Why should the games go on?

Vor ein paar Wochen fand ja in Halle eine dieser seltsamen Veranstaltungen statt, die es schon in Chemnitz gegeben hat: Konzert nach Mord. #HalleZusammen nannte sich das Ganze; „Wir sind mehr“ hieß es vorher in Chemnitz. Ein bisschen „Zeichen setzen“, eine kurze Erwähnung der Opfer noch, und natürlich etwas gemäßigt-fröhliches Feiern.

Aber auch wenn Konzerte anlässlich Terror/Mord ein eher neuer Trend sind, wird ja schon seit Ewigkeiten nach jedem Terroranschlag irgendwas dazu gesagt, dass „wir uns nicht verunsichern lassen“, „wir den Terror nicht gewinnen lassen“, „das Leben weitergeht“, und die Einstellung ist ja nicht gerade neu. 1972 wurden bekanntlich die Olympischen Spiele in München nach dem palästinensischen Attentat nach kurzer Unterbrechung gleich wieder fortgesetzt. Elf tote israelische Geiseln, ein toter Polizist – egal, „The games must go on“.

Was eigentlich ein sehr seltsamer Weg ist, damit umzugehen, meines Erachtens.

Sicher wird und kann nicht das ganze Leben in einem ganzen Land auf einmal stillstehen nach jedem Terroranschlag. Terroranschläge sind (Verzeihung für den flapsigen Vergleich) in einer Hinsicht so ähnlich wie verworrene Aussprüche von Papst Franziskus: Es gibt zu viele, um jeden einzeln zu kommentieren, und viel Originelles wird man eh nicht mehr dazu sagen können, weswegen es auch niemandem, der nicht qua Amt dazu verpflichtet ist, etwas dazu zu sagen, vorzuwerfen ist, solche, die ihn nicht betreffen, mehr oder weniger an sich vorüberziehen zu lassen. [Der Vergleich war vielleicht doch etwas respektlos gewählt; das tut mir leid.]

Aber dieses inszenierte Weiterfeiern? Inwiefern heißt es „den Terror gewinnen lassen“, wenn man erst einmal um die Opfer trauert? Der Terror hat doch zu dem Zeitpunkt längst gewonnen – er hat getötet. Diese Kaltschnäuzigkeit, dieses Getue, als wäre „unsere“ (immer dieser vereinnahmende Plural!) Reaktion wichtiger als die eigentlichen Opfer. Die Leute, die zur Gruppe der Opfer gehören, die Ortschaft des Anschlags, die Zeugen – wieso sollten die nicht lieber trauern? Hysterisch auf einem „I’m not owned!“ gegenüber den Terroristen zu bestehen ist doch Augenwischerei. Wenn man sich nicht eingestehen will, wo der Feind schon gesiegt hat, wie will man dann gegen ihn kämpfen?

„The games must go on“ hat doch noch nie so recht Sinn gemacht. Wo steht geschrieben, dass sie weitergehen müssten, dass ein Stabhochsprung- oder Sprintwettbewerb nicht wegen einigen schrecklichen Morden abgesagt werden darf? Wenn Terror oder Mord passiert ist, hat es um die Opfer und ihre Familien zu gehen (und dann darum, in Zukunft zu verhindern, dass es noch mehr Opfer gibt). Nicht um andere Leute, die sich nicht die Laune verderben lassen wollen.

Vielleicht ist dieses Urteil zu hart gegenüber den jeweiligen Organisatoren und Teilnehmern und ihren Motiven. Aber es kommt mir doch wie eine sehr falsche Reaktion auf gewaltsame Tode vor, erstmal ein Konzert zu veranstalten.

Und vielleicht betrifft das ganze Thema nicht nur solche Tode, sondern auch normale, wo es nicht gerade sinnvoll ist, Angehörigen (z. B.) zu sagen „XYZ hätte nicht gewollt, dass du trauerst“. Wieso sollte der Tote einen nicht um ihn trauern lassen wollen? Ein realer Verlust darf real betrauert werden. Vielleicht haben die alten Trauerzeiten und Trauerkleider doch Sinn gemacht.

(Das waren ein paar Gedanken, die ich mir schon länger gemacht habe, aber vielleicht passt die verspätete Veröffentlichung zum Allerseelentag vor kurzem.)

Millais - Das Tal der Stille.jpg

(John Everett Millais, The Vale of Rest. Gemeinfrei.)       

Die 68er-Bewegung: Am Ende nur Fehler und Verbrechen

Eine Rezension zu Bettina Röhls Buch „‚Die RAF hat euch lieb‘: Die Bundesrepublik im Rausch von 68 – eine Familie im Zentrum der Bewegung“.*

 

Über die 68er, die RAF/“Baader-Meinhof-Gruppe“ und von der RAF besonders über Ulrike Meinhof wurden ja schon einige Bücher geschrieben; das Buch der Journalistin Bettina Röhl ist in zweierlei Weise besonders: Erstens, sie war als Ulrike Meinhofs Tochter als Kind von der Gründung der RAF persönlich betroffen; zweitens, sie nimmt eine grundsätzlich kritische Haltung zur 68er-Bewegung ein. Letzteres unterscheidet sie von Autoren wie Stefan Aust („Der Baader-Meinhof-Komplex“) oder gar Jutta Ditfurth („Ulrike Meinhof. Die Biographie“), die ja aus einer sehr linken Perspektive schreibt und Ulrike Meinhof schon mal öffentlich unter feministischen Vorbildern erwähnt:

Screenshot (913)

Zurück zu diesem Buch: „Die RAF hat euch lieb“ ist eigentlich die Fortsetzung zu Frau Röhls „So macht Kommunismus Spaß! – Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte konkret“ und beginnt im Frühling 1968, als Ulrike Meinhof, zu dieser Zeit eine relativ bekannte und engagierte linke Journalistin Mitte dreißig, sich von ihrem notorisch untreuen Mann Klaus Rainer Röhl (dem Herausgeber der linken Zeitschrift konkret) scheiden lässt und mit ihren fünfeinhalbjährigen Zwillingstöchtern Bettina und Regine vom Hamburg nach Westberlin zieht, und endet 1974 bei ihrer Zeit in der Untersuchungshaft, bevor sie aus der Einzelhaft in Köln-Ossendorf nach Stuttgart-Stammheim verlegt wird, wo sie wieder mit den anderen RAF-Terroristen zusammenkommen, wo der Prozess gegen sie geführt werden, und wo sie 1976 Selbstmord begehen wird.

 

Auf ungefähr 600 Seiten wird Meinhofs Leben in Berlin 1968-1970 beschrieben, wo sie sich weiter radikalisiert, ihr Gang in den Untergrund anlässlich der Baader-Befreiung 1970, die Ausbildung in einem palästinensischen Terrorcamp, der RAF-Terror bis 1972, und die erste Zeit der Haft bis 1974. Es hilft vielleicht, wenn man sich schon ein bisschen mit Meinhofs früherem Leben auskennt; wie sie sich von der evangelischen Christin zur Kommunistin wandelte, wie sie Klaus Rainer Röhl heiratete, wer ihre Pflegemutter Renate Riemeck war usw.; und damit, was überhaupt so die politischen Debatten dieser Zeit waren – aber ich glaube, man wird auch so keine großen Schwierigkeiten haben (ich habe vor mehreren Jahren Alois Prinz‘ Biographie „Lieber wütend als traurig. Die Lebensgeschichte der Ulrike Marie Meinhof“ in der 9.oder 10. Klasse als Schullektüre gelesen, was ganz hilfreich war).

Das Buch ist keine Meinhof-Biographie; eher geht es um den Kontext von 1968 und den linken Terrorismus, und in diesem Kontext um Ulrike Meinhof und ihre Familie. In den Text sind drei Essays von Bettina Röhl eingebettet: einer am Anfang über die Bundesrepublik vor 1968, einer in der Mitte über den Erfolg der 68er und einer etwas weiter hinten über Meinhof als linke Ikone.

Im ersten Essay macht die Autorin deutlich, wie gut der Zustand der BRD in den 50ern und 60ern tatsächlich war – vor allem in Bezug auf die Wirtschaft und den weit verbreiteten Wohlstand, aber auch in Bezug auf Sicherheit, Sozialstaat, Rechtsstaat, Kultur; sie bemerkt auch eine gewisse Liberalisierung schon ohne 68. (Wie man die bewertet, ist freilich Ansichtssache.)

Danach, im langen Teil I („Auf dem Höhepunkt von 68″), schreibt sie über Ulrike Meinhofs Zeit in Westberlin ab März 1968, wo Meinhof Anschluss an die Neue Linke dort – die sog. Außerparlamentarische Opposition (APO), den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) – suchte; es geht um die großen Demonstrationen und Kongresse mit Leuten wie Rudi Dutschke, wo es z. B. gegen das militärische Eingreifen der USA im Vietnamkrieg oder den persischen Schah oder den Springer-Verlag („BILD“, „Welt“) und ähnliche Themen ging. Wobei, so groß waren sie im Vergleich nicht: Eine große Demonstration in Berlin fand 12.000 Teilnehmer, und ein paar Tage später gingen 80.000 Berliner gegen die Neue Linke auf die Straße. Es handelte sich, wie Frau Röhl deutlich macht, um eine kleine Minderheit, die aber eine ziemliche Medienpräsenz fand und bald ziemlich ernst genommen wurde.

Die Autorin dokumentiert an dieser Stelle sehr gut die Seiten der 68er, die heute nicht mehr so sehr betont werden: Vor allem die riesige Begeisterung für Mao Zedong, dessen Rote Garden die Bevölkerung in China damals auf unglaubliche Weise terrorisierten (diese Passagen sind besonders interessant), die Begeisterung für weitere Diktatoren und Terrorgruppen der Dritten Welt, außerdem die völlig fehlenden konkreten Vorstellungen davon, was man denn in der Bundesrepublik revolutionieren müsse (irgendwie müsse es mit Enteignungen und Sozialismus funktionieren), und ihr nebulöses Geschwafel von der Schaffung eines „Neuen Menschen“; oder auch die Tatsache, dass die Aufarbeitung der Naziverbrechen gar nicht wirklich in ihrem Fokus war, wie später oft behauptet. Außerdem geht sie z. B. auf ihren – noch immer nachwirkenden – doch sehr einseitigen Blick auf den Vietnamkrieg ein, wo sie sich einfach auf die Seite des grausamen Aggressors Nordvietnam stellten. Sie zeigt sehr gut, wie sich die Neue Linke weigerte, das zu sehen, was sie nicht sehen wollte (v. a. das Elend in China unter Mao).

Sie macht auch deutlich, wie hilflos und milde der westdeutsche Staat von da an immer öfter gegenüber linker Gewalt reagierte: Etwa bei einer Massenamnestie von 1970 für Verbrechen, die mit unter acht Monaten Haft bestraft worden waren, und die speziell für die oft ziemlich randalierenden Studenten geschaffen worden war. Linke Gewalt wurde zur kleingeredeten und für viele zur gerechtfertigten Gewalt; das zeigte sich auch bei den Bombenanschlägen der „Tupamaros West-Berlin“ um Dieter Kunzelmann aus der Kommune 1 (z. B. einem versuchten Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin; aus dem sog. Antizionismus der Neuen Linken wurde schon bald tätlicher Antisemitismus), und der Kaufhausbrandstiftung durch Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein, die später zu zentralen Figuren der RAF wurden.

In dieser Zeit wollte Meinhof auch ihre Töchter im revolutionären Sinn umerziehen. Frau Röhls Schilderungen haben hier etwas sehr Ironisches:

„Niemand sollte uns mehr zwingen, ins Bett zu gehen. Eine gewisse Verdrecktheit war angesagt. Wir sollten laut, rücksichtslos, aggressiv auftreten, Nachbarn stören und auf keinen Fall ‚Bitte‘ oder ‚Danke‘ sagen.
 Ich sollte nicht mehr mit Puppen spielen, was mir ganz und gar missfiel. […]
 Das war jetzt das Diktat der Mutter im Befreiungskampf. Ich war, obschon noch keine sechs Jahre alt, auch wenn ich nicht alles verstand oder, besser gesagt, gar nichts verstand, fassungslos. Ich kämpfte plötzlich um meine Kleider, ich kämpfte um meine Haare, ich kämpfte um mein früheres kleines Leben, das mir sehr gut gefallen hatte. Und ich bekam einen Wutanfall nach dem anderen, die einen irrsinnig heftigen Widerstand bei ihr erzeugten und ein endloses, erschöpfendes und ziemlich autoritäres Diskutieren und Erklären, bis ich vor Erschöpfung umfiel. Ob ich es nun wohl endlich verstanden hätte, dass Kleider und Schmuck repressiv seien und Mädchen zu Puppen machten!“ (S. 121)

Ulrike Meinhof zeigte sich auch sonst nicht als die beste Mutter; ihre Kinder waren z. B. ständig zu spät und ohne Pausenbrot und anständige Ausstattung in der Schule, nachdem sie im Herbst 1968 in einer Privatschule eingeschult worden waren. In dieser Zeit lernte sie auch einen neuen Partner kennen, Peter Homann, ein ehemaliger Kunststudent, der ebenfalls zur sozialistischen Szene in Berlin gehörte, der zu ihr zog und sich besser um die Zwillinge kümmerte, und von dem Frau Röhl viele Aussagen in ihr Buch aufgenommen hat. (Sie bringt etliche lange Zitate aus Interviews mit Zeitzeugen, was sehr interessant ist.)

Während sie in Berlin lebte, schrieb Ulrike Meinhof außerdem weiter für konkret und startete auch einige Versuche, die Zeitschrift ihres Exmannes mit ihren Leuten zu übernehmen; als das nicht gelang, kündigte sie und organisierte dann noch eine Besetzung des Verlags und einen Überfall ihrer Leute auf das Wohnhaus von Klaus Rainer Röhl. Ihre Beziehung zu ihrem Exmann war überhaupt nicht die beste: ihrem Scheidungsanwalt gegenüber verbreitete sie Lügen über Klaus Rainer Röhl, sie hetzte Bettina und Regine gegen ihn auf, verhinderte seine Besuche und fing schließlich seine Briefe an die Kinder ab. Auch wenn Röhl durchaus nicht immer sympathisch und oft etwas eigen wirkt: Meinhof macht hier erst recht nicht den besten Eindruck.

Zudem schrieb sie in dieser Zeit das Drehbuch für ein Fernsehspiel über Heimkinder, und verschiedene Linke aus APO-Kreisen – u. a. Baader; die Kaufhausbrandstifter waren auf freiem Fuß, während ihre Revision lief – aus Frankfurt und aus Berlin fuhren auch tatsächlich zu Heimen für schwer erziehbare Jugendliche und brachten einige dazu, aus dem Heimen zu fliehen, woraufhin sie in deren WGs aufgenommen wurden. Besonders gut durchdacht war das nicht; Frau Röhl zitiert die spätere RAF-Terroristin Astrid Proll: „Und in allen Wohngemeinschaften gab es Streit mit den zum Teil kriminellen Jugendlichen, die alles klauten, asozial waren und nicht mehr wussten, wo es langging. Eine Diskussion lief an. Die Frage wurde diskutiert, ob man die Jugendlichen zu Revolutionären erziehen oder sie für ein normales Leben fit machen sollte. Baader wollte sie kriminalisieren. Gudrun und Andreas waren die ‚Stars‘, sie fuhren mit einem dicken Mercedes herum, nahmen reichlich Drogen, vor allem Haschisch und LSD.“ (S. 212f.) Trotzdem schafften die Leute um Baader es sogar, für ihre ‚Lehrlingskollektive‘ Subventionen vom Jugendamt zu bekommen.

An diesem Buch zeigt sich beispielhaft, wie die totale linke Politisierung ein Familienleben ruinieren konnte (alles war für Meinhof in dieser Zeit politisch und sie muss dabei anscheinend ziemlich unglücklich gewesen sein; es ist krass, wie sie z. B. in ihrem Osterurlaub 1969 Peter Homann als Faschist beschimpfte, weil er mit ihren Kindern Sheriff und Banditen spielte); und wie die versuchte Auflösung aller Strukturen durch die 68er oft einfach nicht funktionierte (z. B. bei den Heimkindern um Baader).

Dann kommt Frau Röhls zweiter Essay: „Der Triumph von 68“. Sie dokumentiert hier, wie Ende 1968, nach dem Attentat auf Dutschke, bei der engagierten Minderheit der neulinken Dauerprotestierer irgendwie „die Luft raus“ war und sie sich weiter zersplitterten, obwohl sie sich gerade da in der Gesellschaft durchzusetzen begannen und ihre Ideen sich weiter verbreiteten, v. a. nachdem Willy Brandt 1969 Kanzler wurde. Sie schreibt:

„Fast alle wollten nun mitmachen, wollten jetzt links sein, bald wollte jeder in der Gesellschaft beweisen, dass er irgendwie auch etwas links war und jedenfalls ‚Verständnis‘ für die guten Ziele der APO hatte. In einer Umfrage des Allensbacher Instituts erklärten zwischen 60 und 70 Prozent der Schüler und Studenten, dass sie Rudi Dutschke, der immerhin das System, die Bundesrepublik Deutschland, abschaffen wollte und von ‚Stadtguerilla‘ gesprochen hatte, gut fänden.
[…]
Der Staat, was immer das im 68er-Verständnis, in den nebulösen Abstrakta von ‚Repression‘, ‚Imperialismus‘ und dergleichen gewesen sein mag, hat damals verloren, das ist meine These. Er ist seither ein verdächtiger Staat, und das alleine ist bereits die Niederlage: Der Staat ist seit dem Paradigmenwechsel von 68 ein zutiefst im Kern bemakelter, ein im Mark erschütterter Staat. Ihm wurde damals eine enorme Bringschuld au
fgebürdet und nur eine extrem eingeschränkte Grundlegitimation zugestanden.“ (S. 249f.)

Es wird hier auch deutlich, wie diese linken Studenten eigentlich wenig wirklich (selbst aus ihrer Sicht) Konstruktives machen wollten, wie es ihnen langweilig wurde, als sie bei der Mehrheit beliebter wurden und nicht mehr so sehr Avantgarde spielen konnten. Sie hatten sich auf Revolution festgelegt; und jetzt sollte es plötzlich ohne Revolution gehen?!

Die Bewegung zersplitterte sich zwar, wurde aber zahlenmäßig groß und erlangte die Deutungshoheit; ihr wurde wenig entgegengesetzt. Über die Protestmode schreibt Frau Röhl:

„68, das heißt: Protestkultur statt Kultur. Protestpolitik statt Politik, heißt Protestjournalismus statt Journalismus, heißt Protestjustiz statt Justiz. Nur dass, wenn Protest Mainstream ist, wenn Protest Regierung und Opposition gleichzeitig ist, Subkultur und Hochkultur, vom Protest nichts übrig bleibt; dass dann linker Protest der aalglatteste, angepassteste, opportunistischste Mainstream und kein echter Protest mehr, nur noch Attitüde ist.“ (S. 255)

Nach diesem Essay kommt Teil II: „Die Entstehung der RAF“. Interessanterweise schreibt Frau Röhl hier zunächst wenig über Andreas Baader und Gudrun Ensslin und mehr über Horst Mahler, einen Berliner Anwalt und Begründer des „Sozialistischen Anwaltskollektivs“ (zusammen mit u. a. dem späteren Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele). Mahler wollte eine Stadtguerilla aufbauen, sprach dafür einige Leute im SDS-Umfeld an und war zentral an der Gründung der RAF beteiligt, wurde aber dann später früh festgenommen.

Andreas Baader und Gudrun Ensslin waren inzwischen abgetaucht, um ihre Haftstrafe nach der erfolglosen Revision nicht absitzen zu müssen, und zogen im Februar 1970 zu Ulrike Meinhof und ihren Kindern. Frau Röhl beschreibt sie: „Er schrie und pöbelte herum. Baader benahm sich, wie man sich vielleicht den Zuhälterkönig einer kleineren deutschen Großstadt vorstellt. […] Ensslin machte hier und da ihre Statements und war ähnlich aufgekratzt wie Baader, was vermutlich an den Aufputschmitteln und sonstigen Drogen lag, die sie nahmen. […] Auch sie sah und hörte uns Kinder nicht. Das war neu. Alle anderen Genossen, die wir bis dahin gekannt hatten, hatten sich mindestens den Anschein einer gewissen Kinderfreundlichkeit gegeben.“ (S. 276-278) Meinhof fand Baader offenbar sehr interessant; die Beziehung zu Homann ging zu Ende. Die Meinhofsche Wohnung wurde zum Treffpunkt der Linksradikalen, die von der „Stadtguerilla“ redeten; Meinhof war die Agitation durch Journalismus und Film jetzt zu wenig geworden, zu einer Art Heuchelei: Es musste etwas Richtiges passieren – aka Gewalt.

Dann wurde Andreas Baader doch noch festgenommen und hätte seine – ziemliche kurze – restliche Strafe absitzen müssen. Aus irgendeinem Grund wollte man ihn befreien, wofür ein fingierter Vertrag mit einem linken Verlag für ein Buchprojekt mit Baader und der Journalistin Meinhof abgeschlossen wurde, wegen dem Baader Ausgang für die Recherche in einer Bibliothek bewilligt wurde. (Das Ganze war im Mai 1970.) In dieser Bibliothek setzten die bewaffneten Befreierinnen Gudrun Ensslin, Irene G., Ingrid Schubert und ein Helfer namens Jürgen B. die Baader begleitenden Polizisten außer Gefecht und ein Angestellter namens Georg Linke wurde lebensgefährlich angeschossen, bevor sie mit Baader aus dem Fenster sprangen – Ulrike Meinhof hinterher – und in bereitgestellten Fluchtautos, von zwei Frauen namens Astrid Proll und Hanna K. gefahren, flüchteten.

Frau Röhl vertritt hier die von ihr gut begründete These, dass Meinhofs Mitabtauchen von ihr geplant war; dass sie nicht, wie manche meinten, nur quasi aus Versehen oder in einer Augenblicksentscheidung mitkam, statt, wie es ursprünglich gedacht gewesen wäre, scheinbar verdattert zurückzubleiben.

„Alles spricht dafür, dass Meinhof selber ganz dringend gemeinsam mit der Gruppe in den gemeinsamen Untergrund abtauchen wollte, dass sie in einem effektvollen Sprung die Welten wechseln wollte. […] Etliche Terroristen haben mir von diesem Reiz erzählt, von dieser Flucht vor den Sachzwängen des Lebens. Und die große Revolution, das große Ziel, das Phantasma, das alles legitimiert, verdrängt die eigenen täglichen Probleme, die allerdings, wer hätte das gedacht, im Untergrund binnen kürzester Zeit wie ein Bumerang doppelt und zehnfach zurückkehren. […]
In ihrem solidarischen Abtauchen in den Untergrund lag wahrscheinlich auch etwas Anbiederndes, sie wollte die Wärme einer Gruppe, ein Gruppengefühl, die Solidarität einer Familie, das Ideal, durch die Illegalität zusammengeschweißt zu werden. Und ganz wichtig für
Meinhof, dass sie, wie sie es oft zum Ausdruck brachte, sich selber immer wieder durch gemeinsame Taten revolutionieren konnte und nicht heimlich doch verbürgerlichte.“ (S. 310f.)

Die werdenden Terroristen verbargen sich zuerst bei Freunden und reisten dann mit gefälschten Pässen über Ostberlin nach Jordanien in ein Ausbildungslager der Fatah, die sich in ihrem Kampf gegen Israel mit vielen Linken weltweit verbündete. Auch Homann, der sich geweigert hatte, sich bei der Baader-Befreiung zu beteiligen, und noch versuchte, Ulrike Meinhof zu überreden, sich der Polizei zu stellen (aber nicht selbst die Polizei rief) ging mit, weil er fälschlicherweise statt Jürgen B. gesucht wurde und vielleicht auch, weil er sich irgendwie für Meinhof verantwortlich fühlte; auch Horst Mahler und andere kamen. Bevor sie nach Jordanien ging, sprach Ulrike Meinhof eine Art Manifest der RAF auf Tonband, das dem Spiegel zugespielt wurde und das er tatsächlich veröffentlichte; der Anfang einer Gier der Medien nach RAF-Geschichten. So erreichte die RAF die „intellektuellen Linken“, an die sie sich wenden wollte: Die müssten endlich etwas tun, sich bewaffnen, statt nur reden, proklamierte Meinhof. Dabei betrieb sie die totale Entmenschlichung der Gegner, d. h. der Polizisten. („Das ist ein Problem, und wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“) Viele Kampfgenossen bekam sie dadurch zwar nicht; aber berühmt wurde sie allerdings.

