Halloween, und so

Ein nachträglicher Gastbeitrag zu Halloween und dem Reformationstag von Nepomuk.

 

I. Feste am Ende des Oktober

Die deutsche Sprache kennt den Ausdruck „Matthäi am Letzten“, der ungefähr so viel bedeutet wie: „Es wird zappenduster.“ Wenn man so im Internet nachforscht, dann kann man die absurdesten Theorien über dessen Herkunft feststellen (angeblich habe er etwas mit dem hl. Apostel Matthias – dessen Genitiv „Matthiae“ wäre – zu tun, dessen Fest gegen Ende des Februars stattfindet, wenn auch nicht an dessen Ende), welche Herkunft doch dem Kirchgänger eigentlich offen auf der Hand liegend sein müßte: Im alten römischen Ritus, im Lesejahr A nach der Liturgiereform, und (wie man hört) auch bei den Protestanten werden am letzten Sonntag des Kirchenjahres jeweils Evangelien nach Matthäus verlesen, die alle unterschiedlich sind und alle vom Weltgericht handeln. Dann ist Matthäi am letzten; und wenn wir in die Apostelgeschichte schauen, wird es auch in der Tat zappenduster werden (Apg 2,19f).

Soweit sind wir noch nicht; es ist erst Oktober. Matthäi am Letzten ist eben am letzten Sonntag des Kirchenjahres – oder wäre es traditionell, wenn nicht die Liturgiereform in einem ihrer offenkundigsten Fehler uns an diesem Sonntag das Christkönigsfest beschert hätte (dessen in der Enzyklika Quas primas festgelegter Festinhalt eben nicht die vom Festtermin offensichtlich nahegelegte Aufrichtung des Himmelreiches am Jüngsten Tage ist, sondern die weniger, aber eben auch wichtige Herrschaft Christi im Hier und Jetzt, wie sie teils besteht, teils von uns nach unseren Möglichkeiten durchzusetzen ist). Christkönig, nach dem alten Ritus, war gerade eben; und man kann es vielleicht zu einer halben Ehrenrettung der Liturgiereform sagen: daß wir nun darauf im Zusammenhang mit einem ganz anderen Thema darauf zu sprechen kommen (der Zusammenhang wird, so hoffe ich, noch deutlich werden) ist vielleicht ein Hinweis darauf, daß das natürlich auch zusammenhängt.

Ziemlich genau mit dem November setzt die Besinnung der Kirche auf die sogenannten Letzten Dinge ein. (Für die liturgischen Feinschmecker: eigentlich, ausweislich des Festevangeliums, im alten Ritus schon mit dem Apostelfest der hll. Simon und Judas; und in gewisser Weise seit dem achtzehnten Sonntag nach Pfingsten, oder auch schon dem Samstag des Septemberquatembers, der nicht von ungefähr, obwohl er ganz verschieden fällt, im Meßbuch genau vor diesem Sonntag steht). Und am letzten Sonntag, an dem die Hauptfeste des Kirchenjahres vorbei sind, aber wir eben noch nicht mit dem Allerheiligenfest in die eigentliche Letzte-Dinge-Phase eingetreten sind, ist eben im alten Ritus das Christkönigsfest; so die Argumentation bei der Einführung 1925. – Ich schweife ein wenig ab; das ist so meine Art.

Am 1. November ist Allerheiligen, an dem wir die Heiligen des Himmels feiern; am 2. November ist Allerseelen, wo wir der Armen Seelen im Fegfeuer gedenken. Und am 31. Oktober? Da steht eine Menge von Dingen an.

Die Regensburger, natürlich, kümmern sich um den Lauf der restlichen Welt wenig; für sie ist erstmal, vor allem und überhaupt das Fest des hl. Wolfgang, ihres Diözesanpatrons, dann kommt eine ganze Weile nichts. Das ist ja auch schön und gut. Die lokalen Dinge sind sehr wichtig, und nur die wichtigsten Dinge sind wichtiger; so immer der gesunde katholische, subsidiäre Instinkt. Aber davon wollen wir ersteinmal nicht reden (außer es sollte sich eine ganz seltsame Parallele auftun).

Vor allem aber geht regelmäßig das obligatorische Gejammer los, das unsere Brüder und Schwestern Protestanten anstimmen, weil ihr Reformationstag von dem amerikanischen und, so heißt es, unchristlichen Import Halloween verdrängt wird. Ein kleiner Nebenkriegsschauplatz ist das Tanzverbot: an dem Fest Allerheiligen, auch wenn es für sich genommen ein Freudenfest ist, soll wegen des Themenkomplexes, das es einläutet, und wegen des doch ernsten Charakters, das es selbst auch irgendwo hat, und vor allem deswegen, weil Allerseelen nun einmal kein Feiertag ist und das öffentliche Totengedenken deshalb weitgehend an Allerheiligen stattfindet, keine Tanzveranstaltung stattfinden. Dies heißt auch, daß die Halloweenparties rechtzeitig enden müssen.

– Ich kann an dieser Stelle einschieben: Die vor einigen Jahren gefundene Lösung, daß im Freistaat Bayern an Allerheiligen bis zwei Uhr früh, aber nicht länger, getanzt werden darf – während es am Karfreitag ausdrücklich bei Mitternacht bleibt! – mag äußerlich wie ein Kompromiß aussehen, stellt einen der tatsächlichen Komplexität der Ereignisse vollkommen gerecht werdende und uneingeschränkt zu bejubelnde Lösung da. Manchmal schafft so etwas auch heute noch die Politik; dann darf man es auch anerkennen. –

Ich muß an dieser Stelle gestehen, was mir vielleicht hernach keiner glauben wird: Ich bin zwar Antiprotestant, nehme mir aber vor, es mir an Respekt für den Gegner nicht fehlen zu lassen. Auch ist Dr. Martin Luther OSA ohne jede Frage eine bedeutende Persönlichkeit, und der Reformationstag war zweifellos ein bedeutendes Ereignis der Geschichte, wenn auch ein verhängnisvolles; schließlich kann der religiöse Ernst zumindest Luthers, um den es am Reformationstag ja primär geht, nicht bestritten werden. Ein besonderes Faible für Halloween habe ich hingegen nie gehabt und habe es immer noch nicht (nein, tatsächlich nicht), schon allein deswegen nicht, weil ich ganz banalerweise beim Ausgehen lieber schöne Gesichter von Frauen als häßlich-geschminkte Gesichter von Frauen sehe. Ich argumentiere also im folgenden nicht für meine persönlichen Vorlieben; aber der große G. K. Chesterton hat einmal den Zölibat, als eine Einrichtung der Kirche, verteidigt und dabei offen eingestanden, daß er selbst diesen nicht verstehe (aber jeden Tag vielleicht noch begreifen könnte). In diesem Geiste bin ich zu der überraschenden Einsicht gekommen, daß bei diesen zwei „Rivalen“ Gut und Böse vielleicht doch anders verteilt sind, als es der von seinem Milieu geprägte gläubige Christ es sich im ersten Augenblicke so vorstellt.

 

II. Die Kritik gewisser frommer Kreise an Halloween

Ein Indiz sind gerade die Attacken, die von seiten der Frommen sehr gerne gegen Halloween gefahren werden. „Fromm“ ist als Lob gemeint, aber „vollständig beraten“ heißt es nun einmal tatsächlich nicht immer; wenn ein Trend aufkommt, sagen wir in den Freikirchen Amerikas – da diese nun einmal, was man neidlos, aber nicht resigniert, anerkennen muß, zur Zeit die „fromme Szene“ weitgehend beherrschen – dann kann man darauf wetten, daß er ersteinmal übernommen wird, zumindest wenn seine Unrichtigkeit nicht offenkundig ist. „Je religiöser, desto besser“ – das stimmt ja sogar; aber kann man es dem gläubigen Volke verdenken, wenn es daraus „je religiöser scheinend, desto besser“ macht?

In besseren Zeiten der Kirche waren die Pfarrer und Prediger streng genug, daß die Laien – clericis laicos semper inimicos esse constat – ein wenig dagegenhielten und vielleicht auch dagegenhalten durften; „im Grunde hat der Herr Pfarrer mit seiner Vorsicht ja schon einen Punkt, aber ganz so muß man das auch nicht alles machen“. (Wenn es wirklich krawotisch werden sollte, dann kann die Kirche ja immer noch mit Ausschluß von der Kommunion, Kirchenstrafen usw. daherkommen. – Es sei hier sicherheitshalber angemerkt: Wenn ich sage „vielleicht auch dagegenhalten durften“, so ist damit nichts gemeint, was tatsächliche Todsünden betrifft. Klar ist ja auch, daß die Gläubigen, sofern sie wenigstens ein bißchen gläubig waren, vor der tatsächlichen konkreten Todsünde immer einen heilsamen Schrecken hatten, und wenn nicht vor ihr, so doch wenigstens davor, nach ihr die Heilige Kommunion zu empfangen – Graham Greenes „Das Herz aller Dinge“ ist ein hervorragendes literarisches Zeugnis für letzteres).
Heute ist es – man hat manchmal fast den Eindruck – umgekehrt; wo ist denn die Strenge noch? Umso weniger kann man es dem Volk verdenken, wenn es „je religiöser scheinend, desto besser“ sagt. Machen wir uns nichts vor: Es gibt durchaus die Kreise, in denen der als der religiösere Mensch gilt, der mehr oder weniger gedankenlos die Argumente des Vulgärkreationismus nachbetet. (Ich beabsichtige damit übrigens nicht, jede Kritik oder jede explizit religiös oder biblisch begründete Kritik am Standardmodell der Physik etc. für unzulässig zu erklären – nur müßte das wenndann auf vernünftige Weise gemacht werden und übrigens erstmal jedenfalls auf der theologischen Seite frei von Irrtümern sein: der heutige Kreationismus fußt wesentlich auf der Behauptung, daß es vor dem Sündenfall keinen Tod gegeben haben könne, und dies ist, auch völlig unabhängig von physikalischen Tatsachen, zunächst einmal schlichtweg schriftwidrig. Bei Bedarf kann ich das gern auch noch begründen.) Es gibt ja obendrein auch die Kreise, in der auf Grund einer allgemeinen Unzufriedenheit damit, wie die heutige Politik zu Gottes Gesetz und der heiligen Religion steht (was nur allzu berechtigt ist!) jemand als umso religiöser gilt, je radikaler er politisch ist. Es gibt, auf deutsch, jede Menge Mist.

Der Punkt ist nun: Die feine katholische Nase riecht bei der herkömmlichen Anti-Halloween-Propaganda genau diese Art Mist heraus. Handeln wir diese Punkte kurz ab; sie sind nicht das eigentliche Thema dieses Textes hier.

1. „Halloween ist satanisch, weil sich Leute als Teufel und Hexen verkleiden.“

Hierzu braucht man eigentlich nichts zu sagen. Mit dem gleichen Recht ist Faust satanisch und zwar nicht wegen problematischer Einstellungen Goethes, die es transportiert (worüber man sicherlich bei Goethe generell reden kann, allerdings scheint mir zumindest der Tragödie erster Teil tatsächlich ganz unproblematisch zu sein), sondern allein schon deswegen, weil dort der Teufel auf der Rollenliste aufscheint. Mit dem gleichen Recht hätte Der Untergang nie produziert werden dürfen, weil es bedauerlicherweise nicht denkbar ist, ohne daß ein Schauspieler in die Rolle Adolf Hitlers schlüpft. Also lassen wir das.

2. „Halloween ist eines der Feste im ‚Festkalender der Satanisten’“.

Ich glaube nicht, daß man das bestreiten kann, zumindest nicht, was den Pseudo-Satanismus betrifft; aber ebensowenig kann man bestreiten, daß die fromme Kritik zuerst, die Einvernahme durch einzelne Satanisten, eine im übrigen marginale Bewegung, die eben präzise das tut, was die Frommen besonders verabscheuen, danach kam. Was übrigens den echten Satanismus betrifft, die wirklich gefährliche Bewegung, über die man am besten wenig sagt und über die ich im übrigen auch gar nichts sagen kann, – aber allem Vernehmen eine Bewegung, die das Licht des Tages scheut, und wirklich gefährlich ist – so sei da einmal dahingestellt, ob die Leute sich wirklich Ende Oktober mit Fratzen bemalen und fleißig Suppe vom zuvor ausgehöhlten Kürbis essen. Ich würde eher vermuten, sie wären dazu viel zu hoffärtig.

3. „Halloween ist ein heidnisches Fest“.

Näherhin ein keltisches; das stimmt von alledem noch am ehesten. Zumindest gab es meinen Informationen nach an diesem Datum tatsächlich ein heidnisches Fest (das bekannte Samhain), das vielleicht tatsächlich etwas mit einer heidnischen Version von „Letzten Dingen“ zu tun hatte. Wir hören ja immer, das Weihnachtsfest gehe auf ein germanisches Fest zurück: was bei Weihnachten Unsinn ist – Weihnachten ist ein rein christliches Fest und allenfalls im Datum von einem römischen beeinflußt – könnte in bezug auf Allerheiligen tatsächlich gewissermaßen „stimmen“. Das Fest Allerheiligen wurde – recht offen – zunächst auf den Termin des römisch-heidnischen Lemurenfestes (das durchaus etwas mit dem Thema „Geister von Verstorbenen“ zu tun hat) am 13. Mai gelegt, indem an diesem Tag der alte allen heidnischen Göttern gewidmete Tempel, das berühmte Pantheon oder die Rotonda, gereinigt und dann zur Ehre aller Heiligen geweiht wurde. Und wenn im 8. Jahrhundert Papst Gregor III. eine allen Heiligen geweihte Kapelle in Alt-St. Peter am 1. November einweihte und dies zum Anlaß nahm, das Festdatum zu verschieben, so liegt der Gedanke durchaus nahe, daß er das dem römischen Lemurenfest ähnliche keltische Fest bewußt zum Datum nahm, zumal die Kelten damals in der Sphäre des Christentums aufgetaucht waren und es auch jahreszeitlich schlicht besser paßte. Dafür, daß er die Weihe einer Nebenkapelle zum Anlaß nahm, ein Fest zu verschieben, das in der Weihe einer bedeutenden Basilika gründete, habe jedenfalls auch ich noch keine geeignetere Erklärung gefunden.

Und natürlich können hier außer dem Datum auch einzelne Bräuche übergegangen sein (auch bei Weihnachten wird sich wohl kaum jemand auf den Standpunkt stellen, der christliche Festgehalt sei mit überhaupt keinem mit ihm vereinbaren Brauch germanischer Herkunft angereichert worden).

Hier kommt aber schon einmal der erste von den Punkten ins Spiel um die es mir hier geht, wenn auch noch nicht das Kernthema: Wir Katholiken haben eben nicht vergessen, was Paulus in Apg 17,23 gesagt und gemacht hat; und wenn uns nun jemand sagt: „aber gerade damit war er in Athen ja nicht erfolgreich“, dann antworten wir stolz: „Das ist nachrangig; jedenfalls hatte er damit Recht.“ Das Taufen oder, mit einem vielleicht etwas zu modisch gewordenen Wort, die „Inkulturation“ von Bräuchen heidnischen Ursprungs, sofern sie nicht selbst götzendienerisch sind, ist keine anrüchige, sondern eine hervorragende Sache; nicht nur, um durch solche „Zugeständnisse“ noch mehr Seelen für Christus zu gewinnen – was aber doch bitte, um alles in der Welt, schon ausreichen sollte! –, sondern auch um der Wahrheit willen.

Ich gehe davon aus, daß an dieser Stelle die Protestanten lautstark das tun, was ihr Name besagt: „bei uns aber nicht!“. Schön und gut. Ich war seit meiner Zweitbeichte nie ein besonderer Freund des ökumenischen Gedankens, wie man ihn landläufig versteht (aber der Autor der Enzyklika Mortalium animos, von der einige disziplinarische, aber kein einziger doktrinärer Punkt aufgehoben ist, war das auch nicht); und hier wird man wohl den überstrapazierten Satz, daß die Toleranz logischerweise vor den Intoleranten wenigstens notwendig halt machen müsse, einmal richtig anwenden müssen. Wenn es recht ist zu inkulturieren, dann ist es nicht recht, auf Grund eines Kompromisses mit den Inkulturationsgegnern darauf zu verzichten.

Daher: Die Johannisfeuer müssen weiter brennen, auch wenn der protestantische Nachbar das nicht mag.

Mein Verweis auf die Johannisfeuer mag überraschend gekommen sein; damit komme ich schön langsam zu meinem eigentlichen Thema, weil zwischen den Johannisfeuern und Halloween eben doch ein Unterschied besteht. Das Johannisfeuer wurde auf den Festtag eines großen Heiligen gelegt und auch mit einer Deutung, die sich auf ihn bezieht, versehen und mit einem eigenen Abschnitt im Rituale Romanum geehrt. (Das ist, um die Anspielung nicht auszulassen, natürlich auch das gleiche Buch, in dem die Exorzismen enthalten sind.) Das Johannisfeuer ist damit heute eine christlich-gottesdienstliche Handlung, und Schluß.

Ist Halloween nicht doch etwas anderes? Ist Halloween nicht so etwas wie der „Harry Potter des Festkalenders“ (in der Buchreihe kommt es ja übrigens tatsächlich auch relativ prominent vor), also ein offenkundig mit viel Unfug als un- und widerchristlich verschmähtes Ding, das die Leute lesen bzw. feiern, weil es halt Spaß macht, das aber trotzdem ebenso offenkundig nicht besonders religiös und christlich ist? Die Bemühungen, etwa „Harry Potter“ auch als letzteres zu deuten, sind ja nicht viel weniger peinlich als die, die auf das Gegenteil aus sind.

Nun; die Feststellung wäre naheliegend; aber ich glaube nicht. Und damit komme ich auf den Reformationstag zu sprechen.

 

III. Reformation und Reformationstag

Es kommt hier übrigens nicht darauf an, ob „der Reformationstag so passiert ist“. „If the legend becomes fact, print the legend“; daß Martin Luther um diese Zeit herum die 95 Thesen zur Diskussion stellte und damit zwar in diesen Thesen selbst nur in den wenigsten Fällen der katholischen Lehre widersprach, aber doch für den heutigen Leser einen zweifellos unkatholischen Geist durchblicken ließ und dafür, daß er durch seine Unbelehrbarkeit den Protestantismus auslöste, den Anstoß gab, das ist ja unstrittig. Wir wollen ihm also durchaus den Dramatismus gönnen, daß er selbst diese Thesen an die Tür der Universitätskirche anschlug – zumal das, wie man hört, eine gängige Methode der wissenschaftlichen Auseinandersetzung war. Vielleicht tat es auch der Universitätshausmeister, aber lassen wir es ruhig einmal Luther selbst getan haben. Es ist gleichgültig.

Was war denn der Auslöser der Reformation? Ich rede jetzt nicht von den Dingen, die sie, leider Gottes, begünstigten; ohne die sie in der religionspolitischen Praxis ziemlich schnell ihr Ende gefunden hätte. Natürlich hätte es die Reformation mit diesem Erfolg nicht gegeben, wenn der insbesondere hohe Klerus weniger Gelegenheit zum Anstoßnehmen gegeben hätte – aber was diese von Katholiken, die aus ökumenischer Höflichkeit ums Verrecken irgendetwas Freundliches dazu sagen wollen, viel zu sehr betonte Tatsache betrifft, hat Luther immer darauf bestanden, daß nicht das der eigentliche Hintergrund der Reformation war; „wir müssen unterscheiden Lehre und Praxis; in der Praxis sind die unsrigen nicht besser als die Katholiken“, soweit Luther selbst. Natürlich wäre die Reformation ohne den Eifer von Fürsten, sich Kirchengüter unter den Nagel zu reißen (und in einem Fall sogar um der lieben PR willen eine Bigamie genehmigt zu bekommen), im Sande verlaufen und bloß zu einem allerdings wohl nicht ganz unbedeutenden Kapitelchen der Häresiegeschichte geworden. Und natürlich – was viel zu wenig beachtet wird: Hätte man dem deutschen Volk glaubwürdig erklärt, was tatsächlich den Tatsachen entsprach, nämlich daß der Abriß von Alt-St. Peter, der Baufälligkeit dieser Kirche wegen, nicht nur und nicht vor allem ein Prestigeprojekt eines etwas ruhmsüchtigen (vielleicht zu ruhmsüchtigen?) Papstes, Julius‘ II., sondern tatsächlich dringend erforderlich war und der Neubau in all seinem Prunk (der bei einer Kirche dieser Bedeutung natürlich unverzichtbar ist) vermutlich ja auch immer noch billiger kam als eine kostspielige Sanierung – wir kennen so etwas bei Bauten ja auch in unseren Tagen –, dann hätte Luther gegen die vor allem auf den Bau von Neu-St. Peter gerichteten Ablässe gewiß nie so eine Stimmung mobilisieren können.
Das alles ist richtig; aber es hat nichts mit dem theoretischen Fundament des Protestantismus zu tun.

