Die halten sich wohl für besonders fromm!

(Eine vielleicht notwendige Ergänzung zu Posts wie diesem, diesem und diesem.)

Ein heutzutage beliebter Vorwurf gegenüber gläubigen Menschen ist der der Überheblichkeit: Sie würden sich für besonders großartige Menschen und Gottes Lieblinge halten, ihre Frömmigkeit zur Schau stellen und so weiter und so fort. Oft trifft dieser Vorwurf Gläubige, die eigentlich nur das Minimum dessen tun, was von ihrer Religion gefordert wird (also bei Christen z. B.: sonntags in die Kirche gehen, keinen Sex vor der Ehe haben; oder bei Muslimen: im Ramadan fasten, Kopftuch tragen), und das nicht mal an die große Glocke hängen. Aber das wird eben trotzdem gelegentlich als Überheblichkeit und als Vorwurf an andere empfunden: Weil der Christ tatsächlich glaubt, dass alle sonntags in die Kirche gehen sollten, macht er uns Kirchenfernen einen Vorwurf, beleidigt uns, stellt uns als Sünder hin. Weil die Muslima tatsächlich glaubt, dass alle Frauen Kopftuch tragen sollten, erklärt sie uns westliche Frauen alle zu Schlampen. Nun könnte  man sich denken, wer sich seiner Sache sicher ist, dass der Kirchgang nicht notwendig oder das Kopftuch kein verpflichtendes Kleidungsstück für eine anständige Frau sei, könnte da drüber stehen und es aushalten. Aber anscheinend wird schon die bloße Religionsausübung (nicht erst wirkliche Überheblichkeit, die es natürlich auch gibt) von vielen trotzdem als  Vorwurf an Religionslose/Andersreligiöse empfunden.

(Dass „Frömmigkeit“ auch nicht mehr unbedingt als etwas an sich Positives gesehen wird, kommt natürlich noch hinzu: Wieso bildet die sich überhaupt was drauf ein, in der Kirche zu sitzen? Das ist doch sinnlos, sie sollte lieber was Vernünftiges tun. (Dass sie, wenn sie nicht in der Kirche sitzen würde, vermutlich stattdessen in dieser Zeit eher ausschlafen würde, als, sagen wir, den Hunger in der Welt zu bekämpfen, wird gerne übersehen.))

Manchmal wird der Vorwurf, besonders fromm sein zu wollen, aber auch nur an die tatsächlich besonders eifrigen Gläubigen gerichtet: Was muss die jeden Tag in die Werktagsmesse springen und jeden Samstag zum Rosenkranz? Bildet die sich ein, sie wäre eine bessere Christin als wir, die wir bloß am Sonntag auftauchen?

Das ist sozusagen das Gegenstück zur „Aber ich könnte ja noch mehr tun“-Falle, die ich hier beklagt habe: Der, der mehr tun will als die anderen, wird als der Feind gesehen, der sich über die anderen Christen erheben will, auch wenn er selbst nie angedeutet hat, dass er sich als den tollsten Christen ever sieht oder dass alle das tun müssen, was er tut.

Mein Bekannter und Stammleser Nepomuk hat vor längerer Zeit einmal einen Artikel über die Heiligen geschrieben, aus dem ich, weil genau dieses Problem darin so schön ausgedrückt wird, einen längeren Abschnitt zitieren möchte:

Ist daraus nun zu folgern, wie z. B. Joseph Roth es übrigens tutiv, daß die Kirche dadurch, daß sie die paar Perfekten kanonisiere, implizit die Sündhaftigkeit der Restmenschen gestatte? Oder sollen wir sagen, ja die anderen seien halt im verborgenen heilig gewesen, hätten aber deshalb nicht weniger gelitten, sich nicht weniger aufgeopfert etc.? Zumal es diese Art Heilige ja auch tatsächlich geben wird: aber auch das sind doch, mal ehrlich, nur ein paar. Das Leben hat seine schönen Seiten, und wir, die wir keine Ordensgelübde abgelegt haben, die wir ‚wenn wir ehrlich sein wollen, gern einen Fuß in beiden Welten haben wollen; deren Ehrgeiz ist, zu bestehen, nicht zu glänzen‘v, wollten uns ehrlich gesagt nicht vom Glanz, der Gelassenheit, der Ruhe und der Anstrengung eines Ordenslebens gerade die Anstrengung herauszusuchen.

Die erfreuliche Nachricht: das fordert die Kirche tatsächlich nicht.

Die Moral, wie sie uns die Kirche lehrt, fordert ’nichts weiter‘ als nicht zu sündigen. ‚Du kennst doch die Gebote.‘ (Mk 10,19) Die Kirche hilft dabeivi – der Patron ihrer Moraltheologen war bezeichnenderweise nicht Staatsanwalt, sondern Strafverteidiger gewesen, eben der erwähnte hl. Alfons – immer bemüht, genau darzulegen, was zu tun ist und was nicht.vii (Auf einige typische Einwände hierzu soll im nächsten Artikel eingegangen werden.)

Und das Vorbild der Heiligen? Der modernen Welt, die nicht gelassen, aber dafür perfektionistisch ist (deshalb schimpft sie auch alleweil auf den Perfektionismus) mag der Gedanke fremd sein; aber in den Katholiken hat sich der gesunde menschliche Instinkt bewahrt. Wer gut ist, der verehre als Helden einen, der besser ist. Bezeichnenderweise können wir das auch heute noch überall da nachvollziehen, wo wir nicht auf den Gedanken kommen, uns Vorwürfe zu machen. So bei den dilettierenden Freizeitmusikern: Gerade die hören doch mit besonderer Freude und Gewinn die Titel der herausragenden Interpreten. So bei den Fußballspielern der Dorfvereine in der A-Klasse. Gerade die schauen doch mit noch mehr Begeisterung als der Rest der Bevölkerung das Finale der Champions-Leauge im Fernsehen an.viii

So ist es auch bei den Heiligen (also den Christen). Gerade die können von den Heiligen (im landläufigen Sinn) gar nicht genug bekommen. Die Büßer von einem, der ganz übermenschliche Bußwerke geleistet hat wie der hl. Pedro von Alcantara. Die Gastwirte, die mit ihrer Gastfreundschaft Geld verdienen, von einem hl. Julianus, der beim Bewirten auf den Verdienst verzichtet hat. Die Mönche, die den Psalter jede Woche beten, von einem hl. Patrick, der ihn jeden Tag betete. Und so weiter – nur drei Beispiele von vielen, die man aufzählen könnte.“

(Es lohnt sich, den Artikel im Ganzen zu lesen; und hier wird er noch fortgesetzt.)

Der Punkt ist: Wenn uns bewusst ist, dass das Gute gut ist, und das Bessere besser, und das Bessere kein Feind des Guten, dann löst sich das ganze Problem auf. Wenn einer mehr tun will als andere und besonders eifrig ist, ist das gut; es ist lobenswert; solche Leute braucht es. Auch im weltlichen Leben braucht es die anstrengenden Berufe wie Chirurgen und Soldaten. Aber dass manche Leute Chirurgen und Soldaten werden, ist eben kein Vorwurf an diejenigen, die sich den leichten Job des Steuerbeamten oder der Bürokauffrau suchen. Wenn einer, der gesund ist und arbeiten könnte, gar nicht arbeiten wollte, dann könnte man ihm daraus einen Vorwurf machen. Das Gleiche gilt auch für die Gemeinschaften innerhalb der Kirche, wie etwa die neuen geistlichen Bewegungen: Wenn einer sich darin engagieren will und viel Zeit und Einsatz dafür aufwendet, ist das gut – solange er nicht glaubt, allein so könne man ein richtiger Christ sein und die anderen Christen, die nicht so engagiert sind, seien gar keine richtigen Christen wie er. Und man sollte jemandem eben auch nicht vorwerfen, allein deshalb, weil er mehr tut als andere, verachte oder verurteile er sie und halte sie für keine richtigen Christen. Vielleicht ist er wirklich ein besserer Christ als sie; vielleicht auch nicht; jedenfalls können sie trotzdem gute Christen sein.

Auch im Himmel wird es übrigens noch die besonders großartigen Heiligen geben, die besondere Ehre erhalten (wie die allerseligste Gottesmutter, oder etwas darunter vielleicht solche wie den heiligen Franziskus), und die, die, na, eben ein bisschen drunter stehen. Dante beschreibt in der Göttlichen Komödie den Himmel als einen Ort aus mehreren konzentrischen Sphären, in denen die verschiedenen Heiligen leben (so wie auch seine Hölle aus verschiedenen Kreisen für verschieden schwere Sünden aufgebaut ist). Aber es braucht weder Neid auf die einen noch Verachtung der anderen, weil sie alle in übergroßer Seligkeit leben und Gottes Herrlichkeit schauen.

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Divine Renovation: Eine praktische Anleitung für katholische Pfarreien

Nachdem ich mir „Die Benedikt-Option“ (okay) und „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ (nein, danke) angeschaut habe, heute mal noch eine Rezension zu einem dritten Buch mit einem Konzept dafür, wie die Kirche in Zukunft agieren könnte, um weiter zu bestehen (oder zu wachsen): „Divine Renovation – Wenn Gott sein Haus saniert. Von einer bewahrenden zu einer missionarischen Kirchengemeinde“ von James Mallon, einem kanadischen Priester aus Halifax.

Father Mallons Buch wurde 2014 auf Englisch veröffentlicht und 2017 ins Deutsche übersetzt. Er berichtet darin, kurz gesagt, über sein Konzept für die Erneuerung von Pfarreien, das er anhand seiner (sehr erfolgreichen) Erfahrungen in der Pfarrei St. Benedict in Halifax entwickelt hat. Father Mallon ist inzwischen Bischofsvikar für Pfarreierneuerung in der Diözese Halifax-Yarmouth und auch ein international gefragter Redner; er hat u. a. auf der MEHR 2018 gesprochen und auch schon Vorträge bei Veranstaltungen in den Bistümern Augsburg und Passau gehalten.

Das Buch macht schon einen sympathischen Eindruck, sobald man es aufschlägt: Zuerst kommt da ein Vorwort von Bischof Stefan Oster von Passau und einem seiner Diözesanpriester für die deutsche Ausgabe (ich bin sehr angetan von Bischof Oster), und dann ein Hinweis, dass die Übersetzer darauf verzichtet haben, „um die Lesbarkeit zu verbessern“, „neben der männlichen jeweils auch die weibliche Form anzuführen, wenn sie gedanklich mitgemeint ist“.* Jetzt aber zum eigentlichen Inhalt!

In den ersten vier Kapiteln beschreibt Father Mallon sowohl die Aufgabe der Kirche, die aus ihrer grundsätzlich missionarischen Identität resultiere, als auch die gegenwärtige Krise. Die Schwierigkeit heutzutage sei, dass die uns umgebende Kultur Kirchenbesuch und Glaube nicht mehr stütze, also genüge nicht mehr, was man in vergangenen Zeiten getan hatte, um den Glauben weiterzugeben (z. B. sein Kind auf eine katholische Schule zu schicken und es am Sonntag in die Kirche mitzunehmen); man müsse zielbewusster vorgehen. (Was mir übrigens sehr positiv aufgefallen ist: Father Mallon stellt im dritten Kapitel ausführlich klar, dass man sehr wohl darum klagen und trauern dürfe, was aus den alten Zeiten verloren gegangen ist – er zitiert ausführlich aus dem Buch der Klagelieder –, auch wenn man dann vorangehen und auf Gott hoffen müsse.)

Der Auftrag der Kirche ist es Father Mallons  Ansicht nach vor allem, „Jünger zu machen“. Hier bezieht er sich auf den Missionsauftrag Jesu im Matthäusevangelium, der wörtlich übersetzt lautet: „Hingehend also macht alle Völker zu meinen Jüngern, sie taufend auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, sie lehrend, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.“ (Matthäus 28,19f.) In diesem Satz ist also das Verb „macht zu Jüngern“ (matheteusate) den anderen Verben (gehen, lehren, taufen) grammatikalisch übergeordnet, und für Father Mallon sollte das Jünger-machen demnach im Zentrum der kirchlichen Aktivität stehen. Was sind Jünger? „Jünger zu sein bedeutet also, Lernender zu sein. Ein Jünger Jesu Christi zu sein bedeutet demnach, sich in einem lebenslangen Prozess des Lernens von und über Jesus, den Meister und Lehrer, zu befinden.“ (S. 34) Er schreibt weiter: „Die einzig derzeit mögliche Lösung liegt darin, zu dem zurückzukehren, was Jesus vor 2.000 Jahren von uns verlangt hat – nicht nur Gläubige zu machen oder ‚praktizierende Katholiken’, sondern Jünger.“ (S. 35f.) Die Leute müssten wirklich die Frohbotschaft von Gottes Liebe kennenlernen und eine persönliche Beziehung zu Jesus finden, und so könnten sie dann auch von Jüngern zu Aposteln werden (d. h. ihrerseits die Frohbotschaft weitergeben).

Das Ganze ist in einem Tonfall gehalten, der einen manchmal an Evangelikale erinnert. Auf diesen absehbaren Vorwurf geht der Autor im zweiten Kapitel ein, das einen Überblick über lehramtliche Aussagen der letzten fünfzig Jahre zur Neuevangelisierung gibt. „Vielleicht kommt unser Widerwille, uns einer solchen Ausdrucksweise [d. h. Ausdrücken wie ‚persönliche Beziehung zu Jesus’ oder ‚persönliche Begegnung mit Jesus’, von deren Auftauchen in kirchlichen Dokumenten etwa ab Papst Benedikt XVI. zuvor die Rede war] zu bedienen, daher, dass uns in der heutigen Kultur jeder Individualismus verdächtig scheint. Möglicherweise ist unserer geistlichen Tradition dieser Begriff fremd, die Tatsache jedoch, dass ein Mensch eine Begegnung mit dem lebendigen Gott hat, ist uns keineswegs fremd. Sie ist im Herzen unserer mystischen katholischen Tradition.“ (S. 49f.)

Father Mallon spricht in diesem Kapitel auch ein eher unbekanntes Dokument an, das 2007 von den lateinamerikanischen Bischöfen in dem mexikanischen Heiligtum Aparecida veröffentlicht wurde, und hier sieht man vielleicht auch einen weiteren Grund für die sprachliche Nähe zum Evangelikalismus, den sich Father Mallon an vielen Stellen zum Vorbild nimmt. In Lateinamerika machen bekanntlich die Freikirchen der Kirche immer größere Konkurrenz, und als Gründe führt das Aparecida-Dokument u. a. an, dass laut Umfragen viele zu den Freikirchen abgefallene Katholiken den Glauben in der katholischen Kirche als etwas Unpersönliches, rein Theoretisches erlebt hätten, und erstmals bei den Evangelikalen eine persönliche Bekehrung und eine persönliche Begegnung mit Jesus erlebt hätten – dass also, kurz gesagt, die pastorale/spirituelle Praxis in ihren Pfarreien nicht so aussah, wie sie sollte, was ihnen größere Probleme machte als irgendwelche lehrmäßigen Angelegenheiten.

Ausgehend vom Aparecida-Dokument stellt Father Mallon ein Schema auf, wie Neuevangelisierung in vier Schritten funktionieren soll:

  • Vor-Evangelisierung (Öffnen: Beziehung, Dazugehören, Einladen, Gebet, Lebenszeugnis)
  • Evangelisierung (Bekehrung: Verkündigung, Begegnung, Persönliche Beziehung)

Dann kommt eine persönliche Entscheidung für ein Leben mit Gott, und es geht weiter mit der nächsten Stufe:

  • Jüngerschaft (Reifen: Katechese, Sakramente, Zurüsten, Erneuern)
  • Apostolat (Dienen: Hinausgehen: Evangelisierung und soziale Gerechtigkeit)

D. h. jemand öffnet sich erst für eine Kirche, die er als einladend erlebt, ihm wird dann die Grundbotschaft des Evangeliums verkündet („Erstverkündigung“), er widmet sein Leben Gott, reift danach noch weiter als Christ, und dient dann auch seinerseits anderen und verkündet ihnen die Botschaft.

Hier kommt mir – auch wenn ich gegen andere typisch evangelikale Ausdrücke überhaupt nichts habe – die Ausdrucksweise übrigens doch etwas zu evangelikal vor. Die evangelikale Vorstellung ist ja die: Erlöst wird man an genau dem Punkt einer solchen Entscheidung für Gott – dann reift man auch noch weiter als Christ, ja, aber das Entscheidende ist gemacht und das zukünftige Heil, das Gott einem versprochen hat, kann auch nicht wieder verloren gehen. Für uns Katholiken ist die Heiligung aber eher ein andauernder Weg, ist Bekehrung nach Sünden immer und immer wieder notwendig, muss man die Entscheidung für Gott immer neu treffen. Ich weiß auch nicht, ob man bei jedem Christen einen solchen klaren Punkt auf seinem Glaubensweg festmachen, an dem er sagt: So, ab jetzt lebe ich für Gott! Manchmal ist es ein allmählicher Prozess – und manchmal gibt es wieder Rückschläge. Freilich ist es gut, wenn man jemanden dazu führen kann, dass er bewusst die Entscheidung trifft, von nun an als Christ leben zu wollen.

Da Father Mallon ja nicht die evangelikale Erlösungslehre (die die Erlösung mit einer solchen Entscheidung identifiziert) teilt, könnte das Buch einem gelegentlich auch fast „weltlich“ vorkommen – in dem Sinne, dass Father Mallon sich darauf konzentriert, wie die Leute auf Erden zu guten Jüngern werden, aber wenig über den Umgang mit den geistlichen Gefahren auf ihrem Weg sagt, und das Wort „Seelenheil“ so gut wie nicht vorkommt. Auch die Beichte, mit der man wieder von Sünden gereinigt wird, wird kaum erwähnt. Klassischerweise beginnen katholische Katechismen mit der Aussage, dass das Ziel unseres Lebens ist, Gott zu erkennen, zu lieben und einmal bei Ihm im Himmel zu sein; der dritte Punkt scheint in „Divine Renovation“ ein bisschen herauszufallen. Sicher; der Autor geht auf viele Punkte ein und man kann nicht immer alles erwähnen; vielleicht hat er das Thema „Seelenheil“ auch einfach für zu selbstverständlich und zu innerlich verwoben mit dem irdischen Leben als Christ gehalten, um es ausdrücklich anzusprechen. Aber ich hätte es gut gefunden, wenn er noch ein paar Ideen dazu eingefügt hätte, wie man die Leute z. B. an die regelmäßige Beichte heranführt. Das ist ja nicht gerade einfach, da es deutlich mehr Überwindung kostet, in einem Beichtstuhl einem anderen Menschen seine Sünden zu bekennen, als sich sonntags um zehn in eine Kirchenbank zu setzen.

Als ein Problem, das der Erneuerung der Kirche im Weg steht, sieht Father Mallon übrigens eine Art Klerikalismus, den er folgendermaßen beschreibt: „Klerikalismus ist nichts anderes als die Vereinnahmung dessen, was eigentlich jedem Getauften zukommt, durch die Kaste der Kleriker. […] Priester und Ordensschwestern werden zu Super-Christen, die außergewöhnliche Kräfte haben, das zu tun, was gewöhnliche Christen nicht tun können. Diese Überhöhung hat zwei Folgen: Isolierung der Priester und Ordensleute und mangelnde Reife der Getauften. […] In einem solchen System können wir die Priester und Schwestern und ihre großartige Arbeit hochhalten und sie aus einer gewissen Entfernung beklatschen Das gibt Sicherheit und muss auch so sein, solange der durchschnittliche Laie seine eigene Unreife für normal und akzeptabel hält. In dieser Isolation darf der Priester niemals irgendeine menschliche Schwäche zeigen, sonst ist das Spiel aus.“ (S. 97f.) Kurz gesagt, Klerikalismus schadet (unterforderten) Laien ebenso wie (überfordertem & überschätztem) Klerus und verdunkelt den allgemeinen Ruf zur Heiligkeit.

Kommen wir jetzt zum Herzstück des Buches, dem 140 Seiten langen fünften Kapitel: „Das Fundament legen: Wie die Kultur der Pfarrgemeinden verwandelt werden kann.“ Hier beschreibt Father Mallon planvoll und detailliert, welche Maßnahmen eine Pfarrei treffen kann, um „Jünger zu machen“. Er stellt anfangs klar, dass sich das, worauf eine Pfarrei wirklich Wert legt, nicht darin zeige, wovon am meisten geredet werde, sondern darin, wofür das Geld ausgegeben und die Zeit aufgewendet werde; auf das Jahresbudget und auf den Kalender des Pfarrers muss man schauen, wenn man etwas verändern will. Außerdem zieht sich ein grundsätzliches Prinzip für den Umgang mit dem Priestermangel, der in immer größeren Pfarreien resultiert, durch sämtliche Pläne: Der Pfarrer soll sich auf seine zentralen priesterlichen Aufgaben konzentrieren, die da laut dem Codex des Kanonischen Rechts sind: lehren, leiten, heiligen (d. h. die Sakramente spenden); er soll also predigen, eine gute Gesamtleitung über die Pfarrei ausüben, die Messe feiern, Beichten hören, taufen, die Krankensalbung spenden etc.; alle anderen Aufgaben aber sollen an fähige haupt- oder ehrenamtliche Laien delegiert werden, die Verantwortung tragen können. Ein Pfarrer mit mehreren Tausend Gemeindemitgliedern kann nicht jedes einzelne kennen und ihm beratend zur Seite stehen – aber es gibt Laien, die das auch können.

Er führt in diesem Kapitel insgesamt zehn Punkte an. Die ersten vier davon befassen sich mit dem Sonntagsgottesdienst:

1. Der Vorrang des Wochenendes

Da die Sonntagsmesse die Veranstaltung ist, bei der die meisten aktiven Gemeindemitglieder zusammenkommen, solle man auch ausreichend Zeit in sie investieren, was ihre Vorbereitung und „Inszenierung“ anbelangt. Father Mallon zeigt sich ziemlich genervt von 50-Minuten-Messen und von Gläubigen, die sich über zu lange Predigten beschweren oder gleich nach der Kommunion die Kirche verlassen, weil sie es nicht erwarten können, nach Hause zu kommen. Nun finde ich, dass es schon gute Gründe geben kann, aus denen manche Leute kurze Messen vorziehen (z. B. Eltern mit kleinen Kindern, die noch eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne haben), aber insgesamt ist ja nichts dagegen zu sagen, auch mal eine längere Messe zu feiern.

2. Gastfreundschaft

Auch hier bezieht sich Father Mallon vor allem auf die Gottesdienste, speziell auf den Eindruck, den Neuankömmlinge und Zufallsgäste haben, wenn sie in einer Pfarrei an der Sonntagsmesse teilnehmen. „Wie willkommen fühlt sich jemand, der nicht aussieht wie wir, nicht so klingt wie wir, sich nicht so kleidet wie wir und nicht so riecht wie wir? Wie fühlt sich jemand, der mit einer Geisteskrankheit kämpft, wenn er unsere Kirche betritt?“ (S. 135) Er appelliert hier sowohl an die einzelnen Gemeindemitglieder, auch mal jemandem in der Kirchenbank Platz zu machen und ihm ein Lächeln zu schenken, als auch an die Pfarreien, ordentlich geputzte Toiletten zu haben und z. B. einen Willkommensstand mit ausreichend Infomaterial im Eingangsbereich, an dem auch Freiwillige nach der Messe bereitstehen, um Auskünfte zu geben. Außerdem spricht er davon, wie ein Priester bei Anlässen, zu denen viele nicht-praktizierende Katholiken auftauchen, z. B. bei Begräbnissen, denen, die mit der Liturgie nicht vertraut sind, weiterhelfen kann, indem er an passenden Stellen der Messe kurze Erklärungen dazu einfügt, was als nächstes passiert.

3. Aufbauende Musik

Father Mallon plädiert dafür, in der Messe verschiedene Musikstile zuzulassen – solange nur die Texte nicht häretisch sind und die Qualität hoch ist. Besonders warme Worte findet er für Praise&Worship (Lobpreismusik): „So richtig und passend die verschiedenen Liedarten auch sind, so bin ich doch der Meinung, dass Loblieder den Ehrenplatz haben sollten. Sie haben die stärkste Verwandlungskraft, denn sie schlagen uns nicht nur vor zu beten, sie rufen uns nicht nur zum Gebet auf oder sagen uns, wie wunderbar es ist zu beten, sondern sie sind selbst Gebet.“ (S. 148)

4. Predigten

Father Mallon ist für etwas längere, sprich 15-20minütige, Predigten, die die Lesungen des Tages auslegen, das Gewissen und den Willen (nicht nur das Hirn) ansprechen, und immer auch die sog. „Erstverkündigung“ enthalten sollen: „Jede Predigt, gleich vor welcher Hörerschaft – ob am Sonntag oder Wochentag, bei Hochzeit oder Begräbnis – sollte Jesus Christus verkündigen, sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung und das neue Leben, das man in ihm durch ein Leben in Glaube, Hoffnung und Liebe finden kann.“ (S. 160) Außerdem gibt er weitere praktische Tipps für die Predigtvorbereitung.

Die nächsten sechs Punkte befassen sich mit dem Rest des Gemeindelebens.

