geschehen war: Ja, ihr hattet euch an dem Herrn, eurem Gott, versündigt, ihr hattet euch ein Kalb gegossen, ihr wart rasch von dem Weg abgewichen, den der Herr euch vorgeschrieben hatte. Ich packte die beiden Tafeln, die ich auf meinen Armen trug, schleuderte sie fort und zerschmetterte sie vor euren Augen. Dann warf ich mich vor dem Herrn nieder. Wie beim ersten Mal blieb ich vierzig Tage und vierzig Nächte vor ihm, aß kein Brot und trank kein Wasser, wegen all der Sünde, die ihr begangen hattet, indem ihr tatet, was in den Augen des Herrn böse ist, sodass ihr ihn erzürntet. Denn ich hatte Angst vor dem glühenden Zorn des Herrn. Er war voll Unwillen gegen euch und wollte euch vernichten. Doch der Herr erhörte mich auch diesmal. (Deuteronomium 9,11-19)

Mit Gott zu streiten, mit Gott zu ringen, mit Gott zu verhandeln, Gott zu hinterfragen, hartnäckig Bitten an Gott zu richten, damit Er etwas anders macht, als Er es ursprünglich geplant hatte… das alles wird in diesen Stellen als gut dargestellt.

 

Vielleicht sehen wir anderswo, wie diese Stellen zusammengebracht werden können.

Da wäre nämlich einerseits das Buch Ijob. Ijob, der schweres Leid ertragen muss, klagt über sein Schicksal, verzweifelt daran. „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, die Nacht, die sprach: Ein Mann ist empfangen. […] Warum starb ich nicht vom Mutterschoß weg, kam ich aus dem Mutterleib und verschied nicht gleich?“ (Ijob 3,3.11) Und er klagt Gott an – Hab ich gefehlt? Was tat ich dir, du Menschenwächter? Warum stellst du mich vor dich als Zielscheibe hin? Bin ich dir denn zur Last geworden?“ (Ijob 7,20) – und bekennt dabei seine eigene Hilflosigkeit vor dem Herrn: „Wie sollte denn ich ihm entgegnen, wie meine Worte gegen ihn wählen? Und wär ich im Recht, ich könnte nichts entgegnen, um Gnade müsste ich bei meinem Richter flehen. Wollte ich rufen, würde er mir Antwort geben? Ich glaube nicht, dass er auf meine Stimme hört. Er, der im Sturm mich niedertritt, ohne Grund meine Wunden mehrt, er lässt mich nicht zu Atem kommen, er sättigt mich mit Bitternis. Geht es um Kraft, er ist der Starke, geht es um Recht, wer lädt mich vor?“ (Ijob 9,14-19) Ich sage zu Gott: Sprich mich nicht schuldig, lass mich wissen, warum du mich befehdest. Nützt es dir, dass du Gewalt verübst, dass du das Werk deiner Hände verwirfst, doch über dem Plan der Frevler aufstrahlst? Hast du die Augen eines Sterblichen, siehst du, wie Menschen sehen? Sind Menschentagen deine Tage gleich und deine Jahre wie des Mannes Tage, dass du Schuld an mir suchst, nach meiner Sünde fahndest, obwohl du weißt, dass ich nicht schuldig bin und keiner mich deiner Hand entreißt?“ (Ijob 10,2-7) Die Freunde Ijobs, die ihn besuchen gekommen sind, sind empört ob solcher Blasphemie und machen sich sofort an die Aufgabe, Gott zu verteidigen: Gott ist gerecht, Ijob muss gesündigt und sich sein Leid verdient haben, da mag er noch so sehr seine Unschuld beteuern. „Wie lange noch willst du derlei reden? Nur heftiger Wind sind die Worte deines Mundes. Beugt etwa Gott das Recht oder beugt der Allmächtige die Gerechtigkeit?“ (Ijob 8,2f.) „O, dass Gott doch selber spräche, seine Lippen öffnete gegen dich. Er würde dich der Weisheit Tiefen lehren, dass sie wie Wunder sind für den klugen Verstand. Wisse, dass Gott dich zur Rechenschaft zieht in deiner Schuld. Die Tiefen Gottes willst du finden, bis zur Vollkommenheit des Allmächtigen vordringen? Höher als der Himmel ist sie, was machst du da? Tiefer als die Unterwelt, was kannst du wissen?“ (Ijob 11,5-8)

Und am Ende schaltet Gott sich tatsächlich selbst ein, als erstes mit zwei langen, an Ijob gerichteten Reden in den Kapiteln 38-41. Zunächst scheint Er ganz im Sinne der Freunde zu sprechen: „Da antwortete der Herr dem Ijob aus dem Wettersturm und sprach: Wer ist es, der den Ratschluss verdunkelt mit Gerede ohne Einsicht? Auf, gürte deine Lenden wie ein Mann: Ich will dich fragen, du belehre mich! Wo warst du, als ich die Erde gegründet? Sag es denn, wenn du Bescheid weißt. Wer setzte ihre Maße? Du weißt es ja. Wer hat die Messschnur über ihr gespannt? […] Mit dem Allmächtigen will der Tadler rechten? Der Gott anklagt, antworte drauf!“ (Ijob 38,1-5; 40,2) „Da antwortete der Herr dem Ijob aus dem Wettersturm und sprach: Auf, gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, du belehre mich! Willst du wirklich mein Recht zerbrechen, mich schuldig sprechen, damit du Recht behältst? Hast du denn einen Arm wie Gott, dröhnst du wie er mit Donnerstimme?“ (Ijob 40,6-9) Allzu zornig wirkt das zwar nicht, aber sehr klar und deutlich.

Aber dann, in Kapitel 42, richtet Er Sein Wort noch an jemand anderen: „Als der Herr diese Worte zu Ijob gesprochen hatte, sagte der Herr zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und deine beiden Gefährten; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Ijob. (Ijob 42,7) Ijob erhält von Gott tatsächlich keine Antwort darauf, wieso er so leiden musste; die einzige Antwort, die er erhält, ist, dass die Antwort zu hoch für ihn wäre und Gott sie schon kennen wird. (Und diese Antwort akzeptiert er; als Gott ihn auffordert, ihm zu antworten, sagt er: „Ich hab erkannt, dass du alles vermagst; kein Vorhaben ist dir verwehrt. Wer ist es, der ohne Einsicht den Rat verdunkelt? So habe ich denn im Unverstand geredet über Dinge, die zu wunderbar für mich und unbegreiflich sind. Hör doch, ich will nun reden, ich will dich fragen, du belehre mich! Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut. Darum widerrufe ich und atme auf, in Staub und Asche. (Ijob 42,2-6)) Aber gleichzeitig wird vom Herrn selber bestätigt, dass Ijob „recht geredet“ hat von Gott, und seine Freunde nicht. Ijob hatte Recht damit, darauf zu bestehen, dass er nichts getan hatte, um sein Leid zu verdienen; und es war schlicht grausam und falsch von den Freunden, ihn überreden zu wollen, eine nicht existierende Schuld anzuerkennen. Ijob war im Recht damit, die Ungerechtigkeit in der Welt und in seinem Leben speziell zu sehen, und Gott direkt anzusprechen und nach Antworten zu suchen, anstatt über Gott apologetische Reden zu halten, um sicherzustellen, dass Er gegenüber einem leidgeprüften Menschen immer noch korrekt dasteht.

Dann gäbe es, in Bezug auf das Bittgebet, auch noch dieses in den Evangelien erzählte Ereignis:

„Darauf kam Jesus mit den Jüngern zu einem Grundstück, das man Getsemani nennt, und sagte zu ihnen: Setzt euch und wartet hier, während ich dort bete. Und er nahm Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus mit sich. Da ergriff ihn Angst und Traurigkeit, und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir! Und er ging ein Stück weiter, warf sich zu Boden und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.(Matthäus 26,36-39)

Ich denke, Weisheit 12 beleuchtet die eine Seite der Wahrheit, und andere oben zitierten Stellen die andere.

  • Es ist gut, unser Verständnis von Gott zu hinterfragen, darum zu ringen, Ihn kennen zu lernen.
  • Es ist gut, zu hinterfragen, was wir für den Willen Gottes in unserem Leben halten.
  • Es ist gut, Bittgebete vor Gott zu bringen.

Aber: Trotzdem wissen wir, dass Gott am Ende Recht behalten wird, dass Er immer vollkommen im Recht ist, und dass wir Gott nicht zu irgendetwas „überreden“ können, das Er eigentlich nicht wollte.

Es ist nicht so, dass Gott ein Gott wäre, der dazu neigt, sich im Zorn für etwas Schlechtes zu entscheiden, aber dann von einem Menschen überzeugt werden müsste/könnte, das doch noch zu lassen, wie es bei einem oberflächlichen Lesen der Abraham-Geschichte in Genesis 18 erscheint. Beim Bittgebet kann man bekanntlich das (scheinbare) logische Problem aufstellen, dass Gott, wenn er möchte, dass etwas geschieht, es mit oder ohne unser Gebet geschehen lassen würde. Dieses Dilemma verkennt einfach die Art, wie Gott Dinge bewirkt, und wie Er dem freien Willen Seiner Geschöpfe Raum lässt. Er verhält sich (unter manchen Umständen) wie Eltern, die manchmal auch warten, bis ihre Kinder von selbst eine Frage stellen oder „Bitte“ sagen (und den Wunsch der Kinder dann entweder erfüllen oder nicht). Gott reagiert also sehr wohl auf unsere Bitten – und zwar unterschiedlich, je nachdem, was gut für uns ist; Jesu Gebet zeigt uns ja, dass man dann am Ende immer noch sagen muss: Aber dein Wille geschehe. Aber das heißt nicht, dass wir Ihn mit unseren Bitten von ungehörigem, ungerechtem Zorn abhalten müssten/könnten/sollten. Es ist gut, Bitten an Gott zu richten, aber im Wissen, dass Er dann nach Seinem besseren Wissen entscheiden wird, was das Beste ist, und mit dem Willen, in jedem Fall Seinen Willen geschehen zu lassen.

Und Ähnliches gilt eben für Ijobs Vorwürfe. Gott ist gerecht. Gott hört auf Ijobs Stimme und sieht sein Leid. Es gibt einen Grund für dieses Leid. Gott ist nicht einfach ein allmächtiger Tyrann, gegen den es keine Berufungsinstanz mehr gibt. Er ist vollkommen gut, und Er hat für alles Seine Gründe.

Und hier kommt wieder Weisheit 12,12-14 ins Spiel: Diese Stelle erinnert uns, gegenüber anderen Texten, in denen Gott sehr vermenschlicht dargestellt wird, dass der Herr eben in entscheidenden Dingen nicht wie ein Mensch ist. Er muss sich nicht rechtfertigen, auch nicht dann, wenn Er Leid zulässt. (Nicht „verursacht“, denn das tut Er nicht. Wichtige Unterscheidung, die im AT oft noch unklar ist.)

Ich denke, dass es sehr wichtig ist, zu fragen, wie genau Gott sich denn zeigt und ob wir das und das denn so und so verstehen können: Zuerst einmal, um keine Widersprüche im Verständnis verschiedener Bibelstellen (die Bibel ist eine dicke Sammlung vieler Schriften, die unterschiedliche Aspekte der Wirklichkeit beleuchten) entstehen zu lassen, dann  aber vor allem, um Gottes Gutheit niemals aus dem Blick geraten zu lassen. Gott ist gut; das ist das Fundament aller Bibelauslegung. Wenn wir dieses Fundament vergessen, könnten wir unsere Religion eigentlich gleich ganz vergessen. Einem nicht absolut guten Gott will ich gar nicht dienen. Und deshalb ist das kritische Hinterfragen unseres Verständnisses von Gott sehr wohl nötig. Wenn ungerechtfertigte Vorwürfe gegen unseren Gott vorgebracht werden, wollen wir ja schließlich die Wahrheit kennen und verteidigen, anstatt uns zu zwingen, ein verzerrtes Gottesbild zu akzeptieren.

 

Ach ja, und man sollte auch noch hinzufügen, dass es in den oben zitierten Versen aus Weisheit 12 sowieso eher darum geht, wieso Gott die Kanaaniter erst gar nicht und dann bloß nach und nach gestraft hat, anstatt gleich ordentlich durchzugreifen:

„Denn in allem ist dein unvergänglicher Geist. Darum bestrafst du die Sünder nur nach und nach; du mahnst sie und erinnerst sie an ihre Sünden, damit sie sich von der Schlechtigkeit abwenden und an dich glauben, Herr. Du hast auch die früheren Bewohner deines heiligen Landes gehasst, weil sie abscheuliche Verbrechen verübten, Zauberkünste und unheilige Festbräuche; sie waren erbarmungslose Kindermörder und verzehrten beim Opfermahl Menschenfleisch und Menschenblut. Darum beschlossest du, mitten im Gelage die Teilnehmer und deren Eltern, die mit eigener Hand hilflose Wesen töteten, durch die Hände unserer Väter zu vernichten; denn das Land, das dir vor allen anderen teuer ist, sollte eine seiner würdige Bevölkerung von Gotteskindern erhalten. Doch selbst mit jenen gingst du schonend um, weil sie Menschen waren; du sandtest deinem Heer Hornissen voraus, um sie nach und nach zu vernichten. Obgleich du die Macht hattest, in einer Schlacht die Frevler den Gerechten in die Hand zu geben oder sie durch wilde Tiere oder ein unerbittliches Wort mit einem Schlag auszurotten, vollzogst du doch erst nach und nach die Strafe und ließest so Zeit für die Umkehr. Dabei wusstest du genau, dass ihr Ursprung böse und ihre Schlechtigkeit angeboren war und dass sich ihr Denken in Ewigkeit nicht ändern werde; sie waren schon von Anfang an ein verfluchter Stamm. Keine Furcht vor irgendjemand hat dich dazu bestimmt, sie für ihre Sünden ohne Strafe zu lassen. Denn wer darf sagen: Was hast du getan? Wer vermag sich deinem Urteilsspruch zu widersetzen? Wer könnte dich anklagen wegen des Untergangs von Völkern, die du selbst geschaffen hast? Wer wollte gegen dich auftreten als Anwalt schuldiger Menschen? Denn es gibt keinen Gott außer dir, der für alles Sorge trägt; daher brauchst du nicht zu beweisen, dass du gerecht geurteilt hast. Kein König und kein Herrscher kann dich zur Rede stellen wegen der Menschen, die du gestraft hast. Gerecht, wie du bist, verwaltest du das All gerecht und hältst es für unvereinbar mit deiner Macht, den zu verurteilen, der keine Strafe verdient. Deine Stärke ist die Grundlage deiner Gerechtigkeit und deine Herrschaft über alles lässt dich gegen alles Nachsicht üben. Stärke beweist du, wenn man an deine unbeschränkte Macht nicht glaubt, und bei denen, die sie kennen, strafst du die trotzige Auflehnung. Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde und behandelst uns mit großer Nachsicht; denn die Macht steht dir zur Verfügung, wann immer du willst. Durch solches Handeln hast du dein Volk gelehrt, dass der Gerechte menschenfreundlich sein muss, und hast deinen Söhnen die Hoffnung geschenkt, dass du den Sündern die Umkehr gewährst. Du hast die Feinde deiner Kinder, auch wenn sie den Tod verdienten, sehr nachsichtig und nur nach und nach gestraft und ihnen Zeit und Möglichkeit gegeben, sich von ihrer Schlechtigkeit abzuwenden.“ (Weisheit 12,1-20)

Sprich, Gott hat sich mit der Bestrafung der Kanaaniter nicht deshalb Zeit gelassen, weil es irgendjemanden (z. B. andere Götter) gegeben hätte, der sich Ihm hätte entgegenstellen könnten, wenn Er diese Völker auf einmal hätte völlig vernichten wollen, sondern weil Er selber nachsichtig sein wollte. Also ist die Aussage hier eher „Unser Gott ist sehr wohl allmächtig, Er könnte euch vernichten, wenn Er wollte, aber Er ist eben auch gnädig!“, und weniger „Unser Gott kann machen, was Er will, Er braucht sich vor niemandem zu rechtfertigen!“.

 

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Über schwierige Bibelstellen, Teil 14: Die Opferung Isaaks

In diesem Teil wage ich mich mal an die für mich schwierigste Stelle im AT: Genesis 22. Hier der vollständige Text:

„Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar. Frühmorgens stand Abraham auf, sattelte seinen Esel, holte seine beiden Jungknechte und seinen Sohn Isaak, spaltete Holz zum Opfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den ihm Gott genannt hatte. Als Abraham am dritten Tag aufblickte, sah er den Ort von weitem. Da sagte Abraham zu seinen Jungknechten: Bleibt mit dem Esel hier! Ich will mit dem Knaben hingehen und anbeten; dann kommen wir zu euch zurück. Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. So gingen beide miteinander. Nach einer Weile sagte Isaak zu seinem Vater Abraham: Vater! Er antwortete: Ja, mein Sohn! Dann sagte Isaak: Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer? Abraham entgegnete: Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn. Und beide gingen miteinander weiter. Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Jener sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten. Als Abraham aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar. Abraham nannte jenen Ort Jahwe-Jire (Der Herr sieht), wie man noch heute sagt: Auf dem Berg lässt sich der Herr sehen. Der Engel des Herrn rief Abraham zum zweiten Mal vom Himmel her zu und sprach: Ich habe bei mir geschworen – Spruch des Herrn: Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand. Deine Nachkommen sollen das Tor ihrer Feinde einnehmen. Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast. Darauf kehrte Abraham zu seinen Jungknechten zurück. Sie machten sich auf und gingen miteinander nach Beerscheba. Abraham blieb in Beerscheba wohnen.“ (Genesis 22,1-19)

Datei:Michelangelo Caravaggio 022.jpg

(Caravaggio, Die Opferung Isaaks, Quelle: Wikimedia Commons)

Ich denke, ich habe im letzten Teil deutlich gemacht, dass ich nicht der Meinung bin, dass man, wenn man meint, eine göttliche Stimme zu hören, die einem befiehlt, jemanden umzubringen, dieser gehorchen sollte, und zwar, weil ich nicht der Meinung bin, dass es sich dann um die wahre Stimme Gottes handeln wird. Aber genau hier sehen wir, wie Abraham dafür gepriesen wird, dass er zu einer solchen Tat bereit gewesen wäre, also… was machen wir daraus? Ja, Gott verhindert das Menschenopfer am Ende, aber das macht die Tatsache nicht ungeschehen, dass Abrahams grundsätzliche Bereitschaft dazu als vorbildlich hingestellt wird. Und Gott selbst erscheint hier als irgendwie grausam; als betreibt Er Psychospielchen mit einem Vater und dessen Kind. Bist du bereit, dein geliebtes Kind umzubringen, wenn ich es dir sage?

Diese Stelle ist auch im Kontext der Bibel seltsam. Die späteren Gesetze und die Geschichte der Israeliten ebenso wie Aussprüche der Propheten machen es ja mehr als deutlich, dass der Gott Israels eben keine Kinderopfer verlangt:

  • Wenn du dem Herrn, deinem Gott, dienst, sollst du nicht das Gleiche tun wie sie [die Kanaaniter]; denn sie haben, wenn sie ihren Göttern dienten, alle Gräuel begangen, die der Herr hasst. Sie haben sogar ihre Söhne und Töchter im Feuer verbrannt, wenn sie ihren Göttern dienten.“ (Deuteronomium 12,31)
  • „Der Herr sprach zu Mose: Sag zu den Israeliten: Jeder Mann unter den Israeliten oder unter den Fremden in Israel, der eines seiner Kinder dem Moloch gibt, wird mit dem Tod bestraft. Die Bürger des Landes sollen ihn steinigen. Ich richte mein Angesicht gegen einen solchen und merze ihn aus seinem Volk aus, weil er eines seiner Kinder dem Moloch gegeben, dadurch mein Heiligtum verunreinigt und meinen heiligen Namen entweiht hat. Falls die Bürger des Landes ihre Augen diesem Mann gegenüber verschließen, wenn er eines seiner Kinder dem Moloch gibt, und ihn nicht töten, so richte ich mein Angesicht gegen ihn und seine Sippe und merze sie aus der Mitte ihres Volkes aus, ihn und alle, die sich mit ihm dem Molochdienst hingeben.“ (Levitikus 20,1-5)
  • „Von deinen Nachkommen darfst du keinen für Moloch darbringen. Du darfst den Namen deines Gottes nicht entweihen. Ich bin der Herr.“ (Levitikus 18,21)
  • „Wenn du in das Land hineinziehst, das der Herr, dein Gott, dir gibt, sollst du nicht lernen, die Gräuel dieser Völker nachzuahmen. Es soll bei dir keinen geben, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt, keinen, der Losorakel befragt, Wolken deutet, aus dem Becher weissagt, zaubert, Gebetsbeschwörungen hersagt oder Totengeister befragt, keinen Hellseher, keinen, der Verstorbene um Rat fragt.“ (Deuteronomium 18,9-11)
  • „Er [König Manasse von Juda] ließ seinen Sohn durch das Feuer gehen, trieb Zauberei und Wahrsagerei, bestellte Totenbeschwörer und Zeichendeuter. So tat er vieles, was dem Herrn missfiel und ihn erzürnte.“ (2 Könige 21,6)
  • „Ebenso machte er [König Joschija von Juda] das Tofet [Kultstätte] im Tal der Söhne Hinnoms unrein, damit niemand mehr seinen Sohn oder seine Tochter für den Moloch durch das Feuer gehen ließ.“ (2 Könige 23,10)
  • „Dann geh hinaus zum Tal Ben-Hinnom am Eingang des Scherbentors! Dort verkünde die Worte, die ich dir sage. Du sollst sagen: Hört das Wort des Herrn, ihr Könige und ihr Einwohner Jerusalems! So spricht der Herr der Heere, der Gott Israels: Seht, ich bringe solches Unheil über diesen Ort, dass jedem, der davon hört, die Ohren gellen. Denn sie haben mich verlassen, mir diesen Ort entfremdet und an ihm anderen Göttern geopfert, die ihnen, ihren Vätern und den Königen von Juda früher unbekannt waren. Mit dem Blut Unschuldiger haben sie diesen Ort angefüllt. Sie haben dem Baal eine Kulthöhe gebaut, um ihre Söhne als Brandopfer für den Baal im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen oder angeordnet habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist. (Jeremia 19,2-5)
  • „Auch haben sie die Kulthöhe des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und Töchter im Feuer zu verbrennen, was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist. (Jeremia 7,31)
  • „Womit soll ich vor den Herrn treten, wie mich beugen vor dem Gott in der Höhe? Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern? Hat der Herr Gefallen an Tausenden von Widdern, an zehntausend Bächen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen hingeben für meine Vergehen, die Frucht meines Leibes für meine Sünde? Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott. (Micha 6,6-8)
  • „Du [Gott] hast auch die früheren Bewohner deines heiligen Landes gehasst, weil sie abscheuliche Verbrechen verübten, Zauberkünste und unheilige Festbräuche; sie waren erbarmungslose Kindermörder und verzehrten beim Opfermahl Menschenfleisch und Menschenblut. Darum beschlossest du, mitten im Gelage die Teilnehmer und deren Eltern, die mit eigener Hand hilflose Wesen töteten, durch die Hände unserer Väter zu vernichten; denn das Land, das dir vor allen anderen teuer ist, sollte eine seiner würdige Bevölkerung von Gotteskindern erhalten. Doch selbst mit jenen gingst du schonend um, weil sie Menschen waren; du sandtest deinem Heer Hornissen voraus, um sie nach und nach zu vernichten.“ (Weisheit 12,3-8)

(Eine Darstellung des Moloch-Götzenbildes aus dem 18. Jahrhundert (aus: Johann Lund, Die Alten Jüdischen Heiligthümer); Quelle: Wikimedia Commons)

Wenn aber Gott Kinderopfer als etwas bezeichnet, „was ich nie befohlen habe und was mir niemals in den Sinn gekommen ist“ (Jeremia 7,31; ähnlich 19,5), und ausdrücklich verneint, dass man seinen „Erstgeborenen hingeben [soll] für meine Vergehen“ (Micha 6,7), was ist denn dann mit der Anweisung in Genesis 22,2, „Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar“? Eine Ausnahme? Oder was?

