Die „Alleluia Community“ in Augusta, Georgia: Ein bisschen Recherche zu einer ökumenisch-charismatischen Bendikt-Option-Gemeinschaft

Ich habe in meinem Artikel über die Benedikt-Option (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/05/23/die-benedikt-option-ich-bin-positiv-uberrascht/) erwähnt, dass es in dem Buch zwar eher um Familien, Pfarreien, christliche Schulen usw. geht, dass Dreher aber auch ein paar enger gestrickte Laiengemeinschaften würdigt. Der Autor geht auf keine dieser Gemeinschaften näher ein, in  dem Sinne, dass er ihre Struktur genau erklären würde, sondern er baut eher kurze Stellungnahmen von Mitgliedern über ihre positiven Erfahrungen in seinen Text ein. Aber ich  bin neugierig drauf geworden, wie so etwas in der Praxis aussieht, und weil ich zu „Tipi Loschi“, der italienischen Gemeinschaft, die Dreher am ausführlichsten würdigt, hauptsächlich italienischsprachige Internetseiten gefunden habe, habe ich mich entschieden, zu einer anderen im Buch kurz erwähnten Gemeinschaft ein bisschen im Internet zu recherchieren: Der 1973 gegründeten, ökumenischen, charismatisch orientierten „Alleluia Community“ in  Augusta, Georgia. (Jo, „1973“, „ökumenisch“, „charismatisch“ – ich bin schon mal skeptisch…)

Die offizielle Webseite dieser Gemeinschaft unter www.yeslord.com ist gerade nicht erreichbar, leider. Aber immerhin habe ich ein Video auf ihrem Youtube-Kanal gefunden, auf dem die „Alleluia Community“ vorgestellt wird:

Außerdem hat ihre Schule eine Webseite (http://www.alleluiaschool.org/), und auf ein paar Blogs finden sich Aussagen von Mitgliedern und Ex-Mitgliedern. Hier etwa wäre ein Artikel einer Frau, die seit Jahrzehnten Mitglied ist (seit sie 22 ist), und die das Leben dort als ziemlich idyllisch schildert: http://inthesheepfold.blogspot.de/2012/01/alleluia-inexpressible-joy-of-lord.html

Hier mal zunächst, was ich bei einigen Pro-Alleluia-Community-Quellen gefunden habe:

Viele der Mitglieder leben in derselben Nachbarschaft von Augusta, die sie „Faith Village“ nennen. Das, was sie bei ihrem Beitritt suchten, war laut ihren Aussagen vor allem ein bewusstes Leben in christlicher Gemeinschaft, zusammen mit Nachbarn, die sich gegenseitig helfen, die einander ein christliches Leben vorleben, und die einen auch notfalls auf die eigenen Fehler aufmerksam machen. Die  Frau in dem oben verlinkten Blogpost schreibt:

 „Wir tun hier in der Alleluia Community viele gute und nützliche Dinge. Wir bilden Fahrgemeinschaften und treiben zusammen Sport. Wir helfen uns gegenseitig bei Geburten und bringen Essen vorbei, wenn das Baby geboren ist. Wir helfen den Älteren und kümmern uns um die Kranken. Wir betreiben eine Schule! Wir campen zusammen und konsumieren viel zu viel mexikanisches Essen. Gute, gute Sachen. Ich liebe das alles.“ (Übersetzung von mir)

Eltern in dem Video erklären, dass sie es schätzen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen, welchen Umgang ihre Kinder haben; die Kinder könnten den ganzen Tag draußen in der Nachbarschaft herumlaufen, seien überall willkommen und könnten in den Gärten mit den Kindern der Nachbarn spielen. Wenn ein größeres Stück Arbeit ansteht, z. B. die Renovierung eines Hauses, organisiert die Gemeinschaft „work parties“, bei denen Mitglieder zusammenkommen und anpacken.

Die Gemeinschaft ist selbst keine Kirche, sondern ist bewusst ökumenisch aufgebaut; man muss einer anderen Kirche angehören, wenn man Mitglied bei der „Alleluia Community“ sein will. Viele Mitglieder sind anscheinend charismatische Katholiken. Zusammen will man dem einen Herrn Christus dienen. In dem Video spricht auch ein katholischer Priester, der hervorhebt, dass die Leute in der Gemeinschaft nicht nur sonntags zur Messe gingen, sondern sich um tägliches Gebet, Bibelstudium usw. bemühten – ein „radikal christliches“ Leben, wie Rod Dreher wohl sagen würde. Zur Arbeit an der eigenen Heiligkeit gehört es für den Priester „[to] never become satisfied and  never become complacent“ (ab ca. 8:46), d. h. sich nie zufrieden zu geben, nie selbstzufrieden und selbstgefällig zu werden – immer weiter zu machen. Das Video zeigt immer wieder Szenen, bei denen sich Leute in einer Halle versammelt haben, wo auf der Gitarre gespielt und gesungen wird, und die Anwesenden im Gebet die Hände in die Luft strecken. Nicht mein Geschmack, was Gebetstreffen angeht, aber wer’s mag.

Aber wie sieht jetzt die konkrete Organisation aus? Welche regelmäßigen Veranstaltungen gibt es, wer führt die  Gemeinschaft, wie sieht es mit den  Finanzen aus, wie gestaltet sich das schulische Leben in der von der Gemeinschaft aufgebauten Schule, welche Verpflichtungen geht man ein, wenn man den „Covenant“ („Bund“, „Vertrag“) unterzeichnet, mit dem man der „Alleluia Community“ beitritt?

Offensichtlich gibt es regelmäßige gemeinsame Gebetsabende (das Elternhandbuch auf der Schulwebseite erwähnt, dass an Freitagen keine Tests geschrieben werden, um es den Kindern zu  ermöglichen, an den Gebetstreffen an den Donnerstagabenden teilzunehmen) und kleinere „support groups“, die sich auch regelmäßig treffen. Das Video bleibt hier sehr vage.

Was die Schule angeht, die versteht sich laut dem „Family Information Handbook“ als Ergänzung zur vorrangigen Erziehungsarbeit der Eltern, die ihnen von Gott aufgetragen sei. Ein zentrales Ziel der Schule sei es, den Kindern das Evangelium zu präsentieren. Nur Kinder aus Mitgliederfamilien werden aufgenommen und auch die Lehrer müssen Mitglieder der Gemeinschaft sein und leisten einen Teil ihrer Arbeit ehrenamtlich; weil die Gemeinschaft nicht genug ausgebildete Lehrer hat, machen oft geeignete Quereinsteiger diesen Job, und deshalb war die Schule zunächst nicht staatlich anerkannt (erlaubt war ihr Betrieb nach den US-Gesetzen trotzdem; das zählte wohl wie Heimunterricht durch die Eltern).  Alle Mitglieder zahlen 6% ihres Bruttoeinkommens an die Gemeinschaft für den Betrieb der Schule (außerdem zahlen sie anscheinend weitere 10% an die Gemeinschaft an sich, den klassischen „Zehnten“, wie ich anderswo gelesen habe). Die Schulfächer sind Ökumenischer Religionsunterricht („Multi-denominational religious instruction“), Einführung in die christliche Philosophie, Mathematik, Naturwissenschaft, Englisch, Sozialkunde, Spanisch, Informatik, Lebenskunde („Life Skills“), Sport, Geschichte und Sitten der Familie („Family History and Mores“) und Gemeinschaftsformierung/Lebenserfahrung („Community Formation / Life Experience“); dazu gibt es noch Wahlfächer. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, was man in „Geschichte und Sitten der Familie“ lernen soll; dieses Fach zählt für den Abschluss übrigens ebenso viel wie Mathe oder Englisch und mehr als der Religionsunterricht oder die christliche Philosophie. Der Sport ist anscheinend ein wichtiger Teil des schulischen Lebens; jedenfalls widmet das Handbuch ihm viele seiner Seiten. Es gibt Schuluniformen, zu denen für Mädchen khakifarbene Röcke ohne Verzierungen zählen, die mindestens bis zum Knie reichen müssen. In dem Video auf Youtube werden auch Schüler interviewt, die erzählen, dass ihnen an der Schule vor allem die kleinen Klassen gefallen, die Tatsache, dass jeder jeden kennt. Auch der Direktor (?) spricht über seine Schule, und er erwähnt (ab ca. 18:14), dass sie eine „dating policy“ hat (d. h. Regeln, was romantische Beziehungen unter den Schülern angeht), die verhindern soll, dass die Jugendlichen sich zu früh in Beziehungen stürzen. Leider wird es nicht detaillierter.

Aber jetzt zu dem „Bund“, den die Mitglieder unterzeichnen. Wie gesagt, die offzielle Webseite erreiche ich nicht, aber ein katholischer Blog, der sich kritisch mit bestimmten Laiengemeinschaften („Covenant communities“) befasst, hat den Text hier online gestellt: http://covenantcommunities.blogspot.de/2008/04/alleluia-community-covenant.html Übersetzt lautet er:

„Der Bund der Alleluia Community

 JESUS IST UNSER HERR!

 Der Herr hat uns gerufen, mit Ihm und miteinander einen feierlichen Bund einzugehen, um ein Volk des Lobgesangs zu sein. Wir nehmen die Herrschaft Jesu in unserem Leben an, als Einzelne und als ein Volk. Er hat unsere Isolation zerstört und uns zusammengeführt.

 Wir verpflichten uns vollständig zu unserer Unterordnung unter unsere vorrangigen Bundesverpflichtungen zur Ehe, dem Zölibat und der Kirche [„church“ hier kleingeschrieben, wie es in protestantischen Kreisen üblich ist; d. h. es ist nicht die Kirche gemeint, sondern die jeweilige Gemeinde, der der einzelne angehört], und als Brüder und Schwestern im Herrn vertrauen wir unsere Leben Ihm und einander in Ihm an. Wir versprechen, einander aufzurichten, zu ermahnen, zu warnen und einander zuzuhören; rasch bereit zu sein, zu vergeben und um Vergebung zu bitten; einander zu helfen, Seinen vollkommenen Willen in allen Dingen zu suchen. In Seiner Freude und Seinem Frieden, daher, übergeben wir unsere Leben an Jesus; alles Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige, und wir stimmen zu:

  1. einander als Brüder und Schwestern in Christus zu lieben.
  2. unseren Verpflichtungen zum Gemeinschaftsgebet, zur Gemeinschaftspflege [„fellowship“ meint in vielen Kirchen gesellige Veranstaltungen, z. B. ein gemeinsames Mittagessen nach dem Sonntagsgottesdienst o. Ä.] und zum Dienst [mit „service“ könnte gegenseitiger Dienst im Sinne von Hilfe bei Renovierungsarbeiten, oder aber auch Gottesdienst gemeint sein] nachzukommen, wobei wir immer die Vision und das Wachstum suchen werden, zu dem der Geist uns ruft.
  3. Verantwortung für die Ordnung der Gemeinschaft zu akzeptieren.
  4. das Wachstum der Gemeinschaft zu fördern, indem wir die Verantwortung für ein Programm der christlichen Initiation und Gemeinschaftsbildung annehmen.
  5. die Leitungsgewalt der Koordinatoren anzuerkennen, und stimmen zu, ihnen zu gehorchen, sie zu korrigieren und für sie zu beten.
  6. unsere finanzielle Verantwortung für die Gemeinschaft zu akzeptieren.
  7. angehalten zu werden, diesem Bund zu folgen, und einander dazu anzuhalten.

Wir versprechen, einander zu lieben und einander zur Heiligkeit zu rufen. Wir glauben, dass das der Weg ist, den Gott für unsere Heiligung gewählt hat. Wir bitten Ihn willig, ihn zu benutzen. Wir sehen dies als eine feierliche und ernste Verpflichtung an, die wir mit gutem Gewissen, aus freien Stücken und im Glauben eingehen.“

Dieser Text klingt meiner Ansicht nach… ziemlich vage.

Weder sind die Dienste an der Gemeinschaft genau festgelegt, noch sind die Grenzen des Gehorsams gegenüber den Koordinatoren umschrieben. (Das Wort, das ich hier mit „Leitungsgewalt“ übersetzt habe, lautet übrigens im Original „headship“ und hat besondere biblische Konnotationen: Christus ist „head“, also „Haupt“, der Kirche.) Auch die Aussage, dass der Herr selbst die Leute zu dieser Gemeinschaft geführt habe, klingt… na ja, irreführend. Oder übertrieben, besser gesagt. Nicht immer müssen die eigenen Überlegungen dazu, was das Beste für das persönliche Leben als Christ sein könnte, göttlich inspiriert sein. Woher sind die Unterzeichner sich sicher, dass Gott wirklich von ihnen will, in genau dieser Gemeinschaft zu leben – und nicht auch mit etwas anderem zufrieden sein oder das sogar besser finden könnte? Wie können sie so selbstsicher diese Aussage treffen?

Auf dem oben verlinkten Blog haben Ex-Mitglieder der „Alleluia Community“ kommentiert. „Anonymous“ (der oder die übrigens immer noch ausdrücklich katholisch ist) zitiert aus mehreren Veröffentlichungen der „Alleluia Community“, darunter folgende:

„Von denen, die Alleluia beitreten, wird erwartet, dass sie sich in vorrangiger Weise verpflichten, unsere christlichen Ideale in Gemeinschaft mit denen zu leben, die eine ähnliche Sehnsucht haben und ähnlichen Einsatz zeigen. Das bedeutet, ihre Zeit und ihr Einkommen, ihr ganzes Leben, der Gemeinschaft zu verpflichten, bis zu welchem Maß auch immer es notwendig ist, um ihr [der Gemeinschaft] Leben und ihre Mission zu fördern.“

In einem anderen Kommentar zitiert „Anonymous“ eine „Lebensregel“ der Gemeinschaft von 2008, in der es dann mal konkreter wird. Ich fasse die Punkte mal auf Deutsch zusammen und lasse dabei die langen einleitenden Sätze aus, damit dieser Artikel nicht schon wieder so überlang wird:

  1. Jedes Mitglied wird jeden Tag eine Gebetszeit einhalten.
  2. Jede Familie wird jeden Tag zusammen beten.
  3. Man wird verlässlich und pünktlich zu den Treffen der Gemeinschaft oder von Untergruppen der Gemeinschaft erscheinen, wenn einem diese Verpflichtung nicht erlassen wurde.
  4. Jedes Mitglied wird sich bei einem Gemeinschaftsdienstteam oder bei einer Evangelisationsaktion oder einem anderen Dienst an der Gemeinschaft beteiligen.
  5. Jedes Mitglied wird ein Programm geistlicher Studien und Schriftlesung einhalten.
  6. Jedes Mitglied wird in seinem Leben Raum schaffen, um auch außerhalb der festgelegten Zeiten Zeit mit anderen Mitgliedern zu verbringen, und, wenn möglich, in ihrer Nähe leben.
  7. Jedes Mitglied wird Gelegenheiten suchen, durch christliche Gastfreundschaft, Evangelisation und gute Werke anderen Jesus und das gemeinschaftliche Leben in ihm zu zeigen.
  8. Jedes Mitglied wird sich treu an eine „headship relationship of care and accountability“ halten. [D. h. jeder soll jemand über ihm als geistlichen Leiter oder so etwas haben. Anscheinend gehört das zu dem System mit den „support groups“.]
  9. Jedes Mitglied mit Kindern wird seine Kinder zur Beteiligung am Gemeinschaftsleben führen und sie als fromme Söhne und Töchter erziehen.
  10. Jedes Mitglied wird wöchentlich fasten.
  11. Jedes Mitglied wird danach streben, Christus in jedem Gedanken ähnlich zu werden, so dass wir alle die Freude und den Frieden ausstrahlen, Gottes Volk zu sein.
  12. Jedes Mitglied wird nach Heiligkeit streben und die höchsten Standards von Moral und kulturellem Ausdruck erstreben. Kultureller Ausdruck schließt solche Dinge wie Mediennutzung, Sittsamkeit, Mode, Sitten bei „dating and courtship“ etc. ein. [„Dating and courtship“ lässt sich schwierig übersetzen, weil diese Schlagworte im US-amerikanischen Kontext eine ganz bestimmte Bedeutung haben. Viele konservative amerikanische Christen sehen klassische „Dating“-Beziehungen wegen ihrer Unverbindlichkeit und weil sie oft jahrelang nicht zu einer Ehe führen würden, kritisch, und meinen, es brauche statt „dating“ „courtship“, d. h. wenn ein Mann einer Frau „den Hof macht“ – er hat die Initiative zu ergreifen, und bei den konservativeren Leuten, die dieser Ansicht folgen, soll er auch noch zuerst das Einverständnis ihrer Eltern einholen („parent-led courtship“) – muss das Ganze „intentional“ sein, d. h. es muss von Anfang an klar sein, dass es darum geht, zu prüfen, ob der andere ein passender Ehepartner ist, und wenn es absehbar ist, dass die Beziehung nicht zu einer Ehe führen wird, gibt man sie wieder auf; es soll nicht darum gehen, sich einfach zum Spaß zu treffen.]
  13. Jedes Mitglied wird das Alleluia-Bildungsprogramm absolvieren, ihm zustimmen, es regelmäßig erneut durchsehen und seine Lehren ausleben.
  14. Jedes Mitglied wird treu an der Alleluia-Gebetswache teilnehmen.
  15. Jedes Mitglied wird ein monatliches Budget vorbereiten und seine Zeit einplanen, um für seine Familie zu sorgen, innerhalb seines Einkommens zu leben, und ein Leben christlicher Einfachheit zu leben.
  16. Jedes Mitglied wird sich an die gegenwärtigen finanziellen Bestimmungen der Gemeinschaft halten.
  17. Jedes Mitglied wird in einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus sein, und erfüllt mit und offen für die Gaben des Heiligen Geistes.
  18. Jedes Mitglied wird treu darauf sehen, im Einklang mit seiner Konfession zu sein und wird die Unterschiede in anderen Konfessionen respektieren, während es ein Leben zu leben sucht, das auf allem basiert, was gut und wahr ist.
  19. Jedes Mitglied wird den Beginn und das Ende des Tages des Herrn anerkennen und wird Geschäftstätigkeit und Reisen, die nicht einem geistlichen Zweck oder der Erholung dienen, auf ein Minimum begrenzen.
  20. Jedes Mitglied stimmt zu, Lästereien, üble Nachrede, Entzweiung oder den Geist der Parteiungen zu vermeiden und die Prinzipien und Methoden von Matthäus 18,15-17.65 auszuleben.
  21. Jedes Mitglied wird danach streben, andere mit der Sprache und mit äußeren Zeichen der Liebe, der Achtung und des Respekts zu ehren.
  22. Jedes Mitglied wird nach den Übereinkünften der Gemeinschaftsleitung leben und sie sich zu eigen machen. Jedes Mitglied wird der zuständigen Autorität Korrekturen und Verbesserungsvorschläge vorbringen und für die Leiter der Gemeinschaft beten.
  23. Jedes Mitglied wird treu nach den biblischen Modellen der Rollen von Männern, Frauen, Kindern und der Familie leben. [Hier fände ich es wieder interessant, Genaueres zu fahren. Es gibt nämlich protestantische Kreise in den USA, für die „biblical role models“ grundsätzliche Unterordnung und Gehorsam der Frau gegenüber dem Mann – außer vielleicht, er würde Sünde befehlen – bedeutet, und evtl. auch, dass Frauen unter keinen Umständen außer Haus arbeiten dürften. Es gibt auch Protestanten, für die es zum biblischen Familienmodell gehört, dass Eltern bei Hochzeitsplänen ihrer Kinder ihre Zustimmung erteilen müssen. Aber, wie gesagt, nicht jeder versteht unter den „biblical role models“ dasselbe…]
  24. Jedes Mitglied wird gegen den Teufel, sein eigenes Fleisch und die Irrtümer einer weltlichen Weisheit, die Christus leugnet, kämpfen, und wird den Dienst in Bereichen suchen, die seine Fähigkeit behindern, ein heiliges Leben oder unser gemeinsames Leben zu leben.
  25. Jedes Mitglied wird die Mitteilungen der Gemeinschaft (wie: Konsultationen, „the Dove“, Gebetsketten, Worte, Memos, etc.) lesen und auf passende Weise auf sie antworten.
  26. Jede Frau wird eine Beziehung der Unterstützung mit einer Älteren Frau suchen. [Ja, „Older Woman“ ist hier großgeschrieben. Ich erkenne den Einfluss von Titus 2,3-5 – eine beliebte Stelle in der protestantischen Frauenseelsorge.]
  27. Jeder, der eine Mitgliedschaft anstrebt [„Underway member“] stimmt zu, nach unserem Bund zu leben, indem er unsere Lebensregel annimmt und auslebt.
  28. Jedes Mitglied stimmt zu, dass dies der Weg ist, den Gott für seine Heiligung ausgewählt hat, und dass es diesen Weg guten Gewissens, aus freiem Willen und im Glauben gewählt hat, und stimmt des weiteren zu, zu den höchsten Standards des gemeinschaftlichen Lebens angehalten zu werden.

