Toleranz, Freiheit und Burkinis

Es gibt Zeiten, da komme ich mir ziemlich radikalisiert, mittelalterlich und antiliberal vor (eigentlich habe ich nicht mal ein besonderes Problem mit diesen Labeln – ich mag das Mittelalter*). Aber dann gibt es auch wieder Zeiten, da bin ich erstaunt, wie liberal und tolerant ich anscheinend im Vergleich zu manchen bin, die sich selbst als Vorkämpfer für die Freiheit sehen. Zum Beispiel glaube ich tatsächlich nicht, dass der Staat Leuten, die Mohammeds Irrlehre folgen, ihre Kleidung vorschreiben sollte.

Das ist anscheinend eine sehr umstrittene Ansicht. Man schaue sich nur mal die Aufregung an, zu der die neuesten Äußerungen von Familienministerin Giffey über Burkinis im schulischen Schwimmunterricht geführt haben. Frau Giffey hat in den sozialen Medien noch einmal klargestellt, was sie gemeint und nicht gemeint hat:

Zur aktuellen Burkini-Debatte stelle ich folgendes klar:

1. Um es deutlich zu sagen: ich befürworte nicht das Tragen von Burkinis im Schwimmunterricht.

2. Zu keinem Zeitpunkt habe ich das Tragen von Burkinis im Schwimmunterricht für „unproblematisch“ erklärt. Im Gegenteil – es ist ein sehr schwieriges Thema.

3. Wir müssen aber sehr konsequent darin sein, dafür zu sorgen, dass alle Kinder schwimmen lernen, egal welcher Herkunft sie sind und welche Religion sie haben. Schwimmen ist Teil des Sportunterrichts und damit Teil der Schulpflicht. Diese ist durchzusetzen.

4. Wir erleben aber in der Praxis, dass dies umgangen wird. Zum Beispiel durch ärztliche Atteste. Im Ergebnis nehmen Mädchen nicht am Schwimmunterricht teil und lernen deswegen nicht schwimmen. Das kann nicht unser Ziel sein.

5. Wenn Schulleiter dann vor Ort eine pragmatische Lösung finden, ist das zwar nicht optimal, aber ich finde nicht, dass sich Bundespolitiker darüber erheben sollten. Ich habe mich zu dem pragmatischen Weg der Schule geäußert, aber nicht grundsätzlich Burkinis befürwortet.

6. Ich habe erlebt, was es für die Familie und Freunde bedeutet, wenn ein kleines Mädchen ertrunken ist, das nicht schwimmen konnte. Für mich ist das Vermitteln einer Überlebenstechnik wichtiger als die Badebekleidung.

7. Eine Ausstattung von Schulen mit Burkinis aus öffentlichen Geldern lehne ich ab. Badesachen sind von jeder Schülerin und jedem Schüler selbst mitzubringen.

8. Ich bin Initiatorin und Schirmherrin des Neuköllner Wassergewöhnungsprojektes Neuköllner Schwimmbär, mit dem wir die Nichtschwimmerquote in den letzten vier Jahren halbiert haben – für alle Kinder, egal welcher Herkunft.

9. Ich engagiere mich seit Jahren für ein konsequentes Vorgehen gegen Gewalt an Frauen und Zwangsheirat und für ein selbstbestimmtes Leben von Mädchen und jungen Frauen. Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Dafür trete ich ein.

10. Aus meiner Sicht haben kleine Mädchen keine sexuellen Reize, die es zu verhüllen gilt.

Mit anderen Worten: Mädchen, die nicht bereit sind, normale Badeanzüge zu tragen, sollen lieber in Burkinis kommen dürfen, statt sich ganz vor dem Schwimmunterricht zu drücken und nicht schwimmen zu lernen. Aber nein, nein, gut findet sie Burkinis auch nicht. – Und darüber regen sich die Leute jetzt auf? Und wie sie das tun. Nach Ansicht vieler darf der Staat so etwas doch nicht zulassen; so weit, dass Mädchen ihre Badebekleidung (beim verpflichtenden Schwimmunterricht) selber wählen dürfen, kann die Religionsfreiheit dann wohl nicht gehen. Dafür werden hauptsächlich zwei Argumente vorgebracht:

  • Mädchen sollen selbstbestimmt entscheiden, was sie anziehen; deshalb soll man nicht zulassen, dass ihre Eltern ihnen eine bestimmte Kleidung vorschreiben.
  • Hier werden kleine Mädchen sexualisiert, indem suggeriert wird, sie würden sexuelle Reize aussenden, wenn sie nicht von Kopf bis Fuß verhüllt sind.

Zum zweiten Argument zuerst. Tatsächlich ziehen die meisten muslimischen Mädchen Kopftuch und Burkini erst ab der Pubertät an; Ausnahmen gibt es wie bei allem, aber sie sind nicht häufig – aber natürlich ist es Unsinn, ein Mädchen, das – o Graus – seine Haare oder seinen Hals zeigt, als Gefahr für die Keuschheit der sie umgebenden Männerwelt zu behandeln, egal, ob es jetzt acht oder fünfzehn Jahre alt ist.

Aber was, wenn manche Mädchen, oder ihre Familien, das eben trotzdem so sehen? Hier sind wir wieder beim ersten Argument: Wer darf dann über die Kleidung der Mädchen entscheiden? Die Wahl hier lautet jedoch nicht: Das Mädchen oder die Eltern? Sondern: Die Eltern / das Mädchen oder der Staat? Wenn der Staat sich heraushält, gibt es vier Möglichkeiten: Ein Mädchen entscheidet sich selbst, den Burkini zu tragen; Eltern schreiben einem Mädchen vor, den Burkini zu tragen; ein Mädchen entscheidet sich selbst, keinen Burkini zu tragen; Eltern schreiben einem Mädchen vor, keinen Burkini zu tragen. Wenn dagegen der Staat vorschriebe, dass soundsoviel von Armen, Beinen und Kopf zu zeigen ist (wie viel wäre wohl das Minimum?), wäre gar keine Freiwilligkeit mehr möglich.

Wäre das auch schon zu züchtig? (Um 1900. Quelle: Wikimedia Commons.)

Aber, wird argumentiert, man muss die Leute eben mit Zwang zur Freiheit führen. Man muss eben Zwang anwenden, um die Mädchen von den Vorstellungen ihrer Eltern zu befreien. Nun ist es aber so, dass kein Kind frei von den Vorstellungen der Eltern und irgendwie „neutral“ erzogen werden kann. Das ist auch gut so – Eltern haben das natürliche Recht und die Pflicht, ihre Kinder zu erziehen, und der Staat hat erst dann einzugreifen, wenn die Kinder wirklich gefährdet oder vernachlässigt werden. Kinder werden irgendwann erwachsen, und dann sind sie unabhängig und fähig, eigene Entscheidungen zu treffen; aber zuvor stehen sie immer unter dem Einfluss der Eltern. Die Frage dreht sich dann also darum, ob der Burkini eine grobe Gefährdung des Kindeswohls genannt werden kann, die das Eingreifen des Staates rechtfertigt. Und glaubt mir, Leute, so wollt ihr „grobe Gefährdung des Kindeswohls“ nicht definieren. Es wird behauptet, der Burkini sexualisiere die Kinder. Aber wie wäre es z. B. mit einer Art „direkteren“ Sexualisierung – sagen wir, eine Mutter bringt ihrer zehnjährigen Tochter bei, sich sexy anzuziehen und sich zu schminken. Auch Kindeswohlgefährdung? Burkini und Kopftuch wären gegen die Gleichberechtigung der Geschlechter gerichtet – aber, was wenn z. B. ein älteres Mädchen sich nicht mit der Vorstellung der Gesellschaft von der Gleichberechtigung anfreundet und von selber der islamischen Vorstellung folgen will? Soll man ihr das auch verbieten?

Solche Debatten sagen im Endeffekt weniger über den Islam aus, meine ich, als über die Verlogenheit vieler Säkularisten. Säkularisten haben es nur in der Theorie mit der Religionsfreiheit; praktisch endet sie für sie, sobald eine Religion ihren eigenen Überzeugungen zuwiderläuft. Das zeigt sich in ihrem Umgang mit falschen Religionen wie dem Islam ebenso wie im Umgang mit der richtigen Religion. Im 18. Jahrhundert wetterten die sog. „Aufklärer“ gegen das unfreie und unnatürliche Leben in den Klöstern; als sie an die Macht kamen, lösten sie die Klöster folglich zwangsweise auf und vertrieben die Nonnen und Mönche.

„Die Karmelitinnen von Compiègne angesichts der Guillotine“ (Illustration von Louis David OSB, 1906; Quelle: Wikimedia Commons). Die 16 Karmelitinnen von Compiègne wurden 1794 von der französischen Revolutionsregierung hingerichtet, weil sie sich geweigert hatten, ihr Ordensleben aufzugeben.

Die Kirche hat immer schon mit guten Gründen Zwangstaufen abgelehnt; vielleicht sollte sich der Säkularismus mal ihre Argumente in der Hinsicht ansehen, bevor er mit seinen unlauteren Missionsmethoden fortfährt.

 

* Das richtige Mittelalter; nicht die falsche Vorstellung vom Mittelalter, die die Geschichtslegenden des 19. Jahrhunderts uns hinterlassen haben.

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Von Gottesstaaten (und anderen Staaten)

Zwischen 413 und 426 n. Chr. schrieb der hl. Augustinus sein berühmtes Werk „Vom Gottesstaat“ (De civitate Dei), in dem er den „Gottesstaat“, d. h. das Reich Gottes, das sich in den Christen verwirklicht, vom irdischen Staat – d. h. zu seiner Zeit dem römischen Kaiserreich – abgrenzte. Das ist nicht unbedingt der Sinn, in dem der Begriff „Gottesstaat“ heute verwendet wird. Unter einem Gottesstaat verstehen die Leute heute eher einen irdischen Staat, der die Gebote einer Religion zu seinen Gesetzen gemacht hat. Augustinus dagegen grenzte die civitas Dei (Gesellschaft Gottes, Staat Gottes) klar von der civitas terrena (irdischer Staat) ab.

Er hatte auch seine Gründe dafür: Viele seiner Zeitgenossen gingen davon aus, dass, wenn das Reich als Ganzes die richtigen Götter (oder den richtigen Gott) verehren würde, es von denen vor Unglück geschützt werden würde, also von einer sehr engen Verbindung zwischen Religion und Staat. Nun hatte man die alten Götter aufgegeben, die Kaiser waren christlich geworden – und gleichzeitig fielen Germanenstämme wie die Ost- und Westgoten, die Vandalen und die Franken ins Reich ein. Viele Heiden waren also der Ansicht, dass der Religionswechsel nicht funktioniert hatte; der Christengott konnte offenbar nichts für einen tun. 410 eroberten und plünderten die Westgoten unter Alarich Rom, und auf dieses schlimme Ereignis nimmt Augustinus in seinem Werk Bezug, und wenn er da so von Verschleppungen, Vergewaltigungen, Toten, die nicht begraben werden konnten, Hunger und Kannibalismus schreibt, dann merkt man, es war wirklich keine schöne Zeit.* (Augustinus selbst sollte dann übrigens in seiner nordafrikanischen Bischofsstadt Hippo Regius während der Belagerung durch die Vandalen unter Geiserich im Jahr 430 sterben.)

In diesem Werk bestand Augustinus jedenfalls darauf, dass das Römische Reich, auch wenn es christliche Kaiser hatte, nicht identisch war mit dem Gottesreich. Der Bestand des christlichen Glaubens ist nicht abhängig vom Wohlergehen eines irdischen Reiches, das zwar an sich einen Zweck in der von Gott gewollten Ordnung erfüllen kann, indem es für Ordnung und Gerechtigkeit unter den Menschen sorgt usw., das Gottesreich aber auch behindern kann. Diese Unterscheidung zwischen weltlichem und geistlichem Bereich beruht schon auf der Bibel („So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“, Matthäus 22,21) und wirkte das ganze Mittelalter hindurch weiter.

So, das war jetzt eine längere Einleitung zu einem Begriff, dessen Bedeutung meistens nicht ganz klar ist, wenn er verwendet wird: „Gottesstaat“. Der Iran wird gern als Gottesstaat bezeichnet, oder Saudi-Arabien. Manche Leute sehen den Gottesstaat auch schon verwirklicht, wenn in Deutschland Geschäfte am Sonntag geschlossen haben und an stillen Feiertagen nicht getanzt werden darf. Hierzulande gilt aber grundsätzlich eine Trennung von Staat und Kirche, die noch über eine Trennung im Sinne des Augustinus hinausgeht, auch wenn sie keine Laizität à la Frankreich (die eine Verdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum beabsichtigt) ist. Was ist jetzt also ein „Gottesstaat“?

Hier mal ein paar Beispiele, um die Unterschiede zwischen verschiedenen Gesellschaften, die man im heutigen Westen vermutlich alle mehr oder weniger als Gottesstaaten bezeichnen würde, deutlich zu machen:

  • Mohammeds Herrschaft und das Kalifat: Hier war der weltliche Herrscher gleichzeitig auch das geistliche Oberhaupt der (ganzen) Gemeinschaft der Muslime. Mohammed verkündete konkrete weltliche Gesetze, z. B. zum Erbrecht, die direkt auf göttlicher Offenbarung beruhen sollten – seine Nachfolger, die Kalifen, behielten diese bei – und führte seine Feldzüge im Namen seines Gottes – was die Kalifen ebenfalls taten.
  • Der heutige Iran: Die Regierung der Islamischen Republik Iran versteht sich nach der Verfassung von 1979 als Vertreterregierung des entrückten 12. Imam Mahdi, dessen Wiederkehr von den Zwölferschiiten erwartet wird. Das Staatsoberhaupt ist der „Führer“ (Rhabar), der von Theologen ausgewählt wird (zuerst war es Ajatollah Chomeini, jetzt ist es Ajatollah Chamenei). Regierungschef ist ein gewählter Präsident, der sich aber an die Prinzipien des schiitischen Islam halten muss, was vom Wächterrat überwacht wird.
  • Das heutige Saudi-Arabien: Die Kleriker sind nicht so direkt in die Regierung eingebunden wie im Iran, Saudi-Arabien hat allerdings den Islam (in der sunnitischen, speziell der wahabitischen Form) als Staatsreligion und die Könige, die als absolute Herrscher regieren, verstehen sich auch als Hüter der heiligen Stätten in Mekka und Medina.
  • Das mittelalterliche Europa: Die mittelalterlichen Staaten hatten ganz verschiedene Staatsformen (Venedig z. B. war eine Republik, viele andere Staaten waren Erbmonarchien oder -aristokratien); diesen Staaten gemeinsam war, dass einerseits der katholische Glaube öffentlich als wahr anerkannt, also praktisch Staatreligion war (was er in Malta übrigens interessanterweise immer noch ist), dass die Autorität des Papstes etwas galt (auch wenn man sich nicht einigen konnte, wie viel genau), dass weltlicher und geistlicher Bereich aber trotzdem irgendwo getrennt waren – Päpste, Bischöfe, Pfarrer, Äbte und Äbtissinnen waren nicht dasselbe und hatten nicht dieselben Aufgaben wie Kaiser, Könige, Grafen und Bürgermeister, und das Kirchenrecht war, anders als im Islam, nicht identisch mit dem weltlichen Recht.
  • Der Kirchenstaat oder die Fürstbistümer des Heiligen Römischen Reiches: Hier besaß ein Geistlicher zusätzlich zu seiner geistlichen Macht über ein umfassenderes Gebiet auch noch weltliche Macht über ein kleineres Gebiet. Die weltlichen Gesetze waren folglich eher stärker religiös geprägt als in benachbarten Staaten, leiteten sich aber auch nicht direkt oder ausschließlich aus religiösen Quellen ab und der geistliche und der weltliche Bereich wurden unterschieden. (Mir bekannte Unterschiede zwischen den deutschen Fürstbistümern und weltlichen Fürstentümern in der Frühen Neuzeit wären z. B., dass es in den Fürstbistümern oft deutlich mehr Feiertage gab, oder dass die Bischöfe, wenn das Reich einen Krieg führen musste, eher Geld an den Kaiser schickten, um Söldner anzuwerben, als selbst mit in den Krieg zu ziehen.)
  • Das Täuferreich von Münster: Eine spannende Geschichte aus der Reformationszeit: In Münster setzten sich die radikalen Propheten der Wiedertäufer-Sekte an die Macht, verkündeten, dass Christus zu Ostern 1534 wiederkehren sollte, benannten die Stadt in Neu-Jerusalem um, zerstörten Heiligenbilder, die sie für Götzen hielten, vertrieben Katholiken und Lutheraner, und führten die Polygamie ein. Sie wurden schließlich vom Fürstbischof militärisch geschlagen, nachdem die Stadt von innen heraus verraten worden war, und die Propheten wurden gefoltert und hingerichtet. Ähnlich wie bei Mohammed erlangten hier religiöse Propheten auch weltliche Macht – wenn auch für deutlich kürzere Zeit.
  • England unter Heinrich VIII. oder Elisabeth I.: Heinrich VIII. erklärte sich, als der Papst ihm nicht die Scheidung erlauben wollte, selbst zum Oberhaupt der Kirche von England, und seitdem stand die anglikanische Kirche unter der Autorität des Staates. Sicher hatten auch Synoden und Bischöfe noch etwas zu sagen, v. a. der Erzbischof von Canterbury, aber es handelte sich doch um eine dem Staat untergeordnete Kirche. Kardinal John Fisher, der einzige der englischen Bischöfe dieser Zeit, der nicht den Eid auf Heinrich als Kirchenoberhaupt leisten wollte, wurde hingerichtet, ebenso aus demselben Grund Heinrichs ehemaliger Lordkanzler Thomas Morus. Wer nicht zu dieser Kirche gehörte, musste u. U. mit Sanktionen rechnen (z. B. mussten Katholiken unter Heinrichs Tochter Elisabeth I. Geldstrafen zahlen, wenn sie nicht in die anglikanischen Gottesdienste kamen), konnte seinen Glauben evtl. nicht frei ausüben (z. B. war es unter Elisabeth verboten, die Messe zu feiern, und katholische Priester wurden hingerichtet), und hatte keinen Zugang zu bestimmten Staatsämtern (das galt bis ins 19. Jahrhundert). Das alles wurde mit der Zeit immer lockerer gehandhabt, auch wenn die anglikanische Kirche offiziell noch immer Staatskirche in England ist.

Der Unterschied zwischen Mohammeds Arabien oder dem Täuferreich von Münster auf der einen Seite und sagen wir mal, dem Heiligen Römischen Reich oder Frankreich oder England im Mittelalter auf der anderen Seite wäre, dass Mohammed (bleiben wir mal bei ihm als Beispiel; sein Herrschaftssystem hat immerhin länger überlebt) nicht einen geistlichen und einen weltlichen Bereich unterschied, sondern seine prophetischen Offenbarungen auf beide bezog: Sein Gott gab direkte Anweisungen zum Gerichtswesen, zur Verteilung von Kriegsbeute, zum Familienrecht. Nun war es im Mittelalter nicht so, dass geistliche und weltliche Angelegenheiten ganz voneinander abgeschnitten gewesen wären; im Gegenteil, es gab gegenseitige Zusammenarbeit und Überschneidungen (z. B. beim Eherecht) und auch die staatlichen Gesetze, von denen man viele auch aus römischem oder germanischem Recht übernommen hatte, richteten sich im Idealfall irgendwo nach übergeordneten moralischen Prinzipien, die die Kirche verkündete. (Im Idealfall. In der Praxis musste die Kirche z. B. noch 1374 Rechtsprinzipien aus dem Sachsenspiegel wie etwa „Wer auch immer nach der Bestimmung dieses Buches zum Duell aufgefordert wurde, der kann das Duell nicht verweigern, es sei denn, der so Auffordernde wäre weniger wohl geboren als der Aufgeforderte“** verurteilen, und auch für die Abschaffung der aus dem Heidentum übernommenen Gottesurteile musste sie immer wieder eintreten.) Man ging davon aus, dass Christus, König über die ganze Welt, sowohl der Kirche, mit dem Papst als Oberhaupt, die geistliche Macht, als auch den weltlichen Fürsten, mit dem Kaiser als ihrem höchsten Vertreter, die weltliche Macht verliehen hatte; kurz: weltliche und geistliche Ordnung standen beide auf dem Boden des Christentums. Auch wenn sich der Kaiser dann und wann mit dem Papst zoffte.