Es gibt auch hier verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Eine ist die Standardvariante „Das ist eben das Alte Testament“, die ich in den letzten Teilen dieser Reihe schon großzügig angewandt habe: Abraham hat zwar gemeint, er sollte seinen Sohn opfern, aber so war das gar nicht, und die Moral von der Geschichte ist vor allem, dass sich am Ende herausstellt, dass Abrahams Gott eben nicht so ist wie die anderen Götter: Von jetzt an also nix Menschenopfer mehr. Abraham wird zwar schon dafür gepriesen, dass er bereit war, alles zu tun, von dem er meinte, dass Gott es von ihm verlangt, aber tatsächlich können wir aus der späteren Offenbarungsgeschichte – s. o. – wissen, dass Gott dieses Opfer nicht wirklich von ihm verlangt haben muss. Es ist auch lobenswert, einem irrenden Gewissen zu gehorchen, das sagt diese Geschichte auch, aber Abrahams Gewissen irrte hier, und Gott machte ihm klar, dass er den Tod des Sohnes nicht will. Das ist eben das Alte Testament, und diese Geschichte zeigt noch ein unvollständig entwickeltes Gottesbild, das nicht 1:1 der späteren, deutlicheren Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus entspricht.

Vielleicht hat das ja eh alles gar nicht so stattgefunden und ist bloß eine symbolische Geschichte. (Es wäre hier natürlich hilfreich, wenn man wüsste, in welcher Zeit diese Geschichte erstmals aufgeschrieben wurde, um mehr darüber sagen zu können, wie historisch oder nicht-historisch sie ist.)

Eine andere Interpretation ist, dass Abraham vielleicht von Anfang an darauf vertraute, dass Gott es am Ende nicht so weit kommen lassen würde, dass das Opfer wirklich durchgezogen würde. Bereits vorher hatte der Herr ihm Isaaks Geburt und eine große Zahl von Nachkommen durch ihn vorausgesagt; wenn Abraham also diesen Versprechen weiterhin vertrauen wollte, musste er praktisch davon ausgehen, dass Isaak am Leben bleiben (oder gegebenenfalls sogar von den Toten zurückkehren) würde. Man kann seine Worte an die Knechte – „dann kommen wir zu euch zurück“ (Genesis 22,5) – und seine Worte an Isaak – „Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn“ (Genesis 22,8) – als Lüge und Ausweichen deuten, wenn man möchte, aber man könnte sie ebenso auch als Ausdruck seines Vertrauens interpretieren, dass Gott sich tatsächlich ein anderes Opferlamm aussuchen und er tatsächlich gemeinsam mit dem lebenden Isaak zurückkehren würde. Andererseits ergibt sich hier wieder ein potentieller Konflikt mit Vers 16: „Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast…“. Dieses Lob an Abraham scheint eine reale Bereitschaft, seinen Sohn zu töten, vorauszusetzen. Oder vielleicht doch nicht? Setzt dieser Vers nur die Bereitschaft voraus, einem scheinbar widersinnigen und brutalen Befehl Gottes nachzukommen, also mit Isaak zur Opferstätte zu gehen und darauf zu vertrauen, dass sich am Ende doch alles zum Guten wenden würde, ohne dass irgendjemand getötet werden würde? Schwer zu sagen; diese Deutung ist eine mögliche Deutung. Ein paar Verse aus dem Hebräerbrief würden sie stützen: „Aufgrund des Glaubens brachte Abraham den Isaak dar, als er auf die Probe gestellt wurde, und gab den einzigen Sohn dahin, er, der die Verheißungen empfangen hatte und zu dem gesagt worden war: Durch Isaak wirst du Nachkommen haben. Er verließ sich darauf, dass Gott sogar die Macht hat, Tote zum Leben zu erwecken; darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild.“ (Hebräer 11,17-19) Allerdings hat sie auch noch eine andere, bedeutendere Schwäche: Abraham erscheint hier zwar in positiverem Licht, aber Gott nicht so wirklich. Er gibt ja trotzdem diesen Befehl und stürzt Vater und Sohn damit in Schmerz und Verwirrung.

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(Rembrandt, Der Engel verhindert die Opferung Isaaks, Quelle: Wikimedia Commons. Bei diesem Bild muss ich mir immer denken: Pass auf! Das Messer fällt auf seinen Oberschenkel! Du sollst ihn nicht umbringen! Und dann denke ich mir wieder, wie aufwühlend und unglaublich gut getroffen die Darstellung Isaaks hier eigentlich ist – das verkrampfte Stillhalten, die Hilflosigkeit, das Ausgeliefertsein.)

Es hilft vielleicht auch, diese Geschichte dahingehend anzusehen, was sie in Bezug auf Jesus vorausdeutet (da ja sehr viele alttestamentliche Texte offene oder verborgene Vorausdeutungen auf den Messias enthalten). Gott verlangte am Ende nicht von einem Menschen, seinen Sohn zu opfern; stattdessen stieg Gottes Sohn später selbst freiwillig auf die Erde herab, um sich für die Menschen zu opfern. Der Berg Morija wird übrigens in 2 Chronik 3,1 mit dem Tempelberg in Jerusalem identifiziert, der Stadt, in der Jesus gekreuzigt wurde.

Diese Perspektive auf Jesus lässt sich mit Interpretation Nummer eins verbinden: Im Alten Testament meinte Abraham, er müsste seinen Sohn opfern, und wurde für seine Bereitschaft und seinen Glauben gelobt, auch wenn Gott ihn das Opfer nicht durchziehen ließ, aber im Neuen Testament opfert sich Gottes Sohn selbst, und damit wird klar, wo das Gottesverständnis in Genesis 22 vielleicht noch fehlerhaft und unvollständig war.

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(Rembrandt, Aufrichtung des Kreuzes, Quelle: Wikimedia Commons)

Bei dieser ganzen Geschichte komme ich natürlich nicht umhin, an Isaaks Perspektive zu denken. Es ist extrem frustrierend, wie wenig man darüber erfährt – eigentlich gar nichts; weder darüber, was er tat oder dachte, als er merkte, was genau sein Vater vorhatte, noch darüber, wie sein Verhältnis zu Abraham später aussah.

Jüdische Traditionen sehen Isaak in dieser Episode schon als Erwachsenen (bei Flavius Josephus ist er fünfundzwanzig Jahre alt, im Talmud sogar siebenunddreißig). Wenn man sich dann Abraham als alten, nicht mehr besonders kräftigen Mann vorstellt, bietet sich die von manchen vertretene Interpretation an, dass Isaak sich, aus ebenso festem Glauben wie sein Vater, freiwillig der Opferung unterworfen hätte, anstatt sich zu wehren, was ihm wahrscheinlich hätte gelingen können. Aber dazu bietet die Bibel selbst wenige Informationen. Die Einheitsübersetzung bezeichnet Isaak als „Knaben“; ich kenne den Urtext nicht und kann daher nicht beurteilen, ob das verwendete hebräische Wort ein Kind bezeichnen muss oder auch einen schon erwachsenen Sohn meinen kann.

Die Frage, ob Isaak sich wehrte oder ob er sich freiwillig dem, was er auch als den Willen Gottes sah, unterwarf, ist aber eigentlich bloße Spekulation, denn die Stelle – und das hat mich an ihr immer gestört – fokussiert sich einfach ausschließlich auf Abraham: Er hat einen starken Glauben, er ist bereit, sein Liebstes zu opfern. Hallo?! Hier geht es um seinen Sohn, nicht um sein neues Kamel! Ein Kind ist doch kein Besitzstück!

Tatsächlich muss man im Hinterkopf behalten, dass Kinder damals oft genau so gesehen wurden – na ja, vielleicht nicht ganz so, aber das damalige Verständnis ging doch in die Richtung davon, Kinder als Besitztümer ihrer Eltern zu betrachten, oder zumindest dahin, die Zusammengehörigkeit der Familie und die Autorität des Vaters sehr zu betonen. Man sieht das auch an anderen Stellen der Bibel: „Du sollst keinen Vertrag mit ihnen [den Kanaanitern] schließen, sie nicht verschonen und dich nicht mit ihnen verschwägern. Deine Tochter gib nicht seinem Sohn und nimm seine Tochter nicht für deinen Sohn!“ (Deuteronomium 7,2f.) Über Kinder wird hier gesprochen wie über Tauschgüter, die bei Eheschließungen gar nicht erst gefragt werden müssen. In Ezechiel 18, wo vom Propheten über die ganze Länge des Kapitels hin dargelegt wird, wieso Kinder von Gott nicht für die Sünden ihrer Eltern bestraft werden, heißt es an einer Stelle: „Ihr aber fragt: Warum trägt der Sohn nicht mit an der Schuld seines Vaters?“ (Ezechiel 18,19) Es war das allgemeine Verständnis, dass Kinder an den Missetaten ihrer Eltern und Vorfahren mitzutragen hatten; dass ein Mensch zuallererst ein mitverantwortliches Mitglied einer größeren Gemeinschaft war und dann erst eine Einzelperson. (Und in Stellen wie Ezechiel 18 korrigierte Gott dieses Verständnis auch mal ausdrücklich.) Die damalige Welt hätte keine so großen Probleme mit dem Fokus auf Abraham und seiner Autorität über Isaak gehabt; sogar Isaak selbst hätte sich wahrscheinlich weniger als Individuum mit eigenen Rechten und mehr als der Sohn seines Vaters, der unter dessen Autorität stand, gesehen. Wir haben jetzt zum Glück ein anderes Verständnis von Gemeinschaft, Familie und Individuum. (Vielleicht waren die Fehler in diesem alten, die Familie überbewertenden Verständnis sogar einer der Gründe für Jesu Vorbehalte ihr gegenüber (Matthäus 10,35-37; Matthäus 12,46-50; Lukas 11,27f.)?) Aber dieses damalige Vorverständnis spielt natürlich in diesen Text mit hinein und muss in Betracht gezogen werden, wenn man ihn liest; daher ist es kein Wunder, dass wir nicht viel über Isaaks Sicht der Dinge erfahren, auch wenn es ärgerlich ist, und dass Abrahams Sohn hauptsächlich als Abrahams wertvollstes Besitztum, als Abrahams Garantie für eine Zukunft seines Namens gesehen wurde, nicht so sehr als eigenständige Person. (Diese Tatsache ist allerdings ganz interessant, wenn man die Geschichte auf Jesus hin deutet: Denn Gott Vater und Gott Sohn sind ja, anders als Abraham und Isaak, tatsächlich ein Wesen, nicht zwei verschiedene.)

Ich habe oben auf die wichtige Perspektive auf Jesu Kreuzesopfer hingewiesen und zwei verschiedene Interpretationsmöglichkeiten vorgestellt: Die Das-ist-Altes-Testament-/Das-ist-nur-symbolisch-gemeint-Variante und die Variante, dass Abraham auf eine zufrieden stellende Lösung ohne Tote vertraute. Natürlich gibt es aber auch die simple Interpretation, dass Gott ganz einfach von Abraham verlangte, Isaak zu töten, Abraham ganz einfach bereit war, das zu tun, und Gott dann zum Glück noch rechtzeitig Stopp rief, weil Er das ja eigentlich gar nicht wirklich wollte. Diese Interpretation beruht auf der Annahme, dass Gott an sich ja das Recht habe, dass Leben seiner Geschöpfe zu beenden (was normalerweise durch indirekte Ursachen wie Krankheiten und Unfälle geschieht; zu den Themen Gottes Wille, Schicksal, Gottes Strafen, und Tod verweise ich wieder einmal auf die Teile 8, 9 und 10: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-8-ich-aber-will-das-herz-des-pharao-verhaerten/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/03/14/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-9-gericht-verdammnis-und-was-war-so-schlimm-an-goetzendienst/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/03/29/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-10-bestrafung-fuer-die-suenden-der-eltern-ueber-die-erbsuende-und-aehnliches/) und dieses Recht damit theoretisch auch delegieren könnte.

Dabei dürfte man allerdings – siehe Teil 10 – nicht vergessen, dass der Tod ja eigentlich nicht zu Gottes ursprünglichem Plan für die Welt gehört, und damit wohl unter die Dinge fallen müsste, die Er nur zulässt, nicht aber direkt selbst verursacht oder befiehlt. Das stellt diese Interpretation vor eine bedeutende Schwierigkeit. Würde Gott jemals direkt den Tod irgendeines Seiner Geschöpfe befehlen, ob es jetzt um Isaak oder um die Kanaaniter zur Zeit der Landnahme geht? Er liebt sie doch. „Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden.“ (Weisheit 1,13)

Mir erscheint diese dritte Interpretationsmöglichkeit aus den hier und in Teil 13 (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/08/02/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-13-die-landnahme/) dargelegten Gründen jedenfalls nicht sinnvoll; ich neige daher eher der ersten dargelegten Erklärungsmöglichkeit zu.

Alle Varianten sind sich darin einig, dass eine der Aussagen dieser Bibelstelle darin besteht, dass sich hier zeigt, dass Gott eben keine Menschenopfer will – und so etwas dann wohl auch in Zukunft nie mehr verlangen wird (eine Geschichte wie die mit Abraham kommt später nirgends mehr in der Bibel vor; ab da ist ja allen klar, was Gottes Wille dahingehend ist*). Ich hoffe, eine dieser Interpretationen stellt jeden Leser zufrieden. Das hier ist vielleicht, einfach durch die Berühmtheit und Bedeutung, die sie im Lauf der Geschichte des Christentums erlangt hat, eine noch schwierigere Stelle als die Landnahme-Erzählungen. Sie gehört ja zu den Stellen, die man schon in der Grundschule lernt. Und sie provoziert dann für gewöhnlich viele Fragen bei den Grundschulkindern – auf die man eben Antworten geben muss.

Hier übrigens noch ein weiterer Artikel zu diesem Thema, der die Probleme mit Interpretation Nummer drei herausstellt: https://brianzahnd.com/2013/04/god-and-genocide/, und ein Wikipedia-Artikel, der verschiedene Interpretationen jüdischer, hauptsächlich mittelalterlicher Kommentatoren vorstellt, wenn auch leider offenbar ohne ausreichende Fußnoten: https://en.wikipedia.org/wiki/Binding_of_Isaac#Jewish_views Ein wunderbares Beispiel dafür, dass die Nehmen-wir-das-mal-lieber-nicht-so-wörtlich-sonst-wirkt-Gott-irgendwie-brutal-Herangehensweise an die Bibel nichts ist, was sich erst die bösen Modernisten ausgedacht hätten!

Wenn jemand noch weitere hilfreiche Gedanken zu Genesis 22 hat, sind sie immer willkommen.

 

* Die Geschichte mit Jiftach dem Gileaditer in Richter 11 ist ganz anders als die mit Abraham; hier wird eindeutig klar, dass Jiftach, der in einer Zeit lebt, als Israel schon von einigen heidnischen Bräuchen beeinflusst und moralisch nicht in bestem Zustand ist (vgl. z. B. auch das nicht allzu vorbildliche Leben Simsons in Richter 13-16), falsch handelt. Nirgendwo wird  dort gesagt, dass Gott ein Menschenopfer von Jiftach verlangt hätte. Hier kommt ganz einfach Regel Nummer 12 ins Spiel: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was die Bibel lehrt. Man muss nicht alles gut finden, was die Patriarchen oder die Propheten oder die Könige der Bibel taten. Nicht alles, was die Personen in der Bibel tun, auch nicht alles, was die „guten“ Personen in der Bibel tun, nicht einmal alles, was die guten Personen in der Bibel aus guten Motiven tun, ist von Gott als Vorbild für uns gedacht. Im Grunde genommen besteht kein Unterschied zwischen Jiftach aus Richter 11 und Manasse aus 2 Könige 21,6 (s. o.).

 

Über schwierige Bibelstellen, Teil 13: Die Landnahme

Ich denke, dass für die Landnahme (für mich früher das größte Problem im Alten Testament – vielleicht abgesehen von Genesis 22) im Grunde genommen dasselbe Prinzip gilt wie für Teile der Tora – soll heißen, Regel Nummer 16 (das Alte Testament muss immer im Licht des Neuen interpretiert werden, weil Jesus das Wort Gottes ist, Gottes eigentliche Selbstoffenbarung an uns). Hier geht es um Stellen wie die folgenden:

  • Halte dich an das, was ich dir heute auftrage. Ich werde die Amoriter, Kanaaniter, Hetiter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter vor dir vertreiben. Du hüte dich aber, mit den Bewohnern des Landes, in das du kommst, einen Bund zu schließen; sie könnten dir sonst, wenn sie in deiner Mitte leben, zu einer Falle werden. Ihre Altäre sollt ihr vielmehr niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre Kultpfähle umhauen. Du darfst dich nicht vor einem andern Gott niederwerfen. Denn Jahwe trägt den Namen ‚der Eifersüchtige’; ein eifersüchtiger Gott ist er.“ (Exodus 34,11-14)
  • Ihr sollt euch nicht durch all das verunreinigen; denn durch all das haben sich die Völker verunreinigt, die ich vor euch vertrieben habe. Das Land wurde unrein, ich habe an ihm seine Schuld geahndet und das Land hat seine Bewohner ausgespien.“ (Levitikus 18,24f.)
  • Er [Mose] sagte:Der Herr, unser Gott, hat am Horeb zu uns gesagt: Ihr habt euch lange genug an diesem Berg aufgehalten. Nun wendet euch dem Bergland der Amoriter zu, brecht auf und zieht hinauf! Zieht aus gegen alle seine Bewohner in der Araba, auf dem Gebirge, in der Schefela, im Negeb und an der Meeresküste! Zieht in das Land der Kanaaniter und in das Gebiet des Libanon, bis an den großen Strom, den Eufrat! Hiermit liefere ich euch das Land aus. Zieht hinein und nehmt es in Besitz, das Land, von dem ihr wisst: Der Herr hat euren Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es ihnen und später ihren Nachkommen zu geben. (Deuteronomium 1,5-8)

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(James Tissot, Moses sees the Promised Land from afar, Quelle: Wikimedia Commons)

  • Da habe ich zu euch gesagt: Ihr dürft nicht vor ihnen zurückweichen und dürft euch nicht vor ihnen fürchten.Der Herr, euer Gott, der euch vorangeht, wird für euch kämpfen, genau so, wie er vor euren Augen in Ägypten auf eurer Seite gekämpft hat.“ (Deuteronomium 1,29f.)
  • Weil er [Gott] deine Väter lieb gewonnen hatte, hat er alle Nachkommen eines jeden von ihnen erwählt und dich [Israel] dann in eigener Person durch seine große Kraft aus Ägypten geführt,um bei deinem Angriff Völker zu vertreiben, die größer und mächtiger sind als du, um dich in ihr Land zu führen und es dir als Erbbesitz zu geben, wie es jetzt geschieht.“ (Deuteronomium 4,37f.)
  • Wenn der Herr, dein Gott, dich in das Land geführt hat, in das du jetzt hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen, wenn er dir viele Völker aus dem Weg räumt – Hetiter, Girgaschiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter, sieben Völker, die zahlreicher und mächtiger sind als du -,wenn der Herr, dein Gott, sie dir ausliefert und du sie schlägst, dann sollst du sie der Vernichtung weihen. Du sollst keinen Vertrag mit ihnen schließen, sie nicht verschonen und dich nicht mit ihnen verschwägern. Deine Tochter gib nicht seinem Sohn und nimm seine Tochter nicht für deinen Sohn! Wenn er deinen Sohn verleitet, mir nicht mehr nachzufolgen, und sie dann anderen Göttern dienen, wird der Zorn des Herrn gegen euch entbrennen und wird dich unverzüglich vernichten. So sollt ihr gegen sie vorgehen: Ihr sollt ihre Altäre niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre Kultpfähle umhauen und ihre Götterbilder im Feuer verbrennen. […] Du wirst alle Völker verzehren, die der Herr, dein Gott, für dich bestimmt. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihnen aufsteigen lassen. Und du sollst ihren Göttern nicht dienen; denn dann liefest du in eine Falle.“ (Deuteronomium 7,1-5.16)
  • Wenn ihr auf dieses ganze Gebot, auf das ich euch heute verpflichte, genau achtet und es haltet, wenn ihr den Herrn, euren Gott, liebt, auf allen seinen Wegen geht und euch an ihm fest haltet,dann wird der Herr alle diese Völker vor euch vertreiben und ihr werdet den Besitz von Völkern übernehmen, die größer und mächtiger sind als ihr. Jede Stelle, die euer Fuß berührt, soll euch gehören, von der Wüste an. Dazu soll der Libanon euer Gebiet sein, vom Strom, dem Eufrat, bis zum Meer im Westen. Keiner wird eurem Angriff standhalten können. Dem ganzen Land, das ihr betretet, wird der Herr, euer Gott, Schrecken und Furcht vor euch ins Gesicht zeichnen, wie er es euch zugesagt hat. (Deuteronomium 11,22-25)
  • Denk daran, was Amalek dir unterwegs angetan hat, als ihr aus Ägypten zogt:wie er unterwegs auf dich stieß und, als du müde und matt warst, ohne jede Gottesfurcht alle erschöpften Nachzügler von hinten niedermachte. Wenn der Herr, dein Gott, dir von allen deinen Feinden ringsum Ruhe verschafft hat in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, damit du es in Besitz nimmst, dann lösche die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel aus! Du sollst nicht vergessen. (Deuteronomium 25,17-19)
  • Nachdem Mose, der Knecht des Herrn, gestorben war, sagte der Herr zu Josua, dem Sohn Nuns, dem Diener des Mose:Mein Knecht Mose ist gestorben. Mach dich also auf den Weg und zieh über den Jordan hier mit diesem ganzen Volk in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, geben werde. Jeden Ort, den euer Fuß betreten wird, gebe ich euch, wie ich es Mose versprochen habe. Euer Gebiet soll von der Steppe und vom Libanon an bis zum großen Strom, zum Eufrat, reichen – das ist das ganze Land der Hetiter – und bis hin zum großen Meer, wo die Sonne untergeht. Niemand wird dir Widerstand leisten können, solange du lebst. Wie ich mit Mose war, will ich auch mit dir sein. Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Sei mutig und stark! Denn du sollst diesem Volk das Land zum Besitz geben, von dem du weißt: Ich habe ihren Vätern geschworen, es ihnen zu geben.“ (Josua 1,1-6)
  • Und hier sind wir auch schon bei meiner Lieblingsgeschichte (*räusper*) aus dem AT, der Eroberung Jerichos, zu Beginn der Landnahme jenseits des Jordan durch Josua: Als die Priester beim siebten Mal die Hörner bliesen, sagte Josua zum Volk: Erhebt das Kriegsgeschrei! Denn der Herr hat die Stadt in eure Gewalt gegeben.Die Stadt mit allem, was in ihr ist, soll zu Ehren des Herrn dem Untergang geweiht sein. Nur die Dirne Rahab und alle, die bei ihr im Haus sind, sollen am Leben bleiben, weil sie die Boten versteckt hat, die wir ausgeschickt hatten. Hütet euch aber davor, von dem, was dem Untergang geweiht ist, etwas zu begehren und wegzunehmen; sonst weiht ihr das Lager Israels dem Untergang und stürzt es ins Unglück. Alles Gold und Silber und die Geräte aus Bronze und Eisen sollen dem Herrn geweiht sein und in den Schatz des Herrn kommen. Darauf erhob das Volk das Kriegsgeschrei und die Widderhörner wurden geblasen. Als das Volk den Hörnerschall hörte, brach es in lautes Kriegsgeschrei aus. Die Stadtmauer stürzte in sich zusammen, und das Volk stieg in die Stadt hinein, jeder an der nächstbesten Stelle. So eroberten sie die Stadt. Mit scharfem Schwert weihten sie alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel. (Josua 6,16-21)