Und da waren dann noch Meinhofs Töchter, die jetzt gerade erst sieben Jahre alt waren. Da sie auf ihren Exmann einen extremen Hass hegte und sich auch mit ihrer Pflegemutter zerstritten hatte, fragte Meinhof, bevor sie in den Untergrund ging, eine Zeitlang im Bekanntenkreis herum, wer vielleicht ihre Kinder nehmen könnte; am Tag der Baaderbefreiung ließ sie ihre Kinder zunächst von ihren Verbündeten Jan-Carl Raspe und Marianne Herzog bei einem befreundeten Ehepaar, den Holtkamps, in Hannover unterbringen. Als ein Gericht eilig Klaus Rainer Röhl das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die verschwundenen Kinder zusprach und Holtkamps merkten, dass er bemerkt hatte, wo sie waren, ließ die RAF sie von Marianne Herzog, Monika Berberich und Hanna K. nach Sizilien verschleppen, in ein Barackenlager für Erdbebenopfer, wo einige kommunistische Genossen aktiv waren. (Röhl hatte seinen Bruder nach Hannover geschickt, um die Kinder zu finden, der zu spät ankam.) Herzog und Berberich fuhren abrupt wieder aus Sizilien ab; die zurückgelassene Hanna K., die eigentlich nur als Fahrerin hatte fungieren sollen, blieb eine Zeitlang mit den Zwillingen dort und wurde nach sechs Wochen von vier Hippies abgelöst; dann ging sie kurz nach Jordanien, reiste aber schnell entsetzt wieder ab und seilte sich von der entstehenden RAF ab. Regine und Bettina blieben insgesamt mehrere Monate in Sizilien, den ganzen Sommer über (eine Erklärung erhielten sie nicht), während ihre Mutter und deren Freunde bei der Fatah das Schießen und Handgranatenwerfen lernten.

In diesem Ausbildungslager wurden Baader und Ensslin, die sich auf brutale Weise durchsetzen konnten, zu den Anführern der RAF.

Peter Homann, der von Anfang an nicht richtig dazugehört hatte, wurde bald verdächtigt, möglicherweise zum Verräter werden zu können und die ganze Gruppe, inklusive Meinhof, beschloss ihn zu liquidieren; nur die Palästinenser schützten ihn vor den eigenen Genossen. Er konnte im Gegenzug für Versprechen gegenüber den Palästinensern getrennt von den anderen nach Deutschland zurückreisen. Er hatte auch gehört, wie die Gruppe einen Plan geschmiedet hatte, Meinhofs Kinder in ein Waisenlager der Fatah zu geben; in Deutschland, wo er sich bei palästinensischen Kontaktleuten melden sollte, erfuhr er, dass Bettina und Regine tatsächlich dorthin kommen sollten, sprach dann mit dem jungen Journalisten Stefan Aust, den er von konkret kannte, und nahm Kontakt zu Hanna K. auf, durch die er den Kontakt nach Sizilien bekam. Aust fuhr dorthin (Homann wurde immer noch polizeilich gesucht), um die Kinder zu holen und brachte sie ihrem Vater zurück. Kurze Zeit später traf Ulrike Meinhof – allein, mit gefälschtem syrischem Pass – in  dem sizilianischen Barackenlager ein; ihre Kinder waren weg. Für Regine und Bettina, die einem ziemlich entsetzlichen Schicksal gerade noch entkommen waren, ging in Hamburg eine anscheinend ziemlich unbeschwerte Kindheit weiter, in der ihre Mutter praktisch keine Rolle spielte.

Die Autorin erwähnt noch die ersten Banküberfälle der RAF und die Festnahme der ersten Mitglieder – darunter Mahler –; dann beginnt Teil III: „Mythos Meinhof“, der sich mit der Zeit nach 1970 befasst.

Die Taten der RAF – die Bombenanschläge auf amerikanische Soldaten, die Morde an Polizisten usw. – werden nicht im Detail beschrieben, auch wenn die Autorin Wert darauf legt, kurz auf die einzelnen Todesopfer einzugehen. „Die Taten der RAF“, schreibt Frau Röhl, „also der von den Beamten gemeinte Baader-Meinhof-Komplex, ist dagegen nur eine mittelinteressante Story, ein mittelinteressanter Krimi mit unheimlichen Längen. Die Reaktion der Gesellschaft und der Politik auf die RAF – das ist das spannende Thema.“ (S. 464) Es geht also hier mehr um Leute wie den zuständigen BKA-Kommissar Alfred Klaus, der sich bemühte, sich in das Denken der Terroristen hineinzuversetzen und psychologische Gründe für ihre Taten zu finden; Klaus Rainer Röhl, der fest überzeugt war, dass seine Exfrau, an der er irgendwie noch hing, von anderen in den Terrorismus hineingezogen worden war und diese Sicht weithin propagierte; Renate Riemeck, die in konkret empathisch und ganz auf kommunistischer Basis an ihre Ziehtochter appellierte, vernünftig zu werden; Heinrich Böll, der im Spiegel die Gewalttaten der RAF herunterspielte und Gnade für Meinhof forderte; oder auch um die ganze lächerliche Diskussion in der Bundesrepublik darüber, ob man in diesem Fall von Bandenkriminalität denn wirklich von der „Baader-Meinhof-Bande“ sprechen dürfte oder nicht eher „Gruppe“ sagen müsse.

In Teil III ist auch der dritte Essay der Autorin eingebettet, über die Ikone Meinhof, die wesentlich bekannter wurde als andere linksextreme Terroristen. Frau Röhl schreibt: „Meinhof besetzt viel zu singulär das Terrorfeld in den Köpfen vieler Menschen, und dies, ohne dass sie als echte ‚Terroristin‘ empfunden wird. So wie sie in den Köpfen vorkommt, verdrängt sie jedoch vor allem ihre Opfer regelrecht aus dem öffentlichen Bewusstsein.“ (S. 501)

Auf den letzten hundert Seiten wird Meinhofs erste Zeit im Gefängnis, in Isolationshaft, beschrieben, es wird beschrieben, wie Angehörige und Anwälte erfolglos versuchten, sie zu deradikalisieren. Jetzt entstand wieder ein kleiner Briefwechsel mit ihren Töchtern, und es gab ein paar wenige Besuche im Gefängnis; aber dann bricht Meinhof den Kontakt wieder ab, auch zu ihren anderen Verwandten. (Der Titel des Buches, „Die RAF hat euch lieb“, stammt aus einem von Meinhofs Briefen an Bettina und Regine.) Im Gefängnis schrieb Ulrike Meinhof auch eine jubelnde Erklärung zum Mord an den israelischen Sportlern durch palästinensische Terroristen bei den Olympischen Spielen in München 1972, die sie ihrem Anwalt schickte, und veranstaltete, wie andere RAF-ler, Hungerstreiks, um gegen die Isolationshaft zu protestieren, womit sie in der Gesellschaft einiges an Sympathie einheimsen konnten. Frau Röhl wertet hier die Akte von Meinhofs Anwalt Heinrich Hannover detailliert aus, was ziemlich spannend ist; interessant ist dabei auch, wie Meinhofs Briefe an ihren Anwalt immer verworrener werden.

Das Buch endet, wie gesagt, 1974; eine Fortsetzung wäre sicher ebenfalls noch lesenswert.

 

Ulrike Meinhof kommt in diesem Buch negativer herüber als in Prinz‘ „Lieber wütend als traurig“ (mit anderen Büchern kann ich es ja nicht direkt vergleichen). Ihre Rachsucht gegenüber ihrem Exmann, ihr oft unverschämtes und immer forderndes Verhalten z. B. gegenüber ihren Anwälten (bei ihrer Scheidung wie nach ihrer Festnahme als Terroristin) oder gegenüber Klaus Rainer Röhl bei den Verhandlungen über ihre Honorare und Vertragsbedingungen bei konkret, ihr mangelndes Interesse an ihren Kindern, ihre (mindestens passive, vielleicht aber auch sehr aktive) Beteiligung am Mordplan gegenüber Peter Homann, ihr völlig fehlendes Unrechtsbewusstsein wegen der Morde an Polizisten und amerikanischen Soldaten; alle diese unsympathischen Seiten werden hier deutlicher. Erschreckend war eine Stelle in einem Interview mit Peter Homann, in dem Homann erzählt (das war vor der Gründung der RAF):

„In dieser Zeit bat sie mich, während wir am Abend wieder mal viel zu viel Wein getrunken hatten, nach Hamburg zu fahren und heimlich nachts die Schrauben der Autoreifen an Klaus Röhls Auto, ein weißer Mercedes, zu lockern, damit er sich am nächsten Tag totfahren würde. Sie meinte das ganz im Ernst. Sie bat mich, das für sie zu tun. Und ich erschrak unheimlich.
 Ich sagte zu ihr: Also jetzt, Ulrike, bist du verrückt geworden, das mache ich nicht, das geht zu weit. Da sagte sie: Ach so, und ich dachte, das würdest du für mich tun. Ich habe lange überlegt, ob ich das irgendjemandem erzähle, aber es zeigt, wie weit damals ihr Hass ging.“ (S. 234)

Mir ist außerdem aufgefallen, dass Frau Röhl ab und zu Hintergrundinfos bringt, die Aussagen der RAF-Terroristen, die bei Alois Prinz unhinterfragt dastehen, als falsch entlarven. Z. B. schrieb Meinhof in einem Brief Ende 1968 an Freunde über die Zwillinge: „In den Herbstferien waren sie bei ihrem Pappi in Hamburg und haben Terror gemacht. Da standen 6 Marmeladen auf dem Tisch, ‚alle zu 6 Mark‘ – und dann ist meine Schwiegermutter fast in Ohnmacht gefallen, weil sie erklärten, sechs genügten nicht, unter acht fingen sie nicht an zu essen. Ich habe denen gesagt, wenn ihr nichts anderes anzubieten habt als Marmeladen, dürft ihr euch nicht wundern – wenn ihr Konsumterror macht, dürft ihr euch nicht wundern, wenn die Kinder auch Konsumterror machen.“ Prinz erwähnt diese Aussage in seiner Biographie. Frau Röhl schreibt, dass ihre Mutter sich die Geschichte schlichtweg zusammenfantasiert hatte, nachdem die Zwillinge ihr erzählt hatten, dass ihr Vater (der gern einen großen Wirbel veranstaltete und seine Kinder verwöhnte) mit ihnen zu einem Feinkostgeschäft gefahren war und acht oder zehn Marmeladensorten für sie ausgesucht hatte (was ihnen gefallen hatte).

Es kommen praktisch unglaubliche Details aus der RAF-Geschichte zutage: Frau Röhl hat z. B. recherchiert, wie sich Meinhofs Anwälte in Berlin tatsächlich noch einen Sorgerechtsstreit mit Klaus Rainer Röhl um die Zwillinge lieferten, nachdem Meinhof schon abgetaucht war und die Kinder in Sizilien waren: Meinhof beabsichtige, ihre Kinder zu ihrer Schwester zu geben „bis die gegen sie angeblich vorliegenden Verdachtsmomente der Begehung strafbarer Handlungen entkräftet sind und sie in ihre Wohnung nach Berlin zurückkehren kann“, hieß es in einem von Hans-Christian Ströbele unterzeichneten Antrag (S. 396), also solle man ihr das Sorgerecht, das sie seit der Scheidung hatte, doch bitte lassen.

Dass Meinhof ihre Mutterrolle schon vor der RAF-Zeit nicht allzu gut ausfüllte, wird deutlich. Die Autorin erwähnt auch dieses Videointerview, das Meinhof kurz vor ihrem Gang in den Untergrund gab und in dem sie traurig darüber redet, wie schwer es sei, alleinerziehend und gleichzeitig politisch aktiv zu sein, und am Ende ein bisschen kryptisch über das Verlassen der Familie redet:

Frau Röhl urteilt:

„Meinhof fabuliert über die klugen alleinerziehenden Frauen, zu denen sie sich selber zählt, die es unheimlich schwer hätten, politisch zu arbeiten, der Kinder wegen. Sie verschweigt, dass sie neben unserer Schule einen Kinderladen in Anspruch nahm, dass sie ganz viele dienstbare Geister um sich hatte, an die sie ihre Mutteraufgaben delegierte. Und sie verschweigt, dass sie seit der Geburt von uns Zwillingen immer Hauspersonal beschäftigt hatte, was sie jetzt aus ideologischen, nicht etwa aus finanziellen Gründen ablehnte. […]
 Und die erfahrene Journalistin, die schon mehrfach im Fernsehen aufgetreten war, also wusste, wie man auftritt und wie man wirkt, inszenierte sich für diese Filmsequenz ganz bewusst als eine Frau, die droht kaputtzugehen. Der 68-Revoluzzer mit Weltgeltungsanspruch wollte das Bild des an der Welt Verzweifelnden abgeben, der sich für die Menschheit opfert, Äußerlichkeiten nicht mehr wahrnimmt und so sensibel ist, dass man ihm das ‚Nicht-mehr-aushalten-Können‘, das ‚innere Weinen und Schreien‘ sofort und unmittelbar ansieht. […]
 Das Video ist ein mittelmäßig gelungenes Buhlen um Sympathie und Verständnis un gleichzeitig auch eine Abschiedsbotschaft.“ (S. 289f.)

Über das Problem von Meinhof mit ihren Kindern urteilt Frau Röhl schlicht:

„Eine Mutter ist Mutter, weil sie Kinder hat. Das ist die Definition. Wenn eine Mutter mit ihren Kindern Probleme hat, dann hat sie Probleme, die Kinder haben originär keins. Wenn eine Mutter ihre Kinder loswerden will, ist das ihr Problem, nicht das Problem der Kinder. Und vor allem: Die Kinder an sich sind kein Problem. Sie haben vielleicht eins mit ihrer Mutter, die ein Mutterproblem hat, mit einer Mutter, die eine Problemmutter ist. […]
Fakt ist:  Meinhof war eine Frau, die ihre Mutterrolle nie gefunde
n hat; zwischen partiellem Überengagement und aversivster Ablehnung schwankte sie hin und her und wusste nicht, wie sie es ihrer Umwelt verkaufen sollte, dass sie sich ihrer Kinder entledigen wollte. Vermutlich wusste sie auch vor sich selbst nicht, wie sie ihre Abstoßungsreaktionen erklären sollte.
Die Idee, dass Kinder ihre Mütter am Leben hinderten, am Beruf, an der Selbstverwirklichung, an der sexuellen Erfüllung oder eben auch an der revolutionären Selbstverwirklichung, lag damals schwer im Trend, ein Trend, der sich in den extremen Kommunen wie zum Beispiel der Otto-Mühl-Kommune, aber auch bei den Sannyasins fortsetzte. Auch dort war es Programm, dass Kinder für die Selbstverwirklichung vor allem der Frau gezielt und bewusst von ihren Müttern getrennt, verlassen, zurückgelassen oder sogar weggegeben wurden. Es galt teilweise als fortschrittlich, die überkommene Mutterbindung brutal zu brechen und zu überwinden, um auch die Kinder zu selbstständigen neuen Menschen zu erziehen.“
(S. 291f.)

Dass sich Meinhof immer weniger für ihre Kinder interessierte, wird immer wieder an Details deutlich; am entsetzlichsten zu lesen sind aber die Passagen über die Pläne der RAF, sie in dem Waisenlager der Fatah unterzubringen. Es ist krass, wie auch mehrere ehemalige RAF-ler sich der Autorin gegenüber über dieses Thema äußerten; wie z. B. Monika Berberich in einem Interview aus dem Jahr 1995 gegenüber Bettina Röhl versuchte, Meinhofs Taten herunterzuspielen und zu rechtfertigen:

„Monika Berberich: Ja, sie ist davon ausgegangen, dass ihr ’ne Menge Positives in eurem Leben schon mitgekriegt habt, und dass ihr zu zweit wart, war auch total wichtig. Und es war zuerst nicht die Überlegung, dass sie euch gleich gar nicht mehr sieht. Erst in dem Moment ist das eine Überlegung geworden, wo klar war, dass euer Vater versucht mit allen Mitteln, euch zu kriegen, denn – das vergess ich nicht…
Bettina Röhl: Was meinst du?
Monika Berberich: Willst du das wirklich genau wissen? Weil sie ihn für ein Schwein gehalten hat, und zwar im buchstäblichen Sinne.
Bettina Röhl: Ein bisschen genauer bitte.
Monika Berberich: Sie meinte, er wird sich auf die eine oder andere Weise irgendwie an euch vergreifen, und es gab schon Zeichen dafür.
Bettina Röhl: Also sexueller Missbrauch?
Monika Berberich: Ja – ja, jetzt vielleicht nicht im allerschlimmsten Sinne, aber..
Bettina Röhl: Hm.“ (S.379)

Oder wie Horst Mahler ihr gegenüber sagte „Sie wollte nicht, dass ihr in einem bürgerlichen Leben bei eurem Vater verkommt“ (S. 378).

Oder Manfred Grashof in einem Interview von 1999:

„Manfred Grashof: […] da kann ich sagen, ich hab dafür plädiert, dass ihr in ein Camp kommt, da kannst du mich jetzt hassen […], weil, das war für mich die einfachste und die plausibelste und die richtigste Lösung. […] es gab da auch Schulen, die hatten dann auch so eine Jugendorganisation, das war dann natürlich total militärisch, die jungen Löwen, na ja, Jungs und Mädchen zusammen, ab einem gewissen Alter, also es gab da soziale Strukturen, die nicht irgendwie behauptet waren, sondern die real existierten. […]
[…]
Bettina Röhl: Und hattest du auch die Idee, eventuell deine Tochter……?
Manfred Grashof: Na ja, die ging zur Schule, die war zu dem Zeitpunkt […] schon längst bei meinen Eltern und, also ich hatte ja eigentlich nicht so die Veranlassung, da das Mädchen zu kidnappen, um es dann in den Libanon oder sonst wohin […] zu bringen.“ (S. 383-385)

Nochmal im Klartext: Es ging darum, zwei siebenjährige Mädchen bei Fremden aus einer Terrororganisation in einem arabischen Kriegsgebiet zurückzulassen.

(Im selben Interview erzählt Grashof auf Nachfrage noch, wie das Camp mit den Waisenlagern kurze Zeit später bei einem Bombenangriff des israelischen und jordanischen Militärs zerstört wurde.)

Die Autorin urteilt: „Auch Mahler, Baader, Ensslin hatten Kinder in unserem Alter, und auch sie sahen ‚eigentlich nicht so die Veranlassung‘, ihre Kinder zu ‚kidnappen‘ und in ein Waisenlager in den Nahen Osten zu bringen. Der Kinderirrsinn, der tätliche Hass auf ihren Exmann sowie die Tatsache, dass sie dem Plan, Peter Homann zu liquidieren, schweigend zugestimmt hatte oder gar diejenige war, die den Liquidierungsplan durch ihren Verdacht befördert hatte, war ganz offenkundig eine Meinhof’sche Besonderheit.“ (S. 385)

Frau Röhl berichtet in diesem Zusammhang auch, wie Mahler und Baader später, als die Zwillinge wieder bei ihrem Vater waren, noch bei Hanna K. mit Pistolen auftauchten, sie bedrohten und erfahren wollten, wo die Kinder waren, wie sie auch bereit gewesen wären, Homann und Aust zu erschießen, und dann doch von ihren Plänen abließen, wie ernst es mit der Verschleppung der Mädchen also war und was ihre Befreier riskierten; und sie berichtet, wie RAF-Apologeten später oft versuchten, die Pläne mit der Verschleppung nach Jordanien herunterzuspielen (z. B. Jutta Ditfurth in ihrer Meinhof-Biographie), oder sie zumindest rasch übergingen.

„Meinhof hat ihre Kinder nicht ‚verlassen‘, wie es immer so schön traurig heißt“, urteilt Frau Röhl. „Im Gegenteil, sie hat ihre Kinder mit in ihren Abgrund reißen wollen. […]
 Ich begreife Meinhofs sogenannten Sprung aus dem Fenster des Instituts für Sozialforschung am 14. Mai 1970 als den ersten Akt ihres sich lang hinziehenden Selbstmords.“ (S. 456f.)

Ulrike Meinhof muss offenbar ein sehr unglücklicher Mensch gewesen sein, mit dem Wunsch, so radikal wie nur möglich zu sein, aber gleichzeitig auch mit sehr unangenehmen Seiten und absurden Rationalisierungsstrategien.

Weitere interessante Punkte:

Es tauchen immer wieder bekannte Namen im linksextremen Umfeld, aus dem die RAF entstand, auf: Hans Magnus Enzensberger, Johannes Rau, Heinrich Böll, und viele mehr. Die Anwälte der RAF, wie Otto Schily und Hans-Christian Ströbele waren deutliche Sympathisanten und Helfer ihrer Mandanten, oft Freunde, die sie von früher kannten, und sie wurden später erfolgreich in der deutschen Gesellschaft. Es wird dokumentiert, wie viele der RAF in den frühen 70ern halfen, wie gut gerade Ulrike Meinhof in der Gesellschaft vernetzt war, bei wie vielen Leuten sie, während sie im „Untergrund“ war, auftauchen und Unterkunft, Geld und sogar Pässe bekommen konnte, ohne dass jemand die Polizei rief. Man bekommt eine Ahnung, wie weit der absurde Hass der Linken auf die Polizei ging; lieber half man Terroristen, als die Polizei zu holen.

Man merkt Frau Röhl immer wieder einen gerechtfertigten Ärger über die selektive Geschichtsrezeption der Alt-68er an, aber dabei bleibt sie gerecht und klar. Sie schreibt ziemlich pragmatisch; manchmal vielleicht etwas sehr pragmatisch. Wo man vielleicht noch mehr ideologische Kritik an  den theoretischen Prinzipien des Linksextremismus üben könnte, und andererseits deutlicher anerkennen könnte, dass der Wunsch nach Radikalität, den damals so viele irgendwie romantisch fanden, doch auf irgendeiner guten Wurzel basieren musste (ich meine hier weniger die Terroristen als vielmehr ihre Fans – wie sehr fehlten vielen Leuten Radikalität und Prinzipientreue, wenn sie meinten, wenigstens das bei der blödsinnigen Zerstörungswut dieser Terroristen zu finden?) kanzelt sie das Ganze ab und zu einfach mit dem Hinweis auf den fehlenden wirtschaftlichen Sachverstand der Neuen Linken ab (was ja auch berechtigt ist).

Sie hat übrigens auch ein paar klare Worte übrig für das ideologiegeleitete Interesse mancher Journalisten usw. an ihrem Leben und dem ihrer Schwester:

Was für ein Roman, was für eine schöne dramatische Geschichte: zwei blonde Mädchen mit der Kalaschnikow in der Hand, das war das Bild, das sich viele Menschen von meiner Schwester und mir machten. In etlichen Theaterstücken und Filmen wurden meine Schwester und ich tatsächlich so dargestellt. Dass wir längst wieder ein normales Leben führten und mit dem Terror von Meinhof gar nicht in Berührung kamen, ja, dass es uns gut, sogar ganz hervorragend ging, dass wir unser eigenes Leben fröhlich und interessiert lebten, passte nicht in die gierigen Journalistengeschichten der Tragödie von den ‚armen Kinder‘, die von der guten, armen tollen Terroristin für die Revolution geopfert worden wären. Es nervt, kann ich nur sagen! […] Und wenn man nicht dem Bild entsprach, waren viele beleidigt oder etwas böse. Haben die Kinder denn gar keine Gefühle für ihre Mutter? Dann sind sie eiskalt und gefühlsmäßig abgestumpft, wie eigentlich doch alle Nachgeborenen nach 68, oberflächlich und vielleicht auch etwas dumm und ohne Empathie für die große Revolutionsidee.“ (S. 493f.)

