Christliche Kultur am Sonntag: Dean Koontz (Leserempfehlung)

Bei christlichen Sachbüchern findet man bekanntlich relativ leicht gute Sachen; bei Romanen, Filmen oder Kinderbüchern sieht es allerdings manchmal schwieriger aus, auch wenn einige vermutlich gern mehr davon besäßen. Dabei gibt es eigentlich auch hier viel Gutes, wenn man näher hinschaut, und weil nicht allen alles bekannt ist, dachte ich, ich stelle meinen Lesern hier mal jede Woche kurz ein Werk vor – hauptsächlich katholische Sachen, aber wenn es von guter Qualität ist, auch mal was aus anderen Konfessionen; nicht nur Hochkultur, sondern auch eher Populärkultur (aber halbwegs gut gemacht soll es sein); und sowohl solches mit explizit religiösen Inhalten (im Einzelfall auch mal, wenn es von persönlich nicht sehr frommen Menschen kommt), als auch Werke von überzeugten Christen ohne explizite Botschaft. Viele werden bestimmte Klassiker schon kennen, aber andere vielleicht noch nicht.

Und weil ich ja auch nicht alles kennen kann: Wer ein katholisches Lieblingsbuch, einen Film o. Ä. hat, von dem er schon immer mal mehr Leuten erzählen wollte, darf mir gern über die „Contact“-Seite schreiben und vielleicht ergibt sich ein Gastbeitrag.

 

Heute: Dean Koontz (Autor u. a. der „Odd Thomas“-Serie)

Diesmal eine Leserempfehung, für die ich herzlich danke: Leser Oliver hat einen neueren Autor aus dem Bereich Fantasy/Thriller zu empfehlen, der übrigens auch außerhalb christlicher Kreise ziemlich erfolgreich ist (mehrfach auf Platz 1 der New-York-Times-Bestseller-Liste):

‚Eines der katholischsten Werke der Populärkultur ist die Odd Thomas Serie von Dean Koontz.
 Koontz ist Katholik, mit einem Faible für die alte Messe, und bringt seit Ende der 90er seinen Katholizismus immer mehr in seinen Werken zur Geltung.
 In seinen Büchern ist er nur selten explizit katholisch, sondern lässt seine Helden katholische Werte verkörpern.‘

Oliver hat auch auf mehrere Interviews mit Koontz und Artikel über sein Werk (u. a. hier, hier und hier) hingewiesen, die ziemlich Lust machen, seine Bücher zu lesen (ich hab mir tatsächlich gleich mal eins bestellt und bin ziemlich gespannt darauf).

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Die Freundschaft Christi

Der folgende Text ist ein kleiner Auszug aus Msgr. Robert Hugh Bensons „The Friendship of Christ“ (die Übersetzung ist von mir; hier findet sich der vollständige Text auf Englisch). Um der Lesbarkeit willen habe ich längere Absätze in kürzere aufgebrochen.

Für Leser, die Probleme mit Skrupulosität haben könnten, sei vorsichtshalber gesagt, dass es hier nicht um Fragen von schwerer Sünde geht; nicht darum, dass man zwangsläufig den Himmel verpassen würde, wenn man auf Erden die Freundschaft Christi noch nicht vollkommen kennt; sondern um ein größeres Geschenk, das Jesus einem schon  jetzt geben will, und eine größere Vollkommenheit.

Monsignor R. H. Benson in Oct. 1912, Aged 40.jpg

(Msgr. Robert Hugh Benson (1871-1914). Gemeinfrei.)

„Katholiken also neigen, mehr als jeder andere, dazu – gerade durch ihr Wissen um die Mysterien des Glauben, gerade durch ihr Erfassen von Jesus Christus als ihrem Gott, ihrem Hohepriester, ihrem Opfer, ihrem Propheten und König – , zu vergessen, dass es mehr Seine Freude ist, bei den Menschensöhnen zu sein als über die Seraphim zu herrschen, dass, während Seine Majestät Ihn auf dem Thron Seines Vaters hielt, Seine Liebe Ihn hinunter auf eine Pilgerreise brachte, auf dass Er Seine Diener in Seine Freunde verwandeln könnte.

Zum Beispiel klagen fromme Seelen oft über ihre Einsamkeit auf Erden. Sie beten, sie empfangen häufig die Sakramente, sie tun ihr Bestes, um die christlichen Gebote zu erfüllen; und, wenn alles getan ist, finden sie sich einsam wieder. Es könnte kaum einen offensichtlicheren Beweis ihres Scheiterns geben, zumindest eines der großen Motive der Inkarnation zu verstehen. Sie beten Christus als Gott an, sie zehren von Ihm in der Kommunion, machen sich rein in Seinem kostbaren Blut, erwarten den Zeitpunkt, wenn sie Ihn als ihren Richter sehen werden; aber von dieser intimen Kenntnis von und Gefährtenschaft mit Ihm, in der die göttliche Freundschaft besteht, haben sie wenig oder nichts erfahren.

Sie sehnen sich, sagen sie, nach einem, der nicht nur das Leid fortnehmen kann, sondern selbst mit ihnen leiden kann, einem, dem gegenüber sie in Stille die Gedanken ausdrücken können, die kein Wort hervorbringen kann; und sie scheinen nicht zu verstehen, dass das genau die Position ist, die Jesus Christus selbst zu erlangen sehnt, dass es das höchste Sehnen Seines Heiligen Herzens ist, dass Er eingelassen werde, nicht nur zum Thron des Herzens oder dem Gerichtshof des Gewissens, sondern in diese innere Kammer der Seele, wo ein Mensch am meisten er selbst ist, und daher ganz und gar allein.

Sieh, wie voll die Evangelien von diesem Sehnen Jesu Christi sind! Es gab tatsächlich glanzvolle Augenblicke, in denen der Gott in der Menschheit in Herrlichkeit aufflammte – Augenblicke, in denen selbst die Kleider, die Er trug, in Seiner Gottheit strahlend leuchteten: es gab Augenblicke der göttlichen Kraft, in denen blinde Augen sich durch das erschaffende dem geschaffenen Licht öffneten, in denen Ohren, die taub gegenüber irdischen Geräuschen waren, die göttliche Stimme hörten, in denen die Toten aus ihren Gräbern ausbrachen, um Ihn anzusehen, der am Anfang ihr Leben gegeben und es dann wiederhergestellt hatte. Und es gab erhabene und schreckliche Augenblicke, in denen Gott mit Gott beiseite ging in die Wildnis oder den Garten, in denen Gott durch die Lippen der verwüsteten Menschheit schrie: ‚Warum hast du mich verlassen?‘

Aber zum größten Teil ist es Seine Menschheit, von der die Evangelien uns erzählen; eine Menschheit, die nach Ihrer Art rief; eine Menschheit, die nicht nur versucht wurde, sondern auch, gleichsam, besonders war in allen Punkten, in denen wir es sind.

‚Nun liebte Jesus Martha, und ihre Schwester Maria, und Lazarus‘ (Johannes 11,5). ‚Jesus, der ihn ansah, liebte ihn‘ (Markus 10,21) – liebte ihn, scheint es, mit einer Empfindung, die unterschieden ist von der göttlichen Liebe, die alle Dinge liebt, die sie geschaffen hat; liebte ihn wegen des Ideals, das er im besonderen vielleicht noch erreichen mochte, mehr als nur für die Tatsache, dass er einfach existierte wie andere seiner Art – liebte ihn, wie ich meinen eigenen Freund liebe, und wie er mich liebt.

Es sind wahrscheinlich diese Augenblicke, mehr als alle anderen, die Jesus Christus die Zuneigung der Menschheit gewonnen haben – Augenblicke, in denen Er sich selbst als wahrhaft einer von uns zeigte. Es ist, als er ‚erhöht‘ ist – nicht in der Herrlichkeit der triumphierenden Gottheit, sondern in der Schande der geschlagenen Menschheit, da er uns an sich zieht.

Wir lesen von Seinen Machttaten und fühlen Ehrfurcht und Verehrung: aber wenn wir lesen, wie Er erschöpft am Brunnen saß, während Seine Freunde essen holen gingen; wie Er sich im Garten in gequältem Vorwurf an die wendet, von denen Er sich Trost erhofft hatte – ‚Was? Konntet ihr nicht eine Stunde mit mir wachen?‘ (Matthäus 26,40) – wenn Er sich noch einmal umwendet und zum letzten Mal diesen heiligen Namen dem gegenüber benutzt, der ihn für immer verwirkt hatte – ‚Freund, wofür bist du gekommen?‘ (Matthäus 26,50) – sind wir uns dessen bewusst, was Ihm noch mehr bedeutet als all die Anbetung aller Engel in Herrlichkeit – Zärtlichkeit und Liebe und Mitleid – Gefühle, zu denen nur die Freundschaft ein Anrecht hat.

Oder wiederum: Jesus Christus spricht mehr als einmal in der Schrift zu uns, nicht nur in Hinweisen und Andeutungen, sondern in bewussten Aussagen, von Seinem Wunsch, unser Freund zu sein. Er zeichnet für uns ein kleines Bild des einsamen Hauses bei Einbruch der Nacht, von Ihm selbst, der dasteht und an der Tür klopft, und von dem vertrauten kleinen Mahl, das Er erwartet. ‚Und wenn irgendeiner öffnet – (irgendeiner!) – werde ich zu ihm eintreten und werde mit ihm Mahl halten und er mit mir‘ (Offenbarung 3,20).

Oder wiederum sagt er jenen, deren Herzen krank werden angesichts des Verlustes, der so rasch auf sie herabkommt: ‚Ich nenne euch jetzt nicht mehr Knechte; vielmehr habe ich euch Freunde genannt‘ (Johannes 15,15). Oder wiederum verspricht Er Seine bleibende Gegenwart, entgegen dem Anschein, denen, die Seine Wünsche kennengelernt haben. ‚Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen‘ (Matthäus 18,20) ‚Seht, ich bin bei euch alle Tage‘ (Matthäus 28,20). Und ‚was ihr einem der geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan‘ (Matthäus 25,40).

Wenn etwas in den Evangelien eindeutig ist, dann dies – dass Jesus Christus zuallererst unsere Freundschaft ersehnt. Es ist Seine Vorhaltung gegenüber der Welt, nicht dass der Retter zu den Verlorenen kam und dass die Verlorenen von Ihm wegliefen, um sich noch weiter zu verlieren, nicht dass der Schöpfer zum Geschöpf kam und das Geschöpf Ihn zurückwies; sondern dass der Freund ‚zu den Seinen kam, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf‘ (Johannes 1,11).

Nun ist das Bewusstsein der Freundschaft Jesu Christi gerade das Geheimnis der Heiligen. Gewöhnliche Menschen können gewöhnliche Leben leben, mit wenig oder keiner offenen Missachtung Gottes, aus hundert zweitrangigen Motiven. Wir halten die Gebote, damit wir ins Leben eintreten; wir vermeiden die Sünde, damit wir der Hölle entkommen; wir kämpfen gegen die Weltlichkeit an, damit wir die Achtung der Welt behalten. Aber kein Mensch kann drei Schritte auf dem Weg zur Vollkommenheit vorangehen, ohne dass Jesus Christus neben ihm geht.

Es ist dann dies, das den Weg des Heiligen unterscheidet – und das ihm auch das scheinbare Groteske gibt – (denn was ist in den Augen der fantasielosen Welt grotesker als die Ekstase des Liebenden?) […]

Aber es ist die wahnsinnig machende Freude der bewussten Gefährtenschaft Jesu Christi, die die Liebenden, und damit die Giganten der Geschichte geschaffen hat. […]

II. Nun muss man bedenken, dass, während diese Freunschaft zwischen Christus und der Seele von einem Blickpunkt aus vollkommen vergleichbar mit der Freunschaft zwischen zwei Menschen ist, sie von einem anderen Blickpunkt aus unvergleichlich ist. Sicherlich ist es eine Freundschaft zwischen Seiner Seele und unserer; aber diese Seine Seele ist vereint mit der Gottheit. Eine einzige individuelle Freundschaft mit Ihm erschöpft daher nicht Seine Fähigkeiten. Er ist Mensch, aber Er ist nicht nur Ein Mensch: Er ist Der Menschensohn statt Ein Menschensohn. Er ist das ewige Wort, durch das alle Dinge geschaffen wurden und im Dasein erhalten werden.

Er kommt daher auf unzähligen Wegen zu uns, auch wenn es dieselbe Gestalt ist, die sich auf jedem Weg nähert. Es ist nicht genug, Ihn nur innerlich zu kennen: Er muss erkannt werden (wenn Seine Beziehung zu uns die sein soll, die Er ersehnt) in all jenen Tätigkeiten und Erscheinungsformen, in denen Er sich zeigt.

Einer, der Ihn daher ausschließlich als innerlichen Gefährten und Führer kennt, wie nahe und lieb auch immer, aber Ihn nicht im Heiligsten Sakrament kennt –  einer, dessen Herz brennt, während Er mit Jesus auf dem Weg geht, aber dessen Augen mit Blindheit geschlagen sind, sodass er Ihn nicht beim Brechen des Brotes erkennt, kennt nur eine Vollkommenheit aus zehntausend. Und wiederum, er, der Ihn in der Kommunion Freund nennt, aber dessen Ergebenheit so eng und beschränkt ist, dass er Ihn nicht in jenem mystischen Leib erkennt, in dem Er auf Erden wohnt und spricht – einer, in der Tat, der ein dévot ist, ein Individualist, und der daher nicht diese gemeinschaftliche Gottesverehrung versteht, die gerade das Wesen des Katholizismus ist – oder wiederum, der Ihn auf all diese Weisen kennt, aber Ihn nicht in Seinem Stellvertreter, oder in Seinem Priester, oder in Seiner Mutter erkennt – oder wiederum, der Ihn auf all diese Weisen kennt – (der, im üblichen Sprachgebrauch, ein ‚bewundernswerter Katholik‘ ist) – aber der nicht das Recht des Sünders erkennt, in Seinem Namen um Gnade zu bitten, oder des Bettlers, um Almosen zu bitten: oder wiederum, der Ihn unter spektakulären Umständen erkennt, aber nicht unter armseligen – der dem ersten Bettler auf der Straße, der in Christi Namen bittet, verschwenderisch gibt, aber dem es nicht gelingt, ihn in dem uninteressanten Dummkopf zu finden – jene, in Kürze, die Christus in einem oder zwei oder drei oder mehr Aspekten erkennen, aber nicht in allen – (zumindest nicht in all denen, von denen Christus selbst ausdrücklich gesprochen hat) – können nie zu dieser Höhe der Vertrautheit und Erkenntnis dieses idealen Freundes aufsteigen, die Er selbst ersehnt, und von der Er erklärt hat, dass sie zu erreichen in unserer Kraft steht.“

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(Zeichnung von Viktor Vasnetsov. Gemeinfrei.)

Ein persönlicher Gott?

Der folgende Text ist ein Auszug aus Msgr. Ronald Knox‘ 1927 veröffentlichtem Buch „The belief of Catholics“ (5. Kapitel); für die Übersetzung und die Fußnoten danke ich Nepomuk. Das gesamte Werk findet sich auf Englisch hier.

In einem früheren Blogpost habe ich Msgr. Knox‘ Belege für die Existenz Gottes zitiert; hier geht es um die Eigenschaften Gottes. Viele Nichtchristen gehen bekanntlich noch mit, wenn man die Existenz einer ersten Ursache für die Welt postuliert, einer höheren Macht, oder halten sie zumindest nicht für unplausibel; zögern dann aber, wenn es um die Frage geht: Ist das denn ein persönlicher Gott? Oder nicht vielleicht eher eine unpersönliche Kraft? Jetzt also Knox zu dieser Frage.

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(Ronald Knox (1888-1957). Gemeinfrei.)

 

Wenn die Argumente, die im vorhergegangenen Kapitel angeführt wurden, gültig sind, vermitteln sie uns nicht nur einen Glauben an Gottes Existenz, sondern auch Ansichten zu gewissen Einzelheiten(60), die seine Natur betreffen. Ich habe hier nicht vor, wie ein Theologielehrbuch die verschiedenartigen „Eigenschaften Gottes“ zu diskutieren oder auch nur aufzuzählen, aus Furcht davor, die Leinwand unzweckmäßig überzubefüllen. Es ist für unsere gegenwärtigen Zwecke genug, darauf zu bestehen, daß der Gott, auf den man durch Betrachtung seiner Werke in der Natur schließt, ein transzendenter Gott sein muß, ein allmächtiger Gott, und ein persönlicher Gott.

Der Knackpunkt unserer Behauptung selbst war, daß die materielle Welt, die uns in unserer Erfahrung begegnet, nicht die Erklärung ihrer eigenen Existenz, der Kräfte, die sie kontrollieren, oder der Gesetze, die sie regieren, bietet, daß man nach der Erklärung folglich an einer Stelle Ausschau halten muß, die außerhalb ihrer selbst ist und über sie selbst geht. Will unser Gedanke zufriedengestellt sein, so muß er davon ausgehen, daß ein notwendiges Seiendes existiert, demgegenüber all dieses kontingente Seiende, die Schöpfungswelt, sekundär ist und von dem sie abhängt.

Ein Seiendes, oder, genauergenommen, ein Seiender. Wer müssen immer das Niedere mit dem Höheren erklären, nicht umgekehrt. Und die höchste Existenzform, von der wir irgendeine Erfahrung haben, ist Geist. Der Mensch findet heraus, daß er selbst dieses anscheinend einzigartige Privileg besitzt, das Objekt seiner eigenen Gedanken werden zu können. Er kann seine Aufmerksamkeit nicht nur auf Dinge außerhalb seiner selbst, sondern auf sich selbst als Denker, auf sich selbst beim Denken richten. Adam muß viele seltsame Erfahrungen gemacht haben, als er im Paradies erwachte, aber keine seltsamere denn die, sich selbst zu treffen. Der Unterschied zwischen diesem Sichseiner-selbst-Bewußtsein und bloßem Bewußtsein ist so real und so vital wie der Unterschied zwischen Bewußtsein und bloßem Leben, oder dem zwischen Leben und bloßer Existenz. Dieses spirituelle Prinzip, dieses sich seiner selbst bewußte Leben im Menschen, ist nicht zu erklären (und noch weniger zu verdeutlichen) durch seine Bedürfnisse als bloßer Bürger der natürlichen Schöpfung. Es ist etwas ganz außerhalb des Schemas gewöhnlichen organischen Lebens; es existiert um seiner selbst willen, und muß daher als höhere Existenzordnung betrachtet werden. Es ist naturgemäß auf diese höhere Existenzordnung, auf die er jene höchste aller möglichen Existenzen bezieht, die er mit dem Namen „Gott“ benennt.

Es war ein Lieblingsspott der Ungläubigen von XENOPHANES bis Rupert BROOKE: „Hätten Pferde sich Theologie ausgedacht, hätten sie Gott wie sich selbst vorgestellt, hätten Fische eine Theologie erfunden, hätten sie sich Gott wie sich selber vorgestelt.“ Die Kritik ist eine von der Art, daß sie das das Ziel derart weit verfehlt, daß sie gleich ihre eigene Widerlegung bietet. Denn die Tatsache ist, daß der Mensch Pferden und Fischen in genau einem Punkt überlegen ist, nämlich seinem Sichseiner-selbst-Bewußtsein, seinem spirituellen Leben; und es ist präzise kraft dieser spirituellen Qualität und kraft ihr allen, daß er es gewagt hat, sich Gott als ihm ähnlich vorzustellen: Er stellt sich Gott nicht als Starken Mann, sondern als Großen Geist vor, präzise jener Merkmale niederer Ordnung ermangelnd, die den Menschen in seiner dualen Natur mit den Tieren verbinden. Die Seele des Menschen, die im Gedächtnis, im Intellekt und im Willen außerhalb und über dem zufälligen Umstand seiner Sterblichkeit steht, ist der einzige Spiegel, den er in der Natur findet: der einzige Spiegel von jenem puren Akt, jener unermüdlichen Energie, die Gott ist.

