LGBTQ, die Wissenschaft, und wir Katholiken

Vor kurzem hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, im Geburtenregister müsste zur Eintragung des Geschlechts eine dritte Option neben „männlich“ und „weiblich“ geschaffen werden. Betroffen sind Intersexuelle, also Menschen, die bei der Geburt biologisch nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind, die also zum Beispiel männliche und weibliche Geschlechtsorgane gleichzeitig haben, die seltsame Genkombinationen wie XXY haben.

In der genderskeptischen katholischen Welt ist man ja meistens wenig angetan, wenn man irgendetwas davon hört, dass Gerichte oder Parlamente dritte oder soundsovielte Geschlechter anerkennen wollen. In dem Fall ist das allerdings keine so große Sache – auch wenn die frühere Regelung, die seit ein paar Jahren existierte, dass der Geschlechtseintrag ausgelassen werden kann, an sich bereits ausreichend gewesen wäre. (Intersexualität schafft kein drittes Geschlecht, sondern uneindeutige Zwischenformen zwischen den beiden Geschlechtern.) Aber hier geht es jedenfalls nicht um „Ich definiere mich ab heute so und so, objektive Geschlechter existieren nicht“. Intersexualität existiert; manche Leute sind einfach nicht eindeutig männlich oder weiblich. Übrigens sind Regelungen dieser Art auch nichts völlig Neues; zum Beispiel sah das Preußische Allgemeine Landrecht von 1794 für „Zwitter“ das Recht vor, das ihnen von den Eltern bei der Geburt zugeteilte Geschlecht bei Erreichen der Volljährigkeit zu wechseln: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwitterparagraf .

Wie lässt sich das alles mit unserem Schöpfungsverständnis – Gott schuf den Menschen als Mann und Frau – vereinbaren? Na ja, wo soll das Problem liegen? Störungen existieren in dieser gefallenen Natur. Gott hat den Menschen an sich auch mit Vernunft erschaffen, trotzdem gibt es Menschen mit geistigen Behinderungen, denen sie fehlt. Gott hat den Menschen an sich mit einem Körper und einer Seele erschaffen; trotzdem gibt es siamesische Zwillinge, die sich gewissermaßen einen Körper teilen. Gott hat den Körper des Menschen mit zwei Armen und zwei Beinen erschaffen, trotzdem gibt es Menschen, die ohne Arme oder  Beine auf die Welt kommen.

An dieser Stelle gleich zu einem Einwand, den manche Gender-Befürworter hier vielleicht sofort vorbringen würden: Wie kann man die Identität eines Menschen als Störung bezeichnen? Hatespeech.

Ehrlich gesagt kann ich diesen Einwand so überhaupt gar nicht nachvollziehen. Erniedrigt man siamesische Zwillinge, Menschen mit Downsyndrom, Menschen mit Diabetes, Menschen mit Demenz, Menschen ohne Beine oder Menschen mit einer psychischen Krankheit, wenn man sagt, sie leiden an einer Störung? „Störung“ ist kein Schimpfwort; sollte es jedenfalls nicht sein. Und ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass jemand, der in einer Welt lebt, in der die Menschen (ebenso wie alle Säugetiere) von Natur aus in den Varianten männlich – weiblich vorkommen, und der selber irgendwie beides oder nichts davon ist, nicht unter seiner unklaren Geschlechtsidentität leidet, und zwar unabhängig davon, ob er in der Schule dafür gehänselt oder von Tante Inge schief angeschaut wird. Dass man an Intersexualität nicht unbedingt etwas ändern kann – zum Glück werden heute bei Neugeborenen keine unnötigen (langfristig oft schädlichen) Operationen mehr durchgeführt, um sie nach einem bestimmten Geschlecht aussehen zu lassen – spielt in diesem Zusammenhang nicht die geringste Rolle. Downsyndrom kann man genauso wenig heilen. Verurteilt man irgendjemanden dafür, Downsyndrom zu haben? Möchte man andererseits gerne Downsyndrom haben? Kann man trotzdem gut mit Downsyndrom klarkommen, wenn man Menschen hat, die einen unterstützen?

In dem Zusammenhang von angeborener Intersexualität musste ich auch an das Thema Homosexualität denken, und an die Debatte, ob sie genetisch bedingt ist oder nicht. Tatsächlich trifft man ja gelegentlich (inzwischen seltener) auf religiöse Menschen, die darauf bestehen, Homosexualität sei nicht genetisch, sondern eher durch Umwelteinflüsse (wie eine schlechte Beziehung zum eigenen Vater oder anderen männlichen Vorbildern bei Schwulen) bedingt. Diese Ansicht findet sich gelegentlich auch unter Katholiken, obwohl sie unter Evangelikalen noch weiter verbreitet zu sein scheint. Dabei ist die Fragestellung sinnlos – oder zumindest von geringem praktischem Interesse. (Weshalb die Kirche auch nichts dazu sagt.) Sowohl Gene als auch Umwelt sind äußerliche Kräfte, die eine Neigung verursachen, für die man eben nichts kann und nach der man nach der katholischen Moral eben nicht handeln darf. Wenn ich eine Neigung zu Jähzorn habe, ist es irrelevant, ob meine Erziehung oder die Gene meiner Mutter dafür verantwortlich sind; ich darf trotzdem nicht jeden anschreien, der mich nervt. Nun gibt es ja verschiedene Arten von Homosexualität; phasenweise in der Pubertät bei manchen, bedingt durch die äußere Situation in Gefängnissen oder früher in Jungeninternaten bei anderen, unveränderlich als bleibende, lebenslange Neigung bei wieder anderen. Dass bei letzterer Art von Homosexualität die Gene zumindest eine Rolle spielen, ist meines beschränkten Wissens nach inzwischen wissenschaftlich belegt.

Was es mit Leuten auf sich hat, die sich als transgender/transsexuell identifizieren – die also körperlich gesehen zum Beispiel eindeutig männlich sind, sich aber als Frau fühlen – ist wieder eine andere, aber auch eine mit den vorigen Fragen zusammenhängende Frage. Neuere Studien legen schließlich nahe, dass auch diese Geschlechtsidentität eine biologische Basis hat, die durch die Entwicklung im Mutterleib bedingt ist – in der ersten Schwangerschaftshälfte bilden sich die Geschlechtsorgane, und erst in der zweiten die geschlechtstypischen Unterschiede im Gehirn, und wenn diese beiden Entwicklungsstufen nicht zusammenpassen, passt die gefühlte Identität nicht zum Körper; könnte man Transsexualität, wenn sie wirklich eine solche biologische Basis hat, also als eine spezielle Form der Intersexualität definieren? Vielleicht, je nachdem, wie man Intersexualität definiert. Aber ich würde sagen, eher nicht. Transsexuelle haben genetisch und organisch gesehen eine klare Geschlechtsidentität; dass sie aufgrund einer späteren Fehlentwicklung an Geschlechtsdysphorie (dem Gefühl, zum falschen Geschlecht zu gehören) leiden, löscht die eigentliche Identität nicht aus, und dass diese Geschlechtsdysphorie eine biologische Basis im Gehirn hat, ist auch nicht besonders überraschend, wenn man sich ansieht, dass z. B. auch Zwangsstörungen, Depressionen, Psychosen, bipolare Störungen und andere psychische Störungen eine biologische Basis im Gehirn haben. Meine psychische Störung redet mir sinnlose Ängste ein, z. B. vor Gift in meinen Tabletten und Einbrechern unter meinem Bett, während der für Angst zuständige Teil in meinem Gehirn sich eigentlich a) mäßigen und b) auf reale Gefahren, wie heiße Herdplatten oder den Straßenverkehr, konzentrieren sollte; und diese Fehlfunktion in meinem Gehirn hat wahrscheinlich irgendeine neurobiologische Basis. Bei anderen Menschen machen andere Stellen im Gehirn eben dahingehend etwas falsch, dass sie einem andere irreale Dinge einreden, z. B. dass man nicht zu dem Geschlecht gehört, zu dem man gehört. Meine schlimmen Vorahnungen werden nicht realer dadurch, dass sie real in meinem Gehirn existieren; ebenso wenig wird jemand durch das wirkliche Gefühl, ein Mann zu sein, ein Mann. (Ob die oben erwähnten Forschungen wissenschaftlich endgültig anerkannt sind, weiß ich übrigens nicht. Bin keine Neurobiologin. Habe nur Google.) Ich würde daher Transsexualität deutlich von Intersexualität unterscheiden; das eine ist eine physische, das andere eine psychiche Störung. Angenehm ist beides wohl nicht. Siehe die hohe Rate an Selbstmordversuchen bei Transsexuellen (vor und nach Geschlechtsumwandlungen).

Sowohl Inter- als auch Transsexualität widerlegen übrigens die These, dass das Geschlecht eine rein kulturelle Konstruktion wäre, etwas, das man sich selbst nach Belieben aussuchen könnte. Vor allem Transsexuelle leiden ja gerade darunter, dass sie das nicht können.

Was man dann in der Praxis mit diesen ganzen Fakten macht, sobald man klare Fakten vor sich hat, ist natürlich eine ganz andere Frage. Geschlechtsumwandlungen für Transgender-Personen, da das ja nur eine Angleichung an das „eigentliche“, seelische Geschlecht bedeuten würde? Sicher nicht. Wir können die körperliche Realität nicht einfach ignorieren – und sie auch nicht mit kosmetischen Veränderungen übertünchen. Wir sind nicht, wie Platon meinte, bloß gefangene Seelen im äußerlichen Käfig eines Körpers, sondern der Körper gehört zu unserem Ich. Oder was ist mit Beziehungen und der Ehe? Kann eine intersexuelle Person nach katholischem Verständnis heiraten – bzw. einen Partner welchen Geschlechts kann sie heiraten? Hier darf man natürlich nicht vergessen, dass „Intersexualität“ eine große Bandbreite medizinischer Störungen beschreibt; die Geschlechtsidentität ist nicht immer völlig uneindeutig, nicht alle Intersexuellen sind sog. „echte Zwitter“. (Dann kommt vermutlich auch ins Spiel, dass laut Kirchenrecht „[d]ie der Ehe vorausgehende und dauernde Unfähigkeit zum Beischlaf, sei sie auf seiten des Mannes oder der Frau, sei sie absolut oder relativ, […] die Ehe aus ihrem Wesen heraus ungültig [macht]“ (Codex des Kanonischen Rechts, Canon 1084, § 1; http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3Y.HTM); was natürlich auch wieder nicht bei allen Intersexuellen der Fall ist.) Hier ergeben sich jedenfalls einige schwierige Fragen – und eine Debatte unter, sagen wir mal, Kirchenrechtlern oder Moraltheologen dazu wäre etwas wirklich Interessantes.

Was ich mit alldem sagen wollte: Ich denke, wir Katholiken sollten uns solche Fragen bei Gelegenheit auch mal stellen – und zwar ernsthaft, nach Betrachtung dessen, was die neuere Forschung dazu sagt, und ohne alles zusammenzuwerfen. Ein schlechtes Beispiel bietet in dieser Hinsicht meiner Meinung nach Gabriele Kuby, die in einem Artikel in der Tagespost zur Entscheidung des BVG (http://www.die-tagespost.de/politik/Drittes-Geschlecht-per-Erlass;art315,183100) Inter- und Transsexualität einfach in eins wirft, obwohl diese Dinge nicht dasselbe sind, und dann ausführlich über gewisse Formen der Sexualerziehung und eine „Ideologie, die die Wirklichkeit leugnet“ rantet. Könnten wir bitte mal beim Thema bleiben, differenzieren und klar sagen, wo die Wirklichkeit geleugnet wird und wo nicht?

Ja, es geht hier um kleine Minderheiten, aber diese Minderheiten existieren. Manche Leute – auch manche von uns – gehören zu diesen Minderheiten.

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Immer dran denken: Du bist nur das, wozu deine Geschlechtsorgane dich machen

Jedenfalls scheint der amerikanische Pastor Hans Fiene so zu denken, der hier erklärt hat, wieso Männer und Frauen nie nur Freunde sein können: http://thefederalist.com/2017/04/04/men-women-can-never-just-friends/

Fiene betreibt den Youtube-Kanal Lutheran Satire, auf dem eigentlich einige gute Videos erschienen sind (auch wenn sie ihre Message oft ein bisschen überdeutlich herüberbringen), und in letzter Zeit erscheinen seine Beiträge auch öfter mal im Federalist, einem Onlinemagazin, das typische konservative Ideen vertritt – d. h., das, was in den USA als konservativ gilt, also Nationalismus, liberale bis libertäre Ideen zur Wirtschaft, Waffenbegeisterung und konservativ-protestantische Ansichten zu Religion und Moral; eine seltsame Mischung aus den Werten der Puritaner des 17. Jahrhunderts, der aufklärerisch geprägten amerikanischen Gründervater des 18. Jahrhunderts, und der „Fundamentalisten“ des frühen 20. Jahrhunderts. Und vielleicht noch der Eugeniker und Industriellen des 19. Jahrhunderts. Pastor Fienes neuesten Artikel zu dem neuesten Amoklauf in den USA nimmt sich übrigens Simcha Fisher hier vor (https://www.simchafisher.com/2017/11/07/the-federalist-god-is-a-psychopath/ ); durch einen Link von ihr auf Facebook bin ich auch auf diesen anderen, schon ein paar Monate älteren Artikel gestoßen. Und da dachte ich mir, hey, das gibt wirklich mal ein bisschen Stoff ab, um sich aufzuregen. Fällt mir doch wieder was für einen Blogartikel ein.

Pastor Fiene geht hier von einem gesellschaftlichen Problem aus, für das er eine Lösung haben will: „All of us need to start having more babies or else the upcoming demographic tsunami will consume our nation“ (Wir müssen alle anfangen, mehr Babies zu bekommen, sonst wird der aufkommende demographische Tsunami unsere Nation zerstören). Nun hat Amerika mit 1,9 Kindern pro Frau – Tendenz allerdings, anders als in einigen europäischen Ländern mit an sich noch niedrigerer Rate, tatsächlich sinkend – eine Geburtenrate, die noch so mehr oder weniger das Bevölkerunsniveau aufrechterhält (https://www.welt.de/politik/deutschland/article140454529/Wo-die-Welt-noch-kinderfreundlich-ist.html), aber das Sinken dieser Zahlen kann man ja tatsächlich als Problem sehen. Bei linksliberalen Amerikanern wäre das vielleicht eher ein Grund, sich zu überlegen, ob man nicht als beinahe letztes Land auf der Erde mal bezahlten Mutterschaftsurlaub einführen sollte (bis jetzt gibt es dort unter Umständen zwölf Wochen unbezahlten Urlaub), oder vielleicht sogar so etwas wie Kindergeld, aber Pastor Fiene sieht das Problem offensichtlich eher auf der individuellen Ebene – die ja sicher auch eine Rolle spielt. „One of the best ways we can do so is by reversing the trend of Americans waiting longer to get married.“ (Einer der besten Wege, auf dem wir das erreichen können, ist, den Trend umzukehren, dass die Amerikaner länger damit warten, zu heiraten.) Also, Leute, heiratet, um die Nation zu retten! Und dazu, das ist klar, muss eins geschehen: „We tear down the Friend Zone.“ (Wir zerstören die Friend Zone.)

„Every year, countless young men find themselves trapped in the Friend Zone, a prison where women place any man they deem worthy of their time but not their hearts, men they’d love to have dinner with but, for whatever reason, don’t want to kiss goodnight. Being caught in the Friend Zone is an inarguable drag on fertility rates, as a man who spends several years pledging his heart to a woman who will never have his children is also a man who most likely won’t procreate with anyone else during that time of incarceration. Free him to find a woman who actually wants to marry him, however, and he’ll have several more years to sire children who will laugh, create, sing, fill the world with love and, most importantly, pay into Social Security.“

(Jedes Jahr finden sich unzählige junge Männer gefangen in der Friend Zone, einem Gefängnis, in das Frauen jeden Mann stecken, den sie als ihrer Zeit, aber nicht ihrer Herzen für würdig befinden, Männer, mit denen sie liebend gerne zu Abend essen würden, denen sie aber, aus welchem Grund auch immer, keinen Gutenachtkuss geben wollen. In der Friend Zone gefangen zu sein ist ein unbestreitbares Hemmnis für die Fruchtbarkeitsrate, denn ein Mann, der mehrere Jahre damit verbringt, sein Herz an eine Frau zu hängen, die nie seine Kinder bekommen wird, ist auch ein Mann, der sich während dieser Zeit der Haft aller Wahrscheinlichkeit nach mit niemand anderem fortpflanzen wird. Befrei ihn allerdings, damit er eine Frau finden kann, die ihn tatsächlich heiraten will, und er wird einige Jahre mehr Zeit haben, um Kinder zu zeugen, die lachen werden, kreativ sein werden, singen werden, die Welt mit Liebe füllen werden, und, am wichtigsten, in die Sozialversicherung einzahlen werden.)