„Ulrike Meinhof hat vor 42 Jahren entschieden, ohne Reue und ohne Versöhnung mit der Gesellschaft aus dem Leben zu gehen. Und doch wünschen sich immer wieder so viele Menschen eine große Versöhnungsgeschichte: Die Opfer der RAF sollen den RAF-Tätern vergeben, der Staat soll sich mit der RAF aussöhnen, und immer wieder riefen mich Filmleute an, sie wollten so gerne die Geschichte schreiben, wie sich eine Ulrike Meinhof, die doch irgendwie heimlich überlebt hätte, nun – so der Plot – mit ihrer Tochter, einer fiktiven Bettina Röhl, träfe, auseinandersetzte und schließlich versöhnte. Die ‚Tochter‘ sollte der Mutter ganz fürchterliche Vorwürfe machen und mindestens genauso schlimm oder noch schlimmer sein als ihre Mutter. Ich habe diese Filmanliegen, bei denen ich auch noch am Drehbuch mitwirken sollte, abgelehnt, aber dann erschien tatsächlich im Jahr 2009, ohne mein Mittun, der grässliche Kitsch ‚Es kommt der Tag‘ mit Iris Berben als leidende, uneinsichtige RAF-Mutti und Katharina Schüttler in der Rolle der unversöhnlichen, rachsüchtigen erwachsenen Tochter. So viel zur Fiktion!
 Die Wirklichkeit ist doch viel besser.“

(Im Anschluss beschreibt sie, wie Hanna K., die an ihrer Rettung aus Sizilien beteiligt war und deren Nachnamen sie bisher nicht gekannt hatte, ihr 2007 eine E-Mail schrieb und wie sie und Hanna einander kennenlernten und Hanna die Patentante ihrer Tochter wurde; womit sie das Buch abschließt.)

Bettina Röhl hat eine einfache These: Die Neue Linke hatte sich verrannt, es wäre besser, wenn es diese Bewegung nie gegeben hätte, und Ulrike Meinhof war auf einem zerstörerischen und selbstzerstörerischen Trip. Dass sie damit bei den Nachfolgern der 68er – die, wie sie es gut beschreibt, immer noch höchstens Detailkritik aus den eigenen Reihen zulassen wollen, nie grundsätzliche Kritik von außen – nicht gut ankommt, ist nicht erstaunlich.

Fazit: Ein sehr informatives und empfehlenswertes Buch.

Wer noch ein paar Infos will, hier ein interessantes Interview mit Bettina Röhl:

 

* Alle Zitate aus der 3. Auflage, Heyne-Verlag 2018.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit & Liberalismus, Kommunismus, Nationalismus

Vor ein paar Tagen war wieder mal französischer Nationalfeiertag mit den obligatorischen Feierlichkeiten anlässlich des Jahrestags der Erstürmung eines fast leeren Gefängnisses, nach der die Köpfe von Männern, die sich ergeben hatten, auf Piken durch Paris getragen wurden: aber hey, darauf kann ein Land wohl stolz sein. Aber gut: Am 14. Juli wird ja in Frankreich nicht nur ein sinnloser Gewaltausbruch gefeiert, sondern die ganze Revolution mit ihren vielen weiteren noch stärker ideologisch motivierten Gewaltausbrüchen; und diese Revolution hat die letzten 230 Jahre doch ziemlich geprägt, wenn auch leider meistens nicht zum Guten.

Der Spruch aus der Revolutionszeit, der heute noch am bekanntesten ist, lautet bekanntlich: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und anhand dieses Spruchs kann man, wie ich finde, eigentlich ganz gut die verschiedenen falschen, und auch untereinander widersprüchlichen Ideologien aufzählen, die in dieser Zeit (und schon in der die Revolution vorbereitenden Zeit der sog. Aufklärung) ihren Anfang nahmen.

Datei:Unité Indivisibilité de la République.jpg

(„Einheit und Unteilbarkeit der Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, oder der Tod.“ Druck von 1793. Gemeinfrei.)

Da wäre zuerst das Schlagwort der Freiheit und die entsprechende Ideologie des Liberalismus.

Es kursierte ja damals schon längere Zeit unter den Intellektuellen Frankreichs und Europas die Idee von größerer Freiheit – Freiheit von der Macht des Königs und der Macht der Kirche, Freiheit, veröffentlichen zu dürfen, was man wollte, ohne zensiert oder bestraft zu werden. Darüber wurde auch relativ frei in gewissen Salons geredet; so ganz entsetzlich unterdrückerisch war das Ancien Régime dann wieder nicht. Die Adligen ließen sich auch mal durch provokante neue Ideen unterhalten, solange es nicht zu provokant wurde oder zu sehr damit ernst gemacht wurde. Die Vorstellung der Freidenker war, dass sich auf dem freien Markt der Ideen die besten durchsetzen würden, und alle mit denselben Voraussetzungen starten sollten.

Ein Grund für die Ausbreitung liberaler Ideen war das Schachmatt, zu dem die religiösen Debatten und auch die Religionskriege der Frühen Neuzeit geführt hatten: Von Protestanten und Katholiken hatte sich keine Seite endgültig durchgesetzt, und jetzt meinten einige, die den Streit müde waren, dass vielleicht einfach beide im Unrecht gewesen waren, und/oder der Streit nicht so wichtig war, und/oder man einfach jedem seine persönliche Wahrheit lassen müsste; im Bereich der Religion breitete sich eine gewisse Gleichgültigkeit und eine Abwendung von der tradierten Offenbarungsreligion aus.

Oft wollten die Aufklärer des 18. Jahrhunderts auch größere wirtschaftliche Freiheit; Freiheit von den alten Zünften und Handwerksordnungen und den merkantilistischen Gesetzen der Fürsten, die Industrie, Handel und Innovation einschränkten: Es braucht keine Gesetze zur Lenkung der Wirtschaft; wenn jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, gleicht sich das am Ende von selbst aus und alle haben was davon; auch hier der freie Markt. Einige libertins waren natürlich auch moralisch „liberaler“ eingestellt als z. B. die katholische Kirche.

Die Grundidee der Liberalen war: Der Staat (und andere Institutionen mit öffentlicher Macht) sollte sich auf ein Minimum beschränken, um dem Individuum Raum zu geben, nach seiner eigenen Fasson selig zu werden. Sie waren dabei nicht immer konsequent; da sie ein klösterliches Leben beispielsweise für unfrei hielten, wollten sie es staatlich verbieten lassen und setzten das auch öfter in einigen Ländern um – vor, während und nach der besagten Revolution. Aber von den Inkonsequenzen zurück zu den Prinzipien des Liberalismus: „Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet“, heißt es in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung von 1789.

Die Frage, die bleibt, ist nur: was schadet einem anderen Menschen, was schadet vielleicht der gesamten Gesellschaft?

Um eher aktuelle Beispiel zu nehmen: Schadet es anderen, wenn einige Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen? Schadet es dem Familienleben, wenn Inzest unter Erwachsenen legalisiert wird? Schadet es einer Gesellschaft, wenn Pornographie frei verbreitet werden kann? Besonders bei einem besonderen Anliegen der sog. Aufklärer und der Revolutionäre wird diese Frage akut: Bei der Meinungs- und Pressefreiheit. Schadet die Verbreitung aller möglichen Ansichten wirklich nicht? Was ist mit Ansichten wie… Angehörige bestimmter „Rassen“ wären weniger wert und sollten rechtlich benachteiligt sein? Behinderte würden eine Gesellschaft nur belasten und sollten getötet werden? Soll auch für solche Ansichten Meinungsfreiheit gelten? Die christlichen Staaten der Vormoderne hatten oft Gesetze gegen die Verbreitung von Häresie, also die Verfälschung der christlichen Glaubenslehre; heute wird das als entsetzlich freiheitsfeindlich abgelehnt, aber andererseits gibt es den Straftatbestand der Volksverhetzung – ist das mit der Theorie des Liberalismus vereinbar? Oft sind Liberale sogar dafür, Dinge zu legalisieren, die sehr eindeutig anderen schaden; z. B. die Abtreibung, die ja dem getöteten Kind nicht unbedingt gut tut.

Und dann ist da noch die grundsätzliche Frage: Darf denn jeder sich selbst schaden, wie er will? Die klassische katholische Lehre würde dazu nein sagen: Auch sich selbst schuldet man Wohlwollen, Liebe, und sein eigenes Leben hat man sowieso nur von Gott erhalten und soll es gut verwalten. Der Liberalismus erkennt dem eigenen Leben dagegen keinen klaren Wert zu; laut dieser Ansicht gäbe es keine Rechtfertigung dafür, zu sagen, man müsse es besonders schützen oder achten.

Aber wenn jemand etwas zustimmt, das ihm schadet, ist das wirklich in Ordnung? Unter Druck oder aus Selbsthass können Menschen vielem zustimmen, das ihnen selbst schadet. Das Opfer des Kannibalen von Rotenburg hat dem Mord an ihm auch zugestimmt; der zuständige Gerichtshof ließ das nicht als Verteidigung gelten. Darf jemand sich selbst in die Sklaverei verkaufen, oder einem Arbeitsvertrag, der ihn ungerechten Bedingungen unterwirft, zustimmen? Ist es in Ordnung, wenn Menschen zustimmen, in der Prostitution oder der Pornoindustrie zu arbeiten und an den Arbeitsbedingungen dort kaputtgehen? Ist es in Ordnung, wenn alte oder kranke Menschen aus Angst vor Abhängigkeit, Einsamkeit oder Schmerzen, oder unter Druck von Verwandten, denen sie nicht auf der Tasche liegen wollen, zustimmen, sich töten zu lassen? Was schadet, ist eben Definitionssache; hier müssen Fragen von Gut und Böse, Richtig und Falsch entschieden werden, die der Liberalismus am liebsten ausklammern oder offen lassen würde.

Der zu Ende gedachte Liberalismus führt in die Anarchie, die einfach nur das Recht des Stärkeren bedeutet; den Vorteil dessen, der andere am besten manipulieren und überreden kann und durch irgendwelche Zufälle am meisten Gehör findet oder Macht ausüben kann. Wie gesagt, der zu Ende gedachte: In der Praxis bleibt der Liberalismus pragmatischerweise irgendwo auf dem Weg dahin stehen.

Letztlich waren aber auch viele Liberale im Lauf der Geschichte nicht ohne eigene konkrete Vorstellungen von Gut und Böse; „Jetzt lass mich, ich schade dir doch nicht!!“ ist halt nur eine passable Argumentation, wenn man nach und nach die Maßstäbe von Gut und Böse verschieben will. Um einen Kommentar von Erzbischof Charles Chaput aus den USA zum Thema Abtreibung zu zitieren: „Das Böse redet nur von Toleranz, wenn es schwach ist. Wenn es die Oberhand gewinnt, erfordert seine Eitelkeit immer die Zerstörung des Guten und Unschuldigen, weil das Beispiel guter und unschuldiger Leben ein andauernder Zeuge gegen es ist. So war es immer. So wird es immer sein.“ Wenn zuerst nur gefordert wurde, andere Leute bei XYZ in Ruhe zu lassen, soll man bald ausdrücklich gutheißen und unterstützen, was sie tun; statt Toleranz wird Akzeptanz verlangt. (Die LGTBQ-Bewegung ist ein aktuelles Beispiel.)

Man kann (wie andere das schon besser dargelegt haben) einen harten Liberalismus (es gebe wirklich keine Wahrheit) und einen weichen Liberalismus (die Wahrheit muss eben individuell freiheitlich auf dem freien Markt der Ideen erkannt werden) unterscheiden, die aber am Ende in der Praxis oft auf dasselbe hinauslaufen. Als geradezu prototypisch für die liberale Einstellung wird besonders in liberalismuskritischen amerikanischen Kreisen oft ein Satz aus dem Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA im Fall Casey vs. Planned Parenthood von 1992 zitiert:

„Im Herzen der Freiheit liegt das Recht, sein eigenes Konzept der Existenz, des Sinns, des Universums, und des Mysteriums des menschlichen Lebens zu definieren. Überzeugungen zu diesen Angelegenheiten könnten nicht die Attribute des Personsein definieren, wenn sie unter dem Zwang des Staates geformt würden.“

(„At the heart of liberty is the right to define one’s own concept of existence, of meaning, of the universe, and of the mystery of human life. Beliefs about these matters could not define the attributes of personhood were they formed under compulsion of the State.“)

Hier ging es natürlich um das Thema Abtreibung – weil jeder seine eigenen Ansichten haben soll, darf der Staat nicht definieren, ob ein ungeborenes Kind eine Person ist. Damit wird natürlich die Ansicht der Partei, die findet, dass es keine Person ist, ermächtigt; während scheinbar keine Entscheidung getroffen wird, wird eine getroffen.

Der Liberalismus vertritt in der Theorie einen unhaltbaren moralischen Relativismus (Wenn es keine Wahrheit gibt, ist es dann wahr, dass es keine Wahrheit gibt? Wenn für jeden seine eigene Wahrheit gelten soll, was genau ist das dann, das für ihn gilt und woher hat er es?), und ignoriert, dass Menschen von Anfang an nur in Gemeinschaft existieren, nicht als Einzelwesen, deren einziges Ziel die Maximierung von Freiheit und Eigentum ist; in der Praxis ist er dagegen oft nur ein Feigenblatt für welche (guten oder schlechten) Ideen auch immer jemand gerade durchbringen will.

Dann wäre da das Schlagwort Gleichheit; und aus einem gewissen in manchen Strömungen der Aufklärung grundgelegten Egalitarismus entstand im frühen 19. Jahrhundert die Idee des Kommunismus.

Die Gleichheit war zum Teil schon eine Forderung von Montesquieu, Voltaire, Diderot und ihresgleichen; vor allem Gleichheit vor dem Gesetz, Abschaffung der Privilegien des Adels: Gleichheit vor allem als Vorbedingung der Freiheit. Auch hier hilft ein Blick in die Menschenrechtserklärung von 1789: „Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten.“ „Diese Rechte sind Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung.“

Aber als die Revolution dann so richtig losbrach, war sie bald nicht mehr nur eine politische Revolte von Abgeordneten, sondern auch das Volk meldete sich und randalierte und verlangte nach Brot. Hier meldeten sich Leute, die den Begriff der Gleichheit aufgeschnappt hatten und wirtschaftliche Gleichheit wollten, weil sie Not litten. Hier kann man die Sansculotten (die Pariser Kleinbürger und Arbeiter, die die Revolution unterstützten) und Hébert einordnen; es gab auch schon ein paar utopistische Vordenker im 18. Jahrhundert und früher. Die sozialrevolutionären Kreise konnten zwar zwischendurch ein paar Dinge durchsetzen, erlangten allerdings in der Revolutionszeit keinen nachhaltigen Einfluss; Hébert zum Beispiel wurde 1794 während Robespierres Schreckensherrschaft hingerichtet. Es sollte noch einige Zeit vergehen, bis sich der Frühkommunismus voll entwickelt hatte, aber hier hat er – u. a. – seine Wurzeln.

Zunächst setzten sich, als in den 1790ern in Frankreich und dann zu Napoleons Zeiten u. a. auch in den deutschen Fürstentümern die Gesetze nachhaltig geändert wurden, die schon länger propagierten, gewohnten Ideen der Aufklärer durch: Abschaffung der letzten Reste der Leibeigenschaft und gewisser Adelsprivilegien, Aufhebung der Zünfte, stärkere Unterdrückung der Kirche. Keine Versuche, wirtschaftliche Gleichheit herzustellen, eher das Gegenteil. Die rechtliche sollte genügen, die rechtliche Gleichheit als Voraussetzung der allgemeinen, möglichst großen Freiheit. In dieser Zeit, als die wirtschaftliche Ungleichheit durch diese Laissez-Faire-Politik und durch die rapide Industrialisierung weiter zunahm, der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gingen die Liberalen und die Frühkommunisten getrennte Wege.

Die rechtliche Gleichheit hatte sicher ihre sehr guten Seiten; auch wenn beileibe nicht bei allen Bürgern die Abschaffung ihrer Partikular- und Gewohnheitsrechte beliebt war. Aber die Gleichheit, die die Kommunisten jetzt forderten, war sehr viel totaler. Wenn nur einzelne das Eigentum an den Produktionsmitteln besitzen und ihre Rechte nicht eingeschränkt sind, üben sie eine ungerechte Herrschaft über die Masse aus, sahen die Kommunisten, als während der Industiellen Revolution die Masse der Bevölkerung zu rechtlosen und überarbeiteten Fabrikarbeitern wurde, sehr richtig; also müsse die Gemeinschaft – was in der Praxis natürlich heißt: der Staat – alles besitzen und allen das gleiche zuteilen. Das führte, als es umgesetzt wurde, natürlich nur zu einer noch stärkeren Machtkonzentration und schlimmen Unterdrückung. Reguliertes, auf viele einzelne verteiltes Privateigentum wie zuvor stand für viele gar nicht mehr zur Debatte; die Idee des Distributismus konnte sich nicht viel Gehör verschaffen.

Typisch für das, was ich hier mal Egalitarismus nennen will, da es nicht nur den wirtschaftlichen Kommunismus umfasst, ist die Ansicht, dass jede Ungleichheit ungerecht und unterdrückerisch sei und mit Zwangsmitteln abgeschafft werden müsse; dass es in allem möglichen Ergebnisgleichheit geben müsse. Diese Denkweise findet man z. B. auch in der heutigen Debatte um frühkindliche Betreuung: Wenn einige Kinder Eltern haben, die sie besonders fördern, und andere solche, die sie eher vernachlässigen oder ihnen einfach nicht viel bieten können, muss der Staat für „Chancengleichheit“ sorgen und also alle Kinder möglichst früh aus ihren Familien reißen und den gleichen überforderten Erzieherinnen übergeben. (Dass natürlich staatliche Erzieherinnen auch individuelle Personen sind und gut oder schlecht in ihrem Beruf sein können, wird hier gerne übersehen.) Die Leute dürfen sich auch nicht mehr selbst für Ungleiches entscheiden; wenn z. B. Frauen freiwillig tendenziell andere Berufe als Männer wählen, muss man sie dazu nötigen, sich anders zu entscheiden.  Individuelle Freiheiten, die der Liberalismus übertreibt, werden hier zum totalen Feind, zur bloßen Gefahr; man darf sie nicht riskieren, egal, was daraus Gutes kommen könnte; der Staat über alles. Der historische Kommunismus war ja extrem feindlich gegenüber allem, was dem Totalitätsanspruch des Staates gegenüberstand, v. a. der Familie und der Kirche; daher z. B. die Wochenkrippen in der DDR, die Massenorganisationen für die Jugend, die Benachteiligung derer, die sich diesen Organisationen entziehen wollten, usw.

Der Kommunismus – und auch andere von Linken aufgegriffene Ideen wie die heutigen extremeren intersektionell-feministischen oder massenmigrationsbefürwortenden (mir fällt gerade kein besserer Begriff ein) Ideen – kam nicht mehr mit einem resignierten „Ach mei, die Wahrheit können wir eh nicht wissen, machen wir uns ein schönes Leben und seien wir tolerant“ daher wie der (theoretische) Liberalismus, sondern mit einem inhaltlichen Wahrheitsanspruch, und noch mehr, mit einem Weltrettungsanspruch. Entschlossenheit, wirklicher Einsatz war hier da, wenn auch leider oft fehlgeleiteter Einsatz, Sehnsucht nach einem Ende des Bösen. Sicher, das Böse wird hier ausschließlich materialistisch begriffen, man meint, in einer Welt mit gerechter Güterverteilung oder mit Frauenquoten und allgemeiner staatlicher Kinderbetreuung oder ohne Staatsgrenzen und Nationen gäbe es keine Probleme mehr, und für den Einsatz dafür gelten oft alle Mittel als gerechtfertigt, auch RAF-Terror, sowjetische Gulags, Antifa-Gewalt; aber dennoch, auf eine Weise hat es was Sympathischeres als der Liberalismus.

Aber eine perfekte Welt zu schaffen klappt hier unten eben nicht. Den Gedanken an eine andere perfekte Welt hatten die Egalitaristen ja schon lange als bloße Ablenkung von den „wichtigen“ Fragen beiseitegeschoben – obwohl sie selber am Ende auch alle mit dem Tod klarkommen mussten -, also setzten sie alle ihre Hoffnungen auf diese und wurden zwangsläufig enttäuscht.

Noch eine dritte moderne Bewegung findet sich in ihren Grundzügen schon in der Zeit der Französischen Revolution: Der Nationalismus, entsprechend dem Schlagwort der „Brüderlichkeit“ aller Franzosen, oder auch dem damals auch oft verwendeten, aber nicht mehr gleich bekannten Schlagwort der „Einheit und Unteilbarkeit der Nation / der Republik“.

Nun war Frankreich schon länger ein für die damalige Zeit vergleichsweise zentralistischer Staat, aber die unterschiedlichen Revolutionsregierungen und dann Napoleon machten schließlich Nägel mit Köpfen und zentralisierten das Land vollständig; auch regionale Sprachen beispielsweise waren jetzt nicht mehr gern gesehen. Während der 1790er wurde ständig die Nation als der neue Ankerpunkt betont; nun sollte es nicht mehr darauf ankommen, welchem Stand oder welcher Kirche man angehörte, sondern darauf, dass man Bürger Frankreichs war. Dieses neue Ideal von Bürgertum und Nation wurde mit religiöser Inbrunst hochgehalten: Es wurden „Bürgermessen“ als Ersatz für die alten religiösen Zeremonien erfunden und Revolutionsmärtyrer wurden verehrt. Alle Franzosen sollten zusammenstehen, und zwar zusammenstehen gegen den gemeinsamen Feind – die Könige, die Adligen, die Pfaffen, und die Ausländer, die das Land bedrohten; irgendwo schaffte die neue Einheit also auch automatisch eine neue Exklusivität.

Auch in den deutschen Gebieten war die liberale Bewegung des 19. Jahrhunderts die national-liberale Bewegung: die Studenten, die sich diese neuen Ideen aneigneten, träumten nicht nur von einem Deutschland ohne Zensurgesetze, sondern vor allem von einem Deutschland, das alle Deutschen, die bis dahin verteilt in einem Staatenbund aus vielen kleinen Fürstentümern lebten, in einem einheitlichen Reich vereinigte („Deutschland, Deutschland, über alles!“ – ein geeintes Deutschland ist unser wichtigstes Ziel, meinte das damals, und zwar eins „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“, also vom Elsass bis Ostpreußen, von Südtirol bis ins heutige südliche Dänemark). Die (an sich nicht arg schlimme, aber in ihrer überhöhten Form doch praktisch ziemlich gefährliche) Idee, dass alle Menschen, die sprachlich, ethnisch, kulturell einem Volk angehörten, in einem einzigen eigenen Staat zusammengeschlossen sein müssten, prägte das ganze 19. Jahrhundert, sorgte für diverse Kriege, vereinte das gespaltene Deutschland (leider) zu einem Reich unter preußischem Kommando, schaffte ein geeintes Königreich Italien, das auch den Kirchenstaat mit Gewalt eroberte, zerstörte das multikulturelle Riesenreich der Habsburger und sorgte für endlose Konflikte auf dem ethnisch durchmischten Balkan.

Die Überhöhung der Nation, die Tatsache, dass sie die sinn- und einheitsstiftende Rolle übernehmen sollte, die früher eher die Kirche, zusätzlich zu Familie, Dorf, Zunft, Stadt, Fürstentum etc., eingenommen hatte, trug im frühen 20. Jahrhundert dann schließlich zur noch viel stärker nationalistischen Ideologie des Faschismus bei: Die Nation, das Volk als Ganzes, stand jetzt endgültig an höchster, quasi vergöttlichter, Stelle, alle Volksangehörigen hatten sich seinen Belangen unterzuordnen und als homogene Einheit zusammenzustehen, und es sollte einen starken Führer geben, der an seiner Spitze stand und es in die Zukunft führte. Der Faschismus war freilich auch von der inzwischen aufgetauchten Idee vom Übermenschen geprägt, von der Verherrlichung der Macht und des Kampfes, die man z. B. im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert noch nicht so findet, sondern die erst nach dem Aufkommen des Darwinismus in der Naturwissenschaft, der dann einen Sozialdarwinismus in der Philosophie nach sich zog, stärker aufkam. Ab dem späten 19. Jahrhundert kursierten militaristische Ideen vom Wettstreit der Nationen, die sich im 1. Weltkrieg entluden, aber damit eben bei weitem noch nicht ihr Ende fanden; dann redeten Leute wie Mussolini und Hitler vom Willen zur Macht und dem Kampf um Lebensraum und der Überlegenheit bestimmter Rassen.

Nationalisten und Faschisten suchten auch nach einem höheren Sinn, einem Zweck, einem Ziel des Schicksals, etwas, das über das materielle Leben des Einzelnen hinausging; leider war ihre Lösung von vornherein nicht besonders sinnvoll. Eine durch ein gemeinsames durch historische Zufälle entstandenes Vaterland definierte Gemeinschaft konnte die frühere durch einen gemeinsamen Vater im Himmel definierte eben nicht glaubwürdig ersetzen; vor allem war sie doch ziemlich exklusiv.

