Halloween, und so

Ein nachträglicher Gastbeitrag zu Halloween und dem Reformationstag von Nepomuk.

 

I. Feste am Ende des Oktober

Die deutsche Sprache kennt den Ausdruck „Matthäi am Letzten“, der ungefähr so viel bedeutet wie: „Es wird zappenduster.“ Wenn man so im Internet nachforscht, dann kann man die absurdesten Theorien über dessen Herkunft feststellen (angeblich habe er etwas mit dem hl. Apostel Matthias – dessen Genitiv „Matthiae“ wäre – zu tun, dessen Fest gegen Ende des Februars stattfindet, wenn auch nicht an dessen Ende), welche Herkunft doch dem Kirchgänger eigentlich offen auf der Hand liegend sein müßte: Im alten römischen Ritus, im Lesejahr A nach der Liturgiereform, und (wie man hört) auch bei den Protestanten werden am letzten Sonntag des Kirchenjahres jeweils Evangelien nach Matthäus verlesen, die alle unterschiedlich sind und alle vom Weltgericht handeln. Dann ist Matthäi am letzten; und wenn wir in die Apostelgeschichte schauen, wird es auch in der Tat zappenduster werden (Apg 2,19f).

Soweit sind wir noch nicht; es ist erst Oktober. Matthäi am Letzten ist eben am letzten Sonntag des Kirchenjahres – oder wäre es traditionell, wenn nicht die Liturgiereform in einem ihrer offenkundigsten Fehler uns an diesem Sonntag das Christkönigsfest beschert hätte (dessen in der Enzyklika Quas primas festgelegter Festinhalt eben nicht die vom Festtermin offensichtlich nahegelegte Aufrichtung des Himmelreiches am Jüngsten Tage ist, sondern die weniger, aber eben auch wichtige Herrschaft Christi im Hier und Jetzt, wie sie teils besteht, teils von uns nach unseren Möglichkeiten durchzusetzen ist). Christkönig, nach dem alten Ritus, war gerade eben; und man kann es vielleicht zu einer halben Ehrenrettung der Liturgiereform sagen: daß wir nun darauf im Zusammenhang mit einem ganz anderen Thema darauf zu sprechen kommen (der Zusammenhang wird, so hoffe ich, noch deutlich werden) ist vielleicht ein Hinweis darauf, daß das natürlich auch zusammenhängt.

Ziemlich genau mit dem November setzt die Besinnung der Kirche auf die sogenannten Letzten Dinge ein. (Für die liturgischen Feinschmecker: eigentlich, ausweislich des Festevangeliums, im alten Ritus schon mit dem Apostelfest der hll. Simon und Judas; und in gewisser Weise seit dem achtzehnten Sonntag nach Pfingsten, oder auch schon dem Samstag des Septemberquatembers, der nicht von ungefähr, obwohl er ganz verschieden fällt, im Meßbuch genau vor diesem Sonntag steht). Und am letzten Sonntag, an dem die Hauptfeste des Kirchenjahres vorbei sind, aber wir eben noch nicht mit dem Allerheiligenfest in die eigentliche Letzte-Dinge-Phase eingetreten sind, ist eben im alten Ritus das Christkönigsfest; so die Argumentation bei der Einführung 1925. – Ich schweife ein wenig ab; das ist so meine Art.

Am 1. November ist Allerheiligen, an dem wir die Heiligen des Himmels feiern; am 2. November ist Allerseelen, wo wir der Armen Seelen im Fegfeuer gedenken. Und am 31. Oktober? Da steht eine Menge von Dingen an.

Die Regensburger, natürlich, kümmern sich um den Lauf der restlichen Welt wenig; für sie ist erstmal, vor allem und überhaupt das Fest des hl. Wolfgang, ihres Diözesanpatrons, dann kommt eine ganze Weile nichts. Das ist ja auch schön und gut. Die lokalen Dinge sind sehr wichtig, und nur die wichtigsten Dinge sind wichtiger; so immer der gesunde katholische, subsidiäre Instinkt. Aber davon wollen wir ersteinmal nicht reden (außer es sollte sich eine ganz seltsame Parallele auftun).

Vor allem aber geht regelmäßig das obligatorische Gejammer los, das unsere Brüder und Schwestern Protestanten anstimmen, weil ihr Reformationstag von dem amerikanischen und, so heißt es, unchristlichen Import Halloween verdrängt wird. Ein kleiner Nebenkriegsschauplatz ist das Tanzverbot: an dem Fest Allerheiligen, auch wenn es für sich genommen ein Freudenfest ist, soll wegen des Themenkomplexes, das es einläutet, und wegen des doch ernsten Charakters, das es selbst auch irgendwo hat, und vor allem deswegen, weil Allerseelen nun einmal kein Feiertag ist und das öffentliche Totengedenken deshalb weitgehend an Allerheiligen stattfindet, keine Tanzveranstaltung stattfinden. Dies heißt auch, daß die Halloweenparties rechtzeitig enden müssen.

– Ich kann an dieser Stelle einschieben: Die vor einigen Jahren gefundene Lösung, daß im Freistaat Bayern an Allerheiligen bis zwei Uhr früh, aber nicht länger, getanzt werden darf – während es am Karfreitag ausdrücklich bei Mitternacht bleibt! – mag äußerlich wie ein Kompromiß aussehen, stellt einen der tatsächlichen Komplexität der Ereignisse vollkommen gerecht werdende und uneingeschränkt zu bejubelnde Lösung da. Manchmal schafft so etwas auch heute noch die Politik; dann darf man es auch anerkennen. –

Ich muß an dieser Stelle gestehen, was mir vielleicht hernach keiner glauben wird: Ich bin zwar Antiprotestant, nehme mir aber vor, es mir an Respekt für den Gegner nicht fehlen zu lassen. Auch ist Dr. Martin Luther OSA ohne jede Frage eine bedeutende Persönlichkeit, und der Reformationstag war zweifellos ein bedeutendes Ereignis der Geschichte, wenn auch ein verhängnisvolles; schließlich kann der religiöse Ernst zumindest Luthers, um den es am Reformationstag ja primär geht, nicht bestritten werden. Ein besonderes Faible für Halloween habe ich hingegen nie gehabt und habe es immer noch nicht (nein, tatsächlich nicht), schon allein deswegen nicht, weil ich ganz banalerweise beim Ausgehen lieber schöne Gesichter von Frauen als häßlich-geschminkte Gesichter von Frauen sehe. Ich argumentiere also im folgenden nicht für meine persönlichen Vorlieben; aber der große G. K. Chesterton hat einmal den Zölibat, als eine Einrichtung der Kirche, verteidigt und dabei offen eingestanden, daß er selbst diesen nicht verstehe (aber jeden Tag vielleicht noch begreifen könnte). In diesem Geiste bin ich zu der überraschenden Einsicht gekommen, daß bei diesen zwei „Rivalen“ Gut und Böse vielleicht doch anders verteilt sind, als es der von seinem Milieu geprägte gläubige Christ es sich im ersten Augenblicke so vorstellt.

 

II. Die Kritik gewisser frommer Kreise an Halloween

Ein Indiz sind gerade die Attacken, die von seiten der Frommen sehr gerne gegen Halloween gefahren werden. „Fromm“ ist als Lob gemeint, aber „vollständig beraten“ heißt es nun einmal tatsächlich nicht immer; wenn ein Trend aufkommt, sagen wir in den Freikirchen Amerikas – da diese nun einmal, was man neidlos, aber nicht resigniert, anerkennen muß, zur Zeit die „fromme Szene“ weitgehend beherrschen – dann kann man darauf wetten, daß er ersteinmal übernommen wird, zumindest wenn seine Unrichtigkeit nicht offenkundig ist. „Je religiöser, desto besser“ – das stimmt ja sogar; aber kann man es dem gläubigen Volke verdenken, wenn es daraus „je religiöser scheinend, desto besser“ macht?

In besseren Zeiten der Kirche waren die Pfarrer und Prediger streng genug, daß die Laien – clericis laicos semper inimicos esse constat – ein wenig dagegenhielten und vielleicht auch dagegenhalten durften; „im Grunde hat der Herr Pfarrer mit seiner Vorsicht ja schon einen Punkt, aber ganz so muß man das auch nicht alles machen“. (Wenn es wirklich krawotisch werden sollte, dann kann die Kirche ja immer noch mit Ausschluß von der Kommunion, Kirchenstrafen usw. daherkommen. – Es sei hier sicherheitshalber angemerkt: Wenn ich sage „vielleicht auch dagegenhalten durften“, so ist damit nichts gemeint, was tatsächliche Todsünden betrifft. Klar ist ja auch, daß die Gläubigen, sofern sie wenigstens ein bißchen gläubig waren, vor der tatsächlichen konkreten Todsünde immer einen heilsamen Schrecken hatten, und wenn nicht vor ihr, so doch wenigstens davor, nach ihr die Heilige Kommunion zu empfangen – Graham Greenes „Das Herz aller Dinge“ ist ein hervorragendes literarisches Zeugnis für letzteres).
Heute ist es – man hat manchmal fast den Eindruck – umgekehrt; wo ist denn die Strenge noch? Umso weniger kann man es dem Volk verdenken, wenn es „je religiöser scheinend, desto besser“ sagt. Machen wir uns nichts vor: Es gibt durchaus die Kreise, in denen der als der religiösere Mensch gilt, der mehr oder weniger gedankenlos die Argumente des Vulgärkreationismus nachbetet. (Ich beabsichtige damit übrigens nicht, jede Kritik oder jede explizit religiös oder biblisch begründete Kritik am Standardmodell der Physik etc. für unzulässig zu erklären – nur müßte das wenndann auf vernünftige Weise gemacht werden und übrigens erstmal jedenfalls auf der theologischen Seite frei von Irrtümern sein: der heutige Kreationismus fußt wesentlich auf der Behauptung, daß es vor dem Sündenfall keinen Tod gegeben haben könne, und dies ist, auch völlig unabhängig von physikalischen Tatsachen, zunächst einmal schlichtweg schriftwidrig. Bei Bedarf kann ich das gern auch noch begründen.) Es gibt ja obendrein auch die Kreise, in der auf Grund einer allgemeinen Unzufriedenheit damit, wie die heutige Politik zu Gottes Gesetz und der heiligen Religion steht (was nur allzu berechtigt ist!) jemand als umso religiöser gilt, je radikaler er politisch ist. Es gibt, auf deutsch, jede Menge Mist.

Der Punkt ist nun: Die feine katholische Nase riecht bei der herkömmlichen Anti-Halloween-Propaganda genau diese Art Mist heraus. Handeln wir diese Punkte kurz ab; sie sind nicht das eigentliche Thema dieses Textes hier.

1. „Halloween ist satanisch, weil sich Leute als Teufel und Hexen verkleiden.“

Hierzu braucht man eigentlich nichts zu sagen. Mit dem gleichen Recht ist Faust satanisch und zwar nicht wegen problematischer Einstellungen Goethes, die es transportiert (worüber man sicherlich bei Goethe generell reden kann, allerdings scheint mir zumindest der Tragödie erster Teil tatsächlich ganz unproblematisch zu sein), sondern allein schon deswegen, weil dort der Teufel auf der Rollenliste aufscheint. Mit dem gleichen Recht hätte Der Untergang nie produziert werden dürfen, weil es bedauerlicherweise nicht denkbar ist, ohne daß ein Schauspieler in die Rolle Adolf Hitlers schlüpft. Also lassen wir das.

2. „Halloween ist eines der Feste im ‚Festkalender der Satanisten’“.

Ich glaube nicht, daß man das bestreiten kann, zumindest nicht, was den Pseudo-Satanismus betrifft; aber ebensowenig kann man bestreiten, daß die fromme Kritik zuerst, die Einvernahme durch einzelne Satanisten, eine im übrigen marginale Bewegung, die eben präzise das tut, was die Frommen besonders verabscheuen, danach kam. Was übrigens den echten Satanismus betrifft, die wirklich gefährliche Bewegung, über die man am besten wenig sagt und über die ich im übrigen auch gar nichts sagen kann, – aber allem Vernehmen eine Bewegung, die das Licht des Tages scheut, und wirklich gefährlich ist – so sei da einmal dahingestellt, ob die Leute sich wirklich Ende Oktober mit Fratzen bemalen und fleißig Suppe vom zuvor ausgehöhlten Kürbis essen. Ich würde eher vermuten, sie wären dazu viel zu hoffärtig.

3. „Halloween ist ein heidnisches Fest“.

Näherhin ein keltisches; das stimmt von alledem noch am ehesten. Zumindest gab es meinen Informationen nach an diesem Datum tatsächlich ein heidnisches Fest (das bekannte Samhain), das vielleicht tatsächlich etwas mit einer heidnischen Version von „Letzten Dingen“ zu tun hatte. Wir hören ja immer, das Weihnachtsfest gehe auf ein germanisches Fest zurück: was bei Weihnachten Unsinn ist – Weihnachten ist ein rein christliches Fest und allenfalls im Datum von einem römischen beeinflußt – könnte in bezug auf Allerheiligen tatsächlich gewissermaßen „stimmen“. Das Fest Allerheiligen wurde – recht offen – zunächst auf den Termin des römisch-heidnischen Lemurenfestes (das durchaus etwas mit dem Thema „Geister von Verstorbenen“ zu tun hat) am 13. Mai gelegt, indem an diesem Tag der alte allen heidnischen Göttern gewidmete Tempel, das berühmte Pantheon oder die Rotonda, gereinigt und dann zur Ehre aller Heiligen geweiht wurde. Und wenn im 8. Jahrhundert Papst Gregor III. eine allen Heiligen geweihte Kapelle in Alt-St. Peter am 1. November einweihte und dies zum Anlaß nahm, das Festdatum zu verschieben, so liegt der Gedanke durchaus nahe, daß er das dem römischen Lemurenfest ähnliche keltische Fest bewußt zum Datum nahm, zumal die Kelten damals in der Sphäre des Christentums aufgetaucht waren und es auch jahreszeitlich schlicht besser paßte. Dafür, daß er die Weihe einer Nebenkapelle zum Anlaß nahm, ein Fest zu verschieben, das in der Weihe einer bedeutenden Basilika gründete, habe jedenfalls auch ich noch keine geeignetere Erklärung gefunden.

Und natürlich können hier außer dem Datum auch einzelne Bräuche übergegangen sein (auch bei Weihnachten wird sich wohl kaum jemand auf den Standpunkt stellen, der christliche Festgehalt sei mit überhaupt keinem mit ihm vereinbaren Brauch germanischer Herkunft angereichert worden).

Hier kommt aber schon einmal der erste von den Punkten ins Spiel um die es mir hier geht, wenn auch noch nicht das Kernthema: Wir Katholiken haben eben nicht vergessen, was Paulus in Apg 17,23 gesagt und gemacht hat; und wenn uns nun jemand sagt: „aber gerade damit war er in Athen ja nicht erfolgreich“, dann antworten wir stolz: „Das ist nachrangig; jedenfalls hatte er damit Recht.“ Das Taufen oder, mit einem vielleicht etwas zu modisch gewordenen Wort, die „Inkulturation“ von Bräuchen heidnischen Ursprungs, sofern sie nicht selbst götzendienerisch sind, ist keine anrüchige, sondern eine hervorragende Sache; nicht nur, um durch solche „Zugeständnisse“ noch mehr Seelen für Christus zu gewinnen – was aber doch bitte, um alles in der Welt, schon ausreichen sollte! –, sondern auch um der Wahrheit willen.

Ich gehe davon aus, daß an dieser Stelle die Protestanten lautstark das tun, was ihr Name besagt: „bei uns aber nicht!“. Schön und gut. Ich war seit meiner Zweitbeichte nie ein besonderer Freund des ökumenischen Gedankens, wie man ihn landläufig versteht (aber der Autor der Enzyklika Mortalium animos, von der einige disziplinarische, aber kein einziger doktrinärer Punkt aufgehoben ist, war das auch nicht); und hier wird man wohl den überstrapazierten Satz, daß die Toleranz logischerweise vor den Intoleranten wenigstens notwendig halt machen müsse, einmal richtig anwenden müssen. Wenn es recht ist zu inkulturieren, dann ist es nicht recht, auf Grund eines Kompromisses mit den Inkulturationsgegnern darauf zu verzichten.

Daher: Die Johannisfeuer müssen weiter brennen, auch wenn der protestantische Nachbar das nicht mag.

Mein Verweis auf die Johannisfeuer mag überraschend gekommen sein; damit komme ich schön langsam zu meinem eigentlichen Thema, weil zwischen den Johannisfeuern und Halloween eben doch ein Unterschied besteht. Das Johannisfeuer wurde auf den Festtag eines großen Heiligen gelegt und auch mit einer Deutung, die sich auf ihn bezieht, versehen und mit einem eigenen Abschnitt im Rituale Romanum geehrt. (Das ist, um die Anspielung nicht auszulassen, natürlich auch das gleiche Buch, in dem die Exorzismen enthalten sind.) Das Johannisfeuer ist damit heute eine christlich-gottesdienstliche Handlung, und Schluß.

Ist Halloween nicht doch etwas anderes? Ist Halloween nicht so etwas wie der „Harry Potter des Festkalenders“ (in der Buchreihe kommt es ja übrigens tatsächlich auch relativ prominent vor), also ein offenkundig mit viel Unfug als un- und widerchristlich verschmähtes Ding, das die Leute lesen bzw. feiern, weil es halt Spaß macht, das aber trotzdem ebenso offenkundig nicht besonders religiös und christlich ist? Die Bemühungen, etwa „Harry Potter“ auch als letzteres zu deuten, sind ja nicht viel weniger peinlich als die, die auf das Gegenteil aus sind.

Nun; die Feststellung wäre naheliegend; aber ich glaube nicht. Und damit komme ich auf den Reformationstag zu sprechen.

 

III. Reformation und Reformationstag

Es kommt hier übrigens nicht darauf an, ob „der Reformationstag so passiert ist“. „If the legend becomes fact, print the legend“; daß Martin Luther um diese Zeit herum die 95 Thesen zur Diskussion stellte und damit zwar in diesen Thesen selbst nur in den wenigsten Fällen der katholischen Lehre widersprach, aber doch für den heutigen Leser einen zweifellos unkatholischen Geist durchblicken ließ und dafür, daß er durch seine Unbelehrbarkeit den Protestantismus auslöste, den Anstoß gab, das ist ja unstrittig. Wir wollen ihm also durchaus den Dramatismus gönnen, daß er selbst diese Thesen an die Tür der Universitätskirche anschlug – zumal das, wie man hört, eine gängige Methode der wissenschaftlichen Auseinandersetzung war. Vielleicht tat es auch der Universitätshausmeister, aber lassen wir es ruhig einmal Luther selbst getan haben. Es ist gleichgültig.

Was war denn der Auslöser der Reformation? Ich rede jetzt nicht von den Dingen, die sie, leider Gottes, begünstigten; ohne die sie in der religionspolitischen Praxis ziemlich schnell ihr Ende gefunden hätte. Natürlich hätte es die Reformation mit diesem Erfolg nicht gegeben, wenn der insbesondere hohe Klerus weniger Gelegenheit zum Anstoßnehmen gegeben hätte – aber was diese von Katholiken, die aus ökumenischer Höflichkeit ums Verrecken irgendetwas Freundliches dazu sagen wollen, viel zu sehr betonte Tatsache betrifft, hat Luther immer darauf bestanden, daß nicht das der eigentliche Hintergrund der Reformation war; „wir müssen unterscheiden Lehre und Praxis; in der Praxis sind die unsrigen nicht besser als die Katholiken“, soweit Luther selbst. Natürlich wäre die Reformation ohne den Eifer von Fürsten, sich Kirchengüter unter den Nagel zu reißen (und in einem Fall sogar um der lieben PR willen eine Bigamie genehmigt zu bekommen), im Sande verlaufen und bloß zu einem allerdings wohl nicht ganz unbedeutenden Kapitelchen der Häresiegeschichte geworden. Und natürlich – was viel zu wenig beachtet wird: Hätte man dem deutschen Volk glaubwürdig erklärt, was tatsächlich den Tatsachen entsprach, nämlich daß der Abriß von Alt-St. Peter, der Baufälligkeit dieser Kirche wegen, nicht nur und nicht vor allem ein Prestigeprojekt eines etwas ruhmsüchtigen (vielleicht zu ruhmsüchtigen?) Papstes, Julius‘ II., sondern tatsächlich dringend erforderlich war und der Neubau in all seinem Prunk (der bei einer Kirche dieser Bedeutung natürlich unverzichtbar ist) vermutlich ja auch immer noch billiger kam als eine kostspielige Sanierung – wir kennen so etwas bei Bauten ja auch in unseren Tagen –, dann hätte Luther gegen die vor allem auf den Bau von Neu-St. Peter gerichteten Ablässe gewiß nie so eine Stimmung mobilisieren können.
Das alles ist richtig; aber es hat nichts mit dem theoretischen Fundament des Protestantismus zu tun.

Dieses Fundament ist die Angst.

Damit sage ich nichts, was ein ernstzunehmender Protestant wird bestreiten wollen; er wird nur sagen, gemäß seinem damaligen katholischen Glauben habe Luther eben Angst haben müssen und durch seinen Protestantismus den dann notwendigen Ausweg gefunden. Daß aber Luther an der Frage „wie bekomme ich einen gnädigen Gott“ fast verrückt geworden ist, bis er seine spezielle „Lösung“ der Frage gefunden hatte, die bis heute in allen Spielarten des Protestantismus maßgeblich ist, ist eine offenkundige Tatsache. (Unter anderem deswegen ist wohl das Pfingstkirchlertum wie auch sicher der Mormonismus nicht zum Protestantismus zu rechnen.)

Und damit komme ich zu der im Liturgiejahr eher seltsamen Einleitung des Artikels. Ist es nicht natürlich, vor dem Jüngsten Gericht Angst zu haben?

„Tagt der Rache Tag den Sünden, wird das Weltall sich entzünden, wie Sibyll und David künden. / Welch ein Graus wird sein und Zagen, wenn der Richter kommt, mit Fragen streng zu prüfen alle Klagen! / Laut wird die Posaune klingen, durch der Erde Gräber dringen, alle hin zum Throne zwingen. / Schaudernd sehen Tod und Leben sich die Kreatur erheben, Rechenschaft dem Herrn zu geben. / Und ein Buch wird aufgeschlagen: treu darin ist eingetragen jede Schuld aus Erdentagen. / Sitzt der Richter dann zu richten, wird sich das Verborgne lichten; nichts kann vor der Strafe flüchten. / Weh! Was werd ich Armer sagen? Welchen Anwalt mir erfragen, wenn Gerechte selbst verzagen?“
Soweit die ersten sieben Strophen der achtzehneinhalb des Dies irae.

Dann wird’s zappenduster; dann ist Matthäi am letzten.

Die scheinbare Lösung Martin Luthers für dieses echte Problem kennen wir: wir tun einfach so als ob. (Sicher würde das nun ein Protestant nicht so formulieren.) Etwas salbungsvoller ausgedrückt: Aus dem mißverstandenen Bibelvers „der Gerechte lebt aus dem Glauben“ bastelt er sich, dem offenkundigen Sinn zuwiderlaufend, seine Lehre, die in all ihrer Zugespitztheit letztlich so lautet „wie du glaubst, so hast du“: also sinngemäß „wer sich die Sünden vergeben glaubt, dem sind sie vergeben; wer sich die Sünden behalten glaubt, dem sind sie behalten“. (Wir lesen natürlich in Joh 20,23, an das ich mich mit der Formulierung zugegeben angelehnt habe, etwas ganz anderes.)

In einer Formulierung, die meines Wissens auf Paul Hacker zurückgeht: Erlösung durch Selbstsuggestion.

Es ist übrigens nicht meine Absicht, diese neue Theorie lächerlich zu machen. Wer von echter, ernsthafter Verzweiflung umnachtet ist und dann mit dem vielberedeten „Mut der Verzweiflung“ den, um es einmal unangemessen modern auszudrücken, „Sprung ins Ungewisse wagt“, das „Wagnis des Glaubens eingeht“, dem kann man eine gewisse Größe nicht bestreiten – nur Recht hat er eben nicht. Lächerlich ist höchstens Luthers Behauptung, daß diese Lehre von Anfang an die christliche gewesen sei oder gar – zumindest vom Tonfall her klingen seine ersten, noch halbkatholischen Aussagen so – von der Kirche erst allerkürzlichst aufgegeben worden sei.