Okay… Was haben wir gelernt:

  • Der hauptsächlich Daseinszweck von Menschen ist es, in die Sozialversicherung einzuzahlen. (Ich nehme zu Pastor Fienes Gunsten mal an, dass er hier selber ein bisschen ironisch spricht.)
  • Wenn eine Frau einem Mann ihre Zeit schenkt, hat er das Recht, von ihr auch eine Beziehung zu erwarten. Wie kann sie erwarten, dass er mit ihr isst, wenn sie ihn dann nicht küssen, heiraten und seine Kinder bekommen will? (Man beachtete die Formulierung: „seine Kinder bekommen“, nicht „mit ihm Kinder bekommen“.)
  • Wenn eine Frau klar macht, dass sie nur Freundschaft will, der Mann so tut, als wäre das für ihn okay, aber insgeheim – jahrelang! – darauf hofft, sie doch noch als Partnerin zu gewinnen, dann ist das Problem nicht er, sondern sie. Bitch.
  • So viele Männer versuchen jahrelang, uninteressierte Frauen über „Freundschaft“ zu bekommen, dass die Leute im Durchschnitt so spät heiraten, dass sie kaum noch Kinder bekommen (können), weshalb die amerikanische Nation untergeht.

Pastor Fiene erklärt dem Weibsvolk, wie es aussieht: „women must accept the following truths: you don’t have any guy friends and, in fact, you can’t have any guy friends.“ (Frauen müssen die folgenden Wahrheiten akzeptieren: Ihr habt keine Männer als Freunde, und ihr könnt tatsächlich keine Männer als Freunde haben.)

Er erklärt auch, wieso Männer nur dann Zeit zu zweit mit weiblichen Freunden verbringen, wenn sie insgeheim in die verliebt sind – und das gibt interessante Einblicke in seine Einstellung zu Beziehungen im Allgemeinen:

„Imagine that friendship is a good that people acquire in exchange for the currency of their time. The average man lives in a competitive friendship market where some forms of friendship appeal to him more than others and therefore get his business.“

(Stell dir vor, dass Freundschaft ein Gut ist, das Leute im Gegenzug für die Währung ihrer Zeit erwerben. Der durchschnittliche Mann lebt in einem konkurrenzbetonten Markt der Freundschaft, wo einige Formen der Freundschaft ihn mehr als andere ansprechen und daher das Geschäft machen.)

Freundschaft ist ein Konsumgut; man geht sie nicht ein, weil man den anderen mag, sondern weil man im Austausch für seine Zeit etwas bekommt.

„What then, is the average man looking for in a friend? By and large, something along these lines:

  1. Someone who shares his interest in activities such as watching movies where things explode, playing video games where things explode, or putting fireworks in things so they’ll explode. Bonus points if you enjoy yelling at football players through the television set and laughing at noxious flatulence.
  2. Someone who won’t pressure him to open up beyond his comfort level if his girlfriend breaks up with him,he loses his job, or his mom gets eaten by a yeti.
  3. Someone who cherishes the man tradition of showing affection through insults and general jackassery.

If you are a lady who believes your dude friends are genuinely ‚just friends,‘ ask yourself this: Which of these things are you better at giving a man than another man is?“

(Nach was sucht dann der durchschnittliche Mann bei einem Freund? Im Großen und Ganzen, nach etwas in dieser Art: 1. Jemand, der sein Interesse an Aktivitäten teilt wie: Filme zu schauen, in denen Dinge explodieren, Videospiele zu spielen, in denen Dinge explodieren, oder Feuerwerk in Dinge zu stecken, sodass sie explodieren. Bonuspunkte, wenn du es genießt, Footballspieler durch den Fernseher anzuschreien und über eklige Blähungen zu lachen. 2. Jemand, der ihn nicht drängen wird, sich mehr zu öffnen, als ihm angenehm ist, wenn seine Freundin mit ihm Schluss macht, er seinen Job verliert, oder seine Mutter von einem Yeti gefressen wird. 3. Jemand, der die Männertradition in Ehren hält, Zuneigung durch Beleidigung und generelle Gemeinheit zu zeigen. Wenn du eine Lady bist, die glaubt, dass ihre männlichen Freunde ernsthaft „bloß Freunde“ sind, frag dich das: Welches von diesen Dingen kannst du einem Mann besser geben als ein anderer Mann das kann?)

Vielleicht sollte man auch sich noch etwas anderes fragen: Ist das wirklich das, was alle Männer sich unter Freundschaft vorstellen? Oder ist das alles, was alle Männer sich unter Freundschaft vorstellen?

„The answer is clear. None of them. You are not especially good at liking ‚Karate Ninja 7: Exploding Hands of Fury,‘ or informing the offensive line of the Chicago Bears, via your Samsung, that they are all false starting idiots. […] By and large, you are not very good at supplying the kind of friendship the average man demands.“

(Die Antwort ist klar. Nichts davon. Du bist nicht besonders gut dabei, „Karate Ninja 7: Exploding Hands of Fury“ zu mögen oder die Stürmer der Chicago Bears via dein Samsunggerät zu informieren, dass sie alle falsche verschreckte Idioten sind. […] Im Großen und Ganzen bist du nicht sehr gut dabei, die Art von Freundschaft bereitzustellen, die der durchschnittliche Mann fordert.)

Und das weiß Hans Fiene nochmal woher genau?

In der realen Welt gibt es sehr viele Interessen, die bestimmte Männer und Frauen gemeinsam haben (und bestimmte andere Männer und Frauen dann nicht): eine bestimmte Musikrichtung, Der Herr der Ringe, thomistische Theologie, Politik, Schach, lateinamerikanischer Tanz, Tennis, Leichtathletik, Blasmusik, Hundezucht, Evolutionsbiologie… Männer und Frauen sind zusammen in allen möglichen Vereinen, Kursen, Berufen. Und ja, es gibt sogar Frauen, die Videospiele spielen, Footballfans sind, Karate machen, ein Auto reparieren können, gut in Mathe sind, Informatik studieren, oder aggressiv oder vulgär oder gefühlsmäßig distanziert sind (was Fiene für notwendige Attribute der Männlichkeit zu halten scheint). Genauso, wie es Männer gibt, die gern kochen, gut mit Kindern umgehen können oder sensibel sind (was er den Frauen zugesteht).

Fienes Fazit ist jedenfalls klar: Wenn ein Mann dein Freund ist, dann sicher nicht, weil er deine Freundschaft schätzt, dafür wäre jeder Mann besser geeignet. Stell dir bloß nicht vor, deine Persönlichkeit könnte ihm gerade gefallen haben. Jeder Mann wäre besser als du. Es kann gar nicht sein, dass du persönlich und dieser Mann da zufällig mehr Gemeinsamkeiten haben als er und jeder andere Mann auf der Welt. Aber, es gibt ja Trost:

„Just because men don’t want to be your friend, however, doesn’t mean they don’t enjoy your company. They most certainly do. They love discovering how you see the world, what you think about life, the universe, and everything. They love your kindness, thoughtfulness, sensitivity, support, and your nurturing heart. They love being in your presence when you display the wonders of the feminine virtues.

But because God designed these virtues to entice men into marriage, the average man will never be content to receive those gifts in a form of companionship that doesn’t lead to marriage. Quite simply, men can’t be at peace being just friends. And there’s nothing you can do to change that.“

(Aber nur weil Männer nicht deine Freunde sein wollen, bedeutet das nicht, dass sie deine Gesellschaft nicht mögen. Das tun sie sicher. Sie lieben es, zu entdecken, wie du die Welt siehst, was du über das Leben, das Universum und alles und jedes denkst. Sie lieben deine Güte, Rücksichtnahme, Sensibilität, Unterstützung und dein sorgendes Herz. Sie lieben es, in deiner Nähe zu sein, wenn du die Wunder der weiblichen Tugenden zeigst. Aber weil Gott diese Tugenden dafür geschaffen hat, Männer in die Ehe zu locken, wird der durchschnittliche Mann nie damit zufrieden sein, diese Gaben in der Form einer Kameradschaft zu erhalten, die nicht zu einer Ehe führt. Männer können ganz einfach nicht damit zufrieden sein, nur Freunde zu sein. Und da gibt es nichts, was du tun kannst, um das zu ändern.)

Wir lernen: Es gibt keine allgemein menschlichen Tugenden, sondern Männer müssen bestimmte Tugenden zeigen und Frauen müssen bestimmte Tugenden zeigen. Männer sind von Güte, Rücksichtnahme und Sensibilität entschuldigt, und Frauen offenbar, wie ich dem verlinkten Artikel über weibliche Tugenden entnehme, von Mut und Aufopferungsbereitschaft.

Das Problem bei Leuten wie Hans Fiene – besonders ausgeprägt bei konservativen amerikanischen Protestanten, aber durchaus auch mal bei anderen konservativen Christen zu sehen – ist, dass sie politisch inkorrekt sein wollen, um dem wahren Glauben zu folgen, und dabei völlig von der Tradition des wahren Glaubens abgeschnitten sind. Die Kirchenväter zum Beispiel hielten geistliche Freundschaften zwischen Männern und Frauen sehr wohl für möglich, sogar für erstrebenswert. Laut Fiene hätte also der hl. Hieronymus nicht mit der hl. Paula oder der hl. Eustochium befreundet sein dürfen, der hl. Franz von Sales nicht mit der hl. Johanna Franziska von Chantal, und der hl. Johannes Paul II. nicht mit Anna Teresa Tymieniecka (eine verheiratete polnisch-amerikanische Philosophin, mit der der Papst dreißig Jahre lang einen regelmäßigen Briefwechsel unterhielt). Nun ist Fiene ja Lutheraner und scheint in der Tradition Luthers zu stehen, der die Enthaltsamkeit für etwas hielt, was sowieso niemand hinkriegt, weswegen die Leute alle heiraten sollen, also weiß ich nicht, ob Fiene Franz und Johanna Franziska eine unterdrückte Verliebtheit unterstellen würde oder so was, aber gut: Protestantische Irrungen halt.

Fienes Text jedenfalls klingt so, als würde jeder Mann, der eine nette Frau kennenlernt, die „weibliche Tugenden“ besitzt, von ihr auf die Weise angezogen werden, dass er sie gleich heiraten will. Dass man Menschen unterschiedlichen Geschlechts mögen kann, ohne sich in sie zu verlieben, scheint keine Möglichkeit zu sein. Leute, bitte: Als Ehepartner kommt nur ein Mensch im Leben in Frage (solange der nicht stirbt), aber man wird mit vielen Menschen unterschiedlichen Geschlechts zusammenkommen, und manche davon wird man vielleicht auch so gerne mögen, dass man sie etwas näher kennenlernen und mehr mit ihnen zu tun haben möchte. Was ist so schlimm daran?

Natürlich kann die Situation vorkommen, dass in einer Freundschaft zwischen einem Mann und einer Frau der eine sich mehr erhofft als der andere (es kann auch mal die Frau sein, die verliebt ist!); es kann auch mal vorkommen, dass der eine sich unsicher ist, ob der andere vielleicht mehr erwartet oder ob man selber nur zu viel in normale freundschaftliche Gesten hineinliest. Und manche Freundschaften entwickeln sich zu ernsthaften Beziehungen, und andere nicht. Aber erwachsene Menschen können mit so etwas umgehen. Glaubt Fiene ernsthaft, dass es sich in der Heiratsstatistik niederschlägt, dass unzählige junge Männer jahrelang uninteressierten Frauen hinterherlaufen? Ich will hier mal ganz ehrlich sein: Ich denke, dass die meisten Männer (und Frauen) nicht auf diese Weise ihre Zeit verschwenden würden. Irgendwann merkt man, dass das nichts wird.

Fienes gesamter Artikel zeigt eigentlich eine irgendwo menschenverachtende Haltung: Wir brauchen mehr Kinder zum Nutzen der Gesellschaft. – Du bist verpflichtet, Kinder zu bekommen. – Heirate gefälligst! Und dulde ja nichts, was andere Leute eventuell vom Heiraten abhalten könnte!

Man könnte auch noch erwähnen, dass das Problem bei einer niedrigen Geburtenrate in diesem Fall sowieso nicht ein zu hohes Heiratsalter ist – so hoch liegt das durchschnittliche Heiratsalter in den USA nun wirklich nicht, und auch eine Frau, die mit Ende zwanzig oder Anfang dreißig heiratet, kann auf jeden Fall noch ohne Probleme zwei oder drei Kinder bekommen.

Zuletzt will ich meinen Lesern nicht vorenthalten, was der Pastor den angesprochenen Frauen als Lösung verschlägt, wenn sie männliche Freunde haben sollten, an denen sie bei näherer Betrachtung tatsächlich kein romantisches Interesse haben:

„Call him up and tell him, ‚It’s not my fault that your facial symmetry grosses out my ovaries, but it was my fault that I got your hopes up by putting you in the Friend Zone. As restitution, please accept the phone numbers of five girls I know who find you attractive. Stop wasting your time with me and go hang out with a girl who might one day bear your children.‘

Do this now. Don’t hesitate, thinking that you don’t want to lose him as a friend.“

(Ruf ihn an und sag ihm: „Es ist nicht meine Schuld, dass deine Gesichtssymmetrie meine Eierstöcke anwidert, aber es war meine Schuld, dass ich dir Hoffnungen gemacht habe, indem ich dich in die Friend Zone gesteckt habe. Als Entschädigung nimm bitte die Telefonnummern von fünf Mädchen an, von denen ich weiß, dass sie dich attraktiv finden. Hör auf, deine Zeit mit mir zu verschwenden und häng mit einem Mädchen herum, das eines Tages deine Kinder gebären könnte.“ Tu das jetzt. Zögere nicht, weil du denkst, dass du ihn nicht als Freund verlieren willst.)

Okay. Kein Kommentar.

Der Pastor beendet seinen Artikel mit der Aufforderung an Frauen, zu heiraten, ein paar Mal schwanger zu werden und ein paar hübsche kleine zukünftige Steuerzahler in die Welt zu setzen. Achtung, Achtung! Hans Fiene hat das elfte Gebot wiederentdeckt! No, Sir. Ich habe nicht vor, in nächster Zeit zu heiraten und ein paar zukünftige kleine Steuerzahler in die Welt zu setzen.

Ich hab noch mal nachgedacht…

In diesem Beitrag hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/09/26/lasst-es-bleiben/ ) habe ich die Meinung geäußert, es wäre klüger gewesen, anstatt mit der correctio filialis noch einen weiteren Einspruch gegen durch Amoris Laetitia begünstigte Irrlehren zu erheben, einfach zu schweigen, den Streit nicht weiter anzufachen, und auf Klarheit unter dem nächsten Papst zu warten, da Franziskus keine geben wird. Ehrlich gesagt sind mir inzwischen Zweifel an dieser Meinung gekommen.

Das Problem ist einfach, dass sich ja nicht alle Wiederverheiratet-Geschiedenen bis zum nächsten Konklave in Luft auflösen, und auch die neuen Scheidungen und Wiederverheiratungen werden nicht ausbleiben. Damit müssen die Seelsorger jetzt umgehen. Bringt es dann wirklich was, das Problem in der Öffentlichkeit totzuschweigen und als Seelsorger einfach zu versuchen, es im eigenen Wirkungskreis weiter mit der alten Praxis zu halten? Es wurden ja unter einzelnen Bischöfen schon Seelsorger wegen einer solchen Einstellung gemaßregelt oder entlassen, und manche Bischofskonferenzen haben offizielle Richtlinien erlassen, die der Interpretation von AL folgen, dass nicht enthaltsam lebende Wiederverheiratet-Geschiedene nicht unbedingt von der Kommunion wegbleiben müssten. In der Öffentlichkeit ist schon längst der Eindruck da, dass sich die Kirche hier geändert hat, dass Franziskus endlich für die überfällige, den armen unterdrückten Katholiken so lange verwehrte Barmherzigkeit gesorgt hat. Bald wird er schon auch noch den Zölibat abschaffen, Frauen weihen, und alle Protestanten zur gemeinsamen Kommunion einladen. Sicher, wenn man immer wieder Klarheit vom Papst fordert, und immer wieder kommt nur Schweigen, dann wird die Öffentlichkeit noch eher meinen, dass der Papst eindeutig die alte Praxis unter seinen Vorgängern ablehnt. Und die ganzen Feindseligkeiten zwischen den verschiedenen Fraktionen in der Kirche werden durch immer neue Proteste auch nicht unbedingt besser.

Aber wäre es besser, gar nichts zu tun? Eine falsche Praxis ohne Widerspruch einschleichen zu lassen, in der Hoffnung, dass sich schon irgendwann wieder alles richten wird, unterm nächsten Papst? Ich bin mir nicht mehr sicher. Vielleicht sollte man das Thema nicht einfach auf sich beruhen lassen. Immerhin hat Kardinal Müller jetzt, nach der correctio, schon vorgeschlagen, eine Disputation über dieses Thema abhalten zu lassen, auch wenn noch in den Sternen steht, ob jemals etwas daraus werden wird (Papst Franziskus ist ja nicht unbedingt bekannt dafür, mit Kardinal Müller einer Meinung zu sein und auf seine Ratschläge zu hören). Auch Kardinal Burke ist wieder im Vatikan, vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass der Papst seine stellenweise rabiate Personalpolitik lockern und seine konservativeren Kritiker eher wieder anhören wird. Ob die inzwischen sechs Initiativen von Theologen und Kardinälen, um Klarheit über AL zu fordern, damit etwas zu tun haben? Keine Ahnung. Vielleicht ja, vielleicht auch überhaupt nicht.