5. Echte Gemeinschaft

Der Autor hebt hervor, dass es in den Gemeinden echte Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft geben müsse, statt dass nur Individuen einmal die Woche zur selben Veranstaltung auftauchen. „Die meisten Menschen heute fühlen sich nicht genötigt, nach der Wahrheit zu suchen. Sie sind an einer Lehre oder einem Angebot, das zu einer systematischen, umfassenden Weltsicht führt, weitgehend uninteressiert. […] Das mag für manche unter uns traurig sein, aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass das unsere neue Realität ist. […] Glaubensüberzeugungen werden nicht mit Predigten und durch Lehre verändert, sondern indem man Vertrauen aufbaut durch Beziehungen, durch Anteilnahme, durch Zugehörigkeit.“ (S. 179) Er macht verschiedene Vorschläge für Aktionen, die die Gemeinschaft stärken, darunter die bereits oft von ihm erwähnten Alphakurse, bei denen an zehn Abenden (einmal wöchentlich) ein gemeinsames Essen, danach ein Vortrag über ein zentrales Glaubensthema (z. B. „Ist Jesus auferstanden?“) und dann Austausch in Kleingruppen stattfindet. Außerdem schlägt er z. B. einen Gebetsdienst für Gottesdienstbesucher nach der Messe vor: „Jede Woche gibt es Teams, die in der Sakramentskapelle mit denjenigen beten, die das Gebet wünschen.“ (S. 191)

Anschließend geht er auch auf Analysen des Marktforschungsinstituts Gallup zur Struktur von gesunden Organisationen ein. Diese Analysen teilen Mitglieder von Organisationen in drei Gruppen ein: Engagierte, Nicht-Engagierte, und aktiv Nicht-Engagierte. „Engagierte Pfarreimitglieder werden als solche beschrieben, die total begeistert von ihrer Pfarrgemeinde sind. Sie haben das Gefühl, dass diese sie wirklich etwas angeht und sie identifizieren sich auch mit ihren Plänen. Engagierte Angehörige dienen mehr, geben mehr und sind viel bereiter, andere in ihre Kirche einzuladen. Nicht-engagierte Mitglieder sind im Allgemeinen zufrieden mit ihrer Pfarrgemeinde, aber sie tendieren dazu, passiv zu sein und sich nicht einzubringen. Die letzte Kategorie sind die aktiv Nicht-Engagierten. Das sind jene, die zutiefst unzufrieden damit sind, wie die Dinge laufen, sie wollen keinerlei Wandel und sind in der Regel negative und destruktive Teilnehmer.“ (S. 193f.) Die Ergebnisse einer ersten Umfrage in St. Benedict hätten ergeben, dass man 24% zu den Engagierten, 47% zu den Nicht-Engagierten, und 29% zu den aktiv Nicht-Engagierten zählen könnte. Idealerweise läge das Verhältnis von Engagierten zu aktiv Nicht-Engagierten jedoch bei 4:1. Zweieinhalb Jahre später sei das Ergebnis immerhin schon 41 : 44 : 15 gewesen. „Drei Jahre nach Umsetzung der auf Engagement und Zugehörigkeit basierenden Strategie in St. Benedict hat sich die Zahl der Erwachsenen, die an Evangelisierungs-Programmen und an der Glaubensunterweisung teilnehmen, verdreifacht. Die Anzahl jener Pfarrangehörigen, die Dienste übernommen haben, hat sich verdoppelt und unsere wöchentliche Kollekte ist von durchschnittlich 10.000$ pro Wochenende auf 20.000$ bis 21.000$ angewachsen. Und dabei ist die durchschnittliche Zahl der Messbesucher ungefähr gleich geblieben. Viele Neue sind dazugekommen, aber genauso viele sind auch weggegangen. Gesund wird man durch Wachstum und durch Schrumpfung.“ (S. 196) In den nächsten Punkten wird die Strategie noch genauer erläutert:

6. Klare Erwartungen

Eine Pfarrei brauche nicht nur eine gute Willkommenskultur, sondern auch Erwartungen gegenüber ihren Mitgliedern: „Eine hohe Willkommenskultur und eine hohe Erwartungshaltung sind tatsächlich eine respektvollere Reaktion auf Menschen, denn wir sagen ihnen: ‚Wir glauben, dass Gott in dir und durch dich wirken wird. Wir erwarten das und du solltest dasselbe tun.’“ (S. 198f.) Die Erwartungen, die die Pfarrei St. Benedict an ihre neuen Mitglieder stelle, seien folgende fünf: Jedes Mitglied soll am Sonntag zu einer Messe kommen, einmal im Jahr an einem Glaubensseminar teilnehmen, um seinen eigenen Glauben zu stärken, einmal im Jahr eine Aufgabe in der Pfarrei übernehmen, um anderen zu dienen, die Gemeinschaft mit den anderen Mitgliedern pflegen, und die Pfarrei finanziell unterstützen (in Kanada gibt es keine Kirchensteuer). Father Mallon fordert hier auch, dass man auch darauf sehen müsse, dass die besonders engagierten Mitglieder, die sich oft alles Mögliche aufbürden lassen, nicht nur Dinge für andere tun, sondern auch Gelegenheiten haben, ihren eigenen Glauben in Glaubenskursen etc. zu stärken.

Man muss die Leute natürlich auch dazu bewegen, sich bei einem konkreten Kurs anzumelden, sich bei einem Dienst einzubringen oder zu spenden, also veranstaltet die Pfarrei St. Benedict drei Initiativen im Jahr: Im September werden an mehreren Sonntagen nacheinander Glaubenskurse, Buchklubs o. Ä. in der Predigt vorgestellt und Broschüren dazu verteilt und die Gläubigen können sich eintragen; im Januar passiert dasselbe bzgl. der Dienste in der Pfarrei, und im Mai wird das Budget vorgestellt und erklärt, damit die Leute wissen, wofür sie spenden und wofür noch Geld benötigt wird. Der Autor betont, dass es für jedes Pfarreimitglied einen möglichen Dienst gäbe: „Wir haben sogar einen Dienst für ans Haus gefesselte und kranke Menschen entwickelt, der ‚Gesellschaft der Seligen Therese Neumann’ heißt. Dort können sich Menschen, die ihr Haus nicht verlassen können, eintragen und ihre Gebete und unvermeidlichen Leiden Gott aufopfern als eine Art Fürbitte für die Erneuerung der Pfarrgemeinde. Im Gegenzug informiert sie ein monatlicher Newsletter darüber, was in der Pfarrgemeinde geschieht, und stellt dort auch besondere Intentionen vor, für die sie von daheim aus für die Pfarrgemeinde beten können.“ (S. 210)

Insgesamt kann ich dazu sagen: Es kommt mir wie eine gute Herangehensweise hervor; das Minimum sollte die Leute nicht überfordern, und kann ihnen sehr auf ihrem Glaubensweg weiterhelfen. Allerdings würde ich mir wünschen, dass bei den fünf Mindestanforderungen einerseits noch etwas mehr dabei wäre, und andererseits ein paar Dinge unterschieden werden würden. Es gibt schließlich die fünf Kirchengebote: An Sonntagen und gebotenen Feiertagen die Messe besuchen, die Kirche finanziell unterstützen, einmal jährlich beichten, mindestens zu Ostern und in Todesgefahr die Kommunion empfangen, die Fast- und Abstinenztage einhalten. Die letzten drei Gebote werden von Father Mallon nicht erwähnt. Es wäre meiner Ansicht nach besser, wenn die Pfarrei St. Benedict den Leuten vermitteln würde, dass die fünf Kirchengebote für alle Katholiken verpflichtend sind, und die Pfarrei es außerdem gern sähe (es aber nicht zu einer strengen Verpflichtung machen kann), wenn ihre Mitglieder einen Dienst im Jahr übernehmen, an einem Glaubenskurs im Jahr teilnehmen und sich als Teil der Gemeinschaft verstehen würden. Besonders auf die regelmäßige Beichte könnte mehr Wert gelegt werden.

7. Dienen mithilfe unserer Stärken

Für die Dienste sei es wichtig, dass die Leute ihre individuellen Fähigkeiten kennen, wobei auch Tests wie der „Stärkenfinder“ von Gallup helfen könnten.

8. Die Bildung kleiner Gemeinschaften

In einer großen Pfarrei kann der Priester nicht alle kennen und an ihren persönlichen Problemen Anteil nehmen; und Glaubenskurse sind meistens auf einige Wochen begrenzt und lösen sich dann wieder auf. Die Lösung sind für Father Mallon Kontaktgruppen mit 25-35 Mitgliedern. Den Teilnehmern an Glaubenskursen wie dem Alphakurs wird angeboten, Kontaktgruppen beizutreten, die sich jede Woche in Privathäusern treffen. „Einige der derzeitigen zehn Gruppen sind altersspezifisch, einige sind generationsübergreifend und einige sind familienfreundlich, wo Eltern mit ihren Kindern zusammenkommen.“ (S. 225) In solchen Kontaktgruppen wird über verschiedene Glaubensthemen gesprochen, die Leiter werden entsprechend geschult, und jeder Teilnehmer hält auch einmal ein eigenes Referat.

9. Die Erfahrung des Heiligen Geistes

Die Leute sollten die Möglichkeit haben, das Wirken des Heiligen Geistes in ihrem eigenen Leben zu erfahren. Father Mallon betont, dass wir nicht nur an Jesus und Gottvater glauben, sondern auch an den Heiligen Geist, und auch zu Ihm beten sollten. Dieser Punkt bleibt allgemein etwas unspezifisch, finde ich.

10. Eine einladende Kirche werden

Die Leute sollten sich trauen, ihre Familienmitglieder, Freunde, Kollegen und Nachbarn zum Sonntagsgottesdienst, zu einem Alphakurs, einem Gebetsfrühstück oder einem Konzert einzuladen.

Während es in Kapitel 5 um diejenigen geht, die immerhin bereits in den Gottesdienst kommen oder die man mit einer Einladung zum Alphakurs erreichen kann, befasst sich Kapitel 6 mit den Unengagierten, die zur Pfarrei kommen, weil sie ein Sakrament verlangen, also eine Taufe, Erstkommunion, Firmung oder Hochzeitsfeier. Hier stellt sich das altbekannte Problem, etwa bei der Firmung, die für viele Jugendliche das letzte Mal ist, dass sie eine Kirche betreten: „Wie lange können Priester und Gemeinde froh und innig die Firmung als Vervollständigung der christlichen Initiation feiern und dabei nur zu gut wissen, dass die meisten der neu Initiierten in ihren Köpfen gerade den Entlassungsschein aus der Kirche erhalten haben? Noch schlimmer ist, dass die Jugendlichen wissen, dass wir es wissen, und schlimmer noch, wissen, dass wir wissen, dass sie es wissen. Unsere Integrität als Kirche steht auf dem Spiel.“ (S. 264) Father Mallon betont, dass man sich nicht nur Gedanken darüber machen solle, ob jemand ein Sakrament gültig, sondern auch, ob er es fruchtbar empfinge. Er schreibt: „Ich bin der festen Meinung, dass wir grundsätzlich die Bitte um ein Sakrament nie mit ‚Nein’ beantworten dürfen. Sonst schneiden wir die Chance für Bekehrung und Veränderung schon in ihren Anfängen ab. Dennoch wirft das die Frage auf, was es bedeutet, hier ‚Ja’ zu sagen. Ja darf nicht heißen, nur einen Termin auszumachen, den Papierkram zu erledigen und kurzen Ehevorbereitungsunterricht zu geben.“ (S. 254)

Man kann zwei hauptsächliche Prinzipien in der Herangehensweise von St. Benedict finden: Erstens werden die Eltern stärker in die Erstkommunion- und Firmvorbereitung ihrer Kinder eingebunden. Father Mallon hat erkannt: „Und sobald die Kinder merken, dass, was sie empfangen, ihren Eltern wenig bedeutet, bringt auch ihr eigener Glaube wenig Frucht.“ (S 270f.) So sollen Eltern, die ihre Kinder zur Erstkommunion anmelden, regelmäßig mit ihrer Familie zur Messe kommen und dann ebenso wie ihre Kinder einen Glaubenskurs, einen Erstbeichtkurs und einen Erstkommunionkurs absolvieren, bevor sie für das Sakrament zugelassen werden. Zweitens soll, wie hieran schon deutlich wird, in der Vorbereitung nicht nur die Bedeutung des Sakraments erklärt werden, sondern auch die „Erstverkündigung“ stattfinden; auch Brautpaare etwa sollen nicht nur einen Ehevorbereitungskurs machen, sondern auch einen Glaubenskurs.

Das Kapitel enthält noch weitere Konzepte (z. B. dass Erstkommunion und Firmung nicht strikt an ein bestimmtes Alter gebunden sein müssen, dass Taufen auch im Kreis der ganzen Gemeinde in einer Sonntagsmesse stattfinden können, dass man von engagierten Pfarreimitgliedern, die schon ihr drittes Kind zur Taufe bringen, nicht das gleiche Vorbereitungsprogramm verlangen muss wie von einem Paar, das man noch nie gesehen hat, usw.); aber diese beiden Punkte sind wohl die wichtigsten: Auch Erstverkündigung statt „nur“ Katechese über das Sakrament, und Einbeziehung der ganzen Familie, wenn es um Sakramente für die Kinder geht. Die Folgen: „Die jährlichen Zahlen der Firmungen sind etwa auf 40% zurückgegangen, aber die Zahl der Jugendlichen, die dann ihren Glauben in der Kirche weiterleben, liegt bei etwa 80%. Das ist ein radikaler Umbruch verglichen mit der Situation wenige Jahre zuvor, als 75% der Gefirmten verschwanden und nie wieder gesehen wurden.“ (S. 280f.) Bei den Taufen seien die Zahlen etwa um die Hälfte gesunken, aber zwei Drittel der Familien blieben danach der Kirche treu.

Im siebten Kapitel geht es dann um die Leitung der Pfarrei. Der Autor beklagt, dass Seminaristen kaum etwas über Führungsqualitäten lernen, und auch, dass sie später oft nicht die Gelegenheit haben, eine Pfarrei länger zu führen, sprich, dass Pfarrer oft schon nach wenigen Jahren versetzt werden, bevor sie wirkliche Veränderungen anstoßen können: „Wenn wir die Gaben der Hirten verteilen und sie ständig versetzen, dann erhalten wir bestenfalls mittelmäßige Gemeinden. Wenn wir es möglich machen, dass Pfarrer in Pfarreien, die großen Einfluss ausüben können, Reformen durchführen dürfen, dann schaffen wir wenigstens für einige Gemeinden die Möglichkeit, gesund und stark zu werden.“ (S. 304) Er betont, dass Leiter ihre eigenen Schwächen kennen müssen, auch, um zu wissen, was sie delegieren müssen, und dass sie (unter Beteiligung der einflussreichen Laien der Pfarrei) eine übergreifende Vision für ihre Pfarrei entwickeln sollen; außerdem geht er ausführlich auf die Rolle von Gremien, von ehrenamtlichen Helfern und hauptamtlichen Mitarbeitern und die konstruktive Zusammenarbeit eines Teams ein.

Besonders positiv fällt an diesem Buch die starke Praxisorientierung und Detailgenauigkeit auf. Immer wieder gibt es sehr konkrete Beispiele z. B. für die Möglichkeiten der Gottesdienstgestaltung. Außerdem finde ich es sehr gut, wie Father Mallon betont, dass die Leute erst einmal die Grundsätze des Glaubens kennenlernen müssen („Erstverkündigung“), bevor man darauf aufbauen kann; Wissen über einzelne Details, ohne das Gesamtbild, ohne Begegnung mit dem liebenden Gott, reicht nicht. Viele seiner Vorschläge bauen außerdem auf biblischen Vorbildern oder lehramtlichen Dokumenten auf, sind also gut fundiert. Außerdem findet Father Mallon, was man hierzulande selten findet, einen Weg, praktische Vorschläge für den Umgang mit dem Priestermangel zu machen, ohne endlos über notwendige Pfarreienzusammenlegungen zu lamentieren, oder eine Laienkirche vorzuschlagen, die keine Priester mehr braucht.

Es hat einzelne Dinge gegeben, die mir an dem Buch weniger gefallen haben. Die 2014-typische Franziskus-Begeisterung, die gelegentlich durchscheint, ist einfach nicht meins. Dann sind da einzelne Stellen, die man kritisieren könnte – etwa, wenn Father Mallon auf S. 130 die Kasuisten der alten Zeiten dafür kritisiert, dass sie die Frage „Wieviel von einer Messe darf ich versäumen,wenn sie dennoch gültig sein soll?“ diskutiert haben. (Das taten diese Kasuisten nämlich nicht unbedingt, weil sie einem legalistischen Minimalismus verfallen gewesen wären, sondern weil Menschen gelegentlich durch diverse Umstände in die Lage kommen konnten, dass sie bereits einen Teil der Messe versäumt hatten, und sich dann fragten, ob sie jetzt noch eine andere Messe besuchen müssten, oder später, ob, wenn sie das nicht getan hatten, es eine Sünde gewesen war; die Kasuistik stand in solchen Fällen mit konkreten Ratschlägen zur Seite.) Ein gravierenderer Fehler zeigt sich auf S. 262, wo er die Kindertaufe als, historisch betrachtet, eine „Ausnahme“ bezeichnet: „Es ist eine Tatsache, dass Säuglinge in der frühen Kirche getauft wurden. […] Die Norm war pastoral und theologisch immer noch die Taufe Erwachsener. Kinder wurden getauft als eine Erweiterung des Glaubens, den die Eltern bekannten und lebten, die ihre Kinder mitbrachten. […] Biblisch gesehen war die Taufe eine Antwort des erwachsenen Glaubens. Über Jahrhunderte jedoch änderte sich die Praxis und es entstand eine Tauftheologie, die nicht mehr in Verbindung stand zu Umkehr und persönlichem Glauben […].“ Das ist ein falscher Blickwinkel, finde ich. Die antike Situation, dass die Erwachsenen alle erst noch bekehrt werden mussten, war die Ausnahme. Die Normalität – so, wie es eigentlich sein sollte – ist die mittelalterliche Situation, in der die Erwachsenen alle schon gläubig waren und jedes neugeborene Kind gleich in den Gottesbund aufgenommen wurde, d. h. in der Familie Gottes aufwachsen konnte.

Aber insgesamt muss ich dieses Buch sehr loben. Es ist besonders für Priester, Diakone, pastorale Mitarbeiter und in Pfarreien engagierte Laien zu empfehlen. Es muss nicht jede Pfarrei alle darin enthaltenen Ideen übernehmen, aber sicher kann jede irgendetwas mitnehmen. Wenn ich Rod Drehers „Die Benedikt-Option“ eine 2- und Erik Flügges „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ eine 5 geben würde, würde ich sagen, dass „Divine Renovation – Wenn Gott sein Haus saniert“ eine 1- verdient.

 

* KEIN BINNEN-I, KEIN UNTERSTRICH, KEIN GENDERSTERN!

Eine Kirche für viele Individualisten, die es nicht so genau wissen wollen

Ich hatte ja nicht sehr hohe Erwartungen an das dünne Büchlein „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ von Erik Flügge. Aber es ist eher noch schlechter, als ich erwartet hatte. Es liest sich von der ersten Seite ab so, wie man es von Flügges Opus gewohnt ist: arrogant und der Inhalt eine Mixtur aus einer Menge Unsinn und ein paar originellen, sinnvolle Gedanken. Oder genau genommen, einem originellen, sinnvollen Gedanken. „Eine Kirche für viele“ bringt eine praktische Idee vor, die die Kirche voranbringen soll, nämlich regelmäßige Hausbesuche bei allen ihren Mitgliedern.

Fangen wir am Anfang an. Flügge beklagt, dass der „heilige Rest“, definiert als die 10% der Kirchenmitglieder, die sich in den Pfarreien, Verbänden usw. engagieren und zum Gottesdienst erscheinen, alle Ressourcen verheizen würden. Die Kirche gebe ihre Kirchensteuereinnahmen für den Unterhalt von Kirchen und Gemeindehäusern aus, für Seniorenkränzchen und Pfarrfeste; und was hätten die 90% nicht Engagierten davon? Um die würde man sich gar nicht kümmern, sondern bloß ihr Geld nehmen.

Diese Kritik setzt so sehr an völlig falschen Punkten an, dass ich gar nicht recht weiß, wo ich bei meiner Erwiderung anfangen soll. Wirft man es den 10% jetzt vor, dass sie nicht gleichgültig gegenüber der Kirche sind? Zum Pfarrfest und zur Messe kann schließlich jeder erscheinen, der möchte. So ein bisschen ist Flügge das auch bewusst: Nachdem er sich seitenweise über den Egoismus des heiligen Rests ausgelassen hat, beruhigt er seine Leser schließlich dahingehend, dass er diese Christen natürlich individuell alle als sehr selbstlos und engagiert ansehe; es sei nur ein struktureller Egoismus da, der jedes Mal protestiere, wenn man irgendeinem Programm, das nur dem heiligen Rest nütze, das Geld streichen wolle (vgl. S. 22f.).

Flügge erzählt, wie er manchmal an seiner Kirche verzweifeln könne, die sich gar nicht für ihn interessiere – aber er bleibt ihr trotzdem (erstmal) noch treu:

 „Meine Kirche, die bedeutet mir etwas. Das Christentum in unserer Welt halte ich für bereichernd. Die Gesamtorganisation Kirche mag ich, weil sie mich biografisch prägte. Aber immer, wenn ich ihr real begegne, regt ihr Desinteresse an 90 Prozent ihrer Mitglieder mich furchtbar auf. Ich habe ein paar Mal darüber nachgedacht, auszutreten. Weil es am kirchlichen Leben so gar nichts gibt, was mit meinem Leben in Verbindung steht. Noch tue ich es nicht. Aus Verbundenheit – weil diese Kirche mir mal Heimat war. Aber wie lange mag es noch dauern, bis die Erinnerung daran verblasst? […] Wissen Sie, ich habe dieses Christentum noch nicht aufgegeben. Ich glaube noch daran, dass es bestehen kann. Weil das Christentum vielleicht die faszinierendste unter allen Religionen ist. Die eine Religion, die nicht den Sieger feiert, sondern den Gekreuzigten.“ (S. 10f.) (Die letzten zwei Sätze bilden eine dieser Stellen, an denen man ihm mal zustimmen kann.)

Flügge sieht sich nicht als Glied der Kirche, sondern als ihr Kunde.  Man merkt ihm nicht das geringste Bewusstsein dafür an, dass er auch Verantwortung als Teil der Kirche trägt. Er redet wie ein Ehemann, der selbst nichts für die Beziehung zu seiner Frau tut, aber lamentiert, dass sie nichts für ihn tue; noch wolle er sich jedoch noch nicht scheiden lassen, weil er sich ja noch an die alten Zeiten mit ihr erinnere, eine Chance wolle er ihr noch geben… Er zählt sich auch selbst zu den Un-Engagierten:

„Mein Name ist Erik Flügge und ich bin einer von den 90 Prozent. Jeden Monat frage ich mich: Was passiert eigentlich mit meinen Kirchensteuergeldern? Wahrscheinlich viel – nur halt nichts für mich. Das ist nicht schlimm, denn andere könnten es nötiger haben, dass die Kirche sich um sie kümmert. Aber nicht mal ‚Danke’ wird mir gesagt dafür, dass ich Monat für Monat mit meiner Kirchensteuer mitfinanziere, was andere Leute nutzen. Was wird denn an Gemeindeleben finanziert? Gemeindehäuser. Ach je. Klar, auch ich könnte in ein muffiges Gemeindehaus gehen, um am Seniorennachmittag teilzunehmen – nur will ich das nicht. Mir bedeutet das Gemeindehaus gar nichts. […] Mir bedeutet das Pfarramt gar nichts.“ (S. 9)

Es gibt allerdings Leute, die das Pfarramt brauchen; zum Beispiel solche, die heiraten oder ihre Kinder taufen lassen wollen. Das könnte auch Erik Flügge noch passieren. Und ja, Senioren verdienen die Seniorennachmittage.

Aber vor allem: Wenn er irgendeine andere Gruppe oder Veranstaltung in seiner Pfarrei organisieren wollte, die Leute wie ihn selbst ansprechen würde: Ich bin mir relativ sicher,  dass die Pfarrei da entgegenkommend wäre und Räume zur Verfügung stellen und vielleicht auch im Pfarrbrief dafür werben würde. Aber, wie gesagt, er scheint sich nicht als Mitglied, sondern ausschließlich als Kunde der Kirche zu sehen.

Sein verquerer Blick auf die 90% und die 10% wird besonders deutlich, als er gegen Ende des Buches versucht, das Gleichnis vom verlorenen Sohn neu zu deuten:

„9 von 10 Söhnen sind gegangen. Sie sind nicht ausgetreten, gehören noch zur Familie, aber sie kommen nicht mehr, um am Leben der Gemeinde teilzuhaben.