Und ist Gott Geist, dann ist er ein persönlicher Gott. Denn all unsere Erfahrung mit Geist, all unsere Evidenz für seine Existenz, beruht auf dem Bewußtsein erster Hand, das jeder Mensch von sich selbst hat, und Indizien zweiter Hand, die auf die Existenz eines ähnlichen Bewußtseins in seinem Nächsten hinweisen. Jeder Geist, wie er uns in unserer Erfahrung gegeben wird, ist ein einsamer Punkt bewußter Existenz. Die Materie, wie wir sie kennen, kann in verschiedene Kombinationen eintreten und verschiedenartige Formen annehmen; aber „Geist“ treffen wir nirgends an, nur „Geister“.(61) Und der Gedanke, daß Gott nicht ein Geist, sondern die Gesamtheit existierender Geister und nichts weiter sei, der Gedanke, daß er „Geist“ und nicht ein Geist sei, ist reine Mythologie. Er übersieht, jene Individualität, jene Unübertragbarkeit, die alle Geister unserer Erfahrung nach gemeinsam haben. Ich stelle freilich nicht in den Raum, daß das Seiende, das uns geschaffen hat, all jenen Grenzen unterworfen ist, welche unsere Vorstellungen mit dem Wort „Persönlichkeit“ möglicherweise assoziieren. Aber indem wir denken, daß Gott ein Geist ist, können wir die Idee bewußter Individualität nicht ausschließen, denn jene Idee ist für unser ganzes Konzept einer Geistnatur essentiell.
Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen: indem wir die Natur Gottes so als transzendent, allmächtig und persönlich abgrenzen, haben wir die Weggemeinschaft nicht nur mit den Irreligiösen, sondern auch mit einer großen Anzahl des eher religiös empfindenden Teils der Menschheit aufgekündigt. Wir haben bis jetzt noch nichts gesagt, was ein Jude oder ein Mohammedaner nicht wiederholen könnte. Aber wir haben – schon jetzt – den Kampf mit jenem pantheistischen Begriff des göttlichen Wesens aufgenommen, welcher einen so profunden Einfluß auf andere Religionen des Ostens gehabt hat.

Das Laster des Pantheismus ist, daß seine Theologie das Leben, nicht den Geist, als Anknüpfungspunkt nimmt. Nachdem er die Welt (fälschlich) als Dichotomie aus Materie und Leben aufgefaßt hat, nimmt der Pantheist an, daß der lebendige Organismus der Spiegel des Universums sei. Und wie im Lebewesen als solchem die Materie ein Lebensprinzip finde, das sie organisiere, so müsse die ganze Materiesumme, die existiere, ein Leben haben, das sie organisiere, ein Leben, daß die Aufsummierung all des Lebens (es sei pflanzlich oder tierisch) sei, das existiere. Dieses Leben sei Gott; Gott sei der Welt, was die Seele (in ihrem weitesten Sinn) dem Körper ist. So bringt es die pantheistische Theologie einerseits fertig, eine Erklärung der Existenz zu geben, die gar keine Erklärung ist: die Totalität unserer Erfahrungen plus Weltseele bringt nun einmal nicht durch die Addition allein irgendeine Erklärung, wie oder warum sie begonnen hat zu existieren. Und andererseits bringt sie es fertig, unsere Gedanken mit einem Begriff von „Gott“ zu belasten, der nicht Gott ist: der tatsächlich nur eine Abstraktion ist, wie „tierisches Leben“ gegenüber Materie eine Abstraktion ist; eine Abstraktion, die weder unsere Schicksale beeinflussen, noch unser Verhalten vorschreiben, noch unsere Anbetung beanspruchen kann: machtlos, amoralisch – und nur aus Höflichkeit unterläßt es der Engländer, den Namen „Gott“ in diesem Zusammenhang wie jedes andere Substantiv kleinzuschreiben.

Der Gott, den wir Katholiken anbeten – wir Katholiken, mit den Juden und den Mohammedanern(62) –, ist wirklich so scharf geschieden von dem Begriff einer Gottheit, der die vielköpfigen Monster des heidnischen Ostens synkretisiert, spiritualisiert oder überlagert hat. – Ist der Gott der modernen Protestanten so klar von seinem orientalischen Gegenüber abgegrenzt? Ich gestehe, daß ich akute und wachsende Bedenken in diesem Punkte habe. Die Tendenz im Protestantismus, wie ich im letzten Kapitel erörtert habe, ist die Evidenz von Gottes Existenz eher in einem angeblichen Instinkt oder einer Intuition zu finden als in irgendeinem Schluß von Prämissen, die in Erfahrung gegründet sind. Aber solche Beweismethoden, selbst wenn wir ihre Gültigkeit zugestehen sollten, würden nur dafür dienen, die Tatsache seiner Existenz zu akzeptieren, ohne uns irgendetwas über seine Natur zu erzählen. Die meisten Menschen glauben an Gott, ja – aber wenn man es näher betrachtet, ist ein großer Prozentsatz von ihnen Pantheisten der einen oder anderen Schattierung; der allgemeine Glaube der Menschheit führt also nicht dazu, die Existenz einer transzendenten Gottheit zu verkünden. Es gibt in der Natur des Menschen etwas, weswegen es ihn juckt anzubeten, einen Religionsinstinkt, ja – aber zu welcher Art von Religion? Warum sollte nicht (zum Beispiel) der Buddhismus das Verlangen befriedigen können? Die Mystiker haben direkte Erfahrungen von Gottes Gegenwart gemacht, es ziemt sich also für uns, ihren Erfahrungen eher als unseren erdgebundenen Vorstellungen zu trauen, ja – aber welchen Mystikern? Den christlichen oder den buddhistischen? Wenn wir nicht bereit sind, auf die Lehre von Descartes und BERKELEY zurückzufallen, die Gott unmittelbar für jene Ideen verantwortlich machen, durch die allein wir in Kontakt mit irgendeiner äußeren Realität kommen, scheint mir, daß all diese „direkten“ Beweise für Gottes Existenz bloß eine blanke Formel abwerfen, und wir keinen intellektuellen Apparat haben, sie auszufüllen.

Welche Art Gott also will der Protestantismus uns zur Anbetung vorstellen? Unsere idealistischen Philosophen, die immer noch wehmütig den Hegelianismus wiederkäuen, haben weder eine Garantie anzubieten, daß Gott allmächtig ist, noch, in welchem Sinne er persönlich ist. Es bleibt nur das moralische Argument, um den Protestantismus in seinen abenteuerlicheren Formen von den rauheren Formen des Pantheismus unterscheiden zu können.

Zweifelsohne wird wenigstens in der westlichen Hemisphäre immer daran festgehalten werden, daß das Höchste Wesen, wie vorgestellt auch immer, die Spitze sein muß, die in sich all jenes Anstreben nach Güte vereint, in welches unsere eigene moralische Erfahrung uns lehrt sich hineinzustürzen. Aber: Ist so ein Gott notwendig der Richter der Lebenden und der Toten? Ist es zulässig, zu ihm zu beten, in dem Sinne, daß man um Gefallen bittet, die er gewähren kann? Hat er die Eigenschaften des Gottes, von dem Jesus von Nazareth gepredigt hat und den zu offenbaren er anscheinend den Anspruch erhoben hat? – Es ist gewiß an der Zeit, daß die protestantischen Theologen über die Fundamente ihres Denkens einmal ernsthaft nachdenken sollten; und über diese Frage nicht am wenigsten, nämlich was wir von Gottes Natur wissen und auf welcher gedanklichen Grundlage ruht unser Wissen? Denn in dieser Angelegenheit sind die Ideen ihrer halbherzigen Unterstützer beklagenswert unzusammenhängend; und solches Zögern kann recht einfach, bevor viel Zeit verstrichen ist, eine Handhabe für die Propaganda der „Theosophie“ und ähnlicher Gedanken sein.

Die Lehre von Gottes Allmacht bringt mit sich eine weitere Annahme, die von beachtlicher Wichtigkeit in den folgenden Kapiteln sein wird – ich meine die stetige Möglichkeit eines Wunders.

Wenn die Gesetze der natürlichen Schöpfung nicht ein Ausdruck der Natur Gottes sind, wie der Pantheist sagen würde, sondern „nur“ seines Willens, dann folgt daraus, daß er die Freiheit hat, wenn er es will, ihr In-Aktion-Treten zu suspendieren, oder um es genauer zu sagen, ihr In-AktionTreten durch das höherer Gesetze zu verdrängen, die uns nicht bekanntgemacht sind. Es ist nur vernünftig – wäre diese Selbstverständlichkeit doch nur so verbreitet, wie sie vernünftig ist! Nämlich damit wir einen klaren Begriff von der theoretischen Möglichkeit zu haben, daß Wunder passieren.

Erst dann können wir hergehen und die Beweislage – wie jede historische Beweislage an und für sich diskutierbar – abschätzen für die einzelnen(63) Behauptungen, daß es in der Geschichte tatsächlich Wunder gegeben hat.

Vor anderthalb Jahrhunderten wäre es in diesem Zusammenhang notwendig gewesen, in diesem Zusammenhang das als Deismus bekannte philosophische System sorgfältig zu untersuchen. Es war nur natürlich, daß die Errungenschaften der mechanischen Wissenschaft im achtzehnten Jahrhundert die Geister der Menschen mit der Idee des „Mechanismus“ prägen würden; es war nur natürlich, daß die christliche Apologetik der Epoche im Gegenzug diese Idee reflektieren würde. Der Deismus behauptet mit Nachdruck die ersten zwei bzw. vier scholastischen Beweise der Existenz Gottes, vernachlässigt aber den dritten bzw. fünften(64). Wenn wir an Gott nur als an die Erste Ursache und den Primären Beweger denken, ist es nicht notwendig zu denken, daß er den Lauf der natürlichen Schöpfung im Hier und Jetzt beeinflußt. Man kann sich stattdessen vorstellen, daß er zu einem Zeitpunkt in der unendlich weit zurückliegenden Vergangenheit eine Welt gefertigt und ihr Gesetze physikalischer und biologischer Art gegeben habe, um ihre Bewegungen zu leiten, und sie dann sich selbst überlassen habe, wie ein Schiff, dessen Ruder festgebunden ist, auf daß sie ihr unausweichliches und vorhergesehenes Schicksal erreiche. Die Metapher PALEYS von der ein für allemal aufgezogenen Uhr ist natürlich die klassische Illustration dieses deistischen Konzepts. Sie stellt sich Gott so vor, als habe er das Universum gemacht, aber es nicht von Moment zu Moment führe, ganz zu schweigen davon, daß er es im Dasein erhielte. Ein solches System war in beträchtlichem Maße peinlich berührt, wenn es Raum für die Möglichkeit von Wundern finden sollte. Ein Wunder in einen so regierten Kosmos hineinzuschmuggeln, hieße, eine Speiche in die Räder der Maschine zu tun, mit für das Schema im ganzen fatalen Konsequenzen.

Vom Deismus spricht man heutzutage nur als von einer Schrulle der Vergangenheit; er hat wenige lebende Unterstützer, wenn überhaupt welche. Es ist daher kaum nötig, den Leser zu erinnern, daß Gesetze sich nicht selbst ausführen; sie sind Prinzipien, die ganz wie die politischen(65) Gesetze eine Exekutive brauchen, die sie umsetzt; und sich vorzustellen, die Naturgesetze würden aus Eigeninitiative handeln, unabhängig von Gottes concursus, wie die Scholastiker das nennen(66), heißt diese Gesetze zu personifizieren, wenn nicht gar zu vergöttlichen. Die katholische Idee von Gott ist ein für allemal in dem Ausspruch unseres Heilandes zusammengefaßt, daß kein Spatz zu Boden fallen kann ohne unseren Himmlischen Vater(67); es kann kein Ereignis geben, wie unbedeutend, wie scheinbar zufällig, wie grausam in seiner Auswirkung auf das Individuum auch immer, das nicht hier und jetzt des concursus der göttlichen Macht bedürfte. Damit meine ich übrigens nicht, daß das katholische Denken diesen Glauben mit diesem Ausspruch unseres Heilandes begründete, als ob wir davon sonst nichts wissen könnten; das gehört zur natürlichen, nicht zur rein geoffenbarten Theologie. Gott allein existiert mit Notwendigkeit; unsere Existenz ist kontingent, hängt, heißt das, von Augenblick zu Augenblick auf einer Ausübung seines Willens ab. Er hat die Zügel nicht fallen gelassen, er hat das Ruder nicht angebunden, er werkt nicht durch die Gesetze, sondern nur gemäß den Gesetzen, die er für sich selbst niedergelegt hat, als er die Grundsätze für die Regierung seiner Geschöpfe niederlegte.

Man wird leicht sehen: Sobald mal einmal diese Ansicht von der göttlichen Ökonomie (wie der Theologe das nennt)(68) begriffen hat, kann es kein weiteres Gerede geben, daß Wunder wegen Unmöglichkeit auszuschließen sind. Dem Debattengegner steht nach wie vor offen zu sagen, daß es mit unserer Idee von Gottes Würde nicht zusammenpasse, sich ihn als in seinen eigenen Gesetze eingreifend vorzustellen, oder daß es eine Kritik gegen jene Gesetze selbst sei, anzunehmen, daß es jemals notwendig sei, sie zugunsten eines individuellen Bedarfs zu suspendieren. Solchen Einwänden werden wir später begegnen müssen; fürs erste ist es genug, darauf hinzuweisen, daß die Wunder, soweit es um ihre Möglichkeit geht, in das Schema der Dinge eben doch hineinpassen. Tatsächlich heißt, Gott als allmächtig zu beschreiben, zuzugeben, daß Wunder möglich sind. Die Schwierigkeit, kann man sogar sagen, ist für unsere menschliche Vorstellung sogar eher der Fall des Spatzen als die Speisung der Fünftausend. Denn im Fall des Spatzen ist die göttliche Macht ebenso am Werk wie in der Speisung der Fünftausend; nur ist in diesem Fall der concursus Gottes als der Primärursache mit jenen Sekundärursachen, die wir geneigt sind, für in sich selbst vollständig zu halten, eine Sache, die für die Vorstellung so verwirrend ist wie für das Denken notwendig.

Wir haben erst den ersten Artikel des Credos betrachtet, das Katholiken wie Protestanten gleichermaßen anerkennen:„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen.“ Man wird gesehen haben, daß die Umrisse des katholischen Systems bereits anfangen, auf der Leinwand Gestalt anzunehmen; es beginnt schon, sich im Relief abzuheben nicht nur gegen die pantheistischen Religionen des Ostens, die für unsere Landsleute nie attraktiv waren(69), sondern auch gegen viel Vagheit und Unentschiedenheit, die man in nichtkatholischen theologischen Werken lesen oder vermuten kann.

Nicht daß der Protestantismus in seinen offiziellen Formularen einen Grund für eine Meinungsverschiedenheit mit uns in solch fundamentalen Angelegenheiten wie diesen fände oder je gefunden hätte: aber ich wäre wirklich sehr überrascht, wenn die Argumente, die ich in diesem und dem vorangegangen Kapitel angeführt habe, und die Schlüsse, die ich daselbst aus ihnen gezogen habe, nicht doch einige meiner klerikalen Freunde in der anglikanischen Kirche dazu bewegten, die Hände empört wegen meiner katholischen Intransigenz, wegen dem hier vorgestellten gedanklichen Mittelaltertum zu erheben. Die katholische Idee von Gott sollte von der protestantischen nicht verschieden sein; aber ich fürchte, daß in der Praxis ein Schatten eines Unterschiedes schon jetzt zwischen ihnen erkennbar ist. Und wenn das so ist, dann ist der Grund dafür an erster Stelle der Lokalpatriotismus der einzelnen Fachbereiche in der theologischen Fakultät, die Abwesenheit eines Systems, die unter den nichtkatholischen Theologen regiert, und dann teilweise der Geist des unautorisierten Abenteuers, der sie dazu führt, fröhlich zur Verfolgung irgendeiner neuen These aufzubrechen, schließlich teilweise teils der extreme Mangel an Neugier, mit dem der durchschnittliche Gottesdienstbesucher alle lehrmäßigen Details betrachtet.

Ich wünschte, ich könnte denken, daß meine Einschätzung der Situation übertrieben sei, und meine Vorahnungen der Zukunft bloß Geunke.

 

(60) „Ansichten zu gewissen Einzelheiten“: zur Verdeutlichung eingefügt, im Original nur: „gewisse Ansichten“.

(61) Problematisch ist daher die in gewissen, auch katholischen, charismatischen Kreisen verbreitete Ausdrucksweise, Gott habe „viel Geist“, gar „viel Heiligen Geist“ ausgeschüttet, man bitte um viel Heiligen Geist usw. Man darf „Geist“ nicht mit etwas verwechseln, daß im intendierten Sinn wohl „Ausmaß von emotionaler Begeisterung“ heißen soll.

(62) Und natürlich auch mit den Orthodoxen.

(63) „einzelnen“ eingefügt.

(64) „bzw. vier“ und „bzw. fünften“ dem Sinn entsprechend eingefügt: je nachdem, ob man Bewegung, Ursache und Kontingenz als drei Beweise oder als einen auffaßt.

(65) „ganz wie die politischen“: zur Verdeutlichung eingefügt.

(66) „concursus, wie die Scholastiker das nennen“: zur Verdeutlichung der lateinische Fachbegriff mit einem Einschub. Im Original concurrence, was genau den concursus der Scholastiker meint, aber hier wörtlich nicht zu übersetzen ist.

(67) Mt 10,29

(68) Einschub eingefügt.

(69) An dieser Stelle übertreibt Msgr. Knox eher oder bezieht sich auf die historische Vergangenheit. Tatsächlich kann ein Sittengemälde, das eben doch von der Attraktivität der fernöstlichen Religionen spricht, schon für seine eigenen Zeiten Chestertons Kriminalgeschichten entnommen werden (in Ermangelung besserer Quellen); heute sind selbige Kulte, auch wenn man der Auffassung der Europäer von ihnen wohl begrenzten Umfang und verwestlichende Überlagerung attestieren wird können, jedenfalls unbestreitbar von gewisser Attraktivität: ich verweise dabei nicht nur auf etwa die Beatles, was man ja als Künstlerschrullen abtun könnte, sondern auch auf so offenkundig glaubwürdige ost-begeisterte Figuren wie den „Effendi“ der beliebten Serie Irgendwie und Sowieso.

Klarmachen zum Auftauchen! – zu einem Artikel von Jonas Lietz bei katholisch.de

Ein Gastbeitrag von Nepomuk.

 

Hja hja. Heute ist zwar noch Gaudete, aber Weihnachten kommt zweifellos mit ganz großen Schritten auf uns wieder zu. Alle Jahre wieder kommt dahas Christuskind, und mit dem Christuskind kommen anscheinend auch alle Jahre wieder dieselben Diskussionen. In der Beziehung hat katholisch.de einen Artikel von „ihrem Autor“ Jonas Lietz veröffentlicht, der den Titel hat: „Schluss mit dem Gerede über ‚U-Boot-Christen’“. Nun löst es leider Gottes kein großes Wimpernzucken aus, wenn katholisch.de falsch liegt. Ein etwas größeres, aber auch nicht so großes Wimpernzucken lösen sie aus, wenn sie dann und wann mal richtig liegen. Hier aber mischen sich Zutreffendes und Unzutreffendes, Oberflächlichkeit und Detailtiefe, so daß es nicht möglich ist, dazu ja und nein zu sagen und es sich – denke ich – lohnt, das einmal der Reihe nach aufzudröseln. Zumal das Thema eh immer dasselbe ist und alle Jahre wiederkehrt. (Zitate stehen im Folgenden nicht notwendig in der Reihenfolge des Artikels.) – Hätte übrigens Lietz nach der Überschrift einen Punkt gemacht, wäre er nicht zu kritisieren; damit hat er für sich genommen Recht. Aber der Reihe nach, d. h. in logischer Ordnung.

Zu Weihnachten kommen sie wieder in die Kirche – die „U-Boot-Christen“, die den Rest des Jahres meist untergetaucht sind und sich nicht im Gottesdienst blicken lassen. Das kirchlich „Stammpublikum“ rümpft deshalb gelegentlich die Nase.

Ja, das tut es; für die Anführungszeichen und für das „gelegentlich“ dürfen wir uns bei Lietz übrigens bedanken.