Dieses Fundament ist die Angst.

Damit sage ich nichts, was ein ernstzunehmender Protestant wird bestreiten wollen; er wird nur sagen, gemäß seinem damaligen katholischen Glauben habe Luther eben Angst haben müssen und durch seinen Protestantismus den dann notwendigen Ausweg gefunden. Daß aber Luther an der Frage „wie bekomme ich einen gnädigen Gott“ fast verrückt geworden ist, bis er seine spezielle „Lösung“ der Frage gefunden hatte, die bis heute in allen Spielarten des Protestantismus maßgeblich ist, ist eine offenkundige Tatsache. (Unter anderem deswegen ist wohl das Pfingstkirchlertum wie auch sicher der Mormonismus nicht zum Protestantismus zu rechnen.)

Und damit komme ich zu der im Liturgiejahr eher seltsamen Einleitung des Artikels. Ist es nicht natürlich, vor dem Jüngsten Gericht Angst zu haben?

„Tagt der Rache Tag den Sünden, wird das Weltall sich entzünden, wie Sibyll und David künden. / Welch ein Graus wird sein und Zagen, wenn der Richter kommt, mit Fragen streng zu prüfen alle Klagen! / Laut wird die Posaune klingen, durch der Erde Gräber dringen, alle hin zum Throne zwingen. / Schaudernd sehen Tod und Leben sich die Kreatur erheben, Rechenschaft dem Herrn zu geben. / Und ein Buch wird aufgeschlagen: treu darin ist eingetragen jede Schuld aus Erdentagen. / Sitzt der Richter dann zu richten, wird sich das Verborgne lichten; nichts kann vor der Strafe flüchten. / Weh! Was werd ich Armer sagen? Welchen Anwalt mir erfragen, wenn Gerechte selbst verzagen?“
Soweit die ersten sieben Strophen der achtzehneinhalb des Dies irae.

Dann wird’s zappenduster; dann ist Matthäi am letzten.

Die scheinbare Lösung Martin Luthers für dieses echte Problem kennen wir: wir tun einfach so als ob. (Sicher würde das nun ein Protestant nicht so formulieren.) Etwas salbungsvoller ausgedrückt: Aus dem mißverstandenen Bibelvers „der Gerechte lebt aus dem Glauben“ bastelt er sich, dem offenkundigen Sinn zuwiderlaufend, seine Lehre, die in all ihrer Zugespitztheit letztlich so lautet „wie du glaubst, so hast du“: also sinngemäß „wer sich die Sünden vergeben glaubt, dem sind sie vergeben; wer sich die Sünden behalten glaubt, dem sind sie behalten“. (Wir lesen natürlich in Joh 20,23, an das ich mich mit der Formulierung zugegeben angelehnt habe, etwas ganz anderes.)

In einer Formulierung, die meines Wissens auf Paul Hacker zurückgeht: Erlösung durch Selbstsuggestion.

Es ist übrigens nicht meine Absicht, diese neue Theorie lächerlich zu machen. Wer von echter, ernsthafter Verzweiflung umnachtet ist und dann mit dem vielberedeten „Mut der Verzweiflung“ den, um es einmal unangemessen modern auszudrücken, „Sprung ins Ungewisse wagt“, das „Wagnis des Glaubens eingeht“, dem kann man eine gewisse Größe nicht bestreiten – nur Recht hat er eben nicht. Lächerlich ist höchstens Luthers Behauptung, daß diese Lehre von Anfang an die christliche gewesen sei oder gar – zumindest vom Tonfall her klingen seine ersten, noch halbkatholischen Aussagen so – von der Kirche erst allerkürzlichst aufgegeben worden sei.

Da er diese Doktrin aber einmal so aufgestellt hat, folgt mit einer gewissen Logik, daß er die Lehre vom Verdienst verwirft. Wenn andere diesen sogenannten „Fiduzialglauben“ (wie mindestens die katholische Theologie ihn später nennen würde) auch als Wesensbestandteil des „Evangeliums“, d. h. der christlichen Lehre annehmen sollen (es ist übrigens etwas komisch, eine Theorie „Evangelium“ zu nennen, selbst nach den Behauptungen ihres Begründers aus einer Auslegung der Paulusbriefe hervorgeht und im Evangelium gar keinen Anhaltspunkt hat), dann müssen sie vorher auch in Verzweiflung geführt werden oder doch wenigstens vom Katecheten vordemonstriert bekommen, daß sie, wenn sie nicht fromme Protestanten wären, in ebendiese Verzweiflung geraten müßten. Dann aber muß mit aller Gewalt die falsche Lehre gepredigt werden, die im englischen Sprachraum später auf den Begriff utter depravity gebracht werden würde (der Begriff ist calvinistisch, die Wurzel liegt aber tatsächlich bei Luther); der Mensch sei von Natur aus verdorben (wir Katholiken bestehen darauf, daß das erstens nicht die Natur ist und daß zweitens von einer bedauerlichen Hinneigung zur Sünde, aber, zumindest mit Notwendigkeit, nicht von mehr die Rede ist und vor allem daß drittens der Mensch, solange er lebt und bei Bewußtsein ist, immer eine gewisse Empfänglichkeit für das Gute beibehält). Ist er aber verdorben, dann kann er auch nichts Gutes tun; und hat man einmal die Erbsünde, aus der ja die Sünden folgen, so erklärt, dann folgt aus der unbestreitbaren Erfahrungstatsache, daß auch Getaufte sündigen, daß sich daran durch die Taufe nichts Grundlegendes ändert. (Luther erklärt dann die Erlösung gewissermaßen als „Augenzudrücken“ Gottes in dieser Beziehung.) Und wenn das so ist, dann ist der Fall, daß jemand etwas Gutes tut – vor allem, wenn es etwas Gutes ohne innerweltlichen Sinn ist – ein Anlaß für den dringenden Verdacht, daß er diese wesentliche Lehre des Protestantismus nicht akzeptiert und damit auch den nach protestantischer Ansicht wahren Glauben nicht haben kann.

Solche Handlungen faßt der Protestantismus unter den Begriff „Werkgerechtigkeit“. Es gibt natürlich – worauf wir Katholiken mit unserem Harmoniebedürfnis gern bestehen – etwas, das man auch „Werkgerechtigkeit“ nennen könnte und das tatsächlich falsch ist: sich durch Werke den Himmel (oder die Gnade) verdienen wollen, so daß man hernach ein Anrecht darauf hätte, und zwar allein des natürlichen Wertes der Werke wegen, nicht deswegen, weil diese selbst bereits unter dem Anhauch der Gnade geschehen sind, von der die erste immer unverdient ist. Die Frage muß aber ehrlich gestellt werden, ob das seit dem Sieg über die Häresie des Pelagius (also im 5. Jahrhundert) überhaupt nennenswerte Gruppen in der katholischen Kirche geglaubt haben; daß das bis Luther die gängige katholische Lehre gewesen sei, ist jedenfalls ein protestantisches oder versöhnlerisches Märchen.

Von dieser Ablehnung der verdienstlichen Werke – für die Luther sich mit aller Geschicktheit eines von der Verzweiflung wohl entschuldigten, aber an und für sich betrügerischen Kaufmanns etliche Stellen bei Paulus zunutze macht, die „Werke“ für jetzt ungültig erklären: womit aber textlich eindeutig die Zeremonien des mosaischen Gesetzes gemeint sind, mithin ein Thema, das mit dem Luthers gar nichts zu tun hat – kommt er dann zur Verwerflichkeit des Ablaßgewinnens. (Diese steht nicht in den 95 Thesen, die ausdrücklich das Gegenteil proklamieren, etwa in These 67; ich meine aber, daß man sie zwischen den Zeilen lesen kann.) Er sucht sich dabei einen systematisch denkbar ungeeigneten, propagandistisch denkbar geeigneten Gegner aus. Systematisch einen ungeeigneten: Denn gerade der Ablaß ist das genaue Gegenteil von Werkgerechtigkeit. Wenn ich eine Wallfahrt mache, dann ist das ein verdienstliches Werk, gewissermaßen; bitteschön. Die Wallfahrt für sich! Wenn es aber auf die Wallfahrt einen Ablaß gibt, dann ist das ausdrücklich eine Dreingabe der Kirche; der entscheidende Punkt beim Ablaß ist gerade eben, daß das, was daran Ablaß ist, nicht das Werk des Ablaßnehmers, sondern eben ein bei gewissen Anlässen unter gewissen Bedingungen von der Kirche gespendetes Geschenk ist. Aber natürlich gaben damals auf Grund der publizistischen Tagesmeinung die Ablässe in Deutschland ein geeignetes Ziel ab.

Vielleicht hat ja auch Luther tatsächlich vor allem gestört, daß erstens die Ablässe, selbst wenn sie empfangen werden, in der Regel von „Ungläubigen“ im Sinne des Protestantismus empfangen werden und damit gar nichts nützen (so ausdrücklich These 31), und vielleicht auch, daß diese wohl damals schon gern, wie auch heute, ganz selbstlos den Verstorbenen zugewendet wurden. Dies ist auf Seiten des Ablaßnehmers ein gutes Werk (!); und was könne es dem Verstorbenen nach protestantischer Auffassung schon nützen: auf das, worauf es nach diesem Glauben eigentlich ankommt, den Fiduzialglauben zu Lebzeiten, haben sie doch keinen Einfluß.

– Anders als beim Ablaß nehme ich Luther ab, daß er an das Fegfeuer, als er die 95 Thesen schrieb, tatsächlich noch glaubte, wie er dort ausdrücklich sagt (etwa: These 16). Letztlich konnte der Protestantismus aber nicht aus seiner Haut heraus, und da er an seiner Gründungslegende „gegen den Ablaß!“ festhalten mußte, mußte er letztlich auch das Fegfeuer trotz eindeutigem biblischen Beweis (1 Kor 3,15) verleugnen, zumal es, wenn die Sünden ohnehin nur zugedeckt würden, in der Tat nicht recht einzusehen ist, warum, und wenn ja wie, Gott nach Bemäntelung der Sünden noch zeitliche Strafen übrig ließe. Richtig zu erklären ist das, auch wenn es einen Augenblick paradox klingt, nur vom katholischen Standpunkt: Gott vergibt die Sünden ganz, es kommt hinten ein neuer, heiliger Mensch heraus; und eben deshalb hat es Sinn, daß die Rückstände und Verflechtungen, die nach Vergebung der Schuld noch verbleiben, durch Läuterung erst noch beseitigt werden müssen (wo dann „einer des anderen Last tragen“ kann).

Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum Luther für seine Thesen gegen den Ablaß ausgerechnet den Vorabend von Allerheiligen, der damals – und noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts – als Vigil (mit Fasten! Werkgerechtigkeit!) ausgestattet war, wählte.

Nach diesem Versuch einer Erklärung der Reformation kehre ich etwas zum Thema zurück:

Durch das Sicheinreden des Erlöstseins kann man natürlich die Angst nicht eigentlich loswerden. Man kann sie nur verdrängen; und man will dann unter keinen Umständen etwas damit zu tun haben, sonst kommt sie wieder hoch. (Wenn sie verdrängt bleibt und nicht hochkommt, reicht das für den Protestanten.)

 

IV. Das Gruseln als Freizeitgenuß der Katholiken

Völlig anders sehen die Dinge in der heiligen Mutter Kirche aus.

An dieser Stelle möchte ich eine Geschichte von G. K. Chesterton zitieren (Alarums and Discursions: On Gargoyles). Es geht um ein Volk, das auf heidnische, aber nicht bös-heidnische, nur noch unerleuchtet-heidnische, Weise den Sonnengott verehrt; und ihr Priester baut dem Sonnengott einen Tempel in wunderschöner klassischer Architektur. Doch dann werden sie von Piraten überfallen, wären fast vernichtet worden, und nach einem langen Krieg erst werden sie wieder frei.

Und aus irgendeinem Grunde begannen die Leute nach diesen Geschehnissen, vom Tempel und der Sonne anders zu reden. Manche gewiß sagten: „Man darf den Tempel nicht anrühren; er ist klassisch; er ist vollkommen; denn er läßt keine Unvollkommenheiten zu.“ Aber die anderen antworteten: „Und darin unterscheidet er sich von der Sonne, die über Böse und Gute scheint, und über den Schlamm und über die Ungeheuer überall. Der Tempel ist ein Mittagstempel; er ist aus weißen Marmorwolken und einem Edelsteinhimmel gemacht. Aber die Sonne ist nicht immer Mittagssonne. Die Sonne stirbt Tag für Tag; jede Nacht wird sie in Feuer und Blut gekreuzigt.“
Und der Priester hatte den ganzen Krieg hindurch gelehrt und gewehrt, und sein Haar war weiß, seine Augen jedoch jung geworden. Und er sagte: „Ich war im Unrecht, sie sind im Recht. Die Sonne, das Symbol unseres Vaters, gibt Leben all jenen irdischen Dingen, die voller Häßlichkeit und Energie sind. Alle Übertreibungen sind recht, wenn sie das Rechte übertreiben. Lasset uns zum Himmel weisen mit Stoßzähnen, mit Hörnern, mit Finnen, mit Rüsseln, mit Schwänzen – solange sie nur alle zum Himmel zeigen. Die häßlichen Tiere preisen Gott ebenso, wie die schönen es tun. Dem Frosch stehen die Augen aus dem Kopf heraus, weil er den Himmel anstarrt. Der Hals der Giraffe ist so lang, weil sie sich zum Himmel ausstreckt. Der Esel hat Ohren zum Hören; er höre.“

Und das Ende vom Lied ist, daß eine Kathedrale im gotischen Stil gebaut wird – ein Baustil, den wir heute nicht ganz von ungefähr im Namen einer bestimmten Musikrichtung nebst zugehöriger Szene wiederfinden.

Weil der Katholik – zumindest im Idealfall – keine Angst hat, ist er frei, auch all die häßlichen Dinge zu gebrauchen. Weil der Katholik weiß, daß er keine Angst haben sollte, wird ihn das offene Ansprechen der Düsternis eher dazu bringen, keine zu haben. Und übrigens: Weil der Katholik auch ans Fegfeuer glaubt, braucht er sich nicht so sehr vor der Hölle fürchten – und wenn wir es einmal genau nehmen, kann dazu nur je mehr beitragen, je schrecklicher man sich ihre Schrecken vorstellt. Das ist auch paradox; und doch klar, wenn man es sich einmal überlegt.

Es ist die Lehre der Kirche, daß wenigstens Leute, die – wie es technisch heißt – „den Vernunftgebrauch“ (d. h. im großen und ganzen: den 7. Geburtstag) erreichen, letztlich nur drei Möglichkeiten haben: Himmel ohne Fegfeuer; Fegfeuer und dann Himmel; und Hölle. (Die getauft verstorbenen Kleinkinder sind sicher im Himmel; für die ungetauft verstorbenen gilt „nichts Genaues weiß man nicht“, aber wenn sie nicht im Himmel sind, d. h. Gott nicht schauen können, so sind sie jedenfalls doch zumindest in natürlicher Glückseligkeit, d. h. es geht ihnen uneingeschränkt gut.)
Je schrecklicher also die Hölle ist, umso naheliegender der Gedanke: „Na so schlimm, daß ein gütiger und barmherziger Gott mit dahin schicken wird, werde ich ja doch wohl nicht gewesen sein werden. Natürlich muß ich bestraft werden; aber dafür gibt es ja das Fegfeuer, aber das ist ja einmal vorbei, und obendrein“ – denn das ist ebenfalls Lehre der Kirche – „werde ich auch im Fegfeuer schon sicher wissen, daß ich der Hölle ein für alle mal ausgekommen bin“.

(Das entbindet natürlich nicht von der Pflicht, die Todsünden zu meiden und, wenn man das Unglück gehabt haben sollte, in eine zu fallen, zu bereuen und bis zur nächsten Beichte, die spätestens um nächste Ostern herum sein soll, nicht zu kommunizieren.)

Deshalb ist überall dort, wo der Katholizismus lebendig ist und die apologetische Auseinandersetzung mit dem Protestantismus (die ein wenig die Betonung auf die Vermeidung vermessener Heilsgewißheit setzen mußte) relativ fern war, die stillschweigende Unterstellung lebendig geblieben, daß die ewige Höllenstrafe (zumindest unter Katholiken – wobei diese Frage vor Augen gar nicht steht) eine seltene Sache ist. (Eine nicht ganz orthodoxe, aber mentalitätsmäßig umso aufschlußreichere Darstellung der Sache ist in dem Theaterstück Himmelwärts von Ödön von Horvath zu finden.) „’Ja, kommt denn der Flori hierher?‘ ‚Marei, du bist im ewigen Frieden; und wie lange es auch dauern mag, bis dein Flori dir folgt, es wird für dich nur eine kurze Weile sein.’“
Und im Mittelalter galt, habe ich wenigstens gehört, der Teufel (etwa im damaligen Äquivalent unseres Kasperltheaters) als zwar abgrundtief böse, aber auch jämmerliche und irgendwo fast zu bemitleidende Figur. Ein wenig davon wirkt noch nach in Goethes Faust, wenn Mephisto, wie es offensichtlich vorgesehen ist, von dem Mitglied des Ensembles gespielt wird, das vorher im Vorspiel als „Lustige Person“, d. h. als Ausfüller des komödiantischen Parts, vorgestellt wurde.

Übrigens fällt in diesem Zusammenhang eine Figur auf, die die Imagination des christlichen Volkes anscheinend beschäftigt zu haben scheint: jemand, der weder in den Himmel noch in die Hölle hineinpaßt. Zur orthodoxen Antwort darauf komme ich gleich, aber das Konzept ist interessant. Der Protagonist in Himmelwärts muß, weil er weder hierhin noch dorthin paßt, zunächst nochmal auf die Erde. Der Schneider im Himmel kann nicht in den Himmel und in die Hölle auch nicht, also zieht er, heißt es im Märchen, nach „Warteinweil“, wo die frommen Soldaten sind – also die, die einerseits fromm waren, andererseits immerhin das Kriegshandwerk betrieben haben. – Die orthodoxe Antwort darauf ist natürlich „Fegfeuer, und dann in den Himmel; und im übrigen ist das Soldatenhandwerk, bei aller nicht abzustreitenden Problematik, ebensowenig Sünde wie jeder andere notwendige Beruf auch“ (sollte übrigens das Fegfeuer im Ausdruck „Warteinweil“ schon anklingen?), aber interessant ist es schon, welche Blüten die authentische Phantasie des Volkes da so getrieben hat.
Und in diese Kategorie gehört auch Jack O’Lantern, der sich aus dem gleichen Grund an dem Licht einer brennenden Rübe wärmen darf, oder außerhalb Irlands einem Kürbis. Apropos Irland: Seit etwa vierhundert Jahren ist in Irland die pro-keltische und die katholische, die anti-keltische und die protestantische Sache jeweils ungefähr (ich sagte ungefähr) die gleiche.

Wir haben gesehen: Wer keine Angst hat, weil er weiß, daß er einen gnädigen Gott jetzt schon hat – denn Gott ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Gnade – der kann sich daran erfreuen, sich zu gruseln; der kann auch Horrorfilme anschauen, und der kann auch vor der Feier des Himmels und der Fürbitte fürs Fegfeuer dafür zu haben sein, die Hölle gewissermaßen repräsentiert zu bekommen. Wir, so hoffen wir, kommen ja nicht hinein! (Dazu helfe uns Gott in seiner großen Güte durch Christus unseren Herrn. Amen.)