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(James Tissot, The Taking of Jericho, Quelle: Wikimedia Commons)

  • Und gleich darauf kommt im Buch Josua die Eroberung der nächsten Stadt: „Als die Israeliten sämtliche Bewohner von Ai, die ihnen nachgejagt waren, ohne Ausnahme auf freiem Feld und in der Wüste mit scharfem Schwert getötet hatten und alle gefallen waren, kehrte ganz Israel nach Ai zurück und machte auch dort alles mit scharfem Schwert nieder.Es gab an jenem Tag insgesamt zwölftausend Gefallene, Männer und Frauen, alle Einwohner von Ai. Josua aber ließ seine Hand mit dem Sichelschwert nicht sinken, bis er alle Einwohner von Ai dem Untergang geweiht hatte. (Josua 8,24-26)
  • In den folgenden Kapiteln geht es nicht viel besser weiter: Die Gibeoniter bringen die Israeliten mit einer List dazu, einen Vertrag mit ihnen zu schließen, sodass sie nicht umgebracht werden (Kapitel 9), müssen dafür aber in Zukunft „Sklaven, Holzfäller und Wasserträger für das Haus meines Gottes sein“ (Josua 9,23). Dann besiegt Josua ein von fünf Kanaaniter-Königen aufgebotenes Heer, erobert sechs weitere Städte und weiht alles, was in ihnen lebt, dem Untergang, wie das alle paar Verse so schön ausgedrückt wird (Kapitel 10), dann besiegt er noch ein paar Könige und erobert noch ein paar Städte, und am Ende wird das Land auf die israelitischen Stämme aufgeteilt.
  • Aber auch nach Josuas Tod ist die Landnahme noch nicht zu Ende gebracht. Das Buch der Richter beginnt mit den folgenden Versen: „Nach dem Tod Josuas befragten die Israeliten den Herrn: Wer von uns soll zuerst gegen die Kanaaniter in den Kampf ziehen?Der Herr antwortete: Juda soll (zuerst) hinaufziehen; ich gebe das Land in seine Gewalt. Da sagte Juda zu seinem Bruder Simeon: Zieh mit mir hinauf in das Gebiet, das mir durch das Los zugefallen ist; wir wollen (zusammen) gegen die Kanaaniter kämpfen. Dann werde auch ich mit dir in dein Gebiet ziehen. Da ging Simeon mit ihm. Juda zog hinauf und der Herr gab die Kanaaniter und die Perisiter in ihre Gewalt. Sie schlugen sie bei Besek – (ein Heer von) zehntausend Mann.“ (Richter 1,1-4)
  • Und auch zur Zeit Sauls sind die Amalekiter, die speziellen Feinde der Israeliten, noch immer nicht ausgerottet, also übernimmt der Prophet Samuel schließlich die Initiative: „Samuel sagte zu Saul: Der Herr hatte mich gesandt, um dich zum König seines Volkes Israel zu salben. Darum gehorche jetzt den Worten des Herrn!So spricht der Herr der Heere: Ich habe beobachtet, was Amalek Israel angetan hat: Es hat sich ihm in den Weg gestellt, als Israel aus Ägypten heraufzog. Darum zieh jetzt in den Kampf und schlag Amalek! Weihe alles, was ihm gehört, dem Untergang! Schone es nicht, sondern töte Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel! […] Saul aber schlug die Amalekiter (im ganzen Gebiet) zwischen Hawila und der Gegend von Schur, das Ägypten gegenüberliegt. Agag, den König von Amalek, brachte er lebend in seine Gewalt; das ganze Volk aber weihte er mit scharfem Schwert dem Untergang. Saul und das Volk schonten Agag, ebenso auch die besten von den Schafen und Rindern, nämlich das Mastvieh und die Lämmer, sowie alles, was sonst noch wertvoll war. Das wollten sie nicht dem Untergang weihen. Nur alles Minderwertige und Wertlose weihten sie dem Untergang. Deshalb erging das Wort des Herrn an Samuel: Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe. Denn er hat sich von mir abgewandt und hat meine Befehle nicht ausgeführt. Das verdross Samuel sehr und er schrie die ganze Nacht zum Herrn. Am nächsten Morgen machte sich Samuel auf den Weg und ging Saul entgegen. Man hatte Samuel mitgeteilt: Saul ist nach Karmel gekommen und hat sich (dort) ein Denkmal errichtet; dann ist er umgekehrt und nach Gilgal hinab weitergezogen. Als Samuel nun zu Saul kam, sagte Saul zu ihm: Gesegnet seist du vom Herrn. Ich habe den Befehl des Herrn ausgeführt. Samuel erwiderte: Und was bedeutet dieses Blöken von Schafen, das mir in die Ohren dringt, und das Gebrüll der Rinder, das ich da höre? Saul antwortete: Man hat sie aus Amalek mitgebracht, weil das Volk die besten von den Schafen und Rindern geschont hat, um sie dem Herrn, deinem Gott, zu opfern. Das übrige haben wir dem Untergang geweiht. Da sagte Samuel zu Saul: Hör auf! Ich will dir verkünden, was der Herr mir heute Nacht gesagt hat. Saul antwortete: Sprich! Samuel sagte: Bist du nicht, obwohl du dir gering vorkommst, das Haupt der Stämme Israels? Der Herr hat dich zum König von Israel gesalbt. Dann hat dich der Herr auf den Weg geschickt und gesagt: Geh und weihe die Amalekiter, die Übeltäter, dem Untergang; kämpfe gegen sie, bis du sie vernichtet hast. Warum hast du nicht auf die Stimme des Herrn gehört, sondern hast dich auf die Beute gestürzt und getan, was dem Herrn missfällt? Saul erwiderte Samuel: Ich habe doch auf die Stimme des Herrn gehört; ich bin den Weg gegangen, auf den der Herr mich geschickt hat; ich habe Agag, den König von Amalek, hergebracht und die Amalekiter dem Untergang geweiht. Aber das Volk hat von der Beute einige Schafe und Rinder genommen, das Beste von dem, was dem Untergang geweiht war, um es dem Herrn, deinem Gott, in Gilgal zu opfern. Samuel aber sagte: Hat der Herr an Brandopfern und Schlachtopfern das gleiche Gefallen wie am Gehorsam gegenüber der Stimme des Herrn? Wahrhaftig, Gehorsam ist besser als Opfer, Hinhören besser als das Fett von Widdern. Denn Trotz ist ebenso eine Sünde wie die Zauberei, Widerspenstigkeit ist ebenso (schlimm) wie Frevel und Götzendienst. Weil du das Wort des Herrn verworfen hast, verwirft er dich als König. […] Darauf sagte Samuel: Bringt Agag, den König von Amalek, zu mir! Agag wurde in Fesseln zu ihm gebracht und sagte: Wahrhaftig, die Bitterkeit des Todes ist gewichen. Samuel aber erwiderte: Wie dein Schwert die Frauen um ihre Kinder gebracht, so sei unter den Frauen deine Mutter kinderlos gemacht. Und Samuel hieb vor den Augen des Herrn in Gilgal Agag in Stücke. (1 Samuel 15,1-3.7-23.32f.)

(Gustave Doré, La mort d’Agag, Quelle: Wikimedia Commons)

Okay… Heißt das jetzt also, der liebe Herrgott befiehlt Völkermorde und ist sauer, wenn sie nicht genau nach Plan ausgeführt werden?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Stellen zu deuten, in einen Kontext zu setzen, zu rechtfertigen oder wegzuerklären.

Ein unter den der historisch-kritischen Exegese zugeneigten Theologen beliebter Einwand ist, dass die Landnahme ja so gar nicht passiert sei. Die Geschichte mit den einstürzenden Stadtmauern von Jericho sei zum Beispiel nach dem archäologischen Befund sehr zweifelhaft; auch Ai (s. Josua 7-8) sei wohl zur Zeit der Landnahme gar nicht besiedelt, sondern bereits ein Trümmerhaufen gewesen (was der Name „Ai“ interessanterweise bedeutet). Hazor, okay, das könnten die Israeliten in dieser Zeit erobert und niedergebrannt haben, aber überhaupt, aus den späteren Büchern der Bibel sieht man ja, dass auch Jahrhunderte nach der Landnahme sehr wohl noch Kanaaniter in Kanaan lebten, manchmal unter den Israeliten, manchmal in anderen Regionen und im Konflikt mit ihnen, was heißt, dass die Israeliten sie offensichtlich nicht alle ausgerottet hatten.

Ähm, ja. Das ist ja alles schön und gut. Aber dass die Israeliten es nicht schafften oder sich nicht die Mühe machten, einem Ausrottungsbefehl vollständig nachzukommen, macht diesen Befehl nicht besser oder löscht ihn aus. Von daher kann man die bloße Existenz von Kanaanitern in späteren Jahrhunderten nicht als Argument gegen die Brutalität solcher Stellen gelten lassen. Die Funde in Jericho oder Ai sind etwas interessanter. Sie machen es durchaus wahrscheinlich, dass sich im Buch Josua reale historische Begebenheiten (evtl. Hazor) mit Legenden über die Frühzeit des eigenen Volkes (evtl. Jericho) mischen. Aber dennoch taugt das als Argument irgendwie nicht viel. Auch wenn einige dieser Eroberungsgeschichten nicht historisch sind, sind sie doch offensichtlich als Vorbild, als Inspiration gemeint. Vielleicht war man sich dabei im Klaren, dass sie nicht immer völlig historisch waren, so wie wir uns bei historischen Romanen darüber im Klaren sind, dass die Einzelheiten natürlich nicht stimmen. Für die Frage, wie man die handelnden Personen in diesen Texten bewertet, macht das aber keinen großen Unterschied. Gründungslegenden, in denen sich Fakt und Fiktion mischen, ja, vielleicht. Aber hier kann man nicht wirklich mit „das ist ja alles bloß symbolisch gemeint, das soll nur einen spirituellen Kampf symbolisieren“ oder ähnlichen Deutungen kommen. Das passt meinem Eindruck nach nicht zur Gattung der Texte.

(Ausgrabungsstätte in Jericho, Quelle: Wikimedia Commons)

Bevor ich mit der Interpretation weitermache, die ich für die richtige halte, am besten noch ein paar Informationen zum weiteren Kontext.

Es ist archäologisch gesehen schwer zu klären, was genau damals zwischen etwa 1250 und 1000 v. Chr. passierte; wie die Israeliten nach Kanaan kamen und wie sie sich dort ansiedelten. Dazu haben wir einfach zu wenige Quellen. (Wir wissen aus der Merenptah-Stele, dass sie 1208 v. Chr. schon da waren, aber mehr Schriftquellen, in denen Israel erwähnt wird, gibt es aus dieser Zeit nicht, und Quellen wie Mauerreste und Tonscherben sind schwieriger zu deuten.) Ich betrachte deshalb die Situation, wie sie in den biblischen Texten erscheint. Hier sehen wir, dass sie etwas komplexer war als bloß „Israeliten schlachten Kanaaniter ab, weil sie deren Land haben wollen“.

  • Im Buch Exodus greift das Volk Amalek Israel auf dem Weg von Ägypten nach Kanaan an (Exodus 17,8-16). In diesem Fall geht also der Krieg nicht von Israel aus.
  • Zu Beginn des Buches Deuteronomium, als Mose auf die Wanderung des Volkes durch die Wüste zurückblickt, sagt er: „Dann sagte der Herr zu mir:Ihr seid jetzt lange genug um dieses Gebirge herumgezogen. Wendet euch jetzt nach Norden! Befiehl dem Volk: Ihr werdet jetzt durch das Gebiet von Stammverwandten ziehen, durch das Gebiet der Nachkommen Esaus, die in Seïr wohnen. Wenn sie Furcht vor euch zeigen, dann seid auf der Hut, und beginnt keine Feindseligkeiten gegen sie! Von ihrem Land gebe ich euch keinen Fußbreit; denn das Gebirge Seïr habe ich für Esau zum Besitz bestimmt. Was ihr an Getreide zum Essen braucht, kauft von ihnen für Silber; selbst das Trinkwasser beschafft euch von ihnen gegen Silber! […] Wir zogen also weg aus dem Gebiet in der Nähe der Söhne Esaus, unserer Stammverwandten, die in Seïr wohnen, weg vom Weg durch die Araba, von Elat und Ezjon-Geber. Wir wendeten uns (nach Norden) und zogen den Weg zur Wüste Moab entlang. Und der Herr sagte zu mir: Begegne Moab nicht feindlich, beginn keinen Kampf mit ihnen! Von ihrem Land bestimme ich dir kein Stück zum Besitz; denn Ar habe ich für die Nachkommen Lots zum Besitz bestimmt. (Deuteronomium 2,2-6.8f.)
  • Später im Kapitel heißt es: „Als alle waffenfähigen Männer ausgestorben und tot waren, sodass keiner von ihnen mehr im Volk lebte,sagte der Herr zu mir: Wenn du heute durch das Gebiet von Moab, durch Ar, ziehst, kommst du nahe an den Ammonitern vorbei. Begegne ihnen nicht feindlich, beginne keine Feindseligkeiten gegen sie! Vom Land der Ammoniter bestimme ich dir kein Stück zum Besitz; denn ich habe es für die Nachkommen Lots zum Besitz bestimmt.  So blieb es bis heute. Das Auch dieses gilt als Land der Rafaïter. Einst saßen die Rafaïter darin. Die Ammoniter nennen sie die Samsummiter, ein Volk, das groß, zahlreich und hoch gewachsen war wie die Anakiter. Der Herr vernichtete die Rafaïter, als die Ammoniter eindrangen. Diese übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. Das war das Gleiche, was der Herr für die Nachkommen Esaus getan hat, die in Seïr sitzen. Als sie vordrangen, vernichtete er die Horiter. Die Nachkommen Esaus übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle.Gleiche geschah mit den Awitern, die in einzelnen Dörfern bis nach Gaza hin saßen. Die Kaftoriter, die aus Kaftor ausgewandert waren, vernichteten sie und setzten sich an ihre Stelle. Steht auf, brecht auf und überquert das Tal des Arnon! […] Da sandte ich aus der Wüste Kedemot Boten zu Sihon, dem König von Heschbon, und ließ ihm folgendes Abkommen vorschlagen: Ich will durch dein Land ziehen. Ich werde mich genau an den Weg halten, ohne ihn rechts oder links zu verlassen. Was ich an Getreide zum Essen brauche, wirst du mir für Silber verkaufen, auch das Trinkwasser wirst du mir gegen Silber geben. Ich werde nur zu Fuß durchziehen, so wie die Nachkommen Esaus, die in Seïr wohnen, und die Moabiter, die in Ar wohnen, es mir erlaubt haben. (Das soll gelten,) bis ich über den Jordan in das Land gezogen bin, das der Herr, unser Gott, uns gibt. Doch Sihon, der König von Heschbon, weigerte sich, uns bei sich durchziehen zu lassen. […] Sihon rückte mit seinem ganzen Volk gegen uns aus, um bei Jahaz zu kämpfen. Der Herr, unser Gott, lieferte ihn uns aus. Wir schlugen ihn, seine Söhne und sein ganzes Volk. Damals eroberten wir alle seine Städte. Wir weihten die ganze männliche Bevölkerung, die Frauen, die Kinder und die Greise der Vernichtung; keinen ließen wir überleben. […] Nur dem Land der Ammoniter hast du dich nicht genähert, dem gesamten Randgebiet des Jabboktals und den Städten im Gebirge, also allem, was der Herr, unser Gott, uns verwehrt hatte.“ (Deuteronomium 2,16-24.26-30.32-34.37)
  • Das nächste Kapitel beginnt mit: „Dann wendeten wir uns dem Weg zum Baschan zu und zogen hinauf. Og, der König des Baschan, rückte mit seinem ganzen Volk gegen uns aus, um bei Edreï zu kämpfen. (Deuteronomium 3,1) Auch hier ist ein anderes Volk der Aggressor.
  • In der Geschichte mit den Amalekitern in 1 Samuel 15 macht Saul einen Unterschied zwischen den Amalekitern und den ebenfalls in der Gegend lebenden Kenitern. In den oben ausgelassenen Versen 5 und 6 heißt es: „Saul rückte bis zur Stadt der Amalekiter vor und legte im Bachtal einen Hinterhalt.Den Kenitern aber ließ er sagen: Auf, zieht fort, verlasst das Gebiet der Amalekiter, damit ich euch nicht zusammen mit ihnen vernichte; denn ihr habt euch gegenüber allen Israeliten freundlich verhalten, als sie aus Ägypten heraufzogen. Da verließen die Keniter das Gebiet der Amalekiter.“ Und es lohnt sich auch, Samuels Worte am Ende näher anzusehen: „Wie dein Schwert die Frauen um ihre Kinder gebracht, so sei unter den Frauen deine Mutter kinderlos gemacht.“ Diese Worte an Agag implizieren, dass es bei diesem Feldzug nicht nur um Rache für lange vergangene Ereignisse ging, sondern dass es auch zu dieser Zeit einen andauernden Konflikt mit den Amalekitern gab, bei dem es nicht klar ist, wer der ursprüngliche Aggressor war.
  • In der Tora gibt es auch Stellen, die die Kriegsführung im Allgemeinen behandeln, hier etwa: Wenn du vor eine Stadt ziehst, um sie anzugreifen, dann sollst du ihr zunächst eine friedliche Einigung vorschlagen.Nimmt sie die friedliche Einigung an und öffnet dir die Tore, dann soll die gesamte Bevölkerung, die du dort vorfindest, zum Frondienst verpflichtet und dir untertan sein. Lehnt sie eine friedliche Einigung mit dir ab und will sich mit dir im Kampf messen, dann darfst du sie belagern. Wenn der Herr, dein Gott, sie in deine Gewalt gibt, sollst du alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen. Die Frauen aber, die Kinder und Greise, das Vieh und alles, was sich sonst in der Stadt befindet, alles, was sich darin plündern lässt, darfst du dir als Beute nehmen. Was du bei deinen Feinden geplündert hast, darfst du verzehren; denn der Herr, dein Gott, hat es dir geschenkt. So sollst du mit allen Städten verfahren, die sehr weit von dir entfernt liegen und nicht zu den Städten dieser Völker hier gehören. Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen. Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat, damit sie euch nicht lehren, alle Gräuel nachzuahmen, die sie begingen, wenn sie ihren Göttern dienten, und ihr nicht gegen den Herrn, euren Gott, sündigt. Wenn du eine Stadt längere Zeit hindurch belagerst, um sie anzugreifen und zu erobern, dann sollst du ihrem Baumbestand keinen Schaden zufügen, indem du die Axt daran legst. Du darfst von den Bäumen essen, sie aber nicht fällen mit dem Gedanken, die Bäume auf dem Feld seien der Mensch selbst, sodass sie von dir belagert werden müssten. Nur den Bäumen, von denen du weißt, dass sie keine Fruchtbäume sind, darfst du Schaden zufügen. Du darfst sie fällen und daraus Belagerungswerk bauen gegen die Stadt, die gegen dich kämpfen will, bis sie schließlich fällt.“ (Deuteronomium 20,10-20)

Zusammenfassend: 1) Als Israel aus Ägypten auszieht, wird es von den Amalekitern und von Og, dem König des Baschan, angegriffen, und auch König Sihon von Heschbon will das Volk nicht durch sein Land ziehen lassen. 2) Die Israeliten unterscheiden offensichtlich zwischen Völkern, die in dem Land wohnen, das Gott ihnen versprochen hat, und die sie ganz und gar zu vernichten beabsichtigen, und anderen Völkern, denen sie friedlich zu begegnen versuchen. Auch Stellen in der Tora, die die rechtliche Stellung von Fremden, die unter den Israeliten leben, behandeln („Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen“ (Exodus 22,20), „Du sollst einen fremden Untertan, der vor seinem Herrn bei dir Schutz sucht, seinem Herrn nicht ausliefern. Bei dir soll er wohnen dürfen, in deiner Mitte, in einem Ort, den er sich in einem deiner Stadtbereiche auswählt, wo es ihm gefällt. Du sollst ihn nicht ausbeuten.“ (Deuteronomium 23,16f.), „Gleiches Recht soll bei euch für den Fremden wie für den Einheimischen gelten; denn ich bin der Herr, euer Gott.“ (Levitikus 24,22)), machen deutlich, dass die „Vernichtungsweihe“ (herem) im Kontext der Landnahme eine spezielle, zeitlich und örtlich begrenzte Aktion war.

