Ach ja, Privatoffenbarungen

Wahrscheinlich kennt jeder bestimmte Ansichten, die er ganz besonders verabscheut. Für mich sind das vor allem:

  • Verschiedene gotteslästerliche Häresien wie der Jansenismus, der Calvinismus oder der Islam, die den lieben Herrgott als Tyrannen darstellen;
  • Überbevölkerungshysterie (zu den Gründen dafür noch mal ein eigener Beitrag);
  • falsche Privatoffenbarungen.

Es gibt natürlich andere Ansichten, die noch weniger mit meinen eigenen erzkatholischen Ansichten gemein haben – den Atheismus zum Beispiel. Aber was etwa den „Neuen Atheismus“ angeht, der mehr die fünfte Auflage von Feuerbach ist, der macht einfach keinen lohnenden Gegner mehr her, weil er fast ausschließlich auf Unwissen und Missverständnissen beruht. Und manchmal hasst man die Ketzerei eben doch mehr als den Unglauben. Fragen Sie die Heilige Inquisition.

Okay, zum eigentlichen Thema. Heute also: Privatoffenbarungen. Mir geht es hier natürlich hauptsächlich um die nicht kirchlich anerkannten Privatoffenbarungen. Allzu viele persönliche Erfahrung mit denen habe ich nicht – die wenigen, die ich habe, reichen mir allerdings.

 

Als ich noch ein frisch bekehrter Teenager war, so etwa 2011, war die aktuelle, anonym im Internet verbreitete Privatoffenbarung, über die man in Tradi- und Charismatikerkreisen hysterisch werden konnte, gerade „Die Warnung“. Inhalt: Bald wird eine große „Warnung“ über die Menschheit kommen, im Grunde genommen ein entsetzlicher Augenblick, in dem alle Menschen in einer „Seelenschau“ ihre Sünden erkennen, wobei einige vor Schreck tot umfallen werden. Dann kommt bald das Ende – zuerst allerdings muss die Welt noch einiges an von Gott verhängten Plagen, also Naturkatastrophen und dergleichen, überstehen. Und vorher muss auch noch der Antichrist auftauchen, der nämlich der Nachfolger von Papst Benedikt XVI sein wird. Das mit dem Antichrist wurde nach meiner Erinnerung allerdings erst etwas später prophezeiht als das mit der Warnung und dem Weltuntergang im Allgemeinen; ich habe erst mal jedenfalls nur ersteres im Internet gelesen. (Ja, ja, ich weiß. Wenn man gerade erst überzeugt katholisch geworden ist, weiß man eben noch nicht, welchen sich katholisch nennenden Seiten man vertrauen kann.)

Jedenfalls hat mich das damals schon, sagen wir mal, etwas verängstigt. So richtig glaubhaft wirkte es ja nicht… also, ein wenig komisch wirkte es schon… aber… was wenn… also, falls doch…??? Was von Gott kam, musste ja nicht unbedingt meinen Erwartungen entsprechen, und in der Bibel ging es ja auch an manchen Stellen um die Endzeit, auch wenn die anders klangen als die Botschaften der anonymen Seherin… und diese Botschaften sagten, die Leute müssten Bescheid wissen, um sich auf die Warnung vorbereiten zu können! (Schließlich sollten sie ja nicht tot umfallen.)

Na ja, meine Geschichte endet eher langweilig. Ich habe nicht mit anderen Menschen über „Die Warnung“ gesprochen und sie eher wieder aus meinen Gedanken verbannt, da sie mir zu viel Angst machte und da meine Reaktion auf Angst dann manchmal ist, den Kopf in den Sand zu stecken und zu hoffen, dass der Grund für die Angst verschwindet – wofür es in diesem Fall ja auch Gründe gab, das Ganze war ja schon irgendwie komisch. Schließlich gingen die Monate, für die die Warnung angekündigt worden war, tatsächlich ohne Warnung vorüber, woraufhin ich wieder ganz beruhigt sein konnte. Puh. Nochmal Glück gehabt. Irgendwann habe ich, soweit ich mich erinnern kann, auch einmal kritische Artikel zur „Warnung“ auf kath.net (einer Seite, die sonst übrigens nicht für ihre Skepsis gegenüber Privatoffenbarungen bekannt ist – die Vorbehalte der Kirche gegenüber Medjugorje etwa ignorieren die Betreiber vollkommen) gelesen, darunter auch Erklärungen, was an den Offenbarungen häretisch war, und bischöfliche Verurteilungen, nachdem herausgekommen war, wer die „Seherin“ war und im Zuständigkeitsbereich welchen Bischofs sie lebte. Also alles wieder gut. Ich wusste, dass ich solchen Unsinn in Zukunft nicht mehr beachten musste.

 

Falls sich also unter meinen Lesern jemand befinden sollte, der auch wegen irgendeiner Privatoffenbarung beunruhigt ist und vielleicht von dieser geforderte Spezialrosenkränze betet, um die kommenden Plagen zu überstehen oder für die Sünden der Welt zu büßen, damit die kommenden Plagen doch nicht kommen: Zu Privatoffenbarungen sollte man erst einmal ein paar ganz grundsätzliche Dinge wissen.

1) Nach der Lehre der katholischen Kirche ist die allgemeine, „öffentliche“ Offenbarung seit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen. Es können keine grundsätzlich neuen Lehren mehr hinzukommen, so wie zum Beispiel im Neuen Testament die Lehre von der Dreifaltigkeit zur alttestamentlichen Überzeugung von dem einen Gott hinzukam. Natürlich ist ein vertieftes Verständnis noch möglich, eine Konkretisierung der christlichen Lehren, so wie sie auf den Konzilien geschieht; aber nicht mehr.

2) Da wir also eigentlich alles haben, was wir benötigen, brauchen wir an sich keine Privatoffenbarungen. Man muss Privatoffenbarungen nicht kennen. Es ist nicht zu beanstanden, sich überhaupt nicht um sie zu scheren – egal, ob sie kirchlich anerkannt sind, noch geprüft werden oder schon verworfen sind. Und egal, was der Seher sagt. Wenn er sagt, man müsse seine Botschaft annehmen, da man sonst sündige und evtl. nicht gerettet würde, ist er ein Häretiker, der der göttlichen Offenbarung, die die Kirche uns bereits mitgeteilt hat, widerspricht. Also muss man ihm schon mal gar nicht zuhören.

3) Wenn die Kirche eine Privatoffenbarung „anerkennt“, ist das eine Erlaubnis, an sie zu glauben – keine Vorschrift. Genehmigte Privatoffenbarungen wie die von Lourdes oder Fatima können für Gläubige hilfreich sein, aber sie sind nicht verpflichtender Glaubensinhalt.

4) Sehr, sehr viele Privatoffenbarungen sind kirchlich verurteilt worden, und viele davon widersprechen sich gegenseitig.

5) Wenn jemand behauptet, eine Botschaft von Gottvater, Jesus, Maria oder dem Erzengel Michael erhalten zu haben, ist nicht die einzig mögliche Erklärung dafür, dass er eine Botschaft von Gottvater, Jesus, Maria oder dem Erzengel Michael erhalten hat. Andere Erklärungen sind auch noch möglich, zum Beispiel:

  • Lüge: Der „Seher“ hat sich die Botschaft ganz einfach ausgedacht – möglicherweise, um berühmt zu werden, möglicherweise, um Geld zu machen. Bei den andauernden Visionen in Medjugorje scheint das nach den kirchlichen Beurteilungen momentan der Fall zu sein.
  • Psychische Probleme: Manche Menschen, die erklären, Visionen oder Einsprechungen zu erhalten, sind keine Lügner, sondern einfach psychisch krank. Das muss nicht heißen, dass sie völlig „verrückt“ sind. (Hey, ich bin auch psychisch krank.) Vielleicht bilden sie sich ein, ein Traum, den sie hatten, war eine göttliche Offenbarung. Vielleicht sehnen sie sich nach göttlicher Hilfe und göttlichem Zuspruch und irgendwann verschwimmen dann die Grenzen zwischen Wunsch und Realität. Vielleicht funktioniert etwas in ihrem Gehirn nicht, wie es sollte, und sie bekommen Halluzinationen, wenn sie ihre Medikamente nicht nehmen. Sie lügen nicht, sie glauben an das, was sie sagen, aber sie verkünden dennoch Unsinn. Ein mögliches Beispiel wäre der islamische Prophet Mohammed; jedenfalls kann man aus den vorhandenen Quellen auf eine psychische Erkrankung, vielleicht verbunden mit einer Form der Epilepsie, als mögliche Erklärung für seine angeblichen Engelsbesuche schließen. (Dazu vielleicht ein andermal mehr.)
  • Dämonische Täuschung: Auch theoretisch möglich, auch wenn man nicht gleich überall den Satan wittern muss. Schon der hl. Paulus schreibt in seinen Briefen: „Denn diese Leute sind Lügenapostel, unehrliche Arbeiter; sie tarnen sich freilich als Apostel Christi. Kein Wunder, denn auch der Satan tarnt sich als Engel des Lichts.“ (2 Korinther 11,13f.), und, noch entscheidender: Wer euch aber ein anderes Evangelium verkündigt, als wir euch verkündigt haben, der sei verflucht, auch wenn wir selbst es wären oder ein Engel vom Himmel. (Galater 1,8) Wenn jemand eine Erscheinung hat, in der ein Engel des Lichts etwas verkündet – woher weiß er dann dabei, dass es sich tatsächlich um einen Engel des Lichts handelt? Satan tritt nicht mit Hörnern und Pferdefuß auf; er ist ja nicht blöd. (Anmerkung: Das heißt nicht, dass der Betreffende besessen sein müsste oder etwas in der Art; sicherlich nicht. So etwas soll sogar Heiligen passiert sein, die der Teufel täuschen wollte, und bei denen Gott dies zugelassen hat. Man sollte sich daher einfach bei Erscheinungen nicht zu sicher sein und nicht gleich zu viel auf sie geben. Rat bei einem Priester zu suchen ist nie eine schlechte Idee, wenn man meint, Engel zu sehen oder Besuch von Maria zu erhalten. Soweit mal die Ratschläge für eventuell mitlesende Seher!)

6) Noch etwas: Es kann auch bei einer realen Erscheinung vorkommen, dass sich der, der sie erhalten hat, später falsch an etwas erinnert, einige Worte verdreht, dass er vielleicht verwirrt und überwältigt war und später rekonstruiert, was er meint, gehört zu haben, und dass er dabei vielleicht auch eigene Ideen hinzudichtet, ohne es beabsichtigt zu haben. Es kann auch sein, dass sogar ein Heiliger einmal verwirrt ist und vielleicht einen Traum, den er hatte, mit einer Vision verwechselt, oder etwas in der Art. Es kann sein, dass Privatoffenbarungen nach einiger Zeit in veränderter Form weiterverbreitet werden. Die Visionen der sel. Anna Katharina Emmerick zum Beispiel wurden von dem Schriftsteller Clemens Brentano aufgezeichnet, der, wie sich später herausstellte, ihre Erzählungen frei ausgestaltet und Dinge hinzufügt hatte.

7) Dass jemand später selig- oder heiliggesprochen wurde, sagt daher noch nicht automatisch etwas über die Richtigkeit eventuell von ihm empfangener Privatoffenbarungen aus. Im Mittelalter etwa, als die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens [Anmerkung: hier ist gemeint, dass Maria vom ersten Augenblick ihres Lebens an, d. h. eben ihrer Empfängnis an, von der Erbsünde frei war; es geht nicht um die jungfräuliche Empfängnis Jesu] noch nicht als Dogma festgelegt war, sondern kontrovers debattiert wurde, gab es verschiedene Privatoffenbarungen, in denen „Maria“ selbst sich dazu einschaltete: Der heiligen Brigitta von Schweden wurde offenbart, die Gottesmutter sei unbefleckt empfangen worden, der heiligen Katharina von Siena, sie sei es nicht. Ja, was denn nun? Einfache Antwort: Die heilige Katharina zumindest muss einer Täuschung zum Opfer gefallen sein. (S. hier für mehr Infos:  https://charismatismus.wordpress.com/2015/02/27/die-hl-katharina-von-siena-erlebte-eine-irrtumliche-marienerscheinung/ )

 

Privatoffenbarungen kommen natürlich in ganz unterschiedlichen Kontexten. Etliche Sektengründer berufen sich auf direkte göttliche Anweisungen (häufig mitsamt einer Vorhersage des Datums des Weltuntergangs). Es gibt sie im protestantischen, im halbchristlichen (Mormonen, Zeugen Jehovas, auch den Islam könnte man hier einordnen, wenn man wollte, da er sich auch auf frühere Offenbarungen und „Propheten“ wie Mose und Jesus beruft), und im nicht-christlichen Bereich. Und es gibt sie unter Katholiken. Hier geht es mir um falsche Privatoffenbarungen im katholischen Bereich. Meistens kommen sie in zwei Varianten:

  • Variante „Medjugorje“: Banalitäten über Banalitäten. Gelegentlich mal theologisch fragwürdig, aber meistens nur ermüdende Endlosschleifen von „Liebe Kinder, betet den Rosenkranz für die Sünden der Welt! Liebe Kinder, betet viel! Vergesst nicht, den Rosenkranz zu beten! Gott liebt euch, liebe Kinder! Betet viel, liebe Kinder! Es gibt viele Sünden in der Welt! Leistet Sühne für die vielen, großen Sünden in der Welt! Betet den Rosenkranz, liebe Kinder!“
  • Variante „Die Warnung“: Panikmache vor schrecklichen „Prüfungen“ (Christenverfolgungen, Kriege, übernatürliche Geschehnisse, was weiß ich), die dem kurz bevorstehenden Weltuntergang vorausgehen.

Sehr häufig empfehlen beide Formen von Privatoffenbarungen spezielle neu offenbarte Gebete, gerne mal auch Abwandlungen des Rosenkranzes. Und vielleicht noch eine Medaille mit einem von der Jungfrau Maria persönlich offenbarten Bild ihrer selbst gefällig?

Das Problem bei Privatoffenbarungen ist natürlich grundsätzlich, dass sie nicht vollkommen zu belegen sind. Sicher, man kann die Seher auf ihre Glaubwürdigkeit prüfen (Ziehen sie Profit aus ihren Behauptungen? Haben sie sich selbst widersprochen? Sind sie als ehrlich bekannt? Etc.); aber auch dann kann noch ein Restzweifel bleiben. Der Seher ist ja der einzige Zeuge für das von ihm Behauptete, und wie sagt schon die Bibel? Richtig, jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden, (vgl. Matthäus 18,16; 2 Korinther 13,1; Deuteronomium 19,15; Deuteronomium 17,6; Numeri 35,30). Er kann geschickt lügen oder getäuscht sein oder sich irren. Dazu kommt die schiere Tatsache, wie viele Privatoffenbarungen es gibt; sie können nicht alle wahr sein, aber sie beanspruchen es alle. Es ist unmöglich, alle diese Ansprüche anzuerkennen.

Manche Religionen beruhen vollständig auf Privatoffenbarungen – eben der Islam oder das Mormonentum zum Beispiel. Mohammed wurde von den Leuten, die ihm nicht glaubten, vorgeworfen, dass er keine Wunder wirke wie die biblischen Propheten vor ihm es getan hatten; seine Antwort darauf waren Beschimpfungen und Drohungen. Niemand außer ihm bekam den Engel zu sehen, der ihm angeblich erschien. Ähnlich wie bei Mohammed sah es 1200 Jahre später bei Joseph Smith aus. Das funktioniert nicht für eine Religion. Würde Gott denn von uns verlangen, an eine Offenbarung zu glauben, von der wir nie sicher sein können, ob sie wahr ist? Wozu hat er uns denn unseren Verstand gegeben? Nein; die richtige Offenbarung muss anders aussehen.

