Was macht feministische Theologie manchmal so nervig?

Vor kurzem habe ich fürs Studium einen Aufsatz mit dem Titel „Maria von Magdala – erste Apostolin?“ von der Theologin Andrea Taschl-Erber gelesen*. Ja, ganz stereotyp, der Doppelname und die Fixierung auf Maria von Magdala. Man erlaube mir an dieser Stelle übrigens die Bemerkung, dass „Apostolin“ irgendwie doof klingt, und „Apostelin“ auch nicht besser wäre.

Aber komisch klingende Wörter machen einen Aufsatz ja nicht falsch, auch wenn das nicht das einzige komisch klingende Wort bleibt. (Im Text kriegen wir noch „ZeugInnenschaft“, was ungefähr so viel Sinn macht wie „ÄrztInnenkammer“ oder „FremdInnenzimmer“.) Der Aufsatz beginnt folgendermaßen: „Maria von Magdala zählt zu den meistgenannten AnhängerInnen Jesu in den Evangelien. Allerdings verdunkelte eine von androzentrischen Mechanismen und patriarchalen Projektionen bestimmte Auslegungsgeschichte die Bedeutung der engagierten Jüngerin und prophetischen Apostolin. So gilt es, ihre spezifische literarische wie historische Rolle von den Schatten der Rezeptionsgeschichte zu befreien.“ Die Bedeutung der „engagierten Jüngerin“. Ich liebe es, wie Frau Taschl-Erber ihre Beschreibung der Heiligen so klingen lässt wie eine Dankesrede bei der Verabschiedung einer scheidenden Elternbeiratsvorsitzenden. („Frau Plötzenthaler hat sich jahrelang als engagiertes Mitglied unseres Gremiums erwiesen…“)

Sie fährt fort: „Grundsätzlich ist das literarische Porträt einer Erzählfigur als ein narratives Konstrukt zu verstehen, anhand dessen nicht unmittelbar, gleichsam spiegelbildlich, ein historisches Profil der namentlich identifizierten Person gezeichnet werden kann. Um dennoch mit aller methodischen Vorsicht historische Informationen ableiten zu können, bedarf es vor allem auch einer kritischen Reflexion des ideologischen Horizonts der jeweiligen Erzählwelt und ihrer androzentrischen Dynamik gemäß den Prinzipien einer ‚Hermeneutik des Verdachts‘.“ Der Begriff „Hermeneutik des Verdachts“ ist sehr treffend gewählt. Frau Taschl-Erber bleibt noch den ganzen Text über in diesem Dilemma stecken: Eigentlich können wir ja nichts Genaues, historisch Glaubwürdiges aus den biblischen Texten wissen, aber dass wir alle biblischen Darstellungen von Frauen unter Verdacht stellen müssen, das wissen wir auf jeden Fall.

Zunächst geht die Autorin darauf ein, wo überall in den Evangelien Maria von Magdala erwähnt wird: Sie gehört zu einer größeren Gruppe von Frauen um Jesus und wird zusammen mit anderen dieser Frauen Zeugin der Kreuzigung, der Grablegung und dann der Auferstehung. Aus Mk 15,41, wo es heißt, dass diese Frauen Jesus schon in Galiläa „nachgefolgt“ waren und ihm „gedient“ hatten (hier wird das griechische Verb „diakoneo“ verwendet), leitet Frau Taschl-Erber ab, dass sie nicht bloß für die Brotzeit auf dem Weg gesorgt hätten (wer hat das denn gesagt?), sondern Beauftragte Jesu (als seine Zeuginnen und Verkündigerinnen oder so) gewesen wären; immerhin leitet sich auch das Wort „Diakon“ vom selben Verb ab, das ja z. B. bei Paulus ein Amt in der Gemeinde bezeichnet. (Witzigerweise wurden zwar gerade die ersten Diakone laut Apostelgeschichte vor allem für den „Dienst an den Tischen“ bestellt, damit die Apostel sich ungestört der Verkündigung widmen konnten (Apg 6,2)… aber lassen wir das. Ich will ja auch nicht behaupten, dass die Jüngerinnen bloß für die Brotzeit und nichts weiter zuständig gewesen wären. Ich weiß nichts drüber, was genau sie so gemacht haben.) Frau Taschl-Erber betont dann noch, dass die Frauen die nach Markus „echte Nachfolge“, die „Kreuzesnachfolge“, durch ihre Anwesenheit bei der Kreuzigung verwirklichen, während die Zwölf verschwinden. Das stimmt ja auch, und es wurde von der patriarchalischen, androzentrischen Christenheit übrigens nie geleugnet. Mir fällt spontan eine Stelle aus einer Schrift über Lourdes von 1907 ein, in der der Priester Robert Hugh Benson über eine große Gruppe von in den vergangenen Jahren an diesem Wallfahrtsort Geheilten, die zu einer Dankesprozession zusammengekommen sind, schreibt: „I had looked at their faces: there were many more women than men (as there were upon Calvary).“ (http://www.gutenberg.org/files/18729/18729-h/18729-h.htm ; Ausgabe von 1914)

Nach der markinischen geht die Autorin auf die lukanische Darstellung der Jüngerinnen Jesu ein, wo es u. a. heißt, dass aus Maria von Magdala, dank Jesus, „sieben Dämonen ausgefahren waren“ (Lk 8,2). Ich schätze, es ist nicht erstaunlich, dass Frau Taschl-Erber nicht an dämonische Besessenheit glaubt, aber es ist erstaunlich, welchen Vorwurf gegen den Evangelisten Lukas sie aufgrund dieser Stelle konstruiert: „Dämonische Besessenheit fungiert in bestimmten soziokulturellen Kontexten als personifizierte Ursache für (insbesondere psychische, von Kontrollverlust und Selbstentfremdung gekennzeichnete) Krankheitszustände sowieso vom Normencodex abweichende Verhaltensweisen […]. Ob sich die Information auf eine tatsächliche Krankheit bezieht oder nicht, mit ihrer Wiedergabe erzielt Lk eine bestimmte Wirkung. Entsprechend führte die lk Darstellung, welche die Phantasie späterer RezipientInnen anregte, zu beträchtlichen Verzerrungen im Bild der Jüngerin.“ Auch wenn die Information wahr ist, verzerrt sie das Bild? Die Logik erschließt sich mir nicht. Und was ist denn so schlimm daran, dass eine geheilte Besessene / Kranke / psychisch Kranke zu den Jüngerinnen Jesu gehörte? Paulus war ein bekehrter Christenverfolger. Normalerweise glorifiziert man im Christentum die Geheilten und die Bekehrten eher besonders, als dass man sie herabsetzt; und bei Lukas scheint das meinem Eindruck nach nicht anders zu sein. Inwiefern macht er Maria von Magdala hier schlecht?