 Nicht die anderen sind verlorene Söhne, sondern die Aktiven in den Gemeinden sind es. Die haben das Erbe genommen und es verprasst. Verprasst für Orgeln und Kirchenbauten, Küchen im Gemeindehaus und Fachstellen. Langsam wird das Leben in den Gemeinden knapp. Immer weniger ist los und das frustriert. Das Gemeindeleben fühlt sich hohl an ohne die Familie, die wir irgendwo zurückgelassen haben. Der letzte Rest Gemeindeleben ist viel zu oft so frustrierend wie das Schweinehüten. Die Aktiven in der Kirche sind der verlorene Sohn, der in der Ferne wehmütig an den eigenen Vater denkt. Sie sind diejenigen, die aufbrechen und zurückkommen in der Hoffnung, dass sie fröhlich empfangen werden.“ (S. 64)

An dieser, äh, sagen wir mal, kreativen Auslegung stört weniger die beabsichtigte Aussage, als dass das Ganze einfach keinen Sinn macht. Ist der Vater auf einmal ausgezogen und der Mehrheit der Söhne hinterhergegangen, als entsprechend viele weg waren, so dass der letzte verbliebene Sohn jetzt fern von ihm ist? Und was ist mit den 9 Söhnen geschehen, das sie zu nicht-mehr-verlorenen Söhnen gemacht hat? Flügge hätte das Gleichnis z. B. auch folgendermaßen umdeuten können: „Der ältere Sohn soll nicht nur den väterlichen Hof verwalten, sondern sich aktiv auf die Suche nach seinem Bruder machen, so, wie es der Hirt im Gleichnis vom verlorenen Schaf tut.“ Das wäre immerhin logisch gewesen – aber Flügge scheint einfach gerne den Provokateur zu spielen, auch wenn es dann nicht mehr logisch ist.

Kommen wir jetzt zu Flügges praktischen Vorschlägen. Er rechnet vor, dass, wenn man die ganzen Einnahmen, die einer Pfarrei zustehen, nicht in kirchliche Schulen, Kirchen und Gemeindehäuser stecken würde, sondern nur in Personal, man in einer durchschnittlich großen Pfarrei 30 Leute einstellen könnte (Büromiete und Betriebsausflug eingerechnet); diese Angestellten hätten für jeden Haushalt der Pfarrei mehr als einen Arbeitstag Zeit pro Jahr – und damit mehr als genug Zeit für Hausbesuche. „30 Personen, die sich keine andere Aufgabe geben, als Menschen zu besuchen. Ein Besuch für jeweils zwei Stunden und das sechs Stunden am Tag, also drei Besuche pro Mitarbeiter pro Tag. […] Bei 5000 Haushalten bedeutet das, dass man über acht Mal pro Jahr die Mitglieder besuchen könnte. […] Man könnte über Gott und die Welt sprechen und vielleicht genau das werden, wofür sich viel zu viele Menschen heute Therapeuten suchen: ein Seelsorger.“ (S. 20) Das ist natürlich schon allein deshalb eine Milchmädchenrechnung, weil man die 30 Angestellten, die einigermaßen theologisch ausgebildet sein und sich einigermaßen mit der Mission der Kirche identifizieren müssten, irgendwo herbekommen müsste – und so viele junge Leute, die nach dem Abi was studieren wollen, mit dem sie „irgendwas mit Menschen“ machen können, und noch dazu mit der Kirche was anfangen können, finden sich dann doch nicht. (Tatsächlich gibt Flügge am Ende des Buches auch zu, dass es sich um keine realistische Kalkulation handelt: „Niemand wird alle bestehenden Strukturen in der Kirche auflösen. Nirgendwo werden 30 Personen in einer Gemeinde mit nur 5000 Haushalten eingesetzt werden. Aber der Gedanke hilft. Eine Maximalprojektion nennt man das, ein radikales Gedankenspiel ‚Was wäre, wenn?’“ (S. 59f.))

An sich ist der Grundgedanke, mit Hausbesuchen auf die Leute zuzugehen, natürlich nicht schlecht – er ist sogar sehr sinnvoll. Und er ist deutlich besser als gewisse andere Ideen zur „Erneuerung“ der Kirche, die seit Jahrzehnten herumgeistern, was Flügge auch erkannt hat:

 „Denn Frauenpriestertum, Zölibat und Sexualmoral, das alles finde ich nicht sonderlich spannend. Tot gekaut und ausgelutscht sind diese Fragen.“ (S. 24) Er beschreibt an dieser Stelle eine Veranstaltung bei einer evangelischen Landeskirche, an der er einmal teilnahm, bei der über Strukturen der Jugendarbeit diskutiert wurde. „Der ganze Diskurs drehte sich nur um Rückzug, Rückbau oder Werbung für bestehende Angebote. In der Landeskirche, in der ich zu Besuch war, sind Frauen selbstverständlich Pfarrerinnen, der Landesbischof steht zusammen mit seiner ganzen Synode für eine moderne Sexualmoral und zölibatär ging es echt nicht zu. […] Trotzdem liegt auch diese Kirche im Sterben.“ (S. 25)

Als er bei dieser Veranstaltung seine Idee mit den Hausbesuchen aufgebracht habe, hätten die anderen ihm am Ende zustimmen müssen:

 „Sofort meldete sich ein Pfarrer zu Wort. Er sagte, das hier käme ihm doch alles wie die Zeugen Jehovas vor. Die meisten Leute wollen doch gar nichts von ihrer Kirche wissen. Er könne das mit Gewissheit sagen, denn er habe schon einmal ein Jahr lang Hausbesuche gemacht. […]

 Ich stellte eine schnelle Rückfrage: ‚Wie lief’s denn?’ Seine Antwort: ‚Ich würde sagen, nur rund ein Drittel wollte reden.’

 Wow, nur ein Drittel aller Kirchenmitglieder wollte reden? Übrigens nicht kurz, sondern über eine Stunde lang, berichtete der Pfarrer. ‚Nur’ ein Drittel?

 Was dann passierte, war wirklich spannend. Dieser Pfarrer, der zuvor am Tag schon öfters davon gesprochen hatte, dass er in Bezug auf die Frage nach der Zukunft der Kirche resigniert habe, erzählte uns von seiner Erfahrung bei diesen Hausbesuchen. Dass das gute Gespräche gewesen seien. Manchmal über Probleme, manchmal nur über die Kirche und Gespräche, die immer weiter führten. Er erinnerte sich, dass er damals sogar aufgeschrieben habe, dass die Kirche mehr Kontakte suchen sollte. Dass er selbst eine Empfehlung geschrieben hätte, mehr Hausbesuche zu machen, nur dass der keiner gefolgt sei. Irgendwie wäre es am Ende wieder der gleiche Trott gewesen und der frustriere zutiefst.

 Wir debattierten weiter. […] Irgendwann meldete sich der Pfarrer nochmals zu Wort. ‚Ich ärgere mich. Ich nehme das jetzt zurück. Das ist nicht falsch mit den Hausbesuchen. Das ist richtig. Ich hab das für richtig gehalten und weiß, dass das richtig ist. Und jetzt war ich nur dagegen, weil es unsere Strukturen angreift. Aber ich bin dafür. Ich nehme das zurück. Ich will das zurücknehmen. Das ist richtig!’“ (S. 26-28)

Flügge hat auch noch ein paar detailliertere Ideen: „Im Idealfall bricht nicht nur hauptamtliches Personal auf zu den anderen Gemeindemitgliedern, sondern die aktiven Teile der Kirchengemeinde kommen gleich mit. […] Der erste Schritt dabei muss gar nicht der sein, an einer Haustüre zu klingeln. Der erste und vielleicht einfachste Schritt kann in einer Gruppe von Leuten erledigt werden, die sich im Gemeindehaus treffen. Diese können Postkarten zu Ostern schreiben. Von Hand und einfach eine nach der anderen an jedes Gemeindemitglied. Ein kleiner Gruß von den Aktiven in der Kirchengemeinde an alle anderen. Der Text für solch eine Karte ist nicht schwer zu finden. Er könnte lauten wie dieser: ‚Ostern ist das wichtigste Fest für uns Christen. Wir feiern, dass Jesus von den Toten auferstanden ist und hoffen deshalb darauf, dass auch wir von den Toten auferstehen. Sie sind Mitglied in unserer Kirche und darum wollen wir Ihnen mit dieser Karte Hoffnung machen. Wir glauben, dass sie auferstehen werden. Herzliche Grüße von Ihrer Kirchengemeinde. Schön, dass Sie bei uns Mitglied sind!’“ (S. 68f.)

Ich halte Postkarten und Hausbesuche auch für eine gute Idee. Postkarten (auch wenn die nicht unbedingt alle von Hand geschrieben sein müssten, und man vielleicht einen etwas gelungeneren Text als den von Flügge vorgeschlagenen darauf drucken könnte) wecken bei den Leuten schon mal das Bewusstsein dafür, dass sie ja doch noch Kirchenmitglieder sind; Hausbesuche sind ein niederschwelliges Kontaktangebot, bei dem sich Leute, die daran interessiert sind, ihre persönlichen Probleme oder auch ihre Kirchenkritik von der Seele reden können und hoffentlich auf einen guten Gesprächspartner treffen und so vielleicht wieder Interesse am Glauben bekommen. Es gibt ja auch schon Projekte, die genau in diese Richtung gehen; ein mir bekanntes Beispiel wäre etwa die „Missionarische Woche“ im Bistum Augsburg. Auf der Bistumswebseite heißt es dazu:

„Angeregt durch die ‚Misiones’ der Schönstatt-Bewegung 2013 in Dillingen hat das Institut für Neuevangelisierung, gemeinsam mit dem Bischöflichen Jugendamt und ‚Basical’ die ‚Missionarische Woche’ entwickelt, die 2015 in der PG Vöhringen/Iller, 2016 in der PG Breitenthal, 2017 in der PG Wallerstein und 2018 in der PG Pöttmes stattfand. […]

 Eine Missionarische Woche ist ein besonderes Ereignis für eine Pfarrei(engemeinschaft) und bietet zahllose Chancen, das Evangelium in Ihrem Ort zum Tagesgespräch zu machen.

 Tagsüber gehen junge Leute in der Regel zu zweit von Haus zu Haus, klingeln, geben einen Gruß der Pfarrei ab, bieten ein Gespräch über Fragen des Glaubens an und werben für das abwechslungsreiche Abendprogramm. Durch die gründliche und transparente Vorbereitung ist diese Aktion in der Öffentlichkeit einigermaßen bekannt und die Menschen vor Ort sind bereits im Voraus herausgefordert, sich Gedanken zu machen, wie sie reagieren wollen, wenn die Missionare vor der Türe stehen.

 Die jungen Missionare werden vorher kompetent geschult, wie sie

  • glaubwürdig von ihrem Glauben reden,
  • einfühlsam auf ihre Gesprächspartner eingehen,
  • freundlich das Evangelium Jesu Christi weitersagen,
  • angemessen auf Kritik reagieren,
  • auf Wunsch anteilnehmend für und mit den Besuchten beten.

Was sie NICHT tun, ist:

  • auswendig gelernte Gesprächsimpulse abspulen,
  • moralischen Druck ausüben,
  • Expertenantworten geben,
  • glänzende Versprechungen machen,
  • Drohungen verbreiten.

 Die jungen Missionare wohnen während der Missionarischen Woche vor Ort in Gastfamilien.

 Tagsüber finden Haus- und Schulbesuche statt.

 Für die Abende wird gemeinsam mit der gastgebenden Pfarrei ein abwechslungsreiches Programm vorbereitet (z.B. Vorträge, Gruppenstunden, Chöre, Gesprächsrunden, Konzerte, festliche Sondergottesdienste, Abend der Versöhnung, Pfarrfamilienabend).

 Die Missionare unter sich pflegen während dieser Woche ein intensives geistliches Leben, geprägt von gemeinsamen Gebetszeiten, Eucharistischer Anbetung und der Feier der Hl. Messe.

 Die Missionarische Woche wird bis auf weiteres in der ersten Fastenwoche und in der ersten Schulwoche nach den Sommerferien angeboten.

 Bewerben kann sich für dieses Projekt jede Pfarrei(engemeinschaft) im Bistum Augsburg. […]

 Wenn du selbst als Missionar bei der Missionarischen Woche mitmachen möchtest, dann melde dich doch einfach beim Bischöflichen Jugendamt oder beim Institut für Neuevangelisierung (Andreas Theurer, 0821/3166-2950 oder Katharina Weiß -2930)!

 Wir freuen uns auf dich!

 Nähere Auskünfte und Beratung bei Andreas Theurer

Wenn man Hausbesuche macht, stellt sich grundsätzlich die Frage: Wozu will man die Leute erreichen? Ist es mit Hausbesuchen getan, oder will man sie noch zu etwas anderem führen? Die „Missionarische Woche“ zeigt ganz klar, dass die Hausbesuche nicht alles sind, sondern nur ein Teil der Seelsorge. Bei Flügge sieht es anders aus: Er zeigt nicht das geringste Interesse an irgendwelchen Vorträgen, Gottesdiensten, Konzerten, Familienabenden oder Abenden der Versöhnung, zu denen man die Leute einladen könnte. Kirchengebäude und Pfarrheime tauchen in „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ nur als Ballast auf, der zur Geldverschwendung beiträgt.

Aber wenn man die Leute in der Pfarrei mit der Individualseelsorge erreicht hat, will man sie dann nicht auch noch zu irgendeiner Gemeinschaft führen? Zur gemeinschaftlichen Verehrung Gottes, zum Empfang der Gnade durch die heiligen Sakramente? Zählt die Gemeinschaft der Kirche hier gar nichts? Im Gebet des Herrn heißt es mit guten Gründen „Vater unser“, nicht „mein Vater“. Christen, die immer nur in ihren Häusern bleiben und ab und zu mal vom Pastoralreferenten oder Pfarrer besucht werden und über ihre Anliegen und Probleme reden können, aber dann nicht dazu bewegt werden, auch in der Sonntagsmesse, und vielleicht noch beim Pfarrfest oder beim Glaubenskurs oder bei der Eucharistischen Anbetung, aufzutauchen – was sind das für Christen? Genauer: Wenn man ihnen die Möglichkeit zum Leben in der Gemeinschaft der Kirche nimmt, nimmt man ihnen dann nicht gerade die Möglichkeit, überhaupt Christen zu sein?

Und genau deshalb sind eben die Kirchengebäude, und zwar idealerweise die lokalen Kirchengebäude, so wichtig. Sie sind auch wichtig, weil sie geheiligte Orte sind, an denen das heilige Messopfer dargebracht wird, und sie bieten eben auch einen Versammlungsort für die Gemeinschaft der Gläubigen.

Flügges Entwurf passt in eine individualistische Dienstleistungsgesellschaft, aber leider nicht in die Kirche Gottes.

Er beschäftigt sich am Ende des Buches noch genauer mit der Frage, wozu er die Leute erreichen möchte, wie die Gespräche aussehen sollten:

 „In der Kirche sprechen wir ständig über den Wert von Glaubenszeugnissen. Besonders gerne wollen wir sie selbst abgeben. Viel wichtiger wäre es allerdings, wenn wir uns auf die Suche machen würden nach den Zeugnissen von Menschen, die kaum noch glauben oder anders. Vielleicht erkannten sie eine Seite von Gott, die wir stets übersahen in all unseren Ritualen, geprägten Formen und tradierten Gebeten. Vielleicht offenbarte Gott sich mal wieder in der Fremde statt im Gotteshaus. […]

 Ich muss ein bisschen schmunzeln bei der Vorstellung, dass bei mir mein Pfarrer klingelt und an der Türe sagt: ‚Entschuldigen Sie bitte, Herr Flügge, wir kennen uns nicht. Ich bin der Pfarrer Ihrer Gemeinde und ich wollte Sie mal fragen, wie Gott so ist.’ Ich glaube an dieser Frage hätte ich wirklich Spaß. Ich gebe zu, ich wäre auch heillos mit der Beantwortung überfordert. Aber genau das ist doch der Charme. Ich muss nicht wieder jemandem zuhören, der mir erzählt, was in irgendeinem katholischen Dogma steht, sondern ich bin selbst herausgefordert, Gott eine Stimme zu geben. Ich muss nicht wieder von irgendeinem Protestanten Bibelstellen heruntergerattert bekommen, sondern bin selbst in der Pflicht.

 Erwarten Sie bitte nicht, dass ich die Antwort weiß, wenn Sie bei mir klingeln. Ganz ehrlich, ich weiß die Antwort nicht! Aber genau die Tatsache, dass ich sie nicht abschließend und absolut weiß, hilft doch meinem Gesprächspartner weiter. Wer bei mir klingelt, weiß schon vorab, dass ich keine neue Wahrheit zu berichten habe, dass aber vielleicht genau das, was ich von Gott zu berichten habe, das Verständnis des Fragenden von Gott erweitert. Wer mich fragt, wie ich Gott kenne, wird seinen Glauben sicherlich nicht verlieren, aber im besten Fall seinen eigenen durch Abgrenzung on mir stärken oder durch meine Perspektive erweitern. Beides wäre schön.“ (S. 65-67)

Flügge hat leider den Sinn des Christentums nicht verstanden.

Das Christentum ist eine Offenbarungsreligion: Gott zeigt uns, wie Er ist, Er zeigt uns Dinge von sich, auf die wir selber nicht oder nur sehr schwer gekommen wären. Wer diese Botschaft von Gott erhalten hat, soll sie anderen weiter sagen. Selbstverständlich hat jeder Mensch in seinem Leben wertvolle Erfahrungen gemacht; aber wenn es darum geht, eine ganz bestimmte Frohe Botschaft weiterzugeben, dann muss man einfach diese Botschaft kennen, da helfen alle anderen Erfahrungen nichts.

Und, mal ehrlich, Flügge überschätzt die Leute hier auch teilweise. Es gibt auch Menschen, die sich bisher überhaupt nur  wenige Gedanken über Gott gemachthaben, und andere, deren Gedanken weniger von eigenen Überlegungen und Erfahrungen, und mehr von Fernsehserien und Leitartikeln, vom „Wort zum Sonntag“ und Kalendern mit Dorothee-Sölle-Zitaten geprägt sind. Aber egal, wie viele kluge Gedanken sich Menschen von sich aus machen, auf manche Dinge kommt man einfach nicht von selbst. Manchmal ist es das Klügste, anzuerkennen, dass man nicht alles weiß und sich auch mal belehren lassen kann. Das habe ich selber immer wieder festgestellt. Die Heiligen und Theologen und Philosophen der letzten 2000 Jahre Kirchengeschichte haben so viele geniale Erkenntnisse zu lehren, auf die ich selber nie gekommen wäre. Soll man die einfach ignorieren?

Hier passt sehr gut ein Ausschnitt aus dem 1. Kapitel von Ronald Knox‘ Buch „The belief of Catholics“ von 1927 (Übersetzung von mir; Quelle hier) :

„Es ist die gemeinsame Annahme all dieser modernen Propheten, welcher Schule auch immer sie angehören, dass die religiöse Wahrheit etwas noch nicht Festgelegtes ist, etwas, das nach und nach durch einen langsamen Prozess des Experimentierens und der Forschung entdeckt wird. Sie brüsten sich mit ihrer Unentschiedenheit; sie führen eine Parade ihrer Uneinigkeiten auf; das zeigt (so sagen sie) einen gesunden Geist der furchtlosen Forschung, diese Freiheit vom Albdruck der Tradition. Solche Empfindungen rufen, wie ich glaube, kein Echo des Applauses außerhalb ihrer eigenen unmittelbaren Zirkel hervor. Das ungute Gefühl bleibt dem durchschnittlichen Bürger, dass ‚die Pfarrer ihr eigenes Geschäft nicht verstehen‘; dass Uneinigkeiten zwischen Sekte und Sekte mehr, nicht weniger erbaulich sind, wenn jede Seite sich beeilt, zu erklären, dass die Uneinigkeit nur Äußerlichkeiten statt Essentielles betrifft; dass, wenn das Christentum sich nach zwanzig Jahrhunderten noch im Prozess der Erarbeitung befindet, es eine ungewöhnlich schwer zu fassende Sache sein muss.“

Flügge unterstellt seine Sicht auf das Christentum auch den frühen Christen, die erst noch einiges von den Heiden hätten lernen müssen, weil sie sich bei einigen Dingen bezüglich ihres eigenen Glaubens geirrt hätten:

Konfrontiert zu sein mit dem Scheitern des eigenen Glaubens angesichts der Realität, ist nichts Ungewöhnliches. Es begleitet das Christentum von Anfang an. Als die kleine jüdische Sekte der Christen auf die Griechen traf, die sie mit ihrer bestechend scharfen Logik konfrontierten, musste das Christentum sich neu ausrichten. […] Denn die Griechen fragten kritisch, wie denn zusammenzubringen sei, dass der eine Gott befiehlt, keine Götter neben sich zu haben und die Christen dennoch zu ihrem Messias Jesus Christus beten. Waren da plötzlich zwei Götter?“ (S. 52f.)

Er hält die frühen Christen schon für sehr blöd, was? Merken selber gar nicht, was sie eigentlich glauben. Ich kann mir nicht helfen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Flügge irgendwelche frühchristlichen Werke gelesen hat. Und dieses Bild von einem Glauben, der sich erst noch entwickeln muss – nicht im Sinne von John Henry Newman, dass man ihn tiefer versteht, sondern in dem Sinne, dass das Verständnis sich in grundlegenden Dingen ändert – entspricht einfach nicht dem christlichen Glauben.

Das Bistum Augsburg hat im Vergleich dazu eine Ahnung davon, worum es bei der Seelsorge geht:

„Warum überhaupt ‚missionieren’?

  • Weil Jesus selbst seinen Nachfolgern den Auftrag dazu gab (z.B. Mt 28,16-20).
  • Weil die frohmachende Gute Botschaft (=Evangelium) von Jesus Christus, der den Menschen das Heil bringt und sie mit Gott versöhnt, es wert ist, jedem Menschen gesagt zu werden.
  • Weil die meisten Menschen von dieser Guten Botschaft nur erfahren werden, wenn sie ihnen jemand in persönlicher Begegnung weitersagt.
  • Weil das 2. Vatikanische Konzil alle Gläubigen daran erinnerte, dass sie die Aufgabe haben, das Christus-Zeugnis im Alltag in ihrer Umgebung zu leben und ihren Mitmenschen weiterzugeben. Das ist in erster Linie gemeint mit ‚Priestertum aller Glaubenden’ und mit ‚Laienverantwortung’!“

Zuletzt noch etwas zum Co-Autor des Buches. Der Großteil der 78 Seiten stammt von Flügge, aber in der Mitte stecken ein paar Seiten von David Holte, der auf Flügges Wunsch seine Erfahrungen mit seinem Austritt aus der evangelischen Kirche beigesteuert hat. Holtes Stil ist etwas besser als Flügges, aber viel Interessantes erfährt man auf diesen paar Seiten auch nicht. Ein paar Auszüge:

„Eigentlich komisch: Ich bin getauft und zumindest meine Mutter hat mir stets christliche Werte vermittelt. Eigentlich gehöre ich doch zur Zielgruppe der Kirche. Wieso konnte sie meinen Austritt nicht verhindern?

 Vielleicht hätte eine kleine Geste gereicht. Denn: ich hatte von meiner Kirche schlicht seit Ewigkeiten nichts gehört. Klar, ich hätte mich auch darum bemühen können. Aber weshalb, wenn sich auch diese Kirche nicht um mich bemüht? Nicht einmal ein kleines Zeichen, dass die überhaupt wissen, dass ich noch da bin. Vielleicht hätte es auch gereicht, wenn jemand nach meinem Austritt einfach mal angerufen hätte, um mich zu fragen, was denn da los war.“ (S. 33)

„Wir alle haben Zweifel, Fragen oder benötigen Sinnbilder für schwierige Situationen. Ich glaube, dass eine Person, die sich wahrhaftig mit Glaubensfragen auseinandergesetzt hat, ein spannender Gesprächspartner sein kann. Irgendwas muss die Kirche ja zu bieten haben, immerhin gibt es sie schon seit zwei Jahrtausenden.

 […] Ich will als Mitglied ernst genommen werden. Ich will eine offene, leicht zugängliche Organisation, die mir in meinen Lebenssituationen hilft. Ich will mitbestimmen, was mit meinem Geld passiert. Ich will Diskussionen über aktuelle, relevante Fragen führen – gerne auch über Glaube und Gott. Was wäre dafür nötig gewesen? Ein, zwei persönliche Kontakte, vielleicht ein tiefergehendes Gespräch. Das hätte wohl gereicht. Schade eigentlich.“ (S. 40f.)

Holtes kundenmäßige Anspruchshaltung, die er mit Flügge teilt, macht ihn zwar auch nicht unbedingt sympathisch, aber die Aussage, dass die Kirche – die ja einen Missionsauftrag erhalten hat – aktiv zu denen gehen muss, die von ihr weggedriftet sind, wenn sie sie noch erreichen will, kann man ja trotzdem mitnehmen.

Abschließend: Ja, ein paar sinnvolle praktische Ideen stecken in dem Buch, die man auch hätte in einem rechtgläubigen Rahmen vorbringen können. Aber die Art, wie sich Flügge seine „Kirche für viele“ vorstellt, wie seine Hausbesuche konkret aussehen sollen… da soll eine Kirche von Individualisten entstehen, die sich alle ihren eigenen Glauben suchen, aber dabei auch nichts so Genaues wissen. Dieser Glaube muss sich erst formen – und kann sich auch in der Zukunft zu etwas ganz anderem formen, als er bisher war. Wer braucht einen solchen Glauben?

Verratet unsere Märtyrer nicht!