Wir, die Schafe in der Kirche, haben jedenfalls an sich das Recht, von unseren Hirten zu erwarten, dass sie uns richtig führen. Dass sie unsere Anliegen achten, dass sie auf unsere Gewissensfragen eingehen, dass sie, anstatt jeden, der wissen will, was jetzt moralisch verpflichtend ist und was nicht, mit „Du Pharisäer!“ abzufertigen, auf solche Fragen klare Antworten geben. Wir haben ein Recht darauf, dass sie das, was Christus ihnen anvertraut hat, den Glauben in seiner ganzen Fülle (denn auseinandergerissen und stückhaft macht er keinen Sinn), bewahren. Wir haben nicht nur Pflichten ihnen gegenüber, wir haben auch Rechte. Dem Papst gehorsam zu sein, das heißt nicht, dass es Majestätsbeleidigung ist, ihn in irgendeiner Weise zu kritisieren. Eine solche Einstellung sollte man wahrscheinlich genausowenig einreißen lassen wie eine falsche Einstellung zur Bedeutung der ehelichen Treue. Vielleicht ist es allein deswegen schon besser, die Diskussionen innerhalb der Kirche, so sinnlos oder unangenehm sie manchmal werden, nicht einfach abbrechen zu wollen.

Oder was meint ihr? Was wäre das Klügere hier?

Lasst es bleiben

Man kann dem Papst so viele Fragen zu Amoris Laetitia stellen, wie man will, er wird nicht antworten. Ja, die Leute wollen Klarheit. Ja, sie wollen wissen, was jetzt eigentlich Sache ist, was der Papst zu dem Thema jetzt eigentlich denkt. Und der Papst hält uns dafür für legalistische Pharisäer und ignoriert uns. Das mag uns aufregen, und wir mögen uns ziemlich ungerecht behandelt und vorverurteilt vorkommen, aber es ist jedenfalls seine Überzeugung. Und, Leute, wir sind hier nicht bei Benedikt XVI. Franziskus ist ein autoritärer Mensch, der macht, was er für richtig hält, auch wenn er dabei von anderen als unhöflich wahrgenommen wird, und der nicht einmal Kardinälen, die ihm Anfragen gestellt haben, eine Audienz gewährt hat. Auf dieses neue Papier von irgendwelchen Theologen wird er erst recht nicht eingehen. Es bringt nichts und es schafft nur noch mehr Streit und beleidigende Online-Diskussionen und gegenseitige Vorwürfe zwischen der einen Katholiken-Fraktion und der anderen. Die Veröffentlichung war kontraproduktiv. Mir wäre auch Klarheit lieber, aber die werden wir unter diesem Papst nicht kriegen.

Tipp: Nicht mehr über das Thema reden als nötig, abwarten bis zum nächsten Papst, und dann wieder fragen. Lasst es bleiben.

 

Noch eins am Ende. Ich habe ein bisschen hin und her überlegt, ob ich das hier überhaupt veröffentlichen soll – Achtung vor unserem Heiligen Vater und so. Ich bin bis jetzt zu keinem rechten Ergebnis in der Frage gekommen, was genau die Achtung vor ihm verlangt, ob wir unseren Ärger mit einigen seiner Handlungen manchmal auch einfach lieber für uns behalten und für ihn beten – und das nicht unbedingt in der „Lieber Gott, bitte mach, dass dieser Idiot sich endlich bekehrt!“-Art – sollten. Aber ich denke mal, es ist manchmal auch ganz gut, wenn wir als „konservative“ Benedikt-Katholiken uns ein bisschen über unsere Frustrationen mit dieser fruchtlosen Debatte um AL und dem Schweigen des Papstes austauschen, anstatt die Frustrationen bloß innerlich weiter zu hegen und zu pflegen. Und es muss auch in Ordnung sein, die Wahrheit über die Situation in der Kirche anzuerkennen und nicht jedes Wort des Papstes so lange schönreden und bejubeln zu müssen, bis ganz sicher niemand mehr etwas daran kritisieren kann. Solange natürlich, wie niemandem hier böse Absichten unterstellt werden. Nein, ich will dem Papst hier auch nichts unterstellen. Wenn er sich im Recht und seine Kritiker so sehr im Unrecht sieht, dass man sie nicht mal beachten muss, dann kann ich das kritisieren, aber er sieht es eben ehrlich so und verhält sich entsprechend seiner Art. Ich kann nicht in ihn hineinsehen. Na ja. Warten wir also, bis Franziskus sich hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft entschließt, auch die Ruhe des Rentner-Lebens zu genießen, und entspannen uns bis dahin.

Von Beispielen, die nicht funktionieren; oder: wie sagt man noch mal für „erzwungenen Sex“?

Und… nochmal Amoris Laetitia. Ja, eigentlich hatte ich meinen Senf zu Kapitel acht und Fußnote soundsovielhundertwasweißich schon abgegeben, und eigentlich hatte ich auch nicht den Eindruck, dass da noch mehr zu sagen wäre. Aber Irren ist menschlich. Und hier geht es jetzt auch nicht direkt um Amoris Laetitia. Die Enzyklika ist eher der Aufhänger für etwas, worüber ich mich hier gerade aufregen möchte, weil ich wohl im Moment nichts Besseres zu tun habe. Es sind Semesterferien.

Vor nicht allzu langer Zeit hat der Papst-Vertraute und Erzbischof Victor Manuel Fernández, der offenbar auch an der Enzyklika mitgearbeitet hat, einen Text zu den umstrittenen Stellen von AL verfasst, in dem er die Sichtweise, dass wiederverheiratet-Geschiedene nicht zwangsläufig der Kommunion fernbleiben müssten, da sie sich nicht zwangsläufig in einem Zustand subjektiver Schuld befänden, als Vertiefung, nicht Verfälschung, der kirchlichen Lehre verteidigt. Das ist im Ganzen pastoraler und theologischer Blödsinn, worüber ich hier schon mal geschrieben habe (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/21/ein-paar-gedanken-ueber-die-liberale-auslegung-von-amoris-laetitia/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/23/ein-kurzer-nachtrag-zu-der-sache-mit-amoris-laetitia-ueber-unbarmherzigkeit/); aber hier geht es mir gar nicht ums Ganze, sondern um ein spezielles Beispiel, das der Erzbischof nebenbei gewählt hat, um seine Ansichten zu illustrieren. Ich zitiere aus der englischen Übersetzung des Textes, die sich auf diesem ansonsten nicht empfehlenswerten Blog findet (https://rorate-caeli.blogspot.com/2017/08/full-text-pope-francis-ghostwriter-of.html), da ich nun mal leider kein Spanisch kann.

Der Erzbischof ist der Ansicht, dass objektive Regeln nicht jedem Einzelfall gerecht werden könnten (wofür er sogar ein eigentlich sehr gutes und selbstverständliches Zitat des hl. Thomas anführt, der sich angesichts von dessen Verwendung bestimmt gerade im Grabe herumdreht), und dass es für manche Menschen sehr schwer oder gar unmöglich sein könnte, den objektiven Regeln zu folgen. Dafür führt er dann ein Beispiel an (fette Stellen von mir markiert):

 

„Indeed, it is not easy to describe as an ‘adulteress’ a woman who has been beaten and treated with contempt by her Catholic husband, and who received shelter, economic and psychological help from another man who helped her raise the children of the previous union, and with whom she had new children and cohabitates for many years.

The question is not whether that woman does not know that cohabitation with that man does not correspond with objective moral norms. It is more than that. Some claim to simplify the matter in this way, by saying that, according to Francis, „The subject may not be able to be in mortal sin because, for various reasons, he is not fully aware that his situation constitutes adultery.“ (This is what Claudio Pierantoni stated in a recent conference, very critical of Amoris Laetitia in Rome on April 22, 2017.) And they question him that it makes no sense to speak about discernment if „the subject remains indefinitely unaware of his situation“ (Ibid.). But Francis explicitly said that „more is involved here than mere ignorance of the rule“ (AL 301). The issue is much more complex and includes at least two basic considerations. First, if a woman who knows the existence of the norm can really understand that not abandoning that man – of whom she cannot now demand a total and permanent continence – is truly a very grave fault against the will of God. Second, if she truly can, at this point, make the decision to abandon that man. This is where the limited formulation of the norm is incapable of stating everything.

[…]

But his [Pope Francis‘] emphasis is rather on the question of the possible diminution of responsibility and culpability. Forms of conditioning can attenuate or nullify responsibility and culpability against any norm, even against negative precepts and absolute moral norms. This makes it possible not always to lose the life of sanctifying grace in a “more uxorio” cohabitation.

Francis considers that even knowing the norm, a person „may be in a concrete situation which does not allow him or her to act differently and decide otherwise without further sin. As the Synod Fathers put it, ‘factors may exist which limit the ability to make a decision’“ (AL 301). He speaks of subjects who „are not in a position to understand, value or fully practice the objective requirements of the law“ (AL 295). In another paragraph he reaffirms: „Under certain circumstances people find it very difficult to act differently.“ (AL 302).

He also recalls that John Paul II recognized that in certain cases „for serious reasons, such as for example the children’s upbringing, a man and a woman cannot satisfy the obligation to separate“ (FC 84; AL 298). Let us note that St. John Paul II recognized that „they cannot„. Benedict XVI was even more forceful in saying that in some cases „objective circumstances are present which make the cohabitation irreversible, in fact.“ (SC 29b).

This becomes particularly complex, for example, when the man is not a practicing Catholic. The woman is not in a position to oblige someone to live in perfect continence who does not share all her Catholic convictions. In that case, it is not easy for an honest and devout woman to make the decision to abandon the man she loves, who protected her from a violent husband and who freed her from falling into prostitution or suicide. The „serious reasons“ mentioned by Pope John Paul II, or the „objective circumstances“ indicated by Benedict XVI are amplified. But most important of all is the fact that, by abandoning this man, she would leave the small children of the new union without a father and without a family environment. There is no doubt that, in this case, the decision-making power with respect to sexual continence, at least for now, has serious forms of conditioning that diminish guilt and imputability. Therefore, they demand great care when making judgments only from a general norm. Francis thinks especially of „the situation of families in dire poverty, punished in so many ways, where the limits of life are lived in an excruciating way“ (AL 49). In the face of these families, it is necessary to avoid „imposing straightaway a set of rules that only lead people to feel judged and abandoned“ (ibid.).“

 

Das Beispiel, das der Erzbischof sich ausgedacht hat, ist also eine Frau, die von ihrem eigentlichen, katholischen Ehepartner sehr schlecht behandelt und sogar geschlagen wurde, sich dann von ihm hat scheiden lassen oder von ihm verlassen wurde (das wird nicht näher ausgeführt, spielt aber auch keine Rolle), und dann einen neuen Partner oder zivilrechtlich angetrauten Ehemann (wird auch nicht ganz klar, was jetzt genau, ist aber ebenso egal) gefunden hat, der nicht katholisch ist, sich aber gut um ihre Kinder aus erster Ehe und ihre neu entstandenen gemeinsamen Kinder kümmert und auch sie selbst gut behandelt und sie in der Krise nach dem Ende ihrer Ehe vielleicht vor Selbstmord oder Prostitution gerettet hat. Die könne man wohl nicht einfach eine Ehebrecherin nennen. Nun ist dieses Extrembeispiel nicht ganz so tränendrückerisch, wie es auf den ersten Blick aussieht, wenn man bedenkt, dass die katholische Kirche Weltkirche ist. Eine Frau in einem armen Dritte-Welt-Land, die, sagen wir mal, von ihrem brutalen ersten Mann nicht bloß verlassen, sondern einfach auf die Straße gesetzt wurde, keine Familie hat, die sie unterstützen könnte, keine Ausbildung, mit der sie einen guten Job finden könnte, keine rechtliche Handhabe, um Unterhalt zu verlangen, die keine Hilfe vom Staat bekommt, und die ein paar Kinder durchbringen muss, könnte in ihrer Verzweiflung durchaus mit Prostitution Geld verdienen oder sich auch einfach umbringen. Kein Wunder also, dass sie erleichtert ist, wenn sie einen Mann findet, der sie aufnimmt und versorgt und vielleicht sogar zivilrechtlich heiratet. Lassen wir dieses Extrembeispiel also mal so stehen; so eine Situation könnte vorkommen.

So, und jetzt kommt ihr Gewissenskonflikt. Sie besinnt sich wieder auf ihren katholischen Glauben und möchte so gerne im Stand der Gnade leben und die Kommunion empfangen, aber sie sieht sich nicht imstande, ihren Partner einfach zu verlassen – wie soll sie die Kinder durchbringen? Wie soll sie leben? Und die Kinder sollten doch in einer intakten Familie leben! Und eigentlich liebt sie ihn ja auch… Sie kann nicht einfach ihre Familie auseinanderreißen… Sie hat schon bei ihrem Pfarrer nachgefragt, und Gründe für eine Annullierung ihrer ersten Ehe scheint es keine zu geben. Ja, da gibt es die Möglichkeit, von der der hl. Johannes Paul II. schon geschrieben hat, mit ihrem neuen Partner wie „Bruder und Schwester“ zusammenzuleben, in Anerkennung der Tatsache, dass sie nicht wirklich verheiratet sein können, solange ihr Ehemann noch lebt, aber ihr neuer Partner ist nicht katholisch und würde das nicht verstehen, und…

Ja, und genau hier stoßen wir auf mein Problem mit der Vorstellung, die der Erzbischof von dieser „guten“ zweiten Beziehung hat. Er schreibt, dass die Frau „keine völlige und dauerhafte Enthaltsamkeit [von ihrem Partner] verlangen kann“. Er schreibt: „Die Frau ist nicht in einer Position, jemanden zu verpflichten, in völliger Enthaltsamkeit zu leben, der nicht alle ihre katholischen Überzeugungen teilt.“ Was hat sie hier denn zu melden? Sie hat ja wohl nicht das Recht, von ihrem Partner zu verlangen, auf Sex zu verzichten, wenn sie möchte, dass er noch länger mit ihr zusammenbleibt. Wenn sie auf die „Unterkunft, [den] wirtschaftlichen und psychologischen Beistand“, die sie von ihm erhalten hat, nicht verzichten möchte, dann sollte sie mal lieber regelmäßig die Beine breit machen. Wofür hat er sie denn vor der Prostitution bewahrt?

Okay. Ich beruhige mich wieder. Ja, ich weiß durchaus, dass es nicht gerade toll rüberkommen wird, wenn man seinem (Ehe)partner, mit dem man jahrelang zusammengelebt und schon Kinder bekommen hat, auf einmal erklärt: „Schatz, ich kann es einfach nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, mit dir zu schlafen, also lassen wir das bitte für den Rest unseres Lebens.“ Okay. Aber wie wird ein nichtkatholischer Partner, der ein so vorbildlicher Partner ist, der sich so hingebungsvoll kümmert, wie der Erzbischof das darstellt, auf so etwas reagieren? Vielleicht wird er befremdet sein. Vielleicht wird er wütend sein angesichts ihres neuen religiösen Eifers, den er nicht an ihr kannte, als sie sich kennengelernt haben, und von dem er nicht will, dass er ihre Beziehung zerstört. Vielleicht wird er noch einmal bei einem anderen Pfarrer nachfragen, ob nicht doch eine Annullierung ihrer ersten Ehe denkbar wäre. Vielleicht wird er versuchen, sie zu überreden, diese aus seiner Sicht unsinnigen Gebote der Kirche nicht so ernst zu nehmen. Aber wie wird er nicht reagieren? Er wird ihr nicht drohen, sie rauszuschmeißen, wenn sie nicht mit ihm schläft.

Nein, der nichtkatholische Mann in dem Beispiel hätte nicht unbedingt die Verpflichtung, mit einer Frau, die aus seiner Sicht bescheuerte religiöse Überzeugungen über ihre Beziehung stellt, noch für längere Zeit zusammenzubleiben, wenn er das nicht mehr will, das sage ich gar nicht. Aber wenn sie sich darüber trennen sollten und wenn sie ohne ihn aufgeschmissen wäre, dann hätte er die absolute moralische Pflicht, ihr und seinen Kindern und Stiefkindern weiterhin zu helfen – ihr Unterhalt zu zahlen, ihr vielleicht zu helfen, einen Job und eine Wohnung zu finden, sie noch solange bei sich wohnen lassen, bis sie das gefunden hat, auch weiterhin die Kinder zu sehen… Kurz gesagt: Wenn der Mann so toll wäre, wie er in dem Beispiel dargestellt wird, dann bräuchte die Frau gar nicht den Gewissenskonflikt „Mit ihm schlafen oder meine Familie auseinanderreißen und mittellos mit vaterlosen Kindern auf der Straße stehen?“ zu haben. Sie hätte höchstens den Konflikt „Mit ihm schlafen oder ihn verlassen und die üblichen Probleme, die eine normale Trennung mit sich bringt, in Kauf nehmen?“ – und, sorry, das kommt mir jetzt einfach nicht mehr wie eine wahnsinnig entsetzliche Extremsituation vor. Schwierig noch immer, ja, aber nicht gerade grauenvoll.

Es wird mir einfach nicht ganz klar, ob der Erzbischof sich fragt, ob sie „wirklich, an diesem Punkt, die Entscheidung treffen kann, diesen Mann zu verlassen“, weil sie dann wieder denselben wirklich schlimmen Problemen wie nach ihrer ersten Trennung gegenüberstehen würde, oder weil sie einfach ihre Familie trennen müsste.

