Hymnen und Herr der Ringe

Mal wieder ein bisschen Musik! Ich habe vor einiger Zeit auf Youtube die Gruppe „Clamavi de Profundis“ entdeckt. Sie hat zwei Schwerpunkte: Vertonungen von Tolkiens Gedichten aus „Der Herr der Ringe“, „Der Hobbit“ usw. und christliche Lieder, i. d. R. Coverversionen von traditionellen Liedern, oder solche, die auf der Liturgie oder der Bibel basieren. Die Musik ist großartig; vor allem die lateinischen Lieder erinnern stark an gregorianische Gesänge. Without further ado, einige der schönsten Beispiele:

Die Totenklage um Boromir:

Die Klage um die Rohirrim:

Das Lied vom König unter dem Berg:

Das Marschlied der Ents:

„Roads go ever on“:

Eine lateinische Vertonung eines Texts aus dem Buch der Klagelieder:

Psalm 69,2 („Gott, komm mir zu Hilfe; Herr, eile, mir zu helfen“), auch auf Latein:

Ein von der Gruppe selbst geschriebenes Lied, auch lateinisch:

Ein englisches Lied zu Dreikönig:

Und noch ein Medley zu Weihnachten. Es enthält u. a. „Veni, veni Emmanuel“, „O tidings of comfort and joy“, „What child is this“ und „Hark, the herald angels sing“:

Wie man Heilige missdeuten kann, oder: Jeanne d’Arc als feministische Endzeit-Terroristin?

(Die hl. Jeanne d’Arc in einer Miniatur aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts; Bildquelle: Wikimedia Commons)

Letztens bin ich auf Youtube auf folgendes Lied gestoßen, das von der hl. Jeanne d’Arc handelt bzw. handeln soll:

 

I am as God made me, I have no desire

For a mouth at my breast, or a pot on the fire

I heed the higher voices, I go where I’m sent

To mow down the men who refuse to repent

I’m a scythe in a field full of briars

 

And they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

They’ll know me as Joan

 

The courage of Catherine, the flames of the forge

The sword of Saint Michael, the blood of Saint George

I take what I’m given, I follow my truth

I gladly abandon the bloom of my youth

I’m the lashing that falls from the scourge

 

And they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

They’ll know me as Joan

 

I fight where God tells me, I never ask why

I’ve bloodied the devil with steel from on high

I kill without consequence, heed no man’s law

I sift out the righteous like grain from the straw

I am judgment and Heaven is nigh

 

And they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

They won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

No, they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

No, they won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

 

They won’t call me mother, or sister, or wife

They will know me or not by the strength of my life

I will burn with a light of my own

They’ll know me as Joan

They’ll know me as Joan

 

Das ist nicht unsere Heilige, kann ich da nur sagen.

Diese Joan besteht stolz darauf, dass sie nicht als irgendeines Mannes Anhängsel bekannt sein will, sondern für ihre eigenen Taten; nun ist Jeanne d’Arc für ihre eigenen Taten bekannt – wie übrigens unsere heiligen Frauen generell –, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie gerade nicht darauf aus war, sich Ruhm und Anerkennung zu erwerben, als sie ihren Stimmen folgte. Das ist eine Heilige nämlich nicht, und auch kein Heiliger. Sie wollen Gott dienen, sie posaunen nicht überheblich ihre Berufung zu Höherem hinaus. Auch zeigen Heilige für gewöhnlich keine Verachtung für die niederen Aufgaben mit Kindern & Küche, wie hier gleich in der ersten Strophe demonstriert – selbst dann, wenn ihnen speziell diese Aufgaben nicht liegen.

Russische Ikone

Der hl. Benedikt der Mohr konnte offenbar mehr mit der Küche anfangen als „Joan“. Er gab sogar aus Demut den Posten als Novizenmeister wieder auf, auf den ihn seine Mitbrüder gewählt hatten, um dann wieder in der Klosterküche zu arbeiten. (Bildquelle: Ökumenisches Heiligenlexikon.)

Und dann sind da ja noch diese Zeilen, die eher auf Thomas Müntzer oder Jan van Leiden oder Oliver Cromwell passen würden als auf Jeanne d’Arc. (Oder meinetwegen noch auf Arnauld Amaury.)

Datei:Thomas Muentzer.jpg

(Thomas Müntzer (1489-1525), Kupferstich von Christoph van Sichem, 1608)

Nein, die Jungfrau von Orleans war keine verrückte Endzeitprophetin, die sich berufen fühlte, Gottes Gericht an den Sündern zu vollstrecken. Die Engel, die ihr erschienen, beauftragten sie, zu helfen, Frankreich im Hundertjährigen Krieg von den Engländern zu befreien, und mit diesem Anliegen ging sie zu Karl VII. Sie war eine mutige und heilige Kriegerin und französische Patriotin; und sie versuchte nicht, im Widerspruch zum Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Matthäus 13,24-30) die Erde von Sündern zu reinigen („I sift out the righteous like grain from the straw“), weil das Ende der Welt nahe sei („I am judgment and Heaven is nigh“).

(Zeitgenössische Zeichnung von Jeanne d’Arc im Protokoll des Parlaments von Paris, 1429, erstellt von Clement de Fauquembergue; Bildquelle: Wikimedia Commons)

„I kill without consequence, heed no man’s law“? Echt jetzt? Na ja, irgendwie ist es ganz interessant, wie wenig manche Leute auf einmal gegen fanatische Religionskrieger haben, wenn es sich um Frauen handelt.

IS, Terrormiliz, Syrien, Gefährder, Wolfsburg, LKA

(IS-Kämpferinnen; Bildquelle hier.)

Okay, immer trifft das auch nicht zu.

„Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen“

„Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew’gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.“

(aus: Heinrich Heine, „Deutschland. Ein Wintermärchen“, Caput I.)