Da er diese Doktrin aber einmal so aufgestellt hat, folgt mit einer gewissen Logik, daß er die Lehre vom Verdienst verwirft. Wenn andere diesen sogenannten „Fiduzialglauben“ (wie mindestens die katholische Theologie ihn später nennen würde) auch als Wesensbestandteil des „Evangeliums“, d. h. der christlichen Lehre annehmen sollen (es ist übrigens etwas komisch, eine Theorie „Evangelium“ zu nennen, selbst nach den Behauptungen ihres Begründers aus einer Auslegung der Paulusbriefe hervorgeht und im Evangelium gar keinen Anhaltspunkt hat), dann müssen sie vorher auch in Verzweiflung geführt werden oder doch wenigstens vom Katecheten vordemonstriert bekommen, daß sie, wenn sie nicht fromme Protestanten wären, in ebendiese Verzweiflung geraten müßten. Dann aber muß mit aller Gewalt die falsche Lehre gepredigt werden, die im englischen Sprachraum später auf den Begriff utter depravity gebracht werden würde (der Begriff ist calvinistisch, die Wurzel liegt aber tatsächlich bei Luther); der Mensch sei von Natur aus verdorben (wir Katholiken bestehen darauf, daß das erstens nicht die Natur ist und daß zweitens von einer bedauerlichen Hinneigung zur Sünde, aber, zumindest mit Notwendigkeit, nicht von mehr die Rede ist und vor allem daß drittens der Mensch, solange er lebt und bei Bewußtsein ist, immer eine gewisse Empfänglichkeit für das Gute beibehält). Ist er aber verdorben, dann kann er auch nichts Gutes tun; und hat man einmal die Erbsünde, aus der ja die Sünden folgen, so erklärt, dann folgt aus der unbestreitbaren Erfahrungstatsache, daß auch Getaufte sündigen, daß sich daran durch die Taufe nichts Grundlegendes ändert. (Luther erklärt dann die Erlösung gewissermaßen als „Augenzudrücken“ Gottes in dieser Beziehung.) Und wenn das so ist, dann ist der Fall, daß jemand etwas Gutes tut – vor allem, wenn es etwas Gutes ohne innerweltlichen Sinn ist – ein Anlaß für den dringenden Verdacht, daß er diese wesentliche Lehre des Protestantismus nicht akzeptiert und damit auch den nach protestantischer Ansicht wahren Glauben nicht haben kann.

Solche Handlungen faßt der Protestantismus unter den Begriff „Werkgerechtigkeit“. Es gibt natürlich – worauf wir Katholiken mit unserem Harmoniebedürfnis gern bestehen – etwas, das man auch „Werkgerechtigkeit“ nennen könnte und das tatsächlich falsch ist: sich durch Werke den Himmel (oder die Gnade) verdienen wollen, so daß man hernach ein Anrecht darauf hätte, und zwar allein des natürlichen Wertes der Werke wegen, nicht deswegen, weil diese selbst bereits unter dem Anhauch der Gnade geschehen sind, von der die erste immer unverdient ist. Die Frage muß aber ehrlich gestellt werden, ob das seit dem Sieg über die Häresie des Pelagius (also im 5. Jahrhundert) überhaupt nennenswerte Gruppen in der katholischen Kirche geglaubt haben; daß das bis Luther die gängige katholische Lehre gewesen sei, ist jedenfalls ein protestantisches oder versöhnlerisches Märchen.

Von dieser Ablehnung der verdienstlichen Werke – für die Luther sich mit aller Geschicktheit eines von der Verzweiflung wohl entschuldigten, aber an und für sich betrügerischen Kaufmanns etliche Stellen bei Paulus zunutze macht, die „Werke“ für jetzt ungültig erklären: womit aber textlich eindeutig die Zeremonien des mosaischen Gesetzes gemeint sind, mithin ein Thema, das mit dem Luthers gar nichts zu tun hat – kommt er dann zur Verwerflichkeit des Ablaßgewinnens. (Diese steht nicht in den 95 Thesen, die ausdrücklich das Gegenteil proklamieren, etwa in These 67; ich meine aber, daß man sie zwischen den Zeilen lesen kann.) Er sucht sich dabei einen systematisch denkbar ungeeigneten, propagandistisch denkbar geeigneten Gegner aus. Systematisch einen ungeeigneten: Denn gerade der Ablaß ist das genaue Gegenteil von Werkgerechtigkeit. Wenn ich eine Wallfahrt mache, dann ist das ein verdienstliches Werk, gewissermaßen; bitteschön. Die Wallfahrt für sich! Wenn es aber auf die Wallfahrt einen Ablaß gibt, dann ist das ausdrücklich eine Dreingabe der Kirche; der entscheidende Punkt beim Ablaß ist gerade eben, daß das, was daran Ablaß ist, nicht das Werk des Ablaßnehmers, sondern eben ein bei gewissen Anlässen unter gewissen Bedingungen von der Kirche gespendetes Geschenk ist. Aber natürlich gaben damals auf Grund der publizistischen Tagesmeinung die Ablässe in Deutschland ein geeignetes Ziel ab.

Vielleicht hat ja auch Luther tatsächlich vor allem gestört, daß erstens die Ablässe, selbst wenn sie empfangen werden, in der Regel von „Ungläubigen“ im Sinne des Protestantismus empfangen werden und damit gar nichts nützen (so ausdrücklich These 31), und vielleicht auch, daß diese wohl damals schon gern, wie auch heute, ganz selbstlos den Verstorbenen zugewendet wurden. Dies ist auf Seiten des Ablaßnehmers ein gutes Werk (!); und was könne es dem Verstorbenen nach protestantischer Auffassung schon nützen: auf das, worauf es nach diesem Glauben eigentlich ankommt, den Fiduzialglauben zu Lebzeiten, haben sie doch keinen Einfluß.

– Anders als beim Ablaß nehme ich Luther ab, daß er an das Fegfeuer, als er die 95 Thesen schrieb, tatsächlich noch glaubte, wie er dort ausdrücklich sagt (etwa: These 16). Letztlich konnte der Protestantismus aber nicht aus seiner Haut heraus, und da er an seiner Gründungslegende „gegen den Ablaß!“ festhalten mußte, mußte er letztlich auch das Fegfeuer trotz eindeutigem biblischen Beweis (1 Kor 3,15) verleugnen, zumal es, wenn die Sünden ohnehin nur zugedeckt würden, in der Tat nicht recht einzusehen ist, warum, und wenn ja wie, Gott nach Bemäntelung der Sünden noch zeitliche Strafen übrig ließe. Richtig zu erklären ist das, auch wenn es einen Augenblick paradox klingt, nur vom katholischen Standpunkt: Gott vergibt die Sünden ganz, es kommt hinten ein neuer, heiliger Mensch heraus; und eben deshalb hat es Sinn, daß die Rückstände und Verflechtungen, die nach Vergebung der Schuld noch verbleiben, durch Läuterung erst noch beseitigt werden müssen (wo dann „einer des anderen Last tragen“ kann).

Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum Luther für seine Thesen gegen den Ablaß ausgerechnet den Vorabend von Allerheiligen, der damals – und noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts – als Vigil (mit Fasten! Werkgerechtigkeit!) ausgestattet war, wählte.

Nach diesem Versuch einer Erklärung der Reformation kehre ich etwas zum Thema zurück:

Durch das Sicheinreden des Erlöstseins kann man natürlich die Angst nicht eigentlich loswerden. Man kann sie nur verdrängen; und man will dann unter keinen Umständen etwas damit zu tun haben, sonst kommt sie wieder hoch. (Wenn sie verdrängt bleibt und nicht hochkommt, reicht das für den Protestanten.)

 

IV. Das Gruseln als Freizeitgenuß der Katholiken

Völlig anders sehen die Dinge in der heiligen Mutter Kirche aus.

An dieser Stelle möchte ich eine Geschichte von G. K. Chesterton zitieren (Alarums and Discursions: On Gargoyles). Es geht um ein Volk, das auf heidnische, aber nicht bös-heidnische, nur noch unerleuchtet-heidnische, Weise den Sonnengott verehrt; und ihr Priester baut dem Sonnengott einen Tempel in wunderschöner klassischer Architektur. Doch dann werden sie von Piraten überfallen, wären fast vernichtet worden, und nach einem langen Krieg erst werden sie wieder frei.

Und aus irgendeinem Grunde begannen die Leute nach diesen Geschehnissen, vom Tempel und der Sonne anders zu reden. Manche gewiß sagten: „Man darf den Tempel nicht anrühren; er ist klassisch; er ist vollkommen; denn er läßt keine Unvollkommenheiten zu.“ Aber die anderen antworteten: „Und darin unterscheidet er sich von der Sonne, die über Böse und Gute scheint, und über den Schlamm und über die Ungeheuer überall. Der Tempel ist ein Mittagstempel; er ist aus weißen Marmorwolken und einem Edelsteinhimmel gemacht. Aber die Sonne ist nicht immer Mittagssonne. Die Sonne stirbt Tag für Tag; jede Nacht wird sie in Feuer und Blut gekreuzigt.“
Und der Priester hatte den ganzen Krieg hindurch gelehrt und gewehrt, und sein Haar war weiß, seine Augen jedoch jung geworden. Und er sagte: „Ich war im Unrecht, sie sind im Recht. Die Sonne, das Symbol unseres Vaters, gibt Leben all jenen irdischen Dingen, die voller Häßlichkeit und Energie sind. Alle Übertreibungen sind recht, wenn sie das Rechte übertreiben. Lasset uns zum Himmel weisen mit Stoßzähnen, mit Hörnern, mit Finnen, mit Rüsseln, mit Schwänzen – solange sie nur alle zum Himmel zeigen. Die häßlichen Tiere preisen Gott ebenso, wie die schönen es tun. Dem Frosch stehen die Augen aus dem Kopf heraus, weil er den Himmel anstarrt. Der Hals der Giraffe ist so lang, weil sie sich zum Himmel ausstreckt. Der Esel hat Ohren zum Hören; er höre.“

Und das Ende vom Lied ist, daß eine Kathedrale im gotischen Stil gebaut wird – ein Baustil, den wir heute nicht ganz von ungefähr im Namen einer bestimmten Musikrichtung nebst zugehöriger Szene wiederfinden.

Weil der Katholik – zumindest im Idealfall – keine Angst hat, ist er frei, auch all die häßlichen Dinge zu gebrauchen. Weil der Katholik weiß, daß er keine Angst haben sollte, wird ihn das offene Ansprechen der Düsternis eher dazu bringen, keine zu haben. Und übrigens: Weil der Katholik auch ans Fegfeuer glaubt, braucht er sich nicht so sehr vor der Hölle fürchten – und wenn wir es einmal genau nehmen, kann dazu nur je mehr beitragen, je schrecklicher man sich ihre Schrecken vorstellt. Das ist auch paradox; und doch klar, wenn man es sich einmal überlegt.

Es ist die Lehre der Kirche, daß wenigstens Leute, die – wie es technisch heißt – „den Vernunftgebrauch“ (d. h. im großen und ganzen: den 7. Geburtstag) erreichen, letztlich nur drei Möglichkeiten haben: Himmel ohne Fegfeuer; Fegfeuer und dann Himmel; und Hölle. (Die getauft verstorbenen Kleinkinder sind sicher im Himmel; für die ungetauft verstorbenen gilt „nichts Genaues weiß man nicht“, aber wenn sie nicht im Himmel sind, d. h. Gott nicht schauen können, so sind sie jedenfalls doch zumindest in natürlicher Glückseligkeit, d. h. es geht ihnen uneingeschränkt gut.)
Je schrecklicher also die Hölle ist, umso naheliegender der Gedanke: „Na so schlimm, daß ein gütiger und barmherziger Gott mit dahin schicken wird, werde ich ja doch wohl nicht gewesen sein werden. Natürlich muß ich bestraft werden; aber dafür gibt es ja das Fegfeuer, aber das ist ja einmal vorbei, und obendrein“ – denn das ist ebenfalls Lehre der Kirche – „werde ich auch im Fegfeuer schon sicher wissen, daß ich der Hölle ein für alle mal ausgekommen bin“.

(Das entbindet natürlich nicht von der Pflicht, die Todsünden zu meiden und, wenn man das Unglück gehabt haben sollte, in eine zu fallen, zu bereuen und bis zur nächsten Beichte, die spätestens um nächste Ostern herum sein soll, nicht zu kommunizieren.)

Deshalb ist überall dort, wo der Katholizismus lebendig ist und die apologetische Auseinandersetzung mit dem Protestantismus (die ein wenig die Betonung auf die Vermeidung vermessener Heilsgewißheit setzen mußte) relativ fern war, die stillschweigende Unterstellung lebendig geblieben, daß die ewige Höllenstrafe (zumindest unter Katholiken – wobei diese Frage vor Augen gar nicht steht) eine seltene Sache ist. (Eine nicht ganz orthodoxe, aber mentalitätsmäßig umso aufschlußreichere Darstellung der Sache ist in dem Theaterstück Himmelwärts von Ödön von Horvath zu finden.) „’Ja, kommt denn der Flori hierher?‘ ‚Marei, du bist im ewigen Frieden; und wie lange es auch dauern mag, bis dein Flori dir folgt, es wird für dich nur eine kurze Weile sein.’“
Und im Mittelalter galt, habe ich wenigstens gehört, der Teufel (etwa im damaligen Äquivalent unseres Kasperltheaters) als zwar abgrundtief böse, aber auch jämmerliche und irgendwo fast zu bemitleidende Figur. Ein wenig davon wirkt noch nach in Goethes Faust, wenn Mephisto, wie es offensichtlich vorgesehen ist, von dem Mitglied des Ensembles gespielt wird, das vorher im Vorspiel als „Lustige Person“, d. h. als Ausfüller des komödiantischen Parts, vorgestellt wurde.

Übrigens fällt in diesem Zusammenhang eine Figur auf, die die Imagination des christlichen Volkes anscheinend beschäftigt zu haben scheint: jemand, der weder in den Himmel noch in die Hölle hineinpaßt. Zur orthodoxen Antwort darauf komme ich gleich, aber das Konzept ist interessant. Der Protagonist in Himmelwärts muß, weil er weder hierhin noch dorthin paßt, zunächst nochmal auf die Erde. Der Schneider im Himmel kann nicht in den Himmel und in die Hölle auch nicht, also zieht er, heißt es im Märchen, nach „Warteinweil“, wo die frommen Soldaten sind – also die, die einerseits fromm waren, andererseits immerhin das Kriegshandwerk betrieben haben. – Die orthodoxe Antwort darauf ist natürlich „Fegfeuer, und dann in den Himmel; und im übrigen ist das Soldatenhandwerk, bei aller nicht abzustreitenden Problematik, ebensowenig Sünde wie jeder andere notwendige Beruf auch“ (sollte übrigens das Fegfeuer im Ausdruck „Warteinweil“ schon anklingen?), aber interessant ist es schon, welche Blüten die authentische Phantasie des Volkes da so getrieben hat.
Und in diese Kategorie gehört auch Jack O’Lantern, der sich aus dem gleichen Grund an dem Licht einer brennenden Rübe wärmen darf, oder außerhalb Irlands einem Kürbis. Apropos Irland: Seit etwa vierhundert Jahren ist in Irland die pro-keltische und die katholische, die anti-keltische und die protestantische Sache jeweils ungefähr (ich sagte ungefähr) die gleiche.

Wir haben gesehen: Wer keine Angst hat, weil er weiß, daß er einen gnädigen Gott jetzt schon hat – denn Gott ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Gnade – der kann sich daran erfreuen, sich zu gruseln; der kann auch Horrorfilme anschauen, und der kann auch vor der Feier des Himmels und der Fürbitte fürs Fegfeuer dafür zu haben sein, die Hölle gewissermaßen repräsentiert zu bekommen. Wir, so hoffen wir, kommen ja nicht hinein! (Dazu helfe uns Gott in seiner großen Güte durch Christus unseren Herrn. Amen.)

Der hl. Papst Johannes Paul II. hat gesagt, der Paradiesmensch hätte nicht zu arbeiten brauchen, sich aber nach der Arbeit wie nach einem Genusse gesehnt. In der Lage sind wir bei der Arbeit nicht – oft genug nicht bei den reichen Arbeitenden, wohl kaum bei denen, die nicht wissen, ob sie ihr tägliches Brot zusammenbekommen; beim Grusel aber anscheinend schon. Es macht ja auch Freude, wenn man die Geschichte von Beren und Luthien in der Eisenhölle hört, vorausgesetzt, man sitzt gemütlich am Kaminfeuer von Imladris.

Denn das oben anzitierte Dies irae geht noch weiter; man darf eben Lieder nicht immer nach ein paar Strophen abbrechen. „König schrecklicher Gewalten, frei ist Deiner Gnade Schalten: Gnadenquell, laß Gnade walten! / Milder Jesus, wollst erwägen, daß Du kamest meinetwegen, schleudre mir nicht Fluch entgegen. / Bist mich suchend müd gegangen, mir zum Heil am Kreuz gehangen: mög dies Mühn zum Ziel gelangen. / Richter Du gerechter Rache, Nachsicht üb in meiner Sache, eh ich zum Gericht erwache. / Seufzend steh ich schuldbefangen, schamrot glühen meine Wangen: Laß mein Bitten Gnad erlangen. / Hast vergeben einst Marien, hast dem Schächer dann verziehen, hast auch Hoffnung mir verliehen. / Wenig gilt vor Dir mein Flehen; doch aus Gnade laß geschehen, daß ich mög der Höll entgehen. / Bei den Schafen gib mir Weide, von der Böcke Schar mich scheide, stell mich auf die rechte Seite. / Wird die Hölle ohne Schonung den Verdammten zur Belohnung, ruf mich zu der Sel’gen Wohnung. / Schuldgebeugt zu Dir ich schreie,
Tief zerknirscht in Herzensreue: sel’ges Ende mir verleihe. /Tag der Zähren, Tag der Wehen, da vom Grabe wird erstehen zum Gericht der Mensch voll Sünden. / Laß ihn, Gott, Erbarmen finden. / Milder Jesus, Herrscher Du, schenk den Toten ew’ge Ruh. Amen.“

Ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er ihn um Brot bittet? Um wieviel mehr wird der Vater im Himmel, usw.

Daher: beichten; die Allerseelenablässe gewinnen; und Halloween zumindest wohlwollend zur Kenntnis nehmen – dies erscheint auf Grund des Gesagten als hervorragende katholische Reaktion auf das Elend der Reformation, die an einem 31. Oktober begonnen hat und leider viel Grusel, irdischen (wenn man an die Kriege denkt), aber vor allem theologischen, in die Welt gebracht hat, der leider nicht am warmen Kaminfeuer genossen werden kann.

Zumindest noch nicht. Wer weiß, wie wir einmal im Himmel darüber denken werden.

Advertisements

Was ist meine Berufung?

Berufungen. Ach ja. Es wird bei uns in der Kirche gerne um welche gebetet, und viel über sie geredet, aber was das eigentlich ist – eine Berufung -, das wird auch gerne missverstanden. Und das kann dann für einigen unnötigen Stress sorgen. Bin ich zum Ordensleben oder Priestertum berufen? Oder will Gott mich vielleicht doch lieber in der Ehe sehen? Soll ich das Studium machen, oder die Ausbildung hier? Was, wenn ich den falschen Weg einschlage? Woran erkennt man eine Berufung? Es gibt vielleicht junge Männer, die sich fragen, ob sie Priester werden können, auch wenn sie nicht diese anscheinend manchmal erwartete innerliche Gewissheit verspüren, dass Gott sie beruft; oder junge Frauen, die sowohl den Gedanken daran, verheiratet und Mutter von drei, vier, fünf Kindern zu sein, als auch die Vorstellung, als Franziskanerin in einem Kloster zu leben, attraktiv finden und nicht wissen, wo Gott sie jetzt eigentlich haben will. Hinter manchen unnötigen Sorgen steckt auch der Gedankengang: Gott hat genau einen bestimmten Weg für mein Leben vorgesehen und wenn ich diesen Weg nicht finde, sündige ich und verpasse außerdem den ganzen Sinn und Zweck meines Daseins.

(Ewige Profess in einem Benediktinerinnenkloster, 2006, Quelle: Bischöfliche Pressestelle Hildesheim.)

Hauptsächlich und klassischerweise geht es bei der Frage nach einer „Berufung“ um die Wahl zwischen der Ehe und einem gottgeweihtem Leben gemäß den evangelischen Räten (Ratschlägen aus dem Evangelium, mit einer gewissen häretischen Konfession hat das nichts zu tun), also Armut, eheloser Keuschheit und Gehorsam. Dazu hat der hl. Paulus eigentlich alles Entscheidende schon im 1. Korintherbrief gesagt:

„Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. Den Unverheirateten und den Witwen sage ich: Es ist gut, wenn sie so bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist nämlich besser zu heiraten, als sich in Begierde zu verzehren. […] Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat als einer, den der Herr durch sein Erbarmen vertrauenswürdig gemacht hat. Ich meine, es ist gut wegen der bevorstehenden Not, ja, es ist gut für den Menschen, so zu sein. Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine! Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht. Freilich werden solche Leute Bedrängnis erfahren in ihrem irdischen Dasein; ich aber möchte sie euch ersparen. Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht. Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen. Dies sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr euch in rechter Weise und ungestört immer an den Herrn haltet. Wer sich gegenüber seiner Verlobten ungehörig zu verhalten glaubt, wenn sie herangereift ist und es so geschehen soll, der soll tun, wozu es ihn drängt, nämlich heiraten, er sündigt nicht. Wer aber in seinem Herzen fest bleibt, weil er sich in der Gewalt hat und seinem Trieb nicht ausgeliefert ist, wer also in seinem Herzen entschlossen ist, seine Verlobte unberührt zu lassen, der handelt gut. Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut; doch wer sie nicht heiratet, handelt besser.“ (1 Kor 7,7-9.25-38)

Zu dieser Stelle habe ich hier schon mal etwas geschrieben; ich zitiere der Einfachheit halber mal mich selber:

„Dann ist es wichtig, zu sehen, dass Paulus hier keinen versteckten moralischen Druck aufbauen will, à la ‚Na ja, also… so richtig sündigen tut ihr jetzt nicht, wenn ihr heiratet, aber ihr solltet euch das lieber mal gut überlegen, es wäre schon besser, wenn ihr das nicht machen würdet…‘. Nein, wenn er sagt, ‚Heiratest du aber, so sündigst du nicht‘ oder ‚Wer seine Verlobte heiratet, handelt also gut‘ oder ‚Was aber die Unverheirateten betrifft, so habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch nur einen Rat‘, dann meint er das auch. Was nicht Sünde ist, darf man machen; hier lässt Gott uns jede Freiheit, und er nimmt es uns nicht übel, wenn wir uns für das an sich ‚Minderwertigere‘ entscheiden. Denn noch eins sollte hier klar sein: Minderwertig heißt für Paulus eben nicht ’schlecht‘, wie wir das Wort oft verwenden, sondern ‚wertvoll, nur von minderem Wert gegenüber etwas noch Besserem‘. Die Ehe ist gegenüber der Jungfräulichkeit für ihn so etwas wie die Arbeit eines Krankenpflegers gegenüber der eines Arztes; beides wichtig, beides gut (Gnadengaben vom Herrn), beides sogar unersetzlich, das eine eben für den einen Menschen geeignet, das andere für den anderen. Und ja, das ist immer noch offizielle Kirchenlehre: Die gottgeweihte Jungfräulichkeit bzw. Enthaltsamkeit steht an sich über der Ehe, wie z. B. Engel über Menschen stehen oder Apfelsaft nahrhafter ist als Leitungswasser. Man darf trotzdem Leitungswasser vorziehen.“

Diese Lehre hat übrigens sogar den Rang eines Dogmas; beim Konzil von Trient heißt es: „Wer sagt, der Ehestand sei dem Stand der Jungfräulichkeit oder des Zölibates vorzuziehen, und es sei nicht besser und seliger, in der Jungfräulichkeit und dem Zölibat zu bleiben, als sich in der Ehe zu verbinden: der sei mit dem Anathema belegt.“ Ja, das heißt, wenn jemand dir sagt, dass Ehe und Jungfräulichkeit genau gleich viel wert sind, ist er streng genommen zumindest ein materieller Häretiker.*

Also, zwei Sachen werden hier ganz deutlich: 1) Eine der beiden Berufungen ist objektiv höherwertig. Das nur auf Gott ausgerichtete Leben ist etwas ganz Besonderes, das es in der Kirche auf jeden Fall braucht – übrigens auch, um der Welt klarzumachen, dass unsere Hoffnung nicht in dieser Welt liegt, sondern bei Gott. 2) Es ist keine Sünde, nicht das Höherwertige zu wählen. Ich glaube, es ist nötig, es immer und immer wieder zu sagen: Das Bessere ist nicht der Feind des Guten. Und Gott liebt einen nicht weniger, wenn man das weniger Gute wählt.

Interessant ist auch: Paulus sagt zwar: „Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so.“ Aber dann sagt er doch allgemein: Wer nicht heiratet, handelt besser; nur, wenn das zu schwierig für ihn ist, dann soll er halt heiraten und muss sich deswegen kein schlechtes Gewissen machen. Mit den Gnadengaben scheint er eher die Fähigkeit als die gefühlsmäßig empfundene persönliche Beauftragung zu einem Leben allein zu meinen. (Nur mal so: bei einem Verzicht auf die Ehe geht es ja nicht nur um einen Verzicht auf Sex, das zwar auch, aber auch um einen Verzicht auf Partnerschaft, auf Kinder, usw. Das muss man auch aushalten können.)