Wenn er Letzteres meint: Sicher ist keine Trennung leicht; aber viele Leute trennen sich aus vielen Gründen, ob guten oder schlechten, und hier gäbe es gute Gründe. Wenn er nicht doch bereit sein sollte, eine Beziehung „wie Bruder und Schwester“ zu akzeptieren: Wieso könnten sie sich dann nicht einfach, nachdem sie klargemacht hat, wozu ihr Gewissen sie verpflichtet, und er, dass er die Beziehung so nicht mehr weiter führen will, im Guten trennen und sich das Sorgerecht für die Kinder teilen? Wenn ich ganz ehrlich sein soll, frage ich mich auch, ob es, in einem realistischen Szenario, ihren Kindern aus erster Ehe wirklich so wichtig wäre, dass sie mit ihrem zweiten Mann zusammenbleibt. Es mag ja Ausnahmen geben, aber in der Praxis funktionieren Patchworkfamilien leider nicht immer so wie im Fernsehen. Stiefväter bleiben Stiefväter, und die Kinder aus der vergangenen Beziehung stehen immer irgendwie zwischen allen Stühlen, wenn Mama einen neuen Freund hat und neue Halbgeschwister auftauchen. Vielleicht würden gerade diese Kinder an ihrem Beispiel eher merken und anerkennen, dass ihr die Treue zu einem einmal gegebenen Gelübde wirklich wichtig ist. Kann die Frau also diese Entscheidung treffen, die Treue zu dem Versprechen, das sie einmal gegeben hat, an erste Stelle zu setzen und mit den Konsequenzen, die sich dann daraus ergeben sollten, umzugehen? Was genau versteht Fernández unter können?

Und wenn er Ersteres meint: Ich hätte von einem Bischof andere Vorstellungen von einer guten Beziehung erwartet – und er stellt diese zweite Beziehung als vorbildlich dar. Ja, ja, er hat Zölibat und muss selber keine führen, aber er wird wohl im Lauf seines Lebens in Beichtstuhl und Ehevorbereitung usw. mit genügend Verheirateten und Verlobten und Ehepaaren zu tun gehabt haben. Aber hier schreibt er, dass eine Frau nicht von ihrem Partner erwarten kann, dass er ihre Überzeugungen und ihr Gewissen achtet. Wenn das nicht „rape culture“ schreit, weiß ich auch nicht mehr. Woher hat Erzbischof Fernández diese Vorstellung, die hier so beiläufig einfließt? Aus der tiefen Überzeugung einer säkularen Kultur, dass es das Absurdeste überhaupt ist, von irgendjemandem zu verlangen, auf Sex zu verzichten, oder aus einer abstrusen Paulus-Interpretation, in der er einen extrem fehlgeleiteten Begriff von den „ehelichen Pflichten“ auch noch auf objektiv ehebrecherische Verbindungen ausdehnen möchte? Oder will er einfach nur unbedingt ein Beispiel finden, in dem sich seine Beispielfigur in einer „ausweglosen“ Situation findet, und merkt gar nicht, was er da schreibt? Vermutlich das. Hoffentlich das.

Nein, man kann tatsächlich nicht von einem Partner oder Familienmitglied oder Freund verlangen, auf einmal alle Überzeugungen anzunehmen, die man selber hegt. Man kann versuchen, ihn zu überzeugen, aber man kann ihn nicht zwingen, sie anzuerkennen. Aber man kann von ihm verlangen, sie zu respektieren. Wenn du weißt, dass deine Partnerin es für eine Todsünde hielte, wenn sie mit dir schlafen würde, wenn du weißt, dass das einfach gegen ihr Gewissen gehen würde, würdest du dann versuchen, sie dazu zu bringen? Ich habe ehrlich gesagt meine Zweifel, ob der zweite Mann im Beispiel wirklich eine so viel bessere Wahl wäre als der erste. Wenn die Frau sich nicht in der Position sieht, von ihrem Partner zu verlangen, auf Sex zu verzichten – was sagt das dann über ihr Verhältnis zu ihm aus? Ich war auch schon mal über längere Zeit mit einem Mann zusammen, mit dem ich ein paar Diskussionen darüber führen musste, dass das, was ich über „Kein Sex vor der Ehe“ gesagt hatte, wirklich ernst gemeint war, und, guess what, auch wenn er es nicht mochte, hat er es letztlich geschafft, das zu akzeptieren. Einmal musste ich mir anhören, dass ich Glück mit ihm hätte und wahrscheinlich nicht viele andere Männer das mitmachen würden (was man halt so sagt, wenn man gerade sauer ist, nehme ich an – ich will hier wirklich nicht über meinen Exfreund herziehen, der eigentlich ein netter Mensch ist), aber er hat es geschafft, meine Überzeugungen zu respektieren. Wirklich, wenn man keinen Sex kriegt, klappt man nicht irgendwann zusammen und stirbt. Das kann man aushalten.

Was wäre, wenn sie andere Gründe hätte? Sie ist einfach schwer krank und kann deshalb keinen Sex haben. Sie möchte es nicht, weil eine weitere Schwangerschaft lebensgefährlich für sie wäre und ist übervorsichtig geworden, weil alle Verhütungs- und NFP-Methoden ihre Unsicherheiten haben. Sie hat eine ansteckende Geschlechtskrankheit (vielleicht, weil sie eine Affäre hatte, vielleicht, weil sie vergewaltigt wurde, vielleicht von einer verunreinigten Blutkonserve in ihrem Dritte-Welt-Krankenhaus) und will nicht riskieren, dass er angesteckt wird, wozu auch beim Gebrauch von Kondomen das Risiko bei regelmäßigem Sex nicht gering ist. Hat sie dann auch nicht das Recht, von ihm zu verlangen, ihre Wünsche zu achten? Oder was wäre, wenn eine Ehefrau bereits ein Jungfräulichkeitsgelübde abgelegt hätte und dann von ihren Eltern zwangsverheiratet worden wäre? Hätte die hl. Cäcilia (https://www.heiligenlexikon.de/BiographienC/Caecilia.html) denn auch nicht das Recht gehabt, sich ihrem nichtkatholischen Ehemann, der ihre Werte nicht teilte, zu verweigern? (Ja, ja, ich weiß, Zwangsehen sind gar nicht gültig, aber von der Ehe/Partnerschaft in Fernández‘ Beispiel behauptet das ja auch keiner.) Sollte eine Kirche, die Heilige wie Cäcilia, Charles Lwanga und Gefährten, Agnes, Dymphna, Maria Goretti, Lucia, Barbara und so weiter verehrt, nicht ein bisschen deutlicher gegen sexuellen Zwang stehen, als Fernández das hier tut?

Tatsache ist, man hat das Recht, von jedem Menschen auf dieser Welt, egal, wie dessen Überzeugungen aussehen, „völlige und dauerhafte Enthaltsamkeit“ zu verlangen – nämlich genau so lange, wie sich kein anderer Mensch findet, der zu Sex mit diesem Menschen bereit wäre. Andernfalls müsste man nämlich zwangsläufig sagen, dieser Mensch hätte das Recht, irgendeinen anderen Menschen zum Sex mit ihm zu zwingen… wie sagt man noch gleich, wenn jemand einen anderen Menschen zum Sex zwingt?

Ach ja. Vergewaltigung.

Vergewaltigung ist nicht immer der bedrohliche Fremde im nächtlichen Gebüsch. Vergewaltigung kommt auch gern mal in Beziehungen vor. „Wenn du nicht mit mir schläfst, verlasse ich dich“ ist noch kein Zwang im strengen Sinne, das nicht, aber es ist definitiv eine Art von Nötigung, jedenfalls dann, wenn derjenige, der das sagt, weiß, dass die andere Person ohne ihn mit einem Haufen hungriger Kinder mittellos auf der Straße stehen würde. Erzwungener Sex ist Vergewaltigung. Ein Vergewaltiger ist kein begehrenswerter Partner. Das Beispiel von Erzbischof Fernández macht keinen Sinn.

Wenn ihr zweiter Partner also die Art Mann ist, dem sie und die Kinder scheißegal sind, sobald sie nicht mehr die Beine für ihn breit macht, dann sollte sie wirklich schleunigst schauen, dass sie von ihm wegkommt. Such dir einen Job, irgendeinen (vielleicht nicht gerade Prostutierte – Regen und Traufe und so), such dir Hilfe bei Familie, Freunden, Nachbarn, in der Pfarrei oder bei irgendeiner Organisation, such dir irgendwelche Leute, denen du vertrauen kannst, und hau ab. Je schneller du aus dieser Beziehung raus kommst, desto besser.

(Vielleicht ist „Vergewaltigung“ hier nicht der passendste Begriff, und „survival sex“ wäre korrekter – Austausch von Sex gegen Fürsorge oder Essen oder ein Dach über dem Kopf, ohne direkten Zwang, aber auch ohne wirkliche Freiheit.)

Okay, jetzt habe ich mich ausführlich genug aufgeregt und bin auch schon wieder fertig.

 

Natürlich ist nicht nur dieses Beispiel fehlerhaft, sondern die ganze Denkweise des Erzbischofs. Davon auszugehen, dass es in manchen Situationen nur noch mögliche Handlungsweisen gibt, durch die man schuldig wird, dass es manchmal unmöglich ist, keine Schuld auf sich zu laden, das ist schlichtweg Blasphemie. Es ist eine Beleidigung Gottes, der uns immer einen Ausweg lässt. Wenn die Frau ihrem Partner Sex verweigert und er sie dann rausschmeißt, dann ist das schlimm und tragisch, aber es liegt dort keine Schuld auf ihrer Seite für irgendetwas vor. Wenn man einen gefangenen Terroristen nicht foltert und deshalb entscheidende Informationen nicht bekommt, die vielen Menschen das Leben retten hätten können, dann liegt keine Schuld vor, außer auf der Seite des Terroristen. (Ja, blödes Beispiel – jeder Experte sagt, dass Folter nichts bringt. Es geht mir nur um die Theorie.) Wenn man ein schwer behindertes Neugeborenes in einem Dritte-Welt-Land nicht aussetzt und es dann in Krankheit und Schmerz aufwachsen muss, liegt keine Schuld vor. Wenn man keine Atombombe auf zivile Gebiete wirft und der Krieg sich dann noch Jahre in die Länge zieht und am Ende mehr Opfer fordert, als die Atombombe gefordert hätte, liegt keine Schuld vor. Nicht alles Leid ist (direkt) durch persönliche Schuld verursacht. Manchmal entsteht Leid auch, wenn alle das Richtige tun. Sonst wäre es ja einfach, immer einen Schuldigen zu finden, dem man es anlasten kann, dass er es nicht vermieden hat.

Mit der subjektiven Schuld liegt der Erzbischof natürlich nicht völlig daneben. Natürlich würde Gott der Frau aus dem Beispiel anrechnen, dass ihre Situation schwierig ist und dass sie sich in einer schlimmen Verwirrung befindet. Gott ist vollkommen gerecht. Ich kann das Gefühl, das Fernández hier vielleicht rüberbringen möchte, an sich ehrlich gesagt gut nachvollziehen; dieses Gefühl von schierer Überforderung und Hilflosigkeit gegenüber einem Gebot: „Gott, ich weiß nicht, was ich tun soll, ich kann das nicht, ich kann das einfach nicht, ich weiß, was meine Pflicht ist – oder ich glaube zumindest, dass ich es weiß – ist das sicher so? – ich glaube schon – ich bin mir eigentlich ziemlich sicher – aber ich kann das nicht, ich schaffe das nicht, bitte, Gott, rechne mir das nicht an, hilf mir, ich kann das nicht…“ In der Moraltheologie nennt man so etwas ein perplexes Gewissen. Verminderte Schuldfähigkeit gibt es, und es ist wichtig, Bescheid zu wissen, dass es sie gibt, aber sie macht eine Tat an sich nicht besser. Und wenn ein Kleriker sich dann damit zufrieden gibt und von der Kanzel herab erklärt, dass dann ja alles schön und gut sei und man ruhig nach diesem verwirrten, geplagten Gewissen handeln könne und auch bestimmt nicht der Kommunion fernbleiben müsse, anstatt dass er für Klarheit sorgt, erklärt, was Gottes Gebote fordern – und was in manchen Fällen nicht – und Mut macht, ist einfach Unsinn.

Vor allem, wenn damit nebenbei Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung oder „survival sex“ schöngeredet wird. Vielleicht sollte der Erzbischof sich lieber dafür einsetzen, dass alleinstehende Frauen nicht auf einen Partner angewiesen sind, um im Leben durchzukommen, anstatt zu erklären, dass dann in solchen Fällen bestimmt verminderte Schuldfähigkeit für Sünden gegen das 6. Gebot vorliegen müsse. Nette und nutzlose Binsenweisheit. Ja, okay, ich bin fertig.

 

 

Aufhebung des Beichtgeheimnisses im Fall von sexuellem Missbrauch?

In Australien, wo in den letzten Jahren nicht wenige Missbrauchsfälle durch Kleriker publik geworden sind, steht der Vorschlag im Raum, ein Gesetz einzuführen, das Beichtväter verpflichten würde, Kindesmissbrauch, der ihnen gebeichtet wird, der Polizei zu melden. Ich verstehe die Argumente dafür: die Beichte sollte kein „rechtsfreier Raum“ sein, Kinder sollten vor einem Täter, der vielleicht weitere Taten begehen würde, geschützt werden, ein Priester kann es doch nicht einfach unter den Tisch kehren, wenn er von einem gefährlichen Straftäter weiß, usw. usf.

Trotzdem halte ich diesen Vorschlag für falsch.

Da gibt es natürlich einerseits die religiösen Begründungen für uns Katholiken: Das Beichtgeheimnis ist etwas absolut Heiliges. Eine staatliche Regierung hat nichts darüber zu sagen. Ein Priester darf das Beichtgeheimnis unter keinen Umständen brechen. Er ist nur das Sprachrohr zu Gott, er nimmt keine Informationen aus der Beichte mit, sondern wirkt bloß als Mittelsmann der göttlichen Vergebung. Das Beichtgeheimnis ist heilig.

Ich verstehe, dass Nichtkatholiken für diese Begründungen nicht viel übrig haben werden. Hier könnte man jetzt noch mit der Religionsfreiheit argumentieren – achtet, was anderen heilig ist, auch wenn ihr es nicht versteht. Aber wir wissen ja eigentlich alle, dass die Menschen im Allgemeinen nicht so freiheitlich eingestellt sind, dass sie etwas, das sie selbst für schrecklich halten, mit der Begründung „Uns ist das eben heilig“ automatisch dulden würden (und ich sage nicht, dass ich diese ihre Einstellung generell für ganz furchtbar falsch halte).

Aber dann sind da ja auch noch die praktischen Gründe: Wenn ein solches Gesetz eingeführt wäre, welcher Kinderschänder würde seine Taten denn dann noch beichten? Eben. Und nach dem status quo gibt es ja die Möglichkeit für einen Priester, die Absolution so lange zu verweigern, bis sich der Täter der Polizei gestellt hat. Er kann nach dem Kirchenrecht die Tat zwar nicht selbst anzeigen, aber er kann sehr wohl Druck ausüben. Und das hat er natürlich in jedem Fall zu tun! Nach der Einführung eines solchen Gesetzes dagegen würde er wahrscheinlich überhaupt nichts mehr von den Taten erfahren. Das Beichtgeheimnis kann also gerade dafür sorgen, dass Kinder besser geschützt werden.

Ich glaube, das hier könnte ein Beispiel für das Prinzip sein, dass „Der Zweck heiligt die Mittel“ oft nach hinten losgeht. Entscheidender für die Prävention von Missbrauch als ein eh schwer durchsetzbares symbolpolitisches Gesetz (wie will man es denn herausfinden, wenn ein Priester ihm gebeichteten Missbrauch nicht angezeigt hat?) ist, denke ich, das Vorgehen gegen das Wegschauen außerhalb der Beichte, und die Schulung für das Erkennen der Anzeichen von Missbrauch. Was den ganzen Schaden angerichtet bzw. verschlimmert hat, war ja nicht ein zu großer Respekt gegenüber der Heiligkeit des Bußsakramentes, sondern die Einstellung, den Opfern erst einmal nicht zu glauben oder sie gar nicht anhören zu wollen, keinen Skandal entstehen lassen zu wollen, das Wohl der Institution über das Wohl der Opfer zu stellen; die Naivität, Tätern gleich mal zu vertrauen, dass sie sich gebessert hätten und sie einfach zu versetzen statt zu belangen; der fehlgeleitete Respekt gegenüber den Tätern, der Opfer und deren Familien daran hinderte, Anzeige zu erstatten; allgemein das Darüber-wird-nicht-geredet (viele der Taten in Australien geschahen ja vor Jahrzehnten).

 

Ach ja, Privatoffenbarungen

Wahrscheinlich kennt jeder bestimmte Ansichten, die er ganz besonders verabscheut. Für mich sind das vor allem:

  • Verschiedene gotteslästerliche Häresien wie der Jansenismus, der Calvinismus oder der Islam, die den lieben Herrgott als Tyrannen darstellen;
  • Überbevölkerungshysterie (zu den Gründen dafür noch mal ein eigener Beitrag);
  • falsche Privatoffenbarungen.