Wenn – kommen wir wieder zum innerkatholischen Bereich zurück – es in den Botschaften zur religiösen Pflicht erklärt wird, eine Privatoffenbarung anzunehmen, sie weiterzuverbreiten, bestimmte „offenbarte“ Gebete zu verrichten, um „Sühne“ zu leisten oder sich auf den Weltuntergang vorzubereiten, und wenn einem andernfalls mit göttlicher Strafe und ewiger Verdammnis gedroht wird, oder wenn – wichtiges Warnzeichen! – zum Ungehorsam gegen einen die Botschaften verurteilenden Bischof aufgerufen wird, der sich gegen „Gott“ gestellt habe, dann ist das ein Beweis – ja, ein Beweis – dafür, dass die Privatoffenbarung falsch sein muss. Weiter muss man gar nicht schauen. Gott widerspricht sich nicht. Er würde nicht mit Drohungen von uns verlangen, eine unsichere, zweifelhafte Botschaft anzunehmen, nachdem Er uns vorher durch Seine Kirche offenbart hat, dass alle weiteren Privatbotschaften nicht verpflichtend sind. Wenn mit Ängsten religiös unruhiger Menschen gespielt wird: Dann ist das nicht von Gott. In Lourdes hat die Madonna sich Bernadette als die „Unbefleckte Empfängnis“ vorgestellt (womit sie das vier Jahre vorher von Papst Pius IX. verkündete Dogma bestätigte, das Bernadette gar nicht verstand), und sie hat ihr die Quelle gezeigt, in der seitdem zahlreiche Menschen geheilt wurden. Sie hat nicht dem Ortsbischof mit der Hölle gedroht, für den Fall, dass er die Erscheinungen nicht anerkenne. Gott hat uns durch den Apostel Paulus die Anweisung gegeben: Prüfet alles und behaltet das Gute (1 Thessalonicher 5,21). Also, prüfen!

Noch eine andere Anweisung des Herrn selbst: „Wenn dann jemand zu euch sagt: Seht, hier ist der Messias!, oder: Da ist er!, so glaubt es nicht! Denn es wird mancher falsche Messias und mancher falsche Prophet auftreten und sie werden große Zeichen und Wunder tun, um, wenn möglich, auch die Auserwählten irrezuführen. Denkt daran: Ich habe es euch vorausgesagt. Wenn sie also zu euch sagen: Seht, er ist draußen in der Wüste!, so geht nicht hinaus; und wenn sie sagen: Seht, er ist im Haus!, so glaubt es nicht. […] Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Matthäus 24,23-25.36)

 

Es ist sicher nichts dagegen einzuwenden, sich mit den anerkannten Privatoffenbarungen (Lourdes, Fatima) zu beschäftigen. Mir haben sie nie so wahnsinnig viel gesagt. Aber sie lassen einen vielleicht erst erkennen, wie real das Wirken des Himmels heutzutage noch ist. Aber von den nicht anerkannten oder verbotenen: Finger weg! Gehorsam ist wichtiger als angebliche neue Nachrichten vom Himmel, und man kommt ohne sie aus. Und das Wirken des Himmels in der ganz gewöhnlichen irdischen Realität kann man auch einfach in einer noch viel tieferen Weise in der heimischen Pfarrei in der Sonntagsmesse erleben, wenn der Pfarrer sagt: „…damit sie uns werden Leib und Blut deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, der uns aufgetragen hat, dieses Geheimnis zu feiern.“ Dann ist Jesus nämlich ganz sicher da.

Jetzt versteh‘ ich’s!

Ich habe hier ja schon einmal meinen Senf zum Projekt „Valerie und der Priester“ abgegeben (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/22/glauben-meinen-wissen-und-nicht-interessiert-sein/) und bin dabei schon einmal auf das Wichtigste eingegangen, was mich an Valerie Schönians Zugang zum Leben des Priesters Franziskus von Boeselager und zum katholischen Glauben an sich stört: Ihr Fokus auf Emotionalität, ihre feststehende (und gleichzeitig an keiner Stelle begründete) Überzeugung, in der Religion ginge es nur um Halt, Gemeinschaft, Heimat, und nette Gefühle.

Das Projekt ist jetzt nach einem Jahr zu seinem Ende gekommen, und ich muss ehrlich gesagt sagen, ich bin schön langsam froh drum. Anfangs habe ich gerne mitgelesen, es war – trotz des, wie es ein Kommentator auf Facebook mal treffend bezeichnete, gelegentlichen „Schülerzeitungsniveaus“ der Artikel – gar nicht mal uninteressant: ein Einblick in den Alltag eines sehr sympathischen Kaplans, dazu natürlich ein Einblick in den Zugang eines anderen Menschen zur Kirche, der mit der Kirche bisher nie was am Hut hatte. Es kann ganz interessant sein, sich mal anzuschauen, wie der eigene Verein so bei der Außenwelt ankommt; Valerie berichtete ja über etwas, das ihr völlig fremd war – da verzeiht man einige Klischeevorstellungen am Anfang gerne mal, zumal die 25-jährige Journalisten einen, wenn auch nicht besonders kundigen oder genialen, doch alles in allem freundlichen und interessierten Eindruck machte.

Aber allmählich nervt es mich doch, die Valerie-und-der-Priester-Artikel und -Videos im Newsfeed auf Facebook zu haben. Zu nennen wäre bei den unwichtigeren Gründen immer noch der Schreibstil, mit dem Valerie mich nie begeistern konnte (den regelmäßig verwendeten, wirklich wahnsinnig originellen Einstieg in medias res mit dem szenischen Präsens hat sie sich wahrscheinlich aus dem Oberstufendeutschbuch angelesen). Zwar sind da, um ganz ehrlich zu sein, die Artikel in meiner Tageszeitung auch nicht immer viel besser; aber trotzdem macht der Blog manchmal einen Eindruck auf dem Niveau des letzten Berichts von Oberministrantin Martina S. (18) über die Ministrantenfreizeit am Baggersee in der Pfarrzeitung von St. Aloysius, Unterangerried. Des weiteren, und das nervt mehr: So ziemlich das ganze letzte halbe Jahr hindurch wiederholt Valerie in jedem zweiten Satz ihrer Artikel, wie wichtig doch Begegnung zwischen verschiedenartigen Menschen sei, auch wenn sich Standpunkte dadurch nicht änderten; ein wie viel besseres praktisches Verständnis sie dafür entwickelt habe, dass tatsächlich nicht alles schwarz-weiß sei (was sie vorher theoretisch zwar auch unterschrieben, aber nicht so realisiert hätte); und dass es – man höre und staune! – in der Kirche ja auch sehr nette Menschen gebe. Auch wenn Franziskus gegen das Frauenpriestertum ist, sie hält ihn trotzdem noch für einen guten Menschen. Mal ganz abgesehen von der Redundanz des Ganzen hat es stellenweise doch einen etwas seltsamen Beigeschmack. Sehr nett ist zum Beispiel, was sie in einem Interview zu ihrem Projekt beim Onlinemagazin Kirche & Leben sagt: „Man muss eben sich darauf einigen, worüber man spricht, wenn man von ‚der Kirche‘ spricht – spricht man gerade von der Institution, spricht man irgendwie von den Menschen, die in Rom sitzen, oder spricht man von den Menschen, die hier in der Kirche sitzen, von der Gemeinde – und wenn man von denen spricht, also, zumindest die, die ich hier erlebt habe, dann ist die Kirche sehr wohl liebenswürdig.“ (https://www.kirche-und-leben.de/artikel/valerie-und-der-priester-ein-resuemee-am-projektende/) Wow. Wie unendlich vorurteilsfrei. Natürlich, die Menschen, die für die Institution in Rom sitzen, die müssen immer noch schlecht sein, das wissen wir, aber in den deutschen Gemeinden hier, da kann es schon doch auch nette Christen geben! Ich meine, es ist natürlich Allgemeinbildung, wie schlimm die Leute sind, die in der Kurie arbeiten, nicht wahr, die haben wir schließlich alle persönlich kennengelernt, und wieso sollte jemand überhaupt in der Zentrale der katholischen Kirche für den Papst arbeiten wollen, wenn er nicht ein schlechter Mensch wäre, aber ansonsten, so ein Gemeindepriester, der kann eventuell auch mal ein guter Mensch sein, und seine Pfarrkinder vielleicht auch. Hach. Ich bin ganz gerührt.

Okay, vielleicht unterschätze ich hier einfach, aus was für einem kirchenfernen und unterschwellig antiklerikalen Umfeld Valerie eigentlich kommt. Sie hat sicher tatsächlich viel an Vorurteilen überwunden. Anzunehmen, dass ein Kardinalstaatssekretär auch nur ein frommer, freundlicher Mensch sein könnte, gilt mancherorts wahrscheinlich als ebenso abwegig, wie anzunehmen, dass es so etwas wie vernünftig begründete Religion geben könnte – äh, Moment mal… Genau, ja, da liegt, wie schon gesagt, mein eigentliches Problem mit Valeries Berichterstattung.

In ihrem letzten Artikel, in dem sie auf das vergangene Jahr zurückblickt, kommt es wunderbar heraus: Erst einmal beschreibt sie die Fremdheit, mit der sie zunächst konfrontiert und von der sie auch irgendwie überwältigt war: „Zwischen den einzelnen Terminen versuchte ich eine Ordnung in meinen Kopf zu bekommen zwischen Eucharistie, Kommunion, Tabernakel, Monstranz und vielen anderen Begriffen, die ich nicht verstand. Ich fühlte mich wie ein Kind, das eine neue Sprache lernen muss.“ Dann geht es aber interessanterweise gleich folgendermaßen weiter: „Franziskus tat und glaubte Dinge, die von außen betrachtet völlig verrückt erscheinen, schon allein die Wandlung der Hostien in der Messe in den, so glaubt er, Leib Christi. Es war nicht immer einfach, das ernst zu nehmen. Also auf Augenhöhe zu bleiben, sich nicht einfach darüber lustig zu machen. Aber ich nahm mir vor, es zu versuchen. Denn ich wollte Franziskus nicht belächeln. Genauso wenig wie die anderen Menschen, die ich kennenlernte. Ich konnte beobachten, wie zärtlich sie aussehen, wenn sie beten. Und diese Zärtlichkeit war ja nicht verrückt, sondern echt. Da passierte einfach etwas, von dem ich nichts verstand, sie sahen etwas, das ich nicht sah.“ (https://valerieundderpriester.de/das-letzte-kapitel-c52a71d1d64f)

Also, kurz gesagt: Valerie sieht Dinge, die sie nicht einmal ansatzweise versteht und die sie erst einmal von Grund auf kennenlernen muss, und gleichzeitig ist es aber schwierig, auf Augenhöhe mit den Menschen zu bleiben, die sich mit diesen Dingen auskennen, weil ja offensichtlich ist, wie absurd das alles ist. Das Problem mit der Augenhöhe ist, dass sie über Franziskus steht, weil sie ja der aufgeklärte Mensch ist, der erst lernen muss, wie die Begriffe „Monstranz“ und „Eucharistie“ verwendet werden. Ja, da kann man nicht so einfach auf Augenhöhe mit den dummen Gläubigen reden. Da muss man sich schon anstrengen, um sich einzufühlen, wie sie das so erleben. (Okay, vielleicht könnte man diese Passage wohlwollender interpretieren. Wenn jemand etwas erst absurd findet, dann aber selbst merkt und eingesteht, dass es das, zumindest aus Sicht derer, die damit zu tun haben, nicht ist, dann ist das ja schon schön. Trotzdem haben Valeries Formulierungen einen etwas… na ja, wie soll ich sagen… seltsamen Klang.)

Den Vogel abgeschossen hat sie meiner bescheidenen Meinung nach mit diesem Abschnitt hier: „Natürlich habe ich jetzt nicht die ganze katholische Theologie und Institution verstanden. Das war auch nie der Anspruch, konnte es nicht sein, dafür ist ein Jahr zu kurz. Ich habe bewusst auch nicht die Bibel gelesen (außer der Bergpredigt; krasses Stück). Theologische Diskussionen sind wichtig, aber die müssen andere führen. Für mich war es wichtig, Franziskus als Menschen zu verstehen.“

Nein, liebe Valerie, der Anspruch des Projekts war tatsächlich nicht, dich zu einer ausgebildeten Theologin zu machen. Aber dein Job war es, ob du’s glaubst oder nicht, das Leben eines Priesters zu vermitteln. Und wenn man das tun will, sollte man vielleicht zumindest eine grobe Ahnung davon haben, wovon „Franziskus als Mensch[…]“ so überzeugt ist. Bewusst nicht die Bibel gelesen! Sag mal, geht’s eigentlich noch? Wenn ich über Kommunisten berichte, dann lese ich natürlich ganz bewusst nicht das Kommunistische Manifest, und wenn ich über Feministinnen berichte, dann lese ich ganz bewusst kein Fitzelchen feministische Literatur, und wenn ich über Muslime berichte, dann mache ich einen großen Bogen um den Koran. Wird das jetzt so gehandhabt in der Journalistenzunft? Keine Ahnung von den intellektuellen Grundlagen einer Gruppe haben, damit man einen umso authentischeren Blick auf sie kriegt? Das bringt’s mal. Das ist nicht Nachlässigkeit, sondern ganz besonders gute Berichterstattung; ja, genau.

(Komischerweise sah es übrigens bei Projektbeginn sogar noch anders aus: In einem älteren Artikel schreibt Valerie mit einem durchaus realistischen Blick darüber, dass sie mit Franziskus noch gar nicht richtig über die Reizthemen diskutieren könne: „Er beschäftigt sich seit über zehn Jahren intensiv mit seinem Glauben und der Kirche. Ich seit ein paar Wochen. Das soll sich ändern. Die Bibel kommt auf meine Leseliste.“ (https://valerieundderpriester.de/leben-in-einem-projekt-e980a233ce44) Was ist dann daraus geworden? Natürlich hätte der Katechismus (vielleicht auch das Kompendium oder der Youcat) zuerst auf die Leseliste gehört – wesentlich kürzer, leichter zu verstehen und systematischer aufgebaut als die Bibel -, aber was ist jetzt also aus der Leseliste geworden? Na ja, Theologie ist ja nicht so wichtig.)

Da muss man sich dann auch nicht wundern, wenn solche nicht nur herablassenden, sondern regelrecht schwachsinnigen Abschnitte in Valeries Artikeln herauskommen wie: „Natürlich, klar: Die Kirche gibt Franziskus Halt, sie ist Familie; er liebt sie so sehr, dass seine Verbindung mit ihr keine Entscheidung ist, sondern einfach da ist. Und Gott liebt uns alle unendlich — ganz egal, was wir tun. Die Beziehung zu ihm zu leben, macht uns glücklich. Und der Herr ist unendlich barmherzig und gut. Wenn man all das erstmal akzeptiert, ergibt aus dieser Perspektive heraus auch Sinn, was man von außen betrachtet nicht verstehen kann. Zum Beispiel die ganze Auslegung der Bibel. Ich meine: Im Alten Testament tötet Gott Neugeborene. Das kann nun wirklich niemand wollen. Trotzdem sagt Franziskus, Gott ist unendlich gut und barmherzig — und legt die Bibel so lange aus, bis die Interpreation eben in sein Gottesbild passt, aber in jeder Deutschklausur durchfallen würde. Warum tut er das also? Weil er noch eine andere Interpretationsgrundlage hat als den Bibeltext. Für Franziskus gibt es vor diesem einen anderen, ersten, unumstößlichen Fakt: dass Gott gut ist. Barmherzig. Dass er uns liebt. Das weiß Franziskus aus seiner persönlichen Jesuserfahrung. Eine Interpretation, die diesem Fakt widerspricht, ist aus seiner Perspektive also schlicht: durchgefallen.“ Ich weiß nicht, wo die liebe gute Valerie das Deuschklausuren-Schreiben gelernt hat, aber wenn sie auch das Bibellesen gelernt hätte, hätte sie zum Beispiel etwas über den Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament lernen können, über die spezielle Auslegung des Alten, wie sie im Neuen Testament selber sogar u. a. in einem Text, den sie gelesen haben will – der Bergpredigt – exemplarisch vorgemacht wird (fernerhin siehe z. B. auch noch Matthäus 19,7f. oder auch Apostelgeschichte 10), darüber, welche verschiedenen literarischen Genres im Orient vor 3000 Jahren so verwendet wurden, darüber, dass die Bibel nicht aus einem Buch, sondern aus mehreren verschiedenen Büchern mit ganz unterschiedlichen Bedeutungsebenen besteht, und so weiter und so fort – vielleicht hätte sie sogar ein paar Passagen aus Dei Verbum (http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651118_dei-verbum_ge.html) lernen können, bevor sie sich so wissend über die Exegese tausender Jahre alter Texte äußert, vielleicht hätte sie sogar das Alte Testament selber mal lesen können, hätte eine gute kommentierte Bibelausgabe zurate ziehen können, und hätte sich ein paar Infos über die Interpretation bestimmter konkreter Texte aneignen können. Ach, was rede ich, es geht ja bei diesem Projekt nicht um Theologie. [GRRRRR!!!!]