Der Fehler der Liberalen war, dass sie jede Beschränkung und jeden Wahrheitsanspruch für Unterdrückung hielten (im Gegensatz z. B. zum Herrn Jesus, der verkündete, dass die Wahrheit es ist, die frei macht); der Fehler der Egalitaristen/Kommunisten, dass sie jede Ungleichheit auch für Ungerechtigkeit hielten; der Fehler der Nationalisten, dass sie die Nation für die wichtigste Gemeinschaft überhaupt statt für eine unter anderen hielten. Und alle drei Bewegungen machten den Fehler, für die Durchsetzung ihrer Ideologie so ziemlich alle Mittel für gerechtfertigt zu halten; der Kommunismus wegen seiner hohen Ansprüche vielleicht am meisten, aber auch der Liberalismus war davon nicht frei. (1793/94, in der Hochphase der Revolution, wurden in Frankreich alle nur vermuteten Feinde der „Freiheit“ guillotiniert; der Aufstand der Bauern in der Vendée gegen die revolutionäre Regierung wurde mit an Völkermord grenzender Gewalt niedergemacht.) Der Liberalismus leugnete, dass eine Gesellschaft auf konkreten Vorstellungen von Gut und Böse, Wahr und Falsch basieren musste; in das entstandene Vakuum grätschten Sozialismus und Nationalismus und Faschismus mit falschen Vorstellungen von Gut und Böse, Wahr und Falsch hinein.

Die katholische Kirche stand während all dieser Umbrüche im 18., 19., 20. Jahrhundert meistens auf einer ziemlich trotzigen, mal nicht zu viel verdammenden und dann immer wieder sehr deutlich verdammenden und den allgemeinen Verfall beklagenden Position. Auch wenn sie beileibe nicht alle einzelnen praktischen Neuerungen, die zufällig aus dem Geist dieser Ideologien entstanden, als unvereinbar mit der Wahrheit ablehnen musste: Zu Ende gedacht widersprachen alle drei diametral der katholischen Lehre, was die Päpste immer wieder deutlich machten, v. a. solche wie der sel. Pius IX., der im Syllabus Errorum unter anderem diese drei Ideologien verurteilte.

Letztendlich ist es ja doch so, dass nur eine Rückkehr zur tatsächlichen Wahrheit – was heißt, zu Gott, der die Wahrheit selbst ist – gegen sie helfen würde.

Wie man Rechtsextreme und Fundikatholiken unterscheidet: Eine Handreichung für die Uneingeweihten

Ich habe in letzter Zeit einmal zu oft die scheinbar gleichbedeutend aneinandergereihten Wörter „rechtsextrem“, „extremkatholisch“, „traditionalistisch-katholisch“, „religiös-fundamentalistisch“, „rechtsradikal“, „rechtskatholisch“, „rechts-fundamentalisch“ usw. gelesen. Gerade gewisse Linke, die es als den Sinn ihres Lebens zu betrachten scheinen, „gegen rechts“ zu sein, können die Rechten, gegen die sie sind, und die religiösen Fundamentalisten, gegen die sie auch sind, nicht immer so ganz auseinanderhalten – oder sind einfach nicht gewillt, das zu tun.

Aber gut: Der durchschnittliche Linksaktivist oder auch bloß der normale Weder-Katholik-noch-Rechte, der dessen Kitabroschüren liest, kennt sich vielleicht einfach zu wenig aus, um eine sinnvolle Unterscheidung zwischen Radikalkatholiken und Rechtsextremen treffen zu können. Ich will gerade besagten Linken nicht dazu bringen, die katholische Seite zu mögen. Ihr könnt Adenauer genauso hassen wie Bismarck oder wie Hitler, ihr solltet nur merken, dass die sich untereinander auch nicht grün waren und ganz unterschiedliche Dinge geglaubt haben. Lernt eure Feinde zu unterscheiden und verwendet Begriffe korrekt. Also hier mal an ganz konkreten Beispielen erklärt: Wie unterscheide ich den Extremkatholiken vom typischen Vertreter der mehr massentauglichen Neuen Rechten, und vom richtigen Neonazi?

(Anmerkung: Ich kenne mich offensichtlich auf der radikalkatholischen Seite besser aus als bei Rechten und da noch besser als bei Nazis.)

File:Donareiche2.jpg Hermannsdenkmal beigealert 06.jpg  *

 

Verhalten in der derzeitigen Saison:

Der Radikalkatholik stellt klar, dass wir jetzt erst Advent haben und die Weihnachtszeit erst am 1. Feiertag beginnt und dann bis Mariä Lichtmess dauert, legt Wert darauf, seinen vier oder fünf Kindern Schokoladennikoläuse statt Schokoladenweihnachtsmänner zu kaufen und erzählt gern davon, wie der hl. Nikolaus auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 einen Ketzer geohrfeigt hat. (Nein, das ist kein Scherz, sondern sogar schon ein alter Hut unter Radikalkatholiken.) Zentraler Bestandteil des Weihnachtsfests ist die Christmette, und auch an den Tagen danach geht man in die Kirche, um den gesteinigten Erzmärtyrer Stephanus und die Heilige Familie und die von Herodes ermordeten Heiligen Unschuldigen Kinder zu feiern.

Der Vertreter der Neuen Rechten hat so einiges über die früher nicht notwendigen Betonpoller beim Weihnachtsmarkt zu sagen, und auch darüber, wenn die Erzieherinnen in der Kita seiner zwei Kinder meinen, aus Rücksicht auf die muslimischen Kinder sollte man den Nikolaus nicht kommen lassen. Vielleicht geht er an Weihnachten in die Kirche, weil das Familientradition ist, und befürchtet dabei, dass der Pfarrer über Flüchtlinge predigen könnte.

Der Neonazi teilt vor Weihnachten gern Artikel mit wirren, von Historikern lange widerlegten Theorien aus dem 19. Jahrhundert darüber, dass das Fest ja eigentlich auf germanische Winterbräuche zurückgehe, und feiert stattdessen das Julfest.

 

Lieblingsdemo:

Radikalkatholik: Marsch für das Leben, Demo für alle. (D. h. gegen Abtreibung, Sterbehilfe, bestimmte Formen der Sexualpädagogik.)

Vertreter der Neuen Rechten: Pegida etc. (D. h. gegen die Frau Merkel und die Migration.)

Neonazi: Rudolf-Heß-Gedenkmarsch.

(Marsch für das Leben. Bildquelle hier.)

 

Einstellung zu Afrika und Afrikanern:

Der Radikalkatholik beklagt „ideologischen Neokolonialismus“, womit er meint, dass westliche NGOs die westliche Kinderfeindlichkeit nach Afrika exportieren; wünscht sich einen Afrikaner als nächsten Papst, am liebsten Kardinal Robert Sarah (derzeitiger Präfekt der Gottesdienstkongregation); und teilt es in den sozialen Medien, wenn irgendein afrikanischer Bischof was gegen homosexuelle Handlungen gesagt hat (ja, der Begriff hat „homosexuelle Handlungen“, nicht „Homosexualität“ zu heißen – Radikalkatholiken legen sehr großen Wert darauf, zwischen homosexueller Neigung, die man sich nicht aussuchen kann, und homosexuellen Handlungen, die man trotzdem nicht begehen soll, zu unterscheiden). Das bedeutet nicht, dass der Radikalkatholik automatisch für die verstärkte Einwanderung von Afrikanern wäre oder sich auch nur viele Gedanken zu dem Thema gemacht hat; aber die Kirche in Afrika wird manchmal sogar ein bisschen zu stark idealisiert (klar sind die Leute da christlicher als bei uns hier, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, aber sie hat dort auch ihre eigenen Probleme).

Der Vertreter der Neuen Rechten äußert sich äußerst verächtlich darüber, wie viele Kinder die Afrikaner bekommen und meint, die NGOs in Afrika sollten noch deutlich mehr für Abtreibung und Verhütung werben; und teilt auch gerne Studien von Rassentheoretikern, wonach Schwarze weniger intelligent wären als „Kaukasier“ (Weiße) und Asiaten. Er ist misstrauisch, wenn Beziehungen von nichtweißen Männern und weißen Frauen positiv dargestellt werden – der nicht so radikale Rechte aus eher kulturellen Gründen und durchaus auch echter Besorgnis um die Frauen; der radikalere Rechte hat so seine recht unappetitlichen Theorien darüber, warum weiße Frauen Beziehungen mit schwarzen Männern eingehen würden und sorgt sich eher darum, dass die weißen Männer leer ausgehen könnten.

Das trifft auch auf den Neonazi zu, der solche Beziehungen schlicht „Rassenschande“ nennt, klarer white supremacist ist und den Afrikanern auch mal Hakenkreuze an die Hauswand schmiert.

(Die letzte Chartres-Wallfahrt, so eine radikal-katholische Veranstaltung, mit Kardinal Sarah. Bildquelle hier.)

 

Einstellung zum Feminismus:

Die bewegt sich unter Radikalkatholiken zwischen „Es ist ja nicht alles schlecht am Feminismus“ und „Ich will sofort das Patriarchat zurück“ – wobei sich beide Thesen gut ergänzen, wenn man das Patriarchat entsprechend definiert. Die radikalkatholische Idee vom Patriarchat entspricht am ehesten dem, was Feministen als „benevolent sexism“ bezeichnen. Und, surprise, surprise, die rabiatesten Antifeministen sind bei uns immer Frauen. Da werden dann die typisch weiblichen Dinge, wie das Kinderkriegen gegenüber dem Feminismus, der nicht viel mit ihnen anfangen kann, besonders gepriesen. Die Hausfrau-und-Alleinverdiener-Ehe ist meistens das Ideal, zumindest wenn kleine Kinder da sind, wobei andere Formen des Familienlebens nicht generell abgelehnt werden. Man reagiert jedenfalls ziemlich allergisch auf die Herabwürdigung des Hausfrau-und-Mutter-Jobs. Ein Recht auf Abtreibung wird absolut abgelehnt und auch als schädlich für die Frauen selbst gesehen.

Unter Vertretern der Neuen Rechten ist man nicht ganz so streng in Bezug auf Abtreibung, macht dafür aber den Feminismus noch deutlicher verächtlich, da man überzeugt ist, dass er die Frauen verdirbt und zu Hexen macht, die übermäßig anspruchsvoll sind und bei sexueller Belästigung gleich total empfindlich, und die doch eh keiner mehr ficken will. (Gut – hier sollte man auch sagen, dass der gutbürgerliche Rechte, der Familie hat, anders reden wird als der neurechte junge Mann, der keine hat.) Während Radikalkatholiken Wert auf Schamhaftigkeit und Respekt und Ritterlichkeit legen, hält man unter Rechten Bikiniwerbung für eine große Errungenschaft der freiheitlichen westlichen Zivilisation – jedenfalls seitdem die Feministinnen der jüngsten Generation sie für sexistisch und muslimische Einwanderer sie für sittenlos erklärt haben. Wenn eine linke oder grüne Politikerin etwas Dämliches sagt, kann es schon mal vorkommen, dass die unhöflicheren Rechten ihr wünschen, sie möge doch vergewaltigt werden. (Unhöfliche Katholiken kennen andere Beschimpfungen. Bei uns nennt man bestimmte Ideen oder Geschehnisse „satanisch“ usw.)

Dann gibt es auch gewisse Gruppen, die politisch auch in die rechte Ecke eingeordnet werden können, sich aber vor allem auf ihre Frauenfeindlichkeit und nicht so sehr auf Migration u. Ä. konzentrieren, und in der politisch rechten Szene nicht so zentral sind. Die MGTOW-ler, Incels etc. glauben, sie hätten ein Recht auf Sex, regen sich über „thots“ und „stacys“ auf, die ihnen das nicht gewähren, anderen Männern aber schon, und sehen Frauen so ziemlich als Tiere an, die man sich mit Tricks gefügig machen und in der Abhängigkeit halten müsse; vor allem sollen sie einen für einen alpha male statt einen beta male halten. Das katholische Vorbild für Männer, den hl. Joseph (der sich um Frau und Pflegekind gekümmert hat, ohne jemals Sex von der Frau dafür zu bekommen), würden sie sofort verächtlich bei den beta males einordnen. Auch hier sieht man typisch rechtsextreme Merkmale: Das Denken in den Kategorien von Kampf und Konkurrenz, die Verachtung von Schwäche, der Glaube an eine biologische Determiniertheit von Verhaltensweisen, die Unfähigkeit, zu glauben, dass Menschen einfach so Gutes tun könnten, ohne etwas davon zu haben. Christliche Fundamentalisten lehnen diese Merkmale absolut ab.

(Hl. Josef mit dem Jesusknaben, von Caspar Jele. Gemeinfrei.)

Soweit ich weiß, bewegt sich die Nazisicht zwischen der standardmäßigen rechten und der Incel-Sicht. Der historische Nationalsozialismus hatte ja schon einen Platz für die starke arische nichtfeministische Frau, die an der Heimatfront viele Kinder bekommt, an dem sie respektiert wurde; anders als die Incels, die so etwas gar nicht haben; und wie Beate Zschäpe zeigt, haben wir ja auch heute noch weibliche Nazis.

 

Lieblingsschriftsteller bei den Intellektuelleren (Auswahl) :

Radikalkatholik: Joseph Ratzinger, Robert Spaemann, G. K. Chesterton, Hillaire Belloc, C. S. Lewis, Gertrud von Le Fort, Evelyn Waugh, Flannery O’Connor, Dorothy Day…

Vertreter der Neuen Rechten: Friedrich Nietzsche, Martin Lichtmesz, Ernst Jünger

Neonazi: Weiß nicht genau, vermutlich der Adolf und so?

 

Eigene religiöse Einstellung:

Radikalkatholik: Unser Herr Jesus Christus ist Gottes Sohn und hat die katholische Kirche eingesetzt. Man ist Teil dieser weltweiten Kirche, steht treu zum Papst, Christi Stellvertreter auf Erden, und glaubt an alle katholischen Dogmen. Die Religion ist das Wichtigste im Leben – wenn irgendein Staat, in dem man zufällig in diesem Leben lebt, Gesetze erlassen sollte, die mit ihr in Konflikt geraten, hat sie immer Vorrang.

Vertreter der Neuen Rechten: Typus 1) Ist aus der Kirche ausgetreten, weil man damit Steuern spart und weil ein Bischof was Flüchtlingsfreundliches gesagt hat, will das Christentum aber noch als Bestandteil der „abendländischen Kultur“ und Bollwerk gegen den Islam bewahren. Natürlich interessiert er sich nicht dafür, ob es wahr ist – Hauptsache, der Weihnachtsmarkt heißt „Weihnachtsmarkt“ und nicht „Wintermarkt“! Typus 2) Entschiedener Atheist und Religionskritiker, der einen säkularen Staat will, in dem die Religion in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat – der Islam schon mal gar nicht, aber das Christen- und Judentum genauso wenig. Beschneidungs- und Kopftuchverbot jetzt!

Neonazi: Atheist, der neuheidnische Symbole verwendet, oder Neuheide, der wirklich an alle möglichen esoterischen Theorien glaubt.

 

Einstellung zum Islam:

Unter Radikalkatholiken sehr unterschiedlich. Die einen meinen, dass wir uns mit den Säkularisten gegen den Islam verbünden müssten, insbesondere, wo er zu Gewalt und Unterdrückung von Frauen beiträgt; die anderen, dass wir uns mit den Muslimen gegen die aggresiven Säkularisten von linker und rechter Seite verbünden müssten, die unsere Religionsfreiheit einschränken wollen. Normalerweise herrscht eine ziemlich negative Einstellung zu Mohammed und dem islamischen Gottesbild, auch wenn man den Muslimen anrechnet, dass sie immerhin überhaupt an Gott glauben.

Vertreter der Neuen Rechten: Scharia ist finsteres Mittelalter! Wir sind  aufgeklärt! Nehmt den muslimischen Eltern den Einfluss über ihre Kinder und weist Imame aus!

Neonazi: Auch manchmal islamfeindlich, wobei man aber auch einen gewissen Respekt vor dem mohammedanischen Kampfgeist hat. Hitler ist ja auch ganz gut mit den Muslimen ausgekommen.

 

Einstellung zum Christentum:

Radikalkatholik: Der Katholizismus ist die einzig wahre Religion (logisch).

Vertreter der Neuen Rechten: Sieht einen gewissen Nutzen im Christentum (als Bollwerk gegen den Islam), äußert sich aber auch verächtlich über „Christcucks“. Kann mit Demut und Sanftmut und Kreuztragen und so nicht so viel anfangen.

Neonazi: Das Christentum ist eine semitische Religion des Ressentiments und wir brauchen wieder eine starke germanische Religion.

 

Lieblingsperiode der Geschichte:

Radikalkatholik: Das glorreiche Mittelalter natürlich! Am besten ist das 13. Jahrhundert, das Zeitalter der Gotik und Scholastik und großer Heiliger.

Vertreter der Neuen Rechten: 19./frühes 20. Jahrhundert – das Zeitalter der Nationalstaaten.

Neonazi: Eine tatsächlich nie existente Zeit bei den antiken Germanen, oder eben 33-45 (wobei, na ja, der verlorene Krieg…).

 

Hobbies:

Radikalkatholik: Singt in der Gregorianik-Schola und/oder spielt die Orgel.

Vertreter der Neuen Rechten: Aktiv im Heimatverein und der AfD-Ortsgruppe.

Neonazi: Rechtsrock und Kampfsport.

 

Einstellung zu Migration und Flüchtlingskrise:

Radikalkatholik: Sehr unterschiedlich. Exemplarisch zwei gegenteilige Stellungnahmen zum Migrationspakt in der erzkatholischen Bloggerszene bei Josef Bordat und Marco Gallina. Es sind theologische und naturrechtliche Argumente für Migration/Aufnahme von Flüchtlingen (universale Bestimmung der Güter der Erde, Nächstenliebe, bestimmte Bibelstellen) ebenso gängig wie welche dagegen (Argumente zum Thema Ordnung und Sicherheit, Verpflichtung zur Hilfe nur entsprechend der eigenen Möglichkeiten, nach der moralischen Ordnung sei jedes Land zuerst für seine eigenen Bürger verantwortlich, Bedenken wegen des Islam, andere Bibelstellen). Bei einer Aussage wie „wir können nicht nur darauf schauen, was unserem eigenen Land nützt, aber absolut offene Grenzen sind auch keine Lösung“ dürften einem die meisten Fundikatholiken zustimmen (okay, die ist noch seeehr allgemein gehalten…). Manche engagieren sich in der Flüchtlingshilfe – u. U. auch mal mit dem Ziel, besonders die Minderheit der christlichen Flüchtlinge zu unterstützen oder nichtchristlichen Flüchtlingen die Frohe Botschaft zu bringen – wobei uns da zugegeben einige Freikirchen voraus sind. Das Kirchenasyl wird meistens, wenn schon nicht immer in seiner praktischen Anwendung, dann zumindest als Prinzip verteidigt. Allgemein ist man der Meinung, dass mehr für geflüchtete und verfolgte Christen in aller Welt getan werden müsste.

Vertreter der Neuen Rechten: Nur für eingeschränkte Migration, bei der es hauptsächlich oder ausschließlich um die Interessen der Zielländer gehen soll; so etwas wie ein Recht auf Migration gäbe es grundsätzlich nicht. Der gemäßigte Rechte ist evtl. für Hilfe vor Ort für Entwicklungsländer – solange nicht zu viele Steuergelder darauf verschwendet werden und es dann auch wirklich hilft, die Flüchtlinge fernzuhalten. Wenn es hart auf hart kommt, dann ist der Rechte vom Prinzip her auch für den Schießbefehl an der Grenze.

Neonazi: Ausländer raus. Nur ethnische Deutsche haben ein Recht, hier zu sein, Passdeutschen den Pass nehmen und auch raus mit ihnen. Wohin die sollen, kann uns doch egal sein.

 

Wahlverhalten und politisches Engagement:

Radikalkatholik: Ebenfalls unterschiedlich. Manche engagieren sich bei der CDU/CSU (etwa Klaus und Birgit Kelle, Hedwig von Beverfoerde (von der Demo für alle) bis 2016) oder speziell den „Christdemokraten für das Leben“ (etwa Sophia Kuby, Petra Lorleberg (von kath.net)), andere haben die Politik komplett aufgegeben und wollen sich auf Wichtigeres konzentrieren – christliche Basisgemeinschaften aufbauen. Ein paar wählen eine chancenlose Kleinstpartei, weil sie meinen, nur deren Programm mit ihrem Gewissen vereinbaren zu können, viele diejenige größere Partei, die sie am wenigsten schlimm finden. Das rangiert in Deutschland am ehesten im Bereich CDU, CSU, FDP, diverse Regionalparteien, ab und zu AfD, selten SPD, praktisch nie Grüne oder Linke. In Österreich vermutlich am ehesten Sebastian Kurz.

Vertreter der Neuen Rechten: Klar AfD bzw. FPÖ bzw. die vergleichbaren Parteien in anderen Ländern.

Neonazi: NPD, III. Weg, oder so. Manchmal aus taktischen Gründen AfD, weil letztere bessere Chancen hat.

 

Moralische Prinzipien:

Der Radikalkatholik ist aus säkularer Sicht in manchen Dingen entsetzlich rigoros (nein, Sex vor der Ehe ist nie in Ordnung!!) und in anderen eher leger (was soll am Fleischessen bitte Sünde sein – solange nicht gerade Fasttag ist?) Es gibt eine natürliche Ordnung in Gottes Welt, die man mit Vernunft und Gewissen und mit der Hilfe von Gottes Offenbarung erkennen kann, und der hat man sich gefälligst zu unterwerfen; die Moral gilt objektiv für alle, es darf nicht jeder tun, was er will. Die 10 Gebote, die 3 göttlichen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe) und die 4 Kardinaltugenden (Gerechtigkeit, Klugheit, Mut, das rechte Maß) sind zentral; die schlimmste Sünde der Hochmut – jawohl, der Hochmut, nicht die Unkeuschheit, wobei die auch zu den schweren Sünden zählt. Man bewundert die Radikalität der Nächstenliebe und Opferbereitschaft von Mutter Teresa, Maximilian Kolbe, Franz von Assisi. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Der Vertreter der Neuen Rechten legt Wert darauf, sich von linker „Gesinnungsethik“ abzugrenzen und betont, dass er „Verantwortungsethiker“ sei, der auf langfristige Folgen von Handlungen schaue, statt auf ein kurzfristiges gutes Gewissen. Er verachtet „virtue signalling“, also das Zurschaustellen von politisch korrekten Tugenden. Das Gute ist für ihn vor allem der Einsatz für die, die einem am nächsten stehen – die eigene Familie, die eigene Nation (also nicht total unähnlich der christlichen Nächstenliebe, wenn auch nicht ganz dasselbe). Ansonsten mag er die typischen preußischen Tugenden – Verlässlichkeit, Recht und Ordnung. Gegenüber übertrieben selbstlosem Verhalten kann er sehr zynisch werden – ein gewisses Maß an Moral braucht es ja, aber mehr nicht. Die Menschen sind eh fundamental egoistisch, aber sie müssen halt miteinander auskommen.

Neonazi: Glauben Neonazis an so was wie Moral? Vermutlich bewundern sie am ehesten Mut, Kampfgeist, Loyalität, halten sich sonst aber für den Übermenschen, der jenseits von Gut und Böse steht. Verachtung für eine Mitleidsmoral/“Sklavenmoral“ der Schwachen, besonders für das Konzept der Barmherzigkeit.

Gut illustrieren kann man die moralischen Prinzipien der drei Gruppen mit ihren Einstellungen zum Thema Abtreibung. Der Radikalkatholik ist immer dagegen, weil allein Gott der Herr über menschliches Leben sei und das ungeborene Kind nie getötet werden dürfe. Und wenn es um die bitterarme kranke vergewaltigte Elfjährige geht: Abtreibung ist immer Unrecht. Der Rechte hat gewisse moralische Bedenken bei vielen Abtreibungen, aber keine so prinzipiellen, und er will die Abtreibungszahlen vor allem in Deutschland senken, weil wir mehr deutsche und weniger Migrantenkinder bräuchten – wenn die Syrerin ihr sechstes Kind abtreiben möchte, wird er vermutlich eher dazu schweigen. Der Neonazi glaubt überhaupt nicht an ein Lebensrecht für Ungeborene – er hätte auch keine Bedenken, bei unerwünschten Volksgruppen oder behinderten ungeborenen Kindern Zwangsabtreibungen einzusetzen, solangen nur genug gesunde deutsche Kinder geboren werden. Er denkt hier rein zweckmäßig. (PS: Ja, wir Katholiken glauben ehrlich, dass es bei der Abtreibung um die Kinder geht. Ich weiß, das glaubt ihr uns nicht, es kann ja nur um die Unterdrückung von Frauen gehen, aber, tja, wenn ihr mal reale Katholiken kennenlernen würdet, könntet ihr tatsächlich feststellen: doch, wir glauben das wirklich.)