Auch zwei Stellen in den Evangelien sind hier wichtig. Als Jesus klargestellt hat, dass Ehescheidung nicht geht, geht es so weiter: „Da sagten seine Jünger zu ihm: Wenn das Verhältnis des Mannes zur Frau so ist, dann ist es nicht gut zu heiraten. Jesus sagte zu ihnen: Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. Denn manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer es erfassen kann, der erfasse es.“ (Mt 19,10-12) Manchen ist es also gegeben, auf die Ehe zu verzichten – und wenn einer sich dafür geeignet sieht, ist es auch gut, wenn er es tut.

Dann kommt die Geschichte von dem reichen Jüngling: „Und siehe, da kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist der Gute. Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote! Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir noch? Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen; und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach! Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.“ (Mt 19,16-22) Als der reiche junge Mann fragt, was er tun muss, nennt Jesus ihm einfach die allgemeinen Gebote; als er noch mehr tun will, lädt Jesus ihn ein, auch auf seinen Besitz zu verzichten.

Der hl. Thomas nennt das Leben nach den evangelischen Räten den „Stand der Vollkommenheit“. Wir verwenden das Wort „vollkommen“ ja eigentlich mit zwei Bedeutungen: 1) „makellos“, d. h. ohne Fehler oder Verunreinigungen, 2) am höchsten, das Bestmögliche. Nach Vollkommenheit im ersten Sinne soll jeder Christ streben (d. h. jeder soll keine Sünden begehen – klar wird man sie nicht alle vermeiden können, aber man muss es sich als Ziel setzen und versuchen), Vollkommenheit im zweiten Sinne ist etwas Freiwilliges für die, die sie auf sich nehmen wollen, dafür geeignet und nicht durch irgendwelche äußeren Umstände daran gehindert sind. Und zu dieser zweiten Vollkommenheit gehören die evangelischen Räte. (Hier noch mehr zum Thema Gutsein & Vollkommenheit.) „Da jedoch die Vorschrift des Gesetzes in verschiedener Weise erfüllt werden kann, so ist deshalb noch nicht jemand ein Gesetzesübertreter, wenn er nicht auf die beste Weise es erfüllt; vielmehr genügt es, wenn er irgendwie dies thut.“ (Aus: Summa Theologiae II/II 184,3, Antwort auf den zweiten Einwand.)

Laut Thomas ist das Leben nach den Räten ein besonders gut geeignetes Mittel, um zur Heiligkeit zu gelangen – aber eben kein Endzweck in sich selbst. Der Endzweck ist die Gottes- und Nächstenliebe. „In untergeordneter Weise und wie in einem Werkzeuge aber besteht die Vollkommenheit in den Räten, welche alle, aber anders wie die Gebote, zur heiligen Liebe in Beziehung stehen. Denn die Gebote entfernen Alles, was zur Liebe selbst im Gegensatze steht, womit die Liebe also nicht bestehen kann; die Räte aber entfernen Hindernisse für die thatsächliche Äußerung oder Bethätigung der Liebe, welche jedoch zur Liebe selber nicht im Gegensatze stehen, wie z. B. die Ehe, die Beschäftigung mit Weltlichem. Deshalb sagt Augustin (Enchir. 121.): ‚Was auch immer geboten ist, wie z. B.: du sollst nicht ehebrechen; oder was auch immer geraten ist, wie z. B.: Gut ist es für den Menschen, ein Weib nicht zu berühren; — dies Alles geschieht dann recht, wenn es bezogen wird auf Gott und um Gottes willen auf den Nächsten.‘ Und in den collat. Patr. (1, 7.) heißt es: ‚Fasten, Nachtwachen, Betrachten der Schrift, Entblößung und Verzicht auf allen Besitz bilden nicht die Vollkommenheit, sondern sind deren Werkzeuge; denn nicht dies Alles ist der Zweck, sondern vermittelst dessen gelangt man zum Zwecke, … auf diesen Stufen steigen wir zur heiligen Liebe empor.'“ (Aus: Summa Theologiae II/II 184,3)

Thomas schreibt interessanterweise auch, dass es nicht nötig sei, sich um einen Ordenseintritt ewig Gedanken zu machen: „Ich antworte, in großen Zweifeln bedürfe man langer Beratung mit vielen Zweifeln. In zuverlässig gewissen Dingen bedarf es keiner Beratung. (3 Ethic. 3.) Nun kann rücksichtlich des Eintritts in den Ordensstand dreierlei berücksichtigt werden: 1. Der Eintritt selber; da liegt an und für sich ein besseres Gut vor, und wer daran zweifelt, der fehlt gegen Christum selber, welcher diesen Rat gegeben. Deshalb sagt Augustin (de verb. Dom. serm. 7. c. 2.): ‚Die aufgehende Sonne, d. i. Christus, ruft dich und du willst auf den Untergang achten d. i. auf einen sterblichen, des Irrtums fähigen Menschen!‘ 2. Der Eintritt mit Rücksicht auf die Kräfte des eintretenden; da aber vertrauen die eintretenden nicht auf ihre Kräfte, sondern auf den Beistand Gottes, nach Is. 40.: ‚Die auf den Herrn hoffen, wechseln ihre Stärke, sie werden Flügel annehmen wie die Adler; fliegen werden sie und nicht schwach werden.‘ Besteht jedoch nach dieser Seite hin ein besonderes Hindernis, wie körperliche Schwäche, Schuldenlast etc.; darüber muß man Rats pflegen mit verständigen Personen, die nicht gegen den Eintritt sind und selben hindern wollen, nach Ekkli. 37, 12. Ein langes Beraten ist jedoch auch da nicht nötig; wie Hieronymus sagt (ad Paulinum): ‚Eile, ich bitte dich, haue vielmehr das Seil durch, welches das Schifflein am Ufer festhält, anstatt es zu lösen.‘ 3. Der bestimmte Orden, in den man eintreten will und die Art und Weise des Eintretens; darüber kann man ebenfalls Rats pflegen mit denen, die nicht hindern wollen.“ (Summa Theologiae II/II 189,10)

Die Ehe, ein normales Leben in der Welt mit einer Familie, ist eher der Standard – das, was man eben normalerweise so macht, sobald man einen netten Partner findet. Dazu braucht es eigentlich keine besondere „Berufung“. Aber dann gibt es eben den allgemeinen Ratschlag an alle Christen: Es ist auch gut, auf Ehe, Besitz und Unabhängigkeit zu verzichten, das macht es einfacher, heilig zu werden. Das ist kein total seltener Ruf an nur ganz vereinzelte herausgehobene Christen, sondern ein allgemeiner, mit Gottes Gnade auch erfüllbarer Rat. (Wer durch äußere Umstände statt durch die eigene Wahl arm oder ehelos ist, muss das ja auch aushalten können.)

Das Gefühl, sowohl gerne heiraten als auch gerne im Kloster leben zu wollen, ist übrigens normal. Der Wunsch zur Ehe ist ganz natürlich, und der Verzicht auf die Aussicht darauf tut fast jedem weh. Okay, es gibt sicher den ein oder anderen asexuellen introvertierten Einzelgänger oder so. Aber für gewöhnlich ist ein Verzicht eben ein Verzicht. Die Frage stellt sich dann: Kann und will ich diesen Verzicht auf mich nehmen?

Für eine Berufung entscheidet man sich übrigens auch nicht allein: Bei der Ehe muss natürlich der andere Partner ja sagen, und beim Priestertum eben der Bischof, beim Ordensleben der Abt oder die Äbtissin. Das macht auch Sinn: Andere sehen vielleicht Umstände, die eine Berufung behindern. Das können Dinge sein, für die man nichts kann, aber auch bestimmte eigene Sünden. Vielleicht ist jemand nicht intelligent genug oder gesundheitlich zu angeschlagen, um Priester zu werden, und deshalb muss der Bischof ihm leider nein sagen; oder jemand ist zu rechthaberisch und eingebildet, um sich in eine Ordensgemeinschaft einzufügen, und deshalb muss der Abt ihn wegschicken.

Und was, wenn man keinen der beiden klassischen Wege gehen kann – also z. B. weder von einem Orden genommen wird noch einen Partner findet? Na ja, das ist eben einfach eins dieser Kreuze, die einem manchmal im Leben begegnen. Die hl. Anna Schäffer wollte Missionsschwester werden, hatte aber mit 18 Jahren, als sie als Dienstmädchen arbeitete, um sich ihre Mitgift für ein Kloster zu verdienen, einen so schweren Unfall, dass sie für die restlichen 24 Jahre ihres Lebens bettlägerig wurde. Ja, sie wurde trotzdem eine Heilige.

(Die hl. Anna Schäffer, um 1920, Quelle: Wikimedia Commons.)

Aber beim Thema Berufung geht es ja oft nicht nur um Ehe vs. Jungfräulichkeit. Dann gibt es auch noch Fragen wie: Will Gott, dass ich genau diese Person heirate? In diesen Orden hier eintrete? Diesen Beruf lerne? In diese Stadt ziehe? Bei dieser kirchlichen Bewegung mitmache? Und auch da findet sich oft diese Denkweise: Ich muss irgendwie ganz genau herausfinden, was Gott in jedem einzelnen Punkt von mir will.

Ich kenne das übrigens. Ich habe mich z. B. vor ein paar Jahren mit der Vorstellung herumgequält, Gott könnte von mir verlangen, Religionslehrerin (oder irgendetwas Ähnliches) zu werden. Ist ja ein wichtiger Job, wo lehramtstreue Leute benötigt würden. Nun wollte (und will) ich auf keinen Fall Lehrerin werden – ich käme mit dem Stress nicht klar und könnte keine Klasse unter Kontrolle halten, auch wenn ich noch so viel Ahnung von der Materie hätte und gute Vorträge über die Auferstehung Jesu halten könnte. Ein Priester hat mir damals mit dem Hinweis geholfen, dass Gott von uns nicht etwas verlangt, für das wir nicht wirklich geeignet sind und das uns überfordern würde.

Wir haben auch hier oft die Vorstellung: Gott hat nur genau einen bestimmten Weg für uns vorgesehen, und den dürfen wir nicht verpassen. Woher kommt diese Vorstellung? Wieso sollte es nicht so sein, dass Gott uns verschiedene gute Möglichkeiten vorlegt, und uns dann auch die Freiheit lässt, zwischen diesen zu wählen? In der Welt gibt es so unendlich viele Wege. Wir Tradi-Katholiken schauen ja gerne – zu Recht – etwas auf diese Vorstellung hinunter, es gäbe den einen Seelenverwandten, den man finden müsste, um glücklich zu werden; nö, auf der großen weiten Welt gäbe es sicher einige Menschen, die gut genug zu einem bestimmten Menschen passen würden, um eine glückliche Partnerschaft hinzukriegen. Dann seien wir doch mal konsequent und dehnen wir das Prinzip auf das Feld der Berufung allgemein aus.

Natürlich gibt es Wege, für die man eher geeignet oder weniger geeignet wäre. Es wird wohl Möglichkeiten geben, von denen es Gott lieber wäre, dass wir sie wählen würden. Vielleicht gibt es ein Feld, wo dringend Leute gebraucht werden und wo Er uns am liebsten haben möchte. Und da können wir erstmal unseren von Ihm gegebenen Verstand anwenden und schauen: Was sind meine Neigungen? (Gott ist nicht darauf aus, uns zu quälen, und einen Job, den man absolut hasst, macht man oft auch nicht gut.) Was sind meine Talente? (Logisch.) Bei welchem Weg gäbe es vielleicht praktische Hindernisse? (Was nicht praktikabel ist, kann in der Theorie noch so toll ausschauen.) Was denken andere, wofür ich geeignet wäre? (Andere sehen einen manchmal klarer als man sich selbst.) Vielleicht gibt Gott einem wirklich auch mal einen Wink, ein Zeichen, eine Eingebung. Ein anderes Hilfsmittel, um zu einer Entscheidung zu finden, wäre auch, sich vorzustellen, man ist achtzig Jahre alt und blickt (z. B.) auf eine lange Ehe und Kinder und Enkelkinder zurück; sich dann vorzustellen, man ist achtzig Jahre alt und blickt (z. B.) auf ein langes Leben im Kloster zurück; und dann zu schauen, welche Vorstellung einem eigentlich besser gefallen hat. Eine absolute Sicherheit, das gefunden zu haben, was Gottes idealer Wille für uns ist, wird es dann aber nicht geben – man kann sich dem nur annähern. Aber die braucht es auch nicht. Gott verlangt gar nicht, dass wir uns endlos unentschlossen herumquälen und auf ein Zeichen warten, sondern dass wir uns, nach einem vernünftigen Maß an Nachdenken und Prüfen, für irgendeinen sinnvollen Weg entscheiden.

Und selbst, wenn wir mal etwas gewählt haben, das wir lieber nicht hätten wählen sollen – weil wir persönlich dafür gar nicht geeignet waren, oder weil es vielleicht tatsächlich etwas objektiv Sündhaftes war -, kann Gott die Situation immer wieder noch zum Guten wenden – nur eben auf andere Weise, als es sonst passiert wäre. Case in point: Der Sündenfall. Wenn die ersten Menschen nicht von Gott abgefallen wären, wäre uns vieles erspart geblieben, aber auch so hat Gott uns nicht verlassen. Schon gewusst, dass Adam und Eva als Heilige verehrt werden, also jetzt im Himmel sind?

File:Harrowing of hell Christ leads Adam by the hand. On scroll in border, the motto 'Entre tenir Dieu le viuelle' (f. 125).jpg

(Christus steigt in die Hölle hinab und befreit Adam, Eva und die anderen Gerechten des Alten Bundes, Buchmalerei, um 1500. Quelle: Wikimedia Commons.)

Wir werden nie wissen, was gewesen wäre. Und das ist auch nicht so wichtig. Man muss sich auch nicht endlos mit Entscheidungen herumquälen. Wieso nicht einfach etwas ausprobieren? Mit jemandem ausgehen, den man sympathisch findet, eine Beziehung eingehen. Oder sich über die unterschiedlichen Orden informieren, bei einem Infotag vorbeischauen, Postulantin werden. Das ist besser, als ewig in sich hineinzuhorchen, auf eine göttliche Stimme zu warten und nie eine Entscheidung zu fällen. Bis man eine endgültige Entscheidung treffen muss, hat man noch Zeit, und wenn sich einem bis dahin ernsthafte Hindernisse in den Weg stellen sollten, kann man sehen, dass es vielleicht doch keine gute Idee war. Und wenn das nicht der Fall ist, und man diesen Weg immer noch einschlagen will: Na dann, wieso nicht?

Wenn man sich dann allerdings einmal endgültig festgelegt hat (also ab der Eheschießung, der Diakonatsweihe, den Ewigen Gelübden), muss man auch dabei bleiben. Gelübde sind einzuhalten, das ist einfach eine Frage der allgemeinen Moral – da hilft auch kein „vielleicht war das doch nicht Gottes Wille für mich“ mehr. Gott wird dann die nötige Gnade geben, dem eingeschlagenen Weg zu folgen.**

 

* Vermutlich kein formeller, d. h. kein „richtiger“ Häretiker, weil auch viele Leute, die lehramtstreu sein wollen, diese Ansicht aus Unwissenheit vertreten und sie ändern würden, wenn sie von dem Dogma wüssten.

** Freilich ist bei der Ehe eine Trennung möglich, wenn der andere Partner einen z. B. verlässt, betrügt, misshandelt o. Ä. – allerdings (wenn es um eine sakramentale & vollzogene Ehe geht) keine Auflösung der Ehe, die eine erneute Heirat möglich machen würde. Und auch das ist eben ein der Sünde geschuldeter Ausnahmefall. Bei den Ewigen Gelübden oder dem einfachen Zölibatsversprechen, das ein Weltpriester ablegt, kann die Kirche einen unter bestimmten Umständen ausnahmsweise davon entbinden (sie sind kein Sakrament wie die Ehe), aber das ist auch kein sehr empfehlenswerter Weg, und, wieder, eine Ausnahme. Ein ganz anderer Fall wären von vornherein ungültige Ehe- oder Ordensgelübde, die für nichtig erklärt werden können (also z. B. solche, die unter Zwang abgelegt worden waren).

Aus dem Denzinger: Das Problem der Simonie

Der „Denzinger“, genau genommen das „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ ist eine ursprünglich von Heinrich Denzinger, in der um neue Dokumente erweiterten Fassung dann von Peter Hünermann, herausgegebene Sammlung von Glaubensbekenntnissen, Konzilsentscheidungen und päpstlichen Lehrschreiben im lateinischen/griechischen Original und in deutscher Übersetzung. Die Dokumente reichen vom Jahr 96 bis ins Jahr 2003 (in der 42. Auflage).

 Ich habe festgestellt, dass es ziemlich spannend ist, im Denzinger zu stöbern – da kommt einiges Unerwartete aus der Kirchengeschichte ans Tageslicht, und auch manches Kuriose. Vor allem aber bekommt man ein Gespür dafür, welche Probleme die Kirche zu einer bestimmten Zeit beschäftigten. Manche Themen kommen immer wieder auf (z. B. Fragen zur Ehe, oder zur Union der zwei Naturen in Christus, oder zum Vergehen der Simonie); manche nur ein- oder zweimal (z. B. wenn eine Synode diejenigen exkommuniziert, die Schiffbrüchige berauben). Im 17. Jahrhundert streiten die Theologen um die Gnadenhilfen, im 19. muss man sowohl den religiösen Indifferentismus als auch den Fideismus verurteilen.

 In dieser Reihe möchte ich einfach regelmäßig Zitate aus den meiner Meinung nach besonders interessanten Dokumenten bringen, wenn nötig mit einer kurzen historischen Einordnung. Die Zitierweise „DH [Zahl]“ gibt die Nummer an, unter der die Stelle im „Denzinger-Hünermann“ zu finden ist.

 Alle Teile hier.

 

Als „Simonie“ wird das Verschachern von geistlichen Dingen um weltlicher Dinge willen, also etwa die Spendung von Sakramenten, insbesondere der Weihe, gegen Geld bezeichnet, im weiteren Sinne auch die Vergabe von Kirchenämtern für Geld (zum Priester wird man geweiht, zum Amt des Pfarrers oder Kaplans nach der Weihe ernannt); benannt wurde dieses Vergehen nach einem Simon aus der Apostelgeschichte (nicht mit Simon Petrus zu verwechseln):

„Philippus aber kam in die Hauptstadt Samariens hinab und verkündete dort Christus. Und die Menge achtete einmütig auf die Worte des Philippus; sie hörten zu und sahen die Zeichen, die er tat. Denn aus vielen Besessenen fuhren unter lautem Geschrei die unreinen Geister aus; auch viele Lahme und Verkrüppelte wurden geheilt. So herrschte große Freude in jener Stadt. Ein Mann namens Simon hatte schon länger in der Stadt Zauberei getrieben und das Volk von Samarien in Staunen versetzt; er gab sich als etwas Großes aus. Alle achteten auf ihn, Klein und Groß, und sie sagten: Dieser ist die Kraft Gottes, die man die Große nennt. Sie achteten aber deshalb auf ihn, weil er sie lange Zeit durch Zaubereien in Staunen versetzt hatte. Als sie jedoch dem Philippus Glauben schenkten, der das Evangelium vom Reich Gottes und vom Namen Jesu Christi verkündete, ließen sie sich taufen, Männer und Frauen. Auch Simon wurde gläubig, ließ sich taufen und schloss sich dem Philippus an; und als er die großen Zeichen und Machttaten sah, geriet er außer sich vor Staunen. Als die Apostel in Jerusalem hörten, dass Samarien das Wort Gottes angenommen hatte, schickten sie Petrus und Johannes dorthin. Diese zogen hinab und beteten für sie, dass sie den Heiligen Geist empfingen. Denn er war noch auf keinen von ihnen herabgekommen; sie waren nur getauft auf den Namen Jesu, des Herrn. Dann legten sie ihnen die Hände auf und sie empfingen den Heiligen Geist. Als Simon sah, dass durch die Handauflegung der Apostel der Geist verliehen wird, brachte er ihnen Geld und sagte: Gebt auch mir diese Vollmacht, damit jeder, dem ich die Hände auflege, den Heiligen Geist empfängt! Petrus aber sagte zu ihm: Dein Silber fahre mit dir ins Verderben, wenn du meinst, die Gabe Gottes lasse sich für Geld kaufen. Du hast weder einen Anteil daran noch ein Recht darauf, denn dein Herz ist nicht aufrichtig vor Gott. Wende dich von deiner Bosheit ab und bitte den Herrn, dass dir das Ansinnen deines Herzens vergeben werde! Denn ich sehe dich voll bitterer Galle und in Unrecht verstrickt. Da antwortete Simon: Betet ihr für mich zum Herrn, damit mich nichts von dem trifft, was ihr gesagt habt! Nachdem sie so das Wort des Herrn bezeugt und verkündet hatten, machten sie sich auf den Weg zurück nach Jerusalem und verkündeten in vielen Dörfern der Samariter das Evangelium.“ (Apostelgeschichte 8,5-25)

In der frühen Kirche war Simonie allerdings kein weit verbreitetes Problem. Nach der Konstantinischen Wende – so gut und notwendig sie war – änderte sich das allmählich. Bereits das Konzil von Chalcedon (451) musste sich mit diesem Problem befassen:

 

„Kan. 2.Wenn ein Bischof um Geld eine Weihe vorgenommen und die Gnade, die nicht verkauft werden kann, zum Kaufgegenstand gemacht hat, und [wenn er] um Geld einen Bischof, Landbischof, Priester, Diakon oder irgendeinen anderen von denen, die zum Klerus gezählt werden, geweiht oder einen Verwalter, Anwalt, Mesner oder überhaupt irgend jemand, der dem Kanon unterworfen ist, aus eigener schändlicher Gewinnsucht befördert hat, so soll er, wenn ihm ein solcher Versuch nachgewiesen wurde, der Gefahr für seine eigene Stellung unterliegen, und derjenige, der geweiht wurde, soll aus der Weihe oder Beförderung, die durch einen Handel zustande kam, keinen Nutzen ziehen, sondern er sei der Würde und der Stellung enthoben, die er für Geld erlangte. Wenn es aber für die so schändlichen und ruchlosen Kaufgeschäfte einen Vermittler gab, so soll auch dieser, wenn es ein Kleriker sein sollte, seine eigene Stellung verlieren, wenn aber ein Laie oder Mönch, mit dem Anathema belegt werden.“

(Konzil von Chalcedon, Kanones der 15. Sitzung, 451, DH 304)

 

Auch Gregor der Große schrieb zu diesem Thema Briefe an mehrere Bischöfe, u. a. an Virgilius von Arles:

„Ich habe erfahren, daß im Gebiet von Gallien und Germanien keiner ohne Gewährung eines Vorteils zur heiligen Weihe gelangt. Wenn das so ist, sage ich unter Tränen, verkünde unter Seufzen, daß der priesterliche Stand, wenn er innerlich gefallen ist, auch draußen nicht lange wird Bestand haben können. Wir wissen ja aus dem Evangelium, was unser Erlöser persönlich getan hat, daß er in den Tempel trat und die Stühle der Taubenverkäufer umwarf [vgl. Mt 21,12]. Tauben verkaufen heißt nämlich, vom Heiligen Geist, den der allmächtige Gott als ihm wesensgleich durch die Auflegung der Hände den Menschen verleiht, zeitlichen Vorteil zu empfangen. Was aus diesem, wie ich vorher gesagt habe, Übel folgt, wird schon angedeutet; denn die sich erdreisteten, im Tempel Gottes Tauben zu verkaufen, deren Stühle sind nach Gottes Richtspruch gefallen.

Dieser Irrtum nimmt nämlich zu und verbreitet sich bei den Untergebenen. Denn auch derjenige, der um Lohn zur heiligen Ehre [Weihe] geführt wird, ist, schon in der Wurzel seiner Beförderung selbst verdorben, eher bereit, anderen zu verkaufen, was er gekauft hat. Und wo bleibt, was geschrieben steht: »Umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebt« [Mt 10,8]?

Und nachdem als erste Häresie gegen die heilige Kirche die Simonie entstanden ist, warum wird nicht erwogen, warum wird nicht gesehen, daß man, indem man den befördert, den man gegen Lohn weiht, bewirkt, daß er ein Häretiker wird?“

(Gregor der Große, Brief „O quam bona“, 595, DH 473)

 

Besonders drängend war dieses Problem für die Kirchenreformer des 11. Jahrhunderts. Jetzt wurde auch in Zweifel gezogen, ob simonistische Weihen überhaupt gültig waren, und ob Simonisten somit selbst später gültig andere weihen konnten. Auf einer Synode im Jahr 1060 im Lateran wurde beispielsweise folgendes beschlossen:

 

„Der Herr Papst Nikolaus, der der Synode in der konstantinischen Basilika vorsaß, sagte:

(§ 1) Wir entscheiden, daß gegenüber Simonisten hinsichtlich der Bewahrung ihrer Stellung keine Barmherzigkeit zu üben ist; vielmehr verurteilen wir sie völlig gemäß den Sanktionen der Kanones und den Dekreten der heiligen Väter und bestimmen kraft apostolischer Autorität, daß sie abzusetzen sind.