Mit Heinrich Heine verbindet mich ja so eine Art Hassliebe. Seine schriftstellerische Genialität ist offensichtlich, sein Humor ebenso, Balladen wie „Loreley“ oder „Belsazzar“ sind toll; die inhaltliche Seite seiner politischen/weltanschaulichen Gedichte ist wieder was anderes. Wenn er etwa in „Zur Beruhigung“ bedauernd feststellt, dass die Deutschen zu wenig gewalttätig und revoluzzermäßig veranlagt seien, dann macht er das auf sehr (sehr!) witzige Weise, aber die Botschaft… na ja. Man hat manchmal Sympathie für seine Anliegen, aber seine Lösungen kann man nicht immer so ganz annehmen.

Ähnlich hier. Diese Art der Religionskritik, die man bei einem mit Marx befreundeten Dichter wohl erwarten kann, ist einem ja mittlerweile sattsam bekannt: Die Religion vertröstet auf ein besseres Jenseits, stellt die Erde als ein Jammertal dar, das man eben ertragen, nicht verbessern muss, und zementiert damit die Herrschaft der heuchlerischen Kirchenfürsten über das geplagte Volk.

Heine hat keine Ahnung von Bibel und Christentum, das ist das Problem, oder er verdreht einfach die Fakten.

Aquarellkopie des Basler Totentanzes von 1806 (Johann Rudolf Feyerabend) ()

(Aquarellkopie des Basler Totentanzes von 1806 (nach dem Fresko von ca. 1440), Quelle: Wikimedia Commons)

Das Lied von den „Freuden, die bald zerronnen / Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt / Verklärt in ew’gen Wonnen“, kurz, von der Endlichkeit des irdischen Lebens und der eigentlichen Wichtigkeit des ewigen Lebens, ist gerade eine Mahnung an Leute wie jene, die Heine als „die Herren Verfasser“ darstellt. Es enthält nämlich eigentlich nicht nur die Verheißung vom ewigen Lohn, sondern auch die Verheißung der ewigen Strafen, kurz, die Verheißung vom Gericht. Diese Welt hat nicht das letzte Wort; ein höherer Richter wird am Ende die Gerechtigkeit wiederherstellen, die Hochmütigen und Mächtigen und Heuchler vom Thron stürzen und die Niedrigen erhöhen. Das ist die Botschaft des Magnificats, die Botschaft von Jesu Gerichtsreden, die Botschaft des Jakobusbriefs, die Botschaft von Propheten wie Amos, Hosea, Jesaja… Die Bibel wurde eben nicht von den Mächtigen geschrieben. Und speziell das Mittelalter, obwohl auch die Mächtigen in dieser Zeit dann Christen waren, erinnerte übrigens alle weltlichen oder kirchlichen Mächtigen ständig daran: Auch euer Leben wird enden. Seht euch vor, was ihr tut. In sämtlichen Totentanzdarstellungen führt der Tod unterschiedslos auch Päpste, Könige, Kardinäle, Adlige mit sich; der Schriftsteller Dante steckt Päpste in seine Hölle. Ja, ich weiß, Heine konzentriert sich in seiner Kritik auf die Frohbotschaft, nicht auf die Drohbotschaft des Christentums. Vielleicht vernachlässigte der Klerus letztere zu seiner Zeit. Aber natürlich gehören Frohbotschaft und Drohbotschaft zusammen: Wenn ihr euch gut verhaltet (also z. B. eure Macht recht gebraucht), kriegt ihr dafür die ewigen Wonnen, wenn ihr dagegen zu schlecht seid… na ja. (Etwas platt dargestellt.) Heine scheint diese Botschaft komplett verpasst zu haben; diese völlige Unkenntnis des christlichen Gottes kommt etwa auch in „Die schlesischen Weber“ zum Vorschein.

(Fragment eines Totentanzes aus Tallinn, Replik nach dem Lübecker Totentanz, um 1500; Quelle: Wikimedia Commons)

Zu seiner eigentlichen Kritik. Verhindert die Lehre des Christentums Versuche, die Welt zu verbessern? Nö, richtig verstanden tut sie das gerade nicht. Wenn mittelalterliche Mönche gegen Zinswucher wetterten und Adlige dazu bewegten, in ihren Testamenten Spitäler zu stiften, um sich Zeit im Fegefeuer zu ersparen, veränderten sie ja wohl etwas. Und das Christentum ist natürlich dafür, die Welt so weit zu verbessern, wie es möglich ist. Es sieht dafür nicht alle Mittel als zulässig an, und es hält das irdische Wohl nicht für das höchste Ziel, aber ja, selbstverständlich ist es auch für rein materielle Weltverbesserung, und hat in der Hinsicht auch einiges erreicht. Wurden christliche Lehren im Lauf der Geschichte irgendwann mal in falscher Weise dafür gebraucht, Änderungen an ungerechten Systemen zu blockieren? Ja, natürlich. So wie zu allen Zeiten an sich gute Ideen oft dafür verdreht wurden, falsche politische Zustände zu rechtfertigen oder falsche politische Ziele durchzusetzen. Christliche Ideen wurden auch schon (trotz deren genereller Religionsfeindlichkeit) von Sozialisten zitiert. Und was die altbekannte Bibelstelle angeht: „Jeder ordne sich den Trägern der staatlichen Gewalt unter. Denn es gibt keine staatliche Gewalt außer von Gott; die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt“ (Römer 13,1): Paulus schrieb sie nicht als einer, der Wasser predigte und Wein trank und im Dienst der Obrigkeit von solchen Lehren profitierte, sondern als Angehöriger einer verfolgten Minderheit, der von der Obrigkeit hingerichtet werden sollte, und er schrieb sie auch nicht, um Ungerechtigkeiten zu rechtfertigen. (Und ja, seine Lehre hat grundsätzlich sehr wohl ihre Berechtigung – die staatliche Gewalt hat ihren Platz in der göttlichen Ordnung, da Anarchie der Gerechtigkeit entgegenstehen würde. Aber genauer dazu vielleicht ein andermal.)

