Die allumfassende Kirche, Teil 6: Sein oder Nichtsein – Katholizismus, Buddhismus und Malthusianismus

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Es gibt eine Grundentscheidung, die der Mensch in seinem Leben treffen muss: Für das Sein oder für das Nichtsein. Damit meine ich die Entscheidung, ob er das Sein, das Leben, die Welt letztlich als gut – wenn auch in dieser Welt offensichtlich mangelhaft und entstellt – sehen will, oder ob er das Nichtsein, den Tod, das Nirwana vorzieht. Die erste Ansicht ist die des Christen; die zweite die des Buddhisten oder auch des nihilistischen Atheisten.

Es gibt vielleicht ein paar Unterschiede zwischen dem durchschnittlichen westlichen Atheisten und dem durchschnittlichen östlichen Buddhisten. Der westliche Atheist ist oft aggressiver und wendet sich deutlicher gegen den christlichen Gott, von dem er mal gehört hat. Er klagt Gott an, dass der das Leid zulasse, und scheint sich dabei manchmal nicht entscheiden zu können, ob er sagen will, dass Gott schlecht ist oder dass es Gott nicht geben kann, weil er schlecht wäre, wenn es Ihn gäbe. Der Buddhist ist friedlicher und meditativer und macht sich nicht wirklich Gedanken über Gott. Er glaubt einfach nicht an ihn; eigentlich ist er der wahre Atheist.

Es gibt ja immer mal wieder Diskussionen darüber, ob man den Buddhismus als eine Religion bezeichnen kann. Das hängt letztlich vom Religionsbegriff ab. Der Buddhismus ist eine Weltanschauung oder Philosophie, die den Menschen zu seinem Heil führen soll, aber an diesem Heil sind keine Götter beteiligt. Der Mensch wirkt es selbst. Durch Erkenntnis und eventuell auch gute Taten befreit der Buddhist sich von dieser Welt, die für ihn nur Leiden bedeutet. Er erfasst, dass sie letztlich nur Schein ist, und gelangt in die Welt des Nicht-Seins, wie es Buddha exemplarisch vorgemacht und gelehrt hat.

Der Buddhismus hat einen guten Ruf, weil er friedlich ist und das Mitleid kennt und einige gute Weisheitssprüche hervorgebracht hat, und natürlich, weil er eine irgendwie exotische Alternative zur einheimischen Religion ist. Aber in seinem tiefsten Inneren ist er Leblosigkeit und Verzweiflung.

Das Christentum ist so ganz anders. Der Himmel wird das Leben in Fülle sein, die selige Schau Gottes; wir freuen uns auf die Chöre der Engel und Heiligen, auf Gesang und Jubel und Schönheit und das Antlitz unseres geliebten Erlösers – nicht auf die Auslöschung unserer Seele. Für uns ist das Sein gut, in seinem tiefsten Wesen gut – es ist nur verzerrt und verschmutzt worden durch die Sünde. Es muss daher gereinigt werden, nicht zerstört.

Wenn man über die Theodizeefrage diskutiert, wird es immer mal wieder Leute geben, die argumentieren, es wäre besser, nicht zu leben, als in einer so leidvollen Welt zu leben (zumindest für Menschen, die wirklich schlimmes Leid erleben, sagen wir mal, die Juden, die nach Auschwitz deportiert wurden, oder die Insassen der nordkoreanischen Arbeitslager, oder Sklavinnen in den Händen des IS). Da ist jedoch eine Art logischer Fehler drin, zumindest etwas, das in dieser Formulierung leicht übersehen wird. Wenn es mich nicht geben würde, wäre das für mich nicht besser – weil es mich dann nicht geben würde. Dann würde ich nicht in einer Welt leben, in der ich weder Schmerz noch Freude empfände, sondern dann würde ich überhaupt nicht leben. Für mich wäre es besser, wenn es mich nicht gäbe, ist ein Widerspruch in sich. Wenn es mich nicht gäbe, könnte nichts für mich gut oder schlecht sein. Wenn man den Satz logisch einwandfrei formulieren möchte, könnte man vielleicht sagen: Es lohnt sich nicht, zu sein, da das Sein zu viel Leid bedeutet, oder etwas in der Art. Aber so richtig überzeugend ist das noch immer nicht.

Diese Art der Argumentation („es wäre besser, nicht zu sein“) muss man nicht akzeptieren. Wer lebt, wird Leid erfahren; aber er wird auch Freude erfahren, zumindest hat er die Chance, wieder einmal Freude zu erfahren (vor allem durch Gott; wenn es Gott nicht gäbe, wäre das Leben allerdings um einiges hoffnungsloser).

Die Kirche ist für das Leben. Der heilige Papst Johannes Paul II. hat oft von einer „Kultur des Lebens“ gesprochen, die sich der verbreiteten „Kultur des Todes“ entgegenstellen muss. Zu dieser Kultur des Todes gehören nach seiner Auffassung – u. a. – Abtreibung, Euthanasie/Sterbehilfe, assistierter Selbstmord, Todesstrafe, und auch die lebensfeindliche Einstellung, die sich im Widerwillen gegenüber Kindern ausdrückt. Gerade im Bereich von Abtreibung und Sterbehilfe hört man oft das Argument, der Tod sei für diese Menschen das Bessere (bei Abtreibung zum Beispiel mit der Begründung, dass ein Kind nicht entweder mit einer Behinderung oder in einer nicht gut funktionierenden Familie leben sollte). Das Christentum wendet nun, wie oben gesagt, ein, dass das Leben an sich gut ist, und das elementare Gutsein des Daseins durch Leid nicht außer Kraft gesetzt wird. (Mal ganz abgesehen davon, dass es eine beinahe lächerliche Unehrlichkeit ist, zu behaupten, man gebe einem Kind mit Downsyndrom eine Giftspritze ins Herz oder zerstückele es, um ihm das Leid des Lebens zu ersparen. Denn Kinder mit Downsyndrom, falls man das noch nicht bemerkt haben sollte, können ein sehr glückliches Leben führen. Den einzigen, denen man hier etwas ersparen will, sind die Menschen, die mit diesem Kind zurechtkommen müssten. Schließlich treffen ja auch sie die Entscheidung für den Tod des Kindes, nicht das Kind.)

Man könnte gegen die christliche Sicht auf diese Themen natürlich einwenden, dass der Tod – im Gegensatz zum Gar-nicht-existiert-haben – für die Christen ja nicht die Auslöschung, sondern die Vollendung des Lebens ist. Darauf würde man als Christ entgegnen, dass es an Gott ist, zu bestimmen, wann diese Vollendung fällig ist. Wir leben das Leben, das er uns gegeben hat, und machen das Beste draus, und sehen dann, wann wir zur Vollendung gerufen werden. Abgesehen davon steht bei Leuten, die für Abtreibung und Sterbehilfe sind, wohl kaum das Bestreben im Vordergrund, dem abgetriebenen Kind oder getöteten Kranken ein besseres Leben im Jenseits zu verschaffen (wenn sie denn überhaupt daran glauben), sondern sie wollen – jedenfalls ist das das vorgebrachte Motiv – sein schlechtes Leben im Diesseits zu beenden; lebensbeendende Maßnahmen haben genau dieses Ziel: Leben zu beenden, den Tod zu bringen. Darüber hinaus wird gar nicht geschaut.

Bleiben wir beim Thema Kultur des Todes: Zu dieser Kultur gehören auch gewisse Strömungen in ganz extremen Umweltschützerkreisen, in denen der Mensch teilweise als etwas gesehen wird, das es eigentlich nicht geben sollte. Er ist zu schlecht, er zerstört anderes Leben, er sollte am liebsten einfach weg. (Eigentlich paradox, dass Menschen, die alles Leben für schützenswert halten, das menschliche Leben dabei nicht einschließen.) Eine heute damit verbundene Idee ist der Malthusianismus; eine Philosophie, die meines Erachtens nach direkt aus der Hölle kommt.

Thomas Robert Malthus (1766-1834) war ein anglikanischer Pfarrer und Ökonom. (Er ist auch ein Beispiel dafür, dass auch Menschen, die äußerlich als Christen leben, schlechte – sehr schlechte – Ideen haben können und sich keineswegs immer als christliche Denker erweisen; Malthus übte tatsächlich großen Einfluss auf den ein wenig später entstandenen Sozialdarwinismus aus.) Er beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Thema Bevölkerungsentwicklung, und zwar in ziemlich stümperhafter Weise. Seine simple Theorie lautete folgendermaßen: Die Menschen würden sich exponentiell vermehren (Beispiel: Ein Paar aus einer Generation hat durchschnittlich vier Kinder, die Paare der Generation dieser Kinder dann ebenfalls wieder durchschnittlich vier Kinder, usw.), die Nahrungsmittelproduktion dagegen nur linear (d. h. sie wachse immer um dieselbe Menge, also, sagen wir mal, x Tonnen Weizen kommen jedes Jahr dazu, der Zuwachs wird nie größer). Die Kurven der Nahrungsmittelproduktion und der Bevölkerungsentwicklung würden sich dadurch zwangsläufig immer mehr auseinander entwickeln. Nach diesem Naturgesetz ließen sich natürlich irgendwann nicht mehr alle Menschen ernähren, also würde die Natur zwangsläufig zurückschlagen und ein Teil der Menschen eben durch Hunger, Seuchen etc. sterben. Es sei denn natürlich, sie bekämen weniger Kinder. (Malthus war allerdings stark genug durch eine halbwegs christliche Kultur geprägt, dass er Abtreibung und künstliche Verhütungsmethoden ablehnte und stattdessen späte Heiraten und Enthaltsamkeit vorschlug.)

Die Geschichte hat diese Theorie widerlegt; die von Malthus prophezeite Bevölkerungskatastrophe trat bekanntlich nie ein. Stattdessen wuchs die Nahrungsmittelproduktion im 19. Jahrhundert durch neue Techniken enorm, sogar mehr als notwendig; und diese Techniken wurden gerade deshalb entwickelt, weil eine größere Bevölkerung ernährt werden musste.

Was ist nun das Schlimme an Malthus’ Theorie, abgesehen davon, dass sie sich in der Realität nicht behauptet hat? Schließlich kann es doch schon zu einem Problem werden, wenn – in einem bestimmten Land oder in einer bestimmten Familie – zu viele Kinder auf einmal geboren werden, oder nicht?

Sicher kann es das. Und die katholische Kirche hat auch nie behauptet, dass jede Familie fünfzehn Kinder kriegen muss. (Auch wenn in der Welt da draußen die Tatsache, dass es so etwas wie „NFP“ gibt, ziemlich unbekannt ist.) Aber es besteht doch ein gewisser Unterschied zwischen einer Familie mit mehreren Kindern, die sich selbst entscheidet, vorerst nicht noch ein weiteres zu bekommen, weil sie dann einfach Schwierigkeiten hätte, alle Kinder zu ernähren, und einem Ökonomen, der aus seinem Lehrstuhl heraus erklärt, dass die Welt nun einmal leider nur begrenzte Ressourcen biete und man, wenn es zu viele Menschen gäbe, nichts anderes erwarten könne, als dass einige eben wegstürben, oder einer Regierung wie der chinesischen, die, von der Theorie dieses Ökonomen beeinflusst, Zwangsabtreibungen an Frauen vornehmen lässt, die zum zweiten Mal schwanger werden (und sich dann irgendwann fragt, wie eigentlich die Alten im Land versorgt werden sollen). Von Malthus stammt das folgende Zitat: „Ein Mensch, sagte er, der in einer schon okkupierten Welt geboren wird, wenn seine Familie nicht die Mittel hat, ihn zu ernähren oder wenn die Gesellschaft seine Arbeit nicht nötig hat, dieser Mensch hat nicht das mindeste Recht, irgend einen Teil von Nahrung zu verlangen, und er ist wirklich zu viel auf der Erde. Bei dem großen Gastmahle der Natur ist durchaus kein Gedecke für ihn gelegt. Die Natur gebietet ihm abzutreten, und sie säumt nicht, selbst diesen Befehl zur Ausführung zu bringen.“ (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Robert_Malthus ) Ich denke, das klärt die Frage, was man von Thomas Robert Malthus’ Ideen zu halten hat, oder?

Man sieht das Problem in dieser Philosophie ganz einfach an der Wortwahl ihrer Vertreter: Sie sprechen nicht von einem Mangel an Nahrung, sondern einem Zuviel an Menschen („Überbevölkerung“ oder, früher, „Bevölkerungsüberschuss“). Nicht die Landwirtschaft ist zu wenig produktiv oder die Verteilung zu ungerecht, nein, einfach, dass die Menschen da sind, ist das Problem. An dieser Wortwahl sieht man eins sehr deutlich: Sie sehen ein gewisses Maß an Bevölkerung als akzeptabel an, und der Rest ist dann ein „Überschuss“; es bleibt zwangsläufig die Frage, wer zu diesem Überschuss gehört und wer nicht.