Es gibt natürlich andere Ansichten, die noch weniger mit meinen eigenen erzkatholischen Ansichten gemein haben – den Atheismus zum Beispiel. Aber was etwa den „Neuen Atheismus“ angeht, der mehr die fünfte Auflage von Feuerbach ist, der macht einfach keinen lohnenden Gegner mehr her, weil er fast ausschließlich auf Unwissen und Missverständnissen beruht. Und manchmal hasst man die Ketzerei eben doch mehr als den Unglauben. Fragen Sie die Heilige Inquisition.

Okay, zum eigentlichen Thema. Heute also: Privatoffenbarungen. Mir geht es hier natürlich hauptsächlich um die nicht kirchlich anerkannten Privatoffenbarungen. Allzu viele persönliche Erfahrung mit denen habe ich nicht – die wenigen, die ich habe, reichen mir allerdings.

 

Als ich noch ein frisch bekehrter Teenager war, so etwa 2011, war die aktuelle, anonym im Internet verbreitete Privatoffenbarung, über die man in Tradi- und Charismatikerkreisen hysterisch werden konnte, gerade „Die Warnung“. Inhalt: Bald wird eine große „Warnung“ über die Menschheit kommen, im Grunde genommen ein entsetzlicher Augenblick, in dem alle Menschen in einer „Seelenschau“ ihre Sünden erkennen, wobei einige vor Schreck tot umfallen werden. Dann kommt bald das Ende – zuerst allerdings muss die Welt noch einiges an von Gott verhängten Plagen, also Naturkatastrophen und dergleichen, überstehen. Und vorher muss auch noch der Antichrist auftauchen, der nämlich der Nachfolger von Papst Benedikt XVI sein wird. Das mit dem Antichrist wurde nach meiner Erinnerung allerdings erst etwas später prophezeiht als das mit der Warnung und dem Weltuntergang im Allgemeinen; ich habe erst mal jedenfalls nur ersteres im Internet gelesen. (Ja, ja, ich weiß. Wenn man gerade erst überzeugt katholisch geworden ist, weiß man eben noch nicht, welchen sich katholisch nennenden Seiten man vertrauen kann.)

Jedenfalls hat mich das damals schon, sagen wir mal, etwas verängstigt. So richtig glaubhaft wirkte es ja nicht… also, ein wenig komisch wirkte es schon… aber… was wenn… also, falls doch…??? Was von Gott kam, musste ja nicht unbedingt meinen Erwartungen entsprechen, und in der Bibel ging es ja auch an manchen Stellen um die Endzeit, auch wenn die anders klangen als die Botschaften der anonymen Seherin… und diese Botschaften sagten, die Leute müssten Bescheid wissen, um sich auf die Warnung vorbereiten zu können! (Schließlich sollten sie ja nicht tot umfallen.)

Na ja, meine Geschichte endet eher langweilig. Ich habe nicht mit anderen Menschen über „Die Warnung“ gesprochen und sie eher wieder aus meinen Gedanken verbannt, da sie mir zu viel Angst machte und da meine Reaktion auf Angst dann manchmal ist, den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass der Grund für die Angst verschwindet – wofür es in diesem Fall ja auch Gründe gab, das Ganze war ja schon irgendwie komisch. Schließlich gingen die Monate, für die die Warnung angekündigt worden war, tatsächlich ohne Warnung vorüber, woraufhin ich wieder ganz beruhigt sein konnte. Puh. Nochmal Glück gehabt. Irgendwann habe ich, soweit ich mich erinnern kann, auch einmal kritische Artikel zur „Warnung“ auf kath.net (einer Seite, die sonst übrigens nicht für ihre Skepsis gegenüber Privatoffenbarungen bekannt ist – die Vorbehalte der Kirche gegenüber Medjugorje etwa ignorieren die Betreiber vollkommen) gelesen, darunter auch Erklärungen, was an den Offenbarungen häretisch war, und bischöfliche Verurteilungen, nachdem herausgekommen war, wer die „Seherin“ war und im Zuständigkeitsbereich welchen Bischofs sie lebte. Also alles wieder gut. Ich wusste, dass ich solchen Unsinn in Zukunft nicht mehr beachten musste.

 

Falls sich also unter meinen Lesern jemand befinden sollte, der auch wegen irgendeiner Privatoffenbarung beunruhigt ist und vielleicht von dieser geforderte Spezialrosenkränze betet, um die kommenden Plagen zu überstehen oder für die Sünden der Welt zu büßen, damit die kommenden Plagen doch nicht kommen: Zu Privatoffenbarungen sollte man erst einmal ein paar ganz grundsätzliche Dinge wissen.

1) Nach der Lehre der katholischen Kirche ist die allgemeine, „öffentliche“ Offenbarung seit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen. Es können keine grundsätzlich neuen Lehren mehr hinzukommen, so wie zum Beispiel im Neuen Testament die Lehre von der Dreifaltigkeit zur alttestamentlichen Überzeugung von dem einen Gott hinzukam. Natürlich ist ein vertieftes Verständnis noch möglich, eine Konkretisierung der christlichen Lehren, so wie sie auf den Konzilien geschieht; aber nicht mehr.

2) Da wir also eigentlich alles haben, was wir benötigen, brauchen wir an sich keine Privatoffenbarungen. Man muss Privatoffenbarungen nicht kennen. Es ist nicht zu beanstanden, sich überhaupt nicht um sie zu scheren – egal, ob sie kirchlich anerkannt sind, noch geprüft werden oder schon verworfen sind. Und egal, was der Seher sagt. Wenn er sagt, man müsse seine Botschaft annehmen, da man sonst sündige und evtl. nicht gerettet würde, ist er ein Häretiker, der der göttlichen Offenbarung, die die Kirche uns bereits mitgeteilt hat, widerspricht. Also muss man ihm schon mal gar nicht zuhören.

3) Wenn die Kirche eine Privatoffenbarung „anerkennt“, ist das eine Erlaubnis, an sie zu glauben – keine Vorschrift. Genehmigte Privatoffenbarungen wie die von Lourdes oder Fatima können für Gläubige hilfreich sein, aber sie sind nicht verpflichtender Glaubensinhalt.

4) Sehr, sehr viele Privatoffenbarungen sind kirchlich verurteilt worden, und viele davon widersprechen sich gegenseitig.

5) Wenn jemand behauptet, eine Botschaft von Gottvater, Jesus, Maria oder dem Erzengel Michael erhalten zu haben, ist nicht die einzig mögliche Erklärung dafür, dass er eine Botschaft von Gottvater, Jesus, Maria oder dem Erzengel Michael erhalten hat. Andere Erklärungen sind auch noch möglich, zum Beispiel:

  • Lüge: Der „Seher“ hat sich die Botschaft ganz einfach ausgedacht – möglicherweise, um berühmt zu werden, möglicherweise, um Geld zu machen. Bei den andauernden Visionen in Medjugorje scheint das nach den kirchlichen Beurteilungen momentan der Fall zu sein.
  • Psychische Probleme: Manche Menschen, die erklären, Visionen oder Einsprechungen zu erhalten, sind keine Lügner, sondern einfach psychisch krank. Das muss nicht heißen, dass sie völlig „verrückt“ sind. (Hey, ich bin auch psychisch krank.) Vielleicht bilden sie sich ein, ein Traum, den sie hatten, war eine göttliche Offenbarung. Vielleicht sehnen sie sich nach göttlicher Hilfe und göttlichem Zuspruch und irgendwann verschwimmen dann die Grenzen zwischen Wunsch und Realität. Vielleicht funktioniert etwas in ihrem Gehirn nicht, wie es sollte, und sie bekommen Halluzinationen, wenn sie ihre Medikamente nicht nehmen. Sie lügen nicht, sie glauben an das, was sie sagen, aber sie verkünden dennoch Unsinn. Ein mögliches Beispiel wäre der islamische Prophet Mohammed; jedenfalls kann man aus den vorhandenen Quellen auf eine psychische Erkrankung, vielleicht verbunden mit einer Form der Epilepsie, als mögliche Erklärung für seine angeblichen Engelsbesuche schließen. (Dazu vielleicht ein andermal mehr.)
  • Dämonische Täuschung: Auch theoretisch möglich, auch wenn man nicht gleich überall den Satan wittern muss. Schon der hl. Paulus schreibt in seinen Briefen: „Denn diese Leute sind Lügenapostel, unehrliche Arbeiter; sie tarnen sich freilich als Apostel Christi. Kein Wunder, denn auch der Satan tarnt sich als Engel des Lichts.“ (2 Korinther 11,13f.), und, noch entscheidender: Wer euch aber ein anderes Evangelium verkündigt, als wir euch verkündigt haben, der sei verflucht, auch wenn wir selbst es wären oder ein Engel vom Himmel. (Galater 1,8) Wenn jemand eine Erscheinung hat, in der ein Engel des Lichts etwas verkündet – woher weiß er dann dabei, dass es sich tatsächlich um einen Engel des Lichts handelt? Satan tritt nicht mit Hörnern und Pferdefuß auf; er ist ja nicht blöd. (Anmerkung: Das heißt nicht, dass der Betreffende besessen sein müsste oder etwas in der Art; sicherlich nicht. So etwas soll sogar Heiligen passiert sein, die der Teufel täuschen wollte, und bei denen Gott dies zugelassen hat. Man sollte sich daher einfach bei Erscheinungen nicht zu sicher sein und nicht gleich zu viel auf sie geben. Rat bei einem Priester zu suchen ist nie eine schlechte Idee, wenn man meint, Engel zu sehen oder Besuch von Maria zu erhalten. Soweit mal die Ratschläge für eventuell mitlesende Seher!)

6) Noch etwas: Es kann auch bei einer realen Erscheinung vorkommen, dass sich der, der sie erhalten hat, später falsch an etwas erinnert, einige Worte verdreht, dass er vielleicht verwirrt und überwältigt war und später rekonstruiert, was er meint, gehört zu haben, und dass er dabei vielleicht auch eigene Ideen hinzudichtet, ohne es beabsichtigt zu haben. Es kann auch sein, dass sogar ein Heiliger einmal verwirrt ist und vielleicht einen Traum, den er hatte, mit einer Vision verwechselt, oder etwas in der Art. Es kann sein, dass Privatoffenbarungen nach einiger Zeit in veränderter Form weiterverbreitet werden. Die Visionen der sel. Anna Katharina Emmerick zum Beispiel wurden von dem Schriftsteller Clemens Brentano aufgezeichnet, der, wie sich später herausstellte, ihre Erzählungen frei ausgestaltet und Dinge hinzufügt hatte.

7) Dass jemand später selig- oder heiliggesprochen wurde, sagt daher noch nicht automatisch etwas über die Richtigkeit eventuell von ihm empfangener Privatoffenbarungen aus. Im Mittelalter etwa, als die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens [Anmerkung: hier ist gemeint, dass Maria vom ersten Augenblick ihres Lebens an, d. h. eben ihrer Empfängnis an, von der Erbsünde frei war; es geht nicht um die jungfräuliche Empfängnis Jesu] noch nicht als Dogma festgelegt war, sondern kontrovers debattiert wurde, gab es verschiedene Privatoffenbarungen, in denen „Maria“ selbst sich dazu einschaltete: Der heiligen Brigitta von Schweden wurde offenbart, die Gottesmutter sei unbefleckt empfangen worden, der heiligen Katharina von Siena, sie sei es nicht. Ja, was denn nun? Einfache Antwort: Die heilige Katharina zumindest muss einer Täuschung zum Opfer gefallen sein. (S. hier für mehr Infos:  https://charismatismus.wordpress.com/2015/02/27/die-hl-katharina-von-siena-erlebte-eine-irrtumliche-marienerscheinung/ )

 

Privatoffenbarungen kommen natürlich in ganz unterschiedlichen Kontexten. Etliche Sektengründer berufen sich auf direkte göttliche Anweisungen (häufig mitsamt einer Vorhersage des Datums des Weltuntergangs). Es gibt sie im protestantischen, im halbchristlichen (Mormonen, Zeugen Jehovas, auch den Islam könnte man hier einordnen, wenn man wollte, da er sich auch auf frühere Offenbarungen und „Propheten“ wie Mose und Jesus beruft), und im nicht-christlichen Bereich. Und es gibt sie unter Katholiken. Hier geht es mir um falsche Privatoffenbarungen im katholischen Bereich. Meistens kommen sie in zwei Varianten:

  • Variante „Medjugorje“: Banalitäten über Banalitäten. Gelegentlich mal theologisch fragwürdig, aber meistens nur ermüdende Endlosschleifen von „Liebe Kinder, betet den Rosenkranz für die Sünden der Welt! Liebe Kinder, betet viel! Vergesst nicht, den Rosenkranz zu beten! Gott liebt euch, liebe Kinder! Betet viel, liebe Kinder! Es gibt viele Sünden in der Welt! Leistet Sühne für die vielen, großen Sünden in der Welt! Betet den Rosenkranz, liebe Kinder!“
  • Variante „Die Warnung“: Panikmache vor schrecklichen „Prüfungen“ (Christenverfolgungen, Kriege, übernatürliche Geschehnisse, was weiß ich), die dem kurz bevorstehenden Weltuntergang vorausgehen.

Sehr häufig empfehlen beide Formen von Privatoffenbarungen spezielle neu offenbarte Gebete, gerne mal auch Abwandlungen des Rosenkranzes. Und vielleicht noch eine Medaille mit einem von der Jungfrau Maria persönlich offenbarten Bild ihrer selbst gefällig?

Das Problem bei Privatoffenbarungen ist natürlich grundsätzlich, dass sie nicht vollkommen zu belegen sind. Sicher, man kann die Seher auf ihre Glaubwürdigkeit prüfen (Ziehen sie Profit aus ihren Behauptungen? Haben sie sich selbst widersprochen? Sind sie als ehrlich bekannt? Etc.); aber auch dann kann noch ein Restzweifel bleiben. Der Seher ist ja der einzige Zeuge für das von ihm Behauptete, und wie sagt schon die Bibel? Richtig, jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden, (vgl. Matthäus 18,16; 2 Korinther 13,1; Deuteronomium 19,15; Deuteronomium 17,6; Numeri 35,30). Er kann geschickt lügen oder getäuscht sein oder sich irren. Dazu kommt die schiere Tatsache, wie viele Privatoffenbarungen es gibt; sie können nicht alle wahr sein, aber sie beanspruchen es alle. Es ist unmöglich, alle diese Ansprüche anzuerkennen.

Manche Religionen beruhen vollständig auf Privatoffenbarungen – eben der Islam oder das Mormonentum zum Beispiel. Mohammed wurde von den Leuten, die ihm nicht glaubten, vorgeworfen, dass er keine Wunder wirke wie die biblischen Propheten vor ihm es getan hatten; seine Antwort darauf waren Beschimpfungen und Drohungen. Niemand außer ihm bekam den Engel zu sehen, der ihm angeblich erschien. Ähnlich wie bei Mohammed sah es 1200 Jahre später bei Joseph Smith aus. Das funktioniert nicht für eine Religion. Würde Gott denn von uns verlangen, an eine Offenbarung zu glauben, von der wir nie sicher sein können, ob sie wahr ist? Wozu hat er uns denn unseren Verstand gegeben? Nein; die richtige Offenbarung muss anders aussehen.

Wenn – kommen wir wieder zum innerkatholischen Bereich zurück – es in den Botschaften zur religiösen Pflicht erklärt wird, eine Privatoffenbarung anzunehmen, sie weiterzuverbreiten, bestimmte „offenbarte“ Gebete zu verrichten, um „Sühne“ zu leisten oder sich auf den Weltuntergang vorzubereiten, und wenn einem andernfalls mit göttlicher Strafe und ewiger Verdammnis gedroht wird, oder wenn – wichtiges Warnzeichen! – zum Ungehorsam gegen einen die Botschaften verurteilenden Bischof aufgerufen wird, der sich gegen „Gott“ gestellt habe, dann ist das ein Beweis – ja, ein Beweis – dafür, dass die Privatoffenbarung falsch sein muss. Weiter muss man gar nicht schauen. Gott widerspricht sich nicht. Er würde nicht mit Drohungen von uns verlangen, eine unsichere, zweifelhafte Botschaft anzunehmen, nachdem Er uns vorher durch Seine Kirche offenbart hat, dass alle weiteren Privatbotschaften nicht verpflichtend sind. Wenn mit Ängsten religiös unruhiger Menschen gespielt wird: Dann ist das nicht von Gott. In Lourdes hat die Madonna sich Bernadette als die „Unbefleckte Empfängnis“ vorgestellt (womit sie das vier Jahre vorher von Papst Pius IX. verkündete Dogma bestätigte, das Bernadette gar nicht verstand), und sie hat ihr die Quelle gezeigt, in der seitdem zahlreiche Menschen geheilt wurden. Sie hat nicht dem Ortsbischof mit der Hölle gedroht, für den Fall, dass er die Erscheinungen nicht anerkenne. Gott hat uns durch den Apostel Paulus die Anweisung gegeben: Prüfet alles und behaltet das Gute (1 Thessalonicher 5,21). Also, prüfen!