Der hl. Papst Johannes Paul II. hat gesagt, der Paradiesmensch hätte nicht zu arbeiten brauchen, sich aber nach der Arbeit wie nach einem Genusse gesehnt. In der Lage sind wir bei der Arbeit nicht – oft genug nicht bei den reichen Arbeitenden, wohl kaum bei denen, die nicht wissen, ob sie ihr tägliches Brot zusammenbekommen; beim Grusel aber anscheinend schon. Es macht ja auch Freude, wenn man die Geschichte von Beren und Luthien in der Eisenhölle hört, vorausgesetzt, man sitzt gemütlich am Kaminfeuer von Imladris.

Denn das oben anzitierte Dies irae geht noch weiter; man darf eben Lieder nicht immer nach ein paar Strophen abbrechen. „König schrecklicher Gewalten, frei ist Deiner Gnade Schalten: Gnadenquell, laß Gnade walten! / Milder Jesus, wollst erwägen, daß Du kamest meinetwegen, schleudre mir nicht Fluch entgegen. / Bist mich suchend müd gegangen, mir zum Heil am Kreuz gehangen: mög dies Mühn zum Ziel gelangen. / Richter Du gerechter Rache, Nachsicht üb in meiner Sache, eh ich zum Gericht erwache. / Seufzend steh ich schuldbefangen, schamrot glühen meine Wangen: Laß mein Bitten Gnad erlangen. / Hast vergeben einst Marien, hast dem Schächer dann verziehen, hast auch Hoffnung mir verliehen. / Wenig gilt vor Dir mein Flehen; doch aus Gnade laß geschehen, daß ich mög der Höll entgehen. / Bei den Schafen gib mir Weide, von der Böcke Schar mich scheide, stell mich auf die rechte Seite. / Wird die Hölle ohne Schonung den Verdammten zur Belohnung, ruf mich zu der Sel’gen Wohnung. / Schuldgebeugt zu Dir ich schreie,
Tief zerknirscht in Herzensreue: sel’ges Ende mir verleihe. /Tag der Zähren, Tag der Wehen, da vom Grabe wird erstehen zum Gericht der Mensch voll Sünden. / Laß ihn, Gott, Erbarmen finden. / Milder Jesus, Herrscher Du, schenk den Toten ew’ge Ruh. Amen.“

Ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er ihn um Brot bittet? Um wieviel mehr wird der Vater im Himmel, usw.

Daher: beichten; die Allerseelenablässe gewinnen; und Halloween zumindest wohlwollend zur Kenntnis nehmen – dies erscheint auf Grund des Gesagten als hervorragende katholische Reaktion auf das Elend der Reformation, die an einem 31. Oktober begonnen hat und leider viel Grusel, irdischen (wenn man an die Kriege denkt), aber vor allem theologischen, in die Welt gebracht hat, der leider nicht am warmen Kaminfeuer genossen werden kann.

Zumindest noch nicht. Wer weiß, wie wir einmal im Himmel darüber denken werden.

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Das Gesetz: Süßer als Honig (ein Gastbeitrag von C. S. Lewis)

Eins von C. S. Lewis‘ schönsten Büchern ist „Reflections on the Psalms“, ins Deutsche übersetzt (und leider leicht gekürzt) unter dem Titel „Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen“. Darin schreibt er auch etwas über die Rolle des Gesetzes in den Psalmen, das das, was ich in diesem Beitrag sagen wollte, viel besser zum Ausdruck bringt, als ich es könnte. Übergebe ich das Wort also mal an ihn:

„In Racines Tragödie Athalie singt der Chor jüdischer Mädchen eine Ode über den ursprünglichen Erlaß des Gesetzes auf dem Berge Sinai, mit dem bemerkenswerten Kehrvers ô charmante loi (1. Akt, 4. Szene). Es geht natürlich nicht an – es grenzte ans Komische -, das mit ‚o reizendes Gesetz‘ wiederzugeben. ‚Reizend‘ ist im Deutschen ein lauwarmes, ja herablassendes Wort geworden; wir wenden es auf ein hübsches Wochenendhäuschen an, auf ein Buch, das nicht bedeutend ist, oder auf eine Frau, die man nicht schön nennen könnte. Ich weiß nicht, wie charmante zu übersetzen wäre; ‚bezaubernd‘? – ‚entzückend‘? – ’schön‘? Keines dieser Wörter paßt genau. Eines aber ist gewiß: Racine (ein gewaltiger Dichter und vom Geiste der Bibel erfüllt) kommt hier einem sehr bezeichnenden Empfinden mancher Psalmen näher als jeder andere mir bekannte moderne Schriftsteller. Und zwar einem Empfinden, das mich zuerst ganz verwirrt hat.

‚Köstlicher sind sie als Gold und viel Feingold und süßer als Honig, als Seim aus den Waben‘ (19,11). Man kann gut verstehen, daß so etwas von Gottes Gnadenerweisen, von Gottes Tröstungen, von Seinen Eigenschaften gesagt wird. Aber in Wirklichkeit spricht der Dichter von Gottes Gesetz, von Seinen Geboten – von Seinen ‚Bestimmungen‘ (10) (‚Gerichte‘ meint hier deutlich Entscheidungen über das Verhalten). Was mit Gold und Honig verglichen wird, sind jene ‚Vorschriften‘ (in der lateinischen Fassung, ‚Rechtsaussprüche‘), die – so wird uns gesagt – ‚das Herz erfreuen‘ (9). (…)

Das blieb mir zuerst völlig verschlossen. ‚Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht ehebrechen‘ – ich kann verstehen, daß ein Mensch diese ‚Bestimmungen‘ achten kann und muß, daß er versuchen muß, ihnen zu gehorchen und im Herzen zuzustimmen. Aber es ist sehr schwer einzusehen, wie sie sozusagen munden, wie sie erheitern sollen. (…)

Ein guter Christ und großer Gelehrter, dem ich diese Frage einmal vorlegte, vermutete, die Dichter dächten an die Genugtuung, die das Bewußtsein, dem Gesetz gehorcht zu haben, bereitet; mit anderen Worten, an die ‚Freuden eines guten Gewissens‘. (…) Die Schwierigkeit besteht darin, daß mir die Psalmisten nirgends etwas annähernd Ähnliches zu sagen scheinen.

In 1,2 wird uns gesagt, der Gute habe Gefallen am Gesetz des Herrn, ‚und über sein Gesetz sinnt er Tag und Nacht‘. Mit ‚Gesetz‘ sind hier natürlich nicht einfach die Zehn Gebote gemeint; gemeint ist die ganze umfassende Gesetzgebung (die religiöse, moralische, bürgerliche, strafrechtliche und sogar verfassungsmäßige), enthalten in Levitikus, Numeri und Deuteronomium. Wer darüber ’sinnt‘, gehorcht Josuas Befehl (1,8): ‚Dieses Gesetzbuch komme dir nicht aus dem Munde! Tag und Nacht halte darüber Betrachtung.‘ Das bedeutet unter anderem, daß das Gesetz ein Studium oder, wie wir sagen würden, ein ‚Fach‘ war, etwas, worüber es Kommentare, Vorlesungen und Prüfungen gab. So war es auch. Wenn also ein alter Jude sagte, er ‚habe Gefallen am Gesetz‘, meinte er zum Teil (zum religiös unwichtigsten Teil) etwas Ähnliches wie wir, wenn wir von jemandem sagen, er ‚habe gern‘ Geschichte, Physik oder Archäologie. Das kann eine ganz unschuldige – wenn auch selbstverständlich bloß natürliche – Freude am Lieblingsfach bedeuten; aber auch die Freuden des Hochmuts, Stolz auf die eigene Gelahrtheit und infolgedessen Verachtung für Außenseiter, die daran keinen Anteil haben, oder sogar eine krämerhafte Bewunderung für Studien, denen man Besoldung und gesellschaftliche Stellung verdankt.

Die Gefahr einer Entwicklung im zweiten Sinne wächst natürlich aufs Zehnfache, wenn das fragliche Studium von allem Anfang an als heilig abgestempelt ist. Dann tritt die Gefahr geistlichen Stolzes zur gewöhnlichen Haarspalterei und Einbildung hinzu. Manchmal (nicht oft) ist man froh, kein großer Theologe zu sein; man könnte sich dann leicht fälschlich für einen guten Christen halten. (…) Aber nicht diese Seite der Angelegenheit möchte ich hier unterstreichen – heute bedarf es dessen nicht. Lieber möchte ich mir von den Psalmen das Gute zeigen lassen, durch dessen Verderbnis jenes Schlechte entstanden ist.

Jedermann weiß, daß Psalm 119 dem Gesetze gewidmet ist, der längste der ganzen Sammlung. Und wahrscheinlich hat jedermann bemerkt, daß er in literarischer oder technischer Hinsicht am meisten durchgeformt und der kunstvollste von allen ist. Die Technik besteht darin, eine Reihe von Wörtern zu wählen, die im Rahmen dieses Gedichts alle mehr oder weniger synonym sind (‚Worte, Satzungen, Gebote, Weisungen‘ usw.), und sie in jedem der 22 Abschnitte von je acht Versen wieder erklingen zu lassen – Abschnitte, welche ihrerseits den Buchstaben des Alphabets entsprechen. (Altjüdischen Ohren mag das ein ähnliches Vergnügen bereitet haben wie uns die italienische Strophenform der Sestine, wo statt Reimen in jeder Stanze die gleichen Wörter in wechselnder Reihenfolge wiederkehren.) Mit anderen Worten: Dieses Gedicht ist nicht wie etwa Psalm 18 ein jäher Herzenserguß und will es auch nicht sein. Es ist ein kunstvolles Muster, entstanden in langen stillen Stunden, aus Liebe zum Fach und aus Freude an zweckfreiem, zuchtvollem Handwerk, wie eine Stickerei, Stich um Stich.

Das scheint mir an sich schon sehr wichtig, denn es gewährt uns Einblick in Geist und Stimmung des Dichters. Wir ahnen sogleich, er habe für das Gesetz Ähnliches wie für die Dichtung empfunden; beide heischen genaue und liebevolle Angleichung an ein schwieriges vorgeschriebenes Muster. Das legt eine Haltung nahe, aus der sich später der Begriff des Pharisäischen entwickeln konnte, die aber an sich zwar  nicht unbedingt religiös ist, aber doch ganz harmlos. Sie sieht für den, der dabei nicht mitgeht, nach Geziertheit oder Haarspalterei aus, braucht es aber nicht zu sein. Sie ist Freude an Ordnung, Vergnügen am Präzisen – wie am Tanzen eines Menuetts. Natürlich weiß der Dichter, daß etwas unvergleichlich Ernsthafteres als ein Menuett zur Frage steht. Auch weiß er darum, daß ihm selbst so vollendete Zucht schwerlich gelingen wird: ‚Ach wären doch meine Wege beständig, indem ich deinen Satzungen folge!‘ (5). Zur Zeit sind sie es nicht. Aber seine Anstrengungen entspringen nicht sklavischer Furcht. Die Ordnung des göttlichen Geistes, verkörpert im göttlichen Gesetz, ist schön. Kann man Besseres tun als sie im täglichen Leben soweit wie möglich darstellen? ‚An deinen Satzungen habe ich meine Lust‚ (16); über sie zu sinnen, ist ‚mehr als Besitz‘ (14); sie wirken wie Musik. ‚Lieder sind mir deine Satzungen‘ (54); sie munden wie Honig (103); sie gelten mehr als Gold und Silber (72). Je weiter einem die Augen geöffnet werden, um so mehr Wunder schaut man darin (18). Das ist weder Ziererei noch Skrupelhaftigkeit; es ist die Sprache eines von moralischer Schönheit Verzückten. Zu bedauern ist, wer diese Erfahrung nicht zu teilen vermag. Aber besser als die meisten von uns – so stelle ich mir gerne vor – wüßte ein chinesischer Christ – einer, dessen angestammte Kultur ihm ‚Lehrmeisterin zu Christus hin‘ gewesen – diesen Psalm zu schätzen; denn ein alter Gedanke jener Kultur will, das Leben müsse vor allem geordnet sein, und zwar als Spiegel der göttlichen Ordnung.

Aber noch ein zweites in diesem ernsten Gedicht kann uns weiterhelfen. An drei Stellen versichert der Dichter, das Gesetz sei ‚verlässig‘ oder ‚Wahrheit‘ (86, 138, 142). (Desgleichen 111,7: ‚Verlässig sind all seine Satzungen.‘) Henne übersetzt das Wort dreimal mit ‚Wahrheit‘: ‚wahr‘ im hebräischen Sinne ist etwas, worauf Verlaß ist. Ein moderner Logiker würde einwenden, das Gesetz sei ein Befehl und es sei sinnlos, einen Befehl ‚wahr‘ zu nennen; ‚die Türe ist geschlossen‘ kann wahr oder falsch sein, nicht aber ’schließ die Tür‘. Doch ich glaube, wir verstehen alle recht gut, was die Psalmisten sagen wollen: daß man nämlich im Gesetz die ‚echten‘, ‚richtigen‘ oder unerschütterlichen und fest gegründeten Anweisungen zum Leben findet. Das Gesetz gibt Antwort auf die Frage: ‚Wie hält der Jüngling seinen Pfad rein?‘ (119,9) Es ist Leuchte und Führer (105). Viele andere Lebensanweisungen wetteifern mit ihm, wie die heidnischen Kulturen rings um uns zeigen. Der Dichter, der die Weisungen oder Vorschriften Jahwes ‚wahr‘ nennt, drückt damit die Gewißheit aus, daß diese und nicht jene anderen ‚echt‘, ‚gültig‘ oder unangreifbar seien; daß sie auf dem Wesen der Dinge und dem Wesen Gottes beruhen.

Mit dieser Gewißheit stellt er sich in einer Streitfrage, die sehr viel später unter Christen entstanden ist, auf die rechte Seite. Im achtzehnten Jahrhundert gab es schreckliche Theologen, die behaupteten: ‚Gott hat nicht darum gewisse Dinge befohlen, weil sie recht sind, sondern gewisse Dinge sind recht, weil Gott sie befohlen hat.‘ Um seinen Standpunkt ganz unmißverständlich klarzumachen, sagte einer von ihnen sogar, zwar habe Gott nun einmal befohlen, Ihn und uns zu lieben; doch hätte Er uns genausogut befehlen können, Ihn und uns zu hassen; und dann wäre eben Haß das Rechte gewesen. Anscheinend war es reiner Zufall, wofür Er sich entschied. Eine solche Ansicht macht Gott zum willkürlichen Tyrannen. Es wäre besser und verstieße weniger gegen die Religion, an keinen Gott und keine Moral zu glauben, als sich zu einer solchen Moral und einer solchen Theologie zu bekennen. Natürlich diskutierten die Juden diese Frage nie in abstrakten und philosophischen Begriffen. Aber von Anfang an und ohne Wanken vertreten sie die richtige Ansicht und wissen mehr, als sie wissen. Sie wissen, daß der Herr (nicht bloß der Gehorsam Ihm gegenüber) ‚gerecht‘ ist und daß Er ‚rechtes‘ Tun befiehlt, weil Er es liebt (11,8). Er auferlegt das Gute, weil es gut ist, weil Er gut ist. Darum haben Seine Gesetze emeth, ‚Wahrheit‘, innere Geltung, auf Fels gegründete Echtheit, da sie in Seinem Wesen wurzeln, und sind daher so dauerhaft wie die von Ihm geschaffene Natur. Aber die Psalmisten selbst wissen es am besten zu sagen: ‚Gleich Gottesbergen ist deine Gerechtigkeit, dein gerechtes Walten wie das weite Meer‘ (36,7). Ihre Lust am Gesetz ist die Lust, auf festem Grund zu stehen; gleich der Lust des Wanderers, die harte Straße unter den Füßen zu spüren, nachdem ihn eine verräterische Abkürzung über lehmige Äcker lange Zeit in die Irre geführt hat.

Es gab nämlich andere Straßen, denen es an ‚Wahrheit‘ fehlte. Zu unmittelbaren Nachbarn, ihnen nach Rasse wie nach Lage nahe, hatten die Juden Heiden von der schlimmsten Sorte, Heiden, deren Religion sich durch keine Spur jener Schönheit oder (gelegentlichen) Weisheit auszeichnete, die wir bei den Griechen finden. Ein solcher Hintergrund ließ die ‚Schönheit‘ und ‚Süße‘ des Gesetzes um so vernehmlicher hervortreten; nicht zuletzt darum, weil diese benachbarten heidnischen Kulte für den Juden eine ständige Versuchung bedeuteten und in manchen Äußerlichkeiten seiner eigenen Religion nicht unähnlich waren. Die Versuchung bestand darin, in Schreckenszeiten – wenn zum Beispiel die Assyrer vorstießen – zu solchen grauenvollen Riten Zuflucht zu nehmen. Wir, die wir vor nicht allzu langer Zeit täglich die Invasion eines Feindes erwartet haben, der ähnlich den Assyrern für systematische Grausamkeit bekannt und darin geschult war – wir wissen, wie ihnen zumute gewesen sein mag. [Das Buch wurde nicht lange nach dem Zweiten Weltkrieg in England geschrieben.] Sie waren versucht – da der Herr taub schien -, jene grausigen Gottheiten anzugehen, die so viel mehr forderten und daher vielleicht auch mehr gewähren mochten. Betrachtete aber ein Jude solche Kulte zu glücklicherer Stunde oder ein besserer Jude sogar zu eben jener – dachte er an Tempelprostitution, Tempelsodomie und an die Kinder, die dem Moloch ins Feuer geworfen wurden -, so mußte ihm sein eigenes ‚Gesetz‘, wenn er sich ihm wieder zuwandte, in außergewöhnlichem Glanz erstrahlen. Süßer als Honig, oder sagen wir, die wir nicht so sehr aufs Süße versessen sind wie alle alten Völker (teils weil wir reichlich Zucker haben) und denen dieses Bild daher nicht paßt – sagen wir wie Quellwasser, wie frische Luft nach einem dumpfen Verließ, wie klare Vernunft nach einem Albtraum. Aber wieder einmal finden wir das beste Bild in einem Psalm, im neunzehnten.

Ich halte ihn für das großartigste Gedicht des Psalters und für eines der großartigsten Lieder der Welt. Die meisten Leser werden sich an den Aufbau erinnern: sechs Verse über die Natur, fünf über das Gesetz und vier Verse persönlichen Gebets. Die Worte selbst stellen keinen logischen Zusammenhang zwischen dem ersten und dem zweiten Teil her. Darin gleicht die Technik der modernsten Poetik. Ein moderner Dichter würde ähnlich unvermittelt von einem Motiv zum nächsten springen und es dem Leser überlassen, das Bindeglied zu finden. Aber er täte es vermutlich mit voller Überlegung; auch wo er es vorzieht, den Zusammenhang zu verbergen, dürfte er ihn klar bewußt im Sinne tragen und könnte ihn, wenn er wollte, in logischer Prosa darlegen. Ich bezweifle, daß es sich beim alten Dichter so verhielt. Ich glaube, er empfand, mühelos und ohne darüber nachzudenken, eine so enge Beziehung zwischen seinem ersten und dem zweiten Thema, ja eine solche Einheit (für die Phantasie), daß er vom einen zum andern glitt, ohne einen Übergang zu spüren. Zuerst denkt er an den Himmel: wie das prächtige Schauspiel, das er uns Tag für Tag bietet, die Herrlichkeit seines Schöpfers kündet. Dann denkt er an die Sonne, die bräutliche Freude ihres Aufgangs, die unvorstellbare Geschwindigkeit ihrer täglichen Reise von Ost nach West. Schließlich an ihre Hitze; natürlich nicht an die milde Hitze unseres Klimas, sondern an die von keiner Wolke gedämpften, blendenden, tyrannischen Strahlen, welche auf die Berge hämmern und jede Kluft ausloten. Die Angel, um die sich das ganze Gedicht dreht, ist der Satz: ‚Nichts entzieht sich ihrer Glut.‘ Diese dringt überallhin mit starkem, reinem Feuer. Dann plötzlich, in Vers 7, spricht er von etwas anderem, das ihm kaum etwas anderes scheint, so ähnlich ist es dem alles durchdringenden, alles enthüllenden Sonnenlicht. Das Gesetz ist makellos, macht hell die Augen, ist rein, hat dauernd Bestand, ist ’süß‘. Das läßt sich nicht übertreffen, und nichts kann uns mehr darüber verraten, was der Jude des Altertums vor dem Gesetz empfand: lichtvoll, streng, reinigend, triumphierend. Es bedarf kaum der Versicherung, dieser Dichter sei völlig frei von Selbstgerechtigkeit, und der letzte Abschnitt befaßt sich mit seinen ‚unbewußten Fehlern‘. Wie er es, vielleicht in der Wüste, mit der Sonne erfahren, die ihn in jedem Schattenwinkel, worin er sich vor ihr zu bergen suchte, aufgespürt hat, so erfährt er, wie das Gesetz alle Verstecke seiner Seele ausleuchtet.