Puh.

Das Seltsame an dieser Lebensregel ist, wie ich finde, dass sie immer wieder ganz unkonkrete Dinge befiehlt, die man nicht wirklich überprüfen kann – alle Mitglieder sollen Freude zeigen, eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus haben und von den Gaben des Heiligen Geistes erfüllt sein (als ob man die einfach so herbeizitieren könnte). Ein Leiter kann objektiv überprüfen, ob jemand seine Mitgliedsbeiträge bezahlt hat – aber ob jemand ausreichend von Freude erfüllt ist? Und dann wird wieder darauf bestanden, dass genau diese Gruppe Gottes Weg für das Leben der Mitglieder ist – mit anderen Worten, es wird unterstellt, dass sie zwangsläufig sündigen würden, wenn sie wieder austreten würden.

Jetzt von den Quellen aus der Gemeinschaft zur Kritik mancher Ex-Mitglieder, die ja auch in den Kommentaren auf diesem Blog geäußert wird:

„Anonymous“ kritisiert die Vagheit der Gehorsamsverpflichtung, den Druck und Gruppenzwang, der in der Gemeinschaft geherrscht habe, und dass zu hohen Spenden an die Gemeinschaft ermutigt worden sei, und erzählt des weiteren:

  • dass junge Singles, die der Gemeinschaft beitraten, dazu ermutigt wurden, bei einer Familie zu leben und ihre eigene Haushaltseinrichtung an andere Mitglieder abzugeben, und dann später, wenn sie einen eigenen Haushalt gründeten, oft ohne Habseligkeiten dastanden, weil sie dann auch nichts von der Gemeinschaft zurückbekamen;
  • dass die Männer einander bei ihren regelmäßigen Treffen auch ihre Familienbudgets für den nächsten Monat präsentierten und da natürlich ein gewisser Druck vorhanden war, wofür man Geld ausgeben oder nicht ausgeben durfte;
  • dass, wenn von der Gemeinschaft dazu „ermutigt“ wurde, sich an bestimmten politischen Events in der Gegend zu beteiligen, es ganz klar erwartet wurde, dass jeder auftauchte, ob es ihm nun gerade passte oder nicht;
  • dass viele Eltern, wenn ihre Kinder psychisch/soziale/gesundheitliche Probleme hatten, es vorzogen, sich zu einem Beratungsgespräch mit jemandem aus der Gemeinschaft zu treffen, statt mit ausgebildeten Psychologen oder Ärzten, da sie jedes Problem für ein geistliches Problem hielten;
  • dass die Gemeinschaft häufig „Befreiungsgebete“ durchführte, um ihre Mitglieder von dämonischen Einflüssen zu befreien (was in der katholischen Kirche Laien nicht erlaubt ist!).

(Ein anderes ehemaliges Mitglied der „Alleluia Community“ („flobi“) beantwortet übrigens die Frage eines anderen Kommentators nach der „dating policy“: Die Gemeinschaft verbietet romantische Paarbeziehungen, bis die Kinder aus der Schule sind. Interessant.)

Auf demselben Blog befasst sich auch noch ein etwas älterer Artikel mit der „Alleluia Community“: http://covenantcommunities.blogspot.de/2008/04/alleluia.html Die Verfasserin ist mit einer Familie bekannt, die aus beruflichen Gründen die Gemeinschaft verlassen hat, und, obwohl sie jetzt anderswo wohnt, offiziell noch dort Mitglied ist. Sie schreibt u. a.:

„Das Gedankengut dieser Gemeinschaft durchdringt ihr Denken und ihre Sprache immer noch. Eine gemeinsame Freundin, die mit dem Vater im Katechumenatsprogramm arbeitet, rief mich an, um eine Aussage des Vaters ihr gegenüber zu verstehen, als sie ihn nach seiner Meinung zu einem theologischen Aspekt des Katechumenatskurses fragte, den sie abhielten. Er sagte, dass er ihr nicht antworten könnte, weil er sich nicht in ihre geistliche Beziehung mit ihrem Ehemann einmischen wollte. Ich konnte diese Aussage zuerst nicht verstehen, aber dann dämmerte es mir, dass er dachte, dass sie und ihr Ehemann eine Beziehung der geistlichen Leitung [„headship relationship“] hatten (oder haben sollten) und dass ihr Ehemann ihr EINZIGER geistlicher Begleiter war und niemand das ersetzen oder darauf aufbauen konnte. Das passierte erst vor ein paar Monaten, zwei Jahre nach ihrem Umzug hierher.“ Mit anderen Worten, diese Leute halten eine blödsinnige, in manchen protestantischen Kreisen verbreitete Auslegung von 1 Kor 14,34f. für normativ für alle Katholiken.

„Anonymous“ hat auch hier kommentiert und erwähnt u. a.:

  • Die Gemeinschaft veröffentliche nicht, wie andere „non-profit“-Organisationen, ihre jährlichen Finanzen und lasse sie die Mitglieder auch nicht auf Anfrage einsehen („Anonymous“ sei mit der Aussage abgewimmelt worden, dass das alles zu schwer verständlich sei).
  • Jeder sei dazu angehalten gewesen, alles Mögliche den Leitern zu melden, was sie brauchen könnten, um ihre Aufgabe zu erledigen, also herrschte keine Atmosphäre des Vertrauens unter den Mitgliedern, da ja alles und jedes weitergesagt werden könnte.
  • Andererseits sollte man auch seinem „head“ (geistlichen Leiter) alles erzählen, was einen bewegte; sonst gelte man nicht als gutes Mitglied.
  • Die Gemeinschaft habe sich sehr stark an „Prophezeiungen“ gehalten, die die Leute z. B. in den Gebetsgruppen „erhielten“, und in denen es zum Beispiel darum ging, wie lange der einzelne jeden Tag beten sollte; „Anonymous“ hält diese Prophezeiungen nicht für authentisch, sondern für vom Unterbewusstsein hervorgerufen.
  • Während der Bischof klargestellt habe, dass der „Bund“ der Gemeinschaft keine solche Verpflichtung wie die Ehe sei, sondern ein einfaches Versprechen (an das man sich nicht unter allen möglichen zukünftigen Umständen halten muss), habe die Gemeinschaft den Bund als etwas absolut Bindendes wie den Ehebund hingestellt.

Ein anderer Kommentator („Brainwashed“), der ebenfalls früher zu der Gemeinschaft gehörte, erzählt, dass er sich an ein Treffen zwischen dem Bischof von Savannah und der Gemeinschaft erinnere, bei dem der Bischof gesagt habe, dass die „Befreiungsgebete“ durch Laien aufhören müssten. Zudem hätte er seine Bedenken wegen der „headship“-Beziehungen, d. h. der geistlichen Leitung durch Laien, ausgedrückt. „Brainwashed“ möchte die Gemeinschaft nicht eine Sekte nennen, weil es sich nicht mit anderen Sekten vergleichen ließe, aber es gäbe gewisse Ähnlichkeiten.

Der folgende Artikel auf einem christlichen Blog ist vielleicht auch noch interessant. Der Autor erzählt, wie er zusammen mit seiner Frau in den 80ern zur „Alleluia Community“ gefunden hat: http://hisrocketman.com/2013/05/alleluia-community-one-mans-view-from-the-outside-looking-in.html Er berichtet über seinen anfänglichen Kontakt mit der Gemeinschaft:

„Während wir bei unserem [ersten] Besuch an diesem Tag am Gemeinschaftsleben teilnahmen, trafen wir uns zweimal mit Dale, dem Mann, der das Mittagsgebet geleitet hatte, und der auch ein Gemeindegründer und -ältester war. Dale war anders als jeder, den wir jemals getroffen hatten; er war bekannt für seine geistliche Einfühlsamkeit und sein geistliches Unterscheidungsvermögen und dafür, bewusst sehr wenig zu sagen. Er kam auf den Punkt und ermutigte uns nicht wirklich, Alleluia wieder zu besuchen, wenn wir nicht ‚berufen’ wären.

 Wir versuchten, Dale über die Sendung der Gemeinschaft auszufragen. Was war es? Was war ihre Aufgabe? Er antwortete immer nur: ‚Ein Volk zu sein’. Die Gemeinschaft strebte danach, dass jeder, für den sie sorgte, im Heiligen Geist getauft wurde, und hart daran zu arbeiten, ‚ein Volk zu sein’, was für sie hieß, zusammen wie eine christliche Familie zu leben.“

Es kommt mir seltsam vor, wenn jemand nicht für genauere Erklärungen zu seiner Organisation zu haben ist.

Der Autor hatte wegen der damals in den frühen 80ern anscheinend ziemlich heruntergekommenen Nachbarschaft Bedenken; aber später kam er mit seiner Familie doch wieder mehrere Male zu Besuch:

„Diese Wochenenden waren für uns alle gerammelt voll. Wir wurden bei verschiedenen Familien untergebracht, um in ihren Häusern zu übernachten und mit ihnen Gemeinschaft zu erfahren. […] Mehrere Male hatten wir unsere Gastgeber nicht getroffen, bevor wir ihr Zuhause erreichten. […] Wir wurden immer mit größer Wärme und Akzeptanz behandelt. Ihre Kinder nannten uns immer Tante Nancy, Onkel Gary und ‚Franma’. Ihre Liebe zu Jesus zeigte sich in ihrem Umgang mit uns.“

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Mir kommt eine Gemeinschaft, in der es von der christlichen Nächstenliebe der Mitglieder erwartet wird, jederzeit völlig Fremde zu beherbergen, eher suspekt und übergriffig vor.

Über das Gemeinschaftsleben heißt es weiter:

„Alleluia hielt am Samstagmorgen Kurse für die neueren Leute ab, eine ‚work party’ am Nachmittag, und ein Herrentagsmahl am Samstagabend. Die Sonntage waren voll: Frühstück, dann Gemeindegottesdienste, Brunch, und das wöchentliche Gemeinschaftstreffen am Sonntagnachmittag. Am Ende des Treffens legten uns Gemeinschaftsmitglieder die Hände auf, beteten für unsere Heimreise, und sagten uns, dass es ihnen leid täte, dass wir nicht bleiben und ‚Gemeinschaft erleben’ konnten.“

Schließlich waren er und seine Frau so beeindruckt davon, wie radikal christlich diese Leute lebten, dass sie der „Alleluia Community“ beitraten:

„Nancy und ich waren es beide müde, von Gläubigen enttäuscht zu werden, die eifrig ein Stück des Weges gehen würden, und dann nicht weiter. Es war offensichtlich anhand der kostspieligen Umzüge, die viele Mitglieder unternommen hatten, um zu Alleluia zu kommen – sie hatten ihr Zuhause, Familien, Freundschaften, Jobs und sogar Karrieren hinter sich gelassen –, dass sie die Kosten nicht aufrechneten. Sie hatten ihre wertvolle Perle gefunden und auf den Ruf zu diesem neuen Leben geantwortet, wobei sie nicht gewusst hatten, was es mit sich bringen möchte. Viele von ihnen waren ehemalige Leiter von Gebetsgruppen in ihren Kirchen, aber hatten das bereitwillig wegen dieser höheren Berufung hinter sich gelassen, und am untersten Level in der Gemeinschaft einen neuen Anfang gemacht, in Übereinstimmung mit Gottes Plan für ihr Leben. Nancy und ich wollten unter Gläubigen mit diesem Level an Einsatz leben.“

Das, muss ich sagen, klingt nun problematischer als der ganze Rest von oben. Es scheint in den offiziellen Aussagen der Gemeinschaft oder auch bei dem Priester in dem Video immer wieder durch, aber hier kommt es klar zum Ausdruck: Die „normalen“ Christen, die nicht in ähnlichen Gemeinschaften leben, hält man eigentlich für gar keine richtigen Christen. Sie setzen sich nicht so ein, wie sie es könnten; die „Alleluia“-Christen tun das schon. Mit anderen Worten: Die „Alleluia Community“ fällt in die „Aber ich könnte ja noch mehr tun“-Falle (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/03/26/aber-ich-koennte-ja-noch-mehr-tun/).

Was soll man jetzt abschließend zu dieser Gemeinschaft sagen? Wie eine entsetzliche Sekte klingt sie nicht unbedingt – aber auch eindeutig nicht wie eine Gemeinschaft, in der ich leben möchte. Da muss ich mir eigentlich nicht mal die Kritik anschauen; da reichen schon die offiziellen Regeln und die positiven Erfahrungsberichte. Für mich persönlich würden die Nachteile auf jeden Fall die Vorteile überwiegen; und ich habe auch allgemein gewisse Vorbehalte gegenüber solchen Gemeinschaften. Ein Orden funktioniert in der Regel ganz gut, weil dort ungebundene Einzelpersonen eintreten; eine Familie jedoch ist schon in sich eine Gemeinschaft, da gibt es gegenseitige Verpflichtungen und dann noch die jeweiligen weltlichen Pflichten der Einzelnen, und wenn dann noch umfassende Pflichten gegenüber einer größeren Gemeinschaft hinzukommen, kann es schwierig werden. Gerade dann, wenn zum Beispiel ein Kind ein zeitintensives Hobby außerhalb der Gemeinschaft haben möchte, oder ein anderes einfach introvertiert ist und unter Stress steht, wenn ständig Gemeinschaftsveranstaltungen stattfinden oder man nie seine Ruhe vor den Nachbarn hat…

Außerdem kommt mir die „Alleluia Community“ auch ein bisschen zu… na ja, zu ökumenisch, vor. Nichts gegen ökumenische Organisationen an sich. Aber ich habe den Verdacht, dass eine solche enge Gemeinschaft, auch wenn sie in der Theorie die Kirchengemeinden der Mitglieder als vorrangig bezeichnet, diese Kirchengemeinden in der Praxis ersetzen könnte. Wenn sich ein großer Teil der täglichen Interaktionen und des religiösen Lebens innerhalb der Gemeinschaft abspielen, gerät dann nicht die eigentliche Kirche in den Hintergrund? Besteht nicht die Gefahr, dass die Mitglieder die „Alleluia Community“ für die eigentlich wichtige Gemeinschaft halten und die katholische Kirche (oder ihre eigenen protestantischen Kirchen) für zweitrangig, oder vielleicht sogar für defizitär, weil sie die Konfessionen nicht so verbinde?

Und dann ist da noch das ganze charismatische Zeug, bei dem ich immer Bedenken wegen der Authentizität hätte. Geisttaufe. Routinemäßige „Prophezeiungen“. Und, schlimmer, „Befreiungsgebete“.

Und wenn jemand noch zweifelt: KHAKIFARBENE RÖCKE. Die armen Mädchen, die in der „Alleluia Community“ aufwachsen, müssen zwölf Jahre ihres Lebens an jedem Wochentag khakifarbene Röcke tragen. Nonnengewänder sind wenigstens weiß oder schwarz oder blau.

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Legt die Benedikt-Option es darauf an, die lauen Christen aus der Kirche zu vertreiben?

In meiner Besprechung von Rod Drehers „Die Benedikt-Option“ (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2018/05/23/die-benedikt-option-ich-bin-positiv-uberrascht/) bin ich auf ein Thema nicht eingegangen, um das es letztens auf Tobias Kleins Blog bei einem Vergleich zwischen Drehers Buch und Erik Flügges Neuerscheinung „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ ging (http://mightymightykingbear.blogspot.de/2018/05/wie-heilig-und-wie-klein-ist-der.html): Geht es bei der Benedikt-Option darum, das Christentum strenger zu machen und den lauen Christen die Tür zu weisen, um so möglichst bald eine kleinere, aber entschieden christliche Kirche zu haben? (Und was wäre von so einer Idee zu halten – unabhängig davon, ob sie in diesem Buch steht?)

Zunächst mal: Ich hatte nicht den Eindruck, dass das Buch sich viel mit diesem Thema beschäftigt – deshalb habe ich wohl auch nicht daran gedacht, in meinem vorigen Artikel darauf einzugehen. Dreher nimmt es für selbstverständlich, dass wir Christen eine Minderheit sind bzw. sein werden, und gibt Tipps dafür, wie man dann als einzelner Christ oder als christliche Familie leben kann. Aber ja, es gibt Stellen wie die folgende, an der er für strengere Kirchenzucht plädiert, die man in diesem Sinne auffassen könnte:

„Wenn Kirchen undiszipliniert sind, werden es auch ihre Mitglieder sein. So entsteht ein Klima, das Unmoral und den Zerfall von Ehen begünstigt. Es lockt Gemeindemitglieder an, die nur dem Namen nach Christen sind.“ (S. 189) Er bringt dann das Beispiel einer Southern-Baptist-Gemeinde, die ihre Mitglieder etwa bei einer Scheidung zunächst ermahnt, dann ausschließt.

Beim Thema Kirchenzucht scheint Dreher meiner Ansicht nach tatsächlich zu sehr von einer (amerikanisch-)protestantischen Ekklesiologie auszugehen (zumindest kommt es in diesem Abschnitt so herüber): Christ – und in diesem Zuge dann wohl auch Mitglied in irgendeiner Gemeinschaft von Christen – wird man grundsätzlich nur aus eigener Entscheidung im Erwachsenenalter; eine Kindertaufe zählt nicht. Hier kann jede Gemeinde (unterschiedliche) strenge Anforderungen stellen, um jemanden als Mitglied zuzulassen, und kann ihn auch leicht wieder ausschließen. Die erwähnte Baptisten-Gemeinde kann ihre Mitglieder bei ihrem Eintritt eine Erklärung unterschreiben lassen, dass sie diese und jene Prinzipien anerkennen und mit der Kirchenzucht einverstanden sind; das liegt an der Struktur des amerikanischen Protestantismus mit seinen vielen Freikirchen. Da entscheidet sich der einzelne Christ für eine bestimmte Gemeinde, und entscheidet sich vielleicht auch immer wieder um. Wem’s nicht passt, der soll halt gehen.

In die katholische Kirche wird man dagegen mit der Taufe aufgenommen; und auch, wenn die Eltern einen nur taufen haben lassen, weil das halt so irgendwie dazugehört, und wenn man nicht viel über seinen Glauben lernt oder klar davon überzeugt ist, ist man dann Mitglied der katholischen Kirche, ein getauftes Kind Gottes und der Kirche, ist man in den Gottesbund aufgenommen worden. (Im Katholizismus gibt es übrigens – auch wenn es in Deutschland einen Kirchenaustritt vor dem Staat gibt – nicht wirklich die Option, einen Katholiken ganz und gar auszuschließen, ihn zum Nichtkatholiken zu machen: „Einmal katholisch, immer katholisch“ (semel catholicus, semper catholicus) ist ein Prinzip des Kirchenrechts. Sicher gibt es die Exkommunikation, die bei bestimmten Vergehen sogar automatisch eintritt, aber sie ist eine sog. Beugestrafe, d. h. sie soll jemanden wieder auf den rechten Weg führen, und der Exkommunizierte bleibt immer noch Katholik; er verliert nur einige seiner Rechte. Hier passt tatsächlich die Gegenüberstellung von „Kirche“ (was dann eben die katholische Sicht wäre) und „Sekte“ (was dann die freikirchliche Sicht wäre), die in einem Max-Weber-Zitat in dem verlinkten Blogartikel von Tobias Klein vorgenommen wird: „Eine ‚Kirche‘ ist eben eine Gnadenanstalt, welche religiöse Heilsgüter wie eine Fideikommißstiftung verwaltet und zu welcher die Zugehörigkeit (der Idee nach) obligatorisch, daher für die Qualitäten des Zugehörigen nichts beweisend, ist, eine ‚Sekte‘ dagegen ein voluntaristischer Verband ausschließlich (der Idee nach) religiös-ethisch Qualifizierter, in den man freiwillig eintritt, wenn man freiwillig kraft religiöser Bewährung Aufnahme findet.“)

Und der entscheidende Punkt ist: Die Kirche hat dann eine gewisse Verantwortung für ihre Kinder, egal, wie die zu ihren Kindern geworden sind. Zu dieser Verantwortung gehört auch die Zurechtweisung der Sünder, ja, aber ein „sollen sie lieber gleich verschwinden, wenn sie nicht mit ganzem Herzen dabei sind, sie ziehen bloß den Rest runter“ eben nicht unbedingt. Und deswegen halte ich manche Ideen zur Kirchendisziplin im Kontext der katholischen Kirche für nicht unbedingt zielführend.

Das hängt auch damit zusammen, dass die Verantwortung der Kirche in den letzten 50 Jahren extrem vernachlässigt wurde. Welcher nach 1960 geborene Katholik hat anständige Katechese erlebt? Ich hatte mal eine Religionslehrerin, die mit meiner Klasse am Wandertag zu einer Infoveranstaltung bei pro familia über Verhütung gehen wollte. (Das wurde dann aus organisatorischen Gründen nichts.) Die meisten Katholiken haben nie anständige Argumente für den katholischen Glauben gehört. Und natürlich folgen sie ihm dann nicht. Sie glauben nicht, dass die Kirche wirklich von Jesus eingesetzt wurde und ihre Lehren verlässlich und unveränderlich sind. Das habe ich die ersten fünfzehn Jahre meines Lebens auch nicht geglaubt.