Als nächstes geht es um den Auferstandenen und seine in Joh 20 ausführlich beschriebene Erscheinung vor Maria. „So verweist die mehrfache Bezeugung der Protophanie [Ersterscheinung] vor Maria von Magdala auf Alter und Bedeutung der Tradition, welche in den Ostererzählungen der Evangelien Spuren hinterließ, obwohl sie innerhalb patriarchaler Kontexte Widerständen begegnete.“ An dieser Stelle wird u. a. Paulus ein Vorwurf gemacht, weil der in 1 Kor 15 unter den Zeugen der Auferstehung Maria von Magdala nicht namentlich erwähnt, sondern nur die beiden männlichen Autoritäten Petrus und Jakobus, was eine „Marginalisierung der Zeuginnen“ sei. Das ist kein ganz aus der Luft gegriffenes Argument; tatsächlich mussten die ersten Christen ja damit rechnen, dass in einer patriarchalen Umwelt das Zeugnis von Frauen bei der Verkündigung nicht sehr viel zählen würde**, und es ist immerhin möglich, dass Paulus hier absichtlich nur auf das Zeugnis der für sein Publikum „maßgeblichen Jerusalemer Autorität“ mit Namensnennungen verweist. Aber kann man es den Evangelisten dann nicht wenigstens danken, dass sie gerade trotzdem – und zwar alle vier – davon berichten, dass die Frauen die ersten am Grab waren und / oder Erscheinungen des Auferstandenen erlebten? Nö, offensichtlich kann man das nicht. Dem Evangelisten Lukas werden gleich noch mal Vorwürfe gemacht – die Relevanz der Ostererfahrungen der Frauen werde in seinem Evangelium „heruntergespielt“, und zwar u. a. dadurch, dass die Apostel deren Botschaft als „leeres Geschwätz“ „disqualifizieren“ und Petrus „den Bericht der Frauen erst bestätigen muss“. Kann man einen Text deutlicher missverstehen? In Lukas 24 behalten die Frauen Recht. Die Apostel sind im Unrecht, als sie ihren Bericht zuerst für „Geschwätz“ halten, und werden am Ende eines Besseren belehrt. Da könnte ich genausogut „Hakuna Matata“ als die Aussage von „Der König der Löwen“ hinstellen.

Der Text schließt mit einem Flirt mit der Gnosis: „Vermutlich existierte in Bezug auf Maria von Magdala eine breitere Überlieferung, von welcher sich im NT nur einige Reflexe finden, der bedeutendste in Joh 20,1-18. […] Demgegenüber tritt sie in gnostischen und gnosisnahen Texten auch im Zuge des Lehrens und Wirkens Jesu als seine Dialogpartnerin auf. Auf der Basis des Traditionswissens um ihren Primat als Erstzeugin des Auferstandenen avancierte sie  zu einer der bedeutendsten apostolischen TraditionsträgerInnen in christlich-gnostischen Zirkeln. Am deutlichsten knüpft das Evangelium nach Maria an Joh 20 an, das Jesu (Wieder-)Aufstieg zum Vater in Joh 20,17 zu einem großen Visionsbericht des (Wieder-)Aufstiegs der Seele in die himmlische Sphäre entfaltet und explizit Marias apostolische Konkurrenz zu Petrus thematisiert. Hier wie in anderen apokryph gewordenen Schriften wird der geisterfüllten Lieblingsjüngerin der eifersüchtige Vertreter des männlichen Primats gegenübergestellt, der ihre Leitungsposition, die Legitimität ihrer Verkündigung, ihr Rederecht sowie überhaupt ihre Zugehörigkeit zum JüngerInnenkreis bestreitet, wohingegen Maria von Magdala als Repräsentantin der Frauen in der Nachfolgegemeinschaft Jesu wie auch der Frauen in den Gemeinden die weiblichen Autoritätsansprüche verkörpert. Vielleicht fanden gerade viele ihrer AnhängerInnen im Gefolge einer allgemeinen Marginalisierung frauenzentrierter Traditionen sowie einer zunehmenden Zurückdrängung von Frauen aus Leitungsfunktionen (vgl. 1 Tim 2,11f.) eine neue Heimat in ‚gnostisch‘ kategorisierten frühchristlichen Gruppierungen, welche die ursprüngliche Bedeutung der Magdalenerin als Zeugin und Offenbarungsempfängerin des Auferstandenen rezipierten? Doch es bleibt die grundsätzliche hermeneutische Frage, inwieweit sich die Leerstellen im ntl. Porträt Marias von Magdala aus den späteren gnostisch-apokryphen Texten füllen lassen, um die historische Figur zurückzugewinnen.“

Da das Evangelium der Maria erst von ca. 160 n. Chr. stammt, während die kanonischen Texte deutlich älter sind, erscheint es mir als eher zweifelhaft, dass sich die historische Figur hier zurückgewinnen lässt. Übrigens ist Frau Taschl-Erbers Deutung dieses Textes doch etwas gewollt; im 2. Teil des Evangeliums der Maria (es lässt sich im Internet finden) sagt Petrus zu Maria zunächst ganz respektvoll: „Schwester, wir wissen, dass der Retter dich mehr liebte als alle anderen Frauen. Berichte uns von den Worten des Retters, die du erinnerst – die du kennst und wir nicht oder von denen wir noch nie gehört haben.“ Als sie dann eine lange, etwas seltsame Vision vom Aufstieg der Seele aus der materiellen Welt heraus erzählt hat (hier fehlen Teile des Textes), reagieren die Jünger folgendermaßen:

„Doch Andreas antwortete und sagte zu den Jüngern: ‚Sprecht, was sagt ihr darüber, was sie eben erzählt hat? Ich bin der letzte der glaubt, dass dies der Erlöser gesagt hat. Diese Lehre ist sicherlich eine befremdliche Vorstellung.‘

Petrus antwortete und sprach die gleichen Dinge betreffend. Er befragte sie nach dem Retter: ‚Sprach Er wirklich ohne unser Wissen mit einer Frau und das nicht öffentlich? Sollen wir uns ihr nun zuwenden und ihr künftig zuhören? Hat er sie uns vorgezogen?‘

Dann weinte Maria und sagte zu Petrus: ‚Mein Bruder Petrus, was denkst du denn? Denkst du, dass ich mir all dies in meinem Herzen ausgedacht habe oder dass ich über unseren Retter Lügen erzähle?‘

Levi (Matthäus) antwortete und sagte zu Petrus: ‚Petrus, du warst schon immer temperamentvoll. Nun sehe ich, wie du dich gegen diese Frau aufbäumst als wäre sie dein Gegner. Denn wenn der Retter sie als wertvoll erachtete, wieso möchtest du sie dann ablehnen? Der Retter kennt sie sicherlich sehr gut. Das ist der Grund, wieso er sie mehr liebte als uns. Wir sollten uns besser schämen und lieber dafür sorgen, den perfekten Menschen in uns und für uns zu leben, so wie Er es uns aufgetragen hat. Lasst uns das Evangelium predigen und nicht Gesetze aufstellen, die jenseits dessen stehen, die uns der Retter mitgeteilt hat.‘ Danach begonnen sie zu verkünden und zu predigen.“

Nach einem grundsätzlich Konflikt zwischen Männern und Frauen sieht das weniger aus; eher habe ich den Verdacht, dass sich hier die Situation der gnostischen Gemeinden des 2. Jahrhunderts spiegelt, deren neu aufgetauchte Geheimlehren andere christliche Gemeinden nicht als ursprüngliche Worte Jesu anerkennen wollten („Diese Lehre ist sicherlich eine befremdliche Vorstellung“). Die Gnostiker legen also in ihrem angeblichen Evangelium ihre Sichtweise Maria und Levi/Matthäus in den Mund, und die ihrer Gegner Andreas und Petrus. Maria kommt mir zudem nicht mal besonders sympathisch vor; anstatt zu erklären, wieso Jesus nur ihr solche wichtigen Dinge mitgeteilt haben soll, die den anderen Jüngern offenbar ganz fremd sind, reagiert sie passiv-aggressiv und heult. (Okay, ich heule auch schnell mal. Das kann schon passieren. Trotzdem.)