(Nicht alles an Valeries Text oben ist übrigens falsch, das ist das Problem; er enthält die typischen Halbwahrheiten; unsinnig wird er alles in allem trotzdem am Ende. Wir können keine Bibelstellen einfach ignorieren oder hinwegreden; und die Interpretation folgt durchaus gewissen Regeln. Wer sich mehr für katholische Bibelexegese interessiert, dem empfehle ich mal meine noch unvollendete Reihe zu den „schwierigen Bibelstellen“ (https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/), insbesondere Teil 9 (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/03/14/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-9-gericht-verdammnis-und-was-war-so-schlimm-an-goetzendienst/), in dem es u. a. genau um die ägyptischen Erstgeborenen geht, und vielleicht auch noch Teil 8 vorher (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/02/19/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-8-ich-aber-will-das-herz-des-pharao-verhaerten/). Das sind natürlich wiederum nur meine persönlichen Auslegungen zu einzelnen Stellen, daher noch einmal der Verweis: Das oben verlinkte kirchliche Dokument Dei Verbum erklärt die Prinzipien der katholischen Bibelauslegung im Allgemeinen (ich fasse sie hier in Teil 2 meiner Reihe auch noch zusammen: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/16/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-2-das-katholische-schriftverstaendnis/, https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/12/22/ueber-schwierige-bibelstellen-nachtraege-zu-teil-2/).)

Jetzt versteh ich’s jedenfalls, wieso Valerie den Unsinn schreibt, den sie schreibt, wenn es darum geht, was der Glaube für die Gläubigen ist. Die Theorie interessiert hier nicht, weil darum geht’s hier nicht, also ist alles an der Religion nur Emotionalität, weil die Theorie, die ist ja absurd. Das nennt sich dann logisches Denken. Oder so ähnlich. „Wahrheit“ kommt als Kategorie nicht einmal vor.

Vielleicht bin ich hier ein bisschen fies. Valerie hat offenbar tatsächlich in diesem Jahr einiges verstanden und auch etwas an Offenheit aufgebaut – der verlinkte Artikel legt Zeugnis davon ab. Sie versteht besser, wie Katholiken über die „Reizthemen“ Frauenpriestertum, Homosexualität, Missbrauchsskandal denken, und was ihnen das eigentlich Wichtige an ihrer Kirche ist, und sie hatte offenbar wirklich so einiges an Vorbehalten abzubauen im Lauf der Zeit; das dauert sicher auch. Aber meinem Eindruck nach – der trügen kann, da ich sie nur aus ihren Artikeln und Videos kenne, und nicht persönlich – hat sie bei weitem nicht so viel verstanden, wie sie sich einbildet, und ist auch nicht immer so offen, wie sie denkt.

Ihr Hauptproblem ist, dass sie den letzten Zugang nicht findet: Sie scheint unfähig zu sein, einfach nur mal theoretisch anzunehmen, dass Jesus Christus tatsächlich der Sohn Gottes sein könnte. Ich als Katholikin kann in einer Auseinandersetzung mit diesem Thema theoretisch einmal annehmen, dass Gott sich mit der letzten wahren Offenbarung an Mohammed gewandt haben könnte, und kann dann begründen, aus welchen Gründen ich das doch nicht für zutreffend halte. Man möchte Valerie am liebsten selber eine Deutschklausur aufgeben, und zwar eine Erörterung zum Thema „Wieso ich Jesus von Nazareth (nicht) für den Sohn Gottes halte – historische, theologische und philosophische Argumente“. Schön standardmäßig auszuarbeiten mit Pro- und Contraargumenten, jeweils bestehend aus den drei B’s, Behauptung, Begründung, Beispiel, wie wir das gelernt haben. Vielleicht könnte man sie dadurch mal zum logischen Nachdenken über die intellektuellen Grundlagen des Christentums zwingen, die in ihrem Denken einfach inexistent zu sein scheinen.

 

Über diese heuchlerischen, pharisäischen Katholischer-als-der-Papst-Christen, oder: Der Franziskus-Effekt

Ein Problem, das ich mit unserem derzeitigen Papst, wie er manchmal erscheint, oder zumindest mit manchen seiner Anhänger, habe, ist ihre gewissermaßen selektive Barmherzigkeit. (Ich weiß nicht, ob alles oder auch nur ein größerer Teil dessen, was ich in diesem Artikel beschreibe, auf Papst Franziskus persönlich zutrifft, aber es geht mir auch nicht vorrangig um ihn oder irgendeine andere Person, sondern um ein allgemeines Phänomen. Hier also der offizielle Disclaimer: Dieser Artikel hier ist eigentlich nicht als Papstkritik im strengen Sinne gemeint, er kritisiert eher ein Phänomen, das besonders unter dem derzeitigen Papst wieder stärker aufgelebt ist, das aber nicht gerade neu ist.)

Wie gesagt: Selektive Barmherzigkeit. Was ich damit meine, ist Folgendes:

Man redet von Armut, Demut und Barmherzigkeit. Man tritt ganz betont schlicht auf, damit andere sehen, dass man den alten Prunk der Kirchenfürsten verabscheut. Man zeigt sich bestimmten Sünden gegenüber, die in der Welt beliebt sind, barmherzig, nicht verurteilend, manchmal verständnisvoll, manchmal auch verharmlosend. Andere Sünden dagegen verurteilt man mit den schärfsten Worten, die man finden kann. Ersteres sind meistens die Sünden des Fleisches, letzteres bestimmte Sünden des Geistes. Man betont, wie viel Gutes auch in vor- / außerehelichen Beziehungen zu finden sei, während es ja auch Ehen gäbe, in denen keine gute Beziehung zwischen den Partnern bestehe, und man predigt darüber, wie grauenvoll es sei, sich z. B. wegen seines Glaubens für besser als andere Menschen zu halten, oder wie schlimm Heuchelei sei. Die Lieblingsstelle in der Bibel ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter: Besser ein barmherziger Samariter sein als ein gleichgültiger Priester oder Levit; besser ein moralischer Atheist sein als ein heuchlerischer Katholik. Man setzt sich selbst mit dem Heiland gleich, der gegen den Legalismus und die Rigidität der Schriftgelehrten und Pharisäer auftritt und für die Armen, Gebeugten, Ausgestoßenen einsteht.

Und damit tut man – wenn auch vielleicht unbewusst – ganz genau dasselbe wie das, wofür der Heiland die Pharisäer kritisiert hat: Man sichert sich den Beifall der Welt. „Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.“ (Matthäus 6,5)

Ich meine, Leute, bitte: Die ausgestoßenen Sünder unserer Zeit sind nicht wiederverheiratete Geschiedene. Es sind dicke, alkoholabhängige Langzeitarbeitslose, oder AfD-Wähler, oder auch religiöse Fundamentalisten, sagen wir mal, in der Nachbarschaft umherwandernde Zeugen Jehovas oder Leiter römischer Kurienbehörden – Leute dieser Art. Ausgestoßene Sünder sind diejenigen, die tatsächlich in der Öffentlichkeit und in den Medien schlecht wegkommen, ob nun zu Recht (wie in den Evangelien die Ehebrecherin) oder zu Unrecht (wie in den Evangelien die verschiedenen Leprakranken). (Natürlich kann es je nach speziellem Milieu noch zusätzlich ganz unterschiedliche Ausgestoßene oder Verachtete geben: Fleischesser, Flüchtlinge, Katholiken, Juden, Schulmediziner, Feministinnen, Machos, Trump-Wähler, Clinton-Wähler, Klimaskeptiker, Esoteriker, Hausfrauen, und so ziemlich alles, was es gibt, können dazu gehören.)

Und wenn man barmherzig sein will (was man sollte) : auch Unbarmherzigkeit gegenüber Pharisäern ist Unbarmherzigkeit, ob man sie nun bloß für Pharisäer hält oder ob sie es wirklich sind.

Ich möchte mal ein Gedankenexperiment machen, das in deutschen Landen zwar wenig realitätsnah ist (ich habe noch keine alten Damen getroffen, die sich so verhalten) – aber stellen wir uns einfach mal vor, dass folgendes Geschehnis passiert:

Eine junge Frau, die bisher mit Kirche und Religion nie viel am Hut hatte, fühlt sich irgendwie zum Glauben hingezogen und hat manches über den Katholizismus erfahren, was sie interessiert, also schaut sie einfach mal in eine Kirche in ihrer Nachbarschaft hinein. Sie stellt fest, dass dort gerade die Sonntagsmesse stattfindet und setzt sich also neugierig zu den Gottesdienstbesuchern und ist ganz fasziniert vom Geschehen am Altar. Vorher hat sie nicht besonders auf ihre Kleidung geachtet und so trägt sie also einen etwas kurzen Rock und ein Top, bei dem ihr BH durchschaut. Nach dem Ende der Messe wird sie von einer älteren Dame, die in der Bank hinter ihr gesessen hat, angegiftet, ob ihr eigentlich jeder Respekt vor dem Herrgott abgehe, dass sie eine halbe Stunde zu spät und dann noch in einem solchen unschamhaften Aufzug in der Messe erscheine.

Die Reaktion des durchschnittlichen Lesers dieser Geschichte wäre wahrscheinlich, die alte Dame als arrogant und unverschämt abzuurteilen, oder? Aber das muss nicht zwangsläufig der Realität entsprechen.

Weshalb kann sie so gehandelt haben? Kann der Grund wirklich nur gewesen sein, dass sie eine böse, hochmütige alte Frau ist, die auf alle Mitmenschen herabsieht, die nicht aufs i-Tüpfelchen genau ihren Vorstellungen entsprechen?

Nicht unbedingt. Es kann ebenso gut möglich sein, dass sie eine Neurotikerin ist – im religiösen Bereich nennt man so etwas Skrupulantin – , die fürchtet – obwohl sie vielleicht ahnt oder weiß, dass dieses Gefühl irrational ist -, dass sie in die Hölle kommt, wenn sie nicht jeden ihrer Mitmenschen auf seine von ihr vermuteten Sünden hinweist, damit er sich bekehren kann. Denn wenn sie das nicht tut, ist sie schließlich an deren Sünden und möglicher ewiger Verdammnis mit schuld, und das ist eine große Sünde, mit der wiederum sie sich die ewige Verdammnis verdient, so ihre zwangsgestörte Logik. Dabei hegt sie persönlich keinerlei Abneigung gegen die junge Frau oder sonst jemanden; sie fühlt tatsächlich vor allem Furcht und Mitleid – um sich selbst und um die von ihr gescholtenen Menschen. Sie hat Angst vor dem richtenden Gott, der diese und sie selbst verdammen könnte. Ihr Tonfall war unbeabsichtigt, und zu Hause angekommen verbringt sie zweieinhalb Stunden damit, den Vorfall noch mal in ihrem Kopf durchzuspielen, um sagen zu können, ob sie die junge Frau mit besagtem Tonfall vielleicht so sehr verletzt haben könnte, dass diese nie wieder etwas mit der Kirche zu tun haben will, womit sie dann ebenfalls wieder an deren ewiger Verdammnis mit schuld wäre. Dann verbringt sie noch eine halbe Stunde damit, Gott um Verzeihung anzuflehen und zu versuchen, vollkommene Reue zu erwecken, nur für den Fall, und am nächsten Tag geht sie zur Beichte. Ihrem Pfarrer ist sie schon bekannt, und er versucht, sie so gut es geht zu beruhigen, so wie er es jede Woche wieder wegen irgendeinem Vorfall tut. Allmählich ist er ratlos, wie er ihr helfen soll.

Oder vielleicht war die alte Frau geistig gesund, aber einfach gestresst und wütend wegen etwas, das gar nichts mit der jungen Frau zu tun hatte, die ihr nicht sittsam genug gekleidet war. Vielleicht hat sie direkt vor der Messe noch mit ihrer Tochter telefoniert, die sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat, und diese und deren Familie freundlich zu Weihnachten eingeladen, was die Tochter abgelehnt hat, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, sich eine glaubwürdige Ausrede einfallen zu lassen. Für sie und ihre Familie passe das nicht so gut, nein, zu Ostern wohl auch nicht, nein, auch die Faschingsferien seien schlecht. Im Lauf des Gesprächs hat die Tochter außerdem noch mehr als deutlich ihre Verachtung darüber zu erkennen gegeben, dass die Mutter immer noch die Vorbeterin beim Rosenkranzgebet in der Pfarrei macht und tagtäglich in die Messe geht; dann hat sie das Gespräch abgebrochen. Außerdem hat die alte Frau als Kind gelernt, die Ehrfurcht vor dem lieben Herrgott für sehr wichtig zu halten, und so ist ihr in ihrem aufgebrachten Gefühlszustand nach der Messe gegenüber der jungen Frau, die erstens viel zu spät und zweitens ihrer Ansicht nach nicht im Geringsten angemessen gekleidet gekommen ist, einfach ihr Temperament durchgegangen. Hinterher tut es ihr leid und sie hofft, dass die junge Frau am nächsten Sonntag wieder in die Messe kommt, sodass sie sich entschuldigen kann.

Das Problem ist eben: Kein Mensch, der heute hier auf Erden lebt, ist der Heiland. Daher kann auch kein Mensch anderen Menschen ins Herz schauen und endgültig sagen, ob sie nun arrogante Pharisäer sind oder nicht, und erst recht nicht, ob sie sich nicht vielleicht, wenn sie es sind, und wissen, dass sie es manchmal sind, eigentlich gerne bessern wollen.

Diese Art von selektiver Barmherzigkeit ist sicher oft gut gemeint und entwickelt sich dann nur falsch. Aber falsch entwickeln, das muss man sagen, das tut sie sich leider häufig.

Wir alle brauchen eben Barmherzigkeit.

 

Die Wahrheit wird euch frei machen

Ich habe schon einmal (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/27/das-so-ziemlich-nervigste-klischee-ueber-frauen-das-es-gibt/) erwähnt, dass ich die Ehrlichkeit für eine der wichtigsten Tugenden halte, die es gibt, und das möchte ich noch mal wiederholen. Treue zur Wahrheit, und zwar zur ganzen Wahrheit und zu nichts als der Wahrheit, ist etwas, ohne das man eigentlich nicht leben kann.

Angelogen zu werden kann für den, der belogen wird, tatsächlich eine Art von Gefängnis bedeuten, eine Unfreiheit; es schließt ihn von der Welt ab, wie sie wirklich ist. Man ist nicht mehr in der Lage, die Realität zu sehen, wie sie da draußen eigentlich besteht, und sich dann zu entscheiden, wie man angemessen auf sie reagieren will. Stattdessen ist man demjenigen ausgeliefert, der einen getäuscht hat. Es macht einen hilflos; vielleicht reagieren die Leute deshalb oft so wütend, wenn sie herausfinden, dass sie angelogen worden sind. Man muss sich im Alltag die ganze Zeit über auf Informationen verlassen, die man nur aus zweiter Hand bekommen und nicht selber durch eigene Beobachtungen in jedem Detail verifizieren kann. (Schon mal versucht, die Existenz von Ulaanbaatar nachzuweisen, ohne selber in die Mongolei zu fliegen, oder die Beschaffenheit von Chlorophyll oder Kohlenmonoxid, ohne sich ein eigenes Labor zuzulegen?) Und wenn die nicht stimmen, wird es natürlich schwierig. Lügen und Halbwahrheiten und Täuschungen verdrehen die Welt; sie erschaffen etwas, das nicht da ist – nicht in dem guten Sinne, wie Märchen, Romane oder Filme etwas erschaffen, das nicht da ist und von dem man weiß, das es nicht da ist, oder in dem Sinne, wie Gott die Welt erschaffen hat, die vorher nicht da war; sie erschaffen eine Illusion von etwas, das schon auf andere Weise da ist, als sie es vorspiegeln, eine Illusion, auf die sich Leute verlassen, und von der sie dann verraten werden.