(§ 2) Was aber die betrifft, die nicht für Geld, sondern unentgeltlich von Simonisten geweiht wurden – denn (diese) Frage wurde schon seit geraumer Zeit länger erörtert –, so lösen wir jeden Knoten von Zweifel auf, so dass Wir nicht zulassen, daß künftig noch irgend jemand in bezug auf dieses Kapitel Zweifel hegt. … Wir erlauben, daß diejenigen, die bis jetzt unentgeltlich von Simonisten geweiht wurden, … in den empfangenen Weihen bleiben… So jedoch untersagen Wir kraft der Autorität der heiligen Apostel Petrus und Paulus auf alle Weise, daß keiner Unserer Nachfolger einmal aufgrund dieser Unserer Erlaubnis für sich oder irgend jemand eine Regel ableite oder aufstelle: denn dies hat nicht die Autorität der alten Väter durch Geheiß oder Zugeständnis verkündet, sondern die allzu große Not der Zeit hat uns abgerungen, es zu erlauben.

(§ 3) Wenn sich im übrigen aber einer von nun an künftig von jemandem weihen läßt, von dem er nicht zweifelt, daß er ein Simonist ist, so soll sowohl der Weihende als auch der Geweihte keinem ungleichen Urteilsspruch unterliegen, sondern beide sollen, ihres Amtes enthoben, Buße tun und ihrer eigenen Würde beraubt bleiben.

(§ 5) Bischof Nikolaus an alle Bischöfe: Wir haben ein Dekret über die dreigeteilte simonistische Häresie erlassen, nämlich über Simonisten, die auf simonistische Weise weihen oder geweiht wurden, über Simonisten, die auf simonistische Weise von Nicht-Simonisten (geweiht wurden), und Simonisten, die nicht auf simonistische Weise von Simonisten (geweiht wurden): Simonisten, die auf simonistische Weise geweiht wurden oder weihen, sollen gemäß den kirchlichen Kanones ihre eigene Stellung einbüßen. Auch Simonisten, die auf simonistische Weise von Nicht-Simonisten geweiht wurden, sollen ebenso aus dem in übler Weise erlangten Amt entfernt werden. Simonisten aber, die nicht auf simonistische Weise von Simonisten geweiht wurden, dürfen, wie wir angesichts der Not der Zeit barmherzig zugestehen, durch Handauflegung im Amte bleiben.“

(Synode im Lateran unter Nikolaus II, 1060, DH 691-694)

 

Diese Handauflegung für von Simonisten geweihte Nicht-Simonisten war vermutlich eher eine Wiederversöhnung mit der Kirche als eine neue Weihe, die Weihen würden demnach als gültig anerkannt. Auch spätere Päpste und Konzilien verurteilten die Simonie, und ein paar Päpste hielten simonistische Weihen für ungültig (diese Ansicht setzte sich allerdings nicht durch, das Sakrament der Weihe wirkt wie andere Sakramente ex opere operato), andere erklärten nur die Übertragung eines Amtes durch Simonie für ungültig oder unerlaubt, d. h. man wird trotz Simonie gültig zum Priester geweiht, aber nicht gültig zum Pfarrer von St. So-und-so ernannt. Was für ein großes Problem die Simonie zu manchen Zeiten war, sieht man zum Beispiel an diesem Beschluss des 4. Laterankonzils:

 

„Vielerorts und von sehr vielen Personen, die gleichsam Tauben im Tempel verkaufen, werden schändliche und verwerfliche Forderungen erhoben und Erpressungen gemacht für Konsekrationen von Bischöfen, Segnungen von Äbten und Weihen von Klerikern: und es ist festgelegt, wieviel diesem oder jenem und wieviel dem einen oder anderen zu zahlen ist; und zum Übermaß eines noch größeren Schadens bemühen sich einige, eine solche Schändlichkeit und Verworfenheit durch die lange Zeit über gepflegte Gewohnheit [auch noch] zu verteidigen.

In der Absicht, diesen so großen Missbrauch abzuschaffen, verwerfen Wir deshalb völlig diese Gewohnheit, die man eher Bestechung nennen müßte, und legen unumstößlich fest, dass keiner, um diese [Weihen] entweder zu übertragen oder übertragen zu bekommen, irgendetwas unter welchem Vorwand auch immer zu fordern und zu erpressen wage. Andernfalls soll, sowohl wer einen derartigen ganz und gar verfluchten Kaufpreis empfängt als auch wer ihn gibt, zusammen mit Giezi [vgl. 2 Kön 5,20–27] und Simon [vgl. Apg 8,9–24] verurteilt werden.“

(4. Konzil im Lateran, Kapitel 63, 1215, DH 820)

 

Wer Jane Austen gelesen hat, weiß ja, dass noch im späten 18., frühen 19. Jahrhundert in der anglikanischen Kirche Kirchenämter mit der größten Selbstverständlichkeit an den Meistbietenden erkauft wurden, und das auch kaum oder gar nicht als Unrecht wahrgenommen wurde.

Nach dem derzeitigen katholischen Kirchenrecht (Can. 149, § 3) ist die simonistische Amtsübertragung immer noch ungültig, mit einer Ausnahme – wenn es um das Papstamt geht: „Gesetzt den Fall, daß bei der Wahl des Papstes das Verbrechen der Simonie — Gott bewahre uns davor! — begangen worden sein sollte, beschließe und erkläre ich, daß alle diejenigen, die sich schuldig machen sollten, sich die Exkommunikation latae sententiae zuziehen; jedoch erkläre ich, daß die Nichtigkeit oder die Ungültigkeit bei simonistischer Wahl aufgehoben ist, damit die Gültigkeit der Wahl des Papstes aus diesem Grunde — wie schon von meinen Vorgängern verfügt — nicht angefochten werde.“ (Johannes Paul II, Universi Dominici Gregis, Nr. 78, 1996)

Ratschläge für Neulinge in der katholischen Kirche (und solche, die es werden wollen)

Ich möchte mich heute mal an alle wenden, die mit dem Gedanken spielen, sich katholisch taufen zu lassen, oder in die katholische Kirche überzutreten, oder diesen Schritt gerade eben hinter sich haben, oder die anfangen, den katholischen Glauben, zu dem sie offiziell schon gehören, erstmals näher anzuschauen (so wie ich vor sieben Jahren). Es gibt nämlich ein paar Sachen, auf die es ganz gut ist, zu achten, wenn man sich an diesen Schritt wagt. Hier also ein paar Tipps, die vielleicht hilfreich sind:

1) Konzentriert euch, bevor ihr eine Entscheidung für oder gegen den Katholizismus trefft, auf die zentralen Fragen. Diese lauten: Ist der historische Jesus von Nazareth wirklich der Sohn Gottes, des allmächtigen, allgütigen und allwissenden Schöpfers und Erhalters der Welt, der vom Himmel herabgekommen ist, nicht nur, um uns eine Offenbarung zu bringen, sondern auch, um uns zu erlösen und einen Bund mit uns einzugehen? Ist die katholische Kirche wirklich die von Ihm begründete Kirche, deren Haupt Er noch immer ist und die den Beistand des Heiligen Geistes hat und daher nicht in Irrtum verfallen kann? Sobald man diese beiden Fragen eindeutig mit Ja beantworten kann, ist die Sache klar: Man wird katholisch. Man hat eine Pflicht, die Wahrheit zu suchen und zu der Kirche Gottes zu gehören und sich an ihre Gebote zu halten, wenn Gott eine solche Kirche gestiftet hat.

2) Geht aber auch untergeordneten Fragen und Zweifeln nach. Wenn ihr etwas in der Lehre der Kirche nicht versteht, sucht nach Antworten! Die gibt es nämlich. Seid nicht entmutigt, wenn ihr nicht gleich welche findet; etliche Christen sind schlecht über ihren Glauben informiert, und auch Pfarrer wissen nicht alles und erzählen manchmal den reinsten Blödsinn. Unten an diesem Post füge ich noch eine Liste mit hilfreichen Quellen und Links für diese Suche an. Man kann zwar auch katholisch sein, wenn man einfach von dem Prinzip überzeugt ist, dass etwas, das die Kirche (als unfehlbares Dogma) lehrt, verlässlich sein muss, und sich dann darauf verlässt, ohne die Gründe für dieses spezielle Dogma zu kennen; prinzipiell genügt das; aber langfristig ist es doch besser, auch die Gründe zu kennen. Fragen zu haben ist absolut in Ordnung; Gott ist logos, die Vernunft in Person; die Lehre Seiner Kirche muss also Sinn machen. Es ist manchmal nötig, auch seine eigenen unbewussten Vorannahmen im Lauf dieser Suche nach der Wahrheit zu hinterfragen (weil sie vielleicht von unlogischen Vorurteilen des 21. Jahrhunderts geprägt sind), aber grundsätzlich ist es wichtig, sich seine Schwierigkeiten einzugestehen und Antworten zu suchen, die man akzeptieren kann.

3) Besorgt euch Ludwig Otts „Grundriss der Dogmatik“, um zu lernen, die Gewissheitsgrade bei den verschiedenen Lehren der Kirche zu unterscheiden. Ist etwas „De fide“, also eine mit voller Unfehlbarkeit ausgestattete offizielle Lehre? Oder vielleicht nur „sentitia communis“, eine von der Mehrheit der Theologen der Kirchengeschichte vertretene Ansicht, der man als Katholik aber auch widersprechen darf? (Oh, und wenn ihr die Lehren in Otts Dogmatik kennenlernen wollt, dann lest auch das Kleingedruckte – sonst kann es u. U. missverständlich werden.)

4) Erwartet nicht zu viel von Klerikern und anderen Katholiken. Ich habe in den letzten paar Jahre zwar einige unglaublich nette, fromme, geniale oder witzige Katholiken kennengelernt – aber es gibt auch in der Kirche immer wieder die Idioten, die Zicken, die Unzuverlässigen, die Selbstsüchtigen, die Halbherzigen, die Arroganten, die Ahnungslosen… Dass jemand durch diese oder jene Fügung des Schicksals von der richtigen Weltanschauung überzeugt ist, sagt noch nicht viel über ihn aus. Und dass er sich entschieden hat, Priester zu werden, und später vielleicht auf einen Bischofsstuhl gekommen ist, auch nicht. Ach ja, und stellt euch schon mal auf innerkatholische Grabenkämpfe ein.

5) Idealisiert nicht irgendein Vorbild zu sehr. Klar kennt man oft mal einen begeisternden Bischof, einen genialen Theologen, eine hilfsbereite Nonne voller toller Einsichten, die einen zum Glauben gebracht haben – aber verlasst euch nicht zu sehr auf solche Vorbilder im Glauben. Sie sind auch nur Menschen; wahrscheinlich werden sie irgendwann Fehler machen und einen enttäuschen. In einzelnen Fällen kann es sogar sein, dass man sich sehr gewaltig in einem Menschen täuscht. So ging es den Mitgliedern der Legionäre Christi und von Regnum Christi, als sie erkennen mussten, dass ihr Gründer ein Kinderschänder war, der seine Taten hinter seiner heiligen Fassade versteckt hatte. Aber ob es jetzt nur um gewöhnliche Fehler oder um schlimme Verbrechen geht: Wir sind nicht wegen irgendeines Menschen katholisch, sondern wegen Gott.

6) Glaubt nicht, man dürfte als braver Katholik nichts mehr in der Kirche kritisieren – im Gegenteil, gerade weil wir zur Kirche gehören und die Kirche lieben, dürfen wir da, wo die Leute in ihr nicht Gott folgen, Kritik üben.

7) Lasst euch nicht diesen Unsinn einreden, nach dem Glaube und Vernunft (oder Glaube und Wissenschaft) zueinander im Widerspruch stünden. Es gibt zwar sogar Christen, die meinen, „Glaube“ hieße, etwas nicht genau wissen zu können oder etwas Widervernünftiges zu akzeptieren; aber das ist falsch. Die Kirche hat dieses Glaubensverständnis immer klar zurückgewiesen, siehe z. B. hier oder hier.

8) Erwartet niemals, dass Gott, wenn ihr brave Christen seid und zu Ihm betet, alle eure Probleme lösen, alle eure Bitten erhören, alles Leid von euch fernhalten wird. Gott ist kein Automat, und so funktioniert das nicht. Erwartet auch nicht, dass es immer einfach sein wird, Seine Stimme zu hören oder Seine Gegenwart zu spüren. Wird es nicht.

9) Passt darauf auf, dass ihr euch nicht eigene Gottesbilder konstruiert und die für Gott haltet. Man kann sich alle möglichen falschen Gottesbilder machen – Gott als unerbittlicher Richter, vor dem man keine Chance hat, zu bestehen; Gott als desinteressiert und fern; Gott als willkürlicher Herrscher; Gott als gleichmütiger Typ, dem es egal ist, ob wir gut sind oder nicht… Wenn man dann irgendwann Gott ablehnt, muss man sich fragen: Lehne ich Gott ab oder nur mein eigenes Gottesbild? Gott ist der „Ich bin“. Er ist, der Er in sich ist, nicht der, als den wir Ihn uns vorstellen.

10) Wenn sich andere Katholiken auf Privatoffenbarungen berufen, um euch zu irgendwelchen speziellen Andachten oder Sühnegebeten oder Weltuntergangspanik zu überreden: Nichts davon müsst ihr glauben, selbst dann nicht, wenn die Privatoffenbarung kirchlich erlaubt (anerkannt) sein sollte, und oft sind diese Offenbarungen nicht mal das.

11) Geht zur Sonntagsmesse, wenn ihr nicht gerade krank seid oder arbeiten müsst oder so. Auch wenn ihr noch nicht katholisch seid und es somit nicht tun müsst, und auch noch nicht die Kommunion empfangen könnt: Es ist unglaublich hilfreich, in Jesu Gegenwart zu sein. Und sucht am besten auch sonst den Kontakt zur Ortspfarrei – vielleicht findet da ja mal ein Alphakurs/Jugendalphakurs statt, oder es gibt einen Gebets- oder Bibelkreis, dem man sich anschließen kann, oder es wird eine Wallfahrt ins Heilige Land oder zum nächsten Marienwallfahrtsort veranstaltet, bei der man mitkommen möchte, oder man kann bei einem sozialen Projekt helfen – oder was auch immer. Auf jeden Fall ist es gut, andere Katholiken kennenzulernen und in der Kirche dabei zu sein. (Auch wenn in der Pfarrei nicht alles ideal laufen sollte.)

12) Haltet euch, wenn ihr der Kirche näherkommt, schon mal an die allgemeinen Gebote Gottes – auch in Bezug auf solche unbeliebten Dinge wie „keine Lügen“ oder „kein Sex außerhalb der Ehe“. Das hat noch keinem geschadet. (Ich finde ja, dass es, selbst wenn man sich noch überhaupt nicht sicher sein sollte, wie sich das mit Gott verhält, mehr Sinn macht, so zu leben, als ob es Gott gäbe und das Leben einen Sinn und eine Ordnung hätte, anstatt so, als ob ihn nicht gäbe.)

13) Lest in der Bibel, um Gott kennenzulernen. (Und wenn da was unklar ist, hab ich hier ein paar Artikel über die „schwierigen“ Bibelstellen, die vielleicht ein paar Fragen klären könnten.)

14) Ohne regelmäßiges Gebet (am besten morgens, abends & vor dem Essen) geht gar nichts.

 

Hilfreiche Quellen:

Links (deutsch) :

Links (englisch) :

  • Die „Catholic Encyclopedia“ ist ein absolut großartiges Lexikon aus dem frühen 20. Jahrhundert.
  • „The Papal Encyclicals Online“ hat Lehrschreiben aus mehreren Jahrhunderten Kirchengeschichte, die man sonst oft schwer findet.
  • „The belief of Catholics“ ist ein Buch des ziemlich genialen englischen Konvertiten, Priesters, Schriftstellers und Bibelübersetzers Ronald Knox aus dem Jahr 1927, das es leider nicht in deutscher Übersetzung, dafür aber gratis online gibt.
  • „Word on Fire“ ist ein Medienapostolat des US-amerikanischen Bischofs Robert Barron – da findet man etliche Artikel oder Videos zum Glauben. Etwas Ähnliches bietet Ascension Press – Videos, Artikel, Podcasts. „Catholic Answers“ ist eine von professionellen Laien betriebene Seite – umfangreich, hilfreich, beantwortet unzählige praktische Fragen zum katholischen Leben.
  • Dieser Blog eines ehemaligen Seminaristen bietet besonders gute Informationen über die Geschichte der Kirche, die Unterschiede zwischen Katholizismus & Protestantismus, aber auch etliche andere Themen, etwa, warum der Atheismus falsch liegt.
  • Über in den Kreisen der „New Atheists“ geläufige Geschichtsmythen über das Christentum informiert dieser (von einem Atheisten betriebene) Blog. Sehr spannend.

Bücher (deutsch) :

  • „Youcat. Jugendkatechismus der katholischen Kirche“ / „Youcat for kids“ (plus: „Youcat. Update! Beichten!“, „Youcat. Jugendgebetbuch“, „Docat. Was tun?“, „Youcat. Firmbuch“)
  • Den „Katechismus der katholischen Kirche“ sowie das „Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche“ gibt es natürlich auch in Buchform. (Der „Katholische Erwachsenenkatechismus“, den nicht Rom, sondern die deutsche Bischofskonferenz herausgegeben hat, ist allerdings absolut nicht zu empfehlen.)
  • Alles von Joseph Ratzinger, besonders aber „Jesus von Nazareth“ (3 Bände) und „Einführung in das Christentum“
  • Josef Bordat: „Von Ablasshandel bis Zölibat. Das ‚Sündenregister‘ der katholischen Kirche“
  • Michael Hesemann: „Die Dunkelmänner. Mythen, Lügen und Legenden um die Kirchengeschichte“
  • Ludwig Ott: „Grundriss der Dogmatik“
  • Heinrich Denzinger und Peter Hünermann (Herausgeber) : „Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ (Anders als auf der Webseite des Vatikans, die nur die neueren Dokumente (so ab dem späten 19. Jh.) hat, findet man in diesem Buch Lehrschreiben aus 2000 Jahren Kirchengeschichte. Wenn man durch die Lehrdokumente blättert, muss man aber drauf aufpassen, eine Liste verurteilter Ketzereien nicht aus Versehen für eine Liste kirchlicher Dogmen zu hälten, und vice versa…)
  • Alles von Gilbert Keith Chesterton, besonders „Orthodoxie“
  • Alles von C. S. Lewis, besonders „Pardon, ich bin Christ“ – unter dem Vorbehalt, dass sich bei dem Anglikaner Lewis einige protestantische Fehler einschleichen.
  • Ich fühle mich zwar nicht ganz wohl dabei, Bücher zu empfehlen, die ich selbst noch nicht gelesen habe, aber Frank Sheeds „Theologie für Anfänger“ und Josef Bordats „Credo. Wissen, was man glaubt“, sollen sehr gut sein.

Bücher (englisch) :

  • Fulton Sheen: „Life of Christ“ (Es gäbe eine ältere deutsche Übersetzung des Buches, aber die ist sehr frei und damit furchtbar – der Übersetzer formuliert Sätze oft beliebig um.)
  • Trent Horn: „Hard sayings. A Catholic approach to answering Bible difficulties“
  • Peter Kreeft: „You can understand the Bible“

Aber wir wollen doch ehrliche, ernsthafte Katholiken!

In meinem letzten Post habe ich über die Vorteile einer Volkskirche* geschrieben, also sollte ich vielleicht jetzt einen der üblichen Kritikpunkte an der Volkskirche angehen: Wenn die Gesellschaft mehrheitlich katholisch ist, und es quasi erwartet wird, katholisch zu leben (wie, sagen wir mal, in katholischen Ländern vor 300 Jahren), macht das die Leute, die nicht wirklich enthusiastisch katholisch sind, doch nur zu Heuchlern. Wir wollen aber keine Katholiken, die nur in die Kirche gehen, damit die Nachbarn nicht reden; wir wollen, dass die Leute aus Überzeugung in die Kirche gehen. Darauf kann man mehrere Dinge entgegnen:

1) Auch, wenn die Kirche eine kleine Minderheit unter vielen Religionen ist, wird es nicht so aussehen, dass alle Leute irgendwie religionsneutral aufwachsen, sich dann, ohne irgendeinen gesellschaftlichen Druck in irgendeine Richtung zu spüren, hinsetzen und alle Religionen vergleichen, sich von einer überzeugen und sich dann aus purer Überzeugung und tiefster Gottesliebe an deren Regeln halten. Auch da kommt man meistens erst mal in die Kirche, weil die Eltern eben noch zur katholischen Minderheit gehören – oder vielleicht, weil man katholische Freunde hat o. Ä. -, und wenn die Eltern – bzw. das sonstige Umfeld – das nicht tun, dann meistens nicht; dann wächst man eben in umgekehrter Weise mit Vorurteilen gegen die Kirche auf und kommt gar nicht darauf, hinzugehen. Die Kinder von Katholiken werden immer, wenn nicht in einer Volkskirche, dann zumindest in einer „Familienkirche“ aufwachsen, ebenso, wie die Kinder Andersgläubiger mit anderen Religionen aufwachsen. Atheisten geben den Atheismus weiter, Muslime den Islam, Veganer den Veganismus.

2) Und das ist ja auch nicht schlimm. Wer sagt denn, dass man nicht ehrlich von etwas überzeugt sein könnte, nur weil andere um einen herum es auch sind? In einer katholischen Familie ebenso wie in einer katholischen Gesellschaft wird man (hoffentlich) eben auch die Argumente für den katholischen Glauben hören; und dann hat man keine Entschuldigung mehr, nicht katholisch zu sein.

3) Was sollen die, die nur in die Kirche gehen, damit die Nachbarn nicht reden, denn tun? Gar nicht mehr in die Kirche gehen? Nö, sie sollten ihr Denken ändern und den Glauben ernst nehmen. Und vielleicht hilft da ja eine aufrüttelnde Predigt in der Kirche. (Okay, die Predigten sind oft nicht allzu gut. Sagen wir, vielleicht hilft die Gegenwart Jesu.) Chesterton hat einmal gesagt, die Heuchelei sei die Verbeugung des Lasters vor der Tugend; wenn man gegen Heuchelei vorgehen will, ist der richtige Weg nicht, die Laster offen zu leben.

4) Hier werden ständig doppelte Maßstäbe angelegt. Wenn es von den Nachbarn erwartet wird, dass man den Müll trennt oder arbeiten geht, dann haben wir nichts gegen diese Erwartungen; wieso sollten wir also so viel gegen andere Erwartungen haben? Sollte die Gesellschaft aufhören, überhaupt irgendwelche Erwartungen zu haben? Es kommt schlichtweg darauf an, was die richtigen Erwartungen sind.

Wir alle wissen, dass man niemanden zwingen kann und darf, sich (zum Beispiel) taufen zu lassen, dass auch ein noch so sehr irrendes Gewissen eine gewisse Achtung verdient. Aber wenn der richtige Glaube die öffentliche Meinung auf seiner Seite hätte (die ansonsten gegen ihn wirkt), wäre das denn so schlimm? Wieso sollten wir das nicht wollen? Aber wäre nicht eine pluralistische Gesellschaft besser? Würden, wenn eine einzige Religion 100 oder auch bloß 80 oder 90 Prozent der Leute auf ihrer Seite hätte, nicht die Alternativen fehlen, zwischen denen man wählen könnte? Pluralismus, pff. Als ob es den überhaupt gäbe. In unserer Gesellschaft gibt es genauso Ansichten, für die man zwar nicht bestraft wird, die aber allgemein als inakzeptabel gelten. Beispiele? Hier wären ein paar:

„Die Erbmonarchie ist die beste aller Staatsformen.“

„Man sollte den Frauen das Wahlrecht wegnehmen.“

„Wer der Gesellschaft nichts mehr nützen kann, sollte den Anstand haben, sich selbst umzubringen. Wenn er das nicht tut, hat keiner die Pflicht, ihn noch weiter durchzufüttern.“

„Wir sollten Rassenvermischung verbieten.“

(Da immer mal Leute mitlesen, deren Textverständnis, äh, verbesserungsbedürftig ist: Alles keine Ansichten, die ich vertrete. (Auch wenn man die oberste als Katholik prinzipiell vertreten dürfte, ohne ein Ketzer zu sein, und streng genommen auch noch die zweitoberste. Die letzten zwei sind schlichtweg böse.))

Ich sage nicht, dass man bestimmte Dinge gar nicht erst denken dürfte. Im Mittelalter, als die Existenz Gottes das Selbstverständlichste von der Welt war, begann der heilige Thomas von Aquin die Summa Theologiae damit, Argumente für die Nichtexistenz Gottes aufzuzählen, und auf die zu antworten. Ebenso sollte es bei uns erlaubt sein, zu durchdenken und zu erklären, wieso genau Zwangseuthanasie oder Rassismus falsch sind (allein schon, weil irgendwann die Eugeniker und Rassisten auftauchen werden, gegen die man die Argumente dann brauchen kann). Aber worauf ich hinauswill: Gesellschaftliche Tabus gegen abweichende Meinungen sind nicht immer schlecht, und sobald es um Themen geht, die den Leuten wichtig genug sind, gibt es solche Tabus. Dass es so wenige religiöse Tabus in unserer Gesellschaft gibt, liegt nur daran, dass die Leute die Religion für etwas Unwichtiges halten, und das ist sie einfach nicht.