Es sind jedenfalls im Großen und Ganzen zwei Hauptprobleme, die sich bei Frau Taschl-Erber zeigen und die ihren Text so nervig machen:

Erstens, feministische Theologie dieser Art (es wird sicher auch anders geartete feministische Theologie geben, ich will hier mal nicht die feministische Theologie als Ganzes attackieren) geht mit einem bestimmten Anliegen, mit einer vorher beschlossenen Agenda an die Bibel heran. Man liest nicht den Text und überlegt dann, was er einem sagen will, sondern man liest ihn schon mit einer bestimmten Zielvorstellung. Natürlich kann man gar nicht anders, als Texte durch eine bestimmte Brille zu lesen; die Lektüre wird immer auc durch eigene subjektive Erfahrungen gefärbt sein. Aber man sollte sich zumindest bemühen, einen Text an sich erst einmal auf sich wirken zu lassen. Wenn man das nicht tut, schaut man am Ende, wie Andrea Taschl-Erber zuerst darauf, welche Texte einem besser gefallen, und nicht darauf, welche näher am Geschehen sind und damit eher die historische Realität wiedergeben.

Zweitens, hier wird die Bibel nicht als ein heiliger Text behandelt, sondern als etwas, das kritisiert und dekonstruiert werden muss, als ein Teil der großen bösen androzentrischen und patriarchalen Welt. Es ist eben eine, wie Frau Taschl-Erber sagt, „Hermeneutik des Verdachts“, eine grundsätzliche Voreingenommenheit gegenüber den menschlichen (männlichen) Autoren der Heiligen Schrift, unter deren verzerrten Darstellungen sich noch die feministische Wahrheit verbergen soll. Dabei wird ihnen z. T. Frauenfeindlichkeit unterstellt, wo sie einfach nicht da ist. Das soll christliche Theologie sein?

Die Titelfrage beantwortet die Autorin übrigens auf den letzten Seiten noch so nebenher, und auf sehr vorhersehbare Weise: Nach einem erweiterten Apostelbegriff, wie er in der Bibel teilweise verwendet wird, würde sie als „Apostolin“ zählen (und immerhin wurde sie in Antike und Mittelalter auch manchmal tatsächlich als „apostola“ bezeichnet), nach der lukanischen „Verengung“ des Begriffs auf die Zwölf jedoch nicht. Also, das wusste ich auch vorher schon.

 

* Veröffentlicht in: Mercedes Navarro Puerto u. Marinella Perroni [Hrsg.]: Evangelien. Erzählungen und Geschichte (Irmtraud Fischer u. a. [Hrsg.]: Die Bibel und die Frauen. Eine exegetisch-kulturgeschichtliche Enzyklopädie. Neues Testament, Bd. 2.1).

** Frau Taschl-Erber zitiert an einer Stelle einen Vorwurf antiker antichristlicher Polemik, den der christliche Theologe Origines (3. Jh.) in seiner Schrift „Contra Celsum“ zitiert: „Wer hat dies gesehen? Eine wahnsinnige Frau, wie ihr sagt…“

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Ein paar Fundstücke zu Politik, Heiligkeit und den kleinen oder doch nicht so kleinen Problemen des Lebens

Heute mal wieder ein paar Fundstücke aus der großen weiten Welt des Internets:

Bei Cicero kommt Hannah Arendts Analyse von Elementen und Ursprüngen des Totalitarismus ausführlich zu Wort (http://cicero.de/salon/Lektionen-von-Hannah-Arendtzu-Trump-die-massen-fluechten-in-die-fiktion):

„Vom Mob hat die totalitäre Propaganda gelernt, dass sie in das Zentrum der Agitation immer das stellen muss, was die öffentliche Meinung und die Propaganda der Parteien jeweils mit Schweigen übergehen. Denn im Unterschied zu der erst später entwickelten totalen Massenherrschaft, die an Existenz von Wahrheit überhaupt nicht glaubt, glaubt der Mob in aufrichtiger Beschränktheit, dass wahr sei, was immer die Heuchelei der guten Gesellschaft oder der offiziellen Kundgebungen der Regierungen verleugnen oder mit Korruption zudecken. […] An diesen wunden Punkten ziehen die Lügen der totalitären Propaganda jenes Minimum an Wahrheit und realer Erfahrung, dessen sie bedürfen, um die Brücke zu schlagen zu können von der Realität in die totale Fiktion. Wo immer sie reale Bedingungen treffen, deren Existenz verborgen gehalten wird, gewinnen sie den Anschein einer überlegenen Realitätsnähe. Skandale in der besseren Gesellschaft, politische Korruption, überhaupt das gesamte Gebiet des Revolverjournalismus liefert totalitärer Propaganda eine Waffe, deren Bedeutung weit über den Sensationswert solcher Dinge hinausgeht. Bekanntlich wurde die Fabel von einer jüdischen Weltverschwörung zur wirksamsten Fiktion der Nazipropaganda vor der Machtergreifung. Es war nur natürlich, dass die antisemitische Stimmung desto mehr anstieg, je beharrlicher alle der Republik ergebenen Parteien eine Diskussion der Judenfrage vermieden. Dass diese als ’nicht salonfähig‘ galt, war für den Mob der schlüssigste Beweis dafür, dass die Juden die wahren Repräsentanten der herrschenden Gewalten sind und machte die Behandlung der Judenfrage als solche zum Symbol für den Kampf gegen die ‚Heuchelei‘ und die ‚Verlogenheit‘ des Systems. […]“

Und bei First Things schreibt George Weigel, nachdem er zuerst auf Probleme der EU, der wirtschaftlichen und politischen Weltordnung und der politischen Eliten im Allgemeinen eingegangen ist (https://www.firstthings.com/web-exclusives/2017/02/a-modest-defense-of-the-liberal-world-order):

„Könnte es also nicht der Fall sein, dass die ‚liberale Weltordnung‘ repariert anstatt demontiert zu werden bräuchte, wie manche ‚Populisten‘ heute vorschlagen? Sicherlich wollen diese Demonteure keine Rückkehr zu der ruiniere-deinen-Nächsten wirtschaftlichen Autarkie und dem kurzsichtigen Nationalismus vorschlagen, die die Große Wirtschaftskrise verstärkten und dabei halfen, den Zweiten Weltkrieg hervorzubringen. Was die Seite der Sicherheit in der Gleichung angeht, zeigt nicht der katastrophale Zustand des Mittleren Osten, nach acht Jahren eines von Amerika angeführten Rückzugs der westlichen Macht aus der Region, was passiert, wenn die, die einer ‚liberalen Weltordnung‘ verpflichtet sind, sich in den brisantesten Regionen der Geschichte aus der Geschichte zurückziehen? Angesichts von Wladimir Putins offensichtlicher Entschlossenheit, das Verdikt der Geschichte im Kalten Krieg umzukehren, könnte in Europa die Ordnung über die nächsten zehn Jahre ohne eine robuste NATO aufrechterhalten bleiben? Was die Fehler der liberalen Demokratie selbst angeht, die Lektion, die gelernt werden muss, ist sicherlich nicht, dass ein effizientes autoritäres Regierungssystem eine Nation besser regiert; die Lektion ist, dass das demokratische Projekt keine Maschine ist, die von selbst laufen kann. […] Eher hängt die Demokratie von einer moralisch-kulturellen Grundlage ab […]. Wenn also das demokratische Projekt nicht entweder in Chaos oder einer Diktatur des Relativismus zerfallen soll, muss ein großes Werk der moralischen und kulturellen Erneuerung im ganzen Westen unternommen werden. […] Bis jetzt ist der neue Populismus, ob in Europa oder Amerika, sehr viel besser darin, zu identifizieren, was kaputt ist, als zu definieren, wie es zu reparieren ist.“

(Meine politische Einstellung lässt sich übrigens im Großen und Ganzen zusammenfassen mit dem berühmten Churchill-Zitat „democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time“ (die Demokratie ist die schlechteste Regierungsform, abgesehen von all diesen anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind) und Heinrich Hoffmann von Fallerslebens „Gott erhalte den Tyrannen, / Den Tyrannen Dionys!“.)

