Opfer und Täter, und Sozialpädagogen und Christen

Ein Grund, aus dem Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Schulpsychologen und diese ganze Zunft oft so unerträglich sind, ist ihr Verhalten gegenüber Opfern und Tätern. Nehmen wir mal Mobbing: Auf den Täter wird eingegangen; es wird nach seinem Hintergrund gefragt; es kann doch nicht sein, dass er so etwas einfach so tut, vielleicht hat er ein zu geringes Selbstwertgefühl und muss aufgewertet werden. Er hat sich wütend und ohnmächtig gefühlt und wollte sich abreagieren. Man darf im Umgang mit Mobbing nicht einfach so einseitig Schuld zuweisen. Man muss davon ausgehen, dass die Täter doch eigentlich gar nicht gemein sein wollten und sie anregen, wieder nett zu sein. Sie sollen nicht dadurch frustriert werden, dass man sie noch bestraft. Man muss sie in die Lösung miteinbeziehen (ob das Opfer jemals wieder etwas von ihnen hören will oder lieber nicht, ist gleichgültig).

Da ist ein gewisses Blindstellen dabei. Man will sich nicht eingestehen, dass es das Böse gibt und dass es gegen manche Menschen vorerst nur hilft, sie zu bestrafen und damit unschädlich zu machen oder abzuschrecken. Ich habe oft den Verdacht, dass die, die so mit Mobbing umgehen, ignorieren wollen, dass es sie auch treffen könnte, ohne dass sie mit freundlichem Eingehen auf die Täter etwas daran ändern könnten, dass Opfer manchmal wirklich mehr oder weniger hilflos ausgeliefert und Täter manchmal wirklich bösartig sind.

Manche Menschen sind Psychopathen oder Narzissten, die kein zu geringes Selbstwertgefühl haben, sondern ein zu großes, die sich als den Mittelpunkt der Welt sehen, denen andere schlicht und einfach egal sind bzw. für die andere nur dazu da sind, ihrem Willen zu dienen. Manchen Menschen macht es Spaß, andere zu quälen, in mehr oder weniger großem Maße. Und diese Menschen lachen über Sozialpädagogen und Schulpsychologen, vor allem, wenn sie dadurch bestärkt werden, dass sie keine wirklichen Konsequenzen erleben.

Und manche Menschen neigen erst auch nur ein bisschen zu Narzissmus und Grausamkeit und werden darin bestärkt, weil ihnen keiner sagt, dass sie extremes Leid zugefügt und Schuld auf sich geladen haben und jetzt die Konsequenzen spüren müssen.

Bei alldem wird natürlich das Leid des Opfers kleingeredet. Dem Opfer wird dann manchmal auch gesagt: „Lass dich davon nicht angreifen, du solltest darüber stehen“ – sehr einfach, wenn jemand einen demütigt und quält. Dem Opfer wird gesagt, es soll sich mit dem Täter wieder vertragen, unabhängig davon, ob der um Verzeihung gebeten und gezeigt hat, dass er kapiert hat, wie viel er dem Opfer angetan hat, oder nicht. Das Opfer soll lernen, diese Situation zu bewältigen, sich nicht als Opfer sehen – sehr leicht gesagt, wenn man nun mal zum Opfer gemacht wird. Aber dabei soll es auf keinen Fall zurückschlagen, Notwehr ist selber wieder böse, denn damit „stellt man sich ja auf eine Stufe mit dem Täter!“. Es soll sich besser integrieren und Freundschaften schließen, um kein Außenseiter mehr zu sein, dann wird schon alles gut. Es soll Verständnis für die schwierige Situation des Täters zeigen. Hier muss man „aus Kreisläufen aussteigen“, statt über Schuld und Strafe zu reden. Obwohl sich so langsam die Ansicht verbreitet, dass „victim blaming“ schlecht ist, lädt man die Verantwortung dafür, dass die Situation sich bessern soll, doch öfter wieder beim Opfer ab. Nicht immer, ich weiß; aber diese Tendenzen gibt es immer wieder.

(Damit will ich nicht sagen, dass Opfer nichts tun können oder sollen, um sich selbst zu schützen, und um sich auch in neuen Situationen nicht als verletzliche Person zu zeigen, die eine leichte Zielscheibe für Psychopathen abgibt. Aber wenn Eltern oder Lehrer davon verständigt werden, sollten auch erst mal sie darauf schauen, das Opfer zu beschützen, vielleicht auch Unbeteiligte dazu anhalten, für das Opfer einzustehen, und natürlich den Täter zu bestrafen, und vielleicht ihn oder, wenn man ihm nicht genug nachweisen kann, das Opfer aus dieser Umgebung herauszuschaffen, damit es wieder ein bisschen aufatmen und Kraft aufbauen kann.)*

Soweit mal mein Rant über Sozialpädagogen. Aber wenn wir ehrlich sind: Eine ähnliche Versuchung gibt es nicht nur für säkularistische Möchtegernpsychologen, sondern auch für überenthusiastische Christen, die zu wenig nachdenken.

Im Christentum ist die Bekehrung der Sünder aus guten Gründen ein ziemlich wichtiges Thema; Gott liebt jeden und gibt ihm bis zum Tod immer wieder neue Chancen. Aber wenn man es isoliert sieht, führt das zu schlimmen Fehlern. Da ist dann z. B. bei manchen Leuten die Vorstellung da, dass man verpflichtet ist, sich von grausamen oder manipulativen Familienmitgliedern quälen zu lassen, anstatt denen Grenzen zu setzen oder komplett den Kontakt zu ihnen abzubrechen; indem man alles hinnimmt und dabei lächelt, wird man sie irgendwann schon bekehren. Man soll seine Feinde lieben, die andere Wange hinhalten. Manchmal fürchtet man sich auch davor, das nicht in dieser Weise zu schaffen und hält sich für einen schlechten Christen. (Unter uns Katholiken wird das auch manchmal auf das Verhältnis zur Kirchenhierarchie übertragen: Auch wenn ein Papst oder Ortsbischof dem Glauben schadet, dürfe man kein Wort gegen ihn sagen und müsse sich quasi in Unterwürfigkeit gegenseitig übertreffen. Das stimmt auch nicht.)

Dieses falsche Verständnis von Nächstenliebe und Vergebung ist eine Versuchung für alle Christen, aber ich denke, der Protestantismus begünstigt sie ein bisschen. Viele Protestanten haben die Einstellung, alle Sünden wäre gleich schlimm, also könnte man nicht sagen, dass einer, der seine Frau vergewaltigt und würgt, ein schlimmerer Sünder wäre als andere, die schon mal Ausreden erfunden oder geprahlt haben oder unzuverlässig waren. Das ist absurd, aber das reden sich manche ein. Und außerdem sehen einige klassisch-reformatorische Protestanten es so, dass es sowieso an sich unmöglich wäre, Gottes Gebote zu halten, also könnte der eigentlich nichts dafür, er hätte nur noch nicht von Gott die besondere Gnade bekommen, das zu lassen.

Aber Gott erwartet tatsächlich nicht von einem, dass man sich kaputt quälen lässt. „Die andere Wange hinhalten“ kann manchmal eine sehr gute Idee sein, um jemanden zu entwaffnen und zum Nachdenken zu bringen, besonders auch dann, wenn man gar keine Möglichkeit hätte, sich sonst wirksam zur Wehr zu setzen (z. B. in einer Situation der Christenverfolgung, in der jede Gegenwehr nur zu noch größerer Verfolgung führen würde), aber das heißt nicht, dass das immer in Frage kommt. Jesus spricht besonders davon, dass man einem, der unverschämte Forderungen stellt, erst mal mehr gibt, als er eigentlich verdient („Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm!“ Mt 5,41), dass man ihm gütig entgegenkommt und er dadurch seine Aggressivität verliert und nochmal nachdenkt. Dazu passt auch, was der von Jesus berufene Apostel Paulus über dessen Lehre zur Feindesliebe schreibt: „Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt. Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ (Röm 12,20f.) Hier geht es auch darum, den in Not geratenen Feind nicht zu ignorieren, obwohl er einen ignoriert hätte – und damit glühende Kohlen auf sein Haupt zu sammeln. Und direkt im Vers davor schreibt Paulus zur Erklärung noch: „Übt nicht selbst Vergeltung, Geliebte, sondern lasst Raum für das Zorngericht Gottes; denn es steht geschrieben: Mein ist die Vergeltung, ich werde vergelten, spricht der Herr.“ (Röm 12,19) Dieses Entgegenkommen kann eben auch dann eine gute Idee sein, wenn man nicht genau sagen kann, ob oder wie sehr derjenige schuldig geworden ist; man überlässt das Urteil Gott.

Die andere Wange hinhalten kommt u. a. dann nicht in Frage, wenn einer zeigt, dass es ein Wunder bräuchte, ihn zu bekehren (oder dass auch ein Wunder nicht reichen würde); und auch dann nicht, wenn es nicht nur um einen selber geht, sondern man noch andere vor dem Täter beschützen muss (z. B. wenn in einer Familie der Vater die Mutter und die Kinder misshandelt, hat sie gerade die Verpflichtung, ihn zu verlassen und, wenn möglich, anzuzeigen, damit ihre Kinder vor ihm sicher sind).

Aber auch, wenn es nur um einen selber geht und es eine gewisse Chance der Bekehrung für den Täter gibt, darf man sich gegen Ungerechtigkeit mit allen verhältnismäßigen Mitteln zur Wehr setzen, und natürlich erst recht vor dem Täter und der Situation fliehen. Jesus hat übrigens auch, als ihn der Knecht des Hohenpriesters geschlagen hat, eine herausfordernde Antwort gegeben.

Man muss Leuten auch Grenzen zeigen, ihnen zeigen, dass sie für Quälerei und Grausamkeit geächtet werden, während man ihnen freilich noch den Weg der Bekehrung offen lässt – dann kommen manche vielleicht sogar noch eher dazu, sich zu schämen und sich irgendwann einzugestehen, dass sie bereuen müssen.

Feindesliebe ist eine gute Sache. Aber wenn man sie im Bemühen, ganz besonders heilig dastehen zu wollen, auf eine falsche Weise versteht und die Opfer vernachlässigt, verurteilt Gott das. Manche Leute wollen sich nicht „gesundlieben“ lassen. Es ist auch leichter, zu Opfern zu sagen, sie sollen das nun mal aushalten, als ihnen wirklich zu helfen, soweit es eben geht, oder wenigstens bei ihnen zu sein, während man nichts ändern kann.

Die Feindesliebe bedeutet vor allem, dass man verzeiht (sprich: bereit ist, nicht mehr im Zustand der Feindschaft zu leben); dass man sich für den anderen wünscht, dass er sich bekehrt, irgendwann in den Himmel kommt und die Hölle vermeidet; und auch, dass man ihm z. B. hilft, wenn er in Not ist, niemand sonst ihm helfen kann, und man verpflichtet ist, ihm zu helfen (z. B. wenn man der einzige Anwesende ist, wenn ein persönlicher Gegner einen Unfall hat und sich verletzt).

Die Feindesliebe bedeutet nicht automatisch den Verzicht auf etwas, das einem geschuldet ist, oder den Verzicht auf eine zeitliche Strafe für den Täter.

Wer das für unchristlich hält, sehe sich mal einige der Psalmen an. Viele der Psalmen sind in einer Situation tiefer Hilflosigkeit geschrieben worden, in der der Psalmist gequält oder ausgestoßen ist, seine Feinde über ihn lachen und er nur noch darauf hoffen kann, dass Gott dafür sorgen wird, dass ihm irgendwann Gerechtigkeit widerfährt.

„Denn der Arme ist nicht auf ewig vergessen, der Elenden Hoffnung ist nicht für immer verloren.“ (Ps 9,19)

„Warum darf der Frevler Gott verachten und in seinem Herzen sagen: Du ahndest nicht? Du, ja du, hast Mühsal und Kummer gesehen! Schau hin und nimm es in deine Hand! Dir überlässt es der Schwache, der Waise bist du ein Helfer geworden. Zerbrich den Arm des Frevlers und des Bösen, ahnde seinen Frevel, sodass man von ihm nichts mehr findet.“ (Ps 10,13-15)

„Gib mich nicht meinen gierigen Gegnern preis; denn falsche Zeugen standen gegen mich auf und wüten! Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Land der Lebenden. Hoffe auf den HERRN, sei stark und fest sei dein Herz! Und hoffe auf den HERRN!“ (Ps 27,12-14)

„Wie ein flüchtiger Schatten schwinde ich dahin, wie eine Heuschrecke schüttelt man mich ab. Mir wanken die Knie vom Fasten, mein Fleisch nimmt ab und wird mager. Ja, ich wurde ihnen zum Spott, sie schütteln den Kopf, wenn sie mich sehen. Hilf mir, HERR, mein Gott, in deiner Huld errette mich! Sie sollen erkennen, dass dies deine Hand vollbracht hat, dass du, HERR, es getan hast. Mögen sie fluchen – du wirst segnen. Sie haben sich erhoben, aber sie werden zuschanden, doch dein Knecht wird sich freuen.“ (Ps 109,23-28)

Strafe bedeutet die Wiederherstellung der Gerechtigkeit. Wer etwas Unrechtes getan hat, hat die gerechte Ordnung gestört, deren Gleichgewicht wieder hergestellt werden muss. Wer seinem Willen ohne Rücksicht auf andere gefolgt ist, verdient es, dass ihm etwas gegen seinen Willen geschieht. Eine verhältnismäßige Strafe ist dadurch, dass sie verdient ist, gerechtfertigt.

(Abschreckung anderer und Besserung des Täters sind legitime Nebenzwecke, aber eben nicht mehr als Nebenzwecke – und zwar auch gerade um des Täters willen. Wenn Abschreckung der Hauptzweck wäre, könnte man auch jemanden bestrafen, der unschuldig ist, aber allgemein für schuldig gehalten wird, weil hier der Abschreckungszweck erreicht wird. Wenn die Besserung des Täters der Hauptzweck wäre, könnte man einen Kleinkriminellen für ein geringes Vergehen unbegrenzt lang im Gefängnis festhalten, bis man ihn dazu gebracht hat, ein besserer Mensch zu werden. Die Voraussetzung dafür, dass man bei der Ausgestaltung der Strafe Nebenzwecke wie Abschreckung und Besserung anzielen darf, ist, dass der Täter die Strafe bereits verdient, einfach als Sühne seiner Tat.)

Der hl. Thomas lehrt, dass es gut und tugendhaft ist, zu strafen, wenn der Richter hier nicht an sich darauf abzielt, dass dem Täter etwas Übles widerfährt, sondern darauf, dass durch ein ihm zugefügtes verhältnismäßiges Übel die Gerechtigkeit aufrecht erhalten wird (und der Täter gebessert wird, andere abgeschreckt werden, Gott geehrt wird, o. Ä.); die „Rache“ in diesem Sinn zählt er als Untertugend der Gerechtigkeit. (Siehe Summa Theologiae II/II, 108; hier eine übersichtliche englische Übersetzung und hier eine weniger übersichtliche ältere deutsche Übersetzung.)

Manchmal ist es gut, über die Gerechtigkeit hinauszugehen, barmherzig zu sein, und die Strafe zu verringern oder auf sie zu verzichten. Und Aussöhnung mit dem Täter ist auch gut – aber die Voraussetzung dafür ist, dass der Täter bereut, und Versöhnung muss nicht bedeuten, dass man von da an befreundet ist; ein Ende der Feindschaft genügt für gewöhnlich. Und auch wenn man sich mit dem Täter versöhnt, kann man immer noch wollen, dass er seine gerechte Strafe auf sich nimmt, und er selber kann das auch als gerecht empfinden und sie akzeptieren – so was ist ein Anzeichen dafür, dass er wirklich eingesehen hat, was er getan hat.

Es ist gut, dass es die Hölle gibt (denn wenn das nicht gut wäre, würde Gott ihre Existenz nicht zulassen). Es gibt Menschen, die sich bis zuletzt davor verschließen, einzusehen, was sie anderen angetan haben. Und diese Menschen sollen nicht zuletzt lachen.

* Als generelle Tipps für Mobbingopfer, nach dem, was ich so bisher gehört habe: Alles dokumentieren, damit es nachweisbar ist; den Autoritäten solange auf die Nerven gehen, bis sie sich damit befassen; sich Verbündete suchen, die etwas gelten; sich nichts gefallen lassen, sondern sich so gut wehren, wie es nur geht, egal was die Sozialpädagogenzunft davon hält (im Rahmen des Möglichen und der Gesetze, sonst ist man der, der den Ärger bekommt), denn auch, wenn man dabei keinen Erfolg hat, kann es in der Regel nur schlimmer werden, wenn man sich gar nicht wehrt; laut sein, auf sich aufmerksam machen („du hast mich geschlagen“ / „er hat mich geschlagen“); sich nicht manipulieren lassen, sich nicht einreden lassen, man bilde sich alles ein; und sich, wenn möglich, der Situation entziehen; das ist keine Schande, sondern nötiger Selbstschutz.

Aber hätte nicht Paulus das Christentum verfälschen können?

Wenn es darum geht, was man über Jesus wissen kann, ist ein Eindruck weit verbreitet: Dass man eigentlich kaum was wissen könnte. Jesus – eine schattenhafte Gestalt, die hinter Mythen und Propaganda verschwindet. Manche wollen ihn zu einem Weltuntergangsprediger, zu einem Moralphilosophen oder gar zu einem jüdisch-nationalistischen Zeloten (lol) machen.

Das ist eigentlich eine seltsame Sichtweise; denn über Jesus haben wir bessere Informationen als über die allermeisten antiken Personen. Wir haben vier frühe Biographien über Ihn (die Evangelien, deren Genre dem der antiken Vita entspricht, die von Herkunft, Taten, Tod und Nachleben großer Männer berichtete) und zahlreiche Briefe von mehreren Seiner Anhänger; dazu kommen Erwähnungen bei Leuten, die nicht Seine Anhänger waren, wie dem römischen Historiker Tacitus und dem jüdischen Historiker Flavius Josephus. Aus deren Berichten kann man freilich nicht viel mehr erfahren als dass Jesus in Judäa unter Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, dass Er die Gruppe der Christen begründete, dass Er ein großer Mann gewesen sein soll, der Wunder vollbracht haben sollte, und den die Christen für den Messias hielten.

Viele meinen dann, es wäre sinnlos, sich die Zeugnisse der Christen für genauere Informationen anzusehen; das wäre ja eh nicht glaubwürdig, weil es eben parteiisch sei. Das ist allein schon aus Historikersicht Unsinn; so etwas wie eine nicht parteiische Quelle gibt es nicht, das trifft auch auf Tacitus etc. zu.

Aber vor allem muss man sich ja fragen: Wieso wurden Matthäus, Lukas, Markus, Johannes, Paulus, Jakobus usw. zu Anhängern Jesu? Was brachte sie zu ihren Überzeugungen?

Da ist ein Mann, der eine neue Bewegung begründet, von Leuten, die sich für ihre Überzeugungen sogar umbringen lassen und die ihn extrem verehren; also kann Er offensichtlich nur ein unbedeutender Wanderprediger gewesen sein, über den sich nix Genaues nicht sagen lässt und in den nur alles hineinprojiziert wurde.

Bei den Leuten, die sich tatsächlich daran machen, zu belegen, wieso die biblischen Berichte über Jesus und/oder der Glaube der Kirche verfälscht sein sollen, gibt es ja so einige Theorien, und als Verfälscher besonders hoch im Kurs stehen eine sehr frühe und eine eher späte Gestalt im antiken Christentum: Der Apostel Paulus (gest. um 64) und Kaiser Konstantin (gest. 337). In beiden Fällen ist die Annahme nicht nur falsch, sondern völlig abwegig.

Heute zunächst mal nur zu Paulus.

Grabplatte mit Petrus und Paulus aus der Hippolyt-Katakombe in Rom, 4. Jh. Gemeinfrei.

Wie allgemein bekannt ist, war Paulus von Tarsus, auch unter dem Namen Saulus bekannt, ein strenggläubiger Jude, der Christen verfolgte, und sich dann nach einer Vision, in der Jesus ihn fragte „Saulus, Saulus, warum verfolgst du mich?“, bekehrte und taufen ließ. Er unternahm dann einige Missionsreisen im ganzen Mittelmeerraum, gründete zahlreiche Gemeinde, und wurde schließlich in Rom geköpft.

Die Behauptung ist nun z. B.: Die Vorstellung, dass Jesus für die Sünden der Menschen gestorben und dass Er nicht nur ein Mensch, sondern als Gottes Sohn eins mit Gott sei, stammt nicht von Jesus oder denen, die ihn kannten, sondern wurde erst von Paulus erdacht. Immer wieder werden auch von Christen, die an die Erlösung durch den Kreuzestod und an die Göttlichkeit Jesu glauben, andere unbeliebte Lehren als paulinische Erfindung gedeutet. Hier finden sich mehrere offensichtliche Probleme:

1. Wieso sollte Paulus sich das ausdenken? Wo ist sein Motiv? Woher kam so eine Idee?

Die Juden waren strenge Monotheisten. Kein Jude wäre einfach so auf die Idee gekommen, einen Prediger, auch einen offensichtlich heiligen Propheten, einfach so auf eine Stufe mit Gott zu stellen; dafür musste dieser Mensch schon ein sehr außergewöhnlicher gewesen sein und Anlass dazu gegeben haben. Paulus selbst hatte die Christen für diese mutmaßliche Blasphemie noch verfolgt.

2. Am wichtigsten: Wieso sollten die anderen Christen sich das gefallen lassen?

Paulus kam verspätet zum Christentum. Er war kein Jünger Jesu gewesen. Er schreibt selbst, dass er die Kirche verfolgt hatte, und war laut Lukas‘ Apostelgeschichte ein bekannter und ein eifriger Christenverfolger. Welche Gruppe lässt sich von einem frisch bekehrten Feind ihren ganzen Glauben umstülpen?

Als Paulus zum Christentum kam, war die Kreuzigung Jesu schon einige Jahre her, und Jesu Jünger – nicht nur die Zwölf, sondern hunderte und bald tausende – hatten Ihn weiterhin verehrt, nachdem das Grab leer gewesen und der Auferstandene ihnen erschienen war.

(Und wenn Jesus mächtig genug ist, um von den Toten aufzuerstehen, sollte Er auch mächtig genug sein, um Seine Kirche in der Wahrheit zu bewahren, aber das nur anbei.)

3. Wie wurden die anderen Gemeinden auf Linie gebracht?

Paulus reiste nicht überall hin; er kam nie nach Alexandria oder Karthago, beispielsweise. In Rom bestand eine Gemeinde, ehe er es überhaupt betrat.

4. Was ist mit den nicht-paulinischen Texten im NT?

Das Neue Testament besteht aus 27 Schriften, von denen höchstens 14 vom Apostel Paulus stammen. (Ob der Hebräerbrief von ihm stammt oder nicht, war immer schon umstritten, und einige Exegeten wollen mehrere der anderen Briefe nicht als echt paulinisch gelten lassen, aber diese Frage ist hier unerheblich.) Damit hätten wir also mindestens (!) 13 Schriften, die nicht von Paulus stammen, darunter alle Evangelien und die Apostelgeschichte. Nun kann man sagen, dass, wenn es korrekt ist, das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte einem Begleiter des Paulus, nämlich Lukas, zuzuschreiben, man diese beiden noch einklammern sollte; aber auch dann hätten wir noch das Markusevangelium (und Markus gilt als Begleiter des Apostels Petrus), das Matthäusevangelium, das Johannesevangelium, die drei Johannesbriefe und die Offenbarung des Johannes, die beiden Petrusbriefe, den Jakobusbrief und den Judasbrief. Ich will mich hier gar nicht auf Streitigkeiten um die genaue Zuschreibung einlassen, und darüber, ob die Überlieferung bzgl. der Autoren verlässlich ist; klar ist jedenfalls, dass das alles keine paulinischen Schriften sind, und nicht aus dem Umfeld des Paulus stammen. Sie unterscheiden sich in der Schreibweise und im Fokus von seinen Briefen. Und gerade sie enthalten deutlich mehr über „den historischen Jesus“ als die Paulusbriefe. Die ersten Evangelien – Markus, Matthäus – wurden ohne Bezug zu Paulus geschrieben, und aller Wahrscheinlichkeit nach etwa zur selben Zeit wie seine Briefe, sind also nicht erst irgendwann später unter deren Einfluss entstanden.

(Lukas beendete seine Apostelgeschichte höchstwahrscheinlich Anfang der 60er, da er sie abrupt abbricht, als Paulus als Gefangener in Rom ist, und dessen Martyrium, immerhin ein sehr wichtiges Ereignis für die antike Christenheit, nicht mehr erwähnt; sein Evangelium schrieb er zuvor, also vielleicht um 60. Nach den klassischen Theorien war Matthäus das erste Evangelium, nach den neueren Theorien Markus; in jedem Fall war es nicht Lukas, der in seinem Vorwort auch die Schriften anderer über Jesu Leben erwähnt. Markus und Matthäus müssten also in die 50er oder vorher datieren.)

Ausgangspunkt einer These von der paulinischen Verfälschung müsste sein, dass man deutliche Unterschiede zwischen dem, was man von Jesus wissen oder vermuten kann, und dem, was man von Paulus wissen oder vermuten kann, feststellt. Vergleichen wir daher mal die Quellen, die wir von Paulus haben, d. h. die ihm zugeschriebenen Briefe, mit denen, in denen Aussagen Jesu wiedergegeben werden, d. h. den Evangelien (keine vollständige Auflistung!).

Hier eine kleine Tabelle.

ThemaJesusPaulus
Erlösung durch den Kreuzestod, AuferstehungJesus kündigt in den synoptischen Evangelien dreifach Sein Leiden, Seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung an (Mt 16,21-26; Mt 17,22f.; Mt 20,17-19; Lk 9,22f.; Lk 9,43-45; Lk 18,31-34; Mk 8,31-34; Mk 9,30-32; Mk 10,32-34).

An anderen Stellen macht Er auch den Zweck dieses Leidens deutlich (z. B. Mt 20,28: „Wie der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“; Joh 3,14-17: „Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat. Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“)

Sein Leiden ist beabsichtigt: „Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es von mir aus hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.“ (Joh 10,17f.)

Er sagt, dass durch Sein Leiden die Schrift erfüllt wird, z. B. in Mt 26,53-56 und Lk 24,25-27.45-47.

Die Evangelisten widmen der Kreuzigung und Auferstehung alle mehrere Kapitel.
Paulus spricht sehr oft vom Kreuz, der Erlösung, der Auferstehung – z. B. in 1 Kor 1,18-2,16, 1 Kor 15, Röm 4,24f., Röm 5-6, 2 Kor 5,14-21, Gal 1,1-5, Eph 2, 1 Thess 1,10. Da gibt es so wunderschöne Stellen wie etwa Kol 2,13-15: „Ihr wart tot infolge eurer Sünden und euer Fleisch war unbeschnitten; Gott aber hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht und uns alle Sünden vergeben. Er hat den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben. Er hat ihn dadurch getilgt, dass er ihn an das Kreuz geheftet hat. Die Fürsten und Gewalten hat er entwaffnet und öffentlich zur Schau gestellt; durch Christus hat Gott über sie triumphiert.“ Oder 1 Thess 9f.: „Denn Gott hat uns nicht für das Gericht seines Zorns bestimmt, sondern dafür, dass wir durch Jesus Christus, unseren Herrn, die Rettung erlangen. Er ist für uns gestorben, damit wir vereint mit ihm leben, ob wir nun wachen oder schlafen.“
Jesus als Sohn Gottes, selbst Gott, eins mit Gott dem Vater und dem Heiligen GeistJesus sagt:

Noch ehe Abraham wurde, bin ich.“ (Joh 8,58) Man beachte hier: Nicht „war ich“, sondern „bin ich“. Das ewige zeitlose Sein ist nicht nur das Wesen Gottes, sondern „Ich bin“ ist auch die Bedeutung des Gottesnamens Jahwe.

„Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10,30)

„Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand erkennt, wer der Sohn ist, nur der Vater, und niemand erkennt, wer der Vater ist, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ (Lk 10,22)

„Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde.“ (Mt 28,18)

Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.“(Johannes 16,28)

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen. […] Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke!“ (Joh 14,6-7.9-11)

Jetzt verherrliche du mich, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war! […] Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht. […] Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir!“ (Johannes 17,5.10-11)

Er antwortet laut Matthäus auf die Frage des Hohenpriesters, ob er der Christus, der Sohn Gottes ist: „Du hast es gesagt“ (Mt 26,64) Bei Markus sagt er „Ich bin es“ (Mk 14,62), bei Lukas „Ihr sagt es – ich bin es“ (Lk 22,70).

Er beansprucht z. B. in Mk 2,2-12 und Mt 9,6 die Vollmacht, Sünden zu vergeben (bzw. dann später diese Macht an andere als Seine Stellvertreter, die Apostel, weiterzugeben (Joh 20,22f.)), also etwas, das Gott allein zukommt.

Für sich selbst beansprucht Er Sündenlosigkeit: „Wer von euch kann mir eine Sünde nachweisen?“ (Joh 8,46)

Man nehme außerdem die Reaktionen der Menschen auf Ihn: „Und es geschah, als Jesus diese Rede beendet hatte, war die Menge voll Staunen über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten.“ (Mt 7,28f.)