Was ich damit sagen will: Ein katholischer Pfarrer könnte nicht von heute auf morgen sagen: Also, alle hier in der Kirche, die nicht alles unterschreiben, was im Katechismus der katholischen Kirche steht, bitte schnellstmöglich aufs Standesamt und austreten! Natürlich bekennen seine Pfarrkinder nicht den ganzen Glauben der katholischen Kirche. Da muss man erst mal versuchen, sie langsam wieder heranzuführen, bevor man mehr von ihnen verlangen kann. Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, zu den Leuten zu sagen „Wenn du nicht gläubig bist, tritt halt aus“; eher sollte man sie in der Kirche halten, um ihnen – und vielleicht dann auch ihren Kindern (wenn die Eltern erst mal weg sind, erreicht man auch nicht mehr die Kinder mit Religionsunterricht und Firmkatechese) – vielleicht doch noch etwas vom Glauben vermitteln zu können.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich Dreher hier überhaupt widerspreche. Er bleibt in dem Abschnitt über Kirchendisziplin oft vage und sagt auch gar nichts dazu, ob man sie einfach so abrupt einführen sollte. Später, in dem Kapitel über Sexualität (Kapitel 9) sagt er zwar einerseits, dass man die Lehre nicht verwässern sollte, um die jungen Leute da zu halten. (Da klingt er auch recht streng: „Ebenso ist es ein Fehler, die traditionelle Lehre über sexuelle Lauterkeit als optional zu behandeln – sei es offen oder insgeheim, also indem man es vermeidet, darüber zu sprechen, oder indem man über Verstöße hinwegsieht.“ (S. 324)) Er sagt aber auch, dass man „[d]as Gute der Sexualität bekräftigen“ (S. 325) und nicht in „Moralismus“ (S. 329) verfallen soll, sprich, dass man die Lehre ansprechend und verständlich präsentieren sollte.

Letztlich ist es doch so: Die Leute laufen einem sowieso noch eher davon, wenn für gar nichts mehr steht, als wenn man eine klare Linie hat. Aber ja, manche laufen einem auch wegen der klaren Linie davon. Und wenn man dagegen nichts machen kann, ohne den Glauben zu kompromittieren, dann kann man das halt nicht verhindern. Aber man muss nicht die Glaubensanforderungen als besonders schwer hinstellen oder den lauen Christen möglichst oft nahe legen, sie sollten doch bitte endlich austreten, damit man eine reine, besser funktionierende Kirche bekommt.

Die Benedikt-Option: Ich bin positiv überrascht

Jetzt bin ich endlich dazu gekommen, Rod Drehers „Die Benedikt-Option“ fertig zu lesen, nachdem mir das Buch vor zwei Wochen geliefert wurde, und ich muss sagen: es ist deutlich besser, als ich erwartet hätte.

Für alle, denen dieses Thema bisher entgangen sein sollte: Drehers Buch, das den Untertitel „Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft“ trägt, ist in den USA schon im März 2017 erschienen („The Benedict Option: A strategy for Christians in a post-Christian nation“) und hat dort für viel Aufsehen und lebhafte Diskussionen gesorgt; hierzulande hat sich innerhalb des letzten Jahres vor allem der Blogger und Publizist Tobias Klein (http://mightymightykingbear.blogspot.de/; sehr lesenswerter Blog) daran gemacht, Drehers Buch bekannt zu machen, und hat es schließlich für den katholischen fe-Verlag übersetzt. (Auf Amazon findet sich die dt. Ausgabe hier: https://www.amazon.de/Die-Benedikt-Option-Strategie-nachchristlichen-Gesellschaft/dp/386357205X/ref=pd_lpo_sbs_14_t_0?_encoding=UTF8&psc=1&refRID=YJ6M2VN8RXYBEHDPWPY2) Ich hatte anfangs bei dem, was ich so über das Buch gelesen habe, einen sehr gemischten Eindruck; vieles kam mir komisch oder alarmistisch oder übertrieben vor. Aber man soll seine Vorurteile ja überprüfen, also hab ich mir die deutsche Übersetzung gleich mal bestellt, als sie dann erschienen ist. Und, wie gesagt, ich wurde positiv überrascht.

Ein paar Sachen vorweg. Mit Drehers Stil werde ich mich wohl nicht mehr anfreunden (ist einfach Geschmackssache), einzelne Punkte in seinem Buch sehe ich kritisch, und den Titel halte ich für nicht besonders gelungen. Der Untertitel drückt den Inhalt des Buches klar aus, aber der eigentliche Titel ist ein wenig irreführend. Dreher hält seine Ideen nicht für eine Option unter vielen, sondern für eine Strategie, auf die die Christenheit als Ganzes nicht wird verzichten können, wenn der Glaube überleben soll. Das kann man ihm allerdings irgendwo nachsehen, da seine Idee ein ziemlich breites Konzept ist, unter dem sich ganz verschiedene Initiativen und Gruppen wiederfinden könnten.

Die Grundidee des Buches ist einfach: Wir brauchen starke christliche Parallelgesellschaften [ich bitte zu  beachten, dass ich diesen Begriff in keiner Weise negativ meine], um den Glauben in einer glaubensfeindlichen Umgebung zu bewahren, ihn authentisch zu leben und ihn an die nächste Generation weiterzugeben. Damit sind keineswegs zwangsläufig autarke Landkommunen gemeint. Die kommen am Rande vor (dazu später), aber es geht sehr viel mehr um Pfarrgemeinden, christliche Schulen, Studentenverbindungen, berufliche Netzwerke und natürlich die kleinere Gemeinschaft der Familie. Dieser Grundidee kann man kaum widersprechen, und der Autor gibt so einige nützliche Impulse für die praktische Umsetzung. Er hat seine „Option“ nach dem hl. Benedikt von Nursia, dem Vater des abendländischen Mönchtums, benannt und nimmt immer wieder Bezug auf klösterliche Praktiken, die man in veränderter Form auch als Laie anwenden könnte.

Luftaufnahme des Stiftes Heiligenkreuz

(Das Stift Heiligenkreuz bei Wien, zu dem auch die Philosophisch-Theologische Hochschule Benedikt XVI. gehört und das sich sehr um die Neuevangelisierung bemüht, wäre sicher ein gutes Beispiel für eine Benedikt-Options-Gemeinschaft. http://www.stift-heiligenkreuz.at)

Hier mal eine genauere Beschreibung des Inhalts:

Im ersten Kapitel beschreibt Dreher die Bedrohung, die Individualismus und  Säkularismus für unsere Religion darstellen würden. Die Christen im Westen seien nicht auf den Zusammenbruch des Christentums vorbereitet, obwohl er sich schon klar abzeichne. Viele gäben sich noch immer der Illusion hin, die Kultur sei mit konservativen (lies: republikanischen) politischen Initiativen gegen Abtreibung und Homo-Ehe zu retten. Dreher schreibt natürlich aus der US-amerikanischen Perspektive; und in den USA spielt das Christentum bekanntlich noch eine größere Rolle in Gesellschaft und Politik als in Europa, wo die Meinung, der Westen sei noch überwiegend christlich oder man könne ein „christliches Abendland“ auf kurze Sicht wiederherstellen, vermutlich weniger verbreitet ist.

Dreher schreibt:

„Heute können wir sehen, dass wir an allen Fronten verloren haben, und dass die rasanten und unerbittlichen Ströme des Säkularismus unsere schwachen Barrieren überwältigt haben. Ein feindseliger säkularer Nihilismus hat die Oberhand, und die gesamte Kultur hat sich entschieden gegen traditionsorientierte Christen gewendet. Wir reden uns ein, dass diese Entwicklungen von einer kleinen linksgerichteten Elite betrieben werden – weil wir die Wahrheit nicht ertragen können: Der Mainstream der Gesellschaft unterstützt diese Entwicklungen, wenn nicht aktiv, dann zumindest passiv.“ (S. 25f.)

Folglich sollte man lieber eine Arche bauen, statt erfolglos die Flut zu bekämpfen, lautet Drehers Plan. Das sei nicht nur nötig, um sich selbst vor der Welt zu schützen:

„Es geht nicht nur um unser eigenes Überleben. Wenn wir für die Welt das sein wollen, von dem Christus will, dass wir es seien, dann werden wir mehr Zeit abseits von der Welt verbringen müssen, in tiefem Gebet und umfangreichem spirituellen ‚Training’ – ebenso, wie Jesus sich zum Gebet in die Wüste zurückzog, ehe Er die Menschen lehrte. Wir können der Welt nicht geben, was wir selbst nicht haben.“ (S. 41)

Dreher gibt die Schuld am Zusammenbruch des Glaubens im Westen einem Pseudo-Glauben namens „Moralisch-therapeutischer Deismus“ (MTD), der die wirkliche Religion der meisten Amerikaner sei. Die Existenz von MTD wurde 2005 von den Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton postuliert. Ihnen zufolge hat MTD folgende fünf Glaubenssätze:

„Ein Gott existiert, der die Welt erschaffen hat und in Ordnung hält und über das Leben der Menschen auf der Erde wacht.

Gott will, dass die Menschen gut, freundlich und fair miteinander umgehen, wie es die Bibel und die meisten Weltreligionen lehren.

Das wesentliche Ziel des Lebens ist es, glücklich und mit sich selbst im Reinen zu sein.

Es ist nicht nötig, Gott einen besonders bedeutenden Platz im eigenen Leben einzuräumen, außer man braucht Ihn, um ein Problem zu lösen.

Gute Menschen kommen in den Himmel, wenn sie sterben.“ (S.27f.)

Das Problematische an dieser Darstellung ist meiner Ansicht nach: MTD ist schlichtweg laxes Christentum. Ach, wenn doch nur die Mehrheit der Leute wirklich glauben würde, dass ein Gott die Welt erschaffen hat und in Ordnung hält und über uns wacht! Ich finde es ehrlich gesagt seltsam, dass Dreher sich hier auf MTD bezieht; in Kapitel 2 stellt er eine viel treffendere Diagnose des derzeitigen Zustandes: Die Menschen haben den Glauben daran verloren, dass die Welt wirklich von Gott geordnet ist. Sie hätten den Glauben an folgende, im Mittelalter selbstverständliche Grundpfeiler verloren:

„Die Welt und alle Dinge in ihr sind Teil eines von Gott eingerichteten und mit Sinn erfüllten harmonischen Ganzen – und alle Dinge sind Zeichen, die auf Gott hindeuten.

Die Gesellschaftsordnung ist in dieser höheren Ordnung verwurzelt.

Die Welt ist aufgeladen mit spiritueller Kraft.“ (S. 52)

Kapitel 2 („Die Wurzeln der Krise“) ist überhaupt sehr gelungen. Hier stellt Dreher dar, wie nach und nach, durch die spätmittelalterliche Philosophie des Nominalismus, den Renaissance-Humanismus, die Reformation und die ihr folgende Kirchenspaltung, den Aufschwung der Nationalstaaten, das neue Machbarkeitsdenken im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts, die Ablehnung von Offenbarungsreligionen durch die Aufklärer, die Industrielle Revolution und die ihr folgende Entwurzelung der Menschen, und zuletzt die sexuelle Revolution, das Denken im Lauf der letzten sieben Jahrhunderte immer individualistischer und relativistischer wurde. (Mir meine Wahrheit, dir deine Wahrheit – was ist schon die Wahrheit?)

Eine ausführliche Würdigung dieses Kapitels, mit ein paar Ergänzungen und ein klein wenig Kritik, kommt noch in einem eigenen Blogpost; aber eins möchte ich hier gleich anmerken. Dreher, der in einer protestantischen Familie aufgewachsen ist, sich als Erwachsener nach einer Zeit der Kirchenferne dem Katholizismus zuwandte, und zuletzt im Zuge des Missbrauchsskandals zur Orthodoxie konvertierte, hat sein Buch ausdrücklich ökumenisch ausgerichtet. Er zitiert Katholiken, Orthodoxe, Presbyterianer, Southern Baptists… Aber seine Idee funktioniert im Rahmen des Protestantismus letztlich nicht. Das heißt, Parallelgesellschaften aufbauen kann an sich natürlich jede Religion, aber Dreher zieht viele seiner konkreten Ideen dazu, wie die christlichen Parallelgesellschaften denn aussehen sollen, aus dem Ordensleben und dem katholischen Mittelalter, und hier ergeben sich immer wieder klare Widersprüche zur Gestalt des Protestantismus, v. a. zu evangelikalen Erweckungsbewegungen.

Und, wie gesagt, in Kapitel 2 beklagt Dreher unter anderem die Folgen der Reformation. Das Problem ist nach seiner Darstellung, dass die heilige Ordnung, die Einheit der Christenheit, die universelle Überzeugung von den christlichen Wahrheiten, die im Mittelalter existierte, verloren ging. Er stellt, auch wenn er der Reformation nur einen kurzen Abschnitt widmet und auf die problematischen Aspekte des Gottesbildes der Reformatoren überhaupt nicht eingeht, ganz gut das zentrale Problem heraus, für das sie sorgte:

„Dies [der sola-scriptura-Grundsatz] warf unvermeidlicherweise die Frage auf: Wessen Auslegung der Schrift? Keiner der Reformatoren befürwortete eine private Schriftauslegung, aber es fehlte ihnen an einem überzeugenden Instrumentarium, um festzulegen, wessen Interpretation die richtige war. So stellten die Reformatoren bald fest, dass das Abschütteln der Autorität Roms ein Problem gelöst, gleichzeitig aber ein anderes geschaffen hatte. Wie der Historiker Brad Gregory es formuliert: ‚Weil Christen sich uneinig darüber waren, was sie zu glauben und zu tun hatten, waren sie sich auch uneinig darüber, worin die Früchte eines christlichen Lebens überhaupt bestanden.’ Und so ist es bis heute.“ (S. 61)

Die Benedikt-Option legt dem Leser die Rückkehr zu einer quasi-mittelalterlichen Lebensweise nahe, und das ist total sympathisch; aber das alles macht im Endeffekt nur im Katholizismus oder noch in der Orthodoxie Sinn. Wenn wir zurück ins Mittelalter wollen, müssen wir hinter die Reformation zurück. Dreher stellt im ersten Kapitel MTD als Gegensatz zu „historischer, biblisch fundierter Rechtgläubigkeit“ dar; aber inwiefern soll ein konservativer Presbyterianer oder Baptist bitteschön rechtgläubig sein? Er folgt Ideen, die seit höchstens 500 Jahren in Umlauf sind, und ist damit dem Prinzip nach ebenso modernistisch wie irgendwelche Anglikaner oder Methodisten, die Christus nur für einen Menschen mit einer besonderen Gottesbeziehung halten und zweifach geschiedene lesbische Pfarrerinnen haben.

Dreher stellt an späterer Stelle, bei einem Abschnitt zur Zusammenarbeit über Konfessionsgrenzen hinweg, klar, dass seiner Meinung nach die „verschiedenen christlichen Konfessionen […] wohlgemerkt nicht ihre lehrmäßigen Differenzen verleugnen [sollten]“ (S. 220), gleichzeitig spielt er diese Differenzen jedoch herunter. Er zitiert gleich darauf den Gründer eines ökumenischen Lesekreises:

„‚Wenn wir Christen überleben wollen, wenn wir etwas bewirken wollen, müssen wir in der Lage sein, uns gemeinsam an einen Tisch zu setzen. Ein konfessionsübergreifendes Verständnis von Rechtgläubigkeit ist unverzichtbar’, betont Doom.“ (S. 221)

Wie genau diese Rechtgläubigkeit definiert sein soll, wird freilich nicht klar; es ist auch unmöglich, sie zu definieren; es bleibt letztlich nichts anderes als „das, was schon länger als 50 Jahre da ist* und sich ‚bibeltreu’ nennt“.

Übrigens versucht Dreher an mehreren Stellen im Buch, seinen Lesern klassisch katholische bzw. orthodoxe Dinge schmackhaft zu machen: Eine Liturgie, in der man nicht nur dasitzt und eine Predigt anhört, sondern auch kniet, aufsteht, Weihrauch schwenkt, kurz, den Körper und die Sinne ins Gebet einbezieht; Fasten; die Schriften der antiken Kirchenväter. Er geht dabei auch auf einen leichten Trend der letzten Jahre in evangelikalen Kreisen ein, solche Dinge mehr zu würdigen.

File:Messe solennelle d'action de grâce pour les 25 ans de la FSSP (10892923415).jpg

(Hochamt in der außerordentlichen Form anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Priesterbruderschaft St. Petrus, Quelle: Wikimedia Commons)

Das ist mein Hauptkritikpunkt bei diesem Buch: Die Benedikt-Option ist zu ökumenisch und damit gewissermaßen widersprüchlich. Jetzt aber weiter im Text.

In Kapitel 3 geht es dann um eine Reise des Autors nach Norcia (das ehemalige Nursia), den Herkunftsort des hl. Benedikt, seinen Besuch in einem dortigen Kloster und seine Ideen dazu, wie sich Impulse aus der benediktinischen Ordensregel von Laien umsetzen lassen. Ich muss sagen, am Anfang war ich ein bisschen überrascht darüber, dass Dreher nicht nach Montecassino zu dem Kloster gereist ist, das der hl. Benedikt gegründet hat – das in seinem Herkunftsort entstand wohl erst ein paar Jahrhunderte später – aber das liegt vielleicht einfach daran, dass viele der Benediktiner in Norcia Amerikaner sind, mit denen  Dreher sich natürlich leichter austauschen konnte, oder möglicherweise auch daran, dass diese Gemeinschaft „traditioneller“ nach der Benediktsregel lebt als die heutigen Mönche in Montecassino? Egal. Die Prinzipien jedenfalls, die Dreher herausgearbeitet hat, sind folgende:

  • Ordnung
  • Gebet
  • Arbeit
  • Askese
  • Beständigkeit
  • Gemeinschaft
  • Gastfreundschaft
  • Ausgewogenheit

Ich muss sagen, ich liebe es, wie hier die Ordnung, in der alles im richtigen Maß seinen richtigen Platz hat, betont wird. Man beginnt direkt, sich nach dem geordneten Leben in einem mittelalterlichen Benediktinerinnenkloster zu sehnen, in dem man seine Tage mit Stundengebet, Unkrautjäten, Kartoffelschälen und lectio divina verbringen kann. Also, ich jedenfalls. Irgendwie.

Im 4. Kapitel geht es um „Eine neue Form christlicher Politik“. Kurz gesagt ist Dreher der Ansicht, dass Christen sich eher auf die lokale Basisarbeit als die große Politik konzentrieren sollten. Mit einer Ausnahme: Den Einsatz für Religionsfreiheit. An dieser Stelle halte ich ihn ausnahmsweise mal für eher naiv als alarmistisch. Den meisten Leuten bedeutet Religionsfreiheit nicht unbedingt viel, auch wenn sie offiziell in irgendwelchen Verfassungen drin steht; wenn sie eine religiöse Lehre oder Praxis für schädlich halten, werden sie mit Appellen an Freiheitsrechte nur eine gewisse Zeit lang davon abzuhalten sein, gegen die betreffende Religion vorzugehen (man sehe sich nur Äußerungen in den sozialen Medien zum Thema Kopftuch- oder Beschneidungsverbot an). Es ist wichtig, dass wir uns die Freiheit bewahren, christliche Gemeinschaften bilden zu können usw., aber ich halte den Einsatz dafür nicht für mehr oder weniger aussichtsreich als, sagen wir mal, den Einsatz gegen die Einführung aktiver Sterbehilfe.

In Kapitel 5 („Eine Kirche für alle Jahreszeiten“) geht es dann um das kirchliche Leben, d. h. das Leben innerhalb einer Pfarrei oder einer Freikirche. Hier plädiert Dreher, wie bereits erwähnt, dafür, die christliche Vergangenheit wiederzuentdecken, z. B. indem man in Studienkreisen Schriften der Kirchenväter liest – ein toller Ratschlag. (Ein bisschen appeacement gegenüber den protestantischen Lesern muss aber sein: „Es mag verständlich sein, dass Protestanten misstrauisch gegenüber vorreformatorischen theologischen Werken des zweiten Jahrtausends sind, aber die Schriften der frühen Kirchenväter sind eine Goldmine spiritueller und theologischer Weisheit.“ (S. 170)) Man sollte den „Sinn für Liturgie zurückgewinnen“ (S. 171), außerdem etwas Askese betreiben (z. B. an festgesetzten Tagen fasten), durch „Güte und Schönheit“ (S. 190), also Werke der Nächstenliebe (z. B. Hilfe für kranke Gemeindemitglieder) und christliche Kunst, evangelisieren, und die Gemeinde sollte die „kirchliche Disziplin festigen“ (S. 187), d. h. Kirchenmitglieder müssen wegen schlimmer Sünden ermahnt und ggf. auch aus der Gemeinde ausgeschlossen werden.