Aber in jedem Gericht ist dem Angeklagten das Recht einzuräumen, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen; es macht einen Unterschied aus, ob einer einen unvermittelt ohne Grund mit einem Faustschlag zu Boden streckt oder ob er es tut, nachdem er stundenlang kontinuierlich von ihm mit heftigen Beleidigungen traktiert worden ist. – Zum vollen Bild gehört eben auch, daß Weihnachten für den Gläubigen eine anstrengende Zeit ist. Ganz anders als Ostern, Pfingsten oder Fronleichnam; ja sogar als Fronleichnam, das mit Weihnachten inhaltlich sehr viel zu tun hat (man könnte es das Weihnachten des Sommers nennen, und bis in das letzte Jahrhundert hinein hatte es, habe ich zumindest mal gehört, sogar die Weihnachtspräfation [was ich jetzt nicht nachprüfen kann] und das gerade vom „Stammpublikum“, soweit es nicht verhindert ist, in der Regel einen erheblichen Aufwand an Organisation und Einsatz einheimst. Ein – sagen wir – Vereinsvorstand, der dafür sorgen muß, daß sein Verein möglichst vollzählig erscheint, und zwar am besten pünktlich zur Messe – und die ist früh, schon allein, weil die Prozession ja nachher auch noch dauert und man spätestens halb eins beim ebenfalls traditionellen und gut katholischen Festessen sein will –, daß die Fahnenträger rechtzeitig abgelöst werden, daß die Prozessionsaufstellung bei aller Liebe zur katholischen Légèrität vielleicht nicht ganz den Eindruck eines wilden Haufens macht, daß bei aller Liebe zur katholischen Légèrität vielleicht schon auch gebetet und gesungen und nicht die ganze Zeit geschwätzt wird, und dann selber mitläuft, während die Sonne auf den möglicherweise noch glatzkopfigen Schädel brennt – sicher, er könnte einen Hut aufsetzen und ihn dann nur beim Vorbeimarsch am Allerheiligsten sowie zum Segen abnehmen, er würde sich dazu für berechtigt halten, aber er sagt sich, nein, das schaff ich jetzt auch so: natürlich hat der einiges am Hut (diesen aber wie gesagt nicht auf). Aber Streß in dem Sinn, wie ihn der gläubige Katholik an Weihnachten hat, hat er nicht. Das ist anstrengend, macht Spaß, und das Bier danach schmeckt umso besser.

Mit Weihnachten ist das ja so. Eben noch waren wir so richtig in unserem katholischen Element – ich spreche halb im Scherz –, haben das Dies irae geschmettert, die lieben Verwandten am Grab besucht und nebenbei noch in Habtachtstellung ein bißchen der Gefallenen der letzten Kriege gedacht (der Volkstrauertag ist formell ein staatlicher Feiertag, in der Fläche aber de facto eine kirchliche Zelebration). Das alles, nicht zu vergessen, übrigens getragen von einer echten Hoffnung auf das Wirksamwerden der Erlösung an uns und an unseren Geliebten. „Jetzt erst erhebt sich das Leben, das ohne Beispui is auf dera Welt“ (der Brandner Kasper gehört zu jedem Allerheiligen!). Unsére wahre Heimat ist im Himmel, und wir werden die Braut des Lammes sehn. (Ich kann auch halbcharismatische Gesänge, so ist das nicht.)

Und nun heißt es auf einmal Advent. Am Ende ist der Advent noch kurz. Und der Advent wäre ja auch eigentlich sehr schön – auch wenn es schon ein wenig seltsam ist, daß sich die ganze säkulare Welt einen schönen 1. Advent, einen schönen 2. Advent usw. wünscht. Wenn mir ein Glaubensbruder einen schönen Aschermittwoch, einen schönen ersten Fastensonntag oder eine schöne Karwoche wünschen würde, dann würde ich mir denken, er hat im Prinzip Recht, aber ein wenig auf seiner Frömmigkeit herumreiten tut er schon. (Laetare ausdrücklich ausgenommen.) Nun ist der Advent nicht (mehr) in der Weise eine in gewissem Rahmen auch moralisch und kirchenrechtlich verpflichtende Bußzeit, wie es die Fastenzeit ist. Aber trotzdem.

Wie gesagt: Natürlich könnte der Advent schon schön sein, aber die Dauerwiederkehr der Dauerdiskussionen macht ihn nun nicht gerade schöner. Dazu gehört witzigerweise genau die Frage, ob der Advent denn nun eigentlich noch so richtig der Advent ist. Angeblich war er ja mal eine „staade Zeit“, wobei ich mir schon die Frage stelle, ob das jemals so war oder ob das nur eine überinterpretierte Übersetzung des Rechtsbegriffs „tempus clausum“ ins Bairische ist, also eine Zeit, in der (nach ehemaligem Recht) keine Hochzeiten, außer Nottrauungen ohne Feier, stattfinden durften und auch das ausgelassene Feiern besser unterlassen werden sollte. (Auf den Punkt komm ich übrigens noch, keine Angst, so schlimm wird es nicht.) Vorbereitungen auf das Weihnachtsfest waren es schließlich schon nötig, als noch Seine Königliche Hoheit der Herr Prinzregent regierte. Zumal geradezu auffällt, wie sehr der Ausdruck „staade Zeit“ heute noch passen würde – nur auf eine etwas andere Zeit, nämlich gerade die Weihnachtszeit, etwa vom Abend des Stephanitags bis Heilig Drei König einschließlich, unterbrochen vom Silvesterabend.

Aber gut. Erstmal sollte man – ich kann das nur empfehlen – schon vor Adventsbeginn, und zwar nicht allzulange davor, gebeichtet haben. Man mag sich denken, sicher, eigentlich ist doch der Advent die Vorbereitung auf Weihnachten, und (das kann ja sein) zufällig hab ich auf (sagen wir) Kirchweih hin gebeichtet und seither meines Wissens keine schweren Sünden mehr begangen. Wieso soll ich mich auf die Vorbereitung vorbereiten? Nun, aus praktischen Gründen. Damit der Streß nicht noch schlimmer wird. – Dennoch wird sich der Katholik in der Regel eine Adventsbeichte vornehmen, mancher wird sogar auf Immaculata hin beichten wollen. (Es sei hier für den Mitleser angemerkt, daß so eine Beichte zwar je nach Ausführlichkeit des Beichtvaters – und näherungsweise völlig unabhängig von der Anzahl der Sünden – in spätestens fünf bis zehn Minuten erledigt sein sollte, dazu, wenn man sehr gründlich ist, zehn Minuten Vorbereitung mit einem guten Beichtspiegel und zwanzig Minuten Anstehen erledigt ist, aber dennoch Überwindung kostet, bis sie erledigt ist, und einen insofern durchaus einen Nachmittag hin mitnehmen kann.)

Dann müssen die Weihnachtsgeschenke gekauft werden. Übrigens, nein, die Abhilfe „wir machen bei der Schenkerei nicht mit“ kann ein Katholik ebenso wenig mitmachen, wie er zum Beispiel Vegetarier sein kann. (Bitte genau lesen: Das meine ich nämlich genau so, wie ich es sage. Denn technisch gesehen kann ein Katholik selbstverständlich Vegetarier sein – und gerade ebenso kann er technisch gesehen auf das Schenken zu Weihnachten verzichten. Nur ist das eine wie das andere letztlich praktisch der Ausdruck einer in dermaßen vielen Punkten nachweislich mit dem katholischen Standpunkt nicht vereinbaren Ideologie und verursacht außerdem eine dermaßen massive Absonderung von der Gesellschaft, zu der wir am Ende des Tages doch alle gehören, aus unnötigem Anlaß, ja sogar gerade in den Punkten, die eigentlich gut an ihr sind – damit übrigens auch der notwendigen Absonderung von der Gesellschaft, wo der Glaube sie erfordert, eher im Weg stehend -, daß ich persönlich eine solche Entscheidung des Katholiken nicht nachvollziehen kann. Aber wie gesagt: ich würde nicht zögern, ein Verhalten zu verurteilen, das verurteilenswert ist; dieses verurteile ich nicht.)

Warum jedenfalls die Ideologie falsch ist, wäre das Thema einer anderen Erörterung.

Dann hat man Arbeit; und so viel liturgischen Verstand haben die meisten tatsächlich (interessanterweise sogar die meisten säkularen Zeitgenossen), daß sie den Urlaub in der Oktav nehmen und in der Weihnachtszeit und nicht während des Advent.

Dann fordert auch der eigene Stolz (geben wir es ruhig zu), es wenigstens einmal zu einer Roratemesse zu schaffen und vielleicht die eine oder andere Verzichtsübung zu leisten, auch wenn das keine Pflicht ist.

Dann sind natürlich die ganzen Weihnachtsfeiern und Christkindlmärkte, wo dem Autor übrigens völlig zuzustimmen ist, wenn er sagt:

Was ist verwerflich daran, wenn sich Kollegen nach getaner Dienstzeit auf einen Glühwein treffen und so außerhalb des Arbeitsplatzes womöglich zu einem besseren Miteinander finden?

Gar nichts. Nur – und damit sage ich nicht, daß man sich nicht beteiligen sollte – nimmt das halt auch Zeit weg. Aber das findet nunmal im Advent statt; und ich kann ehrlich gesagt auch nicht sehen, wann die Leute das auch in einer idealen Welt sonst tun würden, denn auch in einer idealen Welt würden sie, wie jetzt, in den Weihnachtswochen Urlaub machen und damit hierfür nicht zur Verfügung stehen. Manchmal muß man Dinge eben in Kauf nehmen.

Hja-hja. Und zu allem kommen dann doch die anderen ewigen Dauerdiskussionen. Die, die Jonas Lietz – durchaus dankenswerterweise – anspricht. Vielleicht haken wir sie in aller Kürze noch ab:

Da ist es völlig unangebracht, wenn Statio oder Homilie geradezu ausgenutzt werden, um denen, die sich aufgemacht haben und erwartungsvoll versammelt sind, vorzuhalten, wie schlimm doch die alljährliche Konsumsucht, das Weihnachtsmarkttreiben oder aber der häusliche Lichterschmuck seien.

Konsum ist entgegen anderslautenden Gerüchten bei uns prinzipiell etwas Gutes. Und ja, es gibt theoretisch auch so etwas wie ein Übermaß. – Übrigens, newsflash! Ein Maß, das bei einer verschuldeten Familie am Werktag „Übermaß“ ist, kann bei einer wohlhabenden Familie am Weihnachtstag durchaus ein Akt der frommen Festgestaltung und fast schon moralisch verpflichtend sein (ich sagte „fast schon“). Unsere Moral ist viel schöner, angenehmer, menschlicher und zum Leidwesen der Moralisierer viel weniger auf das Vermeiden und Minimieren gewisser materieller Substanzen zu vereinfachen,, als sich Hinz und Kunz es so vorstellt. – Jedenfalls aber kann man an Weihnachten sowieso nicht zur Tugend der Mäßigung predigen, eben weil das Finden des rechten Maßes eine im Detail so komplizierte, aber auch, vielleicht gerade deswegen – Gott ist ja niemand, der uns reinreiten will – nur selten die Gefahr der Sünde, zumindest der schweren Sünde mit sich bringende Angelegenheit ist. Ein „Publikum“, um aus pragmatischen Gründen Lietzens Ausdruck zu verwenden, das zum einen Teil aus Leuten, die sonst nie kommen, und zum anderen aus Leuten, die gerade eine Bußzeit hinter sich haben, besteht, will an einem Tag, an dem eine Großtat Gottes gefeiert wird, verständlicher- und legitimerweise von Detailfragen der moralischen Alltagsgestaltung nichts hören.

– Übrigens sind Weihnachtsfeiern im Betrieb, gemütliches Beisammensein mit alkoholischen Getränken usw. auch gerade keine Beispiele für die ausgelassenen Feiern, die den Gläubigen früher tatsächlich untersagt waren und die, für die Strengeren – aber auf legitime Weise Strengeren –, vielleicht tatsächlich mit dem Charakter des Advents ein wenig auch heute noch über kreuz stehen. Da sind nämlich eigentlich Tanzveranstaltungen und dergleichen gemeint.

Tja, und dann hört man sich von den Vegetariern all das Gejammer um die armen Gänse an. (Gäbe es einen Gänsehimmel, würde dort ein roter Teppich ausgerollt werden, und die anderen Gänse würden sich vor der Weihnachtsgans verbeugen und respektvoll schnattern: „gack, wieder eine von unseren Schwestern hat es geschafft, gack, gack“, aber das nur nebenbei.) Und – das ist leider kein Witz – einige bedauern sogar die Tannenbäume und führen somit das ganze Prinzip ad absurdum. (Daß der Christbaum nachher häufig, ganz CO2-neutral, zur Wärmegewinnung verfeuert wird und man an seiner statt sonst eh anderes Holz gebraucht hätte – geschenkt.)

Aber – und wir nähern uns dem Thema – bedauerlicherweise reden die Prediger an Weihnachten gern darüber, und wenn nicht das – ich halte Konsumkritik in Weihnachtsgottesdiensten aus meiner Erfahrung eher für ungewöhnlich – dann doch irgendwelche teils recht banalen Alltagsmoralitäten, wohl aus dem Gedanken heraus, den Leuten wenigstens irgendetwas mitzugeben. Das liegt aber – und hier nun wäre ein entscheidender Kritikpunkt an Lietzens Artikel anzubringen – nicht daran, daß die Kirche „uneinladend“ ist, sondern leider genau daran, daß sich der Prediger bemüht, einladend zu sein.

Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd. Also denke ich mich mal in so einen Nur-Weihnachts-Kirchbesucher hinein. Wenn ich die Wahl hätte zwischen einer eindringlichen Ermahnung im Stile von „Seid nett und friedlich zueinander, besonders wenn ihr in der Staatslenkung tätig seid“ (selbst wenn das richtig ist, was auch der letzte Teil hier noch ist; zum Teil trauen sich aber, was nicht ganz unbekannt ist, Prediger hier auch übertriebenen Sachverstand zu) und einer Mischung aus Hymnus und Vorlesung über zehn oder fünfzehn Minuten, wo jede Menge Griechisch à la „hypostatische Union“ vorkommt, hätte, dann denke ich schon, daß ich mich ziemlich sicher für letztere entscheiden würde. Ich würde dann halt etwas schlafen derweil. (Nein, rausgehen, mit Kniebeuge, und eine rauchen würde ich nicht. Sowas trauen sich nur praktizierende Katholiken.)

Und um den Fernstehenden was zu bieten, werden zum Teil regietheaterartige Christmettengestaltungen aufgeführt, wo einen das ungute Gefühl beschleicht, die ganzen Pastoralreferentinnen und Gemeindereferentinnen müßten irgendwie ihre Existenz rechtfertigen, und die Gschaftelhuberinnen der Pfarrgemeinde auch noch irgendwie untergebracht werden. –

– Ist es uns da zu verdenken, wenn sich da der eine oder andere denkt: und das alles wegen dieser Fernstehenden, die ohnehin kein Interesse haben und auch keines haben werden, denen es im Bestfall um das liebliche Menschenkind geht, wie es ja auch Lietz mit Zustimmung (!!) zu schreiben scheint:

Ein Kind wird geboren und wird von all jenen als Wunder empfunden, die es bestaunen dürfen.

– aber nicht mehr, als es ihnen beim Besuch eines Neugeborenen in unseren Tagen auch gehen würde* und denen man die zugegebenermaßen geringen Chancen, sie irgendwie zur richtigen Religionsausübung zu locken, tendenziell eher noch verbaut?

Natürlich geht das, was Jan Böhmermann, von Lietz zitiert, kritisiert, also daß an die treuen Kirchenbesucher Sitzplatzkarten vergeben werden – es scheint eine tatsächliche Begebenheit zu sein; natürlich könnte man sich auch gut vorstellen, daß er sich das als der gewiefte Satiriker, der er ja von Berufs wegen ist, als satirische Zuspitzung zweifellos real existierender Gefühlslagen, ausgedacht hat – nicht. Sein Beispiel ist übrigens eine protestantische Gemeinde, wo die ganze Zeit gesessen wird; bei uns ist das nicht so wichtig, und die frommen Katholiken sind meistens auch so mitdenkend, daß sie mit ihren katholischen Knien gern den anderen den Sitzplatz überlassen und mit dem Steinfußboden vorliebnehmen – oder das als Buße für Zuspätkommen annehmen. Aber ausnahmsweise will ich gar keine Protestantenfresserei betreiben; die Gefühlslage, wie immer sie sich konkret äußert, gibt es ja schließlich tatsächlich auch bei uns.

Wir kommen nun zur interessanten Frage: aber was sollen wir denn tun?
Nun: „Schluß mit dem Gerede über U-Boot-Christen“ ist, ich sagte es schon, tatsächlich richtig. Schon weil der Begriff falsch ist (mag er auch noch besser als das implizit den Sakramentscharakter – Leute, die den Begriff nicht kennen, bitte nachschlagen – leugnende Wort „Taufscheinchristen“ ist). Schon allein deswegen, weil ein U-Boot, wie alle Filmfreunde wissen, nur bei Feindberührung taucht und die meiste Zeit tatsächlich über Wasser fährt. Es taugt also viel mehr als Bild für die Christen, die in kritischer Lage begründet dem Sonntagsgottesdienst fernbleiben, sonst aber immer da sind – also gerade die andere Kategorie. (Ja gut: ein konventionelles. Atom-U-Boote machen das wohl anders.) Dann auch, weil „der ist wie ein deutsches U-Boot; er taucht immer wieder auf“ doch durchaus einen positiven Unterton hat. Und schließlich, weil man ein „Christ“ nicht durch das Praktizieren des Christentums wird, sondern – sehr vereinfacht gesagt: durchs Getauftsein und durchs Glauben. (Ich verwende dabei, Anmerkung für Protestanten, den Begriff „Glauben“ im katholischen Sinn: er bedeutet das Fürwahrhalten von Wahrheiten, vereinfacht gesagt – oder beim Getauften zumindest: sich nicht bewußt dagegenstellen, denn im Zweifel zugunsten des Angeklagten. Mit dem Praktizieren hingegen hat der Glaube, etwas vereinfacht gesagt, erst dann zu tun, wenn das Adjektiv „lebendiger“ davorkommt.)

Das ist aber der einzige Kritikpunkt; an einem Begriff, nur einem richtigen, für diese Art Gläubige, ist nichts auszusetzen. Ich schlage in Ermangelung eines besseren Einfalls „Weihnachtskirchgänger“ vor.

Nach dieser etwas langen allgemeinen Erörterung noch zu dem, was Jonas Lietz sonst so sagt:

Alle Jahre wieder geht ein Raunen durch die Bänke, wenn zum Krippenspiel oder zur Christmette Menschen in den Kirchen auftauchen, die im Laufe des übrigen liturgischen Jahres eher untergetaucht zu sein scheinen.

Nein, tut es nicht: Wir raunen nämlich nicht über Altbekanntes. Wir seufzen höchstens. Und zum Krippenspiel – ja, das ist doch quasi eine Veranstaltung speziell für die Weihnachtskirchgänger und wird gerade deswegen von den anderen doch eher gemieden, Familien mit kleinen Kindern vielleicht ausgenommen. In der Christmette übrigens sind etwas weniger Weihnachtskirchgänger anzutreffen, und es wären noch weniger, wenn man sie auf die traditionelle Uhrzeit von 24 Uhr legen würde. Man sitzt ja schließlich nach geschehener Bescherung beim Abendessen und hat schon zwei Glas Sekt getrunken. (Das ist ungefähr eine Halbe Bier und somit ab 21 Jahren und bestandener Probezeit durchaus ein Quantum, mit dem man noch Auto fahren darf, aber im Einhalten derjenigen Moralvorschriften, die es gar nicht gibt, waren unsere moralisierenden, ja nicht ungläubigen, aber wo-denken-Sie-hin auch keineswegs praktizierenden Mitmenschen ja immer schon groß.)

anstatt sie freundlich in den Gemeinden und zum Mitfeiern willkommen zu heißen.