Der Gang nach Canossa in einer Darstellung aus dem 19. Jahrhunderts, als man in Deutschland den Papst nicht leiden konnte und den Kaiser als trotzig und ungebeugt darstellten wollte. (Eduard Schwoiser, „Heinrich vor Canossa“) Hier noch eine mittelalterliche Darstellung, in der Kaiser Heinrich IV. Markgräfin Mathilde von Tuszien und seinen Taufpaten Abt Hugo von Cluny um Vermittlung bei Papst Gregor VII. bittet:

(Quelle für beide  Bilder: Wikimedia Commons.)

Ehrlich gesagt, ich würde den Begriff „Gottesstaat“ am liebsten aufgeben. Er ist zu unscharf und wird zu vielseitig verwendet. Ich möchte verschiedene Herrschaftsformen unterscheiden:

  1. Religiöse Führer als weltliche Herrscher; alle weltlichen Gesetze direkt aus göttlicher Offenbarung abgeleitet (Kalifat, Täuferreich von Münster, heutiger Iran)
  2. Religiöse Führer üben auch weltliche Herrschaft aus, bei gleichzeitiger Unterscheidung der geistlichen und weltlichen Bereiche (Kirchenstaat, Fürstbistümer)
  3. Religiöser Integralismus bei personeller Trennung von weltlichem und geistlichem Bereich (Großteil Westeuropas im Mittelalter)
  4. Religiöser Staat; Religion aber unter der Fuchtel des Staates (England unter Heinrich VIII. oder Elisabeth I., Russland unter den Zaren)
  5. Zusammenleben von mehreren religiösen Gruppen auf nicht-religiöser Grundlage; Trennung von Staat und Religion; religiöse Toleranz (heutiges Deutschland)
  6. Staatliche Ablehnung der Religion und Zurückdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum, „Laizität“ (heutiges Frankreich, Türkei unter Atatürk)
  7. Staatlich verordneter Atheismus, Verfolgung der Religion (frühere Sowjetunion, China unter Mao, Nordkorea, sämtliche sonstigen kommunistischen Diktaturen der Geschichte)

Nr. 1 gab es in der Christenheit zunächst überhaupt nicht, später war sie eine Randerscheinung bei einigen extremen Gruppen im Gefolge der Reformation, die sich direkt von Gott inspiriert fühlten (z. B. könnte man außer den Täuferpropheten evtl. noch Oliver Cromwell hier einordnen). Nr. 2 ist im christlichen Bereich eine bekannte, aber alles in allem nicht allzu häufige Erscheinung, die mancherorts aus den historischen Gegebenheiten im Chaos des Frühmittelalters entstand. Nr. 3 war der katholische Standard bis ca. 1500, in manchen Gebieten bis ca. 1800 oder noch etwas länger. Diese Form habe ich „Integralismus“ getauft. Mit „Integralismus“ ist laut den Definitionen, die man so im Internet findet, generell gemeint, dass alle gesellschaftlichen Bereiche (integral) im religiösen Sinne geordnet werden sollen. Hier gäbe es natürlich noch verschiedene Abstufungen; katholischen Integralismus im strengen Sinne würde ich als die Ansicht definieren, die dem Papst indirekte oder direkte weltliche Macht zugesteht, also z. B. die Macht, weltliche Herrscher abzusetzen (die Frage, ob der Papst solche Macht hat, war im Mittelalter immer umstritten und hat damals dann und wann zu Konflikten geführt); katholischen Integralismus im weiteren Sinn als die Ansicht, dass der Papst und die Bischöfe an sich zwar nur geistliche Macht haben, dass sie nicht über, sondern neben weltlichen Herrschern, stehen, dass aber beide, geistliche und weltliche Herrscher, von Christus eingesetzt sind, Ihn als ihren Herrn anerkennen und nicht gegen Seine Gebote handeln sollten. Ein Staat sollte nach dieser Ansicht im Idealfall die katholische Religion als Staatsreligion anerkennen. [Im Internet scheint es keine ganz eindeutige Definition des Begriffes „Integralismus“ zu geben, daher habe ich ihn jetzt mal einfach so definiert, wie es mir passend erschien.] Das wäre, wie gesagt, die mittelalterliche (und in den katholischen Staaten auch noch frühneuzeitliche) Ordnung.

Mit der Reformation traten dann gewisse Probleme auf: Einige Fürsten wiesen den Glauben und die Autorität der Kirche und des Papstes zurück und gründeten sich ihre eigenen Landeskirchen, in denen sie oberste Kirchenherren waren. Das sieht man in Sachsen oder Preußen ebenso wie in England. Ähnliches hatte es vorher schon im Oströmischen Reich und in Russland gegeben, wo man die Autorität des Papstes ebenfalls nicht mochte und die Kirche lieber dem Kaiser bzw. Zar unterordnete (dafür gibt es den schönen Begriff „Cäsaropapismus“). Hier wären wir bei Nr. 4. Im Zuge der Reformation entstanden aber auch die Religionskriege zwischen den protestantischen und den katholischen Fürsten, und als man davon dann genug hatte, fragte man sich, ob denn die Religion das alles wert gewesen war, ob an diesen ganzen Streitfragen überhaupt so viel war, und ob es nicht einfach reichte, überhaupt an Gott zu glauben und ein guter Mensch zu sein (oder einfach nur ein guter Mensch zu sein). Hier wären wir im 18. Jahrhundert bei den Intellektuellen, die sich in nicht allzu großer Demut „Aufklärer“ tauften, angelangt. Sie waren für größere religiöse Toleranz gegenüber der jeweils in der Minderheit befindlichen Konfession und auch gegenüber den Juden, die immer einen Außenseiterstatus eingenommen hatten und als Außenseiter geduldet worden waren, aber nie wirklich zur Gesellschaft gehört hatten.

Dann musste man im Gefolge der sog. Aufklärung natürlich andere Prinzipien finden, auf die sich eine Gesellschaft einigen und auf denen sich ein Staat aufbauen konnte. Da wurden sehr unterschiedliche Wege gefunden. Bei uns nennen sich die herrschenden Prinzipien „freiheitlich-demokratische Grundordnung“, womit man Dinge wie Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit etc. meint; in den kommunistischen Staaten war es Marx‘ Lehre; in faschistischen Staaten der Wille des Führers. Hier wären wir bei Nr. 5, 6 und 7.

Auch für alle post-religiösen Staaten stellte und stellt sich dann übrigens die Frage, wie tolerant man gegenüber Ketzereien (womit ich Abweichungen von den staatstragenden Prinzipien meine, also etwa Anarchismus, Monarchismus, islamischer Extremismus, Reichsbürgertum) sein wollte. Es gab eben immer noch Leute, die sich den tragenden Prinzipien nicht anschließen wollten, auch wenn man die nicht mehr aus einer Religion nahm. Auch diese Frage wurde ganz unterschiedlich beantwortet; manche Staaten sind bzw. waren strenger gegenüber „Verfassungsfeinden“ als andere. Die französische Revolutionsregierung schickte einen schnell mal auf die Guillotine, bei Stalin kam man ins Gulag, in der BRD hat man, wenn es schlimm wird, eine Geldstrafe wegen Volksverhetzung zu befürchten.

Klar wird hier: Alle sieben Arten von Staaten sind auf irgendeiner Weltanschauung aufgebaut, die zumindest ein größerer Teil der Bevölkerung teilen muss, wenn die Gesellschaft funktionieren soll. Die Weltanschauung kann der Islam sein, der Konfuzianismus (altes China), der Protestantismus, der Katholizismus, der Liberalismus, der Kommunismus, der Faschismus, oder sonst irgendetwas. Aber eine gewisse Basis ist praktisch immer da; der Staat kann nicht ganz „weltanschaulich neutral“ sein. (Was soll z. B. der deutsche Staat gegenüber Leuten sagen, die von Menschenwürde nichts wissen wollen?) Es gibt dabei auch gewisse Unterschiede bei dieser gemeinsamen Basis: Es kann eine universal anwendbare Weltanschauung sein (Katholizismus, Kommunismus, Liberalismus), die man mit anderen Staaten teilt, oder eine rein nationale Religion, die direkt von der Regierung beeinflusst wird (Anglikanismus, verschiedene Formen des Nationalismus).

Hier stellt sich dann natürlich die Frage, auf welche Basis sich die Menschen in einem Land einigen können, und auf welche sie sich im Idealfall einigen sollten. Sucht man einen kleinsten gemeinsamen Nenner? Will man so nah wie möglich an die Wahrheit herankommen? Und was ist die Wahrheit? Die Wahrheitsfrage lässt sich am Ende nicht umgehen: Auf die Menschenwürde zum Beispiel kann sich eine Verfassung nur stützen, wenn diese wirklich existiert (was sie tut).

Worauf ich hinaus will: Statt den Begriff „Gottesstaat“ bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten hinauszuposaunen, sollte man sich vielleicht genauer ansehen, um was für eine Art Staat (Nr. 1, 2, 3 oder 4?)es sich handelt – und dann natürlich auch, um welchen Gott. Der Aztekenkönig war ebenso wie der Papst im Kirchenstaat weltlicher und religiöser Herrscher zugleich, aber in Rom wurden doch weniger Menschen geopfert als in Tenochtitlan…

 

* Augustinus beruhigt seine Leser z. B. dahingehend, dass es für die leibliche Auferstehung am Ende der Zeiten keine Unterschied machen wird, wenn ein Toter nicht begraben werden konnte und von Tieren gefressen wurde, oder er schreibt an einer anderen Stelle, dass Vergewaltigungsopfer, da sie keine Schuld an dem tragen, was ihnen passiert ist, sich nicht umbringen sollen, um die Schande der Vergewaltigung loszuwerden, auch wenn solche Selbtmorde menschlich verständlich seien. Die Bischöfe damals hatten schon andere pastorale Probleme als unsere heute.

** Gregor XI., Bulle „Salvator humani generis“ an den Erzbischof von Riga und seine Suffraganen, in: Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hrsg. v. Heinrich Denzinger und Peter Hünermann, 42. Auflage, Freiburg im Breisgau 2009, Nr. 1113, S. 521.

Man soll nicht alles glauben, was in der Zeitung steht

…hat man mir beigebracht, vor allem bezogen auf die Lokalnachrichten im örtlichen Käseblatt. Insbesondere aber sollte man nicht glauben, dass alles, was man wissen muss, in der Zeitung steht. Bei einem Thema ist das besonders auffällig.

Gerade berichten Medien (und zwar private wie die Welt (https://www.welt.de/politik/ausland/article174860387/Schwangerschaftsabbruch-Polen-gehen-in-Massen-auf-die-Strasse-gegen-ein-neues-Abtreibungsgesetz.html) ebenso wie öffentlich-rechtliche wie die Tagesschau (http://www.tagesschau.de/ausland/polen-327.html)) über eine Demonstration in Polen gegen die strengen Abtreibungsgesetze des Landes. Wenn man dagegen von einer Demonstration in Irland mit etwa doppelt so vielen Teilnehmern für die Beibehaltung der strengen Abtreibungsgesetze (genauer: des 8. Verfassungszusatzes, der Ungeborene schützt und zu dem bald eine Volksabstimmung stattfinden soll), erfahren will, muss man schon die Irish Times oder andere irische/englischsprachige Medien konsultieren (https://www.irishtimes.com/news/ireland/irish-news/rally-for-life-told-10-weeks-left-to-save-eighth-amendment-1.3422543 , https://rallyforlife.net/march-save-8th/). Auch der „Marsch für das Leben“ in Berlin mit ca. 7000 Teilnehmern wird von den meisten Medien jedes Jahr wieder konsequent ignoriert; ebenso ergeht es dem „March for Life“ in Washington D. C. mit jährlich etwa einer halben Million. Gleichzeitig wird ausgiebig über den „Women’s March“ oder den „March for our lives“, der sich für strengere Waffengesetze einsetzt, berichtet; Desinteresse an der amerikanischen Politik kann’s also nicht sein.

Dass die Medien, na ja, nicht immer vollkommen ausgewogen berichten oder ihre Informationen auf dem neuesten Stand haben, ist zwar nichts Neues. Katholiken wissen seit langem, dass die Kirchenfeindlichkeit vieler Journalisten nur durch ihre Ahnungslosigkeit übertroffen wird. Die Tagesschau redet, wenn sie anlässlich des Reformationsjubiläums erklären will, was der Ablass ist, schon mal von „Sündenvergebung gegen Geld“, während selbst Wikipedia weiß, dass es sich dabei um den „Erlass zeitlicher Sündenstrafen“, nicht die Vergebung der Sünden, handelt. Wikipedia. (https://de.wikipedia.org/wiki/Ablass) Juden müssen damit leben, dass „Israelkritik“ dem braven Journalisten der Öffentlich-Rechtlichen in Fleisch und Blut übergegangen ist, palästinensische Terrorakte verharmlost werden und man sich mit Berichten über Antisemitismus von muslimischer oder linker Seite sehr, sehr schwer tut. Auch Wissenschaftsartikel in sämtlichen nicht-wissenschaftlichen Publikationen sind so eine Sache – man müsste mal eine Studie darüber erstellen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine Studie zu den Ursachen von Krebs oder dick machenden Lebensmitteln, über die ein Artikel berichtet, a) eigentlich etwas anderes aussagt als der Artikel suggeriert, b) gar nicht ausreicht, um abschließende Aussagen zu machen, c) inzwischen in Fachkreisen als methodisch unzulänglich erwiesen wurde, oder d) durch die Ergebnisse einer Metastudie widerlegt wurde. Jedenfalls sind weder weltanschauliche Vorurteile noch Ahnungslosigkeit, Übertreibungen und Clickbaiting im Journalismus etwas Ungewohntes.

Aber besonders beim Thema Abtreibung ist das Verhalten der Medien schon auffällig. Meistens redet man einfach nicht drüber. Sogar Pegida oder „Kandel ist überall“ wird deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet als etwa dem „Marsch für das Leben“. Und wenn sich das Thema Abtreibung mal doch nicht vermeiden lässt, redet man eben über Frauenrechte und Selbstbestimmung, versichert sich, dass man auf der Seite des Fortschritts steht, und vermeidet es, den eigentlichen Vorgang einer Abtreibung anzusprechen. Die Lebensrechtsbewegung taucht eventuell mal in einem Nebensatz auf, wenn man Artikel über Pro-Choice-Demos schreibt; ihre Argumente behandelt man lieber überhaupt nicht erst. Erst recht gibt man nicht zu, dass Lebensrechtler selber davon überzeugt sein könnten, unschuldiges Leben zu verteidigen, sondern unterstellt ihnen grundsätzlich sinistre Motive, meistens Frauenhass. Man kann sie nicht als fehlgeleitete Idealisten behandeln, die man nur auf die Fakten hinweisen müsste, weil gerade die Fakten für sie sprechen würden, wenn man sich trauen würde, die anzusehen. Also redet man ihre Motive schlecht, um sie zu diskreditieren. Man fühlt sich unbehaglich und meidet das Thema oder zumindest seinen zentralen Punkt. Es wird nicht viel darüber gesprochen, ab wann der Mensch ein Lebensrecht haben soll; dieser Frage wird mit lauter Scheinargumenten ausgewichen. Sollen Kinder in Armut oder mit Behinderungen aufwachen? – Wenn sie schon ein Lebensrecht haben, darf man sie nicht töten, auch wenn sie mit Armut oder Behinderungen leben. Was ist mit der Selbstbestimmung der Mutter? – Wenn ihr Kind schon ein Lebensrecht hat, darf sie es nicht töten. Männer sollen sich aus der Diskussion heraushalten!* – Wenn das Kind schon ein Lebensrecht hat, ist es egal, welches Geschlecht derjenige hat, der sich für dieses Lebensrecht ausspricht. Um kein Lebensrecht zugeben zu müssen, faselt man vielleicht noch von Zellklumpen, die tatsächliche embryonale Entwicklung (Herzschlag ab der 6. Woche usw.) verschleiernd und nicht definierend, ab wann ein Mensch dann kein Zellklumpen ohne Lebensrecht mehr sein soll. Wie eine Abtreibung funktioniert, erfährt man bei solchen Leuten nie. Ich erinnere mich immer noch an mein Biologiebuch aus der 8. Klasse, das eine Abtreibung mit dem bemerkenswerten Satz beschrieb: „Die Frucht stirbt dabei ab.“ Nix von durch Saugluft ausgerissenen Armen und Beinen.

Wegen alldem ist es so wichtig, dass die Lebensrechtsbewegung dafür sorgt, dass über das Thema gesprochen wird. Jeder, der ehrlich ansieht, was bei Abtreibungen geschieht, muss sich eingestehen, dass da ein Mensch getötet wird, und mit etwas Glück wird er gegen die Tötung eines Menschen noch gewisse ethische Bedenken haben. Aber in einer Gesellschaft, die Abtreibungen seit Jahrzehnten normalisiert hat, will man sich das eben nicht eingestehen.

 

* Als ob Frauen – wie ich – nicht pro-life sein könnten. Als ob auch nur eine deutliche Mehrzahl der Pro-Lifer Männer wären.

Abtreibungen ja, aber bitte nur für die Afrikaner

Gestern auf Twitter gelesen: „Schlagen Sie hier auf Twitter mal bessere Aufklärung und Werbung für Abtreibung in Zentralafrika vor. Die Social Media Hölle würde über Sie hereinbrechen. Von denselben Leuten, die bei uns ‚Zellen‘ [sic!] als nicht schützenswert erachten.“ (https://twitter.com/AchimSpiegel/status/968746479589515265)

Die Antworten dazu enthalten u. a. diese Äußerungen:

„Bis Ende des Jahrhunderts sollen es in #Afrika 4 Milliarden sein, aber sie knattern lustig drauflos!“

„fuer bessere Aufklärung und Werbung für Abtreibung in Zentralafrika“

„ja wenn die nicht so viel Ficken würden dann hätten sie auch was zu Fressen“

Sollen die Buschneger sich doch mal beherrschen, anstatt Kinder in die Welt zu setzen, die dann unser schönes Deutschland überrennen. Und wenn die sich nicht beherrschen können, sollte man wenigstens dafür sorgen, dass die Kinder rechtzeitig umgebracht werden.

Aus dem ursprünglichen Tweet (der übrigens 140 Likes erhalten hat) wird nicht endgültig klar, ob der Urheber (@AchimSpiegel) nun allgemein gegen Abtreibungen ist und sich bloß über die angebliche Heuchelei Linker aufregt, oder ob er einfach aus Gründen der Überbevölkerung bzw. des Volkserhalts für Abtreibungen in Afrika und gegen Abtreibungen in Deutschland ist – aber es hört sich schon sehr nach Letzterem an. Und die Kommentare sprechen ja wieder ihre eigene Sprache.