Ach ja, was ist eigentlich mit denjenigen Herren Verfassern (ich nehme mal an, hier ist kollektiv der Klerus gemeint), die nicht heimlich Wein tranken? Heine muss von ihnen gewusst haben, von den Priestern, die während der Französischen Revolution Hinrichtung oder Deportation in die Kolonien auf sich nahmen, anstatt den Verfassungseid zu leisten oder ihr Priesteramt niederzulegen, den für ihre Weigerung, ihr Ordensleben aufzugeben, guillotinierten Nonnen von Compiègne, oder meinetwegen auch von all den Heiligen früherer Zeiten, die Klöster gegründet und Arme versorgt und asketisch gelebt hatten. Zählen die so gar nicht? Vor allem, da das Lied an sich schon gedichtet wurde, als die ursprünglichen Herren Verfasser eben so gar keine weltliche Macht hatten, sondern eher unter weltlicher Verfolgung litten, ganz am Anfang der Christenheit?

Guillaume Repin

(Darstellung des sel. Märtyrers Guillaume Répin (1709-1794) bei der Zelebration einer illegalen Messe im Wald, in einem Kirchenfenster in Saint-Louis-du-Champ-des-Martyrs of Avrillé, Quelle: Wikimedia Commons)

Das Problem hier ist wirklich, dass Heine einige Fakten entweder nicht kennt oder aber bewusst ignoriert. Vor allem folgende:

  • Es gibt Leid, an dem man nichts ändern kann, jedenfalls nicht durch die Umverteilung von Gütern. Etwa Krankheiten, für die noch keine Heilmittel gefunden wurden, oder auch Leid in zwischenmenschlichen Beziehungen, das unter Umständen schlimmer sein kann als materielles Leid (Einsamkeit, Verluste, Enttäuschungen durch andere Menschen, Mobbing…). Und, ich will nicht übermäßig pingelig werden, aber zu manchen Zeiten der Weltgeschichte wären die Leute sogar bei einer vollkommen gerechten Verteilung der Güter auch noch so einigem materiellen Leid ausgesetzt gewesen, zum Beispiel einfach deswegen, weil es nicht genug Güter gab. Vor der Neolithischen Revolution etwa, als die Menschen Jäger und Sammler waren und es noch wenig soziale Ungleichheit gab, gab es sicher mehr Leid durch Hunger, Durst, Kälte, Hitze, Verletzungen, Krankheiten als, sagen wir mal, im Deutschland des 21. Jahrhunderts. Wenn Heine schreibt „Es wächst hienieden Brot genug / für alle Menschenkinder“ dann hat er zwar sowohl für seine als auch für unsere Zeit wahrscheinlich schon Recht; hier ist tatsächlich bloß ungerechte Verteilung das Problem, wenn Leute hungern. (Und übrigens, entgegen anderslautender Gerücht, nicht Überbevölkerung! Entschuldigung, ich sollte beim Thema bleiben.) Aber wenn er dann auch noch „Schönheit und Lust“ erwähnt – da wird es eben schwieriger. Ich nehme das mal als Chiffre für ein angenehmes, genüssliches Leben. Das wird leider durch Wohlstand nicht garantiert. Eine Depression, ein manipulativer Partner, ein schwer behindertes Kind, oder auch eine persönliche Sinnkrise und Unzufriedenheit können da einen Strich durch die Rechnung machen.
  • Der Versuch, durch eine gewaltsame Revolution eine gerechte Welt zu erschaffen, ist in der Regel nicht erfolgreich oder schafft zumindest erst einmal viel Leid, bevor er irgendwelche Erfolge aufweisen kann. Heine hätte schon wissen können, dass auf die Französische Revolution zuerst Chaos und Gewalt und die „Schreckensherrschaft“, dann eine Militärdiktatur, und dann die Rückkehr des alten Königshauses folgten, auch wenn er die ganzen späteren Revolutionen des 20. Jahrhunderts noch nicht erlebt hatte. Ja, ich weiß, in diesen Versen speziell werden keine Methoden zur Erschaffung der besseren Welt erwähnt, aber anderswo wird deutlich, dass Heine nicht bloß für friedliche Reformen und gewaltlose Proteste war. Und das hat nicht funktioniert, wie wir heute sehr genau wissen. Die grundsätzliche Erwartung, eine völlig leidfreie Welt erschaffen zu können, hat natürlich niemals funktioniert, egal auf welchem Weg, wie schon oben gesagt. „Wir wollen hier auf Erden schon / das Himmelreich errichten.“ Funktioniert nicht. Mehrmals erprobt, funktioniert nicht.
  • ES GIBT DEN TOD. Oh, ja, Heine erwähnt den Tod schon. Ihm ist irgendwo bewusst, dass er existiert. Er meint nur, dass wir ihn zu ignorieren hätten. Aber er schreibt davon, ein Himmelreich zu errichten, und sein Himmelreich würde noch das Leid enthalten, das durch den Verlust eines Kindes, den Verlust der Eltern, den Verlust von Freunden, oder auch einfach durch die Aussicht auf die eigene Endlichkeit entsteht. Ich definiere „Himmelreich“ anders.

Die Existenz des Todes bedeutet noch etwas. Das kann ich wohl am besten mit einer Stelle aus G. K. Chestertons „Ballad of the White Horse“ ausdrücken. Hier gerät König Alfred bei einer Begegnung mit einer armen Frau (die ihn, der in den schweren Zeiten der Wikingerangriffe des 8. Jahrhunderts allein im Wald unterwegs ist, nicht erkennt, und deren Brote er später aus Versehen verbrennen lässt) ins Grübeln. Er denkt sich Folgendes:

„But in this grey morn of man’s life,
Cometh sometime to the mind
A little light that leaps and flies,
Like a star blown on the wind.

