Ansehen!

Die Antisemitismus-Doku, die Arte in Auftrag gegeben hatte und dann nicht veröffentlichen wollte, wird heute – nur heute, leider – von der BILD (ja, ja, ich weiß) im Internet gezeigt: http://www.bild.de/politik/inland/bild/zeigt-die-doku-die-arte-nicht-zeigen-will-52155394.bild.html

Diese Doku sollte jeder sehen, der

  • …meint, „ich bin nicht antisemitisch, sondern antizionistisch, Zionismus ist Imperialismus“
  • …meint, „Israel verhält sich so, wie sich früher die Nazis verhalten haben / Israel ist ein Apartheidsregime“
  • …“richtigen“ Antisemitismus höchstens für ein Problem der NPD hält
  • …das pure Ausmaß an linkem, an rechtem und an muslimischem Antisemitismus einfach nicht kennt
  • …die Verbindungen zwischen diesen Formen des Antisemitismus nicht kennt (z. B. Hitlers Draht zu Großmufti Al-Husseini von Jerusalem, oder die vielen linken Verbindungen zu palästinensischen Terrororganisationen)
  • …nicht weiß, wie viel Geld Organisationen wie die Hamas von EU oder UNO erhalten – oder nicht weiß, wie die Vorstellungen von Organisationen wie der Hamas von einem Frieden in Nahost aussehen. (Tipp: Wenn das ganze Land judenrein ist, gibt es auch keinen Konflikt mehr.)
  • …nicht weiß, wo zuletzt von wem unwidersprochen und ohne jeden gesellschaftlichen Aufschrei „Juden ins Gas“ auf einer Demonstration gerufen wurde. (Tipp: Es waren keine sächsischen Skinheads bei Pegida.)
  • …nicht weiß, wie weit Verschwörungstheorien über das internationale Finanz(juden)tum, das hinter der Macht Amerikas steht, noch verbreitet sind.

Die Doku zeigt vor allem eines, nämlich dass die klare Grenze, die für gewöhnlich so bequemerweise zwischen Antisemitismus (der bösen Nazi-Weltanschauung, die natürlich niemand vertritt) und Antizionismus (akzeptiert im Mainstream, auf Kirchentagen, im EU-Parlament und ganz offenbar bei Arte vertreten) gezogen wird, nicht ganz so einfach zu ziehen ist.  Die Doku geht außerdem ein paar der Vorurteile gegen Israel nach und zeigt so, dass diese oft lediglich auf Fehlinformationen beruhen (z. B. über die Situation im Westjordanland oder im Gazastreifen, oder über den Krieg von 1948). Außerdem informiert sie ein wenig über den historischen Hintergrund des Antisemitismus, über Holocaustleugnung usw.

Sie hat ein paar kleine Mängel – zum Beispiel gegen Anfang, als es einleitend um die weiter zurückliegende Geschichte des christlichen Antisemitismus (der spätere Antisemitismus des 19. und 20. Jahrunderts war bekanntlich eher rassistisch motiviert als religiös) geht. An einer Stelle wird sich ernsthaft darüber beschwert, dass der Verräter in den christlichen Evangelien den Namen „Judas“ trägt. Ähm, na ja, Judas Iskariot hieß nun mal so, ebenso wie der heilige Apostel Judas Thaddäus oder Judas der Makkabäer aus dem Alten Testament. Aber auch wenn ein paar solche Mängel existieren, die Dokumentation des heutigen Judenhasses ist auf jeden Fall sehenswert.

Bitte ansehen!

 

Update: Jetzt auch auf Youtube:

 

 

 

Die Frage „Sind Religionen gut oder schlecht?“…

…macht in etwa so viel Sinn wie die Frage „Sind politische Parteien gut oder schlecht?“.

Mit schöner Regelmäßigkeit kommt nach islamistischen Anschlägen oder bei Diskussionen um ein Burkaverbot oder auch ohne näheren Anlass von anti-theistischer* Seite die Behauptung auf, Religionen seien einfach alle problematisch und sie alle hätten zumindest in der Öffentlichkeit nichts verloren – als „Privatsache“ könne man sie ja evtl. noch dulden, aber mehr bitte schön nicht.

Hier sind mehrere blödsinnige Vorstellungen vorhanden; aber eine, die sofort ins Auge sticht, ist natürlich diese – geben wir der Sache mal einfach einen positiv klingenden Namen – Gleichsetzung aller Religionen.

Sorry, aber: Das funktioniert einfach nicht. Die Azteken opferten am laufenden Band Menschen und führten sogar eigene Kriege, um genügend Gefangene für ihre Zeremonien zusammenzubekommen, da sie glaubten, dass die Götter von menschlichem Blut ernährt werden müssten und die Sonne nicht mehr aufgehen würde, wenn die Opfer aufhörten. Das war auch eine Religion. Scientology ist auch eine „Religion“, und auch deren Praktiken sind, na ja, ähm… nicht immer sauber. Die paar Dutzend Mitglieder der US-amerikanischen Westboro Baptist Church stehen bei Soldatenbegräbnissen und vor Gebäuden anderer Religionen mit Schildern wie „Gott hasst Schwuchteln“, „Gott hasst Amerika“, „Priester vergewaltigen Kinder“, „Israel ist verdammt“ oder „Gott hasst Oklahoma“ herum, und darin besteht ihre Verkündigung und Glaubenspraxis. 900 Mitglieder der Gruppierung „Peoples Temple“ töteten sich 1978 auf Anweisung ihres Gurus. Und es gibt eben andere Religionen, die tun so etwas nicht, sondern tun vielleicht sogar ab und zu mal Gutes, auch wenn sich das manche Leute kaum vorstellen zu können scheinen.

Die Evangelikalen nicht dasselbe wie die Zeugen Jehovas, und Voodoo ist nicht dasselbe wie Konfuzianismus, und Buddhismus ist nicht dasselbe wie Mormonentum, und Salafismus ist nicht dasselbe wie Katholizismus. Sollte eigentlich nicht allzu schwer zu verstehen sein.

Okay, ich denke, wir sind uns mal alle einig (Hand hoch, wer es anders sieht), dass ein Staat, in dem verschiedene religiöse Gruppen zusammenleben, diesen nicht vorzuschreiben hat, irgendeine bestimmte Religion anzunehmen. Aber die Religionsfreiheit ist, wie alle Rechte, auch kein grenzenloses Recht. Sie gilt so lange, wie die Leute die grundsätzlichen Regeln eines friedlichen Zusammenlebens achten, und ja, das kann auch heißen, dass ein Staat im Rahmen der Religionsfreiheit den größten Schmarrn tolerieren muss (ich betone: muss), weil er nicht die Regeln des Zusammenlebens gefährdet, aber manchmal gilt sie eben nicht mehr. Zum Beispiel dann, wenn man im Namen seiner Religion Terroranschläge verüben, abgefallene Gläubige oder unkeusche weibliche Familienmitglieder töten, Schariagerichte einführen oder für den Dschihad werben will.

Wie gesagt, das ist ein bisschen wie bei politischen Parteien. Ich kann die SPD nicht leiden, aber sie bewegt sich noch immer im Rahmen des Erlaubten – ähnlich wie im religiösen Bereich vielleicht, sagen wir mal, die EKD. In diesem Rahmen bewegen sich sehr viele Parteien – CDU, CSU, FDP, ÖDP, Freie Wähler, Grüne, was es sonst noch so gibt. Natürlich kann man als Wähler der Meinung sein, dass nur eine dieser Parteien die beste Lösung für die Probleme im Land bietet, ebenso wie man als religiöser Mensch der Meinung sein wird, dass nur seine eigene Gemeinschaft die Wahrheit verkündet; aber deswegen kann man die anderen trotzdem noch dulden. Dann gibt es so „Randfälle“ wie die Nachfolgepartei der SED oder die Reichsbürgerbewegung (keine Partei, ich weiß, aber trotzdem ein guter Vergleich aus dem säkularen Bereich) – vergleichbar mit Mehr-oder-weniger-Sekten wie den Zeugen Jehovas oder richtigen Sekten wie den Zwölf Stämmen oder Scientology, vor denen Sektenberatungsstellen warnen und gegen die der Staat evtl. mal mit einzelnen Maßnahmen (Kindesentzug, Maßnahmen gegen Beamte oder Angestellte im Öffentlichen Dienst, die sich diesen Gruppierungen angeschlossen haben) vorgeht, die er aber nicht ganz verbieten kann und will. Dann gibt es klar verfassungsfeindliche Parteien wie die NPD (für deren ausbleibendes Verbot das Bundesverfassungsgericht eine meiner Meinung nach sehr seltsame und nicht stichhaltige Begründung geliefert hat); im religiösen Bereich vergleichbar mit gewaltbereiten Dschihadisten.