Als einen exemplarischen Malthusianer könnte man vielleicht Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens’ „Eine Weihnachtsgeschichte“ nennen. Als zu Beginn des Buches zwei Männer in sein Büro kommen, um ihn um Spenden zu bitten, entwickelt sich zwischen ihnen folgendes Gespräch:

„‚In dieser Festzeit, Herr Scrooge’, sagte der Herr und nahm eine Feder zur Hand, ‚ist es mehr als sonst erwünscht, dass man ein weniges für die Armen und Hilflosen tut, die gegenwärtig schwer zu leiden haben. Vielen Tausenden mangelt es am Allernötigsten, Hunderttausenden an den bescheidensten Annehmlichkeiten des Daseins.’

‚Gibt es keine Gefängnisse?’ fragte Scrooge.

‚Eine Menge Gefängnisse’, sagte der Herr und legte die Feder wieder hin.

‚Und die Arbeitshäuser?’ forschte Scrooge weiter. ‚Sind sie noch in Betrieb?’

‚Gewiss. Indessen’, erwiderte der Herr, ‚ich wollte, ich könnte sagen: Nein!

‚Die Tretmühle und das Armengesetz finden auch noch Anwendung?’ sagte Scrooge.

‚Beide nur zu sehr, mein Herr!’

‚Oh! Ich fürchtete schon – nach dem, was Sie zuerst sagten –, es wäre ein Umstand eingetreten, der ihre nützliche Tätigkeit aufgehalten hätte’, sagte Scrooge. ‚Ich freue mich, das Gegenteil zu hören.’

‚Unter dem Eindruck, dass sie in christlichem Sinne kaum förderlich auf Geist und Körper der breiten Masse wirken, bemühen wir uns daher, das nötige Geld zusammenzubringen, um für die Armen etwas zu essen und zu trinken und warme Kleidung beschaffen zu können. Wir haben dazu diese Zeit gewählt, weil da gerade der Mangel am härtesten empfunden wird und so viele wiederum sich des Überflusses erfreuen. Was darf ich für Sie einsetzen?’

‚Nichts!’, erwiderte Scrooge.

‚Sie wünschen ungenannt zu bleiben?’

‚Ich wünsche allein gelassen zu werden’, sagte Scrooge. ‚Da Sie mich fragen, was ich wünsche, meine Herren, ist das meine Antwort. Ich bereite mir selbst kein fröhliches Weihnachten und ich kann mir nicht leisten, es für Faulenzer zu tun. Ich trage dazu bei, die Einrichtungen zu unterstützen, die ich erwähnt habe – sie kosten gerade genug –, und wem es schlecht geht, der muss sich dorthin wenden!’

‚Viele können es nicht und viele würden lieber sterben.’

‚Wenn sie lieber sterben würden’, sagte Scrooge, ‚täten sie gut daran, dies auch wirklich zu tun und den Bevölkerungsüberschuss zu vermindern. Übrigens – entschuldigen Sie – weiß ich nicht, was ich damit zu tun hab.’

‚Aber Sie könnten es wissen’, bemerkte der Herr.

‚Das ist nicht meine Angelegenheit’, gab Scrooge zurück. ‚Es genügt, wenn ein Mann sich auf seine eigenen Angelegenheiten versteht und sich nicht in diejenigen anderer einmischt. Meine beschäftigen mich zur Genüge. Guten Tag, meine Herren!“

Denn man mache sich nichts vor: Zum Kern des Malthusianismus gehört dieser krasse Individualismus, der den Menschen, der in die Welt kommt (siehe das Zitat oben) nicht als Teil einer Gemeinschaft, sondern als möglicherweise überzählige, auf sich gestellte Einzelperson sieht. Er leugnet nicht nur den grundsätzlichen Wert und die Gleichwertigkeit aller Menschen, sondern auch alle Solidarität unter ihnen. Er ist dem Christentum, in dem es immer um die Ausrichtung auf den Anderen, die Offenheit und den Austausch und Hilfe und Rücksicht und das Mitleiden und Mitfreuen – kurz, die Liebe – geht, fundamental entgegengesetzt. Diese „Jeder ist sich selbst der Nächste“-Philosophie ist der genaue Gegensatz zum Christentum.

Auch heute ist die Theorie von der Überbevölkerung noch lange nicht ausgestorben; man denke an den Club of Rome, oder derzeitige Befürchtungen, dass dank der hohen Geburtenrate in Afrika eine Völkerwanderung auf Europa zukommen könnte. In Zeiten, in denen die Erde bei gerechter Verteilung etwa 12 Milliarden Menschen ernähren könnte, während 7 Milliarden auf ihr leben, ist das alles meiner Meinung nach ziemlich… na ja, sagen wir mal, es zeugt von einer gewissen Misswirtschaft des Menschengeschlechts im Ganzen.

Wenn das Leben Probleme mit sich bringt, muss man gegen die Probleme vorgehen und nicht gegen das Leben. Wenn es in Afrika keine Arbeitsplätze gibt, muss man Arbeitsplätze schaffen, anstatt „Kriegt eben einfach keine Kinder!“ zu sagen. (Wenn die Leute dort keine Kinder kriegen, geht es ihnen übrigens erst recht nicht besser.) Wenn eine Behinderung gesellschaftliche Nachteile und/oder körperliche Beschwerden mit sich bringt, muss man mit Inklusion und Medikamenten ankommen, nicht mit der Giftspritze. Wenn jemand keinen Sinn mehr in seinem Leben sehen will, muss man ihm helfen, den Sinn zu finden, nicht den Tod.

Ich will wieder zu meinem Ausgangspunkt zurückkommen: Man muss sich entscheiden, ob man finden will, dass das Leben, das Dasein an sich, auch das Leiden aufwiegt, das es mit sich bringt, oder nicht. Das ist eine Grundentscheidung, die nicht durch logisches Argumentieren erzwungen werden kann. Aber Gott ist offensichtlich der Meinung, dass das Leben das Leiden aufwiegt; Ihn haben wir hier auf unserer Seite. Und man kann Ihm auch nicht vorwerfen, das Leiden nur den Geschöpfen zuzumuten, die Er ungefragt ins Leben gerufen hat. Schließlich hat Er selber ihr Leben und auch mehr als genug Leiden auf sich genommen. Gekreuzigt zu werden ist kein angenehmer Tod.

 

[Update: Ich wurde von einem Buddhisten für meine Kritik am Buddhismus in der Einleitung dafür kritisiert, dass ich Buddhisten eine Art Todessehnsucht und totalen Pessimismus unterstellen würde. In Bezug auf die Todessehnsucht war das in gewisser Weise ein Missverständnis; ich wollte ausdrücken, dass die Buddhisten das Leben als grundsätzlich leidbehaftet sehen und man als Buddhist aus dem Kreislauf der Wiedergeburt ausbrechen will, nicht dass man automatisch selbstmordgefährdet ist. Ich wurde nun aber darauf hingewiesen, dass für Buddhisten die Erkenntnis, dass alles Leben leidbehaftet sei, lediglich ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Buddhaschaft sei, und dass man daraus zu der Erkenntnis kommen solle, dass es nur auf einen selber ankomme, was man als angenehm oder unangenehm erlebe, und zu der Erkenntnis, dass das Leben an sich wertfrei und dass alles eigentlich eins sei usw. Dadurch würde man dann gerade das Glück finden, das letztendlich dann wohl doch in einer Art Aufgehen in einem innerlich erkannten großen Ganzen zu bestehen scheint oder so ähnlich. (Soweit die Darstellung dieses Buddhisten; ich kenne nicht alle buddhistischen Schulen.) Diesen buddhistischen Gleichmut finde ich nun allerdings erst recht nicht gerade besser, da er mir ganz einfach als Kapitulation und Gleichgültigkeit erscheint und diese Sicht die Wirklichkeit von Gut und Böse in einem Einerlei auflöst – aber ich wollte es noch erwähnen, damit hier keine Missverständnisse mehr entstehen. Wer sich für die ganze Diskussion interessiert, mag sie hier nachlesen: https://winklbauer.wordpress.com/2016/10/09/wir-warten-nicht-aufs-ende/ (Die neuesten Kommentare stehen oben.) An meiner obigen Kritik am Buddhismus würde ich insofern nicht wirklich etwas ändern, da sich auch nach dieser Diskussion mein Eindruck bestätigt hat, dass die Buddhisten das Glück eben darin sehen, sich von der Anhänglichkeit an die Welt zu lösen, während die Christen hier eben genauer unterscheiden, und Anhänglichkeit an das Gute, Wahre und Schöne eben gerade nicht schlecht ist, auch wenn es schlechte Anhänglichkeiten gibt, von denen man sich lösen muss. (Die nennen sich dann Sünden.) Also, nach dem Christentum ist die Lösung nicht Gleichmut und Ende aller Begierden und Wünsche, sondern deren richtige Lenkung und Einsatz für das Gute. Ich würde allerdings sagen, dass konsequent durchgezogener Nihilismus in seiner westlichen Form wohl doch noch mal ein bisschen nihilistischer (und vor allem in der Praxis destruktiver) ist als der Buddhismus.]

 

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Die allumfassende Kirche, Nachtrag zu Teil 5: Ein Gastbeitrag zu Skeptizismus, Materialismus und begrenzten Unendlichkeiten von Mr. Chesterton

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Man kann in Diskussionen an der Uni (aber nicht nur dort) heute immer wieder Folgendes hören: Das menschliche Erkennen ist subjektiv, die Realität an sich gibt es nicht, das, was wir als Realität bezeichnen, ist nur eine von uns selber aufgestellte Konstruktion. Dazu fällt mir nur eine Antwort ein: Wie um Himmels willen können Menschen, die sich selber für „aufgeklärt“ und „gebildet“ halten, einen solchen hanebüchenen Unsinn ernsthaft glauben?

Eine mögliche Antwort wäre, dass sie nicht wirklich merken, was sie da behaupten; daher will ich diese Behauptung in sich nun einmal näher betrachten.

Ich möchte meine Argumentation in scholastischer Weise aufbauen. Die Prämisse – Das menschliche Erkennen ist subjektiv und begrenzt – stimmt, aber die Folgerungen sind in keiner Weise logisch aus dieser Prämisse ableitbar. Wir alle haben Augen, Ohren, Hände, Füße, Nerven, ein Gehirn, und das alles kann mehr oder weniger gut funktionieren. Wenn wir müde oder krank sind, fällt uns das Denken schwerer, wenn wir im Koma liegen, dann wohl noch mehr (ebenso, wie ein Computer schlechter funktioniert, wenn man Kaffee darüber gekippt hat). Aber – Vorsicht, Logik – die Tatsache, dass wir die Welt da draußen dank unserer menschlichen Begrenztheit nicht vollständig in ihrem Wesen erfassen können (was übrigens in der Geschichte der Menschheit nie jemand behauptet hat), heißt nicht, dass sie nicht existiert, und auch nicht, dass wir überhaupt nichts von ihr erfassen können. Wenn ich nicht kapiere, wie Hitler Reichskanzler werden konnte, heißt das dann, dass er nie Reichskanzler wurde? Schön wär’s. Unser Erfassen und unsere Sprache – die Frage, wie und ob wir etwas mit der Sprache korrekt beschreiben können, hängt mit alldem zusammen – sind nicht perfekt und können es nie sein; das hat das Christentum immer schon so gesehen. Aber trotzdem gibt es diese Welt, die da an uns herantritt, und die wir mit unserem stümperhaften Gehirn und unserer stümperhaften Sprache auf mangelhafte Weise zu erfassen versuchen. Das Bild, das wir uns dabei erstellen, ist eine Konstruktion, oder besser gesagt, eine Abstraktion; wie eine Landkarte oder das Modell eines Architekten. Aber die Existenz der Landkarte setzt die Existenz der Landschaft voraus. Vielleicht ist sie falsch; dann kann man das im Vergleich mit der wirklichen Landschaft herausfinden. Aber die Landschaft ist da. Zu sagen, dass die Realität wegen unseres begrenzten Erkennens nicht da ist, wäre dasselbe, wie wenn man sagen würde, die Existenz der Landkarte widerlege die Existenz der Landschaft.

Von nichts kommt nichts. Aus nichts können wir nichts konstruieren. Es gibt uns als erkennende Wesen, und an diese erkennenden Wesen tritt von außen etwas heran, das nicht zu uns gehört und uns zu einer Antwort und Reaktion herausfordert und uns sicher nie in Ruhe lassen wird. Das kann die Mutter sein, die einem sagt, dass man endlich mal seine Socken aufräumen soll, oder der Regen, der auf einen niederprasselt, oder die Regierung, die einen zum Militärdienst rekrutiert, oder der Nachbar, der einen zur Geburtstagsfeier einlädt, oder der Stein, der einen am großen Zeh drückt, oder der Terrorist, der einen mit seiner Bombe umbringt. Das ist schon der Boden unter unseren Füßen und die Luft, die wir atmen. Die Welt ist einfach da, und zwar ungebeten.