Als Christin fragt man sich da natürlich, was die Bibel dazu sagt. Und tatsächlich gibt es ein biblisches Vorbild für @AchimSpiegels Tweet:

„Aber die Söhne Israels waren fruchtbar, sodass das Land von ihnen wimmelte. Sie vermehrten sich und wurden überaus stark; sie bevölkerten das Land. In Ägypten kam ein neuer König an die Macht, der Josef nicht gekannt hatte. Er sagte zu seinem Volk: Seht nur, das Volk der Israeliten ist größer und stärker als wir. Gebt Acht! Wir müssen überlegen, was wir gegen es tun können, damit es sich nicht weiter vermehrt. Wenn ein Krieg ausbricht, könnte es sich unseren Feinden anschließen, gegen uns kämpfen und aus dem Lande hinaufziehen. Da setzte man Fronvögte über es ein, um es durch schwere Arbeit unter Druck zu setzen. Es musste für den Pharao die Städte Pitom und Ramses als Vorratslager bauen. Je mehr man es aber unter Druck hielt, umso stärker vermehrte es sich und breitete sich aus. Da packte sie das Grauen vor den Israeliten. Die Ägypter gingen hart gegen die Israeliten vor und machten sie zu Sklaven. Sie machten ihnen das Leben schwer durch harte Arbeit mit Lehm und Ziegeln und durch alle möglichen Arbeiten auf den Feldern. So wurden die Israeliten zu harter Sklavenarbeit gezwungen. Zu den hebräischen Hebammen – die eine hieß Schifra, die andere Pua – sagte der König von Ägypten: Wenn ihr den Hebräerinnen Geburtshilfe leistet, dann achtet auf das Geschlecht! Ist es ein Knabe, so lasst ihn sterben! Ist es ein Mädchen, dann kann es am Leben bleiben. Die Hebammen aber fürchteten Gott und taten nicht, was ihnen der König von Ägypten gesagt hatte, sondern ließen die Kinder am Leben. Da rief der König von Ägypten die Hebammen zu sich und sagte zu ihnen: Warum tut ihr das und lasst die Kinder am Leben? Die Hebammen antworteten dem Pharao: Die hebräischen Frauen sind nicht wie die ägyptischen, denn sie sind voller Leben. Bevor die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie schon geboren. Gott verhalf den Hebammen zu Glück; das Volk aber vermehrte sich und wurde sehr stark. Weil die Hebammen Gott fürchteten, gab er ihnen Nachkommen. Daher gab der Pharao seinem ganzen Volk den Befehl: Alle Knaben, die den Hebräern geboren werden, werft in den Nil! Die Mädchen dürft ihr alle am Leben lassen.“ (Exodus 1,7-22)

Ich glaube, deutlicher als an diesem Beispiel kann man es nicht machen, wieso säkulare Rechte aufgrund ihrer grundsätzlichen Einstellung nicht wirklich als Verbündete für uns Katholiken taugen (genausowenig wie säkulare Linke). Sie sind Utilitaristen: Gut ist, was uns nützt; die Rechte einzelner Menschen sind bestenfalls von untergeordneter Bedeutung. Wieso nicht auch Böses tun, wenn man Gutes damit erreichen kann?

 

(Mal ganz abgesehen von einigen schlichtweg blödsinnigen Behauptungen, die hier aufgestellt werden. Dazu:

1) Die Leute, die hier für Abtreibungen werben, werben tatsächlich schon längst in Afrika und anderen Entwicklungsländern für Abtreibungen – Terre des Femmes wäre ein gutes Beispiel. Sehr viele westliche Staaten und NGOs werben dort für Abtreibung, was von afrikanischen Christen wie Kardinal Robert Sarah aus Guinea als „ideologischer Kolonialismus“ beklagt wird.

2) Die große Mehrzahl der Afrikaner hat sehr wohl genug zu essen; in den wenigen Ländern, wo es nicht genug zu essen gibt, liegt das an bewaffneten Konflikten (dazu kommen fehlende Infrastruktur und Korruption), nicht an zu vielen Kindern. Ich weiß, wir haben alle als Kinder immer gehört „Die armen Kinder in Afrika wären froh, wenn sie das zu essen hätten!“, wenn wir die Suppe oder den Nudelauflauf vom Vortag nicht aufessen wollten, aber so ist das eben nicht.

3) Die Leute in Afrika haben einfach deshalb viele Kinder, weil Kinder dort gern gesehen sind (anders als hierzulande, wo man Lärmschutzmauern um Kindergärten bauen muss), und weil sie einen im Alter versorgen – so was wie Renten gibt es nicht überall. Und wieso sollte man auch keine Kinder haben?

4) Wenn Europa Leute nicht da haben will, muss es selber dafür sorgen, dass die wegbleiben. Es kann den Leuten nicht verbieten, in ihrer Heimat zu existieren und sich zu vermehren.)

Wem gehört Jerusalem?

Ich habe in meinem letzten Artikel schon einen Beitrag auf feinschwarz.net zur Jerusalem-Frage (http://www.feinschwarz.net/jerusalem-heiligkeit-jenseits-von-machtbehauptung/) angesprochen, also will ich auf den hier jetzt noch genauer eingehen. Wie zu erwarten war, hält der Autor des Artikels, der Jesuit Christian M. Rutishauser, von Trumps Entscheidung, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, nicht viel.

Die Kritik an der Entscheidung der USA wird oft dadurch erleichtert, dass es Trump ist, der sie getroffen hat; Rutishauser hält das nicht für ein gutes Argument, auch wenn er sich etwas Trump-Kritik nicht verkneifen kann: „Da ist es einfacher, sich über einen Präsidenten wie Donald Trump zu empören, der offensichtlich aus innenpolitischen Machtinteressen Jerusalem zur Hauptstadt von Israel erklärt und damit weder den Israelinnen und Israelis noch den Palästinenser*innen einen Dienst erweist. Ob ihm die evangelikalen Wähler*innenstimmen und jene der ultra-orthodoxen, nationalreligiösen Juden und Jüdinnen helfen, wird man erst später sehen.“ Ich halte die Frage für ziemlich uninteressant, aus welchem Grund das blinde Huhn vielleicht doch mal ein Korn gefunden haben könnte; aber erweist er den Israelis denn wirklich keinen Dienst damit?

Rutishausers Hauptargument für seine Position gegen Jerusalem als israelische Hauptstadt ist: Diese Stadt ist heilig, und zwar für gleich drei Religionen. Das Heilige ist aber etwas, das Besitzdenken entzogen sein sollte:

Das Heilige stellt im Gegensatz zum Profanen denjenigen Bereich dar, der dem Menschen und seinem besitzergreifenden Handeln entzogen ist. Durch das Heilige wird dem Menschen eine Grenze gesetzt. Er kann sich nicht allem bemächtigen. […] Heilige Tage, wie sie unsere Gesellschaft gerade begeht, sollten dem menschlichen Eigennutz entzogen sein, so dass Raum für die Gesetzmäßigkeit Gottes und seiner Gerechtigkeit entsteht. So dürfte weder die «Heilige Nacht» von Weihnachten wirtschaftlich ausgebeutet, noch das «Fest der Heiligen Familie» für eine Familienideologie missbraucht werden. Doch über solche Profanierung und Grenzüberschreitung ärgert sich in unserer Gesellschaft kaum jemand. An die Maßlosigkeit westlicher Zivilisation und ihren Verlust des Heiligen haben sich die meisten gewöhnt. […] Nach dem jüdischen Religionsgesetz werden Dinge, die keine/n Besitzer*in haben, als hefker bezeichnet, Dinge aber, die nicht besessen werden können, weil sie für einen heiligen Dienst ausgesondert sind, als hekdesh. Alles würde dafür sprechen, Jerusalem jüdisch als hekdesh zu verstehen und die Stadt nicht politisch zu vereinnahmen! Die Heiligkeit Jerusalems steht im Dienst nicht nur des jüdischen Volkes, sondern auch der gesamten Menschheit.

Diese Aussage klingt zunächst einmal beeindruckend und sehr wahr – auch wenn Rutishausers Beispiele vielleicht nicht alle sinnvoll gewählt sind. (Was ist eine „Familienideologie“?) Aber Rutishauser hält hier zwei Dinge nicht auseinander. Dass eine heilige Sache oder ein heiliger Ort beliebigen menschlichen Zugriffen entzogen sein sollten, bedeutet z. B., dass ein Pfarrer nicht das Recht hat, in einer Kirche, die seiner Pfarrei gehört, einfach eine Tischtennisplatte im Altarraum aufzustellen, es bedeutet aber nicht, dass er sich nicht dagegen wehren sollte, wenn der Staat beschließen sollte, diese Kirche zu konfiszieren. (Das ist kein fiktives Beispiel; in Frankreich wurden im Jahr 1905 alle sakralen Gebäude im Land vom Staat beschlagnahmt; bis heute sind die vor diesem Datum erbauten Kirchen öffentliches Eigentum: https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Trennung_von_Kirche_und_Staat_(Frankreich) Auch aus kommunistischen Staaten oder der heutigen Türkei gibt es zahlreiche Beispiele für Enteignungen von Kirchen.) Mit dem Heiligen kann man nicht einfach machen, was man will, nur, weil es einem „gehört“; aber das heißt nicht, dass heilige Dinge oder Orte keinen Besitzer nach dem weltlichen Recht haben sollten. Nur ist dieser Besitzer eben primär dafür verantwortlich, sie zu schützen und zu achten. (Das Prinzip, dass man mit seinem Besitz nicht alles machen darf, was man will, gilt übrigens auch für ganz profanem Besitz: Man darf auch auf seinem eigenen Grund und Boden kein Gift ins Grundwasser leiten, und man darf sogar an seinem eigenen Haus nicht ohne Genehmigung anbauen.) Und wenn jemand sich dafür einsetzt, dass etwas Heiliges nach dem weltlichen Recht in seinem Besitz bleibt (oder erst in seinen Besitz gelangt), dann kann man ihm nicht automatisch Besitzdenken und mangelnde Ehrfurcht vor dem Heiligen vorwerfen. Wenn Juden die heiligen Stätten in Jerusalem unter der Herrschaft des Staates Israel sehen wollen, dann doch wohl, um sie zu schützen und dafür zu sorgen, dass Juden dort den heiligen Gott anbeten können. Wenn man gerade diese Stadt zur Hauptstadt erhebt, zeigt das doch eher, wie wichtig sie einem, historisch und religiös gesehen, ist. Natürlich wird es komplizierter, sobald es um die heiligen Stätten anderer Religionen geht, die auch da sind; die muss man aber gerade nicht deshalb achten, weil man ihre Heiligkeit sieht, sondern weil man die Menschen achtet, die sie für heilig halten.

Rutishauser schreibt weiter:

Selbstverständlich ist der politische Zionismus mit dem Staat Israel ein konstitutiver Bestandteil des heutigen Judentums, den es nicht zu bestreiten gilt. Doch macht er nicht die ganze Wirklichkeit jüdischer Gegenwartsgeschichte aus.

Mit anderen Worten, politischer Zionismus ist blöd, auch wenn es ihn leider gibt.

Gerade Kulturzionist*innen wie Simon Dubnow oder Martin Buber haben Jerusalem zuerst als ein kulturelles und geistig-geistliches Zentrum des Judentums gesehen. Zion als Ausdruck einer Sprache und Literatur, einer Weltanschauung und Religion, einer nach jüdischen Werten geformten Wissenschaft, Wirtschaft und Politik stand dem Kulturzionismus vor Augen. Er ist aus dem traditionellen rabbinischen Denken mit seinem Sinn für Menschlichkeit, Humanismus und Gerechtigkeit herausgewachsen. Er atmet den Geist der Sensibilität für die/den Andere/n. Es bleibt dem Judentum zu wünschen, dass es neben dem politischen Zionismus, der auf Landbesitz und politische Macht konzentriert ist, die kulturzionistische Dimension nicht verliert und die geistige Tradition der Diaspora nicht vergisst. Auch hier ist Erinnerung Anfang der Erlösung.

Dass das Judentum als Volk, Kultur und Religion wie keine andere Tradition ihren Mittelpunkt in Jerusalem hat, kann nicht bestritten werden. Den Christ*innen ruft Paulus im Römerbrief in Erinnerung, dass sie auf diese Tradition aufgepfropft sind wie wilde Sprösslinge auf einen Ölbaum. Was dies für das Judentum wiederum bedeutet, müsste erst noch bedacht werden. Aus der Heiligkeit Jerusalems religionspolitisch aber Souveränität abzuleiten, ist nur dann legitim, wenn sie sich am Ethos des Heiligkeitsgesetzes ausrichtet. Ansonsten schließen sich Heiligkeit und Souveränität gegenseitig aus, weil es in der Souveränität um Selbstbehauptung geht. Das Heiligkeitsgesetz der Tora definiert ja das Heilige gerade nicht mehr nur als Erfahrung des tremendum et faszinosum, sondern als ein Handeln, als Imitatio Dei: «Seid heilig in eurem Tun, denn ich bin der Heilige», klingt wie ein Refrain durch die rabbinische Ethik. Ohne diese ethische Rückbindung der Landverheissung wird die politische Frage nach der Souveränität zu einem Götzen bzw. Fetisch, wie in militanten Siedler*innenkreisen heute klar sichtbar ist.

Wieso wollen die politischen Zionisten denn „Landbesitz und politische Macht“? Wieso wurde der Staat Israel überhaupt gegründet? Um eine geschützte „Heimstatt“ für ein lange verfolgtes und immer noch bedrohtes Volk zu schaffen. Natürlich kann politischer Zionismus auch in eine falsche Richtung gehen. Aber es wirkt doch zynisch, wenn Rutishauser im Sinne der Gegenseitigkeit an dieser Stelle hinzufügt:

Selbstverständlich steht auch der Ruf «Tot den Juden!» aus muslimisch-arabischen Kreisen angesichts der Ankündigung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, jedem Ethos der Heiligkeit entgegen.

Die Zionisten missachten also das Ethos der Heiligkeit, wenn sie heilige Stätten besitzen wollen – aber natürlich missachten auch die Palästinenser dieses Ethos, wenn sie die Juden tot sehen wollen. Wie nett, dass Rutishauser anerkennt, dass Juden nicht umgebracht werden sollen. So etwas passiert, wenn man zwanghaft versucht, im Nahostkonflikt die Schuld gleichmäßig auf beide Seiten zu verteilen. Dieser Konflikt ist leider kein gutes Beispiel für den Spruch „Es gehören immer zwei dazu“. Palästinenser rufen „Tod den Juden“, Zionisten verlangen Jerusalem als „ungeteilte Hauptstadt Israels“. Es sind Palästinenserorganisationen, die keine Juden im Land sehen wollen und die immer wieder zu Gewalt aufrufen. Millionen von Palästinensern leben in Israel, gleichberechtigt und oft als israelische Staatsbürger; wie viele Juden leben in Gaza?

Und nebenbei, es müsste „Tod“ mit d heißen.

Rutishausers praktische Ideen für den Status der heiligen Stadt sehen folgendermaßen aus:

Umkämpft wie die Stadt ist, muss es aber für jeden vernünftigen Menschen eine Selbstverständlichkeit sein, dass sie Jüdinnen und Juden, Christ*innen und Muslim*innen offensteht. Die verschiedenen Gläubigen müssen dabei nicht nur ihre heiligen Stätten besuchen können. Auch ihre karitativen Einrichtungen, Spitäler, Schulen etc. müssen sich entfalten dürfen. Dass die Stadt drei Religionen und auch zwei Völkern, Palästinenser*innen, Israelinnen und Israelis Lebensraum zu geben hat, stellt eine Forderung dar, hinter die nicht zurückgetreten werden kann. Die Patriarchen und weitere christliche Führer der Stadt haben dies nochmals eindringlich unterstrichen.

Nach 1967 hat der Staat Israel begonnen, dazu Rahmenbedingungen zu schaffen. Doch angesichts der politisch angespannten Situation im Alltag und der verschiedenen ideologischen und theologischen Ansprüche ist die Stadt von einem friedlichen, gerechten und freien Zusammenleben ihrer Bewohner*innen immer noch entfernt. Aus der Perspektive der Menschenrechte wie auch aus der Perspektive des Ethos der Heiligkeit ist dies aber das entscheidende Kriterium. Eine Symbolpolitik muss dahinter zurücktreten. Ob ein palästinensischer Staat diesen Kriterien gewachsen wäre, darf auch bezweifelt werden. Jerusalem aber unter eine internationale Hoheit zu stellen, wie dies der Vatikan in der laufenden Debatte nochmals getan hat, bleibt eine Utopie. Der Vatikan weiß selbst darum. Es gibt keine internationale Instanz, die diesen Status von Jerusalem garantieren könnte. Wünschenswert wäre er, insofern man einer neutralen Instanz zutraut, den drei Religionsgemeinschaften und den beiden Völkern gerecht zu werden.

Als Ausdruck eines multireligiösen Ansatzes, der allen Beteiligten gerecht werden will, taugt er nicht. Er stellt nur den kleinsten gemeinsamen Nenner dar, berücksichtigt die unterschiedlichen Verbindungen zu Jerusalem aber nicht. Gefragt wäre ein Miteinander von politischen und religiösen Autoritäten und Strukturen, die vom Geist der Heiligkeit getragen sind, Jerusalem nicht nur für sich, sondern auch für die/den Andere/n dienstbar zu machen. Dazu braucht es die Fähigkeit der Selbstbeschränkung.

Rutishauser ist es wichtig, dass alle drei Religionen, Judentum, Christentum und Islam, Zugang zu ihren heiligen Stätten haben und Gott in Jerusalem dienen können, und dass sowohl Israelis als auch Palästinenser dort leben können. Das ist ja auch wichtig. Aber wo wäre es denn jetzt nicht gegeben? Jeder Christ kann in die Grabeskirche gehen – und jeder Muslim in die Al-Aqsa-Moschee. Der Tempelberg steht unter der Verwaltung der muslimischen Waqf-Behörde, die sogar verbietet, dass Nicht-Muslime ihn betreten. Die israelische Polizei stellt nur dann Zugangsbeschränkungen zu diesem Ort auf, wenn es aus Sicherheitsgründen unumgänglich ist. Faktisch herrscht der Staat Israel über Jerusalem, beschränkt jedoch seine eigene Herrschaft schon, wenn es darum geht, andere Religionen zu achten.

Machen wir uns nichts vor: Es gibt in diesem Land durchaus jüdisch-nationalistische Fanatiker, aber es gibt sehr viel mehr Muslime, die keine Juden irgendwo in Jerusalem sehen wollen – oder am besten überhaupt im Heiligen Land. Rutishausers Aussage „Ob ein palästinensischer Staat diesen Kriterien gewachsen wäre, darf auch bezweifelt werden“ kann man daher nur zustimmen. Auch seine Beobachtung, dass es praktisch nicht möglich wäre, Jerusalem unter internationale Verwaltung zu stellen, ist ganz richtig – zumal die internationalen Verwalter auch nie einfach neutral sein könnten. (In der UNO etwa haben antiisraelische muslimische Mitgliedstaaten zurzeit großen Einfluss, dem die Europäer nichts entgegensetzen.) Sein „Miteinander von politischen und religiösen Autoritäten und Strukturen, die vom Geist der Heiligkeit getragen sind, Jerusalem nicht nur für sich, sondern auch für die/den Andere/n dienstbar zu machen“ klingt wesentlich sinnvoller, aber was genau ist damit gemeint? Eine Zwei-Staaten-Lösung mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt der Palästinenser und West-Jerusalem als Hauptstadt Israels? Aber was wäre mit dem Teil der Ost-Jerusalemer Altstadt, wo die heiligen Stätten beider Religionen liegen? Gemeinsame Verwaltung? Und wären die Palästinenserorganisationen mit einem solchen Miteinander als endgültiger Lösung einverstanden? Viele antisemitisch eingestellte Muslime – weltweit – leugnen immerhin, dass Jerusalem überhaupt ein heiliger Ort der Juden ist. Und wenn man sich z. B. mal die Website der „Diplomatische[n] Vertretung Palästinas in Deutschland“ ansieht, liest man schon auf der Startseite die Aussage: „Jerusalem ist eine arabische, christliche und islamische Stadt. Sie ist die ewige Hauptstadt des Staates Palästina.“ (http://palaestina.org/index.php?id=223) Danke für das Lippenbekenntnis zur christlichen Identität der Stadt, aber ihr habt noch eine Identität vergessen. Auf der Seite zum Friedensprozess und zur Bedeutung Jerusalems dafür liest man dann am Ende:

Im Einklang mit dem internationalen Recht und gemäß der Prinzipienerklärung von 1993 muss das gesamte Jerusalem (und nicht nur Ost-Jerusalem) Gegenstand der Endstatusverhandlungen sein. Im besetzten Ost-Jerusalem, und als integraler Teil der Westbank, kann Israel keinen legalen Anspruch auf diese Stadt haben. Somit sind alle Maßnahmen, die auf Veränderung des Charakters hinwirken, illegal.