5) Außerdem haben wir eben den Auftrag: Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern. Man kann darüber spekulieren, ob dieses Ziel erreichbar ist oder nicht, aber wenn der Herr es uns aufgetragen hat, muss es auf jeden Fall gut sein. Dann können wir davon ausgehen, dass der Herr es nicht bedauern würde, wenn alle Menschen Christen würden.

File:Crescentia Höss Stich 2a.jpg

(Andachtsbild aus Volkskirchenzeiten (1790), das meine „Namenspatronin“, die hl. Crescentia Höss, darstellt. Quelle: Wikimedia Commons.)

 

* Um weitere Missverständnisse auszuschließen: der Begriff meint eine Kirche, die die Mehrheit (und wohl auch die öffentliche Meinung) auf ihrer Seite hat. Nicht mehr und nicht weniger.

Wieso die Volkskirche das Ideal sein muss

In den letzten Jahren wird ja viel über das Verschwinden der Volkskirche geredet – und nicht alle, die darüber reden, trauern ihr hinterher. Sollten sie aber. Eine kleinere Kirche ist nicht immer eine bessere Kirche, auch wenn insbesondere manche Befürworter der „Benedikt-Option“ das zu meinen scheinen.

Es ist eine Binsenweisheit, dass unser Ziel als Christen prinzipiell die Bekehrung aller Menschen ist, was automatisch zu einer Volkskirche führen würde, wenn wir Erfolg hätten; um diese Binsenweisheit geht es mir hier aber nicht. Eine Gesellschaft, in der es normal ist, katholisch getauft zu werden; in der erwartet wird, dass man sonntags zur Kirche geht; und in der idealerweise der Glaube an alle kirchlichen Dogmen zum gesellschaftlichen Grundkonsens gehört, hat eine ganze Menge praktischer Vorteile gegenüber einer, in der die Christen eine Minderheit sind, zu der nur der gehört, der dazugehören will. Dass wir das nicht so sehen, hängt hauptsächlich mit einer falschen Idealisierung der antiken Minderheiten-Kirche und falschen Gruselgeschichten über die mittelalterliche Volkskirche zusammen. Die mittelalterliche Gesellschaft hatte gegenüber der antiken tatsächlich große Vorzüge. Hier ein paar davon:

1) Eine Volkskirche bringt allein schon mehr innerweltliche Gerechtigkeit. Nachdem die römischen Kaiser christlich wurden und ein paar Jahrzehnte später das Christentum zur Staatsreligion machten, wurde in ihrem Reich irgendwann auch die Kindesaussetzung strafbar, die Gladiatorenkämpfe wurden abgeschafft und ganz langsam verschwand die Sklaverei bzw. wandelte sich zur weniger schlimmen Leibeigenschaft. Eine Volkskirche hat Einfluss auf die Gesellschaft. Ihre Stimme hat Gewicht. Es gibt sehr viele Menschen in der Geschichte, die dankbar für den Einfluss der Kirche sein konnten. (Wer jetzt einen Kommentar zum Thema „Kreuzzüge-Hexenverfolgung-Inquisition“ schreiben möchte, den bitte ich, sich über die Kreuzzüge, die Hexenverfolgung und die Inquisition zu informieren und dann wiederzukommen. Danke. Wenn dann noch jemand behaupten möchte, lieber in der finsteren Antike leben zu wollen als im christlichen Mittelalter, dann führe ich gerne eine Diskussion mit ihm.)

2) Eine Volkskirche sorgt dafür, dass mehr Menschen überhaupt über das Bescheid wissen, was die Kirche lehrt. Wenn die Kirche nur als eine komische Sekte unter vielen gilt, werden viele nie verlässliche Informationen über das Evangelium hören. Eine Volkskirche sorgt dafür, dass alle Leute zumindest ein wenig theologisches Grundwissen haben, oder zumindest wissen, wen sie fragen oder wo sie nachschauen können, wenn sie Fragen zum Glauben haben. Ein einzelner Priester, der sich seine eigenen theologischen Meinungen bildet und Stuss erzählt, kann in dieser Situation die Leute auch nicht so einfach von diesem Stuss überzeugen, weil diese Leute auch noch andere Priester kennen, von denen sie was ganz anderes gehört haben.

3) Eine Volkskirche verhindert, dass wir uns für eine religiöse Elite halten. Ich meine, jeder überzeugte Katholik, der genug Zeit mit anderen überzeugten Katholiken verbracht hat, weiß, dass es unter denen locker ebenso viele nervige, begriffsstutzige, rechthaberische und unsympathische Leute gibt wie in der Restbevölkerung. Aber gerade wenn z. B. ein Konvertit frisch zur Kirche kommt, wird er da, wo er die Wahrheit gefunden hat, vielleicht auch erwarten, eine Art „heiligen Rest“ zu finden – lauter heiligmäßige oder zumindest auf dem Weg zur Heiligkeit befindliche Leute. Sorry, aber dass jemand durch diese und jene Fügungen des Lebens von der richtigen Weltanschauung überzeugt ist, garantiert eben noch nicht, dass derjenige ein guter Mensch ist. Das muss man irgendwann erkennen. In einer Volkskirche kommt diese Illusion gar nicht erst auf. Da ist es kein Verdienst, katholisch zu sein; so wenig, wie es in unserer Gesellschaft ein Verdienst ist, an die Menschenrechte zu glauben. Ja, toll, das weiß eh jeder.

Leute, die keine Ahnung von der frühen Kirche haben, denken ja gerne, dass die frühe Kirche ein solcher heiliger Rest gewesen wäre: alles Christen aus Überzeugung, standhaft gegenüber der heidnischer Verfolgung, ein Leben wahrer Nächstenliebe führend. Stimmt leider nicht. Da braucht man nur ins Neue Testament zu schauen, um zu merken, dass das Bild schief ist. Man sollte mal einen Blick drauf werfen, was Paulus alles allein an die Kirche in Korinth schreibt:

„Es wurde mir nämlich, meine Brüder und Schwestern, von den Leuten der Chloë berichtet, dass es Streitigkeiten unter euch gibt. Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus – ich zu Apollos – ich zu Kephas – ich zu Christus. Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden?“ (1 Kor 1,11-13)

„Allgemein hört man von Unzucht unter euch, und zwar von Unzucht, wie sie nicht einmal unter den Heiden vorkommt, dass nämlich einer mit der Frau seines Vaters lebt. Und da macht ihr euch noch wichtig, statt traurig zu werden und den aus eurer Mitte zu stoßen, der so etwas getan hat.“ (1 Kor 5,1f.)

„Stattdessen zieht ein Bruder den andern vor Gericht, und zwar vor Ungläubige.“ (1 Kor 6,6)

„Wenn ich schon Anweisungen gebe: Das kann ich nicht loben, dass ihr nicht zu eurem Nutzen, sondern zu eurem Schaden zusammenkommt. Zunächst höre ich, dass es Spaltungen unter euch gibt, wenn ihr als Gemeinde zusammenkommt; zum Teil glaube ich das auch. Denn es muss Parteiungen geben unter euch, damit die Bewährten unter euch offenkundig werden. Wenn ihr euch versammelt, ist das kein Essen des Herrenmahls; denn jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg und dann hungert der eine, während der andere betrunken ist. Könnt ihr denn nicht zu Hause essen und trinken? Oder verachtet ihr die Kirche Gottes? Wollt ihr jene demütigen, die nichts haben? Was soll ich dazu sagen? Soll ich euch etwa loben? In diesem Fall kann ich euch nicht loben.“ (1 Kor 11,17-22)

„Denn ich fürchte, dass ich euch bei meinem Kommen nicht so finde, wie ich euch zu finden wünsche, und dass ihr mich so findet, wie ihr mich nicht zu finden wünscht. Ich fürchte, dass es zu Streit, Eifersucht, Zornesausbrüchen, Ehrgeiz, Verleumdungen, übler Nachrede, Überheblichkeit, allgemeiner Verwirrung kommt; dass mein Gott, wenn ich wiederkomme, mich noch einmal vor euch demütigt; dass ich Grund haben werde, traurig zu sein über viele, die schon früher Sünder waren und sich trotz ihrer Unreinheit, Unzucht und Ausschweifung noch nicht zur Umkehr entschlossen haben.“ (2 Kor 12,20f.)

Und diese Gemeinde war nicht die einzige, mit der es Probleme gab; an die Thessalonicher schreibt der Apostel:

„Wir hören aber, dass einige von euch ein unordentliches Leben führen und alles Mögliche treiben, nur nicht arbeiten. Diesen gebieten wir und wir ermahnen sie in Jesus Christus, dem Herrn, in Ruhe ihrer Arbeit nachzugehen und ihr eigenes Brot zu essen.“ (2 Thess 3,11f.)

Auch die Botschaften an die sieben Gemeinden in Kapitel 2 und 3 der Offenbarung des Johannes sind aufschlussreich; da erfahren wir zum Beispiel von den „Nikolaiten“, die die Gemeinden spalten.

Oh, und in der Apostelgeschichte haben wir auch ein paar unschöne Geschichten wie die von Simon Magus, oder Hananias und Sapphira:

„Ein Mann namens Simon hatte schon länger in der Stadt Zauberei getrieben und das Volk von Samarien in Staunen versetzt; er gab sich als etwas Großes aus. Alle achteten auf ihn, Klein und Groß, und sie sagten: Dieser ist die Kraft Gottes, die man die Große nennt. Sie achteten aber deshalb auf ihn, weil er sie lange Zeit durch Zaubereien in Staunen versetzt hatte. Als sie jedoch dem Philippus Glauben schenkten, der das Evangelium vom Reich Gottes und vom Namen Jesu Christi verkündete, ließen sie sich taufen, Männer und Frauen. Auch Simon wurde gläubig, ließ sich taufen und schloss sich dem Philippus an; und als er die großen Zeichen und Machttaten sah, geriet er außer sich vor Staunen. Als die Apostel in Jerusalem hörten, dass Samarien das Wort Gottes angenommen hatte, schickten sie Petrus und Johannes dorthin. Diese zogen hinab und beteten für sie, dass sie den Heiligen Geist empfingen. Denn er war noch auf keinen von ihnen herabgekommen; sie waren nur getauft auf den Namen Jesu, des Herrn. Dann legten sie ihnen die Hände auf und sie empfingen den Heiligen Geist. Als Simon sah, dass durch die Handauflegung der Apostel der Geist verliehen wird, brachte er ihnen Geld und sagte: Gebt auch mir diese Vollmacht, damit jeder, dem ich die Hände auflege, den Heiligen Geist empfängt! Petrus aber sagte zu ihm: Dein Silber fahre mit dir ins Verderben, wenn du meinst, die Gabe Gottes lasse sich für Geld kaufen. Du hast weder einen Anteil daran noch ein Recht darauf, denn dein Herz ist nicht aufrichtig vor Gott. Wende dich von deiner Bosheit ab und bitte den Herrn, dass dir das Ansinnen deines Herzens vergeben werde! Denn ich sehe dich voll bitterer Galle und in Unrecht verstrickt. Da antwortete Simon: Betet ihr für mich zum Herrn, damit mich nichts von dem trifft, was ihr gesagt habt!“ (Apg 8,9-24)

„Ein Mann namens Hananias aber und seine Frau Saphira verkauften zusammen ein Grundstück und mit Einverständnis seiner Frau behielt er etwas von dem Erlös für sich. Er brachte nur einen Teil und legte ihn den Aposteln zu Füßen. Da sagte Petrus: Hananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belügst und von dem Erlös des Grundstücks etwas für dich behältst? Hätte es nicht dein Eigentum bleiben können und konntest du nicht auch nach dem Verkauf frei über den Erlös verfügen? Warum hast du in deinem Herzen beschlossen, so etwas zu tun? Du hast nicht Menschen belogen, sondern Gott. Als Hananias diese Worte hörte, stürzte er zu Boden und starb. Und über alle, die es hörten, kam große Furcht. Die jungen Männer standen auf, hüllten ihn ein, trugen ihn hinaus und begruben ihn. Nach etwa drei Stunden kam seine Frau herein, ohne zu wissen, was geschehen war. Petrus fragte sie: Sag mir, habt ihr das Grundstück für so viel verkauft? Sie antwortete: Ja, für so viel. Da sagte Petrus zu ihr: Warum seid ihr übereingekommen, den Geist des Herrn auf die Probe zu stellen? Siehe, die Füße derer, die deinen Mann begraben haben, stehen vor der Tür; auch dich wird man hinaustragen. Im selben Augenblick brach sie vor seinen Füßen zusammen und starb. Die jungen Männer kamen herein, fanden sie tot, trugen sie hinaus und begruben sie neben ihrem Mann. Da kam große Furcht über die ganze Gemeinde und über alle, die davon hörten.“ (Apg 5,1-11)

Versuchte Simonie (Kauf/Verkauf geistlicher Dinge; wurde tatsächlich nach Simon Magus benannt); Prahlerei mit der eigenen vorgetäuschten Spendenbereitschaft; Unmoral; Irrlehren; Streit; Spaltungen – das alles ist von Anfang an da. Und so geht es in der frühen Kirche auch weiter. Christen, die in Zeiten der Verfolgung den Glauben verleugnen und andere Christen an die Behörden liefern. Priester und Bischöfe, die sich mit einem Teil der Gemeinden abspalten, weil sie finden, dass Witwen und Witwer nicht mehr heiraten dürften, oder dass man den Abtrünnigen, die nach einem vorläufigen Ende der Verfolgung wieder dahergelaufen kommen und sagen, dass es ihnen leid tut, abgefallen zu sein, nicht vergeben sollte. Charismatiker, die behaupten, Visionen vom Heiligen Geist zu erhalten und sich als Propheten aufspielen. Haben wir alles lange, lange vor Konstantin. Kleine Sekten ziehen auch im Besonderen rechthaberische, aufgeblasene Leute an; das kann vermutlich jeder bestätigen, der schon mal bei den Piusbrüdern war, oder sich online mit Tradis darüber gestritten hat, ob Frauen Hosen tragen dürfen.

4) Eine Volkskirche macht es einfacher, Fehlverhalten und Verbrechen des Klerus zu ahnden. Das klingt jetzt womöglich erst mal seltsam, aber ich bin fest überzeugt, dass es so ist. Sehen wir uns die Missbrauchsskandale an. Eine Reaktion, vor allem bei den ersten Missbrauchsskandalen, um 2002 in den USA, um 2010 hierzulande, war es bekanntlich, bei Laien wie bei Bischöfen, erst mal alles herunterzuspielen, weil man der Überzeugung war, dass die kirchenfeindliche Presse das aufbauschen musste, um ihre kirchenfeindliche Agenda voranzubringen. Dass die Presse wirklich kirchenfeindlich ist und eine kirchenfeindliche Agenda hat, stimmt natürlich leider; und in einer von Grund auf katholischen Gesellschaft fiele dieser Grund, reale Skandale in der Institution nicht nach außen dringen lassen zu wollen, eben weg. Da wären wir nicht in der Defensive und würden uns dazu gedrängt sehen, Statistiken herauszusuchen, um unseren Onkeln und Kollegen zu beweisen, dass der Zölibat nicht zum Missbrauch führt. In einer katholischen Gesellschaft, in der es so allgemein anerkannt wäre, dass der katholische Glaube wahr und die Kirche von Gott eingesetzt ist, wie es in unserer Gesellschaft allgemein anerkannt ist, dass Bildung und Medizin gut sind, hätte man so wenige Probleme damit, sich einzugestehen, dass Priester Verbrecher sein können, wie man bei uns damit hat, sich einzugestehen, dass Lehrer und Ärzte Verbrecher sein können. Natürlich können sie das. Das sagt nichts über Religion, Bildung oder Medizin aus. Im Mittelalter hatte man kein Problem damit, sich einzugestehen, dass etliche Kleriker mittelmäßig und manche schlecht sind. Eine eh schon misstrauisch beäugte Sekte schließt oft genug die Reihen und verteidigt ihre Anführer bis zum bitteren Ende.

LEnfer (Musée des Beaux-Arts de Lyon) (5462511863).jpg

(Höllendarstellung mit einem Bischof und zwei Mönchen, Biberach 1520. Quelle: Wikimedia Commons.)

5) Eine Volkskirche macht es den Leuten ganz einfach leichter, Christ zu sein – das Richtige zu glauben und das Richtige zu tun. Es gibt keinen gesellschaftlichen Druck, dem man sich entgegenstellen muss, wenn man – zum Beispiel – bis zur Ehe keinen Sex haben oder regelmäßig zur Beichte gehen will. Es gibt erst recht nicht die Angst, dass man zum Märtyrer werden könnte, wenn man Christ wird. Ja, vielleicht waren die antiken Christen ja im Durchschnitt mutiger als die antiken Nichtchristen. Und wieso? Weil ein von Natur aus eher feiger Heide, der von dieser Religion hörte, die sich irgendwie faszinierend anhörte, aber zu der zu gehören andererseits zur Hinrichtung führen konnte, wenn man Pech hatte,  dann vielleicht lieber gar nicht weiter nachforschte, was es mit ihr auf sich hatte und ob sie wahr war. Und wir sollen feige Menschen nicht verachten, sondern ihnen in den Himmel helfen. Wieso sollte man das Tun des Guten nicht so einfach machen wie möglich?

6) In einer Volkskirche ist es normal, jedes Jahr vor Ostern zur Beichte zu gehen, und zu jedem Sterbenden einen Priester zu rufen, der ihn zur Reue und Beichte ermuntern und ihm die Krankensalbung erteilen kann. Wir wollen die Leute im Himmel haben, nicht wahr? Genug gesagt.

Ja, ich weiß, wir werden so schnell keine Volkskirche mehr bekommen. Aber das ist Anlass zur Trauer, nicht zur Erleichterung.

Zu Franziskus und McCarrick

Ich habe weder die Zeit noch die Lust, viel über die neuen Enthüllungen zu schreiben. Trotzdem ein paar Gedanken, weil es vielleicht notwendig ist.

Erstmal die groben Fakten:

Der ehemalige Nuntius für die USA, Erzbischof Carlo Maria Vigano, behauptet, Papst Benedikt habe Kardinal McCarrick (der damals schon aus Altersgründen nicht mehr Erzbischof war), 2008 oder 2009 gewisse Sanktionen auferlegt, nachdem er von McCarricks Missbrauch von Seminaristen erfahren hatte (der Missbrauch von Jugendlichen war offenbar noch nicht bekannt); McCarrick habe ein zurückgezogenes Leben in Gebet und Buße führen sollen und z. B. nicht mehr reisen oder öffentlich die Messe feiern dürfen. Papst Franziskus habe gleich zu Beginn seines Pontifikats davon erfahren und die Sanktionen trotzdem aufgehoben und McCarrick zu einem seiner engen Berater gemacht. Auch einige US-Bischöfe – wie Kardinal Wuerl – hätten von alldem gewusst und McCarrick unterstützt.

Papst Franziskus weigert sich, sich dazu irgendwie zu äußern.

Ein ehemaliger Berater der Nuntiatur bestätigt einige Anschuldigungen.

Ein paar wenige Bischöfe verlangen Antworten und Ermittlungen, Franziskus‘ größte Fans – Austen Ivereigh, Father James Martin SJ usw. – demonstrieren in der Zwischenzeit auf Twitter, dass so ein kleiner Skandal sie in ihrer Papsttreue nicht anficht.

Tja. So langsam hat man den Eindruck, dass der Papst nicht nur ein neuer Honorius I., sondern auch ein neuer Alexander VI. ist – alles in allem ein manipulativer, korrupter Mensch, der sich gerne als Heiliger feiern lässt, diejenigen kaltstellt, die ihm nicht genehm sind, und hintenrum alles Mögliche vertuscht.

Ein paar Dinge, die man im Hinterkopf behalten sollte.

  • Gott wird alle Verantwortlichen früher oder später zur Rechenschaft ziehen, und das könnte für einige nicht schön werden – nach dem, was wir bis jetzt wissen oder annehmen können, zumindest.
  • Es ist gut, wenn der ganze Dreck endlich ans Licht kommt. Es muss verhindert werden, dass es so weitergeht.
  • Die Anschuldigungen sind zwar noch nicht genau bewiesen, fügen sich aber passgenau in das Bild ein, das Franziskus in den letzten Jahren abgegeben hat. Er hat schon zu Beginn seines Pontifikats Missbrauchstäter begnadigt; da konnte man ihm noch gut gemeinte, wenn auch falsch verstandene Barmherzigkeit unterstellen; als er die Anschuldigungen gegen den chilenischen Bischof Juan Barros als Verleumdungen abgetan hat, wurde das schon schwieriger. Und nun also McCarrick.
  • Man muss Vigano nicht mögen, man muss ihm nicht mal glauben, dass er gute Motive hat, um die Anschuldigungen, die er vorbringt, für glaubwürdig zu halten.
  • Ja, Papst Franziskus ist immer noch Papst. Auch wenn es nicht so einfach ist, sich wieder an schlechte Päpste zu gewöhnen – bzw. an einen gleich so extrem schlechten.
  • Wir hatten schon andere manipulative, korrupte Päpste und die Kirche hat es überlebt, weil Gott seine Kirche nicht von Päpsten kaputt machen lässt.
  • Der Papst kann nicht gerichtet werden – aber er könnte zurücktreten. Oder umkehren, Buße tun und in Zukunft Korruption und Vertuschung nicht nur selber bleiben lassen, sondern sie überall bekämpfen. Haha, just kidding. Wahrscheinlich wird er probieren, das Ganze auszusitzen. Mal sehen, wie lange das noch klappt.

Die Anschuldigungen sind sehr detailliert und betreffen zahlreiche Männer aus Franziskus‘ innerem Kreis. Heute tue ich mal etwas, das ich noch nie getan habe: Ich empfehle meinen Lesern, einer Empfehlung von Papst Franziskus zu folgen: Lest das alles selber. Hier gibt es die elf Seiten in englischer Übersetzung. UPDATE: Hier die deutsche Übersetzung.

(John Martin, Die Zerstörung von Sodom und Gomorrha, 1852; Bildquelle: Wikimedia Commons.)

Zu guter letzt eine der vielen Bibelstellen, die sich einige unserer Kirchenmänner um ihrer eigenen Seele willen zu Herzen nehmen sollten:

„Meine Hand wird gegen die Propheten sein, die nichtige Visionen haben und falsche Orakel verkünden. Sie gehören nicht in die Gemeinschaft meines Volkes und sollen nicht im Verzeichnis des Hauses Israel verzeichnet sein; sie werden nicht in das Land Israel kommen. Dann werdet ihr erkennen, dass ich GOTT, der Herr, bin.
 Gerade deshalb, weil sie mein Volk in die Irre führen und Heil verkünden, wo es kein Heil gibt, weil das Volk eine Mauer aufrichtet und jene sie mit Tünche bestreichen,
 deshalb sag denen, die sie mit Tünche bestreichen: Sie wird einstürzen. Es kommt ein Wolkenbruch und ihr, ihr Hagelsteine, sollt herabfallen und ein Sturmwind bricht los
 und siehe, schon stürzt die Mauer ein. Wird man dann nicht zu euch sagen: Wo ist jetzt die Tünche, die ihr aufgetragen habt?
 Darum – so spricht GOTT, der Herr: Ich lasse in meinem Zorn einen Sturmwind losbrechen, in meinem Groll wird ein Wolkenbruch kommen, in meinem Zorn ein verheerender Hagelschlag.
 Ich reiße die Mauer ein, die ihr mit Tünche bestrichen habt, ich lasse sie zu Boden stürzen und ihr Fundament wird bloßgelegt. Und wenn sie einstürzt, werdet ihr darin umkommen. Dann werdet ihr erkennen, dass ich der HERR bin.
 Ich vollende meinen Zorn an der Mauer und an denen, die sie mit Tünche bestrichen haben, und ich sage euch: Die Mauer ist weg und weg sind die, die sie bestrichen haben,
 die Propheten Israels, die über Jerusalem prophezeien und ihm eine Heilsvision schauen, obwohl es kein Heil gibt – Spruch GOTTES, des Herrn.“
(Ezechiel 13,9-16)

Die halten sich wohl für besonders fromm!

(Eine vielleicht notwendige Ergänzung zu Posts wie diesem, diesem und diesem.)