Allerdings denke ich, dass das, was ich im letzten Absatz zu erläutern versucht habe, zu offensichtlich ist, um es beweisen zu können. Man muss es akzeptieren, dass es da draußen eine Welt gibt, oder man muss sich gegen diese Annahme entscheiden. Vielleicht könnte man tatsächlich widerspruchsfrei behaupten, alles sei Schein und eine Vorspiegelung unseres eigenen Bewusstseins, das uns die wahre Existenz von Dingen nur vorgaukelt. Man kann im Endeffekt alles anzweifeln. Man kann sich fragen – denkende Menschen tun so was wahrscheinlich irgendwann – ob nicht vielleicht doch alles nur Schein und Schleier ist, ob wir vielleicht doch in einer gigantischen Matrix (der Film ist übrigens sehr interessant!) leben, in einer Art von Truman Show (auch der Film ist nicht schlecht) und den Dingen, die wir für selbstverständlich nehmen, überhaupt trauen können, ob wir sogar unserer eigenen Vernunft überhaupt trauen können. Es ist eine beängstigende, aber theoretisch mögliche Vorstellung; man kann sie nicht durch reine Logik widerlegen. Natürlich kann man sie ebenso wenig belegen, weil Belege nur mit Denken funktionieren und diese Ansicht – heute als Skeptizismus, früher als Solipsismus (solus = allein, ipse = selbst; d. h. allein das Selbst wird als wirklich anerkannt) bezeichnet – ja gerade darauf beruht, dass das Denken nicht verlässlich sei.

Ich denke, man kann den extremen Subjektivismus, Skeptizismus und Solipsismus (letzteres meiner Meinung nach der passendste Begriff) tatsächlich nicht logisch widerlegen; aber man kann ihm mit gesundem Menschenverstand zu Leibe rücken. G. K. Chesterton geht in seinem Buch „Orthodoxie“ auf die Themen Materialismus (eine ähnlich dämliche Ansicht: den Geist, das Denken, das wir tagtäglich erleben, gäbe es nicht wirklich, sondern das alles seien nur Auswüchse von Materie – was dann zwangsläufig auch alle Gedanken der Materialisten ad absurdum führen würde) und Skeptizismus ein:

 

Durch und durch weltliche Menschen bringen es nicht einmal zum Verständnis der Welt selbst; sie bescheiden sich mit ein paar zynischen Grundsätzen, die keine Wahrheit haben. Ich erinnere mich, dass ich einmal mit einem wohlhabenden Verleger spazierenging und der eine Bemerkung machte, die ich schon zu oft zu hören bekommen hatte; fast kann man sie als Motto der heutigen Welt ansehen. Jetzt hatte ich sie aber einmal zu oft gehört, und plötzlich ging mir auf, wie nichtssagend sie war. Der Verleger äußerte über jemanden: „Dieser Mann wird es weit bringen; er glaubt an sich.“ Und ich erinnere mich, dass, als ich lauschend den Kopf hob, mein Blick auf einen Omnibus fiel, auf dem der Name „Hanwell“ [Name einer damaligen psychiatrischen Anstalt in London] stand. Ich sagte zu ihm: „Wollen Sie wissen, wo sich die Leute befinden, die am meisten an sich glauben? Ich kann es ihnen sagen. Ich kenne Leute, deren Glaube an sich unerschütterlicher ist als der eines Napoleon oder Cäsar. […] Die Menschen, die wahrhaft an sich glauben, stecken alle in Irrenanstalten.“ Er entgegnete nachsichtig, es gebe schließlich eine erkleckliche Zahl Menschen, die an sich glaubten und nicht in Irrenanstalten seien. „Ja, die gibt es“, erwiderte ich, „und Sie dürften sie am besten kennen. Der versoffene Dichter, dessen dröge Tragödie Sie nicht herausbringen wollten – er glaubte an sich. Der ältliche Pastor mit seiner Monumentaldichtung, vor dem Sie sich in einem Hinterzimmer versteckten – er glaubte an sich. […] Es läge weitaus mehr Wahrheit darin zu sagen, dass ein Mann scheitern muss, weil er an sich glaubt. Absolutes Selbstvertrauen ist nicht nur eine Sünde, es ist auch eine Schwäche. Voll und ganz an die eigene Person zu glauben ist so hysterisch und abergläubisch wie der Glaube an Joanna Southcott [Sektengründerin des 19. Jahrhunderts]; der Mensch, der diesem Glauben frönt, trägt ‚Hanwell’ ebenso deutlich auf seiner Stirn, wie das Wort da auf dem Omnibus steht.“

 […]

 Die Erklärungen eines Verrückten sind immer vollständig und stellen in einem rein verstandesmäßigen Sinne oft zufrieden. Genauer gesagt ist die Erklärung des Geisteskranken zwar vielleicht nicht schlüssig, aber jedenfalls unwiderlegbar; das lässt sich zumal bei den zwei oder drei geläufigsten Formen der Verrücktheit beobachten. Wenn jemand (zum Beispiel) behauptet, man schmiede ein Komplott gegen ihn, lässt sich das nicht bestreiten, außer man setzt dagegen, alle Betroffenen leugneten, sich gegen ihn verschworen zu haben; aber genau so würden Verschwörer sich ja verhalten. Die Erklärung des Verrückten passt ebensogut zu den Fakten, wie das, was man dagegen vorbringt. Wenn jemand behauptet, er sei der rechtmäßige König von England, reicht es nicht aus, ihm zu entgegnen, die Behörden erklärten ihn für verrückt; denn wenn er tatsächlich der König von England wäre, wäre dies vielleicht das Klügste, was die Regierenden tun könnten. Wenn jemand behauptet, er sei Jesus Christus, hilft es nichts, wenn man ihm entgegenhält, die Welt bestreite seine Göttlichkeit; denn das hat die Welt auch bei Christus getan.

 Dennoch irrt er. Versuchen wir indes seinen Irrtum auf den Begriff zu bringen, stellen wir fest, dass dies nicht ganz so einfach ist, wie wir gedacht haben. Vielleicht kommen wir der Sache am nächsten, wenn wir sagen, sein Geist bewege sich in einem perfekt geschlossenen, aber engen Kreis. Ein kleiner Kreis ist genauso unendlich wie ein großer Kreis; aber wenn er auch genauso unendlich ist, ist er doch nicht genauso groß. In vergleichbarer Weise ist die Erklärung des Geisteskranken genauso vollständig wie die des Gesunden, nur ist sie nicht so umfänglich. Eine Gewehrkugel ist genauso rund wie die Welt, aber sie ist nicht die Welt. Es gibt so etwas wie eine enge Universalität, eine kleine, verkrampfte Ewigkeit; man kann das in vielen heutigen Religionen beobachten. Um aber die Sache ganz äußerlich und empirisch zu fassen, können wir sagen, das stärkste und unmissverständlichste Symptom für Verrücktheit besteht in dieser Kombination aus logischer Vollständigkeit und spiritueller Enge. Die Theorie des Geisteskranken hat umfänglichen Erklärungswert, aber sie erklärt nicht auf umfängliche Weise. Das heißt, wenn der Leser oder ich es mit einem Geiste zu tun hätten, der dabei ist, zu erkranken, dann dürften wir nicht so sehr darauf aus sein, ihm mit Argumenten zu begegnen, sondern wir müssten uns hauptsächlich darum bemühen, ihm Luft zu schaffen, ihn davon zu überzeugen, dass es außerhalb der erstickenden Enge einer bornierten Argumentation eine reinere und kühlere Atmosphäre gibt. Nehmen wir zum Beispiel an, wir haben es mit dem ersten der von mir als typisch angeführten Fälle zu tun; nehmen wir den Fall des Mannes, der alle Welt beschuldigt, sich gegen ihn zu verschwören. Um all unseren Widerstand und Einspruch gegen diese fixe Idee zum Ausdruck zu bringen, würden wir vielleicht etwas wie das Folgende äußern. „Also, ich gebe zu, dass an dem, was du da sagst, etwas dran ist und dass es dir ernst damit ist und dass vieles so zusammenpasst, wie du behauptest. Ich gebe zu, dass deine Erklärung vieles erklärt, aber wieviel anderes klammert sie aus! Gibt es in der Welt keine anderen Geschichten außer deiner? Hat die ganze Menschheit nichts weiter zu tun, als sich mit dir zu beschäftigen? Räumen wir die Möglichkeit ein, dass der Mann auf der Straße, der dich nicht zu bemerken schien, nur so tat, als ob, oder dass der Polizist, der deinen Namen wissen wollte, ihn in Wahrheit bereits kannte. Aber wieviel glücklicher wärst du, wenn du wissen dürftest, dass du diesen Menschen ganz egal bist? Wieviel großartiger wäre dein Leben, wenn du dich selber ein bisschen kleiner in ihm machen könntest, wenn du die Leute mit normaler Neugier und Amüsiertheit beobachten, wenn du ihnen zusehen könntest, wie sie in ihrer wonnigen Selbstsucht und kraftvollen Indifferenz herumlaufen! Du würdest anfangen, dich für sie zu interessieren, weil sie an dir kein Interesse zeigen. Du würdest aus diesem winzigen, aufgeputzten Theater, in dem ständig nur dein eigenes kleines Stück gespielt wird, ausbrechen und dich unter freiem Himmel, in einer Straße voller himmlischer Fremder wiederfinden.“ Oder nehmen wir an, es handelt sich um den zweiten Fall von Verrücktheit, den Fall des Mannes, der Anspruch auf die Krone erhebt; dann würden Sie vielleicht den Drang verspüren, ihm zu entgegnen: „Also gut! Vielleicht weißt du, dass du der König von England bist; aber warum ist dir das so wichtig? Gib dir einen großen Ruck, und schon bist du ein Mensch und blickst auf alle Könige der Erde herab.“ Oder wir haben es mit dem dritten Fall zu tun, dem Verrückten, der sich für Christus hält. Um unserem Herzen Luft zu machen, müssten wir ihm sagen: „Du bist also der Schöpfer und Erlöser der Welt; aber was muss das für eine Miniaturwelt sein! Was für einen winzigen Himmel musst du bewohnen, in dem die Engel nicht größer als Schmetterlinge sind! Wie trist musst du es finden, Gott, ein höchst unzulänglicher Gott zu sein! Gibt es wirklich kein erfüllteres Leben als deines und keine fabelhaftere Liebe als deine, und ist es tatsächlich deine kleine, verquälte Barmherzigkeit, in die alles Fleisch seine Zuversicht setzen muss? Wieviel glücklicher wärst du, wieviel mehr von dir wäre da, wenn der Hammer eines höheren Gottes deinen kleinen Kosmos zertrümmern könnte, so dass die Sterne wie Pailletten auseinanderspritzten und du wie andere Menschen im Offenen, Freien stündest und zum Himmel aufsehen oder zur Erde niederblicken könntest!“

 Und man darf nicht vergessen, dass die unverfälschteste praktische Wissenschaft genau diesen Standpunkt gegenüber geistigem Übel einnimmt; sie sucht nicht mit ihm wie mit einem Irrglauben zu rechten, sondern ist einfach bestrebt, es wie einen Bann zu brechen. […]

 Das ist der Verrückte, wie wir ihn kennen; er ist durchweg ein Argumentierer, häufig ein erfolgreicher Argumentierer. Sicher ließe er sich durch Argumente niederringen, ließe sich ihm mit Logik begegnen. Aber viel treffender kann man ihn in allgemeineren und geradezu ästhetischen Begriffen fassen. Er steckt im hygienischen und gut ausgeleuchteten Kerker seiner fixen Idee, ist auf einen qualvollen Punkt fixiert. Ihm fehlt jede gesunde Zögerlichkeit und Vielschichtigkeit. Nun beabsichtige ich, wie bereits eingehend erläutert, in diesen Anfangskapiteln nicht, den Abriss einer Doktrin zu liefern, sondern will durch ein paar Bilder einen Standpunkt illustrieren. Und meine Sicht vom Besessenen habe ich deshalb so ausführlich dargestellt, weil mir die meisten modernen Denker wie dieser Besessene vorkommen. Diese unverwechselbare Stimmung, die ich aus Hanwell kenne, sie schlägt mir auch von der Hälfte der heutigen Wissenschaftskatheder und Stätten der Gelehrsamkeit entgegen; und die meisten der verrückten Doktoren sind in mehrfacher Hinsicht verrückt. Sie alle weisen genau jene Mischung auf, die wir registriert haben: die Kombination aus umfassender und erschöpfender Verstandeskraft und stark eingeschränktem gesundem Empfinden. Sie sind universal nur in dem Sinne, dass sie eine einzige dünne Erklärung auf alles anwenden. Sie sehen ein Schachbrett weiß auf schwarz, und mag selbst das ganze Universum damit gepflastert sein, es bleibt für sie weiß auf schwarz. Wie der Geisteskranke können sie ihren Standpunkt nicht verändern; sie können nicht kraft einer geistigen Anstrengung das Muster plötzlich schwarz auf weiß gewahren.