„Der Grundgedanke dabei [bei der Kirchendisziplin der frühen Kirche] war weder Gemeinheit noch Selbstgerechtigkeit, sondern Verantwortlichkeit. Zudem konnte die Kirche – als eine Gemeinschaft, die ihre Mitglieder anleitet und formt – ihre Aufgabe nicht erfüllen, wenn sie nicht in der Lage war, in ihren Reihen Ordnung aufrechtzuerhalten.“ (S. 188)

Hier könnte es aber wieder ein wenig knifflig werden, dank der schon kritisierten ökumenischen Ausrichtung. Mit protestantischer Kirchendisziplin ist das meiner Meinung nach nämlich so eine Sache. Sie neigt dazu, entweder zu strikt oder zu lax zu sein, und ihr fehlen oft die klaren Prinzipien. Im Katholizismus haben wir das universal geltende Kirchenrecht, das z. B. festlegt, wer zur Kommunion gehen darf. Auch hier hat sich eine Laxheit eingeschlichen, die eigentlich nicht da sein sollte (Leute im Stand der Todsünde gehen einfach trotzdem zur Kommunion), aber die Prinzipien wären klar und es muss nicht jede Pfarrei das Rad neu erfinden. Bei den Protestanten ist es schwieriger.

In diesem Abschnitt wird das Beispiel einer Gemeinde der Southern Baptists angeführt, deren Mitglieder bei ihrem Eintritt eine Vereinbarung unterzeichnen müssen, die ihre Pflichten gegenüber der Gemeinde festlegt, und auch das Recht der Gemeinde, sie, wenn sie auf Abwegen sind, zu Umkehr und Buße anzuhalten und ggf. auszuschließen. In dieser Gemeinde gab es ein Ehepaar, „das sich nach vier Jahrzehnten Ehe scheiden lassen wollte. Ein Beratungsgespräch mit den Pastoren, um ihnen zu helfen, ihre Ehe zu retten, lehnten sie ab. Ebenso wiesen sie Hilfsangebote von Freunden und anderen Gemeindemitgliedern zurück. Monatelange Bemühungen der Pastoren, die zerrüttete Ehe des Paares zu heilen, endeten in einer Sackgasse: Die Eheleute wollten einfach nicht kooperieren. Schließlich wurde eine Gemeindeversammlung einberufen, bei der beschlossen wurde, sie auszuschließen.“ (S. 189f.) Nun ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Kirche hier im Recht war und das Paar hätte versuchen sollen, seine Ehe zu bewahren; es ist aber auch möglich, dass die Eheleute gute Gründe für eine Trennung hatten (z. B. anhaltender Ehebruch durch einen der zwei, den sich der andere nicht mehr gefallen lassen wollte; dass sie dann beide nicht unbedingt mit der Gemeinde darüber hätten reden wollen, wäre verständlich). Und eine Trennung und weltliche Scheidung allein ist noch kein Ehebruch, wie eine Wiederheirat nach der Scheidung es wäre; eine Trennung/Scheidung ist nicht automatisch Sünde, sondern nur je nach den Umständen. Insofern frage ich mich schon, ob es gerechtfertigt ist, Mitglieder wegen einer Scheidung an sich, ohne zweite Beziehung, und ohne dass den Pastoren die genauen Hintergründe bekannt sind, aus der Gemeinde auszuschließen.

Aber an sich stimmt es natürlich: Man braucht in der Kirche gewisse moralische und lehrmäßige Standards, und wenn z. B. ein Priester offen Häresie lehrt oder ein Diakon in wilder Ehe lebt, kann das nicht einfach so zugelassen werden, weil die Standards sonst schnell verschwinden.

Kapitel 6 nennt sich „Die Idee eines christlichen Dorfes“ und Dreher beginnt mit dem Sprichwort „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen“. Er erwähnt die orthodoxen Juden und ihren Fokus auf die Gemeinschaft von Familie und Synagoge als Vorbild. Zu den Strategien, um seine Kinder christlich zu erziehen gehöre: ein lebendiges Familienleben, in dem das Heim beinahe eine Art Kloster ist, in dem es regelmäßige gemeinsame Gebetszeiten gibt, der Sonntagsgottesdienst Sportveranstaltungen vorgezogen wird und schädliche Einflüsse, z. B. durch zu viel Internet und Fernsehen, beschränkt werden. Ich finde es hier schön, wie Dreher betont, dass es in einer Familie wichtig ist, sich gegenseitig um Verzeihung bitten zu können; auch wenn es den Gehorsam gegenüber den Eltern brauche, müssten auch die Eltern ihren Kindern zeigen, dass sie sich bei ihnen entschuldigen könnten und ihnen zuhörten. Außerdem betont er noch einmal die Gastfreundschaft. Man müsste den Kindern zudem klar machen, dass es nichts Schlimmes ist, nicht so zu sein wie die anderen, und man sollte sich auch Gedanken darüber machen, mit welchen Gleichaltrigen sie ihre Zeit verbringen.

„Harris [die Psychologin Judith Rich Harris] verweist auf das Beispiel von Immigranten und deren Kindern. Zahlreiche Studien zeigen auf, dass, so stark die Herkunftskultur auch sein mag, die erste Generation der Nachkommen fast immer die Werte der Mehrheitsgesellschaft in der neuen Heimat übernimmt. […] ‚Kulturen werden nicht von Eltern an Kinder weitergegeben; die Kinder von Einwanderereltern nehmen die Kultur ihrer Altersgruppe an.’“ (S. 207)

Hier finde ich in Bezug auf die Situation in Deutschland übrigens das Beispiel der Muslime interessant: Zwar gibt es viele junge Muslime, die sich der säkularen deutschen Gesellschaft angepasst haben, aber es gibt auch sehr viele, die sogar noch traditionsbewusster, religiöser und stolzer auf ihre Herkunft sind als ihre Eltern. Wenn man häufig in einer Moschee mit gleichaltrigen Gleichgesinnten und überzeugenden Predigern zusammenkommt, scheint das einen großen Einfluss zu haben. In Sachen „Parallelgesellschaften aufbauen“ könnten wir von den Muslimen schon was lernen. (Ja, muslimische Parallelgesellschaften haben ihre schlechten Seiten. Weil der Islam eine falsche Religion ist, nicht weil es Parallelgesellschaften sind.)

(Eucharistische Anbetung bei einem Prayerfestival der Jugend 2000; Bildquelle: http://www.jugend2000.org/was-wir-tun/prayerfestivals/)

Am Ende warnt Dreher davor, die Familie zum Götzen zu machen – sie sei kein „Zweck in sich selbst“, sondern „ein Mittel zum Zweck der Vereinigung mit Gott“ (S. 209). Die Familie sollte nicht tyrannisch und paranoid gegenüber der Außenwelt werden und damit die Kinder vom Glauben forttreiben.

Außerdem geht er darauf ein, welche Vorteile es habe, in räumlicher Nähe zur Kirche zu leben, und häufig an Bibelstudien, Gebetskreisen, Lesezirkeln usw. teilzunehmen; auch die Kirchengemeinde solle man aber nicht zum Götzen machen und nicht zu sehr von der Außenwelt abschotten.

An diesem Kapitel stört mich ein wenig, dass Dreher nicht allzu konkret wird: Wie viel Kontakt zu Nichtgläubigen sollte man den Kindern jetzt erlauben? Außerdem fände ich es noch wichtig, zu erwähnen, dass man eigentlich einen gewissen Kontakt zur Außenwelt herstellen muss, allein schon, um die Kinder daran zu gewöhnen, dass es Menschen gibt, die anders denken (und wie sie denken), weil sie irgendwann mit denen in Kontakt kommen werden.

In Kapitel 7 geht es um Bildung. Dreher kritisiert das öffentliche Schulsystem und viele christliche Schulen, die auch keine entschieden christliche Bildung bieten würden. Das heutige Bildungswesen schaue nur auf Zweckmäßigkeit: Den Kindern muss das beigebracht werden, was sie später mal im Job brauchen werden, Erziehung zur Tugend wird vernachlässigt. Er stellt zwei Alternativen vor: Heimunterricht – der in Deutschland freilich keine Alternative ist, da seit 1938 verboten** – und, worauf er den Fokus legt, „klassisch-christliche Schulen“, d. h. Privatschulen, die klassische Bildung – Geschichte, klassische Literatur, usw. – mit religiöser Bildung verbinden und dabei folgendem Konzept folgen:

„Üblicherweise beginnt die Laufbahn eines Schülers an einer klassischen Schule mit der sogenannten Grammatikschule, in der es vor allem darum geht, grundlegende Fakten über die Welt zu lernen und sich ins Gedächtnis einzuprägen. Die zweite Stufe der klassischen Schulbildung ist die Logikschule, die etwa der 6.-8. Klasse entspricht und in der die Schüler lernen, Fakten zu analysieren und ihre Bedeutung zu erkennen. Die dritte und letzte Stufe ist die Rhetorikschule, die abstraktes Denken, Dichtung und die Fähigkeit zum klaren Selbstausdruck in den Mittelpunkt stellt.“ (S. 256f.)

Offensichtlich sind in den USA schon einige solche Privatschulen von Eltern oder Kirchen gegründet worden; theoretisch wäre so etwas Ähnliches sicher auch in Deutschland möglich.

Dann geht der Autor auch auf die Wichtigkeit von Studentengemeinschaften an den Universitäten ein, und ich muss sagen, hier habe ich mich absolut wiedergefunden. Ich habe die ersten paar Semester meines Studiums in einem kirchlichen Studentenwohnheim gewohnt, wo im selben Gebäude die Katholische Hochschulgemeinde untergebracht war. Sicher sind deutsche Hochschulgemeinden nicht immer häresiefreie Zonen; aber man sucht sich ja selbst aus, zu welchen Veranstaltungen man geht, und ich kann sagen, dass es etwas sehr Schönes ist, eine Kapelle direkt im Haus zu haben, in der einmal die Woche Messfeier ist, einmal im Monat Eucharistische Anbetung, und alle zwei Wochen Taizé-Andacht.

Zusätzlich zu normalen Hochschulgemeinden und von Studenten gegründeten christlichen Netzwerken, die geistliche Begleitung, Vorträge, Bibelkreise usw. anbieten, stellt Dreher auch gemeinschaftliche Wohnprojekte christlicher Studenten vor, z. B. ein Haus an der Universität von Virginia, in dem ca. 20 junge Männer zusammenleben:

„Die Hausregel entwickelte sich im Laufe der Zeit. Sie probierten verschiedene Dinge aus. Ein gemeinsames Morgengebet erwies sich als schwer durchzuhalten, aber als Abendgebet funktionierte es besser. Sie führten eine Art gegenseitiger Beichte ihrer Sünden gegenüber der Gemeinschaft ein, mit dem Ziel, einander gegenseitig in ihren persönlichen Schwierigkeiten helfen zu können. (‚Wir nannten es ursprünglich nicht Beichte’, sagt Speers. ‚Wir nannten es Rechenschaft. Das klang für Evangelikale weniger anrüchig.’) Außerdem verlangte die Hausregel kontinuierliche gemeinschaftliche Pflege theologischer Studien und Diskussionen.

Es gab auch einige wenige, aber strenge Verbote: Keine Mädchen in Privaträumen bei verschlossenen Türen. Kein Alkohol außer in den Räumen derer, die alt genug waren, um legal Alkohol trinken zu dürfen. Einige Männer, die mit Pornographiesucht zu kämpfen hatten, ließen ihre Laptops im Gemeinschaftsraum zurück, um nicht in Versuchung geführt zu werden.“ (S. 270f.)

Hier zeigt sich für mich wieder, dass solche Wohngemeinschaften eine zweischneidige Sache sein können: Das mit dem Abendgebet beispielsweise klingt toll. Das mit der öffentlichen Beichte (ohne ein bindendes Beichtgeheimnis) könnte dagegen sehr problematisch werden. Bei dem absoluten Verbot, Mädchen mit aufs Zimmer zu nehmen, weiß ich nicht recht, was ich davon halten soll.

In Kapitel 8 geht es um das Thema Arbeit. Der Autor konzentriert sich hauptsächlich auf die Gefahr, dass Christen am Arbeitsplatz gezwungen werden könnten, gegen ihr Gewissen zu handeln (sich also z. B. an der Ausrichtung einer Schwulenhochzeit zu beteiligen; in den USA wurden Bäcker und Floristen ja schon zu extrem hohen Geldstrafen verurteilt, weil sie eine solche Beteiligung verweigert hatten). Aber er geht auch auf den grundsätzlichen Sinn der Arbeit ein: Sie sollte einen sinnvollen Zweck in Gottes Ordnung erfüllen und zu Seiner größeren Ehre getan werden; und sie sollte nicht zum alleinigen Lebensinhalt werden. Hier lobt er übrigens die deutschen Ladenschlussgesetze, die Familienbetrieben das Leben erleichtern und dafür sorgen würden, dass die Deutschen ein ausgewogeneres Leben führen können als die Amerikaner.

Aber zurück zu möglichen Gewissenskonflikten am Arbeitsplatz. Dreher ist der Ansicht, dass man unterscheiden müsste, ob etwas wirklich nicht mit dem eigenen Gewissen vereinbar sei oder doch, um nach Möglichkeit in seinem Arbeitsumfeld Frieden halten zu können. Er führt das Negativbeispiel eines Staatsbediensteten aus Illinois an, der sich weigerte, sich ein Schulungsvideo über LGBT-Diversität anzusehen (er hätte nur das Video ansehen müssen, keine pro-LGBT-Erklärung abgeben müssen). Am Ende stellt er klare Kriterien auf:

„Ein christlicher Arzt muss es immer und überall ablehnen, unschuldiges Leben zu töten. Abtreibung und Euthanasie sind vollkommen indiskutabel. […] Und schließlich ist kein Job, so harmlos er erscheinen mag, es wert, ihn zu behalten, wenn er einem abverlangt, etwas dezidiert Unchristliches und Wahrheitswidriges aktiv zu unterstützen.“ (S. 294f.)

Dreher warnt, dass Christen sich in Zukunft vielleicht genauer überlegen müssten, welche Berufe sie ergreifen, und rät, dass sie eigene unternehmerische Tätigkeit und Handwerk und Industrie wieder entdecken sollten; außerdem sollte man christliche Netzwerke aufbauen und andere christliche Unternehmen unterstützen.

Kapitel 9 widmet sich dem Thema Sex; hier spricht der Autor z. B. darüber, dass Eltern sich selbst um die Sexualerziehung ihrer Kinder kümmern müssten, dass man jungen Christen vermitteln müsse, wieso die christliche Sexualmoral Sinn macht, und dass man vor allem Pornographie bekämpfen müsse.

In Kapitel 10 geht es um Technologie und hier wird klar: Dreher sieht das Internet als sehr problematisch, zum Beispiel, weil es den Leuten die Fähigkeit nimmt, sich zu konzentrieren, und ihnen eine Wunschwelt zeigt, in der „man sich mit nichts auseinandersetzen muss, was man sich nicht selbst ausgesucht hat. […] Man kann planlos von Seite zu Seite schlittern, flüchtig in soziale Netzwerke hineinschnuppern und sich wieder aus ihnen ausklinken, ganz nach Belieben.“ (S. 354) Er warnt besonders davor, Kindern Smartphones in die Hände zu geben, nicht zuletzt auch wegen der Gefahr, dass sie im Internet auf Pornographie treffen. Aber er kritisiert nicht nur übermäßigen Internetkonsum, sondern auch ganz grundsätzlich eine technokratische Mentalität, die sagt „Wenn wir es tun können, müssen wir auch die Freiheit haben, es zu tun!“ (S. 349), z. B., wenn es um die Fortpflanzungsmedizin geht. Ich muss sagen, beim Internet bin ich weniger kritisch als er – immerhin hat es mir sehr dabei geholfen, Informationen über den Katholizismus zu finden, und lässt mich jetzt meine Gedanken vor Publikum ausbreiten! –, aber hier kann ich ihm zustimmen.

So. Das war jetzt eine lange Inhaltszusammenfassung; jetzt noch ein paar allgemeine Anmerkungen:

Es gab immer wieder Stellen, an denen ich mir gedacht habe: Ja, ganz genau so ist es! Ganz genau so. Etwa, wenn Dreher darüber spricht, auf welche Weise der Glaube schon über ein, zwei Generationen verloren gehen kann (wenn ich meine Großeltern, die jeden Sonntag in die Kirche gehen bzw. gingen, und meine Geschwister, die vermutlich noch irgendwie an einen Gott glauben, vergleiche, kann ich diese Entwicklung gut nachvollziehen).

Es ist auch sehr interessant und inspirierend, wie der Autor uns immer wieder die Dissidenten im Ostblock als Vorbilder zeigt. Es ist auch ermutigend: So schlimm wie sie werden wir es auf absehbare Zeit nicht haben – und sie haben manchmal so einiges geschafft, gerade im katholischen Polen.

(Der hl. Johannes Paul II. bei seinem ersten Besuch in Polen nach seiner Papstwahl; Quelle: Wikimedia Commons)

Zuletzt noch zu der Art von christlichen Laiengemeinschaften, an die die Leute (z. B. amerikanische Journalisten, die das Buch im letzten Frühjahr rezensiert haben) bei der Benedikt-Option anscheinend als erstes denken, obwohl sie im Buch gar keine so große Rolle spielen, wie ich erwartet hätte. An verschiedenen Stellen erwähnt Dreher Beispiele für solche Gemeinschaften, z. B. die amerikanische „Alleluia Community“, eine „Laiengemeinschaft charismatischer Katholiken und Protestanten“ (S. 213), oder die italienische „Tipi Loschi“, die er als besonders vorbildhaft hervorhebt. Tipi Loschi, eine Gemeinschaft mit 200 Mitgliedern, die dem Vorbild des sel. Pier Giorgio Frassati nacheifert, ist eine Vereinigung von Familien, die eine nach Chesterton benannte Schule und verschiedene Kooperativen, die wohltätigen Zwecken dienen, betreibt, und die eng mit dem Kloster in Norcia verbunden ist. Mir wird aus dem Buch nicht ganz klar, wie genau die Familien in der „Alleluia Community“ und in „Tipi Loschi“ leben; es hört sich nicht so an, als ob es sich um wirkliche Kommunen wie bei den Zwölf Stämmen oder irgendwelchen Hippie-Sekten der 70er handeln würde, sondern eher nach einem Leben in enger Nachbarschaft und mit vielen gemeinschaftlichen Veranstaltungen und gemeinsam betriebenen Institutionen. Die „Alleluia Community“ jedenfalls hört sich für mich dennoch eher zu eng gestrickt an, als dass ich (die ich von Natur aus kein sehr geselliger Mensch bin) mich da wohlfühlen könnte.

(„In Übereinstimmung mit den Beobachtungen Pater Martins sagt sie, das Geschenk der Gemeinschaft bestehe darin, eine Sozialstruktur auszubilden, in der es Christen leichter gemacht wird, Gottes Stimme zu hören und auf sie zu antworten, und in der andere Mitglieder sie zur Verantwortung ziehen, wenn sie vom geraden Weg abkommen. So nah mit anderen zusammenzuleben, kann die Geduld strapazieren, räumt Rachel ein – aber für sie und ihre Familie hat es sich als gut erwiesen.“ (S. 214))

Der Autor schlägt auch vor, dass Kirchengemeinden nach Geschlechtern getrennte Wohngemeinschaften für junge Singles gründen könnten; bei Ehepaaren und Familien mit Kindern geht er anscheinend schon eher davon aus, dass die für sich leben und sich in Pfarrgemeinden, Schulen usw. einbringen werden.

Er geht sowohl auf die Chancen als auch auf die Gefahren bei solchen Gemeinschaften wie der „Alleluia Community“ oder „Tipi Loschi“ ein; an einer Stelle schreibt er:

„Die wohl gefährlichste Versuchung für eng gestrickte Gemeinschaften ist der Drang, ihre Mitglieder übermäßig zu kontrollieren und allzu streng zu bevormunden, wenn sie von einem gewissen Reinheitsstandard abweichen.“ (S. 223)

Mir fehlen hier ein bisschen die konkreten Standards – wann ist eine Gemeinschaft zu streng oder zu abgeschottet? – und vielleicht auch die konkreten möglichen Vorsichtsmaßnahmen gegen solche Gefahren (z. B. wären klare Regeln wie die benediktinische Ordensregel vermutlich eine gute Idee); aber er erwähnt als grobe Regel immerhin, dass man z. B. auch Freundschaften außerhalb der Gemeinschaft knüpfen sollte, damit man sich nicht einbildet, alle Menschen dort draußen wären verdorben.

Mein Fazit: Das Buch ist lesenswert und gibt einige gute Impulse für ein christliches Leben. (Enthusiastischer wird’s leider nicht – aber ich fand’s alles in allem gut.)

 

* Ich sage ausdrücklich „50 Jahre“, weil gewisse in konservativen evangelikalen Kreisen verbreitete Ideen wie die von der „Entrückung“ (rapture) in der Endzeit oder die Akzeptanz der künstlichen Empfängnisverhütung noch nicht besonders alt sind.