Die SPD ist nicht dasselbe wie die NSdAP, die Republikaner sind nicht dasselbe wie die KPdSU, der Front National ist nicht dasselbe wie die Grünen, die CSU ist nicht dasselbe wie die Piratenpartei. Sollte eigentlich auch klar sein.

Was nun speziell den Islam angeht, da wir von ihm als Beispiel ausgegangen sind: Der ist natürlich wie das Christentum in ganz verschiedene Konfessionen und Fraktionen gespalten, und jede muss für sich betrachtet werden; aber ich denke, es ist trotzdem unschwer zu erkennen, dass er schon problematischer sein könnte als eben – beispielsweise – das Christentum. (Oder das Judentum, oder der Konfuzianismus, oder der Taoismus…) Um das zu beurteilen, würde ich erst einmal alle späteren Entwicklungen und Streitigkeiten und Abspaltungen außer Acht lassen und ganz einfach auf die Gründer dieser beiden Weltreligionen schauen. Da könnte man sich zum Beispiel folgende Fragen stellen:

  1. Wie viele Kriege hat Jesus geführt?
  2. Wie viele Stämme hat Jesus massakrieren (Männer) bzw. versklaven (Frauen und Kinder) lassen?
  3. Wie viele Sklavinnen hatte Jesus?
  4. Mit wie vielen Kindern hatte Jesus Geschlechtsverkehr?

Wenn man mittlerweile vor Empörung aufhören will, zu lesen, weil die Fragen schon zu blasphemisch klingen, dann Gratulation! Wir haben erfolgreich einige Dinge herausgefunden, in denen sich Jesus von Nazareth von Mohammed – und ja, dem Mohammed der islamischen Geschichtsschreibung, der Hadithen und des Korans – unterscheidet.** Also, ja, ich würde sagen, man kann mit Fug und Recht behaupten, dass das Christentum besser ist als der Islam.

Nun noch zur generellen Frage: Sollen Religionen „Privatsache“ sein? Nein, natürlich sollen sie das nicht! Jede Überzeugung [die sich innerhalb des oben umrissenen Rahmens befindet] darf ja wohl bitte schön auch zu gesellschaftlichem Engagement führen und muss nicht im stillen Kämmerlein verborgen werden. Ist Vegetarismus „Privatsache“? Ist der Glaube an „aufklärerische Werte“ [dem Mythos „Aufklärung“ muss ich übrigens dringend mal noch ein paar eigene Beiträge widmen] „Privatsache“? Sind sogar so blödsinnige Überzeugungen wie die von Impfgegnern oder Homöopathen Privatsache? Nein, natürlich nicht; jeder dieser Leute hat das Recht, für sie in der Öffentlichkeit einzutreten.

Auch Anti-Religiöse, die dafür eintreten, alle religiösen Äußerungen aus der Öffentlichkeit zu verbannen, haben dieses Recht übrigens. Wobei man bei ihnen natürlich schon irgendwann fragen dürfte, wo evtl. die Grenze zur verfassungsfeindlichen Forderung nach unzulässiger Beschränkung der Meinungs- und Glaubensfreiheit überschritten werden könnte…

 

* Ich habe bewusst dieses Wort verwendet, da Anti-Theismus nicht deckungsgleich mit Atheismus ist; nicht alle Atheisten sind Anti-Theisten.

** (Für weitere Informationen, s. z. B. hier: 1. https://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed, 2. https://de.wikipedia.org/wiki/Banu_Quraiza, 3. https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_al-Qibtiyya, 4. https://de.wikipedia.org/wiki/Aischa_bint_Abi_Bakr )

 

Schon wieder

Schon wieder sind in Ägypten Kirchen angegriffen worden. Am Palmsonntag, wo sie voll waren. Viele Tote, viele Verletzte. (https://www.welt.de/politik/ausland/article163547379/IS-bekennt-sich-zu-Bombenexplosionen-in-zwei-Kirchen.html) Wir bedanken uns bei der Religion des Friedens.

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Und hilf den verletzten Opfern, und den trauernden Familien. Hilf, dass dieser Terror ein Ende findet.

 

Ich hab’s ja schon immer gewusst…

Nun sagt es auch Der Postillon, allgemein schließlich als das verlässlichste Presseorgan der Republik bekannt: „Umfrage: Martin Schulz so beliebt wegen seiner hervorragenden Beliebtheitswerte“:

„Endlich ist sein Geheimnis gelüftet: In einer aktuellen Umfrage hat das Meinungsforschungsintitut Opinion Control herausgefunden, warum Martin Schulz trotz bislang nur weniger konkreter politischer Vorschläge derzeit so hohe Beliebtheitswerte in Umfragen erzielt. Demnach ist der SPD-Kanzlerkandidat vor allem deshalb so beliebt, weil er so beliebt ist. […] Offenbar sind die Befragten der Meinung, dass jemand, der beim Volk derartig beliebt ist, wohl kaum ein schlechter Mensch sein kann.

Die einzige Möglichkeit, wie Martin Schulz vor der Bundestagswahl noch an Boden verlieren könnte, so Geiwasser weiter, wären Umfragen, in denen er schlecht abschneiden würde. Dies sei bei seinen derzeitigen Beliebtheitswerten allerdings nur schwer vorstellbar.“

(http://www.der-postillon.com/2017/03/martin-schulz-beliebtheit.html)

Ich meine, jetzt mal ganz ernsthaft… glaubt denn irgendjemand, dass Meinungsbildung im Allgemeinen anders funktionieren würde?

(Wobei ich persönlich ja sowieso nicht nachvollziehen kann, weshalb irgendjemand eine Partei, die mit der umbenannten SED koalieren will, überhaupt für wählbar halten könnte… aber das ist wiederum ein anderes Thema.)

Die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts aus Sicht eines Menschen mit Todeswunsch

Sie ist schlecht, schlecht, schlecht. Das denke ich.

Sehen Sie, ich bin depressiv, seit einiger Zeit. Man könnte außerdem sagen, ich leide an einer unheilbaren Krankheit – damit meine ich nicht meine Depression, sondern eine körperliche Krankheit, die die Depression mit bedingt hat. (Wenn es einem schlecht geht, ist man nie gut drauf.) Oh, ich meine keine tödliche Krankheit. Ich meine eine unheilbare – d. h. eine chronische, die ich bis zu meinem Lebensende, bis zu dem es statistisch gesehen durchaus noch 60 Jahre dauern könnte, nicht loswerden werde, jedenfalls nicht nach dem heutigen Stand der Medizin. Im Alltag sehr störend, aber sicher nicht tödlich.

Und, wie gesagt, ich bin depressiv. Zu meiner Depression gehört auch ein gewisser Todeswunsch. Ich habe keine Selbstmordpläne, sehen Sie, ich plane, mich nicht umzubringen – es besteht noch kein Grund, mich stationär behandeln zu lassen. (Ich habe mir übrigens inzwischen psychologische Hilfe gesucht, keine Angst.) Aber der Gedanke an den Tod hat für mich überhaupt nichts Beängstigendes an sich, im Gegenteil. Wenn ich einen Unfall haben und sofort sterben könnte – oh, das wäre schön. Na ja, es gibt da natürlich auch noch so Ängste, was das Jenseits angeht, die ich auch noch habe, aber sagen wir mal, wenn ich frisch von der Beichte einen Unfall haben könnte, das Fegefeuer dann nicht zu lang ausfiele, und so – oh, das wäre schön. Ich sehne mich nach Ruhe, ich sehne mich nach Schlaf, ich sehne mich nach Frieden und nach Sicherheit.

Klar, es gibt manche Dinge, die dann schade wären. Ich könnte manche Dinge nicht mehr vollenden, die ich angefangen habe – hatte ich schon mal erwähnt, dass ich Hobbyschriftstellerin bin und im Moment an einer Roman-Trilogie arbeite, die ich erst halb fertig habe, und die ich gerne irgendwann ganz fertig hätte und auch versuchsweise mal an einen Verlag schicken wollen würde? Es gibt noch andere Dinge. Und meine Familie wäre da natürlich. Das ist auch einer der wichtigsten Gründe, wieso ich mich nicht töten werde – ich will das meiner Familie nicht antun.