 Nehmen wir als erstes den ziemlich vielsagenden Fall des Materialismus. Als Welterklärung ist der Materialismus von einer irrsinnigen Schlichtheit. Er ist von haargenau derselben Art wie die Argumentation eines Verrückten; er vermittelt gleichzeitig den Eindruck, alles einzubegreifen und nichts zu erfassen. Schauen wir uns einen kompetenten und ehrlichen Materialisten wie Mr. McCabe an, so lässt er uns genau mit diesem eigentümlichen Gefühl zurück. Er begreift alles, und was er begreift, scheint das Begreifen gar nicht zu lohnen. Sein Kosmos mag bis zum letzten Nietnagel und Zahnrädchen vollständig sein, und doch ist er kleiner als unsere Welt. Wie der luzide Aufriss des Verrückten scheint auch sein Entwurf von den fremdartigen Kräften und der großen Unbekümmertheit unseres Planeten nichts zu wissen; er weiß nichts von den wirklichen Dingen auf Erden, den kämpfenden Völkern oder stolzen Müttern, der ersten Liebe oder der Todesangst auf dem offenen Meer. Die Erde ist so ungeheuer groß und der Kosmos so außerordentlich klein. Der Kosmos ist so ziemlich das kleinste Loch, in dem ein Mensch seinen Kopf verstecken kann.

[…] Fürs erste bin ich ebensowenig darauf aus, Haeckel nachzuweisen, dass der Materialismus unwahr ist, wie es mir darum ging, dem Mann, der sich für Christus hält, nachzuweisen, dass er Opfer eines Irrtums ist. Ich beschäftige mich an dieser Stelle nur mit dem Umstand, dass beide Fälle den gleichen Eindruck von Vollständigkeit und Unvollständigkeit machen. Dass ein Mensch in Hanwell festgehalten wird, lässt sich mit der Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit und also damit erklären, dass man sagt, hier werde ein Gott gekreuzigt, in einer Welt, die seiner nicht wert sei. Das ist durchaus eine Erklärung. Ganz ähnlich kann man die Ordnung des Universums damit erklären, dass man sagt, alle Dinge, einschließlich der Seelen der Menschen, seien Blätter, die sich an einem Baum ohne jedes Bewusstsein naturgesetzlich entfalten – dem blinden Schicksal der Materie gehorchend. Die Erklärung hat durchaus Erklärungswert, wenn auch natürlich keinen so vollständigen wie die des Verrückten. Worum es hier aber geht, ist die Tatsache, dass der normale menschliche Verstand nicht nur beide Erklärungen ablehnt, sondern sie auch aus dem gleichen Grund ablehnt. Das Argument läuft in etwa darauf hinaus, dass der Mann in Hanwell, wenn er denn wirklich Gott ist, als Gott arg zu wünschen übrig lässt. Und entsprechend lässt auch der Kosmos des Materialisten, falls er der wirkliche Kosmos ist, arg zu wünschen übrig. Er ist geschrumpft. Die Gottheit ist weniger göttlich als viele Menschen; und folgt man Haeckel, so ist das Leben als Ganzes grauer, enger und nichtssagender als viele seiner einzelnen Aspekte. Die Teile wirken großartiger als das Ganze.

 Denn wir dürfen nicht aus dem Auge verlieren, dass die materialistische Philosophie (mag sie nun wahr sein oder nicht) mit Sicherheit weit einengender ist als jede Religion. In gewissem Sinne engen natürlich alle Ideen ein. Sie können nicht umfassender sein, als sie sind. Die Beschränkung eines Christen ist gleiche, der auch ein Atheist unterliegt. Ein Christ kann nicht das Christentum für falsch halten und weiter Christ sein; und der Atheist kann nicht den Atheismus für falsch halten und weiter Atheist sein. Aber darüber hinaus unterliegt der Atheismus in einem ganz eigentümlichen Sinne stärkeren Beschränkungen als der Spiritualismus. […] Der Christ gibt zu, dass die Welt vielfältig und sogar bunt gewürfelt ist, geradeso wie ein gesunder Mensch weiß, dass er vielschichtig ist. Der Gesunde weiß, dass er etwas von einem wilden Tier, etwas von einem Teufel, etwas von einem Heiligen, etwas von einem Bürger hat. Ja, der wirklich Gesunde weiß sogar, dass etwas von einem Verrückten in ihm steckt. Die Welt des Materialisten dagegen ist ganz einfach und gediegen, im Stile des Verrückten, der sich seiner Gesundheit absolut sicher ist. Der Materialist weiß ganz genau, dass die Geschichte schlicht und einfach eine Kausalkette darstellt, geradeso wie die zuvor erwähnte Person todsicher weiß, dass sie schlicht und einfach ein Huhn ist. Materialisten und Verrückte sind gegen jeden Zweifel gefeit.

 Glaubenslehren engen den Geist nicht mit solcher Entschiedenheit ein, wie das die materialistischen Verleugnungen tun. Selbst wenn ich an die Unsterblichkeit glaube, muss ich den Gedanken an sie nicht ständig im Herzen tragen. Glaube ich hingegen nicht an die Unsterblichkeit, darf ich keinen Gedanken an sie verschwenden. Im ersten Fall ist der Weg frei und ich kann gehen, soweit ich eben mag; im zweiten Fall ist der Weg blockiert. Aber die Parallele zur Geisteskrankheit reicht sogar noch tiefer und ist noch merkwürdiger. Gegen die erschöpfend logische Theorie des Irren haben wir geltend gemacht, dass sie unabhängig von ihrer Wahrheit oder Falschheit nach und nach das Menschsein des Betreffenden zerstört. Unser Vorwurf gegen die Hauptsätze des Materialismus lautet nun, dass auch sie nach und nach sein Menschsein zerstören – womit ich nicht nur die Menschlichkeit, sondern auch Hoffnung, Mut, Poesie, Initiative meine, kurz, alles, was menschlich ist. Wenn zum Beispiel der Materialismus die Menschen zum vollständigen Fatalismus führt (was er gemeinhin tut), so ist es ganz müßig, ihn als eine befreiende Kraft auszugeben. Es ist absurd zu behaupten, man leiste vor allem der Freiheit Vorschub, wenn man die Freiheit des Denkens nur nutzt, um den freien Willen zu zerstören. Die Deterministen machen nicht frei; sie legen in Ketten. Sie haben allen Grund, ihr Gesetz als kausale ‚Kette’ zu bezeichnen. Es ist die ärgste Fessel, die je ein menschliches Wesen umschlossen hat. Man mag im Zusammenhang mit der materialistischen Lehre noch so sehr die Sprache der Freiheit bemühen – es liegt auf der Hand, dass sie insgesamt ebensowenig dazu passt wie zu einem im Irrenhaus eingesperrten Menschen. Man mag die Ansicht vertreten, es stehe dem Menschen frei, sich für ein Rührei zu halten. Aber mit Sicherheit wiegt die Tatsache schwerer, dass er als Rührei nicht die Freiheit hat, zu essen, zu trinken, zu schlafen, spazierenzugehen und eine Zigarette zu rauchen. Ebenso mag man auch die Ansicht vertreten, der kühne materialistische Denker sei frei, die Wirklichkeit des Willens in Abrede zu stellen. Aber viel schwerer wiegt die Tatsache, dass er dann nicht mehr frei ist, aufzustehen, zu fluchen, zu danken, zu rechtfertigen, zu drängen, zu bestrafen, Versuchungen zu widerstehen, Menschenmengen aufzustacheln, gute Vorsätze an Neujahr zu fassen, Sündern zu vergeben, Tyrannen zu tadeln oder auch nur zu sagen: ‚Würden Sie mir bitte mal den Senf reichen.’

[…]

 Natürlich gilt dies alles nicht nur vom Materialisten, sondern trifft auch auf andere Auswüchse logischer Spekulation zu. Es gibt eine Form der Skepsis, die weit fürchterlicher ist als die Überzeugung, dass die Materie der Anfang von allem ist. Ich denke an den Skeptiker, der die Überzeugung hegt, dass er selbst der Anfang von allem ist. Er zweifelt nicht an der Existenz von Engeln oder Teufeln, sondern daran, dass es Menschen und Kühe gibt. Für ihn sind seine eigenen Freunde Märchengestalten, die er selbst erdichtet hat. Vater und Mutter sind seine eigenen Geschöpfe. Diese schreckliche Phantasterei übt auf den geradezu mystischen Ichkult unserer Tage einen unverkennbaren Reiz aus. Den erwähnten Verleger, der meinte, Menschen brächten es zu etwas, wenn sie an sich glaubten, die Fahnder nach dem Übermenschen, die ständig im Spiegel Ausschau nach ihm halten, die Schriftsteller, die von der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit reden, statt für die Welt Leben zu schaffen – all diese Menschen trennt von jener schrecklichen Leere nur ein Wimpernschlag. Wenn dann die ganze freundliche Welt, die diesen Skeptiker umgibt, als Lüge entlarvt ist, wenn die Freunde zu Gespenstern verblasst sind und die Welt bodenlos geworden ist und er, der an nichts und niemanden glaubt, allein in seinem Alptraum zurückbleibt, dann wird in rächender Ironie das große Motto seines Individualismus über seinem Haupt geschrieben stehen. Die Sterne werden zu bloßen Leuchtpunkten in der Finsternis seines Gehirns; seine Mutter wird nichts als eine flüchtige, seinem Wahn entsprungene Erscheinung an der Wand seines Kerkers sein. Über seinem Kerker aber wird die grauenvolle Wahrheit geschrieben stehen: „Er glaubt an sich.“

 Uns interessiert hier allerdings nur die Feststellung, dass dieses solipsistische Extrem des Denkens die gleiche Paradoxie aufweist wie das materialistische. Es ist der Theorie nach ebenso umfassend wie in der Praxis verkrüppelnd. Der Einfachheit halber lässt sich die Sache so formulieren, dass ein Mensch immer wähnen kann, in einem Traum zu sein. Dass er sich in keinem Traum befindet, lässt sich ihm nicht positiv nachweisen, und zwar einfach deshalb, weil es keinen positiven Beweis gibt, der ihm nicht auch im Traum geliefert werden könnte. Wenn aber der Betreffende nun anfinge, London in Brand zu stecken und zu erklären, er warte darauf, von seiner Haushälterin zum Frühstück gerufen zu werden, dann würden wir ihn uns greifen und ihn zusammen mit anderen Logikern an dem Ort unterbringen, von dem schon mehrfach in diesem Kapitel die Rede war. Wer seinen Sinnen keinen Glauben schenken und wer an nichts außer an die Materie glauben kann ist gleichermaßen wahnsinnig; aber in beiden Fällen findet der Wahnsinn seinen Ausdruck nicht in einer fehlerhaften Argumentation, sondern in der offenkundigen Fehlorientierung des ganzen Lebens. Beide haben sie sich in Kästen eingeschlossen, die innen mit Sonne und Sternen bemalt sind; beide finden sie nicht ins Freie, der eine nicht in die Gesundheit und die Wonne des Himmelreichs, der andere nicht einmal in die Gesundheit und die Wonne des irdischen Daseins. Ihre Haltung ist ganz vernünftig, ja, in gewissem Sinne ist sie unendlich vernünftig, wie ein Zehnpfennigstück unendlich kreisförmig ist. Aber es gibt so etwas wie eine schlechte Unendlichkeit, eine niedrige, erbärmliche Ewigkeit. Es ist interessant zu sehen, dass viele der Modernen, Skeptiker ebenso wie Mystiker, ein bestimmtes östliches Symbol zu ihrem Wahrzeichen erkoren haben, ein Symbol, das diese äußerste Nichtigkeit verkörpert. Die Ewigkeit versinnbildlichen sie durch eine Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. In diesem Bild von unbefriedigendem Selbstverzehr steckt ein überraschender bitterer Sarkasmus. Die Ewigkeit der fernöstlichen Pessimisten, die Ewigkeit der hochnäsigen Theosophie und der höheren Wissenschaft unserer Tage lässt sich in der Tat kaum besser wiedergeben als durch das Bild der Schlange, die sich selber auffrisst, das Bild eines degenerierten Tieres, das nicht einmal vor der Selbstzerstörung haltmacht.