Thomas sagt nach Seiner Auferstehung zu Ihm: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28)

Bei der Verklärung Jesu (Mt 17,5; Mk 9,2-8; Lk 9,35) und bei Seiner Taufe (Mt 3,17; Mk 1,11; Lk 3,22) nennt Gott selbst Ihn Seinen geliebten/auserwählten Sohn.

Selbst ein Römer bezeugt das: „Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ (Mk 15,39)

Ebenso Johannes der Täufer: „Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist der Sohn Gottes.“ (Joh 1,34)

Der Johannesprolog (Joh 1,1-18) macht den Glauben an die Göttlichkeit Jesu sehr deutlich: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. […] Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,1.18)

Er ließ es bei vielen Gelegenheiten zu, dass man Ihn „Herr“ nannte, s. z. B. Mt 8,2f.
Paulus schreibt u. a. folgendes über Jesus:

„Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Phil 2,6-11)

„Dankt dem Vater mit Freude! Er hat euch fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind. Er hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes. Durch ihn haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden. Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. Er ist vor aller Schöpfung und in ihm hat alles Bestand. Er ist das Haupt, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang. Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.“ (Kol 1,12-20)

„Dadurch sollen sie getröstet werden, verbunden in der Liebe, um die tiefe und reiche Einsicht zu erlangen und das Geheimnis Gottes zu erkennen, das Christus ist. In ihm sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen.“ (Kol 2,2f.)

„Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig. Durch ihn seid auch ihr davon erfüllt; denn er ist das Haupt aller Mächte und Gewalten.“ (Kol 2,9f.)

„Denn: Einer ist Gott, Einer auch Mittler zwischen Gott und Menschen: der Mensch Christus Jesus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle, ein Zeugnis zur vorherbestimmten Zeit“ (1 Tim 2,5f.)
Gottes- und NächstenliebeJesus macht deutlich, dass alle Gebote aus dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe resultieren und die Liebe das Höchste ist in Mt 22,34-40; Mk 12,28-34; Joh 13,34f.; Joh 15,12-17 (vgl. auch die Goldene Regel in Mt 7,12).Paulus macht deutlich, dass alle Gebote aus dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe resultieren und die Liebe das Höchste ist in Röm 13,8-10, 1 Kor 13, Kol 3,14, 1 Thess 4,9f.
Ehescheidung und EhelosigkeitJesus verurteilt die Ehescheidung mit Wiederheirat und rät zur Ehelosigkeit für die, die es fassen können, in Mt 19. (Vgl. zu Jesus und der Ehescheidung auch noch Mk 10,1-12; Lk 16,18; Mt 5,31f.)Paulus verurteilt die Ehescheidung und rät zur Ehelosigkeit für die, die es fassen können, in 1 Kor 7.
Staat, SteuernJesus fordert zum Gehorsam gegenüber den staatlichen Autoritäten und insbesondere zum Zahlen der Steuern auf in Mt 22,15-22; Mk 12,13-17; Lk 20,20-26.Paulus fordert zum Gehorsam gegenüber den staatlichen Autoritäten und insbesondere zum Zahlen der Steuern auf in Röm 13,1-7.
SexualmoralJesus vertritt eine strenge Sexualmoral; auch schmutzige Gedanken beurteilt er als Sünde. „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Mt 5,27f.)

Er lehnt nicht nur Ehebruch ab, sondern auch „Unzucht“ ganz allgemein; in einer Aufzählung der Sünden nennt Er beides getrennt: „Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und Lästerungen.“ (Mt 15,19) Vgl. auch die Parallelstelle in Mk 7,21f.: „Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut und Unvernunft.“
Paulus sieht die Unzucht (außerehelichen Sex) als Sünde gegen den eigenen Körper, der ein Tempel Gottes sein soll. „Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib. Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken. Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen? Auf keinen Fall! Oder wisst ihr nicht: Wer sich an eine Dirne bindet, ist ein Leib mit ihr? Denn es heißt: Die zwei werden ein Fleisch sein. Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm. Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ (1 Kor 6,13-20)

Er zählt „Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung“ zu den Werken des Fleisches (Gal 5,19). Er sieht sie als schwere Sünden, die vom Himmel ausschließen: „Von Unzucht aber und Unreinheit jeder Art oder von Habgier soll bei euch, wie es sich für Heilige gehört, nicht einmal die Rede sein. Auch Sittenlosigkeit und albernes oder zweideutiges Geschwätz schicken sich nicht für euch, sondern vielmehr Dankbarkeit. Denn das sollt ihr wissen: Kein unzüchtiger, schamloser oder habgieriger Mensch – das heißt kein Götzendiener – erhält ein Erbteil im Reich Christi und Gottes.“ (Eph 5,3-5)

Er schreibt: „Das ist es, was Gott will: eure Heiligung – dass ihr die Unzucht meidet, dass jeder von euch lernt, mit seiner Frau in heiliger und achtungsvoller Weise zu verkehren, nicht in leidenschaftlicher Begierde wie die Heiden, die Gott nicht kennen“ (1 Thess 4,3-5)
Wiederkunft ChristiJesus spricht vom Weltgericht und Seiner Wiederkunft am Ende der Zeiten z. B. in Mt 24-25 (und in mehreren Gleichnissen in den vorangehenden Kapiteln); Mk 13; Lk 21; Lk 17,22-36; Mt 13,40-43; Lk 12,35-48.Paulus spricht von der Wiederkunft Christi z. B. in 1 Thess 4,13-5,9; 2 Thess 1,6-10; 2 Thess 2,1-12; 1 Tim 6,14-16; 2 Tim 4,1.
HölleJesus warnt vor der Hölle, dem Ort, an dem „Heulen und Zähneknirschen“ herrscht, z. B. in Mt 8,12; Mt 13,41-42.49-50; Mt 22,13; Mt 24,51; Mt 25,30; Mt 5,29f.; Mk 9,42-48; Lk 13,22-30; Lk 14,24. Er beschreibt die Hölle auch im Gleichnis von Lazarus und dem Reichen in Lk 16,19-31.Paulus warnt vor der Hölle z. B. in 2 Thess 1,5-10; Gal 5,21; Gal 6,8; Eph 5,5f.
KircheJesus gibt schon vor Seiner Kreuzigung und Auferstehung Seinen Jüngern Anweisungen für den Aufbau Seiner Kirche.

Zu Petrus sagt Er: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ (Mt 16,18f.)

Zu allen 12 Aposteln sagt Er: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.“ (Mt 18,15-18)

Zu den 72 Jüngern sagt Er: „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat.“ (Lk 10,16)

Nach Seiner Auferstehung gibt Er den 12 die Vollmacht zur Sündenvergebung an Seiner Stelle: „Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten.“ (Joh 20,21-23)
Paulus nennt die Kirche „Säule und Fundament der Wahrheit“ (1 Tim 3,15).

Er spricht über die Einsetzung, Aufgaben und Eignung von Bischöfen und Diakonen z. B. in 1 Tim 3,1-13; 1 Tim 4,14; 1 Tim 5,17-22; 2 Tim 1,6; Tit 1,5-9.
Rechtfertigungslehre; Gnade, Glaube, WerkeJesus spricht von der Wichtigkeit des Glaubens z. B. in Joh 3,17f.: „Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat.“ oder Mk 16,15f: „Dann sagte er zu ihnen: Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung! Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden.“, oder auch in Mt 8,10 und Mt 9,22. In Joh 6,47 sagt Er: „Amen, amen, ich sage euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben.“ Außerdem sagt Er: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“ (Joh 11,25f.)

Er preist oft den Glauben derer, denen Er hilft (z. B. in Mk 5,34; Lk 7,9; Lk 17,19) und sagt zu Seinen Jüngern „Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort! und er wird wegrücken.“ (Mt 17,20)

Er betont außerdem aber sehr oft, dass jeder nach seinen Werken gerichtet wird; z. B. in Mt 7,21-23: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und haben wir nicht in deinem Namen viele Machttaten gewirkt? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Gesetzlosen!“

Oder auch Mt 16,27: „Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommen und dann wird er jedem nach seinen Taten vergelten.“

In Mt 19,17 sagt Er: „Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote!“

In Mt 25 wird das Heil als davon abhängig dargestellt, ob man etwas für „einen meiner geringsten Brüder getan“ (Mt 25,40) hat oder nicht.

Vgl. auch Lk 10,25-28: „Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben!“

In Joh 5,29 sagt Jesus: „Die das Gute getan haben, werden zum Leben auferstehen, die das Böse getan haben, werden zum Gericht auferstehen.“
Paulus spricht von der Notwendigkeit von Gottes Gnade und dem Glauben z. B. in Röm 3-6, Röm 10,8-13, Gal 2-3, Eph 2,8, Phil 3,9, Tit 3,5; 2 Tim 1,9f. („Er hat uns gerettet; mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen, nicht aufgrund unserer Taten, sondern aus eigenem Entschluss und aus Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt wurde; jetzt aber wurde sie durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbart.“)

Über den allgemeinen Heilswillen Gottes sagt er: „er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4) und „Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten.“ (Tit 2,11).

(Über die Kraft des Glaubens meint er: „Alles vermag ich durch den, der mich stärkt.“ (Phil 4,13))

Über die Notwendigkeit, den Glauben zu bewahren, sagt er: „Jetzt aber hat er euch durch den Tod seines sterblichen Leibes versöhnt, um euch heilig, untadelig und schuldlos vor sich hintreten zu lassen. Doch müsst ihr im Glauben bleiben, fest und in ihm verwurzelt, und ihr dürft euch nicht von der Hoffnung des Evangeliums, das ihr gehört habt, abbringen lassen.“ (Kol 1,22f.)

Von den Werken und der Möglichkeit, das Heil durch schwere Sünden zu verlieren, spricht er z. B. in 1 Kor 10,12 („Wer also zu stehen meint, der gebe Acht, dass er nicht fällt.“), 2 Kor 5,10 („Denn wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im irdischen Leben getan hat.“), Gal 6,8f. („Denn wer auf sein eigenes Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten. Lasst uns nicht müde werden, das Gute zu tun; denn wenn wir darin nicht nachlassen, werden wir ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist.“), 2 Tim 2,11f. („Wenn wir nämlich mit Christus gestorben sind, werden wir auch mit ihm leben; wenn wir standhaft bleiben, werden wir auch mit ihm herrschen; wenn wir ihn verleugnen, wird auch er uns verleugnen.“)

Er stellt den Weg des Christen mehrfach als Kampf oder Wettkampf dar, der gewonnen werden will, vgl. Eph 6,10-18, 1 Tim 6,12, 2 Tim 4,7f. oder auch Phil 3,11-14: „So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder und Schwestern, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“

Das Zusammenwirken von Gottes Gnade und den eigenen Bemühungen fasst er so zusammen: „Wirkt mit Furcht und Zittern euer Heil! Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt zu seinem Wohlgefallen.“ (Phil 2,12f.)

Über die verlorenen Seelen sagt er: „denn sie haben sich der Liebe zur Wahrheit verschlossen, durch die sie gerettet werden sollten“ (2 Thess 2,10)
Mosaisches Gesetz: Speisegebote, Sabbat etc.Jesus erklärt sich zum Herrn über den Sabbat (Mt 12,8; Mk 2,28; Lk 6,5) und heilt am Sabbat (s. z. B. Mt 12,9-14; Mk 3,1-6; Lk 6,6-11; Lk 13,10-17; Lk 14,1-6; Joh 9). Er sagt über die Speisegebote: „Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.“ (Mt 15,11) An der Parallelstelle in Mk heißt es: „Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage! Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Er verließ die Menge und ging in ein Haus. Da fragten ihn seine Jünger nach dem Sinn dieses rätselhaften Wortes. Er antwortete ihnen: Begreift auch ihr nicht? Versteht ihr nicht, dass das, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht unrein machen kann? Denn es gelangt ja nicht in sein Herz, sondern in den Magen und wird wieder ausgeschieden. Damit erklärte Jesus alle Speisen für rein.“ (Mk 7,14-19)Paulus erklärt, dass das Mosaische Gesetz nicht mehr gilt, z. B. in Gal 4 oder ausführlich im Römerbrief.
EucharistieDie Einsetzung der Eucharistie wird berichtet in Mt 26,26-29; Mk 14,22-25 und Lk 22,14-20. Außerdem spricht Jesus über die Eucharistie in Joh 6. Ein Ausschnitt: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt. Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben. Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Es ist nicht wie das Brot, das die Väter gegessen haben, sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.“ (Joh 6,51-58)Paulus schreibt über die Eucharistie in 1 Kor 10,16f. („Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“) und 1 Kor 11,23-29 („Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe: Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis! Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und trinkt, ohne den Leib zu unterscheiden, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt.“)
TaufeJesus trägt seinen Jüngern auf, zu taufen: Mt 28,19f.; Mk 16,16.

Schon vorher taufen Seine Jünger: „Darauf kam Jesus mit seinen Jüngern nach Judäa. Dort hielt er sich mit ihnen auf und taufte.“ (Joh 3,22) „Jesus erfuhr, dass die Pharisäer gehört hatten, er gewinne und taufe mehr Jünger als Johannes – allerdings taufte nicht Jesus selbst, sondern seine Jünger – ; daraufhin verließ er Judäa und ging wieder nach Galiläa.“ (Joh 4,1-3)
Paulus schreibt über die Taufe folgendes:

„Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit ihm auch auferweckt, durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat. Ihr wart tot infolge eurer Sünden und euer Fleisch war unbeschnitten; Gott aber hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht und uns alle Sünden vergeben.“ (Kol 2,12f.)

„Wisst ihr denn nicht, dass wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln. Wenn wir nämlich mit der Gestalt seines Todes verbunden wurden, dann werden wir es auch mit der seiner Auferstehung sein.“ (Röm 6,3-5)

„Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.“ (1 Kor 12,13)

Er erwähnt sie auch in Tit 3,5 (hier nennt er sie das „Bad der Wiedergeburt“).
Auferstehung der TotenJesus erklärt in Mt 22,23-33, Mk 12,18-27 und Lk 20,27-40 den Sadduzäern, dass es eine Auferstehung der Toten geben und wie sie aussehen wird.Paulus macht in 1 Kor 15 deutlich, dass es eine Auferstehung der Toten geben wird; auch in Phil 3,20f. und 1 Thess 4,13-18 erwähnt er sie.
MartyriumJesus kündigt seinen Jüngern das Martyrium an, z. B. in Mt 10 (Mt 10,17-18.21-22.28-33: „Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch an die Gerichte ausliefern und in ihren Synagogen auspeitschen. Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt werden, ihnen und den Heiden zum Zeugnis. […] Der Bruder wird den Bruder dem Tod ausliefern und der Vater das Kind und Kinder werden sich gegen die Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet. […] Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann! Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“)

Vgl. auch Mk 8,34-38; Mk 13,9-13; Lk 12,1-12; Lk 21,12-19; Joh 15,18-25.

Außerdem Joh 16,2f.: „Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen, ja es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten. Das werden sie tun, weil sie weder den Vater noch mich erkannt haben.“
Paulus wurde zum Märtyrer. Er erwähnt auch in seinen Briefen die gegenwärtige Gefahr und die bereits von ihm erduldeten Leiden. „Wie geschrieben steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat.“ (Röm 8,36) „Sie sind Diener Christi – jetzt rede ich ganz unvernünftig – , ich noch mehr: Ich ertrug mehr Mühsal, war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr. Fünfmal erhielt ich von Juden die vierzig Hiebe weniger einen; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, viele durchwachte Nächte, Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Nacktheit.“ (2 Kor 11,23-27) Vgl. auch 2 Kor 4,7-18 und 2 Kor 6,4-10.

Er schrieb einige seiner Briefe aus dem Gefängnis, s. z. B. Phil 1,13-14 „Denn im ganzen Prätorium und bei allen Übrigen ist offenbar geworden, dass ich meine Fesseln um Christi willen trage, und die meisten der Brüder sind durch meine Gefangenschaft zuversichtlich geworden im Glauben an den Herrn und wagen umso kühner, das Wort furchtlos zu sagen.“

Auch seine Gemeinden hatten es nicht immer leicht: „Denn, Brüder und Schwestern, ihr seid dem Beispiel der Gemeinden Gottes in Judäa gefolgt, die in Christus Jesus sind. Ihr habt von euren Mitbürgern das Gleiche erlitten wie jene von den Juden.“ (1 Thess 2,14) Vgl. auch 2 Thess 1,4.
Nicht-christliche JudenJesus trauert darum, dass viele Juden Ihn nicht anerkennen z. B. in Lk 13,34f.; Lk 19,41f. und Mt 23,37f.Paulus trauert darum, dass viele Juden Jesus nicht anerkennen in Röm 9-11.
FeindesliebeJesus fordert zur Feindesliebe auf in Mt 5,38-48 und Lk 6,27-35.Paulus fordert zur Feindesliebe auf in Röm 12,14-21 und 1 Thess 5,15.
Gebet, weltliche Sorgen, innerer FriedeJesus betont die Wichtigkeit des vertrauensvollen Gebets z. B. in Mt 7,7-11; Mk 11,24; Lk 11,5-13; Lk 18,1-8; Joh 15,7; und sagt Seinen Anhängern, dass sie sich keine Sorgen um Weltliches zu machen brauchen, z. B. in Mt 6,19-34 und Lk 12,22-34. (Vgl. auch Lk 10,41f.: Die Geschichte von Maria und Marta.) Er verheißt ihnen Seinen Frieden: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“ (Joh 14,27)Paulus betont die Wichtigkeit des vertrauensvollen Gebets und sagt den Christen, dass sie sich keine Sorgen um Weltliches zu machen brauchen, z. B. in Phil 4,6 und 1 Thess 5,17. Die Christen werden inneren Frieden finden: „Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in Christus Jesus bewahren.“ (Phil 4,7) „Und der Friede Christi triumphiere in euren Herzen.“ (Kol 3,15)
Weltlich kluge Menschen und das EvangeliumJesus sagt „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast.“ (Mt 11,25) Vgl. auch Lk 10,21.Paulus schreibt: „Seht doch auf eure Berufung, Brüder und Schwestern! Da sind nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme, sondern das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. Und das Niedrige in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott.“ (1 Kor 1,26-29)
Falsche Propheten bzw. FalschlehrerJesus warnt vor falschen Propheten und Irrlehrern z. B. in Mt 24,24f.; Mk 13,6.22.Paulus warnt vor falschen Propheten und Irrlehrern z. B. in Gal 1,6-9; Kol 2,8-23; 1 Tim 1,3-7; 1 Tim 4,1-5; 1 Tim 6,3-10; Tit 1,10-16; Tit 3,9-11.
ReichtumJesus ermuntert den reichen Jüngling, der mehr tun will als nur die allgemeinen Gebote zu erfüllen, seinen Reichtum an die Armen zu verteilen und sagt, dass es Reiche schwer haben werden, in den Himmel zu kommen (Mt 19,16-26; Mk 10,17-28; Lk 18,18-27).

Er sagt „Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier! Denn das Leben eines Menschen besteht nicht darin, dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt.“ (Lk 12,15) und erzählt ein Gleichnis über einen reichen Mann, der nur an seinen irdischen Besitz denkt, aber plötzlich sterben muss (Lk 12,16-21).

Er mahnt Seine Jünger: „Verkauft euren Besitz und gebt Almosen! Macht euch Geldbeutel, die nicht alt werden! Verschafft euch einen Schatz, der nicht abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb ihn findet und keine Motte ihn frisst!“ (Lk 12,33)

Er sagt außerdem „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes. […] Doch weh euch, ihr Reichen; denn ihr habt euren Trost schon empfangen.“ (Lk 6,20.24).

Über den richtigen Umgang mit Geld sagt Er: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen. Wenn ihr nun im Umgang mit dem ungerechten Mammon nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das Eure geben? Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Lk 16,10-13)

Vgl. auch das Gleichnis von Lazarus und dem Reichen in Lk 16,19-31.

Dann wäre da die Geschichte mit dem korrupten Zöllner Zachäus, bei dem Er einkehrt und der sich dann bekehrt, und zwar nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet, aber viele Almosen gibt und Unrecht wiedergutmacht: „Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Siehe, Herr, die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen, und wenn ich von jemandem zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück. Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist. Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ (Lk 19,8-10)
Paulus ermahnt Reiche dazu, freigiebig zu sein und ihren Reichtum zu teilen und sich nicht darauf zu verlassen, sondern auf Gott (1 Tim 6,17-19: „Ermahne die, die in dieser Welt reich sind, nicht überheblich zu werden und ihre Hoffnung nicht auf den unsicheren Reichtum zu setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich gibt, was wir brauchen! Sie sollen wohltätig sein, reich werden an guten Werken, freigebig sein und, was sie haben, mit anderen teilen. So sammeln sie sich einen Schatz als sichere Grundlage für die Zukunft, um das wahre Leben zu erlangen.“).

Er stellt die Habgier an mehreren Stellen als schwere Sünde dar und vergleicht sie auch mit Götzendienst, s. z. B. Eph 5,3.5: „Von Unzucht aber und Unreinheit jeder Art oder von Habgier soll bei euch, wie es sich für Heilige gehört, nicht einmal die Rede sein. […] Denn das sollt ihr wissen: Kein unzüchtiger, schamloser oder habgieriger Mensch – das heißt kein Götzendiener – erhält ein Erbteil im Reich Christi und Gottes.“
Jesus reconstruction test phases from Turin Shroud.jpg
Rekonstruktion des Gesichts Jesu nach dem Turiner Grabtuch. Gemeinfrei.

Manche sehen einen Unterschied bei der Rechtfertigungslehre. Wenn man z. B. die Aussagen „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und haben wir nicht in deinem Namen viele Machttaten gewirkt? Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Gesetzlosen!“ (Mt 7,21-23; man beachte: „ihr Gesetzlosen“) und „denn wenn du mit deinem Mund bekennst: Herr ist Jesus – und in deinem Herzen glaubst: Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden. […] Denn jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.“ (Röm 10,9.13) einander gegenüberstellt, wirken sie erst einmal widersprüchlich.

Aber oben in der Tabelle wurde schon deutlich, dass Jesus und Paulus eben beide den Glauben und die Werke betonen. Sie sagen auch beide, dass die Erlösung etwas ist, das von Gott kommt, ohne die Sühne durch den Kreuzestod Jesu wäre nichts gegangen. Zuerst kommt die Gnade Gottes, die in den Menschen wirkt und sie ruft; dann sollen sie darauf antworten. Erstens, wenn sie von Jesus erfahren – also wirklich merken, wer und wie Er ist, nicht nur Seinen Namen irgendwann mal gehört haben -, mit dem Glauben an Ihn; wer Ihn dann bewusst ablehnt, lehnt Gott ab. Aber es gehören auch Werke dazu, der Mensch muss sich auch praktisch bewähren. Ohne Werke ist der Glaube tot.

Die zitierten Stellen meinen einfach folgendes: Wer glaubt, der wird gerettet werden, aber es muss ein wirklicher Glaube sein, aus dem auch Werke folgen; ein Pseudoglaube, ein toter Glaube, nützt nichts.

Es gibt sicher Einzelfragen, über die Jesus spricht und Paulus nicht; oder über die Paulus spricht und Jesus nicht (z. B. die Götzenopferfleischfrage, die irgendwann in den christlichen Gemeinden aufkam; vgl. Röm 14). Das sind aber eher konkrete, praktische Randfragen. Wenn Paulus über Spendensammlungen oder seine Reisepläne spricht: Was ist daran aufsehenerregend? In den Evangelien kommt manches vor, über das Paulus nicht ausführlich spricht, einfach weil die Evangelien auch Ereignisse berichten, nicht nur Jesu Lehre weitergeben: Da wären die vielen Stellen, an denen Heilungen, Totenerweckungen und Dämonenaustreibungen berichtet werden, die Taufe und Verklärung Jesu, die Tempelreinigung, die Hinrichtung von Johannes dem Täufer, die Segnung der Kinder usw. usf. Paulus wiederholt das alles in seinen Briefen nicht; dazu hat er auch keinen Anlass.

Manche Leute konstruieren andere Unterschiede, die nicht da sind. Z. B. ging Jesus während Seines irdischen Lebens nur zu den „verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Mt 10,6), aber nach Seiner Auferstehung sandte Er Seine Jünger ausdrücklich zu allen Völkern, also den Heiden (s. z. B. Mt 28,19: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“, oder Mk 16,15: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“; vgl. auch Lk 24,47), um deren Missionierung sich Paulus so verdient machte. Das jesuanische Christentum war keine rein auf Juden begrenzte Religion und schloss sehr wohl auch die Heiden ein, genau wie das paulinische.

Ist Paulus irgendwie „politisch nützlicher“? Oben wurde demonstriert, dass Jesus und Paulus beide gleich gehorsam bzw. ungehorsam gegenüber dem Staat waren: Man gehorcht an sich und zahlt seine Steuern, erkennt die Autorität des Staates als legitim an, aber wenn der Staat etwas verlangt, das Sünde ist, ist man bereit, sich für seine Überzeugungen umbringen zu lassen.

Was ist mit dem Thema Sklaverei? Paulus erwähnt es an mehreren Stellen: Er zählt Sklavenhändler zu den Gottlosen (1 Tim 1,10), fand nichts daran, Sklavenbesitzer in die Kirche aufzunehmen, lehrte, dass Sklaven ihren Herren gehorchen und Herren ihre Sklaven gerecht behandeln sollen, da es vor Gott kein Ansehen der Person gebe (vgl. Eph 6,5-9), die Freilassung von Sklaven behandelt er als gutes Werk (Phlm), aber verlangt sie nicht kategorisch von jedem, der Christ werden will. Das entspricht ziemlich genau der Position, die die Kirche in ihrer Geschichte eingenommen hat: Die (gewaltsame) Versklavung von Menschen wird scharf verurteilt; der Sklavenhandel sehr stark kritisiert und man will ihn einschränken oder ganz abschaffen; die Sklaverei als bereits bestehender Zustand wird nicht als ideal gesehen und Sklaven werden als Menschen mit gewissen Grundrechten gesehen, die freilich in ihrer Arbeit nicht frei sind, aber eben z. B. nicht straflos getötet oder vergewaltigt werden dürfen und das Recht haben, eine Familie zu gründen; Sklavenbesitzer werden an sich nicht aus der Kirche ausgeschlossen, aber die Freilassung von Sklaven als gutes Werk gesehen; gewaltsame Sklavenaufstände begrüßt man definitiv nicht, aber sonstige Maßnahmen zur Abschaffung oder Linderung der Sklaverei absolut, wobei gerade einige frühe Theologen in der Antike die Sklaverei eher noch als eine nicht zu ändernde Folge des Sündenfalls sahen; im Hoch- und Spätmittelalter und der Neuzeit stellte sich die Kirche in der Praxis stärker dagegen als noch in Antike und Frühmittelalter. Und diese ganze Position (von dem abgesehen, dass manche sich anfangs keine generelle Abschaffung der Sklaverei vorstellen konnten) hat nun mal ihre guten Gründe. (Mehr zu Bibel und Kirche und der Sklaverei hier; außerdem ein (wahrscheinlich oberflächlicher und unvollständiger; es ist Wikipedia) Überblick über Maßnahmen gegen die Sklaverei im Lauf der Geschichte, die v. a. ab dem Mittelalter getroffen wurden, hier.)

Aber wir waren bei Paulus und Jesus: Und hier gibt es keinen Widerspruch, denn Jesus sagt schlicht gar nichts zum Thema Sklaverei. Er benutzt sie vielleicht mal bei einem Vergleich in seinen Gleichnissen, aber das ist keine Aussage über die Sklaverei. In seinen überlieferten Aussagen findet man weder eine Billigung noch eine Verurteilung. Er war kein Sklavenbesitzer wie Propheten aus anderen Religionen (z. B. Mohammed), und er rief zu keiner Sklavenrevolte auf.

Was ist mit dem Umgang mit Frauen? Paulus schreibt, dass Ehefrauen sich ihren Männern unterordnen sollen, s. Eph 5,21-33: „Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Furcht Christi! Ihr Frauen euren Männern wie dem Herrn; denn der Mann ist das Haupt der Frau wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. Er selbst ist der Retter des Leibes. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie zu heiligen, da er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort! So will er die Kirche herrlich vor sich hinstellen, ohne Flecken oder Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche. Indessen sollt auch ihr, jeder Einzelne, seine Frau lieben wie sich selbst, die Frau aber ehre ihren Mann.“ Vgl. dazu auch Kol 3,18f., Tit 2,3-5. In 1 Kor 11 sagt Paulus, dass der Mann das Haupt der Frau ist und in 1 Kor 14,33-35, dass die Frauen in der Versammlung, d. h. beim Gottesdienst, schweigen sollen. In 1 Tim 2,11-14 schreibt er: „Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.“ (Zur Frage, wie diese Stellen zu verstehen sind, hier.)

Jesus hatte Frauen unter seinen Anhängern, die Er auch schätzte, von denen einige unter Seinem Kreuz standen oder später zu Seinem Grab gingen. Er wählte allerdings keine Frau in den Zwölferkreis. Über Gehorsam in der Ehe sagt er schlicht und einfach nichts. Das einzige, was über Jesu Verhalten zu Familienstrukturen generell gesagt wird, ist, dass Er als Kind Seinen Eltern gehorsam war (Lk 2,51).