„A star of nowhere, a nameless star,
A light that spins and swirls,
And cries that even in hedge and hill,
Even on earth, it may go ill
At last with the evil earls.

„A dancing sparkle, a doubtful star,
On the waste wind whirled and driven;
But it seems to sing of a wilder worth,
A time discrowned of doom and birth,
And the kingdom of the poor on earth
Come, as it is in heaven.

„But even though such days endure,
How shall it profit her?
Who shall go groaning to the grave,
With many a meek and mighty slave,
Field-breaker and fisher on the wave,
And woodman and waggoner.

„Bake ye the big world all again
A cake with kinder leaven;
Yet these are sorry evermore—
Unless there be a little door,
A little door in heaven.“

Selbst wenn der Traum von Gerechtigkeit auf Erden jemals wahr werden sollte, fragt sich König Alfred, was wird es all denen nützen, die gelitten haben und gestorben sind, ohne diese Gerechtigkeit je erlebt zu haben? „Yet these are sorry evermore – / Unless there be a little door, / A little door in heaven.“ Heine scheint seine Botschaft tatsächlich für eine tröstende Botschaft zu halten („Ein neues Lied, ein besseres Lied! Es klingt wie Flöten und Geigen!“); dabei ist sie eher ein verzweifelter Notfallplan. Wenn es niemanden gibt, der am Ende die Gerechtigkeit für alle Menschen wiederherstellen und barmherzig alles zum Guten führen und Leben über diese Welt hinaus bieten wird, dann versuchen wir eben, aus dieser Scheißwelt hier das Beste zu machen und für die Menschen, die jetzt oder in Zukunft noch leben, so viel Glück wie möglich herauszuschlagen. Ich kann da keinen besonderen Anlass zur Freude entdecken.

Ein weiterer Punkt. Ich finde es sehr interessant, Heines Gedicht mit dem zweiten Kapitel aus dem Buch der Weisheit zu vergleichen: „Sie tauschen ihre verkehrten Gedanken aus und sagen: Kurz und traurig ist unser Leben; für das Ende des Menschen gibt es keine Heilung und man kennt keinen, der aus der Unterwelt befreit. Durch Zufall sind wir geworden und danach werden wir sein, als wären wir nie gewesen. Rauch ist der Atem in unserer Nase und das Denken ein Funke beim Schlag unseres Herzens; verlöscht er, dann zerfällt der Leib zu Asche und der Geist verweht wie dünne Luft. Unser Name wird mit der Zeit vergessen, niemand erinnert sich unserer Werke. Unser Leben geht vorüber wie die Spur einer Wolke und löst sich auf wie ein Nebel, der von den Strahlen der Sonne verscheucht und von ihrer Wärme zu Boden gedrückt wird. Unsere Zeit geht vorüber wie ein Schatten, unser Ende wiederholt sich nicht; es ist versiegelt und keiner kommt zurück. Auf, lasst uns die Güter des Lebens genießen und die Schöpfung auskosten, wie es der Jugend zusteht! Erlesener Wein und Salböl sollen uns reichlich fließen, keine Blume des Frühlings darf uns entgehen. Bekränzen wir uns mit Rosen, ehe sie verwelken. Keine Wiese bleibe unberührt von unserem Treiben, überall wollen wir Zeichen der Fröhlichkeit zurücklassen; denn dies ist unser Anteil und dies das Erbe. Lasst uns den Gerechten unterdrücken, der in Armut lebt, die Witwe nicht schonen und das graue Haar des betagten Greises nicht scheuen! Unsere Stärke soll bestimmen, was Gerechtigkeit ist; denn das Schwache erweist sich als unnütz.“ (Weisheit 2,1-11)

Hier wird aus der Grundeinstellung, dass man das jetzige Leben genießen sollte, gerade geschlossen, dass man nicht für eine bessere Welt für andere kämpfen, sondern andere ausnutzen sollte. Schließlich, was hat man am Ende davon, für andere gelitten zu haben oder vielleicht sogar gestorben zu sein? Keinen ewigen Lohn, nada. Auf „das alte Entsagungslied“, das „Auferopferung“ empfiehlt, braucht man also nicht zu hören. So kann Heines Botschaft auch verstanden werden.

Aber jetzt zu meinem eigentlich wichtigsten Kritikpunkt: Heine stellt sich nie die Frage, ob „das Eiapopeia vom Himmel“ eigentlich wahr sein könnte. Was, wenn es so ist? Wenn wir wirklich auf unsere wahre Heimat hoffen können? Es ist ihm gleichgültig. Es mag ja so sein; wenn, dann wäre das ja ganz nett, aber für jetzt braucht es uns nicht kümmern. „Und wachsen uns Flügel nach dem Tod, / So wollen wir euch besuchen / Dort oben, und wir, wir essen mit euch / Die seligsten Torten und Kuchen.“ (Wieso habe ich nur schon wieder den Eindruck, dass die Pfarrer, mit denen er zu tun hatte, die Fire-and-Brimstone-Predigten von den letzten Dingen eindeutig vernachlässigt haben?)

Und Heine verlangt dieselbe Gleichgültigkeit, die er hegt, vom Rest der Menschheit. „Den Himmel überlassen wir / Den Engeln und den Spatzen.“ Ja, aber wenn jemand das nicht will? Wenn jemand wissen will, ob es den Himmel gibt, ob es Gott gibt; wenn er sich für das Jenseits interessiert, und nicht nur für diese Welt? Dann ist bei Heine kein Platz für ihn. Wenn die Menschen einfach nicht damit zufrieden sind, sich einfach nur eine behagliche diesseitige Existenz einzurichten, sondern beharrlich nach mehr verlangen, dann passen sie nicht ins Bild.