Das palästinensische Volk wird keinen Staat ohne Ost-Jerusalem als Hauptstadt akzeptieren. Von besonderer Bedeutung sind hierbei die Altstadt und die umliegenden Bezirke. Sich der religiösen Bedeutung Ost-Jerusalems bewusst, wird die PLO die Freiheit der Religionen respektieren und den Zugang zu allen religiösen Stätten für alle Glaubensrichtungen garantieren.

(http://palaestina.org/index.php?id=70)

Während Ost-Jerusalem inklusive der Altstadt von Jordanien besetzt war (von 1948 bis 1967) gab es übrigens, entgegen dem Waffenstillstandsabkommen, keinen Zugang zur Klagemauer für Juden; der Wunsch, diesen Ort unter isrealischer Herrschaft zu behalten, ist also nicht unbedingt unlogisch.

Jerusalem ist nun mal seit 3000 Jahren ein heiliger Ort für das jüdische Volk; 1600 Jahre länger, als der Islam überhaupt existiert. Was würden die Muslime sagen, wenn eine neue Sekte plötzlich auch Mekka zu ihrer heiligen Stadt erklären würde? Die Sehnsucht, Jerusalem als Hauptstadt des jüdischen Staates zu sehen, als Besitzdenken und politische Vereinnahmung zu bezeichnen, kommt mir kurzsichtig vor. Rutishauser hat einige bedenkenswerte Gedanken in seinem Artikel; trotzdem stört diese Tendenz, die Schuld für alle Unstimmigkeiten in Nahost vor allem auf israelischer Seite zu suchen, die man nicht nur hier beobachten kann.

Genervt von politisierenden Weihnachtspredigten über Flüchtlinge?

Ich möchte gleich zu Beginn sagen, dass ich solche Genervtheit manchmal schon verstehen kann. Wenn der Pfarrer sich in der Christmette zwanzig Minuten lang darüber auslässt, wie unchristlich eine Obergrenze wäre oder die Kanzlerin praktisch zur Heiligsprechung anmeldet, statt über Christi Geburt zu reden, dann kann das schon dazu führen, dass man die Augen verdreht und die Gedanken zu den Plänen für das Familientreffen am 1. Feiertag schweifen lässt oder ein paar Mal dezent auf die Armbanduhr schaut. Aber auch die Kritik an politischen (oder: politisch auf der anderen Seite als man selber stehenden) Predigten kann mal mit falschen Argumenten daherkommen. Wenn über die Politisierung der Kirchen geklagt wird, wird ja gelegentlich impliziert, dass die Kirchen völlig unpolitische Vereinigungen zu sein hätten, die sich in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse nicht einmischen dürften. Und das wurde ja nun schon im Syllabus Errorum verurteilt. (Seliger Pius IX., bitte für uns!)

Daher ein paar allgemeine Gedanken zum Thema politische Predigten:

Erstens: Ja, an Weihnachten – vor allem in Gottesdiensten, in denen viele Leute erscheinen, die sich sonst nicht  in der Kirche blicken lassen – sollte der Zelebrant zuallererst mal über Weihnachten selber predigen. Euch ist heute der Heiland geboren. Das Wort ist Fleisch geworden. Gott hat Menschennatur angenommen, um uns zu erlösen, und ist in einem Stall von der Jungfrau Maria geboren worden. Darum geht es, das ist die Botschaft; und ob man nun in seinem konkreten Leben irgendwie mit Flüchtlingen zu tun hat oder nicht, diese Botschaft geht einen immer was an.

Zweitens: Ja, es ist sinnvoll, aus der Weihnachtsbotschaft dann auch konkrete Anleitungen für die Zuhörer abzuleiten, im Sinne von „Lasst Jesus auch in euren Herzen geboren werden“, wie das manchmal so heißt. Die können sehr unterschiedlich ausfallen. Sie können die Familie betreffen, das persönliche Gebet, den Job, oder auch mal die Politik – auch wenn die natürlich nicht zur unmittelbaren „Lebenswirklichkeit“ von Leuten gehört, die alle vier Jahre ein Kreuzchen machen dürfen und in keiner Partei aktiv sind.

Drittens: Nein, das Christentum ist, wie oben schon gesagt, nicht unpolitisch. Politik ist eigentlich nur die Regelung des Zusammenlebens in einer sehr großen Gemeinschaft, dafür gelten dieselben moralischen Regeln wie für das Zusammenleben in einer kleinen Gemeinschaft, die Kirche stellt fest, was diese moralischen Regeln sind, daraus folgt: die Kirche ist nicht unpolitisch. Sie stellt moralische Grundprinzipien fest, die auch in der Politik gelten.

Viertens: Zu diesen Grundprinzipien gehört, dass jeder Mensch nach Gottes Abbild geschaffen ist und dementsprechend behandelt werden muss. Zu diesen Grundprinzipien gehört, dass man in jedem Menschen Jesus erkennen kann. „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“ (Matthäus 25,45) Die Leute zu ermahnen, das auch in der Flüchtlingskrise nicht zu vergessen und nicht nur an Zahlen und Kulturen zu denken statt an konkrete Menschen, ist durchaus legitim. Die christliche Ethik ist schließlich eine Ethik, in der man nie nur an „das größere Wohl“ (Gellert Grindelwald) denken darf.

Fünftens: Aber ja, es stimmt, man kann als Christ – zum Beispiel – auch mal sagen „Man kann nicht jedem helfen.“ (Wenn auch nicht als Chiffre für „Man soll niemandem helfen.“) Positive Gebote (Gebote, die eine bestimmte Handlung befehlen, etwa „du sollst sonntags in die Kirche gehen“) sind gemäß einem weiteren Prinzip der Moraltheologie schließlich nur dann verpflichtend, wenn sie physisch und moralisch erfüllbar sind (während negative Gebote, die eine Unterlassung befehlen, etwa „Du sollst nicht morden“, immer erfüllbar sind). Das Gebot, jemandem zu helfen, gilt also nur dann, wenn man in der Lage ist, zu helfen. Extreme Beispiele: Jemand, der 2000 Euro im Monat verdient, kann nicht 3000 Euro im Monat spenden, auch wenn irgendeine sehr wichtige Organisation gerade sehr dringend Spenden braucht, um sich über Wasser zu halten. Ein Ehepaar mit kleinen Kindern ist vielleicht physisch (Gästezimmer vorhanden), aber nicht moralisch in der Lage, einen Verwandten, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, wo er für Kindesmissbrauch gesessen hat, auf unbestimmte Zeit bei sich einzuquartieren, auch wenn der dann auf der Straße landet. Und ja, es stimmt auch, dass man nach der christlichen Ethik manchmal vielleicht sagen muss, dass ein vordergründig mitfühlendes Handeln in einer bestimmten Situation langfristig nicht hilft. Ich bin beispielsweise in der Flüchtlingspolitik der Meinung, dass es absolut nicht sinnvoll wäre, eine Flüchtlingsroute über Libyen einfach bestehen zu lassen (zumindest hat sich hier inzwischen etwas geändert) und die Flüchtlinge, die über diese Route kommen, auf unbestimmte Zeit in Europa aufzunehmen und nur in seltenen Ausnahmefällen mal zurückzuschicken – aus dem einfachen Grund, dass so mehr junge Afrikaner, die zwar in ihren Heimatländern mit Arbeitslosigkeit und Armut zu kämpfen haben, aber nicht verhungern würden oder verfolgt werden, dazu bewegt werden, die Reise Richtung Europa zu riskieren, und am Ende auf libyschen Sklavenmärkten landen oder im Mittelmeer ertrinken, was ich nun wirklich niemandem wünsche.

Sechstens: In der Politik, wo es zwangsläufig um große Massen von einzelnen Menschen mit sehr unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen geht, kann es eben, wie das Beispiel mit Libyen zeigt, kompliziert werden mit der aus christlicher Sicht richtigen Entscheidung. Dafür hat die katholische Moraltheologie auch noch detailliertere Prinzipien; aber da können sich Katholiken auch mal uneinig sein. Von daher sind Detailfragen (z. B. „Brauchen wir eine Obergrenze, und, wenn ja, wie hoch sollte die sein?“, „Ist Afghanistan ein sicheres Herkunftsland?“, „Ist die Mietpreisbremse sinnvoll?“, „Sollten wir wieder eine Große Koalition bekommen?“) wahrscheinlich weniger als Themen für eine Predigt in der Christmette geeignet. Um des lieben Friedens willen in der Gemeinde…

Soweit ein paar allgemeine Gedanken. Jetzt noch zu einer weiteren Kritik an politisch „linken“ Predigten: Hier werde die Weihnachtsgeschichte auf illegitime Weise „instrumentalisiert“, indem man die Fakten umdeute. Ein Dr. Markus Franz beispielsweise, ehemaliger österreichischer ÖVP-Abgeordneter, der eher den moralistischen Rekurs auf die Weihnachtsgeschichte bei linken Politikern als bei mehr oder weniger linken Klerikern kritisiert, wird in einem Gastkommentar auf kath.net (http://www.kath.net/news/62195) ziemlich deutlich: „Jesus war kein Flüchtlingskind“ lautet die Überschrift ganz provokant; dann geht es weiter:

„Politisch linksorientierte Menschen haben es üblicherweise nicht so mit der Kirche und dem Christentum. Wenn aber Kirchenfeste wie Weihnachten Anlass und Möglichkeiten bieten, sie für die eigenen, oft sinistren Zwecke zu instrumentalisieren oder gar den Christen aus demselben Grund die Evangelien erklären zu wollen, dann werden die üblichen Kirchenkritiker, die das restliche Jahr meist Häme gegenüber dem Christentum verbreiten, plötzlich zu Bibelspezialisten […].

Alle Jahre wieder wird in diversen Artikeln und Kommentaren der Mythos verbreitet, Jesus wäre ein Flüchtlingskind und seine Geburt in Bethlehem deswegen eine dramatische und gefährliche Angelegenheit gewesen. Das ist aber nach dem offiziellen und in jeder Weihnachtsmesse verlesenen Weihnachtsevangelium von Lukas definitiv nicht wahr. […]

Freilich, der Evangelist Matthäus erzählt eine andere Version von Weihnachten bzw. der Zeit danach. Sie gilt allerdings nicht als das klassische Weihnachtsevangelium. Nach den Beschreibungen des Matthäus war der als brutale Schlächter verrufene und in ständiger Angst vor Attentaten lebende König Herodes höchst besorgt, dass laut den kursierenden Informationen ein neuer König der Juden (eben der Messias) geboren werden würde. Als er von Jesu Geburt hörte, schickte er Kundschafter aus, die bei Matthäus als „die Weisen“ bezeichnet werden. Nach der Verifizierung der Geburt ordnete Herodes die Tötung aller männlichen Kinder unter zwei Jahren an. […]

Laut Matthäus wurde Josef rechtzeitig von einem Engel gewarnt und er floh danach mit seiner Familie nach Ägypten, um sich dort vor den Häschern des Königs zu verstecken und das Leben des Kindes zu retten. Nach dem Tod des Herodes kehrten Maria und Josef wieder nach Judäa zurück. Das war also keine Flucht, die der heutigen Massenmigration in irgendeiner Weise gleichzustellen ist. Es ging damals um eine ganz konkrete persönliche Bedrohung und nicht um wirtschaftliche, kulturelle oder religiöse Motive. Die Reise von Jesus, Maria und Josef erfolgte auch bloß über die nächste Grenze. Die heutige Massenmigration erstreckt sich hingegen über Kontinente und es migrieren kaum Familien, sondern vor allem junge Männer – aus wie gesagt gänzlich anderen Motiven.

Die Matthäus-Geschichte wird trotzdem gern von linken Zynikern als ‚Beweis‘ dafür missbraucht, dass die Heilige Familie ein typisches Migrantenschicksal durchgemacht hätte und dass daher gerade die Christen das größte Verständnis für Flüchtlinge aller Art haben müssten. Das ist natürlich eine unlautere und anmaßende Argumentationstechnik. Christen sollten auf diese meist als Provokation gemeinten Anwürfe und Falschmeldungen nicht hereinfallen und sie gar nicht ernst nehmen. Apropos: Jeder ernstzunehmende Mensch wird anderen Menschen in echter Not und körperlicher Bedrängnis Hilfe vergönnen und selber etwas dazu beitragen, Notsituationen zu beheben oder zumindest zu lindern. Dazu braucht man keine linken Bibel-Exegeten, die das Evangelium offensichtlich noch weniger verstanden haben oder verstehen wollen als ihren Marx und ihren Engels.

Christen müssen aber stets auch klarstellen: Die Bereitschaft zur Hilfe bedeutet nicht, dass man Migranten aller Art über tausende Kilometer nach Europa kommen lassen oder diese sogar per Jet einfliegen muss, wie dies kürzlich in Italien geschehen ist. Und Nächstenliebe heisst definitiv nicht, dass man kritiklos der Massenmigration das Wort reden und alle aufnehmen muss. Das Gegenteil ist wahr: Verantwortungsvolle Hilfe und ein vernünftiges Bewältigen der Migrationskrise kann nur in den Herkunftsregionen stattfinden. Und am allerwenigsten wird die Lösung der Krise in den von sauertöpfisch-atheistischen Besserwissern und linken Provokateuren besetzen Redaktionsstuben gelingen, aus denen zu Weihnachten regelmäßig süffisante Kommentare an die Öffentlichkeit dringen.“

Was soll man nun dazu sagen? Tja, dass es eine Mischung aus Wahrem, Halbwahrem und Blödsinn ist.

Erstens: Dr. Franz widerspricht sich selbst, wenn er in seiner Überschrift behauptet, Jesus wäre kein Flüchtlingskind gewesen, und die Heilige Familie dann im Text gerade als richtige, legitime Musterflüchtlinge heutigen mutmaßlichen Pseudo-Flüchtlingen gegenüberstellt. Jesus war während seiner Zeit in Ägypten ein Flüchtlingskind, Punkt. Schreiben Sie doch gleich Artikel mit Überschriften wie „Jesus war kein Zimmermann“ oder „Jesus war kein Galiläer“. Was soll der Scheiß.

Zweitens: Wieso man das Matthäusevangelium hier heruntersetzen muss, wird wohl Dr. Franz‘ Geheimnis bleiben. Für gewöhnlich wird aus der Lukas-Geschichte keine Flüchtlingsgeschichte gesponnen, und wenn das getan werden würde, wäre es Blödsinn; aber das Matthäusevangelium bietet genau das, und beide Evangelien sind gleich wichtig in der katholischen Kirche. Wo spielen die Heiligen Drei Könige (ja, streng genommen: die Sterndeuter aus dem Osten) eine geringere Rolle als die Hirten auf dem Felde? Wo wird das Fest der Heiligen Unschuldigen Kinder (28. Dezember) nicht gefeiert?

Drittens: Ganz richtig, die Heilige Familie ist nur bis ins Nachbarland geflohen, und nach dem Ende der Bedrohung wieder nach Galiläa zurückgekehrt. Ja, diese Tatsachen kann man gerne auch anführen, wenn es um die konkrete Flüchtlingspolitik geht, wenn man denn unbedingt will; muss man aber auch nicht, schließlich sind wir keine Protestanten und müssen nicht für jede einzelne Situation eine biblische Vorbildgeschichte finden, um zur richtigen Entscheidung zu gelangen. (Es gibt übrigens auch ein anderes Beispiel aus der Bibel, nämlich aus dem Buch Genesis: Josephs Familie blieb auch nach dem Ende der Hungersnot noch in Ägypten. Das ging dann allerdings für ihre Nachkommen ziemlich schlecht aus.)

Viertens: Dr. Franz spricht davon, die heutigen Flüchtlinge würden aus „wirtschaftliche[n], kulturelle[n] oder religiöse[n] Motive[n]“ nach Europa kommen. Wirtschaftliche Motive, klar, das stimmt sehr oft, vor allem bei Flüchtlingen aus Afrika. Was mit kulturellen Motiven gemeint ist, ist mir völlig schleierhaft. Und religiöse Motive? Meint er Christen, Schiiten oder Jesiden, die vom IS verfolgt (oder in Nicht-IS-Gebieten von ihren Nachbarn und Regierungen im Alltag drangsaliert) werden? Oder was? Sorry, aber andere religiöse Motive fallen mir einfach nicht ein. Und was ist mit den Menschen, die aus Syrien geflohen sind, weil ihre Viertel bombadiert wurden und sie schlicht Angst hatten, es könnte sie auch treffen? Welche Motive hatten die? Sicher, da kann man in Dr. Franz‘ Sinne entgegnen, die hätten im Libanon oder der Türkei bleiben können; die Weiterreise nach Europa sei nur aus „wirtschaftlichen Motiven“ erfolgt. (Wobei man dem Argument wieder entgegnen könnte, Europa solle den Nachbarländern Syriens nicht alle Arbeit mit den Flüchtlingen überlassen. Aber ich will mich hier nicht schon wieder in den Details verzetteln.)

Fünftens: Ja, die meisten Flüchtlinge hier sind junge Männer. Aber hier hat Dr. Franz’ Formulierung – er kritisiert, dass „kaum Familien, sondern vor allem junge Männer [migrieren]“ – ein gewisses G’schmäckle: Will er sagen, dass junge Männer nicht das Recht hätten, aus einem gefährlichen Gebiet zu flüchten, Familien mit Frauen und Kindern aber schon? Das würde er auf Nachfrage höchstwahrscheinlich nicht sagen, sondern eher darauf hinweisen, wieso denn diese Flüchtlinge ihre Familien nicht mitnähmen, wenn sie tatsächlich in Gefahr wären? Nun, bei manchen, etwa den meisten Afrikanern, ist das klar: Sie sind eben, da hat Dr. Franz Recht, Wirtschaftsflüchtlinge. Da wagen nur die jungen, kräftigen Männer (die auch ein wenig Geld für die Schleuser haben) die gefährliche Reise. Bei den Syrern etwa ist es auch klar, aber aus einem anderen Grund: Die Familien schicken die jungen Männer voraus, um die Frauen und Kinder und Alten nicht den besagten Gefahren der Reise auszusetzen, und vermutlich, weil sie nicht für jeden Angehörigen die Schleuser bezahlen können, während sie darauf hoffen, bald legal nachgeholt zu werden; zudem hätten die jungen Männer sonst vielleicht zu Assads Armee gemusst. Hier sollte man also nicht verallgemeinern, und Flüchtlinge einfach ablehnen, weil sie einem bestimmten Geschlecht und einer bestimmten Altersgruppe angehören.

Ich spreche diesen Punkt an, weil er bei „rechteren“ Leuten als Dr. Franz öfter eine Rolle spielt: Da wird die Flüchtlingsbewegung, die doch eh nur brutale junge Männer aus bedrohlichen Kulturen ins Land brächte, implizit oder explizit als eine Art kriegerische Invasion betrachtet. Noch einmal kath.net: Die Nachrichtenseite hat letztens – wenn auch nicht ausdrücklich zustimmend – eine Äußerung des tschechischen Präsidenten Milos Zeman berichtet, wonach die Migrationsbewegung „keine spontane Fluchtbewegung […], sondern eine organisierte Invasion“ sei (http://www.kath.net/news/62190). Hier wird es dann doch gefährlich. Organisiert? Von wem denn? Glaubt Zeman auch an die Neue Weltordnung und die Illuminati? Und denkt er wirklich, selbst jemand, der, sagen wir mal, aus dem Senegal oder Algerien flieht, weil ihm weisgemacht wurde, in Europa würden einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, nähme die Fahrt übers Mittelmeer in einem Schlauchboot aus Spaß an der Freud auf sich? Hier werden Menschen zu bedrohlichen Feinden erklärt, die sicher nicht unbedingt mit der Absicht kommen, Europa zu bereichern und sich allen unseren Integrationsforderungen zu unterwerfen, aber doch auch keine böse Absicht uns gegenüber hegen, sondern nur an ihre eigene Zukunft denken. (Den einen oder anderen IS-Terroristen mal ausgenommen.)