Mit anderen Worten: Am ehesten kann man einen Widerspruch in der Rechtfertigungslehre deklarieren, aber auch dazu muss man einige Stellen ignorieren; Jesus und Paulus lassen sich auch hier gut vereinen. Eine gewisse Plausibilität hätte es auch noch, zu sagen „Aber Jesus hätte feministischer als Paulus sein können, was die Beteiligung der Frauen in den Gemeinden und ihre Stellung in der Ehe angeht“, aber das ist eben Spekulation; Jesus widerspricht Paulus‘ Sicht nirgends. Ansonsten kommt man nicht umhin, eine sehr deutliche Übereinstimmung zuzugeben.

Mit anderen Worten: Die ganze Theorie ist Wunschdenken.

Schwierige Bibelstellen: Updates

Ich habe an der Reihe über schwierige Bibelstellen innerhalb der letzten Monate (z. T. auch schon vor längerer Zeit) einige Updates vorgenommen (und dazu in den ersten Teilen (etwa bis Teil 15) die Zitate aus der alten Einheitsübersetzung, die ich zuerst verwendet hatte, durch Zitate aus der neuen Einheitsübersetzung ersetzt, und ab und zu ein paar neue Bilder hinzugefügt, wo ich schon mal dabei war); mit dieser Reihe habe ich ja schon vor längerer Zeit angefangen, und mir ist eben aufgefallen, dass manche Dinge doch etwas verkehrt oder verkehrt ausgedrückt oder unvollständig waren.

Gutenberg-Bibel. Bildquelle hier.

Daher hier eine grobe Zusammenfassung der einzelnen Änderungen:

Teil 1: Die Problemstellung

Hier nur ein paar Kürzungen bei persönlichem Vorgeplänkel.

Teil 2: Das katholische Schriftverständnis

Hier muss ich zugeben, dass in der ersten Fassung ein grober Fehler drin war, wenn es bei der Erklärung der Irrtumslosigkeit der Bibel hieß, dass die Bibel in Fragen des Glaubens und der Moral irrtumslos ist. Ein korrigierter Absatz:

„Die Bibel ist als Ganzes irrtumslos; die Lehre, dass sie nur in Fragen des Glaubens und der Moral irrtumslos wäre, und nicht auch in historischen Fragen u. Ä., wurde von mehreren Päpsten deutlich abgelehnt. Aber: die historischen Bücher sind nicht zwangsläufig irrtumslos in Bezug auf jedes kleine Detail, zum Beispiel, aus wie vielen Soldaten die assyrische Armee bestand oder in welchem Monat Esra nach Jerusalem kam. Der Grund dafür ist ganz einfach, dass solche Detailgenauigkeit nicht automatisch der Aussageabsicht dieser Schriftsteller entsprochen haben muss. In der antiken Geschichtsschreibung war Wahrhaftigkeit zwar im Groben erwartet, aber kleine Ausschmückungen bei den Details absolut üblich (insbesondere z. B. bei Reden der Protagonisten).“

Im Endeffekt ist das bei der Schlussfolgerung über die historischen Bücher kein Unterschied, aber die Grundlage sollte trotzdem klar sein.

Wahrscheinlich habe ich aber auch vom Ton des ganzen Artikels her die Irrtumslosigkeit der Bibel zu sehr heruntergespielt; u. a. habe ich diesen Absatz jetzt noch eingefügt.

„Die Bibel ist göttlich inspiriert und vom Heiligen Geist vor Irrtum bewahrt, d. h. alles, was in ihr steht, ist unfehlbar; die Frage ist nur, wie man verschiedene schwer verständliche Stellen miteinander in Einklang bringt. Sog. „missliebige“ oder „schwierige“ Stellen gehören alle dazu und für alle kann man irgendeine Erklärung finden und sollte sie nicht einfach ignorieren. Und manchmal kann es einem tatsächlich passieren, dass sich Schwierigkeiten von selbst auflösen, wenn man von ein paar säkularen Vorurteilen weggekommen ist.“

So ging es mir nämlich: Einige Stellen, die mir vor ein paar Jahren noch Kopfzerbrechen bereitet haben, finde ich jetzt überhaupt nicht mehr schlimm.

Nachträge zu Teil 2

Keine großen Änderungen.

Exkurs: Etwas Grundsätzliches über Gottes Gutheit

Keine Änderungen.

Teil 3: Über Historizität, Genres und „wörtlich gemeint“

Kleinere Änderungen v. a. gegen Ende, wenn es um die Geschichtlichkeit der frühen Geschichtsbücher (5 Bücher Mose usw.) geht, aber keine Änderungen an den grundsätzlichen Aussagen.

(Anbei: Ich möchte noch mal einen eigenen Artikel über die Autorschaft und Geschichtlichkeit dieser Bücher schreiben, weil mir in den letzten Jahren die Argumente gegen die „traditionelle“ Sicht immer schwächer und die dafür immer stärker erschienen sind, und ich ein bisschen mehr zu diesem Thema gelesen habe.)

Teil 4: Schöpfung, Urknall, Evolution, Sündenfall usw. – zur Bedeutung von Genesis 1-11

Ein paar Kürzungen bei diesem überlangen Artikel (er ist leider immer noch überlang).

Außerdem habe ich auch zur Sintflut und zum Turmbau zu Babel näher ausgearbeitet, wovon ich inzwischen überzeugt bin: Dass sie – wie es beim Sündenfall sowieso so sein muss – nur Sinn machen, wenn man sie als (teilweise bildliche/zusammenfassende) Darstellungen realer historischer Ereignisse versteht, und nicht nur als allgemeine Aussagen über den Zustand der sündigen Menschheit. Auch bei Adam und Eva habe ich klarer ausgedrückt, dass es eigentlich nicht geht, sie sich nicht als zwei Personen, sondern als Gruppe von Urmenschen vorzustellen.

Exkurs zu Teil 4: Was sagt der Katechismus zu Sündenfall und Erbsünde?

Keine Änderungen. (Offensichtlicherweise.)

Teil 5: Was in der Bibel steht – was die Bibel lehrt

Ein paar kleinere Kürzungen und Änderungen bei der Bewertung einzelner Stellen, keine Änderung an der zentralen Aussage.

Teil 6: Das Fortschreiten der Offenbarung – Wie wir das Alte Testament lesen sollen

Ich muss sagen, dass ich in der ersten Fassung dieses Artikels die eine Seite (die sonst selten betont wird), nämlich dass die Offenbarungsgeschichte heute ziemlich fortgeschritten ist, wir in mancher Hinsicht mehr von Gott wissen können als die alttestamentlichen Israeliten, und Gott uns nicht ferner ist als damals, überbetont, oder nein, eher die andere Seite vernachlässigt oder ein paar Unterscheidungen nicht gemacht. Denn: Natürlich wissen wir in einiger Hinsicht mehr als z. B. die Israeliten, die beim Exodus dabei waren. Wir wissen von der Dreifaltigkeit, das wussten sie noch nicht; wir haben den Neuen Bund, sie hatten erst den Alten, vorläufigen. Andererseits hatten aber natürlich trotzdem die Propheten, und erst recht Moses selbst, einen direkten Kontakt zu Gott, den keiner von uns hat. Das Volk, das von ihnen und Gott erst noch vorbereitet wurde, ist wieder etwas anderes. Aber Mose hat selbst Gott geschaut, in seinem irdischen Leben, was bei uns erst nach dem Tod der Fall sein kann.

Im Verlauf des Alten Testaments kamen neue Offenbarungen hinzu, und dann auch wieder mit dem Neuen Testament; Gott zeigte noch nicht alles gleich und bereitete das Volk erst vor. Aber es waren eben direkte Offenbarungen von Gott, ein direkter Kontakt mit Ihm.

Außerdem habe ich ein paar Absätze über Beispiele für das Fortschreiten der Offenbarung umgeschrieben (Kurzfassung: 1. Es stimmt, dass im AT erst mal nur der Monotheismus gelehrt wird und erst im NT der Monotheismus mit Dreifaltigkeitslehre kommt, aber die Ansicht vieler moderner Theologen, dass Israel zuerst von der Monolatrie zum Monotheismus, d. h. von der Verehrung nur eines Gottes zum Glauben, dass es überhaupt nur diesen einen Gott gibt, gekommen wäre, macht letztlich keinen Sinn; 2. die Idee vom Scheol, einer Art Unterwelt, in der die Toten sind, war nichts Falsches, das aufgegeben werden musste, der Scheol ist einfach der Limbus Patrum, der Zustand der Gottferne ohne zusätzliche Strafen, in dem die Seelen der Gerechten sich bis zur Erlösungstat Christi befanden; dass es einen Ausweg aus diesem Zustand gibt, dass die Toten zu Gott gelangen können, war dann eine neue Offenbarung.):

„Während das Alte Testament geschrieben wurde, und vom Alten zum Neuen Testament, kamen wirkliche neue Offenbarungen hinzu, und das konnte auch ein bisschen dauern. Das heißt nicht, dass die vorigen Offenbarungen falsch waren – aber sie waren oft noch unvollständig.

Gott hat sich den Menschen nach und nach offenbart. Das offensichtlichste Beispiel sind Monotheismus und Dreifaltigkeitslehre. Zu den ersten Dingen, die den Patriarchen und dem Volk Israel unter Mose und dann den Propheten immer wieder eingehämmert wurden, gehörte: Gott ist einer. (Unter heutigen Theologen findet sich sehr oft die Meinung, dass den Israeliten zuerst die Monolatrie offenbart wurde, d. h. dass sie nur einen Gott, den, der mit ihnen einen Bund geschlossen hatte, verehren sollten, während sie weiterhin glaubten, dass die Götter der anderen Völker an sich existierten; und dann erst der Monotheismus. Allerdings ist diese Meinung letztlich nicht überzeugend. Alle Texte im AT, die ausführlicher von ihnen reden, behandeln die anderen Götter als Pseudogötter, als Nichtse, als Götter, die nur in der Fantasie ihrer Verehrer bestehen (oder bestenfalls Dämonen sind, die sich den Menschen gegenüber als Götter ausgegeben haben – so jedenfalls wurde der Psalmvers „Alle Götter der Heiden sind Dämonen“ von den Kirchenvätern gedeutet).) Und auch solche kurzen Verse wie „Denn ein großer Gott ist der HERR, ein großer König über allen Göttern“ (Ps 95,3) lassen nicht auf Monolatrie statt Monotheismus schließen. Natürlich ist Gott über allen Göttern; die sind ja nur leblose Götzenbilder, hinter denen kein richtiger Gott steht, oder bestenfalls „vergöttlichte“ menschliche Könige, oder böse Dämonen ohne viel Macht.)

Wie auch immer: Im AT wurde der Monotheismus immer wieder betont: Es gibt nur einen einzigen allmächtigen guten Gott, der die Welt aus dem Nichts erschaffen hat, keine Vielzahl von mehr oder weniger mächtigen, mehr oder weniger guten Göttern, die sich in der Welt herumtreiben und sich gegenseitig Konkurrenz machen. Davon, dass Gott in einem drei ist, dass Er in Seinem einen Wesen eine Gemeinschaft von drei Personen vereint, gibt es nur ein paar dunkle Andeutungen. Im AT wird nirgends gesagt, Gott sei nicht dreifaltig; aber die Dreifaltigkeit wird auch nicht gelehrt, und wenn man die Israeliten damals gefragt hätte, hätten sie aller Wahrscheinlichkeit nach damit nichts anfangen können.

Als Jesus dann auf die Erde kam, fiel Er auch nicht gleich mit der Tür ins Haus, sondern ließ Seine Jünger langsam erkennen, was Er war; dass Er nicht nur ein Mensch war. Es muss wirklich verwirrend gewesen sein, mit jemandem umherzuziehen, der so vollkommen gut, weise und anders war als alle Menschen; der unbeschränkte Macht über Krankheiten, Dämonen, Tod und Naturgewalten zeigte; der Vollmachten wie die des Sündenvergebens für sich in Anspruch nahm. Die Botschaft, dass Er eins mit dem Vater ist, konnte er den Jüngern erst langsam vermitteln; und der erste, der Ihn wirklich „Mein Herr und mein Gott!“ nannte, war nicht Er selbst, sondern der Apostel Thomas nach Seiner Auferstehung.

Außerdem hatte Jesus quasi nebenbei geschickt noch den Heiligen Geist in Seiner Lehre eingeführt, und die ersten Christen beteten dann Gottvater, Jesus und den Heiligen Geist weiterhin an und behielten gleichzeitig den Monotheismus bei und begannen nach und nach zu definieren, wie die drei sich zueinander verhielten, und was es bedeutete, dass Gott vollkommen einer war und doch einen Sohn hatte. Das funktionierte aus einem Grund: Weil das auserwählte Volk über tausend Jahre lang auf Monotheismus gedrillt worden war. Wenn Gott, sagen wir, 1500 v. Chr. gleich mit der Tür ins Haus gefallen wäre und sich als dreifaltig offenbart hätte, wären die Israeliten wahrscheinlich zu Tritheisten geworden und hätten eine kleine Götterfamilie aus Vater, Sohn und Heiligem Geist angebetet statt den einen, dreifaltigen Gott.

Sicher hätten die Autoren des AT, wenn man sie gefragt hätte, verneint, dass Gott aus drei Personen bestehe; aber das hat man sie nicht gefragt und das haben sie nicht in ihre Texte geschrieben.

Es gibt in der Bibel auch andere Erkenntnisse, die erst nach und nach kamen. Zum Beispiel:

  • Dass man die Liebe, die man zu anderen Menschen haben soll, speziell auch den Feinden schuldet.
  • Dass Leid nicht notwendigerweise immer eine Strafe Gottes ist, sondern dass auch Unschuldige leiden können.
  • Dass es eine Auferstehung der Toten geben wird, dass sie nicht für ewig in einer dunklen Unterwelt sein werden. (Gerade in frühen AT-Texten ist oft vom „Scheol“, der Unterwelt, dem Ort, an dem die Väter sind, die Rede. Das ist keine falsche Idee, die aufgegeben werden musste; in der Bibel steht nichts Falsches, und die Christen, die das heutzutage behaupten, haben leider nur keine Ahnung von der katholischen Lehre vom limbus patrum: Alle Toten, auch die Gerechten, konnten vor dem Tod Christi am Kreuz nicht zu Gott gelangen und mussten in einem Zustand zwar ohne Leiden und möglicherweise mit natürlicher Glückseligkeit, aber ohne die übernatürliche Glückseligkeit, die die Anschauung Gottes gewährt, ausharren, bis Christus, „hinabgestiegen in das Reich des Todes“, sie befreite und in den Himmel (Anschauung Gottes) führte. In späteren Texten des AT (z. B. den Makkabäerbüchern) erscheint die Hoffnung auf eine zukünftige Auferstehung der Toten (auch auf die leibliche Auferstehung, die noch immer aussteht; am Ende der Zeiten wird Gott auch die Körper wieder auferwecken und mit den Seelen vereinen, damit alle wieder als ganze Menschen aus Körper und Seele in der neuen Welt, die Er schaffen wird, leben können). Aber ganz deutlich wird diese Hoffnung erst im NT. Noch zur Zeit Jesu glaubten die Sadduzäer nicht an eine zukünftigeAuferstehung der Toten: „Am selben Tag kamen zu Jesus einige von den Sadduzäern, die behaupten, es gebe keine Auferstehung. Sie fragten ihn: Meister, Mose hat gesagt: Wenn ein Mann stirbt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder dessen Frau heiraten und seinem Bruder Nachkommen verschaffen. Bei uns lebten einmal sieben Brüder. Der erste heiratete und starb, und weil er keine Nachkommen hatte, hinterließ er seine Frau seinem Bruder, ebenso der zweite und der dritte und so weiter bis zum siebten. Als letzte von allen starb die Frau. Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt. Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Ihr irrt euch; ihr kennt weder die Schrift noch die Macht Gottes. Denn nach der Auferstehung heiratet man nicht, noch wird man geheiratet, sondern die Menschen sind wie Engel im Himmel. Habt ihr im Übrigen nicht gelesen, was Gott euch über die Auferstehung der Toten mit den Worten gesagt hat: Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs? Er ist nicht der Gott von Toten, sondern von Lebenden. Als das Volk das hörte, geriet es außer sich vor Staunen über seine Lehre.“ (Matthäus 22,23-33))

Auch bei den anderen beiden Beispielen handelt es sich um Erkenntnisse, die nicht erst im NT als etwas völlig Neues auftauchen. Im Buch der Sprichwörter heißt es „Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken“ (Sprichwörter 25,21), und das ganze Buch Ijob handelt von einem „leidenden Gerechten“. Dennoch waren diese Themen zur Zeit Jesu noch irgendwie umstritten. Jesus sagt jetzt zum Thema Feindesliebe: „ Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?“ (Matthäus 5,43-47)* Und zum Thema Leid heißt es im Johannesevangelium: „Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.“ (Johannes 9,1-3; Jesus heilt dann den Blinden)

Ich hatte in dem Artikel auch eine Katechese von der Karl-Leisner-Jugend verlinkt, in der das AT als eine mit Rauschen überlagerte Botschaft dargestellt wird, weil der Kontakt noch nicht richtig eingestellt gewesen sei; ihm würde die richtige Botschaft Gottes zugrundeliegen. Dem würde ich jetzt nicht mehr so ganz zustimmen. Dazu habe ich noch geschrieben:

„Das trifft den Sachverhalt doch nicht ganz und ist außerdem unnötig verkompliziert, denn: Die Bibel ist mit allen ihren Teilen Gottes Wort. Das ist Lehre der Kirche. Man kann nicht sinnvollerweise entscheiden, dass von Passage X Satz 1 und 3 so gemeint, aber Satz 2 ein Störsignal ist. Statt zu proklamieren, dass die ersten AT-Autoren Gott irgendwie nicht ganz teilweise missverstanden hätten, macht es mehr Sinn, ganz einfach zu sagen:

Gott hat sich ihnen so gezeigt, wie sie Ihn fassen konnten, hat ihnen zuerst mal das von sich gezeigt, was sie fassen konnten, und mit anderen Offenbarungen noch gewartet. Jede Aussage der Bibel muss angenommen werden; auch wenn sie manchmal noch Ergänzung braucht.

Oft wird, wenn man schwierige Stellen mit anderen Stellen im AT oder im NT vergleicht, klar, wie man sie verstehen soll und wie nicht. Weitere Beispiele und verschiedene Möglichkeiten zu ihrer Auslegung in den folgenden Teilen.

Regel Nummer 13: In frühen Stadien der Offenbarung sind Gottes Botschaften manchmal noch unvollständig.“

Teil 7: Ein Beispiel – die rachsüchtigen und selbstgerechten Psalmen

In der ersten Fassung dieses Artikels hatte ich nur C. S. Lewis‘ Essay über die Fluchpsalmen stehen. Ich habe ihn stehen lassen, weil er mance Dinge gut auf den Punkt bringt, aber eine Einleitung hinzugefügt, bzgl. der Dinge, die ich jetzt nicht mehr so sagen würde:

„Zunächst: Lewis behandelt das Alte Testament teilweise wie etwas, das nicht so ganz Heilige Schrift ist, jedenfalls nicht wie das Neue; und dabei redet er teilweise von den alttestamentlichen Israeliten wie von Wilden, die man nicht ganz für voll nehmen kann (trotz der im Allgemeinen antikolonialistischen und antirassistischen Einstellung, die er hatte). Er redet von den Psalmen an manchen Stellen wie von etwas, das einem etwas über diese Beter beibringen soll, das man sich aber nicht selbst als eigenes Gebet zu eigen machen kann. Dabei müssen wir im Stundengebet genau das; und das können wir auch.

Hier sind, denke ich, drei Dinge wichtig:

1) Die Psalmen sind Gebete: weniger Aussprüche Gottes, sondern eher an Gott gerichtete Aussprüche, freilich aufgeschrieben von von Gott inspirierten Verfassern, denen Gott die Einsicht gab, welche Gebete er annimmt, welche Gebete ihm gefallen. Und beim Beten lässt Gott uns, wie uns die Psalmen offenbaren, sogar schlechte Gefühle, die wir nicht ganz willentlich bejahen dürfen, vor ihn bringen; Gefühle der fast völligen Verzweiflung und einen Wunsch nach übermäßiger Vergeltung beispielsweise.

2) Lewis ist hier trotz allem ein wenig beeinflusst von der gleichzeitig pessimistischen und übermäßig idealistischen protestantischen Ansicht, dass alle Menschen eigentlich von Grund auf nicht nur schlecht, sondern alle gleich schlecht seien, und man sich nie wirklich mal ganz und gar im Recht fühlen dürfe, und deshalb auch nie nach Vergeltung gegen andere verlangen dürfe, auch nicht nach maßvoller, gerechter, wenn einem Schlimmes angetan worden ist; Vergeltung wäre immer böse. Dabei darf man das. Der Wunsch, dass die, die einen gequält, tyrannisiert, gefoltert, verhöhnt, im Stich gelassen, verraten, vergewaltigt (oder was auch immer) haben, ihre gerechte Strafe bekommen ist ein gerechter, den auch Gott bejaht. Es gibt wirklich Menschen, die aus freiem Willen anderen Böses antun, weil es ihnen Spaß macht, weil andere sie nicht kümmern, und die das nicht bereuen, und die am Ende ihre Strafe verdienen.

3) Wir sollen uns, wie gesagt, die Psalmen im Gebet zu eigen machen, und das gilt auch für die Stellen, an denen die Feinde verflucht werden, selbst wenn wir selber gerade gar keine menschlichen Feinde haben, und sogar für die, an denen die Feinde nach dem wörtlichen Sinn unmäßig verflucht werden. Denn: Gott hat noch einen tieferen Sinn in die Psalmen gelegt als den, der den Psalmisten vielleicht bewusst war (wobei man nicht ausschließen kann, dass den Psalmisten dieser tiefere Sinn auch bewusst war). Was wir hier vor allem hassen und verfluchen sollen, wenn wir uns diese Gebete zu eigen machen, sind die Sünde und die Dämonen, die uns zur Sünde bringen und in die Hölle herabziehen und quälen wollen. Die Sünde ist der eigentliche Feind, viel mehr als irgendein menschlicher Sünder. Ich habe beispielsweise einmal gehört, dass ein Kirchenvater Psalm 137,9, den Vers, in dem es darum geht, dass Babylons Kinder am Felsen zerschmettert werden sollen (die neue Version der Einheitsübersetzung hat: „Selig, wer ergreift und zerschlägt am Felsen deine Nachkommen!“) so interpretiert hat, dass die Kinder Babylons die sündigen Gedanken sind, die am Fels des Glaubens zerschlagen werden müssen, bevor sie groß werden und zu Taten werden können. (In diesem Psalm geht es generell um die Babylonische Gefangenschaft, und auch wir befinden uns ja alle seit dem Sündenfall in einer Art Babylonischen Gefangenschaft, gefangen im Reich der Sünde und des Todes, fern vom Gelobten Land, und erbitten von Gott die Zerstörung dieses „Babylonischen“ Reiches mit allem, was zu ihm gehört.)

Teil 8: „Ich aber will das Herz des Pharao verhärten“

Grundsätzlich geht es in diesem Teil ja um die Unterscheidung des direkt verursachenden und des nur zulassenden Willens Gottes; darum, dass im AT trotzdem solche Formulierungen gewählt werden, die es klingen lassen, als wäre Gott direkt für Böses verantwortlich, um deutlich zu machen, dass letztlich nichts ohne Gottes Willen geschehen kann, dass kein anderer Gott oder Mensch Seine Pläne durchkreuzen kann; und darum, dass zuerst gesagt wird, dass der Pharao selbst sein Herz verhärtet, und dann erst, dass Gott es verhärtet (d. h. die weitere Verhärtung zulässt.). Außer ein paar kleineren Änderungen habe ich folgende Abschnitte hinzugefügt:

„Der Kirchenvater Origenes interpretiert diese Stellen übrigens so, dass nicht Gott beabsichtigtermaßen Herzen ‚verhärtet‘, sondern dass diese Verhärtung davon kommt, wie unterschiedlich gute und schlechte Menschen auf Gottes (Wunder)Taten reagieren; die einen werden dadurch offener für Gott, die anderen verhärten sich nur umso mehr, je mehr Gott sich ihnen eigentlich offenkundig zeigt:

‚Vielleicht können wir durch ein Beispiel, das der Apostel im Briefe an die Hebräer gebraucht, klar machen, wie Gott mittelst einerlei Wirkung des Einen sich erbarmt, den Andern verstockt: nicht weil er die Verstockung vorherbestimmt hat, sondern im Sinne einer gütigen Vorherbestimmung, vermöge welcher, bei einigen die Verstockung erfolgt, weil Bosheit die Grundlage des Bösen in ihnen ist, heißt es von ihm, er verstocke den, der verstockt wird. ‚Das Land, sagt er (Hebr. 6, 7. 8.), das den auf dasselbe fallenden Regen trinkt, und denen, die es bauen, nützliche Pflanzen erzeugt, empfängt Regen von Gott; das aber Dornen und Disteln trägt, ist werthlos, und dem Fluch nahe, seine Frucht kommt ins Feuer.‘ Nun ist aber die Wirksamkeit im Regen nur Eine; bei einer und derselben Wirksamkeit des Regens also trägt das angebaute Land Früchte, das ungebaute und wüste aber Dornen. Nun mag es eine harte Rede scheinen, wenn der, welcher regnen läßt, spricht: ‚Ich habe die Früchte und die Dornen auf der Erde geschaffen.‘ Hart ist sie, aber wahr. Denn wäre kein Regen gekommen, so wären weder Früchte, noch Disteln gewachsen; weil aber dieser zur Zeit und in gehörigem Maaße kam, so wuchs beides. Nun wird das Land, das, nachdem es oft den fallenden Regen getrunken, Dornen und Disteln trägt, werthlos und dem Fluch nahe; es, kam ja doch die Wohlthat des Regens auch auf das schlechtere Land; aber die Grundlage war vernachlässigt und ungebaut, deßwegen trug es Dornen und Disteln. So sind nun auch die von Gott gewirkten Wunder, wie der Regen, die verschiedenen Willensrichtungen dagegen, sind das angebaute oder vernachläßigte Land, das als Land an sich von gleicher Beschaffenheit ist.

Es ist gerade, wie wenn die Sonne, Falls sie reden könnte, spräche: schmelze und verhärte. Da doch Schmelzen und Verhärten einander entgegengesetzt ist. Allein in Beziehung auf den Gegenstand würde sie recht haben; indem von derselben Wärme das Wachs schmilzt, der Leimen verhärtet. So hat Eine Wirksamkeit Gottes durch Moses Verhärtung bewirkt bei Pharao, wegen seiner Bosheit; Gehorsam bei den übrigen Aegyptern, die mit den Hebräern zugleich auszogen.‚ (Origenes, Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft III,1,10f.)

Außerdem überlässt Gott manchmal Menschen auch für längere Zeit der Sünde, damit sie sich dann wirksam und langfristig bekehren, wenn sie merken, wie schlecht ihr Zustand wirklich ist:

‚So wird also der, den Gott dahin gehen läßt, dem göttlichen Gericht überlassen: und gegen einige Sünder übt Gott Langmuth, nicht ohne Absicht, vielmehr soll das der Unsterblichkeit und ewigen Fortdauer ihrer Seele heilsam seyn, daß sie nicht schnell für ihre Rettung gewonnen, sondern langsam und durch die Erfahrung vieles Ungemachs dahin geführt werden. Wie manchmal die Aerzte zwar auch schneller heilen könnten, aber wenn sie merken, daß ein verborgenes Gift in dem Körper stecke, gerade daß Gegentheil von der Heilung thun, um diese selbst desto sicherer zu bewirken, in der Ueberzeugung, daß es besser sey, wenn einer längere Zeit mit Schwellen und Schmerzen behaftet ist, um eine desto dauerhaftere Gesundheit zu erhalten, als wenn er zwar schneller zu genesen scheint, nachher aber wieder rückfällig wird, und die schnellere Genesung, bloß für den Augenblick war. […]

Denn unergründlich, möcht’ ich sagen, sind die Seelen, und unergründlich ihre Neigungen, unzählig ihre Bewegungen. Vorsätze, Absichten und Triebe. Und der einzige und beste Führer derselben, der die Zeiten und die angemessensten Mittel der Wege und Stege kennt, ist der Allvater Gott. Er wußte auch, warum er den Pharao durch so vieles und selbst durch die Ersäufung durchführen mußte, mit welcher jedoch Pharao’s Führungen nicht endeten.‘ (Origenes, Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft III,1,13f.)“

Teil 9: Gericht, Verdammnis, und: Was war so schlimm an „Götzendienst“?

Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wie dieser Teil in seiner ersten Fassung aussah. In diesem Artikel geht es grundsätzlich darum, dass göttliche Strafen einfach „den Fluch der bösen Tat“, die natürlichen Folgen einer falschen Handlung bedeuten können; dass aber auch anderweitig verhängte Strafen in der Bibel gerecht sind, weil die entsprechenden Taten wirklich böse waren (dazu kommen Beispiele dazu, dass etwa der Götzendienst z. B. Kinderopfer, Totenbeschwörung, Tempelprostitution etc. einschließen konnte; dass Gott auch öfter solche Dinge wie die Ausbeutung der Armen bestraft; und dass eben auch Dinge wie Ehebruch wirklich schlecht sind); und dass, wenn es um Strafen geht, die neben den Schuldigen auch Unschuldige trafen (z. B. die Zerstörung von Sodom und Gomorrha oder die Sintflut, wobei auch kleine Kinder umkamen), Gott eben einfach wusste, wieso Er dieses Leid in Bezug auf diese Unschuldigen aus anderen Gründen zuließ, Er ordnet ja Sein Schicksal so, dass jeden das Richtige trifft, und Leid ist nicht zwangsläufig eine Strafe, sondern hat auch andere Zwecke; zudem können z. B. diese Kinder jetzt eben im Himmel sein.