Wenn man Menschen anlügt, degradiert man sie; man traut ihnen entweder nicht zu, mit einer Situation, wie sie in Wirklichkeit ist, fertigwerden und eigene sinnvolle Entscheidungen treffen zu können, oder man benutzt sie einfach, weil es gerade bequem ist. Wenn man jemanden anlügt, weil man meint, er würde sich nur unnötig über etwas aufregen, oder wütend auf einen werden, weil man irgendetwas Falsches getan hat, dann heißt das, man geht von vornherein davon aus, dass er falsch reagieren wird, und nimmt ihm damit die Möglichkeit, vielleicht doch besonnen oder verständnisvoll reagieren zu können – na ja, oder man will einfach mit seinem eigenen falschen Handeln davonkommen. Entweder man misstraut ihm, oder man verachtet ihn. Und wenn er merkt oder ahnt, dass er angelogen wird, wird er auch anfangen, zu misstrauen. Lügen in wichtigen Dingen zerstören Beziehungen wie wenig anderes. Gerade wenn man mehrmals feststellen muss, dass auf die Worte und Versprechungen des anderen kein Verlass ist, ist die ganze Basis weg. Denn woher weiß man dann, dass es in Zukunft tatsächlich anders werden wird, wie der andere es schon wieder beteuert?

Ich finde, dass einer der grässlichsten häufig vorkommenden Sätze in typischen amerikanischen Filmen dieser ist: „Wir/ich wollte(n) dich nicht beunruhigen.“ [Na ja, vielleicht abgesehen von „Ich will kein Mitleid / keine Almosen.“ Ich habe ja so eine Theorie, dass die meisten Amerikaner, auch die meisten der sich „Christen“ nennenden Amerikaner, in Wirklichkeit Anhänger der Ketzerei des Amerikanismus sind, die hauptsächlich aus Hochmut („Ich will kein Mitleid“), sozialdarwinistischen Ideen („Gott hilft denen, die sich selber helfen“), Idealen von weltlichem Erfolgsstreben („prosperity gospel“), Selbsthilfetipps zum positiven Denken („Du kannst alles schaffen, wenn du es nur wirklich willst!!!“) und Auserwähltheitsfantasien („God’s own country“) zu bestehen scheint. Ich vermute manchmal, dass antike Bischöfe und mittelalterliche Mönche, die endlos über Demut, Milde, Barmherzigkeit, Mitleid, Almosengeben, den Wert der freiwilligen Armut, das Übel des Wuchers oder die Vergänglichkeit des Reichtums predigten, das, was manche Amerikaner für „Christentum“ halten, kaum wiedererkennen würden. Wobei, anders betrachtet, was will man erwarten bei einem Volk, in dem man sich über „interrassische Ehen“ (nicht mein Begriff, die reden wirklich von „interracial marriages“) wundert und allgemeine Krankenversicherung und Arbeitslosengeld für „Sozialismus“ hält…*] Dieser scheußliche Satz, mit dem die Figuren ihre eigene Unfähigkeit, mit der Wahrheit offen umzugehen, kaschieren wollen, kommt immer dann, wenn Eltern ihrem krebskranken Kind verheimlicht haben, dass es wahrscheinlich bald sterben wird, oder ein Ehemann seiner Frau, dass er seinen Job verloren hat, oder etwas in der Art. Man will den anderen (angeblich) vor der bösen Realität schützen, und nimmt ihm dadurch jede Möglichkeit, sich selbst dieser Realität anzupassen, selbst zu entscheiden, wie er mit ihr am besten umgehen sollte – also, sich zum Beispiel auf seinen Tod vorzubereiten, indem er Dinge in Ordnung bringt, die er verbockt hat, oder Dinge fertigstellt, die er noch fertig haben will. Man entscheidet stattdessen an seiner Stelle, was besser für ihn ist; man betrügt ihn, und tut auch noch so, als täte man ihm damit irgendeine Art von Gefallen, auch wenn die Wahrheit, die er irgendwann herausfinden muss, am Ende dann noch schlimmer für ihn sein wird (z. B. weil er dann nur noch sehr wenig Zeit bis zu seinem Tod haben wird). Das ist ebenso bescheuert wie – oder fast noch bescheuerter als – die amerikanische Lüge von wegen „live your dream“ (also nicht: „lebe in der Realität und mach was aus den Möglichkeiten, die du hast“, sondern „tu einfach mal so, als ob dein Traum, was für einer das auch immer sei, Realität ist, dann wird er das schon werden“; jedenfalls erlangt der Satz diese Bedeutung in der Praxis; zum Beispiel bei nahezu jedem Teilnehmer von Veranstaltungen wie American Idol (die US-Variante von DSDS); die leben nun wirklich in einer Traumwelt).

Das Verschweigen der Wahrheit, wenn jemand ein Recht darauf hat, sie zu erfahren, ist eine Sünde. Claudia Sperlich schreibt hier über einen Fall, in dem das zutreffen würde (https://katholischlogisch.wordpress.com/2017/03/06/tote-kinder/) : „Im irischen Tuam gab es von 1925 bis 1961 ein von Nonnen betriebenes Heim für ledige Mütter. 2014 wurden dort Knochen von Kleinkindern entdeckt, die nicht auf dem Friedhof beerdigt, sondern auf dem Gelände des Heimes verscharrt wurden. Das Ausmaß kommt jetzt ans Tageslicht; es wird aber bereits seit Jahren untersucht.“ Die Kindersterblichkeit muss dort wohl ungewöhnlich hoch gewesen sein, wahrscheinlich wegen einem Mangel an Pflege und Zuwendung, und die Kinder wurden dann nicht einmal ordentlich beerdigt, sondern bloß schnell irgendwo verscharrt – auch das noch zu viel Arbeit für die Nonnen, das Beerdigen? Frau Sperlich schreibt weiter: „Was mich besonders entsetzt, ist das Fehlen jeglicher Stellungnahme der Sisters of Bon Secours. Ich habe den Schwestern in Galway (zu Tuam gehörte) eine Anfrage gemailt, warum auf ihrer Homepage an keiner Stelle, auch nicht unter der Übersicht „History“, mit einem Wort darauf eingegangen wird. Denn auch wenn keine der Verantwortlichen mehr am Leben ist und die Schwestern heute gute und segensreiche Arbeit tun, darf dieser sehr dunkle Fleck nicht vergessen werden.“

Ich kann intellektuell nachvollziehen, wie diese Schwestern denken mögen: Man muss ja nicht unnötig darüber reden; das gibt nur ein schlechtes Bild; wir müssen unsere Institution schützen; Menschen könnten einen schlechten Eindruck von der Kirche bekommen, wenn sie davon hören würden, und würden sich vielleicht von ihr abwenden, was wir ja nicht wollen können; wir lügen ja nicht, wir verschweigen nur etwas.

Ich kann mir vorstellen, dass bei den Missbrauchsskandalen manchmal Ähnliches gedacht worden ist. Ja, es gab und gibt Kirchenleute, die sich um Aufklärung bemühten oder bemühen – Joseph Ratzinger hat schon als Präfekt der Glaubenskongregation und dann später als Papst einiges geleistet und eine Null-Toleranz-Politik durchgesetzt, und auch Bischof Voderholzer von Regensburg soll sich im Moment ehrlich um die Aufklärung des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen bemühen (jedenfalls habe ich das in einer Tageszeitung in einem Interview mit einem Missbrauchsopfer gelesen; der Interviewte hatte ansonsten nicht viel Gutes über seine Erfahrungen mit der Kirche und den Leuten bei den Domspatzen zu sagen). Aber es gab ganz offensichtlich auch andere Bischöfe oder Bistums- oder Kurienmitarbeiter, die anders dachten. Lieber keinen großen Wirbel, lieber keinen Skandal verursachen… Womit sie im Übrigen am Ende ein wesentlich schlechteres Bild von der Kirche vermittelten, als es bei einem offenen Umgang mit alldem je möglich gewesen wäre. Es handelt sich bei einem solchen Verhalten um eine unglaubliche Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern. Ich weiß nicht, ob ein so motiviertes Verhalten auch der Grund dafür war, dass Marie Collins vor kurzem die vatikanische Kinderschutzkommission verlassen hat (http://www.kath.net/news/58702; hier ist recht vage die Rede davon, dass sie „Frustration über mangelnde Kooperationsbereitschaft vatikanischer Behörden“ als Grund genannt habe).

Aber so ein Verhalten ist kaum auf die Kirche beschränkt. Kölner Silvesternacht, irgendwer? Was da geschehen war, kam erst nach mehreren Tagen heraus, als es sich nicht mehr unter Verschluss halten ließ. In meiner Tageszeitung erschien der erste Bericht nach meiner Erinnerung am 5. oder 6. oder 7. Januar irgendwo hinten auf der „Panorama“-Seite, und am nächsten Tag waren wütende Leserbriefe darüber und ausführliche Berichte auf der ersten und der dritten Seite zu lesen, und keiner der Redakteure ließ auch nur eine Silbe der Reue über den vorherigen Umgang mit diesen Informationen verlauten. Kein Wunder, dass Umfragen zufolge so wenige Leute der Presse trauen – manche Informationen sind für Journalisten einer gewissen Couleur einfach zu „brisant“ – oder könnten „missbraucht“ werden – die Leute könnten sie in den falschen Hals kriegen – kurz, gewisse Journalisten denken so, wie vielleicht Bischöfe oder Generalvikare oder Personalchefs einer Diözese gedacht haben, die die Kirche davor schützen wollten, dass die ganze Welt uns für eine „Kinderfickersekte“ hält. (Wobei die Presse sich inzwischen ein wenig am Riemen gerissen zu haben scheint, zumindest, was die örtliche Tageszeitung in meiner Region angeht.)

Diese Ängste sind real und nicht völlig unbegründet. Es gibt Nazis in Deutschland – so richtige Nazis ebenso wie weniger bedrohliche und gefährliche Stammtisch-Ausländerfeinde – ; ebenso wie es Leute gibt, die alle Priester für Kinderschänder halten. (Ich habe vor ein paar Jahren, auf dem Höhepunkt des Skandals, mal einen jungen Kaplan sagen hören, manchmal weiß er gar nicht mehr, ob er den kleinen Kindern, die bei der Kommunionausteilung mit ihren Eltern nach vorn kommen, überhaupt noch ein Kreuz auf die Stirn machen darf, und eine Bekannte hat mir einmal erzählt, ihr nominell evangelischer Verlobter hätte wegen der Missbrauchsskandale sogar Bedenken, spätere Kinder katholisch taufen oder Ministranten werden zu lassen. Bei so weit verbreiteten Vorurteilen helfen alle Infos über die geringe statistische Wahrscheinlichkeit, ausgerechnet in der Pfarrgemeinde Opfer sexuellen Missbrauchs zu werden, verglichen etwa mit Sportvereinen oder Familien, manchmal nichts.) Und natürlich profitieren wirkliche Rassisten, die Menschen einer gewissen Herkunft schon für eine Art Untermenschen halten, von Berichten über kriminelle Ausländer, besonders, wenn sich herausstellt, dass es sich vielleicht nicht um bedauerliche, überhaupt in keinster Weise repräsentative Einzelfälle handeln könnte, sondern dass z. B. bei Köln auch die frauenverachtende Kultur, aus der die Täter kamen, eine Rolle gespielt haben könnte, oder dass Schlägereien und auch Messerstechereien in Asylbewerberheimen gar nicht mal so arg selten vorkommen, oder dass etwa in Schweden durch die liberale Einwanderungspolitik der vergangenen Jahre inzwischen so einige No-Go-Areas geschaffen worden sind, oder dass, wie jetzt berichtet wurde, ein Dritter aller Straftäter in Deutschland keinen deutschen Pass hat.

Aber am meisten nützt es Nazis (oder Kirchengegnern, for that matter), wenn die „Lügenpresse“ (oder die Halbwahrheitenpresse, wie man es manchmal formulieren sollte – oder aber eben auch die Bistumsverwaltung) gewisse Dinge unter den Tisch kehrt. Das nützt ihnen sehr viel mehr. Und wenn Probleme verschwiegen werden, dann werden sie vor allem nicht angegangen werden, dann werden sie natürlich noch schlimmer werden, und es wird mehr Opfer geben, denen keiner zuhört, weil es sie nicht geben darf. Und wenn es dann entsprechend viele Opfer gibt, so viele, dass sie sich nicht mehr ignorieren lassen, wird man das entsprechende Chaos ernten. Das gilt für alle Probleme. Man darf das Schlimme nicht verschweigen, weil es „uns“ schaden könnte. Am meisten schadet am Ende immer Unwahrhaftigkeit, aber selbst wenn die Wahrheit einmal schaden sollte: Das ist egal. Man muss sie trotzdem sagen. Sie schadet vielleicht, aber sie macht auf jeden Fall frei.

Anbei: Ich finde Halbwahrheiten und Verdrehungen übrigens oft noch schlimmer als Lügen; ihnen ist schwieriger beizukommen. Da muss man erst einmal ganz genau schauen, wie eine Statistik zustande kam; wie diese Fakten sich ins größere Bild einordnen; wie ein Zitat im Kontext lautete; wie relevant oder wie gesichert eine Behauptung überhaupt ist – kurz, es macht einen im Allgemeinen hilfloser als gegenüber ganz einfach demonstrierbar falschen Behauptungen.

(Wobei richtige „Fakenews“ (man darf wirklich auch einfach „Lügen“ dazu sagen) natürlich auch großes Unheil anrichten können – man denke allein an die „Protokolle der Weisen vom Zion“ als das bekannteste Beispiel aus der Geschichte. (Es gab solche Fälschungen im Lauf der Geschichte übrigens, wie auf allen Seiten, auch auf der antikatholischen Seite; am bekanntesten sind vielleicht die Monita Secreta aus dem 17. Jahrhundert (https://en.wikipedia.org/wiki/Monita_Secreta) – angebliche Instruktionen des Jesuitengenerals an seinen Orden zur Machtgewinnung, eine Art von Protokollen einer jesuitischen Weltverschwörung, könnte man sagen. (Heute sind die Jesuiten als Verschwörer natürlich zu langweilig geworden, da muss jetzt eher das Opus Dei übernehmen.) Außerdem gab es z. B. die 1836 in Kanada und den USA veröffentlichten „Maria Monk Stories“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Maria_Monk), mit dem eigentlichen Titel „Awful Disclosures of Maria Monk, or, The Hidden Secrets of a Nun’s Life in a Convent Exposed“ („Schreckliche Enthüllungen der Maria Monk, oder Die verborgenen Geheimnisse des Lebens einer Nonne im Kloster enthüllt“); oder etwa die Geschichte vom Popish Plot („Papistenverschwörung“, https://de.wikipedia.org/wiki/Papisten-Verschw%C3%B6rung), die zwischen 1678 und 1681 in England sogar für Hinrichtungen Unschuldiger sorgte, ehe sie als erfunden erwiesen wurde.))

Vielleicht noch kurz allgemein zur moraltheologischen (und „kasuistischen“, wenn man so will) Seite der Sache: Die grundsätzliche Begründung der katholischen Moraltheologie, wieso Lügen schlecht ist, ist ja ganz einfach: Die Sprache ist dazu da, Wahres über die Wirklichkeit mitzuteilen, und wenn man sie verwendet, um die Wirklichkeit zu verdrehen, pervertiert man sie. Es ist nicht grundsätzlich eine Sünde, einer eindeutigen Antwort auszuweichen, und erst recht nicht grundsätzlich eine Sünde, zu schweigen; nur eben dann, wenn jemand anderer bzw. die Öffentlichkeit ein Recht hat, etwas zu erfahren. Es ist in anderen Fällen sogar gut und notwendig, Geheimnisse zu wahren oder Negatives, das man über andere weiß, nicht öffentlich auszubreiten. (Ich rede jetzt nicht mehr von Verbrechen.) Das Beichtgeheimnis gilt sogar völlig absolut, ohne Ausnahmen (ja, auch bei Verbrechen; wobei ein Beichtvater, dem ein Verbrechen gebeichtet wird, natürlich schauen wird, dass der Pönitent klar den Willen zeigt, keine weiteren Verbrechen zu begehen, und ihn vielleicht auch dazu bringen kann, sich der Polizei zu stellen; aber auch in solchen Fällen ist das Beichtgeheimnis absolut heilig). Es kann Fälle geben, in denen man ein Geheimnis bewahren muss.