Insofern diese Vorstellung von Schönheit, Süße oder Kostbarkeit des Gesetzes ihre Kraft aus dem Gegensatz zum benachbarten Heidentum schöpft, werden wir vielleicht bald Anlaß haben, sie zu erneurn. Der Christ lebt mehr und mehr auf einer geistigen Insel; neue und wetteifernde Lebensauffassungen umgeben ihn von allen Seiten, und ihre Flut gewinnt mit jedem Steigen an Boden. Noch ist keine dieser neuen Lebensweisen so schmutzig oder grausam wie manches semitische Heidentum. Aber viele von ihnen mißachten alle Rechte des einzelnen und sind schon grausam genug. Manche geben der Moral einen ganz neuen Sinn, den wir nicht übernehmen können; manche leugnen ihre Möglichkeit. Vielleicht lernen wir alle noch durch Schmerzen die klare Luft und die ’süße Vernünftigkeit‘ der christlichen Sittenlehre schätzen, welche uns in christlicheren Zeiten selbstverständlich wäre.“

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(James Tissot, Mose und Josua im Allerheiligsten. Quelle: Wikimedia Commons.)

Der heilige Antonius über die Unterscheidung der Geister

Ich bin gerade dabei, ein paar Arbeiten für die Uni zu schreiben, für die ich u. a. die Vita Antonii gelesen habe, die Biographie des heiligen Antonius (251-356 n. Chr.), die der heilige Athanasius von Alexandria (ca. 300-373 n. Chr.), der Antonius noch persönlich kannte, verfasst hat (hier online). Und was soll ich sagen: Dieses kurze Buch ist wirklich spannend. Und kann einem auch im eigenen geistlichen Leben weiterhelfen.

In einer längeren Rede, mit der Antonius, der ja einer der allerersten ägyptischen Wüstenmönche war, sich an andere Mönche richtet, um ihnen zu erklären, wie man den geistlichen Kampf gegen die Dämonen kämpft, findet sich eine Stelle, an der er erklärt, wie man dämonische Erscheinungen von Erscheinungen unterscheidet, die von Gott, den Engeln oder den Heiligen stammen. Jetzt ist es zwar bei uns weniger wahrscheinlich als bei einem Heiligen, dass wir es mit Visionen zu tun bekommen; aber man kann das, was er sagt, auch gut auf die alltäglichen Gedanken/Eingebungen anwenden, die einem z. B. beim Gebet kommen.

Also übergebe ich das Wort jetzt mal ohne weiteres Drumherumgerede an den heiligen Antonius bzw. seinen Biographen:

 

„[D]enn es ist leicht und gar wohl möglich, die Anwesenheit der Guten und Bösen zu unterscheiden, da Gott diese Gabe verleiht. Denn der Anblick der Heiligen bringt keine Verwirrung mit sich: ‚Nicht wird er streiten noch schreien noch wird jemand hören seine Stimme‘. Ihre Erscheinung erfolgt so ruhig und sanft, daß sogleich Freude und Fröhlichkeit und Mut in die Seele kommt. Denn mit ihnen ist der Herr, der unsere Freude ist, die Kraft aber ist die Gottes, des Vaters, die Gedanken der Seele aber sind ohne Verwirrung und Erregung; daher erblickt sie, von jener erleuchtet, die Erscheinungen. Sehnsucht nach dem Göttlichen und Zukünftigen überkommt sie, und sie will sich durchaus mit ihnen vereinigen, um mit ihnen von hier zu gehen. Wenn aber manche als schwache Menschen sich vor dem Gericht der Guten fürchten, dann nehmen die Erscheinenden rasch die Angst von ihnen durch ihre Liebe. So machte es Gabriel mit Zacharias, und der Engel, der am göttlichen Grabe den Frauen sich zeigte, und jener, der im Evangelium zu den Hirten sprach: ‚Fürchtet euch nicht!‘ Denn die Furcht vor ihnen entsteht nicht aus der Mutlosigkeit der Seele, sondern aus der Erkenntnis von der Gegenwart der Besseren. So verhält es sich mit der Erscheinung der Heiligen.

Der Ansturm und das Gesicht der Bösen aber ist voll Verwirrung, er erfolgt unter Getöse, Lärm und Geschrei wie das Getümmel von ungezogenen Jungen und Räubern. Daraus entsteht sogleich Furcht in der Seele, Verwirrung und Unordnung in den Gedanken, Scham, Hass gegen die Asketen, Sorglosigkeit, Schmerz, Erinnerung an die Verwandten, Furcht vor dem Tode; und dann Begierde nach dem Schlechten, Nachlässigkeit in der Tugend und Verschlechterung des Charakters. Wenn ihr ein Gesicht habt und euch fürchtet, die Furcht aber sogleich schwindet und dafür unaussprechliche Freude entsteht, Wohlbehagen und Mut und Erquickung, Ordnung in Gedanken und all das andere, von dem ich eben sprach, Mannhaftigkeit und Liebe zu Gott, dann seid frohen Mutes und betet; denn die Freude und der ruhige Zustand der Seele zeigen die Heiligkeit des Anwesenden. So frohlockte Abraham, als er den Herrn sah, und Johannes hüpfte vor Freude, als die Stimme der Gottesgebärerin Maria ertönte. Wenn aber bei manchen Erscheinungen Verwirrung entsteht, Lärm von außen, weltlicher Trug, Drohung mit dem Tode und dergleichen, was ich vorher nannte, so erkennt daran, daß der Angriff von Bösen kommt.

Auch dies soll euch ein Kennzeichen sein: wenn die Seele in Furcht verharrt, so ist das ein Beweis für die Gegenwart der Feinde. Denn die Dämonen nehmen die Furcht davor nicht weg, wie es der große Erzengel Gabriel bei Maria und Zacharias tat, und der, welcher in dem Grabe den Frauen erschien.“

(Vita Antonii, aus Kapitel 35-37)

Father William Doyle: Skrupel und ihre Behandlung

Aus: Father William Doyle SJ (1873-1917), „Scruples and their treatment“. Übersetzung von mir. Der zitierte Text ist nur ein kleiner Auszug aus Father Doyles Werk, das man hier (https://fatherdoyle.com/writings/) herunterladen kann. Sehr zu empfehlen!

 

„Generelle Überlegungen

Definition.

Skrupulosität ist generell eine unbegründete Angst davor, Sünden zu begehen.

Es gibt zwei Arten von Skrupeln: solche, die nur den Intellekt betreffen; solche, die auch die Empfindungen betreffen.

Rein intellektuelle Skrupel sind wirklich nur Zweifel. Man trifft sie vor allem bei aufrichtigen Seelen, die Selbstkontrolle ausüben und nicht gewohnheitsmäßig skrupulös sind. Sobald diese Seelen sich also moralisch sicher sind, dass der fragliche Akt nicht sündhaft ist, verschwindet der Skrupel. Diese Art von Skrupel ist harmlos,und muss nicht behandelt werden.

Das Gegenteil ist der Fall bei Skrupeln, die den niedrigeren Teil der Seele befallen (die Empfindungen). Durch den starken Eindruck auf die Sinne üben diese eine Macht aus, die der reinen Feststellung von Tatsachen widersteht. Solche Skrupel betreffen vor allem leicht beeindruckbare Seelen; tatsächlich ist es ihre emotionale Natur, die Skrupulosität erzeugt. Eine praktische Definition dieser Art von Skrupel wäre: eine unruhige, unbegründete Furcht, Sünde zu begehen, gesteigert durch die Eindrücke auf den niedrigeren Teil der Seele.

Ein Beispiel mag helfen, diese unterschiedlichen Arten von Skrupeln klar zu machen. Zwei Personen verlassen am Sonntagmorgen die Kirche, wobei sie fürchten, dass sie wegen ihrer vielen Ablenkungen nicht ihrer Verpflichtung nachgekommen sind, die Messe zu hören. Nachdem er ihre Zweifel angehört hat, beruhigt ihr Beichtvater sie beide. Allerdings ist nur eine gänzlich zufrieden. Die andere wird bald wieder unruhig, wird nervös, und fühlt einen fast unwiderstehlichen Drang, sich ganz sicher zu sein, entweder durch eine vollständigere Erklärung, oder dadurch, eine weitere Messe zu hören. Die erste dieser Personen hatte nur einen intellektuellen Skrupel, die harmlose Furcht einer treuen Seele; die zweite leidet an nervöser Furcht, die den empfindenden Teil der Seele aufwühlt, und einen wirklichen Skrupel verursacht.

[…]

 

Tödliche Effekte der Skrupulosität.

Skrupulosität deformiert das moralische Urteil vollkommen. Sie nimmt einem den gesunden Menschenverstand.

Sie hält ein Vergrößerungsglas vor das Auge des Gewissens, das den kleinsten Anlass zur Sorge groß macht, und lässt eine furchtsame Seele tausend Phantomsünden sehen, während sie sie durch falsche Schlussfolgerungen davon zu überzeugen versucht, dass diese unzweifelhafte Fehler sind.

Skrupulosität blockiert allen Fortschritt hin zur Vollkommenheit

Es ist eine fundamentale Wahrheit, dass wir Gott nicht lieben können, wenn wir nicht an Seine Liebe zu uns glauben. Skrupulosität unterdrückt einen solchen Glauben vollständig, und lähmt daher jede großzügige Anstrengung. Zu jedem Moment schafft sie Probleme zwischen der Seele und ihrem Schöpfer durch pessimistische Gefühle in Bezug auf die Vergangenheit und die gegenwärtigen Dispositionen und Handlungen [der Seele]. […]

Bald wird die Seele, die sich ernsthaft in einem schlechten Zustand glaubt, entmutigt, und beginnt oft, wirkliche Sünde zu begehen.

Auch wenn aus Skrupeln keine Sünde folgt, hemmt die Skrupulosität dennoch den Fortschritt der Seele auf verschiedenen anderen Wegen. Sie lässt das Gebet als voll von Schwierigkeiten erscheinen. Sie macht die Ohren der armen niedergedrückten Seele taub für die tröstende Stimme des Heiligen Geistes. Sie zerstört die Zuversicht. Sie verhindert den häufigen Empfang der Sakramente, und blockiert so ihre stärkenden Effekte. Sie nimmt fast die Kraft weg, Versuchungen zu widerstehen. Sie verursacht Entmutigung, und mag sogar zur Verzweiflung führen.

[…]

 

Spezielle Heilmittel

[…]

1. Zweifel dürfen nicht beachtet werden.

Die skrupulöse Seele darf keine Notiz von ihren Zweifeln nehmen, das heißt, sie muss alle zweifelhaften Gebote, Verbote oder Verpflichtungen, oder Ängste, gesündigt zu haben, bei denen der Grund der Angst zweifelhaft ist, als absolut null und nichtig ansehen.

Mehr als das. Sie muss alle Gebote, Verpflichtungen oder Ängste, gesündigt zu haben, die nicht absolut sicher sind, d. h. so offensichtlich, wie dass zwei und zwei vier ergeben, als zweifelhaft und somit als nicht bindend ansehen.

Wiederum muss sich eine solche Seele in der Beichte als frei ansehen, sich wegen in irgendeiner Weise zweifelhaften schweren Sünde anzuklagen oder nicht anzuklagen.

Auf dieselbe Weise darf sie sich die Anklage wegen schweren Sünden, die vielleicht schon einmal gebeichtet wurden, nicht als eine Verpflichtung aufbürden. Im Gegenteil, sie sollte sich mutig gegen eine solche Beichte stellen.

Des weiteren muss sie davon absehen, eine Beichte zu wiederholen, die vielleicht gut war, oder vielleicht schlecht, welchen Grund auch immer sie haben mag, daran zu zweifeln, dass sie in Ordnung war. Sie soll kein Unbehagen dabei haben, so zu handeln, da die Verpflichtung, diese zweifelhaften Beichten zu wiederholen, in sich selbst zweifelhaft und damit nicht bindend ist.

2. Glaube an die Leichtigkeit der Vergebung

Die skrupulöse Seele muss glauben, dass alle ihre Sünden jedes Mal sofort vergeben werden, wenn sie vollkommene Reue erweckt, oder die Absolution empfängt, selbst mit unvollkommener Reue. ‚Aber‘, mag gefragt werden, ‚wie soll ich sicher sein, dass ich diese Reue habe?‘

Skrupulanten sollen glauben, dass sie die notwendige Reue haben, wenn die Reue aufrichtig erweckt wird. Diese Aufrichtigkeit ist sicher, wenn der feste Vorsatz, nie mehr Todsünden zu begehen, selbst aufrichtig oder frei von Täuschung ist.

Gott wünscht so sehr um die Bekehrung der Sünder, dass Er die Bedingungen, die notwendig zur Vergebung sind, auf ein Minimum reduziert.

Er fragt nur nach dem gewöhnlichsten guten Willen, das heißt, dem einfachsten festen Vorsatz, keine Todsünden zu begehen.“

 

Original:

 

„General Considerations

Definition.

Scrupulosity, in general, is an ill-founded fear of committing sin.

There are two kinds of scruples: those which affect only the intelligence; those which affect also the sensitive will.

– Purely intellectual scruples are really only doubts. They are most frequently met with in straightforward souls, who exercise self-control and are not habitually scrupulous. As soon, therefore, as these souls become morally certain that the act in question is not sinful, the scruple vanishes. This kind of scruple is harmless, and needs no treatment.

– The contrary is the case with scruples which affect the inferior part of the soul (sensitive will). From the strong impression produced on the senses these draw a force which resists the mere statement of facts. Such scruples chiefly afflict impressionable souls; in fact, it is their emotional nature which engenders scrupulosity. A practical definition of this kind of scruple would be: an uneasy, ill-founded fear of committing sin, increased by the impressions made on the inferior part of the soul.

An example may help to make clearer these different kinds of scruples. Two persons leave the church on a Sunday morning, fearing that, owing to their many distractions, they have not complied with their obligation of hearing Mass. Having listened to their doubts, their confessor reassures both. However, one only is entirely satisfied. The other soon becomes troubled again, gets nervous, and feels an almost irresistible longing to be quite sure, either by fuller explanation or by hearing another Mass. The first of these persons had only an intellectual scruple, the harmless fear of a loyal soul; the second suffers from nervous fear, which stirs the sensitive part of the soul, and causes a real scruple.

[…]

 

 

Deadly Effects of Scrupulosity.

Scrupulosity completely deforms the judgment in moral matters. It takes away one’s common sense.

It places before the eye of conscience a magnifying glass, which enlarges the slightest cause of alarm, and makes a timid soul see a thousand phantom sins, whilst by false reasoning it seeks to persuade it that these are undoubted faults.

Scrupulosity stops all progress in perfection.

It is a fundamental truth that we cannot love God unless we believe in His love for us. Scrupulosity completely represses such a belief, and thus paralyses all generous effort.
At every moment it creates trouble between the soul and its Creator by pessimistic feelings about the past, and about its present dispositions and actions. […]

Soon the soul, seriously believing itself to be in a bad way, becomes discouraged, and often begins to commit real sin.

Even though sin does not follow from scruples, scrupulosity, nevertheless, retards the soul’s progress in several other ways. It represents prayer as full of difficulties. It stops the ears of the poor downcast soul to the consoling voice of the Holy Ghost. It destroys confidence. It prevents the frequentation of the Sacraments, and thus stops their strengthening effects. It almost takes away the power of resisting temptation. It causes discouragement, and may even lead to despair.

[…]

 

Particular Remedies.

[…]

1. Doubts must be Ignored.

The scrupulous soul must take no notice of his doubts, that is to say, he must regard as absolutely null and void all doubtful laws, prohibitions or obligations, or any fear of sin, if the motive of the fear be doubtful.

More than this. He must consider as doubtful, and consequently as not binding, all laws, obligations, or fears of having sinned, which are not absolute certainties, i.e., as self-evident as that two and two make four.

Again, in confession, such a soul must consider himself free to accuse or not accuse himself of mortal sin in any way doubtful.

In the same manner he must not impose on himself, as an obligation, the. accusation of mortal sins perhaps already confessed. On the contrary, he should boldly set his face against such a confession.

Furthermore, he must abstain from making a confession over again, which, perhaps, was good, or perhaps bad, whatever reason he may have to doubt of its being all right. Let him have no uneasiness in acting thus, since the obligation of making these doubtful confessions over again is in itself doubtful, and consequently not binding.

2. Belief in the Easiness of Forgiveness.

The scrupulous soul must believe that all his sins are forgiven immediately each time he makes an act of perfect contrition, or receives absolution, even with imperfect contrition.
‚But,‘ it may be asked, ‚how am I to be sure that I have this contrition?‘

The scrupulous may believe they have the necessary contrition when the act of contrition is made with sinerity. This sincerity is assured when the firm purpose of never sinning again mortally is itself sincere or free from deceit.

God so desires the conversion of sinners that He reduces to a minimum the conditions necessary for pardon.

He asks only the most ordinary good will, that is to say, the simplest firm purpose of not sinning mortally.“

 

 

Zu Gaudete

Ein Gastbeitrag von Nepomuk in Form einer Predigt zum Gaudete-Sonntag:

Freut euch allezeit im Herrn! Noch einmal sage ich: freut euch. (Phil 4,4)

Den heutigen Sonntag nennt man Gaudete, das heißt „Freut euch!“. Das kam im Introitus. Das kam in der Lesung. Und jetzt kommt’s auch in der Predigt schon wieder. Natürlich muß es hier um die Freude gehen.

Man könnte an dieses Thema naiv herangehen und sagen: freuen, das tun wir Christen uns ja sowiesó. Könnte man. Aber es wäre naiv. Man könnte dann noch naiver auf irgendwelche Statistiken eingehen, die irgendwie (vermutlich) nahelegen würden, daß die Gläubigen fröhlicher durchs Leben gehen als die Ungläubigen; wahrscheinlich ist das auch so. Ich habe die statistische Lage nicht geprüft, aber ich meine mich zu erinnern, daß es das immer heißt. Ich weiß freilich – offen gestanden – nicht, wie die Statistiker, wenn es diese Statistiken überhaupt gibt, zu ihren Ergebnissen kommen. Ob das irgendwelche Fragebögen sind? Wie aussagekräftig das ist? Hat einer geantwortet, wie er antworten soll, weil er weiß, daß er eigentlich Grund zur Freude hat? Damit müßte man sich wenndann im Detail beschäftigen; letztlich ist es aber, so denke ich, nicht so wichtig. Eines heißt es jedenfalls, die Gläubigen begehen seltener Selbstmord als die Ungläubigen. Aber liegt das daran, daß sie sich mehr freuen – oder doch ganz banal daran, daß sie an der moralischen Pflicht festhalten, aus ihrem Leben gerade dann nicht zu flüchten, wenn es wirklich unangenehm wird? (Natürlich ist die Pflicht eine des Naturrechts; de facto hält das aber wohl nur noch der Gläubige hoch.)

Man könnte an das Thema auch moralisierend herangehen; dann kommt in der Regel relativ bald der Spruch von Friedrich Nietzsche: „Erlöster müßten mir die Christen aussehen […] wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ Ich will keinen Hehl daraus machen, daß ich von diesem Sprüchlein – das nebenbei Nietzsche tatsächlich einmal gesagt hat, das in gefühlten 95 % aller Fälle, in denen es heute zitiert wird, aber von eifrigen Christen zitiert wird, immer beflissen, einander zu ermahnen: was, wenn wegen eines unterlassenen Lächelns ein Mensch sich nicht bekehrt, will jemand diese Verantwortung tragen usw.? – in dieser Verwendung nicht allzuviel halte.