Aber wenn das Schreiben und diese Dinge nicht wären, wenn ich keine Familie hätte, und vor allem, wenn es nicht vor Gott falsch wäre (was es aber leider ist), ein tödliches Medikament zu nehmen – dann würde ich das gerne tun. Das wäre schön. Ich hoffe immer wieder, dass ich nicht mehr so arg lange leben muss. Ja, mit Anfang zwanzig. (Viel Glück dabei.)

Na ja, da ich so denke, könnte man nun ja meinen, ich würde die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts pro Sterbehilfe begrüßen. Das tue ich nicht. Sehen Sie, ich habe meine fünf Sinne noch so weit zusammen, dass ich weiß, dass ich psychisch krank bin. Wenn ich noch kränker wäre, wäre das vielleicht nicht mehr der Fall, aber ich würde noch mehr leiden, und vielleicht nach Sterbehilfe verlangen. Und ich will nicht, dass man mir in einem solchen Fall eine Giftspritze verabreichen würde. Das heißt, ich will es in gewissem Sinne schon – ich fände es schön; ich finde den Gedanken sogar schrecklich, Leid ausgeliefert zu sein, dem andere Menschen nicht abhelfen werden, auch wenn ich sie darum verzweifelt bitten würde. Aber ich lehne es rational als falsch ab. Man müsste mir in so einem Fall auf andere Weise helfen. (Zum Beispiel damit, meine körperliche Krankheit ernst zu nehmen, wobei Ärzte nicht immer vorne mit dabei sind.)

Zuallererst liegt der Grund für meine Einstellung natürlich in meinem Glauben. Ich glaube, dass es einen Sinn haben muss, wieso Gott mir dieses Leben, das ich nicht wirklich mag, sondern eher ertrage, noch zumutet. Ich habe Angst vor meinem weiteren Leben, und ich mag es nicht besonders, aber ich sehe rein rational, dass es einen Sinn haben muss. Ich glaube, dass auch Leiden einen Sinn haben muss, dass Gott, der selber so gelitten hat, einen Sinn daraus entstehen lassen kann, auch wenn es schrecklich ist, und dass ich nicht das Recht habe, „Gott zu spielen“, und mich selbst zu schädigen oder zu töten. Dass ich mir auch selbst die Liebe schuldig bin, die ich allen Menschen schulde – liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich will außerdem nicht, dass geistig gesunde Menschen leidende Menschen töten oder ihnen zum Selbstmord verhelfen, um ihretwillen – ich will nicht, dass sie diese Schuld auf sich laden. Ich würde nicht wollen, dass jemand mir zum Sterben „verhilft“; er würde damit eine schwere Schuld auf sich laden, und das will ich nicht.

Dann ist da natürlich noch die theoretische Möglichkeit – an die ich zwar im Moment nicht wirklich glaube, aber sei’s drum – dass es im Lauf der Zeit wieder besser werden könnte. Dass man eine Medizin gegen meine Krankheit findet, dass meine Depression irgendwann weggeht (ja, Depressionen kann man behandeln). Jedenfalls bin ich durchaus ganz froh, dass ich von meinem Umfeld nicht einfach zu hören kriege „Dann kannst du dich ja umbringen“, sondern dass man mir hilft, mit meiner Krankheit umzugehen und meine Depression loszuwerden. Vielleicht werde ich irgendwann einmal auch wirklich froh sein, noch am Leben zu sein.

Dann sind da noch andere, mehr allgemeine Gründe. Was würde geschehen, wenn Sterbehilfe normal würde? Ganz einfach, das, was in den Niederlanden geschieht. Es würde erwartet werden, sie in Anspruch zu nehmen, vor allem von alten, dementen oder von behinderten Menschen, die bloß noch Kosten für das Gesundheitssystem verursachen. Sie denken, ich übertreibe? Dann überlegen Sie mal, wieso Rentner die Niederlande verlassen. Der Druck würde steigen. Man würde sich weniger darum kümmern, Behandlungsmethoden zu finden, ordentliche Mittel zur Schmerzbekämpfung und so weiter, man würde die Palliativmedizin zurückschrauben, die Suizidprävention natürlich erst recht.

Und Sterbehilfe würde auch für Menschen wie mich nach und nach normal werden. Ich bin „unheilbar krank“, ich leide (auch psychisch, was ebenso real ist wie physisch; und ja, es haben in anderen Ländern schon Menschen wegen psychischer Krankheiten Sterbehilfe erhalten). Wer kann sagen, dass mein Leiden nicht genug ist, um zu zählen? Überhaupt – wieso muss man leiden, um einen selbstbestimmten Tod sterben zu dürfen, wenn die Selbstbestimmung so wichtig ist – ja, angeblich sogar im Grundgesetz garantiert? (Nebenbei, diese Auslegung des Grundgesetzes ist aus meiner Sicht lachhaft. (Und ja, ich habe keine Ahnung von Jura.) Die dort garantierte Selbstbestimmung ist bekanntlich nicht absolut, und wenn sie es nicht ist, dann können Richter, solange das gesetzlich nicht geregelt ist, auch nicht einfach erklären, dass sie zwangsläufig das Recht auf Selbsttötung umfasst, vor allem nicht in dem Sinne, dass der Staat dabei behilflich sein muss. Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass die Verfasser des Grundgesetzes auch nur daran gedacht hätten, dass Hilfe durch das Gesundheitssystem zum Selbstmord unter das Selbstbestimmungsrecht fallen könnte? A propos Verfassungsrecht: Wer hat diesen Richtern, anstelle z. B. des gewählten Parlaments, die Vollmacht gegeben, solche Entscheidungen zu treffen?) Wenn diese Selbstbestimmung so wichtig wäre – wie könnte man es dann noch rechtfertigen, Menschen, die sich ritzen, oder magersüchtige Mädchen, die sich halb zu Tode hungern, oder Menschen, die drohen, sich umzubringen, in eine Psychiatrie einweisen zu lassen? Eine solche Behandlung hilft und tut gut, ich weiß das von Bekannten, die selbst schon eine Zeitlang stationär behandelt wurden (ich selber musste noch nicht in die Psychiatrie, und mir persönlich wäre es auch lieber, das zu vermeiden, aber nicht, weil ich Vorurteile gegen ein „Irrenhaus“ habe, sondern weil ich lieber daheim bei meiner Familie sein will und aus anderen persönlichen Gründen; aber die Psychiatrie ist an sich etwas sehr Gutes, wo sich um einen gekümmert wird, und ich kann mir gut vorstellen, dass es für andere psychisch kranke Menschen sogar eine Erleichterung ist, wenn man ihnen vorschlägt, ob nicht ein stationärer Aufenthalt für einige Wochen ihnen vielleicht helfen würde). Aber wie könnte man es rechtfertigen, Menschen ins BKH einweisen zu lassen, wenn Selbstbestimmung alles ist? Die Antwort muss lauten, sie darf nicht alles sein.

Die Rede von der Selbstbestimmung ist ein Mythos, sehen Sie. Die allermeisten Selbstmörder sind depressiv. Sie sind nicht selbstbestimmt. Ein Verwandter von mir ist vor ein paar Jahren durch Selbstmord ums Leben gekommen. Ich weiß noch, dass auf seiner Beerdigung (der aus Indien stammende Dorfpfarrer sagte in der Messe kein Wort über seine Todesursache, und auch niemand von der Verwandtschaft erwähnte etwas davon) seine Chefin am Grab, als alle noch anstanden, um Weihwasser aus dem kleinen danebenstehenden Becken auf den Sarg zu spritzen und sich dabei zu bekreuzigen, wenn sie an der Reihe waren, wie man das eben bei Beerdigungen so macht, als sie an der Reihe war, kurz so etwas sagte, wie, dass er bis zuletzt selbstbestimmt gewesen sei. Sie hielt das wohl für irgendwie tröstlich oder so. Wie bitte?, dachte ich mir schon damals. Mein Verwandter war nicht selbstbestimmt gewesen, er war nicht selbstbestimmt gestorben. Er hatte offensichtlich an einer schweren Depression gelitten, die er vor der Welt verborgen hatte, er hatte es nicht mehr geschafft, sein Haus auch nur ein bisschen in Ordnung zu halten, und schließlich hatte er sich erhängt, weil er seinen psychischen Schmerz nicht mehr ausgehalten haben muss. Das hat nichts mit Selbstbestimmung zu tun, gar nichts.