Als klassisches Beispiel wird in der Moralphilosophie auch immer der konstruierte Fall vorgebracht, dass man Juden im Keller versteckt und die Gestapo vor der Tür steht. Unter den Moraltheologen wurde/wird sehr kontrovers diskutiert, ob man in solchen Fällen dann auch direkt lügen, oder die Gestapo bloß durch zweideutige Rede täuschen dürfte o. Ä. Hierzu, finde ich, hat der Philosoph Robert Spaemann in diesem Essay (http://www.kath-info.de/verantwortungsethik.html) über Gesinnungs- und Verantwortungsethik (eine Unterscheidung, die er grundsätzlich ablehnt), wo er an einer Stelle über Handlungen schreibt, die immer in sich schlecht sind, eine gute Antwort gegeben:

„Dem entspricht, daß in der klassischen philosophischen und theologischen Tradition die absichtliche und die direkte Tötung unschuldiger und wehrloser Menschen, die absichtliche Täuschung des Vertrauens durch unwahre Rede und die Herauslösung der Sexualität aus ihrem integralen humanen Kontext jeder weiteren Güterabwägung entzogen und für jederzeit unverantwortlich erklärt wurde. Lediglich mit Bezug auf die Lüge gab es unter den theologischen Moralisten gewisse Meinungsverschiedenheiten, die mit einem ungenügenden Begriff von Sprache zusammenhingen. Es gehört nämlich zur menschlichen Rede nicht nur ein Sprecher und dessen Wort, sondern auch ein Adressat und dessen Weise, das Wort aufzufassen. Das Erzählen von Märchen ist keine Lüge. Zum Vollsinn einer wahrheitsbezogenen Rede gehört, daß sie vom Adressaten als eine solche aufgefaßt wird. Der Kriegsgegner, der polizeiliche Fahnder, der fragt, ob ich einen Menschen versteckt habe, befindet sich zum Sprecher gar nicht in jenem sittlichen Verhältnis des Vertrauens, das eine wahrhaftige Rede erforderlich macht. Bekanntlich kann man ja jemanden, der ohnehin davon ausgeht, daß ich lüge, gerade dadurch in die Irre führen, daß man ihm die Wahrheit sagt. Wo aber ein solches Vertrauensverhältnis existiert, wo der Fragende – zum Beispiel der Patient oder der Ehepartner oder der Freund – zu der Erwartung berechtigt ist, daß ihm vom Arzt, vom Ehepartner oder vom Freund die Wahrheit gesagt wird, da verstößt es in der Tat gegen die Menschenwürde, aus irgendeiner noch so menschenfreundlichen Erwägung heraus die Unwahrheit zu sagen, sich selbst als Person hinter seiner Rede zum Verschwinden zu bringen und den anderen zum bloßen Objekt – und sei es auch der Fürsorge – zu degradieren, während er glaubt, Partner in einem Kommunikationsverhältnis zu sein. Die Lüge, so sagt Kant, ist in erster Linie eine Verletzung der Verantwortung gegen sich selbst, weil sie die konstitutive Identität von Innen und Außen zerstört, die das sittliche Selbstverhältnis ausmacht.“

 

* Ehe man mich darauf hinweist: Ja, ich weiß, dass auch in Amerika „nicht alle so sind“. Ich hege als gute Katholikin keine undifferenzierte Abneigung gegen alle Angehörigen einer bestimmten Nation oder Kultur, und bin durchaus bereit, zu glauben, dass es auch in dieser bestimmten Nation und Kultur, für die ich nicht allzu viel übrig habe, vernünftige Menschen und sogar einige gute Christen gibt. (Deshalb verlinke ich ja auch am Rand dieses Blogs zu einigen amerikanischen Blogs, die tatsächlich vernünftige, christliche Ansichten vertreten.) Und nein, ich halte mich nicht für persönlich besser als ketzerische Amerikanisten.

 

PS: Die Überschrift ist ein Zitat von unserem Herrn (Johannes 8,32).

PPS: Und nein, ich will mit diesem Artikel nicht sagen, dass jede kleine Unwahrheit eine Todsünde ist. Lügen sind zwar so gut wie immer schon ihrer Wurzel nach schlecht, aber sie sind gleichzeitig auch meistens in nicht gravierendem Sinne schlecht (wenn es sich nicht gerade um einen Meineid vor Gericht oder etwas anderes Schwerwiegendes handelt). Unwahrheiten sind leider sehr häufig, und manchmal nicht leicht zu vermeiden, und es gibt manchmal auch Grauzonen (bei Leuten, zu denen eben kein Vertrauensverhältnis besteht, zum Beispiel), wo es nicht in absolut jedem Einzelfall falsch sein muss, die Unwahrheit zu sagen, und auch zweideutige oder ausweichende Antworten können in einzelnen Fällen erlaubt sein. Jedenfalls sind Lügen und Täuschungen oft zwar schon Sünden, aber bloß lässliche Sünden.

Nochmal zu #sinedubiis und dazu, was über zweihundert Päpste nicht geschafft haben

Ein sehr lesenswerter Beitrag von Josef Bordat: https://jobo72.wordpress.com/2017/02/20/offener-brief-an-die-judaeische-volksfront/

Diesem Anliegen kann ich mich nur anschließen. Eine Versöhnung zwischen der Katholischen Volksfront, der Volksfront der Katholischen Kirche und der Katholikenfront, etwas Gelassenheit und gegenseitiges Verständnis in der Debatte und eine gemeinsame Konzentration auf das Wesentliche wären wirklich sinnvoll. Auch wenn man in manchen Dingen ja unterschiedlicher Meinung bleiben kann. (Aber irgendwie ist in diesem Fall hier jetzt auch nicht ganz von der Hand zu weisen: „Der Cathwalk hat aber angefangen!“ Okay, ich hör schon auf. Bin schon wieder ernst.)

Nebenbei noch: Ich habe mit meinem Artikel zu dem „Weckruf“ mehrmals so viele Besucherzahlen gekriegt wie sonst irgendwann. Nicht, dass ich mich darüber beschweren würde (und nein, es ist nichts Schlimmes dabei, sich mit kontroversen Themen zu beschäftigen), aber: Ich habe hier auch noch viele andere Artikel, die meiner Meinung nach lesenswert sind. Ich mache mir gerade viel Mühe, ausführlichst verschiedene schwierige Bibelstellen zu erklären – die bisher fertigen Teile gibt es hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-ueber-schwierige-bibelstellen/ Auch was ich zum Thema Skrupulosität geschrieben habe, lohnt sich vielleicht zu lesen: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-vollkommene-liebe-vertreibt-die-furcht-skrupulositaet/ , https://nolitetimereweb.wordpress.com/category/skrupulositat/ Oder wie wäre es mit etwas Grundsätzlichem zum Thema Glaube und Vernunft, komplett mit einem lehramtlichen Dokument aus dem 19. Jahrhundert, das die Wichtigkeit der Vernunft darlegt (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/08/17/wie-man-zum-glauben-kommt/)? Oder ein paar Anekdoten über Pius VII. (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/11/03/die-pforten-der-hoelle-werden-sie-nicht-ueberwaeltigen/) oder Paul VI. (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/17/es-ist-nicht-sicher-dass-ich-ins-paradies-eingehen-werde/)? Werbeblock aus.

Die Anekdote über Pius VII. in dem oben verlinkten Artikel handelt übrigens davon, dass dieser Papst Napoleon Bonaparte, der ihn nach Frankreich hatte entführen lassen und damit prahlte, dass er die Macht habe, die Kirche zu zerstören, geantwortet haben soll: „Das haben zweihundert Päpste vor mir nicht geschafft. Warum sollte es ausgerechnet Ihnen gelingen?“ Keep calm, everybody.

Wieso ich den „Weckruf“ zur Solidarität mit dem Papst bei The Cathwalk nicht unterzeichnet habe

(Hier der Text des Weckrufs: https://thecathwalk.net/2017/02/18/sinedubia-wir-gehen-mit-papst-franziskus/ )

  • Weil er legitime und illegitime Papstkritik nicht auseinanderhält.
  • Weil er die Debatte in unnötig polemischer Weise anheizt.
  • Weil er mir zu sehr in Richtung „Ich danke dir, Herr, dass ich nicht bin wie dieser Pharisäer dort“ tendiert.

Ich bin kein riesiger Fan von Papst Franziskus. Das muss ich auch nicht sein. Ich bin auch kein riesiger Fan vom sel. Pius IX. (jawohl, ich habe Pius IX. gesagt) oder manchen anderen Päpsten. Muss man als Katholik jetzt auch alles gut finden, was Julius II. oder Alexander VI. getan haben? Ich finde nicht einmal alles gut, was die Päpste getan oder gesagt haben, die zu meinen Lieblingspäpsten gehören. Paul VI., der für die meisten Leute so uninteressante und bei den Tradis eher unbeliebte Nachkonzilspapst, gehört zu ihnen (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/17/es-ist-nicht-sicher-dass-ich-ins-paradies-eingehen-werde/ ), und seine Ostpolitik zum Beispiel finde ich falsch. Benedikt XVI., dieser so gütige, demütige, und einfach nur brillante Mann, der für meine Hinwendung zum Glauben eine entscheidende Rolle gespielt hat, soll sich einmal in negativer Weise über die Harry-Potter-Bücher geäußert haben, die ich absolut liebe. Vielleicht werde ich sogar beim hl. Johannes Paul II. irgendwann einmal etwas entdecken, das ich nicht uneingeschränkt toll finden kann.

Zu Amoris Laetitia und seiner Interpretation habe ich mich hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/21/ein-paar-gedanken-ueber-die-liberale-auslegung-von-amoris-laetitia/ ) und hier (https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/23/ein-kurzer-nachtrag-zu-der-sache-mit-amoris-laetitia-ueber-unbarmherzigkeit/ ) schon geäußert.

Ich achte Papst Franziskus. Ich finde manche Dinge gut, die er macht. An erster Stelle das Jahr der Barmherzigkeit, dann z. B. auch den Versuch des Zugehens auf die FSSPX (an sich mag ich die FSSPX nicht besonders, aber es ist selbstverständlich gut, wenn man sie wieder mit der Kirche zu versöhnen versucht). Ich finde manche Dinge nicht gut, die er macht. Er soll einen relativ autokratischen Führungsstil haben, sein Predigtstil ist manchmal ein bisschen verworren (nein, hier geht es mir jetzt gar nicht um Inhalte, sondern nur um Satzstrukturen – manchmal weiß ich einfach nicht ganz, was genau er überhaupt sagen will, wenn ich mir im Internet Predigten von ihm durchlese; deshalb habe ich das auch aufgegeben und lese stattdessen lieber was anderes), und oft äußert er sich in unklarer Weise. Ich habe das Gefühl, der Papst will manchmal eher Debatten anregen, als sich klar zu positionieren – vielleicht hat er deshalb auch nicht auf die Dubia geantwortet. Und hier, finde ich, erfüllt er die Aufgabe nicht, zu der er berufen wurde. Ein Papst ist der oberste Hirte der Kirche; seine Aufgabe ist es, Orientierung und Klarheit zu bieten. Er ist kein Theologe, der in einem Seminar mit interessierten Studenten, die sich in der Materie auskennen, alle möglichen Thesen in den  Raum stellen und diskutieren sollte. Er sollte den Durchschnittskatholiken, die sich eben nicht so genau damit auskennen, was die sakramentale Ehe (oder auch anderes) bedeutet und auch nicht so genau wissen, ob die Kirche  nicht ihre Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe (oder auch anderem) irgendwann einmal einfach ändern könnte, klare Orientierung geben.

Das ist also meine Meinung zu Papst Franziskus; und diese meine Meinung berührt in keiner Weise meine Achtung vor ihm als dem Stellvertreter Christi auf Erden, die ich ihm als Katholikin schulde.

Solidarität mit dem Papst gegen ultratraditionalistische und fast schon zum Sedisvakantismus tendierende Kritiker, denen er nie etwas recht machen kann? Gerne. Aber bitte keine blinde Gefolgschaft, die Jubel über jeden Nebensatz fordert, der aus seinem Mund kommt.

Das Problem bei diesem „Weckruf“ ist, dass er die vier Kardinäle, die mit ihren Dubia einfach um etwas Klarheit gebeten haben, mit seinem #sinedubia (was grammatikalisch übrigens falsch ist – es hieße „sine dubiis“) in die Ecke solcher böswilliger, pharisäischer, grundsätzlich unzufriedener Papstkritiker rückt, die alles besser zu wissen meinen als die ihrer Ansicht nach von Satan persönlich unterwanderte Kirchenhierarchie. Ich wage zu behaupten, dass die Herren Meisner, Burke, Brandmüller und Caffara nicht so denken. (Der Chefredakteuer von The Cathwalk hat inzwischen übrigens auf Facebook geschrieben, schuld seien nicht die Dubia-Kardinäle selbst – was aber irgendwie seltsam klingt angesichts der ausdrücklichen Distanzierung von den Dubia im Text des Weckrufs.) Die Verfasser des Weckrufs setzen außerdem Papst Franziskus einfach mit Jesus gleich, der ja auch auf die Fragen der Pharisäer manchmal demonstrativ geschwiegen habe. Sorry, aber: Papst Franziskus ist der Stellvertreter Christi, nicht Christus selbst. Er ist immer noch ein fehlbarer Mensch, und er kann keinem seiner Kritiker ins Herz schauen, wie es Jesus konnte. Und in verworrenen Situation auf Fragen klare Antworten zu geben – das ist sein Job.

„Wir erinnern die genannten populistischen Einheizer im Hintergrund daran, dass sie sich für ihren geschürten Argwohn eines Tages verantworten werden müssen“, schreiben die Autoren des Weckrufs. Nun, ich würde mich nicht zu populistischen Einheizern zählen, die grundsätzlichen Argwohn gegen den Heiligen Vater schüren, aber ja, mir ist bewusst, dass ich mich für alles, was ich im Leben so tue, irgendwann einmal werde verantworten müssen. Vielleicht könnten wir alle mal runterkommen und das Ganze etwas weniger emotional diskutieren. Ich stimme den Verfassern und Unterzeichnern dieses Weckrufs zu, dass es eine gewisse Solidarität mit dem Papst braucht. Aber vielleicht können sie mir auch zustimmen, dass diese Solidarität nicht völlig kritiklos sein muss.

Vergessen wir nicht: „Als Kephas [aramäisch für Petrus] aber nach Antiochia gekommen war, bin ich ihm offen entgegengetreten, weil er sich ins Unrecht gesetzt hatte.“ (Galater 2,11) Was bringt es denn, wenn jetzt schon wieder gesagt wird „ich halte zu Paulus – ich zu Apollos – ich zu Kephas – ich zu Christus“ (1 Korinther 1,12)?

Wir sind doch eigentlich gar nicht so weit auseinander, vermute ich jetzt einfach mal. Wir sind uns wohl einig, dass die Ehe unauflöslich ist; dass Wiederheirat objektiv nicht richtig ist; dass man Menschen, die sich in einer solchen Situation befinden, trotzdem nicht wie Aussätzige behandeln sollte und dass die Kirche ihnen helfen sollte; dass der Papst kein Häretiker ist; dass es zur traditionellen Sakramentenpastoral gehört, nur dann die Kommunion zu reichen, wenn jemand sich in einem zumindest einigermaßen objektiv richtigen Verhältnis mit Gott befindet. Über alles weitere kann man dann ruhig diskutieren. Aber bitte ohne unsinnige Vorwürfe und Generalisierungen. Ich fürchte, dass der Weckruf eher dafür sorgen könnte, die Fronten in einer sowieso schon hitzigen Debatte weiter zu verhärten – aber wenn ich mich irren sollte, wäre es ja gut.