In der Diskussion darum, ob Wiederverheiratet-Geschiedene nun zur Kommunion gehen dürften oder nicht, erhält eine Bibelstelle, die das Thema Wiederheirat betrifft, überraschend wenig Beachtung. Der letzte Prophet des Alten Bundes, der Vorläufer des Herrn, über den dieser sagt „Unter den von einer Frau Geborenen ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer“ (Matthäus 11,11), wurde ins Gefängnis geworfen und schließlich getötet, weil er seinem König gesagt hatte, dass dieser seine geschiedene Schwägerin nicht heiraten dürfte: „Herodes hatte nämlich Johannes festnehmen und in Ketten ins Gefängnis werfen lassen wegen der Herodias, der Frau seines Bruders Philippus. Denn Johannes hatte zu ihm gesagt: Es ist dir nicht erlaubt, sie zur Frau zu haben. Dieser wollte ihn töten lassen, fürchtete sich aber vor dem Volk; denn man hielt Johannes für einen Propheten. Als aber der Geburtstag des Herodes war, tanzte die Tochter der Herodias vor ihnen. Und sie gefiel Herodes, sodass er mit einem Eid zusagte, ihr zu geben, was immer sie sich wünschte. Sie aber, angestiftet von ihrer Mutter, sagte: Gib mir hier auf einer Schale den Kopf Johannes’ des Täufers! Und der König, der traurig wurde wegen der Eide und wegen der Gäste, befahl, den Kopf zu bringen. Und er schickte und ließ Johannes im Gefängnis enthaupten. Man brachte seinen Kopf auf einer Schale und gab ihn dem Mädchen und sie brachte ihn ihrer Mutter. Und seine Jünger kamen, holten den Leichnam und begruben ihn. Dann gingen sie und berichteten es Jesus.“ (Matthäus 14,3-12) In der Bibel scheinen Patchworkfamilien irgendwie nicht so gut zu funktionieren.

(Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers in einem Gemälde von Carlo Dolci, Wikimedia Commons)

Etwa fünfzehn Jahrhunderte später war wieder ein König unzufrieden damit, dass „bis dass der Tod uns scheidet“ wirklich „bis dass der Tod uns scheidet“ heißen sollte, und wieder mussten andere dafür mit dem Leben bezahlen. Heinrich VIII. erklärte sich 1534 zum Oberhaupt der Kirche von England, damit er seine Ehe mit Katharina von Aragon, die der Papst für gültig und damit unauflöslich befunden hatte, für ungültig erklären und Anne Boleyn heiraten konnte. Sein Lordkanzler Thomas Morus trat von seinem Amt zurück und zog sich in sein Privatleben zurück, weil er diese Entscheidungen nicht mittragen konnte; aber Heinrich war nicht damit zufrieden: Thomas sollte einen Eid auf ihn als Oberhaupt der Kirche leisten. Da Thomas Morus dazu nicht bereit war und immer noch nur den Papst als Kirchenoberhaupt anerkennen wollte, wurde er in den Tower gesperrt und 1535 schließlich geköpft. Ebenso erging es Kardinal John Fisher, dem einzigen der englischen Bischöfe, der den Suprematseid auf Heinrich nicht leistete.

  

(Thomas Morus, links, und John Fisher, rechts, beide Darstellungen von Hans Holbein dem Jüngeren, Wikimedia Commons)

Weitere dreihunderfünfzig Jahre später konvertierten einige Pagen am Hof eines anderen Königs, Mwanga II. von Bugunda (heutiges Uganda), zum Christentum – einige zur katholischen, andere zur anglikanischen Kirche. Mwanga fielen sie bald negativ auf: Plötzlich waren sie nicht mehr bereit, als seine Geliebten zu dienen. Die christlichen Pagen wurden also im Jahr 1886 hingerichtet, die meisten von ihnen in Namugongo auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

(Die Märtyrer von Uganda, in der Mitte Charles Lwanga, Darstellung von Albert Wider)

Mit anderen Worten: Wir haben Heilige, die umgebracht wurden, weil sie nicht bereit waren, die Wahrheit über die Unauflöslichkeit der Ehe, die Autorität des Papstes oder die Tatsache, dass homosexuelle Handlungen gegen Gottes Gebote sind, preiszugeben. Können diejenigen Christen, die solche Überzeugungen am liebsten aus der Lehre der Kirche tilgen würden, diese Heiligen noch verehren? Oder würden sie Johannes den Täufer, Thomas Morus und Charles Lwanga lieber als bigotte / diskriminierende / ultramontane / homophobe Fanatiker aus dem Heiligenkalender werfen? Wenn wir „barmherzig“ gegenüber (bestimmten) Sünden sein wollen (womit meistens gemeint ist, sie zu Nichtsünden zu erklären, was dann auch keine Barmherzigkeit mehr nötig machen würde), dann vergessen wir bitte nicht, wofür einige unserer Märtyrer ihr Leben gegeben haben. Wenn John Fishers Sturheit nicht in das ökumenische Konzept zu passen scheint, das man sich für die Zusammenarbeit mit den Anglikanern zurechtgelegt hat, ist vielleicht an diesem Konzept etwas falsch. Die Unauflöslichkeit der Ehe ist nicht vernachlässigbar, nicht verhandelbar, nicht unwichtig; genausowenig die Einheit der Kirche unter dem Bischof von Rom. Bitte verraten wir unsere Märtyrer nicht. Kein weltlicher Herrscher ist unser Kirchenoberhaupt und hat uns was zu unserem Glauben zu sagen.

(Nicht mal, wenn derjenige so höfliche Worte findet wie Herr Steinmeier auf dem Katholikentag für seine Bitte, dass wir doch unseren Eucharistieglauben aufgeben sollten, um mit den Lutherischen besser auszukommen.)

Die „Alleluia Community“ in Augusta, Georgia: Ein bisschen Recherche zu einer ökumenisch-charismatischen Bendikt-Option-Gemeinschaft

Ich habe in meinem Artikel über die Benedikt-Option erwähnt, dass es in dem Buch zwar eher um Familien, Pfarreien, christliche Schulen usw. geht, dass Dreher aber auch ein paar enger gestrickte Laiengemeinschaften würdigt. Der Autor geht auf keine dieser Gemeinschaften näher ein, in  dem Sinne, dass er ihre Struktur genau erklären würde, sondern er baut eher kurze Stellungnahmen von Mitgliedern über ihre positiven Erfahrungen in seinen Text ein. Aber ich  bin neugierig drauf geworden, wie so etwas in der Praxis aussieht, und weil ich zu „Tipi Loschi“, der italienischen Gemeinschaft, die Dreher am ausführlichsten würdigt, hauptsächlich italienischsprachige Internetseiten gefunden habe, habe ich mich entschieden, zu einer anderen im Buch kurz erwähnten Gemeinschaft ein bisschen im Internet zu recherchieren: Der 1973 gegründeten, ökumenischen, charismatisch orientierten „Alleluia Community“ in  Augusta, Georgia. (Jo, „1973“, „ökumenisch“, „charismatisch“ – ich bin schon mal skeptisch…)

Die offizielle Webseite dieser Gemeinschaft unter www.yeslord.com ist gerade nicht erreichbar, leider. Aber immerhin habe ich ein Video auf ihrem Youtube-Kanal gefunden, auf dem die „Alleluia Community“ vorgestellt wird:

Außerdem hat ihre Schule eine Webseite, und auf ein paar Blogs finden sich Aussagen von Mitgliedern und Ex-Mitgliedern. Hier etwa wäre ein Artikel einer Frau, die seit Jahrzehnten Mitglied ist (seit sie 22 ist), und die das Leben dort als ziemlich idyllisch schildert.

Hier mal zunächst, was ich bei einigen Pro-Alleluia-Community-Quellen gefunden habe:

Viele der Mitglieder leben in derselben Nachbarschaft von Augusta, die sie „Faith Village“ nennen. Das, was sie bei ihrem Beitritt suchten, war laut ihren Aussagen vor allem ein bewusstes Leben in christlicher Gemeinschaft, zusammen mit Nachbarn, die sich gegenseitig helfen, die einander ein christliches Leben vorleben, und die einen auch notfalls auf die eigenen Fehler aufmerksam machen. Die  Frau in dem oben verlinkten Blogpost schreibt:

 „Wir tun hier in der Alleluia Community viele gute und nützliche Dinge. Wir bilden Fahrgemeinschaften und treiben zusammen Sport. Wir helfen uns gegenseitig bei Geburten und bringen Essen vorbei, wenn das Baby geboren ist. Wir helfen den Älteren und kümmern uns um die Kranken. Wir betreiben eine Schule! Wir campen zusammen und konsumieren viel zu viel mexikanisches Essen. Gute, gute Sachen. Ich liebe das alles.“ (Übersetzung von mir)

Eltern in dem Video erklären, dass sie es schätzen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen, welchen Umgang ihre Kinder haben; die Kinder könnten den ganzen Tag draußen in der Nachbarschaft herumlaufen, seien überall willkommen und könnten in den Gärten mit den Kindern der Nachbarn spielen. Wenn ein größeres Stück Arbeit ansteht, z. B. die Renovierung eines Hauses, organisiert die Gemeinschaft „work parties“, bei denen Mitglieder zusammenkommen und anpacken.

Die Gemeinschaft ist selbst keine Kirche, sondern ist bewusst ökumenisch aufgebaut; man muss einer anderen Kirche angehören, wenn man Mitglied bei der „Alleluia Community“ sein will. Viele Mitglieder sind anscheinend charismatische Katholiken. Zusammen will man dem einen Herrn Christus dienen. In dem Video spricht auch ein katholischer Priester, der hervorhebt, dass die Leute in der Gemeinschaft nicht nur sonntags zur Messe gingen, sondern sich um tägliches Gebet, Bibelstudium usw. bemühten – ein „radikal christliches“ Leben, wie Rod Dreher wohl sagen würde. Zur Arbeit an der eigenen Heiligkeit gehört es für den Priester „[to] never become satisfied and  never become complacent“ (ab ca. 8:46), d. h. sich nie zufrieden zu geben, nie selbstzufrieden und selbstgefällig zu werden – immer weiter zu machen. Das Video zeigt immer wieder Szenen, bei denen sich Leute in einer Halle versammelt haben, wo auf der Gitarre gespielt und gesungen wird, und die Anwesenden im Gebet die Hände in die Luft strecken. Nicht mein Geschmack, was Gebetstreffen angeht, aber wer’s mag.

Aber wie sieht jetzt die konkrete Organisation aus? Welche regelmäßigen Veranstaltungen gibt es, wer führt die  Gemeinschaft, wie sieht es mit den  Finanzen aus, wie gestaltet sich das schulische Leben in der von der Gemeinschaft aufgebauten Schule, welche Verpflichtungen geht man ein, wenn man den „Covenant“ („Bund“, „Vertrag“) unterzeichnet, mit dem man der „Alleluia Community“ beitritt?

Offensichtlich gibt es regelmäßige gemeinsame Gebetsabende (das Elternhandbuch auf der Schulwebseite erwähnt, dass an Freitagen keine Tests geschrieben werden, um es den Kindern zu  ermöglichen, an den Gebetstreffen an den Donnerstagabenden teilzunehmen) und kleinere „support groups“, die sich auch regelmäßig treffen. Das Video bleibt hier sehr vage.

Was die Schule angeht, die versteht sich laut dem „Family Information Handbook“ als Ergänzung zur vorrangigen Erziehungsarbeit der Eltern, die ihnen von Gott aufgetragen sei. Ein zentrales Ziel der Schule sei es, den Kindern das Evangelium zu präsentieren. Nur Kinder aus Mitgliederfamilien werden aufgenommen und auch die Lehrer müssen Mitglieder der Gemeinschaft sein und leisten einen Teil ihrer Arbeit ehrenamtlich; weil die Gemeinschaft nicht genug ausgebildete Lehrer hat, machen oft geeignete Quereinsteiger diesen Job, und deshalb war die Schule zunächst nicht staatlich anerkannt (erlaubt war ihr Betrieb nach den US-Gesetzen trotzdem; das zählte wohl wie Heimunterricht durch die Eltern).  Alle Mitglieder zahlen 6% ihres Bruttoeinkommens an die Gemeinschaft für den Betrieb der Schule (außerdem zahlen sie anscheinend weitere 10% an die Gemeinschaft an sich, den klassischen „Zehnten“, wie ich anderswo gelesen habe). Die Schulfächer sind Ökumenischer Religionsunterricht („Multi-denominational religious instruction“), Einführung in die christliche Philosophie, Mathematik, Naturwissenschaft, Englisch, Sozialkunde, Spanisch, Informatik, Lebenskunde („Life Skills“), Sport, Geschichte und Sitten der Familie („Family History and Mores“) und Gemeinschaftsformierung/Lebenserfahrung („Community Formation / Life Experience“); dazu gibt es noch Wahlfächer. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, was man in „Geschichte und Sitten der Familie“ lernen soll; dieses Fach zählt für den Abschluss übrigens ebenso viel wie Mathe oder Englisch und mehr als der Religionsunterricht oder die christliche Philosophie. Der Sport ist anscheinend ein wichtiger Teil des schulischen Lebens; jedenfalls widmet das Handbuch ihm viele seiner Seiten. Es gibt Schuluniformen, zu denen für Mädchen khakifarbene Röcke ohne Verzierungen zählen, die mindestens bis zum Knie reichen müssen. In dem Video auf Youtube werden auch Schüler interviewt, die erzählen, dass ihnen an der Schule vor allem die kleinen Klassen gefallen, die Tatsache, dass jeder jeden kennt. Auch der Direktor (?) spricht über seine Schule, und er erwähnt (ab ca. 18:14), dass sie eine „dating policy“ hat (d. h. Regeln, was romantische Beziehungen unter den Schülern angeht), die verhindern soll, dass die Jugendlichen sich zu früh in Beziehungen stürzen. Leider wird es nicht detaillierter.

Aber jetzt zu dem „Bund“, den die Mitglieder unterzeichnen. Wie gesagt, die offzielle Webseite erreiche ich nicht, aber ein katholischer Blog, der sich kritisch mit bestimmten Laiengemeinschaften („Covenant communities“) befasst, hat den Text hier online gestellt. Übersetzt lautet er:

„Der Bund der Alleluia Community

 JESUS IST UNSER HERR!

 Der Herr hat uns gerufen, mit Ihm und miteinander einen feierlichen Bund einzugehen, um ein Volk des Lobgesangs zu sein. Wir nehmen die Herrschaft Jesu in unserem Leben an, als Einzelne und als ein Volk. Er hat unsere Isolation zerstört und uns zusammengeführt.

 Wir verpflichten uns vollständig zu unserer Unterordnung unter unsere vorrangigen Bundesverpflichtungen zur Ehe, dem Zölibat und der Kirche [„church“ hier kleingeschrieben, wie es in protestantischen Kreisen üblich ist; d. h. es ist nicht die Kirche gemeint, sondern die jeweilige Gemeinde, der der einzelne angehört], und als Brüder und Schwestern im Herrn vertrauen wir unsere Leben Ihm und einander in Ihm an. Wir versprechen, einander aufzurichten, zu ermahnen, zu warnen und einander zuzuhören; rasch bereit zu sein, zu vergeben und um Vergebung zu bitten; einander zu helfen, Seinen vollkommenen Willen in allen Dingen zu suchen. In Seiner Freude und Seinem Frieden, daher, übergeben wir unsere Leben an Jesus; alles Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige, und wir stimmen zu:

  1. einander als Brüder und Schwestern in Christus zu lieben.
  2. unseren Verpflichtungen zum Gemeinschaftsgebet, zur Gemeinschaftspflege [„fellowship“ meint in vielen Kirchen gesellige Veranstaltungen, z. B. ein gemeinsames Mittagessen nach dem Sonntagsgottesdienst o. Ä.] und zum Dienst [mit „service“ könnte gegenseitiger Dienst im Sinne von Hilfe bei Renovierungsarbeiten, oder aber auch Gottesdienst gemeint sein] nachzukommen, wobei wir immer die Vision und das Wachstum suchen werden, zu dem der Geist uns ruft.
  3. Verantwortung für die Ordnung der Gemeinschaft zu akzeptieren.
  4. das Wachstum der Gemeinschaft zu fördern, indem wir die Verantwortung für ein Programm der christlichen Initiation und Gemeinschaftsbildung annehmen.
  5. die Leitungsgewalt der Koordinatoren anzuerkennen, und stimmen zu, ihnen zu gehorchen, sie zu korrigieren und für sie zu beten.
  6. unsere finanzielle Verantwortung für die Gemeinschaft zu akzeptieren.
  7. angehalten zu werden, diesem Bund zu folgen, und einander dazu anzuhalten.

Wir versprechen, einander zu lieben und einander zur Heiligkeit zu rufen. Wir glauben, dass das der Weg ist, den Gott für unsere Heiligung gewählt hat. Wir bitten Ihn willig, ihn zu benutzen. Wir sehen dies als eine feierliche und ernste Verpflichtung an, die wir mit gutem Gewissen, aus freien Stücken und im Glauben eingehen.“

Dieser Text klingt meiner Ansicht nach… ziemlich vage.

Weder sind die Dienste an der Gemeinschaft genau festgelegt, noch sind die Grenzen des Gehorsams gegenüber den Koordinatoren umschrieben. (Das Wort, das ich hier mit „Leitungsgewalt“ übersetzt habe, lautet übrigens im Original „headship“ und hat besondere biblische Konnotationen: Christus ist „head“, also „Haupt“, der Kirche.) Auch die Aussage, dass der Herr selbst die Leute zu dieser Gemeinschaft geführt habe, klingt… na ja, irreführend. Oder übertrieben, besser gesagt. Nicht immer müssen die eigenen Überlegungen dazu, was das Beste für das persönliche Leben als Christ sein könnte, göttlich inspiriert sein. Woher sind die Unterzeichner sich sicher, dass Gott wirklich von ihnen will, in genau dieser Gemeinschaft zu leben – und nicht auch mit etwas anderem zufrieden sein oder das sogar besser finden könnte? Wie können sie so selbstsicher diese Aussage treffen?

Auf dem oben verlinkten Blog haben Ex-Mitglieder der „Alleluia Community“ kommentiert. „Anonymous“ (der oder die übrigens immer noch ausdrücklich katholisch ist) zitiert aus mehreren Veröffentlichungen der „Alleluia Community“, darunter folgende:

„Von denen, die Alleluia beitreten, wird erwartet, dass sie sich in vorrangiger Weise verpflichten, unsere christlichen Ideale in Gemeinschaft mit denen zu leben, die eine ähnliche Sehnsucht haben und ähnlichen Einsatz zeigen. Das bedeutet, ihre Zeit und ihr Einkommen, ihr ganzes Leben, der Gemeinschaft zu verpflichten, bis zu welchem Maß auch immer es notwendig ist, um ihr [der Gemeinschaft] Leben und ihre Mission zu fördern.“

In einem anderen Kommentar zitiert „Anonymous“ eine „Lebensregel“ der Gemeinschaft von 2008, in der es dann mal konkreter wird. Ich fasse die Punkte mal auf Deutsch zusammen und lasse dabei die langen einleitenden Sätze aus, damit dieser Artikel nicht schon wieder so überlang wird:

  1. Jedes Mitglied wird jeden Tag eine Gebetszeit einhalten.
  2. Jede Familie wird jeden Tag zusammen beten.
  3. Man wird verlässlich und pünktlich zu den Treffen der Gemeinschaft oder von Untergruppen der Gemeinschaft erscheinen, wenn einem diese Verpflichtung nicht erlassen wurde.
  4. Jedes Mitglied wird sich bei einem Gemeinschaftsdienstteam oder bei einer Evangelisationsaktion oder einem anderen Dienst an der Gemeinschaft beteiligen.
  5. Jedes Mitglied wird ein Programm geistlicher Studien und Schriftlesung einhalten.
  6. Jedes Mitglied wird in seinem Leben Raum schaffen, um auch außerhalb der festgelegten Zeiten Zeit mit anderen Mitgliedern zu verbringen, und, wenn möglich, in ihrer Nähe leben.
  7. Jedes Mitglied wird Gelegenheiten suchen, durch christliche Gastfreundschaft, Evangelisation und gute Werke anderen Jesus und das gemeinschaftliche Leben in ihm zu zeigen.
  8. Jedes Mitglied wird sich treu an eine „headship relationship of care and accountability“ halten. [D. h. jeder soll jemand über ihm als geistlichen Leiter oder so etwas haben. Anscheinend gehört das zu dem System mit den „support groups“.]
  9. Jedes Mitglied mit Kindern wird seine Kinder zur Beteiligung am Gemeinschaftsleben führen und sie als fromme Söhne und Töchter erziehen.
  10. Jedes Mitglied wird wöchentlich fasten.
  11. Jedes Mitglied wird danach streben, Christus in jedem Gedanken ähnlich zu werden, so dass wir alle die Freude und den Frieden ausstrahlen, Gottes Volk zu sein.
  12. Jedes Mitglied wird nach Heiligkeit streben und die höchsten Standards von Moral und kulturellem Ausdruck erstreben. Kultureller Ausdruck schließt solche Dinge wie Mediennutzung, Sittsamkeit, Mode, Sitten bei „dating and courtship“ etc. ein. [„Dating and courtship“ lässt sich schwierig übersetzen, weil diese Schlagworte im US-amerikanischen Kontext eine ganz bestimmte Bedeutung haben. Viele konservative amerikanische Christen sehen klassische „Dating“-Beziehungen wegen ihrer Unverbindlichkeit und weil sie oft jahrelang nicht zu einer Ehe führen würden, kritisch, und meinen, es brauche statt „dating“ „courtship“, d. h. wenn ein Mann einer Frau „den Hof macht“ – er hat die Initiative zu ergreifen, und bei den konservativeren Leuten, die dieser Ansicht folgen, soll er auch noch zuerst das Einverständnis ihrer Eltern einholen („parent-led courtship“) – muss das Ganze „intentional“ sein, d. h. es muss von Anfang an klar sein, dass es darum geht, zu prüfen, ob der andere ein passender Ehepartner ist, und wenn es absehbar ist, dass die Beziehung nicht zu einer Ehe führen wird, gibt man sie wieder auf; es soll nicht darum gehen, sich einfach zum Spaß zu treffen.]
  13. Jedes Mitglied wird das Alleluia-Bildungsprogramm absolvieren, ihm zustimmen, es regelmäßig erneut durchsehen und seine Lehren ausleben.
  14. Jedes Mitglied wird treu an der Alleluia-Gebetswache teilnehmen.
  15. Jedes Mitglied wird ein monatliches Budget vorbereiten und seine Zeit einplanen, um für seine Familie zu sorgen, innerhalb seines Einkommens zu leben, und ein Leben christlicher Einfachheit zu leben.
  16. Jedes Mitglied wird sich an die gegenwärtigen finanziellen Bestimmungen der Gemeinschaft halten.
  17. Jedes Mitglied wird in einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus sein, und erfüllt mit und offen für die Gaben des Heiligen Geistes.
  18. Jedes Mitglied wird treu darauf sehen, im Einklang mit seiner Konfession zu sein und wird die Unterschiede in anderen Konfessionen respektieren, während es ein Leben zu leben sucht, das auf allem basiert, was gut und wahr ist.
  19. Jedes Mitglied wird den Beginn und das Ende des Tages des Herrn anerkennen und wird Geschäftstätigkeit und Reisen, die nicht einem geistlichen Zweck oder der Erholung dienen, auf ein Minimum begrenzen.
  20. Jedes Mitglied stimmt zu, Lästereien, üble Nachrede, Entzweiung oder den Geist der Parteiungen zu vermeiden und die Prinzipien und Methoden von Matthäus 18,15-17.65 auszuleben.
  21. Jedes Mitglied wird danach streben, andere mit der Sprache und mit äußeren Zeichen der Liebe, der Achtung und des Respekts zu ehren.
  22. Jedes Mitglied wird nach den Übereinkünften der Gemeinschaftsleitung leben und sie sich zu eigen machen. Jedes Mitglied wird der zuständigen Autorität Korrekturen und Verbesserungsvorschläge vorbringen und für die Leiter der Gemeinschaft beten.
  23. Jedes Mitglied wird treu nach den biblischen Modellen der Rollen von Männern, Frauen, Kindern und der Familie leben. [Hier fände ich es wieder interessant, Genaueres zu fahren. Es gibt nämlich protestantische Kreise in den USA, für die „biblical role models“ grundsätzliche Unterordnung und Gehorsam der Frau gegenüber dem Mann – außer vielleicht, er würde Sünde befehlen – bedeutet, und evtl. auch, dass Frauen unter keinen Umständen außer Haus arbeiten dürften. Es gibt auch Protestanten, für die es zum biblischen Familienmodell gehört, dass Eltern bei Hochzeitsplänen ihrer Kinder ihre Zustimmung erteilen müssen, was ganz eindeutig unkatholisch ist. Aber, wie gesagt, nicht jeder versteht unter den „biblical role models“ dasselbe…]
  24. Jedes Mitglied wird gegen den Teufel, sein eigenes Fleisch und die Irrtümer einer weltlichen Weisheit, die Christus leugnet, kämpfen, und wird den Dienst in Bereichen suchen, die seine Fähigkeit behindern, ein heiliges Leben oder unser gemeinsames Leben zu leben.
  25. Jedes Mitglied wird die Mitteilungen der Gemeinschaft (wie: Konsultationen, „the Dove“, Gebetsketten, Worte, Memos, etc.) lesen und auf passende Weise auf sie antworten.
  26. Jede Frau wird eine Beziehung der Unterstützung mit einer Älteren Frau suchen. [Ja, „Older Woman“ ist hier großgeschrieben. Ich erkenne den Einfluss von Titus 2,3-5 – eine beliebte Stelle in der protestantischen Frauenseelsorge.]
  27. Jeder, der eine Mitgliedschaft anstrebt [„Underway member“] stimmt zu, nach unserem Bund zu leben, indem er unsere Lebensregel annimmt und auslebt.
  28. Jedes Mitglied stimmt zu, dass dies der Weg ist, den Gott für seine Heiligung ausgewählt hat, und dass es diesen Weg guten Gewissens, aus freiem Willen und im Glauben gewählt hat, und stimmt des weiteren zu, zu den höchsten Standards des gemeinschaftlichen Lebens angehalten zu werden.