Punkt 1 lässt erkennen, dass sich Israel allgemein wahrscheinlich nicht in einer Situation befand, in der sich alle kriegerischen Auseinandersetzungen vermeiden ließen. Es war eine harte Zeit damals. Israel war ein heimatloses Volk auf der Flucht, das gerade aus der Sklaverei entkommen war und ein Siedlungsgebiet brauchte. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass die alteingesessenen Völker der Gegend ihm von vornherein eher feindlich gegenüberstanden, selbst die, mit denen die Israeliten selbst den Frieden wahren wollten; wenn Flüchtlinge in großen Scharen kommen, ist man ihnen gegenüber nicht automatisch freundlich gesonnen. Von daher fragt sich, was passiert wäre, wenn die Israeliten versucht hätten, einfach ganz friedlich in Kanaan einzuwandern und sich irgendwo ein paar freie Stückchen Land zu suchen, was aus unserer Sicht so einfach klingt. (Wenn wir davon ausgehen, dass es überhaupt größere unbewohnte Flecken Land gegeben hätte, was zweifelhaft ist.) In den fünf Büchern Mose und den folgenden Büchern (Josua, Richter) wird diese Möglichkeit scheinbar gar nicht in Betracht gezogen – vielleicht, weil die Israeliten sie nicht als reale Möglichkeit sahen, da sie schlichtweg davon ausgingen, dass die Völker dort sie selbstverständlich sofort zu vertreiben versucht hätten. Also greift man sie eben gleich an, weil man weiß, dass man nicht an Land kommt, wenn man es sich nicht mit Gewalt nimmt. Hatte ich schon erwähnt, dass es eine harte Zeit war damals?

Aber andererseits – es geht hier auch offensichtlich nicht nur um „wir können leider nicht anders als Gewalt anwenden, um zu überleben, also wenden wir eben so viel Gewalt an, wie sein muss“. Immer wieder wird angeordnet, konkrete Völker völlig „dem Untergang zu weihen“, was bedeutet, sie alle zu töten, keine Frauen oder Kinder als Sklaven mitzunehmen, auch das Vieh zu töten, anstatt es in Besitz zu nehmen, überhaupt allen Besitz zu zerstören (z. B. durch Feuer), anstatt ihn zu plündern. Teilweise bedeutet es auch die Zerstörung ganzer Städte und das Verbot des Wiederaufbaus (z. B. bei Jericho). Hier glaubten die Israeliten eindeutig, einen göttlichen Befehl zu vollstrecken; und der Grund für die Vernichtungsweihe war kein pragmatischer, sondern ein theologischer oder sozialer. Das Denken sah etwa so aus:

  • Gott hat uns dieses Land versprochen;
  • jetzt leben dort diese diversen anderen Völker, und sie praktizieren Kinderopfer, Tempelprostitution und alle möglichen anderen Dinge, die wir als Gräueltaten sehen;
  • daher straft Gott sie;
  • und zwar durch uns, die wir jetzt dieses Land von ihnen zu übernehmen und sie alle vollständig dem Untergang zu weihen haben;
  • der Grund dafür ist, dass ihre Schlechtigkeit vollständig ausgerottet werden muss;
  • a., damit unsere Leute nicht davon angesteckt werden und evtl. auch in ihr Verhalten verfallen;
  • wofür Gott uns ebenso strafen würde.

Hier ist nicht alles falsch. Aber kommen wir unten darauf zurück.

Eine Lesart der Erzählungen rechtfertigt die Landnahme mit der folgenden Argumentation:

Diese überraschend weit verbreitete Lesart sieht in den Landnahme-Erzählungen keineswegs eine allgemeine Rechtfertigung religiöser Gewalt; nö, es geht nur um diesen einen konkreten Fall damals vor 3000 Jahren, wo Gott eben diese und jene konkreten Aktionen befohlen hat.

Diese Interpretation klingt erst einmal logisch. Dennoch folge ich ihr nicht.

Eine ihrer Schwächen liegt meiner Meinung nach im dritten Punkt: Befiehlt Gott denn tatsächlich manchmal einem Menschen, einen anderen unschuldigen Menschen zu töten? (Und unter den Kanaanitern müssen ja unschuldige Menschen gewesen sein, die kleinen Kinder zumindest.) Um das zu wissen, schaue ich als erstes auf die endgültige Selbstoffenbarung Gottes, d. h. Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott. Meines Wissens hat er niemals jemandem befohlen, überhaupt jemanden zu töten. Stattdessen finden wir z. B. diese Stelle in den Evangelien: „Als die Zeit herankam, in der er (in den Himmel) aufgenommen werden sollte, entschloss sich Jesus, nach Jerusalem zu gehen. Und er schickte Boten vor sich her. Diese kamen in ein samaritisches Dorf und wollten eine Unterkunft für ihn besorgen. Aber man nahm ihn nicht auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war. Als die Jünger Jakobus und Johannes das sahen, sagten sie: Herr, sollen wir befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt und sie vernichtet? Da wandte er sich um und wies sie zurecht. Und sie gingen zusammen in ein anderes Dorf. (Lukas 9,51-56) Oder diese hier, bei Seiner Festnahme: „Doch einer von den Begleitern Jesu zog sein Schwert, schlug auf den Diener des Hohenpriesters ein und hieb ihm ein Ohr ab. Da sagte Jesus zu ihm: Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte? Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, nach der es so geschehen muss?“ (Matthäus 26,51-54)

Es scheint nicht recht zu Gottes Wesen zu passen, einem seiner menschlichen Geschöpfe zu befehlen, andere unschuldige Menschen zu töten. Hier treffen wir nämlich auch auf ein entscheidendes Problem: Woher weiß man selbst denn, dass es sich tatsächlich um Gottes Befehl gehandelt hat? Und nicht – sagen wir mal – um ein Symptom einer Psychose oder Schizophrenie? Stimmen zu hören ist ein häufiges Symptom dieser Erkrankungen. Oder, wenn man einen Befehl von einem Propheten erteilt bekommt, woher weiß man, dass dieser ein wirklicher Prophet ist? Jemand könnte antworten, dass, als Gott beim Exodus zu den Israeliten sprach, Seine Erscheinung so offensichtlich war, dass niemand mehr an deren Wirklichkeit und Seinem Willen zweifeln konnte. Aber dennoch, ist das alles wahrscheinlich? Würde Gott regelmäßig oder auch nur eine gewisse Zeit über immer wieder solche Befehle erteilen, und damit das Risiko eingehen, dass von da an etliche Leute, die nur das Pech haben, dass ihre Neurotransmitter nicht richtig funktionieren, zu Mördern werden könnten, weil sie sich einbilden, auch solche Befehle, die aber eben in ihrem Fall nicht real sind, erhalten zu haben, oder dass etliche falsche Propheten zu Morden aufstacheln könnten, weil die Leute ihre Botschaften für glaubwürdig halten würden? Ich kann mir vorstellen, Er nimmt mehr Rücksicht auf Psychotiker und Leute, die mit größenwahnsinnigen Sektenführern zu tun haben, und erteilt Menschen keine Sondergenehmigungen zu Genoziden. Und wieder: Klingen solche Befehle wirklich nach Gottes Wesen, wie wir es am bisherigen Höhepunkt der Offenbarungsgeschichte in Jesus gesehen haben?

Ich wüsste zu gerne, was genau Jesus damals zu Jakobus und Johannes gesagt hat.

Man könnte auch die grundsätzliche Aussage „Gott hat den Menschen das Leben gegeben und kann es ihnen wieder nehmen, wenn Er es für richtig hält“ kritisch hinterfragen. So ganz fehlerlos ist sie nämlich, wie schon in Teil 10 dargelegt, gar nicht, so logisch sie auf den ersten Blick auch klingt. Der Tod gehört nicht zu Gottes ursprünglichem Plan für die Schöpfung, genauso wenig wie Krankheiten, Schmerzen, oder die menschliche Bosheit. Alle diese Dinge sind erst durch den Fall der Engel und den Fall des Menschen in die Welt gekommen. Gott hatte nicht vor, den Menschen erst etwas zu schenken und es ihnen dann einfach mal wieder zu nehmen. Es macht also Sinn, davon auszugehen, dass Gott zwar den Tod von Menschen durch Krankheiten, Unfälle, Selbstmorde, Kriege oder was auch immer zwar zulässt, und in Seiner Allmacht aus diesem Übel auch Gutes entstehen lassen kann, aber dass Er nie selbst durch direktes wundersames Eingreifen Leute tot umfallen lässt oder anderen Menschen den Befehl erteilt, sie zu töten. (Man könnte hier evtl. einwenden, dass Gott Hananias und Saphira in Apostelgeschichte 5,1-11 tot umfallen ließ. Aber das steht da nicht. Da steht, dass die beiden nacheinander (vielleicht durch den Schock, der einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslöste?) zusammenbrachen und starben, und dass Petrus den Tod der Saphira vorherwusste. Mehr nicht.)

Ich halte es aus diesen Gründen also für unwahrscheinlich, dass es sich hier um direkte Befehle Gottes handelte; solange es auch andere Erklärungen für diese Stellen gibt, ziehe ich diese vor.

Dennoch darf man auf der anderen Seite auch wieder nicht vergessen, wie entscheidend die Landverheißung, die schon Abraham gegeben wurde, im Alten Testament war (und tatsächlich für das jüdische Volk bis heute ist). Daher denke ich, dass man zumindest nicht leugnen kann, dass Gott tatsächlich vorhatte, dem Volk Israel dieses Land zu geben – oder dass Er ihm zumindest vorausgesagt hatte, dass es das Land einmal besitzen würde? (Und wieso denn auch nicht? Wieso sollte es kein Land haben wie jedes andere Volk?) Ich denke allerdings, dass die (geplante / versuchte?) Ausrottung der Kanaaniter nicht Gottes Willen entsprach. Eher, denke ich, hatten die Israeliten begriffen, dass die Taten der Kanaaniter tatsächliche „Gräuel“ waren, die man am besten ausrotten sollte, und daraus schlossen sie, dass es Gottes Wille war, die Kanaaniter auszurotten.

Es ist hier wirklich wichtig, zu unterscheiden zwischen Gottes direktem und Seinem indirekten Willen, also dem, was Er bewirkt, und dem, was Er bloß zulässt (s. dazu auch noch hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-8-ich-aber-will-das-herz-des-pharao-verhaerten/). In einer der oben zitierten Stellen wird auch von anderen Völkern erzählt, und davon, wer da früher mal von wem vertrieben wurde. „Auch dieses gilt als Land der Rafaïter. Einst saßen die Rafaïter darin. Die Ammoniter nennen sie die Samsummiter, ein Volk, das groß, zahlreich und hoch gewachsen war wie die Anakiter. Der Herr vernichtete die Rafaïter, als die Ammoniter eindrangen. Diese übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. Das war das Gleiche, was der Herr für die Nachkommen Esaus getan hat, die in Seïr sitzen. Als sie vordrangen, vernichtete er die Horiter. Die Nachkommen Esaus übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. So blieb es bis heute.“ (Deuteronomium 2,20-22) Hier wird also Gott auch die Verantwortung dafür zugeschrieben, welche anderen Völker, die nicht von Ihm erwählt sind, einander besiegten – kurz gesagt, wenn jemand Erfolg im Krieg hat, oder überhaupt, wenn irgendetwas auf der Welt geschieht, schlussfolgert man, dass das dem Willen Gottes entsprechen muss. Der Herr spricht durch das Schicksal, und das muss man irgendwie interpretieren. Wenn wir siegen, hat der Herr uns den Sieg verliehen, also muss er auch wollen, dass wir diese Völker bekämpfen und besiegen. So interpretierten die Israeliten wohl ihre Erfolge. Umgekehrt, wenn wir verlieren, straft der Herr uns für unsere eigenen Sünden. Dieses Verständnis von Glück und Leid als Lohn oder Strafe durch Gott sieht man auch in späteren Büchern des AT sehr oft, z. B. bei den Propheten. Ein nuancierteres Verständnis des Schicksals und des göttlichen Willens braucht noch ein bisschen; z. B. haben noch Jesu Jünger Schwierigkeiten damit, zu sehen, dass die Blindheit eines Mannes nicht automatisch eine Strafe für seine Sünden oder die seiner Eltern ist (Johannes 9,1-3).

Ich denke also, das, was damals abgelaufen ist, sah etwa so aus: Die Israeliten wussten, dass Gott sie auserwählt hatte, und dass Er ihnen das Gelobte Land versprochen hatte. Aus ersterem schlossen sie, dass er logischerweise in ihren Kriegen an ihrer Seite stehen würde, und aus letzterem, dass sie dieses Land mit militärischer Gewalt erobern sollten. Wenn Gott ihnen dabei Erfolg verleihen würde, musste Er mit ihren Unternehmungen einverstanden sein, und Er verlieh ihnen den Sieg wohl, um ihre Feinde zu strafen. Sie wussten, dass einiges in deren Gesellschaften vor dem Herrn ein „Gräuel“ war, und daraus schlossen sie, dass das ausgelöscht werden musste – und zwar, womit sonst, mit Gewalt, mit radikaler Gewalt. Und hier durfte man keine Kompromisse machen, weil man vielleicht doch irgendwie das Gefühl hatte, dass ja an den Göttern der Kanaaniter doch etwas dran sein könnte, oder dass ihre Wahrsagemethoden doch ganz nützlich sein könnten. (Interessanterweise war übrigens gerade König Saul, der in der oben zitierten Stelle vom Propheten Samuel so energisch zurechtgewiesen wird, weil er das Vieh der Amalekiter geplündert und ihren König als Trophäe mitgenommen hatte, anstatt das mit der Vernichtungsweihe voll und ganz durchzuziehen, auch anderweitig für solche „Halbherzigkeiten“ anfällig: Nachdem er selbst die Totenbeschwörer und Wahrsager aus dem Land vertreiben hatte lassen, ging er in 1 Samuel 28 zu einer Totenbeschwörerin nach En-Dor, um den inzwischen verstorbenen Samuel heraufzubeschwören und so über eine bevorstehende Schlacht Auskunft zu erhalten.) Die Frage war für die Israeliten damals nicht: Lassen wir Zivilisten am Leben? Sondern: Akzeptieren wir diese andere Religion und Kultur? Leben wir mit dieser Kultur in dem Land, in dem wir leben wollen? Einer Kultur, die Götter verehrt, die Kinderopfer verlangen?

Es war wirklich eine ganz andere Zeit. Ich habe noch nie viel für den Mythos irgendwelchen guten alten Zeiten übrig gehabt, und in diese Zeit möchte ich sicher nicht zurück. Aber der liebe Herrgott musste eben in irgendeiner Zeit anfangen.

Man könnte noch fragen, wieso Er nicht einfach klarer mit den Israeliten kommunizierte. Aber da könnten wir genauso gut fragen, wieso Er mit jedem einzelnen von uns heutzutage nicht völlig klar und unmissverständlich direkt kommuniziert, anstatt Instrumente wie die menschliche Vernunft und das Gewissen, die Bibel und die Kirche zu verwenden. Und das sind interessante Fragen, die einiges an Spekulation hergeben würden, und zwar genug für einen eigenen Artikel, weshalb ich sie hier nicht weiter verfolgen werde. Denn die entscheidende Frage ist für dieses Thema nicht: Wieso hat Gott sich auf diese und jene Weise offenbart? Sondern: Hat Er sich auf diese und jene Weise offenbart? Und das hat Er nun mal.

Eine weitere Frage bliebe noch. Was ist mit den Wundererzählungen? Laut der Bibel hat Gott schließlich Wunder gewirkt, um Israel seine Siege zu ermöglichen, nicht wahr? Hätte er das denn getan, wenn diese Siege nicht wirklich Sein direkter – im Unterschied zu seinem indirekten, bloß zulassenden – Wille gewesen wären?

Erst einmal könnte man darauf antworten, dass solche Wunder nicht bei allzu vielen Schlachten erwähnt werden. In der Regel heißt es nur „Der Herr gab sie in unsere Gewalt“ oder „Die Israeliten schlugen sie“ ohne irgendwelche übernatürlichen Vorkommnisse. Dann gibt es solche Schlachten, bei denen selbst ich mir ein direktes Eingreifen Gottes logischerweise vorstellen könnte – z. B. die Abwehr Amaleks in Exodus 17, eindeutig ein gerechter Verteidigungskrieg: „Als Amalek kam und in Refidim den Kampf mit Israel suchte, sagte Mose zu Josua: Wähl uns Männer aus und zieh in den Kampf gegen Amalek! Ich selbst werde mich morgen auf den Gipfel des Hügels stellen und den Gottesstab mitnehmen. Josua tat, was ihm Mose aufgetragen hatte, und kämpfte gegen Amalek, während Mose, Aaron und Hur auf den Gipfel des Hügels stiegen. Solange Mose seine Hand erhoben hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken ließ, war Amalek stärker. Als dem Mose die Hände schwer wurden, holten sie einen Steinbrocken, schoben ihn unter Mose und er setzte sich darauf. Aaron und Hur stützten seine Arme, der eine rechts, der andere links, sodass seine Hände erhoben blieben, bis die Sonne unterging. So besiegte Josua mit scharfem Schwert Amalek und sein Heer.“ (Exodus 17,8-13) Ebenso gut könnte man aber auch damit argumentieren, dass solche Erzählungen vielleicht nicht (alle?) historisch sind. Das gilt besonders für die Eroberung Jerichos – die Trümmer der eingestürzten Stadtmauer wurden bei Ausgrabungen schließlich nicht gefunden.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/28/Tissot_Moses_on_the_Mountain_During_the_Battle.jpg

(James Tissot, Moses on the Mountain during the Battle, Quelle: Wikimedia Commons)

Und da ich leider nicht in der Zeit zurück reisen und alle diese Geschehnisse selbst überprüfen kann (okay, wie gesagt, das würde ich eigentlich auch nicht wollen), kann ich mit allen meinen Erklärungen im Grunde genommen auch nicht mehr bieten als mehr oder weniger gut begründete Spekulationen. Vielleicht habe ich Recht, vielleicht war es auch ganz anders. Es hier mir hier nicht darum, etwas zu beweisen, sondern darum, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie diese „schwierigen“ Stellen verstanden werden könnten.

Zusammengefasst: Ich denke, dass hier wie so oft ganz einfach die Regeln Nummer 13 und 16 entscheidend sind: Das Alte Testament zeigt noch ein begrenztes Verständnis von Gott.

 

Noch ein Beitrag zu diesem Thema (deutlich kürzer als meiner) findet sich hier: https://thetalkingllama.wordpress.com/2014/03/22/i-read-the-bible-as-an-english-major-and-thats-okay/

Über schwierige Bibelstellen, Teil 12: Das Gesetz des Mose

[Ach ja, dieser und der folgende Teil sind übrigens hauptsächlich detaillierte Versionen von „Das ist eben das Alte Testament“. Aber ich mag es detailliert.]

Das Gesetz des Mose wird von Bibelkritikern immer wieder gern aufgebracht – da heißt es dann, die Bibel legitimiere Polygamie, grausame Strafen für relativ geringe Vergehen, Sklaverei, oder die Vergewaltigung von Kriegsgefangenen. Aber wenn einem Stellen in Exodus, Levitikus oder Deuteronomium Bauchschmerzen bereiten, könnte ein Blick ins Neue Testament schon weiterhelfen. Erst einmal müsste nämlich auffallen: Die Christen halten sich nicht an diese in der Bibel stehenden Gesetze. Und nach 2000 Jahren Christentum kann man sich denken, dass der Grund dafür nicht sein wird, dass ihnen noch nie aufgefallen ist, dass diese Gesetze in der Bibel stehen.

Hier also einige relevante Stellen aus dem NT:

  • „Da kamen Pharisäer zu ihm und fragten: Darf ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen? Damit wollten sie ihm eine Falle stellen. Er antwortete ihnen: Was hat euch Mose vorgeschrieben? Sie sagten: Mose hat erlaubt, eine Scheidungsurkunde auszustellen und (die Frau) aus der Ehe zu entlassen. Jesus entgegnete ihnen: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben. Am Anfang der Schöpfung aber hat Gott sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Zu Hause befragten ihn die Jünger noch einmal darüber. Er antwortete ihnen: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet.“ (Markus 10,2-12)
  • „An einem Sabbat ging er durch die Kornfelder und unterwegs rissen seine Jünger Ähren ab. Da sagten die Pharisäer zu ihm: Sieh dir an, was sie tun! Das ist doch am Sabbat verboten. Er antwortete: Habt ihr nie gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren und nichts zu essen hatten – wie er zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar in das Haus Gottes ging und die heiligen Brote aß, die außer den Priestern niemand essen darf, und auch seinen Begleitern davon gab? Und Jesus fügte hinzu: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“ (Markus 2,23-28)
  • „Und er rief die Leute zu sich und sagte: Hört und begreift: Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. […] Da sagte Petrus zu ihm: Erkläre uns jenes rätselhafte Wort! Er antwortete: Seid auch ihr noch immer ohne Einsicht? Begreift ihr nicht, dass alles, was durch den Mund (in den Menschen) hineinkommt, in den Magen gelangt und dann wieder ausgeschieden wird? Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Verleumdungen. Das ist es, was den Menschen unrein macht; aber mit ungewaschenen Händen essen macht ihn nicht unrein.“ (Matthäus 15,10f.15-20)
  • „Am folgenden Tag, als jene unterwegs waren und sich der Stadt näherten, stieg Petrus auf das Dach, um zu beten; es war um die sechste Stunde. Da wurde er hungrig und wollte essen. Während man etwas zubereitete, kam eine Verzückung über ihn. Er sah den Himmel offen und eine Schale auf die Erde herabkommen, die aussah wie ein großes Leinentuch, das an den vier Ecken gehalten wurde. Darin lagen alle möglichen Vierfüßler, Kriechtiere der Erde und Vögel des Himmels. Und eine Stimme rief ihm zu: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! Petrus aber antwortete: Niemals, Herr! Noch nie habe ich etwas Unheiliges und Unreines gegessen. Da richtete sich die Stimme ein zweites Mal an ihn: Was Gott für rein erklärt, nenne du nicht unrein! Das geschah dreimal, dann wurde die Schale plötzlich in den Himmel hinaufgezogen.“ (Apostelgeschichte 10,9-16)
  • „Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Johannes 8,3-11)

Regel Nummer 16: Das Alte Testament muss immer im Licht des Neuen interpretiert werden, weil Jesus das Wort Gottes ist.

Klar, auch die Bibel wird oft als das „Wort Gottes“ bezeichnet. Und das ist nicht falsch. Aber das eigentliche Wort Gottes, laut Johannes 1, ist der Sohn Gottes, Gott selbst. Jesus ist Gottes eigentliche Selbstoffenbarung an uns, und die Bibel berichtet von diesem Jesus, und auch von dem, was vor ihm kam – und das muss immer im Licht der endgültigen Offenbarung gesehen werden.