Hinzugefügt habe ich außerdem diese Absätze:

„Das muss nicht einmal nur für die völlig Unschuldigen gelten. Auch die Schuldigen aus Sodom, oder die Schuldigen unter den bei der Sintflut Getöteten müssen jetzt nicht in der Hölle sein. Dafür haben wir auch einige biblische Hinweise:

  • In Ezechiel 16 spricht Gott an Jerusalem gerichtet: ‚So wahr ich lebe – Spruch GOTTES des Herrn: Deine Schwester Sodom, sie und ihre Töchter haben es nicht so getrieben, wie du und deine Töchter es trieben. Siehe, dies war die Schuld deiner Schwester Sodom: In Hochmut, Überfluss an Brot und in sorgloser Ruhe lebte sie mit ihren Töchtern, ohne die Hand des Elenden und Armen zu stärken. Sie wurden hochmütig und begingen Gräuel vor meinen Augen. So habe ich sie verstoßen, als ich sie sah. Samaria hat nicht die Hälfte deiner Sünden begangen. Du hast mehr Gräueltaten verübt als sie und du lässt deine Schwestern gerecht erscheinen durch all deine Gräueltaten, die du begangen hast. […] Aber ich werde ihr Schicksal wenden, das Schicksal Sodoms und ihrer Töchter, das Schicksal Samarias und ihrer Töchter und das Schicksal deiner Gefangenen in ihrer Mitte, damit du deine Schande tragen kannst und dich schämen musst über all das, was du getan und wodurch du sie getröstet hast. Deine Schwester Sodom und ihre Töchter werden in ihren früheren Zustand zurückkehren, Samaria und ihre Töchter werden in ihren früheren Zustand zurückkehren. Du aber und deine Töchter, auch ihr werdet in euren früheren Zustand zurückkehren. […] Ich aber, ich werde meines Bundes mit dir aus den Tagen deiner Jugend gedenken, und ich werde einen ewigen Bund für dich aufrichten. Du wirst deiner Wege gedenken und dich schämen, wenn du deine Schwestern aufnimmst, deine älteren mitsamt deinen jüngeren. Und ich gebe sie dir zu Töchtern, aber nicht deines Bundes wegen. Ich selbst richte meinen Bund mit dir auf, damit du erkennst, dass ich der HERR bin. So sollst du gedenken, sollst dich schämen und wirst vor Scham den Mund nicht mehr öffnen können, weil ich dir Versöhnung gewähre für alles, was du getan hast – Spruch GOTTES, des Herrn.‘ (Ezechiel 16,48-51.53-55.60-63)
  • Jesus selbst sagt: ‚Und du, Kafarnaum, wirst du etwa bis zum Himmel erhoben werden? Bis zur Unterwelt wirst du hinabsteigen. Wenn in Sodom die Machttaten geschehen wären, die bei dir geschehen sind, dann stünde es noch heute. Das sage ich euch: Dem Gebiet von Sodom wird es am Tag des Gerichts erträglicher ergehen als dir.‚ (Matthäus 11,23f.) Das kann man jetzt so interpretieren, dass die Sodomiter in weniger tiefe Höllenkreise kommen als die hier gemeinten Leute aus Kafarnaum; aber auch so, dass mehr von den Sodomitern es noch ins Fegefeuer und schließlich den Himmel schaffen.
  • Petrus schreibt über die bei der Sintflut Getöteten: ‚Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, ein Gerechter für Ungerechte, damit er euch zu Gott hinführe, nachdem er dem Fleisch nach zwar getötet, aber dem Geist nach lebendig gemacht wurde. In ihm ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt. Diese waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, während die Arche gebaut wurde‚ (1 Petrus 3,18-20) Mit den ‚Geistern, die im Gefängnis waren‘ sind wohl die Seelen im limbus patrum (nicht der „richtigen“ Hölle, denn dahin ging Christus nicht) gemeint, die jetzt im Himmel sind.

Der Kirchenvater Origenes schreibt über solche und weitere Stellen (an die gnostischen Sekten gerichtet, die meinten, dass der Gott des Alten Testaments, der Schöpfer der Welt, ein anderer, schlechterer Gott wäre als der Gott des Neuen Testaments):

‚Auch lesen sie nicht, was von den Aussichten derer geschrieben steht, die in der Fluth umkamen, wovon Petrus in seinem ersten Brief spricht (3, 18. 19. 20. 21.) Wegen Sodom und Gomorrha aber sollen sie uns sagen, ob sie glauben, daß die Weissagungen vom Weltschöpfer kamen, von dem also, der Schwefel auf jene Städte regnen ließ. Wie spricht von diesen nun Ezechiel? Sodom, sagt er, soll wiederhergestellt werden, wie es war. Hat sie nun der, der sie zerstörte, nicht um des Guten willen zerstört? Ferner spricht er zu Chaldäa: Du hast Feuerkohlen, setze dich darauf; sie werden deine Hülfe seyn (Jes. 46, 14.). Auch über die in der Wüste Gefallenen mögen sie den 78. Psalm, mit der Ueberschrift Assaph, vernehmen: Wenn er sie erwürgete, suchten sie ihn. Nicht sagt er, wenn Einige erwürgt würden, suchten andere ihn: sondern der Untergang der Erwürgten selbst war von der Art, daß sie noch im Tode Gott suchten.‘ (Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft II,5,3)

Gott straft, um die Bestraften zur Einsicht zu bringen, ihnen klarzumachen, was sie Böses tun, und sie so zu sich zurückzuführen, wenn es möglich ist.“

Dazu kommen ein paar anderweitige kleine Veränderungen, z. B. dass ich bzgl. der Hölle die Erklärung hinzugefügt habe, dass auch die Hölle nicht für alle gleich ist, sondern unterschiedlich schlimm gemessen an ihrer Schuld, dass es sozusagen verschiedene „Höllenkreise“ gibt.

Teil 10: Bestrafung für die Sünden der Eltern? Über die Erbsünde und Ähnliches

Hier sind ein paar kleinere Änderungen drin; ich glaube, der Absatz dazu, dass Gott den Tod nicht ursprünglich gewollt hat, aber mit einer gefallenen Menschheit jetzt auch mit dem Tod arbeitet, war in der vorigen Fassung noch nicht drin. Außerdem habe ich noch ein Zitat vom hl. Thomas eingefügt, das eine Auslegungsmöglichkeit bietet, die ein paar Stellen plötzlich in einem komplett anderen Licht erscheinen lässt:

„Was aber der Herr spricht: ‚Ich werde die Sünden der Eltern heimsuchen an den Kindern bis in das dritte und vierte Geschlecht‘; scheint mehr der Barmherzigkeit anzugehören wie der Strenge; da der Herr demgemäß nicht gleich straft, sondern wartet, damit wenigstens die Nachkommen sich bessern, wogegen, wenn die Bosheit dieser letzteren wächst, es gleichsam notwendig ist, die Rache walten zu lassen.“ (Summa Theologiae II/II,108,4)

Teil 11: Über das auserwählte Volk; und: „Bereut“ Gott?

Soweit ich mich erinnere, sind hier nur kleinere Änderungen drin.

Teil 12: Das Gesetz des Mose

Erstens habe ich hier einen Absatz geändert, der die harten Strafen für Vergehen gegen die Eltern, schwerere sexuelle Vergehen und Götzendienst unzureichend erklärt hatte. Der neue Absatz lautet:

„Und, wie im Alten Testament sehr deutlich wird, wurden Ehebruch, Inzest, Verfluchung der Eltern, Totenbeschwörung oder die Verehrung anderer Götter eben als schwerwiegende, tatsächlich todeswürdige Verbrechen betrachtet. Man kann das utilitaristisch betrachten: Der Abfall von Gott galt als schwerwiegend, weil er einen Treuebruch mit demjenigen bedeutete, der die Existenz des ganzen Volkes garantierte; die Familie oder Sippe war extrem wichtig und daher galt auch Verhalten, das sie schädigte, wie Ehebruch, Inzest oder Verfluchung der Eltern, als schwerwiegend. Aber diese Betrachtung trifft doch die damalige Betrachtungsweise nicht ganz. Der Bund mit Gott ist einfach heilig; Gott ist aus sich heilig und verdient Anbetung und Treue; die Familie ist heilig und verdient Ehrfurcht und Treue. Es ist falsch, deinen Eltern z. B. den Tod zu wünschen oder sie zu schlagen; es ist sogar extrem böse. Es ist falsch, deinen Ehemann mit einem anderen zu hintergehen; sehr, sehr falsch.“

Die größte Änderung kommt am Ende des Artikels. Ich zitiere wieder:

„Es gibt die Lesart, dass diese Gesetze, ganz genau so, wie sie sind, von Gott gegeben wurden und damals aus diversen Gründen (um die Israeliten erst einmal auf den richtigen Weg zu bringen; um deutlich zu machen, wie schlimm diese Vergehen sind; um die gesellschaftliche Ordnung der damaligen Zeit zu erhalten, o. Ä.) nötig waren, es heute aber nicht mehr sind, auch wenn die genannten Vergehen an sich immer noch ebenso schlecht sind wie damals. Wie Vergehen bestraft werden, kann sich ändern; hier kann auch Gott mal dies, mal jenes befehlen, wie er auch im Alten Bund am Sabbat verehrt werden wollte, und im Neuen Bund am Sonntag (dem Tag der Auferstehung).

Diese Lesart ist gut christlich, und inzwischen folge ich ihr.

In der vorigen Fassung dieses Artikels habe ich vor allem eine andere Lesart präsentiert; ich stelle sie noch mal dar, und sage dann, was ich inzwischen gegen sie einwenden würde. Sie lautet:

‚Als Jesus mit einer konkreten Frage zum Gesetz des Mose konfrontiert wird, sagt er: ‚Nur weil ihr so hartherzig seid, hat er euch dieses Gebot gegeben.‘ ‚Er‘ ist hier Mose, nicht Gott – es handelt sich bei den Vorschriften, um die es geht, um das Gesetz des Mose; woraus man schließen könnte, dass es ein Gesetz ist, das dieser sich sicher nicht einfach aus den Fingern gesogen, sondern mindestens in einem echten Hinhören auf Gottes Willen verfasst hat, aber das ihm vielleicht auch nicht wortwörtlich vom Himmel herab diktiert wurde, sondern das eben er selbst verfasst hat. Die Bibel zeigt ja auch, wie das Verständnis um Gottes Wesen im Lauf der Zeit zunimmt; sie zeigt nicht nur das Ergebnis, das gesammelte Wissen, das am Ende steht, sondern auch den Prozess, der zu diesem Wissen geführt hat. Sie erzählt eine Geschichte, und hier erzählt sie, welche Gesetze Mose den Israeliten gegeben hat. […]

Die Menschen, die diese Gesetze erlassen und Exodus, Levitikus, oder Deuteronomium verfasst haben, hatten bereits einige sehr wichtige Erkenntnisse über Gott und das Gute gewonnen: Das moralische Gesetz ist etwas Absolutes. Gerechtigkeit ist wichtig. Ehebruch oder Okkultismus oder Mord sind wirklich schwerwiegende Sünden, die Wiedergutmachung verlangen, konkreten Menschen schaden, und der Gesellschaft im Ganzen ebenso. ‚Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen‘ – das ist an sich keine falsche Aussage. Das Böse muss weggeschafft werden, ganz radikal, ohne Kompromisse. Aber dass das nicht immer am besten durch das Wegschaffen des Menschen, der das Böse tut, geschieht, das hatten die Autoren dieser Texte eben noch nicht erkannt. Die Unterscheidung zwischen Sünder und Sünde, die Erkenntnis, dass das Böse manchmal eher in der Seele des Einzelnen weggeschafft werden muss als in der Gesellschaft, fehlte noch. Die Gnade kommt zu kurz. Nicht, dass sie im Alten Testament gar nicht vorkäme; im Gegenteil, in anderen Texten kommt sie wieder und wieder und wieder zum Ausdruck. Aber hier fehlt sie ein wenig. Und genau deswegen lässt Jesus die Ehebrecherin eben nicht steinigen, sondern sagt zu ihr, ‚Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr.‘ (Johannes 8,11).

‚Gott ist die Liebe‘, sagt der hl. Johannes (1 Johannes 4,8), und die Liebe, die sich in Jesus Christus offenbart hat, bringt die Gerechtigkeit und die Gnade zusammen.‘

Diese Lesart ist halb richtig. Das Gesetz des Mose war noch unvollständig; aber ich denke nicht mehr, dass der Grund dafür ist, dass Mose Gott nicht ganz verstanden hat oder etwas in der Art. In der Bibel – auch im AT – ist ebenso wie im NT jeder Satz und jedes Wort wahr und von Gott so und nicht anders inspiriert, das ist einfach katholische Lehre. Und in der Bibel heißt es klar, dass Gott Mose diese Worte sagte, ihm diese Rechtsvorschriften vorgab. Aber die einfache Erklärung ist, dass Gott Mose nur das offenbarte, was er und die Israeliten bisher fassen konnten: Er zeigte ihnen einen Teil der Wahrheit, den sie zu diesem Zeitpunkt nötig hatten und hob den Rest für später auf. Er zeigte ihnen Rechtsvorschriften, die ihnen jetzt helfen würden, und hob Wahrheiten, die sie einmal mildern würden, für später auf.

Es gibt ja keinen Widerspruch zwischen Mose und Jesus; Jesus erfüllt und ergänzt Mose.“

Außerdem habe ich besser erklärt, dass die Todesstrafe an sich nicht nur als kollektive Notwehr, sondern auch einfach als Strafe gerechtfertigt sein kann.

Teil 13: Die Landnahme

Mit der Landnahme hatte ich früher größere Probleme; ich muss sagen, dass sie mir jetzt viel weniger Kopfzerbrechen bereitet. Auch hier die wichtigsten korrigierten Absätze:

„Eine modernere Lesart, die die Stellen eher wegerklären will, bringt diese Erklärung: Die (geplante / versuchte) Ausrottung der Kanaaniter habe nicht Gottes Willen entsprochen, und diese Stellen müsse man so interpretieren, dass die Führer der Israeliten, wie Mose, begriffen hatten, dass die Taten der Kanaaniter tatsächliche „Gräuel“ waren, die man am besten ausrotten sollte, und daraus schlossen, dass es Gottes Wille sein musste, die Kanaaniter auszurotten; dabei wird auf die Unterscheidung zwischen Gottes direktem und Seinem indirekten Willen zurückgegriffen, also dem, was Er bewirkt, und dem, was Er bloß zulässt (s. dazu Teil 8).

In einer der oben zitierten Stellen wird auch von anderen Völkern erzählt, und davon, wer dort früher einmal von wem vertrieben wurde: ‚Auch dieses gilt als Land der Rafaïter. Einst saßen die Rafaïter darin. Die Ammoniter nennen sie die Samsummiter, ein Volk, das groß, zahlreich und hochgewachsen war wie die Anakiter. Der HERR vernichtete die Rafaïter, als die Ammoniter eindrangen. Diese übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. Das war das Gleiche, was der Herr für die Nachkommen Esaus getan hat, die in Seïr sitzen. Als sie vordrangen, vernichtete er die Horiter. Die Nachkommen Esaus übernahmen ihren Besitz und setzten sich an ihre Stelle. So blieb es bis heute.‘ (Deuteronomium 2,20-22)

Hier wird also Gott auch die Verantwortung dafür zugeschrieben, welche anderen Völker, die nicht von Ihm erwählt sind, einander besiegten – kurz gesagt, wenn jemand Erfolg im Krieg hat, oder überhaupt, wenn irgendetwas auf der Welt geschieht, schlussfolgert man, dass das dem Willen Gottes entsprechen muss. Der Herr spricht durch das Schicksal, und das muss man irgendwie interpretieren. Wenn wir siegen, hat der Herr uns den Sieg verliehen, also muss er auch wollen, dass wir diese Völker bekämpfen und besiegen. So hätten die Israeliten eventuell ihre Erfolge interpretiert. Umgekehrt, wenn wir verlieren, straft der Herr uns für unsere eigenen Sünden. Dieses Verständnis von Glück und Leid als Lohn oder Strafe durch Gott sieht man auch in späteren Büchern des AT sehr oft, z. B. bei den Propheten. Ein nuancierteres Verständnis des Schicksals und des göttlichen Willens braucht noch ein bisschen; z. B. haben noch Jesu Jünger Schwierigkeiten damit, zu sehen, dass die Blindheit eines Mannes nicht automatisch eine Strafe für seine Sünden oder die seiner Eltern ist (Johannes 9,1-3).

Laut dieser Lesart sah, was damals abgelaufen ist, etwa so aus: Die Israeliten wussten, dass Gott sie auserwählt hatte, und dass Er ihnen das Gelobte Land versprochen hatte. Aus ersterem schlossen sie, dass er logischerweise in ihren Kriegen an ihrer Seite stehen würde, und aus letzterem, dass sie dieses Land mit militärischer Gewalt erobern sollten. Wenn Gott ihnen dabei Erfolg verleihen würde, musste Er mit ihren Unternehmungen einverstanden sein, und Er verlieh ihnen den Sieg wohl, um ihre Feinde zu strafen. Sie wussten, dass einiges in deren Gesellschaften vor dem Herrn ein ‚Gräuel‘ war, und daraus schlossen sie, dass das ausgelöscht werden musste – und zwar, womit sonst, mit Gewalt, mit radikaler Gewalt. Und hier durfte man keine Kompromisse machen, weil man vielleicht doch irgendwie das Gefühl hatte, dass ja an den Göttern der Kanaaniter doch etwas dran sein könnte, oder dass ihre Wahrsagemethoden doch ganz nützlich sein könnten.

(Interessanterweise war übrigens gerade König Saul, der in der oben zitierten Stelle vom Propheten Samuel so energisch zurechtgewiesen wird, weil er das Vieh der Amalekiter geplündert und ihren König als Trophäe mitgenommen hatte, anstatt das mit dem Bann voll und ganz durchzuziehen, auch anderweitig für solche ‚Halbherzigkeiten‘ anfällig: Nachdem er selbst die Totenbeschwörer und Wahrsager aus dem Land vertreiben hatte lassen, ging er in 1 Samuel 28 zu einer Totenbeschwörerin nach En-Dor, um den inzwischen verstorbenen Samuel heraufzubeschwören und so über eine bevorstehende Schlacht Auskunft zu erhalten.) Die Frage war für die Israeliten damals nicht: Lassen wir Zivilisten am Leben? Sondern: Akzeptieren wir diese andere Religion und Kultur? Leben wir mit dieser Kultur in dem Land, in dem wir leben wollen? Einer Kultur, die Götter verehrt, die Kinderopfer verlangen?

Ich folge dieser Interpretation inzwischen nicht mehr; und ich weiß nicht, ob sie mit der Lehre von der Irrtumslosigkeit der Bibel vereinbar ist. Angesichts der ganzen Darstellung der Exodus-, Wüstenwanderungs- und Landnahmegeschichte liegt sie nicht gerade nahe; dort scheint Gott mit Mose recht direkt und deutlich zu kommunizieren, so dass für ihn kein Zweifel mehr möglich ist, dass er es mit Gott zu tun hat, und auch das Volk sieht genug Wunder; und bei allem, was Mose (auf welche Weise auch immer) von Gott erfährt und weiterverkündet, geht es doch um eine Offenbarung Gottes; die Anweisungen zur Landnahme sind recht zentral und werden öfter wiederholt.

Sind diese Anweisungen also wirklich so gemeint, was sagen sie dann über Gott? Nun hier muss man einfach folgendes sagen:

Gott hat den Menschen das Leben gegeben und hat das uneingeschränkte Recht, das Leben eines jeden Menschen zu beenden (siehe dazu auch Teil 9 und 10 dieser Reihe.); irgendwann beendet Er es sowieso, und zwar dann, wenn es für diesen Menschen gut ist. Menschen dürfen das normalerweise nicht; sie dürfen nicht einfach so Gott spielen, sondern haben nur im Fall von Notwehr (und ggf. Todesstrafe und einem gerechten Krieg) das Recht, andere Menschen zu töten. Sie dürfen also normalerweise nur in ernsten Notfällen schuldige Menschen töten, keine unschuldigen Menschen.

Es gibt allerdings keinen prinzipiellen Grund, aus dem Gott Seine Vollmacht, in anderen Fällen Leben zu beenden, theoretisch nicht auch an Menschen delegieren könnte, wenn er wollte.

Das klingt, wenn man es zum ersten Mal hört, grausam und erschreckend, auch wenn man die Logik des Gedankengangs nicht bestreitet. Aber man muss sich fragen, ob es an sich so erschreckend ist, oder deswegen, weil man seine Maßstäbe unterbewusst aus einer Kultur hat, für die es nichts Schrecklicheres gibt als den Tod und die nicht wirklich an etwas nach dem Tod glaubt.

Man muss es sich immer vor Augen halten: Die Kanaaniter können schließlich jetzt – seit über dreitausend Jahren – im Himmel sein, Gott schauen, der die Quelle allen Glücks ist. Wenn man z. B. an kleine Kinder denkt, die bei der Eroberung Kanaans getötet wurden, ist es eine Tatsache, dass sie jetzt in vollkommenem Glück leben. Alles, was man im Leben an Leid erlebt, ist begrenzt, auch die schlimmste Angst, die schlimmsten Schmerzen, der schlimmste Todeskampf, sind irgendwann vorbei; die Ewigkeit ist ewig, und Gott kann alles wiedergutmachen, was man an Leid erlebt hat. Mir selber wäre es lieber, in einem Krieg getötet zu werden, wenn ich dann in vollkommenem Glück wäre.

Man könnte nun einwenden: Aber befiehlt Gott denn tatsächlich manchmal einem Menschen, einen anderen unschuldigen Menschen zu töten? (Unter den Kanaanitern waren freilich genug schuldige Menschen; aber die ein oder anderen Unschuldigen muss es auch gegeben haben.) Gibt Er Sein ‚Vorrecht‘, unschuldiges menschliches Leben zu beenden, so leicht aus der Hand? Die Landnahme ist ein vereinzelter Fall in der biblischen Geschichte; sonst sieht man Gott das nicht tun.

[…]

Man kann sicherlich sagen, dass so etwas im Lauf der Heilsgeschichte ein Ausnahmefall war; aber man kann es nicht von vornherein ausschließen.

Dazu kommen die Wundererzählungen. Laut der Bibel hat Gott auch ein paar Wunder gewirkt, um Israel seine Siege zu ermöglichen. Hätte er das getan, wenn diese Siege nicht wirklich Sein direkter – im Unterschied zu seinem indirekten, bloß zulassenden – Wille gewesen wären?

[…]

Gott arbeitete im Kontext der damaligen Zeit mit seinem Volk – und wir sollten von der heute so weit verbreiteten Ansicht wegkommen, dass der Tod das Schlimmste ist, was einem passieren kann.

Man kann noch tiefer bohren und sich fragen, inwiefern eine solche Anweisung Gottes, die Kanaaniter vollständig auszurotten, gerade im damaligen Kontext Sinn gemacht haben könnte. Dazu kann man sich gerade die Folgen ansehen, die daraus resultierten, dass die Israeliten dieser Anweisung nicht vollständig nachkamen.

Das Endergebnis war nämlich, dass viele Israeliten sich mit den Kanaanitern vermischten, ihre Götter neben Gott verehrten (vielleicht aus dem Gefühl heraus, dass es sie möglicherweise auch geben könnte und man sie dann besänftigen müsste), und ihre Bräuche übernahmen. Da haben wir dann Herrscher wie Ahas von Juda, über den es heißt: ‚Er ließ sogar seinen Sohn durch das Feuer gehen [d. h. für einen der kanaanitischen Götter als Menschenopfer verbrennen] und ahmte so die Gräuel der Völker nach, die der HERR vor den Israeliten vertrieben hatte.‘ (2 Könige 16,3), oder wie Ahab von Israel und dessen Frau Isebel, die ‚die Propheten des HERRN ausrottete‘ (1 Könige 18,4) und auch den Propheten Elija verfolgte.

Gott wusste vermutlich auch: Wenn Er den Israeliten keinen solchen Befehl geben würde, würde es trotzdem auf Kriege mit den Kanaanitern hinauslaufen, weil sie Israel auch nicht so einfach Land überlassen würden; vielleicht nicht auf so viele Tote, vielleicht auf irgendwelche Friedensabkommen am Ende – aber damit auch auf die besagte Vermischung mit den schrecklichen kanaanitischen Kulturen; und trotzdem auf Krieg und einige Tote. Man kann auch infragestellen, ob es z. B. für die kanaanitischen Frauen und Kinder denn wirklich angenehmer gewesen wäre, von den Israeliten (wie es damals in Kriegen üblich war und wie sie es vermutlich getan hätten) versklavt zu werden als einfach umgebracht, wie es dem Befehl beim ‚Bann‘ entsprach. Zudem verhinderte Gott durch den einfachen Befehl des ‚Banns‘ auch andere Sünden durch die Israeliten – z. B. Kämpfe um die Verteilung der Beute (die ja nach diesem Befehl zerstört werden musste); und da Er es befohlen hatte, sündigten sie nicht, wenn sie die Kanaaniter töteten. Insofern kann man den Befehl des „Banns“ auch als kluge Strategie Gottes sehen, um die Seelen aller Beteiligten zu schützen.

Diese Interpretation wird übrigens auch nahegelegt durch folgende Stelle in einem späteren Buch des Alten Testaments:

‚Darum bestrafst du die Sünder nur nach und nach; du mahnst sie und erinnerst sie an ihre Sünden, damit sie sich von der Schlechtigkeit abwenden und an dich glauben, Herr. Du hast auch die früheren Bewohner deines heiligen Landes gehasst, weil sie abscheuliche Verbrechen verübten,/ Zauberkünste und unheilige Riten; sie waren erbarmungslose Kindermörder/ und verzehrten beim Kultmahl Menschenfleisch und Menschenblut; sie waren Teilnehmer an geheimen Kulten und sie waren Eltern, die mit eigener Hand hilflose Wesen töteten – sie alle wolltest du vernichten durch die Hände unserer Väter; denn das Land, das dir vor allen anderen teuer ist, sollte eine seiner würdige Bevölkerung von Gotteskindern erhalten. Doch selbst jene hast du geschont, weil sie Menschen waren; du sandtest deinem Heer Wespen voraus, um sie nach und nach zu vernichten. Obgleich du die Macht hattest, in einer Schlacht die Gottlosen den Gerechten in die Hand zu geben oder sie durch entsetzliche Tiere oder ein Wort mit einem Schlag auszurotten, vollzogst du doch erst nach und nach die Strafe und gabst Raum zur Umkehr. Dabei wusstest du genau, dass ihr Ursprung böse und ihre Schlechtigkeit angeboren war und dass sich ihr Denken in Ewigkeit nicht ändern werde; sie waren schon von Anfang an eine verfluchte Nachkommenschaft. Keine Furcht vor irgendjemand hat dich dazu bestimmt, sie für ihre Sünden ohne Strafe zu lassen. Denn wer darf sagen: Was hast du getan?/ Wer vermag sich deinem Urteilsspruch zu widersetzen? Wer könnte dich anklagen wegen des Untergangs von Völkern, die du selbst geschaffen hast? Wer wollte vor dich treten als Anwalt ungerechter Menschen? Denn es gibt keinen Gott außer dir, der für alles Sorge trägt; daher brauchst du nicht zu beweisen, dass du gerecht geurteilt hast. Kein König und kein Herrscher kann dich zur Rede stellen wegen der Menschen, die du gestraft hast. Gerecht, wie du bist, verwaltest du das All gerecht und hältst es für unvereinbar mit deiner Macht, den zu verurteilen, der keine Strafe verdient. Deine Stärke ist die Grundlage deiner Gerechtigkeit und deine Herrschaft über alles lässt dich alles schonen. Stärke beweist du, wenn man an deine unbeschränkte Macht nicht glaubt, und bei denen, die sie kennen, strafst du die anmaßende Auflehnung.‘ (Weisheit 12,2-17)

(Vgl. dazu auch Teil 10 über göttliche Gerichtstaten im Allgemeinen und diesen Exkurs zum Ringen mit und Hinterfragen von Gott.)“

Teil 14: Die Opferung Isaaks

In diesem Teil habe ich stärker herausgearbeitet, dass m. E. eigentlich die Interpretation, dass Abraham darauf vertraute, dass Gott das Menschenopfer doch noch verhindern oder Isaak sogar von den Toten auferwecken würde, da Er ihm versprochen hatte, er würde durch Isaak Nachkommen haben und Gott Seine Versprechen nicht zurücknimmt, die naheliegendste ist und sich praktisch zwingend aus dem Hebräerbrief ergibt: „Aufgrund des Glaubens hat Abraham den Isaak hingegeben, als er auf die Probe gestellt wurde; er gab den einzigen Sohn dahin, er, der die Verheißungen empfangen hatte und zu dem gesagt worden war: Durch Isaak wirst du Nachkommen haben. Er war überzeugt, dass Gott sogar die Macht hat, von den Toten zu erwecken; darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild.“ (Hebräer 11,17-19)

Dazu kommen ein paar kleinere Änderungen.

Exkurs: Über das Ringen mit Gott (und der Bibel) – Weisheit 12 vs. Genesis 32

Es ist schon länger her, dass ich diesen Teil geupdatet habe; soweit ich mich erinnere, waren es hier mehrere kleinere Änderungen.