Ein wenig an Zeman erinnert auch Dr. Franz‘ Wortwahl, politisch linksgerichtete Menschen würden Kirchenfeste „für die eigenen, oft sinistren Zwecke […] instrumentalisieren“. Hä? Linksgerichtete Menschen sind manchmal naiv, folgen vielleicht auch mal einer falschen Ideologie, oder laufen schlichtweg einer undurchdachten Parteilinie hinterher, die eher durch die Opposition zur Linie der anderen Parteien als durch vernünftige Überlegungen zustande gekommen ist, wie das in der Politik eben so gemacht wird. Aber welche „sinistren Zwecke“ sollen sie denn haben – es sei denn, man zählt „Ich will bei den Wählern beliebt sein und von der FAZ gelobt werden“ als solchen? Ich kann zum Beispiel Martin Schulz‘ Anblick im Fernseher nicht ausstehen, aber für einen Schurken, der, sagen wir mal, sich in seinem Geheimlabor* kichernd die Hände reibt, während sein finsterer Plan, Europa mithilfe einer modernen Völkerwanderung ins Chaos zu stürzen, um dann als angeblicher Retter in der Not die Herrschaft über den ganzen Kontinent an sich zu reißen und eine Diktatur aufzubauen, sich allmählich entfaltet, hat er doch nicht das rechte Format. Obwohl, das wäre ein guter Plot für einen Roman. Uncharismatischer, eingebildeter ehemaliger Lokalpolitiker, der so wirkt, als wäre die Rolle, die er anstrebt, ein paar Nummern zu groß für ihn, zieht im Geheimen die Fäden einer riesigen Verschwörung, und zeigt sein wahres Gesicht erst, als es längst zu spät ist. Muss ich im Hinterkopf behalten.

Zurück zum Thema. In der Praxis bin ich von Dr. Franz‘ Ideen zur Hilfe für Flüchtlinge vielleicht gar nicht so arg weit entfernt (wobei er hier ja auch noch im Allgemeinen bleibt; ich kenne also nicht alle seine politischen Ansichten z. B. zu Familiennachzug, Integrationskursen, Abschiebungen oder Grenzkontrollen); es sind eher seine Vorüberlegungen und seine Redeweise, die mich stören.

Zusammenfassend: Bei aller Genervtheit von politisierenden Pfarrern, die die Messe mit der heute-show zu verwechseln scheinen (okay, so schlimm wird es selten), sollte man auch im Hinterkopf behalten, dass die oft getätigte Aussage, dass man in Flüchtlingen Christus erkennen könne, schlicht wahr ist. Es ist auch wahr, dass man in den Opfern vom Breitscheidplatz Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Frau Merkel Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Frau Weidel Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Herrn Höcke Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Herrn Amri Christus erkennen kann. Sie sind alle Gottes geliebte Geschöpfe, nach Seinem Abbild gemacht, und Er hat ihre Natur angenommen. Das verkündet die Kirche halt.

 

* Ich hatte zunächst „Geheimlaber“ getippt. Das Labern passt besser zu Herrn Schulz, wenn ich ehrlich sein soll, als das Schurkendasein.

Ihr braucht keine Angst vor uns zu haben, wir sind inzwischen aufgeklärt!

Unter säkularen Menschen ist es ja relativ weit verbreitet, Religion – zumindest ein zu großes Maß an Religion – als den Grund für Gewalt, Krieg, Intoleranz und Unterdrückung in der Welt zu sehen. Nun finde ich es ehrlich gesagt komisch, dass sich diese Ansicht noch immer so hartnäckig hält, nachdem wir im 20. Jahrhundert ein so unglaubliches Maß an Gewalt im Namen ausdrücklich nicht-religiöser, sogar ausdrücklich anti-religiöser, Ideologien gesehen haben. Sorry, Leute, die Menschen werden nicht netter, wenn sie weniger religiös werden, das sollte man inzwischen gemerkt haben. Auch die vielen Beiträge der Religion zu Frieden oder Freiheit oder Nächstenliebe werden in dieser Weltsicht natürlich einfach übersehen (die Gottesfriedensbewegung im Mittelalter, die Abschaffung der Gladiatorenkämpfe oder das Verbot der Kindesaussetzung durch christliche römische Kaiser der Spätantike, der Abolitionismus des 18. und 19. Jahrhunderts, oder auch die Arbeit sämtlicher Orden seit der Zeit, da es Orden gibt, um nur ein paar Beispiele zu erwähnen). „Die“ Religion hat uns halt sowohl Mutter Teresa als auch Osama bin Laden beschert. Genau wie „die“ Politik uns Nelson Mandela und Hitler gebracht hat.

Okay, aber mir geht es heute eigentlich nicht um dieses grundsätzliche Vorurteil gegen „die“ Religion, sondern um eine bestimmte Verteidigung, die Sympathisanten oder Anhänger des Christentums manchmal vorbringen, nämlich dann, wenn es um die Gefährlichkeit einer anderen Religion, des Islam, geht. Ja, heißt es dann, Religion kann schon fundamentalistisch und fanatisch und gefährlich werden, deshalb muss sie durch einen Prozess der Aufklärung gehen. Das Christentum hat diesen Prozess aber schon durchgemacht. Klar war es im Mittelalter ganz furchtbar schlimm; aber inzwischen ist es aufgeklärt und damit ungefährlich. Der Islam dagegen hat diesen Prozess noch vor sich und ist nach wie vor fundamentalistisch und damit bedrohlich.

Mich als Katholikin stört diese Ansicht aus mehreren Gründen. Vor allem: Hier stecken viele implizite Verleumdungen gegenüber unseren Brüdern und Schwestern in Christo aus früheren Jahrhunderten drin. Die Leute, die zum Beispiel das Mittelalter für eine finstere Zeit des Fanatismus, der Unwissenheit und der Unterdrückung halten, haben meistens keine Ahnung vom realen Mittelalter.

Und was soll überhaupt „aufgeklärt“ heißen?

 

Mit diesem Wort könnte gemeint sein: „Diese Religion akzeptiert die Vernunft als Maßstab.“ Okay, also, das tun wir Katholiken seit zweitausend Jahren.

„Fünftens: Ich halte ganz sicher fest und bekenne aufrichtig, daß der Glaube kein blindes Gefühl der Religion ist, das unter dem Drang des Herzens und der Neigung eines sittlich geformten Willens aus den Winkeln des Unterbewußtseins hervorbricht, sondern die wahre Zustimmung des Verstandes zu der von außen aufgrund des Hörens empfangenen Wahrheit, durch die wir nämlich wegen der Autorität des höchst wahrhaftigen Gottes glauben, daß wahr ist, was vom persönlichen Gott, unserem Schöpfer und Herrn, gesagt, bezeugt und geoffenbart wurde.“ Das stammt aus dem Anti-Modernisten-Eid von 1910, der jahrzehntelang angehenden Priestern und Theologiedozenten vorgeschrieben war. „4. Man hat nicht das Recht, von einem Ungläubigen zu erwarten, daß er die Auferstehung unseres göttlichen Erlösers anerkennt, bevor man ihm sichere Beweise dafür geliefert hat, und diese Beweise sind durch schlußfolgerndes Denken abgeleitet. 5. In diesen verschiedenen Fragen geht die Vernunft dem Glauben voraus und muß uns zu ihm führen. 6. So schwach und dunkel auch die Vernunft durch die Ursünde geworden ist, [so] bleibt ihr trotzdem genügend Klarheit und Kraft, um uns mit Gewißheit zur Existenz Gottes, zur Offenbarung zu führen, die an die Juden durch Mose, an die Christen durch unseren anbetungswürdigen Gottmenschen ergangen ist.“ Aus den Straßburger Thesen von 1840, die der fideistische, der Vernunft kritisch gegenüberstehende Theologe Louis-Eugène Bautain auf Geheiß seines Bischofs unterschreiben musste. (Es ist so erfrischend, im „Denzinger“ zu stöbern. Wenn man sich mal nicht so fühlt, muss man nur das Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hrsg. v. Heinrich Denzinger, aufschlagen und schon wird es besser.)

Im Prolog des Johannesevangeliums heißt es: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist.“ (Johannes 1,1-3) Das altgriechische Wort für „Wort“ ist hier „logos“, was auch „Vernunft“ oder „Sinn“ bedeutet. Gott selbst wird in der Heiligen Schrift mit der Vernunft identifiziert. Wir glauben an einen Gott, der selbst vernünftig ist, und der uns unsere Vernunft geschenkt hat, damit wir an Seinem Wesen teilhaben können. Wir dürfen und sollen diese Vernunft gebrauchen, um Gott und die von Ihm geschaffene Welt zu verstehen. (Deshalb haben wir übrigens auch kein Problem mit der Anwendung der Vernunft in den empirischen Wissenschaften.)

Und die Vernunft wurde gerade im finsteren katholischen Mittelalter sehr hoch geschätzt. Man sehe sich allein die Universitäten an: Eine sehr häufige Lehrform dort war nicht die Vorlesung, sondern die Disputation. Eine philosophische oder theologische These wurde aufgestellt, Einwände dagegen wurden vorgebracht, dann ging es an Pro-Argumente und Widerlegungen der Einwände. Am Ende sollte ein für alle einsichtiges, klares, durch die Vernunft erzieltes Ergebnis stehen. Dagegen haben wir heute oft nicht mal mehr die Erwartung, dass Debatten zu für alle Teilnehmer nachvollziehbaren Ergebnissen führen. In Thomas von Aquins Summa Theologiae hat sich diese Lehrpraxis auch niedergeschlagen. Er beginnt mit den Einwänden der gegnerischen Position, und hat dabei den Anspruch, diese besser darzustellen, als der Gegner es selbst tut. „Es scheint, dass es keinen Gott gebe, weil…“ steht ziemlich am Anfang dieses mittelalterlichen theologischen Grundsatzwerks. Ja, mit der Reformation kam dann ein gewisser anti-intellektueller Impuls im Christentum zum Tragen, aber soweit ich weiß lehnt selbst der Protestantismus an sich die Vernunft nicht ab. In der Moderne bezweifeln dagegen viele, ob man sich auf die Vernunft überhaupt verlassen kann oder ob sie nicht doch nur eine Vorspiegelung des Gehirns ist. (Wenn das allerdings so wäre, könnte man nicht durch den Gebrauch der Vernunft zu der Überzeugung kommen, dass die Vernunft nur eine Vorspiegelung des Gehirns ist. Mit anderen Worten: Vielleicht ist ja alles Denken sinnlos und führt zu nichts, aber dann auch das Denken über die Sinnlosigkeit des Denkens.)

 

Mit diesem Wort könnte auch gemeint sein: „Diese Religion liest ihre heiligen Texte nicht wortwörtlich.“

Da haben wir allerdings wieder eine unsinnige Verallgemeinerung. Die unterschiedlichen Religionen haben sehr unterschiedliche religiöse Texte, die von ihrem Ursprung her nicht alle wörtlich, aber auch nicht alle nicht-wörtlich gemeint sind. Das Christentum hat außerdem nicht nur einen zentralen religiösen Text – wie der Islam –, sondern viele; die Bibel ist eine Sammlung aus Büchern, kein Buch. Einige davon sind historisch-wörtliche Berichte, andere nicht. Der Schöpfungsbericht der Genesis beispielsweise wurde übrigens auch schon von Augustinus nicht einfach wörtlich genommen (siehe auch https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/01/31/ueber-schwierige-bibelstellen-teil-4-schoepfung-urknall-evolution-suendenfall-usw-zur-bedeutung-von-genesis-1-11/). Die Kirchenväter waren groß in der metaphorischen Interpretation der Bibel. Natürlich gab es in den letzten zwei Jahrhunderten durch neue archäologische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse auch noch einmal neue Erkenntnisse für die Bibelexegese; aber das heißt nicht, dass wir Katholiken unser Bibelverständnis dann erst grundsätzlich hätten korrigieren müssen.

Zudem sind auch Christen, die nach diesem Verständnis gar nicht „aufgeklärt“ sind – wie zum Beispiel eine sehr große Anzahl an amerikanischen Evangelikalen –, nicht so besonders bedrohlich. Sie versuchen vielleicht, Leute im Bus darauf anzusprechen, ob sie Jesus kennen, oder bauen eine lebensgroße Arche Noah in Kentucky nach (https://arkencounter.com/), aber sie zünden im Normalfall keine Bomben. Was ist also die Bedrohung an solcher Unaufgeklärtheit?

Wenn natürlich mit „Eine aufgeklärte Religion nimmt ihre heiligen Texte nicht wortwörtlich“ gemeint sein sollte „Eine aufgeklärte Religion nimmt ihre heiligen Texte nicht ernst“ – hey, dann zur Hölle mit der Aufklärung! Wir nehmen die Bibel da wörtlich, wo sie wörtlich gemeint ist, und da nicht wörtlich, wo sie nicht wörtlich gemeint ist, und wir nehmen sowohl ihre wörtlichen als auch ihre symbolischen Aussagen ernst.

 

Mit diesem Wort könnte auch gemeint sein: „Diese Religion akzeptiert die Demokratie.“ Okay, tun wir. Die Demokratie ist eine unter mehreren legitimen Staatsformen. (Die einzigen Staatsformen, die wir grundsätzlich ablehnen, sind Tyrannei, Totalitarismus (jeder Totalitarismus ist eine Tyrannei, aber nicht jede Tyrannei ist totalitaristisch – man denke an die klassische Militärdiktatur, die sich nicht um Ideologie kümmert) und Anarchie.)

 

Mit diesem Wort könnte auch gemeint sein: „Diese Religion will sich nicht gewaltsam ausbreiten und akzeptiert die Religionsfreiheit und die Trennung von Kirche und Staat.“

Na ja, das Christentum breitet sich grundsätzlich nicht gewaltsam aus. In den ersten drei Jahrhunderten des Christentums wurden die Christen sehr häufig für ihren Glauben getötet, sie töteten jedoch nicht für ihn. Das Prinzip, dass die Leute nur freiwillig zum Glauben kommen können und dass daher etwa Zwangstaufen ungültig sind, wurde von der Kirche auch  immer hochgehalten. Noch einmal einige Stellen aus dem Denzinger:

  • Wer in aufrichtiger Absicht Außenstehende zur christlichen Religion, zum rechten Glauben führen möchte, muß sich mit einnehmenden, nicht mit harten Worten darum bemühen, daß nicht die, deren Geist die Angabe einer klaren Begründung hätte herbeirufen können, Feindseligkeit weit fort treibt. Denn alle, die anders handeln und sie unter diesem Deckmantel von der gewohnten Pflege ihres Ritus abbringen wollen, von denen wird deutlich, dass sie mehr ihre eigenen Sachen als die Gottes betreiben. Es haben sich nämlich Juden, die in Neapel wohnen, bei Uns beklagt und behauptet, daß einige sich unvernünftigerweise darum bemühten, sie an bestimmten Feiern ihrer Feste zu hindern und es ihnen ja nicht zu erlauben, die Feiern ihrer Festlichkeiten so zu begehen, wie es ihnen bis jetzt und ihren Vorfahren vor langen Zeiten erlaubt war, sie zu beachten oder zu begehen. Wenn es sich aber in Wahrheit so verhält, so scheinen sie ihre Mühe auf etwas Überflüssiges zu verwenden. Denn was bringt es für einen Nutzen, wenn es, auch wenn man es ihnen entgegen langdauernder Gewohnheit verbietet, ihnen für den Glauben und die Bekehrung nichts nützt? Oder warum setzen wir für die Juden Regeln fest, wie sie ihre Feierlichkeiten begehen sollen, wenn wir sie dadurch nicht gewinnen können? Man muß also bewirken, daß sie vielmehr, durch Milde und Vernunft herbeigerufen, uns folgen, nicht fliehen wollen, damit wir sie, indem wir ihnen aus ihren Schriften beweisen, was wir sagen, mit Gottes Hilfe zum Schoß der Mutter Kirche bekehren können. Deshalb soll Deine Brüderlichkeit sie mit Ermahnungen, soweit sie es mit Gottes Hilfe vermag, zur Bekehrung anfeuern und nicht noch einmal zulassen, daß sie wegen ihrer Feierlichkeiten beunruhigt werden; vielmehr sollen sie die uneingeschränkte Erlaubnis haben, alle ihre Feierlichkeiten und Feste so zu beachten und zu feiern, wie sie es bisher … hielten.“ (Hl. Papst Gregor der Große, Brief „Qui sincera“ an Bischof Paschasius von Neapel, Nov. 602)
  • In bezug auf diejenigen aber, die sich weigern, das Gut des Christentums anzunehmen, … können Wir Euch nichts anderes schreiben, als daß Ihr sie zum rechten Glauben mehr durch Ermahnungen, Ermunterungen und Belehrung als durch Gewalt überzeugen sollt, daß sie eitel denken. … Ferner darf ihnen, damit sie glauben, keinesfalls Gewalt angetan werden. Denn alles, was nicht aus eigener Absicht kommt, kann nicht gut sein [angeführt wird Ps 54,8; 119,108; 28,7]; Gott gebietet nämlich, daß freiwilliger Gehorsam, und nur von Freiwilligen geleistet werde: Denn hätte er Gewalt anwenden wollen, hätte seiner Allmacht keiner widerstehen können.(Papst Nikolaus I., Brief „Ad consulta vestra“ an die Bulgaren, 13. Nov. 866. (Im selben Brief verurteilt der Papst übrigens auch die Folter. Ja, im Jahr 866. Schlagt es nach.))
  • Auch wenn Wir nicht daran zweifeln, daß aus dem Eifer der Frömmigkeit hervorgeht, dass Euer Hochwohlgeboren anordnet, die Juden zum Kult der Christenheit hinzuführen, hielten Wir es dennoch, weil Du dies in ungebührlichem Eifer zu betreiben scheinst, für notwendig, Dir zur Ermahnung Unseren Brief zu senden. Unser Herr Jesus Christus hat nämlich, wie man liest, keinen gewaltsam zu seinem Dienst gezwungen, sondern durch demütige Ermahnung – wobei einem jeden die Freiheit der eigenen Entscheidung vorbehalten blieb – alle, die er zum ewigen Leben vorherbestimmte, nicht durch Richten, sondern durch Vergießen seines eigenen Blutes vom Irrtum zurückgerufen.Desgleichen untersagt der selige Gregor in einem seiner Briefe, daß ebendieses Volk mit Gewalt zum Glauben gezerrt werde.“ (Papst Alexander II., Brief „Licet ex“ an Fürst Landulf von Benevent, 1065)
  • Wenn sie [die Juden] also auch lieber in ihrer Verhärtung verharren wollen als die Weissagungen der Propheten und die Geheimnisse des Gesetzes erkennen und zur Kenntnis des christlichen Glaubens gelangen, so treten Wir, da sie dennoch die Hilfe Unserer Verteidigung erbitten, aufgrund der Sanftmut der christlichen Frömmigkeit in die Fußstapfen Unserer Vorgänger seligen Angedenkens, der Römischen Bischöfe Calixtus [II.], Eugen [III.], Alexander [III.], Clemens [III.] und Cölestin [III.], schenken ihrem Gesuch Gehör und gewähren ihnen den Schild Unseres Schutzes. Wir ordnen nämlich an, daß kein Christ sie mit Gewalt nötige, widerstrebend oder gegen ihren Willen zur Taufe zu kommen; wenn aber einer von ihnen freiwillig um des Glaubens willen seine Zuflucht zu den Christen nimmt, so soll er, nachdem sein Wille eröffnet worden ist, ohne jede Schmähung Christ werden. Denn man glaubt nicht, daß [jener] den wahren Glauben der Christenheit hat, von dem man weiß, daß er nicht aus eigenem Willen, sondern widerwillig zur Taufe der Christen kommt.(Papst Innozenz III., Konstitution „Licet perfidia Iudaeorum“, 15. Sept. 1199)
  • Die Kirche hatte für Erwachsenentaufen übrigens immer auch Mindestvoraussetzungen auf der Seite des Getauften festgelegt: Frage: Ist der Spender, bevor einem Erwachsenen die Taufe gewährt wird, gehalten, ihm alle Geheimnisse unseres Glaubens zu erklären, insbesondere wenn er im Sterben liegt, da dies seinen Geist verwirren würde? Oder würde es nicht genügen, wenn der Sterbende verspräche, er werde, sobald er von der Krankheit genese, dafür sorgen, daß er unterrichtet werde, damit er in die Tat umsetze, was ihm vorgeschrieben wurde? Antwort: Das Versprechen genügt nicht, sondern der Missionar ist gehalten, dem Erwachsenen, auch wenn er im Sterben liegt, falls er noch irgendwie aufnahmefähig ist, die Geheimnisse des Glaubens zu erklären, die mit der Notwendigkeit eines Mittels [heils-]notwendig sind, als da sind hauptsächlich die Geheimnisse der Dreifaltigkeit und der Fleischwerdung.“ (Antwort des Hl. Offiziums (heute Kongregation für die Glaubenslehre) an den Bischof von Quebec, 25. Jan. 1703) Sie erließ mehrmals ausdrückliche Bestimmungen dagegen, dass überbesorgte Missionare Sterbende tauften, die nicht genau wussten, was es mit der Taufe auf sich hatte oder nicht wirklich getauft werden wollten: Frage: Kann ein Missionar einem erwachsenen Mohammedaner, dem man unterstellt, daß er sich in gutem Glauben in seinen Irrtümern [befindet], im Augenblick des Todes die Taufe spenden: 1. Wenn er noch volles Wahrnehmungsvermögen besitzt und er ihn nur zum [Reue-]Schmerz und zur Zuversicht ermahnt, ohne überhaupt über unsere [Glaubens]geheimnisse zu reden, aus Furcht, er werde ihnen nicht glauben? 2. Wenn er ihm, was für ein Wahrnehmungsvermögen auch immer er besitze, nichts sagt, da man einerseits unterstellt, ihm fehle die Reue nicht, andererseits aber, es sei nicht klug, mit ihm über unsere [Glaubens]geheimnisse zu reden? 3. Wenn er das Wahrnehmungsvermögen schon verloren hat und er ihm überhaupt nichts sagt? Antwort (vom Papst am 1. April bestätigt): Zu 1 und 2. Nein, d. h., es ist nicht erlaubt, solchen Mohammedanern … entweder absolut oder bedingt die Taufe zu spenden; und es sollen gegeben werden die Dekrete des Hl. Offiziums an den Bischof von Quebec vom 25. Jan. und 10. Mai 1703 und die Instruktion des Hl. Offiziums an den Apostolischen Vikar von Tche-Kiang vom 1. Aug. 1860. Zu 3. Was die sterbenden und der Sinne schon beraubten Mohammedaner betrifft, so ist zu antworten wie in dem Dekret des Hl. Offiziums vom 18. Sept. 1850 an den Bischof von Perth, nämlich: ‚Wenn sie zuvor Zeichen gegeben haben, daß sie getauft werden wollen, oder im gegenwärtigen Zustand entweder durch einen Wink oder auf eine andere Weise ebendiese Voraussetzung zu erkennen gegeben haben, können sie bedingungsweise getauft werden, insofern jedoch der Missionar in Anbetracht aller Umstände umsichtig so entscheidet.’“ (Antwort des Hl. Offiziums vom 30. März 1898)