 

Idealer Staat:

Radikalkatholik: Die Kirche ist gesellschaftlich bedeutend, andere Religionen nur geduldet, Abtreibung und Sterbehilfe und Leihmutterschaft und Embryonenforschung sind verboten, die Gesellschaft ist kinderfreundlich und sozial gerecht und der Staat unterstützt Familien, statt sie mit flächendeckender Betreuung in Krippen und Ganztagsschulen ersetzen zu wollen. Eine Restauration von Habsburgern und Bourbonen (aber eine konstitutionelle Monarchie, bitte!) wäre das Sahnehäubchen, aber nicht unbedingt nötig. Seliger Karl I. und heiliger Ludwig IX., bittet für uns!

Vertreter der Neuen Rechten: Weißer Ethnostaat mit höchstens sehr wenigen dauerhaft ansässigen Ausländern, v. a. solchen aus dem außereuropäischen Ausland. Was die Staatsform angeht, wird meistens die parlamentarische/präsidiale Demokratie mit Elementen direkter Demokratie – „populistisch“ – bevorzugt. Manche würden gerne das Frauenwahlrecht abschaffen, weil Frauen von ihrer Biologie her emotional und harmoniebedürftiger und damit nicht geschaffen für die Politik wären.

Neonazi: Na ja, Führerstaat mit einem charismatischen, vom Schicksal bestimmten Führer, der den Willen der Volksgemeinschaft besser erfassen soll als irgendwelche Parteien, halt. Natürlich auch hier ein rassisch reiner Ethnostaat.

 

Einstellung zu Juden/Judentum/Israel:

Radikalkatholik: Politisch meistens israelfreundlich; Verständnis für den palästinensischen Terrorismus findet sich eher selten. Fühlt sich den Juden gewissermaßen verbunden und ist da auch gerne für interreligiöse Gebete usw. zu haben (viel eher als bei den Muslimen), weil die ja immerhin auch ans Alte Testament glauben; findet aber schon, dass sie sich eigentlich taufen lassen sollten, weil Jesus ja der im Alten Testament angekündigte Messias ist. Der Radikalkatholik lehnt die unter liberalen Theologen verbreitete Theorie, dass zur Zeit zwei Gottesbünde bestünden, also der des Alten Testaments für die Juden noch gelte, und der neue Bund in Jesus nur für die Heiden (d. h. die übrigen Völker der Welt), für gewöhnlich ab – Jesus ist der Messias für alle. In Ländern mit höherem Judenanteil als Deutschland findet sich auch der ein oder andere Radikalkatholik jüdischer Herkunft (z. B. stammt die amerikanische Bloggerin Simcha Fisher aus einer konvertierten jüdischen Familie).

Vertreter der Neuen Rechten: Politisch ebenfalls eher israelfreundlich, bewundert das gut organisierte israelische Militär und Benjamin Netanjahu. Macht auch mal auf den weit verbreiteten islamischen Judenhass aufmerksam. Kann mit der jüdischen Religion allerdings wenig anfangen – so ein dreitausend Jahre alter unaufgeklärter Wüstenkult wieder, genau wie Christentum und Islam – und hätte gerne ein Beschneidungsverbot für Minderjährige (so etwa die AfD in ihrem Wahlprogramm für die letzte bayerische Landtagswahl). Speziell zu verschwörungstheoretischem Denken geneigte Rechte sehen Juden als zersetzende Kräfte hinter liberalen Medien, Universitäten usw.

Neonazi: Verschwörungstheorien über Israel und jüdische Banker usw., die die Welt kontrollieren.

 

Einstellung zu Klima/Umwelt

Radikalkatholik: Ja, also, Bewahrung der Schöpfung ist schon ganz gut und nötig und so. Landleben und Natur werden manchmal ein bisschen idealisiert (etwa im Stil Tolkiens, der ja auch so ein Radikalkatholik war, und dessen Auenlands, das in den HdR-Büchern kurz von Sarumans Industrialisierung heimgesucht wird), besonders radikal umweltschützerisch wird es allerdings meistens nicht. Vor allem dann, wenn Umweltschützer den Menschen eigentlich nur als Störfaktor im Getriebe der Natur sehen und „Überbevölkerung“ in Afrika und anderswo eindämmen wollen, geht man absolut nicht mehr mit und rantet darüber, wie viele Menschen die Erde eigentlich versorgen könnte und dass es keine Überbevölkerung gibt. Als Radikalkatholik sieht man Kinderkriegen ja als was Natürliches an und hat auch gerne mal drei, vier Kinder und mehr (die besonders fleißigen so bis zu zehn). Fleisch zu essen hält man nicht für moralisch problematisch – man denkt halt doch anthropozentrisch. Tiere soll man schon artgerecht halten, aber sie haben ja keine unsterbliche vernunftbegabte Seele. Zum Klimawandel (aufhaltbar oder nicht, was genau sollte man tun, um ihn aufzuhalten, etc.) wie auch zur Energiewende und ähnlichen Themen gehen die Meinungen auseinander.

Vertreter der Neuen Rechten: Hält die Theorie vom menschengemachten Klimawandel für eine Fabrikation von Lügenpresse und Ökoindustrie und den Grünen – das Klima hat sich schon immer verändert. Außerdem ist es sowieso wichtiger, die Industrie und damit Arbeitsplätze nicht mit irgendwelchem Umweltschutz zu gefährden, als zu versuchen, einen möglicherweise oder möglicherweise auch nicht aufhaltbaren Klimwandel aufzuhalten und Ähnliches. Naturschutz, okay, wenn Wichtigeres erledigt ist.

Neonazi: Kommt drauf an, was genau für esoterisch-naturreligiöses Zeug der einzelne Neonazi glaubt. Die völkischen Siedler sind durchaus sehr naturliebend. Verbundenheit mit dem Boden, unser deutscher Wald… und so.**

 

Feindbilder:

Radikalkatholik: Häresie (das ist das Fremdwort für den schönen deutschen Begriff „Ketzerei“ – damit meinen wir z. B. den Protestantismus), moralischer Relativismus und Indifferentismus („mir meine Wahrheit, dir deine Wahrheit“), Modernismus (nein, damit meinen wir nicht Eisenbahnen und Internet, sondern bestimmte theologische Ansichten (wie etwa die Ansicht, Wunder könne es doch nicht geben, weil es Wunder ja nicht geben könne, was ja bekannt sei, weil wir modernen Menschen viel klüger seien als unsere Vorväter)), eine Liturgie, die nicht streng nach den Rubriken zelebriert wird (die Liturgie ist uns sehr wichtig, ja).

Vertreter der Neuen Rechten: Linke, Grüne, politische Korrektheit

Neonazis: Hm, ziemlich viel. Moral und Schwäche, die ganze derzeitige Politik und Gesellschaft…

 

Lieblingsverschwörungstheorie unter den Radikaleren:

Radikalkatholik: Die Freimaurer haben das 2. Vatikanische Konzil kontrolliert! Papst Franziskus ist kein gültiger Papst! (Achtung: Letzteres trifft jetzt Leute, die man eigentlich gar nicht mehr als katholisch bezeichnen kann – Sedisvakantisten haben sich ja eigentlich von der Kirche losgesagt.)

Vertreter der Neuen Rechten: Irgendwelche Theorien über George Soros. Angela Merkel ist Hitlers Tochter. Reichsbürgertum.

Neonazi: Holocaustleugnung. Okay, das gilt vermutlich nicht für die „Radikaleren“. Die Radikaleren unter Neonazis halten den Holocaust vermutlich einfach für eine tolle Sache und versuchen nicht mehr, ihn zu leugnen. Vermute ich jetzt einfach mal.

 

Organisationen und prominente Vertreter (ausgewählte Beispiele):

Radikalkatholiken: Auf der „einfach bloß lehramtstreuen“ Seite, die mit der Theologie und Liturgie der Nachkonzilszeit und der Ökumene ganz gut klarkommt: Gebetshaus Augsburg, Johannes Hartl, Josef Bordat, kath.net, Jugend 2000, Gemeinschaft Emmanuel, fe-Verlag. Auf der traditionalistischen Seite, die die alte Liturgie mag und nicht so mit den Protestanten kann: Petrusbruderschaft, Pater Engelbert Recktenwald FSSP, Pater Martin Ramm FSSP, Christkönigsjugend, Pater Edmund Waldstein OCist. Das Stift Heiligenkreuz und die angeschlossene Hochschule kann man allgemein als leicht traditionalistisch bezeichnen, ähnlich den Fernsehsender EWTN, den Lepanto-Verlag oder das Opus Dei. Auf der vulgärtraditionalistischen Seite haben wir gloria.tv, katholisches.info, und (seit dem neuen Betreiber – früher versuchten sie sich noch als hippes Lifestylemagazin und waren dabei schon nicht ernstzunehmen) The Cathwalk. Dann gibt es noch die traditionalistische und (anders als die Petrusbruderschaft) mit Rom im Streit liegende und oft ungehorsame Piusbruderschaft, deren Status in der Kirche im Moment eher unklar ist, und kleine sedisvakantistische Grüppchen, die sich von der Kirche abgespalten haben (also tatsächlich gar nicht mehr katholisch sind, auch wenn sie sich als die einzig wahren Katholiken sehen).

Neue Rechte/“Alt right“: AfD, Identitäre Bewegung, Martin Sellner, Burschenschaften, Götz Kubitschek, Antaios-Verlag, Martin Lichtmesz.

Richtig Neonazi: NPD, Weiße Wölfe, Blood and Honour, Wiking Jugend, Heimattreue Deutsche Jugend.

 

[Ach ja, wieder eine ganz eigene und in sich sehr diverse Gruppe sind übrigens die protestantischen „Fundamentalisten“ (die den Begriff „Fundamentalismus“ übrigens vor hundert Jahren erfunden haben), also z. B. bestimmte Evangelikale oder Pfingstkirchler. Nazis sind die auch nicht; zur Unterscheidung von Extremkatholiken seien hier ein paar Merkmale aufgezählt: Die Protestanten sind i. d. R. Junge-Erde-Kreationisten, glauben also an eine Schöpfung in sechs Tagen vor 6000 Jahren, während die Katholiken schon lange – ja, auch schon vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil – die päpstliche Erlaubnis haben, Genesis anders auszulegen; die Katholiken lehnen alle Verhütungsmethoden außer der Natürlichen Empfängnisregelung ab, während die Protestanten kein Problem damit haben; die Protestanten neigen zu einem etwas patriarchaleren Eheverständnis und die ganz Extremen warten nicht nur mit dem Sex, sondern auch mit dem ersten Kuss bis zur Ehe; die Katholiken sind eifrige Heiligenverehrer, während die Protestanten das für gar grausigen Götzendienst halten. Die protestantischen Gottesdienste bestehen aus ein bisschen Bibellesung, einer Stunde Predigt und rockigen Lobpreisliedern; die Katholiken haben dagegen eher kurze, nicht sehr bemerkenswerte Predigten, Orgelmusik, und der wichtigste Teil des Gottesdienstes ist der mit Brot und Wein (wir reden da vom „Messopfer“, nicht vom „Abendmahl“); Tradikatholiken gehen am liebsten in die alte, lateinische Form der Messe. In Bezug auf Abtreibung ist man sich dafür unter Radikalkatholiken und Fundiprotestanten wieder einig und arbeitet zusammen. Der Linksaktivist, der nur den Marsch für das Leben stören will, braucht sich um diese Unterscheidungen also nicht groß zu kümmern.]

 

Eine Klarstellung: Es gibt durchaus Katholiken, die ihren Glauben sehr ernst nehmen und gleichzeitig einige politische Ansichten vertreten, die ich hier der noch eher gemäßigten Rechten zugeordnet habe. Aber das eine hängt nicht zwangsläufig mit dem anderen zusammen – wer besonders traditionalistisch ist, kann gleichzeitig entschieden gegen die Neue Rechte sein, und wer theologisch liberal ist, ist nicht unbedingt politisch liberal. Und wie gesagt, politisch gibt es einen gewissen Spielraum im Katholizismus.

Und ja, dann gibt es auch noch in Einzelfällen solche schändlichen Dinge wie katholische (bzw. sich selbst trotz ihrer Abspaltung von der Kirche als katholisch verstehende) Holocaustleugner, wie etwa Williamson (der ja selbst von der Piusbruderschaft ausgeschlossen wurde). Aber das sind eben extreme Ausnahmefälle, die gerade nicht eine weitere Radikalisierung typisch extremkatholischer Ansichten sind, sondern eine deutliche Abweichung vom landläufigen Extremkatholizismus. Katholische Holocaustleugner vertreten normalerweise auch keine weiteren Nazithesen, neigen dafür aber allgemein zu verschwörungstheoretischem Denken und sehen überall den Antichrist und den Weltuntergang – da gäbe es etwa noch eine Seite, die neben sämtlichen von der Kirche nicht anerkannten Privatoffenbarungen und landläufigen Verschwörungstheorien auch noch die Protokolle der Weisen vom Zion verbreitet.

 

Was ich letzten Endes sagen will: Wenn ihr uns hasst, dann seid euch bitte wenigstens bewusst, was ihr hasst. Wenn ihr uns hasst, weil wir „heteronormativ“ und gegen Abtreibung sind, oder weil wir an Engel und Dämonen und ein Jüngstes Gericht glauben, okay, bitte, meinetwegen, aber das gilt auch für Juden und Muslime und genügend andere Gruppen über einen Großteil der Weltgeschichte verteilt, also wäre es nett, wenn ihr uns wenigstens nicht gerade Nazis nennen würdet, zumal die Nazis ganz andere Merkmale haben und genügend von unseren Leuten zu Märtyrern gemacht haben. Ihr könnt uns immer noch „mittelalterlich“ und sonst was nennen, das trifft es sogar ganz gut. Danke auch.

Fr.Maximilian Kolbe 1939.jpgEdith Stein (ca. 1938-1939).jpgUnzeitigLeisnerHäfnerKozalStarowieyskiBrandsmaHirschfelder

(Eine winzige Auswahhl unserer von den Nazis getöteter Heiliger und Seliger. Von links nach rechts und oben nach unten: Hl. Maximilian Kolbe, hl. Edith Stein, sel. Engelmar Unzeitig, sel. Karl Leisner, sel. Eduard Müller, sel. Johannes Prassek, sel. Hermann Lange, sel. Georg Häfner, sel. Michal Kozal, sel. Stanislaw Kostka Starowieyski, sel. Titus Brandsma OCarm, sel. Gerhard Hirschfelder. Bildquelle: Wikimedia Commons sowie hier.)

 

Viele Grüße von Crescentia. Und Gottes Segen.

 

* Bildquelle: Wikimedia Commons. Die Bilder von Bonifatius, der die Donareiche fällt, und vom Hermannsdenkmal sind gemeinfrei; das Photo der Naziversammlung wurde Wikimedia vom Bundesarchiv zur Verfügung gestellt (B 145 Bild-P022061).

** Die Abschnitte zum Thema Juden und zum Thema Natur wurden nachträglich eingefügt, da ich den ersten bei der ursprünglichen Veröffentlichung vergessen hatte (wie das so passiert, wenn man zu hastig postet) und beim zweiten hinterher darauf aufmerksam gemacht wurde, dass ich zu dem Thema noch etwas schreiben hätte können.

Toleranz, Freiheit und Burkinis

Es gibt Zeiten, da komme ich mir ziemlich radikalisiert, mittelalterlich und antiliberal vor (eigentlich habe ich nicht mal ein besonderes Problem mit diesen Labeln – ich mag das Mittelalter*). Aber dann gibt es auch wieder Zeiten, da bin ich erstaunt, wie liberal und tolerant ich anscheinend im Vergleich zu manchen bin, die sich selbst als Vorkämpfer für die Freiheit sehen. Zum Beispiel glaube ich tatsächlich nicht, dass der Staat Leuten, die Mohammeds Irrlehre folgen, ihre Kleidung vorschreiben sollte.

Das ist anscheinend eine sehr umstrittene Ansicht. Man schaue sich nur mal die Aufregung an, zu der die neuesten Äußerungen von Familienministerin Giffey über Burkinis im schulischen Schwimmunterricht geführt haben. Frau Giffey hat in den sozialen Medien noch einmal klargestellt, was sie gemeint und nicht gemeint hat:

Zur aktuellen Burkini-Debatte stelle ich folgendes klar:

1. Um es deutlich zu sagen: ich befürworte nicht das Tragen von Burkinis im Schwimmunterricht.

2. Zu keinem Zeitpunkt habe ich das Tragen von Burkinis im Schwimmunterricht für „unproblematisch“ erklärt. Im Gegenteil – es ist ein sehr schwieriges Thema.

3. Wir müssen aber sehr konsequent darin sein, dafür zu sorgen, dass alle Kinder schwimmen lernen, egal welcher Herkunft sie sind und welche Religion sie haben. Schwimmen ist Teil des Sportunterrichts und damit Teil der Schulpflicht. Diese ist durchzusetzen.

4. Wir erleben aber in der Praxis, dass dies umgangen wird. Zum Beispiel durch ärztliche Atteste. Im Ergebnis nehmen Mädchen nicht am Schwimmunterricht teil und lernen deswegen nicht schwimmen. Das kann nicht unser Ziel sein.

5. Wenn Schulleiter dann vor Ort eine pragmatische Lösung finden, ist das zwar nicht optimal, aber ich finde nicht, dass sich Bundespolitiker darüber erheben sollten. Ich habe mich zu dem pragmatischen Weg der Schule geäußert, aber nicht grundsätzlich Burkinis befürwortet.

6. Ich habe erlebt, was es für die Familie und Freunde bedeutet, wenn ein kleines Mädchen ertrunken ist, das nicht schwimmen konnte. Für mich ist das Vermitteln einer Überlebenstechnik wichtiger als die Badebekleidung.

7. Eine Ausstattung von Schulen mit Burkinis aus öffentlichen Geldern lehne ich ab. Badesachen sind von jeder Schülerin und jedem Schüler selbst mitzubringen.

8. Ich bin Initiatorin und Schirmherrin des Neuköllner Wassergewöhnungsprojektes Neuköllner Schwimmbär, mit dem wir die Nichtschwimmerquote in den letzten vier Jahren halbiert haben – für alle Kinder, egal welcher Herkunft.

9. Ich engagiere mich seit Jahren für ein konsequentes Vorgehen gegen Gewalt an Frauen und Zwangsheirat und für ein selbstbestimmtes Leben von Mädchen und jungen Frauen. Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Dafür trete ich ein.

10. Aus meiner Sicht haben kleine Mädchen keine sexuellen Reize, die es zu verhüllen gilt.

Mit anderen Worten: Mädchen, die nicht bereit sind, normale Badeanzüge zu tragen, sollen lieber in Burkinis kommen dürfen, statt sich ganz vor dem Schwimmunterricht zu drücken und nicht schwimmen zu lernen. Aber nein, nein, gut findet sie Burkinis auch nicht. – Und darüber regen sich die Leute jetzt auf? Und wie sie das tun. Nach Ansicht vieler darf der Staat so etwas doch nicht zulassen; so weit, dass Mädchen ihre Badebekleidung (beim verpflichtenden Schwimmunterricht) selber wählen dürfen, kann die Religionsfreiheit dann wohl nicht gehen. Dafür werden hauptsächlich zwei Argumente vorgebracht:

  • Mädchen sollen selbstbestimmt entscheiden, was sie anziehen; deshalb soll man nicht zulassen, dass ihre Eltern ihnen eine bestimmte Kleidung vorschreiben.
  • Hier werden kleine Mädchen sexualisiert, indem suggeriert wird, sie würden sexuelle Reize aussenden, wenn sie nicht von Kopf bis Fuß verhüllt sind.

Zum zweiten Argument zuerst. Tatsächlich ziehen die meisten muslimischen Mädchen Kopftuch und Burkini erst ab der Pubertät an; Ausnahmen gibt es wie bei allem, aber sie sind nicht häufig – aber natürlich ist es Unsinn, ein Mädchen, das – o Graus – seine Haare oder seinen Hals zeigt, als Gefahr für die Keuschheit der sie umgebenden Männerwelt zu behandeln, egal, ob es jetzt acht oder fünfzehn Jahre alt ist.

Aber was, wenn manche Mädchen, oder ihre Familien, das eben trotzdem so sehen? Hier sind wir wieder beim ersten Argument: Wer darf dann über die Kleidung der Mädchen entscheiden? Die Wahl hier lautet jedoch nicht: Das Mädchen oder die Eltern? Sondern: Die Eltern / das Mädchen oder der Staat? Wenn der Staat sich heraushält, gibt es vier Möglichkeiten: Ein Mädchen entscheidet sich selbst, den Burkini zu tragen; Eltern schreiben einem Mädchen vor, den Burkini zu tragen; ein Mädchen entscheidet sich selbst, keinen Burkini zu tragen; Eltern schreiben einem Mädchen vor, keinen Burkini zu tragen. Wenn dagegen der Staat vorschriebe, dass soundsoviel von Armen, Beinen und Kopf zu zeigen ist (wie viel wäre wohl das Minimum?), wäre gar keine Freiwilligkeit mehr möglich.

Wäre das auch schon zu züchtig? (Um 1900. Quelle: Wikimedia Commons.)

Aber, wird argumentiert, man muss die Leute eben mit Zwang zur Freiheit führen. Man muss eben Zwang anwenden, um die Mädchen von den Vorstellungen ihrer Eltern zu befreien. Nun ist es aber so, dass kein Kind frei von den Vorstellungen der Eltern und irgendwie „neutral“ erzogen werden kann. Das ist auch gut so – Eltern haben das natürliche Recht und die Pflicht, ihre Kinder zu erziehen, und der Staat hat erst dann einzugreifen, wenn die Kinder wirklich gefährdet oder vernachlässigt werden. Kinder werden irgendwann erwachsen, und dann sind sie unabhängig und fähig, eigene Entscheidungen zu treffen; aber zuvor stehen sie immer unter dem Einfluss der Eltern. Die Frage dreht sich dann also darum, ob der Burkini eine grobe Gefährdung des Kindeswohls genannt werden kann, die das Eingreifen des Staates rechtfertigt. Und glaubt mir, Leute, so wollt ihr „grobe Gefährdung des Kindeswohls“ nicht definieren. Es wird behauptet, der Burkini sexualisiere die Kinder. Aber wie wäre es z. B. mit einer Art „direkteren“ Sexualisierung – sagen wir, eine Mutter bringt ihrer zehnjährigen Tochter bei, sich sexy anzuziehen und sich zu schminken. Auch Kindeswohlgefährdung? Burkini und Kopftuch wären gegen die Gleichberechtigung der Geschlechter gerichtet – aber, was wenn z. B. ein älteres Mädchen sich nicht mit der Vorstellung der Gesellschaft von der Gleichberechtigung anfreundet und von selber der islamischen Vorstellung folgen will? Soll man ihr das auch verbieten?

Solche Debatten sagen im Endeffekt weniger über den Islam aus, meine ich, als über die Verlogenheit vieler Säkularisten. Säkularisten haben es nur in der Theorie mit der Religionsfreiheit; praktisch endet sie für sie, sobald eine Religion ihren eigenen Überzeugungen zuwiderläuft. Das zeigt sich in ihrem Umgang mit falschen Religionen wie dem Islam ebenso wie im Umgang mit der richtigen Religion. Im 18. Jahrhundert wetterten die sog. „Aufklärer“ gegen das unfreie und unnatürliche Leben in den Klöstern; als sie an die Macht kamen, lösten sie die Klöster folglich zwangsweise auf und vertrieben die Nonnen und Mönche.

„Die Karmelitinnen von Compiègne angesichts der Guillotine“ (Illustration von Louis David OSB, 1906; Quelle: Wikimedia Commons). Die 16 Karmelitinnen von Compiègne wurden 1794 von der französischen Revolutionsregierung hingerichtet, weil sie sich geweigert hatten, ihr Ordensleben aufzugeben.

Die Kirche hat immer schon mit guten Gründen Zwangstaufen abgelehnt; vielleicht sollte sich der Säkularismus mal ihre Argumente in der Hinsicht ansehen, bevor er mit seinen unlauteren Missionsmethoden fortfährt.