Teil 15: Sklaverei (und Kindererziehung und ungerechte Regierungen) in der Bibel

In der neuen Fassung dieses Artikels habe ich einige alttestamentliche Stellen aus Sirach und Sprüche genauer erklärt. Außerdem habe ich eine neutestamentliche Stelle, die ich vorher übersehen hatte, in die Sammlung der die Sklaverei betreffenden Stellen aufgenommen, nämlich 1 Tim 1,10, wo Paulus „Menschenhändler“ unter „Gesetzlose und Ungehorsame, […] Gottlose und Sünder, […] Menschen ohne Glauben und Ehrfurcht“ zählt. Und ich habe vor allem am Ende einige Absätze eingefügt um genauer zu erklären, wieso man im Lauf der Kirchengeschichte vonseiten der Kirche zwar so einige starke Verurteilungen von Versklavung und Sklavenhandel findet und Maßnahmen gegen die Sklaverei kirchlicherseits begrüßt wurden (wie bei Paulus, s. 1 Tim 1,10), man aber Sklavenbesitzer in die Kirche aufnahm, ohne von ihnen kategorisch die Freilassung ihrer Sklaven zu verlangen (auch wie bei Paulus).

Außerdem ist mir bei der Ersetzung der alten Bibelzitate mit denen aus der neuen Einheitsübersetzung aufgefallen, dass die neue Version endlich einen sehr groben Übersetzungsfehler korrigiert hatte, wo es in 1 Kor 7 heißt, wenn Sklaven frei werden könnten, sollten sie lieber Gebrauch davon machen, und in der alten Übersetzung diese Stelle sehr frei interpretiert so übersetzt wurde, dass sie lieber Sklaven bleiben sollten, statt einfach die wörtliche Übersetzung zu nehmen. (Auf den Übersetzungsfehler war ich allerdings auch in der alten Version des Artikels schon eingegangen.)

Teil 16: Was in den Apostelbriefen (und in der Genesis) über (Ehe)Frauen und die Rolle der Frau in der Kirche gesagt wird

An diesem Teil habe ich mehrfach (zuletzt erst heute) einiges geändert. Ich habe festgestellt, dass ich mit einigen Stellen selber jetzt weniger Probleme habe als vorher – erstens, weil ich weniger Probleme mit Konzepten wie „Unterordnung“ an sich habe, und zweitens, weil ich weniger Probleme damit habe, auch mal über typische Fehler von Frauen statt nur typische Fehler von Männern zu reden.

Ich habe einiges gekürzt und ein paar Dinge hinzugefügt und genauer formuliert; z. B. auch, dass man das Drumherumgerede oder peinlich berührte Schweigen mancher Kirchenleute nicht so interpretieren kann, dass die ältere Lehre zur Ehe (Mann als Familienoberhaupt etc.) nicht mehr gelten würde.

Zu dem speziellen Thema Eva & Sündenfall habe ich, glaube ich, am meisten geändert und in der neuesten Version (ziemlich am Ende des Artikels) folgendes stehen:

„Da wäre ja auch noch die Stelle aus dem 1. Timotheusbrief: ‚Eine Frau soll sich still und in aller Unterordnung belehren lassen. Dass eine Frau lehrt, erlaube ich nicht, auch nicht, dass sie über ihren Mann herrscht; sie soll sich still verhalten. Denn zuerst wurde Adam erschaffen, danach Eva. Und nicht Adam wurde verführt, sondern die Frau ließ sich verführen und übertrat das Gebot.

Einfach ignorieren kann man das nicht; das ist Heilige Schrift. Und der Sündenfall lief nun mal so ab, dass zuerst Eva verführt wurde. Und Paulus sagt hier offensichtlich, dass Frauen demnach generell leichter zu verführen wären und sich deshalb eher unterordnen müssten.

Und wenn man „verführen“ im Sinn von täuschen versteht, stimmt das nun mal einfach. Frauen neigen mehr zur Verträglichkeit und dazu, Konflikte zu vermeiden, während Männer sich weniger leicht beeindrucken lassen und öfter gerade bewusst dagegen sind. Beide Eigenschaften können sich positiv oder negativ auswirken; mit beiden Eigenschaften kann man zu unterschiedlichen Sünden verführt werden und sich unterschiedlichen Sünden entgegenstellen, aber auf Führungspositionen wirken sich die weiblichen Eigenschaften tendentiell schlechter aus. Weil man, auch wenn man ursprünglich weiß, dass jemand nicht vertrauenswürdig ist, dem vielleicht doch mal zuhören will, „auch die andere Seite sehen“ will, und sich nicht so leicht damit tut, etwas als Unsinn oder Lüge zu verlachen und lieber doch sagt „irgendeinen Punkt hat der ja“. Es hat schon seinen Grund, wieso eher Frauen zu Esoterik und „Alternativmedizin“ neigen als Männer. (Dazu passt auch die oben erwähnte Petrusstelle: Frauen können auch in diesem Sinne „schwächer“ sein als Männer.)

Beim Sündenfall war es wohl so, dass Eva, die sich dazu bringen ließ, der Schlange zuzuhören, wirklich überredet wurde; Adam machte dann wohl wider besseres Wissen mit, weil seine Frau es wollte. Über ihn heißt es nur: „sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß“ (Genesis 3,6) – sein Problem scheint eher zu sein, dass er einfach Eva nachgibt, als dass er sich von den falschen Versprechungen der Schlange einlullen hat lassen. Ich denke, es ist so, dass Frauen im Allgemeinen, wenn sie etwas Falsches tun, sich eher vorher einreden müssen, dass es notwendig oder gut ist, und dabei auch sehr kreativ werden können und leichter falsche Erklärungen annehmen. Beides falsch, aber auf unterschiedliche Weise.

Interessanterweise wird übrigens – bei Paulus an anderer Stelle und bei Theologen wie Thomas von Aquin – immer Adam als der eigentlich Verantwortliche für den Sündenfall genannt, wenn es darum geht, wer der Menschheit nun die Erbsünde vererbt hat: Eva hat mit der Sache angefangen, aber letztlich trug die eigentliche Verantwortung ihr Mann. Das spricht freilich einfach für die Überzeugung besagter Theologen, dass Adam – der erste Mann – einfach das Oberhaupt des Menschengeschlechts war, und Eva eben nicht.

Und das zeigt eben, was beim Sündenfall auch noch falsch lief: Eine Verkehrung der Geschlechterrollen. Adam wird passiv, versucht nicht, seine Frau vor der Schlange zu warnen oder zu schützen oder ihr etwas entgegenzusetzen, und damit handelt er falsch, gibt seine Rolle als Oberhaupt ab.

Schon Aristoteles (der freilich auch frauenfeindliche Äußerungen getätigt hat, die man nicht übernehmen muss) hat Männern den öffentlichen und Frauen den privaten Raum zugeordnet. Das passt auch: Verträglichkeit und der Wunsch nach Harmonie tun der Familie gut, wo man miteinander auskommen muss, und Prinzipienfestigkeit und Dagegensein sind eher in der Öffentlichkeit mal nötig, wo man mit Fremden oder fremden Gruppen zu tun hat, die einen nicht unbedingt so respektieren, wie es Familienmitglieder immerhin meistens noch tun.

Das heißt nicht, dass es keine Frauen gäbe, die für Führungsrollen geeignet wären; es handelt sich hier um Tendenzen. Außerdem gibt es auch so etwas wie delegierte Führungsrollen. In der Kirche geht die grundsätzliche Macht vom rein männlichen Klerus aus und muss das auch, aber der kann auch Aufgaben an Laien delegieren, auch an Frauen – z. B. das Lehren als Religionslehrerin oder Theologieprofessorin. Die brauchen freilich weiterhin den Klerus als Orientierungspunkt. Was das öffentliche Beten, prophetische Reden etc. angeht, so sollte es auch eher die Ausnahme als die Regel sein, wie aus der Zusammenschau der Paulusstellen klar wird – und vor allem sollte es im Einklang mit dem Klerus erfolgen, nicht gegen ihn. Auch in der Familie hat nicht nur der Vater die Führungsrolle, sondern die Mutter hat auch eine eigenständige Autorität gegenüber den Kindern, freilich dem Vater untergeordnet, wie z. B. eine Gemeinde in vielen Dingen eigenständig, aber auch in gewissem Maß der Landesregierung untergeordnet ist. Was ist mit der Politik? Nun, ich denke, hier sollte es tatsächlich auch so sein, dass tendentiell die meisten Ämter von Männern eingenommen werden. (Dafür kann man nicht nur christliche Prinzipien anführen, sondern auch die einfache Tatsache, dass es keine anständigen politischen Debatten mehr im Bundestag gibt, und z. B. die bisherigen Verteidigungsministerinnen eher suboptimal waren. (Entschuldigung.)) Aber hier kann es sicher auch Frauen geben, die eben doch für die Politik geeignet ist; ich denke an Frauen wie Ellen Ammann. In Kirche und Familie, wo es darum geht, dass Männer Christus nachstellen sollen, können Frauen nie einfach die Aufgaben von Männern übernehmen (sondern höchstens eine Art Ersatz sein, wenn z. B. eine Frau nach dem Tod ihres Mannes als Familienoberhaupt fungieren muss, oder Frauen Gebet und Caritas in Gemeinden organisieren, in die kaum je ein Priester kommen kann), aber in der Politik sind Staatsoberhäupter und Abgeordnete nicht „in persona Christi“; daher kann es hier einige Ausnahmen geben.

Einige Christen von der protestantischen Christian-Patriarchy-Bewegung legen die Timotheus-Stelle tatsächlich so aus, dass Frauen generell keine Männer irgendetwas (Theologisches) lehren dürfen; also dürfen Frauen ihrer Meinung nach z. B. auch keine Vorträge vor einem gemischten Publikum in der Gemeinde halten. Sonntagsschullehrerinnen gehen gerade noch, denn die lehren nur Kinder, aber sobald die Jungs über achtzehn sind, ist definitiv Schluss. Jüngere Frauen dürfen natürlich von älteren Frauen etwas gelehrt werden, weil, Titus 2,3-5, aber Männer lehren, das geht nicht. (Man lese zum Beispiel diesen interessanten Artikel einer Bloggerin dieser Bewegung, in dem sie vehement erklärt, dass sie mit ihrem Blog keine Männer lehre. Solche Ansichten sind in freikirchlich-evangelikalen Kreisen einflussreicher, als man manchmal erwarten würde; vgl. auch hier auf einer deutschen Seite.) Das entspricht nicht der katholischen Lehre.

Also: Ja, es ist okay, wenn irgendein Mann von einer Frau mal etwas lernt, ja, auch Frauen können gut dazu geeignet sein, zu lehren, Vorträge zu halten, Führungspositionen einzunehmen, etc., aber wenn zu viele Frauen auf höheren Positionen sind und die allgemeine Meinung prägen können, ist das nicht gut.

Ein Geschlecht ist nicht an sich sündhafter als das andere oder so etwas – beide haben den gleichen freien Willen und die gleichen Gebote bekommen. Wir haben nicht weniger weibliche als männliche Heilige. Aber die Geschlechter sind auf unterschiedliche Weise sündhaft, und es ist leider eine Tatsache, dass Frauen leichter zu täuschen sind.

Da muss man nicht geschockt oder beleidigt reagieren. Es ist doch so: Über typische Männerfehler zu reden ist völlig normal. Wieso sollte man also nicht auch über typische Frauenfehler reden dürfen?“

Teil 17: 1 Korinther 7 – von den ehelichen Pflichten und dem Vorrang der Jungfräulichkeit

Hier eher kleinere Änderungen und Ergänzungen.

Teil 18: Der Töpfer und der Ton – was sagt Paulus über Prädestination?

Dieser Artikel wurde ziemlich stark geändert, worauf ich auch schon mal eigens hingewiesen hatte. Einfach den ganzen Artikel lesen – vor allem geht es darum, dass Röm 9-11 eben nicht von der endgültigen Erlösung oder Verdammnis handelt, sondern das endgültige Schicksal aller Beteiligten offen lässt und Hoffnung für sie ausdrückt, dass sie trotz ihrer jetzigen Verwerfung wieder zu Gott kommen.

Teil 19: Irritierende Aussagen und Taten Jesu – einige gesammelte Stellen

Eher kleinere Änderungen bzw. Ergänzungen.

Nachträge zu Teil 19 – weitere irritierende Aussagen Jesu

Auch hier nur kleinere Änderungen.

Teil 20: Die Forderungen der Bergpredigt

Hier auch eher kleinere Änderungen; v. a. habe ich die Zitate aus Härings Moraltheologiebuch mit detaillierteren von Jone ergänzt.

Teil 21: Wunder und Dämonenaustreibungen

Auch eher kleinere Änderungen.

Christliche Kultur am Sonntag: „Auferstanden“

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: „Auferstanden“

Die Hauptfigur dieses Films (Regie Kevin Reynolds, erschienen 2016) ist der römische Offizier Clavius (Joseph Fiennes), der in Jerusalem das Ende der Kreuzigung und die Grablegung Jesu überwacht. Als wenige Tage später, trotz der angeordneten Bewachung des Grabes, der Leichnam verschwunden ist, wird Clavius vom Statthalter Pilatus beauftragt, den Leichnam wiederzufinden, um weitere Unruhen in Judäa zu verhindern. Er sucht nach Jesu Anhängern, stößt auf Maria Magdalena und Bartholomäus und versucht sie zu verhören; außerdem spürt er einen der desertierten Soldaten auf, die das Grab bewacht haben. Und schließlich findet er das Versteck der Jünger, und dort trifft er auf sie; und auf den Gekreuzigten selbst.

Der Film ist nicht so überragend wie z. B. Mel Gibson’s Passion Christi; aber er gehört sicher zu den ganz guten Jesusfilmen. Die Perspektive ist die eines Außenstehenden, eines Heiden, der Jesus nicht gekannt hat, erst spät mit dieser Geschichte zu tun bekommt, und quasi wie ein Kriminalbeamter Nachforschungen anstellt. Dabei ist die Darstellung eindeutig: Jesus ist wirklich auferstanden, es ist nicht nur so, dass den Jüngern offenbart wird, dass Er irgendwie bei Gottvater weiterlebt, sondern Er ist da: ein hereinplatzender Römer kann Ihn sehen. (In Filmkritiken säkularer Herkunft wird dementsprechend bedauernd von „jenen altbekannten Zeichen und Wundern, die sich symbolisch verstehen ließen, die der Film in seinem letzten Drittel leider aber sehr wörtlich nimmt“ gesprochen.) Es ist etwas her, dass ich selber den Film gesehen habe, aber er dürfte wirklich recht lohnenswert gewesen sein.

Hier noch der Trailer:

Christliche Kultur am Sonntag: Die Passion Christi

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: „Die Passion Christi“

Passend zur beginnenden Karwoche ein entsprechender Film: Über diese unglaubliche Verfilmung der Passion, die mit Mel Gibson übrigens ein Tradi-Katholik gemacht hat, muss wohl nicht viel gesagt werden. Zwei Sachen sind vielleicht noch ausdrücklich zu erwähnen, die den Film von anderen neueren Jesus-Filmen abheben:

Erstens, der Jesus-Darsteller schaut tatsächlich annähernd wie Jesus aus.

Zweitens, der ganze Film ist in den Originalsprachen gehalten – die Darsteller sprechen Aramäisch, Griechisch, Latein. (Dazu gibt es Untertitel.) Das gibt schon ein gewisses Gefühl davon, mittendrin zu sein in Jerusalem vor 2000 Jahren.

Wenn man sich am Karfreitag oder auch vorher neben der gestreamten Karfreitagsliturgie noch etwas anderes ansehen will, sollte es dieser Film sein.

 

 

Mehr Anthropozentrismus wagen!

Auf kaum etwas reagieren grünlinke Säkularisten so allergisch wie auf die Idee, der Mensch könnte die – wie man mal so sagte – „Krone der Schöpfung“ sein. Eigentlich ist es zwar etwas seltsam, dass Leute, die jedem Abweichler von ihren Ideen gern „Menschenfeindlichkeit“ vorwerfen, selber oft Abscheu vor ihrer eigenen Spezies haben und meinen, „die Erde“ wäre ohne uns besser dran; aber gut, wer will schon Logik erwarten.

Apologetik betreibende Christen reagieren auf solche christentumsfeindlichen Grüngesonnenen dann meistens mit dem Hinweis, dass der Auftrag an Adam und Eva „Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!“ (Gen 1,28) keine Tyrannenherrschaft meine, sondern dass das Herrschaftsideal der Bibel Fürsorge einschließe, entsprechend auch Gen 2,15: „Gott, der HERR, nahm den Menschen und gab ihm seinen Wohnsitz im Garten von Eden, damit er ihn bearbeite und hüte.“ (und verwenden Begriffe wie „Krone der Schöpfung“ selber grundsätzlich nicht). Das mit der Herrschaft als Auftrag zum Behüten ist ja auch nicht falsch. Aber es ist vielleicht doch ein Schritt zu weit auf den Gegner zu, wenn man nur das betont.

Es stimmt eben wirklich, dass der Mensch der krönende Abschluss von Gottes Schöpfung ist, und mehr wert als Tiere und Pflanzen, weil er keine bloß tierische Seele, sondern eine vernunftbegabte Seele hat, einen freien Willen statt Instinkten, das Wahre, Gute und Schöne erfassen kann und nicht nur vor sich hin lebt; weil Gott ihm kein bloß natürliches Ziel – leben, trinken, fressen, schlafen, Junge zeugen – gegeben, sondern ihn zu einem übernatürlichen Ziel erwählt hat (Ihn, Gott, zu erkennen, zu lieben und Ihn ewig im Himmel zu schauen).

Für Modernisten heißt „minderwertig“ immer gleich „wertlos“. Tiere sind minderwertig, aber natürlich nicht wertlos, sie haben ihren eigenen Wert in sich. Aber sie haben eben auch einen Nutzwert für den Menschen; Gott sagt im Buch Genesis zu Noah und dessen Söhnen nach der Sintflut ziemlich deutlich: „Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf dem Erdboden regt, und auf alle Fische des Meeres; in eure Hand sind sie gegeben. Alles, was sich regt und lebt, soll euch zur Nahrung dienen. Das alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.“ (Gen 9,2f.) Sicher sagt er bei derselben Gelegenheit auch: „Siehe, ich richte meinen Bund auf mit euch und mit euren Nachkommen nach euch und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Wildtieren der Erde bei euch, mit allen, die aus der Arche gekommen sind, mit allen Wildtieren der Erde überhaupt.“ (Gen 9,9f.) Die Tiere sind also nicht nur zum Essen da, sondern haben auch ihre eigene Rolle in der Schöpfung und Gott bedenkt sie – aber sie sind auch zum Essen da. Tiere leben nur im Augenblick und der Verlust ihres Lebens ist für sie nicht dasselbe wie für Menschen. Metzger, Jäger und Landwirte tun mit ihrem Beruf also nichts Falsches und müssen sich nicht vor irgendwelchen „Tierschützern“ rechtfertigen. Die Herrschaft des Menschen über die Tierwelt schließt das Nutzen derselben ein; darin unterscheidet sie sich tatsächlich von anderer Herrschaft über gleichwertige Geschöpfe (z. B. staatlicher Herrschaft, oder der „Herrschaft“ von Eltern über ihre minderjährigen Kinder), die zuallererst für die Beherrschten da ist.

Klingt das kalt? Vielleicht, wenn einem nicht bewusst ist, wozu das scheinbar so nette grünliche Denken führt.

Zunächst etwas Banales: Radikale Tierschützer fordern gerne „Tierrechte“ und setzen Schlachtung mit Mord gleich. Mit so einem Denken kommen sie natürlich im Tierreich selber nicht weit. Da gibt es Raubtiere, die von anderen Tieren leben, Vergewaltigungen, Mütter, die ihre Jungen totbeißen, blutige Revierkämpfe – ohne dass sich ein Tier deswegen ein schlechtes Gewissen macht oder auch nur machen könnte. Tieren kann man keine Rechte wie Menschen geben, weil man ihnen auch keine Pflichten geben kann, weil man sie unmöglich dazu bringen könnte, Rechte anderer Tiere zu beachten. Tierschutz geht, Tierrechte nicht. Es ist gut, keine Tierquälerei zu betreiben und keine ganzen Tierarten auszurotten (um die Vielfalt von Gottes schöner Schöpfung zu bewahren); aber dieselben Rechte wie Menschen können Tiere nun mal nicht haben; auch kein individuelles, heiliges Recht auf Leben.

Jetzt aber der eigentliche Punkt: Wer Tierrechte fordert, erhöht meistens nicht die Tiere, sondern zieht die Menschen zu ihnen herab. Das Paradebeispiel, das man immer wieder hervorziehen kann, ist der australische Philosoph Peter Singer, der die (ja, nachgeburtliche, nicht nur vorgeburtliche, wie bei inkonsequenteren Leuten dieses Schlages) Tötung behinderter Kinder für gut hält, und Schimpansen mehr Rechte zuschreibt als Neugeborenen. Klar; wer keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen unsterblichen, gottebenbildlichen Menschenseelen (auch, wenn sie in diesem irdischen Leben durch einen Gehirndefekt daran gehindert sind, die Vernunftfähigkeiten ihrer Seele auszuüben, wie das auch komatöse, schlafende und betrunkene Menschen zeitweise sind) und Tierseelen sieht, der hält Behinderte für ebenso wenig wert wie Tiere und meint, sie einschläfern zu dürfen. Es ist offensichtlich, dass es keinen Sinn macht, Tieren ein absolut heiliges Recht auf Leben, das man nur durch eigene schwere Schuld (z. B. im Fall von Notwehr gegen einen Mörder) verwirken kann, zu geben; also dürfen Menschenleben auch nicht mehr heilig sein.

Dann ist da die Tatsache, dass solche Leute oft bereit sind, Menschenleben zu opfern oder sie für nicht so wichtig zu halten, wenn es um Tierleben geht. Da wäre der Fall des Gorillas Harambe, der 2014 im Zoo von Cincinnati (USA) erschossen wurde, um einen dreijährigen Jungen zu retten, der in den Wassergraben des Geheges gelangt war, und den der Gorilla brutal am Bein mit sich durch das Wasser gezogen hatte. Man kann sich kaum vorstellen, was es weltweit für einen Aufschrei gab und wie der Zoo sich verteidigen musste, weil die Zoowärter es tatsächlich für dringend genug hielten, ein kleines Kind zu retten, um einen Gorilla zu erschießen (wobei viele nicht mal kapieren wollten, dass Betäubungspfeile zu lange gebraucht hätten, um ein 200 Kilo schweres Tier zu betäuben).

Es gibt sogar Leute, die um der „Erde“ (was auch immer sie damit genau meinen) willen bereit wären, ihre Kinder abzutreiben, weil mehr Menschen ja für mehr Klimawandel sorgen würden. (Dass das eine Milchmädchenrechnung ist, ist ein anderes Thema; ohne neue Kinder könnte es ja auch keine klugen Köpfe geben, die klimafreundliche Technologien entwickeln können; und beim Klimawandel werden sowieso eher schädliche Auswirkungen auf den Menschen als auf „die Erde“ befürchtet. Aber das am Rande, weil es nicht der Punkt ist.)

Dann ist da der unglaubliche Hass, den Leute von PETA & Co. auf diejenigen hegen können, die bei ihrer Ideologie nicht mitgehen oder gar z. B. als Metzger oder Jäger arbeiten. Der WWF hat in Afrika und Asien sogar Anti-Wilderer-Truppen finanziert, die, wie sich Anfang diesen Jahres herausgestellt hat, Wilderer systematisch gefoltert haben.

Wie Chesterton mal in etwa gesagt hat: Wo Tiere angebetet werden, gibt es Menschenopfer.

Wir müssen die grüne Misanthropie jedenfalls nicht mitmachen; es gibt keinen Grund, sich schlecht dafür zu fühlen, ein Mensch zu sein. Sicher sind Menschen zu Schlechterem fähig als Tiere – aber genau deshalb, weil sie auch zu Besserem fähig sind. Sie haben einen freien Willen, treffen Entscheidungen, für Treue oder Verrat, für Wahrheit oder Lüge. Und wie es so schön heißt: Corrutio optimi pessima; die Verderbnis des Besten ist das Schlechteste. Deswegen wäre es trotzdem an sich das Beste gewesen.

Und manche Menschenfeinde, die sich z. B. lieber Hunde anschaffen als eine Familie, ziehen Tiere doch nur vor, weil die weniger kompliziert sind als Menschen und man in die leichter hineinprojizieren kann, was einem passt. Ein Hund widerspricht einem nicht und stellt einen nicht zur Rede.

Wer Tiere liebt, muss zu Menschen keine Liebe haben; sogar Hitler liebte seinen Hund Blondi. (Godwin’s Law muss man auch mal vorzeitig erfüllen.)

(Bundesarchiv B 145 Bild-F051673-0059.)

Tiere lieben ist an sich natürlich gut – solange man sie ihrer Natur entsprechend liebt und sein lässt, wie sie sind, und keine „besseren Menschen“ aus ihnen zu machen versucht.

Ein paar Gedanken zum verlorenen Sohn

Ein Gastbeitrag von Nepomuk.

 

Wir kennen das Gleichnis vom Verlorenen Sohn; fast, möchte ich sagen, kennen wir es zu gut, wir interpretieren immer gleich sofort, haben sofort ein Bild vor Augen: was wohl für den Hausgebrauch vielleicht auch genügt; aber es lohnt sich dennoch, sich das einmal genauer anzuschauen.

Als Vorbemerkung sei gesagt: Unser Heiland hat das Gleichnis als Gleichnis erzählt; wir brauchen nicht glauben, daß die vorkommenden Personen gelebt haben: aber auch wenn wir ein Buch Unterhaltungslektüre lesen, wenn wir den Herrn der Ringe lesen, wenn wir, sagen wir, Father Brown lesen, dann sagen wir ja auch: Die Personen in der Geschichte verhalten sich so und so; das entspricht ihrem Charakter, das wieder nicht und so weiter. Springen wir also für diesesmal nicht sofort zu Interpretationen nach dem Motto: der Vater ist natürlich Gott usw. Die Interpretationen kommen dann schon noch! Im übrigen: der Erzähler dieses Gleichnisses ist unser Heiland, der allwissende Herrgott, selbst – so unwahrscheinlich ist das Verhalten der Beteiligten im realen Leben dann auch wieder nicht, daß Er, der von jeder einzelnen Bauernfamilie, die seit der Schöpfung auf Erden gelebt hat, über jeden Augenblick ihres Lebens Bescheid weiß, nicht einen tatsächlich vorgekommenen Fall aus Seinem allwissenden Gedächtnis hervorgekramt haben könnte. Wir wissen das nicht, aber es könnte immerhin sein.

Zäumen wir einmal das Pferd von hinten auf. Das Gleichnis vom Verlorenen Sohn war, wie gesagt, immer populär unter den Katholiken – der ältere Sohn wird gerne vergessen, aber da komme ich noch darauf – und mancherorts kommt er ja als ziemlich sympathische Figur herüber. Verschwendung ist eine Sünde, aber es ist bei weitem weder die schlimmste noch die unsympathischste Sünde. Die reiche Geizhals ist, und ist in Teilen zu Recht, eine verhaßte Figur; der Prasser, auch wenn einige Moralisten (die nicht notwendig, Verschwendung ist ja tatsächlich eine Sünde, aber doch in einigen Fällen selbst des Neides schuldig sind) keine Gelegenheit auslassen, den Abstand durch ihren Tadel zu verringern, gibt doch eine viel sympathischere Figur ab. Und im Englischen heißt unser Verlorener Sohn denn auch nicht „der Verlorene Sohn“ (the Lost Son), sondern „der Verschwenderische Sohn“ (the Prodigal Son), und wer, der etwa gerne seine wohlverdiente entspannende Unterhaltung in geselliger Runde in Irish Pubs verbringt, könnte dabei nicht an ein berühmtes Lied denken, das den Verlorenen Sohn zum Protagonisten hat?

I’ve been a wild rover for many’s the year
and I’ve spent all my money on whiskey and beer.
But now I’m returning with gold in great store
and I never will play the wild rover no more.
– I’ll go home to my parents, confess what I’ve done
and I’ll ask them to pardon their prodigal son.
And when they’ve caressed me as oft times before
I’ll never will play the wild rover no more
and it’s: no!! nay!! Never!! – !!!!
no, nay never, no more
will I play
the wild rover;
no, never!
no more.

Zu deutsch: Ich war viele Jahre lang ein wilder Herumtreiber und habe all mein Geld für Whiskey und Bier ausgegeben. Aber nun kehre ich heim mit jeder Menge Gold und werde niemals mehr den wilden Herumtreiber spielen. Ich geh heim zu meinen Eltern, bekenne ihnen, was ich getan habe, und bitte sie, ihrem Verschwenderischen (bzw. Verlorenen) Sohn zu vergeben. Und wenn sie mich umarmt haben wie so oft zuvor, dann werde ich nie mehr den wilden Herumtreiber spielen. An der Nord – See – Küste…. Am plattdeutschen Strand – halt, falsches Lied, Humoreinlage. Also, der Refrain heißt: Und ich sag: nein! Keineswegs! Niemals! Nein, nein, niemals nicht mehr spiele ich den wilden Herumtreiber, nein niemals nicht mehr.