Gab es Zwangstaufen im Lauf der Geschichte? In seltenen Fällen, ja. Bei Karl dem Großen, der die Sachsen besiegte und sie zur Taufe zwang. Auch im Lauf diverser mittelalterlicher Judenpogrome kam es zu Zwangstaufen, die dann der Anlass für die oben zitierten päpstlichen Erlasse gegen Zwangstaufen waren. Ansonsten – nein, ansonsten wären mir keine Fälle bekannt. Bei der Mission in Amerika oder Afrika? Nein, das gab es dort nicht.

Der Katholizismus kennt auch kein Prinzip des heiligen Krieges zur Religionsausbreitung. (Er kennt lediglich das Prinzip des gerechten Krieges: Ein Krieg ist dann gerecht, wenn aus gerechtem Grund erfolgt (z. B. Verteidigung gegen einen Angreifer), mit gerechter Absicht geführt wird (etwa um sich zu verteidigen, nicht, um dann auch noch das feindliche Volk auszurotten), mit gerechten Mitteln geführt wird (also z. B. keine Bomben auf Zivilisten), nur als letztes mögliches Mittel (ultima ratio) begonnen wird; und dann noch paar andere Bedingungen erfüllt sind.)

Was ist mit den Kreuzzügen? Die Kreuzzüge waren gar keine Kriege zur Ausbreitung der eigenen Religion (wenn sie es gewesen wären, könnte man immer noch mit der Verteidigung „die Christen haben sich eben nicht immer an ihre Lehre gehalten“ kommen, aber sie waren es nicht). Sie waren Kriege zur Verteidigung gegen Angehörige einer anderen Religion, die die eigenen heiligen Stätten erobert und teilweise zerstört hatten und nun Pilger angriffen und zu einer ernsthaften Bedrohung für Glaubensgenossen wurden. Der erste Kreuzzug wurde von Papst Urban II. ausgerufen, nachdem der oströmische Kaiser Alexios Komnenos den Westen um Hilfe gegen die angreifenden Seldschuken (die heutigen Türken) gebeten hatte, die bereits in der Nähe von Konstantinopel standen und längst auch schon Jerusalem beherrschten, wo sie die Grabeskirche verwüstet hatten. Oh, während der Kreuzzüge gab es sicher auch viel Fanatismus und Grausamkeit. Aber sie waren kein Dschihad, genauso, wie der „War on Terror“ manchmal grausam ist und mit verkehrten Mitteln geführt wird, aber kein Dschihad ist. Bei den Kreuzzügen wurden keine Muslime zwangsbekehrt; auch die fanatischsten Kreuzzügler wollten einfach nur an die heiligen Stätten in Jerusalem.

Was ist mit der Ketzerverfolgung in Mittelalter und früher Neuzeit? Besseres Argument. Bevor ich darauf im Detail eingehe, sollte ich wahrscheinlich erst noch auf die grundsätzliche katholische Sicht auf die „Trennung von Staat und Kirche“ und die Religionsfreiheit eingehen.

Anders als eine gewisse andere Religion, deren Gründer auch gleichzeitig ihr erster weltlicher Anführer war, hat das Christentum den Bereich des Weltlichen und den des Religiösen bekanntlich nie einfach in eins gesetzt. So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ (Matthäus 22,21) „Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Königtum von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Nun aber ist mein Königtum nicht von hier.“ (Johannes 18,36) Nach den Bibelzitaten wieder Papst-Zitate aus dem Denzinger:

  • Zwei sind es nämlich, von denen diese Welt vornehmlich regiert wird, die geheiligte Autorität der Bischöfe und die königliche Gewalt; unter diesen wiegt die Last der Priester umso schwerer, als sie bei dem göttlichen Gericht auch für die Könige der Menschen selbst Rechenschaft ablegen werden. Du weißt nämlich, gütigster Sohn, daß Du zwar durch Deine Würde dem Menschengeschlecht vorstehst, Du unterwirfst Dich jedoch demütig den Vorstehern der göttlichen Dinge und erbittest von ihnen die Ursachen Deines Heiles; und Du erkennst, daß Du beim Empfang der himmlischen Sakramente und ihrer gehörigen Verwaltung nach der Ordnung der Religion eher untertan sein mußt als vorstehen. Du weißt also, daß in diesem Bereich Du vom Urteil jener abhängst, aber nicht willst, daß jene Deine mWillen unterworfen sind. Wenn nämlich, was die Ordnung der öffentlichen Verfassung angeht, auch die Vorsteher der Religion selbst erkennen, daß Dir die Herrschaft auf Anordnung von oben übertragen wurde, und deshalb Deinen Gesetzen gehorchen, um nicht einmal in den weltlichen Dingen den Anschein zu erwecken, sie widerstünden … einer ausgeschlossenen Entscheidung, mit welcher Hingabe, frage ich Dich, ziemt und gebührt es sich dann, denen zu gehorchen, die für die Austeilung der ehrwürdigen Geheimnisse bestimmt sind? (Papst Gelasius I., Brief „Famuli vestrae pietatis“ an Kaiser Anastasius I., 494)
  • Wir wollen aber die Ehrenstellung des Kaisers mit der Ehrenstellung des Bischofs vergleichen; zwischen ihnen besteht ein solch großer Abstand, als jener für die menschlichen Dinge Sorge trägt, dieser für die göttlichen. Du, Kaiser, empfängst vom Bischof die Taufe, erhältst die Sakramente, forderst das Gebet, erhoffst die Segnung, erbittest die Buße. Schließlich verwaltest Du das Menschliche, jener gewährt Dir das Göttliche. Deshalb ist die Ehrenstellung, um nicht zu sagen: höher, so doch sicherlich gleich. … Ich bitte Dich, Kaiser – sei mir nicht böse! –, gedenke, daß Du ein Mensch [bist], auf dass Du die Dir von Gott verliehene Vollmacht gebrauchen kannst; denn auch wenn dies nach menschlichem Urteil geschehen ist, muß es [doch] in göttlichem Gericht geprüft werden. Vielleicht wirst Du sagen, es stehe geschrieben: wir müssen jeder Gewalt untertan sein [vgl. Tit 3,1]. Wir anerkennen freilich die menschlichen Gewalten an ihrem Platz, solange sie nicht ihren Willen gegen Gott erheben. Wenn im übrigen jede Gewalt von Gott ist, so noch mehr, die den göttlichen Dingen vorangestellt ist. Erweise Gott in uns [die Ehre], und wir erweisen Gott in Dir [die Ehre]. (Papst Symmachus, Brief „Ad augustae memoriae“ an Kaiser Anastasius I., zwischen 506 und 512)

Kurz gesagt: Es gibt die kirchliche Autorität, die sich um die kirchlichen Dinge (Sakramentenpastoral, Dogmenverkündigung, Priesterausbildung, etc.) kümmert, und die weltliche Autorität, die sich um die weltlichen Dinge (Rechtsprechung, Infrastruktur, Sozialhilfe etc.) kümmert. Im frühen Mittelalter ergab es sich durch die chaotische Situation, in der Westeuropa sich befand, dass Bischöfe dort auch immer mehr weltliche Aufgaben übernahmen und schließlich auch zu Landesfürsten wurden, also beide Aufgabenbereiche in einer Person vereinigten, was sich lange Zeit hielt. Das ist jedoch nicht unbedingt ideal nach der Theorie von der zweifachen Gewalt auf Erden (Zwei-Schwerter-Lehre); und selbst dabei wurden die beiden Aufgabenbereiche immer noch unterschieden.

Aber: Alle diese Texte oben erwähnen auch, dass weltliche und geistliche Autorität im Endeffekt von Gott ausgehen. Die Tatsache, dass ab der Spätantike das Christentum in vielen Ländern öffentlich als wahr anerkannt wurde und Gesetze im Sinne des Christentums geändert wurden, stellt nicht automatisch eine unzulässige Vermischung von kirchlichem und weltlichem Bereich dar; die Konstantinische Wende war kein Sündenfall des Christentums, wie selbst manche Christen heute denken. Ich erwähnte in diesem Zusammenhang schon, dass christliche römische Kaiser zum Beispiel die Kindesaussetzung unter Strafe stellten und die Gladiatorenkämpfe abschafften. Natürlich war das gut.

Eine bestimmte Definition von „Trennung von Kirche und Staat“ lehnen wir Katholiken nämlich ab. Wenn damit gemeint ist, dass Christen – oder überhaupt religiöse Menschen – anders als nicht religiöse Menschen ihre Überzeugungen zu öffentlichen Angelegenheiten nicht äußern und sich politisch für sie einsetzen dürften, sondern allenfalls im stillen Kämmerlein ihre Gebete sprechen dürften, dann lehnen wir das ab. Ja, religiöse Überzeugungen haben im öffentlichen Raum etwas zu suchen. Wir sind davon überzeugt, dass das Leben aller Menschen wertvoll ist, also werden wir natürlich gegen Euthanasie oder Abtreibung sein. Wir sind für Solidarität und Subsidiarität, also sind wir natürlich für eine soziale Marktwirtschaft. Wir sehen die Wichtigkeit der Familie, also sind wir natürlich für ihre Unterstützung durch den Staat. Man könnte das einfach so ausdrücken, dass wir Katholiken glauben, dass die Moral für alle gilt und dass auch im öffentlichen Raum eine gewisse grundlegende Gerechtigkeit herrschen sollte. (Natürlich ist es mit der Moral so, dass man auch als Nichtkatholik grundsätzlich erkennen kann, was recht und unrecht ist. Der katholische Fachbegriff dafür nennt sich „Naturrecht“ (siehe auch hier: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/12/02/woher-wissen-wir-was-richtig-und-was-falsch-ist/).)

Jetzt zur Religionsfreiheit. Ich habe oben Lehrschreiben aus dem Mittelalter zitiert, die Zwangstaufen verbieten und dieses Verbot auch ausführlich begründen: Der Glaube ist seinem Wesen nach etwas Freiwilliges, Gott will, dass die Leute freiwillig zu ihm kommen, usw. usf. Aber trotzdem finden sich im Lauf der Kirchengeschichte auch kirchliche Lehrschreiben, die dem Begriff der „Religionsfreiheit“ sehr kritisch gegenüberstehen, vor allem im 18. und 19. Jahrhundert, während und nach der französischen Revolution (die einerseits Religionsfreiheit proklamierte und dann Priester, Mönche und Nonnen – etwa die Karmelitinnen von Compiègne – guillotinierte, aber das ist ein Thema für sich).

Papst Pius VI. etwa, der zur Zeit der Revolution auf dem Stuhl Petri saß und kurz vor seinem Tod noch von französischen Truppen nach Frankreich verschleppt wurde, schreibt in seinem Breve „Quod Aliquantum“ von 1791 (von mir übersetzt aus einer im Internet gefundenen englischen Übersetzung; auf der Website des Vatikans findet sich das Breve leider nur auf Italienisch): „Zu diesem Zweck stellt sie [die französische Nationalversammlung] als ein Recht des Menschen in der Gesellschaft diese absolute Freiheit auf, die nicht nur das Recht sicherstellt, gegenüber religiösen Meinungen indifferent zu sein, sondern auch die völlige Erlaubnis gibt, in religiösen Dingen frei zu denken, zu sprechen, zu schreiben und sogar zu drucken, was auch immer man wünscht – selbst die verdorbensten Vorstellungen. Es ist ein monströses Recht, von dem die Versammlung allerdings behauptet, es resultiere aus der Gleichheit und den natürlichen Freiheiten aller Menschen. Aber was könnte weniger klug sein, als unter den Menschen diese Gleichheit und diese unkontrollierte Freiheit aufzurichten, die jede Vernunft erstickt, das wertvollste Geschenk, das die Natur dem Menschen gegeben hat, das eine, das ihn von den Tieren unterscheidet? [Der Papst schreibt über die göttlichen Gebote, die dem Menschen von Beginn an auferlegt wurden] Können wir die Tatsache ignorieren, dass der Mensch nicht für sich allein geschaffen wurde, sondern um seinem Nächsten hilfreich zu sein?“

Oder da wäre auch Gregor XVI., der in seiner ersten Enzyklika „Mirari vos“ von 1832 schreibt: „Aus dieser modrigen Quelle der Gleichgültigkeit, die den Glauben betrifft, fließt jene törichte und falsche Ansicht, die man besser als Wahnsinn bezeichnet, für jeden die Gewissensfreiheit zu fordern und zu verteidigen. Der Wegbereiter für diesen überaus verderblichen Irrtum ist diese vollkommen übermäßige Meinungsfreiheit, die auf weiten Gebieten zum Verderben der Kirche und des Staates verbreitet ist. Einige behaupten hierbei mit großer Unverschämtheit, daß sich daraus Vorteile für die Religion ergeben. Der heilige Augustinus sagt dagegen, was ist tödlicher für die Seele, als die Freiheit des Irrtums! Wenn jeder Zaum entfernt wird, durch welchen die Menschen auf den Pfaden der Wahrheit geführt werden, und dadurch ihre zum Bösen geneigte Natur in die Tiefe stürzt, sehen wir den geöffneten Abgrund der Hölle, aus dem der Apostel Johannes den Rauch aufsteigen sah, der die Sonne verdunkelte und aus dem Heuschrecken hervorgingen, die sich über die gesamte Erde verbreiteten, um sie zu verwüsten. Aus diesem Irrtum entstammt die Wandlung der Gesinnungen, die zur Verderbnis der Jugend führen, aus dem die Verachtung des Volkes gegenüber der Religion sowie der heiligsten Dinge und Gesetze hervorgeht und aus dem die Worte der Pest kommen, die für das öffentliche Gemeinwesen tödlicher sind, als alles andere. Die Erfahrung bezeugt, was seit ältester Zeit bekannt ist. Staaten, die durch Reichtum, Macht und Ruhm aufblühten, sind an diesem einem Übel zugrunde gegangen, das sich in der übermäßigen Meinungsfreiheit, der Redefreiheit und der Sucht nach Neuerungen äußert. Hierher gehört auch die von Grund auf schlechte, niemals ausreichend verurteilte abscheuliche Freiheit der Buchdruckerkunst, um alle möglichen Schriften unter das Volk zu bringen. Diese Freiheit wird von vielen eifrig und mit lauter Stimme gefordert und gefördert. Entsetzt müssen Wir sehen, mit welchen Ungeheuern von Lehrern, besser ausgedrückt, mit welchen Schreckgestalten von Irrtümern wir überschüttet werden. Überall wird eine gewaltige Menge an Büchern, Schriften und Broschüren verbreitet, deren Umfang zwar klein ist, die Bosheit jedoch übergroß daraus hervorgeht, aus denen Wir mit tränenden Augen den Fluch sehen müssen, der sich über die gesamte Erde ausbreitet. Bedauerlicherweise gibt es Leute, die sich von ihrer Unverschämtheit so weit fortreißen lassen, daß sie starrsinnig behaupten, die aus der Pressefreiheit hervorgehende Flut an Irrtümern würde in ausreichender Weise durch irgendein Buch aufgewogen werden, das in diesem großen Sturm von Schlechtigkeiten zur Verteidigung der Religion und der Wahrheit herausgegeben wird. In Wirklichkeit ist es frevelhaft und gegen jedes Recht, absichtlich ein offenkundiges und größeres Übel zu vollbringen, in der Hoffnung, daß daraus etwas Gutes entstehen könnte. Welcher vernünftige Mensch würde behaupten, daß Gifte frei verbreitet sowie öffentlich verkauft und angeboten, ja sogar getrunken werden dürfen, weil damit ein Heilmittel zur Verfügung steht, durch dessen Gebrauch gelegentlich jemand vor dem Untergang gerettet werden könnte?

Die beiden Dinge, die Pius VI. und Gregor XVI. hier vor allem ablehnen, sind also erstens die Auffassung, es wäre moralisch richtig, zu glauben, was immer man will, man müsste sich nicht um die Erkenntnis der Wahrheit bemühen, da alle Religionen sowieso im Grunde gleich wären – die Idee der Religionsfreiheit war in ihren Tagen von Grund auf verbunden mit der Idee des religiösen Indifferentismus –, und zweitens die vollkommen uneingeschränkte Freiheit, Meinungen zu verbreiten, auch solche, die dem Gemeinwohl schaden könnten.