 

Soweit mal zur Politik; dann noch zwei sehr schöne Fundstücke zu ganz anderen Themen bei Aleteia:

Ein Artikel über Leonie Martin, die Schwester der hl. Thérèse Martin von Lisieux, deren Seligsprechung im Gange ist. Leonie hatte es nicht immer einfach; sie litt vielleicht an Autismus, galt als schwieriges Kind und hatte es auch als Erwachsene nicht leicht dabei, einen Orden zu finden, der sie aufnahm. http://aleteia.org/2017/01/26/leonie-martin-st-thereses-difficult-sister-continues-on-the-road-to-canonization/ Irgendwie ein schönes Vorbild; vor allem für alle, die selber an irgendeiner Art von psychischer Krankheit o. Ä. leiden.

Dann hier ein Artikel, der ausspricht, was manchmal dringend ausgesprochen werden muss: „Nur weil andere es schlimmer haben, heißt das nicht, dass dein Leiden nicht zählt.“ http://aleteia.org/2017/02/15/dont-minimize-your-tiny-crosses-and-small-annoyances-god-doesnt/ „Kellers Zitat ist großartig dafür, uns zu erinnern, dass wir es manchmal tatsächlich genießen, aus den Mücken unserer kleinen Probleme Elefanten zu machen. […] Aber zu erwarten, dass es genug sein sollte, sich das Leid anderer Leute in Erinnerung zu rufen, um das eigene irgendwie verschwinden zu lassen? So funktioniert das nicht. Was dieses Denkmuster tatsächlich tut, ist, dir zu sagen, dass deine eigenen Leiden nicht zählen. Dass das Leid nicht real ist. […] Es impft einem die heimtückische Gewohnheit ein, sich selbst mit anderen Leuten zu vergleichen, so dass man, anstatt den Schmerz anzuerkennen, und ihn zu Jesus zu tragen, am Ende sagt ‚Das zählt nicht, weil so-und-so es schlimmer hat‘, und sich dann schlecht fühlt, weil man deswegen so unglücklich ist. […] Gott begegnet jedem von uns so persönlich. Er rationiert seine Liebe zu uns nicht danach, wie weit oben wir auf der Leidensskala stehen.“

 

Es ist Valentinstag!

Zum hl. Valentin (gest. um 268) gibt es verschiedene Überlieferungen. Er soll Kranke geheilt, unerlaubt christliche Trauungen vorgenommen und mit Kaiser Claudius über den christlichen Glauben diskutiert haben, ehe er das Martyrium durch Enthaupten erlitt. (Im Zuge der Liturgiereform wurde er allerdings aus dem liturgischen Kalender gestrichen, weil er zu den Heiligen gehört, deren Leben und Taten historisch ungesichert oder schwer greifbar sind.) Ein großes Vorbild der Glaubensstärke, und Patron der Jugendlichen, Reisenden und Imker, bei Wahnsinn, Epilepsie und Pest. Ach ja, und der Liebenden und Verlobten auch noch. Wer also an Epilepsie leidet, wer einen guten Honigertrag wünscht oder wem es um eine gute Vorbereitung auf das Sakrament der Ehe gelegen ist, der möge den heiligen Valentin anrufen.

Der heilige Valentin(Ölmalerei von Leonhard Beck, um 1510)

(Leonhard Beck, Der Heilige Valentin, um 1510. Der Heilige ist hier mit einem kranken Kind dargestellt.)

(Sehr coole Beiträge zum Valentinstag („Meanwhile, in Heaven“) hat übrigens Jason Bach in den letzten Jahren gebracht: http://www.jasonbachcartoons.com/catholic-01.html   http://www.jasonbachcartoons.com/catholic-13.html   http://www.jasonbachcartoons.com/catholic-21.html )

Außerdem ist heute auch noch der Gedenktag der Heiligen Kyrill und Method, zweier aus dem Oströmischen Reich stammender Brüder, die im 9. Jahrhundert zu den Aposteln der Slawen wurden. Sie schufen ein eigenes Alphabet und eine eigene Liturgie in Altkirchenslawisch, die von Papst Hadrian II. bestätigt wurde; tatsächlich sind sie so ziemlich die Begründer der slawischen Schriftkultur. 1980 wurden sie vom hl. Papst Johannes Paul II. zu Mitpatronen Europas ernannt (zusammen mit Benedikt von Nursia).

(Kyrill und Method, Wandgemälde im Kloster Trojan in Bulgarien)

(Fun fact: „Gott, der will, dass alle zu Erkenntnis der Wahrheit kommen, hat deinen Glauben gesehen und hat eine Schrift für eure Sprache geoffenbart, damit auch ihr zu den großen Völkern hinzugefügt werdet, die Gott in ihrer eigener Sprache preisen. So senden wir dir den, dem es Gott geoffenbart hat, einen ehrbaren, rechtgläubigen und gelehrten Mann, einen Philosophen. Nimm diese Gabe an, die größer und ehrbarer ist als Gold, Silber und Edelsteine.“ Das steht laut Wikipedia in dem Brief, den der oströmische Kaiser Michael III. als Antwort auf den Brief des Fürsten Ratislav von Großmähren, in dem dieser um einen Bischof und Lehrer des christlichen Glaubens gebeten hatte, schickte. Aber wir wissen natürlich, dass vor dem tapferen Martin Luther die Kirche alle Völker in Unwissen halten wollte und nie geduldet hätte, dass Völker in ihrer eigenen Sprache Gott preisen. (Ja, ich muss in jedem zweiten Beitrag hier auf Lutherlegenden herumhacken. Ist was Persönliches.))

Ein Rat für Perfektionisten

Wieder einmal möchte ich Franz von Sales (aus der „Philothea“) zu Wort kommen lassen:

 

„So sehr das Licht unseren Augen schön erscheint und so sehr sie sich danach sehnen, es blendet sie doch, wenn wir lang im Dunkeln waren. Wenn man in ein fremdes Land kommt, brauchen wir einige Zeit, bis wir uns an sein Volk gewöhnt haben, so höflich und freundlich es auch sein mag. So ist es auch im geistlichen Leben. […]

 Glaube mir: Wenn du fest bleibst, wirst du bald so viele Freuden des Herzens, ein so tiefes Glück empfinden, dass du bekennen musst: die Welt ist Bitterkeit im Vergleich mit diesen süßen Freuden und ein Tag des frommen Lebens ist mehr wert als tausend Jahre verweltlichten Lebens (Ps 84,11).

 Der Berg der christlichen Vollkommenheit kommt dir aber so hoch vor. ‚Mein Gott’, sagst du, ‚wie kann ich denn da hinaufsteigen?’ Mut! Wenn die Bienlein Gestalt anzunehmen beginnen, können sie noch nicht zu den Blumen fliegen, um Honig zu sammeln; während sie sich aber vom Honig ernähren, den die großen Bienen gesammelt haben, bekommen sie allmählich Flügel, werden kräftig und können über Land fliegen. So sind auch wir noch klein in der Frömmigkeit, wir vermögen noch nicht unserem Wunsch zu folgen und zum Gipfel der christlichen Vollkommenheit zu fliegen, aber wir beginnen, uns allmählich umzuformen durch unsere Wünsche und Entschlüsse, die Flügel beginnen zu wachsen und es ist zu hoffen, dass auch wir eines Tages fliegen können wie die Bienen. Bis dahin leben wir vom Honig der Lehren, die fromme Menschen uns überliefert haben. Beten wir zu Gott, dass er uns Schwingen gebe gleich denen der Tauben, damit wir nicht nur fliegen können in diesem zeitlichen Leben, sondern auch Ruhe finden im künftigen Leben der Ewigkeit.“

Franz von Sales, Patron der Schriftsteller

Hier ein schöner Artikel bei The Cathwalk über den hl. Franz von Sales in seiner Bedeutung als Schriftsteller: https://thecathwalk.net/2017/01/24/franz-von-sales-anleitung-zum-frommen-schreiben/

Lesen!

