Moraltheologie und Kasuistik, Teil 10b: Das 4. Gebot – Bürger und Staat

Die praktische moraltheologische Bildung der Katholiken muss dringend aufgebessert werden – ich hoffe, da werden meine Leser mir zustimmen. Und ich meine hier schon auch ernsthafte Katholiken. In gewissen frommen Kreisen wird man heutzutage ja, wenn man Fragen hat wie „Muss ich heute Abend noch mal zur Sonntagsmesse gehen, wenn ich aus Nachlässigkeit heute Morgen deutlich zu spät zur Messe gekommen bin?“ oder „Darf ich als Putzfrau oder Verwaltungskraft in einem Krankenhaus arbeiten, das Abtreibungen durchführt?“ oder „Wie genau muss ich eigentlich bei der Beichte sein?“ mit einem „sei kein gesetzlicher Erbsenzähler!“ abgebügelt. Und das ist nicht hilfreich. Gar nicht. Weil das ernsthafte Gewissensfragen sind, mit denen manche Leute sich wirklich herumquälen können. Und andere Leute fallen ohne klare Antworten in einen falschen Laxismus, weil sie keine Lust haben, sich ewig mit diesen Unklarheiten herumzuquälen und meinen, Gott werde es eh nicht so genau nehmen, und wieder andere in einen falschen Tutiorismus, wobei sie meinen, die strengste Möglichkeit wäre immer die einzig erlaubte.

 Auf diese Fragen kann man sehr wohl die allgemeinen moraltheologischen Prinzipien – die alle auf das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgehen – anwenden und damit zu einer konkreten Antwort kommen. Man muss es sich nicht schwerer machen, als es ist. Und nochmal für alle Idealisten: „Das und das ist nicht verpflichtend“ heißt nicht, dass man das und das nicht tun darf oder es nicht mehr empfehlenswert oder löblich sein kann, es zu tun. Es heißt nur, dass die Kirche (z. B. in Gestalt des Beichtvaters) nicht von allen Katholiken verlangen kann, es zu tun.

 Zu alldem verweise ich einfach mal noch auf einen meiner älteren Artikel. Weiter werde ich mich gegen den Vorwurf der Gesetzlichkeit hier nicht verteidigen.

 Jedenfalls, ich musste öfters lange herumsuchen, bis ich zu meinen Einzelfragen Antworten gefunden habe, und deshalb dachte mir, es wäre schön, wenn heute mal wieder etwas mehr praktische Moraltheologie und Kasuistik betrieben/kommuniziert werden würde; aber manches, was man gerne hätte, muss man eben selber machen, also will ich in dieser Reihe solche Einzelfragen angehen, so gut ich kann, was hoffentlich für andere hilfreich ist. Wenn ich bei meinen Schlussfolgerungen Dinge übersehe, möge man mich bitte in den Kommentaren darauf hinweisen. Nachfragen sind auch herzlich willkommen. Bei den Bewertungen, was verpflichtend oder nicht verpflichtend, schwere oder lässliche oder überhaupt keine Sünde ist („schwerwiegende Verpflichtung“ heißt: eine Sünde, die wirklich dagegen verstößt, ist schwer), stütze ich mich u. a. auf den hl. Thomas von Aquin, ab und zu den hl. Alfons von Liguori, und auf Theologen wie Heribert Jone (1885-1967); besonders auf letzteren. Eigene Spekulationen werden (wenn ich es nicht vergesse) als solche deutlich gemacht. Alle diese Bewertungen betreffen die objektive Schwere einer Sünde; subjektiv kann es Schuldminderungsgründe geben. Zu wissen, ob eine Sünde schwer oder lässlich ist, ist für die Frage nützlich, ob man sie beichten muss, wenn man sie bereits getan hat; daher gehe ich auch darauf ein; in Zukunft muss man natürlich beides meiden.

Wer nur knappe & begründungslose Aufzählungen von christlichen Pflichten und möglichen Sünden sucht, dem seien diese beiden Beichtspiegel empfohlen.