 

* Das richtige Mittelalter; nicht die falsche Vorstellung vom Mittelalter, die die Geschichtslegenden des 19. Jahrhunderts uns hinterlassen haben.

Von Gottesstaaten (und anderen Staaten)

Zwischen 413 und 426 n. Chr. schrieb der hl. Augustinus sein berühmtes Werk „Vom Gottesstaat“ (De civitate Dei), in dem er den „Gottesstaat“, d. h. das Reich Gottes, das sich in den Christen verwirklicht, vom irdischen Staat – d. h. zu seiner Zeit dem römischen Kaiserreich – abgrenzte. Das ist nicht unbedingt der Sinn, in dem der Begriff „Gottesstaat“ heute verwendet wird. Unter einem Gottesstaat verstehen die Leute heute eher einen irdischen Staat, der die Gebote einer Religion zu seinen Gesetzen gemacht hat. Augustinus dagegen grenzte die civitas Dei (Gesellschaft Gottes, Staat Gottes) klar von der civitas terrena (irdischer Staat) ab.

Er hatte auch seine Gründe dafür: Viele seiner Zeitgenossen gingen davon aus, dass, wenn das Reich als Ganzes die richtigen Götter (oder den richtigen Gott) verehren würde, es von denen vor Unglück geschützt werden würde, also von einer sehr engen Verbindung zwischen Religion und Staat. Nun hatte man die alten Götter aufgegeben, die Kaiser waren christlich geworden – und gleichzeitig fielen Germanenstämme wie die Ost- und Westgoten, die Vandalen und die Franken ins Reich ein. Viele Heiden waren also der Ansicht, dass der Religionswechsel nicht funktioniert hatte; der Christengott konnte offenbar nichts für einen tun. 410 eroberten und plünderten die Westgoten unter Alarich Rom, und auf dieses schlimme Ereignis nimmt Augustinus in seinem Werk Bezug, und wenn er da so von Verschleppungen, Vergewaltigungen, Toten, die nicht begraben werden konnten, Hunger und Kannibalismus schreibt, dann merkt man, es war wirklich keine schöne Zeit.* (Augustinus selbst sollte dann übrigens in seiner nordafrikanischen Bischofsstadt Hippo Regius während der Belagerung durch die Vandalen unter Geiserich im Jahr 430 sterben.)

In diesem Werk bestand Augustinus jedenfalls darauf, dass das Römische Reich, auch wenn es christliche Kaiser hatte, nicht identisch war mit dem Gottesreich. Der Bestand des christlichen Glaubens ist nicht abhängig vom Wohlergehen eines irdischen Reiches, das zwar an sich einen Zweck in der von Gott gewollten Ordnung erfüllen kann, indem es für Ordnung und Gerechtigkeit unter den Menschen sorgt usw., das Gottesreich aber auch behindern kann. Diese Unterscheidung zwischen weltlichem und geistlichem Bereich beruht schon auf der Bibel („So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“, Matthäus 22,21) und wirkte das ganze Mittelalter hindurch weiter.

So, das war jetzt eine längere Einleitung zu einem Begriff, dessen Bedeutung meistens nicht ganz klar ist, wenn er verwendet wird: „Gottesstaat“. Der Iran wird gern als Gottesstaat bezeichnet, oder Saudi-Arabien. Manche Leute sehen den Gottesstaat auch schon verwirklicht, wenn in Deutschland Geschäfte am Sonntag geschlossen haben und an stillen Feiertagen nicht getanzt werden darf. Hierzulande gilt aber grundsätzlich eine Trennung von Staat und Kirche, die noch über eine Trennung im Sinne des Augustinus hinausgeht, auch wenn sie keine Laizität à la Frankreich (die eine Verdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum beabsichtigt) ist. Was ist jetzt also ein „Gottesstaat“?

Hier mal ein paar Beispiele, um die Unterschiede zwischen verschiedenen Gesellschaften, die man im heutigen Westen vermutlich alle mehr oder weniger als Gottesstaaten bezeichnen würde, deutlich zu machen:

  • Mohammeds Herrschaft und das Kalifat: Hier war der weltliche Herrscher gleichzeitig auch das geistliche Oberhaupt der (ganzen) Gemeinschaft der Muslime. Mohammed verkündete konkrete weltliche Gesetze, z. B. zum Erbrecht, die direkt auf göttlicher Offenbarung beruhen sollten – seine Nachfolger, die Kalifen, behielten diese bei – und führte seine Feldzüge im Namen seines Gottes – was die Kalifen ebenfalls taten.
  • Der heutige Iran: Die Regierung der Islamischen Republik Iran versteht sich nach der Verfassung von 1979 als Vertreterregierung des entrückten 12. Imam Mahdi, dessen Wiederkehr von den Zwölferschiiten erwartet wird. Das Staatsoberhaupt ist der „Führer“ (Rhabar), der von Theologen ausgewählt wird (zuerst war es Ajatollah Chomeini, jetzt ist es Ajatollah Chamenei). Regierungschef ist ein gewählter Präsident, der sich aber an die Prinzipien des schiitischen Islam halten muss, was vom Wächterrat überwacht wird.
  • Das heutige Saudi-Arabien: Die Kleriker sind nicht so direkt in die Regierung eingebunden wie im Iran, Saudi-Arabien hat allerdings den Islam (in der sunnitischen, speziell der wahabitischen Form) als Staatsreligion und die Könige, die als absolute Herrscher regieren, verstehen sich auch als Hüter der heiligen Stätten in Mekka und Medina.
  • Das mittelalterliche Europa: Die mittelalterlichen Staaten hatten ganz verschiedene Staatsformen (Venedig z. B. war eine Republik, viele andere Staaten waren Erbmonarchien oder -aristokratien); diesen Staaten gemeinsam war, dass einerseits der katholische Glaube öffentlich als wahr anerkannt, also praktisch Staatreligion war (was er in Malta übrigens interessanterweise immer noch ist), dass die Autorität des Papstes etwas galt (auch wenn man sich nicht einigen konnte, wie viel genau), dass weltlicher und geistlicher Bereich aber trotzdem irgendwo getrennt waren – Päpste, Bischöfe, Pfarrer, Äbte und Äbtissinnen waren nicht dasselbe und hatten nicht dieselben Aufgaben wie Kaiser, Könige, Grafen und Bürgermeister, und das Kirchenrecht war, anders als im Islam, nicht identisch mit dem weltlichen Recht.
  • Der Kirchenstaat oder die Fürstbistümer des Heiligen Römischen Reiches: Hier besaß ein Geistlicher zusätzlich zu seiner geistlichen Macht über ein umfassenderes Gebiet auch noch weltliche Macht über ein kleineres Gebiet. Die weltlichen Gesetze waren folglich eher stärker religiös geprägt als in benachbarten Staaten, leiteten sich aber auch nicht direkt oder ausschließlich aus religiösen Quellen ab und der geistliche und der weltliche Bereich wurden unterschieden. (Mir bekannte Unterschiede zwischen den deutschen Fürstbistümern und weltlichen Fürstentümern in der Frühen Neuzeit wären z. B., dass es in den Fürstbistümern oft deutlich mehr Feiertage gab, oder dass die Bischöfe, wenn das Reich einen Krieg führen musste, eher Geld an den Kaiser schickten, um Söldner anzuwerben, als selbst mit in den Krieg zu ziehen.)
  • Das Täuferreich von Münster: Eine spannende Geschichte aus der Reformationszeit: In Münster setzten sich die radikalen Propheten der Wiedertäufer-Sekte an die Macht, verkündeten, dass Christus zu Ostern 1534 wiederkehren sollte, benannten die Stadt in Neu-Jerusalem um, zerstörten Heiligenbilder, die sie für Götzen hielten, vertrieben Katholiken und Lutheraner, und führten die Polygamie ein. Sie wurden schließlich vom Fürstbischof militärisch geschlagen, nachdem die Stadt von innen heraus verraten worden war, und die Propheten wurden gefoltert und hingerichtet. Ähnlich wie bei Mohammed erlangten hier religiöse Propheten auch weltliche Macht – wenn auch für deutlich kürzere Zeit.
  • England unter Heinrich VIII. oder Elisabeth I.: Heinrich VIII. erklärte sich, als der Papst ihm nicht die Scheidung erlauben wollte, selbst zum Oberhaupt der Kirche von England, und seitdem stand die anglikanische Kirche unter der Autorität des Staates. Sicher hatten auch Synoden und Bischöfe noch etwas zu sagen, v. a. der Erzbischof von Canterbury, aber es handelte sich doch um eine dem Staat untergeordnete Kirche. Kardinal John Fisher, der einzige der englischen Bischöfe dieser Zeit, der nicht den Eid auf Heinrich als Kirchenoberhaupt leisten wollte, wurde hingerichtet, ebenso aus demselben Grund Heinrichs ehemaliger Lordkanzler Thomas Morus. Wer nicht zu dieser Kirche gehörte, musste u. U. mit Sanktionen rechnen (z. B. mussten Katholiken unter Heinrichs Tochter Elisabeth I. Geldstrafen zahlen, wenn sie nicht in die anglikanischen Gottesdienste kamen), konnte seinen Glauben evtl. nicht frei ausüben (z. B. war es unter Elisabeth verboten, die Messe zu feiern, und katholische Priester wurden hingerichtet), und hatte keinen Zugang zu bestimmten Staatsämtern (das galt bis ins 19. Jahrhundert). Das alles wurde mit der Zeit immer lockerer gehandhabt, auch wenn die anglikanische Kirche offiziell noch immer Staatskirche in England ist.

Der Unterschied zwischen Mohammeds Arabien oder dem Täuferreich von Münster auf der einen Seite und sagen wir mal, dem Heiligen Römischen Reich oder Frankreich oder England im Mittelalter auf der anderen Seite wäre, dass Mohammed (bleiben wir mal bei ihm als Beispiel; sein Herrschaftssystem hat immerhin länger überlebt) nicht einen geistlichen und einen weltlichen Bereich unterschied, sondern seine prophetischen Offenbarungen auf beide bezog: Sein Gott gab direkte Anweisungen zum Gerichtswesen, zur Verteilung von Kriegsbeute, zum Familienrecht. Nun war es im Mittelalter nicht so, dass geistliche und weltliche Angelegenheiten ganz voneinander abgeschnitten gewesen wären; im Gegenteil, es gab gegenseitige Zusammenarbeit und Überschneidungen (z. B. beim Eherecht) und auch die staatlichen Gesetze, von denen man viele auch aus römischem oder germanischem Recht übernommen hatte, richteten sich im Idealfall irgendwo nach übergeordneten moralischen Prinzipien, die die Kirche verkündete. (Im Idealfall. In der Praxis musste die Kirche z. B. noch 1374 Rechtsprinzipien aus dem Sachsenspiegel wie etwa „Wer auch immer nach der Bestimmung dieses Buches zum Duell aufgefordert wurde, der kann das Duell nicht verweigern, es sei denn, der so Auffordernde wäre weniger wohl geboren als der Aufgeforderte“** verurteilen, und auch für die Abschaffung der aus dem Heidentum übernommenen Gottesurteile musste sie immer wieder eintreten.) Man ging davon aus, dass Christus, König über die ganze Welt, sowohl der Kirche, mit dem Papst als Oberhaupt, die geistliche Macht, als auch den weltlichen Fürsten, mit dem Kaiser als ihrem höchsten Vertreter, die weltliche Macht verliehen hatte; kurz: weltliche und geistliche Ordnung standen beide auf dem Boden des Christentums. Auch wenn sich der Kaiser dann und wann mit dem Papst zoffte.

Der Gang nach Canossa in einer Darstellung aus dem 19. Jahrhunderts, als man in Deutschland den Papst nicht leiden konnte und den Kaiser als trotzig und ungebeugt darstellten wollte. (Eduard Schwoiser, „Heinrich vor Canossa“) Hier noch eine mittelalterliche Darstellung, in der Kaiser Heinrich IV. Markgräfin Mathilde von Tuszien und seinen Taufpaten Abt Hugo von Cluny um Vermittlung bei Papst Gregor VII. bittet:

(Quelle für beide  Bilder: Wikimedia Commons.)

Ehrlich gesagt, ich würde den Begriff „Gottesstaat“ am liebsten aufgeben. Er ist zu unscharf und wird zu vielseitig verwendet. Ich möchte verschiedene Herrschaftsformen unterscheiden:

  1. Religiöse Führer als weltliche Herrscher; alle weltlichen Gesetze direkt aus göttlicher Offenbarung abgeleitet (Kalifat, Täuferreich von Münster, heutiger Iran)
  2. Religiöse Führer üben auch weltliche Herrschaft aus, bei gleichzeitiger Unterscheidung der geistlichen und weltlichen Bereiche (Kirchenstaat, Fürstbistümer)
  3. Religiöser Integralismus bei personeller Trennung von weltlichem und geistlichem Bereich (Großteil Westeuropas im Mittelalter)
  4. Religiöser Staat; Religion aber unter der Fuchtel des Staates (England unter Heinrich VIII. oder Elisabeth I., Russland unter den Zaren)
  5. Zusammenleben von mehreren religiösen Gruppen auf nicht-religiöser Grundlage; Trennung von Staat und Religion; religiöse Toleranz (heutiges Deutschland)
  6. Staatliche Ablehnung der Religion und Zurückdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum, „Laizität“ (heutiges Frankreich, Türkei unter Atatürk)
  7. Staatlich verordneter Atheismus, Verfolgung der Religion (frühere Sowjetunion, China unter Mao, Nordkorea, sämtliche sonstigen kommunistischen Diktaturen der Geschichte)

Nr. 1 gab es in der Christenheit zunächst überhaupt nicht, später war sie eine Randerscheinung bei einigen extremen Gruppen im Gefolge der Reformation, die sich direkt von Gott inspiriert fühlten (z. B. könnte man außer den Täuferpropheten evtl. noch Oliver Cromwell hier einordnen). Nr. 2 ist im christlichen Bereich eine bekannte, aber alles in allem nicht allzu häufige Erscheinung, die mancherorts aus den historischen Gegebenheiten im Chaos des Frühmittelalters entstand. Nr. 3 war der katholische Standard bis ca. 1500, in manchen Gebieten bis ca. 1800 oder noch etwas länger. Diese Form habe ich „Integralismus“ getauft. Mit „Integralismus“ ist laut den Definitionen, die man so im Internet findet, generell gemeint, dass alle gesellschaftlichen Bereiche (integral) im religiösen Sinne geordnet werden sollen. Hier gäbe es natürlich noch verschiedene Abstufungen; katholischen Integralismus im strengen Sinne würde ich als die Ansicht definieren, die dem Papst indirekte oder direkte weltliche Macht zugesteht, also z. B. die Macht, weltliche Herrscher abzusetzen (die Frage, ob der Papst solche Macht hat, war im Mittelalter immer umstritten und hat damals dann und wann zu Konflikten geführt); katholischen Integralismus im weiteren Sinn als die Ansicht, dass der Papst und die Bischöfe an sich zwar nur geistliche Macht haben, dass sie nicht über, sondern neben weltlichen Herrschern, stehen, dass aber beide, geistliche und weltliche Herrscher, von Christus eingesetzt sind, Ihn als ihren Herrn anerkennen und nicht gegen Seine Gebote handeln sollten. Ein Staat sollte nach dieser Ansicht im Idealfall die katholische Religion als Staatsreligion anerkennen. [Im Internet scheint es keine ganz eindeutige Definition des Begriffes „Integralismus“ zu geben, daher habe ich ihn jetzt mal einfach so definiert, wie es mir passend erschien.] Das wäre, wie gesagt, die mittelalterliche (und in den katholischen Staaten auch noch frühneuzeitliche) Ordnung.

Mit der Reformation traten dann gewisse Probleme auf: Einige Fürsten wiesen den Glauben und die Autorität der Kirche und des Papstes zurück und gründeten sich ihre eigenen Landeskirchen, in denen sie oberste Kirchenherren waren. Das sieht man in Sachsen oder Preußen ebenso wie in England. Ähnliches hatte es vorher schon im Oströmischen Reich und in Russland gegeben, wo man die Autorität des Papstes ebenfalls nicht mochte und die Kirche lieber dem Kaiser bzw. Zar unterordnete (dafür gibt es den schönen Begriff „Cäsaropapismus“). Hier wären wir bei Nr. 4. Im Zuge der Reformation entstanden aber auch die Religionskriege zwischen den protestantischen und den katholischen Fürsten, und als man davon dann genug hatte, fragte man sich, ob denn die Religion das alles wert gewesen war, ob an diesen ganzen Streitfragen überhaupt so viel war, und ob es nicht einfach reichte, überhaupt an Gott zu glauben und ein guter Mensch zu sein (oder einfach nur ein guter Mensch zu sein). Hier wären wir im 18. Jahrhundert bei den Intellektuellen, die sich in nicht allzu großer Demut „Aufklärer“ tauften, angelangt. Sie waren für größere religiöse Toleranz gegenüber der jeweils in der Minderheit befindlichen Konfession und auch gegenüber den Juden, die immer einen Außenseiterstatus eingenommen hatten und als Außenseiter geduldet worden waren, aber nie wirklich zur Gesellschaft gehört hatten.

Dann musste man im Gefolge der sog. Aufklärung natürlich andere Prinzipien finden, auf die sich eine Gesellschaft einigen und auf denen sich ein Staat aufbauen konnte. Da wurden sehr unterschiedliche Wege gefunden. Bei uns nennen sich die herrschenden Prinzipien „freiheitlich-demokratische Grundordnung“, womit man Dinge wie Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit etc. meint; in den kommunistischen Staaten war es Marx‘ Lehre; in faschistischen Staaten der Wille des Führers. Hier wären wir bei Nr. 5, 6 und 7.

Auch für alle post-religiösen Staaten stellte und stellt sich dann übrigens die Frage, wie tolerant man gegenüber Ketzereien (womit ich Abweichungen von den staatstragenden Prinzipien meine, also etwa Anarchismus, Monarchismus, islamischer Extremismus, Reichsbürgertum) sein wollte. Es gab eben immer noch Leute, die sich den tragenden Prinzipien nicht anschließen wollten, auch wenn man die nicht mehr aus einer Religion nahm. Auch diese Frage wurde ganz unterschiedlich beantwortet; manche Staaten sind bzw. waren strenger gegenüber „Verfassungsfeinden“ als andere. Die französische Revolutionsregierung schickte einen schnell mal auf die Guillotine, bei Stalin kam man ins Gulag, in der BRD hat man, wenn es schlimm wird, eine Geldstrafe wegen Volksverhetzung zu befürchten.

Klar wird hier: Alle sieben Arten von Staaten sind auf irgendeiner Weltanschauung aufgebaut, die zumindest ein größerer Teil der Bevölkerung teilen muss, wenn die Gesellschaft funktionieren soll. Die Weltanschauung kann der Islam sein, der Konfuzianismus (altes China), der Protestantismus, der Katholizismus, der Liberalismus, der Kommunismus, der Faschismus, oder sonst irgendetwas. Aber eine gewisse Basis ist praktisch immer da; der Staat kann nicht ganz „weltanschaulich neutral“ sein. (Was soll z. B. der deutsche Staat gegenüber Leuten sagen, die von Menschenwürde nichts wissen wollen?) Es gibt dabei auch gewisse Unterschiede bei dieser gemeinsamen Basis: Es kann eine universal anwendbare Weltanschauung sein (Katholizismus, Kommunismus, Liberalismus), die man mit anderen Staaten teilt, oder eine rein nationale Religion, die direkt von der Regierung beeinflusst wird (Anglikanismus, verschiedene Formen des Nationalismus).

Hier stellt sich dann natürlich die Frage, auf welche Basis sich die Menschen in einem Land einigen können, und auf welche sie sich im Idealfall einigen sollten. Sucht man einen kleinsten gemeinsamen Nenner? Will man so nah wie möglich an die Wahrheit herankommen? Und was ist die Wahrheit? Die Wahrheitsfrage lässt sich am Ende nicht umgehen: Auf die Menschenwürde zum Beispiel kann sich eine Verfassung nur stützen, wenn diese wirklich existiert (was sie tut).

Worauf ich hinaus will: Statt den Begriff „Gottesstaat“ bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten hinauszuposaunen, sollte man sich vielleicht genauer ansehen, um was für eine Art Staat (Nr. 1, 2, 3 oder 4?)es sich handelt – und dann natürlich auch, um welchen Gott. Der Aztekenkönig war ebenso wie der Papst im Kirchenstaat weltlicher und religiöser Herrscher zugleich, aber in Rom wurden doch weniger Menschen geopfert als in Tenochtitlan…

 

* Augustinus beruhigt seine Leser z. B. dahingehend, dass es für die leibliche Auferstehung am Ende der Zeiten keine Unterschied machen wird, wenn ein Toter nicht begraben werden konnte und von Tieren gefressen wurde, oder er schreibt an einer anderen Stelle, dass Vergewaltigungsopfer, da sie keine Schuld an dem tragen, was ihnen passiert ist, sich nicht umbringen sollen, um die Schande der Vergewaltigung loszuwerden, auch wenn solche Selbtmorde menschlich verständlich seien. Die Bischöfe damals hatten schon andere pastorale Probleme als unsere heute.

** Gregor XI., Bulle „Salvator humani generis“ an den Erzbischof von Riga und seine Suffraganen, in: Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hrsg. v. Heinrich Denzinger und Peter Hünermann, 42. Auflage, Freiburg im Breisgau 2009, Nr. 1113, S. 521.

Man soll nicht alles glauben, was in der Zeitung steht

…hat man mir beigebracht, vor allem bezogen auf die Lokalnachrichten im örtlichen Käseblatt. Insbesondere aber sollte man nicht glauben, dass alles, was man wissen muss, in der Zeitung steht. Bei einem Thema ist das besonders auffällig.

Gerade berichten Medien (und zwar private wie die Welt ebenso wie öffentlich-rechtliche wie die Tagesschau) über eine Demonstration in Polen gegen die strengen Abtreibungsgesetze des Landes. Wenn man dagegen von einer Demonstration in Irland mit etwa doppelt so vielen Teilnehmern für die Beibehaltung der strengen Abtreibungsgesetze (genauer: des 8. Verfassungszusatzes, der Ungeborene schützt und zu dem bald eine Volksabstimmung stattfinden soll), erfahren will, muss man schon die Irish Times oder andere irische/englischsprachige Medien konsultieren. Auch der „Marsch für das Leben“ in Berlin mit ca. 7000 Teilnehmern wird von den meisten Medien jedes Jahr wieder konsequent ignoriert; ebenso ergeht es dem „March for Life“ in Washington D. C. mit jährlich etwa einer halben Million. Gleichzeitig wird ausgiebig über den „Women’s March“ oder den „March for our lives“, der sich für strengere Waffengesetze einsetzt, berichtet; Desinteresse an der amerikanischen Politik kann’s also nicht sein.

Dass die Medien, na ja, nicht immer vollkommen ausgewogen berichten oder ihre Informationen auf dem neuesten Stand haben, ist zwar nichts Neues. Katholiken wissen seit langem, dass die Kirchenfeindlichkeit vieler Journalisten nur durch ihre Ahnungslosigkeit übertroffen wird. Die Tagesschau redet, wenn sie anlässlich des Reformationsjubiläums erklären will, was der Ablass ist, schon mal von „Sündenvergebung gegen Geld“, während selbst Wikipedia weiß, dass es sich dabei um den „Erlass zeitlicher Sündenstrafen“, nicht die Vergebung der Sünden, handelt. Wikipedia. Juden müssen damit leben, dass „Israelkritik“ dem braven Journalisten der Öffentlich-Rechtlichen in Fleisch und Blut übergegangen ist, palästinensische Terrorakte verharmlost werden und man sich mit Berichten über Antisemitismus von muslimischer oder linker Seite sehr, sehr schwer tut. Auch Wissenschaftsartikel in sämtlichen nicht-wissenschaftlichen Publikationen sind so eine Sache – man müsste mal eine Studie darüber erstellen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine Studie zu den Ursachen von Krebs oder dick machenden Lebensmitteln, über die ein Artikel berichtet, a) eigentlich etwas anderes aussagt als der Artikel suggeriert, b) gar nicht ausreicht, um abschließende Aussagen zu machen, c) inzwischen in Fachkreisen als methodisch unzulänglich erwiesen wurde, oder d) durch die Ergebnisse einer Metastudie widerlegt wurde. Jedenfalls sind weder weltanschauliche Vorurteile noch Ahnungslosigkeit, Übertreibungen und Clickbaiting im Journalismus etwas Ungewohntes.