Zum Vergleich damit die Erklärung Dignitatis Humanae des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Religionsfreiheit: „Fürs erste bekennt die Heilige Synode: Gott selbst hat dem Menschengeschlecht Kenntnis gegeben von dem Weg, auf dem die Menschen, ihm dienend, in Christus erlöst und selig werden können. Diese einzige wahre Religion, so glauben wir, ist verwirklicht in der katholischen, apostolischen Kirche, die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten hat, sie unter allen Menschen zu verbreiten. Er sprach ja zu den Aposteln: ‚Gehet hin, und lehret alle Völker, taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie alles halten, was ich euch geboten habe’ (Mt 28,19-20). Alle Menschen sind ihrerseits verpflichtet, die Wahrheit, besonders in dem, was Gott und seine Kirche angeht, zu suchen und die erkannte Wahrheit aufzunehmen und zu bewahren. In gleicher Weise bekennt sich das Konzil dazu, daß diese Pflichten die Menschen in ihrem Gewissen berühren und binden, und anders erhebt die Wahrheit nicht Anspruch als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt. Da nun die religiöse Freiheit, welche die Menschen zur Erfüllung der pflichtgemäßen Gottesverehrung beanspruchen, sich auf die Freiheit von Zwang in der staatlichen Gesellschaft bezieht, läßt sie die überlieferte katholische Lehre von der moralischen Pflicht der Menschen und der Gesellschaften gegenüber der wahren Religion und der einzigen Kirche Christi unangetastet. Bei der Behandlung dieser Religionsfreiheit beabsichtigt das Heilige Konzil, zugleich die Lehre der neueren Päpste über die unverletzlichen Rechte der menschlichen Person wie auch ihre Lehre von der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft weiterzuführen. […] Das Vatikanische Konzil erklärt, daß die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, daß alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so daß in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen – innerhalb der gebührenden Grenzen – nach seinem Gewissen zu handeln. Ferner erklärt das Konzil, das Recht auf religiöse Freiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte Wort Gottes und durch die Vernunft selbst erkannt wird. Dieses Recht der menschlichen Person auf religiöse Freiheit muß in der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft so anerkannt werden, daß es zum bürgerlichen Recht wird. […] Es geschieht also ein Unrecht gegen die menschliche Person und gegen die Ordnung selbst, in die die Menschen von Gott hineingestellt sind, wenn jemandem die freie Verwirklichung der Religion in der Gesellschaft verweigert wird, vorausgesetzt, daß die gerechte öffentliche Ordnung gewahrt bleibt.“ (http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decl_19651207_dignitatis-humanae_ge.html)

Also: Das 2. Vatikanum spricht weiter von einer moralischen Verpflichtung, die Wahrheit zu suchen. Es sagt auch weiterhin, dass die Freiheit in einer Gesellschaft unter Umständen Grenzen haben kann. Aber aufgrund der wichtigen Rolle, die die katholische Lehre traditionell schon dem menschlichen Gewissen und der Würde des Einzelnen zuschreibt, wird der Begriff „Religionsfreiheit“ ansonsten deutlich positiver bewertet als in älteren Dokumenten.

Jeder Mensch hat ein Gewissen, und spürt die Verpflichtung, ihm zu folgen. Das Gewissen kann mal irren, vielleicht, weil man mit einer falschen Ideologie indoktriniert wurde, oder weil man es jahrelang unterdrückt und sich selbst belogen hat. Aber deswegen muss ein Mensch seinem Gewissen trotzdem folgen, und es bedeutet einem Menschen Gewalt anzutun, wenn man ihn daran hindert, seinem Gewissen zu folgen, weshalb das nur bei äußerster Notwendigkeit erlaubt sein kann. Soll heißen: Ein Staat darf einen Islamisten, der versucht hat, aus einer von ihm empfundenen falschen Gewissensverpflichtung einen Anschlag zu begehen, einsperren; ein Staat darf nicht versuchen, einen Islamisten mit Gewalt zu zwingen, gegen sein irrendes Gewissen ein Bekenntnis zu Pluralismus, Religionsfreiheit und Toleranz zu unterschreiben. Ersteres ist für den Schutz der Allgemeinheit nötig, letzteres nicht. Ein Staat darf Terrorpropaganda verhindern, ein Staat darf aber nicht Gedankenpolizei spielen.

Interessanterweise steht die Position der heutigen Linken („XYZ ist geistige Brandstiftung“, „XYZ darf man keine Bühne bieten“, „keine Toleranz den Intoleranten“) übrigens der eines Pius oder Gregor relativ nahe, jedenfalls näher als der eines Voltaire. Die reine Lehre der klassischen Liberalen der Aufklärungszeit wird zwar auch heute von manchen Menschen noch hochgehalten, speziell von den heutigen Rechten und speziell auch in den USA, wo etwa Holocaustleugnung kein Straftatbestand ist und man legal Naziflaggen schwenken darf. Der Rest der Welt fühlt sich aber mittlerweile irgendwie unwohl mit totaler Meinungsfreiheit. Wir haben auch hier in Deutschland keine totale Meinungsfreiheit: Beleidigung oder Volksverhetzung oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung sind Straftaten.

Jetzt konkret zur mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ketzerverfolgung. Erst einmal sollte man sich vielleicht populäre Vorstellungen zu Opferzahlen und Verfahrensweisen aus dem Kopf schlagen; der Inquisitor in dunkler Kapuze, der mit einem finsteren Lächeln am Rad der Streckbank dreht, nachdem der Angeklagte schon seit zehn Stunden gefoltert wird, und so. Dieses Geschichtsbild beruht auf englischer Propaganda aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Aber ja, natürlich, es gab Ketzerprozesse im Mittelalter und der Frühen Neuzeit, ja, manchmal wurden für schuldig befundene Häretiker „dem weltlichen Arm übergeben“, der dann die Hinrichtung vollstreckte (die Kirche stellte fest, ob jemand ein Ketzer war; der Staat legte die Strafe für Ketzerei fest und vollzog sie). Ja, einige Leute wurden damals verbrannt (oder geköpft, oder gehängt, oder was auch immer). Es gab auch ein paar heftigere Verfolgungswellen, vor allem den „Kreuzzug“ gegen die Albigenser (Katharer) in Südfrankreich im 13. Jahrhundert.

Das Mittelalter war eine brutale Zeit; ich bewundere einige Dinge am Mittelalter, aber das muss man leider sagen, es war eine brutale Zeit. Kriege waren häufig, die Todesstrafe war Standard. Wenn ein Thomas von Aquin Ketzerei mit Münzfälschung vergleicht und ganz selbstverständlich erwähnt, dass beides mit dem Tod bestraft wird, dann denken wir uns vermutlich eher so was wie: Waaas, für Münzfälschung gab es die Todesstrafe? Man hatte eben für Dinge, die nach Ansicht der damaligen Menschen die gesellschaftliche Ordnung unterminierten, nicht viel Milde übrig, und dazu gehörte die Ketzerei, da die ganze Gesellschaft auf dem katholischen Glauben beruhte. Man war zwar bereit, gewisse ungetaufte Außenseiter wie die Juden (oder einige übrig gebliebene Heiden, oder in manchen Gebieten Muslime) als Außenseiter zu dulden, für die eigene Regeln galten und die nicht so richtig zur Gesellschaft dazugehörten, aber innerhalb der Christenheit, unter den bereits Getauften, duldete man keine Abweichungen. Tatsächlich schadeten manche Häresien der Gesellschaft auch schon auf konkrete Weise, als man begann, sie zu verfolgen, da ihre Anhänger sich zum Beispiel weigerten, Eide zu schwören oder Kriegsdienst zu leisten; man könnte die Albigenser in etwa mit den heutigen Reichsbürgern vergleichen. (Die Albigenser waren übrigens auch extrem weltabgewandt, glorifizierten den Selbstmord und lehnten Geldwirtschaft, Ehe und Kinderkriegen ab.) Ketzerei konnte damals auch zu Aufruhr und Bürgerkrieg führen; man denke nur an Thomas Müntzer. Man muss die verschiedenen Ketzerverfolgungen also im Kontext ihrer Zeit sehen.

Was war trotzdem falsch an der damaligen Ketzerverfolgung: Erstens, sie war zu grausam; zweitens, Ketzer sollten damals dazu gebracht werden, ihre Überzeugungen zu widerrufen, nicht nur, sie nicht zu verbreiten oder wegen ihnen keine Straftaten zu begehen, was bedeutete, ihren Gewissen unnötige Gewalt anzutun; drittens, wenn man jede Ketzerei auch als Straftat behandelt, nimmt man damit in gewissem Sinne erst die Gefahr auf sich, dass aus allen theologischen Streitigkeiten bewaffnete Auseinandersetzungen werden, weshalb, wie ich finde, ein Staat so viel Meinungsfreiheit lassen sollte wie nur möglich und nur im absoluten Notfall eingreifen sollte. Ach ja, viertens, Meinungen werden manchmal erst dadurch attraktiv, dass sie als absolut tabu behandelt werden. (Donald Trump. AfD.) (Was natürlich andererseits auch nicht heißt, dass man gar nichts als tabu behandeln sollte, man denke etwa an Kannibalismus, Menschenopfer oder Folter… ach, schwieriges Thema. Die Einzelheiten wären vielleicht ein Thema für ein anderes Mal.) Gregor der XVI. erwähnt in seiner Enzyklika das Prinzip, dass man nicht Böses vollbringen darf, um Gutes zu erreichen; aber wenn ein Staat bis zu einem gewissen Grad auch schlechte Meinungen toleriert, vollbringt er nicht selbst etwas Böses, sondern lässt lediglich etwas Böses zu, was der katholischen Morallehre nach prinzipiell zulässig sein kann, wenn es darum geht, ein größeres Gut zu erreichen oder ein größeres Übel zu verhindern.

Ich finde die Dominikaner irgendwie faszinierend. Dieser Orden wurde vom hl. Dominikus zu der Zeit gegründet, als sich in Südfrankreich viele Menschen den Albigensern anschlossen. Er wurde als Predigerorden gegründet, um diese Leute durch vernünftige Argumente wieder vom katholischen Glauben zu überzeugen. Im Lauf der Zeit wurden so einige Dominikanermönche, da sie eine so gute theologische Ausbildung hatten, auch als Inquisitoren berufen; aber eins zeigt das Beispiel der Dominikaner: Ihr Gründer wusste, dass es mit Zwang nicht getan war, sondern dass es überzeugende Argumente brauchte. Genauso, wie es heute auch reale, überzeugende Argumente gegen den Islamismus braucht, und man sich nicht nur mit dem Versuch begnügen kann, islamistische Propaganda im Internet zu löschen oder das Zeigen der IS-Flagge unter Strafe zu stellen.

Im Endeffekt: Ja, man darf Dignitatis Humanae gerne als theologischen Fortschritt, als Vertiefung der Lehre, als weiterführende Klärung gewisser Fragen, sehen; aber nein, das 2. Vatikanum hat keinen grundlegenden Wandel in der katholischen Auffassung von der Religionsfreiheit bewirkt. In einem gewissen Sinne haben wir sie schon immer anerkannt; aber wir sehen auch, dass sie unter Umständen Grenzen haben kann, wo das Gemeinwohl betroffen ist, und wir sehen des weiteren, dass religiöser Indifferentismus moralisch falsch ist. Der Katholizismus ist die wahre Religion, Punkt, und ja, er hat durchaus den Anspruch, auch gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken.

Sind wir damit nun aufgeklärt oder nicht?

 

Alles in allem: Ja, es gab in den zwei, drei Jahrhunderten seit der sog. Aufklärung durchaus theologische Fortschritte in der Kirche, genauso, wie es sie zu jeder Zeit der Kirchengeschichte gab – siehe zu diesem Thema auch John Henry Newmans Vorstellung von der „Entwicklung der Glaubenslehre“. (Zum Beispiel haben wir das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit und zwei Mariendogmen hinzubekommen, und außerdem neue Perspektiven auf die Bibelexegese oder die Bedeutung des Gewissens, und auch die katholische Soziallehre wurde während der Industrialisierung entwickelt. Auch die weitgehende Abkehr von der Idee eines Limbus für die ungetauften Kinder in der neueren Theologie könnte man erwähnen, oder die „Theologie des Leibes“ von Johannes Paul II.) Und ja, auch in den Werken einiger Denker der sog. Aufklärung steckten sicherlich ein paar sinnvolle Ideen, die auch der Theologie nutzen konnten. Aber nein, wir haben uns nicht grundlegend von einer gefährlichen, radikalen Religion entwickelt (oder entwickeln müssen) zu einer harmlosen, unbedrohlichen. So bedrohlich waren wir ehrlich gesagt noch nie, aber ernst sollten wir uns immer noch nehmen, und radikal sollten wir in einem gewissen Sinne auch immer noch sein. (Wortbedeutung: „radix“ = „Wurzel“, d. h. „radikal“ = prinzipientreu, konsequent; „radikal“ meint nicht dasselbe wie „fanatisch“, „gewaltbereit“.) Unsere grundsätzlichen Lehren sind nämlich seit 2000 Jahren dieselben. Anders kann es gar nicht sein, wenn wir ernsthaft daran glauben wollen, dass der Sohn Gottes die katholische Kirche gegründet hat und der Heilige Geist ihr beisteht.

Natürlich gibt es Theologen, die diese Lehren ändern wollen, die weibliche Priester verlangen, das Papstamt ablehnen und nicht an die leibliche Auferstehung Jesu Christi glauben. Nur, die werden sich in der katholischen Kirche nicht durchsetzen. Wenn man also das unter „aufgeklärt“ versteht, dann sind wir eben nicht aufgeklärt.

Wozu sollten wir uns überhaupt zwanghaft als irgendwie auf einer Linie mit ein paar Intellektuellen des 18. Jahrhunderts, die sich selbst den nicht gerade bescheidenen Namen „Aufklärer“ verpasst haben, sehen oder darstellen wollen? Müssen wir sämtliche Label, die die Geschichte den Dingen verpasst hat, akzeptieren? Was ist „aufgeklärt“? Ist das eine Kategorie, die für uns wichtig sein sollte? Man könnte natürlich auch einfach Kants Definition dafür verwenden („Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“, „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ etc.), klar, damit waren wir schon immer einverstanden, Mündigkeit, Denken, schön und gut. Aber der Begriff „Aufklärung“ scheint im allgemeinen Sprachgebrauch so unspezifisch, so undefiniert zu sein, dass wir ihn auch einfach links liegen lassen könnten. Wir müssen uns doch keine modischen Begriffe hernehmen, um den Säkularisten zu versichern, dass wir eigentlich ganz harmlos und sowieso auf derselben Seite wie sie sind.

Ehrlich gesagt denke ich, dass das Gerede über die Aufklärung der Religionen entweder bloß eine schlecht durchdachte, reflexhafte Verteidigung von Christen gegen aggressiven Säkulärismus ist, oder aber Wunschdenken, um sich sagen zu können, dass der Islam sich schon noch wandeln wird, wie das Christentum sich angeblich gewandelt habe, wenn nur genügend islamische Theologen sich entscheiden, den Koran so und so zu interpretieren. Mit dieser Art der Koraninterpretation ist es aber leider wie mit einer Bultmann’schen oder Küng’schen Bibelinterpretation: Sie entspricht dem Geist der Religion nicht, und daher wird sie sich am Ende auch nicht durchsetzen. Die jungen Muslime sind im Allgemeinen heute radikaler als ihre Eltern, ebenso wie die jungen Katholiken, die Katholiken meiner Generation, im Allgemeinen radikaler sind als unsere Eltern und die Generation vor unseren Eltern, weil die Leute, die nach einer Religion suchen, am Ende eben doch eine Religion nehmen werden, die sich selbst ernst nimmt und die an eine unveränderliche, dem Menschen vorgegebene übernatürliche Wahrheit glaubt, so wie der traditionelle Islam oder der traditionelle Katholizismus es tut.

Es kommt dann eben nur darauf an, was tatsächlich die Wahrheit ist.

LGBTQ, die Wissenschaft, und wir Katholiken

Vor kurzem hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, im Geburtenregister müsste zur Eintragung des Geschlechts eine dritte Option neben „männlich“ und „weiblich“ geschaffen werden. Betroffen sind Intersexuelle, also Menschen, die bei der Geburt biologisch nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind, die also zum Beispiel männliche und weibliche Geschlechtsorgane gleichzeitig haben, die seltsame Genkombinationen wie XXY haben.

In der genderskeptischen katholischen Welt ist man ja meistens wenig angetan, wenn man irgendetwas davon hört, dass Gerichte oder Parlamente dritte oder soundsovielte Geschlechter anerkennen wollen. In dem Fall ist das allerdings keine so große Sache – auch wenn die frühere Regelung, die seit ein paar Jahren existierte, dass der Geschlechtseintrag ausgelassen werden kann, an sich bereits ausreichend gewesen wäre. (Intersexualität schafft kein drittes Geschlecht, sondern uneindeutige Zwischenformen zwischen den beiden Geschlechtern.) Aber hier geht es jedenfalls nicht um „Ich definiere mich ab heute so und so, objektive Geschlechter existieren nicht“. Intersexualität existiert; manche Leute sind einfach nicht eindeutig männlich oder weiblich. Übrigens sind Regelungen dieser Art auch nichts völlig Neues; zum Beispiel sah das Preußische Allgemeine Landrecht von 1794 für „Zwitter“ das Recht vor, das ihnen von den Eltern bei der Geburt zugeteilte Geschlecht bei Erreichen der Volljährigkeit zu wechseln: https://de.wikipedia.org/wiki/Zwitterparagraf .

Wie lässt sich das alles mit unserem Schöpfungsverständnis – Gott schuf den Menschen als Mann und Frau – vereinbaren? Na ja, wo soll das Problem liegen? Störungen existieren in dieser gefallenen Natur. Gott hat den Menschen an sich auch mit Vernunft erschaffen, trotzdem gibt es Menschen mit geistigen Behinderungen, denen sie fehlt. Gott hat den Menschen an sich mit einem Körper und einer Seele erschaffen; trotzdem gibt es siamesische Zwillinge, die sich gewissermaßen einen Körper teilen. Gott hat den Körper des Menschen mit zwei Armen und zwei Beinen erschaffen, trotzdem gibt es Menschen, die ohne Arme oder  Beine auf die Welt kommen.

An dieser Stelle gleich zu einem Einwand, den manche Gender-Befürworter hier vielleicht sofort vorbringen würden: Wie kann man die Identität eines Menschen als Störung bezeichnen? Hatespeech.

Ehrlich gesagt kann ich diesen Einwand so überhaupt gar nicht nachvollziehen. Erniedrigt man siamesische Zwillinge, Menschen mit Downsyndrom, Menschen mit Diabetes, Menschen mit Demenz, Menschen ohne Beine oder Menschen mit einer psychischen Krankheit, wenn man sagt, sie leiden an einer Störung? „Störung“ ist kein Schimpfwort; sollte es jedenfalls nicht sein. Und ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass jemand, der in einer Welt lebt, in der die Menschen (ebenso wie alle Säugetiere) von Natur aus in den Varianten männlich – weiblich vorkommen, und der selber irgendwie beides oder nichts davon ist, nicht unter seiner unklaren Geschlechtsidentität leidet, und zwar unabhängig davon, ob er in der Schule dafür gehänselt oder von Tante Inge schief angeschaut wird. Dass man an Intersexualität nicht unbedingt etwas ändern kann – zum Glück werden heute bei Neugeborenen keine unnötigen (langfristig oft schädlichen) Operationen mehr durchgeführt, um sie nach einem bestimmten Geschlecht aussehen zu lassen – spielt in diesem Zusammenhang nicht die geringste Rolle. Downsyndrom kann man genauso wenig heilen. Verurteilt man irgendjemanden dafür, Downsyndrom zu haben? Möchte man andererseits gerne Downsyndrom haben? Kann man trotzdem gut mit Downsyndrom klarkommen, wenn man Menschen hat, die einen unterstützen?