Wir Christen haben uns unsere Überzeugungen vom ewigen Leben ja auch nicht aus den Fingern gesogen, und das ist auch nichts, was es schon immer in allen Religionen gegeben hätte. Die alten Griechen rechneten nur mit dem Hades, und auch die alttestamentlichen Israeliten wussten zunächst nur von einer dunklen Unterwelt, dem Scheol, und erst langsam kam die Hoffnung auf, dass es eine Auferstehung aus dieser Unterwelt geben werde. (Die Idee vom Scheol ist übrigens nicht falsch – wir nennen ihn heute den Limbus Patrum. Er war der „Aufenthaltsort“ der vor dem Kreuzestod Jesu gestorbenen gerechten Seelen, die nicht bestraft wurden, aber auch noch nicht Gott schauen konnten, bis Jesus sie herausführte.) Jesu Auferstehung begründete dann den Glauben der Christen. Er beruht auf einem historischen Faktum, auf Gottes Offenbarung.

Okay. Zusammenfassend möchte ich hauptsächlich sagen: Manchmal ist die Welt einfach ein Jammertal, und dann ist es okay, sie auch so zu bezeichnen. Und es ist okay, auf die bessere Welt, unsere eigentliche Heimat, den Himmel, zu hoffen, weil es ihn gibt. In diesem Sinne:

I’m just a poor, wayfaring stranger,

Travelling through this world below.

There’s no sickness, no toil or danger

In that bright light to which I go.

I’m going there to see my father

And all my loved ones who’ve gone on.

I’m just going over Jordan,

I’m just going over home.

I know dark clouds will gather round me,

I know my way is hard and steep.

But beautious fields arise before me

Where God’s redeemed their vigils keep.

I’m going there to see my mother,

She said she’d meet me when I come.

I’m just going over Jordan,

I’m just going over home.

I’m just a poor wayfaring stranger,

Travelling through this world below.

There’s no sickness, no toil or danger

In that bright light to which I go.

I’m going there to see my father

And all my loved ones who’ve gone on.

I’m just going over Jordan,

I’m just going over home.

Immer noch genial

Lutheran Satire‘s Parodie von Do they know it’s Christmas, die letztes Jahr zur Weihnachtszeit veröffentlicht wurde:

Der Vikar und Mr. Thompson sind auf das Problem aufmerksam geworden, dass die Leute im 21. Jahrhundert keine Ahnung mehr von der Bedeutung von Weihnachten haben und suchen nach einer Lösung.

Vicar: Raise awareness? What does that mean?

Mr. Thompson: Ah, yes. That’s the term that people in the future use for when you’re too lazy to actually fix the problem, so you just tell yourself that publicly whining about it is good enough.

Und genau das machen sie dann auch, mit der Hilfe aller anderen Lutheran-Satire-Figuren, und mit der Verfremdung eines grässlichen 80er-Jahre-Wohltätigskeitprojekt-Weihnachtssongs.

[Ich muss mir das Original jedes Jahr in der Weihnachtszeit anhören, da ein Elternteil ein Fan ist, daher hat mir diese Überarbeitung von Lutheran Satire besonders gefallen. Für alle, die das Glück haben, das Lied von 1984 nicht zu kennen, hier noch dessen Text:

It’s Christmas time, and there’s no need to be afraid

At Christmas time, we let in light and we banish shade

And in our world of plenty, we can spread a smile of joy

Throw your arms around the world at Christmas time

But say a prayer to pray for the other ones

At Christmas time, it’s hard, but when you’re having fun

There’s a world outside your window

And it’s a world of dread and fear

Where the only water flowing is the bitter sting of tears

And the Christmas bells that ring there

Are the clanging chimes of doom

Well, tonight, thank God it’s them instead of you

And there won’t be snow in Africa this Christmas time

The greatest gift they’ll get this year is life

Where nothing ever grows, no rain or rivers flow

Do they know it’s Christmas time at all?

Here’s to you, raise a glass for everyone

Here’s to them underneath that burning sun

Do they know it’s Christmas time at all?

Feed the world

Feed the world

Feed the world,

let them know it’s Christmas time

And feed the world

let them know it’s Christmas time

And feed the world

let them know it’s Christmas time

And feed the world

let them know it’s Christmas time…

Schon ein wenig… over the top… nicht wahr?]

Das Video ist ja wirklich sehr witzig (also sehr sehr witzig!), aber…

…in der Filmversion von Disney ist Claude Frollo kein Kleriker! Was ich übrigens gar nicht schlecht gemacht finde, da meiner Erfahrung nach Laien immer wieder die größeren Fanatiker sein können als jeder Priester oder Bischof. Wieso bitteschön halten so viele Leute einen katholischen Fanatiker in einer schwarzen Robe so automatisch für einen Priester? Noch dazu, wenn er ausdrücklich als Richter bezeichnet wird? Leute, merkt euch das: Laien können das auch.

Und außerdem ist der weiße Streifen am Kragen (der Kollar) zu breit.

[Spoiler alert am Ende, was die Romanversion von „Der Glöckner von Notre Dame“ angeht!]

 

Hier übrigens zum Vergleich noch das Originalvideo aus dem Disneyfilm:

Eine Entdeckung: Ja, Blockflöten können schön klingen.

Wenn man Berufsmusiker unter seinen Facebook-Bekanntschaften hat, kann man die erstaunlichsten Entdeckungen machen. Wirklich erstaunliche, meine ich. Zum Beispiel die, dass Blockflöten nicht erfunden worden sind, um die unschuldigen Besucher von Kindergottesdiensten zu quälen, die sich das anhören müssen, was das Kindergottesdienstvorbereitungsteam mit ein paar Siebenjährigen zusammen fabriziert hat, und auch nicht, um die unschuldigen Kinder selber zu quälen, die erst die Blockflöte lernen müssen, bevor ihre Eltern sie an Klavier, Schlagzeug oder Geige lassen. Nein; Blockflöten können wunderschön klingen.