Puh.

Das Seltsame an dieser Lebensregel ist, wie ich finde, dass sie immer wieder ganz unkonkrete Dinge befiehlt, die man nicht wirklich überprüfen kann – alle Mitglieder sollen Freude zeigen, eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus haben und von den Gaben des Heiligen Geistes erfüllt sein (als ob man die einfach so herbeizitieren könnte). Ein Leiter kann objektiv überprüfen, ob jemand seine Mitgliedsbeiträge bezahlt hat – aber ob jemand ausreichend von Freude erfüllt ist? Und dann wird wieder darauf bestanden, dass genau diese Gruppe Gottes Weg für das Leben der Mitglieder ist – mit anderen Worten, es wird unterstellt, dass sie zwangsläufig sündigen würden, wenn sie wieder austreten würden.

Jetzt von den Quellen aus der Gemeinschaft zur Kritik mancher Ex-Mitglieder, die ja auch in den Kommentaren auf diesem Blog geäußert wird:

„Anonymous“ kritisiert die Vagheit der Gehorsamsverpflichtung, den Druck und Gruppenzwang, der in der Gemeinschaft geherrscht habe, und dass zu hohen Spenden an die Gemeinschaft ermutigt worden sei, und erzählt des weiteren:

  • dass junge Singles, die der Gemeinschaft beitraten, dazu ermutigt wurden, bei einer Familie zu leben und ihre eigene Haushaltseinrichtung an andere Mitglieder abzugeben, und dann später, wenn sie einen eigenen Haushalt gründeten, oft ohne Habseligkeiten dastanden, weil sie dann auch nichts von der Gemeinschaft zurückbekamen;
  • dass die Männer einander bei ihren regelmäßigen Treffen auch ihre Familienbudgets für den nächsten Monat präsentierten und da natürlich ein gewisser Druck vorhanden war, wofür man Geld ausgeben oder nicht ausgeben durfte;
  • dass, wenn von der Gemeinschaft dazu „ermutigt“ wurde, sich an bestimmten politischen Events in der Gegend zu beteiligen, es ganz klar erwartet wurde, dass jeder auftauchte, ob es ihm nun gerade passte oder nicht;
  • dass viele Eltern, wenn ihre Kinder psychisch/soziale/gesundheitliche Probleme hatten, es vorzogen, sich zu einem Beratungsgespräch mit jemandem aus der Gemeinschaft zu treffen, statt mit ausgebildeten Psychologen oder Ärzten, da sie jedes Problem für ein geistliches Problem hielten;
  • dass die Gemeinschaft häufig „Befreiungsgebete“ durchführte, um ihre Mitglieder von dämonischen Einflüssen zu befreien (was in der katholischen Kirche Laien nicht erlaubt ist!).

(Ein anderes ehemaliges Mitglied der „Alleluia Community“ („flobi“) beantwortet übrigens die Frage eines anderen Kommentators nach der „dating policy“: Die Gemeinschaft verbietet romantische Paarbeziehungen, bis die Kinder aus der Schule sind. Interessant.)

Auf demselben Blog befasst sich auch noch ein etwas älterer Artikel mit der „Alleluia Community“. Die Verfasserin ist mit einer Familie bekannt, die aus beruflichen Gründen die Gemeinschaft verlassen hat, und, obwohl sie jetzt anderswo wohnt, offiziell noch dort Mitglied ist. Sie schreibt u. a.:

„Das Gedankengut dieser Gemeinschaft durchdringt ihr Denken und ihre Sprache immer noch. Eine gemeinsame Freundin, die mit dem Vater im Katechumenatsprogramm arbeitet, rief mich an, um eine Aussage des Vaters ihr gegenüber zu verstehen, als sie ihn nach seiner Meinung zu einem theologischen Aspekt des Katechumenatskurses fragte, den sie abhielten. Er sagte, dass er ihr nicht antworten könnte, weil er sich nicht in ihre geistliche Beziehung mit ihrem Ehemann einmischen wollte. Ich konnte diese Aussage zuerst nicht verstehen, aber dann dämmerte es mir, dass er dachte, dass sie und ihr Ehemann eine Beziehung der geistlichen Leitung [„headship relationship“] hatten (oder haben sollten) und dass ihr Ehemann ihr EINZIGER geistlicher Begleiter war und niemand das ersetzen oder darauf aufbauen konnte. Das passierte erst vor ein paar Monaten, zwei Jahre nach ihrem Umzug hierher.“ Mit anderen Worten, diese Leute halten eine blödsinnige, in manchen protestantischen Kreisen verbreitete Auslegung von 1 Kor 14,34f. für normativ für alle Katholiken.

„Anonymous“ hat auch hier kommentiert und erwähnt u. a.:

  • Die Gemeinschaft veröffentliche nicht, wie andere „non-profit“-Organisationen, ihre jährlichen Finanzen und lasse sie die Mitglieder auch nicht auf Anfrage einsehen („Anonymous“ sei mit der Aussage abgewimmelt worden, dass das alles zu schwer verständlich sei).
  • Jeder sei dazu angehalten gewesen, alles Mögliche den Leitern zu melden, was sie brauchen könnten, um ihre Aufgabe zu erledigen, also herrschte keine Atmosphäre des Vertrauens unter den Mitgliedern, da ja alles und jedes weitergesagt werden könnte.
  • Andererseits sollte man auch seinem „head“ (geistlichen Leiter) alles erzählen, was einen bewegte; sonst gelte man nicht als gutes Mitglied.
  • Die Gemeinschaft habe sich sehr stark an „Prophezeiungen“ gehalten, die die Leute z. B. in den Gebetsgruppen „erhielten“, und in denen es zum Beispiel darum ging, wie lange der einzelne jeden Tag beten sollte; „Anonymous“ hält diese Prophezeiungen nicht für authentisch, sondern für vom Unterbewusstsein hervorgerufen.
  • Während der Bischof klargestellt habe, dass der „Bund“ der Gemeinschaft keine solche Verpflichtung wie die Ehe sei, sondern ein einfaches Versprechen (an das man sich nicht unter allen möglichen zukünftigen Umständen halten muss), habe die Gemeinschaft den Bund als etwas absolut Bindendes wie den Ehebund hingestellt.

Ein anderer Kommentator („Brainwashed“), der ebenfalls früher zu der Gemeinschaft gehörte, erzählt, dass er sich an ein Treffen zwischen dem Bischof von Savannah und der Gemeinschaft erinnere, bei dem der Bischof gesagt habe, dass die „Befreiungsgebete“ durch Laien aufhören müssten. Zudem hätte er seine Bedenken wegen der „headship“-Beziehungen, d. h. der geistlichen Leitung durch Laien, ausgedrückt. „Brainwashed“ möchte die Gemeinschaft nicht eine Sekte nennen, weil es sich nicht mit anderen Sekten vergleichen ließe, aber es gäbe gewisse Ähnlichkeiten.

Ein anderer Artikel auf einem christlichen Blog ist vielleicht auch noch interessant. Der Autor erzählt, wie er zusammen mit seiner Frau in den 80ern zur „Alleluia Community“ gefunden hat. Er berichtet über seinen anfänglichen Kontakt mit der Gemeinschaft:

„Während wir bei unserem [ersten] Besuch an diesem Tag am Gemeinschaftsleben teilnahmen, trafen wir uns zweimal mit Dale, dem Mann, der das Mittagsgebet geleitet hatte, und der auch ein Gemeindegründer und -ältester war. Dale war anders als jeder, den wir jemals getroffen hatten; er war bekannt für seine geistliche Einfühlsamkeit und sein geistliches Unterscheidungsvermögen und dafür, bewusst sehr wenig zu sagen. Er kam auf den Punkt und ermutigte uns nicht wirklich, Alleluia wieder zu besuchen, wenn wir nicht ‚berufen’ wären.

 Wir versuchten, Dale über die Sendung der Gemeinschaft auszufragen. Was war es? Was war ihre Aufgabe? Er antwortete immer nur: ‚Ein Volk zu sein’. Die Gemeinschaft strebte danach, dass jeder, für den sie sorgte, im Heiligen Geist getauft wurde, und hart daran zu arbeiten, ‚ein Volk zu sein’, was für sie hieß, zusammen wie eine christliche Familie zu leben.“

Es kommt mir seltsam vor, wenn jemand nicht für genauere Erklärungen zu seiner Organisation zu haben ist.

Der Autor hatte wegen der damals in den frühen 80ern anscheinend ziemlich heruntergekommenen Nachbarschaft Bedenken; aber später kam er mit seiner Familie doch wieder mehrere Male zu Besuch:

„Diese Wochenenden waren für uns alle gerammelt voll. Wir wurden bei verschiedenen Familien untergebracht, um in ihren Häusern zu übernachten und mit ihnen Gemeinschaft zu erfahren. […] Mehrere Male hatten wir unsere Gastgeber nicht getroffen, bevor wir ihr Zuhause erreichten. […] Wir wurden immer mit größer Wärme und Akzeptanz behandelt. Ihre Kinder nannten uns immer Tante Nancy, Onkel Gary und ‚Franma’. Ihre Liebe zu Jesus zeigte sich in ihrem Umgang mit uns.“

Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Mir kommt eine Gemeinschaft, in der es von der christlichen Nächstenliebe der Mitglieder erwartet wird, jederzeit völlig Fremde zu beherbergen, eher suspekt und übergriffig vor.

Über das Gemeinschaftsleben heißt es weiter:

„Alleluia hielt am Samstagmorgen Kurse für die neueren Leute ab, eine ‚work party’ am Nachmittag, und ein Herrentagsmahl am Samstagabend. Die Sonntage waren voll: Frühstück, dann Gemeindegottesdienste, Brunch, und das wöchentliche Gemeinschaftstreffen am Sonntagnachmittag. Am Ende des Treffens legten uns Gemeinschaftsmitglieder die Hände auf, beteten für unsere Heimreise, und sagten uns, dass es ihnen leid täte, dass wir nicht bleiben und ‚Gemeinschaft erleben’ konnten.“

Schließlich waren er und seine Frau so beeindruckt davon, wie radikal christlich diese Leute lebten, dass sie der „Alleluia Community“ beitraten:

„Nancy und ich waren es beide müde, von Gläubigen enttäuscht zu werden, die eifrig ein Stück des Weges gehen würden, und dann nicht weiter. Es war offensichtlich anhand der kostspieligen Umzüge, die viele Mitglieder unternommen hatten, um zu Alleluia zu kommen – sie hatten ihr Zuhause, Familien, Freundschaften, Jobs und sogar Karrieren hinter sich gelassen –, dass sie die Kosten nicht aufrechneten. Sie hatten ihre wertvolle Perle gefunden und auf den Ruf zu diesem neuen Leben geantwortet, wobei sie nicht gewusst hatten, was es mit sich bringen möchte. Viele von ihnen waren ehemalige Leiter von Gebetsgruppen in ihren Kirchen, aber hatten das bereitwillig wegen dieser höheren Berufung hinter sich gelassen, und am untersten Level in der Gemeinschaft einen neuen Anfang gemacht, in Übereinstimmung mit Gottes Plan für ihr Leben. Nancy und ich wollten unter Gläubigen mit diesem Level an Einsatz leben.“

Das, muss ich sagen, klingt nun problematischer als der ganze Rest von oben. Es scheint in den offiziellen Aussagen der Gemeinschaft oder auch bei dem Priester in dem Video immer wieder durch, aber hier kommt es klar zum Ausdruck: Die „normalen“ Christen, die nicht in ähnlichen Gemeinschaften leben, hält man eigentlich für gar keine richtigen Christen. Sie setzen sich nicht so ein, wie sie es könnten; die „Alleluia“-Christen tun das schon. Mit anderen Worten: Die „Alleluia Community“ fällt in die „Aber ich könnte ja noch mehr tun“-Falle.

Was soll man jetzt abschließend zu dieser Gemeinschaft sagen? Wie eine entsetzliche Sekte klingt sie nicht unbedingt – aber auch eindeutig nicht wie eine Gemeinschaft, in der ich leben möchte. Da muss ich mir eigentlich nicht mal die Kritik anschauen; da reichen schon die offiziellen Regeln und die positiven Erfahrungsberichte. Für mich persönlich würden die Nachteile auf jeden Fall die Vorteile überwiegen; und ich habe auch allgemein gewisse Vorbehalte gegenüber solchen Gemeinschaften. Ein Orden funktioniert in der Regel ganz gut, weil dort ungebundene Einzelpersonen eintreten; eine Familie jedoch ist schon in sich eine Gemeinschaft, da gibt es gegenseitige Verpflichtungen und dann noch die jeweiligen weltlichen Pflichten der Einzelnen, und wenn dann noch umfassende Pflichten gegenüber einer größeren Gemeinschaft hinzukommen, kann es schwierig werden. Gerade dann, wenn zum Beispiel ein Kind ein zeitintensives Hobby außerhalb der Gemeinschaft haben möchte, oder ein anderes einfach introvertiert ist und unter Stress steht, wenn ständig Gemeinschaftsveranstaltungen stattfinden oder man nie seine Ruhe vor den Nachbarn hat…

Außerdem kommt mir die „Alleluia Community“ auch ein bisschen zu… na ja, zu ökumenisch, vor. Nichts gegen ökumenische Organisationen an sich. Aber ich habe den Verdacht, dass eine solche enge Gemeinschaft, auch wenn sie in der Theorie die Kirchengemeinden der Mitglieder als vorrangig bezeichnet, diese Kirchengemeinden in der Praxis ersetzen könnte. Wenn sich ein großer Teil der täglichen Interaktionen und des religiösen Lebens innerhalb der Gemeinschaft abspielen, gerät dann nicht die eigentliche Kirche in den Hintergrund? Besteht nicht die Gefahr, dass die Mitglieder die „Alleluia Community“ für die eigentlich wichtige Gemeinschaft halten und die katholische Kirche (oder ihre eigenen protestantischen Kirchen) für zweitrangig, oder vielleicht sogar für defizitär, weil sie die Konfessionen nicht so verbinde?

Und dann ist da noch das ganze charismatische Zeug, bei dem ich immer Bedenken wegen der Authentizität hätte. Geisttaufe. Routinemäßige „Prophezeiungen“. Und, schlimmer, „Befreiungsgebete“.

Und wenn jemand noch zweifelt: KHAKIFARBENE RÖCKE. Die armen Mädchen, die in der „Alleluia Community“ aufwachsen, müssen zwölf Jahre ihres Lebens an jedem Wochentag khakifarbene Röcke tragen. Nonnengewänder sind wenigstens weiß oder schwarz oder blau.

Legt die Benedikt-Option es darauf an, die lauen Christen aus der Kirche zu vertreiben?

In meiner Besprechung von Rod Drehers „Die Benedikt-Option“ bin ich auf ein Thema nicht eingegangen, um das es letztens auf Tobias Kleins Blog bei einem Vergleich zwischen Drehers Buch und Erik Flügges Neuerscheinung „Eine Kirche für viele statt heiligem Rest“ ging: Geht es bei der Benedikt-Option darum, das Christentum strenger zu machen und den lauen Christen die Tür zu weisen, um so möglichst bald eine kleinere, aber entschieden christliche Kirche zu haben? (Und was wäre von so einer Idee zu halten – unabhängig davon, ob sie in diesem Buch steht?)

Zunächst mal: Ich hatte nicht den Eindruck, dass das Buch sich viel mit diesem Thema beschäftigt – deshalb habe ich wohl auch nicht daran gedacht, in meinem vorigen Artikel darauf einzugehen. Dreher nimmt es für selbstverständlich, dass wir Christen eine Minderheit sind bzw. sein werden, und gibt Tipps dafür, wie man dann als einzelner Christ oder als christliche Familie leben kann. Aber ja, es gibt Stellen wie die folgende, an der er für strengere Kirchenzucht plädiert, die man in diesem Sinne auffassen könnte:

„Wenn Kirchen undiszipliniert sind, werden es auch ihre Mitglieder sein. So entsteht ein Klima, das Unmoral und den Zerfall von Ehen begünstigt. Es lockt Gemeindemitglieder an, die nur dem Namen nach Christen sind.“ (S. 189) Er bringt dann das Beispiel einer Southern-Baptist-Gemeinde, die ihre Mitglieder etwa bei einer Scheidung zunächst ermahnt, dann ausschließt.

Beim Thema Kirchenzucht scheint Dreher meiner Ansicht nach tatsächlich zu sehr von einer (amerikanisch-)protestantischen Ekklesiologie auszugehen (zumindest kommt es in diesem Abschnitt so herüber): Christ – und in diesem Zuge dann wohl auch Mitglied in irgendeiner Gemeinschaft von Christen – wird man grundsätzlich nur aus eigener Entscheidung im Erwachsenenalter; eine Kindertaufe zählt nicht. Hier kann jede Gemeinde (unterschiedliche) strenge Anforderungen stellen, um jemanden als Mitglied zuzulassen, und kann ihn auch leicht wieder ausschließen. Die erwähnte Baptisten-Gemeinde kann ihre Mitglieder bei ihrem Eintritt eine Erklärung unterschreiben lassen, dass sie diese und jene Prinzipien anerkennen und mit der Kirchenzucht einverstanden sind; das liegt an der Struktur des amerikanischen Protestantismus mit seinen vielen Freikirchen. Da entscheidet sich der einzelne Christ für eine bestimmte Gemeinde, und entscheidet sich vielleicht auch immer wieder um. Wem’s nicht passt, der soll halt gehen.

In die katholische Kirche wird man dagegen mit der Taufe aufgenommen; und auch, wenn die Eltern einen nur taufen haben lassen, weil das halt so irgendwie dazugehört, und wenn man nicht viel über seinen Glauben lernt oder klar davon überzeugt ist, ist man dann Mitglied der katholischen Kirche, ein getauftes Kind Gottes und der Kirche, ist man in den Gottesbund aufgenommen worden. (Im Katholizismus gibt es übrigens – auch wenn es in Deutschland einen Kirchenaustritt vor dem Staat gibt – nicht wirklich die Option, einen Katholiken ganz und gar auszuschließen, ihn zum Nichtkatholiken zu machen: „Einmal katholisch, immer katholisch“ (semel catholicus, semper catholicus) ist ein Prinzip des Kirchenrechts. Sicher gibt es die Exkommunikation, die bei bestimmten Vergehen sogar automatisch eintritt, aber sie ist eine sog. Beugestrafe, d. h. sie soll jemanden wieder auf den rechten Weg führen, und der Exkommunizierte bleibt immer noch Katholik; er verliert nur einige seiner Rechte. Hier passt tatsächlich die Gegenüberstellung von „Kirche“ (was dann eben die katholische Sicht wäre) und „Sekte“ (was dann die freikirchliche Sicht wäre), die in einem Max-Weber-Zitat in dem verlinkten Blogartikel von Tobias Klein vorgenommen wird: „Eine ‚Kirche‘ ist eben eine Gnadenanstalt, welche religiöse Heilsgüter wie eine Fideikommißstiftung verwaltet und zu welcher die Zugehörigkeit (der Idee nach) obligatorisch, daher für die Qualitäten des Zugehörigen nichts beweisend, ist, eine ‚Sekte‘ dagegen ein voluntaristischer Verband ausschließlich (der Idee nach) religiös-ethisch Qualifizierter, in den man freiwillig eintritt, wenn man freiwillig kraft religiöser Bewährung Aufnahme findet.“)

Und der entscheidende Punkt ist: Die Kirche hat dann eine gewisse Verantwortung für ihre Kinder, egal, wie die zu ihren Kindern geworden sind. Zu dieser Verantwortung gehört auch die Zurechtweisung der Sünder, ja, aber ein „sollen sie lieber gleich verschwinden, wenn sie nicht mit ganzem Herzen dabei sind, sie ziehen bloß den Rest runter“ eben nicht unbedingt. Und deswegen halte ich manche Ideen zur Kirchendisziplin im Kontext der katholischen Kirche für nicht unbedingt zielführend.

Das hängt auch damit zusammen, dass die Verantwortung der Kirche in den letzten 50 Jahren extrem vernachlässigt wurde. Welcher nach 1960 geborene Katholik hat anständige Katechese erlebt? Ich hatte mal eine Religionslehrerin, die mit meiner Klasse am Wandertag zu einer Infoveranstaltung bei pro familia über Verhütung gehen wollte. (Das wurde dann aus organisatorischen Gründen nichts.) Die meisten Katholiken haben nie anständige Argumente für den katholischen Glauben gehört. Und natürlich folgen sie ihm dann nicht. Sie glauben nicht, dass die Kirche wirklich von Jesus eingesetzt wurde und ihre Lehren verlässlich und unveränderlich sind. Das habe ich die ersten fünfzehn Jahre meines Lebens auch nicht geglaubt.

Was ich damit sagen will: Ein katholischer Pfarrer könnte nicht von heute auf morgen sagen: Also, alle hier in der Kirche, die nicht alles unterschreiben, was im Katechismus der katholischen Kirche steht, bitte schnellstmöglich aufs Standesamt und austreten! Natürlich bekennen seine Pfarrkinder nicht den ganzen Glauben der katholischen Kirche. Da muss man erst mal versuchen, sie langsam wieder heranzuführen, bevor man mehr von ihnen verlangen kann. Ich glaube nicht, dass es Sinn macht, zu den Leuten zu sagen „Wenn du nicht gläubig bist, tritt halt aus“; eher sollte man sie in der Kirche halten, um ihnen – und vielleicht dann auch ihren Kindern (wenn die Eltern erst mal weg sind, erreicht man auch nicht mehr die Kinder mit Religionsunterricht und Firmkatechese) – vielleicht doch noch etwas vom Glauben vermitteln zu können.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich Dreher hier überhaupt widerspreche. Er bleibt in dem Abschnitt über Kirchendisziplin oft vage und sagt auch gar nichts dazu, ob man sie einfach so abrupt einführen sollte. Später, in dem Kapitel über Sexualität (Kapitel 9) sagt er zwar einerseits, dass man die Lehre nicht verwässern sollte, um die jungen Leute da zu halten. (Da klingt er auch recht streng: „Ebenso ist es ein Fehler, die traditionelle Lehre über sexuelle Lauterkeit als optional zu behandeln – sei es offen oder insgeheim, also indem man es vermeidet, darüber zu sprechen, oder indem man über Verstöße hinwegsieht.“ (S. 324)) Er sagt aber auch, dass man „[d]as Gute der Sexualität bekräftigen“ (S. 325) und nicht in „Moralismus“ (S. 329) verfallen soll, sprich, dass man die Lehre ansprechend und verständlich präsentieren sollte.

Letztlich ist es doch so: Die Leute laufen einem sowieso noch eher davon, wenn für gar nichts mehr steht, als wenn man eine klare Linie hat. Aber ja, manche laufen einem auch wegen der klaren Linie davon. Und wenn man dagegen nichts machen kann, ohne den Glauben zu kompromittieren, dann kann man das halt nicht verhindern. Aber man muss nicht die Glaubensanforderungen als besonders schwer hinstellen oder den lauen Christen möglichst oft nahe legen, sie sollten doch bitte endlich austreten, damit man eine reine, besser funktionierende Kirche bekommt.

Die Benedikt-Option: Ich bin positiv überrascht

Jetzt bin ich endlich dazu gekommen, Rod Drehers „Die Benedikt-Option“ fertig zu lesen, nachdem mir das Buch vor zwei Wochen geliefert wurde, und ich muss sagen: es ist deutlich besser, als ich erwartet hätte.

Für alle, denen dieses Thema bisher entgangen sein sollte: Drehers Buch, das den Untertitel „Eine Strategie für Christen in einer nachchristlichen Gesellschaft“ trägt, ist in den USA schon im März 2017 erschienen („The Benedict Option: A strategy for Christians in a post-Christian nation“) und hat dort für viel Aufsehen und lebhafte Diskussionen gesorgt; hierzulande hat sich innerhalb des letzten Jahres vor allem der Blogger und Publizist Tobias Klein (sehr lesenswerter Blog) daran gemacht, Drehers Buch bekannt zu machen, und hat es schließlich für den katholischen fe-Verlag übersetzt. (Auf Amazon findet sich die dt. Ausgabe hier.) Ich hatte anfangs bei dem, was ich so über das Buch gelesen habe, einen sehr gemischten Eindruck; vieles kam mir komisch oder alarmistisch oder übertrieben vor. Aber man soll seine Vorurteile ja überprüfen, also hab ich mir die deutsche Übersetzung gleich mal bestellt, als sie dann erschienen ist. Und, wie gesagt, ich wurde positiv überrascht.

Ein paar Sachen vorweg. Mit Drehers Stil werde ich mich wohl nicht mehr anfreunden (ist einfach Geschmackssache), einzelne Punkte in seinem Buch sehe ich kritisch, und den Titel halte ich für nicht besonders gelungen. Der Untertitel drückt den Inhalt des Buches klar aus, aber der eigentliche Titel ist ein wenig irreführend. Dreher hält seine Ideen nicht für eine Option unter vielen, sondern für eine Strategie, auf die die Christenheit als Ganzes nicht wird verzichten können, wenn der Glaube überleben soll. Das kann man ihm allerdings irgendwo nachsehen, da seine Idee ein ziemlich breites Konzept ist, unter dem sich ganz verschiedene Initiativen und Gruppen wiederfinden könnten.