Noch eine andere Anweisung des Herrn selbst: „Wenn dann jemand zu euch sagt: Seht, hier ist der Messias!, oder: Da ist er!, so glaubt es nicht! Denn es wird mancher falsche Messias und mancher falsche Prophet auftreten und sie werden große Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, auch die Auserwählten irrezuführen. Denkt daran: Ich habe es euch vorausgesagt. Wenn sie also zu euch sagen: Seht, er ist draußen in der Wüste!, so geht nicht hinaus; und wenn sie sagen: Seht, er ist im Haus!, so glaubt es nicht. […] Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Matthäus 24,23-25.36)

 

Es ist sicher nichts dagegen einzuwenden, sich mit den anerkannten Privatoffenbarungen (Lourdes, Fatima) zu beschäftigen. Mir haben sie nie so wahnsinnig viel gesagt. Aber sie lassen einen vielleicht erst erkennen, wie real das Wirken des Himmels heutzutage noch ist. Aber von den nicht anerkannten oder verbotenen: Finger weg! Gehorsam ist wichtiger als angebliche neue Nachrichten vom Himmel, und man kommt ohne sie aus. Und das Wirken des Himmels in der ganz gewöhnlichen irdischen Realität kann man auch einfach in einer noch viel tieferen Weise in der heimischen Pfarrei in der Sonntagsmesse erleben, wenn der Pfarrer sagt: „…damit sie uns werden Leib und Blut deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, der uns aufgetragen hat, dieses Geheimnis zu feiern.“ Dann ist Jesus nämlich ganz sicher da.

Jetzt versteh‘ ich’s!

Ich habe hier ja schon einmal meinen Senf zum Projekt „Valerie und der Priester“ abgegeben (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/22/glauben-meinen-wissen-und-nicht-interessiert-sein/) und bin dabei schon einmal auf das Wichtigste eingegangen, was mich an Valerie Schönians Zugang zum Leben des Priesters Franziskus von Boeselager und zum katholischen Glauben an sich stört: Ihr Fokus auf Emotionalität, ihre feststehende (und gleichzeitig an keiner Stelle begründete) Überzeugung, in der Religion ginge es nur um Halt, Gemeinschaft, Heimat, und nette Gefühle.

Das Projekt ist jetzt nach einem Jahr zu seinem Ende gekommen, und ich muss ehrlich gesagt sagen, ich bin schön langsam froh drum. Anfangs habe ich gerne mitgelesen, es war – trotz des, wie es ein Kommentator auf Facebook mal treffend bezeichnete, gelegentlichen „Schülerzeitungsniveaus“ der Artikel – gar nicht mal uninteressant: ein Einblick in den Alltag eines sehr sympathischen Kaplans, dazu natürlich ein Einblick in den Zugang eines anderen Menschen zur Kirche, der mit der Kirche bisher nie was am Hut hatte. Es kann ganz interessant sein, sich mal anzuschauen, wie der eigene Verein so bei der Außenwelt ankommt; Valerie berichtete ja über etwas, das ihr völlig fremd war – da verzeiht man einige Klischeevorstellungen am Anfang gerne mal, zumal die 25-jährige Journalisten einen, wenn auch nicht besonders kundigen oder genialen, doch alles in allem freundlichen und interessierten Eindruck machte.

Aber allmählich nervt es mich doch, die Valerie-und-der-Priester-Artikel und -Videos im Newsfeed auf Facebook zu haben. Zu nennen wäre bei den unwichtigeren Gründen immer noch der Schreibstil, mit dem Valerie mich nie begeistern konnte (den regelmäßig verwendeten, wirklich wahnsinnig originellen Einstieg in medias res mit dem szenischen Präsens hat sie sich wahrscheinlich aus dem Oberstufendeutschbuch angelesen). Zwar sind da, um ganz ehrlich zu sein, die Artikel in meiner Tageszeitung auch nicht immer viel besser; aber trotzdem macht der Blog manchmal einen Eindruck auf dem Niveau des letzten Berichts von Oberministrantin Martina S. (18) über die Ministrantenfreizeit am Baggersee in der Pfarrzeitung von St. Aloysius, Unterangerried. Des weiteren, und das nervt mehr: So ziemlich das ganze letzte halbe Jahr hindurch wiederholt Valerie in jedem zweiten Satz ihrer Artikel, wie wichtig doch Begegnung zwischen verschiedenartigen Menschen sei, auch wenn sich Standpunkte dadurch nicht änderten; ein wie viel besseres praktisches Verständnis sie dafür entwickelt habe, dass tatsächlich nicht alles schwarz-weiß sei (was sie vorher theoretisch zwar auch unterschrieben, aber nicht so realisiert hätte); und dass es – man höre und staune! – in der Kirche ja auch sehr nette Menschen gebe. Auch wenn Franziskus gegen das Frauenpriestertum ist, sie hält ihn trotzdem noch für einen guten Menschen. Mal ganz abgesehen von der Redundanz des Ganzen hat es stellenweise doch einen etwas seltsamen Beigeschmack. Sehr nett ist zum Beispiel, was sie in einem Interview zu ihrem Projekt beim Onlinemagazin Kirche & Leben sagt: „Man muss eben sich darauf einigen, worüber man spricht, wenn man von ‚der Kirche‘ spricht – spricht man gerade von der Institution, spricht man irgendwie von den Menschen, die in Rom sitzen, oder spricht man von den Menschen, die hier in der Kirche sitzen, von der Gemeinde – und wenn man von denen spricht, also, zumindest die, die ich hier erlebt habe, dann ist die Kirche sehr wohl liebenswürdig.“ (https://www.kirche-und-leben.de/artikel/valerie-und-der-priester-ein-resuemee-am-projektende/) Wow. Wie unendlich vorurteilsfrei. Natürlich, die Menschen, die für die Institution in Rom sitzen, die müssen immer noch schlecht sein, das wissen wir, aber in den deutschen Gemeinden hier, da kann es schon doch auch nette Christen geben! Ich meine, es ist natürlich Allgemeinbildung, wie schlimm die Leute sind, die in der Kurie arbeiten, nicht wahr, die haben wir schließlich alle persönlich kennengelernt, und wieso sollte jemand überhaupt in der Zentrale der katholischen Kirche für den Papst arbeiten wollen, wenn er nicht ein schlechter Mensch wäre, aber ansonsten, so ein Gemeindepriester, der kann eventuell auch mal ein guter Mensch sein, und seine Pfarrkinder vielleicht auch. Hach. Ich bin ganz gerührt.

Okay, vielleicht unterschätze ich hier einfach, aus was für einem kirchenfernen und unterschwellig antiklerikalen Umfeld Valerie eigentlich kommt. Sie hat sicher tatsächlich viel an Vorurteilen überwunden. Anzunehmen, dass ein Kardinalstaatssekretär auch nur ein frommer, freundlicher Mensch sein könnte, gilt mancherorts wahrscheinlich als ebenso abwegig, wie anzunehmen, dass es so etwas wie vernünftig begründete Religion geben könnte – äh, Moment mal… Genau, ja, da liegt, wie schon gesagt, mein eigentliches Problem mit Valeries Berichterstattung.

In ihrem letzten Artikel, in dem sie auf das vergangene Jahr zurückblickt, kommt es wunderbar heraus: Erst einmal beschreibt sie die Fremdheit, mit der sie zunächst konfrontiert und von der sie auch irgendwie überwältigt war: „Zwischen den einzelnen Terminen versuchte ich eine Ordnung in meinen Kopf zu bekommen zwischen Eucharistie, Kommunion, Tabernakel, Monstranz und vielen anderen Begriffen, die ich nicht verstand. Ich fühlte mich wie ein Kind, das eine neue Sprache lernen muss.“ Dann geht es aber interessanterweise gleich folgendermaßen weiter: „Franziskus tat und glaubte Dinge, die von außen betrachtet völlig verrückt erscheinen, schon allein die Wandlung der Hostien in der Messe in den, so glaubt er, Leib Christi. Es war nicht immer einfach, das ernst zu nehmen. Also auf Augenhöhe zu bleiben, sich nicht einfach darüber lustig zu machen. Aber ich nahm mir vor, es zu versuchen. Denn ich wollte Franziskus nicht belächeln. Genauso wenig wie die anderen Menschen, die ich kennenlernte. Ich konnte beobachten, wie zärtlich sie aussehen, wenn sie beten. Und diese Zärtlichkeit war ja nicht verrückt, sondern echt. Da passierte einfach etwas, von dem ich nichts verstand, sie sahen etwas, das ich nicht sah.“ (https://valerieundderpriester.de/das-letzte-kapitel-c52a71d1d64f)

Also, kurz gesagt: Valerie sieht Dinge, die sie nicht einmal ansatzweise versteht und die sie erst einmal von Grund auf kennenlernen muss, und gleichzeitig ist es aber schwierig, auf Augenhöhe mit den Menschen zu bleiben, die sich mit diesen Dingen auskennen, weil ja offensichtlich ist, wie absurd das alles ist. Das Problem mit der Augenhöhe ist, dass sie über Franziskus steht, weil sie ja der aufgeklärte Mensch ist, der erst lernen muss, wie die Begriffe „Monstranz“ und „Eucharistie“ verwendet werden. Ja, da kann man nicht so einfach auf Augenhöhe mit den dummen Gläubigen reden. Da muss man sich schon anstrengen, um sich einzufühlen, wie sie das so erleben. (Okay, vielleicht könnte man diese Passage wohlwollender interpretieren. Wenn jemand etwas erst absurd findet, dann aber selbst merkt und eingesteht, dass es das, zumindest aus Sicht derer, die damit zu tun haben, nicht ist, dann ist das ja schon schön. Trotzdem haben Valeries Formulierungen einen etwas… na ja, wie soll ich sagen… seltsamen Klang.)

Den Vogel abgeschossen hat sie meiner bescheidenen Meinung nach mit diesem Abschnitt hier: „Natürlich habe ich jetzt nicht die ganze katholische Theologie und Institution verstanden. Das war auch nie der Anspruch, konnte es nicht sein, dafür ist ein Jahr zu kurz. Ich habe bewusst auch nicht die Bibel gelesen (außer der Bergpredigt; krasses Stück). Theologische Diskussionen sind wichtig, aber die müssen andere führen. Für mich war es wichtig, Franziskus als Menschen zu verstehen.“

Nein, liebe Valerie, der Anspruch des Projekts war tatsächlich nicht, dich zu einer ausgebildeten Theologin zu machen. Aber dein Job war es, ob du’s glaubst oder nicht, das Leben eines Priesters zu vermitteln. Und wenn man das tun will, sollte man vielleicht zumindest eine grobe Ahnung davon haben, wovon „Franziskus als Mensch[…]“ so überzeugt ist. Bewusst nicht die Bibel gelesen! Sag mal, geht’s eigentlich noch? Wenn ich über Kommunisten berichte, dann lese ich natürlich ganz bewusst nicht das Kommunistische Manifest, und wenn ich über Feministinnen berichte, dann lese ich ganz bewusst kein Fitzelchen feministische Literatur, und wenn ich über Muslime berichte, dann mache ich einen großen Bogen um den Koran. Wird das jetzt so gehandhabt in der Journalistenzunft? Keine Ahnung von den intellektuellen Grundlagen einer Gruppe haben, damit man einen umso authentischeren Blick auf sie kriegt? Das bringt’s mal. Das ist nicht Nachlässigkeit, sondern ganz besonders gute Berichterstattung; ja, genau.

(Komischerweise sah es übrigens bei Projektbeginn sogar noch anders aus: In einem älteren Artikel schreibt Valerie mit einem durchaus realistischen Blick darüber, dass sie mit Franziskus noch gar nicht richtig über die Reizthemen diskutieren könne: „Er beschäftigt sich seit über zehn Jahren intensiv mit seinem Glauben und der Kirche. Ich seit ein paar Wochen. Das soll sich ändern. Die Bibel kommt auf meine Leseliste.“ (https://valerieundderpriester.de/leben-in-einem-projekt-e980a233ce44) Was ist dann daraus geworden? Natürlich hätte der Katechismus (vielleicht auch das Kompendium oder der Youcat) zuerst auf die Leseliste gehört – wesentlich kürzer, leichter zu verstehen und systematischer aufgebaut als die Bibel -, aber was ist jetzt also aus der Leseliste geworden? Na ja, Theologie ist ja nicht so wichtig.)

Da muss man sich dann auch nicht wundern, wenn solche nicht nur herablassenden, sondern regelrecht schwachsinnigen Abschnitte in Valeries Artikeln herauskommen wie: „Natürlich, klar: Die Kirche gibt Franziskus Halt, sie ist Familie; er liebt sie so sehr, dass seine Verbindung mit ihr keine Entscheidung ist, sondern einfach da ist. Und Gott liebt uns alle unendlich — ganz egal, was wir tun. Die Beziehung zu ihm zu leben, macht uns glücklich. Und der Herr ist unendlich barmherzig und gut. Wenn man all das erstmal akzeptiert, ergibt aus dieser Perspektive heraus auch Sinn, was man von außen betrachtet nicht verstehen kann. Zum Beispiel die ganze Auslegung der Bibel. Ich meine: Im Alten Testament tötet Gott Neugeborene. Das kann nun wirklich niemand wollen. Trotzdem sagt Franziskus, Gott ist unendlich gut und barmherzig — und legt die Bibel so lange aus, bis die Interpreation eben in sein Gottesbild passt, aber in jeder Deutschklausur durchfallen würde. Warum tut er das also? Weil er noch eine andere Interpretationsgrundlage hat als den Bibeltext. Für Franziskus gibt es vor diesem einen anderen, ersten, unumstößlichen Fakt: dass Gott gut ist. Barmherzig. Dass er uns liebt. Das weiß Franziskus aus seiner persönlichen Jesuserfahrung. Eine Interpretation, die diesem Fakt widerspricht, ist aus seiner Perspektive also schlicht: durchgefallen.“ Ich weiß nicht, wo die liebe gute Valerie das Deuschklausuren-Schreiben gelernt hat, aber wenn sie auch das Bibellesen gelernt hätte, hätte sie zum Beispiel etwas über den Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament lernen können, über die spezielle Auslegung des Alten, wie sie im Neuen Testament selber sogar u. a. in einem Text, den sie gelesen haben will – der Bergpredigt – exemplarisch vorgemacht wird (fernerhin siehe z. B. auch noch Matthäus 19,7f. oder auch Apostelgeschichte 10), darüber, welche verschiedenen literarischen Genres im Orient vor 3000 Jahren so verwendet wurden, darüber, dass die Bibel nicht aus einem Buch, sondern aus mehreren verschiedenen Büchern mit ganz unterschiedlichen Bedeutungsebenen besteht, und so weiter und so fort – vielleicht hätte sie sogar ein paar Passagen aus Dei Verbum (http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651118_dei-verbum_ge.html) lernen können, bevor sie sich so wissend über die Exegese tausender Jahre alter Texte äußert, vielleicht hätte sie sogar das Alte Testament selber mal lesen können, hätte eine gute kommentierte Bibelausgabe zurate ziehen können, und hätte sich ein paar Infos über die Interpretation bestimmter konkreter Texte aneignen können. Ach, was rede ich, es geht ja bei diesem Projekt nicht um Theologie. [GRRRRR!!!!]

(Nicht alles an Valeries Text oben ist übrigens falsch, das ist das Problem; er enthält die typischen Halbwahrheiten; unsinnig wird er alles in allem trotzdem am Ende. Wir können keine Bibelstellen einfach ignorieren oder hinwegreden; und die Interpretation folgt durchaus gewissen Regeln. Wer sich mehr für katholische Bibelexegese interessiert, dem empfehle ich mal meine noch unvollendete Reihe zu den „schwierigen Bibelstellen“ (https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/), insbesondere Teil 9 (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/03/14/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-9-gericht-verdammnis-und-was-war-so-schlimm-an-goetzendienst/), in dem es u. a. genau um die ägyptischen Erstgeborenen geht, und vielleicht auch noch Teil 8 vorher (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-8-ich-aber-will-das-herz-des-pharao-verhaerten/). Das sind natürlich wiederum nur meine persönlichen Auslegungen zu einzelnen Stellen, daher noch einmal der Verweis: Das oben verlinkte kirchliche Dokument Dei Verbum erklärt die Prinzipien der katholischen Bibelauslegung im Allgemeinen (ich fasse sie hier in Teil 2 meiner Reihe auch noch zusammen: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/16/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-2-das-katholische-schriftverstaendnis/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/22/ueber-schwierige-bibelstellen-nachtraege-zu-teil-2/).)

Jetzt versteh ich’s jedenfalls, wieso Valerie den Unsinn schreibt, den sie schreibt, wenn es darum geht, was der Glaube für die Gläubigen ist. Die Theorie interessiert hier nicht, weil darum geht’s hier nicht, also ist alles an der Religion nur Emotionalität, weil die Theorie, die ist ja absurd. Das nennt sich dann logisches Denken. Oder so ähnlich. „Wahrheit“ kommt als Kategorie nicht einmal vor.

Vielleicht bin ich hier ein bisschen fies. Valerie hat offenbar tatsächlich in diesem Jahr einiges verstanden und auch etwas an Offenheit aufgebaut – der verlinkte Artikel legt Zeugnis davon ab. Sie versteht besser, wie Katholiken über die „Reizthemen“ Frauenpriestertum, Homosexualität, Missbrauchsskandal denken, und was ihnen das eigentlich Wichtige an ihrer Kirche ist, und sie hatte offenbar wirklich so einiges an Vorbehalten abzubauen im Lauf der Zeit; das dauert sicher auch. Aber meinem Eindruck nach – der trügen kann, da ich sie nur aus ihren Artikeln und Videos kenne, und nicht persönlich – hat sie bei weitem nicht so viel verstanden, wie sie sich einbildet, und ist auch nicht immer so offen, wie sie denkt.