Ein kurzer Nachtrag zu der Sache mit Amoris Laetitia – Über Unbarmherzigkeit

Als ich den vorletzten Beitrag hier geschrieben habe – den zu Amoris Laetitia und dem Kommunionempfang für Wiederverheiratete -, habe ich an manchen Stellen ziemlich lange überlegt, wie ich etwas ausdrücken soll, und habe dann mehrmals noch etwas geändert bzw. am Ende des Artikels hinzugefügt. Ist das hier zu hart ausgedrückt? Wie würde ein Betroffener, der das liest, das wohl aufnehmen? Sollte ich auf das und das noch genauer eingehen?

Ist ein schwieriges Thema. Normalerweise schreibe ich ja weniger über Themen, die die Leute direkt konkret angehen und momentan hitzig diskutiert werden, und mehr über Sachen, die einfach interessant sind – die bevorstehende Heiligsprechung von Papst Paul VI., den Unterschied zwischen Denethor und Faramir aus „Der Herr der Ringe“, die Interpretation irgendwelcher Bibelstellen, Romane von Robert Hugh Benson, meine neu entdeckte Liebe zu Polen oder richtige Kommasetzung, solches Zeug eben.

Wahrscheinlich war es auch nicht wirklich nötig, dass ich mich jetzt auch noch in der Debatte um AL zu Wort gemeldet habe – aber, na ja, wenn man einen Blog betreibt, neigt man eben immer dazu, alle seine Gedanken darauf kundzutun, ob sie nun jemandem nützen oder nicht. Aber auch wenn schon viel dazu geschrieben wurde, ich finde das Thema schon irgendwie wichtig. Und einen Punkt dazu habe ich in meinem Beitrag noch nicht genauer erklärt, daher will ich ihn nun nachtragen, weil ich finde, dass er doch auch noch Beachtung verdient.

Wenn es um dieses ganze Thema geht, dann ist immer sehr schnell der Vorwurf an die Kirche (oder strenge Katholiken wie mich) bei der Hand, unbarmherzig zu sein, Menschen zu verurteilen, und so weiter. Dieser Vorwurf kommt natürlich hauptsächlich daher, dass die Menschen, die ihn vorbringen, einfach das katholische Eheverständnis nicht teilen, und es wahrscheinlich überhaupt nie erklärt bekommen haben, woran die derzeitige Verkündigung in der deutschen Kirche nicht so ganz unschuldig ist. (Hier übrigens noch einmal der Link zu meinem Artikel über einen Grund, aus dem die Ehe unauflöslich ist: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/11/17/die-unaufloeslichkeit-der-familie/ Meine Argumentation in aller Kürze: Die Ehe ist ein Bund, der eine neue Familie begründet, und Familie ist unauflöslich und begründet die lebenslange Pflicht zu Liebe und Treue.) Sie begreifen nicht, was an Ehebruch überhaupt so schlimm sein soll; sie sehen ihn gar nicht als Sünde, sondern als etwas vollkommen Akzeptables, das die Kirche gefälligst auch endlich akzeptieren soll; solange sie das nicht tut, ist sie natürlich unbarmherzig und böse.

Aber einher mit diesem Vorwurf geht bei solchen Kirchenkritikern paradoxerweise – meistens unbewusst, nehme ich an – auch oft eine Unbarmherzigkeit und ein Verurteilen gegenüber anderen Arten von Menschen. Zum Beispiel denen, die, aus Treue zu Gott, sich nach einer Trennung wieder mit ihrem Partner zusammengerauft haben und wieder einen gemeinsamen Weg gefunden haben, anstatt den einfachen Weg zu gehen, wegen ihrer Schwierigkeiten getrennt zu bleiben und zu sagen, ist doch nicht so schlimm so. Oder denen gegenüber, die vielleicht jetzt nicht mehr die Möglichkeit haben oder für die es keine vernünftige Lösung wäre, wieder in ihre eigentliche Ehe zurückzukehren, aber die sich keinen neuen Partner suchen oder mit ihrem zweiten Partner enthaltsam leben. Oder denen gegenüber, die zwar nichts davon tun, aber anerkennen, dass ihr Leben im Moment nicht gut läuft und daher akzeptieren, dass sie im Moment, wenn sie ehrlich gegenüber Gott sein wollen, nicht die Kommunion empfangen können. Solchen Menschen bringen Menschen, die selbst nicht bereit sind, das zu tun, sondern die Lehre der Kirche als einfach nur „unbarmherzig“ aburteilen und ihre Änderung verlangen, oft kein Verständnis entgegen. Wieso macht die sich das Leben so schwer? Ihr Mann hat sie verlassen, na, wieso will sie dann partout keinen neuen Partner suchen – weil ihr das von dieser Kirche da eingeredet wurde oder wie? Will sie unbedingt unglücklich bleiben? Unbarmherzig, überheblich, hält sich wohl für was Besseres, was soll das. So, wie Menschen, die alle Religionen für gleich gültige Wege zu Gott halten und Mission als etwas ganz Schlimmes ansehen und stattdessen nur interreligiöse Zusammenarbeit verlangen, Konvertiten, die in ihrer neu angenommenen Religion glücklich sind, oft nur Unverständnis oder schlimmstenfalls Verachtung entgegenzubringen scheinen, so bringen Menschen, die die Änderung der kirchlichen Lehre und Praxis verlangen, denen, die sich daran halten wollen und diese Lehre und Praxis in ihrem Leben als gut und im Endeffekt heilbringend erkannt haben, oft anscheinend nur Unverständnis oder schlimmstenfalls Verachtung entgegen. Die stören. Die passen nicht ins Bild.

Man lese mal diesen Brief einer geschieden-wiederverheirateten Frau, die seit einiger Zeit bewusst nicht zur Kommunion geht, den Bischof Stefan Oster mit ihrem Einverständnis anonym veröffentlicht hat, und dann gleich darunter den ersten Leserkommentar: https://stefan-oster.de/geschieden-und-wieder-verheiratet-ein-sehr-persoenliches-zeugnis-ueber-einen-beschwerlichen-weg-in-der-kirche/ Aus dem Kommentar: „Armutszeugnis für die Kirche … immer und immer wieder suggeriert, dass sie schuldig ist – solange bis sie es selbst glaubt und sich kasteit.“ Usw. Die Ironie daran ist irgendwie, dass im Brief der Frau selbst schon solche Reaktionen beschrieben wurden, unter denen sie offenbar auch ein bisschen leidet: „Mein Gedanke dahinter: Wenn ich mir bewusst bin, dass ich gegen das Gebot: ‚Du sollst nicht ehebrechen‘ verstoße, ich daran nichts ändern kann und will, dann muss ich dieses Opfer bringen -aus Respekt vor dem hl. Sakrament der Ehe, und der Heiligkeit der Kommunion. Hinzu kommt, dass ich meinen Kinder vermitteln will: Das ‚Ja‘ zweier Menschen füreinander vor Gott ist heilig und endgültig. Ob es ankommt bei ihnen? Ich hoffe es! In der Praxis war und ist das ein ‚Spießrutenlauf‘. Es ist ja wie ein öffentliches Schuldeingeständnis. Von meinem Umfeld hör ich so Sätze wie: ‚Geh lass dich doch nicht einschüchtern von der Kirche!‘ ‚Du warst ja gar nicht schuld an der Scheidung!‘ ‚Das ist doch ein überholtes Verbot in der heutigen Zeit!‘ usw. Es fällt mir immer noch schwer, öffentlich dagegen zu argumentieren. Im Herzen weiß ich, dass die Enthaltsamkeit [von der Kommunion] richtig und heilsam für mich ist. Es ist wie Heilfasten: Es fällt am Anfang sehr schwer. Aber nach und nach gehen in Gedanken Türen auf. Es eröffnen sich mir Erkenntnisse die ich sicher noch mit einem Seelsorger aufarbeiten muss und ich hoffe auf die Barmherzigkeit Gottes, dass er mir  meine Schuld vergibt.“

Ein ehrlicher, selbstkritischer Blick auf sein eigenes Leben, Reue und das Bewusstsein, auch nicht immer alles richtig gemacht zu haben und nicht immer nur der Kirche die Schuld geben zu können, die Erkenntnis, dass Ehrlichkeit mit Gott einem persönlich größeren Frieden bringt und einen auf einen guten Weg führt, das ist denen, die gerne der Kirche an allem die Schuld geben wollen, ein Dorn im Auge. Und während man solchen Menschen wie der oben erwähnten Frau noch „mitleidsvoll“ eine Art von Stockholm-Syndrom unterstellen kann, kann man dagegen persönlich nicht betroffenen Katholiken / Kirchenmännern, die einfach die Lehre der Kirche verteidigen, weil sie ihnen wichtig ist und sie einen Sinn dahinter sehen, leicht als vollkommen unbarmherzige, kalte, regelfixierte Pharisäer aburteilen. Sorry, aber wenn man Kardinal XY als „unbarmherzig“ verurteilt, dann ist das eben auch eine Art von Verurteilung. Sollte man ihm nicht zuerst einmal unterstellen, dass er für seine Meinung auch andere Gründe haben könnte als kaltschnäuzige Selbstherrlichkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Leiden der Wiederverheirateten?

Okay, ich weiß selber sehr gut, dass man es mit Selbstkritik und Reue auch übertreiben kann – ich habe hier auf diesem Blog nicht ohne Grund öfter über Skrupulosität geschrieben, eine geistliche Krankheit, die sich ja vor allem durch endlose und grundlose / überzogene Selbstvorwürfe auszeichnet. Aber das Gewissen kann nicht nur zu zart sein, sondern auch zu stumpf. Beides sind Extreme, die zu vermeiden sind. Und die Lehre der Kirche hat ihren Sinn, und es rächt sich, wenn man sie ignoriert, so wie es sich rächt, wenn man jahrelang nicht zum Zahnarzt gehen will. Ich weiß auch, dass man, wenn man die Lehre erklären will, vielleicht manchmal als verurteilend und unbarmherzig erscheinen kann (wenn das in diesem Artikel der Fall war, bitte ich dafür um Vergebung – das ist nicht meine Absicht), und dass einzelne konservativen Katholiken das tatsächlich nicht nur scheinen, sondern auch sein können. Das gibt es in allen Gruppen. Aber die Gebote Gottes an sich – und wenn man die Bibel ehrlich liest, wird man sehen, dass Gott da sehr klar ist (ich habe in meinem Artikel über die Ehe, den ich oben verlinkt habe, gleich am Anfang alle relevanten Stellen aufgeführt) – sind eben an sich nicht unbarmherzig, sondern der Weg zu Freiheit und Glück, auch wenn man das im Moment schwer sehen kann. Die Wahrheit wird euch frei machen, hat Christus gesagt. (Joh 8,32) Wunschdenken macht unfrei. Immer. Egal, wie schwierig die Situation ist; wenn man sich nicht an die Wahrheit hält, kommt man nicht weiter. Nur die Wahrheit wird frei machen.

Und hey: Es ist wirklich nicht so schlimm, sich einzugestehen, dass man Dinge falsch gemacht hat, dass man, um es auf Katholisch zu sagen, ein Sünder ist. Sind wir alle. Das klingt wie eine Binsenweisheit, aber Binsenweisheiten stimmen eben. Keiner tut immer sein Bestes, keiner ist immer ein guter Mensch, wir sind alle irgendwie kaputt und selbstsüchtig. Ich bin es, du bist es, dein Nachbar und meine Cousine dritten Grades sind es. Das dürfen wir uns ruhig eingestehen. Gott hat uns trotzdem noch lieb. Alles nicht so tragisch.

Ein paar Gedanken über die „liberale“ Auslegung von Amoris Laetitia

Die liberale Auslegung von Amoris Laetitia (wiederverheiratet Geschiedene können „in bestimmten Fällen“ die Kommunion empfangen, auch wenn sie nicht enthaltsam leben) ist unlogisch. Sie macht in sich keinen Sinn. Ob sie streng genommen häretisch ist (oder bloß „Häresie begüngstigend“, „nach Häresie schmeckend“, „Ärgernis erregend“ oder was auch immer, um in der Sprache der Lehrverurteilungen früherer Jahrhunderte zu reden), darüber kann man trefflich streiten (ich würde sie nicht streng genommen häretisch nennen – sie ist ja sowieso mehr pastoral als lehrmäßig). Aber sie ist unlogisch und auch pastoral gesehen nicht hilfreich.

Folgende Punkte sollten für jeden Katholiken außer Frage stehen:

  • Eine gültige, sakramentale, vollzogene Ehe ist unauflöslich. Hat Jesus so gesagt. Und hat das Konzil von Trient dogmatisch definiert. Isso.
  • Ehebruch, d. h. Geschlechtsverkehr mit einer anderen Person als dem eigenen Ehepartner, ist Sünde. Und zwar schwere Sünde, da direkt durch das 6. Gebot von Gott verboten. („Du sollst nicht die Ehe brechen.“) Ach ja, und die Zehn Gebote sind übrigens keine willkürlichen Anweisungen, sondern Gebote, die zum Leben führen, die mit Gottes Gnade erfüllbar sind, und von denen niemand, auch Gott selbst nicht, dispensieren könnte.
  • Wenn man eine schwere Sünde begangen hat, beichtet man sie erst, bevor man wieder zur Kommunion geht. Dazu gehört auch, sich vorzunehmen, sie in Zukunft nicht mehr zu begehen. Wenn man nicht vorhat, sein Leben in irgendeiner Weise zu ändern, ist offensichtlich keine Reue vorhanden, die Beichte also ungültig. (Das heißt nicht, dass es nicht sein kann, dass man, wenn man eine Sünde beichtet, trotzdem weiß, dass man sie früher oder später mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit wieder begehen wird. Manche Menschen neigen dazu, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen und zu prahlen, andere werden schnell ungeduldig und unfreundlich, andere vernachlässigen ständig das Gebet; und diese Fehler zu besiegen ist für einen eine langwierige, schwierige Angelegenheit. Ich beichte jedes Mal so ziemlich dasselbe, und das tun wohl die allermeisten Katholiken. Aber der Punkt ist: Solange man sich jedes Mal wieder vornimmt, es in Zukunft besser zu machen – d. h. solange man nach einem Fall wieder aufsteht, auch wenn man weiß, dass man gleich wieder fallen wird, anstatt einfach am Boden sitzen zu bleiben und sich zu sagen, es bringt eh nichts, Gott fordert eben zu viel –, ist das absolut in Ordnung. Gott will vor allem unser redliches Bemühen. Es kann auch einmal sein, dass es einem schwer fällt, schwere Sünden (wie Ehebruch) aufzugeben anstatt bloß lässliche (wie eine kleine gewohnheitsmäßige Prahlerei oder Unfreundlichkeit). Aber ehrlich versuchen muss man es trotzdem, und wenn es nicht geklappt hat, dann bereut man, beichtet, und versucht es nochmal. Der ehrliche Wille, eine Sünde aufzugeben, ist unerlässlich. Sicher kann es auch mal Situationen geben, in denen man ratlos ist und nicht weiß, wie man auf irgendeine Weise Sünde vermeiden kann (in der Moraltheologie nennt man so etwas ein „perplexes Gewissen“), aber in solchen Fällen gibt es immer mögliche Lösungen, auch wenn man sie vielleicht manchmal nicht sehen kann; Gott lässt uns nie nur die Wahl zwischen Sünde und Sünde.)
  • Die Regelung, dass nur die, die sich in einem zumindest einigermaßen objektiv richtigen Verhältnis mit Gott befinden, die Kommunion empfangen dürfen, besteht deshalb, weil es sich bei diesem Sakrament um die Vereinigung mit Jesus Christus handelt, Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens. Wie will man sich mit Christus vereinigen, wenn man beabsichtigt, weiterhin gegen Seinen Willen zu handeln? Kann ein Mafiosi die Kommunion empfangen, wenn er nicht vorhat, seine Geschäfte in Zukunft zu lassen? Oder ein Abtreibungsarzt? Oder jemand, der seine Frau verprügelt, seine Kinder vernachlässigt, seine Angestellten ausbeutet, oder seinen Lebensunterhalt durch professionelle Betrügereien verdient? Das ist ein Widerspruch in sich. Die Kommunion sollte ein Ausdruck der Liebe sein, und wenn man mit seinen Taten und seinem Willen zu Christus „Nein“ sagt, was ist das dann für eine Liebe zu Ihm?
  • Im Zweifelsfall, ob eine Ehe gültig ist, ist sie gültig. In einem Annullierungsverfahren ist das Eheband sozusagen der Angeklagte, und das Prinzip „Im Zweifelsfall für den Angeklagten“ gilt auch im Kirchenrecht. Das ist kein Dogma, aber trotzdem ein sinnvolles Prinzip des Kirchenrechts, an das man sich als Katholik einfach zu halten hat. Gehorsam und so. (In der Diskussion wird gelegentlich der konstruierte Fall erwähnt, dass Betroffene sich „sicher sind“, dass ihre erste Ehe ungültig war, das aber im Annullierungsverfahren nicht beweisen konnten. Mal abgesehen davon, dass eine subjektive Sicherheit nicht immer den Tatsachen entsprechen muss: Selbst wenn die erste Ehe tatsächlich ungültig war, ist die jetzige Beziehung immer noch eine Beziehung ohne kirchliche Trauung – also keine Ehe, also immer noch Sünde.)