Die Grundidee des Buches ist einfach: Wir brauchen starke christliche Parallelgesellschaften [ich bitte zu  beachten, dass ich diesen Begriff in keiner Weise negativ meine], um den Glauben in einer glaubensfeindlichen Umgebung zu bewahren, ihn authentisch zu leben und ihn an die nächste Generation weiterzugeben. Damit sind keineswegs zwangsläufig autarke Landkommunen gemeint. Die kommen am Rande vor (dazu später), aber es geht sehr viel mehr um Pfarrgemeinden, christliche Schulen, Studentenverbindungen, berufliche Netzwerke und natürlich die kleinere Gemeinschaft der Familie. Dieser Grundidee kann man kaum widersprechen, und der Autor gibt so einige nützliche Impulse für die praktische Umsetzung. Er hat seine „Option“ nach dem hl. Benedikt von Nursia, dem Vater des abendländischen Mönchtums, benannt und nimmt immer wieder Bezug auf klösterliche Praktiken, die man in veränderter Form auch als Laie anwenden könnte.

Luftaufnahme des Stiftes Heiligenkreuz

(Das Stift Heiligenkreuz bei Wien, zu dem auch die Philosophisch-Theologische Hochschule Benedikt XVI. gehört und das sich sehr um die Neuevangelisierung bemüht, wäre sicher ein gutes Beispiel für eine Benedikt-Options-Gemeinschaft.)

Hier mal eine genauere Beschreibung des Inhalts:

Im ersten Kapitel beschreibt Dreher die Bedrohung, die Individualismus und  Säkularismus für unsere Religion darstellen würden. Die Christen im Westen seien nicht auf den Zusammenbruch des Christentums vorbereitet, obwohl er sich schon klar abzeichne. Viele gäben sich noch immer der Illusion hin, die Kultur sei mit konservativen (lies: republikanischen) politischen Initiativen gegen Abtreibung und Homo-Ehe zu retten. Dreher schreibt natürlich aus der US-amerikanischen Perspektive; und in den USA spielt das Christentum bekanntlich noch eine größere Rolle in Gesellschaft und Politik als in Europa, wo die Meinung, der Westen sei noch überwiegend christlich oder man könne ein „christliches Abendland“ auf kurze Sicht wiederherstellen, vermutlich weniger verbreitet ist.

Dreher schreibt:

„Heute können wir sehen, dass wir an allen Fronten verloren haben, und dass die rasanten und unerbittlichen Ströme des Säkularismus unsere schwachen Barrieren überwältigt haben. Ein feindseliger säkularer Nihilismus hat die Oberhand, und die gesamte Kultur hat sich entschieden gegen traditionsorientierte Christen gewendet. Wir reden uns ein, dass diese Entwicklungen von einer kleinen linksgerichteten Elite betrieben werden – weil wir die Wahrheit nicht ertragen können: Der Mainstream der Gesellschaft unterstützt diese Entwicklungen, wenn nicht aktiv, dann zumindest passiv.“ (S. 25f.)

Folglich sollte man lieber eine Arche bauen, statt erfolglos die Flut zu bekämpfen, lautet Drehers Plan. Das sei nicht nur nötig, um sich selbst vor der Welt zu schützen:

„Es geht nicht nur um unser eigenes Überleben. Wenn wir für die Welt das sein wollen, von dem Christus will, dass wir es seien, dann werden wir mehr Zeit abseits von der Welt verbringen müssen, in tiefem Gebet und umfangreichem spirituellen ‚Training’ – ebenso, wie Jesus sich zum Gebet in die Wüste zurückzog, ehe Er die Menschen lehrte. Wir können der Welt nicht geben, was wir selbst nicht haben.“ (S. 41)

Dreher gibt die Schuld am Zusammenbruch des Glaubens im Westen einem Pseudo-Glauben namens „Moralisch-therapeutischer Deismus“ (MTD), der die wirkliche Religion der meisten Amerikaner sei. Die Existenz von MTD wurde 2005 von den Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton postuliert. Ihnen zufolge hat MTD folgende fünf Glaubenssätze:

„Ein Gott existiert, der die Welt erschaffen hat und in Ordnung hält und über das Leben der Menschen auf der Erde wacht.

Gott will, dass die Menschen gut, freundlich und fair miteinander umgehen, wie es die Bibel und die meisten Weltreligionen lehren.

Das wesentliche Ziel des Lebens ist es, glücklich und mit sich selbst im Reinen zu sein.

Es ist nicht nötig, Gott einen besonders bedeutenden Platz im eigenen Leben einzuräumen, außer man braucht Ihn, um ein Problem zu lösen.

Gute Menschen kommen in den Himmel, wenn sie sterben.“ (S.27f.)

Das Problematische an dieser Darstellung ist meiner Ansicht nach: MTD ist schlichtweg laxes Christentum. Ach, wenn doch nur die Mehrheit der Leute wirklich glauben würde, dass ein Gott die Welt erschaffen hat und in Ordnung hält und über uns wacht! Ich finde es ehrlich gesagt seltsam, dass Dreher sich hier auf MTD bezieht; in Kapitel 2 stellt er eine viel treffendere Diagnose des derzeitigen Zustandes: Die Menschen haben den Glauben daran verloren, dass die Welt wirklich von Gott geordnet ist. Sie hätten den Glauben an folgende, im Mittelalter selbstverständliche Grundpfeiler verloren:

„Die Welt und alle Dinge in ihr sind Teil eines von Gott eingerichteten und mit Sinn erfüllten harmonischen Ganzen – und alle Dinge sind Zeichen, die auf Gott hindeuten.

Die Gesellschaftsordnung ist in dieser höheren Ordnung verwurzelt.

Die Welt ist aufgeladen mit spiritueller Kraft.“ (S. 52)

Kapitel 2 („Die Wurzeln der Krise“) ist überhaupt sehr gelungen. Hier stellt Dreher dar, wie nach und nach, durch die spätmittelalterliche Philosophie des Nominalismus, den Renaissance-Humanismus, die Reformation und die ihr folgende Kirchenspaltung, den Aufschwung der Nationalstaaten, das neue Machbarkeitsdenken im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts, die Ablehnung von Offenbarungsreligionen durch die Aufklärer, die Industrielle Revolution und die ihr folgende Entwurzelung der Menschen, und zuletzt die sexuelle Revolution, das Denken im Lauf der letzten sieben Jahrhunderte immer individualistischer und relativistischer wurde. (Mir meine Wahrheit, dir deine Wahrheit – was ist schon die Wahrheit?)

Eine ausführliche Würdigung dieses Kapitels, mit ein paar Ergänzungen und ein klein wenig Kritik, kommt noch in einem eigenen Blogpost; aber eins möchte ich hier gleich anmerken. Dreher, der in einer protestantischen Familie aufgewachsen ist, sich als Erwachsener nach einer Zeit der Kirchenferne dem Katholizismus zuwandte, und zuletzt im Zuge des Missbrauchsskandals zur Orthodoxie konvertierte, hat sein Buch ausdrücklich ökumenisch ausgerichtet. Er zitiert Katholiken, Orthodoxe, Presbyterianer, Southern Baptists… Aber seine Idee funktioniert im Rahmen des Protestantismus letztlich nicht. Das heißt, Parallelgesellschaften aufbauen kann an sich natürlich jede Religion, aber Dreher zieht viele seiner konkreten Ideen dazu, wie die christlichen Parallelgesellschaften denn aussehen sollen, aus dem Ordensleben und dem katholischen Mittelalter, und hier ergeben sich immer wieder klare Widersprüche zur Gestalt des Protestantismus, v. a. zu evangelikalen Erweckungsbewegungen.

Und, wie gesagt, in Kapitel 2 beklagt Dreher unter anderem die Folgen der Reformation. Das Problem ist nach seiner Darstellung, dass die heilige Ordnung, die Einheit der Christenheit, die universelle Überzeugung von den christlichen Wahrheiten, die im Mittelalter existierte, verloren ging. Er stellt, auch wenn er der Reformation nur einen kurzen Abschnitt widmet und auf die problematischen Aspekte des Gottesbildes der Reformatoren überhaupt nicht eingeht, ganz gut das zentrale Problem heraus, für das sie sorgte:

„Dies [der sola-scriptura-Grundsatz] warf unvermeidlicherweise die Frage auf: Wessen Auslegung der Schrift? Keiner der Reformatoren befürwortete eine private Schriftauslegung, aber es fehlte ihnen an einem überzeugenden Instrumentarium, um festzulegen, wessen Interpretation die richtige war. So stellten die Reformatoren bald fest, dass das Abschütteln der Autorität Roms ein Problem gelöst, gleichzeitig aber ein anderes geschaffen hatte. Wie der Historiker Brad Gregory es formuliert: ‚Weil Christen sich uneinig darüber waren, was sie zu glauben und zu tun hatten, waren sie sich auch uneinig darüber, worin die Früchte eines christlichen Lebens überhaupt bestanden.’ Und so ist es bis heute.“ (S. 61)

Die Benedikt-Option legt dem Leser die Rückkehr zu einer quasi-mittelalterlichen Lebensweise nahe, und das ist total sympathisch; aber das alles macht im Endeffekt nur im Katholizismus oder noch in der Orthodoxie Sinn. Wenn wir zurück ins Mittelalter wollen, müssen wir hinter die Reformation zurück. Dreher stellt im ersten Kapitel MTD als Gegensatz zu „historischer, biblisch fundierter Rechtgläubigkeit“ dar; aber inwiefern soll ein konservativer Presbyterianer oder Baptist bitteschön rechtgläubig sein? Er folgt Ideen, die seit höchstens 500 Jahren in Umlauf sind, und ist damit dem Prinzip nach ebenso modernistisch wie irgendwelche Anglikaner oder Methodisten, die Christus nur für einen Menschen mit einer besonderen Gottesbeziehung halten und zweifach geschiedene lesbische Pfarrerinnen haben.

Dreher stellt an späterer Stelle, bei einem Abschnitt zur Zusammenarbeit über Konfessionsgrenzen hinweg, klar, dass seiner Meinung nach die „verschiedenen christlichen Konfessionen […] wohlgemerkt nicht ihre lehrmäßigen Differenzen verleugnen [sollten]“ (S. 220), gleichzeitig spielt er diese Differenzen jedoch herunter. Er zitiert gleich darauf den Gründer eines ökumenischen Lesekreises:

„‚Wenn wir Christen überleben wollen, wenn wir etwas bewirken wollen, müssen wir in der Lage sein, uns gemeinsam an einen Tisch zu setzen. Ein konfessionsübergreifendes Verständnis von Rechtgläubigkeit ist unverzichtbar’, betont Doom.“ (S. 221)

Wie genau diese Rechtgläubigkeit definiert sein soll, wird freilich nicht klar; es ist auch unmöglich, sie zu definieren; es bleibt letztlich nichts anderes als „das, was schon länger als 50 Jahre da ist* und sich ‚bibeltreu’ nennt“.

Übrigens versucht Dreher an mehreren Stellen im Buch, seinen Lesern klassisch katholische bzw. orthodoxe Dinge schmackhaft zu machen: Eine Liturgie, in der man nicht nur dasitzt und eine Predigt anhört, sondern auch kniet, aufsteht, Weihrauch schwenkt, kurz, den Körper und die Sinne ins Gebet einbezieht; Fasten; die Schriften der antiken Kirchenväter. Er geht dabei auch auf einen leichten Trend der letzten Jahre in evangelikalen Kreisen ein, solche Dinge mehr zu würdigen.

File:Messe solennelle d'action de grâce pour les 25 ans de la FSSP (10892923415).jpg

(Hochamt in der außerordentlichen Form anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Priesterbruderschaft St. Petrus, Quelle: Wikimedia Commons)

Das ist mein Hauptkritikpunkt bei diesem Buch: Die Benedikt-Option ist zu ökumenisch und damit gewissermaßen widersprüchlich. Jetzt aber weiter im Text.

In Kapitel 3 geht es dann um eine Reise des Autors nach Norcia (das ehemalige Nursia), den Herkunftsort des hl. Benedikt, seinen Besuch in einem dortigen Kloster und seine Ideen dazu, wie sich Impulse aus der benediktinischen Ordensregel von Laien umsetzen lassen. Ich muss sagen, am Anfang war ich ein bisschen überrascht darüber, dass Dreher nicht nach Montecassino zu dem Kloster gereist ist, das der hl. Benedikt gegründet hat – das in seinem Herkunftsort entstand wohl erst ein paar Jahrhunderte später – aber das liegt vielleicht einfach daran, dass viele der Benediktiner in Norcia Amerikaner sind, mit denen  Dreher sich natürlich leichter austauschen konnte, oder möglicherweise auch daran, dass diese Gemeinschaft „traditioneller“ nach der Benediktsregel lebt als die heutigen Mönche in Montecassino? Egal. Die Prinzipien jedenfalls, die Dreher herausgearbeitet hat, sind folgende:

  • Ordnung
  • Gebet
  • Arbeit
  • Askese
  • Beständigkeit
  • Gemeinschaft
  • Gastfreundschaft
  • Ausgewogenheit

Ich muss sagen, ich liebe es, wie hier die Ordnung, in der alles im richtigen Maß seinen richtigen Platz hat, betont wird. Man beginnt direkt, sich nach dem geordneten Leben in einem mittelalterlichen Benediktinerinnenkloster zu sehnen, in dem man seine Tage mit Stundengebet, Unkrautjäten, Kartoffelschälen und lectio divina verbringen kann. Also, ich jedenfalls. Irgendwie.

Im 4. Kapitel geht es um „Eine neue Form christlicher Politik“. Kurz gesagt ist Dreher der Ansicht, dass Christen sich eher auf die lokale Basisarbeit als die große Politik konzentrieren sollten. Mit einer Ausnahme: Den Einsatz für Religionsfreiheit. An dieser Stelle halte ich ihn ausnahmsweise mal für eher naiv als alarmistisch. Den meisten Leuten bedeutet Religionsfreiheit nicht unbedingt viel, auch wenn sie offiziell in irgendwelchen Verfassungen drin steht; wenn sie eine religiöse Lehre oder Praxis für schädlich halten, werden sie mit Appellen an Freiheitsrechte nur eine gewisse Zeit lang davon abzuhalten sein, gegen die betreffende Religion vorzugehen (man sehe sich nur Äußerungen in den sozialen Medien zum Thema Kopftuch- oder Beschneidungsverbot an). Es ist wichtig, dass wir uns die Freiheit bewahren, christliche Gemeinschaften bilden zu können usw., aber ich halte den Einsatz dafür nicht für mehr oder weniger aussichtsreich als, sagen wir mal, den Einsatz gegen die Einführung aktiver Sterbehilfe.

In Kapitel 5 („Eine Kirche für alle Jahreszeiten“) geht es dann um das kirchliche Leben, d. h. das Leben innerhalb einer Pfarrei oder einer Freikirche. Hier plädiert Dreher, wie bereits erwähnt, dafür, die christliche Vergangenheit wiederzuentdecken, z. B. indem man in Studienkreisen Schriften der Kirchenväter liest – ein toller Ratschlag. (Ein bisschen appeacement gegenüber den protestantischen Lesern muss aber sein: „Es mag verständlich sein, dass Protestanten misstrauisch gegenüber vorreformatorischen theologischen Werken des zweiten Jahrtausends sind, aber die Schriften der frühen Kirchenväter sind eine Goldmine spiritueller und theologischer Weisheit.“ (S. 170)) Man sollte den „Sinn für Liturgie zurückgewinnen“ (S. 171), außerdem etwas Askese betreiben (z. B. an festgesetzten Tagen fasten), durch „Güte und Schönheit“ (S. 190), also Werke der Nächstenliebe (z. B. Hilfe für kranke Gemeindemitglieder) und christliche Kunst, evangelisieren, und die Gemeinde sollte die „kirchliche Disziplin festigen“ (S. 187), d. h. Kirchenmitglieder müssen wegen schlimmer Sünden ermahnt und ggf. auch aus der Gemeinde ausgeschlossen werden.

„Der Grundgedanke dabei [bei der Kirchendisziplin der frühen Kirche] war weder Gemeinheit noch Selbstgerechtigkeit, sondern Verantwortlichkeit. Zudem konnte die Kirche – als eine Gemeinschaft, die ihre Mitglieder anleitet und formt – ihre Aufgabe nicht erfüllen, wenn sie nicht in der Lage war, in ihren Reihen Ordnung aufrechtzuerhalten.“ (S. 188)

Hier könnte es aber wieder ein wenig knifflig werden, dank der schon kritisierten ökumenischen Ausrichtung. Mit protestantischer Kirchendisziplin ist das meiner Meinung nach nämlich so eine Sache. Sie neigt dazu, entweder zu strikt oder zu lax zu sein, und ihr fehlen oft die klaren Prinzipien. Im Katholizismus haben wir das universal geltende Kirchenrecht, das z. B. festlegt, wer zur Kommunion gehen darf. Auch hier hat sich eine Laxheit eingeschlichen, die eigentlich nicht da sein sollte (Leute im Stand der Todsünde gehen einfach trotzdem zur Kommunion), aber die Prinzipien wären klar und es muss nicht jede Pfarrei das Rad neu erfinden. Bei den Protestanten ist es schwieriger.

In diesem Abschnitt wird das Beispiel einer Gemeinde der Southern Baptists angeführt, deren Mitglieder bei ihrem Eintritt eine Vereinbarung unterzeichnen müssen, die ihre Pflichten gegenüber der Gemeinde festlegt, und auch das Recht der Gemeinde, sie, wenn sie auf Abwegen sind, zu Umkehr und Buße anzuhalten und ggf. auszuschließen. In dieser Gemeinde gab es ein Ehepaar, „das sich nach vier Jahrzehnten Ehe scheiden lassen wollte. Ein Beratungsgespräch mit den Pastoren, um ihnen zu helfen, ihre Ehe zu retten, lehnten sie ab. Ebenso wiesen sie Hilfsangebote von Freunden und anderen Gemeindemitgliedern zurück. Monatelange Bemühungen der Pastoren, die zerrüttete Ehe des Paares zu heilen, endeten in einer Sackgasse: Die Eheleute wollten einfach nicht kooperieren. Schließlich wurde eine Gemeindeversammlung einberufen, bei der beschlossen wurde, sie auszuschließen.“ (S. 189f.) Nun ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Kirche hier im Recht war und das Paar hätte versuchen sollen, seine Ehe zu bewahren; es ist aber auch möglich, dass die Eheleute gute Gründe für eine Trennung hatten (z. B. anhaltender Ehebruch durch einen der zwei, den sich der andere nicht mehr gefallen lassen wollte; dass sie dann beide nicht unbedingt mit der Gemeinde darüber hätten reden wollen, wäre verständlich). Und eine Trennung und weltliche Scheidung allein ist noch kein Ehebruch, wie eine Wiederheirat nach der Scheidung es wäre; eine Trennung/Scheidung ist nicht automatisch Sünde, sondern nur je nach den Umständen. Insofern frage ich mich schon, ob es gerechtfertigt ist, Mitglieder wegen einer Scheidung an sich, ohne zweite Beziehung, und ohne dass den Pastoren die genauen Hintergründe bekannt sind, aus der Gemeinde auszuschließen.

Aber an sich stimmt es natürlich: Man braucht in der Kirche gewisse moralische und lehrmäßige Standards, und wenn z. B. ein Priester offen Häresie lehrt oder ein Diakon in wilder Ehe lebt, kann das nicht einfach so zugelassen werden, weil die Standards sonst schnell verschwinden.

Kapitel 6 nennt sich „Die Idee eines christlichen Dorfes“ und Dreher beginnt mit dem Sprichwort „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind aufzuziehen“. Er erwähnt die orthodoxen Juden und ihren Fokus auf die Gemeinschaft von Familie und Synagoge als Vorbild. Zu den Strategien, um seine Kinder christlich zu erziehen gehöre: ein lebendiges Familienleben, in dem das Heim beinahe eine Art Kloster ist, in dem es regelmäßige gemeinsame Gebetszeiten gibt, der Sonntagsgottesdienst Sportveranstaltungen vorgezogen wird und schädliche Einflüsse, z. B. durch zu viel Internet und Fernsehen, beschränkt werden. Ich finde es hier schön, wie Dreher betont, dass es in einer Familie wichtig ist, sich gegenseitig um Verzeihung bitten zu können; auch wenn es den Gehorsam gegenüber den Eltern brauche, müssten auch die Eltern ihren Kindern zeigen, dass sie sich bei ihnen entschuldigen könnten und ihnen zuhörten. Außerdem betont er noch einmal die Gastfreundschaft. Man müsste den Kindern zudem klar machen, dass es nichts Schlimmes ist, nicht so zu sein wie die anderen, und man sollte sich auch Gedanken darüber machen, mit welchen Gleichaltrigen sie ihre Zeit verbringen.

„Harris [die Psychologin Judith Rich Harris] verweist auf das Beispiel von Immigranten und deren Kindern. Zahlreiche Studien zeigen auf, dass, so stark die Herkunftskultur auch sein mag, die erste Generation der Nachkommen fast immer die Werte der Mehrheitsgesellschaft in der neuen Heimat übernimmt. […] ‚Kulturen werden nicht von Eltern an Kinder weitergegeben; die Kinder von Einwanderereltern nehmen die Kultur ihrer Altersgruppe an.’“ (S. 207)

Hier finde ich in Bezug auf die Situation in Deutschland übrigens das Beispiel der Muslime interessant: Zwar gibt es viele junge Muslime, die sich der säkularen deutschen Gesellschaft angepasst haben, aber es gibt auch sehr viele, die sogar noch traditionsbewusster, religiöser und stolzer auf ihre Herkunft sind als ihre Eltern. Wenn man häufig in einer Moschee mit gleichaltrigen Gleichgesinnten und überzeugenden Predigern zusammenkommt, scheint das einen großen Einfluss zu haben. In Sachen „Parallelgesellschaften aufbauen“ könnten wir von den Muslimen schon was lernen. (Ja, muslimische Parallelgesellschaften haben ihre schlechten Seiten. Weil der Islam eine falsche Religion ist, nicht weil es Parallelgesellschaften sind.)

(Eucharistische Anbetung bei einem Prayerfestival der Jugend 2000; Bildquelle hier.)

Am Ende warnt Dreher davor, die Familie zum Götzen zu machen – sie sei kein „Zweck in sich selbst“, sondern „ein Mittel zum Zweck der Vereinigung mit Gott“ (S. 209). Die Familie sollte nicht tyrannisch und paranoid gegenüber der Außenwelt werden und damit die Kinder vom Glauben forttreiben.

Außerdem geht er darauf ein, welche Vorteile es habe, in räumlicher Nähe zur Kirche zu leben, und häufig an Bibelstudien, Gebetskreisen, Lesezirkeln usw. teilzunehmen; auch die Kirchengemeinde solle man aber nicht zum Götzen machen und nicht zu sehr von der Außenwelt abschotten.

An diesem Kapitel stört mich ein wenig, dass Dreher nicht allzu konkret wird: Wie viel Kontakt zu Nichtgläubigen sollte man den Kindern jetzt erlauben? Außerdem fände ich es noch wichtig, zu erwähnen, dass man eigentlich einen gewissen Kontakt zur Außenwelt herstellen muss, allein schon, um die Kinder daran zu gewöhnen, dass es Menschen gibt, die anders denken (und wie sie denken), weil sie irgendwann mit denen in Kontakt kommen werden.

In Kapitel 7 geht es um Bildung. Dreher kritisiert das öffentliche Schulsystem und viele christliche Schulen, die auch keine entschieden christliche Bildung bieten würden. Das heutige Bildungswesen schaue nur auf Zweckmäßigkeit: Den Kindern muss das beigebracht werden, was sie später mal im Job brauchen werden, Erziehung zur Tugend wird vernachlässigt. Er stellt zwei Alternativen vor: Heimunterricht – der in Deutschland freilich keine Alternative ist, da seit 1938 verboten** – und, worauf er den Fokus legt, „klassisch-christliche Schulen“, d. h. Privatschulen, die klassische Bildung – Geschichte, klassische Literatur, usw. – mit religiöser Bildung verbinden und dabei folgendem Konzept folgen:

„Üblicherweise beginnt die Laufbahn eines Schülers an einer klassischen Schule mit der sogenannten Grammatikschule, in der es vor allem darum geht, grundlegende Fakten über die Welt zu lernen und sich ins Gedächtnis einzuprägen. Die zweite Stufe der klassischen Schulbildung ist die Logikschule, die etwa der 6.-8. Klasse entspricht und in der die Schüler lernen, Fakten zu analysieren und ihre Bedeutung zu erkennen. Die dritte und letzte Stufe ist die Rhetorikschule, die abstraktes Denken, Dichtung und die Fähigkeit zum klaren Selbstausdruck in den Mittelpunkt stellt.“ (S. 256f.)

Offensichtlich sind in den USA schon einige solche Privatschulen von Eltern oder Kirchen gegründet worden; theoretisch wäre so etwas Ähnliches sicher auch in Deutschland möglich.