Ein heutzutage beliebter Vorwurf gegenüber gläubigen Menschen ist der der Überheblichkeit: Sie würden sich für besonders großartige Menschen und Gottes Lieblinge halten, ihre Frömmigkeit zur Schau stellen und so weiter und so fort. Oft trifft dieser Vorwurf Gläubige, die eigentlich nur das Minimum dessen tun, was von ihrer Religion gefordert wird (also bei Christen z. B.: sonntags in die Kirche gehen, keinen Sex vor der Ehe haben; oder bei Muslimen: im Ramadan fasten, Kopftuch tragen), und das nicht mal an die große Glocke hängen. Aber das wird eben trotzdem gelegentlich als Überheblichkeit und als Vorwurf an andere empfunden: Weil der Christ tatsächlich glaubt, dass alle sonntags in die Kirche gehen sollten, macht er uns Kirchenfernen einen Vorwurf, beleidigt uns, stellt uns als Sünder hin. Weil die Muslima tatsächlich glaubt, dass alle Frauen Kopftuch tragen sollten, erklärt sie uns westliche Frauen alle zu Schlampen. Nun könnte  man sich denken, wer sich seiner Sache sicher ist, dass der Kirchgang nicht notwendig oder das Kopftuch kein verpflichtendes Kleidungsstück für eine anständige Frau sei, könnte da drüber stehen und es aushalten. Aber anscheinend wird schon die bloße Religionsausübung (nicht erst wirkliche Überheblichkeit, die es natürlich auch gibt) von vielen trotzdem als  Vorwurf an Religionslose/Andersreligiöse empfunden.

(Dass „Frömmigkeit“ auch nicht mehr unbedingt als etwas an sich Positives gesehen wird, kommt natürlich noch hinzu: Wieso bildet die sich überhaupt was drauf ein, in der Kirche zu sitzen? Das ist doch sinnlos, sie sollte lieber was Vernünftiges tun. (Dass sie, wenn sie nicht in der Kirche sitzen würde, vermutlich stattdessen in dieser Zeit eher ausschlafen würde, als, sagen wir, den Hunger in der Welt zu bekämpfen, wird gerne übersehen.))

Manchmal wird der Vorwurf, besonders fromm sein zu wollen, aber auch nur an die tatsächlich besonders eifrigen Gläubigen gerichtet: Was muss die jeden Tag in die Werktagsmesse springen und jeden Samstag zum Rosenkranz? Bildet die sich ein, sie wäre eine bessere Christin als wir, die wir bloß am Sonntag auftauchen?

Das ist sozusagen das Gegenstück zur „Aber ich könnte ja noch mehr tun“-Falle, die ich hier beklagt habe: Der, der mehr tun will als die anderen, wird als der Feind gesehen, der sich über die anderen Christen erheben will, auch wenn er selbst nie angedeutet hat, dass er sich als den tollsten Christen ever sieht oder dass alle das tun müssen, was er tut.

Mein Bekannter und Stammleser Nepomuk hat vor längerer Zeit einmal einen Artikel über die Heiligen geschrieben, aus dem ich, weil genau dieses Problem darin so schön ausgedrückt wird, einen längeren Abschnitt zitieren möchte:

Ist daraus nun zu folgern, wie z. B. Joseph Roth es übrigens tutiv, daß die Kirche dadurch, daß sie die paar Perfekten kanonisiere, implizit die Sündhaftigkeit der Restmenschen gestatte? Oder sollen wir sagen, ja die anderen seien halt im verborgenen heilig gewesen, hätten aber deshalb nicht weniger gelitten, sich nicht weniger aufgeopfert etc.? Zumal es diese Art Heilige ja auch tatsächlich geben wird: aber auch das sind doch, mal ehrlich, nur ein paar. Das Leben hat seine schönen Seiten, und wir, die wir keine Ordensgelübde abgelegt haben, die wir ‚wenn wir ehrlich sein wollen, gern einen Fuß in beiden Welten haben wollen; deren Ehrgeiz ist, zu bestehen, nicht zu glänzen‘v, wollten uns ehrlich gesagt nicht vom Glanz, der Gelassenheit, der Ruhe und der Anstrengung eines Ordenslebens gerade die Anstrengung herauszusuchen.

Die erfreuliche Nachricht: das fordert die Kirche tatsächlich nicht.

Die Moral, wie sie uns die Kirche lehrt, fordert ’nichts weiter‘ als nicht zu sündigen. ‚Du kennst doch die Gebote.‘ (Mk 10,19) Die Kirche hilft dabeivi – der Patron ihrer Moraltheologen war bezeichnenderweise nicht Staatsanwalt, sondern Strafverteidiger gewesen, eben der erwähnte hl. Alfons – immer bemüht, genau darzulegen, was zu tun ist und was nicht.vii (Auf einige typische Einwände hierzu soll im nächsten Artikel eingegangen werden.)

Und das Vorbild der Heiligen? Der modernen Welt, die nicht gelassen, aber dafür perfektionistisch ist (deshalb schimpft sie auch alleweil auf den Perfektionismus) mag der Gedanke fremd sein; aber in den Katholiken hat sich der gesunde menschliche Instinkt bewahrt. Wer gut ist, der verehre als Helden einen, der besser ist. Bezeichnenderweise können wir das auch heute noch überall da nachvollziehen, wo wir nicht auf den Gedanken kommen, uns Vorwürfe zu machen. So bei den dilettierenden Freizeitmusikern: Gerade die hören doch mit besonderer Freude und Gewinn die Titel der herausragenden Interpreten. So bei den Fußballspielern der Dorfvereine in der A-Klasse. Gerade die schauen doch mit noch mehr Begeisterung als der Rest der Bevölkerung das Finale der Champions-Leauge im Fernsehen an.viii

So ist es auch bei den Heiligen (also den Christen). Gerade die können von den Heiligen (im landläufigen Sinn) gar nicht genug bekommen. Die Büßer von einem, der ganz übermenschliche Bußwerke geleistet hat wie der hl. Pedro von Alcantara. Die Gastwirte, die mit ihrer Gastfreundschaft Geld verdienen, von einem hl. Julianus, der beim Bewirten auf den Verdienst verzichtet hat. Die Mönche, die den Psalter jede Woche beten, von einem hl. Patrick, der ihn jeden Tag betete. Und so weiter – nur drei Beispiele von vielen, die man aufzählen könnte.“

(Es lohnt sich, den Artikel im Ganzen zu lesen; und hier wird er noch fortgesetzt.)

Der Punkt ist: Wenn uns bewusst ist, dass das Gute gut ist, und das Bessere besser, und das Bessere kein Feind des Guten, dann löst sich das ganze Problem auf. Wenn einer mehr tun will als andere und besonders eifrig ist, ist das gut; es ist lobenswert; solche Leute braucht es. Auch im weltlichen Leben braucht es die anstrengenden Berufe wie Chirurgen und Soldaten. Aber dass manche Leute Chirurgen und Soldaten werden, ist eben kein Vorwurf an diejenigen, die sich den leichten Job des Steuerbeamten oder der Bürokauffrau suchen. Wenn einer, der gesund ist und arbeiten könnte, gar nicht arbeiten wollte, dann könnte man ihm daraus einen Vorwurf machen. Das Gleiche gilt auch für die Gemeinschaften innerhalb der Kirche, wie etwa die neuen geistlichen Bewegungen: Wenn einer sich darin engagieren will und viel Zeit und Einsatz dafür aufwendet, ist das gut – solange er nicht glaubt, allein so könne man ein richtiger Christ sein und die anderen Christen, die nicht so engagiert sind, seien gar keine richtigen Christen wie er. Und man sollte jemandem eben auch nicht vorwerfen, allein deshalb, weil er mehr tut als andere, verachte oder verurteile er sie und halte sie für keine richtigen Christen. Vielleicht ist er wirklich ein besserer Christ als sie; vielleicht auch nicht; jedenfalls können sie trotzdem gute Christen sein.

Auch im Himmel wird es übrigens noch die besonders großartigen Heiligen geben, die besondere Ehre erhalten (wie die allerseligste Gottesmutter, oder etwas darunter vielleicht solche wie den heiligen Franziskus), und die, die, na, eben ein bisschen drunter stehen. Dante beschreibt in der Göttlichen Komödie den Himmel als einen Ort aus mehreren konzentrischen Sphären, in denen die verschiedenen Heiligen leben (so wie auch seine Hölle aus verschiedenen Kreisen für verschieden schwere Sünden aufgebaut ist). Aber es braucht weder Neid auf die einen noch Verachtung der anderen, weil sie alle in übergroßer Seligkeit leben und Gottes Herrlichkeit schauen.

Divine Renovation: Eine praktische Anleitung für katholische Pfarreien

Nachdem ich mir „Die Benedikt-Option“ (okay) und „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ (nein, danke) angeschaut habe, heute mal noch eine Rezension zu einem dritten Buch mit einem Konzept dafür, wie die Kirche in Zukunft agieren könnte, um weiter zu bestehen (oder zu wachsen): „Divine Renovation – Wenn Gott sein Haus saniert. Von einer bewahrenden zu einer missionarischen Kirchengemeinde“ von James Mallon, einem kanadischen Priester aus Halifax.

Father Mallons Buch wurde 2014 auf Englisch veröffentlicht und 2017 ins Deutsche übersetzt. Er berichtet darin, kurz gesagt, über sein Konzept für die Erneuerung von Pfarreien, das er anhand seiner (sehr erfolgreichen) Erfahrungen in der Pfarrei St. Benedict in Halifax entwickelt hat. Father Mallon ist inzwischen Bischofsvikar für Pfarreierneuerung in der Diözese Halifax-Yarmouth und auch ein international gefragter Redner; er hat u. a. auf der MEHR 2018 gesprochen und auch schon Vorträge bei Veranstaltungen in den Bistümern Augsburg und Passau gehalten.

Das Buch macht schon einen sympathischen Eindruck, sobald man es aufschlägt: Zuerst kommt da ein Vorwort von Bischof Stefan Oster von Passau und einem seiner Diözesanpriester für die deutsche Ausgabe (ich bin sehr angetan von Bischof Oster), und dann ein Hinweis, dass die Übersetzer darauf verzichtet haben, „um die Lesbarkeit zu verbessern“, „neben der männlichen jeweils auch die weibliche Form anzuführen, wenn sie gedanklich mitgemeint ist“.* Jetzt aber zum eigentlichen Inhalt!

In den ersten vier Kapiteln beschreibt Father Mallon sowohl die Aufgabe der Kirche, die aus ihrer grundsätzlich missionarischen Identität resultiere, als auch die gegenwärtige Krise. Die Schwierigkeit heutzutage sei, dass die uns umgebende Kultur Kirchenbesuch und Glaube nicht mehr stütze, also genüge nicht mehr, was man in vergangenen Zeiten getan hatte, um den Glauben weiterzugeben (z. B. sein Kind auf eine katholische Schule zu schicken und es am Sonntag in die Kirche mitzunehmen); man müsse zielbewusster vorgehen. (Was mir übrigens sehr positiv aufgefallen ist: Father Mallon stellt im dritten Kapitel ausführlich klar, dass man sehr wohl darum klagen und trauern dürfe, was aus den alten Zeiten verloren gegangen ist – er zitiert ausführlich aus dem Buch der Klagelieder –, auch wenn man dann vorangehen und auf Gott hoffen müsse.)

Der Auftrag der Kirche ist es Father Mallons  Ansicht nach vor allem, „Jünger zu machen“. Hier bezieht er sich auf den Missionsauftrag Jesu im Matthäusevangelium, der wörtlich übersetzt lautet: „Hingehend also macht alle Völker zu meinen Jüngern, sie taufend auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, sie lehrend, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ (Matthäus 28,19f.) In diesem Satz ist also das Verb „macht zu Jüngern“ (matheteusate) den anderen Verben (gehen, lehren, taufen) grammatikalisch übergeordnet, und für Father Mallon sollte das Jünger-machen demnach im Zentrum der kirchlichen Aktivität stehen. Was sind Jünger? „Jünger zu sein bedeutet also, Lernender zu sein. Ein Jünger Jesu Christi zu sein bedeutet demnach, sich in einem lebenslangen Prozess des Lernens von und über Jesus, den Meister und Lehrer, zu befinden.“ (S. 34) Er schreibt weiter: „Die einzig derzeit mögliche Lösung liegt darin, zu dem zurückzukehren, was Jesus vor 2.000 Jahren von uns verlangt hat – nicht nur Gläubige zu machen oder ‚praktizierende Katholiken’, sondern Jünger.“ (S. 35f.) Die Leute müssten wirklich die Frohbotschaft von Gottes Liebe kennenlernen und eine persönliche Beziehung zu Jesus finden, und so könnten sie dann auch von Jüngern zu Aposteln werden (d. h. ihrerseits die Frohbotschaft weitergeben).

Das Ganze ist in einem Tonfall gehalten, der einen manchmal an Evangelikale erinnert. Auf diesen absehbaren Vorwurf geht der Autor im zweiten Kapitel ein, das einen Überblick über lehramtliche Aussagen der letzten fünfzig Jahre zur Neuevangelisierung gibt. „Vielleicht kommt unser Widerwille, uns einer solchen Ausdrucksweise [d. h. Ausdrücken wie ‚persönliche Beziehung zu Jesus’ oder ‚persönliche Begegnung mit Jesus’, von deren Auftauchen in kirchlichen Dokumenten etwa ab Papst Benedikt XVI. zuvor die Rede war] zu bedienen, daher, dass uns in der heutigen Kultur jeder Individualismus verdächtig scheint. Möglicherweise ist unserer geistlichen Tradition dieser Begriff fremd, die Tatsache jedoch, dass ein Mensch eine Begegnung mit dem lebendigen Gott hat, ist uns keineswegs fremd. Sie ist im Herzen unserer mystischen katholischen Tradition.“ (S. 49f.)

Father Mallon spricht in diesem Kapitel auch ein eher unbekanntes Dokument an, das 2007 von den lateinamerikanischen Bischöfen in dem mexikanischen Heiligtum Aparecida veröffentlicht wurde, und hier sieht man vielleicht auch einen weiteren Grund für die sprachliche Nähe zum Evangelikalismus, den sich Father Mallon an vielen Stellen zum Vorbild nimmt. In Lateinamerika machen bekanntlich die Freikirchen der Kirche immer größere Konkurrenz, und als Gründe führt das Aparecida-Dokument u. a. an, dass laut Umfragen viele zu den Freikirchen abgefallene Katholiken den Glauben in der katholischen Kirche als etwas Unpersönliches, rein Theoretisches erlebt hätten, und erstmals bei den Evangelikalen eine persönliche Bekehrung und eine persönliche Begegnung mit Jesus erlebt hätten – dass also, kurz gesagt, die pastorale/spirituelle Praxis in ihren Pfarreien nicht so aussah, wie sie sollte, was ihnen größere Probleme machte als irgendwelche lehrmäßigen Angelegenheiten.

Ausgehend vom Aparecida-Dokument stellt Father Mallon ein Schema auf, wie Neuevangelisierung in vier Schritten funktionieren soll:

  • Vor-Evangelisierung (Öffnen: Beziehung, Dazugehören, Einladen, Gebet, Lebenszeugnis)
  • Evangelisierung (Bekehrung: Verkündigung, Begegnung, Persönliche Beziehung)

Dann kommt eine persönliche Entscheidung für ein Leben mit Gott, und es geht weiter mit der nächsten Stufe:

  • Jüngerschaft (Reifen: Katechese, Sakramente, Zurüsten, Erneuern)
  • Apostolat (Dienen: Hinausgehen: Evangelisierung und soziale Gerechtigkeit)

D. h. jemand öffnet sich erst für eine Kirche, die er als einladend erlebt, ihm wird dann die Grundbotschaft des Evangeliums verkündet („Erstverkündigung“), er widmet sein Leben Gott, reift danach noch weiter als Christ, und dient dann auch seinerseits anderen und verkündet ihnen die Botschaft.

Hier kommt mir – auch wenn ich gegen andere typisch evangelikale Ausdrücke überhaupt nichts habe – die Ausdrucksweise übrigens doch etwas zu evangelikal vor. Die evangelikale Vorstellung ist ja die: Erlöst wird man an genau dem Punkt einer solchen Entscheidung für Gott – dann reift man auch noch weiter als Christ, ja, aber das Entscheidende ist gemacht und das zukünftige Heil, das Gott einem versprochen hat, kann auch nicht wieder verloren gehen. Für uns Katholiken ist die Heiligung aber eher ein andauernder Weg, ist Bekehrung nach Sünden immer und immer wieder notwendig, muss man die Entscheidung für Gott immer neu treffen. Ich weiß auch nicht, ob man bei jedem Christen einen solchen klaren Punkt auf seinem Glaubensweg festmachen, an dem er sagt: So, ab jetzt lebe ich für Gott! Manchmal ist es ein allmählicher Prozess – und manchmal gibt es wieder Rückschläge. Freilich ist es gut, wenn man jemanden dazu führen kann, dass er bewusst die Entscheidung trifft, von nun an als Christ leben zu wollen.

Da Father Mallon ja nicht die evangelikale Erlösungslehre (die die Erlösung mit einer solchen Entscheidung identifiziert) teilt, könnte das Buch einem gelegentlich auch fast „weltlich“ vorkommen – in dem Sinne, dass Father Mallon sich darauf konzentriert, wie die Leute auf Erden zu guten Jüngern werden, aber wenig über den Umgang mit den geistlichen Gefahren auf ihrem Weg sagt, und das Wort „Seelenheil“ so gut wie nicht vorkommt. Auch die Beichte, mit der man wieder von Sünden gereinigt wird, wird kaum erwähnt. Klassischerweise beginnen katholische Katechismen mit der Aussage, dass das Ziel unseres Lebens ist, Gott zu erkennen, zu lieben und einmal bei Ihm im Himmel zu sein; der dritte Punkt scheint in „Divine Renovation“ ein bisschen herauszufallen. Sicher; der Autor geht auf viele Punkte ein und man kann nicht immer alles erwähnen; vielleicht hat er das Thema „Seelenheil“ auch einfach für zu selbstverständlich und zu innerlich verwoben mit dem irdischen Leben als Christ gehalten, um es ausdrücklich anzusprechen. Aber ich hätte es gut gefunden, wenn er noch ein paar Ideen dazu eingefügt hätte, wie man die Leute z. B. an die regelmäßige Beichte heranführt. Das ist ja nicht gerade einfach, da es deutlich mehr Überwindung kostet, in einem Beichtstuhl einem anderen Menschen seine Sünden zu bekennen, als sich sonntags um zehn in eine Kirchenbank zu setzen.

Als ein Problem, das der Erneuerung der Kirche im Weg steht, sieht Father Mallon übrigens eine Art Klerikalismus, den er folgendermaßen beschreibt: „Klerikalismus ist nichts anderes als die Vereinnahmung dessen, was eigentlich jedem Getauften zukommt, durch die Kaste der Kleriker. […] Priester und Ordensschwestern werden zu Super-Christen, die außergewöhnliche Kräfte haben, das zu tun, was gewöhnliche Christen nicht tun können. Diese Überhöhung hat zwei Folgen: Isolierung der Priester und Ordensleute und mangelnde Reife der Getauften. […] In einem solchen System können wir die Priester und Schwestern und ihre großartige Arbeit hochhalten und sie aus einer gewissen Entfernung beklatschen Das gibt Sicherheit und muss auch so sein, solange der durchschnittliche Laie seine eigene Unreife für normal und akzeptabel hält. In dieser Isolation darf der Priester niemals irgendeine menschliche Schwäche zeigen, sonst ist das Spiel aus.“ (S. 97f.) Kurz gesagt, Klerikalismus schadet (unterforderten) Laien ebenso wie (überfordertem & überschätztem) Klerus und verdunkelt den allgemeinen Ruf zur Heiligkeit.

Kommen wir jetzt zum Herzstück des Buches, dem 140 Seiten langen fünften Kapitel: „Das Fundament legen: Wie die Kultur der Pfarrgemeinden verwandelt werden kann.“ Hier beschreibt Father Mallon planvoll und detailliert, welche Maßnahmen eine Pfarrei treffen kann, um „Jünger zu machen“. Er stellt anfangs klar, dass sich das, worauf eine Pfarrei wirklich Wert legt, nicht darin zeige, wovon am meisten geredet werde, sondern darin, wofür das Geld ausgegeben und die Zeit aufgewendet werde; auf das Jahresbudget und auf den Kalender des Pfarrers muss man schauen, wenn man etwas verändern will. Außerdem zieht sich ein grundsätzliches Prinzip für den Umgang mit dem Priestermangel, der in immer größeren Pfarreien resultiert, durch sämtliche Pläne: Der Pfarrer soll sich auf seine zentralen priesterlichen Aufgaben konzentrieren, die da laut dem Codex des Kanonischen Rechts sind: lehren, leiten, heiligen (d. h. die Sakramente spenden); er soll also predigen, eine gute Gesamtleitung über die Pfarrei ausüben, die Messe feiern, Beichten hören, taufen, die Krankensalbung spenden etc.; alle anderen Aufgaben aber sollen an fähige haupt- oder ehrenamtliche Laien delegiert werden, die Verantwortung tragen können. Ein Pfarrer mit mehreren Tausend Gemeindemitgliedern kann nicht jedes einzelne kennen und ihm beratend zur Seite stehen – aber es gibt Laien, die das auch können.

Er führt in diesem Kapitel insgesamt zehn Punkte an. Die ersten vier davon befassen sich mit dem Sonntagsgottesdienst:

1. Der Vorrang des Wochenendes

Da die Sonntagsmesse die Veranstaltung ist, bei der die meisten aktiven Gemeindemitglieder zusammenkommen, solle man auch ausreichend Zeit in sie investieren, was ihre Vorbereitung und „Inszenierung“ anbelangt. Father Mallon zeigt sich ziemlich genervt von 50-Minuten-Messen und von Gläubigen, die sich über zu lange Predigten beschweren oder gleich nach der Kommunion die Kirche verlassen, weil sie es nicht erwarten können, nach Hause zu kommen. Nun finde ich, dass es schon gute Gründe geben kann, aus denen manche Leute kurze Messen vorziehen (z. B. Eltern mit kleinen Kindern, die noch eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne haben), aber insgesamt ist ja nichts dagegen zu sagen, auch mal eine längere Messe zu feiern.

2. Gastfreundschaft

Auch hier bezieht sich Father Mallon vor allem auf die Gottesdienste, speziell auf den Eindruck, den Neuankömmlinge und Zufallsgäste haben, wenn sie in einer Pfarrei an der Sonntagsmesse teilnehmen. „Wie willkommen fühlt sich jemand, der nicht aussieht wie wir, nicht so klingt wie wir, sich nicht so kleidet wie wir und nicht so riecht wie wir? Wie fühlt sich jemand, der mit einer Geisteskrankheit kämpft, wenn er unsere Kirche betritt?“ (S. 135) Er appelliert hier sowohl an die einzelnen Gemeindemitglieder, auch mal jemandem in der Kirchenbank Platz zu machen und ihm ein Lächeln zu schenken, als auch an die Pfarreien, ordentlich geputzte Toiletten zu haben und z. B. einen Willkommensstand mit ausreichend Infomaterial im Eingangsbereich, an dem auch Freiwillige nach der Messe bereitstehen, um Auskünfte zu geben. Außerdem spricht er davon, wie ein Priester bei Anlässen, zu denen viele nicht-praktizierende Katholiken auftauchen, z. B. bei Begräbnissen, denen, die mit der Liturgie nicht vertraut sind, weiterhelfen kann, indem er an passenden Stellen der Messe kurze Erklärungen dazu einfügt, was als nächstes passiert.

3. Aufbauende Musik

Father Mallon plädiert dafür, in der Messe verschiedene Musikstile zuzulassen – solange nur die Texte nicht häretisch sind und die Qualität hoch ist. Besonders warme Worte findet er für Praise&Worship (Lobpreismusik): „So richtig und passend die verschiedenen Liedarten auch sind, so bin ich doch der Meinung, dass Loblieder den Ehrenplatz haben sollten. Sie haben die stärkste Verwandlungskraft, denn sie schlagen uns nicht nur vor zu beten, sie rufen uns nicht nur zum Gebet auf oder sagen uns, wie wunderbar es ist zu beten, sondern sie sind selbst Gebet.“ (S. 148)

4. Predigten

Father Mallon ist für etwas längere, sprich 15-20minütige, Predigten, die die Lesungen des Tages auslegen, das Gewissen und den Willen (nicht nur das Hirn) ansprechen, und immer auch die sog. „Erstverkündigung“ enthalten sollen: „Jede Predigt, gleich vor welcher Hörerschaft – ob am Sonntag oder Wochentag, bei Hochzeit oder Begräbnis – sollte Jesus Christus verkündigen, sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung und das neue Leben, das man in ihm durch ein Leben in Glaube, Hoffnung und Liebe finden kann.“ (S. 160) Außerdem gibt er weitere praktische Tipps für die Predigtvorbereitung.

Die nächsten sechs Punkte befassen sich mit dem Rest des Gemeindelebens.