Man höre sich das mal an! Gänsehaut! Man fühlt sich nicht wie in der dritten Bankreihe hinter dem Kinderchor, sondern wie in archaischen Zeiten, wie in einer anderen Welt, wie bei Pan, dem Gott der Hirten, wie bei den Elfen, wie in der Höhle eines Fauns im Lande Narnia…

Die wahre Liebe des Jesus von Nazareth

(Eins verrate ich gleich: Es ist nicht Maria Magdalena!)

Eins meiner Lieblings-Kirchenlieder ist „Tomorrow shall be my dancing day“:

Der Text dieses Liedes stammt wohl bereits aus dem England des späten Mittelalters; die Melodien, die man in den Youtube-Videos dazu hört, dagegen aus dem 19. Jahrhundert (oder von später). Aus dieser Zeit stammt wahrscheinlich auch der Brauch, das Lied zu Weihnachten zu singen und einen großen Teil der Strophen wegzulassen, damit es eben so einigermaßen als Weihnachtslied durchgehen kann, und es den Leuten nicht auffällt, dass es eigentlich zu einem Passionsspiel gehört; jedenfalls gehört es das laut Wikipedia wahrscheinlich, und so ergibt der Text, in dem übrigens Jesus in der Ich-Perspektive spricht, auch ehrlich gesagt am meisten Sinn. Vollständig lautet er:

Tomorrow shall be my dancing day;

I would my true love did so chance

To see the legend of my play,

To call my true love to my dance.

Sing, oh! my love, oh! my love, my love, my love,

This have I done for my true love.

Then was I born of a virgin pure,

Of her I took fleshly substance

Thus was I knit to man’s nature

To call my true love to my dance.

 

Sing, oh! my love, oh! my love, my love, my love,

This have I done for my true love.

In a manger laid, and wrapped I was

So very poor, this was my chance

Between an ox and a silly poor ass

To call my true love to my dance.

 Sing, oh! my love, oh! my love, my love, my love,

This have I done for my true love.

Then afterwards baptized I was;

The Holy Ghost on me did glance,

My Father’s voice heard I from above,

To call my true love to my dance.

Sing, oh! my love, oh! my love, my love, my love,

This have I done for my true love.

Into the desert I was led,

Where I fasted without substance;

The Devil bade me make stones my bread,

To have me break my true love’s dance.

Sing, oh! my love, oh! my love, my love, my love,

This have I done for my true love.

The Jews on me they made great suit,

And with me made great variance,

Because they loved darkness rather than light,

To call my true love to my dance.

Sing, oh! my love, oh! my love, my love, my love,

This have I done for my true love.

For thirty pence Judas me sold,

His covetousness for to advance:

Mark whom I kiss, the same do hold!

The same is he shall lead the dance.

Sing, oh! my love, oh! my love, my love, my love,

This have I done for my true love.

Before Pilate the Jews me brought,

Where Barabbas had deliverance;

They scourged me and set me at nought,

Judged me to die to lead the dance.

Sing, oh! my love, oh! my love, my love, my love,

This have I done for my true love.

Then on the cross hanged I was,

Where a spear my heart did glance;

There issued forth both water and blood,

To call my true love to my dance.

Sing, oh! my love, oh! my love, my love, my love,

This have I done for my true love.

Then down to hell I took my way

For my true love’s deliverance,

And rose again on the third day,

Up to my true love and the dance.

Sing, oh! my love, oh! my love, my love, my love,

This have I done for my true love.

Then up to heaven I did ascend,

Where now I dwell in sure substance

On the right hand of God, that man

May come unto the general dance.

Sing, oh! my love, oh! my love, my love, my love,

This have I done for my true love.

Hier wird also das Heilsgeschehen und insbesondere Jesu Tod als Tanz beschrieben.

„Tomorrow shall be my dancing day / I would my true love did so chance / to see the legend of my play / to call my true love to my dance“ heißt es in der ersten Strophe; etwa: Morgen soll mein Tanztag sein / ich wünschte mir, meine wahre Liebe würde die Gelegenheit ergreifen / die Geschichte meines Spiels zu sehen / ich wünschte mir, meine wahre Liebe zu meinem Tanz zu rufen. [„Legend“ konnte übrigens einfach etwas zu Lesendes, also Text oder Geschichte, bedeuten, so nämlich die wörtliche Bedeutung (legere = lesen), nicht zwangsläufig einen Mythos oder eine Sage. „Play“ würde ich mit Theaterspiel, Theaterstück oder etwas in der Richtung übersetzen, da das Leben und die Welt im Allgemeinen früher oft mit einem Theater verglichen wurden, in dem jeder seine besondere Rolle zu spielen hatte („Weltbühne“ usw.); solche Vergleiche kann man z. B. auch bei Shakespeare lesen, der ja örtlich und zeitlich nicht allzu weit von der Entstehung dieses Liedtextes entfernt ist. Außerdem ist der Text dann wieder doppeldeutig, da sich „play“ auf Jesu ursprüngliches Leben und gleichzeitig auf ein darüber aufgeführtes Theaterstück beziehen kann, was zum Sinn des Liedes passt. Bei der Übersetzung der letzten Zeile war ich mir nicht ganz sicher, worauf sie sich bezieht – ist das Spiel dazu da, zum Tanz zu rufen, oder sollte man es so übersetzen, wie ich es oben getan habe?]

Die erste Strophe heißt also jedenfalls übersetzt: Liebe Christen, kommt doch alle zum Passionsspiel, wenn es jetzt vor Ostern aufgeführt wird, und zwar, um zu sehen was euer göttlicher Bräutigam für euch getan hat.