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 (Der hl. Alfons von Liguori (1696-1787), der bedeutendste kath. Moraltheologe des 18. Jahrhunderts. Gemeinfrei.)

Alle Teile hier.

Nur zur Klarstellung: Das hier ist alles die grundsätzliche Theorie, um die Anwendung in der derzeitigen politischen Situation soll es überhaupt nicht gehen. Darüber schreibe ich schon bei anderen Gelegenheiten.

Unter dem 4. Gebot – „Du sollst Vater und Mutter ehren“ – hat man im erweiterten Sinn auch die Pflichten in größeren Gesellschaften, v. a. dem Staat, zusammengefasst. In diesem Gebot geht es eigentlich darum, was es bedeutet, als Gemeinschaftswesen zu leben. Hier in Teil 10a habe ich schon darüber geschrieben, wieso Familie und Staat natürliche Gesellschaften sind, in denen es Autoritäten braucht, und worauf diese Gesellschaften ausgerichtet sind.

Der Staat ist, ebenso wie die Kirche und anders als die Familie, eine vollkommene/vollständige Gesellschaft – das heißt nicht fehlerlos, sondern ist ein Fachbegriff für eine souveräne Gesellschaft, die in sich alles hat, was sie zur Erreichung ihres Zwecks braucht (anders als die einzelne Familie, die selbst nicht für alles sorgen kann, was sie zu einem guten menschlichen Leben braucht, und daher ein Teil des Staates ist). Der Staat ist eine natürliche Gesellschaft, d. h. es ist natürlich und notwendig für Menschen, sich in Staaten zu organisieren. Er ist keine übernatürliche Gesellschaft wie die Kirche. Das heißt aber nicht, dass er Gott ganz ausklammern und sich nur für materielle Zweckmäßigkeit interessieren könnte. Die höchste natürliche Fähigkeit des Menschen ist die Vernunft, der höchste natürliche Zweck des menschlichen Lebens die natürliche Erkenntnis des Schöpfers, die Kontemplation seiner Herrlichkeit. Und auch Staaten – die ja nur Gemeinschaften von Menschen sind – haben wie die einzelnen Menschen die Pflicht, erstens durch die Vernunft Gott zu suchen und zweitens dann auch eine eventuelle Selbstoffenbarung Gottes anzuerkennen – was ja eigentlich nur heißt, dass der Staat sich in seinen Handlungen nach der Wirklichkeit richten soll und nicht nach irgendeiner falschen Idee, denn Ansichten über Gott und die Welt haben sehr reale Auswirkungen, nicht nur in der Ewigkeit, sondern auch irdisch. (Erlaubt man assistierten Suizid? Leihmutterschaft? Abtreibung? Etc.)

Ein Staat der noch nichts von dieser Offenbarung gehört hat, hätte also die Pflicht, sich nach der natürlichen Erkenntnis von Gott und dem Guten zu richten (wozu auch gehören würde, diejenigen monotheistischen Religionen zu fördern, die sich nicht gegen das Gute richten); ein Staat, der schon davon gehört hat, hätte die Pflicht, diese Offenbarung anzuerkennen und mit der von Gott eingerichteten übernatürlichen Gemeinschaft (also der katholischen Kirche) zusammenzuarbeiten und sie zu fördern, was in früheren Zeiten dadurch getan wurde, dass die katholische Religion Staatsreligion wurde und ihr solche Dinge wie die Zuständigkeit für das Eherecht der im Staat lebenden Katholiken überlassen wurden, die Staatsoberhäupter den Staat unter den Schutz Gottes gestellt haben und bei ihren Handlungen (zumindest theoretisch) darauf geschaut haben, was an natürlichen Mitteln den Menschen am besten hilft, ihr übernatürliches Ziel, d. h. ihr Seelenheil, zu erreichen. Der Staat ist für die natürlichen Dinge verantwortlich, und sollte sie mit Blick auf die übernatürlichen regeln. Und auch wenn man andere Religionsgemeinschaften natürlich tolerieren kann: Eigentlich sollte jeder Staat ein katholischer Staat sein. (Das kann radikal klingen, ist aber so banal, wie wenn z. B. Feministen wollen, dass jeder Staat sich nach feministischen Grundsätzen richtet.)