Es gibt eine Pflicht, sich zu freuen; der Apostel schreibt das ja ausdrücklich. Ich komme darauf auch gleich zu sprechen. Aber einstweilen – diese gibt es, weil wir tatsächlich Grund zur Freude haben! Aber einen Atheisten mit Hang zur Verrücktheit, wie Nietzsche es war, der von unserem Glauben keine Ahnung, bloß oberflächliche Kenntnisse hat, der insbesondere von den Dingen, die dem Gläubigen auch tatsächlich schwer zu ertragen werden, denn es gibt sie, keine Ahnung hat, der ist der allerletzte, der uns zu sagen hätte, was unser Gefühl zu tun und zu lassen hat! Als ob die Freudigkeit oder fehlende Freudigkeit der Christen, von denen doch ohnehin klar ist, daß sie zum einen sündigen und zum anderen auch, wo das, was sie tun, immerhin keine Sünde ist, eher selten dem Bild des zum einen völlig perfekten, zum anderen „geisterfüllt“ (oder was man so nennt) auf Wolke sieben schwebenden „erlösten“ Menschen nahekommt. Das geht Nietzsche einen feuchten Dreck an!

Übrigens ist dieser auf Wolke sieben schwebende Charismatiker, dem wir sein Glück durchaus gönnen wollen, für den Katholiken entgegen der von gewissen religiösen Revival- und Pfingst- und wie-sie-nicht-alle-heißen-Bewegungen kolportierten Vorstellungen durchaus auch nicht das Ideal. Es gibt ja diese Vorstellung, der Heilige bekehre sich einmal in einer großen Bekehrungsaktion, und dann habe er natürlich hier und da die eine oder andere Anfechtung, aber im großen und ganzen sei er im Frieden. – Wie gesagt, wenn das dem einen oder anderen so geht, dann sei ihm das gegönnt. Aber es ist definitiv nicht der typische Lebenslauf der großen katholischen Heiligen; und wohl auch nicht der meisten ein paar Niveaus drunter anzusiedelnden Katholiken. Mit der Bekehrung, sei es daß sie durch ein plötzliches Ereignis kommt, sei es (was trotz aller das Gegenteil behauptenden Neuprotestanten durchaus möglich ist) daß ein als Kind Getaufter wirklich von Kindesbeinen an in den Glauben hineinwächst und natürlich für seine Sünden Buße tun, eine „typische“ Bekehrung aus dem Bilderbuch vom Unglauben zum Glauben aber gar nicht ablegen muß – damit jedenfalls geht der Glaubensweg erst so richtig los; geht auch der Kampf los; geht auch der Lauf, von dem der hl. Paulus schreibt, los. Der in diesen Tagen seinen Geburtstag für den Himmel feiernde Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz hat daran keinen Zweifel gelassen: auf diesem Weg kann es auch zu sogenannten Trockenheiten kommen, in denen der Mensch glaubt, aber die Tröstungen des Glaubens gar nicht spürt; und die hl. Mutter Teresa von Kalkutta hat nach ihrer ewigen Profeß fast das ganze weitere Leben das Martyrium einer solchen Trockenheit erdulden müssen.

Gerade in ebenso einer „Trockenheit“, können wir glaubich sagen, befand im Evangelium des vergangenen Sonntags sich ein anderer großer Heiliger, ein anderer hl. Johannes, eben der hl. Johannes der Täufer, von dem auch heute, wenngleich in anderem Zusammenhang das Evangelium berichtet.

Er sitzt da da, im Gefängnis, in das ihn sein konsequentes Eintreten für die Wahrheit und die rechte Moral – wofür übrigens? Dafür, daß er Herodes darauf hingewiesen hatte, daß geschiedene Leute nicht heiraten dürfen – gebracht hat; und jetzt sitzt er da. Auf Christus hat er hingewiesen; im heutigen Evangelium haben wir von seiner Prophetie gehört, die auf Christus verweist. Unmittelbar danach wird im Johannesevangelium berichtet, daß Christus zu Johannes kam und Johannes den Geist auf ihn herabkommen sah (es muß das bei der Taufe Christi gewesen sein, von der die Synoptiker berichten), und jetzt identifiziert Johannes ihn: Das ist er.

Im Evangelium vom letzten Sonntag ist wie gesagt einige Zeit vergangen; Johannes sitzt im Gefängnis und schickt Boten zu Christus: „Bist Du es denn jetzt, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Glaubensfreude? Auf den ersten Blick Fehlanzeige.

(Nebenbei bemerkt haben sich nicht wenige Kirchenväter gedacht, ein Prophet irrt sich nicht und zweifelt auch an seiner Prophetie nicht; Johannes habe daher gar nicht an Christus gezweifelt, aber seine Jünger hätten es, und um diesen, nicht seinen eigenen, Zweifeln Ruhe zu verschaffen, habe er seine Jünger zu Christus geschickt, daß Er sie selber stille. So oder so: die Zweifel waren jedenfalls in der Welt.)

Christus antwortet darauf nach ein paar Sätzen, auf die ich noch eingehe, mit dem Lob des Hl. Johannes, als wollte er es den von dem protestantischen Gerede über die Stärke des Glaubensgefühls als Gradmesser der Festigkeit des Glaubens verunsicherten Menschen von heute ins Stammbuch schreiben, daß dieser Zweifel, ob ihn der hl. Johannes nun hatte oder ob es nur der seiner Jünger war, mit dem er sich aber in dem Fall unzweideutig solidarisierte, nicht heißt, daß einer ein schlechter Christ sei.

Auch in einem der beeindruckendsten Bücher des Alten Testaments, im Buch Ijob, von dem man bitte nicht einfach eine Zusammenfassung lese, sondern das man von vorn bis hinten durchlesend auf sich einwirken lassen sollte, wird Ijob nicht für die Klage getadelt, zu der er kein Recht habe. Man wird sich erinnern (weil man vielleicht doch schon eine Zusammenfassung gelesen hat): Ijob verliert alles, was er auf der Erden hat, auch seine Gesundheit und liegt da in Schmerzen und klagt, warum ihm das passiere, er habe es doch nicht verdient. (So ganz grob.) Drei Freunde sind da, Elifas, Bildad und Zofar, die sagen ihm dann, er müsse ganz einfach ein Sünder sein und außerdem stehe es ihm keineswegs zu, mit Gott zu rechten, er habe sich seiner Majestät einfach zu unterwerfen. (So ganz grob.) Im Grunde also predigen sie die Haltung, die heute der Islam einnimmt – wenn der auch sonst bisweilen schlecht informierte deutsche Denker Oswald Spengler behauptet, Ijob (und nicht die drei Freunde) sei der Prototyp des Moslems, dann stimmt das nicht. Nichtsdestoweniger ist die Rede der drei auch nicht ganz falsch, wenn sie auch hernach dafür getadelt werden. Nachher erscheint ein jüngerer Mann namens Elihu, der differenzierte Theologie betreibt; das ist schon hilfreicher, und er wird dafür nicht getadelt. Dann aber kommt die Hauptsache, dann tritt Gott selbst auf den Plan. Und was der nur überfliegende Leser ebenfalls für einen Tadel von seiten Gottes halten würde,

„Wer ist es, der den Plan verdunkelt / mit Worten, denen die Erkenntnis mangelt?
Umgürte Deine Lenden wie ein Mann; / ich will dich fragen, Du belehre mich!
Wo warst Du denn, als ich die Erde gründete? / Sag an, wenn Du so große Einsicht hast!“
und dann geht es so eine Weile weiter und dann kommt:
„und wer hat ihren Eckstein eingefügt,
als all die Morgensterne jauchzten / und alle Gottessöhne jubelten?“

– das ist gar kein Tadel. Gott beschreibt dann geradezu detailverliebt die Schönheit und den Detailreichtum Seiner Schöpfung, und wie Chesterton bemerkt, wird klar, daß die Gottessöhne wirklich etwas zu jubeln hatten, und daß Gott Hagelkörner aufbewahrt
„für den Tag des Kampfes und der Schlacht“,
und daß die Frevler (und nicht Ijob!) von der Erde geschüttelt werden würden.

Die Antwort Ijobs darauf scheint für viele oberflächliche Leser die Grundaussage des Buches zu sein:

„Sieh, zu gering bin ich. Was soll ich Dir erwidern? / Ich lege meine Hand auf meinen Mund.
Einmal hab‘ ich geredet, tu’s nicht wieder / sogar ein zweitesmal, doch fahre ich nicht fort.“

Auch die Haltung ist, versteht sich, nicht ganz falsch. Aber Grundaussage des Buches? Nichts dergleichen. Jetzt, wo, wenn das stimmte, Gott doch zufrieden sein müßte, jetzt gerade ändert sich auf einmal der Tonfall; jetzt kommt noch eine zweite Rede Gottes, und jetzt kommt Gott wirklich fast ein wenig zornig herüber!

„Willst du wirklich mir mein Recht zunichte machen/ mich schuldig sprechen, daß Du Recht behältst?“
Jetzt kommt die zweite Rede Gottes von seiner Hoheit und seiner Majestät, jetzt treten Nilpferd und Walfisch auf und so weiter. Und am Ende sagt Ijob dann:
„Ich weiß nun, daß Du alles kannst / und kein Gedanke Dir unmöglich ist.
Wer ist es, der den Rat verdunkelt ohne Einsicht? / So sprach ich im Unverstand von dem  / was mir zu wunderbar und unbegreiflich war.
So höre doch, ich will nun reden! / Ich will Dich fragen, Du belehre mich!
Vom Hörensagen nur hab ich von Dir gewußt / jetzt aber hat mein Auge Dich geschaut.
Drum leiste Widerruf ich und bereue / in Staub und Asche.“

„Ich weiß, daß mein Erlöser lebt / selbst wenn er sich als Letzter aus dem Staub erhebt“, hatte er vorher mitten in seiner Klage gesagt. Und er hatte Recht.

Johannes ließ anfragen: „Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ So höre denn, ich will nun reden: ich will Dich fragen, Du belehre mich! Und Christus antwortet: „Berichtet ihm, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden auferweckt und den Armen wird das Evangelium verkündet. Und selig, der an mir keinen Anstoß nimmt.“

Das ist der Grund für unsere christliche Freude, daß unser Erlöser lebt und sich aus dem Staub erhoben hat.

Johannes fragte in einer Zeit der Unsicherheit, der Buße – er war ja Bußprediger – des Advents, der violetten Gewänder, der Erwartung der Ankunft Gottes in diese Welt. Ijob fragte in seiner persönlichen Unsicherheit, seiner Klage, seinem Leiden – in einer Zeit der violetten Gewänder, des Advents, der Erwartung der Ankunft Gottes in diese Welt. Und sie erhielten beide Antwort: Mit der Ankunft Gottes in diese Welt.

Darin freilich ist Johannes Ijob voraus: Dem Ijob erschien Gott, um ihn zu trösten: letztlich, um ihn damit zu trösten, daß Er da ist, daß die ganze Problemlage tatsächlich eine zum Himmel schreiende Problemlage ist und daß der Himmel antworten wird. Christus, Gott selbst, der Menschgewordene, ist die Antwort des Himmels – Er wird die Sünden der Welt – und damit letztlich auch die Sündenfolgen – hinwegnehmen. Johannes durfte mit den Worten „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt“ auf ihn hinweisen (wieder: unmittelbar im Anschluß an das Evangelium von heute) – nachdem er es, bevor ihm gesagt wurde, daß Er es sei („auch ich kannte ihn nicht“ würde er sagen; persönlich kannte er Ihn schon, Er war sein Cousin, aber er wußte nicht, daß Er es sei), schon als adventlicher Prophet verkündet hatte.

Er, Christus, ist der Grund für unsere Freude; und deswegen hat der Herr Zelebrant heute ein rosanes Gewand an als aufgehelltes Violett.

Und was folgt nun für unser Verhalten daraus? Nein, nicht, daß wir nicht klagen dürften. Auch Ijob durfte. Auch Johannes durfte. Wohl aber wird man ganz pragmatisch sagen: wir sollten es damit nicht übertreiben.

Der Hl. Thomas von Aquin lehrt an einer Stelle, wenn uns die Traurigkeit übermannt, dann solle man ein heißes Bad nehmen (oder so ähnlich): Zur Freude gehört schon auch, daß wir uns nicht alleweil der Trübsal hingeben – und wenn so banale gewissermaßen „Techniken“ wie Baden, Duschen, lautes Singen von von rechter Fröhlichkeit erfüllten Liedern, zum Beispiel von religiösen, aber auch, anstatt dauerndem Vor-sich-hin-Gegrummel die Klage wirklich einmal auszusprechen, laut hinauszuschreien, zu weinen etc. – auch wenn es paradox klingt, aber das hilft in der Regel, zur Freude zurückzufinden – uns dabei helfen, dann können wir diese auch hernehmen. „Durch die äußeren Formen [gemeint: des katholischen Ritus] werden die inneren Haltungen sowohl ausgedrückt als auch hervorgebracht“, heißt es in der Erklärung der Alten Messe von Pater Martin Ramm; das ist das schlagende Argument gegen den von protestantischer und anderer Seite vorgebrachten Vorwurf, wir würden nur auf Äußerlichkeiten setzen; und was für den Ritus gilt, das gilt auch außerhalb.

Machen wir uns nichts vor! Aber scheuen wir uns auch nicht, die Haltung, die wir eigentlich in unserem Herzen, oder, wenn für jemanden das Wort „Herz“ zu sehr nach „Gefühl“ klingt: durchaus auch in unserem Kopfe, haben, laut zu äußern auch in der Hoffnung, daß wir unser eigenes Gemüt damit erst noch so überzeugen. Wie es die hl. Mutter Teresa gehandhabt hat: sie hat immer gelächelt – weil sie wußte, es gibt Grund zum Lächeln. Das war nicht unehrlich. Auch wenn das Lächeln mühevolle Arbeit war.

Und dann, klar, tun wir, wie der Hl. Paulus gesagt hat. „Euer gütiges Wesen sollen alle Menschen erfahren.“ Freude auszustrahlen ist selbst schon ein Akt der Gütigkeit; er macht den Mitmenschen das Leben angenehmer. Und so wie wir angelegt sind, wird zumeist nur mit Freude im Herzen es gelingen, Großes zu leisten, sei es in der Nächstenliebe, sei es anderweitig. „Du wirst es nicht zu Tücht’gem bringen / bei deines Grames Träumereien, / die Tränen lassen nichts gelingen; / wer schaffen will, muß fröhlich sein. // Wohl Keime wecken mag der Regen, / der in die Scholle niederbricht, / doch golden Korn und Erntesegen / reift nur heran bei Sonnenlicht.“ So, mit Recht, Theodor Fontane.

Und das geht ja auch. Denn, so Paulus: „Um nichts macht euch Sorgen; laßt vielmehr in jeder Lage eure Anliegen durch Bitten und Flehen – mit Dank! – vor Gott kund werden.“

Das ist der nächste praktische Hinweis: Scheuen wir uns nicht, unseren Herrgott mit Bittgebeten zu bestürmen! Wir wissen ja, daß er uns gibt, was wir brauchen.

Und vergessen wir das Dankgebet nicht. Denn was wir brauchen könnten, ist allenfalls ein kleiner Tropfen in dem Meer von dem, was er uns schon gegeben hat in der Schöpfung; was Er uns zuteil hat werden lassen in der Erlösung, in der Gnade, in Jesus Christus; und vor allem, um den Dank mit dem Gloria zu sagen: in bezug auf Seine eigene große Herrlichkeit: denn Er, das vollkommene Gute und die Ewige Schönheit, íst:

und wenn das für einen kein Grund zur Freude ist, dann ist er entweder seines Verstandes nichtmächtig oder ein Trottel.

Die Paradoxa des Katholizismus: Heiligkeit und Sünde

Heute mal wieder ein Gastbeitrag: Ein Ausschnitt aus Robert Hugh Bensons (1871-1914) Predigtreihe „Paradoxes of Catholicism“, veröffentlicht 1913 (online hier zu finden: http://www.gutenberg.org/cache/epub/16309/pg16309-images.html):

 

III. Sanctity and Sin

 

(III. Heiligkeit und Sünde)

 

[…]

 

A very different pair of charges […] concern the standards of goodness preached by the Church and her own alleged incapacity to live up to them. These may be briefly summed up by saying that one-half the world considers the Church too holy for human life, and the other half, not holy enough. We may name these critics, respectively, the Pagan and the Puritan.

 

(Ein ganz anderes Paar von Vorwürfen betrifft die Standards des Guten, die von der Kirche gepredigt werden, und ihre eigene angebliche Unfähigkeit, sie zu leben. Diese können kurz gesagt damit zusammengefasst werden, dass die eine Hälfte der Welt die Kirche für zu heilig für das menschliche Leben hält, und die andere Hälfte für nicht heilig genug. Wir können diese Kritiker jeweils den Heiden und den Puritaner nennen.)

 

I. It is the Pagan who charges her with excessive Holiness.

 “You Catholics,” he tells us, “are far too hard on sin and not nearly indulgent enough towards poor human nature. […] Or, to go further, consider the impossible ideals which you hold up with regard to matrimony. These ideals have a certain beauty of their own to persons who can embrace them; they may perhaps be, to use a Catholic phrase, Counsels of Perfection; but it is merely ludicrous to insist upon them as rules of conduct for all mankind. Human Nature is human nature. […] If you were less holy and more natural, less idealistic and more practical, you would be of a greater service to the world which you desire to help. Religion should be a sturdy, virile growth; not the delicate hot-house blossom which you make it.”

The second charge comes from the Puritan. “Catholicism is not holy enough to be the Church of Jesus Christ; for see how terribly easy she is to those who outrage and crucify Him afresh! Perhaps it may not be true after all, as we used to think, that the Catholic priest actually gives leave to his penitents to commit sin; but the extraordinary ease with which absolution is given comes very nearly to the same thing. So far from this Church having elevated the human race, she has actually lowered its standards by her attitude towards those of her children who disobey God’s Laws. […] The Catholic Church, then, is not holy enough to be the Church of Jesus Christ.”

 

(I. Es ist der Heide, der ihr exzessive Heiligkeit vorwirft.

„Ihr Katholiken“, sagt er zu uns, „seid viel zu hart zur Sünde und bei weitem nicht nachsichtig genug gegen die arme menschliche Natur. […] Oder, um weiterzuschauen, seht die unmöglichen Ideale an, die ihr in Bezug auf die Ehe hochhaltet. Diese Ideale haben vielleicht eine gewisse eigene Schönheit für Personen, die sie annehmen können; sie mögen vielleicht, um einen katholischen Ausdruck zu benutzen, Räte zur Vollkommenheit sein; aber es ist einfach lächerlich, auf ihnen als Verhaltensregeln für die ganze Menschheit zu bestehen. Die menschliche Natur ist die menschliche Natur. […] Wenn ihr weniger heilig und natürlicher wärt, weniger idealistisch und praktischer, dann wärt ihr der Welt, der ihr zu helfen wünscht, von größerem Nutzen. Die Religion sollte ein robustes, mannhaftes Gewächs sein; nicht die empfindliche Treibhaus-Blüte, zu der ihr sie macht.“

Der zweite Vorwurf kommt vom Puritaner. „Der Katholizismus ist nicht heilig genug, um die Kirche Jesu Christi zu sein; denn seht nur, wie scheußlich einfach er es denen macht, die Ihn empören und von neuem kreuzigen! Vielleicht mag es letztlich nicht wahr sein, wie wir früher dachten, dass der katholische Priester seinen Pönitenten tatsächlich die Erlaubnis erteilt, Sünden zu begehen [klassischer Bestandteil der englisch-protestantischen antikatholischen Propaganda des 16. und 17. Jahrhunderts]; aber die außerordentliche Leichtigkeit, mit der die Absolution erteilt wird, läuft beinahe auf dasselbe hinaus. Weit davon entfernt, dass diese Kirche die menschliche Rasse erhoben hätte, hat sie tatsächlich ihre Standards gesenkt mit ihrem Verhalten gegenüber denen ihrer Kinder, die Gottes Gesetzen ungehorsam werden. […] Die katholische Kirche ist daher nicht heilig genug, die Kirche Jesus Christi zu sein.“)

 

II. When we turn to the Gospels we find that these two charges are, as a matter of fact, precisely among those which were brought against our Divine Lord.