5. Echte Gemeinschaft

Der Autor hebt hervor, dass es in den Gemeinden echte Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft geben müsse, statt dass nur Individuen einmal die Woche zur selben Veranstaltung auftauchen. „Die meisten Menschen heute fühlen sich nicht genötigt, nach der Wahrheit zu suchen. Sie sind an einer Lehre oder einem Angebot, das zu einer systematischen, umfassenden Weltsicht führt, weitgehend uninteressiert. […] Das mag für manche unter uns traurig sein, aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass das unsere neue Realität ist. […] Glaubensüberzeugungen werden nicht mit Predigten und durch Lehre verändert, sondern indem man Vertrauen aufbaut durch Beziehungen, durch Anteilnahme, durch Zugehörigkeit.“ (S. 179) Er macht verschiedene Vorschläge für Aktionen, die die Gemeinschaft stärken, darunter die bereits oft von ihm erwähnten Alphakurse, bei denen an zehn Abenden (einmal wöchentlich) ein gemeinsames Essen, danach ein Vortrag über ein zentrales Glaubensthema (z. B. „Ist Jesus auferstanden?“) und dann Austausch in Kleingruppen stattfindet. Außerdem schlägt er z. B. einen Gebetsdienst für Gottesdienstbesucher nach der Messe vor: „Jede Woche gibt es Teams, die in der Sakramentskapelle mit denjenigen beten, die das Gebet wünschen.“ (S. 191)

Anschließend geht er auch auf Analysen des Marktforschungsinstituts Gallup zur Struktur von gesunden Organisationen ein. Diese Analysen teilen Mitglieder von Organisationen in drei Gruppen ein: Engagierte, Nicht-Engagierte, und aktiv Nicht-Engagierte. „Engagierte Pfarreimitglieder werden als solche beschrieben, die total begeistert von ihrer Pfarrgemeinde sind. Sie haben das Gefühl, dass diese sie wirklich etwas angeht und sie identifizieren sich auch mit ihren Plänen. Engagierte Angehörige dienen mehr, geben mehr und sind viel bereiter, andere in ihre Kirche einzuladen. Nicht-engagierte Mitglieder sind im Allgemeinen zufrieden mit ihrer Pfarrgemeinde, aber sie tendieren dazu, passiv zu sein und sich nicht einzubringen. Die letzte Kategorie sind die aktiv Nicht-Engagierten. Das sind jene, die zutiefst unzufrieden damit sind, wie die Dinge laufen, sie wollen keinerlei Wandel und sind in der Regel negative und destruktive Teilnehmer.“ (S. 193f.) Die Ergebnisse einer ersten Umfrage in St. Benedict hätten ergeben, dass man 24% zu den Engagierten, 47% zu den Nicht-Engagierten, und 29% zu den aktiv Nicht-Engagierten zählen könnte. Idealerweise läge das Verhältnis von Engagierten zu aktiv Nicht-Engagierten jedoch bei 4:1. Zweieinhalb Jahre später sei das Ergebnis immerhin schon 41 : 44 : 15 gewesen. „Drei Jahre nach Umsetzung der auf Engagement und Zugehörigkeit basierenden Strategie in St. Benedict hat sich die Zahl der Erwachsenen, die an Evangelisierungs-Programmen und an der Glaubensunterweisung teilnehmen, verdreifacht. Die Anzahl jener Pfarrangehörigen, die Dienste übernommen haben, hat sich verdoppelt und unsere wöchentliche Kollekte ist von durchschnittlich 10.000$ pro Wochenende auf 20.000$ bis 21.000$ angewachsen. Und dabei ist die durchschnittliche Zahl der Messbesucher ungefähr gleich geblieben. Viele Neue sind dazugekommen, aber genauso viele sind auch weggegangen. Gesund wird man durch Wachstum und durch Schrumpfung.“ (S. 196) In den nächsten Punkten wird die Strategie noch genauer erläutert:

6. Klare Erwartungen

Eine Pfarrei brauche nicht nur eine gute Willkommenskultur, sondern auch Erwartungen gegenüber ihren Mitgliedern: „Eine hohe Willkommenskultur und eine hohe Erwartungshaltung sind tatsächlich eine respektvollere Reaktion auf Menschen, denn wir sagen ihnen: ‚Wir glauben, dass Gott in dir und durch dich wirken wird. Wir erwarten das und du solltest dasselbe tun.’“ (S. 198f.) Die Erwartungen, die die Pfarrei St. Benedict an ihre neuen Mitglieder stelle, seien folgende fünf: Jedes Mitglied soll am Sonntag zu einer Messe kommen, einmal im Jahr an einem Glaubensseminar teilnehmen, um seinen eigenen Glauben zu stärken, einmal im Jahr eine Aufgabe in der Pfarrei übernehmen, um anderen zu dienen, die Gemeinschaft mit den anderen Mitgliedern pflegen, und die Pfarrei finanziell unterstützen (in Kanada gibt es keine Kirchensteuer). Father Mallon fordert hier auch, dass man auch darauf sehen müsse, dass die besonders engagierten Mitglieder, die sich oft alles Mögliche aufbürden lassen, nicht nur Dinge für andere tun, sondern auch Gelegenheiten haben, ihren eigenen Glauben in Glaubenskursen etc. zu stärken.

Man muss die Leute natürlich auch dazu bewegen, sich bei einem konkreten Kurs anzumelden, sich bei einem Dienst einzubringen oder zu spenden, also veranstaltet die Pfarrei St. Benedict drei Initiativen im Jahr: Im September werden an mehreren Sonntagen nacheinander Glaubenskurse, Buchklubs o. Ä. in der Predigt vorgestellt und Broschüren dazu verteilt und die Gläubigen können sich eintragen; im Januar passiert dasselbe bzgl. der Dienste in der Pfarrei, und im Mai wird das Budget vorgestellt und erklärt, damit die Leute wissen, wofür sie spenden und wofür noch Geld benötigt wird. Der Autor betont, dass es für jedes Pfarreimitglied einen möglichen Dienst gäbe: „Wir haben sogar einen Dienst für ans Haus gefesselte und kranke Menschen entwickelt, der ‚Gesellschaft der Seligen Therese Neumann’ heißt. Dort können sich Menschen, die ihr Haus nicht verlassen können, eintragen und ihre Gebete und unvermeidlichen Leiden Gott aufopfern als eine Art Fürbitte für die Erneuerung der Pfarrgemeinde. Im Gegenzug informiert sie ein monatlicher Newsletter darüber, was in der Pfarrgemeinde geschieht, und stellt dort auch besondere Intentionen vor, für die sie von daheim aus für die Pfarrgemeinde beten können.“ (S. 210)

Insgesamt kann ich dazu sagen: Es kommt mir wie eine gute Herangehensweise hervor; das Minimum sollte die Leute nicht überfordern, und kann ihnen sehr auf ihrem Glaubensweg weiterhelfen. Allerdings würde ich mir wünschen, dass bei den fünf Mindestanforderungen einerseits noch etwas mehr dabei wäre, und andererseits ein paar Dinge unterschieden werden würden. Es gibt schließlich die fünf Kirchengebote: An Sonntagen und gebotenen Feiertagen die Messe besuchen, die Kirche finanziell unterstützen, einmal jährlich beichten, mindestens zu Ostern und in Todesgefahr die Kommunion empfangen, die Fast- und Abstinenztage einhalten. Die letzten drei Gebote werden von Father Mallon nicht erwähnt. Es wäre meiner Ansicht nach besser, wenn die Pfarrei St. Benedict den Leuten vermitteln würde, dass die fünf Kirchengebote für alle Katholiken verpflichtend sind, und die Pfarrei es außerdem gern sähe (es aber nicht zu einer strengen Verpflichtung machen kann), wenn ihre Mitglieder einen Dienst im Jahr übernehmen, an einem Glaubenskurs im Jahr teilnehmen und sich als Teil der Gemeinschaft verstehen würden. Besonders auf die regelmäßige Beichte könnte mehr Wert gelegt werden.

7. Dienen mithilfe unserer Stärken

Für die Dienste sei es wichtig, dass die Leute ihre individuellen Fähigkeiten kennen, wobei auch Tests wie der „Stärkenfinder“ von Gallup helfen könnten.

8. Die Bildung kleiner Gemeinschaften

In einer großen Pfarrei kann der Priester nicht alle kennen und an ihren persönlichen Problemen Anteil nehmen; und Glaubenskurse sind meistens auf einige Wochen begrenzt und lösen sich dann wieder auf. Die Lösung sind für Father Mallon Kontaktgruppen mit 25-35 Mitgliedern. Den Teilnehmern an Glaubenskursen wie dem Alphakurs wird angeboten, Kontaktgruppen beizutreten, die sich jede Woche in Privathäusern treffen. „Einige der derzeitigen zehn Gruppen sind altersspezifisch, einige sind generationsübergreifend und einige sind familienfreundlich, wo Eltern mit ihren Kindern zusammenkommen.“ (S. 225) In solchen Kontaktgruppen wird über verschiedene Glaubensthemen gesprochen, die Leiter werden entsprechend geschult, und jeder Teilnehmer hält auch einmal ein eigenes Referat.

9. Die Erfahrung des Heiligen Geistes

Die Leute sollten die Möglichkeit haben, das Wirken des Heiligen Geistes in ihrem eigenen Leben zu erfahren. Father Mallon betont, dass wir nicht nur an Jesus und Gottvater glauben, sondern auch an den Heiligen Geist, und auch zu Ihm beten sollten. Dieser Punkt bleibt allgemein etwas unspezifisch, finde ich.

10. Eine einladende Kirche werden

Die Leute sollten sich trauen, ihre Familienmitglieder, Freunde, Kollegen und Nachbarn zum Sonntagsgottesdienst, zu einem Alphakurs, einem Gebetsfrühstück oder einem Konzert einzuladen.

Während es in Kapitel 5 um diejenigen geht, die immerhin bereits in den Gottesdienst kommen oder die man mit einer Einladung zum Alphakurs erreichen kann, befasst sich Kapitel 6 mit den Unengagierten, die zur Pfarrei kommen, weil sie ein Sakrament verlangen, also eine Taufe, Erstkommunion, Firmung oder Hochzeitsfeier. Hier stellt sich das altbekannte Problem, etwa bei der Firmung, die für viele Jugendliche das letzte Mal ist, dass sie eine Kirche betreten: „Wie lange können Priester und Gemeinde froh und innig die Firmung als Vervollständigung der christlichen Initiation feiern und dabei nur zu gut wissen, dass die meisten der neu Initiierten in ihren Köpfen gerade den Entlassungsschein aus der Kirche erhalten haben? Noch schlimmer ist, dass die Jugendlichen wissen, dass wir es wissen, und schlimmer noch, wissen, dass wir wissen, dass sie es wissen. Unsere Integrität als Kirche steht auf dem Spiel.“ (S. 264) Father Mallon betont, dass man sich nicht nur Gedanken darüber machen solle, ob jemand ein Sakrament gültig, sondern auch, ob er es fruchtbar empfinge. Er schreibt: „Ich bin der festen Meinung, dass wir grundsätzlich die Bitte um ein Sakrament nie mit ‚Nein’ beantworten dürfen. Sonst schneiden wir die Chance für Bekehrung und Veränderung schon in ihren Anfängen ab. Dennoch wirft das die Frage auf, was es bedeutet, hier ‚Ja’ zu sagen. Ja darf nicht heißen, nur einen Termin auszumachen, den Papierkram zu erledigen und kurzen Ehevorbereitungsunterricht zu geben.“ (S. 254)

Man kann zwei hauptsächliche Prinzipien in der Herangehensweise von St. Benedict finden: Erstens werden die Eltern stärker in die Erstkommunion- und Firmvorbereitung ihrer Kinder eingebunden. Father Mallon hat erkannt: „Und sobald die Kinder merken, dass, was sie empfangen, ihren Eltern wenig bedeutet, bringt auch ihr eigener Glaube wenig Frucht.“ (S 270f.) So sollen Eltern, die ihre Kinder zur Erstkommunion anmelden, regelmäßig mit ihrer Familie zur Messe kommen und dann ebenso wie ihre Kinder einen Glaubenskurs, einen Erstbeichtkurs und einen Erstkommunionkurs absolvieren, bevor sie für das Sakrament zugelassen werden. Zweitens soll, wie hieran schon deutlich wird, in der Vorbereitung nicht nur die Bedeutung des Sakraments erklärt werden, sondern auch die „Erstverkündigung“ stattfinden; auch Brautpaare etwa sollen nicht nur einen Ehevorbereitungskurs machen, sondern auch einen Glaubenskurs.

Das Kapitel enthält noch weitere Konzepte (z. B. dass Erstkommunion und Firmung nicht strikt an ein bestimmtes Alter gebunden sein müssen, dass Taufen auch im Kreis der ganzen Gemeinde in einer Sonntagsmesse stattfinden können, dass man von engagierten Pfarreimitgliedern, die schon ihr drittes Kind zur Taufe bringen, nicht das gleiche Vorbereitungsprogramm verlangen muss wie von einem Paar, das man noch nie gesehen hat, usw.); aber diese beiden Punkte sind wohl die wichtigsten: Auch Erstverkündigung statt „nur“ Katechese über das Sakrament, und Einbeziehung der ganzen Familie, wenn es um Sakramente für die Kinder geht. Die Folgen: „Die jährlichen Zahlen der Firmungen sind etwa auf 40% zurückgegangen, aber die Zahl der Jugendlichen, die dann ihren Glauben in der Kirche weiterleben, liegt bei etwa 80%. Das ist ein radikaler Umbruch verglichen mit der Situation wenige Jahre zuvor, als 75% der Gefirmten verschwanden und nie wieder gesehen wurden.“ (S. 280f.) Bei den Taufen seien die Zahlen etwa um die Hälfte gesunken, aber zwei Drittel der Familien blieben danach der Kirche treu.

Im siebten Kapitel geht es dann um die Leitung der Pfarrei. Der Autor beklagt, dass Seminaristen kaum etwas über Führungsqualitäten lernen, und auch, dass sie später oft nicht die Gelegenheit haben, eine Pfarrei länger zu führen, sprich, dass Pfarrer oft schon nach wenigen Jahren versetzt werden, bevor sie wirkliche Veränderungen anstoßen können: „Wenn wir die Gaben der Hirten verteilen und sie ständig versetzen, dann erhalten wir bestenfalls mittelmäßige Gemeinden. Wenn wir es möglich machen, dass Pfarrer in Pfarreien, die großen Einfluss ausüben können, Reformen durchführen dürfen, dann schaffen wir wenigstens für einige Gemeinden die Möglichkeit, gesund und stark zu werden.“ (S. 304) Er betont, dass Leiter ihre eigenen Schwächen kennen müssen, auch, um zu wissen, was sie delegieren müssen, und dass sie (unter Beteiligung der einflussreichen Laien der Pfarrei) eine übergreifende Vision für ihre Pfarrei entwickeln sollen; außerdem geht er ausführlich auf die Rolle von Gremien, von ehrenamtlichen Helfern und hauptamtlichen Mitarbeitern und die konstruktive Zusammenarbeit eines Teams ein.

Besonders positiv fällt an diesem Buch die starke Praxisorientierung und Detailgenauigkeit auf. Immer wieder gibt es sehr konkrete Beispiele z. B. für die Möglichkeiten der Gottesdienstgestaltung. Außerdem finde ich es sehr gut, wie Father Mallon betont, dass die Leute erst einmal die Grundsätze des Glaubens kennenlernen müssen („Erstverkündigung“), bevor man darauf aufbauen kann; Wissen über einzelne Details, ohne das Gesamtbild, ohne Begegnung mit dem liebenden Gott, reicht nicht. Viele seiner Vorschläge bauen außerdem auf biblischen Vorbildern oder lehramtlichen Dokumenten auf, sind also gut fundiert. Außerdem findet Father Mallon, was man hierzulande selten findet, einen Weg, praktische Vorschläge für den Umgang mit dem Priestermangel zu machen, ohne endlos über notwendige Pfarreienzusammenlegungen zu lamentieren, oder eine Laienkirche vorzuschlagen, die keine Priester mehr braucht.

Es hat einzelne Dinge gegeben, die mir an dem Buch weniger gefallen haben. Die 2014-typische Franziskus-Begeisterung, die gelegentlich durchscheint, ist einfach nicht meins. Dann sind da einzelne Stellen, die man kritisieren könnte – etwa, wenn Father Mallon auf S. 130 die Kasuisten der alten Zeiten dafür kritisiert, dass sie die Frage „Wieviel von einer Messe darf ich versäumen,wenn sie dennoch gültig sein soll?“ diskutiert haben. (Das taten diese Kasuisten nämlich nicht unbedingt, weil sie einem legalistischen Minimalismus verfallen gewesen wären, sondern weil Menschen gelegentlich durch diverse Umstände in die Lage kommen konnten, dass sie bereits einen Teil der Messe versäumt hatten, und sich dann fragten, ob sie jetzt noch eine andere Messe besuchen müssten, oder später, ob, wenn sie das nicht getan hatten, es eine Sünde gewesen war; die Kasuistik stand in solchen Fällen mit konkreten Ratschlägen zur Seite.) Ein gravierenderer Fehler zeigt sich auf S. 262, wo er die Kindertaufe als, historisch betrachtet, eine „Ausnahme“ bezeichnet: „Es ist eine Tatsache, dass Säuglinge in der frühen Kirche getauft wurden. […] Die Norm war pastoral und theologisch immer noch die Taufe Erwachsener. Kinder wurden getauft als eine Erweiterung des Glaubens, den die Eltern bekannten und lebten, die ihre Kinder mitbrachten. […] Biblisch gesehen war die Taufe eine Antwort des erwachsenen Glaubens. Über Jahrhunderte jedoch änderte sich die Praxis und es entstand eine Tauftheologie, die nicht mehr in Verbindung stand zu Umkehr und persönlichem Glauben […].“ Das ist ein falscher Blickwinkel, finde ich. Die antike Situation, dass die Erwachsenen alle erst noch bekehrt werden mussten, war die Ausnahme. Die Normalität – so, wie es eigentlich sein sollte – ist die mittelalterliche Situation, in der die Erwachsenen alle schon gläubig waren und jedes neugeborene Kind gleich in den Gottesbund aufgenommen wurde, d. h. in der Familie Gottes aufwachsen konnte.

Aber insgesamt muss ich dieses Buch sehr loben. Es ist besonders für Priester, Diakone, pastorale Mitarbeiter und in Pfarreien engagierte Laien zu empfehlen. Es muss nicht jede Pfarrei alle darin enthaltenen Ideen übernehmen, aber sicher kann jede irgendetwas mitnehmen. Wenn ich Rod Drehers „Die Benedikt-Option“ eine 2- und Erik Flügges „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ eine 5 geben würde, würde ich sagen, dass „Divine Renovation – Wenn Gott sein Haus saniert“ eine 1- verdient.

 

* KEIN BINNEN-I, KEIN UNTERSTRICH, KEIN GENDERSTERN!

Eine Kirche für viele Individualisten, die es nicht so genau wissen wollen

Ich hatte ja nicht sehr hohe Erwartungen an das dünne Büchlein „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ von Erik Flügge. Aber es ist eher noch schlechter, als ich erwartet hatte. Es liest sich von der ersten Seite ab so, wie man es von Flügges Opus gewohnt ist: arrogant und der Inhalt eine Mixtur aus einer Menge Unsinn und ein paar originellen, sinnvolle Gedanken. Oder genau genommen, einem originellen, sinnvollen Gedanken. „Eine Kirche für viele“ bringt eine praktische Idee vor, die die Kirche voranbringen soll, nämlich regelmäßige Hausbesuche bei allen ihren Mitgliedern.

Fangen wir am Anfang an. Flügge beklagt, dass der „heilige Rest“, definiert als die 10% der Kirchenmitglieder, die sich in den Pfarreien, Verbänden usw. engagieren und zum Gottesdienst erscheinen, alle Ressourcen verheizen würden. Die Kirche gebe ihre Kirchensteuereinnahmen für den Unterhalt von Kirchen und Gemeindehäusern aus, für Seniorenkränzchen und Pfarrfeste; und was hätten die 90% nicht Engagierten davon? Um die würde man sich gar nicht kümmern, sondern bloß ihr Geld nehmen.

Diese Kritik setzt so sehr an völlig falschen Punkten an, dass ich gar nicht recht weiß, wo ich bei meiner Erwiderung anfangen soll. Wirft man es den 10% jetzt vor, dass sie nicht gleichgültig gegenüber der Kirche sind? Zum Pfarrfest und zur Messe kann schließlich jeder erscheinen, der möchte. So ein bisschen ist Flügge das auch bewusst: Nachdem er sich seitenweise über den Egoismus des heiligen Rests ausgelassen hat, beruhigt er seine Leser schließlich dahingehend, dass er diese Christen natürlich individuell alle als sehr selbstlos und engagiert ansehe; es sei nur ein struktureller Egoismus da, der jedes Mal protestiere, wenn man irgendeinem Programm, das nur dem heiligen Rest nütze, das Geld streichen wolle (vgl. S. 22f.).

Flügge erzählt, wie er manchmal an seiner Kirche verzweifeln könne, die sich gar nicht für ihn interessiere – aber er bleibt ihr trotzdem (erstmal) noch treu:

 „Meine Kirche, die bedeutet mir etwas. Das Christentum in unserer Welt halte ich für bereichernd. Die Gesamtorganisation Kirche mag ich, weil sie mich biografisch prägte. Aber immer, wenn ich ihr real begegne, regt ihr Desinteresse an 90 Prozent ihrer Mitglieder mich furchtbar auf. Ich habe ein paar Mal darüber nachgedacht, auszutreten. Weil es am kirchlichen Leben so gar nichts gibt, was mit meinem Leben in Verbindung steht. Noch tue ich es nicht. Aus Verbundenheit – weil diese Kirche mir mal Heimat war. Aber wie lange mag es noch dauern, bis die Erinnerung daran verblasst? […] Wissen Sie, ich habe dieses Christentum noch nicht aufgegeben. Ich glaube noch daran, dass es bestehen kann. Weil das Christentum vielleicht die faszinierendste unter allen Religionen ist. Die eine Religion, die nicht den Sieger feiert, sondern den Gekreuzigten.“ (S. 10f.) (Die letzten zwei Sätze bilden eine dieser Stellen, an denen man ihm mal zustimmen kann.)

Flügge sieht sich nicht als Glied der Kirche, sondern als ihr Kunde.  Man merkt ihm nicht das geringste Bewusstsein dafür an, dass er auch Verantwortung als Teil der Kirche trägt. Er redet wie ein Ehemann, der selbst nichts für die Beziehung zu seiner Frau tut, aber lamentiert, dass sie nichts für ihn tue; noch wolle er sich jedoch noch nicht scheiden lassen, weil er sich ja noch an die alten Zeiten mit ihr erinnere, eine Chance wolle er ihr noch geben… Er zählt sich auch selbst zu den Un-Engagierten:

„Mein Name ist Erik Flügge und ich bin einer von den 90 Prozent. Jeden Monat frage ich mich: Was passiert eigentlich mit meinen Kirchensteuergeldern? Wahrscheinlich viel – nur halt nichts für mich. Das ist nicht schlimm, denn andere könnten es nötiger haben, dass die Kirche sich um sie kümmert. Aber nicht mal ‚Danke’ wird mir gesagt dafür, dass ich Monat für Monat mit meiner Kirchensteuer mitfinanziere, was andere Leute nutzen. Was wird denn an Gemeindeleben finanziert? Gemeindehäuser. Ach je. Klar, auch ich könnte in ein muffiges Gemeindehaus gehen, um am Seniorennachmittag teilzunehmen – nur will ich das nicht. Mir bedeutet das Gemeindehaus gar nichts. […] Mir bedeutet das Pfarramt gar nichts.“ (S. 9)

Es gibt allerdings Leute, die das Pfarramt brauchen; zum Beispiel solche, die heiraten oder ihre Kinder taufen lassen wollen. Das könnte auch Erik Flügge noch passieren. Und ja, Senioren verdienen die Seniorennachmittage.

Aber vor allem: Wenn er irgendeine andere Gruppe oder Veranstaltung in seiner Pfarrei organisieren wollte, die Leute wie ihn selbst ansprechen würde: Ich bin mir relativ sicher,  dass die Pfarrei da entgegenkommend wäre und Räume zur Verfügung stellen und vielleicht auch im Pfarrbrief dafür werben würde. Aber, wie gesagt, er scheint sich nicht als Mitglied, sondern ausschließlich als Kunde der Kirche zu sehen.

Sein verquerer Blick auf die 90% und die 10% wird besonders deutlich, als er gegen Ende des Buches versucht, das Gleichnis vom verlorenen Sohn neu zu deuten:

„9 von 10 Söhnen sind gegangen. Sie sind nicht ausgetreten, gehören noch zur Familie, aber sie kommen nicht mehr, um am Leben der Gemeinde teilzuhaben.