Dann geht der Autor auch auf die Wichtigkeit von Studentengemeinschaften an den Universitäten ein, und ich muss sagen, hier habe ich mich absolut wiedergefunden. Ich habe die ersten paar Semester meines Studiums in einem kirchlichen Studentenwohnheim gewohnt, wo im selben Gebäude die Katholische Hochschulgemeinde untergebracht war. Sicher sind deutsche Hochschulgemeinden nicht immer häresiefreie Zonen; aber man sucht sich ja selbst aus, zu welchen Veranstaltungen man geht, und ich kann sagen, dass es etwas sehr Schönes ist, eine Kapelle direkt im Haus zu haben, in der einmal die Woche Messfeier ist, einmal im Monat Eucharistische Anbetung, und alle zwei Wochen Taizé-Andacht.

Zusätzlich zu normalen Hochschulgemeinden und von Studenten gegründeten christlichen Netzwerken, die geistliche Begleitung, Vorträge, Bibelkreise usw. anbieten, stellt Dreher auch gemeinschaftliche Wohnprojekte christlicher Studenten vor, z. B. ein Haus an der Universität von Virginia, in dem ca. 20 junge Männer zusammenleben:

„Die Hausregel entwickelte sich im Laufe der Zeit. Sie probierten verschiedene Dinge aus. Ein gemeinsames Morgengebet erwies sich als schwer durchzuhalten, aber als Abendgebet funktionierte es besser. Sie führten eine Art gegenseitiger Beichte ihrer Sünden gegenüber der Gemeinschaft ein, mit dem Ziel, einander gegenseitig in ihren persönlichen Schwierigkeiten helfen zu können. (‚Wir nannten es ursprünglich nicht Beichte’, sagt Speers. ‚Wir nannten es Rechenschaft. Das klang für Evangelikale weniger anrüchig.’) Außerdem verlangte die Hausregel kontinuierliche gemeinschaftliche Pflege theologischer Studien und Diskussionen.

Es gab auch einige wenige, aber strenge Verbote: Keine Mädchen in Privaträumen bei verschlossenen Türen. Kein Alkohol außer in den Räumen derer, die alt genug waren, um legal Alkohol trinken zu dürfen. Einige Männer, die mit Pornographiesucht zu kämpfen hatten, ließen ihre Laptops im Gemeinschaftsraum zurück, um nicht in Versuchung geführt zu werden.“ (S. 270f.)

Hier zeigt sich für mich wieder, dass solche Wohngemeinschaften eine zweischneidige Sache sein können: Das mit dem Abendgebet beispielsweise klingt toll. Das mit der öffentlichen Beichte (ohne ein bindendes Beichtgeheimnis) könnte dagegen sehr problematisch werden. Bei dem absoluten Verbot, Mädchen mit aufs Zimmer zu nehmen, weiß ich nicht recht, was ich davon halten soll.

In Kapitel 8 geht es um das Thema Arbeit. Der Autor konzentriert sich hauptsächlich auf die Gefahr, dass Christen am Arbeitsplatz gezwungen werden könnten, gegen ihr Gewissen zu handeln (sich also z. B. an der Ausrichtung einer Schwulenhochzeit zu beteiligen; in den USA wurden Bäcker und Floristen ja schon zu extrem hohen Geldstrafen verurteilt, weil sie eine solche Beteiligung verweigert hatten). Aber er geht auch auf den grundsätzlichen Sinn der Arbeit ein: Sie sollte einen sinnvollen Zweck in Gottes Ordnung erfüllen und zu Seiner größeren Ehre getan werden; und sie sollte nicht zum alleinigen Lebensinhalt werden. Hier lobt er übrigens die deutschen Ladenschlussgesetze, die Familienbetrieben das Leben erleichtern und dafür sorgen würden, dass die Deutschen ein ausgewogeneres Leben führen können als die Amerikaner.

Aber zurück zu möglichen Gewissenskonflikten am Arbeitsplatz. Dreher ist der Ansicht, dass man unterscheiden müsste, ob etwas wirklich nicht mit dem eigenen Gewissen vereinbar sei oder doch, um nach Möglichkeit in seinem Arbeitsumfeld Frieden halten zu können. Er führt das Negativbeispiel eines Staatsbediensteten aus Illinois an, der sich weigerte, sich ein Schulungsvideo über LGBT-Diversität anzusehen (er hätte nur das Video ansehen müssen, keine pro-LGBT-Erklärung abgeben müssen). Am Ende stellt er klare Kriterien auf:

„Ein christlicher Arzt muss es immer und überall ablehnen, unschuldiges Leben zu töten. Abtreibung und Euthanasie sind vollkommen indiskutabel. […] Und schließlich ist kein Job, so harmlos er erscheinen mag, es wert, ihn zu behalten, wenn er einem abverlangt, etwas dezidiert Unchristliches und Wahrheitswidriges aktiv zu unterstützen.“ (S. 294f.)

Dreher warnt, dass Christen sich in Zukunft vielleicht genauer überlegen müssten, welche Berufe sie ergreifen, und rät, dass sie eigene unternehmerische Tätigkeit und Handwerk und Industrie wieder entdecken sollten; außerdem sollte man christliche Netzwerke aufbauen und andere christliche Unternehmen unterstützen.

Kapitel 9 widmet sich dem Thema Sex; hier spricht der Autor z. B. darüber, dass Eltern sich selbst um die Sexualerziehung ihrer Kinder kümmern müssten, dass man jungen Christen vermitteln müsse, wieso die christliche Sexualmoral Sinn macht, und dass man vor allem Pornographie bekämpfen müsse.

In Kapitel 10 geht es um Technologie und hier wird klar: Dreher sieht das Internet als sehr problematisch, zum Beispiel, weil es den Leuten die Fähigkeit nimmt, sich zu konzentrieren, und ihnen eine Wunschwelt zeigt, in der „man sich mit nichts auseinandersetzen muss, was man sich nicht selbst ausgesucht hat. […] Man kann planlos von Seite zu Seite schlittern, flüchtig in soziale Netzwerke hineinschnuppern und sich wieder aus ihnen ausklinken, ganz nach Belieben.“ (S. 354) Er warnt besonders davor, Kindern Smartphones in die Hände zu geben, nicht zuletzt auch wegen der Gefahr, dass sie im Internet auf Pornographie treffen. Aber er kritisiert nicht nur übermäßigen Internetkonsum, sondern auch ganz grundsätzlich eine technokratische Mentalität, die sagt „Wenn wir es tun können, müssen wir auch die Freiheit haben, es zu tun!“ (S. 349), z. B., wenn es um die Fortpflanzungsmedizin geht. Ich muss sagen, beim Internet bin ich weniger kritisch als er – immerhin hat es mir sehr dabei geholfen, Informationen über den Katholizismus zu finden, und lässt mich jetzt meine Gedanken vor Publikum ausbreiten! –, aber hier kann ich ihm zustimmen.

So. Das war jetzt eine lange Inhaltszusammenfassung; jetzt noch ein paar allgemeine Anmerkungen:

Es gab immer wieder Stellen, an denen ich mir gedacht habe: Ja, ganz genau so ist es! Ganz genau so. Etwa, wenn Dreher darüber spricht, auf welche Weise der Glaube schon über ein, zwei Generationen verloren gehen kann (wenn ich meine Großeltern, die jeden Sonntag in die Kirche gehen bzw. gingen, und meine Geschwister, die vermutlich noch irgendwie an einen Gott glauben, vergleiche, kann ich diese Entwicklung gut nachvollziehen).

Es ist auch sehr interessant und inspirierend, wie der Autor uns immer wieder die Dissidenten im Ostblock als Vorbilder zeigt. Es ist auch ermutigend: So schlimm wie sie werden wir es auf absehbare Zeit nicht haben – und sie haben manchmal so einiges geschafft, gerade im katholischen Polen.

(Der hl. Johannes Paul II. bei seinem ersten Besuch in Polen nach seiner Papstwahl; Quelle: Wikimedia Commons)

Zuletzt noch zu der Art von christlichen Laiengemeinschaften, an die die Leute (z. B. amerikanische Journalisten, die das Buch im letzten Frühjahr rezensiert haben) bei der Benedikt-Option anscheinend als erstes denken, obwohl sie im Buch gar keine so große Rolle spielen, wie ich erwartet hätte. An verschiedenen Stellen erwähnt Dreher Beispiele für solche Gemeinschaften, z. B. die amerikanische „Alleluia Community“, eine „Laiengemeinschaft charismatischer Katholiken und Protestanten“ (S. 213), oder die italienische „Tipi Loschi“, die er als besonders vorbildhaft hervorhebt. Tipi Loschi, eine Gemeinschaft mit 200 Mitgliedern, die dem Vorbild des sel. Pier Giorgio Frassati nacheifert, ist eine Vereinigung von Familien, die eine nach Chesterton benannte Schule und verschiedene Kooperativen, die wohltätigen Zwecken dienen, betreibt, und die eng mit dem Kloster in Norcia verbunden ist. Mir wird aus dem Buch nicht ganz klar, wie genau die Familien in der „Alleluia Community“ und in „Tipi Loschi“ leben; es hört sich nicht so an, als ob es sich um wirkliche Kommunen wie bei den Zwölf Stämmen oder irgendwelchen Hippie-Sekten der 70er handeln würde, sondern eher nach einem Leben in enger Nachbarschaft und mit vielen gemeinschaftlichen Veranstaltungen und gemeinsam betriebenen Institutionen. Die „Alleluia Community“ jedenfalls hört sich für mich dennoch eher zu eng gestrickt an, als dass ich (die ich von Natur aus kein sehr geselliger Mensch bin) mich da wohlfühlen könnte.

(„In Übereinstimmung mit den Beobachtungen Pater Martins sagt sie, das Geschenk der Gemeinschaft bestehe darin, eine Sozialstruktur auszubilden, in der es Christen leichter gemacht wird, Gottes Stimme zu hören und auf sie zu antworten, und in der andere Mitglieder sie zur Verantwortung ziehen, wenn sie vom geraden Weg abkommen. So nah mit anderen zusammenzuleben, kann die Geduld strapazieren, räumt Rachel ein – aber für sie und ihre Familie hat es sich als gut erwiesen.“ (S. 214))

Der Autor schlägt auch vor, dass Kirchengemeinden nach Geschlechtern getrennte Wohngemeinschaften für junge Singles gründen könnten; bei Ehepaaren und Familien mit Kindern geht er anscheinend schon eher davon aus, dass die für sich leben und sich in Pfarrgemeinden, Schulen usw. einbringen werden.

Er geht sowohl auf die Chancen als auch auf die Gefahren bei solchen Gemeinschaften wie der „Alleluia Community“ oder „Tipi Loschi“ ein; an einer Stelle schreibt er:

„Die wohl gefährlichste Versuchung für eng gestrickte Gemeinschaften ist der Drang, ihre Mitglieder übermäßig zu kontrollieren und allzu streng zu bevormunden, wenn sie von einem gewissen Reinheitsstandard abweichen.“ (S. 223)

Mir fehlen hier ein bisschen die konkreten Standards – wann ist eine Gemeinschaft zu streng oder zu abgeschottet? – und vielleicht auch die konkreten möglichen Vorsichtsmaßnahmen gegen solche Gefahren (z. B. wären klare Regeln wie die benediktinische Ordensregel vermutlich eine gute Idee); aber er erwähnt als grobe Regel immerhin, dass man z. B. auch Freundschaften außerhalb der Gemeinschaft knüpfen sollte, damit man sich nicht einbildet, alle Menschen dort draußen wären verdorben.

Mein Fazit: Das Buch ist lesenswert und gibt einige gute Impulse für ein christliches Leben. (Enthusiastischer wird’s leider nicht – aber ich fand’s alles in allem gut.)

 

* Ich sage ausdrücklich „50 Jahre“, weil gewisse in konservativen evangelikalen Kreisen verbreitete Ideen wie die von der „Entrückung“ (rapture) in der Endzeit oder die Akzeptanz der künstlichen Empfängnisverhütung noch nicht besonders alt sind.

** Zumindest in den allermeisten Fällen. Ich kannte tatsächlich mal eine Familie, die ihre Kinder zu Hause unterrichtete und dafür, soweit ich mich erinnere, eine Sondergenehmigung hatte. Soweit ich mich erinnere, kamen sie aus Baden-Württemberg und waren evangelisch. Meine Familie hat sie in einem Feriendorf im Schwarzwald getroffen, als ich ungefähr sechs oder sieben war, und meine Geschwister und ich haben öfter mit den drei Töchtern gespielt; zwischen der ältesten und meiner älteren Schwester ergab sich dann eine Brieffreundschaft. Ich weiß noch, dass wir es komisch fanden, dass das einzige außerhäusliche Hobby unserer neuen Freundinnen ein kirchlicher Chor war, und ihr Lieblingsfilm ein Pferdefilm aus den 50ern. Jedenfalls war es eine nette Familie. An viel mehr erinnere ich mich nicht.

Die zweifache Gefahr dieses Pontifikats

Ich bin sicher, dass ich nicht die einzige Katholikin bin, der es in den letzten fünf Jahren ungefähr so gegangen ist:

Wir bekommen sicher wieder einen tollen Papst – Er ist sicher ein toller Papst, die Medien wollen ihn bloß absichtlich missverstehen, wie sie es schon bei Benedikt getan haben – Er ist sicher ein guter Papst, aber er könnte sich manchmal klarer ausdrücken, damit man ihn nicht missversteht – Er sollte sich wirklich klarer ausdrücken – Es ist beunruhigend, dass er nicht gegen unkatholische Meinungen auf der Synode einschreitet; man könnte meinen, er stünde hinter Kasper – Es wäre wohl besser, wenn er unter Mitarbeitermotivation nicht verstehen würde, seine Mitarbeiter zu beleidigen – Also, man könnte diese Fußnote im falschen Sinn verstehen; er sollte wirklich klarstellen, dass Amoris Laetitia sich in Kontinuität zur Lehre Johannes Pauls II. befindet – Wieso beantwortet er die Dubia nicht? Wieso tut er nichts gegen diesen Bischof, der sexuellen Missbrauch vertuscht haben soll? Wieso diese ständigen Angriffe gegen alle, die „rigide“ oder „pharisäisch“ sein sollen – während er nie darauf eingeht, dass die Gebote auch ihren Sinn haben? Wieso kann er nicht einmal was Nettes zu denen sagen, die sich bemühen, den Glauben authentisch zu leben?

Irgendwann ist man frustriert. Ja, Franziskus ist der Papst. Nein, ich mag ihn nicht; und ich habe keine Lust mehr, mir einzureden, dass alles Problematische, was ich bei seinen Äußerungen wahrnehme, auf böswilligen Missverständnissen und Fehldeutungen meinerseits beruht. Ich mag ihn nicht, und er mag Katholiken wie mich vermutlich nicht. Aber man muss ja auch nicht jeden mögen, und wenn der Papst nur mich nerven würde, wäre das ein Luxusproblem. Damit kann ich umgehen, indem ich seine Äußerungen nicht mehr lese.

Das derzeitige Pontifikat sorgt aber, nach meinem Eindruck, für zwei große Gefahren bei zwei Gruppen:

Da wären erstens die Katholiken, die zwar durchaus gläubig, aber nicht sehr gefestigt im Glauben sind und die Gründe für viele Lehren nicht kennen; die aus mangelndem historischen Wissen einige Vorurteile über das Mittelalter, die vorkonziliare Kirche etc. hegen; die die Neuerungen des Konzils überschätzen und froh sind, dass die Kirche jetzt barmherziger und mehr Jesus-gemäß sei als früher; die sich, kurz gesagt, die „Entwicklung der Glaubenslehre“ als einen Fortschritt im Sinne des technischen Fortschritts vorstellen, wo wir viel weiter sind als unsere Vorfahren und wo man auch mal alte Ideen aufgeben muss; und die sich, weil sie eben nicht genau wissen, wie sich die Lehre authentisch entwickeln kann und was sich an ihr nicht ändern kann, nicht ausschließen, dass die Kirche ihre Position zum Frauenpriestertum, zu homosexuellen Beziehungen, oder zum Dauerbrenner zweite Ehen nach Scheidung im Sinne der „Barmherzigkeit“ verändern könnte. Solche Katholiken, die vielleicht zur Zeit Benedikts XVI. oder Johannes Pauls II. noch eher eine klare Erklärung dafür gehört hätten, wieso Gottes Gebote alle gut sind und nicht dazu da sind, uns zu quälen, oder wieso die Kirche, begleitet vom Heiligen Geist, zwar Lehren tiefer verstehen, aber nicht vom Grundsatz her ändern kann, werden jetzt darin bestätigt, dass alle, die (beispielsweise) gegen den Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene sind, ja nur rigide, verurteilende Pharisäer seien, die Gottes Barmherzigkeit nicht kennen würden – sagt schließlich der Papst selbst. Oder er deutet es zumindest an. (Bei wirklich glaubensfernen Menschen oder den ebenso glaubensfernen Medien ist dieser Effekt natürlich noch mal stärker: Sie mögen Franziskus, weil er ihnen den Eindruck von „Ich bin ja gar nicht so wie die böse Kirche“ gibt – und entwickeln dadurch natürlich erst recht keinerlei Sympathie für die Kirche.) So geht  das Verständnis für die katholische Lehre verloren.

Dann wäre da auf der anderen Seite eine gewisse Sorte von Tradi-Katholiken, die sich nur mühsam von den beiden letzten Päpsten haben überreden lassen, dass das Konzil keinen Bruch dargestellt hat und mit einer „Hermeneutik der Kontinuität“ verstanden werden kann, und die evtl. auch eine gewisse Neigung zu Verschwörungsdenken haben und dazu, den nahenden Weltuntergang zu erwarten. Die bekommen immer mehr den Eindruck: Franziskus verkündet Irrlehren. Zumindest widerspricht er nicht, wenn sie in seinem Namen verkündet werden. Und manchmal rutschen solche Leute dann in den Sedisvakantismus ab. Der Gedankengang sieht folgendermaßen aus: Franziskus scheint Häresie zu vertreten; und wenn Franziskus ein Häretiker ist, ist er nicht mehr Teil der Kirche, also ist er nicht mehr Papst. Der hl. Robert Bellarmin hat schließlich gesagt, wenn ein Papst öffentlich Häresie verkünden würde, würde er sein Amt verlieren. Manche gehen dann so weit, den Papst nicht nur für einen Anti-Papst, sondern sogar für den Antichrist zu halten, der sich bald als solcher zu erkennen geben würde.

Mit anderen Worten: Dieses Pontifikat produziert Häretiker auf der einen und Schismatiker auf der anderen Seite.

 

PS: Die Argumentation der zweiten Gruppe geht übrigens an folgenden Punkten fehl:

Erstens – der hl. Robert Bellarmin in allen Ehren, aber auch die Ansicht, dass Gott es einfach nicht zulassen würde, dass jemals ein Papst öffentlich Häresie verkündet, hat einige Vertreter, und sie ist die logischere. Wozu hat Christus denn das Papstamt eingesetzt? Und wer könnte den Papst zum „Nicht-mehr-Papst“ erklären? Über dem Papst gibt es in der Kirche keine höhere Autorität mehr.

Zweitens – Franziskus ist nach dem Kirchenrecht eben kein Häretiker. Er hat nicht eindeutig öffentlich vertreten „Die Ehe ist nicht unauflöslich“ oder „Die Hölle gibt es nicht“ (Letzteres hat ein notorisch unzuverlässiger atheistischer Journalist über ihn behauptet, der sich bei seinen Interviews nicht einmal Notizen macht; und dass Franziskus dem nicht eindeutig persönlich widersprochen hat, heißt nicht, dass er diese Ansicht selbst verkündet hat). Mit den alten Zensuren, mit denen der Hl. Stuhl früher theologische Ansichten bewertete, müsste man bei einigen seiner Äußerungen so etwas wie „der Häresie nahestehend“ oder „zur Häresie hinführend“ sagen; und eben nicht „häretisch“.

Drittens – Oft wird dann die Behauptung aufgestellt: „Wir hatten schon sündhafte Päpste, aber keine, die die Lehre angegriffen haben“. Das ist nicht richtig. Wir hatten u. a. schon folgende Päpste:

  • Liberius (352-366) machte Zugeständnisse an den Arianismus – die bedeutendste Häresie der Antike, die im vierten Jahrhundert die Unterstützung verschiedener römischer Kaiser hatte. Einer davon verbannte Liberius, und in der Verbannung unterschrieb Liberius ein Bekenntnis, das man im arianischen Sinn verstehen konnte (wenn es auch nicht eindeutig arianisch war), und exkommunizierte Athanasius von Alexandria, den klarsten Verteidiger der Lehre des Konzils von Nizäa, dass Gott der Sohn wesensgleich mit Gott dem Vater ist (statt nur wesensähnlich, also nicht so wirklich göttlich, wie die Arianer behaupteten). Zeitweise stand Athanasius ziemlich allein da, auch er wurde mehrmals verbannt – „Athanasius contra mundum“.
  • Honorius I. (625-638) wurde sogar vom dritten Konzil von Konstantinopel (680/81) verurteilt, weil er den Monotheletismus (die Lehre, dass Christus nicht einen menschlichen und einen göttlichen Willen, sondern nur einen göttlichen Willen gehabt hätte) begünstigt hatte: „Zusammen mit diesen aber soll, so beschlossen wir, auch Honorius, der ehemalige Papst Altroms, aus der heiligen Kirche Gottes ausgestoßen und mit dem Anathema belegt werden, weil wir in dem Brief, der von ihm an Sergius verfaßt wurde, fanden, daß er in allem dessen Auffassung folgte und seine gottlosen Lehren bekräftigte.“ Papst Leo II. schrieb in seinem Brief zur Bestätigung des Konzils: „Und in gleicherWeise belegen wir die Erfinder der neuen Irrlehre mit dem Anathema, nämlich Theodor, den Bischof von Pharan, Cyrus von Alexandrien, Sergius, Pyrrhus … und ebenso auch Honorius, der diese apostolische Kirche nicht durch die Lehre der apostolischen Überlieferung reinigte, sondern versuchte, in unheiligem Verrat den unbefleckten Glauben umzustürzen [griechische Fassung: zuließ, daß die unbefleckte [Kirche] durch unheiligen Verrat befleckt wurde].“ Honorius hat nicht ex cathedra Häresie gelehrt – aber er hat eine Häresie begünstigt und ist ihr nicht entgegengetreten.
  • Johannes XXII. (1316-1334) vertrat in einigen Predigten die Ansicht, dass die Seelen im Himmel erst nach dem Jüngsten Gericht Gott schauen würden. Das Gegenteil war damals noch kein Dogma, aber bereits relativ allgemein anerkannte Lehre der Kirche, und viele Theologen widersprachen dem Papst. Johannes erklärte schließlich, nur seine private theologische Meinung geäußert zu haben. Der nächste Papst stellte die Sache mit einem Dogma klar.

Haltet euch von den fiesen Weibern fern!

Es gibt im Katholizismus ein Prinzip, das man früher „Die Ägypter ausplündern“ (frei nach Exodus 11,35f.) nannte; gemeint ist, Dinge, die an sich gut oder zumindest teilweise gut sind, aus nichtchristlichen Kulturen aufzunehmen und sie im christlichen Sinne zu adaptieren. Diesem Prinzip sind z. B. Weihnachtsbäume, die scholastische Philosophie oder christliche Rockmusik zu verdanken. Wie man an letzterem Beispiel sieht, kann die christliche Adaption auch schiefgehen und zu einer lahmen Nachahmung werden; das Prinzip wird nicht immer richtig angewandt.

Und dann gibt es auch wieder Fälle, in denen es gar nicht angewandt werden sollte. Manchmal können die Ägypter ihren Scheiß auch behalten.

Die MGTOW-Bewegung (Men going their own way), über die der Cathwalk hier berichtet (https://www.thecathwalk.de/2018/03/08/mgtow-geschlecht-charakter/) wäre ein solcher Fall. André Thiele, der Autor dieses Artikels, möchte offensichtlich Impulse aus dieser säkularen Männerbewegung aufnehmen und im christlichen Sinne umdeuten. Leider funktioniert das nicht so ganz.

Die MGTOW-Bewegung stellt fest: Der Feminismus hat gesiegt, Frauen beherrschen die Welt, Männer werden unterdrückt, sind überall in der Gesellschaft benachteiligt, dürfen sich nicht mehr äußern, und werden für jedes Kompliment zu Vergewaltigern erklärt. André Thiele stellt fest: „Der Mann ist das Schlachtvieh der Moderne.“ Er fährt fort: „Die MGTOW-Männer reden von ‚Schlampen‘ und Schlimmerem, und das soll man nicht lieben – aber soll man es tadeln?“ Nun ist ein solcher Satz nicht gerade logisch. Wenn man etwas nicht lieben „soll“, folgt daraus, dass es nicht gut ist, und was nicht gut ist, „soll man […] tadeln“. Aber Thiele arbeitet offensichtlich nach dem Prinzip Wie du mir, so ich dir: „Ausgerechnet in einer Zeit, die kein Wort kennt, das zu brutal und zu vulgär wäre, wenn es nur gegen Männer geht?“ Die Frauen unterdrücken die Männer, die Männer dürfen sich das nicht mehr gefallen lassen. Also sollen sie sich einfach einer Welt entziehen, in der Männer und Frauen zusammenleben.