Aber, lieber Cathwalk, einen Einwand muss ich schon noch machen: Man braucht die Bedeutung des Heiligen für die Rekatholisierung des calvinistischen Chablais nun wirklich nicht auf den Einfluss einer einzigen Schrift beschränken. Nachdem Franz von Sales 1593 zum Priester geweiht und zum Dompropst des Bischofs von Genf ernannt worden war (der in Annecy residierte, weil in Genf die Calvinisten herrschten), wurde ihm – wenn ich mich recht erinnere, nach seiner enthusiastischen Predigt zu seinem Amtsantritt („Mit der Liebe müssen wir Genf erobern!“) – 1594 die Aufgabe übertragen, im Chablais, einer calvinistischen Region in der Nähe von Genf, die der katholische Herzog von Savoyen wieder erobert hatte, den katholischen Glauben zu predigen. Die Obrigkeiten dort verboten bei Strafe, seine Predigten anzuhören, und er war einige Male auch in Gefahr, überfallen und getötet zu werden, wenn er so als einsamer Missionar durchs Land zog. Da ihn niemand anhören durfte, druckte er seine Botschaften schließlich auf Flugblätter und heftete sie an die Türen. Er kannte sich gut mit dem Calvinismus aus, und er zeigte dessen Fehler, ohne in die damals übliche Polemik zu verfallen. Durch seine Flugblätter, seine Predigten (zu denen trotz Verbot dann schließlich doch immer mehr Leute kamen) und sein persönliches Beispiel bekehrte er innerhalb von wenigen Jahren schließlich zehntausende Menschen, fast die komplette Bevölkerung des Chablais – besonders, nachdem einige prominente Calvinisten durch seinen Einfluss zum katholischen Glauben übergetreten waren, hatte er Erfolg. Die Flugblätter wurden später gesammelt unter dem Titel „Kontroversen“ veröffentlicht, und aus mehreren Treffen mit dem calvinistischen Reformator Theodor von Beza im Jahr 1597 ging schließlich seine Schrift „Verteidigung der Fahne des heiligen Kreuzes“ (1600) hervor. So. Und auch später, als Bischof, war er nicht nur als Schriftsteller bedeutend, sondern auch als geistlicher Begleiter, in seinen üblichen bischöflichen Arbeiten – er besuchte sämtliche Pfarreien seiner Diözese, hielt selbst Katechesen für Kinder, kümmerte sich um die Priesterausbildung und eine Reform der Klöster usw. -, als Ordensgründer (er gründete zusammen mit Johanna Franziska von Chantal den Orden der Schwestern von der Heimsuchung Mariens), und und und.

Franz von Sales über geduldige Bekehrung

Hier mal wieder ein Tipp vom hl. Franz von Sales aus dem Kapitel über die Läuterung der Seele in der „Philothea“ (Hervorhebungen von mir):

 

Der hl. Paulus wurde in einem Augenblick und vollständig geläutert; ebenso die hl. Katharina von Genua, Magdalena, Pelagia und einige andere. Eine derart plötzliche Läuterung ist ein Wunder und in der Gnadenordnung so außergewöhnlich, wie etwa die Erweckung eines Toten in der Ordnung der Natur; wir dürfen sie also nicht anstreben. Gewöhnlich geschieht die Genesung des Leibes wie der Seele nur allmählich, Schritt für Schritt, von Stufe zu Stufe, mit großem Aufwand an Mühe und Zeit.

 Die Engel auf der Jakobsleiter haben Flügel, sie fliegen aber nicht, sondern steigen die Stufen auf und ab, eine nach der anderen. Eine Seele, die von der Sünde zur Frömmigkeit emporsteigt, wird mit der Morgenröte verglichen (Spr 4,18), die nicht plötzlich, sondern nur allmählich die Finsternis vertreibt. Eine Heilung, die nur langsam vor sich geht, bezeichnet der Volksmund als die sicherste. Die Krankheiten der Seele wie des Leibes kommen wie zu Pferd im Galopp, ziehen aber zu Fuß und im Schritt ab.

 Bei diesem Beginnen musst du also Mut und Geduld haben. Wie bedauernswert sind doch Menschen, die nach anfänglichem Bemühen um die Frömmigkeit merken, dass sie noch mit verschiedenen Unvollkommenheiten behaftet sind, darüber unruhig, verwirrt und mutlos werden und nahe daran sind, alles aufzugeben und sich wieder der Sünde zu überlassen!

 Andererseits ist für manche Menschen eine entgegengesetzte Versuchung gefährlich; sie reden sich selbst ein, dass sie schon vom ersten Tag an von allen Unvollkommenheiten frei seien; sie glauben fertig zu sein, ehe sie richtig angefangen haben; sie setzen zum Flug an, bevor ihnen Flügel gewachsen sind. In welcher Gefahr eines Rückfalls schweben doch solche Menschen, weil sie sich zu früh den Händen des Arztes entzogen haben! „Steh nicht auf, bevor es Tag geworden“, sagt der Prophet; „steh erst auf, nachdem du ausgeruht“ (Ps 127,2). Er hielt sich selbst daran; da er schon gewaschen und gereinigt war, betete er darum, es noch mehr zu werden (Ps 51,4).

 Das Bemühen um die Reinigung unserer Seele kann und soll nur mit unserem Leben ein Ende finden. Regen wir uns also nicht auf über unsere Unvollkommenheiten: unsere Vollkommenheit besteht eben darin, dass wir die Unvollkommenheiten bekämpfen. Wir können sie aber nicht bekämpfen, wenn wir sie nicht sehen; wir können sie nicht überwinden, wenn wir ihnen nicht begegnen. Unser Sieg besteht nicht darin, dass wir sie nicht wahrnehmen, sondern darin, dass wir uns ihnen nicht beugen. Der aber beugt sich ihnen nicht, der sie unangenehm empfindet. Zur Übung der Demut müssen wir wohl manchmal in diesem geistlichen Kampf verwundet werden; besiegt wären wir aber erst dann, wenn wir das Leben oder den Mut verloren hätten. Unvollkommenheiten und lässliche Sünden zerstören nicht das geistliche Leben; es geht nur durch die Todsünde verloren. Eines ist also notwendig: den Mut nicht verlieren! „Befreie mich, Herr, von Feigheit und Mutlosigkeit“ (Ps 55,17f), betete David. Es ist ein Glück für uns, dass wir in diesem Krieg immer Sieger sind, solange wir nur kämpfen wollen.

„Es ist nicht sicher, dass ich ins Paradies eingehen werde.“

Papst Paul VI. soll heiliggesprochen werden – eine wunderbare Neuigkeit. (http://www.kath.net/news/58178) Seliggesprochen wurde er ja schon vor drei Jahren, und ehrlich gesagt gehört er seit kurzem zu meinen Lieblingsseligen.