Wie gesagt: Das alles sollte außer Frage stehen. Eigentlich. Tun wir mal so, als würden tatsächlich alle Katholiken diese grundlegenden Prinzipien akzeptieren, über die nicht diskutiert werden kann, und fragen wir uns dann, ob es Fälle geben kann, in denen man als „Wiederverheirateter“ guten Gewissens die Kommunion empfangen kann, wenn man nicht mit seinem jetzigen Partner enthaltsam lebt (also in seinem Tun anerkennt, dass diese Beziehung keine Ehe ist und man noch durch das Eheband an einen anderen Menschen gebunden ist).

Amoris Laetitia geht nun an dieser einen umstrittenen und unklaren Stelle offenbar auf die unbestrittene Tatsache ein, dass objektiv schwer sündhafte Taten nicht immer subjektiv schwer sündhaft sind (sie sind es z. B. nicht im Fall von Unwissenheit, Sucht, Handlungen unter Zwang etc., d. h. damit eine Tat tatsächlich schwer sündhaft ist, muss nicht nur die Tat selbst wirklich schlecht sein, sondern sie muss auch mit voller Zustimmung aus freiem Willen und in dem Wissen, dass sie wirklich schlecht ist, begangen werden). Das ist eine Binsenweisheit, die jeder Katholik kennen sollte. Bei Selbstmord zum Beispiel wird das in vielen Fällen der Fall sein (Einschränkung der Willensfreiheit durch psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen). Es kann auch in vielen Fällen bei wiederverheiratet Geschiedenen der Fall sein, die nie wirklich erklärt bekommen haben, wieso die Kirche an die Unauflöslichkeit der Ehe glaubt, und was so schlecht an Scheidung und einer neuen Heirat ist; wir sind alle geprägt von einer Kultur, die der ehelichen Treue oft genug völliges Unverständnis entgegenbringt. Aber: Was hat das mit dieser Situation zu tun?

Wenn, sagen wir mal, ein wiederverheiratet Geschiedener, der vielleicht seine erste Ehe nur kirchlich geschlossen hat, weil man das eben so machte und er eben von seiner Taufe als kleines Kind an Mitglied in dieser Kirche war, sich dann scheiden hat lassen und wieder standesamtlich geheiratet hat, und jetzt ernsthaft zu seinem Glauben gefunden hat und mit dem Pfarrer über seine Situation spricht, dann kann der Pfarrer ihn, wenn er sich darüber beunruhigt, schon damit beruhigen, dass sein bisheriges Leben vielleicht nicht unbedingt schwer sündhaft gewesen sein muss, weil er es ja nicht besser wusste. Aber soll er ihm dann auch sagen, er könne einfach so weiterleben wie bisher – er wisse es ja nicht besser? Tut mir leid, aber das macht keinen Sinn, denn jetzt weiß er es besser. Hier ist AL leider unklar und vage.

Ich möchte hier Pater Edmund Waldstein zitieren, der es besser ausgedrückt hat, als ich es kann, und als Priester die Sache auch konkreter von der pastoralen Seite her beurteilen kann (Übersetzung von mir):

Ja, es ist notwendig, die verschiedenen Grade der Schuld zu unterscheiden – besonders in Bezug auf konkrete Handlungen in der Vergangenheit, für die man jetzt eine Buße auftragen muss (zum Beispiel) – aber es ist höchst töricht und kontraproduktiv, einen geringen Grad subjektiver Schuld für objektiv schlechte Handlungen vorherzusagen, die jemand in der Zukunft begehen will. Wenn jemand zu mir in den Beichtstuhl kommt und sagt, dass er beabsichtigt, weiterhin objektiv ehebrecherische Handlungen zu begehen, dann ist es schlimmer als sinnlos, ihm zu sagen, dass er sich damit wahrscheinlich keiner Todsünde schuldig machen wird, dass mildernde Umstände wahrscheinlich das volle Wissen oder die freie Zustimmung verhindern werden. Was eine solche Person braucht, ist Klarheit, um ihr zu helfen, zur Reue zu finden.

Aber was sagt der Heilige Vater? An einer Stelle sagt er das Folgende: „Viele, welche die von der Kirche angebotene Möglichkeit, ‚wie Geschwister’ zusammenzuleben, kennen und akzeptieren, betonen, dass in diesen Situationen, wenn einige Ausdrucksformen der Intimität fehlen, ‚nicht selten die Treue in Gefahr geraten und das Kind in Mitleidenschaft gezogen werden [kann].’“ (AL, Fußnote 329). Das ist die Art von Entschuldigung, die ich oft im Beichtstuhl höre. Nach meiner Erfahrung ist die schlimmste Antwort auf solche Ausreden, Ausflüchte zu machen oder um den heißen Brei herumzureden. Was sie in aller Klarheit hören müssen, ist, dass man nie eine in sich schlechte Tat begehen kann, damit Gutes daraus entsteht. Vor kurzem brachte jemand genau diese Entschuldigung in der Beichte vor, und ich zögerte ein bisschen, bevor ich antwortete, aber als ich ihr mit ein bisschen Beklemmung eine klare Antwort gab, war sie sehr dankbar – es war wirklich ein Moment der Gnade. Der Heilige Vater stimmt der obigen Entschuldigung nicht ausdrücklich zu, aber sicherlich scheint der natürliche Eindruck, den man aus der Art, wie er sie zitiert, erhält, zu sein, dass er ihr zustimmt, und ich fürchte, dass es das ist, wie Menschen, die nach Entschuldigungen suchen, es aufnehmen werden.

An einer anderen Stelle schreibt er: „Ein Mensch kann, obwohl er die Norm genau kennt, große Schwierigkeiten haben ‚im Verstehen der Werte, um die es in der sittlichen Norm geht’, oder er kann sich in einer konkreten Lage befinden, die ihm nicht erlaubt, anders zu handeln und andere Entscheidungen zu treffen, ohne eine neue Schuld auf sich zu laden.“ (AL, 301) Wiederum, man kann das über bestimmte Handlungen in der Vergangenheit sagen, aber wenn jemand seine ganze zukünftige Lebensweise bedenkt, ist es sehr gefährlich, so etwas zu sagen. Wir wissen, dass es nie notwendig ist, eine Handlung zu begehen, die in sich schlecht ist; Gott gibt uns immer einen Ausweg. Natürlich kann man vorhersehen, dass es wahrscheinlich ist, dass man in einer bestimmten Situation in eine Sünde fallen wird, die zur Gewohnheit geworden ist, aber man kann niemals beabsichtigen, weiterhin Handlungen zu begehen, die objektiv schlecht sind. Wie ist es möglich für jemanden in einer solchen Situation, ehrlich Gott als sein letztes Ziel, höchstes Gut und größtes Glück zu suchen? Man muss diese Art der Argumentation nur auf andere Arten der Sünde anwenden, um zu sehen, wie absurd sie ist. Der Heilige Vater ist immer sehr beredt in seiner Verurteilung von Sünden gegen die Armen gewesen. Bedenken Sie den Fall eines Priesters, der zu einem Kapitalisten, der seinen Arbeitern den gerechten Lohn vorenthält, sagen würde „Sie sind wahrscheinlich im Stand der Gnade, da Sie, obwohl Sie die Forderungen des Evangeliums kennen, nicht fähig sind, ihre inneren Werte zu verstehen.“ Was würde der Heilige Vater zu einem solchen Priester sagen? Er wäre entsetzt, und sehr zu Recht. Ein solcher Priester sollte sagen, was der Heilige Vater selbst sagt: „dadurch, dass sie sich immer hermetischer vor Christus verschließen, der im Armen weiter an die Tür ihres Herzens klopft, [verurteilen sie sich] am Ende […] selbst dazu […], in jenem ewigen Abgrund der Einsamkeit zu versinken, den die Hölle darstellt.“ (Papst Franziskus, Botschaft zur Fastenzeit 2016) Das ist es, was auch Menschen, die beabsichtigen, ein Leben des kontinuierlichen Ehebruchs zu leben, hören müssen.

Also denke ich, zu sagen, dass Personen, die die Forderungen des Evangeliums kennen, beabsichtigen können, weiterhin Handlungen zu begehen, die ihm in schwerwiegender Weise entgehen stehen, bedeutet, solchen Personen ihre Würde als moralfähige Subjekte abzusprechen, die Kraft der synderesis [Gewissen] in ihren Herzen zu leugnen, und ihnen eine Ausrede an die Hand zu geben, um sich selbst in diesem Leben und dem kommenden unglücklich zu machen.

(Quelle: https://sancrucensis.wordpress.com/2016/05/17/amoris-laetitia/ Pater Waldstein geht übrigens zuerst auch noch auf die sehr wichtige grundsätzliche Frage ein, in welchen Dingen man als Katholik anderer Meinung sein darf als der Papst.)

Es ist wirklich eine Entwürdigung der wiederverheiratet Geschiedenen, ihnen nicht zuzutrauen, um der Liebe zu Christus willen ihr Leben auf Ihn auszurichten.

Am lächerlichsten in der ganzen Diskussion finde ich es irgendwie immer, wenn angedeutet wird, „früher“ sei das ja alles schön und gut gewesen, aber „heute“ könnten die Menschen eine so strenge Moral einfach nicht mehr fassen, man müsse sich an die moralischen Fähigkeiten der Menschen anpassen und schauen, womit sie zurechtkämen, oder so.

Na ja. Mir wäre nicht bekannt, dass sich die hormonelle Verfasstheit des homo sapiens in den vergangenen paar Generationen dementsprechend verändert hätte, dass er „heute“ nicht mehr in der Lage ist, Triebe zu kontrollieren, mit denen er „früher“ noch spielend fertig wurde. Tut mir leid, das sagen zu müssen, aber die Ehelehre der Kirche war zu allen Zeiten so unbeliebt (und ungelebt, und schwer) wie heute. Herodes Antipas heiratete seine Schwägerin Herodias, die sich von seinem Bruder Philippus getrennt hatte, Johannes der Täufer sagte zu ihm „Du hattest nicht das Recht, sie zur Frau zu nehmen“, und das Ergebnis war, dass Herodes Johannes auf Herodias’ Betreiben hin köpfen ließ. Papst Nikolaus der Große (Papst 858-867) musste dem Frankenkönig Lothar II. entgegentreten, der sich von seiner Frau Theutberga scheiden lassen und seine Mätresse Waldrada heiraten wollte. Der König brachte sogar ein Regionalkonzil in Metz dazu, sich auf seine Seite zu stellen – Nikolaus annullierte dessen Beschlüsse und exkommunizierte beteiligte Bischöfe, und Lothar ließ dann sogar Rom belagern; aber Nikolaus blieb fest. Heinrich VIII. erklärte sich selbst zum Oberhaupt der Kirche von England, weil die Kirche festgestellt hatte, dass seine Ehe mit Katharina von Aragon gültig war (während er selbst sich „sicher war“, dass sie ungültig war, und unbedingt Anne Boleyn heiraten wollte), und die Kirche gab dennoch nicht nach; sie gab lieber England verloren, als eine einzige Frau im Stich zu lassen. Auch im 18. und 19. Jahrhundert wurde die katholische Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe oft genug angegriffen. Das ist alles nichts Neues.

Ich erinnere mich, dass ich mich nicht lange nach Erscheinen von AL einmal mit einem Priester unterhalten habe, und das Gespräch dabei auf dieses Thema kam. Ich sagte etwas in der Art, dass es ja, wenn es keine anderen Lösungen für die Situation gäbe, immer noch theoretisch möglich sei, in der zweiten Beziehung enthaltsam zu leben, was ja niemandem unmöglich sei. Er gab mir so halb Recht, sagte aber dann irgendsoetwas wie, na ja, wir beide (er und ich) seien ja vielleicht nicht so triebgesteuert, aber andere Menschen täten sich da vielleicht schwerer – ich weiß den genauen Wortlaut wirklich nicht mehr, aber ich glaube, das Wort „triebgesteuert“ kam tatsächlich vor. Es war wirklich unfreiwillig komisch. Und unfreiwillig herablassend gegenüber den Menschen, um die es ging. Ich glaube schon, dass er es vollkommen ernst meinte; ich halte ihn für einen Priester, der selbst ganz selbstverständlich den Zölibat einhält, gleichzeitig aber besorgt um die „Barmherzigkeit“ gegenüber Menschen in „irregulären Situationen“ ist, und beides nicht unbedingt logisch zusammengebracht hat. Ich halte es nämlich für unwahrscheinlich, dass er oder ich fundamental andere „Triebe“ haben als andere Mitglieder unserer Spezies.

Es ist klar, dass es schwierige Situationen im Leben gibt. Das Leben ist voll von Dilemmata, Fehlern und imperfekten Alternativen. Es ist nur so, dass es die Sache nie besser macht, wenn man sich die Wirklichkeit anders zurechtlegt, als sie ist.

Ich mache mir keine soo furchtbaren Sorgen wegen der momentanen Streitereien um AL. Die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe wird nicht geändert werden, da passt der Heilige Geist schon auf. Aber unkluge und unlogische pastorale Handhabungen von Situationen bestimmter Menschen, falsche oder wenig hilfreiche Äußerungen von Theologen, einzelnen Bischöfen und (vielleicht) sogar dem Papst, wenn er nicht unfehlbar spricht, könnte es trotzdem durchaus noch geben. Eine allgemeine Verwirrung zur Lehre der Kirche und zur Frage der pastoralen Handhabung könnte es geben – die ist ja wohl schon teilweise da. Irgendwann wird sich das dann schon wieder legen, aber die Situation im Moment ist tatsächlich nicht so gut – vor allem, seitdem Papst Franziskus auf die Dubia keine Antwort gegeben hat, wofür ich mir beim besten Willen keinen Grund vorstellen kann.

Ach ja, eins noch: Eigentlich klar sollte übrigens auch sein, dass man unklare Stellen in lehramtlichen Texten im Licht klarer Stellen in anderen lehramtlichen Texten interpretiert… also kann man auch einfach einen Blick in den Katechismus werfen, wenn man wissen will, wie irgendeine Sache aussieht, anstatt sich über die Interpretation einer bestimmten Fußnote in einem 300-seitigen Text (wieso werden päpstliche Schreiben eigentlich immer länger und länger?) zu streiten.

Über den „inneren Wert“ der Unauflöslichkeit der Ehe, soweit wie ich ihn so begriffen habe, habe ich übrigens auch hier schon etwas geschrieben: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2016/11/17/die-unaufloeslichkeit-der-familie/ Ich denke irgendwie, die ganze Debatte geht auch ein bisschen in die falsche Richtung. Das grundlegende Problem ist ja, dass viele Menschen einfach nicht verstehen, was überhaupt so schlimm daran sein soll, wenn man sich trennt, wenn man sich nicht mehr versteht, und dann einen neuen Partner findet. Sprich, die Fokussierung auf den Kommunionempfang ist falsch; es geht darum, den Sinn, den Wert in lebenslanger Treue in guten wie in schlechten Tagen wieder erkennbar zu machen. Es geht um die Frage nach der Unauflöslichkeit der Ehe an sich. Da müssen wir als Katholiken wirklich wieder besser erkennbar machen, wieso wir eigentlich daran glauben, und wieso das so wichtig ist.