(Gott hat es konkret so einrichten wollen, dass zeitliche und geistliche Herrschaft getrennt sind; das hat auch Vorteile, weil im gefallenen Zustand der Menschheit einer Person zu viel Macht nicht guttut. Das heißt aber nicht, dass es zwangsläufig so hätte sein müssen und eine Gemeinschaft, die gleichzeitig Staat und Kirche wäre, in sich ungerecht gewesen wäre. Aber so hat es Gott nicht einrichten wollen, und auch Fürstbistümer o. Ä., in denen eine Person die zwei unterschiedlichen Gewalten in sich vereint, sollten eher Ausnahmefälle bleiben. Auf jeden Fall müssen aber auch die, die für die natürlichen Dinge wie Krankenversorgung, Infrastruktur oder öffentliche Sicherheit und Ordnung zuständig sind, dabei daran denken, nichts zu tun, was dem übernatürlichen Ziel der Menschen schadet.)

Eine Gemeinschaft ist ausgerichtet auf ein Gemeinwohl, ein Gemeingut (bonum communae), an dem alle teilhaben können, ohne dass es dadurch verringert wird. Das extrinsische Gemeingut ist der außerhalb der Gemeinschaft liegende Endzweck, das, wofür man in Gemeinschaft lebt, und das ist hier nicht nur das Überleben (das zwar auch), für das man zusammenarbeitet, sondern das gute menschliche Leben (im Endeffekt das Wahre, Gute, Schöne und damit Gott, in dem auch das Glück jedes einzelnen besteht). (Bei einem „Verein zur Erhaltung der Eichenallee“ wäre das extrinsische Gemeingut die Erhaltung der Eichenallee.) Das intrinsische Gemeingut einer Gemeinschaft ist der Frieden, die Freundschaft, die Gerechtigkeit, die Ordnung unter ihren Gliedern.

Das richtig verstandene Gemeinwohl steht daher nicht dem Privatwohl entgegen, denn das Gemeinwohl ist wirklich das, von dem alle am Ende am meisten haben, auch wenn einzelne Opfer gebracht werden müssen. Der Staat ist für die Menschen da, nicht der Mensch für den Staat; aber der Mensch ist eben als Gemeinschaftswesen auf dieses Gemeinwohl ausgerichtet; es ist etwas Gutes für jeden einzelnen, Teil einer guten Gemeinschaft zu sein, und das auch, wenn er in einer Extremsituation am Ende sogar sein Leben für diese Gemeinschaft opfern muss (z. B. in einem Verteidigungskrieg). Man dürfte nicht die unveräußerlichen/unbedingten Rechte eines einzelnen Menschen opfern, um einer größeren Zahl anderer Menschen zu nützen; damit würde man etwas Falsches tun, was übrigens somit auch wieder dem Wohl aller schaden würde; aber einige Rechte sind nicht bedingungslos und müssen manchmal dem Gemeinwohl untergeordnet werden. Freilich muss das in gerecht aufgeteilter Weise geschehen.

(Gemeinsam genutzte materielle Güter wie z. B. Straßen, Schulen, Parks sind übrigens kein Gemeingut im strengen Sinn, sondern eher geteilte Privatgüter.)