Ihr Hauptproblem ist, dass sie den letzten Zugang nicht findet: Sie scheint unfähig zu sein, einfach nur mal theoretisch anzunehmen, dass Jesus Christus tatsächlich der Sohn Gottes sein könnte. Ich als Katholikin kann in einer Auseinandersetzung mit diesem Thema theoretisch einmal annehmen, dass Gott sich mit der letzten wahren Offenbarung an Mohammed gewandt haben könnte, und kann dann begründen, aus welchen Gründen ich das doch nicht für zutreffend halte. Man möchte Valerie am liebsten selber eine Deutschklausur aufgeben, und zwar eine Erörterung zum Thema „Wieso ich Jesus von Nazareth (nicht) für den Sohn Gottes halte – historische, theologische und philosophische Argumente“. Schön standardmäßig auszuarbeiten mit Pro- und Contraargumenten, jeweils bestehend aus den drei B’s, Behauptung, Begründung, Beispiel, wie wir das gelernt haben. Vielleicht könnte man sie dadurch mal zum logischen Nachdenken über die intellektuellen Grundlagen des Christentums zwingen, die in ihrem Denken einfach inexistent zu sein scheinen.

 

Über diese heuchlerischen, pharisäischen Katholischer-als-der-Papst-Christen, oder: Der Franziskus-Effekt

Ein Problem, das ich mit unserem derzeitigen Papst, wie er manchmal erscheint, oder zumindest mit manchen seiner Anhänger, habe, ist ihre gewissermaßen selektive Barmherzigkeit. (Ich weiß nicht, ob alles oder auch nur ein größerer Teil dessen, was ich in diesem Artikel beschreibe, auf Papst Franziskus persönlich zutrifft, aber es geht mir auch nicht vorrangig um ihn oder irgendeine andere Person, sondern um ein allgemeines Phänomen. Hier also der offizielle Disclaimer: Dieser Artikel hier ist eigentlich nicht als Papstkritik im strengen Sinne gemeint, er kritisiert eher ein Phänomen, das besonders unter dem derzeitigen Papst wieder stärker aufgelebt ist, das aber nicht gerade neu ist.)

Wie gesagt: Selektive Barmherzigkeit. Was ich damit meine, ist Folgendes:

Man redet von Armut, Demut und Barmherzigkeit. Man tritt ganz betont schlicht auf, damit andere sehen, dass man den alten Prunk der Kirchenfürsten verabscheut. Man zeigt sich bestimmten Sünden gegenüber, die in der Welt beliebt sind, barmherzig, nicht verurteilend, manchmal verständnisvoll, manchmal auch verharmlosend. Andere Sünden dagegen verurteilt man mit den schärfsten Worten, die man finden kann. Ersteres sind meistens die Sünden des Fleisches, letzteres bestimmte Sünden des Geistes. Man betont, wie viel Gutes auch in vor- / außerehelichen Beziehungen zu finden sei, während es ja auch Ehen gäbe, in denen keine gute Beziehung zwischen den Partnern bestehe, und man predigt darüber, wie grauenvoll es sei, sich z. B. wegen seines Glaubens für besser als andere Menschen zu halten, oder wie schlimm Heuchelei sei. Die Lieblingsstelle in der Bibel ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Besser ein barmherziger Samariter sein als ein gleichgültiger Priester oder Levit; besser ein moralischer Atheist sein als ein heuchlerischer Katholik. Man setzt sich selbst mit dem Heiland gleich, der gegen den Legalismus und die Rigidität der Schriftgelehrten und Pharisäer auftritt und für die Armen, Gebeugten, Ausgestoßenen einsteht.

Und damit tut man – wenn auch vielleicht unbewusst – ganz genau dasselbe wie das, wofür der Heiland die Pharisäer kritisiert hat: Man sichert sich den Beifall der Welt. „Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.“ (Matthäus 6,5)

Ich meine, Leute, bitte: Die ausgestoßenen Sünder unserer Zeit sind nicht wiederverheiratete Geschiedene. Es sind dicke, alkoholabhängige Langzeitarbeitslose, oder AfD-Wähler, oder auch religiöse Fundamentalisten, sagen wir mal, in der Nachbarschaft umherwandernde Zeugen Jehovas oder Leiter römischer Kurienbehörden – Leute dieser Art. Ausgestoßene Sünder sind diejenigen, die tatsächlich in der Öffentlichkeit und in den Medien schlecht wegkommen, ob nun zu Recht (wie in den Evangelien die Ehebrecherin) oder zu Unrecht (wie in den Evangelien die verschiedenen Leprakranken). (Natürlich kann es je nach speziellem Milieu noch zusätzlich ganz unterschiedliche Ausgestoßene oder Verachtete geben: Fleischesser, Flüchtlinge, Katholiken, Juden, Schulmediziner, Feministinnen, Machos, Trump-Wähler, Clinton-Wähler, Klimaskeptiker, Esoteriker, Hausfrauen, und so ziemlich alles, was es gibt, können dazu gehören.)

Und wenn man barmherzig sein will (was man sollte) : auch Unbarmherzigkeit gegenüber Pharisäern ist Unbarmherzigkeit, ob man sie nun bloß für Pharisäer hält oder ob sie es wirklich sind.

Ich möchte mal ein Gedankenexperiment machen, das in deutschen Landen zwar wenig realitätsnah ist (ich habe noch keine alten Damen getroffen, die sich so verhalten) – aber stellen wir uns einfach mal vor, dass folgendes Geschehnis passiert:

Eine junge Frau, die bisher mit Kirche und Religion nie viel am Hut hatte, fühlt sich irgendwie zum Glauben hingezogen und hat manches über den Katholizismus erfahren, was sie interessiert, also schaut sie einfach mal in eine Kirche in ihrer Nachbarschaft hinein. Sie stellt fest, dass dort gerade die Sonntagsmesse stattfindet und setzt sich also neugierig zu den Gottesdienstbesuchern und ist ganz fasziniert vom Geschehen am Altar. Vorher hat sie nicht besonders auf ihre Kleidung geachtet und so trägt sie also einen etwas kurzen Rock und ein Top, bei dem ihr BH durchschaut. Nach dem Ende der Messe wird sie von einer älteren Dame, die in der Bank hinter ihr gesessen hat, angegiftet, ob ihr eigentlich jeder Respekt vor dem Herrgott abgehe, dass sie eine halbe Stunde zu spät und dann noch in einem solchen unschamhaften Aufzug in der Messe erscheine.

Die Reaktion des durchschnittlichen Lesers dieser Geschichte wäre wahrscheinlich, die alte Dame als arrogant und unverschämt abzuurteilen, oder? Aber das muss nicht zwangsläufig der Realität entsprechen.

Weshalb kann sie so gehandelt haben? Kann der Grund wirklich nur gewesen sein, dass sie eine böse, hochmütige alte Frau ist, die auf alle Mitmenschen herabsieht, die nicht aufs i-Tüpfelchen genau ihren Vorstellungen entsprechen?

Nicht unbedingt. Es kann ebenso gut möglich sein, dass sie eine Neurotikerin ist – im religiösen Bereich nennt man so etwas Skrupulantin – , die fürchtet – obwohl sie vielleicht ahnt oder weiß, dass dieses Gefühl irrational ist -, dass sie in die Hölle kommt, wenn sie nicht jeden ihrer Mitmenschen auf seine von ihr vermuteten Sünden hinweist, damit er sich bekehren kann. Denn wenn sie das nicht tut, ist sie schließlich an deren Sünden und möglicher ewiger Verdammnis mit schuld, und das ist eine große Sünde, mit der wiederum sie sich die ewige Verdammnis verdient, so ihre zwangsgestörte Logik. Dabei hegt sie persönlich keinerlei Abneigung gegen die junge Frau oder sonst jemanden; sie fühlt tatsächlich vor allem Furcht und Mitleid – um sich selbst und um die von ihr gescholtenen Menschen. Sie hat Angst vor dem richtenden Gott, der diese und sie selbst verdammen könnte. Ihr Tonfall war unbeabsichtigt, und zu Hause angekommen verbringt sie zweieinhalb Stunden damit, den Vorfall noch mal in ihrem Kopf durchzuspielen, um sagen zu können, ob sie die junge Frau mit besagtem Tonfall vielleicht so sehr verletzt haben könnte, dass diese nie wieder etwas mit der Kirche zu tun haben will, womit sie dann ebenfalls wieder an deren ewiger Verdammnis mit schuld wäre. Dann verbringt sie noch eine halbe Stunde damit, Gott um Verzeihung anzuflehen und zu versuchen, vollkommene Reue zu erwecken, nur für den Fall, und am nächsten Tag geht sie zur Beichte. Ihrem Pfarrer ist sie schon bekannt, und er versucht, sie so gut es geht zu beruhigen, so wie er es jede Woche wieder wegen irgendeinem Vorfall tut. Allmählich ist er ratlos, wie er ihr helfen soll.

Oder vielleicht war die alte Frau geistig gesund, aber einfach gestresst und wütend wegen etwas, das gar nichts mit der jungen Frau zu tun hatte, die ihr nicht sittsam genug gekleidet war. Vielleicht hat sie direkt vor der Messe noch mit ihrer Tochter telefoniert, die sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat, und diese und deren Familie freundlich zu Weihnachten eingeladen, was die Tochter abgelehnt hat, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, sich eine glaubwürdige Ausrede einfallen zu lassen. Für sie und ihre Familie passe das nicht so gut, nein, zu Ostern wohl auch nicht, nein, auch die Faschingsferien seien schlecht. Im Lauf des Gesprächs hat die Tochter außerdem noch mehr als deutlich ihre Verachtung darüber zu erkennen gegeben, dass die Mutter immer noch die Vorbeterin beim Rosenkranzgebet in der Pfarrei macht und tagtäglich in die Messe geht; dann hat sie das Gespräch abgebrochen. Außerdem hat die alte Frau als Kind gelernt, die Ehrfurcht vor dem lieben Herrgott für sehr wichtig zu halten, und so ist ihr in ihrem aufgebrachten Gefühlszustand nach der Messe gegenüber der jungen Frau, die erstens viel zu spät und zweitens ihrer Ansicht nach nicht im Geringsten angemessen gekleidet gekommen ist, einfach ihr Temperament durchgegangen. Hinterher tut es ihr leid und sie hofft, dass die junge Frau am nächsten Sonntag wieder in die Messe kommt, sodass sie sich entschuldigen kann.

Das Problem ist eben: Kein Mensch, der heute hier auf Erden lebt, ist der Heiland. Daher kann auch kein Mensch anderen Menschen ins Herz schauen und endgültig sagen, ob sie nun arrogante Pharisäer sind oder nicht, und erst recht nicht, ob sie sich nicht vielleicht, wenn sie es sind, und wissen, dass sie es manchmal sind, eigentlich gerne bessern wollen.

Diese Art von selektiver Barmherzigkeit ist sicher oft gut gemeint und entwickelt sich dann nur falsch. Aber falsch entwickeln, das muss man sagen, das tut sie sich leider häufig.

Wir alle brauchen eben Barmherzigkeit.

 

Die Wahrheit wird euch frei machen

Ich habe schon einmal (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/27/das-so-ziemlich-nervigste-klischee-ueber-frauen-das-es-gibt/) erwähnt, dass ich die Ehrlichkeit für eine der wichtigsten Tugenden halte, die es gibt, und das möchte ich noch mal wiederholen. Treue zur Wahrheit, und zwar zur ganzen Wahrheit und zu nichts als der Wahrheit, ist etwas, ohne das man eigentlich nicht leben kann.

Angelogen zu werden kann für den, der belogen wird, tatsächlich eine Art von Gefängnis bedeuten, eine Unfreiheit; es schließt ihn von der Welt ab, wie sie wirklich ist. Man ist nicht mehr in der Lage, die Realität zu sehen, wie sie da draußen eigentlich besteht, und sich dann zu entscheiden, wie man angemessen auf sie reagieren will. Stattdessen ist man demjenigen ausgeliefert, der einen getäuscht hat. Es macht einen hilflos; vielleicht reagieren die Leute deshalb oft so wütend, wenn sie herausfinden, dass sie angelogen worden sind. Man muss sich im Alltag die ganze Zeit über auf Informationen verlassen, die man nur aus zweiter Hand bekommen und nicht selber durch eigene Beobachtungen in jedem Detail verifizieren kann. (Schon mal versucht, die Existenz von Ulaanbaatar nachzuweisen, ohne selber in die Mongolei zu fliegen, oder die Beschaffenheit von Chlorophyll oder Kohlenmonoxid, ohne sich ein eigenes Labor zuzulegen?) Und wenn die nicht stimmen, wird es natürlich schwierig. Lügen und Halbwahrheiten und Täuschungen verdrehen die Welt; sie erschaffen etwas, das nicht da ist – nicht in dem guten Sinne, wie Märchen, Romane oder Filme etwas erschaffen, das nicht da ist und von dem man weiß, das es nicht da ist, oder in dem Sinne, wie Gott die Welt erschaffen hat, die vorher nicht da war; sie erschaffen eine Illusion von etwas, das schon auf andere Weise da ist, als sie es vorspiegeln, eine Illusion, auf die sich Leute verlassen, und von der sie dann verraten werden.

Wenn man Menschen anlügt, degradiert man sie; man traut ihnen entweder nicht zu, mit einer Situation, wie sie in Wirklichkeit ist, fertigwerden und eigene sinnvolle Entscheidungen treffen zu können, oder man benutzt sie einfach, weil es gerade bequem ist. Wenn man jemanden anlügt, weil man meint, er würde sich nur unnötig über etwas aufregen, oder wütend auf einen werden, weil man irgendetwas Falsches getan hat, dann heißt das, man geht von vornherein davon aus, dass er falsch reagieren wird, und nimmt ihm damit die Möglichkeit, vielleicht doch besonnen oder verständnisvoll reagieren zu können – na ja, oder man will einfach mit seinem eigenen falschen Handeln davonkommen. Entweder man misstraut ihm, oder man verachtet ihn. Und wenn er merkt oder ahnt, dass er angelogen wird, wird er auch anfangen, zu misstrauen. Lügen in wichtigen Dingen zerstören Beziehungen wie wenig anderes. Gerade wenn man mehrmals feststellen muss, dass auf die Worte und Versprechungen des anderen kein Verlass ist, ist die ganze Basis weg. Denn woher weiß man dann, dass es in Zukunft tatsächlich anders werden wird, wie der andere es schon wieder beteuert?

Ich finde, dass einer der grässlichsten häufig vorkommenden Sätze in typischen amerikanischen Filmen dieser ist: „Wir/ich wollte(n) dich nicht beunruhigen.“ [Na ja, vielleicht abgesehen von „Ich will kein Mitleid / keine Almosen.“ Ich habe ja so eine Theorie, dass die meisten Amerikaner, auch die meisten der sich „Christen“ nennenden Amerikaner, in Wirklichkeit Anhänger der Ketzerei des Amerikanismus sind, die hauptsächlich aus Hochmut („Ich will kein Mitleid“), sozialdarwinistischen Ideen („Gott hilft denen, die sich selber helfen“), Idealen von weltlichem Erfolgsstreben („prosperity gospel“), Selbsthilfetipps zum positiven Denken („Du kannst alles schaffen, wenn du es nur wirklich willst!!!“) und Auserwähltheitsfantasien („God’s own country“) zu bestehen scheint. Ich vermute manchmal, dass antike Bischöfe und mittelalterliche Mönche, die endlos über Demut, Milde, Barmherzigkeit, Mitleid, Almosengeben, den Wert der freiwilligen Armut, das Übel des Wuchers oder die Vergänglichkeit des Reichtums predigten, das, was manche Amerikaner für „Christentum“ halten, kaum wiedererkennen würden. Wobei, anders betrachtet, was will man erwarten bei einem Volk, in dem man sich über „interrassische Ehen“ (nicht mein Begriff, die reden wirklich von „interracial marriages“) wundert und allgemeine Krankenversicherung und Arbeitslosengeld für „Sozialismus“ hält…*] Dieser scheußliche Satz, mit dem die Figuren ihre eigene Unfähigkeit, mit der Wahrheit offen umzugehen, kaschieren wollen, kommt immer dann, wenn Eltern ihrem krebskranken Kind verheimlicht haben, dass es wahrscheinlich bald sterben wird, oder ein Ehemann seiner Frau, dass er seinen Job verloren hat, oder etwas in der Art. Man will den anderen (angeblich) vor der bösen Realität schützen, und nimmt ihm dadurch jede Möglichkeit, sich selbst dieser Realität anzupassen, selbst zu entscheiden, wie er mit ihr am besten umgehen sollte – also, sich zum Beispiel auf seinen Tod vorzubereiten, indem er Dinge in Ordnung bringt, die er verbockt hat, oder Dinge fertigstellt, die er noch fertig haben will. Man entscheidet stattdessen an seiner Stelle, was besser für ihn ist; man betrügt ihn, und tut auch noch so, als täte man ihm damit irgendeine Art von Gefallen, auch wenn die Wahrheit, die er irgendwann herausfinden muss, am Ende dann noch schlimmer für ihn sein wird (z. B. weil er dann nur noch sehr wenig Zeit bis zu seinem Tod haben wird). Das ist ebenso bescheuert wie – oder fast noch bescheuerter als – die amerikanische Lüge von wegen „live your dream“ (also nicht: „lebe in der Realität und mach was aus den Möglichkeiten, die du hast“, sondern „tu einfach mal so, als ob dein Traum, was für einer das auch immer sei, Realität ist, dann wird er das schon werden“; jedenfalls erlangt der Satz diese Bedeutung in der Praxis; zum Beispiel bei nahezu jedem Teilnehmer von Veranstaltungen wie American Idol (die US-Variante von DSDS); die leben nun wirklich in einer Traumwelt).