Eine Extraeinladung (bei uns als Kinder war „der braucht eine Extraeinladung“ übrigens kein Lob“ würden sie aber, egal, wie sie gemeint war, als Kritik – oder aber als Akzeptanz ihres Verhaltens – oder vielleicht gar als beides interpretieren. Wir wollen nichts von alledem – die Kritik, wenndann, muß in der Predigt kommen, und zwar – wenndann – unkaschiert. Also sagen wir hier am besten nichts.

Unterschlagen werden sollte zudem nicht, dass es oft bestimmte Gründe hat, dass Menschen – Heiligabend ausgenommen – den Gemeinden eher fernbleiben. Fühlen sie sich aufgenommen und mit ihrer jeweiligen Lebenssituation angenommen? Haben sie schwerwiegende Erfahrungen machen müssen?

Die Kirche, insbesondere die Sonntagsmesse, ist aber keine fakultative Veranstaltung. Über ihr steht in großen Buchstaben geschrieben: „Du mußt.“ Und das ist auch gut so, denn dadurch muß ich nicht immer erst nachdenken, ob ich mich denn nun mit meiner jeweiligen Lebenssituation angenommen fühle, ob ich komme. (Das wird übrigens z. B. ein praktizierender Schwuler nicht fühlen und soll es auch gar nicht fühlen. Im Bestfall fühlt er sich trotz seiner Lebenssituation angenommen, aber keinesfalls in ihr.)

Außerdem, was gibt es Schöneres als einen klaren Befehl, der einem keine Gewissensprobleme macht und ohne großen Aufwand ausgeführt werden kann? (Manchmal beginnt man zu verstehen, warum die Leute früher vom Militär als der „Schule der Nation“ geredet haben.)

– Die Weihnachtspredigt könnte übrigens durchaus genau das ansprechen; die Weihnachtskirchgänger hören es ja sonst nirgendwann. Man braucht ja nicht gleich mit der Hölle drohen, zumal die Furcht als Antrieb eh gegenüber der Liebe unvollkommen ist und, wichtiger, beim Fernstehenden auf verschlossene Ohren stoßen wird. Aber warum nicht unmißverständlich sagen, daß der Herrgott das jedenfalls so haben will, und daß Ihm, dem König aller Königreich (wie es im Lied heißt) durchaus zusteht, daß wir tun, was er sagt? Und daß Er, selbst wenn das nicht so wäre, durchaus so viel für uns getan hat, daß wir Ihm gefälligst ein bißchen dankbar sein können.
Aber jedenfalls: Wenn nicht der Heiland inzwischen wiederkommt, wird Weihnachten auch vorbeigehen, und dann feiern wir am 1. Januar Seine Beschneidung und Seine Mutter (jawohl, beide – für Insider) und am 6. Januar das eigentlich noch größere Fest Epiphanie (im Volksmund Heilig Drei König), und dann sind wir wieder unter uns. Und damit ich nicht falsch verstanden werde: Hoffentlich mit etwas Zuwachs. Wahrscheinlich ist das leider nicht.

Zwei Nachträge.

1. Welcher Schaden entsteht, wenn Tierliebhaber auch Hund und Katze einen Adventskalender gönnen?

Einer an der Vernunft; es handelt sich um ein ziemlich infantiles Verhalten, das außerdem Hund und Katze unzulässig vermenschlicht. Und das sage ich als jemand, der durchaus gern mit einem Hund redet, aber ein Adventkalender geht zu weit.

2. Nicht allein der Pastoraltheologe Johannes Först verweist zu Recht darauf, dass es ohne die Gemeindefernen, die – obwohl sie scheinbar abgetaucht sind – im Verborgenen unablässig ihre Kirchensteuer zahlen, der Kirche als organisierter Institution nicht nur finanziell entschieden schlechter ginge. Wäre ohne sie etwa die weitreichende Caritas in dem Maße aufrechtzuerhalten?

Das wäre dann eben so. Der Heiland wird für Seine Kirche schon in ausreichendem Maße sorgen, das hat Er versprochen. – Aber natürlich sollen die abgetauchten Kirchensteuerzahler nicht etwa austreten. Sie sollen gefälligst zu praktizierenden Katholiken, zu (mit den üblichen Ausnahmen in Sonderfällen) allsonntäglichen Kirchenbesuchern werden und dann nebenbei, unter ferner liefen, irgendwo auch die Kirchensteuer noch weiterzahlen.

 

* Natürlich liegt auch darin noch irgendwo eine Wahrheit, denn auch die normale Menschengeburt gewinnt tatsächlich von Weihnachten her ihre Würde – aber das eben gewissermaßen erst in der dritten Ableitung.

Halloween, und so

Ein nachträglicher Gastbeitrag zu Halloween und dem Reformationstag von Nepomuk.

 

I. Feste am Ende des Oktober

Die deutsche Sprache kennt den Ausdruck „Matthäi am Letzten“, der ungefähr so viel bedeutet wie: „Es wird zappenduster.“ Wenn man so im Internet nachforscht, dann kann man die absurdesten Theorien über dessen Herkunft feststellen (angeblich habe er etwas mit dem hl. Apostel Matthias – dessen Genitiv „Matthiae“ wäre – zu tun, dessen Fest gegen Ende des Februars stattfindet, wenn auch nicht an dessen Ende), welche Herkunft doch dem Kirchgänger eigentlich offen auf der Hand liegend sein müßte: Im alten römischen Ritus, im Lesejahr A nach der Liturgiereform, und (wie man hört) auch bei den Protestanten werden am letzten Sonntag des Kirchenjahres jeweils Evangelien nach Matthäus verlesen, die alle unterschiedlich sind und alle vom Weltgericht handeln. Dann ist Matthäi am letzten; und wenn wir in die Apostelgeschichte schauen, wird es auch in der Tat zappenduster werden (Apg 2,19f).

Soweit sind wir noch nicht; es ist erst Oktober. Matthäi am Letzten ist eben am letzten Sonntag des Kirchenjahres – oder wäre es traditionell, wenn nicht die Liturgiereform in einem ihrer offenkundigsten Fehler uns an diesem Sonntag das Christkönigsfest beschert hätte (dessen in der Enzyklika Quas primas festgelegter Festinhalt eben nicht die vom Festtermin offensichtlich nahegelegte Aufrichtung des Himmelreiches am Jüngsten Tage ist, sondern die weniger, aber eben auch wichtige Herrschaft Christi im Hier und Jetzt, wie sie teils besteht, teils von uns nach unseren Möglichkeiten durchzusetzen ist). Christkönig, nach dem alten Ritus, war gerade eben; und man kann es vielleicht zu einer halben Ehrenrettung der Liturgiereform sagen: daß wir nun darauf im Zusammenhang mit einem ganz anderen Thema darauf zu sprechen kommen (der Zusammenhang wird, so hoffe ich, noch deutlich werden) ist vielleicht ein Hinweis darauf, daß das natürlich auch zusammenhängt.

Ziemlich genau mit dem November setzt die Besinnung der Kirche auf die sogenannten Letzten Dinge ein. (Für die liturgischen Feinschmecker: eigentlich, ausweislich des Festevangeliums, im alten Ritus schon mit dem Apostelfest der hll. Simon und Judas; und in gewisser Weise seit dem achtzehnten Sonntag nach Pfingsten, oder auch schon dem Samstag des Septemberquatembers, der nicht von ungefähr, obwohl er ganz verschieden fällt, im Meßbuch genau vor diesem Sonntag steht). Und am letzten Sonntag, an dem die Hauptfeste des Kirchenjahres vorbei sind, aber wir eben noch nicht mit dem Allerheiligenfest in die eigentliche Letzte-Dinge-Phase eingetreten sind, ist eben im alten Ritus das Christkönigsfest; so die Argumentation bei der Einführung 1925. – Ich schweife ein wenig ab; das ist so meine Art.

Am 1. November ist Allerheiligen, an dem wir die Heiligen des Himmels feiern; am 2. November ist Allerseelen, wo wir der Armen Seelen im Fegfeuer gedenken. Und am 31. Oktober? Da steht eine Menge von Dingen an.

Die Regensburger, natürlich, kümmern sich um den Lauf der restlichen Welt wenig; für sie ist erstmal, vor allem und überhaupt das Fest des hl. Wolfgang, ihres Diözesanpatrons, dann kommt eine ganze Weile nichts. Das ist ja auch schön und gut. Die lokalen Dinge sind sehr wichtig, und nur die wichtigsten Dinge sind wichtiger; so immer der gesunde katholische, subsidiäre Instinkt. Aber davon wollen wir ersteinmal nicht reden (außer es sollte sich eine ganz seltsame Parallele auftun).

Vor allem aber geht regelmäßig das obligatorische Gejammer los, das unsere Brüder und Schwestern Protestanten anstimmen, weil ihr Reformationstag von dem amerikanischen und, so heißt es, unchristlichen Import Halloween verdrängt wird. Ein kleiner Nebenkriegsschauplatz ist das Tanzverbot: an dem Fest Allerheiligen, auch wenn es für sich genommen ein Freudenfest ist, soll wegen des Themenkomplexes, das es einläutet, und wegen des doch ernsten Charakters, das es selbst auch irgendwo hat, und vor allem deswegen, weil Allerseelen nun einmal kein Feiertag ist und das öffentliche Totengedenken deshalb weitgehend an Allerheiligen stattfindet, keine Tanzveranstaltung stattfinden. Dies heißt auch, daß die Halloweenparties rechtzeitig enden müssen.

– Ich kann an dieser Stelle einschieben: Die vor einigen Jahren gefundene Lösung, daß im Freistaat Bayern an Allerheiligen bis zwei Uhr früh, aber nicht länger, getanzt werden darf – während es am Karfreitag ausdrücklich bei Mitternacht bleibt! – mag äußerlich wie ein Kompromiß aussehen, stellt einen der tatsächlichen Komplexität der Ereignisse vollkommen gerecht werdende und uneingeschränkt zu bejubelnde Lösung da. Manchmal schafft so etwas auch heute noch die Politik; dann darf man es auch anerkennen. –

Ich muß an dieser Stelle gestehen, was mir vielleicht hernach keiner glauben wird: Ich bin zwar Antiprotestant, nehme mir aber vor, es mir an Respekt für den Gegner nicht fehlen zu lassen. Auch ist Dr. Martin Luther OSA ohne jede Frage eine bedeutende Persönlichkeit, und der Reformationstag war zweifellos ein bedeutendes Ereignis der Geschichte, wenn auch ein verhängnisvolles; schließlich kann der religiöse Ernst zumindest Luthers, um den es am Reformationstag ja primär geht, nicht bestritten werden. Ein besonderes Faible für Halloween habe ich hingegen nie gehabt und habe es immer noch nicht (nein, tatsächlich nicht), schon allein deswegen nicht, weil ich ganz banalerweise beim Ausgehen lieber schöne Gesichter von Frauen als häßlich-geschminkte Gesichter von Frauen sehe. Ich argumentiere also im folgenden nicht für meine persönlichen Vorlieben; aber der große G. K. Chesterton hat einmal den Zölibat, als eine Einrichtung der Kirche, verteidigt und dabei offen eingestanden, daß er selbst diesen nicht verstehe (aber jeden Tag vielleicht noch begreifen könnte). In diesem Geiste bin ich zu der überraschenden Einsicht gekommen, daß bei diesen zwei „Rivalen“ Gut und Böse vielleicht doch anders verteilt sind, als es der von seinem Milieu geprägte gläubige Christ es sich im ersten Augenblicke so vorstellt.

 

II. Die Kritik gewisser frommer Kreise an Halloween

Ein Indiz sind gerade die Attacken, die von seiten der Frommen sehr gerne gegen Halloween gefahren werden. „Fromm“ ist als Lob gemeint, aber „vollständig beraten“ heißt es nun einmal tatsächlich nicht immer; wenn ein Trend aufkommt, sagen wir in den Freikirchen Amerikas – da diese nun einmal, was man neidlos, aber nicht resigniert, anerkennen muß, zur Zeit die „fromme Szene“ weitgehend beherrschen – dann kann man darauf wetten, daß er ersteinmal übernommen wird, zumindest wenn seine Unrichtigkeit nicht offenkundig ist. „Je religiöser, desto besser“ – das stimmt ja sogar; aber kann man es dem gläubigen Volke verdenken, wenn es daraus „je religiöser scheinend, desto besser“ macht?

In besseren Zeiten der Kirche waren die Pfarrer und Prediger streng genug, daß die Laien – clericis laicos semper inimicos esse constat – ein wenig dagegenhielten und vielleicht auch dagegenhalten durften; „im Grunde hat der Herr Pfarrer mit seiner Vorsicht ja schon einen Punkt, aber ganz so muß man das auch nicht alles machen“. (Wenn es wirklich krawotisch werden sollte, dann kann die Kirche ja immer noch mit Ausschluß von der Kommunion, Kirchenstrafen usw. daherkommen. – Es sei hier sicherheitshalber angemerkt: Wenn ich sage „vielleicht auch dagegenhalten durften“, so ist damit nichts gemeint, was tatsächliche Todsünden betrifft. Klar ist ja auch, daß die Gläubigen, sofern sie wenigstens ein bißchen gläubig waren, vor der tatsächlichen konkreten Todsünde immer einen heilsamen Schrecken hatten, und wenn nicht vor ihr, so doch wenigstens davor, nach ihr die Heilige Kommunion zu empfangen – Graham Greenes „Das Herz aller Dinge“ ist ein hervorragendes literarisches Zeugnis für letzteres).
Heute ist es – man hat manchmal fast den Eindruck – umgekehrt; wo ist denn die Strenge noch? Umso weniger kann man es dem Volk verdenken, wenn es „je religiöser scheinend, desto besser“ sagt. Machen wir uns nichts vor: Es gibt durchaus die Kreise, in denen der als der religiösere Mensch gilt, der mehr oder weniger gedankenlos die Argumente des Vulgärkreationismus nachbetet. (Ich beabsichtige damit übrigens nicht, jede Kritik oder jede explizit religiös oder biblisch begründete Kritik am Standardmodell der Physik etc. für unzulässig zu erklären – nur müßte das wenndann auf vernünftige Weise gemacht werden und übrigens erstmal jedenfalls auf der theologischen Seite frei von Irrtümern sein: der heutige Kreationismus fußt wesentlich auf der Behauptung, daß es vor dem Sündenfall keinen Tod gegeben haben könne, und dies ist, auch völlig unabhängig von physikalischen Tatsachen, zunächst einmal schlichtweg schriftwidrig. Bei Bedarf kann ich das gern auch noch begründen.) Es gibt ja obendrein auch die Kreise, in der auf Grund einer allgemeinen Unzufriedenheit damit, wie die heutige Politik zu Gottes Gesetz und der heiligen Religion steht (was nur allzu berechtigt ist!) jemand als umso religiöser gilt, je radikaler er politisch ist. Es gibt, auf deutsch, jede Menge Mist.

Der Punkt ist nun: Die feine katholische Nase riecht bei der herkömmlichen Anti-Halloween-Propaganda genau diese Art Mist heraus. Handeln wir diese Punkte kurz ab; sie sind nicht das eigentliche Thema dieses Textes hier.

1. „Halloween ist satanisch, weil sich Leute als Teufel und Hexen verkleiden.“

Hierzu braucht man eigentlich nichts zu sagen. Mit dem gleichen Recht ist Faust satanisch und zwar nicht wegen problematischer Einstellungen Goethes, die es transportiert (worüber man sicherlich bei Goethe generell reden kann, allerdings scheint mir zumindest der Tragödie erster Teil tatsächlich ganz unproblematisch zu sein), sondern allein schon deswegen, weil dort der Teufel auf der Rollenliste aufscheint. Mit dem gleichen Recht hätte Der Untergang nie produziert werden dürfen, weil es bedauerlicherweise nicht denkbar ist, ohne daß ein Schauspieler in die Rolle Adolf Hitlers schlüpft. Also lassen wir das.

2. „Halloween ist eines der Feste im ‚Festkalender der Satanisten’“.

Ich glaube nicht, daß man das bestreiten kann, zumindest nicht, was den Pseudo-Satanismus betrifft; aber ebensowenig kann man bestreiten, daß die fromme Kritik zuerst, die Einvernahme durch einzelne Satanisten, eine im übrigen marginale Bewegung, die eben präzise das tut, was die Frommen besonders verabscheuen, danach kam. Was übrigens den echten Satanismus betrifft, die wirklich gefährliche Bewegung, über die man am besten wenig sagt und über die ich im übrigen auch gar nichts sagen kann, – aber allem Vernehmen eine Bewegung, die das Licht des Tages scheut, und wirklich gefährlich ist – so sei da einmal dahingestellt, ob die Leute sich wirklich Ende Oktober mit Fratzen bemalen und fleißig Suppe vom zuvor ausgehöhlten Kürbis essen. Ich würde eher vermuten, sie wären dazu viel zu hoffärtig.

3. „Halloween ist ein heidnisches Fest“.

Näherhin ein keltisches; das stimmt von alledem noch am ehesten. Zumindest gab es meinen Informationen nach an diesem Datum tatsächlich ein heidnisches Fest (das bekannte Samhain), das vielleicht tatsächlich etwas mit einer heidnischen Version von „Letzten Dingen“ zu tun hatte. Wir hören ja immer, das Weihnachtsfest gehe auf ein germanisches Fest zurück: was bei Weihnachten Unsinn ist – Weihnachten ist ein rein christliches Fest und allenfalls im Datum von einem römischen beeinflußt – könnte in bezug auf Allerheiligen tatsächlich gewissermaßen „stimmen“. Das Fest Allerheiligen wurde – recht offen – zunächst auf den Termin des römisch-heidnischen Lemurenfestes (das durchaus etwas mit dem Thema „Geister von Verstorbenen“ zu tun hat) am 13. Mai gelegt, indem an diesem Tag der alte allen heidnischen Göttern gewidmete Tempel, das berühmte Pantheon oder die Rotonda, gereinigt und dann zur Ehre aller Heiligen geweiht wurde. Und wenn im 8. Jahrhundert Papst Gregor III. eine allen Heiligen geweihte Kapelle in Alt-St. Peter am 1. November einweihte und dies zum Anlaß nahm, das Festdatum zu verschieben, so liegt der Gedanke durchaus nahe, daß er das dem römischen Lemurenfest ähnliche keltische Fest bewußt zum Datum nahm, zumal die Kelten damals in der Sphäre des Christentums aufgetaucht waren und es auch jahreszeitlich schlicht besser paßte. Dafür, daß er die Weihe einer Nebenkapelle zum Anlaß nahm, ein Fest zu verschieben, das in der Weihe einer bedeutenden Basilika gründete, habe jedenfalls auch ich noch keine geeignetere Erklärung gefunden.

Und natürlich können hier außer dem Datum auch einzelne Bräuche übergegangen sein (auch bei Weihnachten wird sich wohl kaum jemand auf den Standpunkt stellen, der christliche Festgehalt sei mit überhaupt keinem mit ihm vereinbaren Brauch germanischer Herkunft angereichert worden).

Hier kommt aber schon einmal der erste von den Punkten ins Spiel um die es mir hier geht, wenn auch noch nicht das Kernthema: Wir Katholiken haben eben nicht vergessen, was Paulus in Apg 17,23 gesagt und gemacht hat; und wenn uns nun jemand sagt: „aber gerade damit war er in Athen ja nicht erfolgreich“, dann antworten wir stolz: „Das ist nachrangig; jedenfalls hatte er damit Recht.“ Das Taufen oder, mit einem vielleicht etwas zu modisch gewordenen Wort, die „Inkulturation“ von Bräuchen heidnischen Ursprungs, sofern sie nicht selbst götzendienerisch sind, ist keine anrüchige, sondern eine hervorragende Sache; nicht nur, um durch solche „Zugeständnisse“ noch mehr Seelen für Christus zu gewinnen – was aber doch bitte, um alles in der Welt, schon ausreichen sollte! –, sondern auch um der Wahrheit willen.

Ich gehe davon aus, daß an dieser Stelle die Protestanten lautstark das tun, was ihr Name besagt: „bei uns aber nicht!“. Schön und gut. Ich war seit meiner Zweitbeichte nie ein besonderer Freund des ökumenischen Gedankens, wie man ihn landläufig versteht (aber der Autor der Enzyklika Mortalium animos, von der einige disziplinarische, aber kein einziger doktrinärer Punkt aufgehoben ist, war das auch nicht); und hier wird man wohl den überstrapazierten Satz, daß die Toleranz logischerweise vor den Intoleranten wenigstens notwendig halt machen müsse, einmal richtig anwenden müssen. Wenn es recht ist zu inkulturieren, dann ist es nicht recht, auf Grund eines Kompromisses mit den Inkulturationsgegnern darauf zu verzichten.