Kann ich meine Leser an dieser Stelle bitten, ein kurzes Gebet für meinen Verwandten zu sprechen? Ich bete auch immer wieder für ihn, und ich hoffe, dass er jetzt dort ist, wo alle Schmerzen und alle Leiden ein Ende haben, wo alle Tränen abgewischt werden, wo der Tod nicht mehr sein wird, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal.

Ich hoffe, dass ich auch irgendwann dort sein werde, aber jetzt ist meine Zeit wohl noch nicht gekommen, und es ist nicht an mir, zu entscheiden, wann sie gekommen ist. Ich will irgendwann bei Jesus sein, aber dann, wenn Er es für richtig hält, nicht dann, wenn ich es für richtig halte.

 

Falls das hier jemand liest, der selber Selbstmordgedanken hat: Hier ist die Telefonnummer der Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de/); dort muss 24 Stunden am Tag jemand zu erreichen sein, selbstverständlich anonym, und selbstverständlich auch für Leute ohne jede Kirchenzugehörigkeit: 0800 111 0 111 Es gibt auf deren Internetseite auch Mailberatung und Chatberatung. Und hier ist eine Seite, die bei der Suche nach einem Psychotherapieplatz hilft, und einige Informationen zur Psychotherapie bietet: http://www.psychotherapiesuche.de/ Nicht die Hoffnung verlieren! Man kann was machen, und schon Reden hilft oft, wirklich; und Psychotherapie ist übrigens auch nicht zwangsläufig nur Psychoanalyse („Hat es vielleicht ein Kindheitstrauma ausgelöst, dass Sie als Baby einmal nicht ordentlich gewickelt wurden?“ Sorry, ich habe gewisse Vorurteile gegen Psychoanalyse; ich weiß, dass sie nicht zwangsläufig so ist. Aber jedenfalls, es gibt auch Psychotherapieformen, die meiner persönlichen Ansicht nach wesentlich besser helfen als Psychoanalyse. Verhaltenstherapie zum Beispiel.) Mich darf man übrigens auch gerne über die „Contact“-Seite kontaktieren, auch wenn ich als Laiin wohl nicht wirklich helfen kann. Normalerweise schaffe ich es, wenigstens regelmäßig daran zu denken, meine E-Mails nachzuschauen…

 

PS: Es wäre nett, wenn ihr diesen Beitrag teilen könntet.

Ein paar Fundstücke zu Politik, Heiligkeit und den kleinen oder doch nicht so kleinen Problemen des Lebens

Heute mal wieder ein paar Fundstücke aus der großen weiten Welt des Internets:

Bei Cicero kommt Hannah Arendts Analyse von Elementen und Ursprüngen des Totalitarismus ausführlich zu Wort (http://cicero.de/salon/Lektionen-von-Hannah-Arendtzu-Trump-die-massen-fluechten-in-die-fiktion):

„Vom Mob hat die totalitäre Propaganda gelernt, dass sie in das Zentrum der Agitation immer das stellen muss, was die öffentliche Meinung und die Propaganda der Parteien jeweils mit Schweigen übergehen. Denn im Unterschied zu der erst später entwickelten totalen Massenherrschaft, die an Existenz von Wahrheit überhaupt nicht glaubt, glaubt der Mob in aufrichtiger Beschränktheit, dass wahr sei, was immer die Heuchelei der guten Gesellschaft oder der offiziellen Kundgebungen der Regierungen verleugnen oder mit Korruption zudecken. […] An diesen wunden Punkten ziehen die Lügen der totalitären Propaganda jenes Minimum an Wahrheit und realer Erfahrung, dessen sie bedürfen, um die Brücke zu schlagen zu können von der Realität in die totale Fiktion. Wo immer sie reale Bedingungen treffen, deren Existenz verborgen gehalten wird, gewinnen sie den Anschein einer überlegenen Realitätsnähe. Skandale in der besseren Gesellschaft, politische Korruption, überhaupt das gesamte Gebiet des Revolverjournalismus liefert totalitärer Propaganda eine Waffe, deren Bedeutung weit über den Sensationswert solcher Dinge hinausgeht. Bekanntlich wurde die Fabel von einer jüdischen Weltverschwörung zur wirksamsten Fiktion der Nazipropaganda vor der Machtergreifung. Es war nur natürlich, dass die antisemitische Stimmung desto mehr anstieg, je beharrlicher alle der Republik ergebenen Parteien eine Diskussion der Judenfrage vermieden. Dass diese als ’nicht salonfähig‘ galt, war für den Mob der schlüssigste Beweis dafür, dass die Juden die wahren Repräsentanten der herrschenden Gewalten sind und machte die Behandlung der Judenfrage als solche zum Symbol für den Kampf gegen die ‚Heuchelei‘ und die ‚Verlogenheit‘ des Systems. […]“

Und bei First Things schreibt George Weigel, nachdem er zuerst auf Probleme der EU, der wirtschaftlichen und politischen Weltordnung und der politischen Eliten im Allgemeinen eingegangen ist (https://www.firstthings.com/web-exclusives/2017/02/a-modest-defense-of-the-liberal-world-order):

„Könnte es also nicht der Fall sein, dass die ‚liberale Weltordnung‘ repariert anstatt demontiert zu werden bräuchte, wie manche ‚Populisten‘ heute vorschlagen? Sicherlich wollen diese Demonteure keine Rückkehr zu der ruiniere-deinen-Nächsten wirtschaftlichen Autarkie und dem kurzsichtigen Nationalismus vorschlagen, die die Große Wirtschaftskrise verstärkten und dabei halfen, den Zweiten Weltkrieg hervorzubringen. Was die Seite der Sicherheit in der Gleichung angeht, zeigt nicht der katastrophale Zustand des Mittleren Osten, nach acht Jahren eines von Amerika angeführten Rückzugs der westlichen Macht aus der Region, was passiert, wenn die, die einer ‚liberalen Weltordnung‘ verpflichtet sind, sich in den brisantesten Regionen der Geschichte aus der Geschichte zurückziehen? Angesichts von Wladimir Putins offensichtlicher Entschlossenheit, das Verdikt der Geschichte im Kalten Krieg umzukehren, könnte in Europa die Ordnung über die nächsten zehn Jahre ohne eine robuste NATO aufrechterhalten bleiben? Was die Fehler der liberalen Demokratie selbst angeht, die Lektion, die gelernt werden muss, ist sicherlich nicht, dass ein effizientes autoritäres Regierungssystem eine Nation besser regiert; die Lektion ist, dass das demokratische Projekt keine Maschine ist, die von selbst laufen kann. […] Eher hängt die Demokratie von einer moralisch-kulturellen Grundlage ab […]. Wenn also das demokratische Projekt nicht entweder in Chaos oder einer Diktatur des Relativismus zerfallen soll, muss ein großes Werk der moralischen und kulturellen Erneuerung im ganzen Westen unternommen werden. […] Bis jetzt ist der neue Populismus, ob in Europa oder Amerika, sehr viel besser darin, zu identifizieren, was kaputt ist, als zu definieren, wie es zu reparieren ist.“

(Meine politische Einstellung lässt sich übrigens im Großen und Ganzen zusammenfassen mit dem berühmten Churchill-Zitat „democracy is the worst form of government except all those other forms that have been tried from time to time“ (die Demokratie ist die schlechteste Regierungsform, abgesehen von all diesen anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind) und Heinrich Hoffmann von Fallerslebens „Gott erhalte den Tyrannen, / Den Tyrannen Dionys!“.)

 

Soweit mal zur Politik; dann noch zwei sehr schöne Fundstücke zu ganz anderen Themen bei Aleteia:

Ein Artikel über Leonie Martin, die Schwester der hl. Thérèse Martin von Lisieux, deren Seligsprechung im Gange ist. Leonie hatte es nicht immer einfach; sie litt vielleicht an Autismus, galt als schwieriges Kind und hatte es auch als Erwachsene nicht leicht dabei, einen Orden zu finden, der sie aufnahm. http://aleteia.org/2017/01/26/leonie-martin-st-thereses-difficult-sister-continues-on-the-road-to-canonization/ Irgendwie ein schönes Vorbild; vor allem für alle, die selber an irgendeiner Art von psychischer Krankheit o. Ä. leiden.