 First, undoubtedly, He was hated for His Holiness. Who can doubt that the terrific standard of morality which He preached – the Catholic preaching of which also is one of the charges of the Pagan – was a principal cause of His rejection. For it was He, after all, who first proclaimed that the laws of God bind not only action but thought; it was He who first pronounced that man to be a murderer and an adulterer who in his heart willed these sins; it was He who summed up the standard of Christianity as a standard of perfection, Be you perfect, as your Father in Heaven is perfect; who bade men aspire to be as good as God!

 It was His Holiness, then, that first drew on Him the hostility of the world—that radiant white-hot sanctity in which His Sacred Humanity went clothed. Which of you convinceth me of sin?… Let him that is without sin amongst you cast the first stone at her! These were words that pierced the smooth formalism of the Scribe and the Pharisee and awoke an undying hatred. It was this, surely, that led up irresistibly to the final rejection of Him at the bar of Pilate and the choice of Barabbas in His place. “Not this man! not this piece of stainless Perfection! Not this Sanctity that reveals all hearts, but Barabbas, that comfortable sinner so like ourselves! This robber in whose company we feel at ease! This murderer whose life, at any rate, is in no reproachful contrast to our own!” Jesus Christ was found too holy for the world.

 But He was found, too, not holy enough. And it is this explicit charge that is brought against Him again and again. It was dreadful to those keepers of the Law that this Preacher of Righteousness should sit with publicans and sinners; that this Prophet should allow such a woman as Magdalen to touch Him. If this man were indeed a Prophet, He could not bear the contact of sinners; if He were indeed zealous for God’s Kingdom, He could not suffer the presence of so many who were its enemies. Yet He sits there at Zacchaeus‘ table, silent and smiling, instead of crying on the roof to fall in; He calls Matthew from the tax-office instead of blasting him and it together; He handles the leper whom God’s own Law pronounces unclean.

 

(II. Wenn wir uns den Evangelien zuwenden, sehen wir, dass diese beiden Vorwürfe tatsächlich genau unter denen sind, die gegen unseren göttlichen Herrn vorgebracht wurden.

 Zuerst, unzweifelhaft, wurde Er für Seine Heiligkeit gehasst. Wer kann daran zweifeln, dass der erschreckende Standard der Moral, den er predigte – die katholische Predigt wessen auch einer der Vorwürfe des Heiden ist – ein Hauptgrund für Seine Zurückweisung war. Denn es war schließlich Er, der zuerst verkündete, dass die Gesetze Gottes nicht nur das Handeln, sondern auch das Denken binden; es war Er, der zuerst den Mann einen Mörder und Ehebrecher nannte, der diese Sünden in seinem Herzen wünschte; es war Er, der den Standard des Christentums als einen Standard der Vollkommenheit zusammenfasste, Seid ihr vollkommen, wie auch euer Vater im Himmel vollkommen ist; der die Menschen aufforderte, danach zu streben, so gut zu sein wie Gott!

 Es war also Seine Heiligkeit, die als erstes die Feindschaft der Welt auf sich zog – diese strahlende, weiß-glühende Heiligkeit, in die Seine Heilige Menschheit gekleidet war. Wer von euch kann mich einer Sünde überführen! … Lasst den, der unter euch ohne Sünde ist, den ersten Stein auf sie werfen! Das waren Worte, die in den angenehmen Formalismus des Schriftgelehrten und des Pharisäers stachen und einen unsterblichen Hass weckten. Es war dies, sicherlich, das unaufhaltsam zu Seiner schließlichen Zurückweisung vor dem Gericht des Pilatus und der Wahl des Barabbas an Seiner Stelle führte. ‚Nicht dieser Mann! Nicht dieses Beispiel makelloser Vollkommenheit! Nicht diese Heiligkeit, die alle Herzen aufdeckt, sondern Barabbas, diesen bequemen Sünder, der so sehr ist, wie wir selbst! Diesen Räuber, in dessen Gesellschaft wir uns ruhig fühlen!’ Jesus Christus wurde als zu heilig für die Welt befunden.

 Aber Er wurde auch für nicht heilig genug befunden. Und es ist dieser ausdrückliche Vorwurf, der wieder und wieder gegen Ihn vorgebracht wird. Es war fürchterlich für diese Befolger des Gesetzes, dass dieser Prediger der Gerechtigkeit bei Zöllnern und Sündern sitzen sollte; dass dieser Prophet einer solchen Frau wie Magdalena erlauben sollte, ihn zu berühren. Wenn dieser Mann tatsächlich ein Prophet wäre, könnte Er den Kontakt von Sündern nicht ertragen; wenn Er tatsächlich von Eifer für Gottes Königreich verzehrt wäre, könnte er die Gegenwart von so vielen, die seine Feinde waren, nicht aushalten. Und doch sitzt Er da an Zachäus’ Tafel, still und lächelnd, anstatt dass Er dem Dach ruft, dass es in sich zusammenstürze; Er ruft Matthäus aus dem Zöllnerbüro, anstatt es und ihn zusammen zu vernichten; Er berührt den Aussätzigen, den Gottes eigenes Gesetz als unrein bezeichnet.)

 

III. These, then, are the charges brought against the disciples of Christ, as against the Master, and it is undeniable that there is truth in them both. […]

 (1) First the Catholic Church is Divine. She dwells, that is to say, in heavenly places; she looks always upon the Face of God; she holds enshrined in her heart the Sacred Humanity of Jesus Christ and the stainless perfection of that Immaculate Mother from whom that Humanity was drawn. How is it conceivable, then, that she should be content with any standard short of perfection? […]

 (2) But she is also human, dwelling herself in the midst of humanity, placed here in the world for the express object of gathering into herself and of sanctifying by her graces that very world which has fallen from God. These outcasts and these sinners are the very material on which she has to work; these waste products of human life, these marred types and specimens of humanity have no hope at all except in her.

 For, first, she desires if she can—and she has often been able—actually to raise these, first to sanctity and then to her own altars; it is for her and her only to raise the poor from the dunghill and to set them with the princes. She sets before the Magdalen and the thief, then, nothing less but her own standard of perfection.

 Yet though in one sense she is satisfied with nothing lower than this, in another sense she is satisfied with almost infinitely nothing. If she can but bring the sinner within the very edge of grace; if she can but draw from the dying murderer one cry of contrition; if she can but turn his eyes with one look of love to the crucifix, her labours are a thousand times repaid; for, if she has not brought him to the head of sanctity, she has at least brought him to its foot and set him there beneath that ladder of the supernatural which reaches from hell to heaven.

 For she alone has this power. She alone is so utterly confident in the presence of the sinner because she alone has the secret of his cure. There in her confessional is the Blood of Christ that can make his soul clean again, and in her Tabernacle the Body of Christ that will be his food of eternal life. She alone dares be his friend because she alone can be his Saviour. If, then, her saints are one sign of her identity, no less are her sinners another.

 For not only is she the Majesty of God dwelling on earth, she is also His Love; and therefore its limitations, and they only, are hers. That Sun of mercy that shines and that Rain of charity that streams, on just and unjust alike, are the very Sun and Rain that give her life. If I go up to Heaven she is there, enthroned in Christ, on the Right Hand of God; if I go down to Hell she is there also, drawing back souls from the brink from which she alone can rescue them. For she is that very ladder which Jacob saw so long ago, that staircase planted here in the blood and the slime of earth, rising there into the stainless Light of the Lamb. Holiness and unholiness are both alike hers and she is ashamed of neither—the holiness of her own Divinity which is Christ’s and the unholiness of those outcast members of her Humanity to whom she ministers.

 By her power, then, which again is Christ’s, the Magdalen becomes the Penitent; the thief the first of the redeemed; and Peter, the yielding sand of humanity, the Rock on which Herself is built.

 

(III. Das sind also die Vorwürfe, die gegen die Jünger Christi, wie gegen den Meister, vorgebracht werden, und unbestreitbar ist Wahrheit in ihnen beiden. […]

 (1) Erstens ist die katholische Kirche göttlich. Sie wohnt sozusagen in himmlischen Gefilden; sie sieht stets das Antlitz Gottes; sie hält in ihrem Herzen die Heilige Menschheit Jesu Christi und die makellose Vollkommenheit der Unbefleckten Mutter, aus der diese Menschheit kam. Wie ist es dann vorstellbar, dass sie mit irgendeinem Standard unterhalb der Vollkommenheit zufrieden sein sollte? […]

(2) Aber sie ist auch menschlich, sie nimmt ihren Wohnsitz in der Mitte der Menschheit, sie ist hier in die Welt gesetzt mit dem ausdrücklichen Ziel, genau diese Welt, die von Gott abgefallen ist, in sich aufzusammeln und durch ihre Gnaden zu heiligen. Diese Ausgestoßenen und diese Sünder sind gerade das Material mit dem sie arbeiten muss; diese unbrauchbaren Produkte des menschlichen Lebens, diese ruinierten Individuen und Exemplare der Menschheit, die überhaupt keine Hoffnung haben außer in ihr.

 Denn erstens ersehnt sie, wenn sie kann – und sie war oft dazu fähig – diese tatsächlich zu erheben, zuerst zur Heiligkeit und dann zu ihren eigenen Altären; es ist an ihr und nur an ihr, die Armen vom Misthaufen zu erheben und zu den Fürsten zu setzen. Sie setzt vor die Magdalena und den Schächer daher nichts Geringeres als ihren eigenen Standard der Vollkommenheit.

Aber obwohl sie in einem Sinn mit nichts Geringerem als diesem zufrieden ist, ist sie in einem anderen Sinn mit fast gar nichts zufriedengestellt. Wenn sie den Sünder nur an den Rand der Gnade bringen kann; wenn sie dem sterbenden Mörder nur einen Schrei der Reue entziehen kann; wenn sie seine Augen nur mit einem Blick der Liebe zum Kruzifix wenden kann, dann sind ihre Mühen tausendfach bezahlt; denn wenn sie ihn auch nicht zum Gipfel der Heiligkeit gebracht hat, dann hat sie ihn wenigstens zu ihrem Fuß gebracht und dort unter jene Leiter des Übernatürlichen gesetzt, die von der Hölle in den Himmel reicht.

Denn sie allein hat diese Macht. Sie allein ist so vollkommen souverän in der Gegenwart des Sünders, weil sie allein das Geheimnis seiner Heilung besitzt. Dort in ihrem Beichtstuhl ist das Blut Christi, das seine Seele wieder rein machen kann, und in ihrem Tabernakel der Leib Christi, der seine Nahrung für das ewige Leben sein wird. Sie allein wagt es, seine Freundin zu sein, weil sie allein seine Retterin sein kann. Wenn daher ihre Heiligen ein Zeichen ihrer Identität sind, dann sind ihre Sünder um nichts weniger ein anderes.

Denn sie ist nicht nur die Majestät Gottes, die auf der Erde wohnt, sie ist auch Seine Liebe; und daher sind deren Grenzen, und nur sie, auch ihre. Diese Sonne der Barmherzigkeit, die scheint, und dieser Regen der Liebe, der strömt, auf die Gerechten wie auf die Ungerechten, sind dieselbe Sonne und derselbe Regen, die ihr Leben geben. Wenn ich in den Himmel steige, ist sie dort, thronend in Christus zur rechten Hand Gottes; wenn ich in die Hölle hinabsteige, ist sie ebenfalls dort, Seelen zurückziehend von der Klippe, von der sie allein sie retten kann. Denn sie ist genau diese Leiter, die Jakob vor so langer Zeit sah, diese Treppe, die hier im Blut und Schleim der Erde gepflanzt ist und dort in das makellose Licht des Lammes reicht. Heiligkeit und Unheiligkeit gehören beide zu ihr und sie schämt sich keiner – die Heiligkeit ihrer eigenen Göttlichkeit, die Christi ist, und die Unheiligkeit dieser ausgestoßenen Glieder der Menschheit, denen sie dient.

 Durch ihre Macht daher, die wieder die Christi ist, wird die Magdalena die Büßerin; der Schächer der erste der Erlösten; und Petrus, der nachgiebige Sand der Menschheit, der Fels, auf dem sie gebaut ist.)

Über schwierige Bibelstellen, Teil 7: Ein Beispiel – die rachsüchtigen und selbstgerechten Psalmen

Als erstes Beispiel zur Interpretation alttestamentlicher Stellen hier ein Gastbeitrag von C. S. Lewis*:

Die Psalmen

I.

Ein Merkmal der Psalmen, das mir beim Lesen besonders in die Augen springt, ist ihre Altertümlichkeit. Mir ist, als blickte ich hinab in einen tiefen Abgrund der Zeit, jedoch als schaute ich dabei durch ein Fernrohr, das die Gestalten, die dort in der Tiefe wohnen, meinem Auge nahe bringt. So nah herangeholt, sind sie mir geradezu schockierend fremd; unbeherrschte Kreaturen, die in Selbstmitleid schwelgen, schluchzen, fluchen, lautes Triumphgeschrei ausstoßen, mit ungeschlachten Waffen klirren oder zum ohrenbetäubenden Lärm fremdartiger Musikinstrumente tanzen. Doch Seite an Seite mit diesem Bild steht mir noch ein anderes vor Augen: Anglikanische Chöre, blendendweiße Chorhemden, frischgewaschene Knabengesichter, Kniekissen, eine Orgel, Gebetsbücher und vielleicht der Geruch von frischgemähtem Friedhofsgras, der mit dem Sonnenlicht durch eine offene Türe kommt. Manchmal verblasst der eine, dann wieder der andere Eindruck, doch keiner von beiden verschwindet wohl jemals ganz. Die Ironie erreicht ihren Höhepunkt, wenn einer der Chorknaben mit diesem von aller persönlichen Anteilnahme so wunderbar freien Sopran die Worte singt, mit denen einstige Krieger sich in rasende Wut gegen ihre Feinde hineinsteigerten; und singt das im Dienst des Gottes der Liebe und denkt dabei selber vielleicht weder an diesen Gott noch an einstige Kriege, sondern an Pfefferminzbonbons und Comics. Diese Ironie, diese doppelte oder dreifache Vision, gehört zum Lesevergnügen. Ich beginne zu ahnen, dass sie auch zum Gewinn gehört.

 In seinen meisten Äußerungen ist mir der Geist der Psalmen fremder als jener der ältesten griechischen Literatur. Doch das ist nicht eine Frage der Epoche. Unterschiede in der Geisteshaltung decken sich nicht immer mit zeitlichen Unterschieden. Den meisten von uns, vielleicht uns allen (außer wir wären entweder sehr ungebildet oder sehr heilig oder womöglich beides) ist die Kultur, die von den Griechen und Römern herkommt, vertrauter, geistesverwandter, als das, was wir vom alten Israel haben. Schon die Bezeichnungen und Begriffe, die wir in Wissenschaft, Philosophie, Kritik, Staatsführung, Grammatik gebrauchen, sind durchweg graeko-romanisch. Dieser Einfluss, und nicht der jüdische, hat uns im landläufigen Sinne „kultiviert“. Doch kein Christ kann die Bibel lesen, ohne zu entdecken, dass ihm diese alten, uns für gewöhnlich so fern stehenden Hebräer jederzeit auf eine Weise Brüder sein können, wie kein Grieche oder Römer es je gewesen ist. Welch eine langweilige, vage Sache scheint uns beispielsweise auf den ersten Blick das Buch der Sprüche: Bärtige Orientalen, die endlose Binsenwahrheiten von sich geben, als wollten sie Tausendundeine Nacht parodieren. Verglichen mit Plato oder Aristoteles – verglichen selbst mit Xenophon – ist das überhaupt kein Denken. Dann, plötzlich, wenn wir drauf und dran sind aufzugeben, fällt unser Blick auf die Worte: „Wenn deinen Feind hungert, so speise ihn mit Brot, und wenn ihn dürstet, so gib ihm Wasser zu trinken“ (Spr 25,21). Wir reiben uns die Augen. So etwas war damals schon sprichwörtlich! Sie kannten das schon so lange, bevor Christus kam! Es gibt nichts Entsprechendes im Griechentum und, wenn ich mich recht erinnere, auch nicht bei Konfuzius. Und solche Überraschungen können wir in den Psalmen oft erleben. Diese sonderbaren, fremden Gestalten können uns jeden beliebigen Augenblick beweisen, dass hinsichtlich der geistlichen Abstammung (im Unterschied zur kulturellen) letztlich sie unsere Ahnen sind und die Völker des Klassischen Altertums Fremde. Umgekehrt erleben wir beim Lesen der Klassiker manchmal die entgegengesetzte Überraschung. Diese geliebten, so gebildeten, toleranten, humanen und aufgeklärten Schriftsteller geben da und dort plötzlich zu erkennen, dass uns ein Abgrund von ihnen trennt. Daher das ständige verschmitzte Gekicher Platos über die Knabenliebe oder die elitäre Haltung, die Aristoteles’ Ethik fast lächerlich macht. Wir beginnen zu zweifeln, ob auch nur einer von ihnen (und wäre es selbst Vergil), wenn wir sie von den Toten zurückrufen könnten, nicht schon in der ersten Stunde des Gesprächs etwas von sich gäbe, was uns zutiefst befremden würde.

 Ich meine keineswegs, dass die Hebräer einfach „besser“ waren als die Griechen und die Römer. Im Gegenteil, wir finden in den Psalmen Äußerungen einer Grausamkeit, die rachedurstiger, und einer Selbstgerechtigkeit, die totaler ist als irgend etwas bei den Klassikern. Wenn wir diese Abschnitte übergehen und nur ein paar ausgesuchte Lieblingspsalmen lesen, verpassen wir das Entscheidende. Denn das Entscheidende ist genau dies: dass ausgerechnet diese fanatischen und mordlustigen Hebräer, und nicht die aufgeklärteren Völker, geistlich immer wieder – für kurze Augenblicke – ein christliches Niveau erreichen; nicht dass sie besser oder schlechter wären als die Heiden, sondern dass sie besser oder schlechter zugleich sind. Wir müssen wohl oder übel anerkennen, dass diese uns so fremden Dichter, zumindest in einer Hinsicht, unsere Vorfahren waren, und zwar die einzigen Vorfahren, die wir in der ganzen antiken Welt finden können. Sie haben etwas, was die Heiden nicht haben. Sie wissen etwas, das Sokrates nicht wusste. Dieses Etwas wächst offenbar durchaus nicht natürlicherweise aus dem hervor, was wir sonst von ihrem Charakter zu sehen bekommen. Es sieht aus wie etwas, das ihnen von außen geschenkt worden ist; tatsächlich wie das, wofür es sich ausgibt: eine Offenbarung. Ihre Behauptung, das „auserwählte Volk“ zu sein, hat Hand und Fuß.

 Wir können über diese Auserwählung freilich erstaunt sein. Wenn wir die Welt hätten sehen können, wie sie, sagen wir, im fünfzehnten Jahrhundert vor Christus war, und wenn wir hätten raten müssen, welchem von den damaligen Volksstämmen einst das Wissen von Gott und die Fortpflanzung jenes Blutes, das eines Tages einen Leib für die Menschwerdung Gottes hervorbringen sollte, anvertraut würde – ich glaube nicht, dass viele von uns richtig geraten hätten. (Ich denke, meine Auserwählten wären die Ägypter gewesen.)