Aber besonders beim Thema Abtreibung ist das Verhalten der Medien schon auffällig. Meistens redet man einfach nicht drüber. Sogar Pegida oder „Kandel ist überall“ wird deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet als etwa dem „Marsch für das Leben“. Und wenn sich das Thema Abtreibung mal doch nicht vermeiden lässt, redet man eben über Frauenrechte und Selbstbestimmung, versichert sich, dass man auf der Seite des Fortschritts steht, und vermeidet es, den eigentlichen Vorgang einer Abtreibung anzusprechen. Die Lebensrechtsbewegung taucht eventuell mal in einem Nebensatz auf, wenn man Artikel über Pro-Choice-Demos schreibt; ihre Argumente behandelt man lieber überhaupt nicht erst. Erst recht gibt man nicht zu, dass Lebensrechtler selber davon überzeugt sein könnten, unschuldiges Leben zu verteidigen, sondern unterstellt ihnen grundsätzlich sinistre Motive, meistens Frauenhass. Man kann sie nicht als fehlgeleitete Idealisten behandeln, die man nur auf die Fakten hinweisen müsste, weil gerade die Fakten für sie sprechen würden, wenn man sich trauen würde, die anzusehen. Also redet man ihre Motive schlecht, um sie zu diskreditieren. Man fühlt sich unbehaglich und meidet das Thema oder zumindest seinen zentralen Punkt. Es wird nicht viel darüber gesprochen, ab wann der Mensch ein Lebensrecht haben soll; dieser Frage wird mit lauter Scheinargumenten ausgewichen. Sollen Kinder in Armut oder mit Behinderungen aufwachen? – Wenn sie schon ein Lebensrecht haben, darf man sie nicht töten, auch wenn sie mit Armut oder Behinderungen leben. Was ist mit der Selbstbestimmung der Mutter? – Wenn ihr Kind schon ein Lebensrecht hat, darf sie es nicht töten. Männer sollen sich aus der Diskussion heraushalten!* – Wenn das Kind schon ein Lebensrecht hat, ist es egal, welches Geschlecht derjenige hat, der sich für dieses Lebensrecht ausspricht. Um kein Lebensrecht zugeben zu müssen, faselt man vielleicht noch von Zellklumpen, die tatsächliche embryonale Entwicklung (Herzschlag ab der 6. Woche usw.) verschleiernd und nicht definierend, ab wann ein Mensch dann kein Zellklumpen ohne Lebensrecht mehr sein soll. Wie eine Abtreibung funktioniert, erfährt man bei solchen Leuten nie. Ich erinnere mich immer noch an mein Biologiebuch aus der 8. Klasse, das eine Abtreibung mit dem bemerkenswerten Satz beschrieb: „Die Frucht stirbt dabei ab.“ Nix von durch Saugluft ausgerissenen Armen und Beinen.

Wegen alldem ist es so wichtig, dass die Lebensrechtsbewegung dafür sorgt, dass über das Thema gesprochen wird. Jeder, der ehrlich ansieht, was bei Abtreibungen geschieht, muss sich eingestehen, dass da ein Mensch getötet wird, und mit etwas Glück wird er gegen die Tötung eines Menschen noch gewisse ethische Bedenken haben. Aber in einer Gesellschaft, die Abtreibungen seit Jahrzehnten normalisiert hat, will man sich das eben nicht eingestehen.

 

* Als ob Frauen – wie ich – nicht pro-life sein könnten. Als ob auch nur eine deutliche Mehrzahl der Pro-Lifer Männer wären.

Abtreibungen ja, aber bitte nur für die Afrikaner

Gestern auf Twitter gelesen: „Schlagen Sie hier auf Twitter mal bessere Aufklärung und Werbung für Abtreibung in Zentralafrika vor. Die Social Media Hölle würde über Sie hereinbrechen. Von denselben Leuten, die bei uns ‚Zellen‘ [sic!] als nicht schützenswert erachten.“ (https://twitter.com/AchimSpiegel/status/968746479589515265)

Die Antworten dazu enthalten u. a. diese Äußerungen:

„Bis Ende des Jahrhunderts sollen es in #Afrika 4 Milliarden sein, aber sie knattern lustig drauflos!“

„fuer bessere Aufklärung und Werbung für Abtreibung in Zentralafrika“

„ja wenn die nicht so viel Ficken würden dann hätten sie auch was zu Fressen“

Sollen die Buschneger sich doch mal beherrschen, anstatt Kinder in die Welt zu setzen, die dann unser schönes Deutschland überrennen. Und wenn die sich nicht beherrschen können, sollte man wenigstens dafür sorgen, dass die Kinder rechtzeitig umgebracht werden.

Aus dem ursprünglichen Tweet (der übrigens 140 Likes erhalten hat) wird nicht endgültig klar, ob der Urheber (@AchimSpiegel) nun allgemein gegen Abtreibungen ist und sich bloß über die angebliche Heuchelei Linker aufregt, oder ob er einfach aus Gründen der Überbevölkerung bzw. des Volkserhalts für Abtreibungen in Afrika und gegen Abtreibungen in Deutschland ist – aber es hört sich schon sehr nach Letzterem an. Und die Kommentare sprechen ja wieder ihre eigene Sprache.

Als Christin fragt man sich da natürlich, was die Bibel dazu sagt. Und tatsächlich gibt es ein biblisches Vorbild für @AchimSpiegels Tweet:

„Aber die Söhne Israels waren fruchtbar, sodass das Land von ihnen wimmelte. Sie vermehrten sich und wurden überaus stark; sie bevölkerten das Land. In Ägypten kam ein neuer König an die Macht, der Josef nicht gekannt hatte. Er sagte zu seinem Volk: Seht nur, das Volk der Israeliten ist größer und stärker als wir. Gebt Acht! Wir müssen überlegen, was wir gegen es tun können, damit es sich nicht weiter vermehrt. Wenn ein Krieg ausbricht, könnte es sich unseren Feinden anschließen, gegen uns kämpfen und aus dem Lande hinaufziehen. Da setzte man Fronvögte über es ein, um es durch schwere Arbeit unter Druck zu setzen. Es musste für den Pharao die Städte Pitom und Ramses als Vorratslager bauen. Je mehr man es aber unter Druck hielt, umso stärker vermehrte es sich und breitete sich aus. Da packte sie das Grauen vor den Israeliten. Die Ägypter gingen hart gegen die Israeliten vor und machten sie zu Sklaven. Sie machten ihnen das Leben schwer durch harte Arbeit mit Lehm und Ziegeln und durch alle möglichen Arbeiten auf den Feldern. So wurden die Israeliten zu harter Sklavenarbeit gezwungen. Zu den hebräischen Hebammen – die eine hieß Schifra, die andere Pua – sagte der König von Ägypten: Wenn ihr den Hebräerinnen Geburtshilfe leistet, dann achtet auf das Geschlecht! Ist es ein Knabe, so lasst ihn sterben! Ist es ein Mädchen, dann kann es am Leben bleiben. Die Hebammen aber fürchteten Gott und taten nicht, was ihnen der König von Ägypten gesagt hatte, sondern ließen die Kinder am Leben. Da rief der König von Ägypten die Hebammen zu sich und sagte zu ihnen: Warum tut ihr das und lasst die Kinder am Leben? Die Hebammen antworteten dem Pharao: Die hebräischen Frauen sind nicht wie die ägyptischen, denn sie sind voller Leben. Bevor die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie schon geboren. Gott verhalf den Hebammen zu Glück; das Volk aber vermehrte sich und wurde sehr stark. Weil die Hebammen Gott fürchteten, gab er ihnen Nachkommen. Daher gab der Pharao seinem ganzen Volk den Befehl: Alle Knaben, die den Hebräern geboren werden, werft in den Nil! Die Mädchen dürft ihr alle am Leben lassen.“ (Exodus 1,7-22)

Ich glaube, deutlicher als an diesem Beispiel kann man es nicht machen, wieso säkulare Rechte aufgrund ihrer grundsätzlichen Einstellung nicht wirklich als Verbündete für uns Katholiken taugen (genausowenig wie säkulare Linke). Sie sind Utilitaristen: Gut ist, was uns nützt; die Rechte einzelner Menschen sind bestenfalls von untergeordneter Bedeutung. Wieso nicht auch Böses tun, wenn man Gutes damit erreichen kann?

 

(Mal ganz abgesehen von einigen schlichtweg blödsinnigen Behauptungen, die hier aufgestellt werden. Dazu:

1) Die Leute, die hier für Abtreibungen werben, werben tatsächlich schon längst in Afrika und anderen Entwicklungsländern für Abtreibungen – Terre des Femmes wäre ein gutes Beispiel. Sehr viele westliche Staaten und NGOs werben dort für Abtreibung, was von afrikanischen Christen wie Kardinal Robert Sarah aus Guinea als „ideologischer Kolonialismus“ beklagt wird.

2) Die große Mehrzahl der Afrikaner hat sehr wohl genug zu essen; in den wenigen Ländern, wo es nicht genug zu essen gibt, liegt das an bewaffneten Konflikten (dazu kommen fehlende Infrastruktur und Korruption), nicht an zu vielen Kindern. Ich weiß, wir haben alle als Kinder immer gehört „Die armen Kinder in Afrika wären froh, wenn sie das zu essen hätten!“, wenn wir die Suppe oder den Nudelauflauf vom Vortag nicht aufessen wollten, aber so ist das eben nicht.

3) Die Leute in Afrika haben einfach deshalb viele Kinder, weil Kinder dort gern gesehen sind (anders als hierzulande, wo man Lärmschutzmauern um Kindergärten bauen muss), und weil sie einen im Alter versorgen – so was wie Renten gibt es nicht überall. Und wieso sollte man auch keine Kinder haben?

4) Wenn Europa Leute nicht da haben will, muss es selber dafür sorgen, dass die wegbleiben. Es kann den Leuten nicht verbieten, in ihrer Heimat zu existieren und sich zu vermehren.)

Wem gehört Jerusalem?

Ich habe in meinem letzten Artikel schon einen Beitrag auf feinschwarz.net zur Jerusalem-Frage (http://www.feinschwarz.net/jerusalem-heiligkeit-jenseits-von-machtbehauptung/) angesprochen, also will ich auf den hier jetzt noch genauer eingehen. Wie zu erwarten war, hält der Autor des Artikels, der Jesuit Christian M. Rutishauser, von Trumps Entscheidung, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, nicht viel.

Die Kritik an der Entscheidung der USA wird oft dadurch erleichtert, dass es Trump ist, der sie getroffen hat; Rutishauser hält das nicht für ein gutes Argument, auch wenn er sich etwas Trump-Kritik nicht verkneifen kann: „Da ist es einfacher, sich über einen Präsidenten wie Donald Trump zu empören, der offensichtlich aus innenpolitischen Machtinteressen Jerusalem zur Hauptstadt von Israel erklärt und damit weder den Israelinnen und Israelis noch den Palästinenser*innen einen Dienst erweist. Ob ihm die evangelikalen Wähler*innenstimmen und jene der ultra-orthodoxen, nationalreligiösen Juden und Jüdinnen helfen, wird man erst später sehen.“ Ich halte die Frage für ziemlich uninteressant, aus welchem Grund das blinde Huhn vielleicht doch mal ein Korn gefunden haben könnte; aber erweist er den Israelis denn wirklich keinen Dienst damit?

Rutishausers Hauptargument für seine Position gegen Jerusalem als israelische Hauptstadt ist: Diese Stadt ist heilig, und zwar für gleich drei Religionen. Das Heilige ist aber etwas, das Besitzdenken entzogen sein sollte:

Das Heilige stellt im Gegensatz zum Profanen denjenigen Bereich dar, der dem Menschen und seinem besitzergreifenden Handeln entzogen ist. Durch das Heilige wird dem Menschen eine Grenze gesetzt. Er kann sich nicht allem bemächtigen. […] Heilige Tage, wie sie unsere Gesellschaft gerade begeht, sollten dem menschlichen Eigennutz entzogen sein, so dass Raum für die Gesetzmäßigkeit Gottes und seiner Gerechtigkeit entsteht. So dürfte weder die «Heilige Nacht» von Weihnachten wirtschaftlich ausgebeutet, noch das «Fest der Heiligen Familie» für eine Familienideologie missbraucht werden. Doch über solche Profanierung und Grenzüberschreitung ärgert sich in unserer Gesellschaft kaum jemand. An die Maßlosigkeit westlicher Zivilisation und ihren Verlust des Heiligen haben sich die meisten gewöhnt. […] Nach dem jüdischen Religionsgesetz werden Dinge, die keine/n Besitzer*in haben, als hefker bezeichnet, Dinge aber, die nicht besessen werden können, weil sie für einen heiligen Dienst ausgesondert sind, als hekdesh. Alles würde dafür sprechen, Jerusalem jüdisch als hekdesh zu verstehen und die Stadt nicht politisch zu vereinnahmen! Die Heiligkeit Jerusalems steht im Dienst nicht nur des jüdischen Volkes, sondern auch der gesamten Menschheit.

Diese Aussage klingt zunächst einmal beeindruckend und sehr wahr – auch wenn Rutishausers Beispiele vielleicht nicht alle sinnvoll gewählt sind. (Was ist eine „Familienideologie“?) Aber Rutishauser hält hier zwei Dinge nicht auseinander. Dass eine heilige Sache oder ein heiliger Ort beliebigen menschlichen Zugriffen entzogen sein sollten, bedeutet z. B., dass ein Pfarrer nicht das Recht hat, in einer Kirche, die seiner Pfarrei gehört, einfach eine Tischtennisplatte im Altarraum aufzustellen, es bedeutet aber nicht, dass er sich nicht dagegen wehren sollte, wenn der Staat beschließen sollte, diese Kirche zu konfiszieren. (Das ist kein fiktives Beispiel; in Frankreich wurden im Jahr 1905 alle sakralen Gebäude im Land vom Staat beschlagnahmt; bis heute sind die vor diesem Datum erbauten Kirchen öffentliches Eigentum: https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_zur_Trennung_von_Kirche_und_Staat_(Frankreich) Auch aus kommunistischen Staaten oder der heutigen Türkei gibt es zahlreiche Beispiele für Enteignungen von Kirchen.) Mit dem Heiligen kann man nicht einfach machen, was man will, nur, weil es einem „gehört“; aber das heißt nicht, dass heilige Dinge oder Orte keinen Besitzer nach dem weltlichen Recht haben sollten. Nur ist dieser Besitzer eben primär dafür verantwortlich, sie zu schützen und zu achten. (Das Prinzip, dass man mit seinem Besitz nicht alles machen darf, was man will, gilt übrigens auch für ganz profanem Besitz: Man darf auch auf seinem eigenen Grund und Boden kein Gift ins Grundwasser leiten, und man darf sogar an seinem eigenen Haus nicht ohne Genehmigung anbauen.) Und wenn jemand sich dafür einsetzt, dass etwas Heiliges nach dem weltlichen Recht in seinem Besitz bleibt (oder erst in seinen Besitz gelangt), dann kann man ihm nicht automatisch Besitzdenken und mangelnde Ehrfurcht vor dem Heiligen vorwerfen. Wenn Juden die heiligen Stätten in Jerusalem unter der Herrschaft des Staates Israel sehen wollen, dann doch wohl, um sie zu schützen und dafür zu sorgen, dass Juden dort den heiligen Gott anbeten können. Wenn man gerade diese Stadt zur Hauptstadt erhebt, zeigt das doch eher, wie wichtig sie einem, historisch und religiös gesehen, ist. Natürlich wird es komplizierter, sobald es um die heiligen Stätten anderer Religionen geht, die auch da sind; die muss man aber gerade nicht deshalb achten, weil man ihre Heiligkeit sieht, sondern weil man die Menschen achtet, die sie für heilig halten.

Rutishauser schreibt weiter:

Selbstverständlich ist der politische Zionismus mit dem Staat Israel ein konstitutiver Bestandteil des heutigen Judentums, den es nicht zu bestreiten gilt. Doch macht er nicht die ganze Wirklichkeit jüdischer Gegenwartsgeschichte aus.

Mit anderen Worten, politischer Zionismus ist blöd, auch wenn es ihn leider gibt.

Gerade Kulturzionist*innen wie Simon Dubnow oder Martin Buber haben Jerusalem zuerst als ein kulturelles und geistig-geistliches Zentrum des Judentums gesehen. Zion als Ausdruck einer Sprache und Literatur, einer Weltanschauung und Religion, einer nach jüdischen Werten geformten Wissenschaft, Wirtschaft und Politik stand dem Kulturzionismus vor Augen. Er ist aus dem traditionellen rabbinischen Denken mit seinem Sinn für Menschlichkeit, Humanismus und Gerechtigkeit herausgewachsen. Er atmet den Geist der Sensibilität für die/den Andere/n. Es bleibt dem Judentum zu wünschen, dass es neben dem politischen Zionismus, der auf Landbesitz und politische Macht konzentriert ist, die kulturzionistische Dimension nicht verliert und die geistige Tradition der Diaspora nicht vergisst. Auch hier ist Erinnerung Anfang der Erlösung.

Dass das Judentum als Volk, Kultur und Religion wie keine andere Tradition ihren Mittelpunkt in Jerusalem hat, kann nicht bestritten werden. Den Christ*innen ruft Paulus im Römerbrief in Erinnerung, dass sie auf diese Tradition aufgepfropft sind wie wilde Sprösslinge auf einen Ölbaum. Was dies für das Judentum wiederum bedeutet, müsste erst noch bedacht werden. Aus der Heiligkeit Jerusalems religionspolitisch aber Souveränität abzuleiten, ist nur dann legitim, wenn sie sich am Ethos des Heiligkeitsgesetzes ausrichtet. Ansonsten schließen sich Heiligkeit und Souveränität gegenseitig aus, weil es in der Souveränität um Selbstbehauptung geht. Das Heiligkeitsgesetz der Tora definiert ja das Heilige gerade nicht mehr nur als Erfahrung des tremendum et faszinosum, sondern als ein Handeln, als Imitatio Dei: «Seid heilig in eurem Tun, denn ich bin der Heilige», klingt wie ein Refrain durch die rabbinische Ethik. Ohne diese ethische Rückbindung der Landverheissung wird die politische Frage nach der Souveränität zu einem Götzen bzw. Fetisch, wie in militanten Siedler*innenkreisen heute klar sichtbar ist.

Wieso wollen die politischen Zionisten denn „Landbesitz und politische Macht“? Wieso wurde der Staat Israel überhaupt gegründet? Um eine geschützte „Heimstatt“ für ein lange verfolgtes und immer noch bedrohtes Volk zu schaffen. Natürlich kann politischer Zionismus auch in eine falsche Richtung gehen. Aber es wirkt doch zynisch, wenn Rutishauser im Sinne der Gegenseitigkeit an dieser Stelle hinzufügt:

Selbstverständlich steht auch der Ruf «Tot den Juden!» aus muslimisch-arabischen Kreisen angesichts der Ankündigung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, jedem Ethos der Heiligkeit entgegen.

Die Zionisten missachten also das Ethos der Heiligkeit, wenn sie heilige Stätten besitzen wollen – aber natürlich missachten auch die Palästinenser dieses Ethos, wenn sie die Juden tot sehen wollen. Wie nett, dass Rutishauser anerkennt, dass Juden nicht umgebracht werden sollen. So etwas passiert, wenn man zwanghaft versucht, im Nahostkonflikt die Schuld gleichmäßig auf beide Seiten zu verteilen. Dieser Konflikt ist leider kein gutes Beispiel für den Spruch „Es gehören immer zwei dazu“. Palästinenser rufen „Tod den Juden“, Zionisten verlangen Jerusalem als „ungeteilte Hauptstadt Israels“. Es sind Palästinenserorganisationen, die keine Juden im Land sehen wollen und die immer wieder zu Gewalt aufrufen. Millionen von Palästinensern leben in Israel, gleichberechtigt und oft als israelische Staatsbürger; wie viele Juden leben in Gaza?

Und nebenbei, es müsste „Tod“ mit d heißen.

Rutishausers praktische Ideen für den Status der heiligen Stadt sehen folgendermaßen aus:

Umkämpft wie die Stadt ist, muss es aber für jeden vernünftigen Menschen eine Selbstverständlichkeit sein, dass sie Jüdinnen und Juden, Christ*innen und Muslim*innen offensteht. Die verschiedenen Gläubigen müssen dabei nicht nur ihre heiligen Stätten besuchen können. Auch ihre karitativen Einrichtungen, Spitäler, Schulen etc. müssen sich entfalten dürfen. Dass die Stadt drei Religionen und auch zwei Völkern, Palästinenser*innen, Israelinnen und Israelis Lebensraum zu geben hat, stellt eine Forderung dar, hinter die nicht zurückgetreten werden kann. Die Patriarchen und weitere christliche Führer der Stadt haben dies nochmals eindringlich unterstrichen.

Nach 1967 hat der Staat Israel begonnen, dazu Rahmenbedingungen zu schaffen. Doch angesichts der politisch angespannten Situation im Alltag und der verschiedenen ideologischen und theologischen Ansprüche ist die Stadt von einem friedlichen, gerechten und freien Zusammenleben ihrer Bewohner*innen immer noch entfernt. Aus der Perspektive der Menschenrechte wie auch aus der Perspektive des Ethos der Heiligkeit ist dies aber das entscheidende Kriterium. Eine Symbolpolitik muss dahinter zurücktreten. Ob ein palästinensischer Staat diesen Kriterien gewachsen wäre, darf auch bezweifelt werden. Jerusalem aber unter eine internationale Hoheit zu stellen, wie dies der Vatikan in der laufenden Debatte nochmals getan hat, bleibt eine Utopie. Der Vatikan weiß selbst darum. Es gibt keine internationale Instanz, die diesen Status von Jerusalem garantieren könnte. Wünschenswert wäre er, insofern man einer neutralen Instanz zutraut, den drei Religionsgemeinschaften und den beiden Völkern gerecht zu werden.

Als Ausdruck eines multireligiösen Ansatzes, der allen Beteiligten gerecht werden will, taugt er nicht. Er stellt nur den kleinsten gemeinsamen Nenner dar, berücksichtigt die unterschiedlichen Verbindungen zu Jerusalem aber nicht. Gefragt wäre ein Miteinander von politischen und religiösen Autoritäten und Strukturen, die vom Geist der Heiligkeit getragen sind, Jerusalem nicht nur für sich, sondern auch für die/den Andere/n dienstbar zu machen. Dazu braucht es die Fähigkeit der Selbstbeschränkung.

Rutishauser ist es wichtig, dass alle drei Religionen, Judentum, Christentum und Islam, Zugang zu ihren heiligen Stätten haben und Gott in Jerusalem dienen können, und dass sowohl Israelis als auch Palästinenser dort leben können. Das ist ja auch wichtig. Aber wo wäre es denn jetzt nicht gegeben? Jeder Christ kann in die Grabeskirche gehen – und jeder Muslim in die Al-Aqsa-Moschee. Der Tempelberg steht unter der Verwaltung der muslimischen Waqf-Behörde, die sogar verbietet, dass Nicht-Muslime ihn betreten. Die israelische Polizei stellt nur dann Zugangsbeschränkungen zu diesem Ort auf, wenn es aus Sicherheitsgründen unumgänglich ist. Faktisch herrscht der Staat Israel über Jerusalem, beschränkt jedoch seine eigene Herrschaft schon, wenn es darum geht, andere Religionen zu achten.