Dann hier ein Artikel, der ausspricht, was manchmal dringend ausgesprochen werden muss: „Nur weil andere es schlimmer haben, heißt das nicht, dass dein Leiden nicht zählt.“ http://aleteia.org/2017/02/15/dont-minimize-your-tiny-crosses-and-small-annoyances-god-doesnt/ „Kellers Zitat ist großartig dafür, uns zu erinnern, dass wir es manchmal tatsächlich genießen, aus den Mücken unserer kleinen Probleme Elefanten zu machen. […] Aber zu erwarten, dass es genug sein sollte, sich das Leid anderer Leute in Erinnerung zu rufen, um das eigene irgendwie verschwinden zu lassen? So funktioniert das nicht. Was dieses Denkmuster tatsächlich tut, ist, dir zu sagen, dass deine eigenen Leiden nicht zählen. Dass das Leid nicht real ist. […] Es impft einem die heimtückische Gewohnheit ein, sich selbst mit anderen Leuten zu vergleichen, so dass man, anstatt den Schmerz anzuerkennen, und ihn zu Jesus zu tragen, am Ende sagt ‚Das zählt nicht, weil so-und-so es schlimmer hat‘, und sich dann schlecht fühlt, weil man deswegen so unglücklich ist. […] Gott begegnet jedem von uns so persönlich. Er rationiert seine Liebe zu uns nicht danach, wie weit oben wir auf der Leidensskala stehen.“

 

Über die Konsequenzen aus dem Anschlag

Halten wir folgende Punkte fest:

  • Ein Terrorist tötet zwölf Menschen und verletzt noch einige mehr, indem er mit einem LKW in einen Weihnachtsmarkt rast.
  • Der Täter ist noch auf der Flucht.
  • Der Täter ist ins Land gekommen, obwohl er bereits ein bekannter Straftäter war.
  • Der Täter war schon einmal in Abschiebehaft, wurde aber nicht abgeschoben, sondern wieder freigelassen.
  • Der Täter war den Behörden als islamistischer Gefährder bekannt.
  • Die Leute warnen vor „einfachen Antworten“ und „Generalverdacht“. Und natürlich davor, den Anschlag „politisch auszuschlachten“.

Preisfrage: Ist in Deutschland irgendetwas nicht in Ordnung?

Es gibt so Zeiten, da bin ich froh, in Bayern zu leben. Zum Beispiel dann, wenn bald eine Wahl ansteht. In diesem Bundesland kann man nämlich tatsächlich eine Partei wählen, die dafür ist, und auch schon vor der Kölner Silvesternacht und den Anschlägen von Würzburg und Ansbach dafür war, Kriminelle und Terroristen nicht unkontrolliert ins Land zu lassen und in unserem Land unsere Gesetze durchzusetzen.

Ich habe Frau Merkel schon länger nicht für eine besonders vorbildliche Christin gehalten, aber ich tue es jetzt noch weniger. Sie weiß – jeder weiß es -, dass sie letztes Jahr dafür gesorgt hat, dass Deutschland jetzt – wie soll man es am besten ausdrücken? – weniger sicher ist. Ich weiß nicht, aus welchem Motiv heraus. Um als die Humanität in Person dazustehen? Ich weiß es nicht, und ich habe nicht über die Seele eines anderen Menschen zu urteilen. Aber ich denke, dass es ihr – jedenfalls für den Fall, dass sie sich als Christin verstehen sollte – in jedem Fall, auch im Fall eines ehrlichen Irrtums (denn sie als Regierungschefin hätte es besser wissen müssen), besser anstünde, zu sagen, „Ich habe einen folgenschweren Fehler begangen und erbitte die Verzeihung der Bürger, die ich schlecht vertreten habe. Ich verspreche, alles zu tun, was in meiner Macht steht, um meinen Fehler wieder gutzumachen“, als so zu reden, wie sie es zurzeit tut. Ja, ja, sie hat auf Druck der CSU ihre Politik in der Praxis schon etwas zurechtgerückt, und ja, eine Regierung unter ihr ist immer noch eine um Welten bessere Wahl als eine rot-rot-grüne Regierung es wäre (nebenbei: hält es eigentlich niemand sonst für ein Problem, wenn eine der Regierungsparteien lieber mit einer Partei regieren will, die vor dreißig Jahren noch in einer Diktatur herrschte, als mit ihrem derzeitigen Koalitionspartner?), und wenn ich in einem anderen Bundesland leben würde, würde ich notgedrungen CDU wählen, aber: sie hat nie auch nur offen zugegeben, zumindest im Irrtum gewesen zu sein. Das lässt bei mir einfach nur den Eindruck zurück, dass sie die Tugenden der Einsicht und der Demut nicht besitzt. Sorry, aber ist so. Ist es so viel verlangt, diese Tugenden von seinen (einer dem Namen nach christlichen Partei angehörenden) Volksvertretern zu erwarten? Sünde lässt sich vergeben. Unbußfertigkeit macht einen nur wütend.

Habe ich Angst? Ja, natürlich habe ich gelegentlich Angst. Ja, ich bin seit letztem Januar vorsichtiger dabei, im Dunkeln allein nach draußen zu gehen. Ja, ich habe Angst, wenn ich lese, was der IS den Christen, den Jesiden und anderen Gruppen im Nahen Osten antut. Ich habe Angst, wenn ich daran denke, was Mohammed zu seinen Lebzeiten so alles getan hat. Vor einer Bedrohung Angst zu haben, ist manchmal aber auch nicht immer das Allerdümmste.

Ich möchte unserer Kanzlerin einen Vorschlag für ihre nächste Rede machen. Liebe Frau Merkel, von „Betroffenheit“ haben wir irgendwann genug. Und von „tiefer Trauer“ ebenso. Wie wäre es mit: „Wir werden die bekämpfen, die unschuldige Menschen bedrohen und töten. Wir werden alles tun, um unsere Bürger vor weiteren solchen Verbrechen zu schützen, wie sie in Würzburg, in Ansbach und in Berlin vor der Gedächtniskirche geschehen sind. Wir rufen alle friedliebenden Muslime dazu auf, in unserem Kampf gegen diese terroristischen Verbrecher an unserer Seite zu stehen. Wir rufen alle Sympathisanten und Helfer des Terrors selbst auf, zu überdenken, auf welchem Weg sie sich befinden, und zu bereuen, was sie getan haben oder zu tun planen. Wir sagen allen, die meinen, ihrem Gott zu dienen, indem sie Gottes Geschöpfe abschlachten, hiermit: Wir werden nicht vor ihnen kapitulieren, egal, was uns dieser Kampf kosten wird.“ Einverstanden, Frau Merkel?

Herr Jesus Christus, der du für alle Menschen gelitten hast, gestorben und auferstanden bist, wir bitten dich:

  • für die Seelen derer, die beim Anschlag in Berlin ihr Leben verloren haben.
  • für ihre Angehörigen und Freunde.
  • für den, der ihnen dieses Leid zugefügt hat; dass er umkehren möge.
  • für die Polizisten, Soldaten und Verfassungsschützer, die sich in Gefahr begeben müssen, um den Täter zu fassen, und die uns vor Terror zu schützen versuchen.
  • für alle, die auf der Welt vom Terror bedroht sind, gegen den Terror kämpfen oder selbst Terror verbreiten: hilf ihnen und führe sie zu dir..

Amen.

[Ach ja: Einen guten Kommentar zu dem Thema hat meiner Meinung nach auch Marco Gallina: http://www.marcogallina.de/2016/12/20/unbegreiflich/ und http://www.marcogallina.de/2016/12/21/die-fragen-des-popen/ ]

Den weltanschaulich neutralen Staat gibt es nicht

Das ist eigentlich eine ziemliche Binsenweisheit; trotzdem scheint sie vielen Menschen nicht ganz bewusst zu sein.

Es wird sehr viel davon geredet, dass eine „plurale“ Gesellschaft und die Regierung einer solchen Gesellschaft vor allem Toleranz und Akzeptanz für unterschiedliche Lebensentwürfe zeigen müssten und den Menschen nicht vorschreiben dürften, wie sie zu leben hätten. Aber diese Aussage selbst ist nicht weltanschaulich neutral, sondern Ausweis einer Weltanschauung. In jedem Staat und jeder Gesellschaft existieren Dinge, die als wünschenswert gelten, Dinge, die toleriert werden, und Dinge, die nicht toleriert werden. Die Frage, in welchem Rahmen man wofür wie viel Toleranz zeigen will, ist selbst schon eine Frage der Weltanschauung.