 

Als Jesus mit einer konkreten Frage zum Gesetz des Mose konfrontiert wird, sagt er: „Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben.“ (Markus 10,5) In der Tora gibt es Gebote, die „wegen eurer Herzenshärte“ (so die wörtlichere Übersetzung) gegeben wurden, nicht, weil sie an sich gut waren. Dazu gehören, wie Jesus sagt, Regelungen zur Scheidung. Man könnte sie mit heutigen Regelungen dazu vergleichen, was getan werden soll, wenn Väter keine Unterhaltszahlungen für ihre unehelichen Kinder leisten. Solche Regelungen stellen keine Idealsituationen her – ideal wäre es, wenn Eltern in einer liebevollen Partnerschaft zusammenleben und sich freiwillig gut um ihre Kinder kümmern würden –, sie betreiben Schadensbegrenzung. Und die in der Bibel enthaltenen Regeln taten das eben im Kontext der damaligen Zeit (in welchem auch sonst?).

Die Bibel heißt Polygamie nicht gut – aber das Gesetz des Mose schreibt vor, dass ein Mann, der mehrere Ehefrauen hat, sie gleich behandeln muss, und zwar auch dann, wenn es sich um Frauen handelt, die als Sklavinnen gekauft wurden, oder auch in Bezug auf das Erbe ihrer Kinder. „Nimmt er sich noch eine andere Frau, darf er sie in Nahrung, Kleidung und Beischlaf nicht benachteiligen. Wenn er ihr diese drei Dinge nicht gewährt, darf sie unentgeltlich, ohne Bezahlung, gehen.“ (Exodus 21,10f.) „Wenn ein Mann zwei Frauen hat, eine, die er liebt, und eine, die er nicht liebt, und wenn beide ihm Söhne gebären, die geliebte wie die ungeliebte, und der erstgeborene Sohn von der ungeliebten stammt, dann darf er, wenn er sein Erbe unter seine Söhne verteilt, den Sohn der geliebten Frau nicht als Erstgeborenen behandeln und damit gegen das Recht des wirklichen Erstgeborenen, des Sohnes der ungeliebten Frau, verstoßen. Vielmehr soll er den Erstgeborenen, den Sohn der Ungeliebten, anerkennen, indem er ihm von allem, was er besitzt, den doppelten Anteil gibt. Ihn hat er zuerst gezeugt, er besitzt das Erstgeborenenrecht.“ (Deuteronomium 21,15-17)

Die Bibel heißt Sklaverei nicht gut – aber es gibt Gesetze, die die Rechte von Herren über ihre Sklaven einschränken. „Wenn du einen hebräischen Sklaven kaufst, soll er sechs Jahre Sklave bleiben, im siebten Jahr soll er ohne Entgelt als freier Mann entlassen werden.“ (Exodus 21,2) „Wenn einer seinem Sklaven oder seiner Sklavin ein Auge ausschlägt, soll er ihn für das ausgeschlagene Auge freilassen. Wenn er seinem Sklaven oder seiner Sklavin einen Zahn ausschlägt, soll er ihn für den ausgeschlagenen Zahn freilassen.“ (Exodus 21,26f.) Und das in einer Zeit, in der in anderen Völkern Besitzer das Recht hatten, ihre Sklaven zu töten, wenn ihnen danach war.

Es gibt Stellen in der Tora, die von manchen als Legitimierung von Vergewaltigung verstanden werden, da sie davon handeln, dass ein Vergewaltiger sein Opfer heiraten soll: „Wenn ein Mann einem unberührten Mädchen, das noch nicht verlobt ist, begegnet, sie packt und sich mit ihr hinlegt und sie ertappt werden, soll der Mann, der bei ihr gelegen hat, dem Vater des Mädchens fünfzig Silberschekel zahlen und sie soll seine Frau werden, weil er sie sich gefügig gemacht hat. Er darf sie niemals entlassen.“ (Deuteronomium 22,28f.) Wie man an den Formulierungen leicht sehen kann, geht es hier aber gerade nicht darum, ein Vergewaltigungsopfer zu zwingen, ihren Vergewaltiger zu heiraten, sondern es geht darum, dass sie ein Anrecht darauf hat, dass er sie heiratet; als Wiedergutmachung für das, was er ihr angetan hat. Damals wäre sie von anderen Männern als beschädigte Ware betrachtet worden, was ihre Heiratschancen beträchtlich gemindert hätte, und damals war die Ehe für Frauen keine Sache der Liebe, sondern eine Sache der Versorgung. War das scheiße? Und wie. Aber so war es. Diese Gesetze versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben; entweder, ihr Vergewaltiger hat ihr die Sicherheit im Leben, um die er sie sonst vielleicht gebracht hätte, zu bieten, indem er sie heiratet, oder aber er hat ihrer Familie zumindest den Gegenwert des üblichen Brautpreises als Entschädigung zu zahlen. (Eine ähnliche Stelle, in der allerdings nicht von Vergewaltigung, sondern von Verführung die Rede ist, legt das als zweite mögliche Lösung nahe: „Wenn jemand ein noch nicht verlobtes Mädchen verführt und bei ihm schläft, dann soll er das Brautgeld zahlen und sie zur Frau nehmen. Weigert sich aber ihr Vater, sie ihm zu geben, dann hat er ihm so viel zu zahlen, wie der Brautpreis für eine Jungfrau beträgt.“ (Exodus 22,15f.)) Etwas Besseres bietet diese Vorschrift nicht, weil sie nichts Besseres bieten konnte.

[Die der Deuteronomium-Stelle vorhergehenden Stellen werden übrigens von Bibelkritikern manchmal in dem Sinne gedeutet, dass sie unter Umständen die Todesstrafe für das Opfer einer Vergewaltigung vorsehen. In dem Fall ist das einfach Unsinn, der sich als solcher herausstellt, wenn man die Stelle genau liest. „Wenn ein unberührtes Mädchen mit einem Mann verlobt ist und ein anderer Mann ihr in der Stadt begegnet und sich mit ihr hinlegt, dann sollt ihr beide zum Tor dieser Stadt führen. Ihr sollt sie steinigen und sie sollen sterben, das Mädchen, weil es in der Stadt nicht um Hilfe geschrien hat, und der Mann, weil er sich die Frau eines andern gefügig gemacht hat. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen. Wenn der Mann dem verlobten Mädchen aber auf freiem Feld begegnet, sie fest hält und sich mit ihr hinlegt, dann soll nur der Mann sterben, der bei ihr gelegen hat, dem Mädchen aber sollst du nichts tun. Bei dem Mädchen handelt es sich nicht um ein Verbrechen, auf das der Tod steht; denn dieser Fall ist so zu beurteilen, wie wenn ein Mann einen andern überfällt und ihn tötet. Auf freiem Feld ist er ihr begegnet, das verlobte Mädchen mag um Hilfe geschrien haben, aber es ist kein Helfer da gewesen.“ Wie ich schon einmal erklärt habe: Die Frage, ob das Vergehen in der Stadt oder außerhalb geschehen ist und ob das Mädchen um Hilfe geschrieen hat oder nicht, dient einfach der Beweisfindung, um zu klären, ob es sich um eine Vergewaltigung oder um einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gehandelt hat – hier geht es nicht darum, ein Vergewaltigungsopfer zu bestrafen, sondern herauszufinden, ob sie ein Vergewaltigungsopfer ist oder nicht. Die Verse 26 und 27 erklären ja noch einmal deutlich, wieso es nicht strafwürdig ist, vergewaltigt zu werden. Das Verfahren ist etwas ungenügend, geht aber wenigstens bei einem Tatort, wo, anders als in der dicht besiedelten Stadt, niemand in der Nähe gewesen wäre, um zu helfen, von „Im Zweifelsfall für die Angeklagte“ aus – auch auf freiem Feld hätte sie freiwillig mit einem Mann schlafen können. Hier ist es übrigens auch interessant zu sehen, wie unterschiedlich verlobte (rechtlich gesehen schon verheiratete, aber noch im Haus ihrer Eltern lebende) und nicht verlobte Mädchen bzw. die Männer, die mit ihnen Geschlechtsverkehr hatten, behandelt wurden. Ehebruch wurde deutlich strenger gesehen als vorehelicher Geschlechtsverkehr.]

Ähnlich sieht es mit einer anderen, sehr häufig von Kritikern zitierten Stelle aus: „Wenn du zum Kampf gegen deine Feinde ausziehst und der Herr, dein Gott, sie alle in deine Gewalt gibt, wenn du dabei Gefangene machst und unter den Gefangenen eine Frau von schöner Gestalt erblickst, wenn sie dein Herz gewinnt und du sie heiraten möchtest, dann sollst du sie in dein Haus bringen und sie soll sich den Kopf scheren, ihre Nägel kürzen und die Gefangenenkleidung ablegen. Sie soll in deinem Haus wohnen und einen Monat lang ihren Vater und ihre Mutter beweinen. Danach darfst du mit ihr Verkehr haben, du darfst ihr Mann werden und sie deine Frau. Wenn sie dir aber nicht mehr gefällt, darfst du sie entlassen, und sie darf tun, was sie will. Auf keinen Fall darfst du sie für Silber verkaufen. Auch darfst du sie nicht als Sklavin kennzeichnen. Denn du hast sie dir gefügig gemacht.“ (Deuteronomium 21,10-14)

Nein, die Bibel legitimiert hier gerade nicht die Vergewaltigung einer Kriegsgefangenen. Sie versucht, ihre Rechte zu schützen, so gut es eben möglich ist. Ihr muss ein Monat Zeit gegeben werden, um ihre Familie zu betrauern. Sie muss dann wie eine normale Ehefrau mit allen damit einhergehenden Rechten behandelt und versorgt werden. „Der Text in Deuteronomium gibt uns auch mehrere Hinweise, dass der biblische Autor diejenigen, die erzwungene Heiraten praktizierten, mahnt, ihre Handlungen zu überdenken. Erstens wird gesagt, dass die gefangene Frau, die der Mann heiraten will, ihren Kopf scheren muss, und dass der Mann sie mit neuen Kleidern ausstatten muss. Da langes Haar ein Zeichen der Schönheit und Kleidung sehr teuer war, mag das ein Weg gewesen sein, die Israeliten davon abzubringen, Zwangsheiraten zu praktizieren. Zweitens darf die Frau ihren Verlust einen ganzen Monat lang betrauern, und erst dann konnte eine Heirat stattfinden. Wieder wird gehofft, dass diese Vorschrift den Israeliten einen Sinn des Mitleids einflößt und sie motiviert, eine solche Frau nicht gegen ihren Willen zu heiraten. Aber wenn der Mann tatsächlich eine Frau heiratet, die er gefangen genommen hat, und sie ihm später nicht mehr gefällt, dann kann er sie nicht als Sklavin verkaufen. Er muss sie als seine legitime Ehefrau sehen. Wenn er die Ehe beenden will, dann muss er sie gehen lassen, weil, und hier kommt der wichtige Teil, der Text sagt, dass der Mann ‚sie beschämt hat’ (Deuteronomium 21,14).“* (In der englischen Übersetzung, die diesem Text zugrunde liegt, wird das Wort „humiliate“ verwendet, was „beschämen“, „erniedrigen“, oder „demütigen“ heißen kann. In der deutschsprachigen Elberfilder Bibel und ebenso in der Zürcher Bibel heißt es noch deutlicher: „weil du ihr Gewalt angetan hast.“ Leider kenne ich den Urtext hier nicht, und kann damit nicht beurteilen, ob die Elberfilder Bibel oder die Einheitsübersetzung ihn besser wiedergibt; allerdings wird auch in der Vulgata, der lateinischen Standardübersetzung, das Verb „humiliasti“ verwendet, was mit „erniedrigen“, „demütigen“, „entehren“ oder „schänden“ übersetzt werden kann.)

Regel Nummer 17: Nur weil etwas in einem in der Bibel enthaltenen Gesetz reguliert wird, heißt das nicht, dass Gott es gutheißt.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/85/Tissot_The_Women_of_Midian_Led_Captive_by_the_Hebrews.jpg

(James Tissot, The women of Midian led captive by the Hebrews, Quelle: Wikimedia Commons)

 

Es gibt noch andere Schwierigkeiten mit den einzelnen Vorschriften der Tora, abgesehen von der, dass sie schlechte oder grausame Dinge wie die Polygamie oder die Sklaverei gestatten. Eine wäre, dass viele der Vorschriften schlicht unnötig oder blödsinnig klingen – die vielen Speisegesetze, das Verbot von Kleidung aus Mischgewebe, die Regeln zur rituellen Reinheit etc. Wozu das alles?

Diese Gesetze sind keine moralischen Gesetze, sondern gehören zum sog. zeremoniellen Gesetz. Es sind Gesetze, die a) Israel als Gottes heiliges Volk von den anderen Völkern unterscheiden und abgrenzen sollten, b) Gott auf ganz konkrete in den Mittelpunkt des Alltagslebens stellen sollten, c) besonders den Gehorsam gegenüber Gott lehren sollten (viele dieser Gesetze wurden nach dem Vorfall mit dem Goldenen Kalb erlassen; es handelt sich also sozusagen um eine pädagogische Maßnahme – tatsächlich bezeichnet Paulus das Gesetz des Mose in Galater 3,24 als „paidagogos“), d) oft einen bestimmten Symbolwert hatten, beispielsweise bei Gesetzen, die bestimmte Vermischungen verbieten (Israel soll sich nicht mit den heidnischen Völkern vermischen, den Gottesdienst nicht mit heidnischen Riten).

Das moralische Gesetz und das zeremonielle Gesetz überschneiden sich an manchen Stellen. Manche Dinge sind immer falsch – Tempelprostitution oder Okkultismus etwa. Andere waren damals falsch, weil sie damals eine bestimmte kultische Bedeutung für andere Religionen hatten, wie bestimmte Frisuren oder Tätowierungen. Ein Abschnitt aus dem Buch Levitikus bietet ein sehr gutes Beispiel für solche Überschneidungen: „Ihr sollt nichts mit Blut essen. Wahrsagerei und Zauberei sollt ihr nicht treiben. Ihr sollt euer Kopfhaar nicht rundum abschneiden. Du sollst deinen Bart nicht stutzen. Für einen Toten dürft ihr keine Einschnitte auf eurem Körper anbringen und ihr dürft euch keine Zeichen einritzen lassen. Ich bin der Herr. Entweih nicht deine Tochter, indem du sie der Unzucht preisgibst, damit das Land nicht der Unzucht verfällt und voller Schandtat wird. Ihr sollt auf meine Sabbate achten und mein Heiligtum fürchten. Ich bin der Herr. Wendet euch nicht an die Totenbeschwörer und sucht nicht die Wahrsager auf; sie verunreinigen euch. Ich bin der Herr, euer Gott.“ (Levitikus 19,26-31)

Das zeremonielle Gesetz hatte also einen Sinn in der Zeit, in der Israel sich auf das Kommen des Messias vorbereitete. Im Neuen Bund gilt es nicht mehr. Jesus betonte während seines irdischen Lebens immer wieder, dass die äußerliche, kultische Reinheit nicht das Entscheidende ist, und dass die Regeln kein Selbstzweck sind. Dann wurde nach seiner Auferstehung dem hl. Petrus offenbart, dass die Speisegebote nicht mehr gelten, und die Apostel entschieden auf dem Apostelkonzil, nicht von den Heidenchristen zu verlangen, sich zu „beschneiden und von ihnen [zu] fordern, am Gesetz des Mose festzuhalten“ (Apostelgeschichte 15,5). Auch in den Paulusbriefen finden sich übrigens zahlreiche Stellen zu den „Werken des Gesetzes“, z. B. im Römerbrief.

Regel Nummer 18: Im Alten Testament muss man zwischen dem moralischen (Zehn Gebote etc.) und dem zeremoniellen Gesetz (Speisegesetze etc.) unterscheiden. Das zeremonielle Gesetz des Alten Bundes hat seinen Zweck erfüllt und ist jetzt nicht mehr nötig.

Ab und zu werden einzelne Stellen aus dem zeremoniellen Gesetz auch als faktisch falsch kritisiert. Dazu gehören z. B. die Einordnung des Hasen als „Wiederkäuer“ in Levitikus 11,6 oder die der Fledermaus als Vogel in Levitikus 11,13-19. In diesen Fällen muss man einfach auf die Originalsprache schauen. Mit Wiederkäuern waren Tiere gemeint, die entweder, wie Kühe, halb verdaute Nahrung aus ihrem Magen noch einmal heraufholen und erneut kauen, oder, wie Hasen, ihren eigenen Kot fressen, um Nährstoffe, die ihr Körper beim ersten Mal nicht aufgenommen hat, beim zweiten Mal zu kriegen. (Ja, ich weiß – ekelhaft.) Und mit Vögeln meinte man schlichtweg Tiere mit Flügeln; hier findet keine biologische Klassifizierung statt. Übersetzungen haben eben ihre Grenzen.

 

Eine dritte wichtige Schwierigkeit mit der Tora wäre, dass die in ihr enthaltenen Gesetze manchmal übermäßig grausame Strafen vorschreiben. Die immer wieder wiederholten Grundsätze des Buches Deuteronomium hierzu klingen unerbittlich und brutal: „Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen“ (Deuteronomium 13,6; 17,7; 19,19; 21,21; 24,7), und, noch härter und dem instinktiven menschlichen Gefühl für Moral widersprechend, „Du sollst in dir kein Mitleid aufsteigen lassen“ (Deuteronomium 13,9; 19,21; 25,12). Auch zu solchen Strafen haben wir die passende Jesus-Stelle: Als die Ehebrecherin zu ihm gebracht wird und die Schriftgelehrten ihn testen wollen, ob er sich auch an das Gesetz des Mose hält, sorgt er dafür, dass sie entgegen diesem Gesetz nicht gesteinigt wird.

Die Strafen in der Tora haben unterschiedliche Gründe.

Es finden sich harte Strafen für schwere Verbrechen. „Wer einen Menschen so schlägt, dass er stirbt, wird mit dem Tod bestraft. Wenn er ihm aber nicht aufgelauert hat, sondern Gott es durch seine Hand geschehen ließ, werde ich dir einen Ort festsetzen, an den er fliehen kann. Hat einer vorsätzlich gehandelt und seinen Mitbürger aus dem Hinterhalt umgebracht, sollst du ihn von meinem Altar wegholen, damit er stirbt.“ (Exodus 21,12-14) Dieses Gesetz unterscheidet zwischen vorsätzlichem Mord und im Affekt geschehenem Totschlag (oder Körperverletzung mit Todesfolge); im zweiten Fall gibt es für den Täter die Möglichkeit, in eine Asylstadt oder einen Tempel zu fliehen; im ersten Fall gilt für ihn selbst in einem Heiligtum kein Asyl, er wird mit dem Tod bestraft. Oder es gäbe auch dieses Gesetz gegen Menschenraub: „Wer einen Menschen raubt, gleichgültig, ob er ihn verkauft hat oder ob man ihn noch in seiner Gewalt vorfindet, wird mit dem Tod bestraft.“ (Exodus 21,16) Das sind Gesetze, die vernünftigerweise nicht zu beanstanden sind. In der damaligen Zeit hatte man keine Hochsicherheitsgefängnisse. Es gab die Todesstrafe, die Verbannung (evtl. mit der Möglichkeit des Asyls in einer Stadt mit speziellen Rechtsprivilegien oder in einem Heiligtum), Körperstrafen und Geldstrafen (bzw. andere Schadensersatzleistungen). Die Todesstrafe war manchmal schlichtweg nötig, um eine Gesellschaft vor einem Verbrecher zu schützen; und wenn sie nötig ist, ist sie legitim, da sie dann nichts anderes als ein Fall von kollektiver Notwehr ist. Das Leben damals war hart, und kurz, und brutal.

Okay. Ich glaube, dass die meisten Leute nicht allzu viele Schwierigkeiten damit haben werden, zu akzeptieren, dass eine bronzezeitliche Gesellschaft manchmal nicht umhin kam, Mörder oder Menschenräuber hinzurichten. Aber dann sind da noch andere Vorschriften – Vorschriften wie diese hier:

  • „Wer seinen Vater oder seine Mutter schlägt, wird mit dem Tod bestraft.“ (Exodus 21,15)
  • „Wer seinen Vater oder seine Mutter verflucht, wird mit dem Tod bestraft.“ (Exodus 21,17)
  • „Jeder, der seinen Vater oder seine Mutter verflucht, wird mit dem Tod bestraft. Da er seinen Vater oder seine Mutter verflucht hat, soll sein Blut auf ihn kommen.“ (Levitikus 20)
  • „Wenn ein Mann einen störrischen und widerspenstigen Sohn hat, der nicht auf die Stimme seines Vaters und seiner Mutter hört, und wenn sie ihn züchtigen und er trotzdem nicht auf sie hört,dann sollen Vater und Mutter ihn packen, vor die Ältesten der Stadt und die Torversammlung des Ortes führen und zu den Ältesten der Stadt sagen: Unser Sohn hier ist störrisch und widerspenstig, er hört nicht auf unsere Stimme, er ist ein Verschwender und Trinker. Dann sollen alle Männer der Stadt ihn steinigen und er soll sterben. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen. Ganz Israel soll davon hören, damit sie sich fürchten.“ (Deuteronomium 21,18-21)
  • „Wenn ein Mann dabei ertappt wird, wie er bei einer verheirateten Frau liegt, dann sollen beide sterben, der Mann, der bei der Frau gelegen hat, und die Frau. Du sollst das Böse aus Israel wegschaffen.“ (Deuteronomium 22,22)
  • „Jeder, der mit einem Tier verkehrt, soll mit dem Tod bestraft werden.“ (Exodus 22,18)
  • „Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, wird mit dem Tod bestraft, der Ehebrecher samt der Ehebrecherin.Ein Mann, der mit der Frau seines Vaters schläft, hat die Scham seines Vaters entblößt. Beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen. Schläft einer mit seiner Schwiegertochter, so werden beide mit dem Tod bestraft. Sie haben eine schändliche Tat begangen, ihr Blut soll auf sie kommen. Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen. Heiratet einer eine Frau und ihre Mutter, so ist das Blutschande. Ihn und die beiden Frauen soll man verbrennen, damit es keine Blutschande unter euch gibt. Ein Mann, der einem Tier beiwohnt, wird mit dem Tod bestraft; auch das Tier sollt ihr töten. Nähert sich eine Frau einem Tier, um sich mit ihm zu begatten, dann sollst du die Frau und das Tier töten. Sie werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen. Nimmt einer seine Schwester, eine Tochter seines Vaters oder eine Tochter seiner Mutter und sieht ihre Scham und sie sieht die seine, so ist es eine Schandtat. Sie sollen vor den Augen der Söhne ihres Volkes ausgemerzt werden. Er hat die Scham seiner Schwester entblößt; er muss die Folgen seiner Schuld tragen. Ein Mann, der mit einer Frau während ihrer Regel schläft und ihre Scham entblößt, hat ihre Blutquelle aufgedeckt und sie hat ihre Blutquelle entblößt; daher sollen beide aus ihrem Volk ausgemerzt werden.“ (Levitikus 20,10-18)
  • „Wenn sich die Tochter eines Priesters als Dirne entweiht, so entweiht sie ihren Vater; sie soll im Feuer verbrannt werden.“ (Levitikus 21,9)
  • „Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen.“ (Exodus 22,17)
  • „Männer oder Frauen, in denen ein Toten- oder ein Wahrsagegeist ist, sollen mit dem Tod bestraft werden. Man soll sie steinigen, ihr Blut soll auf sie kommen.“ (Levitikus 20,27)
  • „Wer einer Gottheit außer Jahwe Schlachtopfer darbringt, an dem soll die Vernichtungsweihe vollstreckt werden.“ (Exodus 22,19)
  • „Wenn in deiner Mitte ein Prophet oder ein Traumseher auftritt und dir ein Zeichen oder Wunder ankündigt,wobei er sagt: Folgen wir anderen Göttern nach, die du bisher nicht kanntest, und verpflichten wir uns, ihnen zu dienen!, und wenn das Zeichen und Wunder, das er dir angekündigt hatte, eintrifft, dann sollst du nicht auf die Worte dieses Propheten oder Traumsehers hören; denn der Herr, euer Gott, prüft euch, um zu erkennen, ob ihr das Volk seid, das den Herrn, seinen Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele liebt. Ihr sollt dem Herrn, eurem Gott, nachfolgen, ihn sollt ihr fürchten, auf seine Gebote sollt ihr achten, auf seine Stimme sollt ihr hören, ihm sollt ihr dienen, an ihm sollt ihr euch fest halten. Der Prophet oder Traumseher aber soll mit dem Tod bestraft werden. Er hat euch aufgewiegelt gegen den Herrn, euren Gott, der euch aus Ägypten geführt und dich aus dem Sklavenhaus freigekauft hat. Denn er wollte dich davon abbringen, auf dem Weg zu gehen, den der Herr, dein Gott, dir vorgeschrieben hat. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen. Wenn dein Bruder, der dieselbe Mutter hat wie du, oder dein Sohn oder deine Tochter oder deine Frau, mit der du schläfst, oder dein Freund, den du liebst wie dich selbst, dich heimlich verführen will und sagt: Gehen wir und dienen wir anderen Göttern – (wobei er Götter meint,) die du und deine Vorfahren noch nicht kannten, unter den Göttern der Völker, die in eurer Nachbarschaft wohnen, in der Nähe oder weiter entfernt, zwischen dem einen Ende der Erde und dem andern Ende der Erde -, dann sollst du nicht nachgeben und nicht auf ihn hören. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihm aufsteigen lassen, sollst keine Nachsicht für ihn kennen und die Sache nicht vertuschen. Sondern du sollst ihn anzeigen. Wenn er hingerichtet wird, sollst du als Erster deine Hand gegen ihn erheben, dann erst das ganze Volk. Du sollst ihn steinigen und er soll sterben; denn er hat versucht, dich vom Herrn, deinem Gott, abzubringen, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. Ganz Israel soll davon hören, damit sie sich fürchten und nicht noch einmal einen solchen Frevel in deiner Mitte begehen.“ (Deuteronomium 13,2-12)
  • „Sag den Israeliten: Jeder, der seinem Gott flucht, muss die Folgen seiner Sünde tragen.Wer den Namen des Herrn schmäht, wird mit dem Tod bestraft; die ganze Gemeinde soll ihn steinigen. Der Fremde muss ebenso wie der Einheimische getötet werden, wenn er den Gottesnamen schmäht.“ (Levitikus 24,15f.)