 […]

 Unter diesem Gesichtspunkt gibt es als Einstieg keinen besseren Psalm als Nummer 109. Er endet mit einem Vers, den jeder Christ sofort für sich in Anspruch nehmen kann: „Denn er steht dem Armen zur Rechten, um ihn zu retten vor denen, die ihn verdammen.“ Das ist eine charakteristische Tonart in den Psalmen und eine der Seiten, um derentwillen wir sie lieben. Es ist ein Vorgeschmack auf die Grundstimmung im Magnificat. Sie findet kaum eine Parallele in der heidnischen Literatur (die griechischen Götter waren zwar tatkräftig dabei, Stolze niederzuwerfen, aber selten, Niedrige zu erhöhen). Sie wird sogar einen gutgesinnten modernen Ungläubigen ansprechen; vielleicht bezeichnet er es als Wunschdenken, aber er wird den Wunsch achten. Kurz, wenn wir nur den letzten Vers läsen, wären wir in vollem Einvernehmen mit dem Psalmisten. Im Augenblick aber, wo wir zurückblicken auf das, was diesem Vers vorausgeht, merken wir, dass uns Welten von ihm trennen, oder schlimmer noch, dass er uns widerwärtig nahe verwandt ist in dem, was auszumerzen die Hauptbeschäftigung unseres Lebens ist. Psalm 109 ist ein Hasslied, wie es hemmungsloser nie geschrieben wurde. Der Dichter legt ein detailliertes Programm gegen seinen Feind vor, von dem er hofft, dass Gott es ausführen wird. Der Feind soll vor „frevelhafte Richter“ gebracht werden. „Ein Ankläger“ soll ihm dauernd zur Rechten stehen, sei es ein böser Geist, sei es bloß ein menschlicher Ankläger – ein Spion, ein agent provocateur, ein Mitglied der Geheimpolizei (V. 6). Falls dem Feind noch etwas am Glauben liegt, soll ihn das, weit davon entfernt, seine Lage zu verbessern, nur noch schlechter machen: „Sogar sein Gebet soll ihm als Sünde gelten.“ (V. 7). Und nach seinem Tode – der bitte recht bald erfolgen möge – sollen seine Witwe und seine Kinder und Kindeskinder in niemals endendem Elend leben (V. 8-13). Was uns, mehr noch als der ungezähmte Rachedurst, das Blut in den Adern stocken lässt, ist das ruhige Gewissen des Schreibers. Er hat keine Bedenken, keine Skrupel oder Vorbehalte; keine Scham. Er lässt dem Hass freien Lauf, peitscht ihn auf, feuert ihn an – in einer Art unglaublicher Naivität. Er bringt diese Gefühle, so wie sie sind, Gott dar, keine Sekunde zweifelnd, dass sie Annahme finden werden; indem er von seinen Verwünschungen unvermittelt zu den Worten findet: „Du aber, Herr, mein Gott, tritt für mich ein um deines Namens willen! Weil deine Gnade köstlich ist, errette mich“ (V. 21).**

 Gewiss, dieser Mensch selber hat vor sehr langer Zeit gelebt. Das ihm widerfahrene Unrecht war vielleicht, menschlich gesprochen, unerträglich. Er war zweifellos ein heißblütiger Barbar und glich mehr einem Kind als einem Manne unserer Zeit. Und wenn wir auch glauben (und es sogar aus dem letzten Vers sehen können), dass seinem Geschlecht eine gewisse Erkenntnis des wahren Gottes zuteil geworden war, so hat er doch in der kalten Jahreszeit, im Vorfrühling der Offenbarung, gelebt, und diese ersten Lichtblicke der Erkenntnis waren wie Schneeglöckchen im Frost. Für ihn mag es daher eine Entschuldigung gegeben haben. Wir aber – was kann es uns nützen, solches Zeug zu lesen?

 Eines auf alle Fälle: Wir haben hier einen elementaren Ausdruck jener Gefühle, die von Unterdrückung und Ungerechtigkeit natürlicherweise hervorgerufen werden. Der Psalm ist ein Portrait, unter dem geschrieben stehen sollte: „Das machst du aus einem Menschen, wenn du ihn schlecht behandelst.“ Bei einem modernen Kind oder Primitiven könnten die Reaktionen genau dieselben sein. Bei einem heutigen westeuropäischen Erwachsenen – besonders, wenn er sich zum Christentum bekennt – wären sie gesitteter; als uneigennützige Gerechtigkeitsliebe getarnt, der es angeblich ums Allgemeinwohl geht. Doch hinter der Fassade und um so schlimmer in den Augen Gottes sind die Gefühle wohl immer noch da. (Ich denke hier an eine mir völlig unbekannte Frau, die mir, weil sie es „für ihre Pflicht“ hielt, wie sie sagte, einen Brief weitergab, in dem eine andere mir völlig Unbekannte mich ihr gegenüber angeschwärzt hatte.) In einem Fall nun, den wir im landläufigen Sinn als „Verführung“ bezeichnen (nämlich dem der sexuellen Verführung) fänden wir es ungeheuerlich, auf der Schuld des einen Beteiligten zu beharren, welcher der Versuchung erlegen ist, und über die des anderen, der ihn versucht hat, hinwegzugehen. Doch genau so ist jedes Unrecht und jede Unterdrückung eine Versuchung, eine Versuchung zum Hass, und ist in diesem Sinne eine Verführung. Mit jedem Unrecht, das wir einem Mitmenschen angetan haben, haben wir ihn in die Versuchung geführt, solch ein Mensch zu sein wie der, der Psalm 109 geschrieben hat. Wir haben vielleicht über unser Unrecht Buße getan; aber ob auch er über seinen Hass Buße getan hat, das wissen wir oft nicht. Wie steht unsere Rechnung heute, falls er es nicht getan hat?

 Ich weiß keine Antwort auf diese Frage. Aber ich würde meinen, wir sollten uns lieber genau ansehen, was wir angerichtet haben; wie junge Hunde sollte man uns mit der Nase hineinstoßen. Ein Mann, auch wenn er darüber Buße getan hat, dass er einmal ein Mädchen verführt und es dann sitzengelassen und aus dem Blickfeld verloren hat, sollte seine Augen nicht einfach vor der rauen Wirklichkeit verschließen, in der sie heute vielleicht lebt. Genau darum sollten wir die Psalmen lesen, die den Unterdrücker verfluchen; sollten sie lesen mit Furcht. Wer weiß, ob nicht ähnliche Verwünschungen auch schon gegen uns ausgestoßen worden sind? Was für Gebete schwarze Menschen und rote und braune und gelbe gegen uns zu ihren Göttern oder manchmal zu Gott selbst emporgeschickt haben. Von der ganzen Erde „stinkt“ das Unrecht des Weißen Mannes zum Himmel; es stinkt nach Massakern, nach Vertragsbruch, Diebstahl, Menschenraub, Sklaverei, Deportation, Auspeitschungen, Lynchmord, Überfällen, Vergewaltigung, Raub, Beschimpfung, Hohn und widerlicher Heuchelei. Aber die Sache geht uns noch näher an. Diejenigen von uns, die wenig Macht haben, wenig Leute, die in ihrer Hand sind, können dankbar sein. Wie aber, wenn man Offizier ist (oder, vielleicht noch schlimmer, Unteroffizier)? Oberin in einem Krankenhaus? Regierungsbeamter? Gefängniswärter? Schulvorsteher? Gewerkschaftssekretär? Vorgesetzter irgendeiner Art? Kurz jemand, dem keiner „zurückgeben“ kann? Es ist, auch mit dem besten Willen, schwer genug, gerecht zu sein. Es ist schwer, unter dem Druck von Zeitnot, Unbehagen, schlechter Laune, Selbstzufriedenheit und Eitelkeit auch nur schon immer gerecht sein zu wollen. Macht verdirbt den Menschen; die „Amtsroutine“ schleicht sich ein. Wir sehen sie so deutlich bei unseren Vorgesetzten; ist es dann unwahrscheinlich, dass unsere Untergebenen sie bei uns sehen? Wie viele von denen, die über uns sind, haben nicht schon manchmal (vielleicht oft) unsere Vergebung nötig gehabt? Seien sie sicher, dass wir genauso die Vergebung derer nötig haben, die unter uns stehen.

 Sie wird uns aber nicht immer zuteil. Vielleicht sind unsere Untergebenen gar nicht gläubig. Vielleicht sind sie noch nicht weit genug gekommen auf dem Weg, dieses schwere Werk des Vergebens, das wir ihnen auferlegt haben, zu bewältigen. Vielleicht schwelt gegen uns, erfolglos bekämpft oder auch nicht, bitterer, chronischer Groll; der Geist von Psalm 109.

 Ich meine nicht, dass Gott auf Gebete, wie sie dieser Psalmist vorgebracht hat, hört und sie gutheißt. Sie sind böse. Er verurteilt sie. Alle Rachsucht ist Sünde. Wir können auch hoffen, dass das, was unsere Untergebenen uns nachtragen, in Wirklichkeit nicht halb so schlimm war, wie sie sich einbilden. Die Schroffheit war unbeabsichtigt; das anmaßende Benehmen bei Gericht hatte seinen Grund in Unwissenheit und dem unangenehmen Gefühl der eigenen Ohnmacht; die scheinbar ungerechte Verteilung der Arbeit war nicht wirklich ungerecht oder war es nicht absichtlich; die unerklärliche persönliche Abneigung gegen einen bestimmten Untergebenen, für ihn und einige seiner Kameraden so offensichtlich, ist etwas, dessen wir uns überhaupt nicht bewusst sind (sie erscheint in unserem bewussten Denken als „erziehen“ oder als die Notwendigkeit, „ein Exempel zu statuieren“). Wie dem auch sei, es ist sehr böse von ihnen, uns zu hassen. Ja, aber das Törichte ist, dass wir uns einbilden, Gott sähe ihre Bosheit losgelöst von unserer Bosheit, die den Anlass dazu gegeben hat. Sie sündigen durch ihren Hass, weil wir sie dazu versucht haben. Wir haben sie, in diesem Sinne, verführt, verdorben. Sie sind gleichsam die Mütter dieses Hasses; wir sind die Väter.

 Unter diesem Gesichtspunkt nun ist der Lobpreis der Maria erschreckend. […] Die Ähnlichkeit zwischen dem Lobgesang und der überlieferten hebräischen Dichtung der Psalmen beschränkt sich nicht auf literarische Eigentümlichkeiten. Natürlich gibt es einen Unterschied. Bei Maria finden sich keine Verwünschungen, kein Hass, keine Selbstgerechtigkeit. Statt dessen stellt sie einfach fest: Er hat die Hoffärtigen zerstreut, die Machthaber gestürzt, Reiche leer ausgehen lassen. Ich habe vorhin vom ironischen Kontrast zwischen dem wutentbrannten Psalmisten und dem Sopran des Chorknaben gesprochen. Diesen Kontrast finden wir hier auf einer höheren Ebene wieder. Einmal mehr haben wir die Sopranstimme, eine Mädchenstimme, und sie verkündet ohne Sünde, dass die sündigen Gebete ihrer Vorfahren nicht ganz unerhört bleiben; und tut das nicht etwa in wildem Triumph, sondern – wer könnte es überhören? – in ruhiger und furchtbarer Freude.***

 Hier bin ich versucht, für einen Moment abzuschweifen auf eine Spekulation, die uns in einer Hinsicht vielleicht etwas beruhigt, während sie uns in einer anderen erschreckt. Die Christen sind sich leider nicht darüber einig, auf welche Weise die Mutter Gottes verehrt werden sollte, doch es gibt eine Wahrheit, an der wohl niemand zweifeln kann. Wenn wir an die Jungfrauengeburt glauben und wenn wir an die menschliche Natur unseres Herrn glauben (denn es ist ketzerisch, sich ihn als einen Menschen vorzustellen, in dessen Körper statt einer menschlichen Seele die zweite Person der Dreieinigkeit wohnte), dann müssen wir für diese Menschennatur auch an eine menschliche Vererbung glauben. Für diese gibt es nur eine Quelle (wiewohl in dieser Quelle das ganze wahre Israel vertreten ist). Wenn in Jesus ein eiserner Zug ist – dürfen wir nicht, ohne unehrerbietig zu sein, mutmaßen, woher er stammt? Sagten wohl die Nachbarn in seiner Kindheit von ihm: „Er ist ganz der Sohn seiner Mutter?“ Das könnte die Härte mancher Dinge, die er zu oder von seiner Mutter gesagt hat, in ein neues und weniger schmerzliches Licht rücken. Wir dürfen annehmen, dass sie das sehr gut verstand.****

 Ich habe dies einen Exkurs genannt, doch ich bin nicht sicher, dass es einer ist. Zweierlei leitet von den Psalmen hinüber zu uns. Das eine ist der Lobpreis der Maria, das andere sind die wiederholten Zitate, die unser Herr gebrauchte, wenn auch – das stimmt – nicht solche wie Psalm 109. Wir können ein Buch, von dem sein Denken so durchdrungen war, nicht aus unserem Denken verbannen. Die Kirche selbst ist ihm nachgefolgt und hat auch unser Denken durch dieses Buch geprägt.

 Mit einem Wort, die Psalmisten und wir gehören beide zur Kirche. Als einzelne mögen sie – gleich wie wir – manchmal sehr schlechte Glieder dieser Kirche sein; Unkraut – aber Unkraut, das auszureißen wir nicht befugt sind. Sie – wie wir – mögen oft nicht wissen (wenn auch vielleicht anders als wir) wes Geistes Kinder sie sind. Aber die Zugehörigkeit zur Kirche können weder wir ihnen noch sie uns absprechen.

 Ich meine keineswegs (obwohl Sie, wenn Sie sich umsehen, sicher einen Kritiker finden werden, der sagt, ich meine es), dass wir ihre Grausamkeit in irgendeiner Weise gutheißen sollen. Aber wir können lernen, das Gute zu sehen, das sich in diese Grausamkeit mischt. Durch all ihre Exzesse hindurch zieht sich ein leidenschaftliches Sehnen nach Gerechtigkeit. Man ist zuerst versucht zu sagen, dass dieses Sehnen, da sie ja zu den Unterdrückten gehören, kein besonderes Verdienst ist; dass auch die schlechtesten Menschen noch aufbegehren und nach Fairness schreien, wenn ihnen unfaires Spiel geboten wird. Doch leider ist das nicht wahr. Vielmehr ist der Geist, der nach Gerechtigkeit schreit, vielleicht gerade jetzt am Aussterben.

 Dazu ein alarmierendes Beispiel: Ich hatte einen Schüler, der bestimmt Sozialist, wahrscheinlich sogar Marxist war. Für ihn war das „Kollektiv“, der Staat, alles, der einzelne nichts; Freiheit ein bourgeoiser Wahn. Er schloss dann sein Studium ab und wurde Lehrer. Ein paar Jahre später besucht er mich, als er in Oxford vorbeikam. Er sagte, er hätte den Sozialismus aufgegeben. Er war restlos enttäuscht vom totalitären Staat. Die Einmischungen des Erziehungsministeriums in die Angelegenheiten von Schule und Lehrerschaft waren, das hatte er erlebt, arrogant, inkompetent und unausstehlich; die reinste Tyrannei. Ich konnte ihn gut verstehen, und das Gespräch nahm vergnügt seinen Lauf. Dann, plötzlich, rückte er mit dem wahren Grund seines Kommens heraus: Er hatte es „so gründlich satt“, dass er den Lehrerberuf aufgeben wollte; und – könnte ich wohl – läge es wohl in meiner Macht – würde ich wohl ein paar Drähte ziehen, um ihm einen Posten zu verschaffen – im Erziehungsministerium?

 So ist der moderne Mensch. Er kann hassen, aber er dürstet nicht, wie die Psalmisten, nach Gerechtigkeit. Wenn er findet, dass er unterdrückt wird, fragt er sofort: „Wie kann ich mich auf die Seite der Unterdrücker schlagen?“ Er hat nichts gegen eine Welt, die in Tyrannen und Opfer gespalten ist; es kommt nur darauf an, zu welcher von diesen beiden Gruppen man selber gehört. (Die Moral der Geschichte bleibt dieselbe, ob Sie seine Ansichten über das Erziehungsministerium teilen oder nicht.)

 So mischt sich also in den Hass der Psalmisten ein Funke, der angefacht, nicht ausgetreten werden sollte. Diesen Funken hat Gott gesehen und angefacht, bis er im Lobpreis der Maria hell brannte. Der Schrei nach dem „Gericht“ musste erhört werden. Doch die alte jüdische Vorstellung vom „Gericht“ wird ein Essay für sich nötig machen.

 

II.

Das Jüngste Gericht ist uns Christen ein sehr vertrauter und sehr schrecklicher Gedanke. „In Zeiten der Drangsal, in Zeiten des Wohlergehens, in der Stunde des Todes und am Tage des Gerichts rette uns, Herr, unser Gott.“ Wenn es eine Vorstellung gibt, die durch kein Bitten und Flehen aus der Lehre unseres Herrn weggebetet werden kann, dann ist es die von der großen Scheidung: Schafe und Böcke, der breite und der schmale Weg, das Unkraut und der Weizen, die Worfschaufel, die klugen und die törichten Jungfrauen, die guten und die schlechten Fische, die verschlossene Türe bei der Hochzeit, wo manche drinnen, andere draußen in der Finsternis sind. Wir können zu hoffen wagen – manche wagen es zu hoffen –, dass das nicht die ganze Geschichte ist, dass, wie Juliana von Norwich gesagt hat, „es allen wohlergehen und mit allen Dingen zum Besten stehen wird“. Doch aus den Worten unseres Herrn selbst müssen wir diese Hoffnung nicht nehmen wollen. Von Paulus bekommen wir Andeutungen; von Jesus keine Spur. Es sind seine eigenen Worte, die das Bild vom Jüngsten Gericht ins Christentum gebracht haben.

 Eine Folge davon ist, dass wir beim Wort „Gericht“ im Zusammenhang mit dem Glauben immer gleich an ein Strafgericht denken: den Richter auf dem  Richterstuhl, der Angeklagte auf der Anklagebank, Hoffnung auf Freispruch und Angst vor dem Schuldurteil. Doch die alten Hebräer verbanden mit dem Wort „Gericht“ für gewöhnlich ganz andere Vorstellungen.

 In den Psalmen ist das Gericht nicht etwas, wovor der von Gewissensbissen verfolgte Gläubige Angst hat, sondern etwas, worauf der in den Staub getretene Gläubige hofft. Gott „wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit“ und ist „eine Burg den Bedrückten“ (9,9.10). „Schaffe mir Recht nach deiner Gerechtigkeit, Herr“, ruft der Dichter (35,24). Noch mehr überrascht uns Psalm 67, wo selbst „die Nationen“, die Heiden, „sich freuen“ und „jubeln“ sollen, weil Gott „die Völker gerecht richtet“ (V. 5). (Genau das ist doch unsere Angst, dass das Gericht vielleicht sehr viel gerechter sein wird, als wir es ertragen können.) Im Freudenpsalm 96 sollen sich sogar Himmel und Erde „freuen“, die Flur soll „jauchzen“ und alle Bäume des Waldes „frohlocken vor dem Herrn“, denn „er kommt, die Erde zu richten“. Die Aussicht auf dieses von uns so gefürchtete Gericht löst einen Jubel aus, wie ein heidnischer Dichter ihn allenfalls gebraucht hätte, um das Kommen des Dionysos anzukündigen.

 So sehr unser Herr selbst uns, wie gesagt, die heutige christliche Vorstellung vom Jüngsten Tag eingeprägt hat, so illustrieren seine Worte doch an anderen Stellen die alte hebräische Vorstellung. Ich denke an den ungerechten Richter im Gleichnis. In den meisten von uns – es sei denn wir hätten dies Gleichnis direkt vor Augen – weckt die Erwähnung eines bösen Richters auf der Stelle das Bild eines Menschen wie Richter Jeffreys: eines brüllenden, ständig unterbrechenden, blutrünstigen Rohlings, der Geschworene und Zeugen einschüchtert, fest entschlossen, den Gefangenen hängen zu sehen. Wir können nur hoffen, nicht von ihm gerichtet zu werden. Die Rolle des „ungerechten Richters“ bei Jesus ist eine ganz andere. Man will von ihm gerichtet werden, man liegt ihm in den Ohren, dass er einen richte. Die einzige Schwierigkeit ist, sich bei ihm Gehör zu verschaffen. Was unser Herr im Auge hat, ist offensichtlich gar kein Strafgericht, sondern ein Schlichtungsgericht. Nicht aus dem Blickwinkel eines Gefangenen sehen wir die Gerechtigkeit, sondern aus dem eines Antragstellers; eines Antragstellers, der eindeutig im Recht ist – wenn es ihm nur gelänge, den Angeklagten vor den Richterstuhl zu bringen.