 […] Zusammenfassend können wir feststellen, dass dieses Hauptmoment die entwurzelte Vernunft ist, die Vernunft, die im luftleeren Raum agiert. Verrückt wird der Mensch, der ohne angemessene Grundlage zu denken anfängt; er beginnt am falschen Punkt. […] Das mystische Moment ist es was den Menschen im Laufe ihrer Geschichte die Gesundheit erhalten hat. Solange es das Mysterium gibt, bleiben die Menschen gesund; zerstört man es, liefert man sie dem Verfall aus. Der einfache Mensch ist gesund, weil er ein Mystiker ist. Er gestattet sich, im Zwielicht zu leben.  […] Stand er vor zwei Wahrheiten, die sich zu widersprechen schienen, so akzeptierte er beide und nahm den Widerspruch in Kauf. Seine spirituelle Sichtweise ist so stereoskopisch wie seine körperliche: er sieht zwei verschiedene Bilder gleichzeitig, was seiner Scharfsicht aber nur zum Vorteil gereicht. So hat er immer an so etwas wie Schicksal, aber auch immer an so etwas wie den freien Willen geglaubt. So hat er geglaubt, dass den Kindern das Himmelreich gehört, aber auch, dass sie dennoch den irdischen Mächten zu gehorchen haben. Er hat die Jungen wegen ihrer Jugend bewundert und die Alten, weil sie die Jugend hinter sich hatten. Genau in diesem Ausbalancieren scheinbarer Widersprüche bestand die Spannkraft des gesunden Menschen.

 […]

 Das letzte Kapitel drehte sich ausschließlich um eine empirische Beobachtung: darum, dass dem Menschen Krankheit eher von seinem Verstand als von seiner Einbildungskraft droht. Dabei ging es nicht darum, die Herrschaft des Verstandes anzugreifen; das Ziel war im Gegenteil, sie zu verteidigen. Denn sie hat Verteidigung nötig. Die ganze moderne Welt führt Krieg gegen den Verstand; schon wankt er in seinen Grundfesten.

 […]

 Es ist müßig, ständig von dem Gegensatz zwischen Vernunft und Glauben zu reden. Die Vernunft selbst ist eine Sache des Glaubens. Davon auszugehen, dass unsere Gedanken überhaupt in einer Beziehung zur Wirklichkeit stehen, ist ein Glaubensakt. Ist man bloß Skeptiker, so drängt sich einem früher oder später die Frage auf: „Warum sollte irgend etwas zutreffen, empirische Beobachtung und logisches Denken eingeschlossen? Warum sollte logische Stringenz weniger irreführend sein als logische Ungereimtheit? Spielt sich doch beides im Gehirn eines verwirrten Großaffen ab.“ Der junge Skeptiker erklärt: „Ich habe ein Recht darauf, selbstständig zu denken.“ Der alte Skeptiker, der vollkommene Skeptiker, aber sagt: „Ich habe kein Recht auf selbstständiges Denken. Ich habe überhaupt kein Recht auf Denken.“

 Es gibt ein Denken, das dem Denken den Garaus macht. Dies ist das einzige Denken, dem man einen Riegel vorschieben sollte. Dies ist das Böse schlechthin, gegen das alle kirchliche Autorität aufgeboten wurde. […] Dass sich das so verhält, wissen wir heute; so zu tun, als wüssten wir es nicht, lässt sich nicht länger rechtfertigen. Wir können hören, wie die Skepsis den alten Verteidigungsring aus Autoritäten durchbricht, und wir sehen die Vernunft auf ihrem Throne wanken. In eben dem Maße, wie die Religion geschwunden ist, schwindet auch die Vernunft. Denn sie sind beide von der gleichen ursprünglichen und maßgebenden Beschaffenheit. Sie sind beide Beweismittel, die sich ihrerseits der Beweisbarkeit entziehen. […] Wir haben lange und mit aller Kraft gezerrt, um dem pontifikalen Menschen die Mitra herunterzureißen, und dabei haben wir den Kopf gleich mit abgerissen.“

 

Eins vielleicht noch zum Thema Skeptizismus: Zunächst, unser Erkennen hat einen Wert, auch wenn es immer mit Mängeln behaftet ist. Wir können einiges darüber erkennen, was gut und wahr und richtig ist. Aber, es gibt tatsächlich noch eine Welt hinter der unseren; die Welt Gottes und der Engel und Heiligen. Wir leben sozusagen in einem Exil, in einem abgeschotteten Land, in dem wir nur spärliche Informationen aus dieser anderen Welt bekommen können – C. S. Lewis, der in Zeiten des Zweiten Weltkriegs schrieb, hat den Besuch des Gottesdienstes einmal mit dem Abhören verbotener Radiosender verglichen –  aber die Informationen, die wir bekommen, stürzen unser Bild von der Welt (wenn es ein gutes und wirklichkeitsgetreues ist) nicht um, sondern geben ihm noch eine viel tiefere Dimension. Die Gnade setzt die Natur voraus, hat Thomas von Aquin gesagt, das Übernatürliche baut auf dem Fundament des Natürlichen weiter.

 

Die allumfassende Kirche, Teil 5: Die Kirche und die Vernunft

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Als ich vor einigen Jahren begann, den neu erschienenen Youcat (Jugendkatechismus) zu studieren, um mich mal schlau zu machen, was diese Kirche, zu der ich ja offiziell gehörte, eigentlich so lehrt – wie sich das alles mit Jesus und dem Sinn seines Todes und so verhält, und der ganze Rest – war ich von einer Sache sehr überrascht: Wie hoch die Kirche anscheinend die Vernunft bewertete. Im Allgemeinen wird einem ja immer gesagt, glauben hieße nichts wissen. Und dass genügend Vernunft und „Aufklärung“ den Glauben austreibe, auch wenn die Kirche inzwischen versuchen möge, den Glauben mit der Vernunft zu versöhnen, scheint so ungefähr zum Standardrepertoire der Allgemeinbildung zu gehören. (Das wird einem vielleicht nicht immer in dieser Deutlichkeit gesagt, das stimmt. Aber die Botschaft kommt schon oft an.)

Wenn man schon lange genug überzeugt katholisch ist, kommt es einem so selbstverständlich vor, und so komisch, dass man mal was Anderes geglaubt hat; aber wenn man nicht gläubig ist, kann man durchaus ziemlich überrascht sein, wenn man liest, dass Mönche des 13. Jahrhunderts Sachen gesagt haben wie: „Die vornehmste Kraft des Menschen ist die Vernunft. Das höchste Ziel der Vernunft ist die Erkenntnis Gottes.“ (Heiliger Albertus Magnus) oder „Ich würde nicht glauben, wenn ich nicht einsehen würde, dass es vernünftig ist, zu glauben.“ (Heiliger Thomas von Aquin). Man kann es kaum glauben, wenn man es hört, dass im Mittelalter – Mittelalter! Inquisition, Hexenverfolgung und Kreuzzüge! – an jeder Universität u. a. das Fach Logik belegt werden musste, ehe man Theologie, Medizin oder Jura studieren konnte. Die mittelalterliche Theologie der Scholastik wurde später von den Humanisten der Renaissance (die übrigens auch Christen waren; Erasmus von Rotterdam etwa war Priester, und Thomas Morus zum Beispiel sogar ein Märtyrer und Heiliger) nicht kritisiert, weil sie irgendwie unvernünftig gewesen wäre, sondern wegen ihrer angeblich kalten Logik und lebensfernen Philosophiererei. Die Humanisten schrieben eher Satiren und Utopien und dergleichen, sie benutzten mehr Humor und erzählten mehr Geschichten; aber ihre Gedanken waren sicher nicht per se logischer und durchdachter als die ihrer Vorgänger. Die Werke der Scholastiker (allen voran des Thomas von Aquin) bestanden einfach aus aneinander gereihten philosophischen und theologischen Fragen. Es wurden Prämissen aufgestellt, Folgerungen gezogen, Einwände betrachtet und widerlegt, und schließlich das Ergebnis erklärt. An den mittelalterlichen Universitäten wurde die Kunst der Debatte sehr, sehr stark gepflegt; der Ablauf war reglementiert und am Ende sollte ein klares, durch die Betrachtung aller Vorannahmen, Folgerungen und Argumente erzieltes Ergebnis stehen – ein gewisser Unterschied zu dem ziellosen und unsortierten Gerede bei Maischberger und Co., oder?

Eigentlich war das aber auch im Mittelalter nichts wirklich Neues mehr. Die antiken Kirchenväter nahmen zwar eher Plato als Aristoteles auf (für die Scholastiker ging Aristoteles über alles, auch wenn sie nicht alle seiner Theorien übernahmen) und entwickelten kein ganz so striktes philosophisches System, aber auch sie verbündeten sich mit der Philosophie gegen Vielgötterglauben, Mysterienkulte und natürlich den Kaiserkult, der nichts anderes als eine nützliche politische Fiktion zur Verabsolutierung des Staates war, die so ungefähr gar nichts mit Wahrheit und Vernunft zu tun hatte. Sie identifizierten ihren Gott, der sich den Juden unter dem Namen Jahwe gezeigt hatte und schließlich in Jesus von Nazareth auf die Erde gekommen war, mit dem einen Gott, dem Höchsten Wesen und Schöpfer der Welt, dessen Existenz Sokrates und Platon durch logisches Denken erkannt hatten. Es gibt im Christentum keine doppelte Wahrheit; alle wahre Erkenntnis der Philosophie über Gott ist wahre Erkenntnis über Gott, die ihre Gültigkeit in der Theologie hat. (Der Unterschied ist nur, dass in der Theologie auch die Informationen dazu kommen, die dieser Gott selber uns durch die Offenbarung mitgeteilt hat. Thomas von Aquin bezeichnete deshalb die Philosophie als Magd der Theologie, weil die philosophischen Erkenntnisse beim Verständnis der geoffenbarten Wahrheit helfen.)

Und tatsächlich wird man, wenn man sich wirklich näher damit beschäftigt, feststellen, dass die nichtchristliche Philosophie der Neuzeit immer skeptischer gegenüber der Vernunft wurde. Subjektivismus und Relativismus, extremer Skeptizismus/Solipsismus und deterministischer Materialismus kamen mit der Entfernung vom Christentum. Diesen Denkrichtungen ist gemeinsam, dass sie jedes logische, allgemeingültige Denken leugnen, besonders im Fall des Materialismus eigentlich jedes Denken überhaupt. (Dazu später noch ein anderer Beitrag.)

Die katholische Kirche hält die Vernunft hoch, und die Welt nicht. So einfach ist das. Der katholische Glaube ist, was er zu sein beansprucht: allumfassend, universal. In Gottes Universum gibt es keinen Widerspruch der Wahrheiten; nichts kann unlogisch sein; nichts der Vernunft widersprechen. Es gibt faszinierende Paradoxa, die sich ergänzen müssen, ja, einige sogar (dazu ebenfalls später mehr), aber keine Widersprüche. Gott selbst ist vernünftig; von ihm kommt die Vernunft überhaupt erst.

Im Prolog des Johannesevangeliums heißt es bekanntlich: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. (Joh 1,1-4) Und weiter heißt es dann: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. (Joh 1,14) Das „Wort“ = der Sohn; das schöpferische „Wort Gottes“, durch das die Welt geschaffen worden und das Fleisch geworden ist, = Jesus Christus; und „Wort“ heißt hier im griechischen Urtext „Logos“ – Wort, Rede, Sinn, Weisheit, Vernunft.

Die allumfassende Kirche, Teil 3: Die Kulturen und das Gute und das Böse

Alle Teile hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/reihe-die-allumfassende-kirche/

 

Allumfassend – griechisch katholikos –  ist die Kirche nicht nur in Bezug auf Raum und Zeit, sondern auch in noch anderer Hinsicht. Man könnte sie mit dem koboldgearbeiteten und basiliskengiftgetränkten Schwert Godric Gryffindors in „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ vergleichen: Sie nimmt nur auf, was sie stärkt.

Goethe hat in „Faust I“ seinen Mephistopheles (also den Teufel) etwas polemisch über die Kirche sagen lassen (Mephisto paraphrasiert hier einen Pfarrer) „Die Kirche hat einen guten Magen, / Hat ganze Länder aufgefressen, / Und doch noch nie sich übergessen; / Die Kirch allein, meine lieben Frauen, / Kann ungerechtes Gut verdauen.“, und hat das auf ihre große Bereitschaft zur Annahme von Spenden bezogen, um es höflich zu formulieren. Aber in einer anderen Hinsicht ist dieser Satz ganz passend. Die Kirche kann aus jedem Land, aus jeder Kultur, aus jeder Kunst und jeder Wissenschaft alles aufnehmen, was gut und wahr und schön ist, so wie sie während der Völkerwanderung die Werke der antiken heidnischen Autoren wie Vergil, Cicero oder Homer in ihren Klöstern bewahrte und im Mittelalter die Philosophie des Aristoteles in die scholastische Theologie aufnahm. Sie wird ablehnen, was das Gute und Wahre und Schöne beeinträchtigt; die Kindesaussetzung bei den Römern und die Polygamie in Afrika ebenso wie die Blutrache bei den Germanen oder die Verheiratung von Kindern unter den Japanern oder die zweiten und dritten und vierten Ehen nach einer Scheidung bei den heutigen Europäern.