Zusammengefasst: Für Vergehen gegen die Eltern, für die schwereren sexuellen Vergehen (Ehebruch, Inzest, homosexuelle Handlungen, Bestialität), und für fremde religiöse / okkulte Praktiken oder den Abfall von Jahwe wird hier die Todesstrafe angedroht. (Noch kurz zu der Frage, was genau mit „Hexerei“ oder den Kulten anderer Götter gemeint war, ein weiteres Zitat aus Deuteronomium: „Wenn du in das Land hineinziehst, das der Herr, dein Gott, dir gibt, sollst du nicht lernen, die Gräuel dieser Völker nachzuahmen. Es soll bei dir keinen geben, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt, keinen, der Losorakel befragt, Wolken deutet, aus dem Becher weissagt, zaubert, Gebetsbeschwörungen hersagt oder Totengeister befragt, keinen Hellseher, keinen, der Verstorbene um Rat fragt. Denn jeder, der so etwas tut, ist dem Herrn ein Gräuel.“ (Deuteronomium 18,9-12) Also alles von Kinderopfern hin zu Geisterbefragung.)

File:Tissot The Sabbath-Breaker Stoned.jpg

(James Tissot, The Sabbath-Breaker Stoned)

Es ist schwierig zu sagen, inwieweit diese strengen Gesetze in der Praxis Anwendung fanden, und auch, ob sie überhaupt in jedem Fall Anwendung finden sollten oder bloß eine Höchststrafe festlegten. Aber lassen wir diese Fragen mal beiseite und gehen davon aus, dass die Gesetze so angewendet wurden, wie sie dastehen. Dabei sollte noch beachtet werden, dass es eine generelle Schwelle für die Anwendung der Todesstrafe gab, nämlich, was die Anzahl der Zeugen betraf, und auch harte Strafen für verleumderische Verdächtigungen: „Wenn es um ein Verbrechen oder ein Vergehen geht, darf ein einzelner Belastungszeuge nicht Recht bekommen, welches Vergehen auch immer der Angeklagte begangen hat. Erst auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen darf eine Sache Recht bekommen. Wenn jemand vor Gericht geht und als Zeuge einen andern zu Unrecht der Anstiftung zum Aufruhr bezichtigt, wenn die beiden Parteien mit ihrem Rechtsstreit vor den Herrn hintreten, vor die Priester und Richter, die dann amtieren, wenn die Richter eine genaue Ermittlung anstellen und sich zeigt: Der Mann ist ein falscher Zeuge, er hat seinen Bruder fälschlich bezichtigt, dann sollt ihr mit ihm so verfahren, wie er mit seinem Bruder verfahren wollte. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen. Die Übrigen sollen davon hören, damit sie sich fürchten und nicht noch einmal ein solches Verbrechen in deiner Mitte begehen. Und du sollst in dir kein Mitleid aufsteigen lassen: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß.“ (Deuteronomium 19,15-20)

An dieser Stelle sieht man sehr schön den generellen Sinn des Talionsprinzips in der Tora. (Das übrigens nicht nur im Buch Deuteronomium, sondern auch schon im Buch Exodus vorkommt: „Ist weiterer Schaden entstanden, dann musst du geben: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.“ (Exodus 21,23-25)) Es hat, wie andere weiter oben genannte Vorschriften, auch einen schadensbegrenzenden Zweck, indem es die exzessive Blutrache verbietet – wenn jemand dir ein Auge ausgeschlagen hat, darfst du ihn dafür nicht gleich umbringen –; aber vor allem soll es ganz einfach die reine Gerechtigkeit durchsetzen; Gerechtigkeit, die hart sein kann, die nicht durch Gnade abgemildert wird, die aber jedem ganz genau das gibt, was ihm zusteht und was er sich verdient hat.

Und, wie im Alten Testament sehr deutlich wird, wurden Ehebruch, Inzest, Verfluchung der Eltern, Totenbeschwörung oder die Verehrung anderer Götter eben als schwerwiegende, tatsächlich todeswürdige Verbrechen betrachtet. Dafür gab es verschiedene Gründe; der Abfall von Gott galt als schwerwiegend, weil er einen Treuebruch mit demjenigen bedeutete, der die Existenz des ganzen Volkes garantierte; die Familie oder Sippe war extrem wichtig und daher galt auch Verhalten, das sie schädigte, wie Ehebruch, Inzest oder Verfluchung der Eltern, als schwerwiegend.

Es gibt die Lesart, dass diese Gesetze, ganz genau so, wie sie sind, von Gott gegeben wurden und damals eben aus diversen Gründen (um die Israeliten erst einmal auf den richtigen Weg zu bringen; um deutlich zu machen, wie schlimm diese Vergehen sind; um die gesellschaftliche Ordnung der damaligen Zeit zu erhalten, o. Ä.) nötig waren, es heute aber nicht mehr sind, auch wenn die genannten Vergehen an sich immer noch ebenso schlecht sind wie damals. Dieser Lesart folgt z. B. Lutheran Satire anscheinend in diesem (eigentlich ganz gut gemachten) Clip:

 

 

[Achtung: Borderline-häretischer Content bei der Erklärung des Zwecks des moralischen Gesetzes. Es ist nicht nur dafür da, uns zu zeigen, dass wir es nicht erfüllen können, also alle Sünder sind! Lutherische Häresie! Wir sollen es erfüllen! Und können es! (Theoretisch.)]

Ich folge dieser Lesart nicht ganz. Noch einmal: Als Jesus mit einer konkreten Frage zum Gesetz des Mose konfrontiert wird, sagt er: „Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben.“ „Er“ ist hier Mose, nicht Gott – es handelt sich bei den Vorschriften, um die es geht, um das Gesetz des Mose; ein Gesetz, das dieser sich sicher nicht einfach aus den Fingern gesogen, sondern in einem echten Hinhören auf Gottes Willen verfasst hat, aber das ihm wahrscheinlich auch nicht wortwörtlich vom Himmel herab diktiert wurde, sondern das eben er selbst verfasst hat. Ich denke wirklich, wir sollten vorsichtig sein, wenn wir die Offenbarung Gottes im Alten Testament ansehen. Wir sollten sie uns nicht immer so direkt vorstellen, wie wir es manchmal tun. (Siehe dazu Teil 6: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/08/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-6-das-fortschreiten-der-offenbarung-wie-wir-das-alte-testament-lesen-sollen/) Gottes Stimme war wahrscheinlich am Anfang der Offenbarungsgeschichte nicht immer einfach zu vernehmen. Die Bibel zeigt uns ja, wie das Verständnis um Gottes Wesen im Lauf der Zeit zunimmt; sie zeigt nicht das Ergebnis, das gesammelte Wissen, das am Ende steht, sondern den Prozess, der zu diesem Wissen geführt hat. Sie erzählt eine Geschichte.

Ich möchte hier noch einen anderen Beitrag zu diesem Thema verlinken (https://thetalkingllama.wordpress.com/2014/05/18/what-frozen-taught-me-about-how-to-read-the-bible/), der genau darauf eingeht, und die Geschichte des Gottesvolkes mit dem Disney-Film „Frozen“ vergleicht. (Man könnte natürlich auch eine beliebige andere gute Geschichte nehmen. Aber ich bleibe bei der Analogie, weil „Frozen“ einfach zu meinen Lieblingsfilmen gehört, und ich daher ganz begeistert war, auf diesen Blogartikel zu stoßen.) Zusammenfassung der Story: Prinzessin Elsa hat magische Kräfte und kann Eis und Schnee herbeizaubern, diese Kräfte sind aber auch gefährlich und als Kind hat sie ihre kleine Schwester Anna damit verletzt, also versucht sie seitdem verzweifelt, sie zurückzuhalten, was am Ende nicht funktioniert, weshalb sie am Tag ihrer Krönung davonläuft und sich hoch oben einsam in den Bergen versteckt, wo sie sich ein Eisschloss zaubert. An dieser Stelle im Film kommt das folgende Lied:

 

 

Man kann Elsas Erleichterung darüber, dass sie sich endlich nicht mehr verstecken muss, sehr gut nachfühlen – „…and the fears that once controlled me / can’t get to me at all! / It’s time to see what I can do, / to test the limits and break through…“ –, aber trotzdem ist nicht alles, was sie in diesem Moment singt, wahr: „No right, no wrong, no rules for me – / I’m free!“ So funktioniert es auch wieder nicht, und das zeigt der Film in der Folge sehr deutlich. Elsa hat unabsichtlich und ohne es zu merken das ganze Land unter Eis und Schnee versenkt, und als ihre Schwester ihr nachgeht, um sie wieder zurückzuholen, und sie schließlich findet, verletzt Elsa Anna mit einem Eisblitz, was für Anna lebensgefährlich wird. Elsa kann sich nicht einfach zurückziehen und ihren Kräften freien Lauf lassen; sie schadet anderen Menschen damit, auch wenn sie es unabsichtlich tut und ihre bisherigen Versuche, niemandem zu schaden, nicht wirklich erfolgreich waren. Die Lösung bietet am Ende des Films, kurz gesagt, – eigentlich ganz genau wie in der Bibel oder bei Harry Potter – die Liebe. (Genaueres verrate ich nicht. Film ansehen! Er ist genial. Ja, wirklich. Viele Disneyfilme sind genial!)

Es wäre also falsch, alle Aussagen von „Let it go“ als Aussagen des Films herzunehmen, auch wenn manchen Leuten speziell dieses Lied so gut zu gefallen scheint, dass sie genau das tun. Das hier ist erst der Anfang. Ein paar Erkenntnisse müssen noch kommen.

Ähnlich ist es meiner Meinung nach mit der Bibel. Die Menschen, die diese Gesetze erlassen und Exodus, Levitikus, oder Deuteronomium verfasst haben, hatten bereits einige sehr wichtige Erkenntnisse über Gott und das Gute gewonnen: Das moralische Gesetz ist etwas Absolutes. Gerechtigkeit ist wichtig. Ehebruch oder Okkultismus oder Mord sind wirklich schwerwiegende Sünden, die Wiedergutmachung verlangen, konkreten Menschen schaden, und der Gesellschaft im Ganzen ebenso. „Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen“ – das ist an sich keine falsche Aussage. Das Böse muss weggeschafft werden, ganz radikal, ohne Kompromisse. Aber dass das nicht immer am besten durch das Wegschaffen des Menschen, der das Böse tut, geschieht, das hatten die Autoren dieser Texte eben noch nicht erkannt. Die Unterscheidung zwischen Sünder und Sünde, die Erkenntnis, dass das Böse manchmal eher in der Seele des Einzelnen weggeschafft werden muss als in der Gesellschaft, fehlte noch. Die Gnade kommt zu kurz. Nicht, dass sie im Alten Testament gar nicht vorkäme; im Gegenteil, in anderen Texten kommt sie wieder und wieder und wieder zum Ausdruck. Aber hier fehlt sie. Und genau deswegen lässt Jesus die Ehebrecherin eben nicht steinigen, sondern sagt zu ihr, „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.“ (Johannes 8,11).

„Gott ist die Liebe“, sagt der hl. Johannes (1 Johannes 4,8), und die Liebe, die sich in Jesus Christus offenbart hat, bringt die Gerechtigkeit und die Gnade zusammen. Also bitte Regel Nummer 16 im Hinterkopf behalten, wenn man das Buch Deuteronomium liest.

 

Tatsächlich lese ich persönlich übrigens das Buch Deuteronomium inzwischen sehr gerne. Es enthält unglaublich schöne Texte:

„Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen. Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst. Du sollst sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf deiner Stirn werden. Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Stadttore schreiben.“

(Deuteronomium 6,4-9)

„Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“

(Deuteronomium 30,11-14)

„Hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor. […] Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den Herrn, deinen Gott, hör auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben. Er ist die Länge deines Lebens, das du in dem Land verbringen darfst, von dem du weißt: Der Herr hat deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es ihnen zu geben.“

(Deuteronomium 30,15.19f.)

Man muss eben bloß wissen, was man mit den irritierenden Versen machen soll, die sich immer mal wieder zwischen die schönen verirren.

 

* Trent Horn, Hard Sayings, El Cajon, California 2016, S. 242f., Übersetzung von mir.

 

Zur Historizität des AT: Heute mal bloß ein Link

Als Ergänzung zu meiner Reihe über die Bibel (https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/ , https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/15/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-3-ueber-historizitaet-genres-und-woertlich-gemeint/) heute mal ein Link: Auf katholisch.de findet sich eine interessante Liste von 53 Personen des Alten Testaments, deren Existenz bisher zweifelsfrei archäologisch nachgewiesen werden konnte, von König David bis hin zu Tattenai, dem persischen Statthalter zur Zeit Esras: http://katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/53-personen-des-alten-testaments-nachweisbar

 

Über schwierige Bibelstellen, Teil 11: Das auserwählte Volk

Die „Auserwählung“ des Volkes Israel ist etwas, das mich als Kind beim Lesen der Kinderbibel tatsächlich stark gestört hat. Eine Religion, die einem Volk vorbehalten ist? Ein Gott nur für ein Volk? Vielleicht können Menschen, die (mir ist seit jeher schleierhaft, welchen Grund sie dafür haben könnten) Missionierung anderer Völker für gar grässliche Aggression halten, und meinen, am besten sollte ein jeder seine Religion für sich behalten, meine Gefühle nicht ganz nachvollziehen; aber ja, es ist im Grunde rassistisch, zu glauben, die Wahrheit gehöre einem Volk und solle ihm vorbehalten bleiben, und der wahre Gott beschränke Seine Wohltaten, Seine Liebe und Seinen Bund auf dieses Volk und ignoriere dabei die anderen.

Gut also, dass dem nicht so ist.

Oh, Israel ist das auserwählte Volk, selbstverständlich. Und im Alten Bund spielte seine Auserwählung noch eine besonders große Rolle. Aber es ist eben gerade keine Auserwählung in dem Sinne, wie ich sie damals missverstanden habe, die die anderen Völker zu Ausgestoßenen und Verdammten machen würde – ganz im Gegenteil: „Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Genesis 12,3), sagt Gott zu Abraham, als Er ihn, den Stammvater Israels, beruft. Israel hat eine bestimmte Rolle in der Heilsgeschichte, aber es erfährt keine ungerechte Bevorzugung – angesichts der Tatsache, dass es unter seiner Auserwählung auch öfter mal zu leiden hat (Gott erzieht sein Volk manchmal streng), wäre das sowieso ein ziemlich offensichtlicher Trugschluss. Israel ist das auserwählte Volk, wie Harry Potter der „Auserwählte“ ist, um gegen Lord Voldemort zu kämpfen: nicht für sich selbst.

Bibelstellen, die einen bezüglich der Auserwählung Israels stören können, sind z. B. solche wie diese hier:

  • „Denn du bist ein Volk, das dem Herrn, deinem Gott, heilig ist. Dich hat der Herr, dein Gott, ausgewählt, damit du unter allen Völkern, die auf der Erde leben, das Volk wirst, das ihm persönlich gehört.“ (Deuteronomium 7,6)
  • „Sieh, dem Herrn, deinem Gott, gehören der Himmel, der Himmel über den Himmeln, die Erde und alles, was auf ihr lebt.Doch nur deine Väter hat der Herr ins Herz geschlossen, nur sie hat er geliebt. Und euch, ihre Nachkommen, hat er später unter allen Völkern ausgewählt, wie es sich heute zeigt.“ (Deuteronomium 10,14f.)
  • Es gibt Stellen wie diese im Buch Esra, die die kategorische Abgrenzung von fremden Völkern fordern: „Der Priester Esra stand auf und sagte zu ihnen: Ihr habt dem Herrn die Treue gebrochen; ihr habt fremde Frauen genommen und so die Schuld Israels noch größer gemacht.So legt nun vor dem Herrn, dem Gott eurer Väter, ein Bekenntnis ab und tut, was er wünscht: Trennt euch von der Bevölkerung des Landes, insbesondere von den fremden Frauen! […]Alle diese hatten fremde Frauen geheiratet; sie trennten sich nun von ihren Frauen, auch wenn sie von ihnen Kinder hatten.“ (Esra 10,10f.44)
  • Und mit den Ausrottungsbefehlen bei der Landnahme wollen wir mal gar nicht erst anfangen. (Dazu gibt’s dann schließlich noch einen eigenen Beitrag – den übernächsten, genau genommen.)
  • Sogar der Apostel Paulus zitiert im Römerbrief eine Stelle aus dem Buch Maleachi; bei ihm heißt es dann „denn es steht in der Schrift: Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst“ (Römer 9,13); im Original bei Maleachi steht, in den Worten der Einheitsübersetzung: „Ich liebe euch, spricht der Herr. Doch ihr sagt: Worin zeigt sich deine Liebe? – Ist nicht Esau Jakobs Bruder? – Spruch des Herrn – und doch liebe ich Jakob,Esau aber hasse ich.“ (Maleachi 1,2f.)

Interessanterweise zitiert der Apostel dann im weiteren Verlauf von Römer 9 noch eine ganz anders klingende alttestamentliche Stelle: „So spricht er auch bei Hosea: Ich werde als mein Volk berufen, was nicht mein Volk war, und als Geliebte jene, die nicht geliebt war. Und dort, wo ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk, dort werden sie Söhne des lebendigen Gottes genannt werden.“ (Römer 9,25f.)

Es dürfte also nichts schaden, sich eine Auswahl an weiteren Bibelstellen anzusehen, die demonstrieren, dass einem falschen Verständnis von Auserwählung auch im Alten Testament Grenzen gesetzt werden.

Zuerst einmal finden sich zuhauf positive Stellen über Proselyten, d. h. Heiden, die sich den Juden angeschlossen haben:

  • „Der Fremde, der sich dem Herrn angeschlossen hat, soll nicht sagen: Sicher wird der Herr mich ausschließen aus seinem Volk. […]Die Fremden, die sich dem Herrn angeschlossen haben, die ihm dienen und seinen Namen lieben, um seine Knechte zu sein, alle, die den Sabbat halten und ihn nicht entweihen, die an meinem Bund fest halten, sie bringe ich zu meinem heiligen Berg und erfülle sie in meinem Bethaus mit Freude. Ihre Brandopfer und Schlachtopfer finden Gefallen auf meinem Altar, denn mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt.“ (Jesaja 56,3.6f.)
  • Das ganze Buch Ruth handelt von einer vorbildlichen Moabiterin, die sich dem Volk Israel anschließt. Ruth heiratet einen Juden, der wegen einer Hungersnot mit seiner Familie ins Gebiet von Moab gezogen ist, und als ihr Mann, ihr Schwager und ihr Schwiegervater sterben, begleitet sie ihre alte Schwiegermutter Noomi in deren Heimat Bethlehem zurück: „Rut antwortete: Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren. Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott.Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der Herr soll mir dies und das antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.“ (Ruth 1,16f.) Später heiratet sie dann einen Verwandten ihres verstorbenen Mannes namens Boas und bekommt einen Sohn namens Obed, der dann der Großvater König Davids wird.
  • Außerdem findet sich das (wahrscheinlich nicht historische, sondern allegorische) Buch Jona, in dem tatsächlich die einzige Person, die sich (noch dazu mehrmals) dem Herrn widersetzt, der Prophet Jona selbst ist, während die heidnischen Seeleute Gott fürchten und die heidnischen Einwohner Ninives sich auf seine Bußpredigt hin sofort bekehren.
  • Weitere Beispiele von positiv dargestellten Angehörigen heidnischer Völker, die sich dem Glauben Israels angeschlossen haben oder von denen dies anzunehmen ist, wären etwa: der Aramäer Naaman, den der Prophet Elischa vom Aussatz heilt und der so erkennt „Jetzt weiß ich, dass es nirgends auf der Erde einen Gott gibt außer in Israel“ (2 Könige 5,15), Moses Frau Zippora, eine Midianiterin, der Hetiter Urija, ein Krieger Davids, oder der Kuschiter (Kusch ist in etwa das heutige Äthiopien) Ebed-Melech, ein Höfling des Königs Zidkija, der den Propheten Jeremia aus der Zisterne rettet (Jeremia 38,7-13); usw.
  • Solche Stellen betreffen sogar unseren Herrn selber, der sowohl ein Angehöriger des auserwählten Volkes als auch ein Nachkomme von Heiden, die sich diesem Volk angeschlossen haben, ist. In Seinem Stammbaum in Matthäus 1,1-17 werden genau vier Frauen erwähnt: Tamar, die von ihrem Schwiegervater Juda die Zwillinge Perez und Serach bekam (Genesis 38), Rahab, die Prostituierte aus Jericho (Josua 2 und 6), die oben erwähnte Ruth, die Urgroßmutter Davids, und „die Frau des Urija“, also Batseba, die König David zur Frau nahm, nachdem er ihren Mann hatte ermorden lassen, und die später die Mutter Salomos wurde (2 Samuel 11-12). Alle diese Frauen waren keine Jüdinnen. (Bei Batseba kann man es zwar nicht sicher wissen, aber vermuten, da ihr erster Mann ein Hetiter war.)