Das ist natürlich nicht die Situation im Gleichnis, darauf komme ich noch. Aber er ist doch ganz sympathisch, nicht, unser Verlorener Sohn?

Natürlich: das irische Volkslied stellt ihn so dar, wie er sich das wohl vorgestellt hätte; nicht, wie es tatsächlich gekommen ist. Aber sind diese Wünsche so verquer? Er will endlich von zu Hause ausziehen. Kann man das nicht auch als Vater – vielleicht sogar als Mutter – nachvollziehen? (Es ist übrigens interessant, daß die Mutter im Gleichnis nicht vorkommt. Ich weiß es nicht, aber ist vielleicht die Mutter der Grund, warum er, bei aller Liebe zu ihr, herauswill: daß er bei aller Liebe zu ihr sich denkt, er ist zu alt, um noch bemuttert zu werden?) In den Märchen ist es oft so, daß ein Vater seine (meistens drei) Söhne um sich versammelt, sie seien jetzt alt genug, um loszuziehen und in der Welt ihr Glück zu machen. Wollte unser Verlorener Sohn auch in die Welt, um sein Glück zu machen? Und ist es nicht naheliegend anzunehmen, er hätte es sich eben auch so vorgestellt, dann eines Tages als erfolgreicher Geschäftsmann, Erfinder oder was weiß ich, als young professional mit abgeschlossenem Studium (wenn es damals schon Universitäten gegeben hätte) mit jeder Menge Geld zurückzukehren, „ich hab’s geschafft“ zu sagen, um Verzeihung zu bitten für das eine oder andere böse Wort, das bei der Trennung gefallen sein mag (ich komme noch drauf) und dann in seine liebende Familie zurückzukehren? Und brauchte er für seinen Einstieg in die wirtschaftliche Welt nicht Startkapital?

Und warum nicht – in der Zwischenzeit durchaus auch freigiebig sich selbst gegenüber sein, gerne Wein, Bier, Schnaps (wenn es den damals schon gegeben hat), Zigaretten (wenn es die damals schon gegeben hätte) zu kaufen, ausgiebige Mahlzeiten usw. zu sich zu nehmen, ohne, daß jeden Augenblick jemand Erziehungsberechtigtes von außen hineinschaut und ihm sagt, hier geht’s aber ein bißchen zu weit, reiß dich zusammen, benimm Dich usw.?

Er ist dann mit alledem ein bißchen weitgegangen. „Er führte ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.“ Das hat der Heiland in seinem Gleichnis gesagt; es gehört also zur Geschichte hinzu. Und auch dies ist nicht abwegig vorzustellen: wenn das Auge der Erziehungsberechtigten, der Bekannten usw. weg ist und man mit sich – zunächst legitim – etwas großzügiger umgeht, als man es unter Aufsicht täte, wie es sicherlich jede Menge junger Menschen auch heute, die etwa für ein Studium in die Großstadt ziehen, tatsächlich tun, daß dann der eine oder andere, wie man es nennt, „abdriftet“, wenn die größere Freiheit dazu führt, daß man auch die Grenzen, die beim anständigen Menschen die Moral der Freiheit setzen würde, überschreitet? Der jüngere Bruder, der vermutlich schon als Kind etwas großzügiger behandelt wurde als der ältere, das kommt häufig vor, „führte ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.“

Das war falsch. Da müßte er (würden wir seit der Gründung der Kirche sagen) dafür beichten gehen.

Dennoch bemerken wir, daß unser jüngerer Sohn anscheinend auf die ganz schiefe Bahn nicht geraten ist. Sein älterer Bruder (und diesmal nicht der allwissende Erzähler des Gleichnisses – im wörtlichen wie im literaturtheoretischen Sinn) behauptet, daß er das Vermögen unter anderem „mit Dirnen durchgebracht hat“. Anders als beim zügellosen Leben generell wissen wir aber nicht, ob denn auch das gestimmt hat, ob er wirklich (wie man es sich vielleicht durchaus als im Bilde und lebensecht vorstellen kann) leichten Mädchen, die er mit seinem Charme (den er vermutlich hatte) bezirzt hatte und die sich ihm körperlich hingegeben hatten, reichlich Geschenke gemacht hat, ob er vielleicht gar (wie ich mir persönlich eher weniger vorstellen kann) Bordelle aufgesucht hat, oder ob das alles vielleicht bloß der Phantasie seines älteren Bruders entspringt, der gerne bereit ist, diesem Ausreißer, da er nun einmal schon ausgerissen ist, da er sich dabei (ich komme noch darauf) unmöglich gegen seine Eltern aufgeführt hat, da er nun einmal offensichtlich sein Vermögen tatsächlich verschleudert hat, bezüglich der Art-und-Weise dieses Verschleuderns auch noch jede beliebige Schandtat zu unterstellen.

Trotzdem beobachten wir auch hier, daß zum einen unser Heiland es für notwendig befindet – und in den Gleichnissen unseres Herrn ist nichts überflüssig – festzustellen: „Eine Hungersnot kam in das Land.“ Er hat sein Vermögen verschleudert, aber daß es ihm nachher so schlecht geht, daran sind teilweise auch die Umstände schuld. Auch das kommt in ähnlichen Fällen natürlich zumeist tatsächlich genau so vor. Wir stellen zum anderen fest: in jeder 08/15-moralischen Warngeschichte der Fräulein Rottenmeiers und Sidonie von Grasenabbs dieser Welt wäre er dann, um die üblichen Redewendungen zu gebrauchen, „auf die schiefe Bahn geraten“, hätte eine kriminelle Laufbahn eingeschlagen. Nun spielt aber, bei allem Respekt vor den Fräulein Rottenmeiers und Sidonie von Grasenabbs dieser Welt, unser Heiland in einer anderen Liga. Der verlorene Sohn mag ein Verschwender, ein Säufer, vielleicht ja tatsächlich gemäß den Vorwürfen seines Bruders auch ein Hurenbock gewesen sein; ein Krimineller ist er nicht, und er wird es auch nicht.

Er „ging zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn auf das Feld zum Schweinehüten“. Es wird präzise notiert, daß er gerne „seinen Hunger gestillt hätte mit den Futterschoten, die die Schweine fraßen“ – in anderen Bibelübersetzungen: mit den Trebern, d. h. mit den Preßrückständen von Trauben, keine gute Nahrung, aber doch eine, die Menschen tatsächlich essen könnten und die vielleicht nicht ausgeben, aber das unmittelbare Hungergefühl stillen könnte – „aber niemand gab ihm davon“. Er läßt sich also nicht einmal dazu herab, seinem Chef, der es sich herausnimmt, trotz Hungersnot Schweine (die anders als grasfressende Rinder mit Futter gefüttert werden müssen, das der menschlichen Nahrung dann fehlt) zu halten und seinem Angestellten nicht einmal so viel zu essen zu geben, daß er keinen Hunger leiden muß, um ein paar Handvoll Schweinetreber pro Tag zu bestehlen!

(Schweinehirt war ein unreiner Beruf; Schweine waren unter dem Alten Testament unrein, und wer mit ihnen Umgang hatte, machte sich unrein. Aber in rituelle Unreinheit zu geraten, war, obwohl es ein Jude normalerweise natürlich nicht wollte, nicht an und für sich eine Sünde, und solange das Schwein nicht oder nur zufällig an Juden verkauft werden würde, war er auch nicht an einer Sünde beteiligt: das Alte Testament galt in seinen Ritualbestimmungen eben nur für Juden. Was ich damit sagen will: auch das Schweinehirtsein war nicht ein krimineller Beruf.)

Er sitzt jetzt also bei seinen Schweinen auf dem Feld und hat Hunger. Da denkt er sich: „Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben mehr als genug zu essen, und ich komme hier vor Hunger um.“ Das hat er sich vermutlich schon die ganze Zeit gedacht, zumindest seit sein Vermögen futsch war und die Hungersnot begonnen hat. (Wir wissen nicht, wie lange diese Zeitspanne gedauert hat. Der Natur der Sache entsprechend wohl durchaus etwas länger; unser Heiland als Erzähler faßt hier zusammen.) Und nun kommt es zur großen, mutigen Entscheidung: „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen.“

Eine mutige Entscheidung, ja. Aber – so denke ich – nicht deswegen, weil er befürchtet hatte, sein Vater würde ihn in der Luft zerreißen (wie manche Prediger diese Stelle dem Tonfall nach interpretieren). Er weiß sehr wohl, daß bei seinem Vater sogar für die Tagelöhner (in einem Zeitalter vor Gewerkschaften und Mindestlöhnen) ausreichend gesorgt ist: seinen Vater mag er allgemein als streng in Erinnerung haben (wir wissen es nicht), ein Unmensch jedenfalls ist er nicht, und das weiß er auch. Auch wenn das Alte Testament in seinen Justizialbestimmungen tatsächlich, als ultima ratio, vorsah, daß Eltern, deren Kind ihnen den Gehorsam verweigerte, den Konflikt auf die staatliche Ebene (wir würden heute sagen: zum Jugendamt) eskalieren konnten, das dann für Bestrafung (die Todesstrafe nämlich) sorgen konnte, und dies nach dem Wortlaut anscheinend vor allem für Verschwender und Säufer vorgesehen war (Dtn 21,20) – das betraf Kinder, die nicht hörten. Er hört ja jetzt. Und auch wenn die Väter vergangener Zeiten strenger gewesen sein mögen als die Väter es heutzutage sind: so sehr ändern sich die Gefühle von Eltern für ihre Kinder in der Menschheit nicht. Eltern lieben ihre Kinder im allgemeinen, auch unverdient; sie tun es heute, sie taten es damals. Unser verlorener Sohn wird kein Trottel gewesen sein; er wird das gewußt haben.

Wovor er Angst hatte – ich weiß es natürlich nicht; aber ich glaube fast, er hatte Angst davor, daß sein Vater genau so reagieren würde, wie er dann tatsächlich reagiert hat.

Güte und Barmherzigkeit kann etwas Beängstigendes haben.

In Dürrenmatts Frank dem Fünften ruft eine Verbrecherin am Schluß den Staatspräsidenten an, gesteht ihre Verbrechen und sagt: „Ich fordere Gerechtigkeit. Gerechtigkeit, auch wenn sie mich vernichtet.“ Worauf dann der Staatspräsident sagt: Gerechtigkeit? Mit Gerechtigkeit kann man einem kleinen Dieb, vielleicht auch einem kommen, der ein paarmal gemordet hat. Aber derart umfassende und entsetzliche Verbrechen, wie sie sie begangen hätte – „das hieße ja am Gerüst der Welt rütteln“ (oder so), wenn man da mit Gerechtigkeit käme. Deshalb wird sie dann letztlich begnadigt und in ein komfortables Altenteil geschickt. (Der Dürrenmatt-Kenner wird Querverbindungen zu Romulus dem Großen sehen, aber ich schweife ab.)

Ich hab‘ mir die Suppe eingebrockt, jetzt muß ich sie auch auslöffeln – aber mit dem Auslöffeln muß es dann bitte auch sein Bewenden haben. „Ich fordere Gerechtigkeit, auch wenn sie mich vernichtet“ – aber, ich sagte bereits, unserer jüngerer Sohn ist kein Dummkopf. Er ist ein Sünder, auch ein schwerer Sünder (im Sinne des terminus technicus), aber keiner von der ganz verderbten Sorte. Er hat sein Vermögen nicht geraubt, nicht gestohlen und nicht erschlichen, sondern geerbt (wenn auch – aber darauf komme ich noch); er hat es verloren, das ist sein Risiko gewesen, er wußte das, und nun hat er es eben nicht mehr. Das ist auf unverantwortliche Weise geschehen; aber hat er damit auch mehr als sein Vermögen verloren? Schlimm genug, das dann aber nicht, denkt er. Er ist, jedenfalls im wirtschaftlichen Sinne, nicht mehr der Sohn seines Vaters, soll heißen: er hat keinen Anteil am Familienbetrieb mehr: aber damit – so denkt er – müßte es dann sein Bewenden haben. Er ist immer noch ein Mensch, der, mag er auch als Kind des Chefs aufgezogen worden sein, durchaus fähig ist, geduldig, in Unterordnung und mit Einsatz zu arbeiten; und diese Arbeit würde Lohn verdienen. Und Arbeit wird auf dem väterlichen Bauernhof durchaus auch gebraucht – wäre das nicht so, denken wir uns, wäre es zu diesen (zugegeben:) abscheulichen Szenen bei seiner Abreise wohl gar nicht erst gekommen.

Gut, denkt er sich also in durchaus treffender Erörterung: die Sohnschaft (wenn wir diesen theologisch aufgeladenen Begriff gebrauchen wollen) habe ich verspielt; aber warum sollte ich dann bei mir zu Hause weniger sein als ein Tagelöhner? Meine Arbeitskraft habe ich ja noch; warum sollte sie mein Vater weniger schätzen als die eines wildfremden Arbeitssuchenden, die er ja auch einstellt? Er legt sich schon einmal das Sprücherl zurecht, mit dem er bei seinem Vater wieder aufkreuzen könnte: „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt, ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.“

Der überfliegende Leser denkt sich in der Regel, das ist eins von zwei Alternativen: entweder eine notwendige Abwehrmaßnahme gegen damals viel strengere und im Bestrafen grausamere Eltern, oder, aus mehr heutiger Perspektive, ein frömmlerisches Getue, das ihm gleich um die Ohren fliegt, wenn er daheim ankommt. Ich selber hätte als Kind meine Eltern auf keine Weise mehr entsetzen können, als wenn ich mich getraut hätte, mit solch einem Sprücherl daherzukommen.

Aus den geschilderten Gründen denke ich, daß das eben nicht so war: es ist eine präzise Schilderung des Sachverhalts und auch eine präzise Schilderung dessen, was er vorhat – beziehungsweise, was er momentan noch erwägt, sich noch nicht ganz entschlossen hat, zu tun. Er will heimkehren, ja; aber er will seinem Vater sagen: Dein Vermögen habe ich in den Sand gesetzt und mich obendrein wie ein Verräter gegen dich und damit auch gegen Gott und das Naturgesetz, die uns befehlen, unsere Eltern zu lieben, benommen („ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt“). Aber ich bin noch da; und ich kann immer noch arbeiten. Als Arbeiter geht es mir nirgendwo so gut wie hier; aber auch du wirst an deinem eigenen Sohn (wenn ich mir diesen Ehrentitel auch nicht mehr zuschreiben mag) auch einen guten Arbeiter haben. „Mach mich zu einem deiner Tagelöhner.“

Warum übrigens „gegen den Himmel und gegen dich versündigt“? Nun, wir lesen dazu die Einleitung des Gleichnisses. „Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land.“ Die Einheitsübersetzung der Bibel merkt in einer Fußnote an „das Vermögen des Vaters schon zu dessen Lebzeiten zu fordern, war erlaubt, galt aber als unschicklich.“ Und da tun sich dann schon Abgründe auf. Wenn einer sagt: „Vater, nimm’s mir nicht böse, aber ich will in die Welt ziehen und mein Glück machen. Kann ich dafür Geld haben?“ – das können wir nachvollziehen, das würden wir im allgemeinen auch verteidigen. Aber nichts dergleichen. „Gib mir das Erbteil, das mir zusteht“. Eines Tages wirst Du eh den Radieschen von unten beim Wachsen zusehen, dann gehört das alles meinem Bruder und mir. Da kann ich mein Geld dann schon gleich jetzt haben. Rück die Kohle heraus – ich darf das fordern, und daß das angeblich „unschicklich“ ist, sowas geht mir doch sowieso am Hinterteil vorbei.

Da wir gerade eben durchaus versucht haben, es hatte sich eben so ergeben, die Handlungen des verlorenen Sohnes in einem doch recht positiven Licht zu sehen (ohne über seine Fehler hinwegzusehen), könnten wir geneigt sein zu sagen: Dem ist bestimmt eine längere Geschichte vorausgegangen, er hat zuerst ganz höflich vorgesprochen, der Vater hat das dann verweigert, vielleicht mit dem Verweis auf die Ernte, vielleicht mit dem auf die Aussaat, vielleicht mit dem darauf, daß sein Taschengeld doch durchaus bereits ein Lohn für seine Arbeit auf dem Hofe darstellen würde, vielleicht würde er es noch etwas erhöhen, aber dann solle er erst dann abziehen, wenn er genügend eigenes Geld gespart hätte usw. Und der jüngere Sohn wird dann über solche Hinhaltetaktik immer wütender, bis er schließlich sagt: Dann scheiden wir eben im Unfrieden, und ich darf das Erbteil ja fordern (nach damaligem Recht; heute dürfte man das nicht) – wofür man ihn immer noch kritisieren könnte, aber was dann wenigstens als provoziert gelten dürfte. Wenn sein Vater dann später zu seinem älteren Sohn sagt, „alles, was mir gehört, gehört dir“, also jetzt schon, dann hätte eben auch er dazugelernt.

An dieser Stelle würde ich aber doch das Ganze mit dem Salz der offensichtlichen Interpretation würzen. Das Gleichnis vom Verlorenen Schaf unmittelbar davor endet mit „Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude sein über einen einzigen Sünder, der umkehrt“. Der Vater soll hier offensichtlich Gott repräsentieren; und Gott lernt nicht dazu, er ist von Ewigkeit her allweise. Daraus folgt dann, daß er zu seinem jüngeren Sohn auch schon „alles, was mir gehört, gehört dir“ gesagt hätte, wie er es später zu dem älteren tut.

„Alles, was mir gehört, gehört euch“ – wenn das die Maxime des Vaters ist, warum bittet ihn der jüngere Sohn dann nicht einfach um ein Startkapital (das übrigens nicht gleich die Hälfte des Erbes sein muß, auch mit weniger dürfte man sowohl in eine Geschäftsidee oder was es auch immer war, investieren können, und auch das eine oder andere Bier dürfte dabei herausspringen)? Er hätte es doch wohl bekommen? Es wäre vielleicht etwas weniger gewesen als die Hälfte des Vermögens – aber wäre es das nicht wert gewesen, mit seiner Familie im Frieden zu bleiben? Hätte er nicht auch um Nachschüsse bitten können? War ihm die Hoffart des „ich fordere nur, was mir zusteht“ wirklich wert, die Kontakte zu seiner Familie abzubrechen?

„Ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt“ – wohl wahr. Und umso mehr, als es nicht nötig gewesen wäre. Wir sind ja manchmal in Versuchung, Sünden zu tun, um gewisse Güter widerrechtlich zu erlangen, die wir sonst nicht erlangen könnten. Aber das ist nicht das Wesen der Sünde. In der gefallenen Welt müssen wir manchmal auf Dinge verzichten, die wir durch Sünde bekommen könnten, weil es keinen ehrlichen Weg gibt, sie zu erlangen; aber das geschieht accidentialiter: die Sünde als Sünde wird gerade dann besonders erkennbar, wenn wir dasselbe Gut durchaus hätten erlangen können, und auf legitimem Weg hätten erlangen können, aber den verbotenen Pfad vorziehen. Wenn – um nur zwei Beispiele zu nennen – ein Mensch sich in emotionaler Situation mit einer Gotteslästerung Luft macht, obwohl er genausogut „Herrschaftszeiten“ hätte sagen können oder „Jesus, Maria und Josef“ in frommem, wenn auch ein wenig informellem Gebet anrufen hätte können. Oder: Wenn ein Mensch gefragt wird, wo Hans Müller gerade ist, von einem, der das nicht wissen darf, und „ich weiß nicht, wo Hans Müller ist“ lügt, statt einfach „ja, der Hans Müller, wo der wohl ist“ zu sagen (was keine Lüge ist). – Es wäre so einfach gewesen, anständig zu bleiben, einfach ein bißchen die Liebe zu seinen Eltern bewahren, und sogar ohne dadurch sonst schlechter gestellt zu sein: die Sünde bringt nie einen Vorteil, im Angesicht der Ewigkeit sowieso nicht, aber sehr häufig nicht einmal kurzfristig; trotzdem wird sie getan. Das hat unsere gefallene Welt so an sich; und das ist auch der Grund, warum die Klugheit die erste Kardinaltugend ist.

Es ist insofern auch gar nicht so erstaunlich, wenn unser Verlorener Sohn, da er klug wird, zunächst an das ausreichende Essen der Arbeiter seines Vaters denkt, was viele Prediger ja sehr erstaunt. Dieser Gedankengang ist legitim; man kann das fast nicht genug betonen: aber er ist letztlich auch im tiefsten zur Sache gehörend, was vielleicht nicht so selbstverständlich ist. Gott will, daß es uns gut geht – was übrigens die Fastenzeit und andere Askese einschließt, die wir ja deswegen auf uns nehmen, um für das noch größere und noch angenehmere Gut, in der Nähe Gottes zu sein, freier sein zu können (und, warum nicht, als Nebeneffekt auch, um die Gaben Gottes besser wertschätzen zu können). Der Teufel hingegen will, daß es uns schlecht geht. Gott will uns Gutes, der Teufel Böses – auch materiell! Auch wenn in der gefallenen, wenn in der erlösten, aber von der Sünde noch gezeichneten Welt diese Verhältnisse bisweilen nicht klar erkennbar sind.

Aber kehren wir zu unserem Verlorenen Sohne zurück, nicht wahr? Er wird, jetzt endlich, klug. Die Sünde ist einmal geschehen, sie ist in der Welt, ob ich ihr nun aus dem Weg laufe oder nicht. Er entscheidet sich also, zu seinem Vater zurückzugehen, seinen Zustand anzuerkennen als nicht mehr würdig, sein Sohn zu heißen (da er die Verbindungen abgebrochen hatte), um dort dann als Tagelöhner zu arbeiten.

Und dann, endlich, tut er’s. Wir halten fest, daß in diesem Fall die Initiative von ihm, interpretativ gesagt also vom Sünder, ausgeht. „Der Vater sah ihn schon von weitem kommen“, er hat also wohl Ausschau gehalten; aber er hat eben Ausschau gehalten. Hier unterscheidet sich das Gleichnis ein wenig vom vorgehenden Gleichnis vom Verlorenen Schaf, wo der Hirt ganz allein aufbricht, um das Schaf zu suchen, wo die Initiative allein vom Hirten ausgeht. Es ist natürlich eine theologische Wahrheit; die Begnadigung geht immer von Gott zuerst aus (wenn wir also die Interpretation hineinlaufen lassen, dann hat unseren Verlorenen Sohn fern des Landes im Schweinestall schon der Strahl der Gnade getroffen); aber es ist die Rolle der Mitwirkung mit der Gnade, die dieses Gleichnis in den Mittelpunkt stellt. Vielleicht ist es deswegen, daß das Gleichnis vom Verlorenen Schaf zusammen mit dem von der Verlorenen Drachme an einem Sonntag nach Pfingsten, in der Heilig-Geist-Zeit, verlesen wird, während der Platz des Verlorenen Sohnes in der Fastenzeit (im alten Ritus am Samstag nach dem 2. Fastensonntag) ist. Die Fastenzeit nämlich gibt es für die, die bereits Christen sind, und für die Katechumenen, die sich bereits auf den Weg zur Taufe gemacht haben, sich bereits in die Kirche eingeschrieben haben und nun ihre letzten Schritte zurücklegen, bis sie – an Ostern – mit der Taufe ins Haus des Vaters zurückkehren. Und eben für uns arme Sünder, die wir es auch nötig haben, uns zu bekehren oder uns zumindest, nachlässig geworden, wieder am Riemen zu reißen, um ins Haus des Vaters entweder auch zurückzukommen oder zumindest unsere Beziehung zum Vater zu erneuern.

Er kommt daheim an, und während er sein Sprücherl aufsagt, denkt sich der Vater so: „bla bla bla“ und ignoriert das ganze; dann sagt er den Knechten, sie sollen ihn in allen Ehren wieder als Sohn aufnehmen und ein Fest feiern. Genau das, wenn meine Theorie stimmt, was er gefürchtet hatte; aber immerhin, er fährt ihm nicht über den Mund, er läßt ihn sein Sprücherl noch aufsagen … und auf einmal stellt sich heraus, daß auch die Versöhnung nicht so schlimm ist wie befürchtet. Es gibt einen Kalbsbraten, es gibt Wein (nehmen wir an), und ob nun die Geschichte mit dem Hurenbock stimmt oder nicht, vielleicht werden auch Mädchen aus der Nachbarschaft eingeladen, mit denen er sich auf keusche Weise unterhalten und von denen er vielleicht einmal eine zum Altar führen kann.

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(Jacopo Bassano, Die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Gemeinfrei.)

Und jetzt müssen wir uns natürlich die Geschichte mit dem älteren Sohn anschauen. „Ein Mann hatte zwei Söhne“, geht unser Gleichnis ja los. Der ältere Sohn wird volkstümlich gerne vergessen; im Wild Rover kam er gar nicht vor. Wo man an ihn denkt, so schimpft man entweder (gern auf liberaler Seite) über seine Engstirnigkeit, die man gerne mit der (angeblichen) Engstirnigkeit derjenigen in der Kirche vergleicht, die nicht über das erstbeste sentimentale Argument in Häresien verfallen; oder aber (auf konservativer Seite) hat man so den Eindruck, hier sind Leute auf einem hoffnungslosen Verteidigungsposten und müssen erklären, wie sie mit dieser sie so offensichtlich verurteilenden Figur im Gleichnis zurechtkommen. „Ein Mann hatte zwei Söhne“ – wenn das Gleichnis so losgeht, dann ist vielleicht das sogar der Hauptpunkt im Gleichnis, zumal der Heiland es ja im Kontext den Pharisäern und Schriftgelehrten erzählt, die sich empören, daß der Heiland sich mit Sündern abgibt und sogar mit ihnen ißt (Lk 15,2). Die im alten Ritus diesem Evangelium vorangehende Lesung behandelt denn auch ein uns wohlbekanntes Brüderpaar des Alten Testamentes, Jakob und Esau.

Jakob – der jüngere – hat bei Esau einen schwachen Moment ausgenützt, um sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht abzuhandeln, und nachher hat er sich als Esau verkleidet, um den Segen seines Vaters zu erschleichen. Nun kann man das vielleicht verteidigen; das Erstgeburtsrecht hat Esau freiwillig verkauft, und wenn er sich hernach beim Segen vorstellt mit „Ich bin Esau, dein Erstgeborener“, dann hat er nur die Position eingenommen, die ihm auf Grund dieses Verkaufs tatsächlich zustand. (So erklären das die klassischen Theologen. Immerhin ist Jakob ein heiliger Patriarch.) Der offensichtliche erste Eindruck ist aber: eine Trickserei und nicht die feine Art war es jedenfalls. Und er, der jüngere, steht jetzt mit dem Erstgeburtsrecht und dem Segen da und wird belohnt, indem er der Stammvater des Volkes Israel wird – so wie der jüngere Sohn im Gleichnis mit der willkommenen Wiederaufnahme in das Vaterhaus, nachdem er sich gegenüber seinem Vater bei der Erbteilung grauenhaft benommen und dann das halbe Vermögen verpraßt hatte.

Der ältere nun geht her und sagt: „So viele Jahre schon diene ich dir, und nie habe ich gegen deinen Willen gehandelt; mir aber hast Du nie auch nur einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.“ (Wir bemerken nebenher: Man ißt Zicklein und dergleichen, aber Ziegenböcke, heißt es in einem älteren kulinarischen Werk, braucht man natürlich zur Ziegenzucht, doch als Speise werden sie sogar von den Armen verschmäht. Sie schmecken einfach nicht. „Nicht einmal einen Ziegenbock“ heißt also, daß er eben nicht einmal etwas in der Beziehung fast Wertloses bekommen hat.) Und: „kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn“ – vom Bruder ist nicht die Rede! – „der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat“ (ob das nun stimmt oder nicht), „da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet“.

Eine manifeste, für uns nur zu nachvollziehbare Ungerechtigkeit, die man eben so beantworten müßte, wenn Gott (wir interpretieren) großzügig sei, müßte man das eben hinnehmen und seinen Mund halten? Mit den Frommen kann’s Gott ja machen?

Aber der Vater gibt auf diesen Vorwurf auch eine Antwort, und es lohnt sich, diese Antwort genau zu betrachten.

„Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein.“

Ist man etwas zu gewohnt, dies als bloße Beschwichtigung zu betrachten, dann könnte einem die enorme Bedeutung dieses Satzes entgehen. Recht verstanden tun sich hier also erneut Abgründe auf.

Da hat also der ältere Bruder jahraus, jahrein für den Vater geschuftet und niemals mit seinen Freunden ein Fest gefeiert – und warum? Weil ihn der Vater an der kurzen Leine gehalten hat? Mitnichten: „alles, was mein ist, ist dein“. Hätte er – nicht unbedingt mit einem Ziegenbock, aber vielleicht mit einem Lamm (oder bei uns, für die die jüdischen Speisegesetze nicht gelten: mit einem Spanferkel) mit seinen Freunden ein Fest feiern wollen – wenn alles, was seines Vaters ist, auch seines ist, dann hätte er sich einfach eines nehmen können.

Und wenn er das nicht gewußt hat – oder aus Höflichkeit – dann hätte er fragen können. Hätte ihm sein Vater, der „alles, was mein ist, ist auch dein“ sagt, ein Lämmchen verweigert? Unmöglich (es sei denn, er würde hier lügen; aber da der Vater hier für Gott steht, können wir das durch die Interpretation wieder ausschließen).