Daher: Die Johannisfeuer müssen weiter brennen, auch wenn der protestantische Nachbar das nicht mag.

Mein Verweis auf die Johannisfeuer mag überraschend gekommen sein; damit komme ich schön langsam zu meinem eigentlichen Thema, weil zwischen den Johannisfeuern und Halloween eben doch ein Unterschied besteht. Das Johannisfeuer wurde auf den Festtag eines großen Heiligen gelegt und auch mit einer Deutung, die sich auf ihn bezieht, versehen und mit einem eigenen Abschnitt im Rituale Romanum geehrt. (Das ist, um die Anspielung nicht auszulassen, natürlich auch das gleiche Buch, in dem die Exorzismen enthalten sind.) Das Johannisfeuer ist damit heute eine christlich-gottesdienstliche Handlung, und Schluß.

Ist Halloween nicht doch etwas anderes? Ist Halloween nicht so etwas wie der „Harry Potter des Festkalenders“ (in der Buchreihe kommt es ja übrigens tatsächlich auch relativ prominent vor), also ein offenkundig mit viel Unfug als un- und widerchristlich verschmähtes Ding, das die Leute lesen bzw. feiern, weil es halt Spaß macht, das aber trotzdem ebenso offenkundig nicht besonders religiös und christlich ist? Die Bemühungen, etwa „Harry Potter“ auch als letzteres zu deuten, sind ja nicht viel weniger peinlich als die, die auf das Gegenteil aus sind.

Nun; die Feststellung wäre naheliegend; aber ich glaube nicht. Und damit komme ich auf den Reformationstag zu sprechen.

 

III. Reformation und Reformationstag

Es kommt hier übrigens nicht darauf an, ob „der Reformationstag so passiert ist“. „If the legend becomes fact, print the legend“; daß Martin Luther um diese Zeit herum die 95 Thesen zur Diskussion stellte und damit zwar in diesen Thesen selbst nur in den wenigsten Fällen der katholischen Lehre widersprach, aber doch für den heutigen Leser einen zweifellos unkatholischen Geist durchblicken ließ und dafür, daß er durch seine Unbelehrbarkeit den Protestantismus auslöste, den Anstoß gab, das ist ja unstrittig. Wir wollen ihm also durchaus den Dramatismus gönnen, daß er selbst diese Thesen an die Tür der Universitätskirche anschlug – zumal das, wie man hört, eine gängige Methode der wissenschaftlichen Auseinandersetzung war. Vielleicht tat es auch der Universitätshausmeister, aber lassen wir es ruhig einmal Luther selbst getan haben. Es ist gleichgültig.

Was war denn der Auslöser der Reformation? Ich rede jetzt nicht von den Dingen, die sie, leider Gottes, begünstigten; ohne die sie in der religionspolitischen Praxis ziemlich schnell ihr Ende gefunden hätte. Natürlich hätte es die Reformation mit diesem Erfolg nicht gegeben, wenn der insbesondere hohe Klerus weniger Gelegenheit zum Anstoßnehmen gegeben hätte – aber was diese von Katholiken, die aus ökumenischer Höflichkeit ums Verrecken irgendetwas Freundliches dazu sagen wollen, viel zu sehr betonte Tatsache betrifft, hat Luther immer darauf bestanden, daß nicht das der eigentliche Hintergrund der Reformation war; „wir müssen unterscheiden Lehre und Praxis; in der Praxis sind die unsrigen nicht besser als die Katholiken“, soweit Luther selbst. Natürlich wäre die Reformation ohne den Eifer von Fürsten, sich Kirchengüter unter den Nagel zu reißen (und in einem Fall sogar um der lieben PR willen eine Bigamie genehmigt zu bekommen), im Sande verlaufen und bloß zu einem allerdings wohl nicht ganz unbedeutenden Kapitelchen der Häresiegeschichte geworden. Und natürlich – was viel zu wenig beachtet wird: Hätte man dem deutschen Volk glaubwürdig erklärt, was tatsächlich den Tatsachen entsprach, nämlich daß der Abriß von Alt-St. Peter, der Baufälligkeit dieser Kirche wegen, nicht nur und nicht vor allem ein Prestigeprojekt eines etwas ruhmsüchtigen (vielleicht zu ruhmsüchtigen?) Papstes, Julius‘ II., sondern tatsächlich dringend erforderlich war und der Neubau in all seinem Prunk (der bei einer Kirche dieser Bedeutung natürlich unverzichtbar ist) vermutlich ja auch immer noch billiger kam als eine kostspielige Sanierung – wir kennen so etwas bei Bauten ja auch in unseren Tagen –, dann hätte Luther gegen die vor allem auf den Bau von Neu-St. Peter gerichteten Ablässe gewiß nie so eine Stimmung mobilisieren können.
Das alles ist richtig; aber es hat nichts mit dem theoretischen Fundament des Protestantismus zu tun.

Dieses Fundament ist die Angst.

Damit sage ich nichts, was ein ernstzunehmender Protestant wird bestreiten wollen; er wird nur sagen, gemäß seinem damaligen katholischen Glauben habe Luther eben Angst haben müssen und durch seinen Protestantismus den dann notwendigen Ausweg gefunden. Daß aber Luther an der Frage „wie bekomme ich einen gnädigen Gott“ fast verrückt geworden ist, bis er seine spezielle „Lösung“ der Frage gefunden hatte, die bis heute in allen Spielarten des Protestantismus maßgeblich ist, ist eine offenkundige Tatsache. (Unter anderem deswegen ist wohl das Pfingstkirchlertum wie auch sicher der Mormonismus nicht zum Protestantismus zu rechnen.)

Und damit komme ich zu der im Liturgiejahr eher seltsamen Einleitung des Artikels. Ist es nicht natürlich, vor dem Jüngsten Gericht Angst zu haben?

„Tagt der Rache Tag den Sünden, wird das Weltall sich entzünden, wie Sibyll und David künden. / Welch ein Graus wird sein und Zagen, wenn der Richter kommt, mit Fragen streng zu prüfen alle Klagen! / Laut wird die Posaune klingen, durch der Erde Gräber dringen, alle hin zum Throne zwingen. / Schaudernd sehen Tod und Leben sich die Kreatur erheben, Rechenschaft dem Herrn zu geben. / Und ein Buch wird aufgeschlagen: treu darin ist eingetragen jede Schuld aus Erdentagen. / Sitzt der Richter dann zu richten, wird sich das Verborgne lichten; nichts kann vor der Strafe flüchten. / Weh! Was werd ich Armer sagen? Welchen Anwalt mir erfragen, wenn Gerechte selbst verzagen?“
Soweit die ersten sieben Strophen der achtzehneinhalb des Dies irae.

Dann wird’s zappenduster; dann ist Matthäi am letzten.

Die scheinbare Lösung Martin Luthers für dieses echte Problem kennen wir: wir tun einfach so als ob. (Sicher würde das nun ein Protestant nicht so formulieren.) Etwas salbungsvoller ausgedrückt: Aus dem mißverstandenen Bibelvers „der Gerechte lebt aus dem Glauben“ bastelt er sich, dem offenkundigen Sinn zuwiderlaufend, seine Lehre, die in all ihrer Zugespitztheit letztlich so lautet „wie du glaubst, so hast du“: also sinngemäß „wer sich die Sünden vergeben glaubt, dem sind sie vergeben; wer sich die Sünden behalten glaubt, dem sind sie behalten“. (Wir lesen natürlich in Joh 20,23, an das ich mich mit der Formulierung zugegeben angelehnt habe, etwas ganz anderes.)

In einer Formulierung, die meines Wissens auf Paul Hacker zurückgeht: Erlösung durch Selbstsuggestion.

Es ist übrigens nicht meine Absicht, diese neue Theorie lächerlich zu machen. Wer von echter, ernsthafter Verzweiflung umnachtet ist und dann mit dem vielberedeten „Mut der Verzweiflung“ den, um es einmal unangemessen modern auszudrücken, „Sprung ins Ungewisse wagt“, das „Wagnis des Glaubens eingeht“, dem kann man eine gewisse Größe nicht bestreiten – nur Recht hat er eben nicht. Lächerlich ist höchstens Luthers Behauptung, daß diese Lehre von Anfang an die christliche gewesen sei oder gar – zumindest vom Tonfall her klingen seine ersten, noch halbkatholischen Aussagen so – von der Kirche erst allerkürzlichst aufgegeben worden sei.

Da er diese Doktrin aber einmal so aufgestellt hat, folgt mit einer gewissen Logik, daß er die Lehre vom Verdienst verwirft. Wenn andere diesen sogenannten „Fiduzialglauben“ (wie mindestens die katholische Theologie ihn später nennen würde) auch als Wesensbestandteil des „Evangeliums“, d. h. der christlichen Lehre annehmen sollen (es ist übrigens etwas komisch, eine Theorie „Evangelium“ zu nennen, selbst nach den Behauptungen ihres Begründers aus einer Auslegung der Paulusbriefe hervorgeht und im Evangelium gar keinen Anhaltspunkt hat), dann müssen sie vorher auch in Verzweiflung geführt werden oder doch wenigstens vom Katecheten vordemonstriert bekommen, daß sie, wenn sie nicht fromme Protestanten wären, in ebendiese Verzweiflung geraten müßten. Dann aber muß mit aller Gewalt die falsche Lehre gepredigt werden, die im englischen Sprachraum später auf den Begriff utter depravity gebracht werden würde (der Begriff ist calvinistisch, die Wurzel liegt aber tatsächlich bei Luther); der Mensch sei von Natur aus verdorben (wir Katholiken bestehen darauf, daß das erstens nicht die Natur ist und daß zweitens von einer bedauerlichen Hinneigung zur Sünde, aber, zumindest mit Notwendigkeit, nicht von mehr die Rede ist und vor allem daß drittens der Mensch, solange er lebt und bei Bewußtsein ist, immer eine gewisse Empfänglichkeit für das Gute beibehält). Ist er aber verdorben, dann kann er auch nichts Gutes tun; und hat man einmal die Erbsünde, aus der ja die Sünden folgen, so erklärt, dann folgt aus der unbestreitbaren Erfahrungstatsache, daß auch Getaufte sündigen, daß sich daran durch die Taufe nichts Grundlegendes ändert. (Luther erklärt dann die Erlösung gewissermaßen als „Augenzudrücken“ Gottes in dieser Beziehung.) Und wenn das so ist, dann ist der Fall, daß jemand etwas Gutes tut – vor allem, wenn es etwas Gutes ohne innerweltlichen Sinn ist – ein Anlaß für den dringenden Verdacht, daß er diese wesentliche Lehre des Protestantismus nicht akzeptiert und damit auch den nach protestantischer Ansicht wahren Glauben nicht haben kann.

Solche Handlungen faßt der Protestantismus unter den Begriff „Werkgerechtigkeit“. Es gibt natürlich – worauf wir Katholiken mit unserem Harmoniebedürfnis gern bestehen – etwas, das man auch „Werkgerechtigkeit“ nennen könnte und das tatsächlich falsch ist: sich durch Werke den Himmel (oder die Gnade) verdienen wollen, so daß man hernach ein Anrecht darauf hätte, und zwar allein des natürlichen Wertes der Werke wegen, nicht deswegen, weil diese selbst bereits unter dem Anhauch der Gnade geschehen sind, von der die erste immer unverdient ist. Die Frage muß aber ehrlich gestellt werden, ob das seit dem Sieg über die Häresie des Pelagius (also im 5. Jahrhundert) überhaupt nennenswerte Gruppen in der katholischen Kirche geglaubt haben; daß das bis Luther die gängige katholische Lehre gewesen sei, ist jedenfalls ein protestantisches oder versöhnlerisches Märchen.

Von dieser Ablehnung der verdienstlichen Werke – für die Luther sich mit aller Geschicktheit eines von der Verzweiflung wohl entschuldigten, aber an und für sich betrügerischen Kaufmanns etliche Stellen bei Paulus zunutze macht, die „Werke“ für jetzt ungültig erklären: womit aber textlich eindeutig die Zeremonien des mosaischen Gesetzes gemeint sind, mithin ein Thema, das mit dem Luthers gar nichts zu tun hat – kommt er dann zur Verwerflichkeit des Ablaßgewinnens. (Diese steht nicht in den 95 Thesen, die ausdrücklich das Gegenteil proklamieren, etwa in These 67; ich meine aber, daß man sie zwischen den Zeilen lesen kann.) Er sucht sich dabei einen systematisch denkbar ungeeigneten, propagandistisch denkbar geeigneten Gegner aus. Systematisch einen ungeeigneten: Denn gerade der Ablaß ist das genaue Gegenteil von Werkgerechtigkeit. Wenn ich eine Wallfahrt mache, dann ist das ein verdienstliches Werk, gewissermaßen; bitteschön. Die Wallfahrt für sich! Wenn es aber auf die Wallfahrt einen Ablaß gibt, dann ist das ausdrücklich eine Dreingabe der Kirche; der entscheidende Punkt beim Ablaß ist gerade eben, daß das, was daran Ablaß ist, nicht das Werk des Ablaßnehmers, sondern eben ein bei gewissen Anlässen unter gewissen Bedingungen von der Kirche gespendetes Geschenk ist. Aber natürlich gaben damals auf Grund der publizistischen Tagesmeinung die Ablässe in Deutschland ein geeignetes Ziel ab.

Vielleicht hat ja auch Luther tatsächlich vor allem gestört, daß erstens die Ablässe, selbst wenn sie empfangen werden, in der Regel von „Ungläubigen“ im Sinne des Protestantismus empfangen werden und damit gar nichts nützen (so ausdrücklich These 31), und vielleicht auch, daß diese wohl damals schon gern, wie auch heute, ganz selbstlos den Verstorbenen zugewendet wurden. Dies ist auf Seiten des Ablaßnehmers ein gutes Werk (!); und was könne es dem Verstorbenen nach protestantischer Auffassung schon nützen: auf das, worauf es nach diesem Glauben eigentlich ankommt, den Fiduzialglauben zu Lebzeiten, haben sie doch keinen Einfluß.

– Anders als beim Ablaß nehme ich Luther ab, daß er an das Fegfeuer, als er die 95 Thesen schrieb, tatsächlich noch glaubte, wie er dort ausdrücklich sagt (etwa: These 16). Letztlich konnte der Protestantismus aber nicht aus seiner Haut heraus, und da er an seiner Gründungslegende „gegen den Ablaß!“ festhalten mußte, mußte er letztlich auch das Fegfeuer trotz eindeutigem biblischen Beweis (1 Kor 3,15) verleugnen, zumal es, wenn die Sünden ohnehin nur zugedeckt würden, in der Tat nicht recht einzusehen ist, warum, und wenn ja wie, Gott nach Bemäntelung der Sünden noch zeitliche Strafen übrig ließe. Richtig zu erklären ist das, auch wenn es einen Augenblick paradox klingt, nur vom katholischen Standpunkt: Gott vergibt die Sünden ganz, es kommt hinten ein neuer, heiliger Mensch heraus; und eben deshalb hat es Sinn, daß die Rückstände und Verflechtungen, die nach Vergebung der Schuld noch verbleiben, durch Läuterung erst noch beseitigt werden müssen (wo dann „einer des anderen Last tragen“ kann).

Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum Luther für seine Thesen gegen den Ablaß ausgerechnet den Vorabend von Allerheiligen, der damals – und noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts – als Vigil (mit Fasten! Werkgerechtigkeit!) ausgestattet war, wählte.

Nach diesem Versuch einer Erklärung der Reformation kehre ich etwas zum Thema zurück:

Durch das Sicheinreden des Erlöstseins kann man natürlich die Angst nicht eigentlich loswerden. Man kann sie nur verdrängen; und man will dann unter keinen Umständen etwas damit zu tun haben, sonst kommt sie wieder hoch. (Wenn sie verdrängt bleibt und nicht hochkommt, reicht das für den Protestanten.)

 

IV. Das Gruseln als Freizeitgenuß der Katholiken

Völlig anders sehen die Dinge in der heiligen Mutter Kirche aus.

An dieser Stelle möchte ich eine Geschichte von G. K. Chesterton zitieren (Alarums and Discursions: On Gargoyles). Es geht um ein Volk, das auf heidnische, aber nicht bös-heidnische, nur noch unerleuchtet-heidnische, Weise den Sonnengott verehrt; und ihr Priester baut dem Sonnengott einen Tempel in wunderschöner klassischer Architektur. Doch dann werden sie von Piraten überfallen, wären fast vernichtet worden, und nach einem langen Krieg erst werden sie wieder frei.

Und aus irgendeinem Grunde begannen die Leute nach diesen Geschehnissen, vom Tempel und der Sonne anders zu reden. Manche gewiß sagten: „Man darf den Tempel nicht anrühren; er ist klassisch; er ist vollkommen; denn er läßt keine Unvollkommenheiten zu.“ Aber die anderen antworteten: „Und darin unterscheidet er sich von der Sonne, die über Böse und Gute scheint, und über den Schlamm und über die Ungeheuer überall. Der Tempel ist ein Mittagstempel; er ist aus weißen Marmorwolken und einem Edelsteinhimmel gemacht. Aber die Sonne ist nicht immer Mittagssonne. Die Sonne stirbt Tag für Tag; jede Nacht wird sie in Feuer und Blut gekreuzigt.“
Und der Priester hatte den ganzen Krieg hindurch gelehrt und gewehrt, und sein Haar war weiß, seine Augen jedoch jung geworden. Und er sagte: „Ich war im Unrecht, sie sind im Recht. Die Sonne, das Symbol unseres Vaters, gibt Leben all jenen irdischen Dingen, die voller Häßlichkeit und Energie sind. Alle Übertreibungen sind recht, wenn sie das Rechte übertreiben. Lasset uns zum Himmel weisen mit Stoßzähnen, mit Hörnern, mit Finnen, mit Rüsseln, mit Schwänzen – solange sie nur alle zum Himmel zeigen. Die häßlichen Tiere preisen Gott ebenso, wie die schönen es tun. Dem Frosch stehen die Augen aus dem Kopf heraus, weil er den Himmel anstarrt. Der Hals der Giraffe ist so lang, weil sie sich zum Himmel ausstreckt. Der Esel hat Ohren zum Hören; er höre.“

Und das Ende vom Lied ist, daß eine Kathedrale im gotischen Stil gebaut wird – ein Baustil, den wir heute nicht ganz von ungefähr im Namen einer bestimmten Musikrichtung nebst zugehöriger Szene wiederfinden.

Weil der Katholik – zumindest im Idealfall – keine Angst hat, ist er frei, auch all die häßlichen Dinge zu gebrauchen. Weil der Katholik weiß, daß er keine Angst haben sollte, wird ihn das offene Ansprechen der Düsternis eher dazu bringen, keine zu haben. Und übrigens: Weil der Katholik auch ans Fegfeuer glaubt, braucht er sich nicht so sehr vor der Hölle fürchten – und wenn wir es einmal genau nehmen, kann dazu nur je mehr beitragen, je schrecklicher man sich ihre Schrecken vorstellt. Das ist auch paradox; und doch klar, wenn man es sich einmal überlegt.

Es ist die Lehre der Kirche, daß wenigstens Leute, die – wie es technisch heißt – „den Vernunftgebrauch“ (d. h. im großen und ganzen: den 7. Geburtstag) erreichen, letztlich nur drei Möglichkeiten haben: Himmel ohne Fegfeuer; Fegfeuer und dann Himmel; und Hölle. (Die getauft verstorbenen Kleinkinder sind sicher im Himmel; für die ungetauft verstorbenen gilt „nichts Genaues weiß man nicht“, aber wenn sie nicht im Himmel sind, d. h. Gott nicht schauen können, so sind sie jedenfalls doch zumindest in natürlicher Glückseligkeit, d. h. es geht ihnen uneingeschränkt gut.)
Je schrecklicher also die Hölle ist, umso naheliegender der Gedanke: „Na so schlimm, daß ein gütiger und barmherziger Gott mit dahin schicken wird, werde ich ja doch wohl nicht gewesen sein werden. Natürlich muß ich bestraft werden; aber dafür gibt es ja das Fegfeuer, aber das ist ja einmal vorbei, und obendrein“ – denn das ist ebenfalls Lehre der Kirche – „werde ich auch im Fegfeuer schon sicher wissen, daß ich der Hölle ein für alle mal ausgekommen bin“.