Das ist vielleicht ein bisschen ungewöhnlich. Der selige Paul VI. (1963-1978) gilt allgemein als ein Papst, mit dem keiner so richtig viel anfangen kann, über den keiner so richtig viel weiß und für den sich keiner so richtig interessiert. Die Tradis tragen ihm die Liturgiereform nach, na, und der Rest der Welt natürlich Humanae Vitae, auch die Pillenenzyklika genannt. Paul VI. ist so der langweilige, durchschnittliche Papst, nach dem heiligen Johannes XXIII., dem gemütlichen volksnahen Papa buono, der die Fenster der Kirche aufreißen wollte, und vor dem im Ruf der Heiligkeit verstorbenen (von der schurkischen Kurie ermordeten!) 33-Tage-Papst Johannes Paul I. und dem beinahe drei Jahrzehnte lang regierenden hl. Johannes Paul II., dem charismatischen Reisepapst, dem Initiator der Weltjugendtage und Weltgebetstreffen, dem Papst, der zum Untergang des Kommunismus beitrug. Paul VI.: das ist der zurückhaltende Organisator und Diplomat, der einen großen Teil seines Lebens im vatikanischen Staatssekretariat gearbeitet und dann noch neun Jahre als Erzbischof von Mailand verbracht hatte, nach seiner Wahl dann das von seinem Vorgänger begonnene Konzil zum Abschluss brachte, und später dann in den Wirren der nachkonziliaren Krise manchmal eher ein Bild der Hilflosigkeit und Überforderung zu bieten schien.

Das erste Mal bin ich auf Paul VI. aufmerksam geworden, als ich vor ein paar Jahren Humanae Vitae gelesen habe; ich wollte mich damals genauer informieren, wieso die Kirche eigentlich das lehrt, was genau sie da so lehrt. Und ich fand die Enzyklika wirklich schön geschrieben und gut nachvollziehbar. Aber weiter habe ich mich dann nicht mehr mit ihrem Autor beschäftigt. Ein bisschen mehr über Paul VI. habe ich dann vor einiger Zeit in Kardinal Robert Sarahs Buch „Gott oder nichts“ erfahren, wo es in einem Kapitel auch um die Päpste der letzten Jahrzehnte geht und Kardinal Sarah mit großer Bewunderung von dem Papst spricht, der ihn kurz vor seinem Tod noch zum Bischof ernannt hat.

Ich habe letztens erwähnt, dass ich jetzt gerade eine Biographie über Johannes Paul II. lese – George Weigel, „Zeuge der Hoffnung“; noch einmal: sehr zu empfehlen –, und auch in dieser Biographie wird natürlich auch Paul VI. erwähnt – logisch, Kardinal Karol Wojtyla war ja auch beim Konzil dabei und wurde nur kurze Zeit nach dem Tod seines Vorvorgängers auf den Stuhl Petri gewählt. Weigel schreibt über Paul VI.:

 

Papst Paul VI. war ein sehr gläubiger Mann, von großem Mitgefühl und scharfer Intelligenz. Dennoch machten ihn einige seiner besten persönlichen Eigenschaften unfähig, einen festen Kurs für die Kirche nach dem Konzil festzulegen. Bereits 1964 war er Erzbischof Wojtyla, der ihn hochschätzte, wie ein „von der Liebe ermüdeter“ Mann vorgekommen. […]

 Giovanni Battista Montinis „unendliche Höflichkeit“ und magnetische Persönlichkeit zeigten sich leicht in vertrautem Zwiegespräch. Doch ihm fehlte eine bezwingende öffentliche Präsenz, und in größerem Rahmen und vor der Kamera wirkte er zurückhaltend, irgendwie verlegen und sogar zaghaft. Obwohl er sich gründlich mit dem modernen französischen Denken befasst hatte, schien das, was er dort fand, seine Neigung zu verstärken, unendlich über ein Problem nachzugrübeln. […] Dann verkrampfte er sich über einer Entscheidung und wollte, wie Kardinal König aus Wien bemerkte, aus allem das Beste machen.

 Er war ein Mann großer Frömmigkeit, doch schien ihm der Trost, der ihm aus seinen Gebeten zuteil wurde, keine Sicherheit bei der Führung seines Amtes zu bieten. Sein enger Mitarbeiter Agostino Casaroli erinnert sich an ihn als von manchen Situationen und Entscheidungen „gequält“. Er schalt Gott öffentlich dafür, sein Gebet nicht erhört zu haben, dass sein Freund Aldo Moro, der Führer der italienischen Christdemokraten, 1978 von den Roten Brigaden verschont würde. Gegen Ende seines Lebens beunruhigte er sich darüber, dass er in einigen seiner Urteile als Papst nicht klug gewesen sei. Das war eine „Agonie für ihn“, erinnert sich Kardinal William Baum, denn er liebte die Kirche mit leidenschaftlicher Hingabe, und es war ihm schmerzlich bewusst, dass er einmal über seine Verwaltung Rechenschaft ablegen müsse. Diese Agonie schloss auch die Sorge ein, er sei in seiner Ostpolitik bei der Verteidigung der Verfolgten nicht energisch genug gewesen. Auf jeden Fall war die Strategie des salvare il salvabile [retten, was zu retten ist] per definitionem ein Versuch, das Beste aus einer schrecklichen Situation zu machen, in der er keine guten Alternativen sehen konnte.

 Manchmal wurde gesagt, Paul VI. sei ein historisch falsch platzierter Papst gewesen – dass er als viel erfolgreicher wahrgenommen worden wäre und persönlich weit weniger gelitten hätte, wäre er auf Pius XII. gefolgt statt auf Johannes XXIII. Seine ungetrübte persönliche Anständigkeit, verbunden mit einer gewissen Gebrechlichkeit, die ihn sein ganzes Leben verfolgt hatte, machte ihn besonders verwundbar durch die Streitlust der Zeit nach dem II. Vatikanischen Konzil, die manchmal zu Verbitterung wurde. Als Mann, der sich dem Konzil geweiht hatte, nahm er die erbitterte Schärfe, die darauf folgte, persönlich. […] Vom ersten Tag seines Pontifikats an war das päpstliche Amt für ihn ein Kalvarienberg.

 […] Vom italienischen Gesichtspunkt und speziell dem der Kurie aus war Montini der perfekt vorbereitete Papst. Er war der Sohn einer gutkatholischen Rechtsanwaltsfamilie, die nach der Einigung Italiens dem Heiligen Stuhl gegenüber loyal geblieben war. Er war im diplomatischen Dienst des Vatikans ausgebildet worden, war mit der Arbeitsweise der Kurie vertraut und besaß ernsthafte intellektuelle und künstlerische Interessen. Er war der erfolgreiche Erzbischof eines bedeutenden italienischen Erzbistums gewesen. Das war, wie Kardinal König es Jahre später ausdrückte, der „mehr oder weniger normale Weg“, wie man Papst wurde. Das problematische Pontifikat Pauls VI. warf die Frage auf, ob der „normale“ Weg noch funktionierte. (S. 251f.)

 

In einer der Fußnoten zu diesem Absatz erwähnt Weigel dann noch folgende Begebenheit:

 

Als einer seiner Sekretäre, Pater John Magee, zum alternden Papst, der sich über die Einsamkeit beklagte, weil praktisch all seine Freunde vor ihm gestorben seien, sagte, er könne sich auf eine Vereinigung mit ihnen im Himmel freuen, wurde Paul VI. plötzlich ernst und sagte: „Caro, wir dürfen nie das Erbarmen Gottes ausnutzen, wir müssen dafür beten. Es ist nicht sicher, dass ich ins Paradies eingehen werde. Ich muss Gott um Vergebung und Erbarmen bitten. Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst.“ [Hebblethwaite, in Paul VI, 695; der Vorfall ist einem Bericht Magees entnommen.]