** Zumindest in den allermeisten Fällen. Ich kannte tatsächlich mal eine Familie, die ihre Kinder zu Hause unterrichtete und dafür, soweit ich mich erinnere, eine Sondergenehmigung hatte. Soweit ich mich erinnere, kamen sie aus Baden-Württemberg und waren evangelisch. Meine Familie hat sie in einem Feriendorf im Schwarzwald getroffen, als ich ungefähr sechs oder sieben war, und meine Geschwister und ich haben öfter mit den drei Töchtern gespielt; zwischen der ältesten und meiner älteren Schwester ergab sich dann eine Brieffreundschaft. Ich weiß noch, dass wir es komisch fanden, dass das einzige außerhäusliche Hobby unserer neuen Freundinnen ein kirchlicher Chor war, und ihr Lieblingsfilm ein Pferdefilm aus den 50ern. Jedenfalls war es eine nette Familie. An viel mehr erinnere ich mich nicht.

Die zweifache Gefahr dieses Pontifikats

Ich bin sicher, dass ich nicht die einzige Katholikin bin, der es in den letzten fünf Jahren ungefähr so gegangen ist:

Wir bekommen sicher wieder einen tollen Papst – Er ist sicher ein toller Papst, die Medien wollen ihn bloß absichtlich missverstehen, wie sie es schon bei Benedikt getan haben – Er ist sicher ein guter Papst, aber er könnte sich manchmal klarer ausdrücken, damit man ihn nicht missversteht – Er sollte sich wirklich klarer ausdrücken – Es ist beunruhigend, dass er nicht gegen unkatholische Meinungen auf der Synode einschreitet; man könnte meinen, er stünde hinter Kasper – Es wäre wohl besser, wenn er unter Mitarbeitermotivation nicht verstehen würde, seine Mitarbeiter zu beleidigen – Also, man könnte diese Fußnote im falschen Sinn verstehen; er sollte wirklich klarstellen, dass Amoris Laetitia sich in Kontinuität zur Lehre Johannes Pauls II. befindet – Wieso beantwortet er die Dubia nicht? Wieso tut er nichts gegen diesen Bischof, der sexuellen Missbrauch vertuscht haben soll? Wieso diese ständigen Angriffe gegen alle, die „rigide“ oder „pharisäisch“ sein sollen – während er nie darauf eingeht, dass die Gebote auch ihren Sinn haben? Wieso kann er nicht einmal was Nettes zu denen sagen, die sich bemühen, den Glauben authentisch zu leben?

Irgendwann ist man frustriert. Ja, Franziskus ist der Papst. Nein, ich mag ihn nicht; und ich habe keine Lust mehr, mir einzureden, dass alles Problematische, was ich bei seinen Äußerungen wahrnehme, auf böswilligen Missverständnissen und Fehldeutungen meinerseits beruht. Ich mag ihn nicht, und er mag Katholiken wie mich vermutlich nicht. Aber man muss ja auch nicht jeden mögen, und wenn der Papst nur mich nerven würde, wäre das ein Luxusproblem. Damit kann ich umgehen, indem ich seine Äußerungen nicht mehr lese.

Das derzeitige Pontifikat sorgt aber, nach meinem Eindruck, für zwei große Gefahren bei zwei Gruppen:

Da wären erstens die Katholiken, die zwar durchaus gläubig, aber nicht sehr gefestigt im Glauben sind und die Gründe für viele Lehren nicht kennen; die aus mangelndem historischen Wissen einige Vorurteile über das Mittelalter, die vorkonziliare Kirche etc. hegen; die die Neuerungen des Konzils überschätzen und froh sind, dass die Kirche jetzt barmherziger und mehr Jesus-gemäß sei als früher; die sich, kurz gesagt, die „Entwicklung der Glaubenslehre“ als einen Fortschritt im Sinne des technischen Fortschritts vorstellen, wo wir viel weiter sind als unsere Vorfahren und wo man auch mal alte Ideen aufgeben muss; und die sich, weil sie eben nicht genau wissen, wie sich die Lehre authentisch entwickeln kann und was sich an ihr nicht ändern kann, nicht ausschließen, dass die Kirche ihre Position zum Frauenpriestertum, zu homosexuellen Beziehungen, oder zum Dauerbrenner zweite Ehen nach Scheidung im Sinne der „Barmherzigkeit“ verändern könnte. Solche Katholiken, die vielleicht zur Zeit Benedikts XVI. oder Johannes Pauls II. noch eher eine klare Erklärung dafür gehört hätten, wieso Gottes Gebote alle gut sind und nicht dazu da sind, uns zu quälen, oder wieso die Kirche, begleitet vom Heiligen Geist, zwar Lehren tiefer verstehen, aber nicht vom Grundsatz her ändern kann, werden jetzt darin bestätigt, dass alle, die (beispielsweise) gegen den Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene sind, ja nur rigide, verurteilende Pharisäer seien, die Gottes Barmherzigkeit nicht kennen würden – sagt schließlich der Papst selbst. Oder er deutet es zumindest an. (Bei wirklich glaubensfernen Menschen oder den ebenso glaubensfernen Medien ist dieser Effekt natürlich noch mal stärker: Sie mögen Franziskus, weil er ihnen den Eindruck von „Ich bin ja gar nicht so wie die böse Kirche“ gibt – und entwickeln dadurch natürlich erst recht keinerlei Sympathie für die Kirche.) So geht  das Verständnis für die katholische Lehre verloren.

Dann wäre da auf der anderen Seite eine gewisse Sorte von Tradi-Katholiken, die sich nur mühsam von den beiden letzten Päpsten haben überreden lassen, dass das Konzil keinen Bruch dargestellt hat und mit einer „Hermeneutik der Kontinuität“ verstanden werden kann, und die evtl. auch eine gewisse Neigung zu Verschwörungsdenken haben und dazu, den nahenden Weltuntergang zu erwarten. Die bekommen immer mehr den Eindruck: Franziskus verkündet Irrlehren. Zumindest widerspricht er nicht, wenn sie in seinem Namen verkündet werden. Und manchmal rutschen solche Leute dann in den Sedisvakantismus ab. Der Gedankengang sieht folgendermaßen aus: Franziskus scheint Häresie zu vertreten; und wenn Franziskus ein Häretiker ist, ist er nicht mehr Teil der Kirche, also ist er nicht mehr Papst. Der hl. Robert Bellarmin hat schließlich gesagt, wenn ein Papst öffentlich Häresie verkünden würde, würde er sein Amt verlieren. Manche gehen dann so weit, den Papst nicht nur für einen Anti-Papst, sondern sogar für den Antichrist zu halten, der sich bald als solcher zu erkennen geben würde.

Mit anderen Worten: Dieses Pontifikat produziert Häretiker auf der einen und Schismatiker auf der anderen Seite.

 

PS: Die Argumentation der zweiten Gruppe geht übrigens an folgenden Punkten fehl:

Erstens – der hl. Robert Bellarmin in allen Ehren, aber auch die Ansicht, dass Gott es einfach nicht zulassen würde, dass jemals ein Papst öffentlich Häresie verkündet, hat einige Vertreter, und sie ist die logischere. Wozu hat Christus denn das Papstamt eingesetzt? Und wer könnte den Papst zum „Nicht-mehr-Papst“ erklären? Über dem Papst gibt es in der Kirche keine höhere Autorität mehr.

Zweitens – Franziskus ist nach dem Kirchenrecht eben kein Häretiker. Er hat nicht eindeutig öffentlich vertreten „Die Ehe ist nicht unauflöslich“ oder „Die Hölle gibt es nicht“ (Letzteres hat ein notorisch unzuverlässiger atheistischer Journalist über ihn behauptet, der sich bei seinen Interviews nicht einmal Notizen macht; und dass Franziskus dem nicht eindeutig persönlich widersprochen hat, heißt nicht, dass er diese Ansicht selbst verkündet hat). Mit den alten Zensuren, mit denen der Hl. Stuhl früher theologische Ansichten bewertete, müsste man bei einigen seiner Äußerungen so etwas wie „der Häresie nahestehend“ oder „zur Häresie hinführend“ sagen; und eben nicht „häretisch“.

Drittens – Oft wird dann die Behauptung aufgestellt: „Wir hatten schon sündhafte Päpste, aber keine, die die Lehre angegriffen haben“. Das ist nicht richtig. Wir hatten u. a. schon folgende Päpste:

  • Liberius (352-366) machte Zugeständnisse an den Arianismus – die bedeutendste Häresie der Antike, die im vierten Jahrhundert die Unterstützung verschiedener römischer Kaiser hatte. Einer davon verbannte Liberius, und in der Verbannung unterschrieb Liberius ein Bekenntnis, das man im arianischen Sinn verstehen konnte (wenn es auch nicht eindeutig arianisch war), und exkommunizierte Athanasius von Alexandria, den klarsten Verteidiger der Lehre des Konzils von Nizäa, dass Gott der Sohn wesensgleich mit Gott dem Vater ist (statt nur wesensähnlich, also nicht so wirklich göttlich, wie die Arianer behaupteten). Zeitweise stand Athanasius ziemlich allein da, auch er wurde mehrmals verbannt – „Athanasius contra mundum“.
  • Honorius I. (625-638) wurde sogar vom dritten Konzil von Konstantinopel (680/81) verurteilt, weil er den Monotheletismus (die Lehre, dass Christus nicht einen menschlichen und einen göttlichen Willen, sondern nur einen göttlichen Willen gehabt hätte) begünstigt hatte: „Zusammen mit diesen aber soll, so beschlossen wir, auch Honorius, der ehemalige Papst Altroms, aus der heiligen Kirche Gottes ausgestoßen und mit dem Anathema belegt werden, weil wir in dem Brief, der von ihm an Sergius verfaßt wurde, fanden, daß er in allem dessen Auffassung folgte und seine gottlosen Lehren bekräftigte.“ Papst Leo II. schrieb in seinem Brief zur Bestätigung des Konzils: „Und in gleicherWeise belegen wir die Erfinder der neuen Irrlehre mit dem Anathema, nämlich Theodor, den Bischof von Pharan, Cyrus von Alexandrien, Sergius, Pyrrhus … und ebenso auch Honorius, der diese apostolische Kirche nicht durch die Lehre der apostolischen Überlieferung reinigte, sondern versuchte, in unheiligem Verrat den unbefleckten Glauben umzustürzen [griechische Fassung: zuließ, daß die unbefleckte [Kirche] durch unheiligen Verrat befleckt wurde].“ Honorius hat nicht ex cathedra Häresie gelehrt – aber er hat eine Häresie begünstigt und ist ihr nicht entgegengetreten.
  • Johannes XXII. (1316-1334) vertrat in einigen Predigten die Ansicht, dass die Seelen im Himmel erst nach dem Jüngsten Gericht Gott schauen würden. Das Gegenteil war damals noch kein Dogma, aber bereits relativ allgemein anerkannte Lehre der Kirche, und viele Theologen widersprachen dem Papst. Johannes erklärte schließlich, nur seine private theologische Meinung geäußert zu haben. Der nächste Papst stellte die Sache mit einem Dogma klar.

Haltet euch von den fiesen Weibern fern!

Es gibt im Katholizismus ein Prinzip, das man früher „Die Ägypter ausplündern“ (frei nach Exodus 11,35f.) nannte; gemeint ist, Dinge, die an sich gut oder zumindest teilweise gut sind, aus nichtchristlichen Kulturen aufzunehmen und sie im christlichen Sinne zu adaptieren. Diesem Prinzip sind z. B. Weihnachtsbäume, die scholastische Philosophie oder christliche Rockmusik zu verdanken. Wie man an letzterem Beispiel sieht, kann die christliche Adaption auch schiefgehen und zu einer lahmen Nachahmung werden; das Prinzip wird nicht immer richtig angewandt.

Und dann gibt es auch wieder Fälle, in denen es gar nicht angewandt werden sollte. Manchmal können die Ägypter ihren Scheiß auch behalten.

Die MGTOW-Bewegung (Men going their own way), über die der Cathwalk hier berichtet (https://www.thecathwalk.de/2018/03/08/mgtow-geschlecht-charakter/) wäre ein solcher Fall. André Thiele, der Autor dieses Artikels, möchte offensichtlich Impulse aus dieser säkularen Männerbewegung aufnehmen und im christlichen Sinne umdeuten. Leider funktioniert das nicht so ganz.

Die MGTOW-Bewegung stellt fest: Der Feminismus hat gesiegt, Frauen beherrschen die Welt, Männer werden unterdrückt, sind überall in der Gesellschaft benachteiligt, dürfen sich nicht mehr äußern, und werden für jedes Kompliment zu Vergewaltigern erklärt. André Thiele stellt fest: „Der Mann ist das Schlachtvieh der Moderne.“ Er fährt fort: „Die MGTOW-Männer reden von ‚Schlampen‘ und Schlimmerem, und das soll man nicht lieben – aber soll man es tadeln?“ Nun ist ein solcher Satz nicht gerade logisch. Wenn man etwas nicht lieben „soll“, folgt daraus, dass es nicht gut ist, und was nicht gut ist, „soll man […] tadeln“. Aber Thiele arbeitet offensichtlich nach dem Prinzip Wie du mir, so ich dir: „Ausgerechnet in einer Zeit, die kein Wort kennt, das zu brutal und zu vulgär wäre, wenn es nur gegen Männer geht?“ Die Frauen unterdrücken die Männer, die Männer dürfen sich das nicht mehr gefallen lassen. Also sollen sie sich einfach einer Welt entziehen, in der Männer und Frauen zusammenleben.

„Am schnellsten wächst die ‚going monk‘-Gruppe. Diese Männer gehen keinerlei sexuelle Beziehungen zu Frauen mehr ein und vermeiden auch zunehmend jeden gesellschaftlichen Umgang mit ihnen. Ein Teil radikalisiert sich weiter und verbindet sich mit der ‚NoFap‘-Gruppe, die ursprünglich nicht zu MGTOW gehört, und meidet auch Pornographie und Onanie.“

Na, da sind wir Frauen aber enttäuscht. Ich weiß ja nicht, wie es anderen Frauen geht, aber ich kann doch ganz gut damit leben, wenn Männer keine Pornos schauen. (Das als Radikalisierung zu bezeichnen, ist freilich etwas tragikomisch, und sagt einiges über die Normalität von Pornographie in unserer Gesellschaft aus.) Aber MGTOW ist eben eine Verschwörungstheorie: „Die“ Frau kontrolliert „den“ Mann, indem sie sich seine sexuellen Triebe zunutze macht. Sie macht ihn von sich abhängig und damit zu ihrem Sklaven. Also muss er sich von seinen Trieben lösen und kann somit endlich frei leben. Es gibt keine individuellen Menschen, sondern finstere, alles durchdringende Herrschaftstrukturen. Auf die Idee, dass Pornographie ganz im Gegenteil zum Nachteil von Frauen wirken könnte – z. B. indem Männer sich an Frauen degradierende Hardcore-Pornos gewöhnen und von ihren Freundinnen verlangen, dasselbe, was die Porno-Darstellerinnen tun, im Schlafzimmer nachzustellen – , kommt man hier offenbar gar nicht. Ebenso wenig, wie ein MGTOW-ler auf die Idee kommen würde, dass eine Frau vielleicht Besseres zu tun haben könnte, als sich ihn zu unterwerfen. Frauen sind einfach herrschsüchtige Biester, die kann man auch nicht ändern. Da kann man nur drauf hoffen, dass der technische Fortschritt sie überflüssig macht: „Wie die Mönche-Gruppe sich nach der Einführung der sog. ‚FemBots‘ genannten Gynoiden verhalten wird, die für die kommenden 10 bis 20 Jahre zu erwarten ist, wird man abwarten müssen.“ Würg.

Die MGTOW-Bewegung baut auf einem Körnchen Wahrheit auf: Es gibt tatsächlich männerfeindliche Feministinnen (auch wenn der Mainstream-Feminismus eher der Ansicht ist, dass „patriarchale Strukturen“ beiden Geschlechtern schaden, und man einfach Gleichberechtigung – oder Gleichstellung, was nicht dasselbe ist – erreichen sollte, die für alle am Ende am besten sei). Es gibt auch Frauen wie Sawsan Chebli, die es für Sexismus halten, wenn man ihnen sagt, sie seien „schön“. Aber die Männer, die durch die Metoo-Bewegung wirklich zu Fall kamen, sind eben keine Männer, die bloß einer Frau gesagt haben, sie sei schön, sondern Männer wie Harvey Weinstein, die sich in Sachen sexueller Belästigung und womöglich auch Vergewaltigung offensichtlich einiges haben zuschulden kommen lassen. Es gibt auch Bereiche der Gesellschaft, in denen Männer tatsächlich den Kürzeren ziehen – der Text erwähnt die Selbstmordrate als Beispiel (80% der Selbstmorde betreffen Männer), und die Tatsache, dass Männer wesentlich häufiger als Frauen von schweren Arbeitsunfällen betroffen sind. Aber das zweite Beispiel ist freilich ebenso lächerlich wie das Jammern auf Feministinnen-Seite über die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen – die Lohnlücke entsteht dadurch, dass Frauen sich häufiger für schlechter bezahlte Berufe, etwa im sozialen Bereich, oder für Teilzeitjobs entscheiden, und das ist ihre freie Entscheidung; und ebenso entsteht das Ungleichgewicht bei den Arbeitsunfällen dadurch, dass Männer sich häufiger für anstrengende und gefährliche Berufe entscheiden, und es ist die freie Entscheidung eines jeden Mannes, ob er Dachdecker oder doch lieber Erzieher werden will. Hier zeigen sich nur die Nebenwirkungen natürlicher Präferenzen. Der Text erwähnt auch Selbstmorde nach Scheidung oder Trennung – und es stimmt, dass etwa in Sorgerechtsstreitigkeiten nach Scheidungen im Regelfall den Frauen das Sorgerecht zugesprochen wird. Aber andererseits stimmt es eben auch, dass z. B. Frauen, die unehelich schwanger werden, sehr leicht vom Vater des Kindes im Stich gelassen werden und oft keinen Unterhalt erhalten. Hier sind wieder die Frauen deutlich schlechter dran. Worauf ich hinaus will: Wir haben in Deutschland eine relativ gleichberechtigte Gesellschaft – anders sieht es in anderen Gesellschaften aus, wo noch Zwangsehen, Kinderehen und Genitalverstümmelung existieren – , aber auch in dieser Gesellschaft kommt es an verschiedenen Stellen mal zur Benachteiligung von Männern, mal zur Benachteiligung von Frauen. Manchen dieser Benachteiligungen lässt sich abhelfen, anderen nicht. Die Tatsache, dass Frauen mit der Fortpflanzung wesentlich mehr Mühe haben, ist biologisch gegeben und lässt sich nicht ändern. Die Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen, entsteht durch ihre eigenen Präferenzen. Die Tatsache, dass Frauen häufiger unter sexueller Belästigung leiden als Männer, entsteht nur durch das Belästigen, das die Täter auch bleiben lassen könnten. Ähnlich bei den Männern: Männer neigen von Natur aus mehr zu Extremen, also ist es vielleicht nicht allzu verwunderlich, dass sie häufiger Selbstmord begehen oder auch obdachlos sind; aber manchen Ursachen dafür könnte man vielleicht trotzdem abhelfen, ebenso, wie man drauf schauen könnte, ob in unserem Schulsystem Mädchen und Jungen pädagogisch passend gefördert werden. Die MGTOW-Bewegung sieht einige reale Nachteile von Männern, ohne sich um deren Ursachen zu kümmern, bauscht sie zu lächerlicher Größe auf, und übersieht die Nachteile der Frauen. Dass da beim ein oder anderen Anhänger der Bewegung eine Enttäuschung, dass eine Frau nichts von ihm wissen wollte, mitspielen könnte, kann man sich gut vorstellen.

Man fragt sich doch, was für eine Vorstellung haben solche Leute von funktionierenden Beziehungen (auch wenn sie meinen, heutzutage könnte man keine Frau mehr für eine solche finden)? Wie würde ihre ideale Frau, ihre ideale Beziehung aussehen? Sollte es nicht ideal sein, dass in einer Beziehung beide Partner gleichzeitig daran arbeiten, für den anderen ein guter Partner zu sein und auf ihn einzugehen, sich dabei aber auch nicht verbiegen? Wieso sollte es schlecht sein, wenn man mal was für seinen Partner tut?

Am Ende kommt Thiele darauf, was das alles nun für Katholiken heißen soll. Hier zitiere ich einen längeren Abschnitt:

„Aber vielleicht geht dieser Vorgang Katholiken einfach gar nichts an? Haben wir nicht eine klare Dogmatik, was das Verhältnis von Männern und Frauen betrifft? Sind katholische Frauen nicht immun gegen die Versuchungen der feministischen Welt?