Viele Christen sahen in den vorchristlichen Mythen eine praeparatio evangelii, eine Vorbereitung für das Evangelium, weil darin schon gewisse Einsichten enthalten waren, und ebenso auch in der vorchristlichen Philosophie. Sokrates, Platon, Aristoteles, die Stoiker, Vergil, Cicero, Homer: Die Werke all dieser sind uns erhalten und bekannt und haben unsere Kultur beeinflusst, weil Kirchenväter wie Augustinus (Anhänger des Neuplatonismus), Scholastiker wie Thomas von Aquin (Aristoteles) oder die christlichen Humanisten und Künstler der Renaissance darin Gutes und Bewahrenswertes fanden, das in einer christlichen Kultur seinen Platz finden kann – vor allem in den Werken Vergils. Natürlich nicht alles. Es gibt z. B. auch bei Platons Sokrates-Dialogen manches, wo man sich denken kann, also ja, hm, das ist jetzt, ähm, eher nicht so toll (ich denke da z. B. an die leicht totalitären Elemente in der Politeia). Im 16. Jahrhundert waren die Jesuiten-Missionare in China ganz begeistert von Konfuzius.

Kurz gesagt: Die Kirche nimmt alle guten Früchte und entfernt nur die verfaulten Stellen.

Denn das Böse ist immer nur eine Verderbnis des Guten; es hat in sich keine eigenständige Existenz, kein eigenes Wesen.

„Man kann allein um der Güte willen gut sein“, schreibt C. S. Lewis in „Mere Christianity“, „aber beim Bösen geht das nicht. Wir können etwas Gutes tun, auch wenn uns nicht danach zumute ist und wir keinen Nutzen davon haben; einfach weil das Gute recht ist. Aber niemand hat je eine Grausamkeit begangen, einfach weil Grausamkeit schlecht ist, sondern vielmehr weil sie Vergnügen bereitet oder Nutzen bringt. Mit anderen Worten: Dem Bösen gelingt es nicht einmal, auf die gleiche Weise böse zu sein, wie das Gute gut ist. Das Gute ist sozusagen ‚es selbst’. Das Böse ist nur das verdorbene Gute. Und es muss zuerst etwas Gutes geben, ehe es verdorben werden kann. […]

 Noch einfacher ausgedrückt: Um schlecht zu sein, muss die Macht des Bösen existieren, muss sie Verstand und Willen besitzen. Existenz, Verstand und Wille aber sind an sich gut. Also muss sie diese von der Macht des Guten empfangen haben. Um überhaupt schlecht sein zu können, muss sie bei ihrem Widersacher borgen oder ihn sogar bestehlen.

 Verstehen wir jetzt, warum das Christentum schon immer behauptet hat, der Teufel sei ein gefallener Engel? Das ist kein Ammenmärchen. Dahinter steht die Erkenntnis, dass das Böse ein Schmarotzer, nicht etwas Ursprüngliches ist.“

Das ist keine Verharmlosung des Bösen, ganz im Gegenteil: Zu behaupten, dass das Böse in sich eine Existenz hätte, hieße, es zu verharmlosen, indem man ihm einen legitimen Platz zugesteht. Das ist das Problem mit manchen Philosophien, die Gut und Böse als sich gegenseitig ergänzende notwendige Seiten des Lebens, als Yin und Yang sehen. Das Christentum ist da ganz anders. Das Böse ist einfach nur eine Perversion, das heißt wörtlich übersetzt eine Verdrehung des Guten, es ist eine Verschmutzung also muss es beseitigt werden, restlos, damit das Gute wieder in seinem Glanz erstrahlen kann.

Philosophie und Offenbarung, Teil 1

Ein Unterschied, der beim Thema „Glaube ich an Gott oder nicht?“ gemacht werden sollte und oft nicht gemacht wird, ist der zwischen philosophischer Gotteserkenntnis und Gotteserkenntnis durch Offenbarung.

Menschen können durch Nachdenken zu dem Schluss kommen, dass es einen Gott gibt (oder dass es wahrscheinlich einen Gott gibt). Allerdings führt das noch nicht unbedingt zu der Erkenntnis, wie genau dieser Gott ist, was er so macht, was er mich angeht, und was er so von meinem Leben hält. Wenn dieser Gott existiert, hat er aber auch die Möglichkeit, sich selbst auf spezielle Weise den Menschen zu zeigen, nicht nur durch das, was er allgemein erkenntlich in seiner Schöpfung von sich gezeigt hat und das die Menschen möglicherweise durch ihre von ihm gegebene Vernunft erkennen können, sondern auch auf andere Weise, wie es ihm gerade einfällt. Er könnte mit rosa Farbe einzelne Lehren und Gebote in den Himmel schreiben, oder Feuer und Schwefel regnen lassen, oder er könnte auch selber die menschliche Natur annehmen, in einer kleinen Höhle bei Bethlehem geboren werden, in einer menschlichen Familie aufwachsen, lehren, Wunder wirken, wegen Gotteslästerung brutal hingerichtet werden und dann wieder auferstehen. Laut dem Christentum wählte er Letzteres. Es gibt keinen Widerspruch zwischen beidem; Gott kann sich nicht widersprechen, also auch nicht Philosophie (wenn sie korrekt ist und nicht auf Denkfehlern beruht) und Offenbarung. Im Gegenteil: Die Offenbarung kann auf der Philosophie aufbauen.

Um es mit den schönen Worten des Thomas von Aquin zu sagen:

 

„Zuerst muß folglich gesagt werden, dass ‚Gott IST’, und dass das andere Derartige, was durch die natürliche Vernunft von Gott bekannt sein kann […]  nicht Glaubensartikel, sondern Vorüberlegungen zu den Artikeln darstellt;  so nämlich setzt der Glaube die natürliche Erkenntnis voraus, wie die Gnade die Natur und wie die Vollendung das Vollendbare voraussetzt.“ (Quelle: http://12koerbe.de/pan/st1qu2.htm )

 

Philosophische Argumente für die Existenz Gottes (d. h. eines absoluten Seins ohne Anfang und Ende, eines ursprunglosen Wesens, das seinerseits für die Entstehung der Welt verantwortlich ist) sind beispielsweise die „fünf Wege“ des Thomas, die er in der Summa theologiae ausführt. Thomas geht z. B. davon aus, dass es in der Welt Bewegung (ein Begriff für Veränderung im Allgemeinen) gibt, aber keine Veränderung ohne Ursache denkbar ist. Diese Ursachenkette kann man immer weiter zurückverfolgen. Irgendwann muss es jedoch eine erste Ursache geben, denn sonst könnte die ganze Kette überhaupt nicht existieren, „wie der Stock nichts bewegt, es sei denn dadurch, dass er von der Hand bewegt wird“. Von nichts kommt nichts: Das entspricht unserer ganzen Erfahrung. Also muss es einen ersten „unbewegten Beweger“ geben – „und das begreifen alle als ‚Gott’“. Ein weiterer Weg geht davon aus, dass es in der Welt Zielgerichtetheit gibt, also dass Dinge zu einem Zweck da zu sein scheinen. Dasselbe hört man von Ökologen recht häufig; in der Natur hat alles seinen Platz und seinen Sinn. Ohne Bienen würde zum Beispiel ziemlich wenig funktionieren. Solche Zielgerichtetheit und Ordnung setzt jedoch jemanden voraus, der das ganze System geordnet hat – wiederum einen Gott.

Noch ein anderer der fünf Wege beruht auf dem Argument der Stufungen: In der Welt gibt es verschiedene Abstufungen von Vollkommenheit, von Gutheit (das ist zwar falsches Deutsch, aber das deutsche Wort Güte passt hier einfach nicht). Wir beurteilen diese Abstufungen; also muss es einen Maßstab geben, nach dem wir urteilen, eine oberste Gutheit, eine Kraft oder ein Wesen, die oder das das Gute verkörpert, der Ursprung des Guten ist, „und das nennen wir Gott“. C. S. Lewis führt in „Mere Christianity“ ein sehr ähnliches Argument genauer aus: Alle Menschen fühlen in sich den Anspruch ihres Gewissens, das ihnen sagt, was sie tun sollen. Das ist oft sehr verschieden von dem, was sie tun wollen, aber die Stimme, die ihnen sagt, was richtig und was falsch ist, verlangt trotzdem Gehorsam. Jeder Mensch erkennt implizit an, dass es Gut und Böse, dass es einen Maßstab des Richtigen gibt – spätestens dann, wenn er selbst ungerecht behandelt wird, wird er Gerechtigkeit verlangen. Wir können gar nicht anders, als in Begriffen von richtig und falsch, von moralisch und unmoralisch, von gut und schlecht zu denken; das ist uns angeboren, und das tun unbewusst selbst die, die eine andere Philosophie vertreten.

Ein weiteres Argument für eine Existenz von irgendetwas Übernatürlichem läge ebenfalls im Wesen des Menschen: Er ist so offensichtlich darauf ausgerichtet, an etwas außer- und oberhalb dieser Welt zu glauben, dass die Atheisten, global betrachtet, auch heute ziemlich deutlich in der Minderheit sind. Der Mensch hat ein Verlangen nach etwas, das über diese Welt hinaus geht, nach dem Übernatürlichen. So ein Verlangen wäre aber sehr seltsam, wenn es die Erfüllung des Verlangens einfach nicht gäbe. Wir haben Hunger – Essen existiert. Wir haben Durst – Flüssigkeiten existieren. Wir frieren – Wärme existiert. Wir haben ein Bedürfnis nach Kommunikation und Austausch – andere Menschen existieren. Wir haben in der Regel kein Bedürfnis, für das es keinen Grund gibt; so sagt es uns die Erfahrung. Das einzige Verlangen, das nicht gestillt werden können soll, soll das nach Gott sein? (Wieder danke an Lewis für diese Einsicht!)

Ich denke, wir können anhand der oben beschriebenen Gedankengänge davon ausgehen, dass es zumindest recht vernünftig ist, anzunehmen, dass ein Gott existiert. (Gegenbeweise wurden übrigens noch nie erbracht.) Sokrates und Platon vertraten einen philosophischen Monotheismus, dasselbe gilt für die meisten Philosophen der sogenannten Aufklärung. (Ich mag den Begriff eigentlich nicht, weil er nicht zutrifft, aber dazu eigens.) Man kann Gottes Existenz für erwiesen, wahrscheinlich oder möglich halten, unabhängig davon, ob man glaubt, dass er sich irgendwann noch speziell offenbart hat. Allerdings sollte man nicht – wie die französischen Aufklärer das taten – generell davon ausgehen, dass er sich grundsätzlich nicht offenbart; denn das wäre ziemlich dämlich, es hieße nämlich, einem Wesen, das man selbst nicht im geringsten erfassen kann, vorschreiben zu wollen, was es zu tun hat und was nicht.*

Nun gibt es ganz verschiedene angebliche Offenbarungen im Lauf der Geschichte; Jesus, Mohammed und Joseph Smith (der Gründer der Mormonen) behaupteten alle, von Gott gesandt zu sein, und da waren sie noch lange nicht die einzigen. Nun kann man daran einfach herangehen wie an jeden Bericht von irgendetwas: Mit der Frage „Stimmt das?“.

Da kann man Verschiedenes betrachten. Erst einmal sollte man sich anschauen, was sie selber denn gesagt haben und welchen Eindruck das macht. Ich hatte zum Beispiel bereits das Buch Mormon in der Hand, und ich muss sagen mein Eindruck war: Billiger Versuch eines Bibelabklatsches (jeder zweite Satz lautete „Und es begab sich“), und Mischmasch aus kruden Geschichten, die historisch so was von unbeweisbar oder bereits widerlegt sind (Jesus ist nach seiner Auferstehung den Indianern erschienen, die zum Teil aus den verlorenen Stämmen Israels bestanden, allerdings haben die sich dann irgendwann untereinander bekämpft und ausgerottet, und so ist der Glaube dort verloren gegangen… also bitte!). Hinzu kommen bei den Mormonen moralische… ähm… Fragwürdigkeiten wie die Einführung der Polygamie (inzwischen zwar längst wieder aufgegeben, aber trotzdem kann man sich fragen, was das sollte). Weiters könnte man prüfen, ob eine Lehre in sich logisch ist oder ob Widersprüche bestehen, oder ob Prophezeiungen gemacht und erfüllt oder nicht erfüllt wurden (wie bei den Zeugen Jehovas; Wiederkunft Christi 1914). Man kann sich generell fragen, wie nachprüfbar das ist, wodurch ein selbsternannter Prophet zu belegen weiß, dass er von Gott ernannt ist. „Ich hatte eine Erscheinung, also glaubt mir, was ich sage!“ ist nicht ausreichend. (Ja, hier meine ich u. a. Mohammed.)

Zum Thema, wie der Katholizismus bei einer solchen Prüfung abschneidet, im zweiten Teil…

 

 

* Natürlich gehen auch die Christen davon aus, dass Gott bestimmte Dinge grundsätzlich nicht tun kann, nämlich Böses tun, weil das Böse ein Mangel ist, und Gott vollkommen ist, und das ein Widerspruch in sich wäre, und Gott sich nicht widersprechen kann. (Zu dem Thema mehr in einem anderen Beitrag.) Aber eine Offenbarung an die Menschen kann nun kaum böse genannt werden.