Machen wir uns nichts vor: Es gibt in diesem Land durchaus jüdisch-nationalistische Fanatiker, aber es gibt sehr viel mehr Muslime, die keine Juden irgendwo in Jerusalem sehen wollen – oder am besten überhaupt im Heiligen Land. Rutishausers Aussage „Ob ein palästinensischer Staat diesen Kriterien gewachsen wäre, darf auch bezweifelt werden“ kann man daher nur zustimmen. Auch seine Beobachtung, dass es praktisch nicht möglich wäre, Jerusalem unter internationale Verwaltung zu stellen, ist ganz richtig – zumal die internationalen Verwalter auch nie einfach neutral sein könnten. (In der UNO etwa haben antiisraelische muslimische Mitgliedstaaten zurzeit großen Einfluss, dem die Europäer nichts entgegensetzen.) Sein „Miteinander von politischen und religiösen Autoritäten und Strukturen, die vom Geist der Heiligkeit getragen sind, Jerusalem nicht nur für sich, sondern auch für die/den Andere/n dienstbar zu machen“ klingt wesentlich sinnvoller, aber was genau ist damit gemeint? Eine Zwei-Staaten-Lösung mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt der Palästinenser und West-Jerusalem als Hauptstadt Israels? Aber was wäre mit dem Teil der Ost-Jerusalemer Altstadt, wo die heiligen Stätten beider Religionen liegen? Gemeinsame Verwaltung? Und wären die Palästinenserorganisationen mit einem solchen Miteinander als endgültiger Lösung einverstanden? Viele antisemitisch eingestellte Muslime – weltweit – leugnen immerhin, dass Jerusalem überhaupt ein heiliger Ort der Juden ist. Und wenn man sich z. B. mal die Website der „Diplomatische[n] Vertretung Palästinas in Deutschland“ ansieht, liest man schon auf der Startseite die Aussage: „Jerusalem ist eine arabische, christliche und islamische Stadt. Sie ist die ewige Hauptstadt des Staates Palästina.“ (http://palaestina.org/index.php?id=223) Danke für das Lippenbekenntnis zur christlichen Identität der Stadt, aber ihr habt noch eine Identität vergessen. Auf der Seite zum Friedensprozess und zur Bedeutung Jerusalems dafür liest man dann am Ende:

Im Einklang mit dem internationalen Recht und gemäß der Prinzipienerklärung von 1993 muss das gesamte Jerusalem (und nicht nur Ost-Jerusalem) Gegenstand der Endstatusverhandlungen sein. Im besetzten Ost-Jerusalem, und als integraler Teil der Westbank, kann Israel keinen legalen Anspruch auf diese Stadt haben. Somit sind alle Maßnahmen, die auf Veränderung des Charakters hinwirken, illegal.

Das palästinensische Volk wird keinen Staat ohne Ost-Jerusalem als Hauptstadt akzeptieren. Von besonderer Bedeutung sind hierbei die Altstadt und die umliegenden Bezirke. Sich der religiösen Bedeutung Ost-Jerusalems bewusst, wird die PLO die Freiheit der Religionen respektieren und den Zugang zu allen religiösen Stätten für alle Glaubensrichtungen garantieren.

(http://palaestina.org/index.php?id=70)

Während Ost-Jerusalem inklusive der Altstadt von Jordanien besetzt war (von 1948 bis 1967) gab es übrigens, entgegen dem Waffenstillstandsabkommen, keinen Zugang zur Klagemauer für Juden; der Wunsch, diesen Ort unter isrealischer Herrschaft zu behalten, ist also nicht unbedingt unlogisch.

Jerusalem ist nun mal seit 3000 Jahren ein heiliger Ort für das jüdische Volk; 1600 Jahre länger, als der Islam überhaupt existiert. Was würden die Muslime sagen, wenn eine neue Sekte plötzlich auch Mekka zu ihrer heiligen Stadt erklären würde? Die Sehnsucht, Jerusalem als Hauptstadt des jüdischen Staates zu sehen, als Besitzdenken und politische Vereinnahmung zu bezeichnen, kommt mir kurzsichtig vor. Rutishauser hat einige bedenkenswerte Gedanken in seinem Artikel; trotzdem stört diese Tendenz, die Schuld für alle Unstimmigkeiten in Nahost vor allem auf israelischer Seite zu suchen, die man nicht nur hier beobachten kann.

Genervt von politisierenden Weihnachtspredigten über Flüchtlinge?

Ich möchte gleich zu Beginn sagen, dass ich solche Genervtheit manchmal schon verstehen kann. Wenn der Pfarrer sich in der Christmette zwanzig Minuten lang darüber auslässt, wie unchristlich eine Obergrenze wäre oder die Kanzlerin praktisch zur Heiligsprechung anmeldet, statt über Christi Geburt zu reden, dann kann das schon dazu führen, dass man die Augen verdreht und die Gedanken zu den Plänen für das Familientreffen am 1. Feiertag schweifen lässt oder ein paar Mal dezent auf die Armbanduhr schaut. Aber auch die Kritik an politischen (oder: politisch auf der anderen Seite als man selber stehenden) Predigten kann mal mit falschen Argumenten daherkommen. Wenn über die Politisierung der Kirchen geklagt wird, wird ja gelegentlich impliziert, dass die Kirchen völlig unpolitische Vereinigungen zu sein hätten, die sich in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse nicht einmischen dürften. Und das wurde ja nun schon im Syllabus Errorum verurteilt. (Seliger Pius IX., bitte für uns!)

Daher ein paar allgemeine Gedanken zum Thema politische Predigten:

Erstens: Ja, an Weihnachten – vor allem in Gottesdiensten, in denen viele Leute erscheinen, die sich sonst nicht  in der Kirche blicken lassen – sollte der Zelebrant zuallererst mal über Weihnachten selber predigen. Euch ist heute der Heiland geboren. Das Wort ist Fleisch geworden. Gott hat Menschennatur angenommen, um uns zu erlösen, und ist in einem Stall von der Jungfrau Maria geboren worden. Darum geht es, das ist die Botschaft; und ob man nun in seinem konkreten Leben irgendwie mit Flüchtlingen zu tun hat oder nicht, diese Botschaft geht einen immer was an.

Zweitens: Ja, es ist sinnvoll, aus der Weihnachtsbotschaft dann auch konkrete Anleitungen für die Zuhörer abzuleiten, im Sinne von „Lasst Jesus auch in euren Herzen geboren werden“, wie das manchmal so heißt. Die können sehr unterschiedlich ausfallen. Sie können die Familie betreffen, das persönliche Gebet, den Job, oder auch mal die Politik – auch wenn die natürlich nicht zur unmittelbaren „Lebenswirklichkeit“ von Leuten gehört, die alle vier Jahre ein Kreuzchen machen dürfen und in keiner Partei aktiv sind.

Drittens: Nein, das Christentum ist, wie oben schon gesagt, nicht unpolitisch. Politik ist eigentlich nur die Regelung des Zusammenlebens in einer sehr großen Gemeinschaft, dafür gelten dieselben moralischen Regeln wie für das Zusammenleben in einer kleinen Gemeinschaft, die Kirche stellt fest, was diese moralischen Regeln sind, daraus folgt: die Kirche ist nicht unpolitisch. Sie stellt moralische Grundprinzipien fest, die auch in der Politik gelten.

Viertens: Zu diesen Grundprinzipien gehört, dass jeder Mensch nach Gottes Abbild geschaffen ist und dementsprechend behandelt werden muss. Zu diesen Grundprinzipien gehört, dass man in jedem Menschen Jesus erkennen kann. „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.“ (Matthäus 25,45) Die Leute zu ermahnen, das auch in der Flüchtlingskrise nicht zu vergessen und nicht nur an Zahlen und Kulturen zu denken statt an konkrete Menschen, ist durchaus legitim. Die christliche Ethik ist schließlich eine Ethik, in der man nie nur an „das größere Wohl“ (Gellert Grindelwald) denken darf.

Fünftens: Aber ja, es stimmt, man kann als Christ – zum Beispiel – auch mal sagen „Man kann nicht jedem helfen.“ (Wenn auch nicht als Chiffre für „Man soll niemandem helfen.“) Positive Gebote (Gebote, die eine bestimmte Handlung befehlen, etwa „du sollst sonntags in die Kirche gehen“) sind gemäß einem weiteren Prinzip der Moraltheologie schließlich nur dann verpflichtend, wenn sie physisch und moralisch erfüllbar sind (während negative Gebote, die eine Unterlassung befehlen, etwa „Du sollst nicht morden“, immer erfüllbar sind). Das Gebot, jemandem zu helfen, gilt also nur dann, wenn man in der Lage ist, zu helfen. Extreme Beispiele: Jemand, der 2000 Euro im Monat verdient, kann nicht 3000 Euro im Monat spenden, auch wenn irgendeine sehr wichtige Organisation gerade sehr dringend Spenden braucht, um sich über Wasser zu halten. Ein Ehepaar mit kleinen Kindern ist vielleicht physisch (Gästezimmer vorhanden), aber nicht moralisch in der Lage, einen Verwandten, der gerade aus dem Gefängnis entlassen wurde, wo er für Kindesmissbrauch gesessen hat, auf unbestimmte Zeit bei sich einzuquartieren, auch wenn der dann auf der Straße landet. Und ja, es stimmt auch, dass man nach der christlichen Ethik manchmal vielleicht sagen muss, dass ein vordergründig mitfühlendes Handeln in einer bestimmten Situation langfristig nicht hilft. Ich bin beispielsweise in der Flüchtlingspolitik der Meinung, dass es absolut nicht sinnvoll wäre, eine Flüchtlingsroute über Libyen einfach bestehen zu lassen (zumindest hat sich hier inzwischen etwas geändert) und die Flüchtlinge, die über diese Route kommen, auf unbestimmte Zeit in Europa aufzunehmen und nur in seltenen Ausnahmefällen mal zurückzuschicken – aus dem einfachen Grund, dass so mehr junge Afrikaner, die zwar in ihren Heimatländern mit Arbeitslosigkeit und Armut zu kämpfen haben, aber nicht verhungern würden oder verfolgt werden, dazu bewegt werden, die Reise Richtung Europa zu riskieren, und am Ende auf libyschen Sklavenmärkten landen oder im Mittelmeer ertrinken, was ich nun wirklich niemandem wünsche.

Sechstens: In der Politik, wo es zwangsläufig um große Massen von einzelnen Menschen mit sehr unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen geht, kann es eben, wie das Beispiel mit Libyen zeigt, kompliziert werden mit der aus christlicher Sicht richtigen Entscheidung. Dafür hat die katholische Moraltheologie auch noch detailliertere Prinzipien; aber da können sich Katholiken auch mal uneinig sein. Von daher sind Detailfragen (z. B. „Brauchen wir eine Obergrenze, und, wenn ja, wie hoch sollte die sein?“, „Ist Afghanistan ein sicheres Herkunftsland?“, „Ist die Mietpreisbremse sinnvoll?“, „Sollten wir wieder eine Große Koalition bekommen?“) wahrscheinlich weniger als Themen für eine Predigt in der Christmette geeignet. Um des lieben Friedens willen in der Gemeinde…

Soweit ein paar allgemeine Gedanken. Jetzt noch zu einer weiteren Kritik an politisch „linken“ Predigten: Hier werde die Weihnachtsgeschichte auf illegitime Weise „instrumentalisiert“, indem man die Fakten umdeute. Ein Dr. Markus Franz beispielsweise, ehemaliger österreichischer ÖVP-Abgeordneter, der eher den moralistischen Rekurs auf die Weihnachtsgeschichte bei linken Politikern als bei mehr oder weniger linken Klerikern kritisiert, wird in einem Gastkommentar auf kath.net (http://www.kath.net/news/62195) ziemlich deutlich: „Jesus war kein Flüchtlingskind“ lautet die Überschrift ganz provokant; dann geht es weiter:

„Politisch linksorientierte Menschen haben es üblicherweise nicht so mit der Kirche und dem Christentum. Wenn aber Kirchenfeste wie Weihnachten Anlass und Möglichkeiten bieten, sie für die eigenen, oft sinistren Zwecke zu instrumentalisieren oder gar den Christen aus demselben Grund die Evangelien erklären zu wollen, dann werden die üblichen Kirchenkritiker, die das restliche Jahr meist Häme gegenüber dem Christentum verbreiten, plötzlich zu Bibelspezialisten […].

Alle Jahre wieder wird in diversen Artikeln und Kommentaren der Mythos verbreitet, Jesus wäre ein Flüchtlingskind und seine Geburt in Bethlehem deswegen eine dramatische und gefährliche Angelegenheit gewesen. Das ist aber nach dem offiziellen und in jeder Weihnachtsmesse verlesenen Weihnachtsevangelium von Lukas definitiv nicht wahr. […]

Freilich, der Evangelist Matthäus erzählt eine andere Version von Weihnachten bzw. der Zeit danach. Sie gilt allerdings nicht als das klassische Weihnachtsevangelium. Nach den Beschreibungen des Matthäus war der als brutale Schlächter verrufene und in ständiger Angst vor Attentaten lebende König Herodes höchst besorgt, dass laut den kursierenden Informationen ein neuer König der Juden (eben der Messias) geboren werden würde. Als er von Jesu Geburt hörte, schickte er Kundschafter aus, die bei Matthäus als „die Weisen“ bezeichnet werden. Nach der Verifizierung der Geburt ordnete Herodes die Tötung aller männlichen Kinder unter zwei Jahren an. […]

Laut Matthäus wurde Josef rechtzeitig von einem Engel gewarnt und er floh danach mit seiner Familie nach Ägypten, um sich dort vor den Häschern des Königs zu verstecken und das Leben des Kindes zu retten. Nach dem Tod des Herodes kehrten Maria und Josef wieder nach Judäa zurück. Das war also keine Flucht, die der heutigen Massenmigration in irgendeiner Weise gleichzustellen ist. Es ging damals um eine ganz konkrete persönliche Bedrohung und nicht um wirtschaftliche, kulturelle oder religiöse Motive. Die Reise von Jesus, Maria und Josef erfolgte auch bloß über die nächste Grenze. Die heutige Massenmigration erstreckt sich hingegen über Kontinente und es migrieren kaum Familien, sondern vor allem junge Männer – aus wie gesagt gänzlich anderen Motiven.

Die Matthäus-Geschichte wird trotzdem gern von linken Zynikern als ‚Beweis‘ dafür missbraucht, dass die Heilige Familie ein typisches Migrantenschicksal durchgemacht hätte und dass daher gerade die Christen das größte Verständnis für Flüchtlinge aller Art haben müssten. Das ist natürlich eine unlautere und anmaßende Argumentationstechnik. Christen sollten auf diese meist als Provokation gemeinten Anwürfe und Falschmeldungen nicht hereinfallen und sie gar nicht ernst nehmen. Apropos: Jeder ernstzunehmende Mensch wird anderen Menschen in echter Not und körperlicher Bedrängnis Hilfe vergönnen und selber etwas dazu beitragen, Notsituationen zu beheben oder zumindest zu lindern. Dazu braucht man keine linken Bibel-Exegeten, die das Evangelium offensichtlich noch weniger verstanden haben oder verstehen wollen als ihren Marx und ihren Engels.

Christen müssen aber stets auch klarstellen: Die Bereitschaft zur Hilfe bedeutet nicht, dass man Migranten aller Art über tausende Kilometer nach Europa kommen lassen oder diese sogar per Jet einfliegen muss, wie dies kürzlich in Italien geschehen ist. Und Nächstenliebe heisst definitiv nicht, dass man kritiklos der Massenmigration das Wort reden und alle aufnehmen muss. Das Gegenteil ist wahr: Verantwortungsvolle Hilfe und ein vernünftiges Bewältigen der Migrationskrise kann nur in den Herkunftsregionen stattfinden. Und am allerwenigsten wird die Lösung der Krise in den von sauertöpfisch-atheistischen Besserwissern und linken Provokateuren besetzen Redaktionsstuben gelingen, aus denen zu Weihnachten regelmäßig süffisante Kommentare an die Öffentlichkeit dringen.“

Was soll man nun dazu sagen? Tja, dass es eine Mischung aus Wahrem, Halbwahrem und Blödsinn ist.

Erstens: Dr. Franz widerspricht sich selbst, wenn er in seiner Überschrift behauptet, Jesus wäre kein Flüchtlingskind gewesen, und die Heilige Familie dann im Text gerade als richtige, legitime Musterflüchtlinge heutigen mutmaßlichen Pseudo-Flüchtlingen gegenüberstellt. Jesus war während seiner Zeit in Ägypten ein Flüchtlingskind, Punkt. Schreiben Sie doch gleich Artikel mit Überschriften wie „Jesus war kein Zimmermann“ oder „Jesus war kein Galiläer“. Was soll der Scheiß.

Zweitens: Wieso man das Matthäusevangelium hier heruntersetzen muss, wird wohl Dr. Franz‘ Geheimnis bleiben. Für gewöhnlich wird aus der Lukas-Geschichte keine Flüchtlingsgeschichte gesponnen, und wenn das getan werden würde, wäre es Blödsinn; aber das Matthäusevangelium bietet genau das, und beide Evangelien sind gleich wichtig in der katholischen Kirche. Wo spielen die Heiligen Drei Könige (ja, streng genommen: die Sterndeuter aus dem Osten) eine geringere Rolle als die Hirten auf dem Felde? Wo wird das Fest der Heiligen Unschuldigen Kinder (28. Dezember) nicht gefeiert?

Drittens: Ganz richtig, die Heilige Familie ist nur bis ins Nachbarland geflohen, und nach dem Ende der Bedrohung wieder nach Galiläa zurückgekehrt. Ja, diese Tatsachen kann man gerne auch anführen, wenn es um die konkrete Flüchtlingspolitik geht, wenn man denn unbedingt will; muss man aber auch nicht, schließlich sind wir keine Protestanten und müssen nicht für jede einzelne Situation eine biblische Vorbildgeschichte finden, um zur richtigen Entscheidung zu gelangen. (Es gibt übrigens auch ein anderes Beispiel aus der Bibel, nämlich aus dem Buch Genesis: Josephs Familie blieb auch nach dem Ende der Hungersnot noch in Ägypten. Das ging dann allerdings für ihre Nachkommen ziemlich schlecht aus.)

Viertens: Dr. Franz spricht davon, die heutigen Flüchtlinge würden aus „wirtschaftliche[n], kulturelle[n] oder religiöse[n] Motive[n]“ nach Europa kommen. Wirtschaftliche Motive, klar, das stimmt sehr oft, vor allem bei Flüchtlingen aus Afrika. Was mit kulturellen Motiven gemeint ist, ist mir völlig schleierhaft. Und religiöse Motive? Meint er Christen, Schiiten oder Jesiden, die vom IS verfolgt (oder in Nicht-IS-Gebieten von ihren Nachbarn und Regierungen im Alltag drangsaliert) werden? Oder was? Sorry, aber andere religiöse Motive fallen mir einfach nicht ein. Und was ist mit den Menschen, die aus Syrien geflohen sind, weil ihre Viertel bombadiert wurden und sie schlicht Angst hatten, es könnte sie auch treffen? Welche Motive hatten die? Sicher, da kann man in Dr. Franz‘ Sinne entgegnen, die hätten im Libanon oder der Türkei bleiben können; die Weiterreise nach Europa sei nur aus „wirtschaftlichen Motiven“ erfolgt. (Wobei man dem Argument wieder entgegnen könnte, Europa solle den Nachbarländern Syriens nicht alle Arbeit mit den Flüchtlingen überlassen. Aber ich will mich hier nicht schon wieder in den Details verzetteln.)

Fünftens: Ja, die meisten Flüchtlinge hier sind junge Männer. Aber hier hat Dr. Franz’ Formulierung – er kritisiert, dass „kaum Familien, sondern vor allem junge Männer [migrieren]“ – ein gewisses G’schmäckle: Will er sagen, dass junge Männer nicht das Recht hätten, aus einem gefährlichen Gebiet zu flüchten, Familien mit Frauen und Kindern aber schon? Das würde er auf Nachfrage höchstwahrscheinlich nicht sagen, sondern eher darauf hinweisen, wieso denn diese Flüchtlinge ihre Familien nicht mitnähmen, wenn sie tatsächlich in Gefahr wären? Nun, bei manchen, etwa den meisten Afrikanern, ist das klar: Sie sind eben, da hat Dr. Franz Recht, Wirtschaftsflüchtlinge. Da wagen nur die jungen, kräftigen Männer (die auch ein wenig Geld für die Schleuser haben) die gefährliche Reise. Bei den Syrern etwa ist es auch klar, aber aus einem anderen Grund: Die Familien schicken die jungen Männer voraus, um die Frauen und Kinder und Alten nicht den besagten Gefahren der Reise auszusetzen, und vermutlich, weil sie nicht für jeden Angehörigen die Schleuser bezahlen können, während sie darauf hoffen, bald legal nachgeholt zu werden; zudem hätten die jungen Männer sonst vielleicht zu Assads Armee gemusst. Hier sollte man also nicht verallgemeinern, und Flüchtlinge einfach ablehnen, weil sie einem bestimmten Geschlecht und einer bestimmten Altersgruppe angehören.

Ich spreche diesen Punkt an, weil er bei „rechteren“ Leuten als Dr. Franz öfter eine Rolle spielt: Da wird die Flüchtlingsbewegung, die doch eh nur brutale junge Männer aus bedrohlichen Kulturen ins Land brächte, implizit oder explizit als eine Art kriegerische Invasion betrachtet. Noch einmal kath.net: Die Nachrichtenseite hat letztens – wenn auch nicht ausdrücklich zustimmend – eine Äußerung des tschechischen Präsidenten Milos Zeman berichtet, wonach die Migrationsbewegung „keine spontane Fluchtbewegung […], sondern eine organisierte Invasion“ sei (http://www.kath.net/news/62190). Hier wird es dann doch gefährlich. Organisiert? Von wem denn? Glaubt Zeman auch an die Neue Weltordnung und die Illuminati? Und denkt er wirklich, selbst jemand, der, sagen wir mal, aus dem Senegal oder Algerien flieht, weil ihm weisgemacht wurde, in Europa würden einem die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, nähme die Fahrt übers Mittelmeer in einem Schlauchboot aus Spaß an der Freud auf sich? Hier werden Menschen zu bedrohlichen Feinden erklärt, die sicher nicht unbedingt mit der Absicht kommen, Europa zu bereichern und sich allen unseren Integrationsforderungen zu unterwerfen, aber doch auch keine böse Absicht uns gegenüber hegen, sondern nur an ihre eigene Zukunft denken. (Den einen oder anderen IS-Terroristen mal ausgenommen.)

Ein wenig an Zeman erinnert auch Dr. Franz‘ Wortwahl, politisch linksgerichtete Menschen würden Kirchenfeste „für die eigenen, oft sinistren Zwecke […] instrumentalisieren“. Hä? Linksgerichtete Menschen sind manchmal naiv, folgen vielleicht auch mal einer falschen Ideologie, oder laufen schlichtweg einer undurchdachten Parteilinie hinterher, die eher durch die Opposition zur Linie der anderen Parteien als durch vernünftige Überlegungen zustande gekommen ist, wie das in der Politik eben so gemacht wird. Aber welche „sinistren Zwecke“ sollen sie denn haben – es sei denn, man zählt „Ich will bei den Wählern beliebt sein und von der FAZ gelobt werden“ als solchen? Ich kann zum Beispiel Martin Schulz‘ Anblick im Fernseher nicht ausstehen, aber für einen Schurken, der, sagen wir mal, sich in seinem Geheimlabor* kichernd die Hände reibt, während sein finsterer Plan, Europa mithilfe einer modernen Völkerwanderung ins Chaos zu stürzen, um dann als angeblicher Retter in der Not die Herrschaft über den ganzen Kontinent an sich zu reißen und eine Diktatur aufzubauen, sich allmählich entfaltet, hat er doch nicht das rechte Format. Obwohl, das wäre ein guter Plot für einen Roman. Uncharismatischer, eingebildeter ehemaliger Lokalpolitiker, der so wirkt, als wäre die Rolle, die er anstrebt, ein paar Nummern zu groß für ihn, zieht im Geheimen die Fäden einer riesigen Verschwörung, und zeigt sein wahres Gesicht erst, als es längst zu spät ist. Muss ich im Hinterkopf behalten.

Zurück zum Thema. In der Praxis bin ich von Dr. Franz‘ Ideen zur Hilfe für Flüchtlinge vielleicht gar nicht so arg weit entfernt (wobei er hier ja auch noch im Allgemeinen bleibt; ich kenne also nicht alle seine politischen Ansichten z. B. zu Familiennachzug, Integrationskursen, Abschiebungen oder Grenzkontrollen); es sind eher seine Vorüberlegungen und seine Redeweise, die mich stören.

Zusammenfassend: Bei aller Genervtheit von politisierenden Pfarrern, die die Messe mit der heute-show zu verwechseln scheinen (okay, so schlimm wird es selten), sollte man auch im Hinterkopf behalten, dass die oft getätigte Aussage, dass man in Flüchtlingen Christus erkennen könne, schlicht wahr ist. Es ist auch wahr, dass man in den Opfern vom Breitscheidplatz Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Frau Merkel Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Frau Weidel Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Herrn Höcke Christus erkennen kann. Es ist auch wahr, dass man in Herrn Amri Christus erkennen kann. Sie sind alle Gottes geliebte Geschöpfe, nach Seinem Abbild gemacht, und Er hat ihre Natur angenommen. Das verkündet die Kirche halt.

 

* Ich hatte zunächst „Geheimlaber“ getippt. Das Labern passt besser zu Herrn Schulz, wenn ich ehrlich sein soll, als das Schurkendasein.