 

Es ist nicht so, dass Paul VI. in seinem Pontifikat nichts geleistet hätte. Die Arbeit des Konzils, das er ab 1963 weiterführte, war eigentlich etwas Großartiges; die Rezeption und das allgemeine Klima der 60er waren das Problem, das zur nachkonziliaren Krise führte. Nach dem Konzil bemühte sich der Papst auch um eine richtige Rezeption desselben, wenn auch offenbar ohne eine passende Strategie und ohne großen Erfolg. Ich habe schon Humanae Vitae erwähnt, und der Papst machte auch deutlich, dass z. B. über den Zölibat nicht zu diskutieren war. (Auch wenn kein Mensch auf ihn hörte.) Seine Kurienreform (Schaffung neuer Zuständigkeiten, stärkere Internationalisierung, usw.) wäre noch zu erwähnen. Außerdem bemühte er sich noch mehr als seine Vorgänger, in den (ehemaligen) Missionsländern für eine einheimische Hierarchie zu sorgen und neue Bistümer zu schaffen (diese Bemühungen hatten vor allem unter Pius XII. an Fahrt aufgenommen, soweit ich weiß). Als erster Papst seit ewigen Zeiten verließ Paul VI. Italien und reiste in verschiedene Länder der Welt, als erstes ins Heilige Land, später u. a. zu den Vereinten Nationen nach New York, nach Australien, Portugal und Uganda. Seine Sozialenzyklika Populorum progressio könnte man noch erwähnen, unter seinem Pontifikat gab es gute Beziehungen zu den Juden und ökumenische Bemühungen. Vor allem das Verhältnis zu den Orthodoxen änderte sich grundlegend; das Treffen mit Patriarch Athenagoras von Konstantinopel und die Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikationen von 1054 waren wirklich historische Leistungen.

Was seine, sagen wir mal, „umstrittenen“ Leistungen angeht: Ich persönlich kenne ja nur den novus ordo und kann daher nicht wirklich beurteilen, was ich bei der alten Messe – okay, der Außerordentlichen Form des Römischen Ritus – verpasse, habe aber schon öfters die Beurteilung gelesen, die Liturgiereform sei damals eine sehr abrupte, übereilte Angelegenheit gewesen, in der vieles (z. B. der Festkalender) ohne rechten Grund zu drastisch geändert wurde. Natürlich war nicht nur die Reform an sich, sondern wiederum auch deren Umsetzung das Problem, die durchaus noch mal drastischer ausfallen konnte als das, was in den Büchern stand. Die Ostpolitik, die Johannes XXIII. begann und Paul VI. fortführte, kann man getrost als naiv und unklug beurteilen; nicht ohne Grund waren die Bischöfe des Ostblocks, die den Kommunismus aus eigenem Erleben kannten, hier nicht einer Meinung mit Rom. Die beiden Päpste dachten, dass der Kommunismus auf absehbare Zeit unbesiegbar sei und man irgendwie versuchen müsse, sich mit ihm zu arrangieren, um das Überleben der Kirche in den Ostblockländern solange zu sichern. „Die Umsetzung dieser Strategie erforderte von der katholischen Kirche taktische Zugeständnisse wie die Milderung der antikommunistischen Rhetorik, die Loslösung des Heiligen Stuhls in der internationalen Politik vom Westen und, was vielleicht am umstrittensten war, eine Zügelung der Untergrundkirche, die in den ersten zwei Jahrzehnten des kalten Krieges in Ostmitteleuropa geschaffen worden war. Insbesondere bedeutete dies, die heimliche Priesterweihe durch Untergrundbischöfe zu beenden, die den kommunistischen Regierungen, vor allem in der Tschechoslowakei, ein Dorn im Auge war. Der Untergrundklerus in der Tschechoslowakei protestierte, manchmal heftig. Er war davon überzeugt, dass die Diplomaten des Vatikans, die keine direkten Erfahrungen mit dem Kommunismus hatten, für kommunistische Manipulationen anfällig waren, und die Geistlichen glaubten, der Versuch, durch Verhandlungen mit dem kommunistischen Regime in Prag Bischöfe zu erhalten, würde damit enden, dass man Marionetten als Bischöfe bekäme.“ (Weigel, S. 240.) Die Situation lässt sich, kurz gesagt, mit der jetzigen in China vergleichen. Hier hätte Paul VI. im Nachhinein gesehen tatsächlich anders handeln können.

Aber ich mag und bewundere ihn trotzdem sehr. Ich mag den seligen Papst Paul VI., weil er ein treuer Christ war, ein sich seiner Verantwortung zutiefst bewusster, liebender Hirte und Vater der Kirche, der versuchte, sie in einer Zeit der Krise zu lenken, und weil er ein Mensch war, dem das Scheitern guter Absichten, Überforderung, Ratlosigkeit und das Gefühl, seiner Verantwortung nicht gerecht geworden zu sein, nicht fremd waren. Ich freue mich sehr über seine bevorstehende Heiligsprechung.

Auf meine Leseliste: Jörg Ernesti, „Paul VI.“

Polen – eine Entdeckung

Ich lese gerade George Weigels Biographie über den hl. Papst Johannes Paul II., „Zeuge der Hoffnung“. Sehr empfehlensweres Buch. Sehr empfehlenswert. Okay, es hat an die tausend Seiten, aber das hat „Harry Potter und der Orden des Phönix“ auch. Da hat man länger was davon.

Bis jetzt habe ich erst zwei Kapitel geschafft und bin im Jahr 1948 angekommen, aber ein paar Sachen sind mir schon aufgefallen; unter anderem, wie faszinierend Polen ist, und wie unglaublich wenig ich eigentlich von seiner Geschichte und Kultur weiß. Schon mal was vom „Wunder an der Weichsel“, der entscheidenden Schlacht im Polnisch-Sowjetischen Krieg, als die Sowjets im Sommer 1920 schon vor Warschau standen, gehört? Nein? Oder die polnischen Teilungen? (Zwischen 1795 und 1918 existierte auf der Karte kein Staat Polen; das Land war zwischen Österreich, Preußen und Russland aufgeteilt worden.) Die Art und Weise, wie die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Marionettenregime installierte? Die Taufe von Herzog Mieszko I. 966, die Ermordung des hl. Bischof Stanislaus durch König Boleslaw den Kühnen 1079, die Abwehr der Schweden 1655 bei Tschenstochau, König Wladyslaw Jagiello und Königin Jadwiga, die Konflikte mit dem Deutschen Orden, und und und… Es gibt da so viel zu entdecken. Ehrlich gesagt, ich habe das Gefühl, hierzulande scheint man mit „den Polen“ (oder auch den Slawen im Allgemeinen) hauptsächlich gebrochen Deutsch sprechende Pflegekräfte, organisierte Einbrecherbanden und Autodiebe, eine irgendwie „rechtspopulistische“, ausländerfeindliche Regierung, und, ja, dann nicht mehr viel, in Verbindung zu bringen – was einer so faszinierenden Nation mal wirklich, wirklich, wirklich Unrecht tut.

Eigentlich hatte ich mir dieses Jahr nicht die Mühe mit guten Vorsätzen gemacht, aber jetzt habe ich doch noch ein paar gefasst (mal sehen, ob ich es schaffe, sie alle einzuhalten):

  • Einige Werke von Johannes Paul II. selbst lesen: Seine moralphilosophischen Werke und die Theaterstücke und Gedichte, die er in jungen Jahren schrieb, insoweit es Übersetzungen gibt (okay, Gedichte lohnen sich meistens in Übersetzungen nicht wirklich zu lesen, also wohl eher nur die philosophischen Werke – „Liebe und Verantwortung“, „Person und Tat“ usw. – und die Theaterstücke – „Hiob“, „Jeremia“, „Unseres Gottes Bruder“, „Der Laden des Goldschmieds“.)
  • Ein paar der wichtigsten polnischen Klassiker lesen: Werke der Romantiker wie Adam Mickiewicz („Pan Tadeusz“, „Totenfeier“), Juliusz Slowacki („Kordian, „Balladyna“), Zygmunt Krasinski („Die ungöttliche Komödie“), Cyprian Kamil Norwid etc., Werke von Henryk Sienkiewicz (z. B. seine Trilogie, „Mit Feuer und Schwert“, „Die Sintflut“ und „Herr Wolodyjowski“)
  • Ein bisschen Polnisch lernen, wenn möglich. Vielleicht gibt es ja Polnisch-Kurse an meiner Uni. Mal sehen.