 Dieses Bild ist uns nur darum fremd, weil wir uns in unserem Land einer ungewöhnlich guten Rechtspflege erfreuen. Wir betrachten es als selbstverständlich, dass man Richter nicht bestechen muss und nicht bestechen kann. Das ist jedoch kein Naturrecht, sondern eine hohe Errungenschaft; auch wir könnten sie einmal verlieren (und werden sie sicher verlieren, wenn wir uns nicht um ihre Erhaltung bemühen); sie geht nicht automatisch mit dem Gebrauch der englischen Sprache einher. In vielen Teilen der Welt und zu vielen Zeiten bestand die Schwierigkeit für arme und unbedeutende Leute nicht nur darin, zu erreichen, dass man ihr Anliegen unvoreingenommen anhörte, sondern darin, dass man sie überhaupt anhörte. Ihre Stimmen sind es, die aus der unentwegten Hoffnung der Hebräer auf das Gericht sprechen, dieser Hoffnung, dass irgendwann, irgendwie einmal, das Recht wiederhergestellt sein wird.

 Doch die Vorstellung kommt nicht nur aus dem Gerichtswesen. Die „Richter“, nach denen ein höchst interessantes Geschichtsbuch im Alten Testament genannt ist, hießen nämlich nicht nur deshalb so, weil sie manchmal etwas taten, was wir als Ausübung richterlicher Funktionen betrachten würden. Das Buch hat tatsächlich über das „Richten“ in diesem Sinne sehr wenig zu sagen. Seine „Richter“ sind in erster Linie Helden, Kämpfer, die Israel von fremden Tyrannen befreien: Riesentöter. Das Substantiv, das wir als „Richter“ übersetzen, ist offensichtlich mit einem Verb verwandt, das heißt: verteidigen, rächen, das Recht wiederherstellen. Man könnte sie genausogut Vorkämpfer, Rächer nennen. Der fahrende Ritter im mittelalterlichen Roman, der seine Tage damit zubrachte, bedrängte Edelfräulein zu retten und ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen, wäre bei den Hebräern so etwas wie ein „Richter“ gewesen.

 Ein solcher Richter – Er, der uns endlich Gerechtigkeit widerfahren lässt, der Retter, der Beschützer, der Tyrannenbezwinger – ist es, dessen Bild in den Psalmen dominiert. Es gibt tatsächlich ein paar wenige Stellen, wo der Psalmist mit Zittern ans Gericht denkt: „Geh nicht ins Gericht mit deinem Knecht! Denn vor dir ist kein Lebender gerecht“ (143,2); oder: „Wenn du, Herr, Sünden anrechnen willst, o Herr, wer kann bestehen?“ (130,3). Doch die gegenteilige Haltung ist sehr viel geläufiger: „Höre, o Herr, die gerechte Sache“ (17,1); „Schaffe mir Recht, o Herr“ (26,1); „Streite, Herr, mit denen, die mich bestreiten“ (35,1); „Führe meinen Rechtsstreit“ (43,1); „Erhebe dich, Richter der Erde“ (94,2). Gerechtigkeit ist es, Gehör vor dem Richter, worum die Psalmisten ungleich häufiger beten als um Vergebung.

 Verallgemeinernd kommen wir damit zu einer sehr paradoxen Überlegung. Für gewöhnlich, und selbstverständlich zu Recht, werden Judentum und Christentum, die Herrschaft Moses und die Herrschaft Jesu, einander gegenübergestellt als Gesetz gegen Gnade, Gerechtigkeit gegen Barmherzigkeit, Härte gegen Milde. Aber offenbar hoffen die, welche unter der unerbittlicheren Verkündigung stehen, auf Gottes Gericht, während die, welche unter der milderen Botschaft leben, Angst davor haben. Woher kommt das? Die Antwort wird jedem in etwa klar sein, der die Psalmen aufmerksam gelesen hat. Die Psalmisten, mit wenigen Ausnahmen, blicken dem Gericht sehnsüchtig entgegen, weil sie glauben, dass sie völlig im Recht sind. Andere haben gegen sie gesündigt; ihr eigenes Verhalten war (wie sie uns oft genug beteuern) untadelig. Sie flehen die göttliche Untersuchung inständig herbei, gewiss, dass sie siegreich daraus hervorgehen werden. Der Gegner mag alles mögliche zu verbergen haben, aber sie nicht. Je mehr Gott ihre Sache untersucht, um so mehr wird sie sich als einwandfrei erweisen. Der Christ andererseits zittert, weil er weiß, dass er ein Sünder ist.

 Man könnte also in gewissem Sinne sagen, dass die jüdische Zuversicht im Hinblick auf das Gericht eine Begleiterscheinung der jüdischen Selbstgerechtigkeit sei. Aber das ist viel zu verallgemeinernd. Wir müssen die ganze Erfahrung mit in Betracht ziehen, aus der diese selbstgerechten Äußerungen herauswachsen; und zweitens, was diese Äußerungen, auf einer tieferen Stufe, wirklich bedeuten.

 Diese Erfahrung ist dunkel und schrecklich. Wir dürfen sie nicht „die Große Trübsal der Seele“ nennen, denn diese Bezeichnung wird schon für eine andere Trübsal und für einen anderen Schrecken gebraucht, denen wir auf einer ungleich höheren Ebene begegnen, als sie irgendeiner der Psalmisten (vermute ich) je erreicht hat. Aber wir können sie „die Große Trübsal des Fleisches“ nennen, wobei wir unter „Fleisch“ den natürlichen Menschen verstehen. […]

 Zugegeben, wir können, wenn wir wollen, all die Stellen, welche diese Trübsal schildern, als Anzeichen einer Neurose betrachten. Wenn wir unbedingt behaupten wollen, dass einige Psalmisten in einer Nervenkrise oder am Rande eines Nervenzusammenbruchs geschrieben haben, dann werden wir für unsere Theorie genug Bestätigung finden. Das heißt, die Psalmisten versuchen in genau den Dingen auf ihrem Recht zu beharren, von denen auch ein Patient in einem bestimmten neurotischen Zustand zu Unrecht meint, dass sie auf seine Situation zuträfen. Für unser Anliegen ist das im Moment jedoch nicht wichtig. Neurosen kommen vor; vielleicht sind wir selber schon durch dieses Tal hindurchgegangen oder müssen einmal hindurchgehen. Es kann uns nicht gleichgültig sein, wie gewisse an Gott gläubige Menschen vor uns sich darin verhalten haben. Und letzten Endes ist „Neurose“ ein relativer Begriff. Wer kann sagen, dass er ihr nie nahegekommen ist? Selbst wenn die Psalmen von Neurotikern geschrieben worden wären, so würden sie uns noch etwas angehen.

 Doch natürlich können wir keineswegs sicher sein, dass sie das sind. Der Neurotiker glaubt fälschlicherweise, dass er von gewissen Übeln bedroht werde. Ein anderer Mensch (oder der Neurotiker selbst zu einem anderen Zeitpunkt) kann jedoch tatsächlich von genau diesen Übeln bedroht sein. Es sind vielleicht nur die Nerven des Patienten, die ihm so überzeugend einreden, dass er Krebs hat oder finanziell ruiniert ist oder in die Hölle kommt; doch das beweist nicht, dass es so etwas wie Krebs oder Bankrott oder Verdammnis nicht gibt. Die Vermutung, dass die in gewissen Psalmen geschilderten Zustände Einbildung sein müssen, scheint mir auf reinem Wunschdenken zu beruhen. Es gibt diese Zustände im wirklichen Leben. Falls jemand das bezweifelt, möge er sich, während ich versuche diese Trübsal des Fleisches darzustellen, überlegen, wie leicht sie für irgendeine der folgenden Personen nicht subjektives Empfinden, sondern konkrete Wirklichkeit sein dürfte.

1. Für einen kleinen, hässlichen, unsportlichen, unbeliebten Jungen in der zweiten Klasse einer hundsmiserablen englischen Volksschule. 2. Für einen unbeliebten Rekruten in einer Militärbaracke. 3. Für einen Juden in Hitlerdeutschland. 4. Für einen Mann in einer schlechten Firma oder Staatsstelle, den eine Gruppe von Rivalen hinauszuekeln versucht. 5. Für einen Papstanhänger im England des sechzehnten Jahrhunderts. 6. Für einen Protestanten im Spanien des sechzehnten Jahrhunderts. 7. Für einen Afrikaner unter Malan. 8. Für einen amerikanischen Sozialisten in der Hand von Senator McCarthy oder einen Zulu während einer der alten, wilden Hexenverfolgungen.

 Die Finsternis des Fleisches kann objektive Tatsache sein; sie ist nicht einmal besonders selten.

 Man ist allein. Der Mit-Rekrut, der  einem am ersten Tag ein Freund zu sein schien, die Jungen, die einem in der letzten Klasse Freunde waren, die Nachbarn, mit denen man befreundet war, bevor die Judenhetze losging (oder bevor man Senator McCarthys Aufmerksamkeit auf sich zog) und sogar die eigenen Bekannten und Verwandten haben angefangen, einem aus dem Wege zu gehen. Niemand will gerne mit einem gesehen werden. Wenn man auf der Straße Bekannten begegnet, blicken sie zufällig immer auf die andere Seite. „Von meinen Nachbarn bin ich gemieden und ein Schrecken für meine Bekannten: Wer mich sieht auf der Straße, flieht scheu vor mir“ (31,12). „Meine Freunde und Genossen, … meine nächsten Verwandten halten sich fern“ (38,11). „Ein Fremdling bin ich meinen Brüdern geworden“ (69,9). „Meine Bekannten hast du mir entfremdet, hast mich ihnen zum Abscheu gemacht“ (88,9). „Blick ich nach rechts und halte Umschau: ach, da ist keiner, der mich versteht. Verschlossen ist mir jede Zuflucht“ (142,5).

 Manchmal macht nicht ein einzelner diese Erfahrung, sondern eine Gruppe (ein religiöser Orden oder sogar ein ganzes Volk). Mitglieder fallen ab; Verbündete fliehen; der gewaltige Zusammenschluss gegen uns wächst und festigt sich von Tag zu Tag. Schwerer noch als unsere schwindenden Zahlen und die zunehmende Isolation sind die wachsenden Anzeichen dafür zu ertragen, dass „unsere Seite“ nichts ausrichtet. Die Welt wird von schlechten Menschen auf den Kopf gestellt, und „was kann da der Gerechte noch leisten?“ (11,3), wo bleiben unsere Gegenmaßnahmen? „Wir sind ein Spott und Hohn“ geworden (79,4). Einst sprach so vieles zu unseren Gunsten, und große Führer waren auf unserer Seite. Doch diese Zeiten sind vorbei: „Unsere Zeichen sehen wir nicht mehr, kein Prophet ist mehr da“ (74,9). So fühlen wir Christen uns oft im heutigen Europa.

 Und rings um den vereinsamten Menschen sind tagaus, tagein die Ungläubigen. Sie wissen sehr wohl, was wir glauben oder zu glauben versuchen („hilf meinem Unglauben!“), und achten das für eine totale Illusion. „Gar viele sagen von mir: ‚Es gibt keine Rettung für ihn bei Gott’!“ (3,2). Als hätte Gott, falls es ihn gibt, nichts weiter zu tun, als sich um uns zu kümmern! (10,13); aber überhaupt: „Es gibt keinen Gott“ (14,1). Wenn es den Gott des Leidenden wirklich gibt, dann „möge er ihn retten“ (22,9), und zwar jetzt! „Wo ist nun dein Gott?“ (42,4)

 Der Mensch in der Trübsal des Fleisches ist in den Augen aller anderen äußerst komisch; die Witzfigur einer ganzen Schule oder Militärbaracke oder Arbeitsstelle. Sie können ihn nicht ansehen, ohne zu lachen; sie schneiden ihm Grimassen (22,8). Zechbrüder verulken ihn in ihren Liedern (69,13). Er wird „sprichwörtlich“ (44,15). Zu allem Unglück ist dieses ganze Gelächter keineswegs ein ehrliches, spontanes Gelächter, keines, das ein Mensch mit einer irgendwie komischen Stimme oder einem kauzigen Aussehen lernen könnte zu ertragen und in das er schließlich sogar miteinstimmen könnte. Diese Spötter lachen nicht, obwohl es ihn verletzt, und nicht einmal, ohne zu fragen, ob es ihn vielleicht verletzt; sie lachen, weil es ihn verletzt. Jede Demütigung und jedes Missgeschick, die er erleidet, ist ihnen wie Honig; sie zeigen ihm ihre Überlegenheit, wenn er am Boden liegt. „Ich spreche: Dass sie sich nur nicht freuen über mich, die wider mich grosstun, wenn mein Fuß wankt“ (38,17).

 Wenn man eine gewisse Art von aristokratischem oder stoischem Stolz hätte, so könnte man vielleicht Spott mit Spott vergelten oder sogar frohlocken, wie Coventry Patmore darüber frohlockte, dass er „in der Hochgebirgsluft öffentlichen Verrufs“ lebte. Wenn man das könnte, so wäre man der Trübsal nicht ganz preisgegeben. Aber was auch geschehe, so ist der Leidende nicht – oder nicht mehr, falls er es früher einmal war. Er ist den unaufhörlichen Neckereien, Verächtlichkeiten und Demütigungen (durch die Blume oder grausam verhohlen, je nach Milieu) wehrlos ausgeliefert, sie gehen ihm unter die Haut. Auch in seinen eigenen Augen ist er das, wozu sie ihn gemacht haben. Er kann nicht noch einmal von vorne anfangen. „Beschämung bedeckt sein Antlitz“ (69,8). Er könnte genauso gut stumm sein; in seinem Mund ist keine Widerrede (38,15). Er ist „ein Wurm und kein Mensch“ (22,7).

 

* Dieser Essay findet sich in: C. S. Lewis, „Gedankengänge. Essays zu Christentum, Kunst und Kultur“, Brunnen-Verlag, Basel 1986, S. 151-168. Lewis hat auch ein kleines Buch über die Psalmen geschrieben (Titel der dt. Übersetzung: „Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen“) – ebenfalls sehr empfehlenswert.

** Der vollständige Text von Psalm 109 lautet nach der Einheitsübersetzung: „[Für den Chormeister. Ein Psalm Davids.] Gott, den ich lobe, schweig doch nicht! Denn ein Mund voll Frevel, ein Lügenmaul hat sich gegen mich aufgetan. Sie reden zu mir mit falscher Zunge, umgeben mich mit Worten voll Hass und bekämpfen mich ohne Grund. Sie befeinden mich, während ich für sie bete, sie vergelten mir Gutes mit Bösem, mit Hass meine Liebe. Sein Frevel stehe gegen ihn auf als Zeuge, ein Ankläger trete an seine Seite. Aus dem Gericht gehe er verurteilt hervor, selbst sein Gebet werde zur Sünde. Nur gering sei die Zahl seiner Tage, sein Amt soll ein andrer erhalten. Seine Kinder sollen zu Waisen werden und seine Frau zur Witwe. Unstet sollen seine Kinder umherziehen und betteln, aus den Trümmern ihres Hauses vertrieben. Sein Gläubiger reiße all seinen Besitz an sich, Fremde sollen plündern, was er erworben hat. Niemand sei da, der ihm die Gunst bewahrt, keiner, der sich der Waisen erbarmt. Seine Nachkommen soll man vernichten, im nächsten Geschlecht schon erlösche sein Name. Der Herr denke an die Schuld seiner Väter, ungetilgt bleibe die Sünde seiner Mutter. Ihre Schuld stehe dem Herrn allzeit vor Augen, ihr Andenken lösche er aus auf Erden. Denn dieser Mensch dachte nie daran, Gnade zu üben; er verfolgte den Gebeugten und Armen und wollte den Verzagten töten. Er liebte den Fluch – der komme über ihn; er verschmähte den Segen der bleibe ihm fern. Er zog den Fluch an wie ein Gewand; der dringe wie Wasser in seinen Leib, wie Öl in seine Glieder. Er werde für ihn wie das Kleid, in das er sich hüllt, wie der Gürtel, der ihn allzeit umschließt. So lohne der Herr es denen, die mich verklagen, und denen, die Böses gegen mich reden. Du aber, Herr und Gebieter, handle an mir, wie es deinem Namen entspricht, reiß mich heraus in deiner gütigen Huld! Denn ich bin arm und gebeugt, mir bebt das Herz in der Brust. Wie ein flüchtiger Schatten schwinde ich dahin; sie schütteln mich wie eine Heuschrecke ab. Mir wanken die Knie vom Fasten, mein Leib nimmt ab und wird mager. Ich wurde für sie zum Spott und zum Hohn, sie schütteln den Kopf, wenn sie mich sehen. Hilf mir, Herr, mein Gott, in deiner Huld errette mich! Sie sollen erkennen, dass deine Hand dies vollbracht hat, dass du, o Herr, es getan hast. Mögen sie fluchen – du wirst segnen. Meine Gegner sollen scheitern, dein Knecht aber darf sich freuen. Meine Ankläger sollen sich bedecken mit Schmach, wie in einen Mantel sich in Schande hüllen. Ich will den Herrn preisen mit lauter Stimme, in der Menge ihn loben. Denn er steht dem Armen zur Seite, um ihn vor falschen Richtern zu retten.“

*** Das Magnificat lautet in der Einheitsübersetzung: „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig. Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen. Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“ (Lukas 1,46-55)

**** Lewis meint hier wohl diese Stellen: „Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach. Nachdem die Festtage zu Ende waren, machten sie sich auf den Heimweg. Der junge Jesus aber blieb in Jerusalem, ohne dass seine Eltern es merkten. Sie meinten, er sei irgendwo in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten. Als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn dort. Nach drei Tagen fanden sie ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen. Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten. Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht. Da sagte er zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte. Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen.“ (Lukas 2,41-51) „Als Jesus noch mit den Leuten redete, standen seine Mutter und seine Brüder vor dem Haus und wollten mit ihm sprechen. Da sagte jemand zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir sprechen. Dem, der ihm das gesagt hatte, erwiderte er: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (Matthäus 12,46-50) „Am dritten Tag fand in Kana in Galiläa eine Hochzeit statt und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. Jesus erwiderte ihr: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter sagte zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut! Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungsvorschrift der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es. Da ließ er den Bräutigam rufen und sagte zu ihm: Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zu viel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten. So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn. Danach zog er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kafarnaum hinab. Dort blieben sie einige Zeit.“ (Johannes 2,1-12)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/c4/Tissot_The_Songs_of_Joy.jpg

(James Tissot, The Songs of Joy, Wikimedia Commons)

Ein Rat für Perfektionisten

Wieder einmal möchte ich Franz von Sales (aus der „Philothea“) zu Wort kommen lassen:

 

„So sehr das Licht unseren Augen schön erscheint und so sehr sie sich danach sehnen, es blendet sie doch, wenn wir lang im Dunkeln waren. Wenn man in ein fremdes Land kommt, brauchen wir einige Zeit, bis wir uns an sein Volk gewöhnt haben, so höflich und freundlich es auch sein mag. So ist es auch im geistlichen Leben. […]

 Glaube mir: Wenn du fest bleibst, wirst du bald so viele Freuden des Herzens, ein so tiefes Glück empfinden, dass du bekennen musst: die Welt ist Bitterkeit im Vergleich mit diesen süßen Freuden und ein Tag des frommen Lebens ist mehr wert als tausend Jahre verweltlichten Lebens (Ps 84,11).

 Der Berg der christlichen Vollkommenheit kommt dir aber so hoch vor. ‚Mein Gott’, sagst du, ‚wie kann ich denn da hinaufsteigen?’ Mut! Wenn die Bienlein Gestalt anzunehmen beginnen, können sie noch nicht zu den Blumen fliegen, um Honig zu sammeln; während sie sich aber vom Honig ernähren, den die großen Bienen gesammelt haben, bekommen sie allmählich Flügel, werden kräftig und können über Land fliegen. So sind auch wir noch klein in der Frömmigkeit, wir vermögen noch nicht unserem Wunsch zu folgen und zum Gipfel der christlichen Vollkommenheit zu fliegen, aber wir beginnen, uns allmählich umzuformen durch unsere Wünsche und Entschlüsse, die Flügel beginnen zu wachsen und es ist zu hoffen, dass auch wir eines Tages fliegen können wie die Bienen. Bis dahin leben wir vom Honig der Lehren, die fromme Menschen uns überliefert haben. Beten wir zu Gott, dass er uns Schwingen gebe gleich denen der Tauben, damit wir nicht nur fliegen können in diesem zeitlichen Leben, sondern auch Ruhe finden im künftigen Leben der Ewigkeit.“