Ein Staat wird immer von der Weltanschauung der Mehrheit seiner Bevölkerung geprägt sein; oder sagen wir, des Teils der Bevölkerung, der seine Ansichten in der Öffentlichkeit vertreten und durchsetzen kann. Dieser Teil der Bevölkerung kann auch einmal kleiner sein als die Mehrheit, aber es wird selten eine Minderheit von bloß zwei Prozent sein. Wenn achtundneunzig Prozent der Bevölkerung eines Staates überzeugte Nationalisten sind, die ihre Meinung unerschrocken vertreten, sich davon nicht abbringen lassen und gegebenenfalls passiven oder sogar aktiven Widerstand zu leisten bereit sind, wird es auch die engagierteste antinationalistische Regierung schwer haben, egal welche Vollmachten und Möglichkeiten sie hat.

Die Frage, in welchem Rahmen man Toleranz zeigen kann und was einfach nicht mehr tolerierbar ist, ist eine Frage der Weltanschauung. In unserer Gesellschaft kommt es hier gelegentlich zu Reibereien, gerade weil wir Toleranz und Meinungsfreiheit eigentlich so toll finden, aber dann scheinen manche Meinungen uns doch irgendwie zu krass und brutal und unmenschlich zu sein, als dass man dulden wollte, dass sie ausgesprochen werden, und dann weiß man nicht recht, was man da jetzt machen soll. Die Frage stellt sich zum Beispiel, wenn der australische Philosoph Peter Singer, der für die Legalisierung der Tötung behinderter Neugeborener wirbt, nach Deutschland reist und eine Rede halten will – darf man so jemandem „eine Bühne bieten“? Soll man die NPD verbieten? Wie geht man mit Linksradikalen um? Was ist mit fundamentalistischen muslimischen Predigern? Darf man AfD-Politiker in Talkshows einladen oder soll man mit denen gar nicht reden? Das ist das beste Beispiel, denn es zeigt auch das, was ich oben schon gesagt habe: Sobald eine Kraft zu groß geworden ist, kann man sie nicht mehr einfach komplett ignorieren; wenn die AfD erstmal Ergebnisse von 20% einfährt, muss man da zumindest irgendwie mal drüber reden.

Es ist ganz allgemein so, und war bei allen Minderheiten so, ob nun bei Christen, Juden, Kommunisten, Faschisten oder was auch immer: Solange eine Minderheit 0,003% eines Landes stellt, kann sie ignoriert werden und wird es in der Regel auch; sobald sie 3% stellt, kann sie unterdrückt oder verfolgt werden, weil sie als Bedrohung wahrgenommen werden kann, aber nicht viel effektiven Widerstand zu leisten imstande ist; sobald sie 30% stellt, kann man sie vielleicht in der Öffentlichkeit schlecht machen und marginalisieren, aber sie wird auf jeden Fall relativ sicher leben können. Sobald sie 60 oder 70% stellt, werden sich immer mehr zu ihr bekehren und viele, die ihr ursprünglich ablehnend gegenüberstanden, werden sich schließlich fragen, ob sie nicht doch Recht haben könnte. Das war in der Spätantike bei den Christen der Fall und in den 30ern bei den Nazis; es war der Fall bei der Änderung der gesellschaftlichen Einstellung zum Kolonialismus, zur Abtreibung, zum Frauenwahlrecht oder zur Homosexualität. (Der rumänisch-französische Schriftsteller Eugène Ionesco hat diesen Prozess einmal in seiner Erzählung „Die Nashörner“ dargestellt; er bezog sich dabei auf seine Erfahrung mit dem Faschismus in Rumänien. Er beschreibt eine Gesellschaft, in der Menschen beginnen, sich in Nashörner zu verwandeln; zuerst nur einzelne, dann immer mehr. Dieser Prozess geht immer schneller voran, weil Nashörner mit der Zeit allen nicht mehr als gefährliche Biester erscheinen, sondern als etwas ebenso Normales wie Menschen, und schließlich sogar als etwas Normaleres als Menschen, bis schließlich der verzweifelte Protagonist allein noch als Mensch zurückgeblieben ist. Die Erzählung ist wirklich interessant zu lesen, allein schon so von der Psychologie her, die dahinter steht.)

Eine Gesellschaft kann über einen langen Zeitraum hinweg dieselbe politische Verfassung bewahren, aber wenn sich ihre Überzeugungen ändern, dann wird der äußere Bestand der Verfassung einen tiefgreifenden inneren Wandel nicht verhindern. Staat und Gesellschaft hängen eng zusammen, zumindest dort, wo der Staat nicht den ausgefeiltesten Apparat von Spitzeln, Geheimpolizei und Arbeitslagern besitzt, und wo die Bevölkerung es wagt, ihre Meinung kundzutun. Solange wir nicht sowjetische Verhältnisse haben, wird die Meinung der Gesellschaft sich zumindest in gewissen Grenzen auf die Regierung auswirken; und auch Regierende ändern ihre Meinung ja sowieso gelegentlich. Daher der Kampf um Meinungen; die Debatten darum, wie viel Bühne man „Populisten“ bieten soll oder darf; daher Sprüche wie „Keine Toleranz den Intoleranten“. Ich glaube, unsere Gesellschaft ist nahe daran, zu erkennen, dass es mit bloßer allgemeiner „Toleranz“ für alles ohne „Werte“, wie man das so nennt, nicht so richtig klappt, und streitet sich jetzt darum, welche „Werte“ das denn dann sein sollen und mit welchen Mitteln man die durchsetzen soll. (Denn auch die Frage nach den Mitteln hängt ja von den Werten ab; man kann etwa Menschenrechte eigentlich nicht wirklich verteidigen, indem man sie systematisch verletzt, wie es z. B. die USA in ihren Foltercamps tun.)

Aristoteles hat einmal gesagt, wer sage, dass man seine Mutter schlagen dürfe, verdiene nicht Argumente, sondern Schläge; und ich glaube, da werden ihm viele schon ganz instinktiv zustimmen. Jede Gesellschaft, ob sie es wahrhaben will oder nicht, ist sich einig, dass es so etwas wie Ketzerei gibt, d. h. Meinungen, die indiskutabel sind und die zu vertreten moralisch falsch ist, auch wenn manche ihrer Vertreter in gutem Glauben handeln mögen, und dass man zumindest die Verbreitung dieser Ketzereien verhindern muss, wenn man die eigene Gesellschaft bewahren will – ob nun Albigenser oder Wiedertäufer oder „Papisten“ oder Rassisten oder Hippies, die für Pädophilie werben, oder islamistische Prediger, die junge Männer zum Bombenbau oder zur Reise nach Syrien animieren, die Ketzer sind. Gesellschaften unterscheiden sich darin, was sie als Ketzerei sehen, und mit welchen Mitteln sie Ketzerei bekämpfen, aber alle Gesellschaften der Weltgeschichte sind sich darin einig, dass es Ketzerei gibt und man sie bekämpfen oder zumindest eindämmen muss. Oft sind sie sich auch einig darin, dass man sie nicht nur mit Zwang, sondern (auch oder vor allem) mit überzeugenden Gegenargumenten bekämpfen muss (das war in der Gegenreformation nicht anders als in heutigen Programmen gegen die „Radikalisierung“ junger Muslime; sogar in der Zeit der Verfolgung der Albigenser war es so). Gesetze für Jugendschutz und gegen „Volksverhetzung“ sind nichts anderes als Zensur und Ketzerbekämpfung, wenn auch milde ausfallende, und unsere Gesellschaft sollte das ruhig wahrhaben können. Es kommt immer darauf an, was man als Ketzerei sieht und zu welchen Mitteln man bei ihrer Bekämpfung greift; nicht darauf, ob man Ketzerei bekämpft; das wird sowieso getan werden.