Das Verschweigen der Wahrheit, wenn jemand ein Recht darauf hat, sie zu erfahren, ist eine Sünde. Claudia Sperlich schreibt hier über einen Fall, in dem das zutreffen würde (https://katholischlogisch.wordpress.com/2017/03/06/tote-kinder/) : „Im irischen Tuam gab es von 1925 bis 1961 ein von Nonnen betriebenes Heim für ledige Mütter. 2014 wurden dort Knochen von Kleinkindern entdeckt, die nicht auf dem Friedhof beerdigt, sondern auf dem Gelände des Heimes verscharrt wurden. Das Ausmaß kommt jetzt ans Tageslicht; es wird aber bereits seit Jahren untersucht.“ Die Kindersterblichkeit muss dort wohl ungewöhnlich hoch gewesen sein, wahrscheinlich wegen einem Mangel an Pflege und Zuwendung, und die Kinder wurden dann nicht einmal ordentlich beerdigt, sondern bloß schnell irgendwo verscharrt – auch das noch zu viel Arbeit für die Nonnen, das Beerdigen? Frau Sperlich schreibt weiter: „Was mich besonders entsetzt, ist das Fehlen jeglicher Stellungnahme der Sisters of Bon Secours. Ich habe den Schwestern in Galway (zu Tuam gehörte) eine Anfrage gemailt, warum auf ihrer Homepage an keiner Stelle, auch nicht unter der Übersicht „History“, mit einem Wort darauf eingegangen wird. Denn auch wenn keine der Verantwortlichen mehr am Leben ist und die Schwestern heute gute und segensreiche Arbeit tun, darf dieser sehr dunkle Fleck nicht vergessen werden.“

Ich kann intellektuell nachvollziehen, wie diese Schwestern denken mögen: Man muss ja nicht unnötig darüber reden; das gibt nur ein schlechtes Bild; wir müssen unsere Institution schützen; Menschen könnten einen schlechten Eindruck von der Kirche bekommen, wenn sie davon hören würden, und würden sich vielleicht von ihr abwenden, was wir ja nicht wollen können; wir lügen ja nicht, wir verschweigen nur etwas.

Ich kann mir vorstellen, dass bei den Missbrauchsskandalen manchmal Ähnliches gedacht worden ist. Ja, es gab und gibt Kirchenleute, die sich um Aufklärung bemühten oder bemühen – Joseph Ratzinger hat schon als Präfekt der Glaubenskongregation und dann später als Papst einiges geleistet und eine Null-Toleranz-Politik durchgesetzt, und auch Bischof Voderholzer von Regensburg soll sich im Moment ehrlich um die Aufklärung des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen bemühen (jedenfalls habe ich das in einer Tageszeitung in einem Interview mit einem Missbrauchsopfer gelesen; der Interviewte hatte ansonsten nicht viel Gutes über seine Erfahrungen mit der Kirche und den Leuten bei den Domspatzen zu sagen). Aber es gab ganz offensichtlich auch andere Bischöfe oder Bistums- oder Kurienmitarbeiter, die anders dachten. Lieber keinen großen Wirbel, lieber keinen Skandal verursachen… Womit sie im Übrigen am Ende ein wesentlich schlechteres Bild von der Kirche vermittelten, als es bei einem offenen Umgang mit alldem je möglich gewesen wäre. Es handelt sich bei einem solchen Verhalten um eine unglaubliche Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern. Ich weiß nicht, ob ein so motiviertes Verhalten auch der Grund dafür war, dass Marie Collins vor kurzem die vatikanische Kinderschutzkommission verlassen hat (http://www.kath.net/news/58702; hier ist recht vage die Rede davon, dass sie „Frustration über mangelnde Kooperationsbereitschaft vatikanischer Behörden“ als Grund genannt habe).

Aber so ein Verhalten ist kaum auf die Kirche beschränkt. Kölner Silvesternacht, irgendwer? Was da geschehen war, kam erst nach mehreren Tagen heraus, als es sich nicht mehr unter Verschluss halten ließ. In meiner Tageszeitung erschien der erste Bericht nach meiner Erinnerung am 5. oder 6. oder 7. Januar irgendwo hinten auf der „Panorama“-Seite, und am nächsten Tag waren wütende Leserbriefe darüber und ausführliche Berichte auf der ersten und der dritten Seite zu lesen, und keiner der Redakteure ließ auch nur eine Silbe der Reue über den vorherigen Umgang mit diesen Informationen verlauten. Kein Wunder, dass Umfragen zufolge so wenige Leute der Presse trauen – manche Informationen sind für Journalisten einer gewissen Couleur einfach zu „brisant“ – oder könnten „missbraucht“ werden – die Leute könnten sie in den falschen Hals kriegen – kurz, gewisse Journalisten denken so, wie vielleicht Bischöfe oder Generalvikare oder Personalchefs einer Diözese gedacht haben, die die Kirche davor schützen wollten, dass die ganze Welt uns für eine „Kinderfickersekte“ hält. (Wobei die Presse sich inzwischen ein wenig am Riemen gerissen zu haben scheint, zumindest, was die örtliche Tageszeitung in meiner Region angeht.)

Diese Ängste sind real und nicht völlig unbegründet. Es gibt Nazis in Deutschland – so richtige Nazis ebenso wie weniger bedrohliche und gefährliche Stammtisch-Ausländerfeinde – ; ebenso wie es Leute gibt, die alle Priester für Kinderschänder halten. (Ich habe vor ein paar Jahren, auf dem Höhepunkt des Skandals, mal einen jungen Kaplan sagen hören, manchmal weiß er gar nicht mehr, ob er den kleinen Kindern, die bei der Kommunionausteilung mit ihren Eltern nach vorn kommen, überhaupt noch ein Kreuz auf die Stirn machen darf, und eine Bekannte hat mir einmal erzählt, ihr nominell evangelischer Verlobter hätte wegen der Missbrauchsskandale sogar Bedenken, spätere Kinder katholisch taufen oder Ministranten werden zu lassen. Bei so weit verbreiteten Vorurteilen helfen alle Infos über die geringe statistische Wahrscheinlichkeit, ausgerechnet in der Pfarrgemeinde Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden, verglichen etwa mit Sportvereinen oder Familien, manchmal nichts.) Und natürlich profitieren wirkliche Rassisten, die Menschen einer gewissen Herkunft schon für eine Art Untermenschen halten, von Berichten über kriminelle Ausländer, besonders, wenn sich herausstellt, dass es sich vielleicht nicht um bedauerliche, überhaupt in keinster Weise repräsentative Einzelfälle handeln könnte, sondern dass z. B. bei Köln auch die frauenverachtende Kultur, aus der die Täter kamen, eine Rolle gespielt haben könnte, oder dass Schlägereien und auch Messerstechereien in Asylbewerberheimen gar nicht mal so arg selten vorkommen, oder dass etwa in Schweden durch die liberale Einwanderungspolitik der vergangenen Jahre inzwischen so einige No-Go-Areas geschaffen worden sind, oder dass, wie jetzt berichtet wurde, ein Dritter aller Straftäter in Deutschland keinen deutschen Pass hat.

Aber am meisten nützt es Nazis (oder Kirchengegnern, for that matter), wenn die „Lügenpresse“ (oder die Halbwahrheitenpresse, wie man es manchmal formulieren sollte – oder aber eben auch die Bistumsverwaltung) gewisse Dinge unter den Tisch kehrt. Das nützt ihnen sehr viel mehr. Und wenn Probleme verschwiegen werden, dann werden sie vor allem nicht angegangen werden, dann werden sie natürlich noch schlimmer werden, und es wird mehr Opfer geben, denen keiner zuhört, weil es sie nicht geben darf. Und wenn es dann entsprechend viele Opfer gibt, so viele, dass sie sich nicht mehr ignorieren lassen, wird man das entsprechende Chaos ernten. Das gilt für alle Probleme. Man darf das Schlimme nicht verschweigen, weil es „uns“ schaden könnte. Am meisten schadet am Ende immer Unwahrhaftigkeit, aber selbst wenn die Wahrheit einmal schaden sollte: Das ist egal. Man muss sie trotzdem sagen. Sie schadet vielleicht, aber sie macht auf jeden Fall frei.

Anbei: Ich finde Halbwahrheiten und Verdrehungen übrigens oft noch schlimmer als Lügen; ihnen ist schwieriger beizukommen. Da muss man erst einmal ganz genau schauen, wie eine Statistik zustande kam; wie diese Fakten sich ins größere Bild einordnen; wie ein Zitat im Kontext lautete; wie relevant oder wie gesichert eine Behauptung überhaupt ist – kurz, es macht einen im Allgemeinen hilfloser als gegenüber ganz einfach demonstrierbar falschen Behauptungen.

(Wobei richtige „Fakenews“ (man darf wirklich auch einfach „Lügen“ dazu sagen) natürlich auch großes Unheil anrichten können – man denke allein an die „Protokolle der Weisen vom Zion“ als das bekannteste Beispiel aus der Geschichte. (Es gab solche Fälschungen im Lauf der Geschichte übrigens, wie auf allen Seiten, auch auf der antikatholischen Seite; am bekanntesten sind vielleicht die Monita Secreta aus dem 17. Jahrhundert (https://en.wikipedia.org/wiki/Monita_Secreta) – angebliche Instruktionen des Jesuitengenerals an seinen Orden zur Machtgewinnung, eine Art von Protokollen einer jesuitischen Weltverschwörung, könnte man sagen. (Heute sind die Jesuiten als Verschwörer natürlich zu langweilig geworden, da muss jetzt eher das Opus Dei übernehmen.) Außerdem gab es z. B. die 1836 in Kanada und den USA veröffentlichten „Maria Monk Stories“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Maria_Monk), mit dem eigentlichen Titel „Awful Disclosures of Maria Monk, or, The Hidden Secrets of a Nun’s Life in a Convent Exposed“ („Schreckliche Enthüllungen der Maria Monk, oder Die verborgenen Geheimnisse des Lebens einer Nonne im Kloster enthüllt“); oder etwa die Geschichte vom Popish Plot („Papistenverschwörung“, https://de.wikipedia.org/wiki/Papisten-Verschw%C3%B6rung), die zwischen 1678 und 1681 in England sogar für Hinrichtungen Unschuldiger sorgte, ehe sie als erfunden erwiesen wurde.))

Vielleicht noch kurz allgemein zur moraltheologischen (und „kasuistischen“, wenn man so will) Seite der Sache: Die grundsätzliche Begründung der katholischen Moraltheologie, wieso Lügen schlecht ist, ist ja ganz einfach: Die Sprache ist dazu da, Wahres über die Wirklichkeit mitzuteilen, und wenn man sie verwendet, um die Wirklichkeit zu verdrehen, pervertiert man sie. Es ist nicht grundsätzlich eine Sünde, einer eindeutigen Antwort auszuweichen, und erst recht nicht grundsätzlich eine Sünde, zu schweigen; nur eben dann, wenn jemand anderer bzw. die Öffentlichkeit ein Recht hat, etwas zu erfahren. Es ist in anderen Fällen sogar gut und notwendig, Geheimnisse zu wahren oder Negatives, das man über andere weiß, nicht öffentlich auszubreiten. (Ich rede jetzt nicht mehr von Verbrechen.) Das Beichtgeheimnis gilt sogar völlig absolut, ohne Ausnahmen (ja, auch bei Verbrechen; wobei ein Beichtvater, dem ein Verbrechen gebeichtet wird, natürlich schauen wird, dass der Pönitent klar den Willen zeigt, keine weiteren Verbrechen zu begehen, und ihn vielleicht auch dazu bringen kann, sich der Polizei zu stellen; aber auch in solchen Fällen ist das Beichtgeheimnis absolut heilig). Es kann Fälle geben, in denen man ein Geheimnis bewahren muss.

Als klassisches Beispiel wird in der Moralphilosophie auch immer der konstruierte Fall vorgebracht, dass man Juden im Keller versteckt und die Gestapo vor der Tür steht. Unter den Moraltheologen wurde/wird sehr kontrovers diskutiert, ob man in solchen Fällen dann auch direkt lügen, oder die Gestapo bloß durch zweideutige Rede täuschen dürfte o. Ä. Hierzu, finde ich, hat der Philosoph Robert Spaemann in diesem Essay (http://www.kath-info.de/verantwortungsethik.html) über Gesinnungs- und Verantwortungsethik (eine Unterscheidung, die er grundsätzlich ablehnt), wo er an einer Stelle über Handlungen schreibt, die immer in sich schlecht sind, eine gute Antwort gegeben:

„Dem entspricht, daß in der klassischen philosophischen und theologischen Tradition die absichtliche und die direkte Tötung unschuldiger und wehrloser Menschen, die absichtliche Täuschung des Vertrauens durch unwahre Rede und die Herauslösung der Sexualität aus ihrem integralen humanen Kontext jeder weiteren Güterabwägung entzogen und für jederzeit unverantwortlich erklärt wurde. Lediglich mit Bezug auf die Lüge gab es unter den theologischen Moralisten gewisse Meinungsverschiedenheiten, die mit einem ungenügenden Begriff von Sprache zusammenhingen. Es gehört nämlich zur menschlichen Rede nicht nur ein Sprecher und dessen Wort, sondern auch ein Adressat und dessen Weise, das Wort aufzufassen. Das Erzählen von Märchen ist keine Lüge. Zum Vollsinn einer wahrheitsbezogenen Rede gehört, daß sie vom Adressaten als eine solche aufgefaßt wird. Der Kriegsgegner, der polizeiliche Fahnder, der fragt, ob ich einen Menschen versteckt habe, befindet sich zum Sprecher gar nicht in jenem sittlichen Verhältnis des Vertrauens, das eine wahrhaftige Rede erforderlich macht. Bekanntlich kann man ja jemanden, der ohnehin davon ausgeht, daß ich lüge, gerade dadurch in die Irre führen, daß man ihm die Wahrheit sagt. Wo aber ein solches Vertrauensverhältnis existiert, wo der Fragende – zum Beispiel der Patient oder der Ehepartner oder der Freund – zu der Erwartung berechtigt ist, daß ihm vom Arzt, vom Ehepartner oder vom Freund die Wahrheit gesagt wird, da verstößt es in der Tat gegen die Menschenwürde, aus irgendeiner noch so menschenfreundlichen Erwägung heraus die Unwahrheit zu sagen, sich selbst als Person hinter seiner Rede zum Verschwinden zu bringen und den anderen zum bloßen Objekt – und sei es auch der Fürsorge – zu degradieren, während er glaubt, Partner in einem Kommunikationsverhältnis zu sein. Die Lüge, so sagt Kant, ist in erster Linie eine Verletzung der Verantwortung gegen sich selbst, weil sie die konstitutive Identität von Innen und Außen zerstört, die das sittliche Selbstverhältnis ausmacht.“

 

* Ehe man mich darauf hinweist: Ja, ich weiß, dass auch in Amerika „nicht alle so sind“. Ich hege als gute Katholikin keine undifferenzierte Abneigung gegen alle Angehörigen einer bestimmten Nation oder Kultur, und bin durchaus bereit, zu glauben, dass es auch in dieser bestimmten Nation und Kultur, für die ich nicht allzu viel übrig habe, vernünftige Menschen und sogar einige gute Christen gibt. (Deshalb verlinke ich ja auch am Rand dieses Blogs zu einigen amerikanischen Blogs, die tatsächlich vernünftige, christliche Ansichten vertreten.) Und nein, ich halte mich nicht für persönlich besser als ketzerische Amerikanisten.

 

PS: Die Überschrift ist ein Zitat von unserem Herrn (Johannes 8,32).

PPS: Und nein, ich will mit diesem Artikel nicht sagen, dass jede kleine Unwahrheit eine Todsünde ist. Lügen sind zwar so gut wie immer schon ihrer Wurzel nach schlecht, aber sie sind gleichzeitig auch meistens in nicht gravierendem Sinne schlecht (wenn es sich nicht gerade um einen Meineid vor Gericht oder etwas anderes Schwerwiegendes handelt). Unwahrheiten sind leider sehr häufig, und manchmal nicht leicht zu vermeiden, und es gibt manchmal auch Grauzonen (bei Leuten, zu denen eben kein Vertrauensverhältnis besteht, zum Beispiel), wo es nicht in absolut jedem Einzelfall falsch sein muss, die Unwahrheit zu sagen, und auch zweideutige oder ausweichende Antworten können in einzelnen Fällen erlaubt sein. Jedenfalls sind Lügen und Täuschungen oft zwar schon Sünden, aber bloß lässliche Sünden.