(Das entbindet natürlich nicht von der Pflicht, die Todsünden zu meiden und, wenn man das Unglück gehabt haben sollte, in eine zu fallen, zu bereuen und bis zur nächsten Beichte, die spätestens um nächste Ostern herum sein soll, nicht zu kommunizieren.)

Deshalb ist überall dort, wo der Katholizismus lebendig ist und die apologetische Auseinandersetzung mit dem Protestantismus (die ein wenig die Betonung auf die Vermeidung vermessener Heilsgewißheit setzen mußte) relativ fern war, die stillschweigende Unterstellung lebendig geblieben, daß die ewige Höllenstrafe (zumindest unter Katholiken – wobei diese Frage vor Augen gar nicht steht) eine seltene Sache ist. (Eine nicht ganz orthodoxe, aber mentalitätsmäßig umso aufschlußreichere Darstellung der Sache ist in dem Theaterstück Himmelwärts von Ödön von Horvath zu finden.) „’Ja, kommt denn der Flori hierher?‘ ‚Marei, du bist im ewigen Frieden; und wie lange es auch dauern mag, bis dein Flori dir folgt, es wird für dich nur eine kurze Weile sein.’“
Und im Mittelalter galt, habe ich wenigstens gehört, der Teufel (etwa im damaligen Äquivalent unseres Kasperltheaters) als zwar abgrundtief böse, aber auch jämmerliche und irgendwo fast zu bemitleidende Figur. Ein wenig davon wirkt noch nach in Goethes Faust, wenn Mephisto, wie es offensichtlich vorgesehen ist, von dem Mitglied des Ensembles gespielt wird, das vorher im Vorspiel als „Lustige Person“, d. h. als Ausfüller des komödiantischen Parts, vorgestellt wurde.

Übrigens fällt in diesem Zusammenhang eine Figur auf, die die Imagination des christlichen Volkes anscheinend beschäftigt zu haben scheint: jemand, der weder in den Himmel noch in die Hölle hineinpaßt. Zur orthodoxen Antwort darauf komme ich gleich, aber das Konzept ist interessant. Der Protagonist in Himmelwärts muß, weil er weder hierhin noch dorthin paßt, zunächst nochmal auf die Erde. Der Schneider im Himmel kann nicht in den Himmel und in die Hölle auch nicht, also zieht er, heißt es im Märchen, nach „Warteinweil“, wo die frommen Soldaten sind – also die, die einerseits fromm waren, andererseits immerhin das Kriegshandwerk betrieben haben. – Die orthodoxe Antwort darauf ist natürlich „Fegfeuer, und dann in den Himmel; und im übrigen ist das Soldatenhandwerk, bei aller nicht abzustreitenden Problematik, ebensowenig Sünde wie jeder andere notwendige Beruf auch“ (sollte übrigens das Fegfeuer im Ausdruck „Warteinweil“ schon anklingen?), aber interessant ist es schon, welche Blüten die authentische Phantasie des Volkes da so getrieben hat.
Und in diese Kategorie gehört auch Jack O’Lantern, der sich aus dem gleichen Grund an dem Licht einer brennenden Rübe wärmen darf, oder außerhalb Irlands einem Kürbis. Apropos Irland: Seit etwa vierhundert Jahren ist in Irland die pro-keltische und die katholische, die anti-keltische und die protestantische Sache jeweils ungefähr (ich sagte ungefähr) die gleiche.

Wir haben gesehen: Wer keine Angst hat, weil er weiß, daß er einen gnädigen Gott jetzt schon hat – denn Gott ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Gnade – der kann sich daran erfreuen, sich zu gruseln; der kann auch Horrorfilme anschauen, und der kann auch vor der Feier des Himmels und der Fürbitte fürs Fegfeuer dafür zu haben sein, die Hölle gewissermaßen repräsentiert zu bekommen. Wir, so hoffen wir, kommen ja nicht hinein! (Dazu helfe uns Gott in seiner großen Güte durch Christus unseren Herrn. Amen.)

Der hl. Papst Johannes Paul II. hat gesagt, der Paradiesmensch hätte nicht zu arbeiten brauchen, sich aber nach der Arbeit wie nach einem Genusse gesehnt. In der Lage sind wir bei der Arbeit nicht – oft genug nicht bei den reichen Arbeitenden, wohl kaum bei denen, die nicht wissen, ob sie ihr tägliches Brot zusammenbekommen; beim Grusel aber anscheinend schon. Es macht ja auch Freude, wenn man die Geschichte von Beren und Luthien in der Eisenhölle hört, vorausgesetzt, man sitzt gemütlich am Kaminfeuer von Imladris.

Denn das oben anzitierte Dies irae geht noch weiter; man darf eben Lieder nicht immer nach ein paar Strophen abbrechen. „König schrecklicher Gewalten, frei ist Deiner Gnade Schalten: Gnadenquell, laß Gnade walten! / Milder Jesus, wollst erwägen, daß Du kamest meinetwegen, schleudre mir nicht Fluch entgegen. / Bist mich suchend müd gegangen, mir zum Heil am Kreuz gehangen: mög dies Mühn zum Ziel gelangen. / Richter Du gerechter Rache, Nachsicht üb in meiner Sache, eh ich zum Gericht erwache. / Seufzend steh ich schuldbefangen, schamrot glühen meine Wangen: Laß mein Bitten Gnad erlangen. / Hast vergeben einst Marien, hast dem Schächer dann verziehen, hast auch Hoffnung mir verliehen. / Wenig gilt vor Dir mein Flehen; doch aus Gnade laß geschehen, daß ich mög der Höll entgehen. / Bei den Schafen gib mir Weide, von der Böcke Schar mich scheide, stell mich auf die rechte Seite. / Wird die Hölle ohne Schonung den Verdammten zur Belohnung, ruf mich zu der Sel’gen Wohnung. / Schuldgebeugt zu Dir ich schreie,
Tief zerknirscht in Herzensreue: sel’ges Ende mir verleihe. /Tag der Zähren, Tag der Wehen, da vom Grabe wird erstehen zum Gericht der Mensch voll Sünden. / Laß ihn, Gott, Erbarmen finden. / Milder Jesus, Herrscher Du, schenk den Toten ew’ge Ruh. Amen.“

Ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er ihn um Brot bittet? Um wieviel mehr wird der Vater im Himmel, usw.

Daher: beichten; die Allerseelenablässe gewinnen; und Halloween zumindest wohlwollend zur Kenntnis nehmen – dies erscheint auf Grund des Gesagten als hervorragende katholische Reaktion auf das Elend der Reformation, die an einem 31. Oktober begonnen hat und leider viel Grusel, irdischen (wenn man an die Kriege denkt), aber vor allem theologischen, in die Welt gebracht hat, der leider nicht am warmen Kaminfeuer genossen werden kann.

Zumindest noch nicht. Wer weiß, wie wir einmal im Himmel darüber denken werden.

Das Gesetz: Süßer als Honig (ein Gastbeitrag von C. S. Lewis)

Eins von C. S. Lewis‘ schönsten Büchern ist „Reflections on the Psalms“, ins Deutsche übersetzt (und leider leicht gekürzt) unter dem Titel „Gespräch mit Gott. Gedanken zu den Psalmen“. Darin schreibt er auch etwas über die Rolle des Gesetzes in den Psalmen, das das, was ich in diesem Beitrag sagen wollte, viel besser zum Ausdruck bringt, als ich es könnte. Übergebe ich das Wort also mal an ihn:

„In Racines Tragödie Athalie singt der Chor jüdischer Mädchen eine Ode über den ursprünglichen Erlaß des Gesetzes auf dem Berge Sinai, mit dem bemerkenswerten Kehrvers ô charmante loi (1. Akt, 4. Szene). Es geht natürlich nicht an – es grenzte ans Komische -, das mit ‚o reizendes Gesetz‘ wiederzugeben. ‚Reizend‘ ist im Deutschen ein lauwarmes, ja herablassendes Wort geworden; wir wenden es auf ein hübsches Wochenendhäuschen an, auf ein Buch, das nicht bedeutend ist, oder auf eine Frau, die man nicht schön nennen könnte. Ich weiß nicht, wie charmante zu übersetzen wäre; ‚bezaubernd‘? – ‚entzückend‘? – ’schön‘? Keines dieser Wörter paßt genau. Eines aber ist gewiß: Racine (ein gewaltiger Dichter und vom Geiste der Bibel erfüllt) kommt hier einem sehr bezeichnenden Empfinden mancher Psalmen näher als jeder andere mir bekannte moderne Schriftsteller. Und zwar einem Empfinden, das mich zuerst ganz verwirrt hat.

‚Köstlicher sind sie als Gold und viel Feingold und süßer als Honig, als Seim aus den Waben‘ (19,11). Man kann gut verstehen, daß so etwas von Gottes Gnadenerweisen, von Gottes Tröstungen, von Seinen Eigenschaften gesagt wird. Aber in Wirklichkeit spricht der Dichter von Gottes Gesetz, von Seinen Geboten – von Seinen ‚Bestimmungen‘ (10) (‚Gerichte‘ meint hier deutlich Entscheidungen über das Verhalten). Was mit Gold und Honig verglichen wird, sind jene ‚Vorschriften‘ (in der lateinischen Fassung, ‚Rechtsaussprüche‘), die – so wird uns gesagt – ‚das Herz erfreuen‘ (9). (…)

Das blieb mir zuerst völlig verschlossen. ‚Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht ehebrechen‘ – ich kann verstehen, daß ein Mensch diese ‚Bestimmungen‘ achten kann und muß, daß er versuchen muß, ihnen zu gehorchen und im Herzen zuzustimmen. Aber es ist sehr schwer einzusehen, wie sie sozusagen munden, wie sie erheitern sollen. (…)

Ein guter Christ und großer Gelehrter, dem ich diese Frage einmal vorlegte, vermutete, die Dichter dächten an die Genugtuung, die das Bewußtsein, dem Gesetz gehorcht zu haben, bereitet; mit anderen Worten, an die ‚Freuden eines guten Gewissens‘. (…) Die Schwierigkeit besteht darin, daß mir die Psalmisten nirgends etwas annähernd Ähnliches zu sagen scheinen.

In 1,2 wird uns gesagt, der Gute habe Gefallen am Gesetz des Herrn, ‚und über sein Gesetz sinnt er Tag und Nacht‘. Mit ‚Gesetz‘ sind hier natürlich nicht einfach die Zehn Gebote gemeint; gemeint ist die ganze umfassende Gesetzgebung (die religiöse, moralische, bürgerliche, strafrechtliche und sogar verfassungsmäßige), enthalten in Levitikus, Numeri und Deuteronomium. Wer darüber ’sinnt‘, gehorcht Josuas Befehl (1,8): ‚Dieses Gesetzbuch komme dir nicht aus dem Munde! Tag und Nacht halte darüber Betrachtung.‘ Das bedeutet unter anderem, daß das Gesetz ein Studium oder, wie wir sagen würden, ein ‚Fach‘ war, etwas, worüber es Kommentare, Vorlesungen und Prüfungen gab. So war es auch. Wenn also ein alter Jude sagte, er ‚habe Gefallen am Gesetz‘, meinte er zum Teil (zum religiös unwichtigsten Teil) etwas Ähnliches wie wir, wenn wir von jemandem sagen, er ‚habe gern‘ Geschichte, Physik oder Archäologie. Das kann eine ganz unschuldige – wenn auch selbstverständlich bloß natürliche – Freude am Lieblingsfach bedeuten; aber auch die Freuden des Hochmuts, Stolz auf die eigene Gelahrtheit und infolgedessen Verachtung für Außenseiter, die daran keinen Anteil haben, oder sogar eine krämerhafte Bewunderung für Studien, denen man Besoldung und gesellschaftliche Stellung verdankt.

Die Gefahr einer Entwicklung im zweiten Sinne wächst natürlich aufs Zehnfache, wenn das fragliche Studium von allem Anfang an als heilig abgestempelt ist. Dann tritt die Gefahr geistlichen Stolzes zur gewöhnlichen Haarspalterei und Einbildung hinzu. Manchmal (nicht oft) ist man froh, kein großer Theologe zu sein; man könnte sich dann leicht fälschlich für einen guten Christen halten. (…) Aber nicht diese Seite der Angelegenheit möchte ich hier unterstreichen – heute bedarf es dessen nicht. Lieber möchte ich mir von den Psalmen das Gute zeigen lassen, durch dessen Verderbnis jenes Schlechte entstanden ist.

Jedermann weiß, daß Psalm 119 dem Gesetze gewidmet ist, der längste der ganzen Sammlung. Und wahrscheinlich hat jedermann bemerkt, daß er in literarischer oder technischer Hinsicht am meisten durchgeformt und der kunstvollste von allen ist. Die Technik besteht darin, eine Reihe von Wörtern zu wählen, die im Rahmen dieses Gedichts alle mehr oder weniger synonym sind (‚Worte, Satzungen, Gebote, Weisungen‘ usw.), und sie in jedem der 22 Abschnitte von je acht Versen wieder erklingen zu lassen – Abschnitte, welche ihrerseits den Buchstaben des Alphabets entsprechen. (Altjüdischen Ohren mag das ein ähnliches Vergnügen bereitet haben wie uns die italienische Strophenform der Sestine, wo statt Reimen in jeder Stanze die gleichen Wörter in wechselnder Reihenfolge wiederkehren.) Mit anderen Worten: Dieses Gedicht ist nicht wie etwa Psalm 18 ein jäher Herzenserguß und will es auch nicht sein. Es ist ein kunstvolles Muster, entstanden in langen stillen Stunden, aus Liebe zum Fach und aus Freude an zweckfreiem, zuchtvollem Handwerk, wie eine Stickerei, Stich um Stich.

Das scheint mir an sich schon sehr wichtig, denn es gewährt uns Einblick in Geist und Stimmung des Dichters. Wir ahnen sogleich, er habe für das Gesetz Ähnliches wie für die Dichtung empfunden; beide heischen genaue und liebevolle Angleichung an ein schwieriges vorgeschriebenes Muster. Das legt eine Haltung nahe, aus der sich später der Begriff des Pharisäischen entwickeln konnte, die aber an sich zwar  nicht unbedingt religiös ist, aber doch ganz harmlos. Sie sieht für den, der dabei nicht mitgeht, nach Geziertheit oder Haarspalterei aus, braucht es aber nicht zu sein. Sie ist Freude an Ordnung, Vergnügen am Präzisen – wie am Tanzen eines Menuetts. Natürlich weiß der Dichter, daß etwas unvergleichlich Ernsthafteres als ein Menuett zur Frage steht. Auch weiß er darum, daß ihm selbst so vollendete Zucht schwerlich gelingen wird: ‚Ach wären doch meine Wege beständig, indem ich deinen Satzungen folge!‘ (5). Zur Zeit sind sie es nicht. Aber seine Anstrengungen entspringen nicht sklavischer Furcht. Die Ordnung des göttlichen Geistes, verkörpert im göttlichen Gesetz, ist schön. Kann man Besseres tun als sie im täglichen Leben soweit wie möglich darstellen? ‚An deinen Satzungen habe ich meine Lust‚ (16); über sie zu sinnen, ist ‚mehr als Besitz‘ (14); sie wirken wie Musik. ‚Lieder sind mir deine Satzungen‘ (54); sie munden wie Honig (103); sie gelten mehr als Gold und Silber (72). Je weiter einem die Augen geöffnet werden, um so mehr Wunder schaut man darin (18). Das ist weder Ziererei noch Skrupelhaftigkeit; es ist die Sprache eines von moralischer Schönheit Verzückten. Zu bedauern ist, wer diese Erfahrung nicht zu teilen vermag. Aber besser als die meisten von uns – so stelle ich mir gerne vor – wüßte ein chinesischer Christ – einer, dessen angestammte Kultur ihm ‚Lehrmeisterin zu Christus hin‘ gewesen – diesen Psalm zu schätzen; denn ein alter Gedanke jener Kultur will, das Leben müsse vor allem geordnet sein, und zwar als Spiegel der göttlichen Ordnung.

Aber noch ein zweites in diesem ernsten Gedicht kann uns weiterhelfen. An drei Stellen versichert der Dichter, das Gesetz sei ‚verlässig‘ oder ‚Wahrheit‘ (86, 138, 142). (Desgleichen 111,7: ‚Verlässig sind all seine Satzungen.‘) Henne übersetzt das Wort dreimal mit ‚Wahrheit‘: ‚wahr‘ im hebräischen Sinne ist etwas, worauf Verlaß ist. Ein moderner Logiker würde einwenden, das Gesetz sei ein Befehl und es sei sinnlos, einen Befehl ‚wahr‘ zu nennen; ‚die Türe ist geschlossen‘ kann wahr oder falsch sein, nicht aber ’schließ die Tür‘. Doch ich glaube, wir verstehen alle recht gut, was die Psalmisten sagen wollen: daß man nämlich im Gesetz die ‚echten‘, ‚richtigen‘ oder unerschütterlichen und fest gegründeten Anweisungen zum Leben findet. Das Gesetz gibt Antwort auf die Frage: ‚Wie hält der Jüngling seinen Pfad rein?‘ (119,9) Es ist Leuchte und Führer (105). Viele andere Lebensanweisungen wetteifern mit ihm, wie die heidnischen Kulturen rings um uns zeigen. Der Dichter, der die Weisungen oder Vorschriften Jahwes ‚wahr‘ nennt, drückt damit die Gewißheit aus, daß diese und nicht jene anderen ‚echt‘, ‚gültig‘ oder unangreifbar seien; daß sie auf dem Wesen der Dinge und dem Wesen Gottes beruhen.

Mit dieser Gewißheit stellt er sich in einer Streitfrage, die sehr viel später unter Christen entstanden ist, auf die rechte Seite. Im achtzehnten Jahrhundert gab es schreckliche Theologen, die behaupteten: ‚Gott hat nicht darum gewisse Dinge befohlen, weil sie recht sind, sondern gewisse Dinge sind recht, weil Gott sie befohlen hat.‘ Um seinen Standpunkt ganz unmißverständlich klarzumachen, sagte einer von ihnen sogar, zwar habe Gott nun einmal befohlen, Ihn und uns zu lieben; doch hätte Er uns genausogut befehlen können, Ihn und uns zu hassen; und dann wäre eben Haß das Rechte gewesen. Anscheinend war es reiner Zufall, wofür Er sich entschied. Eine solche Ansicht macht Gott zum willkürlichen Tyrannen. Es wäre besser und verstieße weniger gegen die Religion, an keinen Gott und keine Moral zu glauben, als sich zu einer solchen Moral und einer solchen Theologie zu bekennen. Natürlich diskutierten die Juden diese Frage nie in abstrakten und philosophischen Begriffen. Aber von Anfang an und ohne Wanken vertreten sie die richtige Ansicht und wissen mehr, als sie wissen. Sie wissen, daß der Herr (nicht bloß der Gehorsam Ihm gegenüber) ‚gerecht‘ ist und daß Er ‚rechtes‘ Tun befiehlt, weil Er es liebt (11,8). Er auferlegt das Gute, weil es gut ist, weil Er gut ist. Darum haben Seine Gesetze emeth, ‚Wahrheit‘, innere Geltung, auf Fels gegründete Echtheit, da sie in Seinem Wesen wurzeln, und sind daher so dauerhaft wie die von Ihm geschaffene Natur. Aber die Psalmisten selbst wissen es am besten zu sagen: ‚Gleich Gottesbergen ist deine Gerechtigkeit, dein gerechtes Walten wie das weite Meer‘ (36,7). Ihre Lust am Gesetz ist die Lust, auf festem Grund zu stehen; gleich der Lust des Wanderers, die harte Straße unter den Füßen zu spüren, nachdem ihn eine verräterische Abkürzung über lehmige Äcker lange Zeit in die Irre geführt hat.