Generell steht die Kirche über dem Staat, weil das Übernatürliche über dem Natürlichen steht, wie die Seele über dem Körper steht. Das heißt allerdings nicht, dass der Staat nicht mehr eigenständig wäre und nicht mehr in seinem Zuständigkeitsbereich selbst entscheiden könnte (er sollte freilich, wie gesagt, dabei die übernatürlichen Ziele der natürlichen Dinge beachten). Päpste und Bischöfe haben keine spezielle Kompetenz von Gott in politischen Sachfragen erhalten. Die Kirche hat allerdings z. B. das Recht, katholische Politiker zu exkommunizieren, die für ein gravierend falsches Gesetz stimmen (z. B. eins das Abtreibungen erlaubt) – weil sie dieses Recht ja gegenüber allen Katholiken hat. Von den großen Theologen im Lauf der Kirchengeschichte wurde aber auch generell gesagt, dass der Papst innerhalb der Christenheit, d. h. bei offiziell ihrer Verfassung nach christlichen Staaten, in Notfällen das Recht hat, tyrannische Staatsoberhäupter abzusetzen oder schwerwiegend ungerechte Gesetze für null und nichtig zu erklären – aber diese Frage ist gerade nicht besonders relevant, da die Christenheit leider schlicht nicht mehr existiert. Auch innerhalb der Christenheit dürfte ein Papst nicht die Tagespolitik diktieren und nicht in minder schweren Fällen eingreifen.

Ähnliches wie für Staat und Kirche gilt für Staat und Familie oder Kirche und Familie; auch die Familie als natürliche Gesellschaft hat ihre Rechte gegenüber Staat und Kirche (z. B. darf man ihr nicht ohne Grund die Kinder wegnehmen oder die genaue Art der Erziehung diktieren). Auch Individuen haben noch ihre Rechte gegenüber all diesen Gemeinschaften. Die verschiedenen Einheiten innerhalb der Menschheit heben sich gegenseitig nicht auf.

Nichtkatholische Staaten sind nicht ideal, aber verlieren deswegen nicht ihre Legitimität, ebenso wie nichtkatholische Familien, die ja auch das Recht haben, ihre Kinder zu erziehen usw. Katholiken können auch in nichtkatholischen Staaten, bei denen es nicht abzusehen ist, dass man bald die Mehrheit ihrer Bürger bekehren kann, an der Staatsgewalt Anteil haben und dem Gemeinwohl dienen. Ein Eid auf eine Verfassung ist in dem Fall natürlich ebenso erlaubt – hier verpflichtet man sich ja einfach zur Achtung dieser Verfassung (was gut ist) und erklärt nicht, dass man sie für die uneingeschränkt beste Verfassung aller Zeiten hält. (Soweit man nicht von Staaten ausgeht, die grundfalsche Verfassungen haben, die man auch nicht als geringeres Übel o. Ä. akzeptieren könnte, oder die von einem verlangen, sich zu einer falschen Weltanschauung zu bekennen. Wenn es z. B. im alten Rom Teil der Verantwortung eines Regierungsbeamten war, heidnische Opfer darzubringen, konnte ein Christ zumindest dieses spezielle Amt nicht guten Gewissens ausüben.)

Es gibt kein natürliches Recht darauf, nur von Staatsoberhäuptern regiert zu werden, die man sich selbst ausgesucht hat. Genau genommen ließe sich das in der Praxis gar nicht durchsetzen; und Gott verlangt nichts, was man unmöglich erfüllen kann, sodass man quasi notwendig sündigen müsste. (Selbst in einer Demokratie, in der alle Amtsinhaber direkt gewählt werden, muss sich die Minderheit der Mehrheit beugen, statt dass jeder das von ihm gewünschte Staatsoberhaupt bekommt, und die Kandidaten hat man sich auch nicht ausgesucht, außerdem handeln sie nach der Wahl oft genug gegen den Willen des Volkes.) Dass es einen Staat gibt, kommt vom göttlichen Gesetz, von der Art und Weise, wie Gott die Welt eingerichtet hat, nicht von den Menschen selbst, als ob sie ganz ohne Staat hätten leben können, und mehrere Arten von Verfassungen sind gut, solange sie dem Gemeinwohl dienen.