In dem Zusammenhang von angeborener Intersexualität musste ich auch an das Thema Homosexualität denken, und an die Debatte, ob sie genetisch bedingt ist oder nicht. Tatsächlich trifft man ja gelegentlich (inzwischen seltener) auf religiöse Menschen, die darauf bestehen, Homosexualität sei nicht genetisch, sondern eher durch Umwelteinflüsse (wie eine schlechte Beziehung zum eigenen Vater oder anderen männlichen Vorbildern bei Schwulen) bedingt. Diese Ansicht findet sich gelegentlich auch unter Katholiken, obwohl sie unter Evangelikalen noch weiter verbreitet zu sein scheint. Dabei ist die Fragestellung sinnlos – oder zumindest von geringem praktischem Interesse. (Weshalb die Kirche auch nichts dazu sagt.) Sowohl Gene als auch Umwelt sind äußerliche Kräfte, die eine Neigung verursachen, für die man eben nichts kann und nach der man nach der katholischen Moral eben nicht handeln darf. Wenn ich eine Neigung zu Jähzorn habe, ist es irrelevant, ob meine Erziehung oder die Gene meiner Mutter dafür verantwortlich sind; ich darf trotzdem nicht jeden anschreien, der mich nervt. Nun gibt es ja verschiedene Arten von Homosexualität; phasenweise in der Pubertät bei manchen, bedingt durch die äußere Situation in Gefängnissen oder früher in Jungeninternaten bei anderen, unveränderlich als bleibende, lebenslange Neigung bei wieder anderen. Dass bei letzterer Art von Homosexualität die Gene zumindest eine Rolle spielen, ist meines beschränkten Wissens nach inzwischen wissenschaftlich belegt.

Was es mit Leuten auf sich hat, die sich als transgender/transsexuell identifizieren – die also körperlich gesehen zum Beispiel eindeutig männlich sind, sich aber als Frau fühlen – ist wieder eine andere, aber auch eine mit den vorigen Fragen zusammenhängende Frage. Neuere Studien legen schließlich nahe, dass auch diese Geschlechtsidentität eine biologische Basis hat, die durch die Entwicklung im Mutterleib bedingt ist – in der ersten Schwangerschaftshälfte bilden sich die Geschlechtsorgane, und erst in der zweiten die geschlechtstypischen Unterschiede im Gehirn, und wenn diese beiden Entwicklungsstufen nicht zusammenpassen, passt die gefühlte Identität nicht zum Körper; könnte man Transsexualität, wenn sie wirklich eine solche biologische Basis hat, also als eine spezielle Form der Intersexualität definieren? Vielleicht, je nachdem, wie man Intersexualität definiert. Aber ich würde sagen, eher nicht. Transsexuelle haben genetisch und organisch gesehen eine klare Geschlechtsidentität; dass sie aufgrund einer späteren Fehlentwicklung an Geschlechtsdysphorie (dem Gefühl, zum falschen Geschlecht zu gehören) leiden, löscht die eigentliche Identität nicht aus, und dass diese Geschlechtsdysphorie eine biologische Basis im Gehirn hat, ist auch nicht besonders überraschend, wenn man sich ansieht, dass z. B. auch Zwangsstörungen, Depressionen, Psychosen, bipolare Störungen und andere psychische Störungen eine biologische Basis im Gehirn haben. Meine psychische Störung redet mir sinnlose Ängste ein, z. B. vor Gift in meinen Tabletten und Einbrechern unter meinem Bett, während der für Angst zuständige Teil in meinem Gehirn sich eigentlich a) mäßigen und b) auf reale Gefahren, wie heiße Herdplatten oder den Straßenverkehr, konzentrieren sollte; und diese Fehlfunktion in meinem Gehirn hat wahrscheinlich irgendeine neurobiologische Basis. Bei anderen Menschen machen andere Stellen im Gehirn eben dahingehend etwas falsch, dass sie einem andere irreale Dinge einreden, z. B. dass man nicht zu dem Geschlecht gehört, zu dem man gehört. Meine schlimmen Vorahnungen werden nicht realer dadurch, dass sie real in meinem Gehirn existieren; ebenso wenig wird jemand durch das wirkliche Gefühl, ein Mann zu sein, ein Mann. (Ob die oben erwähnten Forschungen wissenschaftlich endgültig anerkannt sind, weiß ich übrigens nicht. Bin keine Neurobiologin. Habe nur Google.) Ich würde daher Transsexualität deutlich von Intersexualität unterscheiden; das eine ist eine physische, das andere eine psychiche Störung. Angenehm ist beides wohl nicht. Siehe die hohe Rate an Selbstmordversuchen bei Transsexuellen (vor und nach Geschlechtsumwandlungen).

Sowohl Inter- als auch Transsexualität widerlegen übrigens die These, dass das Geschlecht eine rein kulturelle Konstruktion wäre, etwas, das man sich selbst nach Belieben aussuchen könnte. Vor allem Transsexuelle leiden ja gerade darunter, dass sie das nicht können.

Was man dann in der Praxis mit diesen ganzen Fakten macht, sobald man klare Fakten vor sich hat, ist natürlich eine ganz andere Frage. Geschlechtsumwandlungen für Transgender-Personen, da das ja nur eine Angleichung an das „eigentliche“, seelische Geschlecht bedeuten würde? Sicher nicht. Wir können die körperliche Realität nicht einfach ignorieren – und sie auch nicht mit kosmetischen Veränderungen übertünchen. Wir sind nicht, wie Platon meinte, bloß gefangene Seelen im äußerlichen Käfig eines Körpers, sondern der Körper gehört zu unserem Ich. Oder was ist mit Beziehungen und der Ehe? Kann eine intersexuelle Person nach katholischem Verständnis heiraten – bzw. einen Partner welchen Geschlechts kann sie heiraten? Hier darf man natürlich nicht vergessen, dass „Intersexualität“ eine große Bandbreite medizinischer Störungen beschreibt; die Geschlechtsidentität ist nicht immer völlig uneindeutig, nicht alle Intersexuellen sind sog. „echte Zwitter“. (Dann kommt vermutlich auch ins Spiel, dass laut Kirchenrecht „[d]ie der Ehe vorausgehende und dauernde Unfähigkeit zum Beischlaf, sei sie auf seiten des Mannes oder der Frau, sei sie absolut oder relativ, […] die Ehe aus ihrem Wesen heraus ungültig [macht]“ (Codex des Kanonischen Rechts, Canon 1084, § 1; http://www.vatican.va/archive/DEU0036/__P3Y.HTM); was natürlich auch wieder nicht bei allen Intersexuellen der Fall ist.) Hier ergeben sich jedenfalls einige schwierige Fragen – und eine Debatte unter, sagen wir mal, Kirchenrechtlern oder Moraltheologen dazu wäre etwas wirklich Interessantes.

Was ich mit alldem sagen wollte: Ich denke, wir Katholiken sollten uns solche Fragen bei Gelegenheit auch mal stellen – und zwar ernsthaft, nach Betrachtung dessen, was die neuere Forschung dazu sagt, und ohne alles zusammenzuwerfen. Ein schlechtes Beispiel bietet in dieser Hinsicht meiner Meinung nach Gabriele Kuby, die in einem Artikel in der Tagespost zur Entscheidung des BVG (http://www.die-tagespost.de/politik/Drittes-Geschlecht-per-Erlass;art315,183100) Inter- und Transsexualität einfach in eins wirft, obwohl diese Dinge nicht dasselbe sind, und dann ausführlich über gewisse Formen der Sexualerziehung und eine „Ideologie, die die Wirklichkeit leugnet“ rantet. Könnten wir bitte mal beim Thema bleiben, differenzieren und klar sagen, wo die Wirklichkeit geleugnet wird und wo nicht?

Ja, es geht hier um kleine Minderheiten, aber diese Minderheiten existieren. Manche Leute – auch manche von uns – gehören zu diesen Minderheiten.

Zwangsprostitution und Teilzeitarbeitsquote

Auf katholisch.de ist heute ein Artikel von Andrea Hoffmeier zum Thema Benachteiligung von Frauen erschienen: http://www.katholisch.de/aktuelles/standpunkt/lippenbekenntnis-zur-geschlechtergerechtigkeit Ich habe ihn mal mangels besserer Beschäftigung angeklickt und war bei den ersten paar Sätzen zuerst genervt: „In der Regel merke ich es nicht. Doch dann wird es mir wieder mit voller Wucht vor Augen geführt, sei es in einer Konferenz nur unter Männern oder wie diese Woche durch Zeitungsmeldungen: Von einer Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sind wir noch weit entfernt. Das gilt auch für Deutschland und die ‚fortschrittlichen‘ westlichen Staaten.“ Wo haben wir hier in Deutschland bitte noch fehlende Gleichberechtigung?, habe ich mich gefragt. Was soll das? Ich bin halt in einer Zeit aufgewachsen, in der in Schule und Uni die Gleichberechtigung für mich Normalität war/ist, etwas, das ich als selbstverständlich erwarte, und auch Aktionen wie der Girl’s Day längst etabliert waren. Weiß nicht, wie das für die Autorin des Artikels in ihrer Kindheit, Jugend und ihrer Zeit als junge Erwachsene war. Sie wirkt auf ihrem Foto ein paar Jahrzehnte älter als ich; vielleicht ist ihr deshalb das Thema wichtiger als mir.

Aber dann habe ich weitergelesen und sie macht mit dem Thema Zwangsprostitution weiter: „Deutschland ist eines der Hauptabnahmeländer für Zwangsprostituierte in Europa.“ Und ich denke mir: Oh ja, da hat sie Recht! Wir denken, wir wären so fortschrittlich, aber da, wo wir nicht hinschauen (wollen), geschieht immer noch schlimmes Unrecht, Menschenhandel, Ausbeutung. Es geht dann im Artikel weiter mit dem Weinstein-Skandal und Belästigung am Arbeitsplatz, und ja, es ist ja auch wichtig, sicherzustellen, dass Chefs mit sexueller Belästigung nicht einfach davonkommen, da gibt es wohl an manchen Stellen auch bei uns noch was zu tun. Zustimmung hier, auch wenn das kein so schlimmes Problem ist wie Zwangsprostitution.

Und dann… leitet sie zu den „weniger extreme[n] Themen“ über wie zum Beispiel „hohe Teilzeitarbeitsquote und daraus folgende Altersarmut“; und ich denke mir: What the fuck.

Nicht deshalb, weil ich eine hohe Teilzeitarbeitsquote für ein Luxusproblem halten würde, so à la „Was beschwert ihr euch, schaut mal, wie es Frauen in Afghanistan und Saudi-Arabien geht“. Nein, ich halte eine hohe Teilzeitarbeitsquote für überhaupt kein Problem. Viele Frauen wollen in Teilzeit arbeiten – meine Mutter zum Beispiel auch. Ich kenne einen Personalchef einer Behörde, der einige Schwierigkeiten damit hat, ausreichend Teilzeitarbeitsplätze für die vielen weiblichen Angestellten zu schaffen, die nach ein paar Jahren beim Kind zu Hause wieder in den Job zurückkehren möchten, aber eben erst mal nur mit 20 oder auch bloß 15 Wochenarbeitsstunden. Und ja, das ist oft ein Luxus; meine Mutter zum Beispiel kann sich Teilzeitarbeit (und davor ein langes Hausfrauendasein) leisten, weil mein Vater gut verdient und eine gute Rente bekommen wird. Aber wenn aus Teilzeitarbeit in anderen Fällen oft Altersarmut resultiert, dann ist das ein Problem mit dem deutschen Rentensystem, und nicht mit der Teilzeitarbeit. Frauen wollen Teilzeitarbeit, weil sie z. B. (kleine) Kinder haben, viel Arbeit mit dem Haushalt (vor allem, wenn mehrere Kinder da sind – eine große Familie macht auch dann noch viel Arbeit, wenn die Kinder in der Schule sind) oder pflegebedürftige ältere Angehörige. Frau Hoffmeiers Antwort wäre, Kinder und Alte auszulagern und bei der Hausarbeit mit den Achseln zu zucken, ohne die Frauen zu fragen, ob sie das wollen. Ich halte Teilzeit für eine gute Lösung gerade für Frauen mit Kindern im Schulalter; während die Kinder aus dem Haus sind, verdient man etwas dazu, und trotzdem wächst einem der Haushalt nicht über den Kopf und man kann noch etwas Zeit mit den Kindern verbringen und sie am Nachmittag zum Fußballtraining, zum Pfadfindertreffen, zur besten Freundin oder zur Flötenstunde fahren. Es wäre etwas Gutes für Frauen, wenn es mehr Teilzeitarbeitsplätze gäbe und dafür Erziehungs- oder Pflegearbeit in der Familie stärker für die Rente angerechnet würden.

Es gäbe auch so viele andere Probleme, die man in einem solchen Artikel noch hätte ansprechen können – auch Probleme, die mit anderen Kulturen nach Deutschland gekommen sind. Wenn Mädchen in den Sommerferien in die Türkei geflogen und mit ihrem Cousin zwangsverheiratet werden, ist das ein Problem, gegen das man etwas tun müsste. Es gibt auch eine wachsende Anzahl von Genitalverstümmelungen hierzulande. Aber natürlich haben wir auch unsere hausgemachten Probleme: Immer weniger Leute sehen es zum Beispiel als irgendwie anrüchig oder problematisch, wenn kinderlose Paare eine thailändische Leihmutter anheuern – ohne sich zu fragen, ob das nicht vielleicht irgendwie Ausbeutung sein könnte. Man könnte hier noch etliche wirkliche Probleme ansprechen.

Aber wenn man zwei Sätze über Zwangsprostitution schreibt und sich dann ausführlich darüber auslässt, dass Frauen immer noch zu wenig arbeiten und zu wenige Führungspositionen besetzen, was „aus einer nach wie vor tiefsitzenden diskriminierenden Haltung und dem Erhalt männlicher Machtstrukturen“ resultiere, dann ist das einfach, sagen wir mal kontraproduktiv. Wie viele Leute lesen diesen Artikel und denken sich „tiefsitzende Haltung… männliche Machstrukturen… bla… bla… interessiert mich nicht“, und denken dann auch nicht mehr an Zwangsprostitution?

Und wieso sind mir diese Machtstrukturen eigentlich noch nie aufgefallen? Let’s face it: An den deutschen Unis zum Beispiel sind die Bedingungen für Frauen wunderbar, und viele Personalabteilungen stellen Frauen „bei gleicher Eignung bevorzugt“ ein. (Zum Beispiel auch die der oben erwähnten Behörde, wo man sich auch um Teilzeitarbeitsplätze bemüht.) Wo sind hier die Machtstrukturen? Die meisten Frauen leben hierzulande völlig gleichberechtigt; wir haben Bildung, politische Teilhaberechte, freie Berufswahl, in der Öffentlichkeit werden Frauen gehört… was genau ist hier das Problem?

Wenn man Zwangsprostitution schlimm findet, sollte man über Zwangsprostitution schreiben und dann was gegen Zwangsprostitution tun; man könnte zum Beispiel Solwodi (https://www.solwodi.de/791.0.html ) unterstützen. Man sollte nicht anfangen, stattdessen von allgegenwärtigen Machtstrukturen zu reden, die sich in einem bloß 30-prozentigen Frauenanteil im Bundestag und einer hohen Teilzeitarbeitsquote ausdrücken. Das hilft keinem Opfer von Menschenhandel in irgendeinem deutschen Bordell.

 

 

Denken nicht notwendig

Jedenfalls laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das über Facebook verkündet:

„Du musst keine Dichter und Denker schaffen. Aber du kannst deine Schüler_innen für Demokratie begeistern.“

Okay, also, Bildung und eigenständiges Denken brauchen wir ja nicht unbedingt, es genügt, liebe Lehrer, wenn ihr der Jugend nahebringt, unser politisches System toll zu finden. Angesichts der großen Gefahr, dass sie zu Monarchisten oder Anarchisten werden, ist das eure drängendste Aufgabe!

Liebes Ministerium: Wenn ihr die Demokratie schon so toll findet, wäre es auch ganz sinnvoll, darüber nachzudenken, was sie bedeutet. Ja, ja, Denken muss nicht sein, ich weiß, aber zwischendurch kann es ja vielleicht nicht schaden.

„Demokratie“, liebes Ministerium – gut zuhören jetzt -, kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Herrschaft des Volkes“. Nun haben die alten Griechen zwar unter einer Volksherrschaft etwas Anderes verstanden als wir und würden unser System eher als eine Mischung aus Aristokratie („Herrschaft der Besten“, also einer Elite) und Monarchie („Herrschaft eines Einzelnen“) mit ein paar demokratischen Elementen, die alle paar Jahre ins Spiel kommen, bezeichnen. Aber wir sind ja auch keine kleine griechische Polis mehr, in der das „Volk“ (d. h. für die alten Griechen die freien Männer mit Bürgerrecht) recht überschaubar war und sich in seinem Alltagsleben hauptsächlich der Politik widmen konnte; ich hab ja an sich nicht so arg viel gegen unser Herrschaftssystem.

Aber, liebes Ministerium, ein Herrschaftssystem ist kein Selbstzweck, sondern dient dazu, sinnvolle Ergebnisse in der Regierung eines Landes hervorzubringen. Es soll das Recht durchsetzen, die Freiheit des Einzelnen wahren, und das Gemeinwohl fördern. Dazu halten viele Leute die Demokratie für sinnvoll, da mit ihrer Hilfe die Interessen aller Bürger, nicht nur die einzelner, Gehör finden können sollen. Um eine solche gute Regierung hinzubekommen, müssen allerdings diejenigen, die die konkreten Entscheidungen zu diesen Zwecken treffen, Ahnung von der Sache haben und – Achtung, jetzt kommt’s! – denken können. Und wer soll in einer Demokratie (also, theoretisch, dem Wortsinn nach) noch mal die zentralen politischen Entscheidungen treffen? Richtig, liebes Ministerium: das Volk. Genau das Volk, zu dem auch die Schüler_innen der angesprochenen Lehrer gehören (bzw., wenn man den politisch mündigen Anteil des Volkes meint: nach ihrer Volljährigkeit gehören werden).

Und, nur für den Fall, dass das eine neue Information für Sie ist, es gibt – wirklich! – auch andere Lebensbereiche als die Politik. Schüler_innen werden in ihrem Leben noch anderes zu tun haben, als ihre Begeisterung für die Demokratie zu demonstrieren. Sie könnten zum Beispiel einen Ölwechsel am Auto machen müssen. Oder die Verehrung eines kommunistischen Mörders und Diktatorenhelfers, dessen Tod sich zufälig zum fünfzigsten Mal jährt, demontieren müssen (https://www.nzz.ch/international/che-guevara-der-gescheiterte-messias-der-weltrevolution-ld.1320789 ). Oder mithilfe der Deutschen Bahn nach Hamburg gelangen. Oder den Gesamtpreis eines Einkaufs ausrechnen. Oder Simbabwe auf der Landkarte finden. Oder eine Software installieren, oder einem Unfallopfer Erste Hilfe leisten, oder einen Text von Kant verstehen, oder ein Krippenspiel organisieren, oder einen Apfelkuchen backen. Ich sage ja nicht, dass die Schule zwangsläufig das Kuchenbacken lehren muss; ich meine nur, dass sie noch was anderes lehren könnte als Begeisterung für das deutsche politische System; das hatte sich auch das Schulsystem der Deutschen Demokratischen Republik als Ziel gesetzt. Zum Beispiel könnte sie den Schülern Anhaltspunkte dazu geben, über die Fragen nachzudenken, die die großen „Dichter und Denker“ bewegten: Was ist der Mensch? Was soll ich tun? Was kann ich hoffen? Sind Social-Media-Präsenzen von Bundesministerien für irgendwas gut?

Vielleicht wäre es letzten Endes sogar dem Staatswesen nicht völlig unnütz, wenn ein paar der Bürger sich solche Fragen schon gestellt hätten.