Es gab nämlich andere Straßen, denen es an ‚Wahrheit‘ fehlte. Zu unmittelbaren Nachbarn, ihnen nach Rasse wie nach Lage nahe, hatten die Juden Heiden von der schlimmsten Sorte, Heiden, deren Religion sich durch keine Spur jener Schönheit oder (gelegentlichen) Weisheit auszeichnete, die wir bei den Griechen finden. Ein solcher Hintergrund ließ die ‚Schönheit‘ und ‚Süße‘ des Gesetzes um so vernehmlicher hervortreten; nicht zuletzt darum, weil diese benachbarten heidnischen Kulte für den Juden eine ständige Versuchung bedeuteten und in manchen Äußerlichkeiten seiner eigenen Religion nicht unähnlich waren. Die Versuchung bestand darin, in Schreckenszeiten – wenn zum Beispiel die Assyrer vorstießen – zu solchen grauenvollen Riten Zuflucht zu nehmen. Wir, die wir vor nicht allzu langer Zeit täglich die Invasion eines Feindes erwartet haben, der ähnlich den Assyrern für systematische Grausamkeit bekannt und darin geschult war – wir wissen, wie ihnen zumute gewesen sein mag. [Das Buch wurde nicht lange nach dem Zweiten Weltkrieg in England geschrieben.] Sie waren versucht – da der Herr taub schien -, jene grausigen Gottheiten anzugehen, die so viel mehr forderten und daher vielleicht auch mehr gewähren mochten. Betrachtete aber ein Jude solche Kulte zu glücklicherer Stunde oder ein besserer Jude sogar zu eben jener – dachte er an Tempelprostitution, Tempelsodomie und an die Kinder, die dem Moloch ins Feuer geworfen wurden -, so mußte ihm sein eigenes ‚Gesetz‘, wenn er sich ihm wieder zuwandte, in außergewöhnlichem Glanz erstrahlen. Süßer als Honig, oder sagen wir, die wir nicht so sehr aufs Süße versessen sind wie alle alten Völker (teils weil wir reichlich Zucker haben) und denen dieses Bild daher nicht paßt – sagen wir wie Quellwasser, wie frische Luft nach einem dumpfen Verließ, wie klare Vernunft nach einem Albtraum. Aber wieder einmal finden wir das beste Bild in einem Psalm, im neunzehnten.

Ich halte ihn für das großartigste Gedicht des Psalters und für eines der großartigsten Lieder der Welt. Die meisten Leser werden sich an den Aufbau erinnern: sechs Verse über die Natur, fünf über das Gesetz und vier Verse persönlichen Gebets. Die Worte selbst stellen keinen logischen Zusammenhang zwischen dem ersten und dem zweiten Teil her. Darin gleicht die Technik der modernsten Poetik. Ein moderner Dichter würde ähnlich unvermittelt von einem Motiv zum nächsten springen und es dem Leser überlassen, das Bindeglied zu finden. Aber er täte es vermutlich mit voller Überlegung; auch wo er es vorzieht, den Zusammenhang zu verbergen, dürfte er ihn klar bewußt im Sinne tragen und könnte ihn, wenn er wollte, in logischer Prosa darlegen. Ich bezweifle, daß es sich beim alten Dichter so verhielt. Ich glaube, er empfand, mühelos und ohne darüber nachzudenken, eine so enge Beziehung zwischen seinem ersten und dem zweiten Thema, ja eine solche Einheit (für die Phantasie), daß er vom einen zum andern glitt, ohne einen Übergang zu spüren. Zuerst denkt er an den Himmel: wie das prächtige Schauspiel, das er uns Tag für Tag bietet, die Herrlichkeit seines Schöpfers kündet. Dann denkt er an die Sonne, die bräutliche Freude ihres Aufgangs, die unvorstellbare Geschwindigkeit ihrer täglichen Reise von Ost nach West. Schließlich an ihre Hitze; natürlich nicht an die milde Hitze unseres Klimas, sondern an die von keiner Wolke gedämpften, blendenden, tyrannischen Strahlen, welche auf die Berge hämmern und jede Kluft ausloten. Die Angel, um die sich das ganze Gedicht dreht, ist der Satz: ‚Nichts entzieht sich ihrer Glut.‘ Diese dringt überallhin mit starkem, reinem Feuer. Dann plötzlich, in Vers 7, spricht er von etwas anderem, das ihm kaum etwas anderes scheint, so ähnlich ist es dem alles durchdringenden, alles enthüllenden Sonnenlicht. Das Gesetz ist makellos, macht hell die Augen, ist rein, hat dauernd Bestand, ist ’süß‘. Das läßt sich nicht übertreffen, und nichts kann uns mehr darüber verraten, was der Jude des Altertums vor dem Gesetz empfand: lichtvoll, streng, reinigend, triumphierend. Es bedarf kaum der Versicherung, dieser Dichter sei völlig frei von Selbstgerechtigkeit, und der letzte Abschnitt befaßt sich mit seinen ‚unbewußten Fehlern‘. Wie er es, vielleicht in der Wüste, mit der Sonne erfahren, die ihn in jedem Schattenwinkel, worin er sich vor ihr zu bergen suchte, aufgespürt hat, so erfährt er, wie das Gesetz alle Verstecke seiner Seele ausleuchtet.

Insofern diese Vorstellung von Schönheit, Süße oder Kostbarkeit des Gesetzes ihre Kraft aus dem Gegensatz zum benachbarten Heidentum schöpft, werden wir vielleicht bald Anlaß haben, sie zu erneurn. Der Christ lebt mehr und mehr auf einer geistigen Insel; neue und wetteifernde Lebensauffassungen umgeben ihn von allen Seiten, und ihre Flut gewinnt mit jedem Steigen an Boden. Noch ist keine dieser neuen Lebensweisen so schmutzig oder grausam wie manches semitische Heidentum. Aber viele von ihnen mißachten alle Rechte des einzelnen und sind schon grausam genug. Manche geben der Moral einen ganz neuen Sinn, den wir nicht übernehmen können; manche leugnen ihre Möglichkeit. Vielleicht lernen wir alle noch durch Schmerzen die klare Luft und die ’süße Vernünftigkeit‘ der christlichen Sittenlehre schätzen, welche uns in christlicheren Zeiten selbstverständlich wäre.“

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(James Tissot, Mose und Josua im Allerheiligsten. Quelle: Wikimedia Commons.)

Der heilige Antonius über die Unterscheidung der Geister

Ich bin gerade dabei, ein paar Arbeiten für die Uni zu schreiben, für die ich u. a. die Vita Antonii gelesen habe, die Biographie des heiligen Antonius (251-356 n. Chr.), die der heilige Athanasius von Alexandria (ca. 300-373 n. Chr.), der Antonius noch persönlich kannte, verfasst hat (hier online). Und was soll ich sagen: Dieses kurze Buch ist wirklich spannend. Und kann einem auch im eigenen geistlichen Leben weiterhelfen.

In einer längeren Rede, mit der Antonius, der ja einer der allerersten ägyptischen Wüstenmönche war, sich an andere Mönche richtet, um ihnen zu erklären, wie man den geistlichen Kampf gegen die Dämonen kämpft, findet sich eine Stelle, an der er erklärt, wie man dämonische Erscheinungen von Erscheinungen unterscheidet, die von Gott, den Engeln oder den Heiligen stammen. Jetzt ist es zwar bei uns weniger wahrscheinlich als bei einem Heiligen, dass wir es mit Visionen zu tun bekommen; aber man kann das, was er sagt, auch gut auf die alltäglichen Gedanken/Eingebungen anwenden, die einem z. B. beim Gebet kommen.

Also übergebe ich das Wort jetzt mal ohne weiteres Drumherumgerede an den heiligen Antonius bzw. seinen Biographen:

 

„[D]enn es ist leicht und gar wohl möglich, die Anwesenheit der Guten und Bösen zu unterscheiden, da Gott diese Gabe verleiht. Denn der Anblick der Heiligen bringt keine Verwirrung mit sich: ‚Nicht wird er streiten noch schreien noch wird jemand hören seine Stimme‘. Ihre Erscheinung erfolgt so ruhig und sanft, daß sogleich Freude und Fröhlichkeit und Mut in die Seele kommt. Denn mit ihnen ist der Herr, der unsere Freude ist, die Kraft aber ist die Gottes, des Vaters, die Gedanken der Seele aber sind ohne Verwirrung und Erregung; daher erblickt sie, von jener erleuchtet, die Erscheinungen. Sehnsucht nach dem Göttlichen und Zukünftigen überkommt sie, und sie will sich durchaus mit ihnen vereinigen, um mit ihnen von hier zu gehen. Wenn aber manche als schwache Menschen sich vor dem Gericht der Guten fürchten, dann nehmen die Erscheinenden rasch die Angst von ihnen durch ihre Liebe. So machte es Gabriel mit Zacharias, und der Engel, der am göttlichen Grabe den Frauen sich zeigte, und jener, der im Evangelium zu den Hirten sprach: ‚Fürchtet euch nicht!‘ Denn die Furcht vor ihnen entsteht nicht aus der Mutlosigkeit der Seele, sondern aus der Erkenntnis von der Gegenwart der Besseren. So verhält es sich mit der Erscheinung der Heiligen.

Der Ansturm und das Gesicht der Bösen aber ist voll Verwirrung, er erfolgt unter Getöse, Lärm und Geschrei wie das Getümmel von ungezogenen Jungen und Räubern. Daraus entsteht sogleich Furcht in der Seele, Verwirrung und Unordnung in den Gedanken, Scham, Hass gegen die Asketen, Sorglosigkeit, Schmerz, Erinnerung an die Verwandten, Furcht vor dem Tode; und dann Begierde nach dem Schlechten, Nachlässigkeit in der Tugend und Verschlechterung des Charakters. Wenn ihr ein Gesicht habt und euch fürchtet, die Furcht aber sogleich schwindet und dafür unaussprechliche Freude entsteht, Wohlbehagen und Mut und Erquickung, Ordnung in Gedanken und all das andere, von dem ich eben sprach, Mannhaftigkeit und Liebe zu Gott, dann seid frohen Mutes und betet; denn die Freude und der ruhige Zustand der Seele zeigen die Heiligkeit des Anwesenden. So frohlockte Abraham, als er den Herrn sah, und Johannes hüpfte vor Freude, als die Stimme der Gottesgebärerin Maria ertönte. Wenn aber bei manchen Erscheinungen Verwirrung entsteht, Lärm von außen, weltlicher Trug, Drohung mit dem Tode und dergleichen, was ich vorher nannte, so erkennt daran, daß der Angriff von Bösen kommt.

Auch dies soll euch ein Kennzeichen sein: wenn die Seele in Furcht verharrt, so ist das ein Beweis für die Gegenwart der Feinde. Denn die Dämonen nehmen die Furcht davor nicht weg, wie es der große Erzengel Gabriel bei Maria und Zacharias tat, und der, welcher in dem Grabe den Frauen erschien.“

(Vita Antonii, aus Kapitel 35-37)

Father William Doyle: Skrupel und ihre Behandlung

Aus: Father William Doyle SJ (1873-1917), „Scruples and their treatment“. Übersetzung von mir. Der zitierte Text ist nur ein kleiner Auszug aus Father Doyles Werk, das man hier (https://fatherdoyle.com/writings/) herunterladen kann. Sehr zu empfehlen!

 

„Generelle Überlegungen

Definition.

Skrupulosität ist generell eine unbegründete Angst davor, Sünden zu begehen.

Es gibt zwei Arten von Skrupeln: solche, die nur den Intellekt betreffen; solche, die auch die Empfindungen betreffen.

Rein intellektuelle Skrupel sind wirklich nur Zweifel. Man trifft sie vor allem bei aufrichtigen Seelen, die Selbstkontrolle ausüben und nicht gewohnheitsmäßig skrupulös sind. Sobald diese Seelen sich also moralisch sicher sind, dass der fragliche Akt nicht sündhaft ist, verschwindet der Skrupel. Diese Art von Skrupel ist harmlos,und muss nicht behandelt werden.

Das Gegenteil ist der Fall bei Skrupeln, die den niedrigeren Teil der Seele befallen (die Empfindungen). Durch den starken Eindruck auf die Sinne üben diese eine Macht aus, die der reinen Feststellung von Tatsachen widersteht. Solche Skrupel betreffen vor allem leicht beeindruckbare Seelen; tatsächlich ist es ihre emotionale Natur, die Skrupulosität erzeugt. Eine praktische Definition dieser Art von Skrupel wäre: eine unruhige, unbegründete Furcht, Sünde zu begehen, gesteigert durch die Eindrücke auf den niedrigeren Teil der Seele.

Ein Beispiel mag helfen, diese unterschiedlichen Arten von Skrupeln klar zu machen. Zwei Personen verlassen am Sonntagmorgen die Kirche, wobei sie fürchten, dass sie wegen ihrer vielen Ablenkungen nicht ihrer Verpflichtung nachgekommen sind, die Messe zu hören. Nachdem er ihre Zweifel angehört hat, beruhigt ihr Beichtvater sie beide. Allerdings ist nur eine gänzlich zufrieden. Die andere wird bald wieder unruhig, wird nervös, und fühlt einen fast unwiderstehlichen Drang, sich ganz sicher zu sein, entweder durch eine vollständigere Erklärung, oder dadurch, eine weitere Messe zu hören. Die erste dieser Personen hatte nur einen intellektuellen Skrupel, die harmlose Furcht einer treuen Seele; die zweite leidet an nervöser Furcht, die den empfindenden Teil der Seele aufwühlt, und einen wirklichen Skrupel verursacht.

[…]

 

Tödliche Effekte der Skrupulosität.

Skrupulosität deformiert das moralische Urteil vollkommen. Sie nimmt einem den gesunden Menschenverstand.

Sie hält ein Vergrößerungsglas vor das Auge des Gewissens, das den kleinsten Anlass zur Sorge groß macht, und lässt eine furchtsame Seele tausend Phantomsünden sehen, während sie sie durch falsche Schlussfolgerungen davon zu überzeugen versucht, dass diese unzweifelhafte Fehler sind.

Skrupulosität blockiert allen Fortschritt hin zur Vollkommenheit

Es ist eine fundamentale Wahrheit, dass wir Gott nicht lieben können, wenn wir nicht an Seine Liebe zu uns glauben. Skrupulosität unterdrückt einen solchen Glauben vollständig, und lähmt daher jede großzügige Anstrengung. Zu jedem Moment schafft sie Probleme zwischen der Seele und ihrem Schöpfer durch pessimistische Gefühle in Bezug auf die Vergangenheit und die gegenwärtigen Dispositionen und Handlungen [der Seele]. […]

Bald wird die Seele, die sich ernsthaft in einem schlechten Zustand glaubt, entmutigt, und beginnt oft, wirkliche Sünde zu begehen.

Auch wenn aus Skrupeln keine Sünde folgt, hemmt die Skrupulosität dennoch den Fortschritt der Seele auf verschiedenen anderen Wegen. Sie lässt das Gebet als voll von Schwierigkeiten erscheinen. Sie macht die Ohren der armen niedergedrückten Seele taub für die tröstende Stimme des Heiligen Geistes. Sie zerstört die Zuversicht. Sie verhindert den häufigen Empfang der Sakramente, und blockiert so ihre stärkenden Effekte. Sie nimmt fast die Kraft weg, Versuchungen zu widerstehen. Sie verursacht Entmutigung, und mag sogar zur Verzweiflung führen.

[…]

 

Spezielle Heilmittel

[…]

1. Zweifel dürfen nicht beachtet werden.

Die skrupulöse Seele darf keine Notiz von ihren Zweifeln nehmen, das heißt, sie muss alle zweifelhaften Gebote, Verbote oder Verpflichtungen, oder Ängste, gesündigt zu haben, bei denen der Grund der Angst zweifelhaft ist, als absolut null und nichtig ansehen.

Mehr als das. Sie muss alle Gebote, Verpflichtungen oder Ängste, gesündigt zu haben, die nicht absolut sicher sind, d. h. so offensichtlich, wie dass zwei und zwei vier ergeben, als zweifelhaft und somit als nicht bindend ansehen.

Wiederum muss sich eine solche Seele in der Beichte als frei ansehen, sich wegen in irgendeiner Weise zweifelhaften schweren Sünde anzuklagen oder nicht anzuklagen.

Auf dieselbe Weise darf sie sich die Anklage wegen schweren Sünden, die vielleicht schon einmal gebeichtet wurden, nicht als eine Verpflichtung aufbürden. Im Gegenteil, sie sollte sich mutig gegen eine solche Beichte stellen.

Des weiteren muss sie davon absehen, eine Beichte zu wiederholen, die vielleicht gut war, oder vielleicht schlecht, welchen Grund auch immer sie haben mag, daran zu zweifeln, dass sie in Ordnung war. Sie soll kein Unbehagen dabei haben, so zu handeln, da die Verpflichtung, diese zweifelhaften Beichten zu wiederholen, in sich selbst zweifelhaft und damit nicht bindend ist.

2. Glaube an die Leichtigkeit der Vergebung

Die skrupulöse Seele muss glauben, dass alle ihre Sünden jedes Mal sofort vergeben werden, wenn sie vollkommene Reue erweckt, oder die Absolution empfängt, selbst mit unvollkommener Reue. ‚Aber‘, mag gefragt werden, ‚wie soll ich sicher sein, dass ich diese Reue habe?‘

Skrupulanten sollen glauben, dass sie die notwendige Reue haben, wenn die Reue aufrichtig erweckt wird. Diese Aufrichtigkeit ist sicher, wenn der feste Vorsatz, nie mehr Todsünden zu begehen, selbst aufrichtig oder frei von Täuschung ist.

Gott wünscht so sehr um die Bekehrung der Sünder, dass Er die Bedingungen, die notwendig zur Vergebung sind, auf ein Minimum reduziert.

Er fragt nur nach dem gewöhnlichsten guten Willen, das heißt, dem einfachsten festen Vorsatz, keine Todsünden zu begehen.“

 

Original:

 

„General Considerations

Definition.

Scrupulosity, in general, is an ill-founded fear of committing sin.

There are two kinds of scruples: those which affect only the intelligence; those which affect also the sensitive will.

– Purely intellectual scruples are really only doubts. They are most frequently met with in straightforward souls, who exercise self-control and are not habitually scrupulous. As soon, therefore, as these souls become morally certain that the act in question is not sinful, the scruple vanishes. This kind of scruple is harmless, and needs no treatment.

– The contrary is the case with scruples which affect the inferior part of the soul (sensitive will). From the strong impression produced on the senses these draw a force which resists the mere statement of facts. Such scruples chiefly afflict impressionable souls; in fact, it is their emotional nature which engenders scrupulosity. A practical definition of this kind of scruple would be: an uneasy, ill-founded fear of committing sin, increased by the impressions made on the inferior part of the soul.

An example may help to make clearer these different kinds of scruples. Two persons leave the church on a Sunday morning, fearing that, owing to their many distractions, they have not complied with their obligation of hearing Mass. Having listened to their doubts, their confessor reassures both. However, one only is entirely satisfied. The other soon becomes troubled again, gets nervous, and feels an almost irresistible longing to be quite sure, either by fuller explanation or by hearing another Mass. The first of these persons had only an intellectual scruple, the harmless fear of a loyal soul; the second suffers from nervous fear, which stirs the sensitive part of the soul, and causes a real scruple.

[…]

 

 

Deadly Effects of Scrupulosity.

Scrupulosity completely deforms the judgment in moral matters. It takes away one’s common sense.

It places before the eye of conscience a magnifying glass, which enlarges the slightest cause of alarm, and makes a timid soul see a thousand phantom sins, whilst by false reasoning it seeks to persuade it that these are undoubted faults.

Scrupulosity stops all progress in perfection.

It is a fundamental truth that we cannot love God unless we believe in His love for us. Scrupulosity completely represses such a belief, and thus paralyses all generous effort.
At every moment it creates trouble between the soul and its Creator by pessimistic feelings about the past, and about its present dispositions and actions. […]

Soon the soul, seriously believing itself to be in a bad way, becomes discouraged, and often begins to commit real sin.