Dann gibt es zweitens natürlich die vielen Prophezeiungen für den Neuen Bund, zu denen auch die oben von Paulus zitierte Hosea-Stelle gehört.

  • „Völker, die du nicht kennst, wirst du rufen; Völker, die dich nicht kennen, eilen zu dir, um des Herrn, deines Gottes, des Heiligen Israels willen, weil er dich herrlich gemacht hat.“ (Jesaja 55,5)
  • „Ich kenne ihre Taten und ihre Gedanken und komme, um die Völker aller Sprachen zusammenzurufen, und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen. Ich stelle bei ihnen ein Zeichen auf und schicke von ihnen einige, die entronnen sind, zu den übrigen Völkern: nach Tarschisch, Pul und Lud, Meschech und Rosch, Tubal und Jawan und zu den fernen Inseln, die noch nichts von mir gehört und meine Herrlichkeit noch nicht gesehen haben. Sie sollen meine Herrlichkeit unter den Völkern verkünden.Sie werden aus allen Völkern eure Brüder als Opfergabe für den Herrn herbeiholen auf Rossen und Wagen, in Sänften, auf Maultieren und Dromedaren, her zu meinem heiligen Berg nach Jerusalem, spricht der Herr, so wie die Söhne Israels ihr Opfer in reinen Gefäßen zum Haus des Herrn bringen. Und auch aus ihnen werde ich Männer als Priester und Leviten auswählen, spricht der Herr.“ (Jesaja 66,18-21)
  • „Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen die Völker.Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung, aus Jerusalem kommt das Wort des Herrn. Er spricht Recht im Streit vieler Völker, er weist mächtige Nationen zurecht [bis in die Ferne]. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg.“ (Micha 4,1-3)
  • Und sogar: „An jenem Tag wird eine Straße von Ägypten nach Assur führen, sodass die Assyrer nach Ägypten und die Ägypter nach Assur ziehen können. Und Ägypten wird zusammen mit Assur (dem Herrn) dienen.An jenem Tag wird Israel als Drittes dem Bund von Ägypten und Assur beitreten, zum Segen für die ganze Erde. Denn der Herr der Heere wird sie segnen und sagen: Gesegnet ist Ägypten, mein Volk, und Assur, das Werk meiner Hände, und Israel, mein Erbbesitz.“ (Jesaja 19,23-25) Wenn das mal keine versöhnlichen Töne gegenüber Ägypten, dem „Sklavenhaus“, und Assur, dem brutalen Eroberer des Nordreichs Israel, sind, dann weiß ich auch nicht mehr.

Viele Stellen bei den Propheten machen deutlich, dass der Gottesbund alle Nationen umfassen wird, irgendwann einmal, wenn der Messias erscheint – und dass der Gottesbund mit Israel auch nicht bedeutet, dass die anderen Völker vollkommen alleingelassen wurden. (Auserwählung und Erlösung im Jenseits sind übrigens ganz grundsätzlich zwei Paar Stiefel. Letzteres Thema taucht im AT sowieso noch kaum auf.)

Weshalb wurde überhaupt Israel auserwählt? Nicht unbedingt, weil es ein bedeutendes Volk gewesen wäre. „Nicht weil ihr zahlreicher als die anderen Völker wäret, hat euch der Herr ins Herz geschlossen und ausgewählt; ihr seid das kleinste unter allen Völkern.“ (Deuteronomium 7,7) Nicht einmal, weil es ein außergewöhnlich tugendhaftes Volk war. „Du sollst erkennen: Du bist ein halsstarriges Volk.“ (Deuteronomium 9,6) Israel war ein in keiner Hinsicht besonderes Volk; es war ein kleines, unbedeutendes, gewöhnliches, oft unterdrücktes Volk unter unzähligen anderen Völkern. Der Herr erwählte nicht die Ägypter, oder die Babylonier, oder die Griechen, die mächtigen Völker der sogenannten Hochkulturen. Er erwählte kein Volk, das einen bestimmten Vorzug besaß. Er lebte ja auch nicht dreißig Jahre lang in Nazareth, weil Nazareth eine bedeutende Metropole war – es war ein unbekanntes Kaff im halbheidnischen Galiläa. So handelt Gott eben. Er sucht sich das Unbedeutende aus.

Gut, jetzt also noch zu den obigen Stellen im Detail. Die Stelle mit Esra und den heidnischen Frauen lässt sich tatsächlich sehr einfach erklären: Hier handelte es sich offensichtlich nicht um Frauen, die, wie Ruth, auch Jahwe als ihren Gott angenommen hatten, sondern um solche, die die Götter ihrer eigenen Völker verehrten, ihre Religion wahrscheinlich an ihre Kinder weitergaben, und deren israelitische Männer möglicherweise auch schon ihre Götter angenommen hatten. Mischehen wurden im Alten Testament sehr ungern gesehen, da sie zum Abfall von Gott verführen könnten, und das offenbar auch nicht selten taten (ein unrühmliches Beispiel ist niemand Geringerer als der große König Salomo). Dass Esra kompromisslos die Trennung für alle diese Eheleute anordnet, kann man, wenn man will, noch unter Regel Nummer 12 verbuchen. [Diese lautet, zur Erinnerung: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was in der Bibel steht, und dem, was die Bibel lehrt. Man muss nicht alles gut finden, was die Patriarchen oder die Propheten oder die Könige der Bibel taten. Nicht alles, was die Personen in der Bibel tun, auch nicht alles, was die „guten“ Personen in der Bibel tun, nicht einmal alles, was die guten Personen in der Bibel aus guten Motiven tun, ist von Gott als Vorbild für uns gedacht. Manchmal werden in der Bibel auch einfach nur Geschichten erzählt, in denen nicht jeder perfekt handelt.] Aber mögliche Probleme bei gemischtreligiösen Ehen sollte man schon zur Kenntnis nehmen – es hat einen Grund, dass die Kirche auch heutzutage nicht besonders begeistert von ihnen ist, auch wenn sie sie auf Anfrage und bei Erfüllung gewisser (inzwischen nicht mehr besonders rigoroser) Bedingungen gestattet.

Wesentlich schlimmer klingen jedoch wieder Sätze wie Doch nur deine Väter hat der Herr ins Herz geschlossen, nur sie hat er geliebt“ oder „Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst“. Hier muss man ganz einfach etwas im Gedächtnis behalten, das ich schon in Teil 2 kurz angesprochen habe: In der Bibel spricht Gott zu Menschen; und das führt dazu, dass manchmal von Ihm in anthropomorpher Weise die Rede ist – besser als dieser Begriff gefällt mir jedoch eigentlich Trent Horns passenderer Ausdruck, dass in der Bibel oft eine „language of appearances“ (etwa: „Rhetorik des Erscheinens“) verwendet wird. Gott wird so beschrieben, wie Er aus menschlicher Sicht erscheint, nicht notwendigerweise haargenau philosophisch korrekt so, wie Er ist. Wenn man seine Untaten bereut, sein Verhalten ändert und zu Gott betet, und ein von Gottes Prophet angedrohtes Unheil dann doch nicht eintrifft, dann „reut“ Gott dieses angedrohte Unheil offenbar, sodass Er es nicht ausführt – so wird es jedenfalls in der Bibel ausgedrückt. Gott bereut? Gott ändert seine Meinung? Aus menschlicher Perspektive sieht es in solchen Fällen so aus, als ob Gott seine Meinung ändern würde, aber aus göttlicher Perspektive war ein Meinungswechsel selbstverständlich nie nötig, da Gott – der in der Ewigkeit lebt – von vornherein wusste, dass die Israeliten in diesem Fall auf eine eindringliche Mahnung hin doch noch umkehren würden. Aber die Israeliten wussten das vorher nicht – und aus ihrer Perspektive innerhalb der Zeit hing es dann sehr wohl noch von ihrem Willen zur Umkehr ab, ob Gott es sich mit der angedrohten Strafe vielleicht noch einmal anders überlegen würde. Gott sah diese Entscheidung natürlich vorher; Gott braucht nicht zu „bereuen“. Und das wurde auch in biblischer Zeit schon durchaus grundsätzlich erkannt: „Gott ist kein Mensch, der lügt, kein Menschenkind, das etwas bereut. Spricht er etwas und tut es dann nicht, sagt er etwas und hält es dann nicht?“ (Numeri 23,19)

Thomas von Aquin kommentiert beispielsweise diese Stellen folgendermaßen (Summa Theologiae, Teil I, Quaestio 19,7; http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel20-7.htm):

[…] b) Ich antworte, Gottes Wille ist unbedingt unveränderlich. Aber dabei ist dies zu berücksichtigen, daß es etwas Anderes ist, den Willen ändern; und etwas anderes, die Veränderung in manchen Dingen wollen. Denn es kann jemand ganz gut, trotzdem sein Wille unbeweglich bleibt, wollen, daß nun dies geschehe und später das Gegenteil davon. […] Freilich müßte in diesem Falle vorausgesetzt werden, entweder daß von seilen der Kenntnis oder von seiten der Lage der Substanz eine Änderung eingetreten sei. Denn ist der Wille auf das Gute gerichtet, so kann derselbe in doppelter Weise anfangen, etwas von neuem zu wollen. Entweder so, daß etwas von neuem anfängt, für ihn ein Gut zu sein und sich so vorzustellen; und das ist nicht der Fall ohne Veränderung in der Verfassung des Willens selber, wie z. B.; wenn der Winter kommt, das Feuer von neuem als ein Gut erscheint, was es früher nicht war. […]

c) I. Die Reue, von Gott ausgesagt, ist figürlich zu nehmen nach unserer Art und Weise. Wenn uns nämlich etwas gereut, so zerstören wir, was wir gemacht haben; obgleich auch bei uns dies sein kann ohne Änderung des Willens, wenn z. B. ein Mensch jetzt etwas thun will, was er später zu zerstören beabsichtigt. Und so wird dies von Gott gethan weil Er den Menschen, welchen Er erschaffen, durch die Überschwemmung [die Sintflut; Thomas bezieht sich hier auf Genesis 6,6] zerstörte.

II. […] Deshalb sagt Gregor der Große (Moral. 16. c. 5.): „Gott verändert den Ausspruch, aber nicht den inneren Ratschluß.“ Was also Gott sagt: „Ich werde Buße thun;“ ist figürlich zu verstehen; denn die Menschen scheinen Reue zu haben, wenn sie nicht thun, was sie gedroht haben.

 III. Gott will die Veränderung; aber sein Wille ist nicht veränderlich. […]

Und ähnlich ist es eben mit anderen biblischen Ausdrücken. Gott hat keine Emotionen wie wir; aber trotzdem ist von Seinem „Zorn“ die Rede, wenn Er straft – oder eben von seiner Liebe und Seinem Hass, wenn er Jakob auserwählt und Esau nicht. Zum Verständnis speziell dieser Stelle ist vielleicht noch eine Stelle aus dem NT interessant, die in der Einheitsübersetzung leider – mal wieder – ungenau übersetzt ist: „Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.“ (Lukas 14,26) In der Lutherbibel zum Beispiel heißt es dagegen, deutlich näher am griechischen Text: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu auch sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“ Man kann sagen, dass die EÜ hier schon richtig interpretiert hat – aber im Originaltext steht das Verb „hassen“. Hier wird jedoch klar, dass mit „hassen“ und „lieben“ ganz einfach gemeint sein kann, das eine im Konfliktfall vorzuziehen (denn ja, wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst, das gilt immer noch!) – oder eben, auf Jakob und Esau übertragen, den einen zu wählen und den anderen nicht. Das heißt nicht, dass Esau ein ewiglich von Gott verdammter grässlicher Sünder gewesen wäre; er kommt in den Genesis-Erzählungen sogar im Großen und Ganzen nicht wirklich schlechter weg als Jakob und versöhnt sich am Ende wieder mit seinem Bruder, der ihn früher einmal betrogen hat. Aber trotzdem wird Jakob als Stammvater des auserwählten Volkes erwählt – und über Gottes Gründe dafür kann man nur mutmaßen.

Für alle, die es immer noch nicht glauben wollen, noch ein letzter Bibelvers: „Seid ihr für mich mehr als die Kuschiter, ihr Israeliten? – Spruch des Herrn. Wohl habe ich Israel aus Ägypten heraufgeführt, aber ebenso die Philister aus Kaftor und die Aramäer aus Kir.“ (Amos 9,7)

Im Alten Testament wurde ein Bund zwischen Gott und einem bestimmten kleinen Volk geschlossen und dieses Volk wurde allmählich auf die Aufgabe vorbereitet, die es übernehmen sollte. Über viele Jahrhunderte hinweg entwickelte sich das kollektive Verständnis und Wissen von Gott im Volk Israel, und darauf baute dann der durch das Kommen des Messias begründete Neue Bund auf, in den die Heiden* hineingenommen wurden, als Juden wie Paulus sie missionieren gingen.

„Das Heil kommt von den Juden“ (Johannes 4,22), hat unser Herr zu der Samariterin am Jakobsbrunnen gesagt; aber es ist nicht den Juden vorbehalten.

 

* Ich verwende das Wort „Heiden“ hier, wie man wohl bemerkt hat, durchgängig im ethnischen Sinne, wie es der Bedeutung des hebräischen Wortes goyim („die Heiden“ = „die Völker“) entspricht.

Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen

Wie regelmäßige Leser bemerkt haben werden, habe ich diesen Monat bisher ganz ungewöhnlich wenig gepostet – ein Grund war, dass ich vergangene Woche krank war. Deshalb war ich am Sonntag auch nicht in der Messe, die Fernsehmesse habe ich auch nicht gesehen, und die Lesungstexte, die gelesen worden wären, habe ich erst heute nachgeschaut. (Ich bin momentan gerade sehr faul beim Bibellesen, aber wenn ich nicht in die Sonntagsmesse kann, schaue ich zumindest noch die Lesungen der verpassten Messe beim Bibelwerk (https://www.bibelwerk.de/home/sonntagslesungen?show=all) nach.) Ich bin also auch erst heute darauf gestoßen, dass ich einen meiner absoluten Lieblingstexte aus dem Johannesevangelium verpasst habe, nämlich den Anfang von Kapitel 14.

Ich weiß nicht, worauf sich die meisten Predigten des letzten Sonntags konzentriert haben; ich nehme mal an, auf den berühmten Vers 6: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Ist ja auch ein sehr schöner Vers, über den sich das Predigen lohnt; aber mich berühren jedes Mal noch sehr viel mehr die Verse 1 und 2, mit denen dieses Evangelium des 5. Sonntags der Osterzeit beginnt: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?“

Diese Verse stammen aus den Abschiedsreden beim letzten Abendmahl. In Kapitel 13 erzählt das Johannesevangelium von der Fußwaschung, und dann spricht Jesus bis Kapitel 17 im Abendmahlssaal zu seinen Jüngern (d. h. in Kapitel 17 betet Er auch zum Vater). Ich liebe diese Kapitel alle, aber besonders im Gedächtnis geblieben sind mir eben immer diese Worte:

„Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich! Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“

Mein Herz ist leicht verwirrt, und ängstlich, und mutlos. Aber der Vater hält sehr viele Wohnungen bereit, vermutlich auch sehr verschiedene, für jeden eine, und für jeden eine passende. Tja, jetzt wollte ich noch mehr irgendwie Tiefsinniges über diesen Bibeltext schreiben, aber es fällt mir im Moment gar nichts anderes ein als nur immer wieder dieser Satz, der in meinem Kopf herumgeht: Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Vielleicht ist damit auch irgendwie schon alles gesagt. Ich nehme nicht an, dass man mich missverstehen wird (jedenfalls dann nicht, wenn man meinen Blog kennt) : Ich predige hier nicht die Apokatastasis. (Hey, wenn man’s schon kann, darf man auch mal seine klugen griechischen Begriffe anbringen.) Aber trotzdem gibt es keinen Grund, sich zu ängstigen. Im Haus des Vaters sind viele Wohnungen bereit.

 

PS: Ich weiß nicht genau, wie oft ich in nächster Zeit zum Bloggen kommen werde; aber ich hoffe, es wird wieder etwas öfter werden. Ein paar weitere Beiträge zur Reihe über die schwierigen Bibelstellen sind in Arbeit; ich habe die Reihe in letzter Zeit vernachlässigt. Die zentralen Themen Tora und Landnahme stehen bald endlich an, und nach einigen weiteren AT-Artikeln werde ich dann auch irgendwann mal noch zum frauenfeindlichen Paulus und zum Lästern des Heiligen Geistes und ähnlichen NT-Stellen kommen. Wie schon mal gesagt: Das Thema reicht für so einige Beiträge.

Gott, der Gärtner, Zimmermann und Knecht

Ich liebe den Frühling (der Sommer ist mir meistens zu heiß und der Winter zu kalt); und besonders liebe ich es, jetzt im Garten oder am Straßenrand zu beobachten, wie an den Büschen und Bäumen ganz langsam hellgrüne Triebe hervorbrechen und größer und dunkler werden, und wie weiße und rosa Blüten sich allmählich formen und öffnen. Aus der Ferne kann ein Busch jetzt gerade noch ganz kahl aussehen; aber wenn man dann genauer hinsieht, erkennt man schon die kleinen grünen Knöpfe an den Zweigen. Der Frühling hat etwas Helles, Friedliches; etwas Sanftes und Zartes.

Gott hat alles das gemacht; verschlungene, gewöhnliche, grobe oder hübsche Dinge wie wilde Weinstöcke, Löwenzähne, Apfelbäume, Buschwindröschen, Klee, Disteln oder Gänseblümchen; die verschiedensten Arten von Schönheit. Manchmal ist mir aufgefallen, dass man die Schönheit mancher geschaffener Dinge erst sehen kann, wenn man sie ganz aus der Nähe betrachtet; bei schmalen Rasenflächen vor Larmschutzwänden an Autobahnen ist das zum Beispiel der Fall. Wenn man genauer hinschaut, sieht man eine Butterblume, drei rosa Blumen, die man nicht benennen kann, Grashalme, die sich im Wind bewegen, und ein paar Kieselsteine; alles schöne Dinge, die man erst nicht sieht, wenn man bloß „Rasen vor Mauer“ registriert. Sogar die Mauer kann manchmal etwas Schönes haben.

Gott hat eigentlich einen sehr schönen Garten gemacht, finde ich, und ich glaube, dass Er sich daran freut, ihn zu betrachten – und natürlich auch daran, dass wir ihn betrachten können. Gott hat schöne, zarte Dinge ohne besonderen Grund geschaffen – einfach, damit sie da sind, nicht damit sie zu etwas nutze sind; so, wie man einen Roman schreibt, einen Weihnachtsbaum aufstellt, oder ein Bild malt – und Er pflegt seine Schöpfung, wie ein Gärtner das tut. Sorgfältig und behutsam, um ihre Schönheit hervorzubringen. Der Schöpfer zeigt eine sanfte Hand jetzt im Frühling.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/32/Brooklyn_Museum_-_Jesus_Appears_to_Mary_Magdalene_%28Apparition_de_J%C3%A9sus_%C3%A0_Madeleine%29_-_James_Tissot.jpg

(James Tissot, Apparition de Jésus à Madeleine, Bildquelle: Wikimedia Commons)

Ganz am Anfang der Bibel geht Gott im Garten Eden umher wie ein Gärtner, und viele, viele Jahrtausende später wurde der Gottmensch Jesus Christus mit einem Gärtner verwechselt, als Er nach seiner Auferstehung in dem Garten, in dem sein leeres Grab lag, Maria Magdalena erschien. Ich glaube nicht, dass das Zufall ist (und bekanntere Menschen als ich, die schon über diese Stelle geschrieben haben, tun das auch nicht). In seinem irdischen Leben selber hatte Er zwar nicht als Gärtner gearbeitet, aber auch als Handwerker, also als jemand, der etwas mit den eigenen Händen aufbaut; Gott ist ein Gärtner und ein Zimmermann. Und der Mensch, als Abbild Gottes, darf auch beides sein: Die Welt, die ihm anvertraut wurde, ist ein Garten, in dem man sich ein Haus (oder Städte) bauen, Gemüsebeete (oder Felder und Plantagen) anlegen, schöne Blumen (oder botanische Gärten und Parks) kultivieren und unberührte wilde Stellen (oder Nationalparks) lassen darf. Gott hat die Welt gedacht wie einen großen Garten.

Ich liebe eine Beschreibung Gottes, die G. K. Chesterton in seiner „Ballad of the White Horse“ (https://www.gutenberg.org/files/1719/1719-h/1719-h.htm) König Alfred dem Großen (849-899) in den Mund legt:

 

„And well may God with the serving-folk

Cast in His dreadful lot;

Is not He too a servant,

And is not He forgot?

 

“For was not God my gardener

And silent like a slave;

That opened oaks on the uplands

Or thicket in graveyard gave?

 

“And was not God my armourer,

All patient and unpaid,

That sealed my skull as a helmet,

And ribs for hauberk made?

 

„Did not a great grey servant

Of all my sires and me,

Build this pavilion of the pines,

And herd the fowls and fill the vines,

And labour and pass and leave no signs

Save mercy and mystery?

 

„For God is a great servant,

And rose before the day,

From some primordial slumber torn;

But all we living later born

Sleep on, and rise after the morn,

And the Lord has gone away.

 

„On things half sprung from sleeping,

All sleepy suns have shone,

They stretch stiff arms, the yawning trees,

The beasts blink upon hands and knees,

Man is awake and does and sees—

But Heaven has done and gone.