Ich musste, als ich diesen Post vorbereitet habe, auf einmal an die Enzyklika „Mirari Vos“ von Papst Gregor XVI. aus dem Jahr 1832 denken. Dieser Papst beklagt darin vehement die Idee der schrankenlosen Pressefreiheit, weist die Ansicht zurück, sie sei doch gut und durch die offene Debatte würden sich sogar Vorteile ergeben, weil man ja gegen schlechte Bücher auch gute Bücher herausbringen könnte; er erwidert darauf: „In Wirklichkeit ist es frevelhaft und gegen jedes Recht, absichtlich ein offenkundiges und größeres Übel zu vollbringen, in der Hoffnung, dass daraus etwas Gutes entstehen könnte. Welcher vernünftige Mensch würde behaupten, dass Gifte frei verbreitet sowie öffentlich verkauft und angeboten, ja sogar getrunken werden dürfen, weil damit ein Heilmittel zur Verfügung steht, durch dessen Gebrauch gelegentlich jemand vor dem Untergang gerettet werden könnte?“ Ich muss sagen, auch wenn man hier manche Kritikpunkte anbringen könnte (z. B. dass es einen Unterschied macht, ob es etwas Schlechtes nur zugelassen oder direkt gewollt ist), so ein Satz erinnert doch total an das Konzept der „geistigen Brandstiftung“ – oder etwa nicht? Wenn unsere heutige politische Linke es nur zugeben würde, müsste sie sagen, dass sie in dieser Hinsicht voll und ganz auf einer Linie mit den Päpsten des frühen 19. Jahrhunderts steht – auch wenn diese beiden Parteien sich wohl kaum darüber einig werden könnten, was genau „Gift“ bzw. „Brandstiftung“ wäre. (Gut, bei Rassismus und der Verbreitung von Hass im Allgemeinen und solchem Zeug könnten sie sich wohl schon noch einigen, aber ansonsten würden die Meinungen wahrscheinlich ziemlich schnell auseinander gehen.)

Ach ja: Wer übrigens ein wirklich scheußliches und absurdes Beispiel für die Zensur sehen will, die moderne Staaten ausüben, die die Ideale der „Meinungsfreiheit“ und „Pressefreiheit“ so stolz vor sich her tragen, der siehe mal hier: https://katholischlogisch.wordpress.com/2016/11/22/dies-video-ist-in-frankreich-verboten/

Was der IS, die Hitlerjugend und die katholische Kirche gemeinsam haben…

…und was sie unterscheidet:

Es ist wohl mittlerweile allgemein bekannt, dass der IS seine Kämpfer nicht nur aus irgendwelchen jungen Irakern rekrutiert, die nie etwas anderes als fundamentalistischen Islam zu hören bekommen haben und wütend auf den Westen sind, der seine Drohnen und Soldaten in den Mittleren Osten schickt, sondern auch aus Männern aus diesen westlichen Ländern selbst, und nicht nur aus Männern „mit Migrationshintergrund“, sondern genauso aus jungen Deutschen, Franzosen, Amerikanern, die irgendwann zum Islam konvertiert sind. Und auch genügend europäische Mädchen bieten sich IS-Kämpfern als Ehefrauen an und verlassen ihr Land Richtung Syrien, und jetzt initiieren sie auch eigene Terroranschläge und laufen mit Niqab und Maschinengewehren gleichzeitig herum.

Vor ein paar Tagen habe ich in einer Tageszeitung einen Artikel über den von Frauen geplanten Terroranschlag in Paris und die aus Frauen bestehende Al-Chansaa-Brigade in Al-Rakka, allgemein eben über weibliche Terroristen, gelesen. Dieser Artikel strotzte schlichtweg vor Unverständnis gegenüber diesem Phänomen – und ich frage mich, ob es bloß ein Nicht-Verstehen-Wollen, oder tatsächlich ein Nicht-Verstehen-Können war. Da hieß es zum Beispiel, dass der IS bei Frauen Erfolg hat, und zwar „trotz seines mittelalterlichen, frauenfeindlichen Rollenbildes“. (Ich übergehe hier mal die Frage, wie viel der Artikelschreiber wohl vom tatsächlichen Mittelalter weiß. Leider gilt „mittelalterlich“ ja mittlerweile als Standardschimpfwort.) Und dieses Rollenbild wird u. a. dadurch definiert, dass „die Männer Modegeschäfte, Schönheitssalons, ja alles Westliche für Teufelszeug halten“. Lassen wir uns das mal auf der Zunge zergehen. Beispiel für das „Westliche“, für unser großartiges neuzeitliches Frauenbild, für weibliche Emanzipation und Freiheit, sind Modegeschäfte und Schönheitssalons. Da sage noch einer, der Westen hätte Frauen nicht mehr zu bieten als der IS. Der Autor des Artikels scheint tatsächlich nicht zu verstehen, dass es Frauen geben kann, denen Modegeschäfte und Schönheitssalons völlig egal sind im Vergleich zu anderen Dingen.*

Ich denke, eine Gesellschaft, der die Leute zu einer fleißig bombenden, enthauptenden und versklavenden Terrormiliz davonlaufen, sollte sich mal fragen, was bei ihr eigentlich falsch läuft.

Seien wir ehrlich: „Unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung“, „Rechtsstaatlichkeit“, „Meinungsfreiheit“, usw. – das alles sind gute und wichtige Sachen, und wir merken wahrscheinlich gar nicht mehr, wie dankbar wir dafür sein können, aber sie bieten keinen Sinn für das Leben des einzelnen. Sie langweilen einen, wenn man sie im Sozialkundeunterricht oder im nächsten Leitartikel zum fünfzigsten Mal vorgekaut bekommt. Sie sind Rahmenbedingungen für ein einigermaßen geordnetes Zusammenleben, und das war’s auch schon. Der Rahmen ist da, aber er ist leer. Deutschland hat eine wunderbare Verfassung (nicht zuletzt dank gewisser Inspirationen durch die katholische Soziallehre), aber kein Mensch liest die Verfassung, wenn er Krebs hat oder verlassen wird oder die Ungerechtigkeit auf der Welt sieht oder sich einfach fragt, wofür er eigentlich da ist – was sich auch junge Frauen schon mal fragen können, so blöd sind wir ja nicht. Deswegen ist es lächerlich, wenn Politiker auf Koranverteilungsaktionen damit reagieren wollen, das Grundgesetz zu verteilen. Unsere Gesetze bieten einigermaßen vernünftige, wenn auch von Menschen aufgestellte Grenzen, innerhalb derer das Leben im Namen des öffentlichen Friedens stattfinden soll. Sie bieten keine Orientierung für dieses Leben. Noch schlimmer ist es natürlich, wenn den Leuten auch Freiheit und Recht und Gleichheit eigentlich nichts mehr bedeuten und „westliche Werte“ eher als Chiffre für „Vollbeschäftigung, RTL II und Stripclubs“ dienen – oder wenn eben weibliche Emanzipation nicht dadurch definiert wird, dass Frauen selbst entscheiden, wen sie heiraten, dass sie wählen gehen, studieren oder im Parlament sitzen, sondern dadurch, wie knapp ihre Strandbekleidung ausfällt. Das scheint mir allgemein ein Problem im Umgang mit dem Islam zu sein. Der Westen scheint sich nicht ganz entscheiden zu können, ob Frauenrechte nun darin bestehen, möglichst wenig anzuziehen und möglichst viel Sex zu haben (was meiner Meinung nach das genaue Gegenteil von Emanzipation ist, nämlich ein Ausgenutztwerden), oder vielleicht doch eher in irgendetwas anderem.

Der Mensch braucht etwas Höheres, für das er leben kann, er braucht einen Sinn und ein Ziel und Regeln für sein Leben. Er ist auf den wahren Gott ausgerichtet; also kann er ohne Ihn nicht leben, und wenn er ohne Ihn leben muss, sucht er sich falsche Götter als Ersatz. Und das tun nicht nur arbeitslose Jugendliche ohne Freunde und Selbstbewusstsein. Auch wenn man Bildung, Arbeit, gutes Aussehen, eine funktionierende Beziehung, nette Bekannte und eine schöne Eigentumswohnung hat, kann man sich irgendwann mal fragen: War das schon alles? Vielleicht nicht so früh, wie wenn man das nicht hat, aber irgendwann taucht die Frage doch auf: Gibt es nicht auch mehr? Was ist Wahrheit? Gibt es Wahrheit? Was soll ich tun? Worauf kann ich bauen? Was kann ich hoffen?