Wenn man in der Menschheitsgeschichte weit zurückgeht, kann man sagen, dass Staaten aus Zusammenschlüssen von Familien/Sippen entstanden sein müssen, die bestimmt haben, welche „Verfassung“ für sie und ihre Nachkommen gelten soll, aber in diesem Zustand, in dem man sich erst zusammenschließen muss, sind wir nicht mehr. Theologen wie Bellarmin und Suarez haben es etwa so formuliert: An sich sind Menschen frei und keiner darf über einen anderen regieren (auch nicht die Mehrheit über eine Minderheit); Gott hat aber diese Macht zu regieren den Menschen gegeben, weil sie in einer Gemeinschat leben sollten, und die Menschen, die sich erstmals zu einer solchen Gemeinschaft zusammengeschlossen haben, haben diese Macht auf einen bestimmten Inhaber übertragen, sich eine bestimmte Form der Verfassung gegeben. Der Zusammenschluss an sich war naturnotwendig, die genaue Weise nicht. (Es gibt auch noch die andere Theorie, dass nicht nur durch die ausdrückliche oder stillschweigende Übereinstimmung der ersten Menschen, die sich zusammenschlossen, sondern auch dadurch, dass jemand fähig war, die Macht gut auszuüben, und sie praktisch immer mehr innehatte (z. B. der Anführer eines Klans), Gott ihm auch die Autorität dazu übertragen haben könnte, ohne den Umweg über die Zustimmung der großen Masse.)

Wichtig ist, dass das Staatsoberhaupt (und die Inhaber anderer Ämter) auf geregelte Weise bestimmt wird; verschiedene Formen von Monarchie (Herrschaft eines einzelnen), Aristokratie (Herrschaft einer Gruppe) und Demokratie (Herrschaft des Volkes) sind legitim, genauso wie Mischformen. Tatsächlich wurde traditionell eine Mischform als am geeignetsten gesehen, wobei der Monarch sowohl ein Erb- als auch ein Wahlmonarch sein kann, die Aristokratie sowohl ein Erbadel als auch eine auf andere Weise bestimmte Elite. (Siehe Teil 10a für genauere Erklärungen.) Von jeder dieser möglichen Formen gibt es auch eine pervertierte Form, die nicht legitim wäre und in der nur auf das Privatwohl statt auf das Gemeinwohl geschaut würde; das wären die Tyrannei, die Oligarchie und die Herrschaft des Mobs.

Usurpatoren, d. h. einzelne oder Gruppen, die entgegen der geregelten Ordnung widerrechtlich die Macht übernehmen (durch Putsch, Wahlfälschung, Königsmord o. Ä.), erlangen dadurch nicht das Recht zur Herrschaft, und solange es möglich ist, darf man sie bekämpfen.

„Derjenige, dem die Macht geraubt wurde, verliert dadurch nicht seine Autorität, d. h. sein Recht zu regieren. Er kann sie verlieren, indem er öffentlich darauf verzichtet, ausdrücklich oder implizit, denn da er sie unter der Bedingung hat, für das Wohl seiner Untergebenen zu regieren, hat er sie aus freiem Willen und hat daher die Möglichkeit zum Rücktritt. Wenn er seine Autorität nicht in dieser Weise aufgibt, darf er versuchen, dem Usurpator die Macht wieder zu entreißen, solange das Übel eines solchen Konflikts aufgewogen wird von dem Guten, das durch den Erfolg erreicht werden kann, was von der Überlegenheit seiner Prinzipien über die des Usurpators, und der Zahl, Stärke und Macht der Untergegebenen, die ihn willkommen heißen würden, abhängt. Wenn er allerdings sieht, dass das Übel des Konflikts das Gute überwiegen würde, und das, aller Wahrscheinlichkeit nach, ob der Versuch jetzt unternommen würde oder später von denen, die seine legitimen Nachfolger gewesen wären, zum Beispiel weil der überwiegende Teil des Volkes den Usurpator willig akzeptiert hat, dann sollte er seinen Anspruch aufgeben, denn wenn er weiterhin beabsichtigen würde, seine Macht wiederzugewinnen, hätte er nicht mehr das allgemeine Wohl des Volkes im Sinne, und würde daher selbst ein Tyrann werden. Wenn er sieht, dass das Gute des Konflikts wahrscheinlich irgendwann in der Zukunft das Übel aufwiegen wird, so wenn das Volk sich dem Usurpator nur widerwillig fügt, kann er seinen Anspruch aufrechterhalten und auf seinen Moment der Rückkehr warten. Die katholischen Familien Spaniens zum Beispiel, davon können wir ausgehen, akzeptierten die Usurpatoren nicht, als sie von den Mauren überrannt wurden; daher die Rechtmäßigkeit der Reconquista. Wenn er seinen Anspruch zurückzukehren nicht deutlich macht, wenn er das tun kann, kann man davon ausgehen, dass er auf sein Amt verzichtet hat.