Katholische Frauen in der Moderne sind vor allem zunächst einmal moderne Frauen und verhalten sich weit überwiegend keinesfalls anders als nichtkatholische Frauen. Vor allem aber werden katholische Männer von ihrer Kirche und ihren Gemeinden weitgehend alleingelassen bei der Wahl ihrer Partnerinnen: die Frage nach der Tugendhaftigkeit einer Frau, mit der ein seinen Glauben lebender Mann sein gesamtes Leben verbringen soll, ist ein Tabu. Wer sie stellt, ist ein Erststeinwerfer, was neben dem Pharisäer und dem Sexisten das Schlimmste ist, was ein katholischer Mann heutzutage sein kann. Der Teufel selbst genösse in der Kirche von heute hohes Ansehen, wenn er sich Frauen verstehend, sie empowernd und ihnen gegenüber ‚vorurteilsfrei‘ äußern würde, wobei ‚vorurteilsfrei‘ dasjenige Vorurteil meint, das Frauen genehm ist, während ‚vorverurteilend‘ dasjenige Urteil ist, das ihnen nicht genehm ist. Unehelich schwangere Katholikinnen erfahren genau dieselbe Vorzugsbehandlung wie Heidinnen auch, eine im Stuhlkreis sozialisierte Priesterschaft winkt das ängstlich durch und eine Armee von unverheirateten Gemeindereferentinnen erklärt sie zu weltlichen Heiligen, denen jeder katholische Mann sein Glück zu opfern hat – denn genau darin besteht nach Ansicht dieser Frauen sein Glück.

Im Zeichen von ‚Weiberaufstand‘ und hoch promiskuitiven Frauen, die sich via McBeichte und Drive-Through-Katholizismus für ihren Fall das katholische Sahnehäubchen als Distinktionsmerkmal verschaffen, kann kein Mann ‚vertrauen‘.

Richtig aber ist, daß katholische MGTOW-Männer eine andere Perspektive haben als andere: sie haben eine jahrtausendealte Tradition der innerweltlichen Keuschheit, der sie sich überantworten können. Sie müssen nicht auf den sentimentalen Quatsch des ‚white knightings‘ hereinfallen, um einen historisch erprobten Begriff von Ritterlichkeit zu haben. Und sie können ihr Geschick eben vertrauensvoll ihrem Herrn anvertrauen, in dessen Hand sie geborgener sind als selbst die Gemeindereferentinnen in denen ihrer steuersubventionierten Diözese.“

Ich muss sagen, ich finde diese Abschnitte gruselig.

Zunächst mal zu den Versuchungen der feministischen Welt, denen die katholischen Frauen angeblich verfallen: Welche genau sollen das sein? Der Feminismus kann vor allem zwei wirkliche Errungenschaften vorweisen: Erstens, dass es normal für Frauen geworden ist, einen Beruf zu lernen, und damit im Leben nicht darauf angewiesen zu sein, dass sie einen Ehemann finden; zweitens, dass Frauen in der Gesellschaft mehr Gehör finden und Einfluss nehmen – z. B. durch das aktive und passive Wahlrecht, oder dadurch, dass sie jetzt auch an Universitäten repräsentiert sind. Es ist nicht gut, wenn jeder Frau, egal, wie ihre Lebensumstände und ihre Persönlichkeit aussehen, nur die Ehe als wirklich anerkannter Lebensweg offensteht; es ist auch nicht gut, wenn die Hälfte der Bevölkerung von öffentlichen Debatten ausgeschlossen bleibt. Natürlich kamen mit einer späteren Welle des Feminismus auch andere Forderungen auf, die die ersten Feministinnen abgelehnt hätten – sexuelle Befreiung, Recht auf Abtreibung, usw. Aber was genau davon lehnt André Thiele nun als Versuchungen ab?

Anscheinend vor allem die Promuiskuität; seine Angst ist, dass katholische Männer keine angemessen tugendhafte Frau mehr finden könnten. Was er unter „Tugendhaftigkeit“ versteht, wird gleich klar: Jungfräulichkeit. Unverheiratete Mütter etwa fallen von vornherein raus. Dass das nicht mehr viel mit dem Christentum zu tun hat, sondern eher mit außerchristlichen Vorstellungen von Ehre und Unversehrtheit, ist klar; im Christentum sind Sünden erledigt, wenn man sie gebeichtet hat. Wir haben genügend bekehrte Prostituierte in unserem Heiligenkalender (z. B. die hl. Afra). Aber André Thiele sieht das offenbar anders. Er ist auch der Meinung, dass wir unverheirateten Müttern deutlicher klarmachen sollten, dass sie unerwünscht sind; eine Sache wie „Frauen, die sich für ihr Kind entscheiden, unterstützen“ oder „Alle Menschen freundlich behandeln“ mag zwar ganz nett sein, aber man muss den Weibern ja schließlich auch klarmachen, wie sie sich zu verhalten haben und wann sie nichts mehr wert sind. Etwas lächerlich auch die Klage darüber, dass die Kirche die Männer im Stich ließe; sollten die Pfarreien vielleicht Tugendhafte-Jungfrauen-Vermittlungsstellen einrichten, damit kein Mann ohne passende Gattin bleiben muss?

Aber vor allem wird hier klar: Es geht um den Mann, der wählt. Bei der Ehe geht es für Thiele nicht um Gegenseitigkeit, nicht um zwei Menschen, die schauen, ob der jeweils andere ein guter Partner ist (also auch irgendwo „tugendhaft“) und zu ihnen passt, und sich dann für ein Leben mit ihm entscheiden. Die Frage nach der Tugendhaftigkeit des Mannes wird gar nicht erst gestellt. Männer brauchen ja schließlich keinen „sentimentalen Quatsch“, keine „Ritterlichkeit“, sie müssen sich anscheinend nicht anständig verhalten, um ihrer Partnerin würdig zu sein; Frauen dagegen müssen gucken, dass sie auch ja tugendhaft und unterwürfig genug sind.

Thiele geht weit, sehr weit über den handelsüblichen katholischen Antifeminismus hinaus, der hauptsächlich darin besteht, sich (zu Recht) über die Forderung nach einem „Recht auf Abtreibung“ oder die Herabwürdigung von Hausfrauen und Müttern aufzuregen. Er postuliert eine Konkurrenz, einen unvermeidbaren Kampf zwischen den Geschlechtern. Was soll das? Wir sind keine Feinde. Männer und Frauen sind aufeinander hingeordnet und beide nach dem Abbild Gottes geschaffen – so sieht nämlich die „klare Dogmatik“ der Kirche aus. Unsere großen Heiligen hatten kein Problem mit der Ehe oder auch mit Freundschaften zwischen Männern und Frauen (man denke an Franziskus und Klara von Assisi, Franz von Sales und Johanna Franziska von Chantal, oder Hieronymus und Paula und Eustochium (ja, das ist ein Frauenname)). Wenn sie auf die Ehe verzichteten, dann nicht, weil sie dem ach so fiesen Weibsvolk entkommen wollten, sondern weil es etwas Großes ist, „um des Himmelreiches willen“ auf gute Dinge zu verzichten. Von dieser Perspektive auf das Mönchtum scheint André Thiele keine Ahnung zu haben.

Einzelfälle, alles Einzelfälle

Ich bin gerade etwas sauer auf Kardinal Marx und so weiter.

Wiederverheiratet-Geschiedene sollen „in Einzelfällen“ zur Kommunion zugelassen werden. Homosexuelle Paare sollen „in Einzelfällen“ eine Segnung ihrer Partnerschaft erhalten können. Evangelische Ehepartner von Katholiken sollen „in Einzelfällen“ (und wenn sie in Bezug auf die Eucharistie dasselbe glauben wie die Katholiken) zusammen mit ihrem Ehepartner zur Kommunion gehen können. (Dass sie ganz zur katholischen Kirche kommen, muss aber nun wirklich nicht sein: „Den Vorwurf, es handele sich um eine ‚Rückkehr-Ökumene‘ wies Marx zurück. Es werde gerade nicht gesagt, dass Protestanten nur die Kommunion empfangen könnten, wenn sie konvertierten.“ (http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/kommunion-weg-fur-evangelischen-partner-geebnet) Wir wollen der lieben EKD ja nun nicht die Leute wegnehmen, das schadet bloß der Nicht-Rückkehr-Ökumene, die ja schließlich sehr wichtig ist.)

Alles in Einzelfällen. Wir wollen ja nicht generell was ändern, nein, habt keine Angst, liebe konservative Katholiken, wir tun ja hier nicht die Dogmen ändern; aber es braucht eben seelsorgerliche Begleitung und pastorale Wege und Gewissensurteile und so Zeugs.

Ist Kardinal Marx bzw. der Bischofskonferenz eigentlich klar, wie solche vorsichtigen Kompromissformulierungen bei den Leuten ankommen? Endlich bewegt sich in der katholischen Kirche mal was, was tut die jetzt immer noch so von wegen „Ausnahmen in Einzelfällen“ herum, die ist immer noch total diskriminierend und schlimm, aber früher oder später wird sie schon noch weiter nachgeben, jetzt geht es grundsätzlich, es wird schon nicht bei Einzelfällen bleiben. („Die katholische Kirche“ wird hier zudem wahrgenommen als eine deutsche Institution unter Marx & Co., die irgendwie noch mit einer Weltkirche und einem Papst verbunden ist, aber ihre Reformen für sich macht.) Und genau diesen Eindruck befördern die Bischöfe gerade nach Kräften.

Es ist sicher nicht schön, wenn man mit seinem Ehepartner den Glauben nicht teilt. Aber was ist die Lösung dafür? Ich sag’s euch: Den katholischen Glauben annehmen und zur katholischen Kirche konvertieren! Wenn man den Glauben – den Glauben als Ganzes – nicht teilt, aber bei den Sakramenten so tut, was bringt das dann? Da hält man die Differenzen lieber offen aus, wenn man zu keiner gemeinsamen Überzeugung findet; das ist jedenfalls ehrlicher.

Und was sagen eigentlich die Evangelischen zu der letzten Entscheidung? Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm verkündet auf Facebook:

„Das ist ein wichtiges Zeichen der Deutschen Bischofskonferenz! Dass konfessionsverbindenden Ehepaaren nunmehr ein Weg eröffnet wurde, gemeinsam an der Eucharistiefeier teilzunehmen, markiert nicht nur einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Weg der Ökumene. Für Menschen, die nicht nur ihren Glauben an Jesus Christus, sondern auch ihr Leben miteinander teilen, stellt das eine echte Erleichterung dar. Die Entscheidung macht deutlich, dass das Bedürfnis konfessionsverbindender Ehepaare, gemeinsam an den Tisch des Herrn treten zu können, von der Bischofskonferenz gehört und gewürdigt wird. Als evangelische Kirche hoffen wir weiterhin darauf, dass eine Teilnahme konfessionsverbindender Ehepartner auch am evangelischen Abendmahl möglich gemacht wird. Die heutige Richtungsentscheidung ist – bei allen noch zu klärenden Punkten – zuallererst eine Ermutigung für viele Millionen Christen, die in ihren Lebensbezügen ökumenisch eng miteinander verbunden sind.“

Bedford-Strohm verhält sich wie meine Oma, wenn ich ihr erzähle, dass ich mit meiner Psychotherapie Fortschritte mache: Na, hoffen wir mal, dass das dann in Zukunft noch besser wird.

Endlich hören und würdigen die katholischen Bischöfe mal ein wenig die armen, geplagten Leute; aber natürlich ist das nur ein „wichtige[r] Schritt auf dem Weg der Ökumene“ (an dessen Ende idealerweise die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft zu stehen hat), eine „Richtungsentscheidung“ „bei allen noch zu klärenden Punkten“. Immerhin sollten bald auch die katholischen Ehepartner am evangelischen Abendmahl teilnehmen dürfen, das fordern wir schon. Dass die katholische Kirche das evangelische Abendmahl nicht als sakramental (also nicht als wirkliches Abendmahl) anerkennen kann, ist dem Landesbischof keine Zeile wert; der katholische Glaube ist nicht erwähnenswert. Ökumene in deutschen Landen ist halt immer noch von einer extremen Anspruchshaltung der EKD geprägt, dass die katholische Kirche sich endlich mal an sie anpassen soll. Klar, wenn man schon die Abendmahlsgemeinschaft mit reformierten Kirchen hat, die nicht an die Realpräsenz glauben, obwohl man selber irgendwie noch eine Art Realpräsenz lehrt, erwartet man wohl auch von anderen nicht mehr, das Sakrament heilig zu halten. Es ist wichtiger, dass wir so tun, als wären wir eine Gemeinschaft, als dass wir wirklich eine sind. Dabei könnte man viel ehrlicher zusammenarbeiten, wenn man anerkennen würde, wo man sich unterscheidet.

Herumgedruckse von Bischöfen über „Einzelfälle“, „keine generellen Regelungen“, „pastorale Begleitung“, „Gewissensentscheidungen“ und solches Zeug führt ganz einfach dazu, dass die Entscheidungen auf die nächstuntere Ebene verlagert werden: Zu den Pfarrern. Und jetzt versuchen Sie mal als Pfarrer, dem evangelischen Ehemann Ihrer Pfarrgemeinderatsvorsitzenden zu erklären: „Nein, tut mir leid, damit teilen Sie nicht wirklich den Glauben der katholischen Kirche, ich kann Ihnen die Kommunion nicht geben.“ Versuchen Sie mal, zu einem lesbischen Paar, das frisch standesamtlich verheiratet ins Pfarrbüro kommt und noch eine romantische kirchliche Feier verlangt, eine der beiden jungen Frauen noch dazu eine ehemalige Ministrantin, zu sagen: „Nein, Ihre Beziehung ist keine sakramentale Ehe, die Kirche kann so eine Beziehung nicht segnen“. Denken Sie immer dran: Sie sind der Unbarmherzige, der noch unbarmherziger ist als die unbarmherzigen bischöflichen Kirchenfürsten. Von denen brauchen Sie auch gar keinen Rückhalt mehr zu erwarten.

Und zu noch etwas führt es: Immer weniger Leute werden der Kirche glauben, dass sie manche Dinge tatsächlich nicht ändern kann. Nein, die deutschen Bischöfe haben nicht erklärt, dass Dogmen wie die Unauflöslichkeit der Ehe (siehe die schon ewig schwärende Angelegenheit um die Wiederverheirat-Geschiedenen), die Identität der Ehe als Bund zwischen Mann und Frau, oder die Lehre über das Sakrament der Eucharistie sich irgendwie geändert hätten. Aber sie haben dafür gesorgt, dass sie das Handeln in der Praxis weniger und weniger beeinflussen. Und in der Kirche gilt nun einmal, dass lex orandi, lex credendi und lex agendi (das Gesetz des Betens, das Gesetz des Glaubens und das Gesetz des Handelns) eng zusammenhängen. Und die meisten Leute, die in der Tageszeitung oder der Rundschau von einer Entscheidung der Bischofskonferenz erfahren, haben eben keine theologische Ausbildung und können nicht so einfach unterscheiden, was Dogmen sind und was nicht. Es ist ja nicht so, dass die Rundschau es erklären (oder auch bloß selber verstehen) würde. Sie haben also den Eindruck, etwas ändert sich, das man früher nicht ändern wollte; also, wieso sollte sich nicht auch noch etwas anderes ändern, das man zurzeit nicht ändern will?

Ich gebe hier mal eine Unterhaltung zwischen mir und meiner Mutter vor einigen Wochen wieder; zuerst ging es um Luther, den Ablasshandel und die Reformation, dann kam die Rede irgendwie auf das Konzil von Trient und ich habe allgemein erklärt, was Dogmen sind und dass sie unveränderlich sind:

Sie: Aber blöd wäre es dann halt, wenn ein Papst sagt, das ist Dogma, und der nächste sagt dann, das Gegenteil davon ist jetzt Dogma.

Ich: Das ist nie passiert.

Sie: Ach, das ist nie passiert?

Ich: Nein, das ist nie passiert.

(Es folgte ein Gespräch darüber, dass der Heilige Geist die Kirche vor Irrtum bei Dogmen bewahrt und dass z. B. der Zölibat kein Dogma ist, die Dreifaltigkeit aber schon, und die Tatsache, dass Frauen keine Priester werden können, so quasi ein Dogma.)

Der Punkt ist: Meine Mutter ist nicht besonders kirchenfern. Sie geht zwar nicht regelmäßig sonntags zur Messe, betet aber jeden Tag. Einmal im Jahr nimmt sie an einer kleinen Wallfahrt teil. Als ich ihr einmal erzählt habe, dass es bei einem Vortrag in der Pfarrei darum gegangen sei, dass Jesus gestorben ist, um die Welt zu erlösen, meinte sie „Also, das weiß doch eh jeder“. Wenn eine Messe für verstorbene Großeltern oder andere Verwandte gehalten wird, geht sie selbstverständlich hin. Aber ihr war nicht bewusst, dass nie ein Dogma von der Kirche verändert wurde.

Die meisten Leute haben gar kein Bewusstsein für die Geschichte der Kirche, dafür, was sie all die Jahrhunderte hindurch bewahrt hat. Wie sollten sie auch? Niemand hat es ihnen je gesagt.

Ein weiterer Punkt: Wenn es (ob jetzt bei der Kommunionzulassung von Evangelischen, oder auch von Wiederverheirateten, oder bei der Segnung homosexueller Partnerschaften) um Einzelfälle gehen soll, die tatsächlich Einzelfälle bleiben sollen (tun wir mal so, als wäre es so), würde, statt dass jeder Katholik wüsste, woran er aufgrund einer klaren Regel ist, der einzelne Pfarrer willkürliche Entscheidungen treffen können. Der eine würde die Kommunion erhalten, der andere nicht, und aufgrund welcher Kriterien? Weil sein Gewissen sich so oder so anfühlt, weil sein Pfarrer liberaler oder konservativer ist? Das Ganze erinnert mich an meine erste Kirchenrechtsvorlesung: Der Dozent betonte damals, dass das Recht gerade für die Menschen da sei, damit jeder sein Recht bekomme. Wenn es klare Regeln gibt, kann jeder sein Recht bekommen, und weiß auch, mit welchem Recht er das und das, was er gern hätte, gerade nicht bekommt. Wenn alles nur um Einzelfälle und subjektive Entscheidungen geht, weiß das keiner mehr.

Was ist „geistlicher Missbrauch“?

  • Wenn man von der Familie oder den Freunden isoliert wird
  • Wenn man am besten alle Kontakte zu Außenstehenden oder – noch schlimmer – Aussteigern abbrechen soll
  • Wenn man davor gewarnt wird, dass Außenstehende, die vielleicht in Zukunft versuchen könnten, einen von der Gruppe abzubringen, vom Teufel gesandt wären und man sie gar nicht anhören dürfte
  • Wenn einem klar ist, dass man die Freundschaft der anderen Mitglieder automatisch verlieren würde, sobald man aus der Gruppe aussteigen würde
  • Wenn die Kleinigkeiten des Alltagslebens überwacht werden
  • Wenn eine Gruppe Druck ausübt, um die gesamte freie Zeit zu beanspruchen
  • Wenn man gedrängt wird, in Gruppensitzungen alle seine Sünden oder Probleme aufzudecken, auch wenn man sich dabei nicht wohl fühlt
  • Wenn solche vertraulichen Informationen dann unangekündigt vom Gruppenleiter an andere weitergegeben werden und später dazu verwendet werden, Kontrolle über einen auszuüben
  • Wenn ehrliche Fragen (Wieso lässt ein guter Gott Leid zu? Will Gott wirklich von mir, dass ich dieser speziellen Gruppe folge? Ist es wirklich eine Pflicht der Sittsamkeit für Frauen, nur Röcke und keine Hosen zu tragen?) nicht ernst genommen und beantwortet, sondern wie Vergehen behandelt werden
  • Wenn einem, sobald man Einsprüche wagt, Kritik äußert oder versucht, auf seinen Rechten zu bestehen, oder auch, sich gegen Vorwürfe zu verteidigen, die gegen einen erhoben werden, gesagt wird, man sei rebellisch, ungehorsam, hochmütig oder stelle sich gegen den Heiligen Geist, kurz, man sei selber das Problem
  • Wenn Leiter nicht hinterfragt werden dürfen und niemandem rechenschaftspflichtig sind
  • Wenn Leiter beanspruchen, dass Gott / der Heilige Geist / whatever in allen ihren Entscheidungen direkt durch sie spreche – oft, ohne dass sie irgendwelche Beweise dafür bringen müssen, dass Gott sie auf diese Weise auserwählt hat
  • Wenn gesagt wird, man müsste den Leitern oder anderen Autoritätspersonen auch dann gehorchen, wenn sie Unsinniges oder sogar Sündhaftes befehlen würden – vor Gott wäre man nur dafür verantwortlich, zu gehorchen; alle Sünden, die man dabei vielleicht begehen würde, würden einem nicht angerechnet werden
  • Wenn Informationen über Aufbau und Praktiken der Organisation geheim gehalten werden sollen
  • Wenn vor einem selbst beim Eintritt in die Organisation noch manche wichtige Dinge geheim gehalten werden, die man erst auf einer späteren Stufe der Initiation erfahren soll
  • Wenn gleich mal mit der Hölle gedroht wird – z. B. dafür, dass man nicht oft genug an der Haustürmission teilnimmt oder dabei nicht genügend Bekehrungserfolge vorweisen kann. Solche Drohungen können subtil oder weniger subtil sein. Gerne wird auch mal die Drohung von der unwiderruflichen Verdammnis verwendet – sprich, man bezeichnet ein bestimmtes Fehlverhalten als die unvergebbare Sünde, als die „Sünde gegen den Heiligen Geist“. [Die katholische Kirche interpretiert diese Bibelstelle übrigens ganz anders: Jede Sünde wird bei Reue vergeben werden, die Sünde gegen den Heiligen Geist meint einfach nur Reuelosigkeit, mit dem alten Ausdruck „Unbußfertigkeit“.]
  • Wenn man gedrängt wird (vielleicht auch mithilfe von impliziten oder expliziten Höllendrohungen), Fehlverhalten von Leitern – ob es sich dabei um Zweckentfremdung von Spendengeldern, außereheliche Affären oder sogar den sexuellen Missbrauch von Kindern handelt – nicht publik zu machen, um der Organisation oder der „Sache Gottes“ nicht zu schaden
  • Wenn man nach außen hin nicht von irgendwelchen Problemen in der Organisation sprechen soll

Zusammengefasst: Abschottung, erzwungene Intimität, Kontrolle, Manipulation, Anmaßung von absoluter Autorität, Drohungen, Geheimhaltung – das alles sind typische Beispiele für das, was man als „geistlichen Missbrauch“ bezeichnet.