Die Menschen suchen nach Sinn und Antworten für ihr Leben, und unsere Gesellschaft bietet keine. Den Vertretern ihrer anerkannten Elite (besonders solchen, die Zeitungsartikel und Schulbücher schreiben) fällt zu dieser Frage meistens nichts Besseres ein als „da gibt es keine so einfachen Antworten“, wenn sie tatsächlich überhaupt keine Antworten haben oder über manche möglichen Antworten von vorn herein nicht nachdenken wollen. Und wenn dann die Salafisten die ersten sind, die Antworten anbieten… zuerst findet man klare Regeln, ein größeres Ganzes anstelle des eigenen Ich, Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen, und irgendwann soll dann der Dschihad diesem Willen entsprechen.

Ich denke, dass es mit der Nazi-Bewegung, die ja auch eine Art politische Religion war, sehr ähnlich gewesen ist. Auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, obwohl die Kirchen noch irgendwie fester im Sattel saßen als heute, herrschte eine große Unsicherheit, viele Menschen fanden im Glauben keine Orientierung mehr – er war irgendwie langweilig, bürgerlich geworden. Gefährliche Ideen kursierten – Eugenik, Sozialdarwinismus, Wettstreit der Nationen; das Denken in allen diesen Kategorien war in Europa und Nordamerika schon lange vor Hitler weiter verbreitet, als uns heute oft bewusst ist. Diese Ideen waren aufregend, neu, und beriefen sich doch auf ewige Gesetze. Dann kam ein Führer, der sich vom Schicksal berufen sah, formierte eine Bewegung, forderte Gehorsam – und natürlich liefen ihm die jungen Leute begeistert hinterher.

Das soll jetzt bitte schön in keiner Weise als Verharmlosung der Nazizeit oder des IS verstanden werden. Ich bin überzeugt, dass Menschen nie nur aus fehlgeleitetem Idealismus zu SS-Männern und islamistischen Terroristen werden. Solche gewaltbereiten Gruppen sprechen die besten und die schlimmsten Seiten im Menschen an. Man kann sich überlegen fühlen, hat ein klares Feindbild, und kann vor allem seine Agressionen ungehemmt ausüben, beim IS vielleicht auch ein paar Sex-Sklavinnen kriegen – und sich dabei auch noch dazu gratulieren, dass man zu den Guten gehört und etwas Tolles leistet, da man ja schließlich sein Leben einsetzt. (Dass man es ehrlich im tiefsten Innern glaubt, dass einem keine Zweifel daran kommen, kann ich mir schwer vorstellen.) Perfekte Mischung sozusagen. Und genau deswegen brauchen wir die Kirche Jesu Christi als Gegengift.

Falsche Religion kann man nur mit richtiger Religion bekämpfen. Wenn Menschen Gott folgen wollen, muss man ihnen zeigen, wie der richtige Gott ist, dass er keine Menschenopfer fordert, auch keine Menschenopfer durch den Dschihad. Ich bezweifle, dass „Das ist doch finsteres Mittelalter!“ da viel Erfolg hat. Gehorsam, Opferbereitschaft, Treue, Demut, ein höheres Ziel; das alles ist nichts, was wir hinter uns lassen sollten oder auch nur könnten. Das ist gerade das, was wir brauchen, aber richtig. Gerade das liebe ich an der katholischen Kirche. Es macht Freude, dem Papst und dem eigenen Bischof gehorsam zu sein, es bringt wirkliche, ehrliche Freude. Es macht Freude, sich zu überwinden und zur Beichte zu gehen und diesem Menschen zu helfen und jenes zu tun und zu beten im Versuch, der Liebe zu Jesus Christus näher zu kommen.

Ich denke, es ist vielleicht jetzt schon ein bisschen klar geworden, wieso die wahre Religion anders ist als die vielen falschen Religionen (zu denen auch die vielen politischen Religionen wie der Kommunismus oder eben der Nationalsozialismus zählen). Ihr Gesetz ist Liebe; Liebe zu unserem Gott und Liebe zu allen seinen Geschöpfen. Sie bringt Klarheit, Licht und Frieden. Man möge Videos vom Weltjugendtag mit Videos von Enthauptungen durch den IS vergleichen – ich denke, der Unterschied wird deutlich. Zwischen den Menschen dort liegen Welten. Und das ist wohl auch der Grund dafür, dass gerade jetzt so viele Muslime zum Christentum finden; und zwar trotz der Probleme, die sie sich damit schaffen, und zu denen u. a. Todesdrohungen und Verstoßung durch die Familie ja schon standardmäßig dazu gehören.

Ich finde es furchtbar schlimm, wenn Christen suchenden Menschen keine klaren und tiefen Antworten bieten können. In seinem Buch „Inside IS – 10 Tage im Islamischen Staat“ beschreibt der Journalist Jürgen Todenhöfer, wie er über das Internet Kontakt zu IS-Terroristen aufnahm und von ihnen die Erlaubnis erhielt, für zehn Tage in ihr Gebiet zu reisen, um darüber zu berichten. Im Lauf der Vorbereitungen traf er sich auch mit der Mutter eines dieser deutschen IS-Terroristen und sie schilderte ihm, wie aus ihrem Sohn ein Islamist geworden war. Ihre Geschichte beginnt folgendermaßen:

 

„Seit frühester Kindheit war Christian extrem wissbegierig. ‚Was ist der Tod, Mama?’, fragte er sie zum Beispiel. Er stellte Fragen, auf die sie sich die Antworten oft lange überlegen musste. Sie verbrachten während seiner Kindheit viel Zeit mit Lesen. Bücher wie Was ist was? waren heiß begehrt. Was man nicht wusste, musste man in Büchern nachlesen. Auch seinen Lehrern und dem evangelischen Pfarrer fiel auf, wie viele Fragen Christian hatte. Doch in der Kirche bekam Christian nie Antworten auf seine Fragen. Christian fand das so enttäuschend, dass er kurz vor seiner Konfirmation beschloss, auf die Feier zu verzichten. Auch auf die Konfirmationsgeschenke. Er suchte lieber weiter nach Antworten.“

 

In der Kirche bekam Christian nie Antworten auf seine Fragen.

Ja, das kann ich mir vorstellen. Bei den deutschen Lutheranern ist es ja generell noch schlimmer als bei den Katholiken, aber auch bei uns gibt es genug, die eigentlich gar nicht recht wissen, was sie glauben, und irgendwie auch gar nicht mehr recht glauben. Jedenfalls können sie kein klares Zeugnis mehr davon ablegen, was sie eigentlich glauben. Sie sind nicht bereit, „jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petrus 3,15), und das ist das Problem.

Nach 1945, als der nationalsozialistische Traum vom Tausendjährigen Reich zusammengebrochen war, lebte der christliche Glaube in Deutschland übrigens zeitweise wieder sehr stark auf. (Dank der erneuten Rückschläge in den 60ern ist uns das nicht mehr so bewusst. Aber heute scheint sich das Blatt ja wieder langsam zu unseren Gunsten wenden.) Entwicklungen sind nicht unumkehrbar. Und das Christentum hat immer noch gesiegt; es hat sehr viele Verfolger überlebt, nicht wenige davon in den letzten 200 Jahren. Es wird auch noch da sein, wenn der Islamische Staat zusammengebrochen ist. Und das ganz einfach deswegen, weil es den wahren Gott verkündigt – wenn es denn ordentlich verkündigt -, der gütig und barmherzig ist und allen seine Liebe und Vergebung schenken und sie zu seinen Kindern machen will, auch die, die seine Kinder jetzt gerade verfolgen. (Ein Beispiel wäre der Christenverfolger Saulus, der zum Völkerapostel Paulus wurde.)

Unser erster Papst schreibt: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen. Dann werden die, die euch beschimpfen, weil ihr in (der Gemeinschaft mit) Christus ein rechtschaffenes Leben führt, sich wegen ihrer Verleumdungen schämen müssen. Es ist besser, für gute Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, als für böse. Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, er, der Gerechte, für die Ungerechten, um euch zu Gott hinzuführen; dem Fleisch nach wurde er getötet, dem Geist nach lebendig gemacht.“ (1 Petrus 3,15-18) So geht das. Unser Gott hat es eben nicht nötig, dass wir für ihn Bomben werfen. Denn es geht ihm darum, Seelen zu gewinnen, nicht Länder.

 

*Ich habe übrigens nichts gegen Modegeschäfte und so weiter. So weit bin ich dann doch westliche Frau. Aber es gibt halt auch mehr.