 

„For who shall guess the good riddle

Or speak of the Holiest,

Save in faint figures and failing words,

Who loves, yet laughs among the swords,

Labours, and is at rest?

 

„But some see God like Guthrum*,

Crowned, with a great beard curled,

But I see God like a good giant,

That, labouring, lifts the world.

 

„Wherefore was God in Golgotha,

Slain as a serf is slain;

And hate He had of prince and peer,

And love He had and made good cheer,

Of them that, like this woman here,

Go powerfully in pain.“

 

File:A Chronicle of England - Page 050 - Alfred in the Neatherd's Cottage.jpg

(Alfred in the Neatherd’s Cottage, Darstellung aus dem 19. Jahrhundert, Bildquelle: Wikimedia Commons)

 

Gott, der vergessene Knecht; Gott der Gärtner und Baumeister. Amen.

 

* Guthrum war ein Fürst der Wikinger, der in England eingefallen war; in der Ballade geht es vor allem um die Schlacht von Ethandune, in der Alfred sein Königreich Wessex gegen ihn verteidigt, und auch noch um einige damit zusammenhängende Legenden, u. a. die oben abgebildete Geschichte, in der der König die Brote einer armen Frau verbrennen lässt, die ihm Obdach gewährt hat, als er noch vor der Schlacht gerade inkognito (um nicht von den Wikingern erkannt zu werden) unterwegs ist; wofür er von ihr, die ihn nicht erkannt hat, ausgeschimpft wird.

Über schwierige Bibelstellen, Teil 10: Bestrafung für die Sünden der Eltern? Über die Erbsünde und Ähnliches

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/

Ich erinnere mich, dass mich, als ich mich im Alter von zwölf Jahren erstmals ausführlicher mit den fünf Büchern Mose beschäftigt habe, Verse wie diese hier, die sich in ähnlichem Wortlaut an ein paar Stellen im AT finden, ziemlich entsetzt haben: „Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.“ (Exodus 20,5f.)

Und das taucht mitten in den zehn Geboten auf!!! (!!!!!!!!!!!!!)

Okay, beruhigen wir uns alle wieder. Ist die Bibel jetzt also für Sippenhaft?

Vielleicht hätte es mir weitergeholfen, wenn ich damals schon Ezechiel 18 gekannt hätte, ein Kapitel, über das ich erst einige Jahre später gestolpert bin. Ich zitiere es bewusst in seiner ganzen Länge:

 „Das Wort des Herrn erging an mich: Wie kommt ihr dazu, im Land Israel das Sprichwort zu gebrauchen: Die Väter essen saure Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf? So wahr ich lebe – Spruch Gottes, des Herrn -, keiner von euch in Israel soll mehr dieses Sprichwort gebrauchen.

 Alle Menschenleben sind mein Eigentum, das Leben des Vaters ebenso wie das Leben des Sohnes, sie gehören mir. Nur wer sündigt, soll sterben.

 Ist jemand gerecht, so handelt er nach Recht und Gerechtigkeit. Er hält auf den Bergen keine Opfermahlzeiten ab. Er blickt nicht zu den Götzen des Hauses Israel auf. Er schändet nicht die Frau seines Nächsten. Einer Frau tritt er nicht nahe während ihrer Blutung. Er unterdrückt niemand. Er gibt dem Schuldner das Pfand zurück. Er begeht keinen Raub. Dem Hungrigen gibt er von seinem Brot und den Nackten bekleidet er. Er leiht nicht gegen Zins und treibt keinen Wucher. Er hält seine Hand vom Unrecht fern. Zwischen Streitenden fällt er ein gerechtes Urteil. Er lebt nach meinen Gesetzen, er achtet auf meine Rechtsvorschriften und befolgt sie treu. Er ist gerecht und deshalb wird er am Leben bleiben – Spruch Gottes, des Herrn.

 Angenommen aber, er zeugt einen Sohn, der gewalttätig wird, der Blut vergießt oder eine andere von diesen Sünden begeht, während er (der Vater), all das nicht getan hat, (einen Sohn,) der auf den Bergen Opfermahlzeiten abhält, der die Frau seines Nächsten schändet, der die Elenden und Armen unterdrückt, andere beraubt und dem Schuldner das Pfand nicht zurückgibt, der zu den Götzen aufblickt und Gräueltaten verübt, der gegen Zins leiht und Wucher treibt – soll der dann am Leben bleiben? Er soll nicht am Leben bleiben. Er hat alle diese Gräueltaten verübt, darum muss er sterben. Er ist selbst schuld an seinem Tod.

 Nun hat auch dieser Sohn wieder einen Sohn gezeugt und der Sohn sieht alle die Sünden, die sein Vater begeht. Er sieht sie, begeht sie aber nicht. Er hält auf den Bergen keine Opfermahlzeiten ab. Er blickt nicht zu den Götzen des Hauses Israel auf. Er schändet nicht die Frau seines Nächsten. Er unterdrückt niemand. Er fordert kein Pfand und begeht keinen Raub. Dem Hungrigen gibt er von seinem Brot und den Nackten bekleidet er. Er hält seine Hand vom Unrecht fern. Er nimmt keinen Zins und treibt keinen Wucher. Er befolgt meine Rechtsvorschriften und lebt nach meinen Gesetzen. Dieser Sohn wird nicht wegen der Schuld seines Vaters sterben; er wird bestimmt am Leben bleiben. Sein Vater aber musste wegen seiner Schuld sterben; denn er hat andere erpresst und beraubt und in seiner Familie getan, was nicht recht ist.

 Ihr aber fragt: Warum trägt der Sohn nicht mit an der Schuld seines Vaters? Weil der Sohn nach Recht und Gerechtigkeit gehandelt hat. Er hat auf alle meine Gesetze geachtet und sie befolgt. Er wird bestimmt am Leben bleiben. Nur wer sündigt, soll sterben. Ein Sohn soll nicht die Schuld seines Vaters tragen und ein Vater nicht die Schuld seines Sohnes. Die Gerechtigkeit kommt nur dem Gerechten zugute und die Schuld lastet nur auf dem Schuldigen.

 Wenn der Schuldige sich von allen Sünden, die er getan hat, abwendet, auf alle meine Gesetze achtet und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, dann wird er bestimmt am Leben bleiben und nicht sterben. Keines der Vergehen, deren er sich schuldig gemacht hat, wird ihm angerechnet. Wegen seiner Gerechtigkeit wird er am Leben bleiben. Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen – Spruch Gottes, des Herrn – und nicht vielmehr daran, dass er seine bösen Wege verlässt und so am Leben bleibt?

 Wenn jedoch ein Gerechter sein rechtschaffenes Leben aufgibt, wenn er Unrecht tut und all die Gräueltaten begeht, die auch der Böse verübt, sollte er dann etwa am Leben bleiben? Keine seiner gerechten Taten wird ihm angerechnet. Wegen seiner Treulosigkeit und wegen der Sünde, die er begangen hat, ihretwegen muss er sterben.

 Ihr aber sagt: Das Verhalten des Herrn ist nicht richtig. Hört doch, ihr vom Haus Israel: Mein Verhalten soll nicht richtig sein? Nein, euer Verhalten ist nicht richtig. Wenn der Gerechte sein rechtschaffenes Leben aufgibt und Unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben. Wenn sich der Schuldige von dem Unrecht abwendet, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. Wenn er alle Vergehen, deren er sich schuldig gemacht hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben. Das Haus Israel aber sagt: Das Verhalten des Herrn ist nicht richtig. Mein Verhalten soll nicht richtig sein, ihr vom Haus Israel? Nein, euer Verhalten ist nicht richtig.

 Darum will ich euch richten, jeden nach seinem Verhalten, ihr vom Haus Israel – Spruch Gottes, des Herrn. Kehrt um, wendet euch ab von all euren Vergehen! Sie sollen für euch nicht länger der Anlass sein, in Sünde zu fallen. Werft alle Vergehen von euch, die ihr verübt habt! Schafft euch ein neues Herz und einen neuen Geist! Warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? Ich habe doch kein Gefallen am Tod dessen, der sterben muss – Spruch Gottes, des Herrn. Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt.“

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9c/Tissot_Ezekiel.jpg

(James Tissot, Ezekiel, Wikimedia Commons)

Erwähnen könnte man auch noch Deuteronomium 24,16, eine Stelle in der Tora, die den Israeliten befiehlt, ebenso zu handeln, wie Gott es in Ezechiel 18 beschreibt: „Väter sollen nicht für ihre Söhne und Söhne nicht für ihre Väter mit dem Tod bestraft werden. Jeder soll nur für sein eigenes Verbrechen mit dem Tod bestraft werden.“ Diese Stelle wird in 2 Könige 14,6 wieder aufgegriffen: „Die Söhne der Mörder aber verschonte er [König Amazja von Juda], wie der Herr es geboten hatte und wie es im Gesetzbuch des Mose niedergeschrieben ist: Die Väter sollen nicht für ihre Söhne und die Söhne nicht für ihre Väter mit dem Tod bestraft werden, sondern jeder soll nur für sein eigenes Verbrechen sterben.“

Was sollen also, im Licht solcher deutlicher Stellen, Stellen wie die oben zitierte aus Exodus bedeuten?

Und was soll überhaupt die ganze Lehre von der Erbsünde bedeuten? Denn diese Lehre sagt doch auch, dass wir alle für die Sünden unserer Vorfahren, der ersten Menschen, mit schwerer Arbeit, Schmerzen, dem Tod, Neigung zur Sünde und Gottesferne gestraft wurden – oder nicht?

Na ja, nicht ganz. Besser ausgedrückt sagt sie, dass die ersten Menschen uns diese Dinge eingebrockt haben; bestraft werden kann man nur für etwas, das man selber verbrochen hat (ich erinnere: Ezechiel 18), und keiner aus der heutigen Menschheit hat an der Ursünde mitwirken können. Aber ja, sie sagt, dass Adams und Evas (oder wie auch immer die ersten Menschen hießen) Abwendung von Gott auch Einfluss auf uns hatte.

Ich denke, man kann es mit einer Analogie erklären. Adam und Eva (auf die ich hier schon genauer eingegangen bin: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/31/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-4-schoepfung-urknall-evolution-suendenfall-usw-zur-bedeutung-von-genesis-1-11/ , https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/31/ueber-schwierige-bibelstellen-exkurs-zu-teil-4-was-sagt-der-katechismus-zu-suendenfall-und-erbsuende/) erhielten von Gott sog. „übernatürliche Gnadengaben“, d. h. sie waren Tod, Schmerzen und Vergänglichkeit nicht unterworfen, das Tun des Guten fiel ihnen leicht, und sie waren Gott sehr nahe. Dann entschieden sie sich jedoch, versucht durch den Teufel (einen abgefallenen Engel – Engel sind rein geistige Wesen, die von Gott vor der Erschaffung unserer materiellen Welt ins Dasein gerufen wurden, die ebenso wie Menschen einen freien Willen haben, und von denen die einen sich daher für Gott und das Gute entschieden, und die anderen gegen ihn), Gott zu misstrauen, sein zu wollen „wie Gott“, und gegen eins seiner Gebote zu handeln, die er ihnen alle um ihretwillen, nicht um seinetwillen, gegeben hatte. Damit verspielten sie ihre Gnadengaben und diese wurden somit auch nicht mehr an die nachfolgenden Generationen weitervererbt. „In dieser Sünde zog der Mensch sich selbst Gott vor und mißachtete damit Gott: er entschied sich für sich selbst gegen Gott, gegen die Erfordernisse seines eigenen Geschöpfseins und damit gegen sein eigenes Wohl. In einem Zustand der Heiligkeit erschaffen, war der Mensch dazu bestimmt, von Gott in der Herrlichkeit völlig ,,vergöttlicht“ zu werden. Vom Teufel versucht, wollte er ,,wie Gott sein“ [Vgl. Gen 3,5.], aber ,,ohne Gott und vor Gott und nicht Gott gemäß“ (Maximus der Bekenner, ambig.). Die Schrift zeigt die verhängnisvollen Folgen dieses ersten Ungehorsams. Adam und Eva verlieren sogleich die Gnade der ursprünglichen Heiligkeit [Vgl. Röm 3,23]. Sie fürchten sich vor Gott [Vgl. Gen 3,9-10], von dem sie sich das Zerrbild eines Gottes gemacht haben, der auf seine Vorrechte eifersüchtig bedacht ist [Vgl. Gen 3,5.].“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 398-399)

Okay, jetzt zur Analogie: Nehmen wir mal an, ein junges Ehepaar erhält zur Hochzeit von einem reichen Onkel ein wunderschönes großes Haus geschenkt. Dann jedoch betrügen sie in ihren Geschäften und müssen hohe Geldstrafen zahlen; oder aber sie machen enorme Spielschulden; oder sie verspekulieren sich an der Börse; wie auch immer, jedenfalls müssen sie auf Grund eigener Schuld das Haus verkaufen. So können auch die Kinder, die sie später noch bekommen, nicht mehr dort aufwachsen. Hier würde man aber nun kaum dem Onkel (zu dem die Eltern im Lauf der ganzen Geschichte den Kontakt abgebrochen haben) einen Vorwurf machen, seine Großneffen und -nichten für die Verbrechen ihrer Eltern bestraft zu haben. (Und, liebender Großonkel, der er ist, ist es ihm dennoch übrigens auch weiterhin nicht egal, was aus der ganzen Familie wird.)

Adam und Eva erhielten die Gaben, die sie erhielten, nicht nur für sich selbst, sondern für sich und alle ihre Nachkommen als Erbe. Das haben sie verspielt. Wir werden nicht dafür bestraft, was Adam und Eva getan haben; aber sie wären dafür verantwortlich gewesen, uns etwas zu bewahren, das sie nicht bewahrt haben. So, denke ich, kann man die Erbsünde am besten erklären; aber es bleibt wohl immer noch dabei, dass sie, wie der Katechismus sagt, ein „Geheimnis“ ist, „das wir nicht völlig verstehen können“ (Nr. 404).

Aber dennoch, könnte man fragen – ist Gott nicht ungerecht, dass er ein solches System eingerichtet hat, in dem es möglich ist, dass die Schuld des einen Menschen auch den anderen oder sogar sehr viele andere trifft?

Nein.

Gott hat eine Welt eingerichtet, in der Menschen Einfluss auf das Leben anderer Menschen haben; im Guten wie im Bösen. In dieser Welt sind alle Menschen aufeinander angewiesen, niemand ist autark, und sehr vieles ist geschenkt und mitgegeben anstatt selbstgemacht. Ich weiß nicht, ob er diese Welt auch hätte anders machen können (oder ob er vielleicht sogar andere Welten gemacht hat, die tatsächlich anders sind); aber jedenfalls entschied er sich, diese Welt hier so zu machen und nicht anders; und ich denke, man kann sehen, dass es gute Gründe dafür gab. Wenn ein Geschöpf keinen Einfluss – überhaupt keinen Einfluss – auf andere Geschöpfe hätte – wo bliebe dann die Möglichkeit, sie lieben zu können? Das ist leider das Tragische am freien Willen, den Gott den Menschen gegeben hat: sie können selber entscheiden, zu lieben oder nicht zu lieben, und manchmal sind sie einfach so blöd, dass sie sich entscheiden, nicht zu lieben. Die Freiheit, jemandem eine Freude machen zu können, lässt auch die Freiheit, es zu lassen oder ihm stattdessen Schaden zuzufügen. Leider. Sicherlich könnte Gott jedes Mal ein Wunder geschehen lassen, wenn jemand jemand anderem schaden will, und ihn stattdessen dazu bringen, diesem etwas Gutes zu tun; aber das wäre dann keine Freiheit mehr. Wir wären Marionetten anstatt Menschen. Gott will, dass wir lieben; und lieben kann man nur in Freiheit.

Natürlich ist hier eins noch wichtig: Die Ursünde* hat der Menschheit im Ganzen zwar sehr, sehr geschadet, aber sie hat ihren Kontakt zu Gott nicht vollkommen zerstört – vor allem deshalb, weil Gott das nicht zugelassen hat. Er ist seinen Kindern, die den Kontakt abgebrochen haben, trotzdem noch nachgegangen, und zwar so lange, bis sie ihn ans Kreuz genagelt haben. Aber das war kein unvorhergesehener Unfall, es war sozusagen einkalkuliert: Denn es war der Preis, der gezahlt werden musste, um Adams Sünde und auch die Sünden aller seiner Nachkommen (die trotz aller ihrer Neigung zur Sünde noch immer deren freie Entscheidungen waren) wieder gut zu machen, zu sühnen. Nicht nur, was die Folgen der Schuld, sondern auch, was das Heil angeht, gilt im Christentum das Prinzip der Solidarität und der Stellvertretung: „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten. […] Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen die vielen dem Tod anheim gefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteil geworden. Anders als mit dem, was durch den einen Sünder verursacht wurde, verhält es sich mit dieser Gabe: Das Gericht führt wegen der Übertretung des einen zur Verurteilung, die Gnade führt aus vielen Übertretungen zur Gerechtsprechung. Ist durch die Übertretung des einen der Tod zur Herrschaft gekommen, durch diesen einen, so werden erst recht alle, denen die Gnade und die Gabe der Gerechtigkeit reichlich zuteil wurde, leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus. Wie es also durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt. Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden. Das Gesetz aber ist hinzugekommen, damit die Übertretung mächtiger werde; wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden. Denn wie die Sünde herrschte und zum Tod führte, so soll auch die Gnade herrschen und durch Gerechtigkeit zu ewigem Leben führen, durch Jesus Christus, unseren Herrn.“ (Römer 5,12.15-21) Niemand ist nur für sich selbst verantwortlich; und niemand hat, was er hat, aus sich selbst. Das Menschengeschlecht ist eine große Familie – und das meine ich nicht im Friede-Freude-Eierkuchen-Sinn, denn in einer Familie ist für gewöhnlich nicht Friede-Freude-Eierkuchen; sondern ich meine es eher im Sinne von: „wir gehören nun mal alle zusammen, ob uns das jetzt recht ist oder nicht“.

Zu bedenken sind noch zwei Dinge: Erstens, in Bezug auf die Neigung zur Sünde, die durch die Ursünde in die Welt kam: Sie ist keine „absolute Verderbtheit“, wie die Reformatoren (insbesondere Calvin, aber durchaus Luther auch) meinten; der Mensch besitzt immer noch einen freien Willen. Und Gott lässt nicht zu, dass jemand ohne wirkliche eigene, frei gewählte Schuld verloren geht; und auch nicht, dass jemand, der seine eigene, frei gewählte Schuld bereut, verloren geht. Wie gesagt – Ezechiel 18. Am Ende wird Gott alles zurechtrücken; und dann gilt auch: „Nur wer sündigt, soll sterben“ – „Die Schuld lastet nur auf dem Schuldigen“.

Zweitens, auch wenn Gott zulässt, dass Leid durch Menschen über andere Menschen kommt – z. B., dass Kinder drogenabhängiger Schwangerer auch drogenabhängig geboren werden, oder dass Kinder von Fanatikern auch in den Fanatismus getrieben werden (solche schicksalhaften Mechanismen beschreiben Stellen wie Exodus 20,5f.), oder dass alle Nachkommen von Adam und Eva mit der Erbsünde belastet sind –, kann aus diesem Leid noch Gutes werden, und es wird nur zugelassen, weil es irgendeinen Sinn in Gottes Schicksalsplan hat. Gott sorgt für unser ganzes Leben. „Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt.“ (Matthäus 10,30) So ist es; wir haben keine unbegrenzte Macht, Gott hält alles in der Hand, aber trotzdem haben wir Macht über andere – wirkliche Macht, ihr Leben besser oder schlechter zu machen.

Zuletzt noch ein kurzer Exkurs zur Bedeutung des Todes. Die bereits erwähnten Folgen der Erbsünde sind ja verschiedenartig:

  • Verlust der Nähe zu Gott; auch Verlust dieser Nähe im Jenseits („Himmel“ ist in der katholischen Theologie definiert als „Gott schauen“, als die visio beatifica)
  • Irdische Leiden und Schmerzen – schwere Arbeit, Schwierigkeiten in der Schwangerschaft, etc.
  • Irdischer Tod, d. h. Trennung von Leib und Seele
  • Neigung zur Sünde

Im vorigen Artikel habe ich gesagt, dass das Leben ein Geschenk Gottes ist, dass nur er Autorität darüber hat, und dass er es einem Menschen auch wieder nehmen kann, wenn er dies als das Beste erachtet, was nicht unbedingt eine Strafe für diesen Menschen sein muss. Aber diese Aussage muss noch besser ausdifferenziert werden.

In der Bibel** heißt es: „Denn Gott hat den Tod nicht gemacht und hat keine Freude am Untergang der Lebenden. Zum Dasein hat er alles geschaffen und heilbringend sind die Geschöpfe der Welt. Kein Gift des Verderbens ist in ihnen, das Reich des Todes hat keine Macht auf der Erde; denn die Gerechtigkeit ist unsterblich. […] Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen und ihn zum Bild seines eigenen Wesens gemacht. Doch durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt und ihn erfahren alle, die ihm angehören.“ (Weisheit 1,13-15; 2,23f.)

Also: Der Tod, d. h. die Trennung von Leib und Seele, ist ein unnatürliches Auseinanderreißen von etwas, das zusammengehört; der Verfall des Leibes (Altern, Krankwerden, nach dem Tod dann der vollständige Zerfall zu Knochen und Staub) ist schlecht; er ist nichts, was eben so sein soll. Er ist eine Frucht der Sünde. Daher glauben wir auch daran, dass nicht nur die Seelen bei Gott weiterleben, sondern dass er am Ende der Zeiten auch die toten Körper wiedererwecken wird – auf welche Weise das geschehen wird, wissen wir nicht – und dass sie sich wieder mit den Seelen vereinen werden. An zwei Menschen ist das schon geschehen: An Jesus, dem Gottmenschen, der leiblich aus dem Grab auferstanden ist (wie wir in den Evangelien lesen können – hey, er hat Fisch gegessen und Thomas seine Wunden berühren lassen; wenn das keine leibliche Auferstehung ist, weiß ich auch nicht mehr), und an seiner Mutter, die durch Gottes Gnade ebenfalls mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde.

Gott lässt den Tod, wie alles Schlechte, nur zu, hat ihn aber nicht direkt gewollt. „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn“ (Ijob 1,21) bedeutet ganz streng theologisch genommen eigentlich „Der Herr hat gegeben, der Herr hat zugelassen, dass genommen wurde, gelobt sei der Name des Herrn“.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/75/Tissot_God%27s_Curse.jpg

(James Tissot, God’s Curse, Wikimedia Commons)

 

* Zur Begriffserklärung: „Ursünde“ ist das, was Adam und Eva getan haben; „Erbsünde“ ist das, was wir geerbt haben, der Zustand, in dem wir uns jetzt befinden.

** Der katholischen Bibel zumindest. Luther hat dieses Buch aus der Bibel entfernt, zusammen mit sechs anderen.