Solche Dinge sind normalerweise Kennzeichen von Gemeinschaften, die man im allgemeinen Sprachgebrauch als „Sekten“ bezeichnet – aber es gibt sie nicht nur dort. Auch in Organisationen innerhalb der katholischen Kirche kann es gelegentlich dazu kommen. Die Legionäre Christi (und ihr Laienapostolat Regnum Christi) wären ein Beispiel: Gegründet von einem Kinderschänder, der ein Doppelleben führte und einen autoritären Personenkult um sich selbst aufbaute. Kinder in den Internaten der Legionäre wurden oft auf totalen Gehorsam getrimmt und durften wenig Kontakt zu ihren Familien haben, dem Anwerben von neuen Mitgliedern und – vor allem – von Spenden wurde oft mehr Bedeutung zugemessen als allem anderen, die Legionäre wurden als die einzig wahren Katholiken dargestellt, es gab ein spezielles Gelübde der „Nächstenliebe“, das vorschrieb, Kritik an Vorgesetzten nur mit diesen selbst zu besprechen, und Vorgesetzte waren gleichzeitig Beichtväter – ganz anders als etwa in jedem normalen Priesterseminar. Solche Regeln mussten immerhin durch die von Rom erzwungenen Reformen nach dem Bekanntwerden von Maciels Vergehen geändert werden; ich weiß nicht, ob die Legionäre sich inzwischen auch wirklich in der Tiefe erneuert haben. (Dass erst dieses Jahr der Rektor ihres Priesterseminars seine Amtszeit noch beenden durfte, nachdem er seinen Ordensoberen bereits mitgeteilt hatte, dass er ein Kind gezeugt hatte,  was diese auf seinen Wunsch hin erst einmal vertraulich behandelten (http://www.kath.net/news/61242 ), spricht nicht unbedingt für den Orden. Aber ich kenne mich sonst nicht näher mit seinem jetzigen Zustand aus.)

Die Legionäre sind allerdings nicht die einzige Gemeinschaft, die in der Hinsicht kritisiert wird. Der Neokatechumenale Weg zum Beispiel hat ebenfalls keinen einwandfreien Ruf (https://de.wikipedia.org/wiki/Neokatechumenaler_Weg#Inhaltliche_Kritik ). Und natürlich kann es auch mal in normalen Pfarreien, kirchlichen Vereinen oder Klöstern, wenn es dort entsprechend machtbewusste Persönlichkeiten gibt, zu geistlichem Missbrauch kommen.

Ich habe so etwas persönlich noch nie erlebt, sondern nur von Erlebnissen anderer gehört und gelesen. Aber ich finde, es ist wichtig, die Anzeichen zu kennen – nur für den Fall, dass man mal in eine interessante neu gegründete geistliche Gemeinschaft hineingerät, die dann anfängt, immer stärkere Kontrolle über das Alltagsleben zu verlangen, unter dem Deckmantel, einem zur Heiligung zu verhelfen. Nein, zur Heiligung ist es eben nicht nötig, alle seine Sünden öffentlich in einer Gruppe, vor Leuten, die man kaum kennt, darzulegen und dann die ganze Fastenzeit über nur Wasser und Brot zu sich zu nehmen, weil das dem Gruppenleiter als die beste Übung der Demut für einen vom Heiligen Geist persönlich offenbart worden ist.

Sektenartige Gemeinschaften oder sehr autoritäre Kleriker haben natürlich eine gewisse Anziehungskraft: Sie machen ernst. Sie sind radikal. Sie stellen das ganze Leben unter Gottes Willen. Aber Gottes Wille ist eben nicht automatisch der Wille eines Katecheten beim Neokatechumenalen Weg. Es gibt Gründe, wieso es in der Kirche zum Beispiel das Beichtgeheimnis gibt, und wieso sie genau festgelegt hat, was Sünden sind und wo im Gegenzug jeder seinen eigenen Weg finden darf: Um die Leute vor so etwas zu schützen. Nicht, dass zusätzliche persönliche Gelübde, oder der Anschluss an Gruppen, in denen man zusätzliche persönliche Gelübde macht, generell schlecht wären, das würde niemand behaupten; oft geht das Schlechte erst da los, wo ein solcher Weg nicht mehr als ein Weg unter vielen in der Kirche, sondern als der einzig wahre katholische Weg dargestellt wird, als etwas, das man nicht ausschlagen kann, ohne das eigene Heil zu gefährden. Oft erkennt man fragwürdige Gemeinschaften auch an ihrem Verhalten gegenüber kritischen Bischöfen: Sie akzeptieren keine Verurteilungen, stellen sich grundsätzlich als die Opfer hin, wenn sie kritisiert werden, als Märtyrer, als die letzte Bastion Gottes, die vom Satan in Gestalt der Kirchenhierarchie angegriffen wird. Mit Gehorsam ist es dann nicht mehr weit her.

Fazit: Prüfet alles, das Gute behaltet. Auch bei geistlichen Gemeinschaften. Manche von ihnen, wenn sie sich selbst absolut setzen, können einem authentischen katholischen geistlichen Leben im Weg stehen, statt dabei zu helfen.

LGBTQ, die Wissenschaft, und wir Katholiken

Vor kurzem hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, im Geburtenregister müsste zur Eintragung des Geschlechts eine dritte Option neben „männlich“ und „weiblich“ geschaffen werden. Betroffen sind Intersexuelle, also Menschen, die bei der Geburt biologisch nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind, die also zum Beispiel männliche und weibliche Geschlechtsorgane gleichzeitig haben, die seltsame Genkombinationen wie XXY haben.

In der genderskeptischen katholischen Welt ist man ja meistens wenig angetan, wenn man irgendetwas davon hört, dass Gerichte oder Parlamente dritte oder soundsovielte Geschlechter anerkennen wollen. In dem Fall ist das allerdings keine so große Sache – auch wenn die frühere Regelung, die seit ein paar Jahren existierte, dass der Geschlechtseintrag ausgelassen werden kann, an sich bereits ausreichend gewesen wäre. (Intersexualität schafft kein drittes Geschlecht, sondern uneindeutige Zwischenformen zwischen den beiden Geschlechtern.) Aber hier geht es jedenfalls nicht um „Ich definiere mich ab heute so und so, objektive Geschlechter existieren nicht“. Intersexualität existiert; manche Leute sind einfach nicht eindeutig männlich oder weiblich. Übrigens sind Regelungen dieser Art auch nichts völlig Neues; zum Beispiel sah das Preußische Allgemeine Landrecht von 1794 für „Zwitter“ das Recht vor, das ihnen von den Eltern bei der Geburt zugeteilte Geschlecht bei Erreichen der Volljährigkeit zu wechseln: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwitterparagraf .

Wie lässt sich das alles mit unserem Schöpfungsverständnis – Gott schuf den Menschen als Mann und Frau – vereinbaren? Na ja, wo soll das Problem liegen? Störungen existieren in dieser gefallenen Natur. Gott hat den Menschen an sich auch mit Vernunft erschaffen, trotzdem gibt es Menschen mit geistigen Behinderungen, denen sie fehlt. Gott hat den Menschen an sich mit einem Körper und einer Seele erschaffen; trotzdem gibt es siamesische Zwillinge, die sich gewissermaßen einen Körper teilen. Gott hat den Körper des Menschen mit zwei Armen und zwei Beinen erschaffen, trotzdem gibt es Menschen, die ohne Arme oder  Beine auf die Welt kommen.

An dieser Stelle gleich zu einem Einwand, den manche Gender-Befürworter hier vielleicht sofort vorbringen würden: Wie kann man die Identität eines Menschen als Störung bezeichnen? Hatespeech.

Ehrlich gesagt kann ich diesen Einwand so überhaupt gar nicht nachvollziehen. Erniedrigt man siamesische Zwillinge, Menschen mit Downsyndrom, Menschen mit Diabetes, Menschen mit Demenz, Menschen ohne Beine oder Menschen mit einer psychischen Krankheit, wenn man sagt, sie leiden an einer Störung? „Störung“ ist kein Schimpfwort; sollte es jedenfalls nicht sein. Und ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass jemand, der in einer Welt lebt, in der die Menschen (ebenso wie alle Säugetiere) von Natur aus in den Varianten männlich – weiblich vorkommen, und der selber irgendwie beides oder nichts davon ist, nicht unter seiner unklaren Geschlechtsidentität leidet, und zwar unabhängig davon, ob er in der Schule dafür gehänselt oder von Tante Inge schief angeschaut wird. Dass man an Intersexualität nicht unbedingt etwas ändern kann – zum Glück werden heute bei Neugeborenen keine unnötigen (langfristig oft schädlichen) Operationen mehr durchgeführt, um sie nach einem bestimmten Geschlecht aussehen zu lassen – spielt in diesem Zusammenhang nicht die geringste Rolle. Downsyndrom kann man genauso wenig heilen. Verurteilt man irgendjemanden dafür, Downsyndrom zu haben? Möchte man andererseits gerne Downsyndrom haben? Kann man trotzdem gut mit Downsyndrom klarkommen, wenn man Menschen hat, die einen unterstützen?

In dem Zusammenhang von angeborener Intersexualität musste ich auch an das Thema Homosexualität denken, und an die Debatte, ob sie genetisch bedingt ist oder nicht. Tatsächlich trifft man ja gelegentlich (inzwischen seltener) auf religiöse Menschen, die darauf bestehen, Homosexualität sei nicht genetisch, sondern eher durch Umwelteinflüsse (wie eine schlechte Beziehung zum eigenen Vater oder anderen männlichen Vorbildern bei Schwulen) bedingt. Diese Ansicht findet sich gelegentlich auch unter Katholiken, obwohl sie unter Evangelikalen noch weiter verbreitet zu sein scheint. Dabei ist die Fragestellung sinnlos – oder zumindest von geringem praktischem Interesse. (Weshalb die Kirche auch nichts dazu sagt.) Sowohl Gene als auch Umwelt sind äußerliche Kräfte, die eine Neigung verursachen, für die man eben nichts kann und nach der man nach der katholischen Moral eben nicht handeln darf. Wenn ich eine Neigung zu Jähzorn habe, ist es irrelevant, ob meine Erziehung oder die Gene meiner Mutter dafür verantwortlich sind; ich darf trotzdem nicht jeden anschreien, der mich nervt. Nun gibt es ja verschiedene Arten von Homosexualität; phasenweise in der Pubertät bei manchen, bedingt durch die äußere Situation in Gefängnissen oder früher in Jungeninternaten bei anderen, unveränderlich als bleibende, lebenslange Neigung bei wieder anderen. Dass bei letzterer Art von Homosexualität die Gene zumindest eine Rolle spielen, ist meines beschränkten Wissens nach inzwischen wissenschaftlich belegt.

Was es mit Leuten auf sich hat, die sich als transgender/transsexuell identifizieren – die also körperlich gesehen zum Beispiel eindeutig männlich sind, sich aber als Frau fühlen – ist wieder eine andere, aber auch eine mit den vorigen Fragen zusammenhängende Frage. Neuere Studien legen schließlich nahe, dass auch diese Geschlechtsidentität eine biologische Basis hat, die durch die Entwicklung im Mutterleib bedingt ist – in der ersten Schwangerschaftshälfte bilden sich die Geschlechtsorgane, und erst in der zweiten die geschlechtstypischen Unterschiede im Gehirn, und wenn diese beiden Entwicklungsstufen nicht zusammenpassen, passt die gefühlte Identität nicht zum Körper; könnte man Transsexualität, wenn sie wirklich eine solche biologische Basis hat, also als eine spezielle Form der Intersexualität definieren? Vielleicht, je nachdem, wie man Intersexualität definiert. Aber ich würde sagen, eher nicht. Transsexuelle haben genetisch und organisch gesehen eine klare Geschlechtsidentität; dass sie aufgrund einer späteren Fehlentwicklung an Geschlechtsdysphorie (dem Gefühl, zum falschen Geschlecht zu gehören) leiden, löscht die eigentliche Identität nicht aus, und dass diese Geschlechtsdysphorie eine biologische Basis im Gehirn hat, ist auch nicht besonders überraschend, wenn man sich ansieht, dass z. B. auch Zwangsstörungen, Depressionen, Psychosen, bipolare Störungen und andere psychische Störungen eine biologische Basis im Gehirn haben. Meine psychische Störung redet mir sinnlose Ängste ein, z. B. vor Gift in meinen Tabletten und Einbrechern unter meinem Bett, während der für Angst zuständige Teil in meinem Gehirn sich eigentlich a) mäßigen und b) auf reale Gefahren, wie heiße Herdplatten oder den Straßenverkehr, konzentrieren sollte; und diese Fehlfunktion in meinem Gehirn hat wahrscheinlich irgendeine neurobiologische Basis. Bei anderen Menschen machen andere Stellen im Gehirn eben dahingehend etwas falsch, dass sie einem andere irreale Dinge einreden, z. B. dass man nicht zu dem Geschlecht gehört, zu dem man gehört. Meine schlimmen Vorahnungen werden nicht realer dadurch, dass sie real in meinem Gehirn existieren; ebenso wenig wird jemand durch das wirkliche Gefühl, ein Mann zu sein, ein Mann. (Ob die oben erwähnten Forschungen wissenschaftlich endgültig anerkannt sind, weiß ich übrigens nicht. Bin keine Neurobiologin. Habe nur Google.) Ich würde daher Transsexualität deutlich von Intersexualität unterscheiden; das eine ist eine physische, das andere eine psychiche Störung. Angenehm ist beides wohl nicht. Siehe die hohe Rate an Selbstmordversuchen bei Transsexuellen (vor und nach Geschlechtsumwandlungen).

Sowohl Inter- als auch Transsexualität widerlegen übrigens die These, dass das Geschlecht eine rein kulturelle Konstruktion wäre, etwas, das man sich selbst nach Belieben aussuchen könnte. Vor allem Transsexuelle leiden ja gerade darunter, dass sie das nicht können.

Was man dann in der Praxis mit diesen ganzen Fakten macht, sobald man klare Fakten vor sich hat, ist natürlich eine ganz andere Frage. Geschlechtsumwandlungen für Transgender-Personen, da das ja nur eine Angleichung an das „eigentliche“, seelische Geschlecht bedeuten würde? Sicher nicht. Wir können die körperliche Realität nicht einfach ignorieren – und sie auch nicht mit kosmetischen Veränderungen übertünchen. Wir sind nicht, wie Platon meinte, bloß gefangene Seelen im äußerlichen Käfig eines Körpers, sondern der Körper gehört zu unserem Ich. Oder was ist mit Beziehungen und der Ehe? Kann eine intersexuelle Person nach katholischem Verständnis heiraten – bzw. einen Partner welchen Geschlechts kann sie heiraten? Hier darf man natürlich nicht vergessen, dass „Intersexualität“ eine große Bandbreite medizinischer Störungen beschreibt; die Geschlechtsidentität ist nicht immer völlig uneindeutig, nicht alle Intersexuellen sind sog. „echte Zwitter“. (Dann kommt vermutlich auch ins Spiel, dass laut Kirchenrecht „[d]ie der Ehe vorausgehende und dauernde Unfähigkeit zum Beischlaf, sei sie auf seiten des Mannes oder der Frau, sei sie absolut oder relativ, […] die Ehe aus ihrem Wesen heraus ungültig [macht]“ (Codex des Kanonischen Rechts, Canon 1084, § 1; http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3Y.HTM); was natürlich auch wieder nicht bei allen Intersexuellen der Fall ist.) Hier ergeben sich jedenfalls einige schwierige Fragen – und eine Debatte unter, sagen wir mal, Kirchenrechtlern oder Moraltheologen dazu wäre etwas wirklich Interessantes.

Was ich mit alldem sagen wollte: Ich denke, wir Katholiken sollten uns solche Fragen bei Gelegenheit auch mal stellen – und zwar ernsthaft, nach Betrachtung dessen, was die neuere Forschung dazu sagt, und ohne alles zusammenzuwerfen. Ein schlechtes Beispiel bietet in dieser Hinsicht meiner Meinung nach Gabriele Kuby, die in einem Artikel in der Tagespost zur Entscheidung des BVG (http://www.die-tagespost.de/politik/Drittes-Geschlecht-per-Erlass;art315,183100) Inter- und Transsexualität einfach in eins wirft, obwohl diese Dinge nicht dasselbe sind, und dann ausführlich über gewisse Formen der Sexualerziehung und eine „Ideologie, die die Wirklichkeit leugnet“ rantet. Könnten wir bitte mal beim Thema bleiben, differenzieren und klar sagen, wo die Wirklichkeit geleugnet wird und wo nicht?

Ja, es geht hier um kleine Minderheiten, aber diese Minderheiten existieren. Manche Leute – auch manche von uns – gehören zu diesen Minderheiten.

Immer dran denken: Du bist nur das, wozu deine Geschlechtsorgane dich machen

Jedenfalls scheint der amerikanische Pastor Hans Fiene so zu denken, der hier erklärt hat, wieso Männer und Frauen nie nur Freunde sein können: http://thefederalist.com/2017/04/04/men-women-can-never-just-friends/

Fiene betreibt den Youtube-Kanal Lutheran Satire, auf dem eigentlich einige gute Videos erschienen sind (auch wenn sie ihre Message oft ein bisschen überdeutlich herüberbringen), und in letzter Zeit erscheinen seine Beiträge auch öfter mal im Federalist, einem Onlinemagazin, das typische konservative Ideen vertritt – d. h., das, was in den USA als konservativ gilt, also Nationalismus, liberale bis libertäre Ideen zur Wirtschaft, Waffenbegeisterung und konservativ-protestantische Ansichten zu Religion und Moral; eine seltsame Mischung aus den Werten der Puritaner des 17. Jahrhunderts, der aufklärerisch geprägten amerikanischen Gründervater des 18. Jahrhunderts, und der „Fundamentalisten“ des frühen 20. Jahrhunderts. Und vielleicht noch der Eugeniker und Industriellen des 19. Jahrhunderts. Pastor Fienes neuesten Artikel zu dem neuesten Amoklauf in den USA nimmt sich übrigens Simcha Fisher hier vor (https://www.simchafisher.com/2017/11/07/the-federalist-god-is-a-psychopath/ ); durch einen Link von ihr auf Facebook bin ich auch auf diesen anderen, schon ein paar Monate älteren Artikel gestoßen. Und da dachte ich mir, hey, das gibt wirklich mal ein bisschen Stoff ab, um sich aufzuregen. Fällt mir doch wieder was für einen Blogartikel ein.

Pastor Fiene geht hier von einem gesellschaftlichen Problem aus, für das er eine Lösung haben will: „All of us need to start having more babies or else the upcoming demographic tsunami will consume our nation“ (Wir müssen alle anfangen, mehr Babies zu bekommen, sonst wird der aufkommende demographische Tsunami unsere Nation zerstören). Nun hat Amerika mit 1,9 Kindern pro Frau – Tendenz allerdings, anders als in einigen europäischen Ländern mit an sich noch niedrigerer Rate, tatsächlich sinkend – eine Geburtenrate, die noch so mehr oder weniger das Bevölkerunsniveau aufrechterhält (https://www.welt.de/politik/deutschland/article140454529/Wo-die-Welt-noch-kinderfreundlich-ist.html), aber das Sinken dieser Zahlen kann man ja tatsächlich als Problem sehen. Bei linksliberalen Amerikanern wäre das vielleicht eher ein Grund, sich zu überlegen, ob man nicht als beinahe letztes Land auf der Erde mal bezahlten Mutterschaftsurlaub einführen sollte (bis jetzt gibt es dort unter Umständen zwölf Wochen unbezahlten Urlaub), oder vielleicht sogar so etwas wie Kindergeld, aber Pastor Fiene sieht das Problem offensichtlich eher auf der individuellen Ebene – die ja sicher auch eine Rolle spielt. „One of the best ways we can do so is by reversing the trend of Americans waiting longer to get married.“ (Einer der besten Wege, auf dem wir das erreichen können, ist, den Trend umzukehren, dass die Amerikaner länger damit warten, zu heiraten.) Also, Leute, heiratet, um die Nation zu retten! Und dazu, das ist klar, muss eins geschehen: „We tear down the Friend Zone.“ (Wir zerstören die Friend Zone.)