Was der IS, die Hitlerjugend und die katholische Kirche gemeinsam haben…

…und was sie unterscheidet:

Es ist wohl mittlerweile allgemein bekannt, dass der IS seine Kämpfer nicht nur aus irgendwelchen jungen Irakern rekrutiert, die nie etwas anderes als fundamentalistischen Islam zu hören bekommen haben und wütend auf den Westen sind, der seine Drohnen und Soldaten in den Mittleren Osten schickt, sondern auch aus Männern aus diesen westlichen Ländern selbst, und nicht nur aus Männern „mit Migrationshintergrund“, sondern genauso aus jungen Deutschen, Franzosen, Amerikanern, die irgendwann zum Islam konvertiert sind. Und auch genügend europäische Mädchen bieten sich IS-Kämpfern als Ehefrauen an und verlassen ihr Land Richtung Syrien, und jetzt initiieren sie auch eigene Terroranschläge und laufen mit Niqab und Maschinengewehren gleichzeitig herum.

Vor ein paar Tagen habe ich in einer Tageszeitung einen Artikel über den von Frauen geplanten Terroranschlag in Paris und die aus Frauen bestehende Al-Chansaa-Brigade in Al-Rakka, allgemein eben über weibliche Terroristen, gelesen. Dieser Artikel strotzte schlichtweg vor Unverständnis gegenüber diesem Phänomen – und ich frage mich, ob es bloß ein Nicht-Verstehen-Wollen, oder tatsächlich ein Nicht-Verstehen-Können war. Da hieß es zum Beispiel, dass der IS bei Frauen Erfolg hat, und zwar „trotz seines mittelalterlichen, frauenfeindlichen Rollenbildes“. (Ich übergehe hier mal die Frage, wie viel der Artikelschreiber wohl vom tatsächlichen Mittelalter weiß. Leider gilt „mittelalterlich“ ja mittlerweile als Standardschimpfwort.) Und dieses Rollenbild wird u. a. dadurch definiert, dass „die Männer Modegeschäfte, Schönheitssalons, ja alles Westliche für Teufelszeug halten“. Lassen wir uns das mal auf der Zunge zergehen. Beispiel für das „Westliche“, für unser großartiges neuzeitliches Frauenbild, für weibliche Emanzipation und Freiheit, sind Modegeschäfte und Schönheitssalons. Da sage noch einer, der Westen hätte Frauen nicht mehr zu bieten als der IS. Der Autor des Artikels scheint tatsächlich nicht zu verstehen, dass es Frauen geben kann, denen Modegeschäfte und Schönheitssalons völlig egal sind im Vergleich zu anderen Dingen.*

Ich denke, eine Gesellschaft, der die Leute zu einer fleißig bombenden, enthauptenden und versklavenden Terrormiliz davonlaufen, sollte sich mal fragen, was bei ihr eigentlich falsch läuft.

Seien wir ehrlich: „Unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung“, „Rechtsstaatlichkeit“, „Meinungsfreiheit“, usw. – das alles sind gute und wichtige Sachen, und wir merken wahrscheinlich gar nicht mehr, wie dankbar wir dafür sein können, aber sie bieten keinen Sinn für das Leben des einzelnen. Sie langweilen einen, wenn man sie im Sozialkundeunterricht oder im nächsten Leitartikel zum fünfzigsten Mal vorgekaut bekommt. Sie sind Rahmenbedingungen für ein einigermaßen geordnetes Zusammenleben, und das war’s auch schon. Der Rahmen ist da, aber er ist leer. Deutschland hat eine wunderbare Verfassung (nicht zuletzt dank gewisser Inspirationen durch die katholische Soziallehre), aber kein Mensch liest die Verfassung, wenn er Krebs hat oder verlassen wird oder die Ungerechtigkeit auf der Welt sieht oder sich einfach fragt, wofür er eigentlich da ist – was sich auch junge Frauen schon mal fragen können, so blöd sind wir ja nicht. Deswegen ist es lächerlich, wenn Politiker auf Koranverteilungsaktionen damit reagieren wollen, das Grundgesetz zu verteilen. Unsere Gesetze bieten einigermaßen vernünftige, wenn auch von Menschen aufgestellte Grenzen, innerhalb derer das Leben im Namen des öffentlichen Friedens stattfinden soll. Sie bieten keine Orientierung für dieses Leben. Noch schlimmer ist es natürlich, wenn den Leuten auch Freiheit und Recht und Gleichheit eigentlich nichts mehr bedeuten und „westliche Werte“ eher als Chiffre für „Vollbeschäftigung, RTL II und Stripclubs“ dienen – oder wenn eben weibliche Emanzipation nicht dadurch definiert wird, dass Frauen selbst entscheiden, wen sie heiraten, dass sie wählen gehen, studieren oder im Parlament sitzen, sondern dadurch, wie knapp ihre Strandbekleidung ausfällt. Das scheint mir allgemein ein Problem im Umgang mit dem Islam zu sein. Der Westen scheint sich nicht ganz entscheiden zu können, ob Frauenrechte nun darin bestehen, möglichst wenig anzuziehen und möglichst viel Sex zu haben (was meiner Meinung nach das genaue Gegenteil von Emanzipation ist, nämlich ein Ausgenutztwerden), oder vielleicht doch eher in irgendetwas anderem.

Der Mensch braucht etwas Höheres, für das er leben kann, er braucht einen Sinn und ein Ziel und Regeln für sein Leben. Er ist auf den wahren Gott ausgerichtet; also kann er ohne Ihn nicht leben, und wenn er ohne Ihn leben muss, sucht er sich falsche Götter als Ersatz. Und das tun nicht nur arbeitslose Jugendliche ohne Freunde und Selbstbewusstsein. Auch wenn man Bildung, Arbeit, gutes Aussehen, eine funktionierende Beziehung, nette Bekannte und eine schöne Eigentumswohnung hat, kann man sich irgendwann mal fragen: War das schon alles? Vielleicht nicht so früh, wie wenn man das nicht hat, aber irgendwann taucht die Frage doch auf: Gibt es nicht auch mehr? Was ist Wahrheit? Gibt es Wahrheit? Was soll ich tun? Worauf kann ich bauen? Was kann ich hoffen?

Die Menschen suchen nach Sinn und Antworten für ihr Leben, und unsere Gesellschaft bietet keine. Den Vertretern ihrer anerkannten Elite (besonders solchen, die Zeitungsartikel und Schulbücher schreiben) fällt zu dieser Frage meistens nichts Besseres ein als „da gibt es keine so einfachen Antworten“, wenn sie tatsächlich überhaupt keine Antworten haben oder über manche möglichen Antworten von vorn herein nicht nachdenken wollen. Und wenn dann die Salafisten die ersten sind, die Antworten anbieten… zuerst findet man klare Regeln, ein größeres Ganzes anstelle des eigenen Ich, Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen, und irgendwann soll dann der Dschihad diesem Willen entsprechen.

Ich denke, dass es mit der Nazi-Bewegung, die ja auch eine Art politische Religion war, sehr ähnlich gewesen ist. Auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, obwohl die Kirchen noch irgendwie fester im Sattel saßen als heute, herrschte eine große Unsicherheit, viele Menschen fanden im Glauben keine Orientierung mehr – er war irgendwie langweilig, bürgerlich geworden. Gefährliche Ideen kursierten – Eugenik, Sozialdarwinismus, Wettstreit der Nationen; das Denken in allen diesen Kategorien war in Europa und Nordamerika schon lange vor Hitler weiter verbreitet, als uns heute oft bewusst ist. Diese Ideen waren aufregend, neu, und beriefen sich doch auf ewige Gesetze. Dann kam ein Führer, der sich vom Schicksal berufen sah, formierte eine Bewegung, forderte Gehorsam – und natürlich liefen ihm die jungen Leute begeistert hinterher.

Das soll jetzt bitte schön in keiner Weise als Verharmlosung der Nazizeit oder des IS verstanden werden. Ich bin überzeugt, dass Menschen nie nur aus fehlgeleitetem Idealismus zu SS-Männern und islamistischen Terroristen werden. Solche gewaltbereiten Gruppen sprechen die besten und die schlimmsten Seiten im Menschen an. Man kann sich überlegen fühlen, hat ein klares Feindbild, und kann vor allem seine Agressionen ungehemmt ausüben, beim IS vielleicht auch ein paar Sex-Sklavinnen kriegen – und sich dabei auch noch dazu gratulieren, dass man zu den Guten gehört und etwas Tolles leistet, da man ja schließlich sein Leben einsetzt. (Dass man es ehrlich im tiefsten Innern glaubt, dass einem keine Zweifel daran kommen, kann ich mir schwer vorstellen.) Perfekte Mischung sozusagen. Und genau deswegen brauchen wir die Kirche Jesu Christi als Gegengift.

Falsche Religion kann man nur mit richtiger Religion bekämpfen. Wenn Menschen Gott folgen wollen, muss man ihnen zeigen, wie der richtige Gott ist, dass er keine Menschenopfer fordert, auch keine Menschenopfer durch den Dschihad. Ich bezweifle, dass „Das ist doch finsteres Mittelalter!“ da viel Erfolg hat. Gehorsam, Opferbereitschaft, Treue, Demut, ein höheres Ziel; das alles ist nichts, was wir hinter uns lassen sollten oder auch nur könnten. Das ist gerade das, was wir brauchen, aber richtig. Gerade das liebe ich an der katholischen Kirche. Es macht Freude, dem Papst und dem eigenen Bischof gehorsam zu sein, es bringt wirkliche, ehrliche Freude. Es macht Freude, sich zu überwinden und zur Beichte zu gehen und diesem Menschen zu helfen und jenes zu tun und zu beten im Versuch, der Liebe zu Jesus Christus näher zu kommen.

Ich denke, es ist vielleicht jetzt schon ein bisschen klar geworden, wieso die wahre Religion anders ist als die vielen falschen Religionen (zu denen auch die vielen politischen Religionen wie der Kommunismus oder eben der Nationalsozialismus zählen). Ihr Gesetz ist Liebe; Liebe zu unserem Gott und Liebe zu allen seinen Geschöpfen. Sie bringt Klarheit, Licht und Frieden. Man möge Videos vom Weltjugendtag mit Videos von Enthauptungen durch den IS vergleichen – ich denke, der Unterschied wird deutlich. Zwischen den Menschen dort liegen Welten. Und das ist wohl auch der Grund dafür, dass gerade jetzt so viele Muslime zum Christentum finden; und zwar trotz der Probleme, die sie sich damit schaffen, und zu denen u. a. Todesdrohungen und Verstoßung durch die Familie ja schon standardmäßig dazu gehören.

Ich finde es furchtbar schlimm, wenn Christen suchenden Menschen keine klaren und tiefen Antworten bieten können. In seinem Buch „Inside IS – 10 Tage im Islamischen Staat“ beschreibt der Journalist Jürgen Todenhöfer, wie er über das Internet Kontakt zu IS-Terroristen aufnahm und von ihnen die Erlaubnis erhielt, für zehn Tage in ihr Gebiet zu reisen, um darüber zu berichten. Im Lauf der Vorbereitungen traf er sich auch mit der Mutter eines dieser deutschen IS-Terroristen und sie schilderte ihm, wie aus ihrem Sohn ein Islamist geworden war. Ihre Geschichte beginnt folgendermaßen:

 

„Seit frühester Kindheit war Christian extrem wissbegierig. ‚Was ist der Tod, Mama?’, fragte er sie zum Beispiel. Er stellte Fragen, auf die sie sich die Antworten oft lange überlegen musste. Sie verbrachten während seiner Kindheit viel Zeit mit Lesen. Bücher wie Was ist was? waren heiß begehrt. Was man nicht wusste, musste man in Büchern nachlesen. Auch seinen Lehrern und dem evangelischen Pfarrer fiel auf, wie viele Fragen Christian hatte. Doch in der Kirche bekam Christian nie Antworten auf seine Fragen. Christian fand das so enttäuschend, dass er kurz vor seiner Konfirmation beschloss, auf die Feier zu verzichten. Auch auf die Konfirmationsgeschenke. Er suchte lieber weiter nach Antworten.“

 

In der Kirche bekam Christian nie Antworten auf seine Fragen.

Ja, das kann ich mir vorstellen. Bei den deutschen Lutheranern ist es ja generell noch schlimmer als bei den Katholiken, aber auch bei uns gibt es genug, die eigentlich gar nicht recht wissen, was sie glauben, und irgendwie auch gar nicht mehr recht glauben. Jedenfalls können sie kein klares Zeugnis mehr davon ablegen, was sie eigentlich glauben. Sie sind nicht bereit, „jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petrus 3,15), und das ist das Problem.