Auch der ältere Sohn, der seinen Vater für einen Knauser gehalten haben muß und obendrein sich selbst zu schade war, unverbindlich nach dem nachzufragen, wonach ihn sein Herz sehnte (und wenn es nur eine Party mit Freunden war), dieses sein Verhalten, das man für sich genommen ja sogar eine löbliche Verzichtsleistung (wenn auch nicht unbedingt eine der menschlichen Freude sehr förderliche) nennen kann, dann aber ohne jede Rechtfertigung als Forderung an alle seine Mitmenschen ausdehnt – er war zwar nicht verloren („mein Sohn, du bist immer bei mir“), aber zum besten hat es auch nicht gestanden. Ein Bild vielleicht für das, was ich oben erwähnt habe: nicht jeder muß sich im eigentlichen Sinne des Wortes in der Fastenzeit bekehren (denn im eigentlichen Sinne betrifft Bekehrung die Ungläubigen und die schweren Sünder), aber aufbrechen und in vollerer Form zum Vater gehen, das muß jeder. Und manchmal müssen wir auch solche sogar sehr gewichtige Dinge erstmal noch neu lernen. Und sei es nur, daß (wenn wir wieder interpretieren) das Beim-Vater-Sein, also Bei-Gott-Sein, an sich schon genug ist, um jeden Verzicht (auch solchen, den man sich irrtümlich auferlegt, weil man denkt, daß der Vater strenger ist, als er tatsächlich ist) überreichlich aufzuwiegen.

Nebenbei: wird nun unser jüngerer Sohn, trotz Mastkalb und Ring am Finger, tatsächlich zum Tagelöhner oder doch angestellten Mitarbeiter? „Alles, was mein ist, ist dein“, sagt der Vater ja zum älteren. – Dies scheint mir nur dadurch auflösbar, daß es eben ein Gleichnis ist, das den Himmel zum Inhalt hat, und hier fängt der Vergleich eben zum Hinken an. Beim irdischen Vorgang endet entweder der jüngere Sohn als angestellter, gewiß hochgeschätzter, mit dem Ehrentitel „Sohn“ wieder belegter Mitarbeiter, der aber keinen Anteil, auch nicht als zu erwartendes Erbe, mehr hat, da dieser schon verspielt ist – oder aber der ältere Sohn muß doch von seiner Hälfte wieder eine Hälfte weggeben:

Hier aber geht es um den Himmel. Wenn man unendlich durch zwei teilt, kommt wieder unendlich heraus, sagt schon der Mathematiker. Was der Mathematiker nicht sagt, was in bezug auf den Himmel aber stimmt, ist das Sprichwort: geteilte Freude ist doppelte Freude. Der Himmel ist an sich schon himmlisch, und nichts kann das wesentliche Element der Glorie, die Gegenwart Gottes, auch nur annähernd aufwiegen. Aber mit jeder Seele mehr, die in der Glorie lebt, mit der man die Freuden des Himmels teilen kann, wird er – man gestatte die Ungenauigkeit im Ausdruck – noch ein bißchen himmlischer.

Was glaubten, wie lebten die frühen Christen? Fragt sie doch selber!

Die Urkirche, die ersten Christen, diejenigen, die noch die römischen Christenverfolgungen erlebten, sind häufig Projektionsfläche für Träume von einer reinen, idealen Kirche gewesen. Die Reformatoren traten mit dem Anspruch auf, zur Reinheit des Urchristentums zurückzukehren; ähnlich die Mormonen; sogar unreligiöse Menschen (etwa die sich selbst als „Aufklärer“ bezeichnenden Religionsfeinde des 18. Jahrhunderts) vertreten oft ein ähnliches Konzept und meinen, die ersten Christen hätten Jesus nur als Weisheitslehrer verehrt und man hätte ihn erst irgendwann später zum Gott erklärt. Kurz gesagt: Die ersten Christen hatten genau das geglaubt, was man selbst durchsetzen wollte, aber irgendwann war diese reine Lehre verloren gegangen. Vermutlich mit Konstantin, oder so?

Das Problem ist nur: Wir können nachprüfen, was die frühen Christen glaubten. Wir haben da nämlich einige Quellen, die im öffentlichen Bewusstsein überhaupt nicht auftauchen. Und wenn die Kirche irgendwann von der reinen Bahn abgekommen sein sollte, müsste man davon ja Spuren in diesen Quellen entdecken – einen Bruch in der Lehre, Leute, die gegen diesen Bruch protestieren, usw. (Und genau das findet sich nicht.)

Okay. Was sind das jetzt im Einzelnen für Quellen?

Zunächst mal sind die biblischen Quellen selber ergiebiger, als viele Leute, die sich mit der Bibel nicht auskennen, auf Anhieb meinen würden. Da haben wir die vier Evangelien, die von Jesus berichten, und die vom Evangelisten Lukas verfasste Apostelgeschichte, die die Geschichte der frühen Kirche erzählt; diese Schriften sind ihrem Anspruch nach Geschichtswerke (wie Lukas in seinem Vorwort sehr deutlich macht); das Genre der Evangelien ist das der antiken Biographie, die von der Vorgeschichte und Geburt, den bedeutenden Taten, dem Tod und dem Nachleben berühmter Männer erzählt, nicht etwa das des Mythos. Lukas bricht die Apostelgeschichte noch vor dem Tod des Paulus in Rom abrupt ab, was den Schluss nahelegt, dass sie zu genau dieser Zeit, Anfang der 60er, verfasst wurde; das vorher niedergeschriebene Lukasevangelium wäre dann um 60 entstanden, das Markus- und das Matthäusevangelium noch ein wenig zuvor; sie sind also alle noch ziemlich nah an Jesus dran. (Jesus wurde um das Jahr 30 gekreuzigt.) Diese drei Evangelien werden oft erst auf die Zeit nach 70 n. Chr. datiert, was aber auch nicht viel später ist, und wofür sowieso der einzige Anhaltspunkt ist, dass Jesus in diesen Texten die Zerstörung des Jerusalemer Tempels, die im Jahr 70 geschah, vorhersagt; die Datierung funktioniert also nur, wenn man von vornherein davon ausgeht, dass Jesus nichts vorhersagen oder auch nur vorausahnen konnte. Das Johannesevangelium ist relativ spät entstanden, um 90. Auch die drei Johannesbriefe und die Offenbarung des Johannes sind Ende des 1. Jahrhunderts entstanden. Der erste der Paulusbriefe, der 1. Brief an die Thessalonicher, wurde um 50 geschrieben, also erst zwanzig Jahre nach der Kreuzigung Jesu. Bei sieben der vierzehn Paulusbriefe, dem Jakobus- und dem Judasbrief und bei den beiden Petrusbriefen ist die Echtheit umstritten, sie werden oft aufs späte 1. oder frühe 2. Jahrhundert datiert. Ich könnte jetzt hier länger ausführen, warum ich den Forschern folge, die sie für echt und älter halten, aber belassen wir es für heute mal dabei; jedenfalls datiert kein heutiger Exeget irgendeine biblische Schrift später als das Jahr 120, und alle sind sich einig, dass einige aus den 50ern des 1. Jahrhunderts stammen. Die Briefe bieten einen direkten Einblick in die frühen Gemeinden, ihre Konflikte, ihre Überzeugungen, das, was ihnen an Jesus am wichtigsten war. Eigentlich wäre schon viel gewonnen, wenn jeder, der etwas über die ersten Christen wissen will, einfach mal, sagen wir, das Markusevangelium, den um 55 n. Chr. verfassten 1. Korintherbrief und den um 60 verfassten Philipperbrief von vorne bis hinten lesen würde. (Zu dieser Zeit lag die Kreuzigung Jesu etwa so lange zurück wie von uns aus betrachtet der Mauerfall.)

Aber die biblischen Schriften sind ja immerhin noch einigermaßen bekannt. Dann gibt es aus dem späten 1. und frühen 2. Jahrhundert auch noch folgende christliche Quellen, die kaum einer kennt (die deutschen Übersetzungen der vollständigen Texte sind verlinkt) :

  • Der (1.) Clemensbrief, ein Brief des 4. Bischofs von Rom (nach Petrus, Linus und Cletus) an die Gemeinde von Korinth, wurde ca. 95 n. Chr. geschrieben; der Anlass war ein Konflikt in der dortigen Gemeinde.
  • Die Didache, auch Zwölfapostellehre genannt, ist eine Kirchenordnung, die ungefähr um 100 n. Chr. entstanden ist, sie enthält z. B. Aussagen über christliche Gebote und Gottesdienste.
  • Die sieben Briefe des hl. Ignatius von Antiochia wurden von diesem Bischof um 107 n. Chr. auf dem Weg von Antiochia nach Rom geschrieben, wohin er für seinen Prozess gebracht wurde, weil er als Christ angeklagt war, und wo er dann den Märtyrertod starb. Er schrieb an sechs Gemeinden sowie an Bischof Polykarp von Smyrna.
  • Kurz darauf ist der Brief Polykarps an die Gemeinde von Philippi entstanden.
  • Der Barnabasbrief wurde von manchen antiken Christen dem Apostel Barnabas zugeschrieben, was aber zweifelhaft ist. Er muss nach 70 n. Chr. entstanden sein, aber noch vor 132 n. Chr.
  • Dann wäre da eine Art Privatoffenbarung, in der es hauptsächlich um die Buße geht, der „Hirte des Hermas“, aufgezeichnet von einem römischen Christen namens Hermas. Von manchen Christen wurde sie noch in apostolische Zeit datiert; der Kanon Muratori (s. u.) datiert sie jedoch in die Zeit Papst Pius‘ I. (140-155).
  • Aristides von Athen war einer der ersten christlichen Apologeten; er schrieb seine Apologie, d. h. seine Verteidigung des Christentums, zur Zeit von Kaiser Hadrian oder Antoninus Pius.
  • Um oder vor 150 entstand der sog. 2. Clemensbrief, der aber nicht von Papst Clemens stammt, dem er manchmal zugeschrieben wurde.

Die Autoren dieser Texte (gut, Aristides zählt man bei der Bezeichnung meistens nicht mit) bezeichnet man auch als die „Apostolischen Väter“.

Den christlichen, besonders den biblischen, Quellen wird aber ja gerne vorgeworfen, parteiisch zu sein, nur eine Seite zu zeigen, ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, und daher nicht verlässlich zu sein. Das ist ein wenig stichhaltiger Vorwurf; ausnahmslos jede Quelle, mit der Historiker zu tun haben, ist parteiisch und verfolgt ein bestimmtes Ziel. Das heißt nicht, dass sie automatisch lügen würde und erst recht nicht, dass man aus ihr nicht wichtige Informationen entnehmen könnte. Es stellt sich ja auch die Frage: Wieso waren die Autoren dieser Texte überhaupt Christen? Wieso glaubten sie an Jesus und schrieben über Ihn? Irgendetwas musste sie überzeugt haben. Das gleiche gilt etwa, wenn Plato über Sokrates schreibt.

Aber halt! Wir haben sowieso auch noch folgende heidnische und jüdische Quellen aus dem späten 1. und frühen 2. Jahrhundert:

  • Plinius der Jüngere, der zwischen 109 und 113 n. Chr. Statthalter in Bithynien in Kleinasien war, schrieb einen Brief an Kaiser Trajan, um zu fragen, ob er bei Prozessen gegen Christen, die er hatte foltern und hinrichten lassen, richtig gehandelt hatte. Auch Trajans Antwort ist erhalten.
  • Der römische Historiker Tacitus erwähnt in seinen Annalen, die er zwischen 110 und 120 n. Chr. veröffentlichte, die Christenverfolgung unter Nero (64 n. Chr.) und nimmt Bezug auf die Hinrichtung Jesu unter Pontius Pilatus.
  • Auch Sueton (um 70 – nach 122), der allerdings mehr Klatschreporter als Historiker war und nicht einmal den Titel „Christus“ richtig schreibt, erwähnt Christus, das Judenedikt des Claudius (49 n. Chr.) und die Neronische Verfolgung in seinen Kaiserbiographien am Rande.
  • Flavius Josephus, ein Jude, der am jüdischen Aufstand 66-70 n. Chr. teilgenommen, sich dann aber den Römern ergeben und mit ihnen zusammengearbeitet hatte, schrieb später in Rom über diesen Krieg und über die jüdische Geschichte im Allgemeinen. Sein 20-bändiges Werk „Jüdische Altertümer“ beendete er im Jahr 94. Er erwähnt darin auch Johannes den Täufer, Jesus und den Herrenbruder Jakobus. Leider wurde die Stelle über Jesus offensichtlich von einem späteren christlichen Fälscher bearbeitet – danke für nichts, Fälscher -, aber die meisten Historiker meinen, dass da auch ursprünglich etwas über Jesus stand und nur ein paar Sätze eingefügt wurden.

Soweit die Quellen aus der Zeit, als nur noch ein Apostel lebte (Johannes, der um 100 in hohem Alter starb) bzw. der Zeit, die direkt auf die apostolische Zeit folgte. (Zum Vergleich: Um 100 oder 110 n. Chr. lag die Kreuzigung so weit in der Vergangenheit wie von uns aus gesehen der Zweite Weltkrieg.)

Ab der Mitte des 2. Jahrhunderts werden die Quellen noch einmal häufiger, und auch länger. Da haben wir etwa Folgendes an christlichen Quellen.

  • Justin der Märtyrer / der Philosoph (ca. 100-165) war ein zum Christentum bekehrter Platoniker und Gründer einer christlichen Schule, der unter Kaiser Mark Aurel in Rom hingerichtet wurde. Er verteidigt in seinen Schriften das Christentum gegen seine Gegner: Die erste und die zweite Apologie sind an die Heiden gerichtet, der Dialog mit Tryphon an die Juden.
  • Irenäus von Lyon (um 135 – um 200) war Bischof in Lugdunum, dem heutigen Lyon, und ein Schüler des oben erwähnten Polykarp von Smyrna, der ein Schüler des Apostels Johannes war. Sein wichtigste erhaltenes Werk hat den Titel „Gegen die Häresien“.
  • Dann gibt es die sog. Märtyrerakten: Berichte über die Martyrien herausragender Christen. Über Polykarp von Smyrna, der 155 als sehr alter Mann hingerichtet wurde, verfasst von seiner Gemeinde. Über den oben erwähnten Justin und seine Gefährten. Über die Scilitanischen Märtyrer, die am 17. Juli 180 in Karthago in Nordafrika verurteilt und hingerichtet wurden. Über die Heiligen Karpus, Papylus und Agathonike. Über den heiligen Apollonius, der zur Zeit des Kaisers Commodus (180-192) zum Märtyrer wurde. Über die vornehme Perpetua und ihre Sklavin Felicitas, die im Jahr 203 in Karthago hingerichtet wurden. Über den heiligen Cyprian von Karthago, im Jahr 258 hingerichtet. Über Pionius und seine Gefährten, die während der Verfolgung unter Decius (249-251) zu Märtyrern wurden.
  • Ein frühes Glaubensbekenntnis, das wohl aus der Zeit um 160-170 stammt, ist noch in äthiopischer Übersetzung erhalten; es enthält die Worte (spätere Hinzufügungen in eckigen Klammern) : „An den Vater, den Herrscher über das All, und an Jesus Christus, [unseren Erlöser,] und an den Heiligen Geist, [den Beistand,] und an die heilige Kirche, und an die Vergebung der Sünden“. (Quelle: Denzinger-Hünermann 1)
  • Der Kanon Muratori ist eine fragmentarisch erhaltene Aufzählung von Büchern des Neuen Testamentes, die dem Verfasser als kanonisch galten und in der Kirche verlesen wurden. Er stammt aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts. Der Text erwähnt auch den Hirten des Hermas, der aber nicht als kanonisch gelten soll, und enthält Informationen über die Evangelisten Lukas und Johannes.
  • Athenagoras von Athen war ein christlicher Apologet aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts, der das Christentum in seiner „Bittschrift für die Christen“ und seiner Schrift „Über die Auferstehung der Toten“ gegen heidnische Vorwürfe verteidigte.
  • Theophilus von Antiochia war der sechste Bischof dieser Stadt und starb um 183; er hinterließ eine Schrift mit dem Titel „An Autolykus“, in der er darlegt, wieso man Christ sein sollte.
  • Tatians „Rede an die Griechen“ stammt ebenfalls aus dieser Zeit; Tatian war allerdings jemand, der sich in seinem späteren Leben nicht so ganz rechtgläubgen Lehren zuwandte.
  • Die Datierung des Briefs an Diognet, noch einer apologetischen Schrift, ist nicht ganz klar; er dürfte auch etwa ins 2. Jahrhundert fallen, vielleicht auch ins frühe 3.
  • Minucius Felix schrieb um 200; er verteidigt in dem Dialog „Octavius“ ebenfalls das Christentum gegen seine Gegner.
  • Origenes (ca. 185-254) war ein sehr gelehrter Theologe aus Alexandria – und auch eine etwas schillernde Gestalt. Er soll sich als junger Mann selbst kastriert haben und geriet gegen Ende seines Lebens mit der Kirchenhierarchie in Konflikt, weil er an die Allerlösung und ein paar andere heterodoxe Lehren glaubte. Er wurde während einer Christenverfolgung gefoltert und starb später an den Folgen. Von ihm sind zahlreiche Werke erhalten; eins der bekanntesten ist „Gegen Celsus“ (248 veröffentlicht), in dem er sich mit einer antichristlichen Schrift des Philosophen Celsus (um 178 veröffentlicht) auseinandersetzt. Des weiteren wären da zum Beispiel „Über die Grundlehren der Glaubenswissenschaft“, „Ermahnung zum Martyrium“ und „Vom Gebet“.
  • Tertullian, der aus Karthago stammte und nach 220 starb, war ebenfalls ein bekannter Theologe, von dem viele Werke erhalten sind. Er schloss sich gegen Ende seines Lebens der rigoristischen, Neuoffenbarungen für ihre Propheten beanspruchenden Sekte der Montanisten an. Hier finden sich einige seiner Werke.
  • Hippolyt von Rom (gestorben 235) war der allererste Gegenpapst (d. h. jemand, der sich wegen eines Konflikts in der römischen Kirche als Bischof von Rom aufstellen ließ, obwohl es schon einen Bischof gab); und da er sich wieder mit dem rechtmäßigen Papst aussöhnte, als beide gemeinsam ins  Bergwerk nach Sardinien verbannt wurden, wurde er der erste und einzige heilige Gegenpapst. Sein bekanntestes Werk ist eine Kirchenordnung, die Traditio Apostolica (ich habe online leider den vollständigen Text nicht gefunden). Aber auch weitere Werke sind erhalten.
  • Cyprian von Karthago wurde, wie oben schon erwähnt, im Jahr 258 zum Märtyrer. Hier finden sich einige seiner Werke. Besonders interessant sind seine Briefe; er schrieb auch einige an Papst Cornelius den I., und zwei Briefe von Cornelius an ihn sind auch erhalten.
  • Es gibt noch ein paar weitere Papstbriefe aus dem 3. Jahrhundert, von denen teilweise nur sehr knappe Fragmente erhalten sind, etwa von Stephan I.
  • Es gäbe noch mehr christliche Schriftsteller zwischen dem 2. und dem Beginn des 4. Jahrhunderts, etwa Julius Africanus, der eine Weltchronik verfasste, Clemens von Alexandria, Pontius Diaconus und Arnobius Major; diese Liste war nur eine Auswahl der bekanntesten.

Dann gäbe es noch zahlreiche archäologische Quellen. Hier etwa haben wir ein spöttisches Graffito aus Rom aus dem 2. Jahrhundert, auf dem jemand vor einem Gekreuzigten mit einem Eselskopf steht; dabei steht auf Griechisch: „Alexamenos sebete [grammatikalisch richtig müsste es „sebetai“ heißen] theon“, also: „Alexamenos betet (den/seinen) Gott an.“ Die Christen beteten Jesus, den Gekreuzigten, wirklich als Gott an, wofür die Heiden sie verspotteten.

Bei Ausgrabungen unter dem Petersdom in Rom wurden zahlreiche christliche Gräber gefunden, und da haben wir Fresken und kunstvoll gestaltete Särge, die einiges über die Vorstellungen der Christen dieser Zeit verraten; da sind zum Beispiel biblische Szenen dargestellt. Auch an der Stelle, an der man das Petrusgrab vermutet hatte, wurde etwas gefunden: Eine kleine Ädikula (eine Art Schrein oder Nische) aus dem 2. Jahrhundert, und eine Wand aus dem 3. Jahrhundert mit Graffiti von Pilgern, und Gebeinen eines alten Mannes, die noch aus dem 1. Jahrhundert stammen und somit von Petrus stammen können. Auch in Sankt Paul vor den Mauern haben wir passende Gebeine, die von Paulus sein können. Dann gäbe es die ausgegrabenen Hauskirchen – etwa ein Haus in Dura Europos, das 232/233 (das Datum ist aus einer Inschrift im Putz bekannt) zu einer Hauskirche umgebaut wurde. Hier haben wir zum Beispiel eine Wandmalerei aus dem Baptisterium (Taufraum) dieser Hauskirche, auf der man sieht, wie Jesus und Petrus während des Sturms auf dem Wasser des Sees Genezareth gehen – Jesus reicht Petrus gerade die Hand -, während hinten die Jünger im Boot sitzen:

Das Haus des Petrus in Kafarnaum, die Geburtsgrotte und die Grabeskirche sollten nicht vergessen werden. Es gäbe noch mehr erwähnenswerte Orte und Funde. Auch wurden in Ägypten (in dessen Klima sich Papyrus lange hält) kleine Papyrusstückchen gefunden, die Gebete von Christen enthalten; da haben wir etwa ein um 250 entstandenes Gebet an die Gottesmutter – ja, da wird der Begriff „Theotokos“, „Gottesgebärerin“, benutzt.

Und vergessen wir nicht die apokryphen Evangelien. Für die interessieren sich die Leute ja oft besonders, weil sie von der Kirche verworfen wurden – allerdings seltsamerweise meistens nicht genug, um die Originaltexte zu lesen. Ja, die kann jeder lesen. Übersetzungen mit wissenschaftlichen Einleitungen und Fußnoten kann man in jeder Buchhandlung oder Bibliothek bestellen, und im Internet gibt es auch Übersetzungen für die meisten dieser Texte (siehe die Links unten). Da wird man leider feststellen, dass sie wesentlich langweiliger sind als erwartet. Spoiler: Jesus ist immer noch nicht mit Maria Magdalena verheiratet.

Wir haben aus der 2. Hälfte des 2. Jahrhunderts mehrere gnostische Evangelien, manche davon vollständig, andere nur fragmentarisch erhalten, etwa:

Knapp gesagt war die Gnosis eine seltsame esoterische und synkretistische Strömung, von der es auch einen christlichen Ableger gab, der Jesus für sich beanspruchte und ihm gnostische Lehren in den Mund legte; dementsprechend werden ihre Schriften heutzutage außer von Althistorikern auch ab und zu von modernen Esoterikern verbreitet (siehe die Links). Viele von ihnen sind aus den koptischen Handschriften von Nag Hammadi (Ägypten) bekannt.

Dann gibt es auch noch ein paar Kindheitsevangelien, die die knappen Berichte der kanonischen Evangelien über Jesu Familie und Kindheit ausschmücken, und die nicht immer ketzerisch, aber oft eher legendarisch sind:

Es gibt noch ein paar apokryphe Evangelien, die nicht in diese Kategorien passen:

  • Das Petrusevangelium schildert die Passion und Auferstehung Jesu; es weicht in ein paar Details von den kanonischen Evangelien ab, z. B. ist Herodes statt Pilatus für die Kreuzigung verantwortlich. Es ist eins der frühesten außerkanonischen Evangelien, auf jeden Fall vor 190 entstanden, wohl schon in der 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts.
  • Das um 250 entstandene Bartholomäusevangelium enthält Offenbarungen über Jesu Abstieg ins Totenreich und Ähnliches.

Einige andere apokryphe Evangelien sind später, teilweise erst mehrere Jahrhunderte später entstanden, oder nur noch in sehr kurzen Fragmenten erhalten. Außerdem gibt es noch diverse apokryphe Erzählungen über die Apostel und Offenbarungen über das Weltende. (Wer sich dafür interessiert, bitte selbst suchen. Hier kann man anfangen.)

Wir haben natürlich auch einige spätere jüdische und heidnische Quellen über Jesus und das Christentum. Da wären ein paar Stellen im jüdischen Talmud, und eine jüdische Lebensbeschreibung über Jesus, die Toledot Jeschu, deren Datierung jedoch sehr unklar ist – sie ist irgendwann vor dem 9. Jahrhundert entstanden. Auf heidnischer Seite hätten wir die langen Celsus-Zitate, die bei Origenes überliefert sind; der Satiriker Lukian von Samosata erwähnt um 170 die Christen in einer seiner satirischen Geschichten (diese Seite zitiert den Abschnitt, ganz unten); Justin der Märtyrer verweist in seinen Schriften auf die offiziellen Gerichtsakten des Pilatus, die zu seiner Zeit noch existiert haben müssen, heute aber leider verloren sind; der oben erwähnte Julius Africanus bezieht sich in seiner Chronik auf den heidnischen Historiker Thallus, der die Finsternis zum Todeszeitpunkt Jesu erwähnt habe, die er (fälschlich, wie Julius sagt), für eine Sonnenfinsternis gehalten habe.

Eine sehr wichtige christliche Quelle ist auch die „Kirchengeschichte“ des Eusebius von Cäsarea. Eusebius schrieb zwar erst im 4. Jahrhundert, aber er zitiert aus zahlreichen älteren Werken; manche davon sind erhalten, von anderen haben wir nur die Zitate bei ihm. Zu letzteren gehören etwa Schriften von Papias, der um 100 schrieb, Quadratus von Athen (gestorben 129), oder Gaius von Rom, der um 200 schrieb.

Zu beachten ist natürlich: Von diesen Schriften sind nicht die ersten Manuskripte erhalten, sondern spätere Abschriften. Manche sind auch nur in einer Übersetzung erhalten (z. B. vom Griechischen ins Lateinische oder Syrische). Das ist aber nichts Ungewöhnliches. Von Cäsars, Ciceros, Platos oder Herodots Werken haben wir oft noch erst sehr viel spätere Abschriften. (Am besten sind die biblischen Schriften überliefert, weil von ihnen am meisten Abschriften angefertigt wurden; wir haben sogar einen Fetzen des Johannesevangeliums, der auf ca. 125 n. Chr. datiert wurde.) Historiker haben trotzdem Mittel und Wege, herauszufinden, aus welcher Zeit die ursprünglichen Texte wohl stammen – man vergleicht die verschiedenen Abschriften von einer Schrift, die man hat, man sucht nach inhaltlichen Ansatzpunkten für eine Datierung im Text, man vergleicht verschiedene Schriften miteinander, um zu sehen, ob ein Autor einen anderen zitiert oder erwähnt, man vergleicht die Schriften mit den archäologischen Funden usw.  Aber genauer auf die Methoden der Quellen- und Textkritik einzugehen, würde hier zu weit führen.

Auf ein paar Dinge muss man sicherlich aufpassen, wenn man diese Texte liest. Manchmal kann man etwas missverstehen, weil man mit dieser Epoche oder den theologischen Begrifflichkeiten nicht vertraut ist; die größte Gefahr ist aber, entweder mehr oder weniger aus den Quellen herauslesen zu wollen, als sie tatsächlich hergeben. Man sollte etwa auf Folgendes achten:

  • Dass eine Meinung in einer Quelle vertreten wird, heißt nicht, dass sie allgemein vertreten wurde (oder dass sie nicht allgemein vertreten wurde).
  • Dass eine Sache nicht erwähnt wird, heißt nicht, dass sie nicht existierte; bzw. dass eine Sache erstmals im Jahr soundso erwähnt wird, heißt nicht, dass sie vorher noch nicht existierte.

Am besten ist es, sich einen Überblick über mehrere Quellen zu verschaffen. Ich persönlich finde die Ignatiusbriefe, die Didache, den Clemensbrief, den Pliniusbrief, den Diogenetbrief, die Märtyrerakten und die Schriften von Minucius Felix, Justin und Irenäus besonders spannend; aber das mag jeder selbst schauen. Also: Schaut mal in diese Quellen hinein! Verschafft euch selber einen Eindruck vom frühen Christentum! Wer das tut, wird bald feststellen: Diese Kirche war viel imperfekter, viel seltsamer und altertümlicher, als man sie sich so vorstellt – und viel katholischer.

Aber im Detail dazu ein andermal.

Das Gesetz: Süßer als Honig (ein Gastbeitrag von C. S. Lewis)

Eins von C. S. Lewis‘ schönsten Büchern ist „Reflections on the Psalms“, ins Deutsche übersetzt (und leider leicht gekürzt) unter dem Titel „Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen“. Darin schreibt er auch etwas über die Rolle des Gesetzes in den Psalmen, das das, was ich in diesem Beitrag sagen wollte, viel besser zum Ausdruck bringt, als ich es könnte. Übergebe ich das Wort also mal an ihn:

„In Racines Tragödie Athalie singt der Chor jüdischer Mädchen eine Ode über den ursprünglichen Erlaß des Gesetzes auf dem Berge Sinai, mit dem bemerkenswerten Kehrvers ô charmante loi (1. Akt, 4. Szene). Es geht natürlich nicht an – es grenzte ans Komische -, das mit ‚o reizendes Gesetz‘ wiederzugeben. ‚Reizend‘ ist im Deutschen ein lauwarmes, ja herablassendes Wort geworden; wir wenden es auf ein hübsches Wochenendhäuschen an, auf ein Buch, das nicht bedeutend ist, oder auf eine Frau, die man nicht schön nennen könnte. Ich weiß nicht, wie charmante zu übersetzen wäre; ‚bezaubernd‘? – ‚entzückend‘? – ’schön‘? Keines dieser Wörter paßt genau. Eines aber ist gewiß: Racine (ein gewaltiger Dichter und vom Geiste der Bibel erfüllt) kommt hier einem sehr bezeichnenden Empfinden mancher Psalmen näher als jeder andere mir bekannte moderne Schriftsteller. Und zwar einem Empfinden, das mich zuerst ganz verwirrt hat.