„Every year, countless young men find themselves trapped in the Friend Zone, a prison where women place any man they deem worthy of their time but not their hearts, men they’d love to have dinner with but, for whatever reason, don’t want to kiss goodnight. Being caught in the Friend Zone is an inarguable drag on fertility rates, as a man who spends several years pledging his heart to a woman who will never have his children is also a man who most likely won’t procreate with anyone else during that time of incarceration. Free him to find a woman who actually wants to marry him, however, and he’ll have several more years to sire children who will laugh, create, sing, fill the world with love and, most importantly, pay into Social Security.“

(Jedes Jahr finden sich unzählige junge Männer gefangen in der Friend Zone, einem Gefängnis, in das Frauen jeden Mann stecken, den sie als ihrer Zeit, aber nicht ihrer Herzen für würdig befinden, Männer, mit denen sie liebend gerne zu Abend essen würden, denen sie aber, aus welchem Grund auch immer, keinen Gutenachtkuss geben wollen. In der Friend Zone gefangen zu sein ist ein unbestreitbares Hemmnis für die Fruchtbarkeitsrate, denn ein Mann, der mehrere Jahre damit verbringt, sein Herz an eine Frau zu hängen, die nie seine Kinder bekommen wird, ist auch ein Mann, der sich während dieser Zeit der Haft aller Wahrscheinlichkeit nach mit niemand anderem fortpflanzen wird. Befrei ihn allerdings, damit er eine Frau finden kann, die ihn tatsächlich heiraten will, und er wird einige Jahre mehr Zeit haben, um Kinder zu zeugen, die lachen werden, kreativ sein werden, singen werden, die Welt mit Liebe füllen werden, und, am wichtigsten, in die Sozialversicherung einzahlen werden.)

Okay… Was haben wir gelernt:

  • Der hauptsächlich Daseinszweck von Menschen ist es, in die Sozialversicherung einzuzahlen. (Ich nehme zu Pastor Fienes Gunsten mal an, dass er hier selber ein bisschen ironisch spricht.)
  • Wenn eine Frau einem Mann ihre Zeit schenkt, hat er das Recht, von ihr auch eine Beziehung zu erwarten. Wie kann sie erwarten, dass er mit ihr isst, wenn sie ihn dann nicht küssen, heiraten und seine Kinder bekommen will? (Man beachtete die Formulierung: „seine Kinder bekommen“, nicht „mit ihm Kinder bekommen“.)
  • Wenn eine Frau klar macht, dass sie nur Freundschaft will, der Mann so tut, als wäre das für ihn okay, aber insgeheim – jahrelang! – darauf hofft, sie doch noch als Partnerin zu gewinnen, dann ist das Problem nicht er, sondern sie. Bitch.
  • So viele Männer versuchen jahrelang, uninteressierte Frauen über „Freundschaft“ zu bekommen, dass die Leute im Durchschnitt so spät heiraten, dass sie kaum noch Kinder bekommen (können), weshalb die amerikanische Nation untergeht.

Pastor Fiene erklärt dem Weibsvolk, wie es aussieht: „women must accept the following truths: you don’t have any guy friends and, in fact, you can’t have any guy friends.“ (Frauen müssen die folgenden Wahrheiten akzeptieren: Ihr habt keine Männer als Freunde, und ihr könnt tatsächlich keine Männer als Freunde haben.)

Er erklärt auch, wieso Männer nur dann Zeit zu zweit mit weiblichen Freunden verbringen, wenn sie insgeheim in die verliebt sind – und das gibt interessante Einblicke in seine Einstellung zu Beziehungen im Allgemeinen:

„Imagine that friendship is a good that people acquire in exchange for the currency of their time. The average man lives in a competitive friendship market where some forms of friendship appeal to him more than others and therefore get his business.“

(Stell dir vor, dass Freundschaft ein Gut ist, das Leute im Gegenzug für die Währung ihrer Zeit erwerben. Der durchschnittliche Mann lebt in einem konkurrenzbetonten Markt der Freundschaft, wo einige Formen der Freundschaft ihn mehr als andere ansprechen und daher das Geschäft machen.)

Freundschaft ist ein Konsumgut; man geht sie nicht ein, weil man den anderen mag, sondern weil man im Austausch für seine Zeit etwas bekommt.

„What then, is the average man looking for in a friend? By and large, something along these lines:

  1. Someone who shares his interest in activities such as watching movies where things explode, playing video games where things explode, or putting fireworks in things so they’ll explode. Bonus points if you enjoy yelling at football players through the television set and laughing at noxious flatulence.
  2. Someone who won’t pressure him to open up beyond his comfort level if his girlfriend breaks up with him,he loses his job, or his mom gets eaten by a yeti.
  3. Someone who cherishes the man tradition of showing affection through insults and general jackassery.

If you are a lady who believes your dude friends are genuinely ‚just friends,‘ ask yourself this: Which of these things are you better at giving a man than another man is?“

(Nach was sucht dann der durchschnittliche Mann bei einem Freund? Im Großen und Ganzen, nach etwas in dieser Art: 1. Jemand, der sein Interesse an Aktivitäten teilt wie: Filme zu schauen, in denen Dinge explodieren, Videospiele zu spielen, in denen Dinge explodieren, oder Feuerwerk in Dinge zu stecken, sodass sie explodieren. Bonuspunkte, wenn du es genießt, Footballspieler durch den Fernseher anzuschreien und über eklige Blähungen zu lachen. 2. Jemand, der ihn nicht drängen wird, sich mehr zu öffnen, als ihm angenehm ist, wenn seine Freundin mit ihm Schluss macht, er seinen Job verliert, oder seine Mutter von einem Yeti gefressen wird. 3. Jemand, der die Männertradition in Ehren hält, Zuneigung durch Beleidigung und generelle Gemeinheit zu zeigen. Wenn du eine Lady bist, die glaubt, dass ihre männlichen Freunde ernsthaft „bloß Freunde“ sind, frag dich das: Welches von diesen Dingen kannst du einem Mann besser geben als ein anderer Mann das kann?)

Vielleicht sollte man auch sich noch etwas anderes fragen: Ist das wirklich das, was alle Männer sich unter Freundschaft vorstellen? Oder ist das alles, was alle Männer sich unter Freundschaft vorstellen?

„The answer is clear. None of them. You are not especially good at liking ‚Karate Ninja 7: Exploding Hands of Fury,‘ or informing the offensive line of the Chicago Bears, via your Samsung, that they are all false starting idiots. […] By and large, you are not very good at supplying the kind of friendship the average man demands.“

(Die Antwort ist klar. Nichts davon. Du bist nicht besonders gut dabei, „Karate Ninja 7: Exploding Hands of Fury“ zu mögen oder die Stürmer der Chicago Bears via dein Samsunggerät zu informieren, dass sie alle falsche verschreckte Idioten sind. […] Im Großen und Ganzen bist du nicht sehr gut dabei, die Art von Freundschaft bereitzustellen, die der durchschnittliche Mann fordert.)

Und das weiß Hans Fiene nochmal woher genau?

In der realen Welt gibt es sehr viele Interessen, die bestimmte Männer und Frauen gemeinsam haben (und bestimmte andere Männer und Frauen dann nicht): eine bestimmte Musikrichtung, Der Herr der Ringe, thomistische Theologie, Politik, Schach, lateinamerikanischer Tanz, Tennis, Leichtathletik, Blasmusik, Hundezucht, Evolutionsbiologie… Männer und Frauen sind zusammen in allen möglichen Vereinen, Kursen, Berufen. Und ja, es gibt sogar Frauen, die Videospiele spielen, Footballfans sind, Karate machen, ein Auto reparieren können, gut in Mathe sind, Informatik studieren, oder aggressiv oder vulgär oder gefühlsmäßig distanziert sind (was Fiene für notwendige Attribute der Männlichkeit zu halten scheint). Genauso, wie es Männer gibt, die gern kochen, gut mit Kindern umgehen können oder sensibel sind (was er den Frauen zugesteht).

Fienes Fazit ist jedenfalls klar: Wenn ein Mann dein Freund ist, dann sicher nicht, weil er deine Freundschaft schätzt, dafür wäre jeder Mann besser geeignet. Stell dir bloß nicht vor, deine Persönlichkeit könnte ihm gerade gefallen haben. Jeder Mann wäre besser als du. Es kann gar nicht sein, dass du persönlich und dieser Mann da zufällig mehr Gemeinsamkeiten haben als er und jeder andere Mann auf der Welt. Aber, es gibt ja Trost:

„Just because men don’t want to be your friend, however, doesn’t mean they don’t enjoy your company. They most certainly do. They love discovering how you see the world, what you think about life, the universe, and everything. They love your kindness, thoughtfulness, sensitivity, support, and your nurturing heart. They love being in your presence when you display the wonders of the feminine virtues.

But because God designed these virtues to entice men into marriage, the average man will never be content to receive those gifts in a form of companionship that doesn’t lead to marriage. Quite simply, men can’t be at peace being just friends. And there’s nothing you can do to change that.“

(Aber nur weil Männer nicht deine Freunde sein wollen, bedeutet das nicht, dass sie deine Gesellschaft nicht mögen. Das tun sie sicher. Sie lieben es, zu entdecken, wie du die Welt siehst, was du über das Leben, das Universum und alles und jedes denkst. Sie lieben deine Güte, Rücksichtnahme, Sensibilität, Unterstützung und dein sorgendes Herz. Sie lieben es, in deiner Nähe zu sein, wenn du die Wunder der weiblichen Tugenden zeigst. Aber weil Gott diese Tugenden dafür geschaffen hat, Männer in die Ehe zu locken, wird der durchschnittliche Mann nie damit zufrieden sein, diese Gaben in der Form einer Kameradschaft zu erhalten, die nicht zu einer Ehe führt. Männer können ganz einfach nicht damit zufrieden sein, nur Freunde zu sein. Und da gibt es nichts, was du tun kannst, um das zu ändern.)

Wir lernen: Es gibt keine allgemein menschlichen Tugenden, sondern Männer müssen bestimmte Tugenden zeigen und Frauen müssen bestimmte Tugenden zeigen. Männer sind von Güte, Rücksichtnahme und Sensibilität entschuldigt, und Frauen offenbar, wie ich dem verlinkten Artikel über weibliche Tugenden entnehme, von Mut und Aufopferungsbereitschaft.

Das Problem bei Leuten wie Hans Fiene – besonders ausgeprägt bei konservativen amerikanischen Protestanten, aber durchaus auch mal bei anderen konservativen Christen zu sehen – ist, dass sie politisch inkorrekt sein wollen, um dem wahren Glauben zu folgen, und dabei völlig von der Tradition des wahren Glaubens abgeschnitten sind. Die Kirchenväter zum Beispiel hielten geistliche Freundschaften zwischen Männern und Frauen sehr wohl für möglich, sogar für erstrebenswert. Laut Fiene hätte also der hl. Hieronymus nicht mit der hl. Paula oder der hl. Eustochium befreundet sein dürfen, der hl. Franz von Sales nicht mit der hl. Johanna Franziska von Chantal, und der hl. Johannes Paul II. nicht mit Anna Teresa Tymieniecka (eine verheiratete polnisch-amerikanische Philosophin, mit der der Papst dreißig Jahre lang einen regelmäßigen Briefwechsel unterhielt). Nun ist Fiene ja Lutheraner und scheint in der Tradition Luthers zu stehen, der die Enthaltsamkeit für etwas hielt, was sowieso niemand hinkriegt, weswegen die Leute alle heiraten sollen, also weiß ich nicht, ob Fiene Franz und Johanna Franziska eine unterdrückte Verliebtheit unterstellen würde oder so was, aber gut: Protestantische Irrungen halt.

Fienes Text jedenfalls klingt so, als würde jeder Mann, der eine nette Frau kennenlernt, die „weibliche Tugenden“ besitzt, von ihr auf die Weise angezogen werden, dass er sie gleich heiraten will. Dass man Menschen unterschiedlichen Geschlechts mögen kann, ohne sich in sie zu verlieben, scheint keine Möglichkeit zu sein. Leute, bitte: Als Ehepartner kommt nur ein Mensch im Leben in Frage (solange der nicht stirbt), aber man wird mit vielen Menschen unterschiedlichen Geschlechts zusammenkommen, und manche davon wird man vielleicht auch so gerne mögen, dass man sie etwas näher kennenlernen und mehr mit ihnen zu tun haben möchte. Was ist so schlimm daran?

Natürlich kann die Situation vorkommen, dass in einer Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau der eine sich mehr erhofft als der andere (es kann auch mal die Frau sein, die verliebt ist!); es kann auch mal vorkommen, dass der eine sich unsicher ist, ob der andere vielleicht mehr erwartet oder ob man selber nur zu viel in normale freundschaftliche Gesten hineinliest. Und manche Freundschaften entwickeln sich zu ernsthaften Beziehungen, und andere nicht. Aber erwachsene Menschen können mit so etwas umgehen. Glaubt Fiene ernsthaft, dass es sich in der Heiratsstatistik niederschlägt, dass unzählige junge Männer jahrelang uninteressierten Frauen hinterherlaufen? Ich will hier mal ganz ehrlich sein: Ich denke, dass die meisten Männer (und Frauen) nicht auf diese Weise ihre Zeit verschwenden würden. Irgendwann merkt man, dass das nichts wird.

Fienes gesamter Artikel zeigt eigentlich eine irgendwo menschenverachtende Haltung: Wir brauchen mehr Kinder zum Nutzen der Gesellschaft. – Du bist verpflichtet, Kinder zu bekommen. – Heirate gefälligst! Und dulde ja nichts, was andere Leute eventuell vom Heiraten abhalten könnte!

Man könnte auch noch erwähnen, dass das Problem bei einer niedrigen Geburtenrate in diesem Fall sowieso nicht ein zu hohes Heiratsalter ist – so hoch liegt das durchschnittliche Heiratsalter in den USA nun wirklich nicht, und auch eine Frau, die mit Ende zwanzig oder Anfang dreißig heiratet, kann auf jeden Fall noch ohne Probleme zwei oder drei Kinder bekommen.

Zuletzt will ich meinen Lesern nicht vorenthalten, was der Pastor den angesprochenen Frauen als Lösung verschlägt, wenn sie männliche Freunde haben sollten, an denen sie bei näherer Betrachtung tatsächlich kein romantisches Interesse haben:

„Call him up and tell him, ‚It’s not my fault that your facial symmetry grosses out my ovaries, but it was my fault that I got your hopes up by putting you in the Friend Zone. As restitution, please accept the phone numbers of five girls I know who find you attractive. Stop wasting your time with me and go hang out with a girl who might one day bear your children.‘

Do this now. Don’t hesitate, thinking that you don’t want to lose him as a friend.“

(Ruf ihn an und sag ihm: „Es ist nicht meine Schuld, dass deine Gesichtssymmetrie meine Eierstöcke anwidert, aber es war meine Schuld, dass ich dir Hoffnungen gemacht habe, indem ich dich in die Friend Zone gesteckt habe. Als Entschädigung nimm bitte die Telefonnummern von fünf Mädchen an, von denen ich weiß, dass sie dich attraktiv finden. Hör auf, deine Zeit mit mir zu verschwenden und häng mit einem Mädchen herum, das eines Tages deine Kinder gebären könnte.“ Tu das jetzt. Zögere nicht, weil du denkst, dass du ihn nicht als Freund verlieren willst.)

Okay. Kein Kommentar.

Der Pastor beendet seinen Artikel mit der Aufforderung an Frauen, zu heiraten, ein paar Mal schwanger zu werden und ein paar hübsche kleine zukünftige Steuerzahler in die Welt zu setzen. Achtung, Achtung! Hans Fiene hat das elfte Gebot wiederentdeckt! No, Sir. Ich habe nicht vor, in nächster Zeit zu heiraten und ein paar zukünftige kleine Steuerzahler in die Welt zu setzen.

Ich hab noch mal nachgedacht…

In diesem Beitrag hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/09/26/lasst-es-bleiben/ ) habe ich die Meinung geäußert, es wäre klüger gewesen, anstatt mit der correctio filialis noch einen weiteren Einspruch gegen durch Amoris Laetitia begünstigte Irrlehren zu erheben, einfach zu schweigen, den Streit nicht weiter anzufachen, und auf Klarheit unter dem nächsten Papst zu warten, da Franziskus keine geben wird. Ehrlich gesagt sind mir inzwischen Zweifel an dieser Meinung gekommen.

Das Problem ist einfach, dass sich ja nicht alle Wiederverheiratet-Geschiedenen bis zum nächsten Konklave in Luft auflösen, und auch die neuen Scheidungen und Wiederverheiratungen werden nicht ausbleiben. Damit müssen die Seelsorger jetzt umgehen. Bringt es dann wirklich was, das Problem in der Öffentlichkeit totzuschweigen und als Seelsorger einfach zu versuchen, es im eigenen Wirkungskreis weiter mit der alten Praxis zu halten? Es wurden ja unter einzelnen Bischöfen schon Seelsorger wegen einer solchen Einstellung gemaßregelt oder entlassen, und manche Bischofskonferenzen haben offizielle Richtlinien erlassen, die der Interpretation von AL folgen, dass nicht enthaltsam lebende Wiederverheiratet-Geschiedene nicht unbedingt von der Kommunion wegbleiben müssten. In der Öffentlichkeit ist schon längst der Eindruck da, dass sich die Kirche hier geändert hat, dass Franziskus endlich für die überfällige, den armen unterdrückten Katholiken so lange verwehrte Barmherzigkeit gesorgt hat. Bald wird er schon auch noch den Zölibat abschaffen, Frauen weihen, und alle Protestanten zur gemeinsamen Kommunion einladen. Sicher, wenn man immer wieder Klarheit vom Papst fordert, und immer wieder kommt nur Schweigen, dann wird die Öffentlichkeit noch eher meinen, dass der Papst eindeutig die alte Praxis unter seinen Vorgängern ablehnt. Und die ganzen Feindseligkeiten zwischen den verschiedenen Fraktionen in der Kirche werden durch immer neue Proteste auch nicht unbedingt besser.

Aber wäre es besser, gar nichts zu tun? Eine falsche Praxis ohne Widerspruch einschleichen zu lassen, in der Hoffnung, dass sich schon irgendwann wieder alles richten wird, unterm nächsten Papst? Ich bin mir nicht mehr sicher. Vielleicht sollte man das Thema nicht einfach auf sich beruhen lassen. Immerhin hat Kardinal Müller jetzt, nach der correctio, schon vorgeschlagen, eine Disputation über dieses Thema abhalten zu lassen, auch wenn noch in den Sternen steht, ob jemals etwas daraus werden wird (Papst Franziskus ist ja nicht unbedingt bekannt dafür, mit Kardinal Müller einer Meinung zu sein und auf seine Ratschläge zu hören). Auch Kardinal Burke ist wieder im Vatikan, vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass der Papst seine stellenweise rabiate Personalpolitik lockern und seine konservativeren Kritiker eher wieder anhören wird. Ob die inzwischen sechs Initiativen von Theologen und Kardinälen, um Klarheit über AL zu fordern, damit etwas zu tun haben? Keine Ahnung. Vielleicht ja, vielleicht auch überhaupt nicht.

Wir, die Schafe in der Kirche, haben jedenfalls an sich das Recht, von unseren Hirten zu erwarten, dass sie uns richtig führen. Dass sie unsere Anliegen achten, dass sie auf unsere Gewissensfragen eingehen, dass sie, anstatt jeden, der wissen will, was jetzt moralisch verpflichtend ist und was nicht, mit „Du Pharisäer!“ abzufertigen, auf solche Fragen klare Antworten geben. Wir haben ein Recht darauf, dass sie das, was Christus ihnen anvertraut hat, den Glauben in seiner ganzen Fülle (denn auseinandergerissen und stückhaft macht er keinen Sinn), bewahren. Wir haben nicht nur Pflichten ihnen gegenüber, wir haben auch Rechte. Dem Papst gehorsam zu sein, das heißt nicht, dass es Majestätsbeleidigung ist, ihn in irgendeiner Weise zu kritisieren. Eine solche Einstellung sollte man wahrscheinlich genausowenig einreißen lassen wie eine falsche Einstellung zur Bedeutung der ehelichen Treue. Vielleicht ist es allein deswegen schon besser, die Diskussionen innerhalb der Kirche, so sinnlos oder unangenehm sie manchmal werden, nicht einfach abbrechen zu wollen.

Oder was meint ihr? Was wäre das Klügere hier?