Nach 1945, als der nationalsozialistische Traum vom Tausendjährigen Reich zusammengebrochen war, lebte der christliche Glaube in Deutschland übrigens zeitweise wieder sehr stark auf. (Dank der erneuten Rückschläge in den 60ern ist uns das nicht mehr so bewusst. Aber heute scheint sich das Blatt ja wieder langsam zu unseren Gunsten wenden.) Entwicklungen sind nicht unumkehrbar. Und das Christentum hat immer noch gesiegt; es hat sehr viele Verfolger überlebt, nicht wenige davon in den letzten 200 Jahren. Es wird auch noch da sein, wenn der Islamische Staat zusammengebrochen ist. Und das ganz einfach deswegen, weil es den wahren Gott verkündigt – wenn es denn ordentlich verkündigt -, der gütig und barmherzig ist und allen seine Liebe und Vergebung schenken und sie zu seinen Kindern machen will, auch die, die seine Kinder jetzt gerade verfolgen. (Ein Beispiel wäre der Christenverfolger Saulus, der zum Völkerapostel Paulus wurde.)

Unser erster Papst schreibt: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen. Dann werden die, die euch beschimpfen, weil ihr in (der Gemeinschaft mit) Christus ein rechtschaffenes Leben führt, sich wegen ihrer Verleumdungen schämen müssen. Es ist besser, für gute Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, als für böse. Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, er, der Gerechte, für die Ungerechten, um euch zu Gott hinzuführen; dem Fleisch nach wurde er getötet, dem Geist nach lebendig gemacht.“ (1 Petrus 3,15-18) So geht das. Unser Gott hat es eben nicht nötig, dass wir für ihn Bomben werfen. Denn es geht ihm darum, Seelen zu gewinnen, nicht Länder.

 

*Ich habe übrigens nichts gegen Modegeschäfte und so weiter. So weit bin ich dann doch westliche Frau. Aber es gibt halt auch mehr.

Wie man zum Glauben kommt

  1. Das schlussfolgernde Denken kann mit Gewissheit die Existenz Gottes und die Unendlichkeit seiner Vollkommenheiten beweisen. – Der Glaube, ein Geschenk des Himmels, setzt die Offenbarung voraus; er kann folglich gegenüber einem Atheisten nicht angemessen als Beweis für die Existenz Gottes angeführt werden.
  2. Die Göttlichkeit der mosaischen Offenbarung lässt sich mit Gewissheit durch die mündliche und schriftliche Überlieferung der Synagoge und des Christentums beweisen.
  3. Der Beweis aus den Wundern Jesu Christi, wahrnehmbar und schlagend für die Augenzeugen, hat gegenüber den nachfolgenden Generationen nichts von seiner Kraft mit ihrem Glanz verloren. Wir finden diesen Beweis mit voller Gewissheit in der Echtheit des Neuen Testamentes, in der mündlichen und schriftlichen Überlieferung aller Christen. Gerade durch diese zweifache Überlieferung müssen wir ihn dem Ungläubigen, der ihn zurückweist, oder denen darlegen, die, ohne ihn schon anzuerkennen, sich nach ihm sehnen.
  4. Man hat nicht das Recht, von einem Ungläubigen zu erwarten, dass er die Auferstehung unseres göttlichen Erlösers anerkennt, bevor man ihm sichere Beweise dafür geliefert hat, und diese Beweise sind durch schlussfolgerndes Denken abgeleitet.
  5. In diesen verschiedenen Fragen geht die Vernunft dem Glauben voraus und muss uns zu ihm führen.
  6. So schwach und dunkel auch die Vernunft durch die Ursünde geworden ist, [so] bleibt ihr trotzdem genügend Klarheit und Kraft, um uns mit Gewissheit zur Existenz Gottes, zur Offenbarung zu führen, die an die Juden durch Mose, an die Christen durch unseren anbetungswürdigen Gottmenschen ergangen ist.

 

Diese sechs Thesen stammen aus dem Jahr 1840. Sie wurden von dem Theologen Louis-Eugène-Marie Bautain…

 

…auf den Druck seines Bischofs hin unterschrieben.

(Sie finden sich übrigens im Denzinger, dem „Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“, das seinen Spitznamen von seinem ersten Herausgeber hat.)

 

Ja, richtig gelesen: Diese Thesen sind im Jahr 1840 offizielle kirchliche Lehre, die von Theologen mit abweichenden Meinungen anerkannt werden muss, wenn sie nicht die Amtsenthebung oder die Verurteilung ihrer Werke riskieren wollen.

Also, Lehre der Kirche ist: Man kann mit der Vernunft beweisen, dass ein Gott, ein Schöpfer der Welt existiert. Dann kann man, wenn man die historische Überlieferung ansieht, beweisen, dass 1) die Offenbarung an die Juden wirklich von diesem Gott ausgegangen ist, 2) dass Christus Wunder gewirkt hat und auferstanden ist und sich damit als Sohn Gottes erwiesen hat. Somit kann man mit schlussfolgerndem Denken dazu kommen, die christliche Religion als wahr zu erkennen. So.

Das Wort „Glaube“ meint nicht, dass man durch Nichts-Genau-Wissen zur Anerkennung der christlichen Religion kommt. Der Glaube ist eine Tugend, die man braucht, nachdem man zum Glauben gekommen ist. C. S. Lewis schreibt in „Mere Christianity“ (dt. Titel: „Pardon, ich bin Christ“):

 

Zunächst einmal bedeutet „glauben“ einfach, die Lehren des Christentums für wahr zu halten und sie anzunehmen. Was ich aber früher nicht begreifen konnte, war, dass die Christen diese Art von Glauben als eine Tugend betrachten. Was, so fragte ich mich, soll daran eine Tugend sein? Inwiefern ist es moralisch oder unmoralisch, eine Reihe von Behauptungen anzunehmen oder nicht? Es liegt doch auf der Hand, dass jeder halbwegs gesunde Mensch Aussagen oder Behauptungen nicht deshalb annimmt oder ablehnt, weil er dazu gerade Lust hat oder nicht, sondern weil ihm ihre Begründung gut oder schlecht erscheint. Irrt er sich, so bedeutet das nicht, dass er ein schlechter Mensch, sondern lediglich, dass er nicht allzu klug ist. Erkennt er aber, dass eine Begründung schlecht ist, und zwingt er sich wider besseres Wissen, dennoch zu glauben, so ist er schlichtweg dumm.

 Nun, ich bin auch heute noch dieser Meinung. Was ich aber damals nicht erkannte – und was auch heute viele Menschen nicht erkennen –, war folgendes: Ich ging davon aus, der menschliche Geist werde ganz von der Vernunft beherrscht; wenn er einmal von einer Sache überzeugt sei, so bleibe er auch dabei, so lange, bis sich ein zwingender Grund zeigt, die Überzeugung zu überprüfen. Aber das ist nicht richtig. Zum Beispiel kann mein Verstand durch fundierte Beweise völlig überzeugt sein, dass ich unter einer Narkose nicht ersticke und dass ein guter Chirurg erst dann mit der Operation beginnt, wenn ich wirklich bewusstlos bin. Das ändert aber nichts daran, dass in mir eine kindische, panische Angst aufsteigt, sobald ich auf dem Operationstisch liege und mir die scheußliche Maske übers Gesicht gestülpt wird. Ich meine dann, ich würde ersticken, und schlottere vor Angst, der Arzt könnte vielleicht doch mit seinem Messer ansetzen, ehe ich völlig betäubt bin. Mit anderen Worten: Ich verliere meinen Glauben, dass die Narkose wirkt. Es ist aber nicht der Verstand, der den Glauben von mir nimmt (im Gegenteil, mein Glaube beruht ja auf dem Verstand); es sind meine Phantasie und meine Gefühle. Vernunft und Glaube kämpfen gegen Gefühle und Phantasie. […]

 Das gleiche gilt nun für den christlichen Glauben. Ich verlange von niemandem, sich für das Christentum zu entscheiden, wenn für seinen Verstand alle Beweise dagegen sprechen. Der Punkt, an dem der Glaube einsetzt, liegt ohnehin an anderer Stelle. Doch nehmen wir einmal an, ein Mensch erkennt eines Tages, dass alle Beweise für die Richtigkeit des Christentums sprechen. Ich kann voraussagen, was während der nächsten Wochen in ihm vorgehen wird. Er erhält eine schlechte Nachricht, oder er hat Sorgen, oder er lebt mit Menschen zusammen, die nicht glauben, und plötzlich erheben sich seine Gefühle und starten eine Art Überraschungsangriff auf seinen Glauben. Oder es kommt ein Moment, wo er eine Frau begehrt, wo er lügen möchte, wo er von sich eingenommen ist oder die Möglichkeit sieht, auf irgendeine nicht ganz saubere Art zu Geld zu kommen: Augenblicke, in denen es angenehmer wäre, wenn der christliche Glaube nicht wahr wäre. Und wieder führen seine Wünsche und Begierden einen Blitzangriff.

 Ich rede dabei nicht von solchen Augenblicken, wo echte neue Gründe das Christentum in Frage zu stellen scheinen. Mit solchen Zweifeln muss man sich auseinandersetzen. […]

 Glaube, so wie ich das Wort hier gebrauche, ist die Fähigkeit, allen Gefühlsschwankungen zum Trotz an Überzeugungen festzuhalten, die man einmal als richtig erkannt hat. Stimmungen wechseln, ganz gleich, was unser Verstand auch meint. Das weiß ich aus Erfahrung. Auch heute noch kann es geschehen, dass mir das ganze Christentum höchst unwahrscheinlich vorkommt, während ich früher, als Atheist, das Christentum von Zeit zu Zeit unerhört überzeugend fand. Dieser Aufstand der Stimmungen gegen unser wahres Selbst wird auf jeden Fall kommen. Darum ist der Glaube eine so wichtige Tugend. Wem es nicht gelingt, seine Emotionen an ihren Platz zu verweisen, der kann kein richtiger Christ, ja nicht einmal ein richtiger Atheist sein; er bleibt ein hin- und hergerissenes Geschöpf, dessen Glaube vom Wetter oder von der Verdauung abhängig ist. Deshalb muss man sich in der Tugend des Glaubens üben.

 Der erste Schritt ist also die Erkenntnis, dass unsere Stimmungen wechseln. Der nächste ist der Vorsatz, sich, wenn man den christlichen Glauben angenommen hat, jeden Tag längere Zeit mit seinen Glaubenssätzen zu beschäftigen. Darum sind tägliches Gebet, tägliches Lesen von christlichen Schriften und der Besuch des Gottesdienstes von so großer Bedeutung. Wir müssen ständig daran erinnert werden, was wir glauben. Weder diese noch irgendeine andere Überzeugung wird automatisch in uns lebendig bleiben. Sie muss genährt werden. Wenn wir hundert Menschen fragten, weshalb sie ihren Glauben an das Christentum verloren haben, so würden wir sicher feststellen, dass echte Argumente bei den wenigsten eine Rolle gespielt haben. Die meisten Menschen lassen sich einfach treiben.

 

Der Glaube ist das Vertrauen auf den Gott, dessen Existenz man erkennt hat und den man nun allmählich kennenlernt. Er beruht zunächst einmal auf der Vernunft; man sieht die historische Stimmigkeit und die innere Logik der katholischen Lehre und wagt deshalb den Glauben. Aber er wird immer mehr zu einem persönlichen Vertrauen auf eine Person, je mehr man sich darauf einlässt, das, was man erkannt hat, in die Praxis umzusetzen, das heißt, zu dieser Person zu beten, in der Bibel von Seinen Taten zu lesen, Ihm im Nächsten zu begegnen oder Ihn bei der Kommunion zu essen. (Das klingt jetzt komisch, ist aber so.) Dann denkt man vielleicht auch gar nicht mehr so viel an Gottesbeweise – wenn man jemanden getroffen oder zumindest einmal von weitem gesehen hat, muss man nicht mehr nach Argumenten für seine Existenz suchen.

Sicher kann es auch bei gläubigen Menschen zu Zweifeln kommen – solchen Zweifeln, mit denen man sich nach Lewis rational auseinandersetzen muss. Nicht jedem wird (auf Anhieb) die gleiche Gotteserfahrung geschenkt. Und Gott ist nun einfach nicht direkt sichtbar, Er ist vielleicht mehr wie ein Brieffreund; man kann die Leute, die einem erklären wollen, es gäbe diesen Freund gar nicht und ein Betrüger antworte auf die Briefe, um einen zu täuschen, nicht restlos von der Wahrheit überzeugen, wenn sie sie nicht hören wollen, und muss sich vielleicht auch selbst immer wieder zum Vertrauen auf das einmal Erkannte aufraffen. Glaube ist auch: „Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“ (Hebräer 11,1) Aber vielleicht wird einem doch irgendwann die Gnade zuteil, nicht nur theoretisch von diesem Gott zu wissen, sondern ihn wirklich zu erfahren, ihn zu sehen, wie der Hebräerbrief es ausdrückt. Dazu braucht es natürlich auch die Bereitschaft, auf Seine Stimme zu hören, die vielleicht manchmal sehr leise im eigenen Herzen spricht.