Die allumfassende Kirche, Teil 9: Alles hat seine Stunde

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Im Katholizismus gibt es gelegentlich mal gruselige, harte oder traurige Dinge. Wir haben Reliquiare mit Knochenstückchen auf Seitenaltären stehen und es gibt in Europa Kapellen voller aufgetürmter Schädel und mit Wänden, die mit Knochen behangen sind [hier ein paar Fotos… https://churchpop.com/2014/10/28/inside-europes-creepy-bone-churches/ ]. Unsere Heiligen werden dargestellt mit Sägen und Äxten und siedendem Öl, weil sie dadurch zu Tode kamen, und von Johannes dem Täufer sieht man auf zahlreichen Darstellungen nur seinen Kopf auf einer silbernen Schale. Sogar die Patronate dieser Heiligen zeigen einen ziemlichen Galgenhumor – St. Sebastian beispielsweise ist der Patron der Bogenschützen, weil er mit Pfeilen getötet wurde. Wir glauben an Fegefeuer, Hölle und Endgericht, es gibt das Dies Irae und den Dia de los muertos; auch Halloween hat bekanntlich katholische Wurzeln. Wir haben sogar Exorzismen.* Es gibt im Kirchenjahr Zeiten der Trauer und des Fastens. Und dann gibt es – natürlich – den Karfreitag. Das zentrale Symbol unseres Glaubens ist ein grausames Hinrichtungsgerät. Das Kreuz muss damals in der Antike ein noch abwegigeres Symbol gewesen sein, als wenn heutzutage Galgen oder Guillotine oder Elektrischer Stuhl oder Waterboardinginstrumente als Symbole einer neuen Sekte auserkoren würden.

Trotzdem sind diese dunklen Dinge nicht das eigentliche Wesen des Katholizismus. Das Wesen des Katholizismus, wie ich es erfahren habe, ist Klarheit, Freude, Friede, Licht und Hoffnung – zu seinem Wesen gehört der Sieg über das Leid durch dessen Annahme.

In dieser Religion wurde das Leid nie ignoriert. Vergänglichkeit, Tod und Krankheit, die Ungerechtigkeit der Welt und zwischenmenschliche Bosheit galten in der Geschichte der katholischen Religion immer als Grundkonstante des Lebens aller Menschen, was sie ja sind; ein paar YOLO- oder Prosperity-Gospel-Philosophien versuchen diese offensichtliche Tatsache zwar heutzutage zu ignorieren, aber ich denke, dass sich alle vernünftigen Menschen darüber einig sind, dass es so ist. (Dass der Versuch von Ideologien wie dem Kommunismus, eine vollkommen leidlose Welt zu schaffen, grandios gescheitert ist, darüber sind wir uns auch einig, oder?) Die menschlichen Abgründe wurden in der Kirche nie ignoriert. Wir haben Heilige, die zuerst einmal Mörder, Räuber, Prostituierte oder Christenverfolger waren. (St. Moses der Äthiopier, St. Afra, St. Maria von Ägypten, St. Paulus…) Die Kirche ist dazu da, Heilung zu bringen – Leben nach dem Tod, Vergebung aller Verbrechen.

Es gibt im Kirchenjahr Zeiten des Fastens, der Trauer und des Entsetzens über das Böse. Der Karfreitag ist ein dunkler Tag. Aber er hat nicht das letzte Wort. Am Ostersonntag triumphiert das Licht wieder.

Im Buch Koholet gibt es eine sehr schöne Stelle: „Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.“ (Kohelet 3,1-8) Eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg? Das habe ich mich früher bei dieser Stelle gefragt. Aber ja, auch die gibt es – man denke nur an die fehlgeleitete britische Appeasement-Politik gegenüber Hitler, und, im Kontrast dazu, die spätere richtige Entscheidung zum Kriegseintritt nach dem Angriff auf Polen. Es gibt eine Zeit zum Krieg.

Aber das gilt für diese Welt, für diese gefallene Welt. In der kommenden wird das alles überwunden werden; das Böse ist stark, aber das Gute ist stärker, und es wird am Ende siegen. Das ist genau der Unterschied zwischen der katholischen Weltsicht und nihilistischer Verzweiflung. Die Kirche gibt nie die Hoffnung und den Glauben auf. Es geht immer weiter, es ist nie zu spät, es gibt immer noch Hoffnung, am Ende wird alles gut werden. Deshalb ist auch der Glaube in dieser Religion eine so wichtige Tugend – denn er bedeutet nicht ein Nicht-Genau-Wissen, sondern das feste und unwandelbare Vertrauen auf eine Person. Andere Religionen, etwa die antike römische, definierten sich nicht als Glauben, sondern als Kulte; es ging um die richtigen Rituale zur Verehrung der Götter. Ebenso definiert sich der Buddhismus nicht als Glaube, sondern als Weg der Erkenntnis und Selbsterlösung. Der Katholizismus dagegen ist ein Weg des vertrauenden, hoffenden Glaubens auf die Macht und die Liebe Gottes, die am Ende siegen wird.

*Zur Beruhigung aller Leser, die sich nicht damit auskennen, was die katholische Kirche unter „Exorzismus“ versteht: Nein, das ist nichts Brutales oder so, hier wird einfach nur mit Gebet und Weihwasser und so gearbeitet. Exorzisten sind erfahrene Priester, die vom Bischof für diese Aufgabe bestellt werden müssen, und alle Exorzisten sagen, dass sie die meisten Menschen, die zu ihnen kommen, weil sie sich von Dämonen bedrängt fühlen, einfach zum Psychiater weiterschicken können; hier wird nämlich genau geprüft. Aber es gibt gelegentlich auch Phänomene, die sich auf diese Weise nicht erklären lassen, sondern bei denen die logischste Erklärung wirklich das Bedrängtwerden oder die Besessenheit von einer fremden Macht ist. Nähere Informationen vielleicht hier: https://www.washingtonpost.com/posteverything/wp/2016/07/01/as-a-psychiatrist-i-diagnose-mental-illness-and-sometimes-demonic-possession/?postshare=5241467379040029&tid=ss_tw&utm_term=.7fad181a9d55 oder hier: http://www.strangenotions.com/demons-playing-cards-and-telescopes/  Und diese Phänomene treten auch nicht einfach so auf, sondern meistens dann, wenn Leute sich auf satanistische Sekten eingelassen haben oder so – „die Geister, die ich rief“ und so. Und ja, wir Katholiken gehen davon aus, dass es böse Geister gibt. Wir glauben, da uns Gottes Offenbarung das sagt, dass Gott nicht nur Menschen, Tiere und Pflanzen geschaffen hat, sondern zu allem Anfang auch rein geistige Wesen, die wir Engel nennen, und dass die ebenso einen freien Willen haben wie die Menschen, woraus logisch folgt, dass es unter ihnen ebenso gute wie böse geben muss. Die bösen Engel nennt man die gefallenen Engel oder Dämonen. Zu den guten Engeln zählen beispielsweise die Schutzengel, oder auch die Erzengel Michael, Gabriel und Raphael.

Ach ja: Wer konkrete Beispiele dafür haben will, wie Exorzismen funktionieren, kann auch einfach die Evangelien aufschlagen – Jesus hat nämlich auch Dämonen ausgetrieben.