Even though sin does not follow from scruples, scrupulosity, nevertheless, retards the soul’s progress in several other ways. It represents prayer as full of difficulties. It stops the ears of the poor downcast soul to the consoling voice of the Holy Ghost. It destroys confidence. It prevents the frequentation of the Sacraments, and thus stops their strengthening effects. It almost takes away the power of resisting temptation. It causes discouragement, and may even lead to despair.

[…]

 

Particular Remedies.

[…]

1. Doubts must be Ignored.

The scrupulous soul must take no notice of his doubts, that is to say, he must regard as absolutely null and void all doubtful laws, prohibitions or obligations, or any fear of sin, if the motive of the fear be doubtful.

More than this. He must consider as doubtful, and consequently as not binding, all laws, obligations, or fears of having sinned, which are not absolute certainties, i.e., as self-evident as that two and two make four.

Again, in confession, such a soul must consider himself free to accuse or not accuse himself of mortal sin in any way doubtful.

In the same manner he must not impose on himself, as an obligation, the. accusation of mortal sins perhaps already confessed. On the contrary, he should boldly set his face against such a confession.

Furthermore, he must abstain from making a confession over again, which, perhaps, was good, or perhaps bad, whatever reason he may have to doubt of its being all right. Let him have no uneasiness in acting thus, since the obligation of making these doubtful confessions over again is in itself doubtful, and consequently not binding.

2. Belief in the Easiness of Forgiveness.

The scrupulous soul must believe that all his sins are forgiven immediately each time he makes an act of perfect contrition, or receives absolution, even with imperfect contrition.
‚But,‘ it may be asked, ‚how am I to be sure that I have this contrition?‘

The scrupulous may believe they have the necessary contrition when the act of contrition is made with sinerity. This sincerity is assured when the firm purpose of never sinning again mortally is itself sincere or free from deceit.

God so desires the conversion of sinners that He reduces to a minimum the conditions necessary for pardon.

He asks only the most ordinary good will, that is to say, the simplest firm purpose of not sinning mortally.“

 

 

Zu Gaudete

Ein Gastbeitrag von Nepomuk in Form einer Predigt zum Gaudete-Sonntag:

Freut euch allezeit im Herrn! Noch einmal sage ich: freut euch. (Phil 4,4)

Den heutigen Sonntag nennt man Gaudete, das heißt „Freut euch!“. Das kam im Introitus. Das kam in der Lesung. Und jetzt kommt’s auch in der Predigt schon wieder. Natürlich muß es hier um die Freude gehen.

Man könnte an dieses Thema naiv herangehen und sagen: freuen, das tun wir Christen uns ja sowiesó. Könnte man. Aber es wäre naiv. Man könnte dann noch naiver auf irgendwelche Statistiken eingehen, die irgendwie (vermutlich) nahelegen würden, daß die Gläubigen fröhlicher durchs Leben gehen als die Ungläubigen; wahrscheinlich ist das auch so. Ich habe die statistische Lage nicht geprüft, aber ich meine mich zu erinnern, daß es das immer heißt. Ich weiß freilich – offen gestanden – nicht, wie die Statistiker, wenn es diese Statistiken überhaupt gibt, zu ihren Ergebnissen kommen. Ob das irgendwelche Fragebögen sind? Wie aussagekräftig das ist? Hat einer geantwortet, wie er antworten soll, weil er weiß, daß er eigentlich Grund zur Freude hat? Damit müßte man sich wenndann im Detail beschäftigen; letztlich ist es aber, so denke ich, nicht so wichtig. Eines heißt es jedenfalls, die Gläubigen begehen seltener Selbstmord als die Ungläubigen. Aber liegt das daran, daß sie sich mehr freuen – oder doch ganz banal daran, daß sie an der moralischen Pflicht festhalten, aus ihrem Leben gerade dann nicht zu flüchten, wenn es wirklich unangenehm wird? (Natürlich ist die Pflicht eine des Naturrechts; de facto hält das aber wohl nur noch der Gläubige hoch.)

Man könnte an das Thema auch moralisierend herangehen; dann kommt in der Regel relativ bald der Spruch von Friedrich Nietzsche: „Erlöster müßten mir die Christen aussehen […] wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ Ich will keinen Hehl daraus machen, daß ich von diesem Sprüchlein – das nebenbei Nietzsche tatsächlich einmal gesagt hat, das in gefühlten 95 % aller Fälle, in denen es heute zitiert wird, aber von eifrigen Christen zitiert wird, immer beflissen, einander zu ermahnen: was, wenn wegen eines unterlassenen Lächelns ein Mensch sich nicht bekehrt, will jemand diese Verantwortung tragen usw.? – in dieser Verwendung nicht allzuviel halte.

Es gibt eine Pflicht, sich zu freuen; der Apostel schreibt das ja ausdrücklich. Ich komme darauf auch gleich zu sprechen. Aber einstweilen – diese gibt es, weil wir tatsächlich Grund zur Freude haben! Aber einen Atheisten mit Hang zur Verrücktheit, wie Nietzsche es war, der von unserem Glauben keine Ahnung, bloß oberflächliche Kenntnisse hat, der insbesondere von den Dingen, die dem Gläubigen auch tatsächlich schwer zu ertragen werden, denn es gibt sie, keine Ahnung hat, der ist der allerletzte, der uns zu sagen hätte, was unser Gefühl zu tun und zu lassen hat! Als ob die Freudigkeit oder fehlende Freudigkeit der Christen, von denen doch ohnehin klar ist, daß sie zum einen sündigen und zum anderen auch, wo das, was sie tun, immerhin keine Sünde ist, eher selten dem Bild des zum einen völlig perfekten, zum anderen „geisterfüllt“ (oder was man so nennt) auf Wolke sieben schwebenden „erlösten“ Menschen nahekommt. Das geht Nietzsche einen feuchten Dreck an!

Übrigens ist dieser auf Wolke sieben schwebende Charismatiker, dem wir sein Glück durchaus gönnen wollen, für den Katholiken entgegen der von gewissen religiösen Revival- und Pfingst- und wie-sie-nicht-alle-heißen-Bewegungen kolportierten Vorstellungen durchaus auch nicht das Ideal. Es gibt ja diese Vorstellung, der Heilige bekehre sich einmal in einer großen Bekehrungsaktion, und dann habe er natürlich hier und da die eine oder andere Anfechtung, aber im großen und ganzen sei er im Frieden. – Wie gesagt, wenn das dem einen oder anderen so geht, dann sei ihm das gegönnt. Aber es ist definitiv nicht der typische Lebenslauf der großen katholischen Heiligen; und wohl auch nicht der meisten ein paar Niveaus drunter anzusiedelnden Katholiken. Mit der Bekehrung, sei es daß sie durch ein plötzliches Ereignis kommt, sei es (was trotz aller das Gegenteil behauptenden Neuprotestanten durchaus möglich ist) daß ein als Kind Getaufter wirklich von Kindesbeinen an in den Glauben hineinwächst und natürlich für seine Sünden Buße tun, eine „typische“ Bekehrung aus dem Bilderbuch vom Unglauben zum Glauben aber gar nicht ablegen muß – damit jedenfalls geht der Glaubensweg erst so richtig los; geht auch der Kampf los; geht auch der Lauf, von dem der hl. Paulus schreibt, los. Der in diesen Tagen seinen Geburtstag für den Himmel feiernde Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz hat daran keinen Zweifel gelassen: auf diesem Weg kann es auch zu sogenannten Trockenheiten kommen, in denen der Mensch glaubt, aber die Tröstungen des Glaubens gar nicht spürt; und die hl. Mutter Teresa von Kalkutta hat nach ihrer ewigen Profeß fast das ganze weitere Leben das Martyrium einer solchen Trockenheit erdulden müssen.

Gerade in ebenso einer „Trockenheit“, können wir glaubich sagen, befand im Evangelium des vergangenen Sonntags sich ein anderer großer Heiliger, ein anderer hl. Johannes, eben der hl. Johannes der Täufer, von dem auch heute, wenngleich in anderem Zusammenhang das Evangelium berichtet.

Er sitzt da da, im Gefängnis, in das ihn sein konsequentes Eintreten für die Wahrheit und die rechte Moral – wofür übrigens? Dafür, daß er Herodes darauf hingewiesen hatte, daß geschiedene Leute nicht heiraten dürfen – gebracht hat; und jetzt sitzt er da. Auf Christus hat er hingewiesen; im heutigen Evangelium haben wir von seiner Prophetie gehört, die auf Christus verweist. Unmittelbar danach wird im Johannesevangelium berichtet, daß Christus zu Johannes kam und Johannes den Geist auf ihn herabkommen sah (es muß das bei der Taufe Christi gewesen sein, von der die Synoptiker berichten), und jetzt identifiziert Johannes ihn: Das ist er.

Im Evangelium vom letzten Sonntag ist wie gesagt einige Zeit vergangen; Johannes sitzt im Gefängnis und schickt Boten zu Christus: „Bist Du es denn jetzt, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ Glaubensfreude? Auf den ersten Blick Fehlanzeige.

(Nebenbei bemerkt haben sich nicht wenige Kirchenväter gedacht, ein Prophet irrt sich nicht und zweifelt auch an seiner Prophetie nicht; Johannes habe daher gar nicht an Christus gezweifelt, aber seine Jünger hätten es, und um diesen, nicht seinen eigenen, Zweifeln Ruhe zu verschaffen, habe er seine Jünger zu Christus geschickt, daß Er sie selber stille. So oder so: die Zweifel waren jedenfalls in der Welt.)

Christus antwortet darauf nach ein paar Sätzen, auf die ich noch eingehe, mit dem Lob des Hl. Johannes, als wollte er es den von dem protestantischen Gerede über die Stärke des Glaubensgefühls als Gradmesser der Festigkeit des Glaubens verunsicherten Menschen von heute ins Stammbuch schreiben, daß dieser Zweifel, ob ihn der hl. Johannes nun hatte oder ob es nur der seiner Jünger war, mit dem er sich aber in dem Fall unzweideutig solidarisierte, nicht heißt, daß einer ein schlechter Christ sei.

Auch in einem der beeindruckendsten Bücher des Alten Testaments, im Buch Ijob, von dem man bitte nicht einfach eine Zusammenfassung lese, sondern das man von vorn bis hinten durchlesend auf sich einwirken lassen sollte, wird Ijob nicht für die Klage getadelt, zu der er kein Recht habe. Man wird sich erinnern (weil man vielleicht doch schon eine Zusammenfassung gelesen hat): Ijob verliert alles, was er auf der Erden hat, auch seine Gesundheit und liegt da in Schmerzen und klagt, warum ihm das passiere, er habe es doch nicht verdient. (So ganz grob.) Drei Freunde sind da, Elifas, Bildad und Zofar, die sagen ihm dann, er müsse ganz einfach ein Sünder sein und außerdem stehe es ihm keineswegs zu, mit Gott zu rechten, er habe sich seiner Majestät einfach zu unterwerfen. (So ganz grob.) Im Grunde also predigen sie die Haltung, die heute der Islam einnimmt – wenn der auch sonst bisweilen schlecht informierte deutsche Denker Oswald Spengler behauptet, Ijob (und nicht die drei Freunde) sei der Prototyp des Moslems, dann stimmt das nicht. Nichtsdestoweniger ist die Rede der drei auch nicht ganz falsch, wenn sie auch hernach dafür getadelt werden. Nachher erscheint ein jüngerer Mann namens Elihu, der differenzierte Theologie betreibt; das ist schon hilfreicher, und er wird dafür nicht getadelt. Dann aber kommt die Hauptsache, dann tritt Gott selbst auf den Plan. Und was der nur überfliegende Leser ebenfalls für einen Tadel von seiten Gottes halten würde,

„Wer ist es, der den Plan verdunkelt / mit Worten, denen die Erkenntnis mangelt?
Umgürte Deine Lenden wie ein Mann; / ich will dich fragen, Du belehre mich!
Wo warst Du denn, als ich die Erde gründete? / Sag an, wenn Du so große Einsicht hast!“
und dann geht es so eine Weile weiter und dann kommt:
„und wer hat ihren Eckstein eingefügt,
als all die Morgensterne jauchzten / und alle Gottessöhne jubelten?“

– das ist gar kein Tadel. Gott beschreibt dann geradezu detailverliebt die Schönheit und den Detailreichtum Seiner Schöpfung, und wie Chesterton bemerkt, wird klar, daß die Gottessöhne wirklich etwas zu jubeln hatten, und daß Gott Hagelkörner aufbewahrt
„für den Tag des Kampfes und der Schlacht“,
und daß die Frevler (und nicht Ijob!) von der Erde geschüttelt werden würden.

Die Antwort Ijobs darauf scheint für viele oberflächliche Leser die Grundaussage des Buches zu sein:

„Sieh, zu gering bin ich. Was soll ich Dir erwidern? / Ich lege meine Hand auf meinen Mund.
Einmal hab‘ ich geredet, tu’s nicht wieder / sogar ein zweitesmal, doch fahre ich nicht fort.“

Auch die Haltung ist, versteht sich, nicht ganz falsch. Aber Grundaussage des Buches? Nichts dergleichen. Jetzt, wo, wenn das stimmte, Gott doch zufrieden sein müßte, jetzt gerade ändert sich auf einmal der Tonfall; jetzt kommt noch eine zweite Rede Gottes, und jetzt kommt Gott wirklich fast ein wenig zornig herüber!

„Willst du wirklich mir mein Recht zunichte machen/ mich schuldig sprechen, daß Du Recht behältst?“
Jetzt kommt die zweite Rede Gottes von seiner Hoheit und seiner Majestät, jetzt treten Nilpferd und Walfisch auf und so weiter. Und am Ende sagt Ijob dann:
„Ich weiß nun, daß Du alles kannst / und kein Gedanke Dir unmöglich ist.
Wer ist es, der den Rat verdunkelt ohne Einsicht? / So sprach ich im Unverstand von dem  / was mir zu wunderbar und unbegreiflich war.
So höre doch, ich will nun reden! / Ich will Dich fragen, Du belehre mich!
Vom Hörensagen nur hab ich von Dir gewußt / jetzt aber hat mein Auge Dich geschaut.
Drum leiste Widerruf ich und bereue / in Staub und Asche.“

„Ich weiß, daß mein Erlöser lebt / selbst wenn er sich als Letzter aus dem Staub erhebt“, hatte er vorher mitten in seiner Klage gesagt. Und er hatte Recht.

Johannes ließ anfragen: „Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“ So höre denn, ich will nun reden: ich will Dich fragen, Du belehre mich! Und Christus antwortet: „Berichtet ihm, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden auferweckt und den Armen wird das Evangelium verkündet. Und selig, der an mir keinen Anstoß nimmt.“

Das ist der Grund für unsere christliche Freude, daß unser Erlöser lebt und sich aus dem Staub erhoben hat.

Johannes fragte in einer Zeit der Unsicherheit, der Buße – er war ja Bußprediger – des Advents, der violetten Gewänder, der Erwartung der Ankunft Gottes in diese Welt. Ijob fragte in seiner persönlichen Unsicherheit, seiner Klage, seinem Leiden – in einer Zeit der violetten Gewänder, des Advents, der Erwartung der Ankunft Gottes in diese Welt. Und sie erhielten beide Antwort: Mit der Ankunft Gottes in diese Welt.

Darin freilich ist Johannes Ijob voraus: Dem Ijob erschien Gott, um ihn zu trösten: letztlich, um ihn damit zu trösten, daß Er da ist, daß die ganze Problemlage tatsächlich eine zum Himmel schreiende Problemlage ist und daß der Himmel antworten wird. Christus, Gott selbst, der Menschgewordene, ist die Antwort des Himmels – Er wird die Sünden der Welt – und damit letztlich auch die Sündenfolgen – hinwegnehmen. Johannes durfte mit den Worten „Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt“ auf ihn hinweisen (wieder: unmittelbar im Anschluß an das Evangelium von heute) – nachdem er es, bevor ihm gesagt wurde, daß Er es sei („auch ich kannte ihn nicht“ würde er sagen; persönlich kannte er Ihn schon, Er war sein Cousin, aber er wußte nicht, daß Er es sei), schon als adventlicher Prophet verkündet hatte.

Er, Christus, ist der Grund für unsere Freude; und deswegen hat der Herr Zelebrant heute ein rosanes Gewand an als aufgehelltes Violett.

Und was folgt nun für unser Verhalten daraus? Nein, nicht, daß wir nicht klagen dürften. Auch Ijob durfte. Auch Johannes durfte. Wohl aber wird man ganz pragmatisch sagen: wir sollten es damit nicht übertreiben.

Der Hl. Thomas von Aquin lehrt an einer Stelle, wenn uns die Traurigkeit übermannt, dann solle man ein heißes Bad nehmen (oder so ähnlich): Zur Freude gehört schon auch, daß wir uns nicht alleweil der Trübsal hingeben – und wenn so banale gewissermaßen „Techniken“ wie Baden, Duschen, lautes Singen von von rechter Fröhlichkeit erfüllten Liedern, zum Beispiel von religiösen, aber auch, anstatt dauerndem Vor-sich-hin-Gegrummel die Klage wirklich einmal auszusprechen, laut hinauszuschreien, zu weinen etc. – auch wenn es paradox klingt, aber das hilft in der Regel, zur Freude zurückzufinden – uns dabei helfen, dann können wir diese auch hernehmen. „Durch die äußeren Formen [gemeint: des katholischen Ritus] werden die inneren Haltungen sowohl ausgedrückt als auch hervorgebracht“, heißt es in der Erklärung der Alten Messe von Pater Martin Ramm; das ist das schlagende Argument gegen den von protestantischer und anderer Seite vorgebrachten Vorwurf, wir würden nur auf Äußerlichkeiten setzen; und was für den Ritus gilt, das gilt auch außerhalb.

Machen wir uns nichts vor! Aber scheuen wir uns auch nicht, die Haltung, die wir eigentlich in unserem Herzen, oder, wenn für jemanden das Wort „Herz“ zu sehr nach „Gefühl“ klingt: durchaus auch in unserem Kopfe, haben, laut zu äußern auch in der Hoffnung, daß wir unser eigenes Gemüt damit erst noch so überzeugen. Wie es die hl. Mutter Teresa gehandhabt hat: sie hat immer gelächelt – weil sie wußte, es gibt Grund zum Lächeln. Das war nicht unehrlich. Auch wenn das Lächeln mühevolle Arbeit war.

Und dann, klar, tun wir, wie der Hl. Paulus gesagt hat. „Euer gütiges Wesen sollen alle Menschen erfahren.“ Freude auszustrahlen ist selbst schon ein Akt der Gütigkeit; er macht den Mitmenschen das Leben angenehmer. Und so wie wir angelegt sind, wird zumeist nur mit Freude im Herzen es gelingen, Großes zu leisten, sei es in der Nächstenliebe, sei es anderweitig. „Du wirst es nicht zu Tücht’gem bringen / bei deines Grames Träumereien, / die Tränen lassen nichts gelingen; / wer schaffen will, muß fröhlich sein. // Wohl Keime wecken mag der Regen, / der in die Scholle niederbricht, / doch golden Korn und Erntesegen / reift nur heran bei Sonnenlicht.“ So, mit Recht, Theodor Fontane.

Und das geht ja auch. Denn, so Paulus: „Um nichts macht euch Sorgen; laßt vielmehr in jeder Lage eure Anliegen durch Bitten und Flehen – mit Dank! – vor Gott kund werden.“

Das ist der nächste praktische Hinweis: Scheuen wir uns nicht, unseren Herrgott mit Bittgebeten zu bestürmen! Wir wissen ja, daß er uns gibt, was wir brauchen.

Und vergessen wir das Dankgebet nicht. Denn was wir brauchen könnten, ist allenfalls ein kleiner Tropfen in dem Meer von dem, was er uns schon gegeben hat in der Schöpfung; was Er uns zuteil hat werden lassen in der Erlösung, in der Gnade, in Jesus Christus; und vor allem, um den Dank mit dem Gloria zu sagen: in bezug auf Seine eigene große Herrlichkeit: denn Er, das vollkommene Gute und die Ewige Schönheit, íst:

und wenn das für einen kein Grund zur Freude ist, dann ist er entweder seines Verstandes nichtmächtig oder ein Trottel.