Das Lied scheint zum Anfang eines solchen Mysterien- oder Passionsspiels zu gehören, wie sie vor allem im späten Mittelalter und auch noch in der Frühen Neuzeit oft aufgeführt wurden. (Es gibt sie natürlich auch heute noch, aber sie spielen keine so wichtige Rolle mehr in der Kirche – leider, meiner Ansicht nach.) Jesus blickt zurück auf sein irdisches Leben, seinen Tod, seine Auferstehung und seine Himmelfahrt und voraus auf den großen Tanz – den „general dance“, den allgemeinen Tanz – im Himmel, zu dem er die Menschen ruft, die noch auf der Erde leben. „Morgen“ („mein Tanztag“) bezieht sich wohl auf den Karfreitag; den jährlich wiederkehrenden Karfreitag, an dem das Passionsspiel aufgeführt wird, das die ursprüngliche Passion, den eigentlichen Beginn des Tanzes, wieder ins Leben ruft.

Für die Kirche – Kirche im Sinn aller Christen – gibt es verschiedene Titel. Einer der bekanntesten ist „Braut Christi“.

Der Apostel Paulus schreibt im Epheserbrief: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos. Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche.“ (Epheser 5,25-32) Und im 2. Korintherbrief schreibt er: „Denn ich liebe euch mit der Eifersucht Gottes; ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu Christus zu führen.“ (2 Korinther 11,2) Die Kirche als die Braut Christi zu bezeichnen, hat von daher ziemlich lange Tradition. Auch Jesus selber spricht in den Evangelien bildlich von sich als dem „Bräutigam“: In der Antwort auf die Frage der Johannesjünger, wieso Jesu Jünger, anders als sie und die Pharisäer, nicht fasteten: „Können denn die Hochzeitsgäste trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam genommen sein; dann werden sie fasten.“ (Mt 9,15) Im Gleichnis von den zehn Jungfrauen, die als eine Art Brautjungfern dem Bräutigam entgegengehen, in Mt 25,1-13. Im Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl („Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der die Hochzeit seines Sohnes vorbereitete.“) in Mt 22,1-14. Dasselbe bezeugt Johannes der Täufer: „Ihr selbst könnt mir bezeugen, dass ich gesagt habe: Ich bin nicht der Messias, sondern nur ein Gesandter, der ihm vorausgeht. Wer die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabeisteht und ihn hört, freut sich über die Stimme des Bräutigams. Diese Freude ist nun für mich Wirklichkeit geworden. Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden.“ (Joh 3,28-30)

Und diese allegorische Tradition hat nicht einmal erst mit dem Christentum begonnen: Im Alten Testament wird die Beziehung Gottes zu seinem Volk Israel andauernd mit einer Ehe verglichen: „Ich traue dich mir an auf ewig; ich traue dich mir an um den Brautpreis von Gerechtigkeit und Recht, von Liebe und Erbarmen, ich traue dich mir an um den Brautpreis meiner Treue: Dann wirst du den Herrn erkennen.“ (Hosea 2,21-22). (Dieser Vergleich wurde übrigens dann auch dahingehend gedeutet, dass das Anbeten anderer Götter dann logischerweise mit Ehebruch gleichzusetzen war; eben etwa beim Propheten Hosea, der auf Gottes Geheiß hin eine Prostituierte heiratet, die ihm auch später noch untreu ist: „Der Herr sagte zu Hosea: Geh, nimm dir eine Kultdirne zur Frau und (zeuge) Dirnenkinder! Denn das Land hat den Herrn verlassen und ist zur Dirne geworden. Da ging Hosea und nahm Gomer, die Tochter Diblajims, zur Frau; sie wurde schwanger und gebar ihm einen Sohn.“, Hosea 1,2f.; „Der Herr sagte zu mir: Geh noch einmal hin und liebe die Frau, die einen Liebhaber hat und Ehebruch treibt. (Liebe sie) so, wie der Herr die Söhne Israels liebt, obwohl sie sich anderen Göttern zuwenden und Opferkuchen aus Rosinen lieben.“, Hosea 3,1. (Eine wunderbare Bibelstelle.) Oder in Ezechiel 16: „Ich leistete dir den Eid und ging mit dir einen Bund ein – Spruch Gottes, des Herrn – und du wurdest mein. […] Mit Gold und Silber konntest du dich schmücken, in Byssus, Seide und bunte Gewebe dich kleiden. Feinmehl, Honig und Öl war deine Nahrung. So wurdest du strahlend schön und wurdest sogar Königin. Der Ruf deiner Schönheit drang zu allen Völkern; denn mein Schmuck, den ich dir anlegte, hatte deine Schönheit vollkommen gemacht – Spruch Gottes, des Herrn. Doch dann hast du dich auf deine Schönheit verlassen, du hast deinen Ruhm missbraucht und dich zur Dirne gemacht. Jedem, der vorbeiging, hast du dich angeboten, jedem bist du zu Willen gewesen. Du hast deine bunten Gewänder genommen und dir an den Kulthöhen ein Lager bereitet und darauf Unzucht getrieben.“ (Ezechiel 16,8.13-16; Anmerkung: Diese Metapher bot sich auch deshalb an, da zu einigen der verschiedenen heidnischen Götterkulte auch Tempelprostitution gehörte (und übrigens, wie an späterer Stelle in Ezechiel 16 beschreiben, teilweise auch Menschenopfer – „Du hast deine Söhne und Töchter, die du mir geboren hast, genommen und ihnen als Schlachtopfer zum Essen vorgesetzt. War dir dein unzüchtiges Treiben noch nicht genug? Musstest du auch noch meine Söhne schlachten, um sie ihnen darzubringen und für sie durch das Feuer gehen zu lassen?“, Ezechiel 16,20f.)))