„Am schnellsten wächst die ‚going monk‘-Gruppe. Diese Männer gehen keinerlei sexuelle Beziehungen zu Frauen mehr ein und vermeiden auch zunehmend jeden gesellschaftlichen Umgang mit ihnen. Ein Teil radikalisiert sich weiter und verbindet sich mit der ‚NoFap‘-Gruppe, die ursprünglich nicht zu MGTOW gehört, und meidet auch Pornographie und Onanie.“

Na, da sind wir Frauen aber enttäuscht. Ich weiß ja nicht, wie es anderen Frauen geht, aber ich kann doch ganz gut damit leben, wenn Männer keine Pornos schauen. (Das als Radikalisierung zu bezeichnen, ist freilich etwas tragikomisch, und sagt einiges über die Normalität von Pornographie in unserer Gesellschaft aus.) Aber MGTOW ist eben eine Verschwörungstheorie: „Die“ Frau kontrolliert „den“ Mann, indem sie sich seine sexuellen Triebe zunutze macht. Sie macht ihn von sich abhängig und damit zu ihrem Sklaven. Also muss er sich von seinen Trieben lösen und kann somit endlich frei leben. Es gibt keine individuellen Menschen, sondern finstere, alles durchdringende Herrschaftstrukturen. Auf die Idee, dass Pornographie ganz im Gegenteil zum Nachteil von Frauen wirken könnte – z. B. indem Männer sich an Frauen degradierende Hardcore-Pornos gewöhnen und von ihren Freundinnen verlangen, dasselbe, was die Porno-Darstellerinnen tun, im Schlafzimmer nachzustellen – , kommt man hier offenbar gar nicht. Ebenso wenig, wie ein MGTOW-ler auf die Idee kommen würde, dass eine Frau vielleicht Besseres zu tun haben könnte, als sich ihn zu unterwerfen. Frauen sind einfach herrschsüchtige Biester, die kann man auch nicht ändern. Da kann man nur drauf hoffen, dass der technische Fortschritt sie überflüssig macht: „Wie die Mönche-Gruppe sich nach der Einführung der sog. ‚FemBots‘ genannten Gynoiden verhalten wird, die für die kommenden 10 bis 20 Jahre zu erwarten ist, wird man abwarten müssen.“ Würg.

Die MGTOW-Bewegung baut auf einem Körnchen Wahrheit auf: Es gibt tatsächlich männerfeindliche Feministinnen (auch wenn der Mainstream-Feminismus eher der Ansicht ist, dass „patriarchale Strukturen“ beiden Geschlechtern schaden, und man einfach Gleichberechtigung – oder Gleichstellung, was nicht dasselbe ist – erreichen sollte, die für alle am Ende am besten sei). Es gibt auch Frauen wie Sawsan Chebli, die es für Sexismus halten, wenn man ihnen sagt, sie seien „schön“. Aber die Männer, die durch die Metoo-Bewegung wirklich zu Fall kamen, sind eben keine Männer, die bloß einer Frau gesagt haben, sie sei schön, sondern Männer wie Harvey Weinstein, die sich in Sachen sexueller Belästigung und womöglich auch Vergewaltigung offensichtlich einiges haben zuschulden kommen lassen. Es gibt auch Bereiche der Gesellschaft, in denen Männer tatsächlich den Kürzeren ziehen – der Text erwähnt die Selbstmordrate als Beispiel (80% der Selbstmorde betreffen Männer), und die Tatsache, dass Männer wesentlich häufiger als Frauen von schweren Arbeitsunfällen betroffen sind. Aber das zweite Beispiel ist freilich ebenso lächerlich wie das Jammern auf Feministinnen-Seite über die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen – die Lohnlücke entsteht dadurch, dass Frauen sich häufiger für schlechter bezahlte Berufe, etwa im sozialen Bereich, oder für Teilzeitjobs entscheiden, und das ist ihre freie Entscheidung; und ebenso entsteht das Ungleichgewicht bei den Arbeitsunfällen dadurch, dass Männer sich häufiger für anstrengende und gefährliche Berufe entscheiden, und es ist die freie Entscheidung eines jeden Mannes, ob er Dachdecker oder doch lieber Erzieher werden will. Hier zeigen sich nur die Nebenwirkungen natürlicher Präferenzen. Der Text erwähnt auch Selbstmorde nach Scheidung oder Trennung – und es stimmt, dass etwa in Sorgerechtsstreitigkeiten nach Scheidungen im Regelfall den Frauen das Sorgerecht zugesprochen wird. Aber andererseits stimmt es eben auch, dass z. B. Frauen, die unehelich schwanger werden, sehr leicht vom Vater des Kindes im Stich gelassen werden und oft keinen Unterhalt erhalten. Hier sind wieder die Frauen deutlich schlechter dran. Worauf ich hinaus will: Wir haben in Deutschland eine relativ gleichberechtigte Gesellschaft – anders sieht es in anderen Gesellschaften aus, wo noch Zwangsehen, Kinderehen und Genitalverstümmelung existieren – , aber auch in dieser Gesellschaft kommt es an verschiedenen Stellen mal zur Benachteiligung von Männern, mal zur Benachteiligung von Frauen. Manchen dieser Benachteiligungen lässt sich abhelfen, anderen nicht. Die Tatsache, dass Frauen mit der Fortpflanzung wesentlich mehr Mühe haben, ist biologisch gegeben und lässt sich nicht ändern. Die Tatsache, dass Frauen im Durchschnitt weniger verdienen, entsteht durch ihre eigenen Präferenzen. Die Tatsache, dass Frauen häufiger unter sexueller Belästigung leiden als Männer, entsteht nur durch das Belästigen, das die Täter auch bleiben lassen könnten. Ähnlich bei den Männern: Männer neigen von Natur aus mehr zu Extremen, also ist es vielleicht nicht allzu verwunderlich, dass sie häufiger Selbstmord begehen oder auch obdachlos sind; aber manchen Ursachen dafür könnte man vielleicht trotzdem abhelfen, ebenso, wie man drauf schauen könnte, ob in unserem Schulsystem Mädchen und Jungen pädagogisch passend gefördert werden. Die MGTOW-Bewegung sieht einige reale Nachteile von Männern, ohne sich um deren Ursachen zu kümmern, bauscht sie zu lächerlicher Größe auf, und übersieht die Nachteile der Frauen. Dass da beim ein oder anderen Anhänger der Bewegung eine Enttäuschung, dass eine Frau nichts von ihm wissen wollte, mitspielen könnte, kann man sich gut vorstellen.

Man fragt sich doch, was für eine Vorstellung haben solche Leute von funktionierenden Beziehungen (auch wenn sie meinen, heutzutage könnte man keine Frau mehr für eine solche finden)? Wie würde ihre ideale Frau, ihre ideale Beziehung aussehen? Sollte es nicht ideal sein, dass in einer Beziehung beide Partner gleichzeitig daran arbeiten, für den anderen ein guter Partner zu sein und auf ihn einzugehen, sich dabei aber auch nicht verbiegen? Wieso sollte es schlecht sein, wenn man mal was für seinen Partner tut?

Am Ende kommt Thiele darauf, was das alles nun für Katholiken heißen soll. Hier zitiere ich einen längeren Abschnitt:

„Aber vielleicht geht dieser Vorgang Katholiken einfach gar nichts an? Haben wir nicht eine klare Dogmatik, was das Verhältnis von Männern und Frauen betrifft? Sind katholische Frauen nicht immun gegen die Versuchungen der feministischen Welt?

Katholische Frauen in der Moderne sind vor allem zunächst einmal moderne Frauen und verhalten sich weit überwiegend keinesfalls anders als nichtkatholische Frauen. Vor allem aber werden katholische Männer von ihrer Kirche und ihren Gemeinden weitgehend alleingelassen bei der Wahl ihrer Partnerinnen: die Frage nach der Tugendhaftigkeit einer Frau, mit der ein seinen Glauben lebender Mann sein gesamtes Leben verbringen soll, ist ein Tabu. Wer sie stellt, ist ein Erststeinwerfer, was neben dem Pharisäer und dem Sexisten das Schlimmste ist, was ein katholischer Mann heutzutage sein kann. Der Teufel selbst genösse in der Kirche von heute hohes Ansehen, wenn er sich Frauen verstehend, sie empowernd und ihnen gegenüber ‚vorurteilsfrei‘ äußern würde, wobei ‚vorurteilsfrei‘ dasjenige Vorurteil meint, das Frauen genehm ist, während ‚vorverurteilend‘ dasjenige Urteil ist, das ihnen nicht genehm ist. Unehelich schwangere Katholikinnen erfahren genau dieselbe Vorzugsbehandlung wie Heidinnen auch, eine im Stuhlkreis sozialisierte Priesterschaft winkt das ängstlich durch und eine Armee von unverheirateten Gemeindereferentinnen erklärt sie zu weltlichen Heiligen, denen jeder katholische Mann sein Glück zu opfern hat – denn genau darin besteht nach Ansicht dieser Frauen sein Glück.

Im Zeichen von ‚Weiberaufstand‘ und hoch promiskuitiven Frauen, die sich via McBeichte und Drive-Through-Katholizismus für ihren Fall das katholische Sahnehäubchen als Distinktionsmerkmal verschaffen, kann kein Mann ‚vertrauen‘.

Richtig aber ist, daß katholische MGTOW-Männer eine andere Perspektive haben als andere: sie haben eine jahrtausendealte Tradition der innerweltlichen Keuschheit, der sie sich überantworten können. Sie müssen nicht auf den sentimentalen Quatsch des ‚white knightings‘ hereinfallen, um einen historisch erprobten Begriff von Ritterlichkeit zu haben. Und sie können ihr Geschick eben vertrauensvoll ihrem Herrn anvertrauen, in dessen Hand sie geborgener sind als selbst die Gemeindereferentinnen in denen ihrer steuersubventionierten Diözese.“

Ich muss sagen, ich finde diese Abschnitte gruselig.

Zunächst mal zu den Versuchungen der feministischen Welt, denen die katholischen Frauen angeblich verfallen: Welche genau sollen das sein? Der Feminismus kann vor allem zwei wirkliche Errungenschaften vorweisen: Erstens, dass es normal für Frauen geworden ist, einen Beruf zu lernen, und damit im Leben nicht darauf angewiesen zu sein, dass sie einen Ehemann finden; zweitens, dass Frauen in der Gesellschaft mehr Gehör finden und Einfluss nehmen – z. B. durch das aktive und passive Wahlrecht, oder dadurch, dass sie jetzt auch an Universitäten repräsentiert sind. Es ist nicht gut, wenn jeder Frau, egal, wie ihre Lebensumstände und ihre Persönlichkeit aussehen, nur die Ehe als wirklich anerkannter Lebensweg offensteht; es ist auch nicht gut, wenn die Hälfte der Bevölkerung von öffentlichen Debatten ausgeschlossen bleibt. Natürlich kamen mit einer späteren Welle des Feminismus auch andere Forderungen auf, die die ersten Feministinnen abgelehnt hätten – sexuelle Befreiung, Recht auf Abtreibung, usw. Aber was genau davon lehnt André Thiele nun als Versuchungen ab?

Anscheinend vor allem die Promuiskuität; seine Angst ist, dass katholische Männer keine angemessen tugendhafte Frau mehr finden könnten. Was er unter „Tugendhaftigkeit“ versteht, wird gleich klar: Jungfräulichkeit. Unverheiratete Mütter etwa fallen von vornherein raus. Dass das nicht mehr viel mit dem Christentum zu tun hat, sondern eher mit außerchristlichen Vorstellungen von Ehre und Unversehrtheit, ist klar; im Christentum sind Sünden erledigt, wenn man sie gebeichtet hat. Wir haben genügend bekehrte Prostituierte in unserem Heiligenkalender (z. B. die hl. Afra). Aber André Thiele sieht das offenbar anders. Er ist auch der Meinung, dass wir unverheirateten Müttern deutlicher klarmachen sollten, dass sie unerwünscht sind; eine Sache wie „Frauen, die sich für ihr Kind entscheiden, unterstützen“ oder „Alle Menschen freundlich behandeln“ mag zwar ganz nett sein, aber man muss den Weibern ja schließlich auch klarmachen, wie sie sich zu verhalten haben und wann sie nichts mehr wert sind. Etwas lächerlich auch die Klage darüber, dass die Kirche die Männer im Stich ließe; sollten die Pfarreien vielleicht Tugendhafte-Jungfrauen-Vermittlungsstellen einrichten, damit kein Mann ohne passende Gattin bleiben muss?

Aber vor allem wird hier klar: Es geht um den Mann, der wählt. Bei der Ehe geht es für Thiele nicht um Gegenseitigkeit, nicht um zwei Menschen, die schauen, ob der jeweils andere ein guter Partner ist (also auch irgendwo „tugendhaft“) und zu ihnen passt, und sich dann für ein Leben mit ihm entscheiden. Die Frage nach der Tugendhaftigkeit des Mannes wird gar nicht erst gestellt. Männer brauchen ja schließlich keinen „sentimentalen Quatsch“, keine „Ritterlichkeit“, sie müssen sich anscheinend nicht anständig verhalten, um ihrer Partnerin würdig zu sein; Frauen dagegen müssen gucken, dass sie auch ja tugendhaft und unterwürfig genug sind.

Thiele geht weit, sehr weit über den handelsüblichen katholischen Antifeminismus hinaus, der hauptsächlich darin besteht, sich (zu Recht) über die Forderung nach einem „Recht auf Abtreibung“ oder die Herabwürdigung von Hausfrauen und Müttern aufzuregen. Er postuliert eine Konkurrenz, einen unvermeidbaren Kampf zwischen den Geschlechtern. Was soll das? Wir sind keine Feinde. Männer und Frauen sind aufeinander hingeordnet und beide nach dem Abbild Gottes geschaffen – so sieht nämlich die „klare Dogmatik“ der Kirche aus. Unsere großen Heiligen hatten kein Problem mit der Ehe oder auch mit Freundschaften zwischen Männern und Frauen (man denke an Franziskus und Klara von Assisi, Franz von Sales und Johanna Franziska von Chantal, oder Hieronymus und Paula und Eustochium (ja, das ist ein Frauenname)). Wenn sie auf die Ehe verzichteten, dann nicht, weil sie dem ach so fiesen Weibsvolk entkommen wollten, sondern weil es etwas Großes ist, „um des Himmelreiches willen“ auf gute Dinge zu verzichten. Von dieser Perspektive auf das Mönchtum scheint André Thiele keine Ahnung zu haben.

Einzelfälle, alles Einzelfälle

Ich bin gerade etwas sauer auf Kardinal Marx und so weiter.

Wiederverheiratet-Geschiedene sollen „in Einzelfällen“ zur Kommunion zugelassen werden. Homosexuelle Paare sollen „in Einzelfällen“ eine Segnung ihrer Partnerschaft erhalten können. Evangelische Ehepartner von Katholiken sollen „in Einzelfällen“ (und wenn sie in Bezug auf die Eucharistie dasselbe glauben wie die Katholiken) zusammen mit ihrem Ehepartner zur Kommunion gehen können. (Dass sie ganz zur katholischen Kirche kommen, muss aber nun wirklich nicht sein: „Den Vorwurf, es handele sich um eine ‚Rückkehr-Ökumene‘ wies Marx zurück. Es werde gerade nicht gesagt, dass Protestanten nur die Kommunion empfangen könnten, wenn sie konvertierten.“ (http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/kommunion-weg-fur-evangelischen-partner-geebnet) Wir wollen der lieben EKD ja nun nicht die Leute wegnehmen, das schadet bloß der Nicht-Rückkehr-Ökumene, die ja schließlich sehr wichtig ist.)

Alles in Einzelfällen. Wir wollen ja nicht generell was ändern, nein, habt keine Angst, liebe konservative Katholiken, wir tun ja hier nicht die Dogmen ändern; aber es braucht eben seelsorgerliche Begleitung und pastorale Wege und Gewissensurteile und so Zeugs.

Ist Kardinal Marx bzw. der Bischofskonferenz eigentlich klar, wie solche vorsichtigen Kompromissformulierungen bei den Leuten ankommen? Endlich bewegt sich in der katholischen Kirche mal was, was tut die jetzt immer noch so von wegen „Ausnahmen in Einzelfällen“ herum, die ist immer noch total diskriminierend und schlimm, aber früher oder später wird sie schon noch weiter nachgeben, jetzt geht es grundsätzlich, es wird schon nicht bei Einzelfällen bleiben. („Die katholische Kirche“ wird hier zudem wahrgenommen als eine deutsche Institution unter Marx & Co., die irgendwie noch mit einer Weltkirche und einem Papst verbunden ist, aber ihre Reformen für sich macht.) Und genau diesen Eindruck befördern die Bischöfe gerade nach Kräften.

Es ist sicher nicht schön, wenn man mit seinem Ehepartner den Glauben nicht teilt. Aber was ist die Lösung dafür? Ich sag’s euch: Den katholischen Glauben annehmen und zur katholischen Kirche konvertieren! Wenn man den Glauben – den Glauben als Ganzes – nicht teilt, aber bei den Sakramenten so tut, was bringt das dann? Da hält man die Differenzen lieber offen aus, wenn man zu keiner gemeinsamen Überzeugung findet; das ist jedenfalls ehrlicher.

Und was sagen eigentlich die Evangelischen zu der letzten Entscheidung? Der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm verkündet auf Facebook:

„Das ist ein wichtiges Zeichen der Deutschen Bischofskonferenz! Dass konfessionsverbindenden Ehepaaren nunmehr ein Weg eröffnet wurde, gemeinsam an der Eucharistiefeier teilzunehmen, markiert nicht nur einen weiteren wichtigen Schritt auf dem Weg der Ökumene. Für Menschen, die nicht nur ihren Glauben an Jesus Christus, sondern auch ihr Leben miteinander teilen, stellt das eine echte Erleichterung dar. Die Entscheidung macht deutlich, dass das Bedürfnis konfessionsverbindender Ehepaare, gemeinsam an den Tisch des Herrn treten zu können, von der Bischofskonferenz gehört und gewürdigt wird. Als evangelische Kirche hoffen wir weiterhin darauf, dass eine Teilnahme konfessionsverbindender Ehepartner auch am evangelischen Abendmahl möglich gemacht wird. Die heutige Richtungsentscheidung ist – bei allen noch zu klärenden Punkten – zuallererst eine Ermutigung für viele Millionen Christen, die in ihren Lebensbezügen ökumenisch eng miteinander verbunden sind.“

Bedford-Strohm verhält sich wie meine Oma, wenn ich ihr erzähle, dass ich mit meiner Psychotherapie Fortschritte mache: Na, hoffen wir mal, dass das dann in Zukunft noch besser wird.

Endlich hören und würdigen die katholischen Bischöfe mal ein wenig die armen, geplagten Leute; aber natürlich ist das nur ein „wichtige[r] Schritt auf dem Weg der Ökumene“ (an dessen Ende idealerweise die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft zu stehen hat), eine „Richtungsentscheidung“ „bei allen noch zu klärenden Punkten“. Immerhin sollten bald auch die katholischen Ehepartner am evangelischen Abendmahl teilnehmen dürfen, das fordern wir schon. Dass die katholische Kirche das evangelische Abendmahl nicht als sakramental (also nicht als wirkliches Abendmahl) anerkennen kann, ist dem Landesbischof keine Zeile wert; der katholische Glaube ist nicht erwähnenswert. Ökumene in deutschen Landen ist halt immer noch von einer extremen Anspruchshaltung der EKD geprägt, dass die katholische Kirche sich endlich mal an sie anpassen soll. Klar, wenn man schon die Abendmahlsgemeinschaft mit reformierten Kirchen hat, die nicht an die Realpräsenz glauben, obwohl man selber irgendwie noch eine Art Realpräsenz lehrt, erwartet man wohl auch von anderen nicht mehr, das Sakrament heilig zu halten. Es ist wichtiger, dass wir so tun, als wären wir eine Gemeinschaft, als dass wir wirklich eine sind. Dabei könnte man viel ehrlicher zusammenarbeiten, wenn man anerkennen würde, wo man sich unterscheidet.

Herumgedruckse von Bischöfen über „Einzelfälle“, „keine generellen Regelungen“, „pastorale Begleitung“, „Gewissensentscheidungen“ und solches Zeug führt ganz einfach dazu, dass die Entscheidungen auf die nächstuntere Ebene verlagert werden: Zu den Pfarrern. Und jetzt versuchen Sie mal als Pfarrer, dem evangelischen Ehemann Ihrer Pfarrgemeinderatsvorsitzenden zu erklären: „Nein, tut mir leid, damit teilen Sie nicht wirklich den Glauben der katholischen Kirche, ich kann Ihnen die Kommunion nicht geben.“ Versuchen Sie mal, zu einem lesbischen Paar, das frisch standesamtlich verheiratet ins Pfarrbüro kommt und noch eine romantische kirchliche Feier verlangt, eine der beiden jungen Frauen noch dazu eine ehemalige Ministrantin, zu sagen: „Nein, Ihre Beziehung ist keine sakramentale Ehe, die Kirche kann so eine Beziehung nicht segnen“. Denken Sie immer dran: Sie sind der Unbarmherzige, der noch unbarmherziger ist als die unbarmherzigen bischöflichen Kirchenfürsten. Von denen brauchen Sie auch gar keinen Rückhalt mehr zu erwarten.

Und zu noch etwas führt es: Immer weniger Leute werden der Kirche glauben, dass sie manche Dinge tatsächlich nicht ändern kann. Nein, die deutschen Bischöfe haben nicht erklärt, dass Dogmen wie die Unauflöslichkeit der Ehe (siehe die schon ewig schwärende Angelegenheit um die Wiederverheirat-Geschiedenen), die Identität der Ehe als Bund zwischen Mann und Frau, oder die Lehre über das Sakrament der Eucharistie sich irgendwie geändert hätten. Aber sie haben dafür gesorgt, dass sie das Handeln in der Praxis weniger und weniger beeinflussen. Und in der Kirche gilt nun einmal, dass lex orandi, lex credendi und lex agendi (das Gesetz des Betens, das Gesetz des Glaubens und das Gesetz des Handelns) eng zusammenhängen. Und die meisten Leute, die in der Tageszeitung oder der Rundschau von einer Entscheidung der Bischofskonferenz erfahren, haben eben keine theologische Ausbildung und können nicht so einfach unterscheiden, was Dogmen sind und was nicht. Es ist ja nicht so, dass die Rundschau es erklären (oder auch bloß selber verstehen) würde. Sie haben also den Eindruck, etwas ändert sich, das man früher nicht ändern wollte; also, wieso sollte sich nicht auch noch etwas anderes ändern, das man zurzeit nicht ändern will?

Ich gebe hier mal eine Unterhaltung zwischen mir und meiner Mutter vor einigen Wochen wieder; zuerst ging es um Luther, den Ablasshandel und die Reformation, dann kam die Rede irgendwie auf das Konzil von Trient und ich habe allgemein erklärt, was Dogmen sind und dass sie unveränderlich sind:

Sie: Aber blöd wäre es dann halt, wenn ein Papst sagt, das ist Dogma, und der nächste sagt dann, das Gegenteil davon ist jetzt Dogma.

Ich: Das ist nie passiert.

Sie: Ach, das ist nie passiert?

Ich: Nein, das ist nie passiert.

(Es folgte ein Gespräch darüber, dass der Heilige Geist die Kirche vor Irrtum bei Dogmen bewahrt und dass z. B. der Zölibat kein Dogma ist, die Dreifaltigkeit aber schon, und die Tatsache, dass Frauen keine Priester werden können, so quasi ein Dogma.)

Der Punkt ist: Meine Mutter ist nicht besonders kirchenfern. Sie geht zwar nicht regelmäßig sonntags zur Messe, betet aber jeden Tag. Einmal im Jahr nimmt sie an einer kleinen Wallfahrt teil. Als ich ihr einmal erzählt habe, dass es bei einem Vortrag in der Pfarrei darum gegangen sei, dass Jesus gestorben ist, um die Welt zu erlösen, meinte sie „Also, das weiß doch eh jeder“. Wenn eine Messe für verstorbene Großeltern oder andere Verwandte gehalten wird, geht sie selbstverständlich hin. Aber ihr war nicht bewusst, dass nie ein Dogma von der Kirche verändert wurde.

Die meisten Leute haben gar kein Bewusstsein für die Geschichte der Kirche, dafür, was sie all die Jahrhunderte hindurch bewahrt hat. Wie sollten sie auch? Niemand hat es ihnen je gesagt.

Ein weiterer Punkt: Wenn es (ob jetzt bei der Kommunionzulassung von Evangelischen, oder auch von Wiederverheirateten, oder bei der Segnung homosexueller Partnerschaften) um Einzelfälle gehen soll, die tatsächlich Einzelfälle bleiben sollen (tun wir mal so, als wäre es so), würde, statt dass jeder Katholik wüsste, woran er aufgrund einer klaren Regel ist, der einzelne Pfarrer willkürliche Entscheidungen treffen können. Der eine würde die Kommunion erhalten, der andere nicht, und aufgrund welcher Kriterien? Weil sein Gewissen sich so oder so anfühlt, weil sein Pfarrer liberaler oder konservativer ist? Das Ganze erinnert mich an meine erste Kirchenrechtsvorlesung: Der Dozent betonte damals, dass das Recht gerade für die Menschen da sei, damit jeder sein Recht bekomme. Wenn es klare Regeln gibt, kann jeder sein Recht bekommen, und weiß auch, mit welchem Recht er das und das, was er gern hätte, gerade nicht bekommt. Wenn alles nur um Einzelfälle und subjektive Entscheidungen geht, weiß das keiner mehr.