 Nicht die anderen sind verlorene Söhne, sondern die Aktiven in den Gemeinden sind es. Die haben das Erbe genommen und es verprasst. Verprasst für Orgeln und Kirchenbauten, Küchen im Gemeindehaus und Fachstellen. Langsam wird das Leben in den Gemeinden knapp. Immer weniger ist los und das frustriert. Das Gemeindeleben fühlt sich hohl an ohne die Familie, die wir irgendwo zurückgelassen haben. Der letzte Rest Gemeindeleben ist viel zu oft so frustrierend wie das Schweinehüten. Die Aktiven in der Kirche sind der verlorene Sohn, der in der Ferne wehmütig an den eigenen Vater denkt. Sie sind diejenigen, die aufbrechen und zurückkommen in der Hoffnung, dass sie fröhlich empfangen werden.“ (S. 64)

An dieser, äh, sagen wir mal, kreativen Auslegung stört weniger die beabsichtigte Aussage, als dass das Ganze einfach keinen Sinn macht. Ist der Vater auf einmal ausgezogen und der Mehrheit der Söhne hinterhergegangen, als entsprechend viele weg waren, so dass der letzte verbliebene Sohn jetzt fern von ihm ist? Und was ist mit den 9 Söhnen geschehen, das sie zu nicht-mehr-verlorenen Söhnen gemacht hat? Flügge hätte das Gleichnis z. B. auch folgendermaßen umdeuten können: „Der ältere Sohn soll nicht nur den väterlichen Hof verwalten, sondern sich aktiv auf die Suche nach seinem Bruder machen, so, wie es der Hirt im Gleichnis vom verlorenen Schaf tut.“ Das wäre immerhin logisch gewesen – aber Flügge scheint einfach gerne den Provokateur zu spielen, auch wenn es dann nicht mehr logisch ist.

Kommen wir jetzt zu Flügges praktischen Vorschlägen. Er rechnet vor, dass, wenn man die ganzen Einnahmen, die einer Pfarrei zustehen, nicht in kirchliche Schulen, Kirchen und Gemeindehäuser stecken würde, sondern nur in Personal, man in einer durchschnittlich großen Pfarrei 30 Leute einstellen könnte (Büromiete und Betriebsausflug eingerechnet); diese Angestellten hätten für jeden Haushalt der Pfarrei mehr als einen Arbeitstag Zeit pro Jahr – und damit mehr als genug Zeit für Hausbesuche. „30 Personen, die sich keine andere Aufgabe geben, als Menschen zu besuchen. Ein Besuch für jeweils zwei Stunden und das sechs Stunden am Tag, also drei Besuche pro Mitarbeiter pro Tag. […] Bei 5000 Haushalten bedeutet das, dass man über acht Mal pro Jahr die Mitglieder besuchen könnte. […] Man könnte über Gott und die Welt sprechen und vielleicht genau das werden, wofür sich viel zu viele Menschen heute Therapeuten suchen: ein Seelsorger.“ (S. 20) Das ist natürlich schon allein deshalb eine Milchmädchenrechnung, weil man die 30 Angestellten, die einigermaßen theologisch ausgebildet sein und sich einigermaßen mit der Mission der Kirche identifizieren müssten, irgendwo herbekommen müsste – und so viele junge Leute, die nach dem Abi was studieren wollen, mit dem sie „irgendwas mit Menschen“ machen können, und noch dazu mit der Kirche was anfangen können, finden sich dann doch nicht. (Tatsächlich gibt Flügge am Ende des Buches auch zu, dass es sich um keine realistische Kalkulation handelt: „Niemand wird alle bestehenden Strukturen in der Kirche auflösen. Nirgendwo werden 30 Personen in einer Gemeinde mit nur 5000 Haushalten eingesetzt werden. Aber der Gedanke hilft. Eine Maximalprojektion nennt man das, ein radikales Gedankenspiel ‚Was wäre, wenn?’“ (S. 59f.))

An sich ist der Grundgedanke, mit Hausbesuchen auf die Leute zuzugehen, natürlich nicht schlecht – er ist sogar sehr sinnvoll. Und er ist deutlich besser als gewisse andere Ideen zur „Erneuerung“ der Kirche, die seit Jahrzehnten herumgeistern, was Flügge auch erkannt hat:

 „Denn Frauenpriestertum, Zölibat und Sexualmoral, das alles finde ich nicht sonderlich spannend. Tot gekaut und ausgelutscht sind diese Fragen.“ (S. 24) Er beschreibt an dieser Stelle eine Veranstaltung bei einer evangelischen Landeskirche, an der er einmal teilnahm, bei der über Strukturen der Jugendarbeit diskutiert wurde. „Der ganze Diskurs drehte sich nur um Rückzug, Rückbau oder Werbung für bestehende Angebote. In der Landeskirche, in der ich zu Besuch war, sind Frauen selbstverständlich Pfarrerinnen, der Landesbischof steht zusammen mit seiner ganzen Synode für eine moderne Sexualmoral und zölibatär ging es echt nicht zu. […] Trotzdem liegt auch diese Kirche im Sterben.“ (S. 25)

Als er bei dieser Veranstaltung seine Idee mit den Hausbesuchen aufgebracht habe, hätten die anderen ihm am Ende zustimmen müssen:

 „Sofort meldete sich ein Pfarrer zu Wort. Er sagte, das hier käme ihm doch alles wie die Zeugen Jehovas vor. Die meisten Leute wollen doch gar nichts von ihrer Kirche wissen. Er könne das mit Gewissheit sagen, denn er habe schon einmal ein Jahr lang Hausbesuche gemacht. […]

 Ich stellte eine schnelle Rückfrage: ‚Wie lief’s denn?’ Seine Antwort: ‚Ich würde sagen, nur rund ein Drittel wollte reden.’

 Wow, nur ein Drittel aller Kirchenmitglieder wollte reden? Übrigens nicht kurz, sondern über eine Stunde lang, berichtete der Pfarrer. ‚Nur’ ein Drittel?

 Was dann passierte, war wirklich spannend. Dieser Pfarrer, der zuvor am Tag schon öfters davon gesprochen hatte, dass er in Bezug auf die Frage nach der Zukunft der Kirche resigniert habe, erzählte uns von seiner Erfahrung bei diesen Hausbesuchen. Dass das gute Gespräche gewesen seien. Manchmal über Probleme, manchmal nur über die Kirche und Gespräche, die immer weiter führten. Er erinnerte sich, dass er damals sogar aufgeschrieben habe, dass die Kirche mehr Kontakte suchen sollte. Dass er selbst eine Empfehlung geschrieben hätte, mehr Hausbesuche zu machen, nur dass der keiner gefolgt sei. Irgendwie wäre es am Ende wieder der gleiche Trott gewesen und der frustriere zutiefst.

 Wir debattierten weiter. […] Irgendwann meldete sich der Pfarrer nochmals zu Wort. ‚Ich ärgere mich. Ich nehme das jetzt zurück. Das ist nicht falsch mit den Hausbesuchen. Das ist richtig. Ich hab das für richtig gehalten und weiß, dass das richtig ist. Und jetzt war ich nur dagegen, weil es unsere Strukturen angreift. Aber ich bin dafür. Ich nehme das zurück. Ich will das zurücknehmen. Das ist richtig!’“ (S. 26-28)

Flügge hat auch noch ein paar detailliertere Ideen: „Im Idealfall bricht nicht nur hauptamtliches Personal auf zu den anderen Gemeindemitgliedern, sondern die aktiven Teile der Kirchengemeinde kommen gleich mit. […] Der erste Schritt dabei muss gar nicht der sein, an einer Haustüre zu klingeln. Der erste und vielleicht einfachste Schritt kann in einer Gruppe von Leuten erledigt werden, die sich im Gemeindehaus treffen. Diese können Postkarten zu Ostern schreiben. Von Hand und einfach eine nach der anderen an jedes Gemeindemitglied. Ein kleiner Gruß von den Aktiven in der Kirchengemeinde an alle anderen. Der Text für solch eine Karte ist nicht schwer zu finden. Er könnte lauten wie dieser: ‚Ostern ist das wichtigste Fest für uns Christen. Wir feiern, dass Jesus von den Toten auferstanden ist und hoffen deshalb darauf, dass auch wir von den Toten auferstehen. Sie sind Mitglied in unserer Kirche und darum wollen wir Ihnen mit dieser Karte Hoffnung machen. Wir glauben, dass sie auferstehen werden. Herzliche Grüße von Ihrer Kirchengemeinde. Schön, dass Sie bei uns Mitglied sind!’“ (S. 68f.)

Ich halte Postkarten und Hausbesuche auch für eine gute Idee. Postkarten (auch wenn die nicht unbedingt alle von Hand geschrieben sein müssten, und man vielleicht einen etwas gelungeneren Text als den von Flügge vorgeschlagenen darauf drucken könnte) wecken bei den Leuten schon mal das Bewusstsein dafür, dass sie ja doch noch Kirchenmitglieder sind; Hausbesuche sind ein niederschwelliges Kontaktangebot, bei dem sich Leute, die daran interessiert sind, ihre persönlichen Probleme oder auch ihre Kirchenkritik von der Seele reden können und hoffentlich auf einen guten Gesprächspartner treffen und so vielleicht wieder Interesse am Glauben bekommen. Es gibt ja auch schon Projekte, die genau in diese Richtung gehen; ein mir bekanntes Beispiel wäre etwa die „Missionarische Woche“ im Bistum Augsburg. Auf der Bistumswebseite heißt es dazu:

„Angeregt durch die ‚Misiones’ der Schönstatt-Bewegung 2013 in Dillingen hat das Institut für Neuevangelisierung, gemeinsam mit dem Bischöflichen Jugendamt und ‚Basical’ die ‚Missionarische Woche’ entwickelt, die 2015 in der PG Vöhringen/Iller, 2016 in der PG Breitenthal, 2017 in der PG Wallerstein und 2018 in der PG Pöttmes stattfand. […]

 Eine Missionarische Woche ist ein besonderes Ereignis für eine Pfarrei(engemeinschaft) und bietet zahllose Chancen, das Evangelium in Ihrem Ort zum Tagesgespräch zu machen.

 Tagsüber gehen junge Leute in der Regel zu zweit von Haus zu Haus, klingeln, geben einen Gruß der Pfarrei ab, bieten ein Gespräch über Fragen des Glaubens an und werben für das abwechslungsreiche Abendprogramm. Durch die gründliche und transparente Vorbereitung ist diese Aktion in der Öffentlichkeit einigermaßen bekannt und die Menschen vor Ort sind bereits im Voraus herausgefordert, sich Gedanken zu machen, wie sie reagieren wollen, wenn die Missionare vor der Türe stehen.

 Die jungen Missionare werden vorher kompetent geschult, wie sie

  • glaubwürdig von ihrem Glauben reden,
  • einfühlsam auf ihre Gesprächspartner eingehen,
  • freundlich das Evangelium Jesu Christi weitersagen,
  • angemessen auf Kritik reagieren,
  • auf Wunsch anteilnehmend für und mit den Besuchten beten.

Was sie NICHT tun, ist:

  • auswendig gelernte Gesprächsimpulse abspulen,
  • moralischen Druck ausüben,
  • Expertenantworten geben,
  • glänzende Versprechungen machen,
  • Drohungen verbreiten.

 Die jungen Missionare wohnen während der Missionarischen Woche vor Ort in Gastfamilien.

 Tagsüber finden Haus- und Schulbesuche statt.

 Für die Abende wird gemeinsam mit der gastgebenden Pfarrei ein abwechslungsreiches Programm vorbereitet (z.B. Vorträge, Gruppenstunden, Chöre, Gesprächsrunden, Konzerte, festliche Sondergottesdienste, Abend der Versöhnung, Pfarrfamilienabend).

 Die Missionare unter sich pflegen während dieser Woche ein intensives geistliches Leben, geprägt von gemeinsamen Gebetszeiten, Eucharistischer Anbetung und der Feier der Hl. Messe.

 Die Missionarische Woche wird bis auf weiteres in der ersten Fastenwoche und in der ersten Schulwoche nach den Sommerferien angeboten.

 Bewerben kann sich für dieses Projekt jede Pfarrei(engemeinschaft) im Bistum Augsburg. […]

 Wenn du selbst als Missionar bei der Missionarischen Woche mitmachen möchtest, dann melde dich doch einfach beim Bischöflichen Jugendamt oder beim Institut für Neuevangelisierung (Andreas Theurer, 0821/3166-2950 oder Katharina Weiß -2930)!

 Wir freuen uns auf dich!

 Nähere Auskünfte und Beratung bei Andreas Theurer

Wenn man Hausbesuche macht, stellt sich grundsätzlich die Frage: Wozu will man die Leute erreichen? Ist es mit Hausbesuchen getan, oder will man sie noch zu etwas anderem führen? Die „Missionarische Woche“ zeigt ganz klar, dass die Hausbesuche nicht alles sind, sondern nur ein Teil der Seelsorge. Bei Flügge sieht es anders aus: Er zeigt nicht das geringste Interesse an irgendwelchen Vorträgen, Gottesdiensten, Konzerten, Familienabenden oder Abenden der Versöhnung, zu denen man die Leute einladen könnte. Kirchengebäude und Pfarrheime tauchen in „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ nur als Ballast auf, der zur Geldverschwendung beiträgt.

Aber wenn man die Leute in der Pfarrei mit der Individualseelsorge erreicht hat, will man sie dann nicht auch noch zu irgendeiner Gemeinschaft führen? Zur gemeinschaftlichen Verehrung Gottes, zum Empfang der Gnade durch die heiligen Sakramente? Zählt die Gemeinschaft der Kirche hier gar nichts? Im Gebet des Herrn heißt es mit guten Gründen „Vater unser“, nicht „mein Vater“. Christen, die immer nur in ihren Häusern bleiben und ab und zu mal vom Pastoralreferenten oder Pfarrer besucht werden und über ihre Anliegen und Probleme reden können, aber dann nicht dazu bewegt werden, auch in der Sonntagsmesse, und vielleicht noch beim Pfarrfest oder beim Glaubenskurs oder bei der Eucharistischen Anbetung, aufzutauchen – was sind das für Christen? Genauer: Wenn man ihnen die Möglichkeit zum Leben in der Gemeinschaft der Kirche nimmt, nimmt man ihnen dann nicht gerade die Möglichkeit, überhaupt Christen zu sein?

Und genau deshalb sind eben die Kirchengebäude, und zwar idealerweise die lokalen Kirchengebäude, so wichtig. Sie sind auch wichtig, weil sie geheiligte Orte sind, an denen das heilige Messopfer dargebracht wird, und sie bieten eben auch einen Versammlungsort für die Gemeinschaft der Gläubigen.

Flügges Entwurf passt in eine individualistische Dienstleistungsgesellschaft, aber leider nicht in die Kirche Gottes.

Er beschäftigt sich am Ende des Buches noch genauer mit der Frage, wozu er die Leute erreichen möchte, wie die Gespräche aussehen sollten:

 „In der Kirche sprechen wir ständig über den Wert von Glaubenszeugnissen. Besonders gerne wollen wir sie selbst abgeben. Viel wichtiger wäre es allerdings, wenn wir uns auf die Suche machen würden nach den Zeugnissen von Menschen, die kaum noch glauben oder anders. Vielleicht erkannten sie eine Seite von Gott, die wir stets übersahen in all unseren Ritualen, geprägten Formen und tradierten Gebeten. Vielleicht offenbarte Gott sich mal wieder in der Fremde statt im Gotteshaus. […]

 Ich muss ein bisschen schmunzeln bei der Vorstellung, dass bei mir mein Pfarrer klingelt und an der Türe sagt: ‚Entschuldigen Sie bitte, Herr Flügge, wir kennen uns nicht. Ich bin der Pfarrer Ihrer Gemeinde und ich wollte Sie mal fragen, wie Gott so ist.’ Ich glaube an dieser Frage hätte ich wirklich Spaß. Ich gebe zu, ich wäre auch heillos mit der Beantwortung überfordert. Aber genau das ist doch der Charme. Ich muss nicht wieder jemandem zuhören, der mir erzählt, was in irgendeinem katholischen Dogma steht, sondern ich bin selbst herausgefordert, Gott eine Stimme zu geben. Ich muss nicht wieder von irgendeinem Protestanten Bibelstellen heruntergerattert bekommen, sondern bin selbst in der Pflicht.

 Erwarten Sie bitte nicht, dass ich die Antwort weiß, wenn Sie bei mir klingeln. Ganz ehrlich, ich weiß die Antwort nicht! Aber genau die Tatsache, dass ich sie nicht abschließend und absolut weiß, hilft doch meinem Gesprächspartner weiter. Wer bei mir klingelt, weiß schon vorab, dass ich keine neue Wahrheit zu berichten habe, dass aber vielleicht genau das, was ich von Gott zu berichten habe, das Verständnis des Fragenden von Gott erweitert. Wer mich fragt, wie ich Gott kenne, wird seinen Glauben sicherlich nicht verlieren, aber im besten Fall seinen eigenen durch Abgrenzung on mir stärken oder durch meine Perspektive erweitern. Beides wäre schön.“ (S. 65-67)

Flügge hat leider den Sinn des Christentums nicht verstanden.

Das Christentum ist eine Offenbarungsreligion: Gott zeigt uns, wie Er ist, Er zeigt uns Dinge von sich, auf die wir selber nicht oder nur sehr schwer gekommen wären. Wer diese Botschaft von Gott erhalten hat, soll sie anderen weiter sagen. Selbstverständlich hat jeder Mensch in seinem Leben wertvolle Erfahrungen gemacht; aber wenn es darum geht, eine ganz bestimmte Frohe Botschaft weiterzugeben, dann muss man einfach diese Botschaft kennen, da helfen alle anderen Erfahrungen nichts.

Und, mal ehrlich, Flügge überschätzt die Leute hier auch teilweise. Es gibt auch Menschen, die sich bisher überhaupt nur  wenige Gedanken über Gott gemachthaben, und andere, deren Gedanken weniger von eigenen Überlegungen und Erfahrungen, und mehr von Fernsehserien und Leitartikeln, vom „Wort zum Sonntag“ und Kalendern mit Dorothee-Sölle-Zitaten geprägt sind. Aber egal, wie viele kluge Gedanken sich Menschen von sich aus machen, auf manche Dinge kommt man einfach nicht von selbst. Manchmal ist es das Klügste, anzuerkennen, dass man nicht alles weiß und sich auch mal belehren lassen kann. Das habe ich selber immer wieder festgestellt. Die Heiligen und Theologen und Philosophen der letzten 2000 Jahre Kirchengeschichte haben so viele geniale Erkenntnisse zu lehren, auf die ich selber nie gekommen wäre. Soll man die einfach ignorieren?

Hier passt sehr gut ein Ausschnitt aus dem 1. Kapitel von Ronald Knox‘ Buch „The belief of Catholics“ von 1927 (Übersetzung von mir; Quelle hier) :

„Es ist die gemeinsame Annahme all dieser modernen Propheten, welcher Schule auch immer sie angehören, dass die religiöse Wahrheit etwas noch nicht Festgelegtes ist, etwas, das nach und nach durch einen langsamen Prozess des Experimentierens und der Forschung entdeckt wird. Sie brüsten sich mit ihrer Unentschiedenheit; sie führen eine Parade ihrer Uneinigkeiten auf; das zeigt (so sagen sie) einen gesunden Geist der furchtlosen Forschung, diese Freiheit vom Albdruck der Tradition. Solche Empfindungen rufen, wie ich glaube, kein Echo des Applauses außerhalb ihrer eigenen unmittelbaren Zirkel hervor. Das ungute Gefühl bleibt dem durchschnittlichen Bürger, dass ‚die Pfarrer ihr eigenes Geschäft nicht verstehen‘; dass Uneinigkeiten zwischen Sekte und Sekte mehr, nicht weniger erbaulich sind, wenn jede Seite sich beeilt, zu erklären, dass die Uneinigkeit nur Äußerlichkeiten statt Essentielles betrifft; dass, wenn das Christentum sich nach zwanzig Jahrhunderten noch im Prozess der Erarbeitung befindet, es eine ungewöhnlich schwer zu fassende Sache sein muss.“

Flügge unterstellt seine Sicht auf das Christentum auch den frühen Christen, die erst noch einiges von den Heiden hätten lernen müssen, weil sie sich bei einigen Dingen bezüglich ihres eigenen Glaubens geirrt hätten:

Konfrontiert zu sein mit dem Scheitern des eigenen Glaubens angesichts der Realität, ist nichts Ungewöhnliches. Es begleitet das Christentum von Anfang an. Als die kleine jüdische Sekte der Christen auf die Griechen traf, die sie mit ihrer bestechend scharfen Logik konfrontierten, musste das Christentum sich neu ausrichten. […] Denn die Griechen fragten kritisch, wie denn zusammenzubringen sei, dass der eine Gott befiehlt, keine Götter neben sich zu haben und die Christen dennoch zu ihrem Messias Jesus Christus beten. Waren da plötzlich zwei Götter?“ (S. 52f.)

Er hält die frühen Christen schon für sehr blöd, was? Merken selber gar nicht, was sie eigentlich glauben. Ich kann mir nicht helfen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Flügge irgendwelche frühchristlichen Werke gelesen hat. Und dieses Bild von einem Glauben, der sich erst noch entwickeln muss – nicht im Sinne von John Henry Newman, dass man ihn tiefer versteht, sondern in dem Sinne, dass das Verständnis sich in grundlegenden Dingen ändert – entspricht einfach nicht dem christlichen Glauben.

Das Bistum Augsburg hat im Vergleich dazu eine Ahnung davon, worum es bei der Seelsorge geht:

„Warum überhaupt ‚missionieren’?

  • Weil Jesus selbst seinen Nachfolgern den Auftrag dazu gab (z.B. Mt 28,16-20).
  • Weil die frohmachende Gute Botschaft (=Evangelium) von Jesus Christus, der den Menschen das Heil bringt und sie mit Gott versöhnt, es wert ist, jedem Menschen gesagt zu werden.
  • Weil die meisten Menschen von dieser Guten Botschaft nur erfahren werden, wenn sie ihnen jemand in persönlicher Begegnung weitersagt.
  • Weil das 2. Vatikanische Konzil alle Gläubigen daran erinnerte, dass sie die Aufgabe haben, das Christus-Zeugnis im Alltag in ihrer Umgebung zu leben und ihren Mitmenschen weiterzugeben. Das ist in erster Linie gemeint mit ‚Priestertum aller Glaubenden’ und mit ‚Laienverantwortung’!“

Zuletzt noch etwas zum Co-Autor des Buches. Der Großteil der 78 Seiten stammt von Flügge, aber in der Mitte stecken ein paar Seiten von David Holte, der auf Flügges Wunsch seine Erfahrungen mit seinem Austritt aus der evangelischen Kirche beigesteuert hat. Holtes Stil ist etwas besser als Flügges, aber viel Interessantes erfährt man auf diesen paar Seiten auch nicht. Ein paar Auszüge:

„Eigentlich komisch: Ich bin getauft und zumindest meine Mutter hat mir stets christliche Werte vermittelt. Eigentlich gehöre ich doch zur Zielgruppe der Kirche. Wieso konnte sie meinen Austritt nicht verhindern?

 Vielleicht hätte eine kleine Geste gereicht. Denn: ich hatte von meiner Kirche schlicht seit Ewigkeiten nichts gehört. Klar, ich hätte mich auch darum bemühen können. Aber weshalb, wenn sich auch diese Kirche nicht um mich bemüht? Nicht einmal ein kleines Zeichen, dass die überhaupt wissen, dass ich noch da bin. Vielleicht hätte es auch gereicht, wenn jemand nach meinem Austritt einfach mal angerufen hätte, um mich zu fragen, was denn da los war.“ (S. 33)

„Wir alle haben Zweifel, Fragen oder benötigen Sinnbilder für schwierige Situationen. Ich glaube, dass eine Person, die sich wahrhaftig mit Glaubensfragen auseinandergesetzt hat, ein spannender Gesprächspartner sein kann. Irgendwas muss die Kirche ja zu bieten haben, immerhin gibt es sie schon seit zwei Jahrtausenden.

 […] Ich will als Mitglied ernst genommen werden. Ich will eine offene, leicht zugängliche Organisation, die mir in meinen Lebenssituationen hilft. Ich will mitbestimmen, was mit meinem Geld passiert. Ich will Diskussionen über aktuelle, relevante Fragen führen – gerne auch über Glaube und Gott. Was wäre dafür nötig gewesen? Ein, zwei persönliche Kontakte, vielleicht ein tiefergehendes Gespräch. Das hätte wohl gereicht. Schade eigentlich.“ (S. 40f.)

Holtes kundenmäßige Anspruchshaltung, die er mit Flügge teilt, macht ihn zwar auch nicht unbedingt sympathisch, aber die Aussage, dass die Kirche – die ja einen Missionsauftrag erhalten hat – aktiv zu denen gehen muss, die von ihr weggedriftet sind, wenn sie sie noch erreichen will, kann man ja trotzdem mitnehmen.

Abschließend: Ja, ein paar sinnvolle praktische Ideen stecken in dem Buch, die man auch hätte in einem rechtgläubigen Rahmen vorbringen können. Aber die Art, wie sich Flügge seine „Kirche für viele“ vorstellt, wie seine Hausbesuche konkret aussehen sollen… da soll eine Kirche von Individualisten entstehen, die sich alle ihren eigenen Glauben suchen, aber dabei auch nichts so Genaues wissen. Dieser Glaube muss sich erst formen – und kann sich auch in der Zukunft zu etwas ganz anderem formen, als er bisher war. Wer braucht einen solchen Glauben?