Ach ja, sehr gute Kommentare zu der ganzen Angelegenheit um  AL haben, finde ich, auch Scott Eric Alt ( http://www.patheos.com/blogs/scottericalt/ive-changed-my-mind-about-pope-francis/ ) und Father Longenecker ( http://www.patheos.com/blogs/standingonmyhead/2017/01/questions-archbishop-malta.html ), letzterer natürlich auch mit Blick auf seine Erfahrung als Pfarrer. (Ein kurzes Zitat: „I am certainly all for helping the divorced and civilly re-married find their way back into communion with the church. I realize from first hand experience how complicated these situations can be and I am especially concerned for the victims of a terrible marriage–the spouse and children who are abandoned and abused. I don’t want to be ‚rigid‘ and I certainly don’t want to kick anybody out of the church because of their irregular marriage. What troubles me in the Maltese bishops’ document is that it opens the door to complete subjectivity. Rather than saying to a divorced and re-married person, ‚I’m afraid you are objectively outside full communion with the Catholic Church. Now what can we do about that?‘ It allows for an individual decision by a parish priest based on ‚a process of discernment, undertaken with humility, discretion and love for the Church and her teaching, in a sincere search for God’s will and a desire to make a more perfect response to it.‘ Yes, but in practical terms what does this mean? Father Lax takes this to mean ‚If you think your situation is okay with God you go ahead and receive communion.‘ Meanwhile Father Rigid takes it to mean, ‚After a long period of penance, prayer and self denial you should come to the conclusion that I have already come to, that you should come to the Eucharist, but you should not receive communion.'“)

So, das waren soweit meine Gedanken zu Amoris Laetitia. Ich gehöre ja nicht zu denen, die pastorale Verantwortung tragen (zum Glück, könnte ich sagen), und so werde ich mich dann mal wieder interessanteren Themen zuwenden. Schwierigen Bibelstellen. St. Edmund Campion. Katholischem Feminismus. Kinderbüchern. Guter Musik. Whatever.

Die Sache mit der Nächstenliebe und den Kirchenfürsten

Pfarrer Rainer Maria Schießler aus München zählt wohl, wenn auch nicht gerade zu den katholischen Promis, dann doch zu den bekannteren Kirchenmännern Deutschlands. Regelmäßig im BR zu sehen, bekannt für seinen Nebenjob als Kellner auf der Wiesn, seine „Viecherlgottesdienste“ und seine Fahrzeugsegnungen; einer, von dem man eben ab und zu in der Regionalzeitung liest. So einer erreicht die Menschen, könnte man sagen. Wenn man ihn allerdings einmal reden hört, fragt man sich, mit welcher Botschaft genau er sie eigentlich erreichen will.

Vor einigen Wochen bekam ich von einer Freundin die Einladung zu einer Lesung mit Pfarrer Schießler. Ich hatte Zeit, es war eine gute Gelegenheit, sich mal wieder zu treffen – bin also gern hingegangen. Über den Referenten des Abends hatte ich mich nicht wirklich intensiv informiert. Er machte mir auf dem Plakat keinen wirklich ansprechenden Eindruck, aber na und. Ich ging ja nicht wegen ihm hin, und vielleicht würde es doch ganz nett werden.

Während Hochwürden Schießler (wie er sich selbst wohl nicht titulieren würde) zu Beginn der Veranstaltung noch seine Bücher signierte, die zahlreichen Anwesenden hauptsächlich mittleren Alters sich ihre Plätze im Saal suchten, und meine Freundin sich mit Bekannten unterhielt, blätterte ich ein wenig in seinem Werk mit dem dezidiert bayerischen Titel „Himmel, Herrgott, Sakrament“. Mein erster Eindruck war: Worum, Himmel Herrgott Sakrament no a mal, geht es hier eigentlich? Das Buch schien nichts weiter zu sein als eine Ansammlung von ungeordneten autobiographischen Anekdoten und Meinungsäußerungen zu einzelnen Themen, alles wenig aussagekräftig, sehr durcheinander und vor allem: eher eine Selbstdarstellung des Autors als eine Darstellung eines bestimmten Themas.

Der insgesamt leicht über zweieinhalbstündige Vortrag begann dann passenderweise nicht gleich mit einer Lesung, sondern ebenfalls mit Anekdoten über Schießlers Erlebnisse beim Bayerischen Fernsehen, beim Oktoberfest, und Ähnlichem. Man muss ihm eins lassen: Reden kann er, und seine Erzählungen sind witzig. Zum Kabarettisten hätte er durchaus das Zeug. In der kurzen Lesung aus seinem Buch ging es dann passenderweise um ein Kindheitserlebnis, als der aufgeregte Rainer sich bei seinem allerersten Mal Ministrantendienst übergeben musste. Witzig geschrieben, eine süße Geschichte, man muss es sagen. Die Geschichte, wie der Verlag mit dem Buchprojekt auf ihn zugekommen sei, war dagegen von ostentativ zur Schau gestellter Demut geprägt: Dass so ein Dorfpfarrer wie er jetzt ein Buch schreiben solle, usw. (München ist zwar nicht direkt ein Dorf, aber gut. Stadtpfarrer sind schließlich nicht automatisch wichtiger als Dorfpfarrer.) Sicher: Das Buch ist offenbar auch von der Seite des Verlags als eine Vorstellung der Person Schießlers und seiner Ansichten und Projekte gedacht. Offenbar wird bei den Lesern vorausgesetzt, dass sie bereits ein wenig darüber wissen, wer er ist. Trotzdem blieb da der Eindruck, dass der Herr Pfarrer es doch ganz gut leiden kann, im Mittelpunkt zu stehen.

Einige konkrete Themen hat er doch angesprochen, und dabei auch einige gute Dinge gesagt. Diese Themen kann man wohl unter dem Untertitel seines Buches zusammenfassen: „Auftreten statt austreten“. Katholiken sollten ihre Kirche lieben und deshalb manches in ihr zu ändern versuchen. An sich ein gutes Prinzip (ecclesia semper reformanda!), und auch in eher „konservativen“ Kreisen ist ja das Kritisieren von bestimmten deutschen Bischöfen, kirchensteuerfinanzierten Einrichtungen und gewissen Gremien (*hüstl* ZDK *hüstl*) bekanntermaßen an der Tagesordnung. Wie sehen also Pfarrer Schießlers Vorstellungen von einer besseren, lebendigeren Kirche aus?

Es waren hilfreiche praktische Einsichten für den persönlichen Alltag dabei, was etwa die Angst vor dem Leben angeht. Außerdem gab es pastorale Tipps; sein Bericht von seiner Israelfahrt mit seinen Firmlingen war recht spannend, und kann durchaus als Vorbild für Firmpastoral dienen: Sakramente muss man spüren, sei einer seiner Grundsätze. Sicher gebe es auch eine objektive Wirksamkeit des Sakraments, aber trotzdem sei eine intensive, ansprechende Vorbereitung nötig. Gut und richtig, in keiner Weise häresieverdächtig, wenn man auch darüber streiten kann, ab wann der Eventcharakter überbewertet wird. Wobei eine Fahrt ins Heilige Land sicher so ziemlich die beste Firmvorbereitung ist, die man sich denken kann, wenn sie entsprechend begleitet wird (und die Eltern beim Bezahlen mitmachen).

An manchen Stellen wurde es etwas unlogisch, wenn er zum Beispiel wie selbstverständlich davon ausging, dass die „heutigen Menschen“ von den mittelalterlichen irgendwie grundsätzlich verschieden seien; ein nicht sehr durchdachter, aber verbreiteter Trugschluss. Lassen wir’s mal durchgehen.

Aber dann schlägt Hochwürden wieder ganz andere Töne an.

Es sind die üblichen Themen. Wiederverheiratete Geschiedene. Homosexuelle. Letzteren erteilt er natürlich eine Segnung. Die würden ja nicht einmal eine richtige Hochzeit verlangen, sondern bloß eine Segnung wünschen. Und überhaupt habe er vor allen denen großen Respekt, die gerade nicht kirchlich heirateten, weil sie sich dem Ideal nicht gewachsen fühlten. Und manche, die unverheiratet zusammenlebten, gingen ja sehr viel besser und rücksichtsvoller mit ihrem Partner um als manche kirchlich Verheirateten. (Man fragt sich unwillkürlich, was es dann überhaupt noch wert ist, wenn man sich anstrengt, dem Ideal gerecht zu werden.) Und man komme ihm hier nicht mit diesem Spruch „Liebe den Sünder, hasse die Sünde!“ Nächstenliebe! Toleranz!

An dieser Stelle wurde natürlich Papst Franziskus gelobt, der ja, trotz der ergebnislosen Synode, mit seinen Bemerkungen („Wer bin ich, zu urteilen?“, Die meisten Ehen seien ungültig, etc.) Türen geöffnet habe, die sich jetzt nicht mehr schließen ließen. Man kann sich hier denken, dass es gut ist, dass die Kirche kein solches Konzept des Lehramts vertritt, nach dem jede Äußerung eines Papstes für alle weiteren Zeiten von höchster Bedeutung wäre; andernfalls wäre Papst Liberius’ Nachgiebigkeit gegenüber dem Arianismus wohl von recht fataler Auswirkung.

Das Lästern über Papst Benedikt XVI. durfte natürlich auch nicht fehlen: der in seinen „barocken“ Gewändern.

Insgesamt zeichnete sich in Schießlers Äußerungen ein Bild von den höheren Funktionsträgern in der Kirche ab, das von klarem Antiklerikalismus geprägt ist. Er brüstete sich damit, dass er kein höheres kirchliches Amt anstrebe (er strebt ja auch nur Ämter im Bayerischen Rundfunk an), mit einer Meinungsverschiedenheit mit einem „Prälaten“ (man beachte hier immer die Wahl der Begriffe! „Generalvikar“, oder „Weihbischof“, oder was auch immer dieser Prälat genau war, hätte einen anderen Klang) und zog über Vorschläge her, die Zelebrationsrichtung „mit dem Rücken zum Volk“ wieder einzuführen. Er habe jetzt endlich in seiner Kirche einen Volksaltar installiert, und es sei wohl in Ordnung, fünfzig Jahre nach dem Konzil das Konzil umzusetzen. Argumente für oder gegen die eine oder die andere Richtung, oder Kardinal Sarahs Gründe für einen solchen Vorschlag, oder auch nur Zitate aus tatsächlichen Konzilsdokumenten wurden nicht erwähnt.

Dieser Antiklerikalismus hat eine klare Wirkung: Schießler setzt sich als der heldenhafte Rebell gegen die Kirchenfürsten in Szene und erntet dafür öffentlichen Beifall. Mit den „anderen“ braucht es keinen Austausch von Argumenten; das verschwommene, aber unverrückbar verankerte Bild von überheblichen reichen alten Herren in prunkvollen lila Seidengewändern auf einem weltentrückten Elfenbeinturm ist Argument genug.

Ich kann hier nur sagen: Zu diesem Priester möchte ich nicht zur Beichte gehen. Mit ihm möchte ich nicht über meinen Glauben, meine Probleme oder irgendetwas sprechen, über das man sonst speziell mit Priestern spricht. Ich möchte mir nicht einmal seine Predigten anhören. Weil ich das Gefühl habe, dass ich – auch wenn ich kein „Prälat“, sondern bloß eine gewöhnliche Katholikin mit eher „konservativen“ Ansichten bin – für ihn als passendes Zielobjekt von „Nächstenliebe“ letztendlich ausscheiden würde. Schießler liebt nicht den Sünder und hasst dabei die Sünde, wie es seine Gegner proklamieren. Er hasst Sünde und Sünder, er definiert sie nur anders. Sünder sind für ihn nicht wiederverheiratete Geschiedene, sondern Katholiken, die bei bestimmten Themen nicht einer Meinung mit ihm sind; das sind Pharisäer; die sind die wahren Sünder; und auf die muss man auch nicht zugehen und sie suchen wie das verlorene Schaf. Die sollen gefälligst bereuen und in Sack und Asche Buße tun und froh sein, wenn man sie dann gnädigst wieder aufnimmt.

Ich will alle diese Themen hier nicht lang und breit diskutieren; einzelne, wie die Zelebrationsrichtung oder das Firmalter (in diesem Zusammenhang kritisierte er die Einführung eines jüngeren Firmalters durch „junge konservative Bischöfe“), sind nicht einmal häresieverdächtig und Katholiken können hier durchaus unterschiedlicher Meinung sein. Ich selber beispielsweise bin doch auch eher für ein höheres Firmalter, würde aber dafür die Zelebrationsrichtung ad orientem für sinnvoll halten. Aber das Entscheidende ist dies: Pfarrer Schießler lässt gar nicht den Gedanken daran aufkommen, dass die „Prälaten“, die „jungen, konservativen Bischöfe“ oder was für Gegner er sonst noch haben mag, aus anderen Gründen als klerikaler Arroganz anderer Meinung sind als er, ob es nun um die Unauflöslichkeit der Ehe oder die alte Messe geht. Ich bin bereit, Herrn Schießler zu glauben, dass er seine Konzepte ernsthaft für barmherziger und menschenfreundlicher hält, auch wenn seine Argumentationsweise nicht gerade intellektuell redlich ist. Ist er bereit, mir dasselbe zu glauben?

Letzten Endes jedoch bleibt vor allem ein Eindruck: Dass auch die Kritik an den „Prälaten“ nicht der Kern von Hochwürden Schießlers Botschaft ist. Sondern die Selbstdarstellung. In jedem Thema, das er ansprach, war deutlich die Aussage zu hören: Seht her, so toll mache ich das.

Während ich später noch im Foyer des Veranstaltungshauses gewartet habe, ergab sich übrigens noch ein kurzes Gespräch zwischen mir und Pfarrer Schießlers Photograf, bei dem ich zum Ausdruck brachte, dass ich den Vortrag nicht besonders ansprechend gefunden hatte. Was mir denn nicht gefallen habe, erkundigte er sich. Auf die Schnelle konnte ich es nicht gut in Worte fassen, aber ich sagte ihm, dass Pfarrer Schießler auf mich den Eindruck gemacht habe, seine Meinung stehe für ihn über allem. So sei er nicht, versicherte der nette junge Photograf mir.

Ich weiß nicht, wie Pfarrer Schießler privat ist. Sicher neigen viele Menschen, die im Fernsehen, wenn auch nur im öffentlich-rechtlichen, auftreten, zwangsläufig zu Selbstdarstellung und Polemik, wenn sie öffentlich sprechen; die Versuchung zur Selbstdarstellung kommt mit der Bekanntheit Hand in Hand. Natürlich möchte man seine Ansicht auch gut darstellen, und übertreibt dann manchmal. Wenn er mit seinen „Gegnern“ direkt reden würde, würde er vielleicht anders reden als vor einem Saal von Leuten, bei denen er mit Beifall rechnet (und ihn größtenteils auch bekommt, auch wenn an diesem Abend einige allein von der Länge des Vortrags nicht begeistert waren). Vielleicht wäre er dann verständnisvoller. Keiner ist perfekt, wie es uns die Kirche lehrt.

Aber was ich sagen kann, ist, dass Vorträge wie dieser sicher nicht zu einem Geist der Nächstenliebe, der Toleranz und der gepflegten Debatten beitragen. Bei den sog. konservativen/strenggläubigen/wie-auch-immer-man-sie-betiteln-mag Katholiken, die sich mit den bösen Prälaten solidarisieren, hinterlassen sie jedenfalls das Gefühl, dass sie von vornherein als die Bösen abgestempelt werden sollen. Weil es ja gar keinen anderen Grund geben kann, gegen eine Wiederheirat nach einer Scheidung zu sein, als mangelnde Nächstenliebe.