Ganz besonders wird diese Beziehung Gott – Volk Gottes auch im Hohenlied deutlich, das sich in seinen kurzen acht Kapiteln allein diesem Thema widmet. „Alles an dir ist schön, meine Freundin; kein Makel haftet dir an. Komm doch mit mir, meine Braut, vom Libanon, weg vom Libanon komm du mit mir! […] Verzaubert hast du mich, meine Schwester Braut; ja verzaubert mit einem [Blick] deiner Augen, mit einer Perle deiner Halskette.“ (Hohelied 4,7-9)

Und die Kirche ist ja schließlich das Volk Gottes des Neuen Bundes, das neue Israel, das aus Juden und Heiden zusammengesetzt ist. [Juden und Heiden hier im ethnischen Sinne. Heute besteht die Kirche zwar zum großen Teil aus Heidenchristen, aber einige Judenchristen gibt es ja auch noch (der 2007 verstorbene Pariser Kardinal Lustiger wäre ein bekanntes Beispiel); in ihrer frühesten Zeit herrschte das umgekehrte Verhältnis, aber da es auf der Welt einiges mehr an Heiden als an Juden gab und gibt, und ja auch nicht alle Juden Christen wurden bzw. sind, drehte es sich bald.]

Also ist das Verhältnis der Kirche, d. h. der Gemeinschaft aller Christen, zu Jesus wie das Verhältnis einer Braut zu ihrem Bräutigam, und dasselbe kann man auch von jedem Christen als Einzelnem sagen. Auch in der Offenbarung des Johannes steht schon wieder dasselbe: „Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem“, schreibt Johannes, „von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.“ (Offenbarung 21,2) (Jerusalem steht pars pro toto für Israel, das neue Jerusalem daher für das neue Israel.) Im selben Buch ist auch die Rede vom „Hochzeitsmahl des Lammes“. „Denn gekommen ist die Hochzeit des Lammes und seine Frau hat sich bereit gemacht. Sie durfte sich kleiden in strahlend reines Leinen. Das Leinen bedeutet die gerechten Taten der Heiligen. Jemand sagte zu mir: Schreib auf: Selig, wer zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen ist.“ (Offb 19,7-9)

Um wieder zu dem Lied zurückzukommen: Den Tod mit der Allegorie des Tanzes zu beschreiben, kann einen zunächst an die spätmittelalterlichen Totentanzbilder denken lassen, aber bei näherer Betrachtung wird einem schnell der Unterschied auffallen. Beim Totentanz wird die Macht des Sensenmanns gezeigt, alle Menschen unterschiedslos zu seinem Tanz zu führen (nach seiner Pfeife tanzen zu lassen, sozusagen): Arme und Reiche, Untertanen und Könige, Bettler, Bauern, Händler, Priester, Päpste. Hier dagegen wird das Bild des Tanzes einfach deshalb verwendet, weil Tanz für Liebe steht. Und weil Jesus aus Liebe gelitten hat und gestorben ist – „for my true love’s deliverance“, für die Erlösung meiner wahren Liebe. (Unter Tanzen verstand man damals offensichtlich keine vorgeführten Tänze, wie Hip-Hop oder Ballett, sondern Paartänze, insbesondere Paartänze in Gruppen – was auch dazu passt, dass vom Führen des Tanzes gesprochen wird. (Z. B. an der Stelle, wo Judas spricht: „Mark whom I kiss, the same do hold! / The same is he shall lead the dance.“ – Seht, wen ich küsse, diesen nehmt fest! Dieser ist es, der den Tanz anführen soll. Oder eine Strophe weiter: „They […] judged me to die to lead the dance.“ – Sie verurteilten mich, zu sterben, um den Tanz anzuführen.))

Deshalb wird zwar auch der Tanztag, der Karfreitag, besonders hervorgehoben, aber der große Tanz dauert eigentlich schon Jesu ganzes Leben lang an. Alles, was Jesus tut und was Er leidet, tut und leidet Er aus Liebe. Und diese Liebe wird ihre Vollendung im Jenseits finden; am Ende geht der große Tanz im Himmel weiter – dort, wo es kein Leiden mehr gibt, aber Liebe in Fülle. Zu diesem Tanz ruft Jesus seine wahre Liebe, das heißt jeden einzelnen; Er ruft sie von seinem Kreuz herab; Sein Tod ist, wenn man diesen Teil des Liedes so interpretieren will, noch nicht der Tanz selbst, sondern der Ruf dazu: „Then on the cross hanged I was, / Where a spear my heart did glance; / There issued forth both water and blood, / To call my true love to my dance.“ [Dann wurde ich ans Kreuz gehängt, / Wo eine Lanze mein Herz durchbohrte; / Daraus strömten Wasser und Blut hervor, / Um meine wahre Liebe zu meinem Tanz zu rufen.] Das Wasser hier wird wohl Lungenflüssigkeit gewesen sein; jedenfalls wurde dieser Vers über Wasser und Blut immer auch als eine geheimnisvolle Vorausdeutung auf die zentralen Sakramente der Taufe und der Eucharistie gelesen, die zum Eingang in die Kirche gehören, also sozusagen zur Hochzeitsfeier mit Jesus Christus. Der Tod und die Auferstehung Jesu werden in jeder hl. Messe wieder gegenwärtig; und sie sind es, die ewiges Leben bringen. Jeder einzelne Mensch ist dazu gerufen, zu Jesus Christus zu kommen, Christ zu werden, zu seiner Braut, der Kirche, zu gehören.

Insofern sollte ich den ersten Satz dieses Artikels wohl revidieren. Die heilige Maria von Magdala ist ja ein Geschöpf Gottes, also von Christus geliebt, und sie ist ein Geschöpf, das auch auf seine Liebe geantwortet hat, sie gehört also selbstverständlich zu seiner Braut, der Kirche, seiner wahren Liebe.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/09/Brooklyn_Museum_-_Jesus_Looking_through_a_Lattice_%28J%C3%A9sus_regardant_%C3%A0_travers_le_treillis%29_-_James_Tissot_-_overall.jpg

(James Tissot, Jésus regardant à travers le treillis, Wikimedia Commons; dieses allegorische Bild ist an Hohelied 2,9 angelehnt – „er blickt durch die Fenster, späht durch die Gitter“)