‚Köstlicher sind sie als Gold und viel Feingold und süßer als Honig, als Seim aus den Waben‘ (19,11). Man kann gut verstehen, daß so etwas von Gottes Gnadenerweisen, von Gottes Tröstungen, von Seinen Eigenschaften gesagt wird. Aber in Wirklichkeit spricht der Dichter von Gottes Gesetz, von Seinen Geboten – von Seinen ‚Bestimmungen‘ (10) (‚Gerichte‘ meint hier deutlich Entscheidungen über das Verhalten). Was mit Gold und Honig verglichen wird, sind jene ‚Vorschriften‘ (in der lateinischen Fassung, ‚Rechtsaussprüche‘), die – so wird uns gesagt – ‚das Herz erfreuen‘ (9). (…)

Das blieb mir zuerst völlig verschlossen. ‚Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht ehebrechen‘ – ich kann verstehen, daß ein Mensch diese ‚Bestimmungen‘ achten kann und muß, daß er versuchen muß, ihnen zu gehorchen und im Herzen zuzustimmen. Aber es ist sehr schwer einzusehen, wie sie sozusagen munden, wie sie erheitern sollen. (…)

Ein guter Christ und großer Gelehrter, dem ich diese Frage einmal vorlegte, vermutete, die Dichter dächten an die Genugtuung, die das Bewußtsein, dem Gesetz gehorcht zu haben, bereitet; mit anderen Worten, an die ‚Freuden eines guten Gewissens‘. (…) Die Schwierigkeit besteht darin, daß mir die Psalmisten nirgends etwas annähernd Ähnliches zu sagen scheinen.

In 1,2 wird uns gesagt, der Gute habe Gefallen am Gesetz des Herrn, ‚und über sein Gesetz sinnt er Tag und Nacht‘. Mit ‚Gesetz‘ sind hier natürlich nicht einfach die Zehn Gebote gemeint; gemeint ist die ganze umfassende Gesetzgebung (die religiöse, moralische, bürgerliche, strafrechtliche und sogar verfassungsmäßige), enthalten in Levitikus, Numeri und Deuteronomium. Wer darüber ’sinnt‘, gehorcht Josuas Befehl (1,8): ‚Dieses Gesetzbuch komme dir nicht aus dem Munde! Tag und Nacht halte darüber Betrachtung.‘ Das bedeutet unter anderem, daß das Gesetz ein Studium oder, wie wir sagen würden, ein ‚Fach‘ war, etwas, worüber es Kommentare, Vorlesungen und Prüfungen gab. So war es auch. Wenn also ein alter Jude sagte, er ‚habe Gefallen am Gesetz‘, meinte er zum Teil (zum religiös unwichtigsten Teil) etwas Ähnliches wie wir, wenn wir von jemandem sagen, er ‚habe gern‘ Geschichte, Physik oder Archäologie. Das kann eine ganz unschuldige – wenn auch selbstverständlich bloß natürliche – Freude am Lieblingsfach bedeuten; aber auch die Freuden des Hochmuts, Stolz auf die eigene Gelahrtheit und infolgedessen Verachtung für Außenseiter, die daran keinen Anteil haben, oder sogar eine krämerhafte Bewunderung für Studien, denen man Besoldung und gesellschaftliche Stellung verdankt.

Die Gefahr einer Entwicklung im zweiten Sinne wächst natürlich aufs Zehnfache, wenn das fragliche Studium von allem Anfang an als heilig abgestempelt ist. Dann tritt die Gefahr geistlichen Stolzes zur gewöhnlichen Haarspalterei und Einbildung hinzu. Manchmal (nicht oft) ist man froh, kein großer Theologe zu sein; man könnte sich dann leicht fälschlich für einen guten Christen halten. (…) Aber nicht diese Seite der Angelegenheit möchte ich hier unterstreichen – heute bedarf es dessen nicht. Lieber möchte ich mir von den Psalmen das Gute zeigen lassen, durch dessen Verderbnis jenes Schlechte entstanden ist.

Jedermann weiß, daß Psalm 119 dem Gesetze gewidmet ist, der längste der ganzen Sammlung. Und wahrscheinlich hat jedermann bemerkt, daß er in literarischer oder technischer Hinsicht am meisten durchgeformt und der kunstvollste von allen ist. Die Technik besteht darin, eine Reihe von Wörtern zu wählen, die im Rahmen dieses Gedichts alle mehr oder weniger synonym sind (‚Worte, Satzungen, Gebote, Weisungen‘ usw.), und sie in jedem der 22 Abschnitte von je acht Versen wieder erklingen zu lassen – Abschnitte, welche ihrerseits den Buchstaben des Alphabets entsprechen. (Altjüdischen Ohren mag das ein ähnliches Vergnügen bereitet haben wie uns die italienische Strophenform der Sestine, wo statt Reimen in jeder Stanze die gleichen Wörter in wechselnder Reihenfolge wiederkehren.) Mit anderen Worten: Dieses Gedicht ist nicht wie etwa Psalm 18 ein jäher Herzenserguß und will es auch nicht sein. Es ist ein kunstvolles Muster, entstanden in langen stillen Stunden, aus Liebe zum Fach und aus Freude an zweckfreiem, zuchtvollem Handwerk, wie eine Stickerei, Stich um Stich.

Das scheint mir an sich schon sehr wichtig, denn es gewährt uns Einblick in Geist und Stimmung des Dichters. Wir ahnen sogleich, er habe für das Gesetz Ähnliches wie für die Dichtung empfunden; beide heischen genaue und liebevolle Angleichung an ein schwieriges vorgeschriebenes Muster. Das legt eine Haltung nahe, aus der sich später der Begriff des Pharisäischen entwickeln konnte, die aber an sich zwar  nicht unbedingt religiös ist, aber doch ganz harmlos. Sie sieht für den, der dabei nicht mitgeht, nach Geziertheit oder Haarspalterei aus, braucht es aber nicht zu sein. Sie ist Freude an Ordnung, Vergnügen am Präzisen – wie am Tanzen eines Menuetts. Natürlich weiß der Dichter, daß etwas unvergleichlich Ernsthafteres als ein Menuett zur Frage steht. Auch weiß er darum, daß ihm selbst so vollendete Zucht schwerlich gelingen wird: ‚Ach wären doch meine Wege beständig, indem ich deinen Satzungen folge!‘ (5). Zur Zeit sind sie es nicht. Aber seine Anstrengungen entspringen nicht sklavischer Furcht. Die Ordnung des göttlichen Geistes, verkörpert im göttlichen Gesetz, ist schön. Kann man Besseres tun als sie im täglichen Leben soweit wie möglich darstellen? ‚An deinen Satzungen habe ich meine Lust‚ (16); über sie zu sinnen, ist ‚mehr als Besitz‘ (14); sie wirken wie Musik. ‚Lieder sind mir deine Satzungen‘ (54); sie munden wie Honig (103); sie gelten mehr als Gold und Silber (72). Je weiter einem die Augen geöffnet werden, um so mehr Wunder schaut man darin (18). Das ist weder Ziererei noch Skrupelhaftigkeit; es ist die Sprache eines von moralischer Schönheit Verzückten. Zu bedauern ist, wer diese Erfahrung nicht zu teilen vermag. Aber besser als die meisten von uns – so stelle ich mir gerne vor – wüßte ein chinesischer Christ – einer, dessen angestammte Kultur ihm ‚Lehrmeisterin zu Christus hin‘ gewesen – diesen Psalm zu schätzen; denn ein alter Gedanke jener Kultur will, das Leben müsse vor allem geordnet sein, und zwar als Spiegel der göttlichen Ordnung.

Aber noch ein zweites in diesem ernsten Gedicht kann uns weiterhelfen. An drei Stellen versichert der Dichter, das Gesetz sei ‚verlässig‘ oder ‚Wahrheit‘ (86, 138, 142). (Desgleichen 111,7: ‚Verlässig sind all seine Satzungen.‘) Henne übersetzt das Wort dreimal mit ‚Wahrheit‘: ‚wahr‘ im hebräischen Sinne ist etwas, worauf Verlaß ist. Ein moderner Logiker würde einwenden, das Gesetz sei ein Befehl und es sei sinnlos, einen Befehl ‚wahr‘ zu nennen; ‚die Türe ist geschlossen‘ kann wahr oder falsch sein, nicht aber ’schließ die Tür‘. Doch ich glaube, wir verstehen alle recht gut, was die Psalmisten sagen wollen: daß man nämlich im Gesetz die ‚echten‘, ‚richtigen‘ oder unerschütterlichen und fest gegründeten Anweisungen zum Leben findet. Das Gesetz gibt Antwort auf die Frage: ‚Wie hält der Jüngling seinen Pfad rein?‘ (119,9) Es ist Leuchte und Führer (105). Viele andere Lebensanweisungen wetteifern mit ihm, wie die heidnischen Kulturen rings um uns zeigen. Der Dichter, der die Weisungen oder Vorschriften Jahwes ‚wahr‘ nennt, drückt damit die Gewißheit aus, daß diese und nicht jene anderen ‚echt‘, ‚gültig‘ oder unangreifbar seien; daß sie auf dem Wesen der Dinge und dem Wesen Gottes beruhen.

Mit dieser Gewißheit stellt er sich in einer Streitfrage, die sehr viel später unter Christen entstanden ist, auf die rechte Seite. Im achtzehnten Jahrhundert gab es schreckliche Theologen, die behaupteten: ‚Gott hat nicht darum gewisse Dinge befohlen, weil sie recht sind, sondern gewisse Dinge sind recht, weil Gott sie befohlen hat.‘ Um seinen Standpunkt ganz unmißverständlich klarzumachen, sagte einer von ihnen sogar, zwar habe Gott nun einmal befohlen, Ihn und uns zu lieben; doch hätte Er uns genausogut befehlen können, Ihn und uns zu hassen; und dann wäre eben Haß das Rechte gewesen. Anscheinend war es reiner Zufall, wofür Er sich entschied. Eine solche Ansicht macht Gott zum willkürlichen Tyrannen. Es wäre besser und verstieße weniger gegen die Religion, an keinen Gott und keine Moral zu glauben, als sich zu einer solchen Moral und einer solchen Theologie zu bekennen. Natürlich diskutierten die Juden diese Frage nie in abstrakten und philosophischen Begriffen. Aber von Anfang an und ohne Wanken vertreten sie die richtige Ansicht und wissen mehr, als sie wissen. Sie wissen, daß der Herr (nicht bloß der Gehorsam Ihm gegenüber) ‚gerecht‘ ist und daß Er ‚rechtes‘ Tun befiehlt, weil Er es liebt (11,8). Er auferlegt das Gute, weil es gut ist, weil Er gut ist. Darum haben Seine Gesetze emeth, ‚Wahrheit‘, innere Geltung, auf Fels gegründete Echtheit, da sie in Seinem Wesen wurzeln, und sind daher so dauerhaft wie die von Ihm geschaffene Natur. Aber die Psalmisten selbst wissen es am besten zu sagen: ‚Gleich Gottesbergen ist deine Gerechtigkeit, dein gerechtes Walten wie das weite Meer‘ (36,7). Ihre Lust am Gesetz ist die Lust, auf festem Grund zu stehen; gleich der Lust des Wanderers, die harte Straße unter den Füßen zu spüren, nachdem ihn eine verräterische Abkürzung über lehmige Äcker lange Zeit in die Irre geführt hat.

Es gab nämlich andere Straßen, denen es an ‚Wahrheit‘ fehlte. Zu unmittelbaren Nachbarn, ihnen nach Rasse wie nach Lage nahe, hatten die Juden Heiden von der schlimmsten Sorte, Heiden, deren Religion sich durch keine Spur jener Schönheit oder (gelegentlichen) Weisheit auszeichnete, die wir bei den Griechen finden. Ein solcher Hintergrund ließ die ‚Schönheit‘ und ‚Süße‘ des Gesetzes um so vernehmlicher hervortreten; nicht zuletzt darum, weil diese benachbarten heidnischen Kulte für den Juden eine ständige Versuchung bedeuteten und in manchen Äußerlichkeiten seiner eigenen Religion nicht unähnlich waren. Die Versuchung bestand darin, in Schreckenszeiten – wenn zum Beispiel die Assyrer vorstießen – zu solchen grauenvollen Riten Zuflucht zu nehmen. Wir, die wir vor nicht allzu langer Zeit täglich die Invasion eines Feindes erwartet haben, der ähnlich den Assyrern für systematische Grausamkeit bekannt und darin geschult war – wir wissen, wie ihnen zumute gewesen sein mag. [Das Buch wurde nicht lange nach dem Zweiten Weltkrieg in England geschrieben.] Sie waren versucht – da der Herr taub schien -, jene grausigen Gottheiten anzugehen, die so viel mehr forderten und daher vielleicht auch mehr gewähren mochten. Betrachtete aber ein Jude solche Kulte zu glücklicherer Stunde oder ein besserer Jude sogar zu eben jener – dachte er an Tempelprostitution, Tempelsodomie und an die Kinder, die dem Moloch ins Feuer geworfen wurden -, so mußte ihm sein eigenes ‚Gesetz‘, wenn er sich ihm wieder zuwandte, in außergewöhnlichem Glanz erstrahlen. Süßer als Honig, oder sagen wir, die wir nicht so sehr aufs Süße versessen sind wie alle alten Völker (teils weil wir reichlich Zucker haben) und denen dieses Bild daher nicht paßt – sagen wir wie Quellwasser, wie frische Luft nach einem dumpfen Verließ, wie klare Vernunft nach einem Albtraum. Aber wieder einmal finden wir das beste Bild in einem Psalm, im neunzehnten.

Ich halte ihn für das großartigste Gedicht des Psalters und für eines der großartigsten Lieder der Welt. Die meisten Leser werden sich an den Aufbau erinnern: sechs Verse über die Natur, fünf über das Gesetz und vier Verse persönlichen Gebets. Die Worte selbst stellen keinen logischen Zusammenhang zwischen dem ersten und dem zweiten Teil her. Darin gleicht die Technik der modernsten Poetik. Ein moderner Dichter würde ähnlich unvermittelt von einem Motiv zum nächsten springen und es dem Leser überlassen, das Bindeglied zu finden. Aber er täte es vermutlich mit voller Überlegung; auch wo er es vorzieht, den Zusammenhang zu verbergen, dürfte er ihn klar bewußt im Sinne tragen und könnte ihn, wenn er wollte, in logischer Prosa darlegen. Ich bezweifle, daß es sich beim alten Dichter so verhielt. Ich glaube, er empfand, mühelos und ohne darüber nachzudenken, eine so enge Beziehung zwischen seinem ersten und dem zweiten Thema, ja eine solche Einheit (für die Phantasie), daß er vom einen zum andern glitt, ohne einen Übergang zu spüren. Zuerst denkt er an den Himmel: wie das prächtige Schauspiel, das er uns Tag für Tag bietet, die Herrlichkeit seines Schöpfers kündet. Dann denkt er an die Sonne, die bräutliche Freude ihres Aufgangs, die unvorstellbare Geschwindigkeit ihrer täglichen Reise von Ost nach West. Schließlich an ihre Hitze; natürlich nicht an die milde Hitze unseres Klimas, sondern an die von keiner Wolke gedämpften, blendenden, tyrannischen Strahlen, welche auf die Berge hämmern und jede Kluft ausloten. Die Angel, um die sich das ganze Gedicht dreht, ist der Satz: ‚Nichts entzieht sich ihrer Glut.‘ Diese dringt überallhin mit starkem, reinem Feuer. Dann plötzlich, in Vers 7, spricht er von etwas anderem, das ihm kaum etwas anderes scheint, so ähnlich ist es dem alles durchdringenden, alles enthüllenden Sonnenlicht. Das Gesetz ist makellos, macht hell die Augen, ist rein, hat dauernd Bestand, ist ’süß‘. Das läßt sich nicht übertreffen, und nichts kann uns mehr darüber verraten, was der Jude des Altertums vor dem Gesetz empfand: lichtvoll, streng, reinigend, triumphierend. Es bedarf kaum der Versicherung, dieser Dichter sei völlig frei von Selbstgerechtigkeit, und der letzte Abschnitt befaßt sich mit seinen ‚unbewußten Fehlern‘. Wie er es, vielleicht in der Wüste, mit der Sonne erfahren, die ihn in jedem Schattenwinkel, worin er sich vor ihr zu bergen suchte, aufgespürt hat, so erfährt er, wie das Gesetz alle Verstecke seiner Seele ausleuchtet.

Insofern diese Vorstellung von Schönheit, Süße oder Kostbarkeit des Gesetzes ihre Kraft aus dem Gegensatz zum benachbarten Heidentum schöpft, werden wir vielleicht bald Anlaß haben, sie zu erneurn. Der Christ lebt mehr und mehr auf einer geistigen Insel; neue und wetteifernde Lebensauffassungen umgeben ihn von allen Seiten, und ihre Flut gewinnt mit jedem Steigen an Boden. Noch ist keine dieser neuen Lebensweisen so schmutzig oder grausam wie manches semitische Heidentum. Aber viele von ihnen mißachten alle Rechte des einzelnen und sind schon grausam genug. Manche geben der Moral einen ganz neuen Sinn, den wir nicht übernehmen können; manche leugnen ihre Möglichkeit. Vielleicht lernen wir alle noch durch Schmerzen die klare Luft und die ’süße Vernünftigkeit‘ der christlichen Sittenlehre schätzen, welche uns in christlicheren Zeiten selbstverständlich wäre.“

Tissot Moses and Joshua in the Tabernacle.jpg

(James Tissot, Mose und Josua im Allerheiligsten. Quelle: Wikimedia Commons.)

Die historisch-kritische Methode bei der Datierung von Texten: An einem einfachen Beispiel erklärt

Es kann manchmal verwirrend sein, wenn man zum Beispiel als Theologiestudent im 1. Semester in der Vorlesung übers Alte Testament sitzt und der Professor sämtliche Theorien darüber, wann die einzelnen Texte aus den fünf Büchern Mose oder dem Buch Amos laut prominenten Exegeten entstanden sein könnten, erläutert. Wieso nochmal soll das jetzt aus dem 9. Jahrhundert stammen und das erst nachexilisch sein und wieso behauptet der, das wäre noch viel jünger, und der, das wäre ein bisschen älter, aber ganz sicher auf jeden Fall nicht so alt, wie traditionell angenommen?

Aber keine Angst. Ich habe inzwischen schon ein paar Semester Theologiestudiumserfahrung und kann ganz einfach erklären, wie die Datierung biblischer Texte funktioniert. Am besten funktioniert es immer mit Beispielen. Nehmen wir also einmal folgendes Szenario an:

Durch eine treue Gruppe von Wise Guys-Fans wurde der Text des folgenden Liedes über Jahrtausende immer wieder abgeschrieben und ist im Jahr 4583 noch erhalten:

„In unsrem Land passieren schreckliche Geschichten:
Die jungen Leute kriegen mit den Fremden Streit.
Die Fremden stören sie beim Denken und beim Dichten,
so kann’s nicht weitergehn bei uns, das geht zu weit.
Unsre Computer programmieren jetzt die Inder,
die sich bei uns die schnelle Mark verdienen solln.
Und keiner denkt an unsre armen kleinen Kinder,
die selber auch ein bisschen programmieren wolln!
Ein klares Wort zur Lage der Nation:
Hier kommt der Plan – naja, Sie wissen schon:

Wir baun die Mauer wieder auf, denn langsam wird uns das zu dumm,
aber nicht mehr mitten durch, diesmal baun wir außen rum.
Dann feiern wir zwölf Monate im Jahr Oktoberfest
und hoffen, dass die Welt da draußen uns in Ruhe lässt.
Mit Eisbein, Bier und Sauerkraut und viel Kartoffelbrei
und Volksmusik. Wir klatschen auf die Eins und auf die Drei.

Die ganzen Fußballspiele mit den andren Ländern
ham wir verlorn, weil so viel Gegentore fieln.
Das war frustrierend, doch das wird sich sicher ändern,
sobald wir nicht mehr gegen andre Länder spieln.
Bleibt nur noch ein Problem: Die Sache mit Mallorca.
Es geht nicht ohne den Exzess am Ballermann.
Doch weil die Insel ja schon lang ein deutscher Ort war,
holn wir sie heim, die kommt bei Sylt gleich nebendran!
Ein klares Wort zur Lage der Nation:
Hier kommt der Plan – naja, Sie wissen schon:

Wir baun die Mauer wieder auf,

Dann gibt’s kein Sushi mehr, nur noch Blumenkohl.
Dann bleibt der Anton in Tirol.
Dann meckert keiner, ‚was erlauben Struuunz?!‘
Und wir sind endlich unter uns!

Wir baun die Mauer wieder auf,
…“

So! Und weil sich die treuen Fans nur um die Erhaltung der Texte, nicht aber besonders um die Erforschung ihrer Entstehung gekümmert haben, möchte jetzt endlich eine Professorin für Musikgeschichte herausfinden, wann und in welchem Kontext das denn geschrieben wurde. Ihre Schlussfolgerungen könnten folgendermaßen aussehen:

„Das früheste, nur teilweise erhaltene Manuskript mit dem Text von ‚Zur Lage der Nation‘, das wir noch haben, stammt leider erst aus dem 34. Jahrhundert. Wir müssen also intratextuelle Indizien betrachten, um uns dem Jahr der Abfassung annähern zu können.

Mit ‚der Mauer‘ ist in deutschen Texten aus dem späten 20. und dem 21. Jahrhndert für gewöhnlich jene Mauer oder jener Grenzzaun gemeint, die während der Teilung Deutschlands im 20. Jahrhundert von der ostdeutschen Regierung errichtet wurde und die Ostdeutschen an der Ausreise nach Westdeutschland hinderte. Während das Datum des Mauerbaus unsicher ist (einige Historiker haben das Jahr der Gründung der beiden deutschen Staaten, 1949, vorgeschlagen, andere ein etwas späteres, etwa in der Mitte der 1950er liegendes), wissen wir aus einer nur teilweise erhaltenen Zeitung, die bei einer Ausgrabung in der antiken Niederlassung Darmstadt gefunden wurde, dass die Mauer 1989 ‚fiel‘, d. h. wohl, von der ostdeutschen Regierung abgebaut wurde. Die friedliche Vereinigung der beiden Staaten muss bald gefolgt sein. Folglich ist der Text auf jeden Fall nach 1989 zu datieren.

Klassischerweise wird er von den Wise Guys-Fans in die Zeit ihrer ersten großen Erfolgsphase datiert, die etwa in den späten 1990ern oder frühen 2000ern stattgefunden haben soll. Diese Datierung taucht aber erstmals in einer Liedsammlung aus dem Jahr 3551 auf. Ich möchte eine etwas spätere Abfassungszeit vorschlagen.

Wir wissen von den Historikern des 23. Jahrhunderts, dass Deutschland in den Jahren von 2014-2019 eine starke Einwanderungsbewegung aus afrikanischen und asiatischen Ländern erlebte, deren Höhepunkt ins Jahr 2015 fällt. Auch andere Länder Europas waren von der damals so bezeichneten ‚Flüchtlingskrise‘ betroffen, die von Historikern des Fachs als die ‚Asiatisch-afrikanische Flucht- und Migrationsbewegung der 2010er Jahre‘ bezeichnet wird, Deutschland, das als stabiles und reiches Zielland galt, jedoch in besonderem Maß. Berichte, laut denen im Jahr 2015 an manchen Tagen zehntausend Menschen am Münchner Bahnhof angekommen sein sollen, können wir als übertrieben zurückweisen, jedoch wanderte bei der Flucht- und Migrationsbewegung offenbar tatsächlich eine für jene Zeit ungewöhnlich große Zahl an Menschen zu. Ab 2016 wurden von immer mehr europäischen Ländern Maßnahmen getroffen, um diese als zu groß empfundene Zahl zu verringern. Gleichzeitig wurden Stimmen laut, die diese ‚Abschottung‘ kritisierten. In welchem Maß in dieser Zeit auch ‚Inder‘, d. h. Menschen aus dem heutigen Trachanien und Gabien zuwanderten, wissen wir leider nicht.

Für uns interessant sind hier besonders zwei Funde der jüngeren Zeit: Ein Leserbrief aus einer Ausgabe der ‚Süddeutschen Zeitung‘  aus dem Herbst 2016, die erst 4572 bei einer Ausgrabung in Bielefeld gefunden wurde, und ein Leitartikel in einer teilweise erhaltenen Ausgabe des ‚Unterammerdinger Landboten‘ (4550 in Süddeutschland ausgegraben, aber erst 4569 in einer Quellensammlung veröffentlicht). Das Datum der Ausgabe ist beim ‚Landboten‘ nicht mehr vollständig lesbar; die Jahreszahl lautet jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit ‚2018‘. Der Leserbrief befasst sich mit der Präsidentschaftswahl der Vereinigten Staaten von Amerika von 2016 und stellt fest, dass, während ein Präsidentschaftskandidat eine ‚Mauer‘ an der Südgrenze seines Landes bauen wolle, um Einwanderer fernzuhalten, ‚wissen wir Deutschen, dass Mauern nichts Positives sind – wir hatten auch jahrzehntelang eine Mauer in unserem Land‘. Des weiteren werden ‚Abschottungspolitik‘ und ‚Fremdenangst sogenannter besorgter Bürger, die manchmal von Fremdenhass kaum zu unterscheiden ist‘ beklagt. In dem Leitartikel heißt es an einer Stelle: ‚Fast dreißig Jahre, nachdem in Berlin die Mauer gefallen ist, werden wieder Mauern hochgezogen. Das hohe Gut der Reisefreiheit – es scheint plötzlich unwichtig.‘ In beiden Fällen stellen wir also fest: Die Abschottungsbemühungen der 2010er gegenüber Einwanderern werden mit der ostdeutschen ‚Mauer‘ verglichen, auch wenn diese freilich den Zweck hatte, Aus- statt Einwanderung zu verhindern. Solche Vergleiche scheinen gang und gäbe gewesen zu sein und auch ‚Zur Lage der Nation‘ würde sich in dieses Bild einfügen.

Entscheidend sind auch folgende Zeilen: ‚Die ganzen Fußballspiele mit den andren Ländern / ham wir verlorn, weil so viel Gegentore fieln.‘  Dieser Satz würde klar ins Jahr 2018 passen. Während die deutsche Nationalmannschaft in der alle vier Jahre ausgetragenen Weltmeisterschaft im Fußball, einer gesellschaftlich bedeutenden Ballsportart, 2014 noch den ersten Platz errungen hatte, schied sie 2018 als eine der ersten Mannschaften aus und enttäuschte sämtliche Erwartungen, die in sie gesetzt worden waren. Diese Niederlage scheint in einer Tonaufnahme aus dem Jahr 2018 als bedeutende, bisher nie vorgekommene nationale Schande gewertet zu werden.

Ein Text, der sich in ironischer Weise gegen Fremdenfeindlichkeit und gegen geschlossene Grenzen wendet, das historische Beispiel von ‚der Mauer‘ in gewissermaßen verfremdeter Weise aufgreift, und die schlechte Leistung der deutschen Fußballmannschaft erwähnt, würde insofern eindeutig ins Jahr 2018 oder 2019 passen, auch wenn es nicht ganz auszuschließen ist, dass er noch etwas später entstanden ist. Später wurde er dann offensichtlich, da er vor allem im 4. Jahrtausend große Beliebtheit in der Fan-Gemeinschaft erlangte, in die Zeit der ersten Erfolge der Band rückdatiert, statt in ihre erfolglose Spätphase (die Band muss irgendwann vor 2028 aufgelöst worden sein).“

Okay – vielleicht ist mein Beispiel nicht besonders gut. Die Forscherin berücksichtigt viel zu viele archäologische Funde, hat überhaupt viel zu viele archäologische Funde, und versucht gar nicht, das Lied irgendwelchen Wise Guys-Fans im 26. Jahrhundert zuzuschreiben, die es dann der Band zugeschrieben hätten. Okay.

Was ich sagen will: Die ganzen unterschiedlichen und widersprüchlichen Datierungsversuche für die Sintflut- oder die Exodusgeschichte sind oft nichts als Spekulation. Die kann man für die Prüfung auswendig lernen und hinterher wieder vergessen. Ich will hier gar nicht behaupten, dass sie irgendwie häretisch wären; nur, dass sie meistens rein auf Spekulationen aufbauen und auch nicht besonders nützlich sind. „XYZ kann erst in der Situation unter dem und dem israelitischen König gesagt worden sein“ – nö, nicht unbedingt. Das ist Spekulation, wenn auch manchmal überzeugend klingende Spekulation. Aber mein Beispiel klingt ja auch überzeugend für Leute aus dem Jahr 4583, die sich nicht mit der Mark oder den Indern oder den Wise Guys auskennen, oder?

 

(Das Lied stammt von 2001.)