Wenn nach einer Usurpation der rechtmäßige Herrscher auf sein Amt verzichtet hat, oder wenn es aufhört, wahrscheinlich zu sein, dass das Gute des Konflikts das Übel aufwiegen würde, besitzt der Usurpator nicht allein aufgrund dieser Tatsache das Recht, zu regieren, denn das würde aus Diebstahl einen Anspruch auf Eigentum machen. Eher hört die zeitliche Gesellschaft jetzt streng genommen auf, zu existieren, da sie ihr Oberhaupt verloren hat. Die Haushaltsoberhäupter, oder wenn sie nicht protestieren, wenn sie könnten, eine in ihrem Namen sprechende Körperschaft, kann daher diese Gesellschaft neu gründen, indem sie ihre Autorität verwenden, eine neue Verfassung zu etablieren. […]

Zuletzt, während der Usurpator de facto die Macht hat, obwohl er nicht das Recht besitzt, zu regieren, und die Leute vielleicht weder das Recht noch die Pflicht haben, seine Autorität anzuerkennen, können sie nichtsdestotrotz die Pflicht haben, individuellen Gesetzen oder Geboten, die er erlässt, zu gehorchen, zum Beispiel einem Gebot, wie man sich im Fall irgendeiner Naturkatastrophe zu verhalten hat, wo jemand die Führung übernehmen muss, und niemand außer ihm in der direkten Position ist, das zu tun.“ (Thomas Crean und Alan Fimister, Integralism. A manual of political philosophy, editiones scholasticae 2020, S. 99f. Meine Übersetzung.)

(Auch hier, wenn, wie im Urzustand der Menschheit, kein legitimes Staatsoberhaupt existiert, stellt sich die Frage, ob nur durch die ausdrückliche oder stillschweigende Übereinkunft des Volkes oder auch aufgrund der Umstände ein neuer Herrscher bestimmt werden kann, den man dann als von Gott bestätigt sehen kann.)

Im äußersten Notfall, wenn ein Staatsoberhaupt immer wieder zeigt, dass es nicht gewillt ist, für das Gemeinwohl zu handeln, wäre es erlaubt, auch dieses früher legitime, jetzt illegitime Staatsoberhaupt abzusetzen und die Staatsverfassung zu ändern (ähnlich wie es erlaubt wäre, im äußersten Notfall Kinder aus ihrer Familie zu holen und zu Pflegeeltern zu geben, oder als Kind selbst wegzulaufen und sich bei Verwandten zu verstecken), was am besten durch die nächstrangige nichttyrannische Institution in der Gesellschaft geschehen sollte. Voraussetzung ist allerdings wieder, dass ein solcher Putsch nicht voraussichtlich zu noch größeren Übeln führen wird, was im Lauf der Geschichte häufig der Fall war. Ein Beispiel für einen legitimen Putschversuch wäre z. B. der der Gruppe um Stauffenberg, ein Beispiel für einen offensichtlich illegitimen die Französische Revolution (genauer: die Gründung der Ersten Republik 1792 und der Königsmord 1793). Generell: Putsche und Bürgerkriege sind große Übel und bringen viele Risiken mit sich, die wirklich nur in Extremsituationen in Kauf genommen werden können.

In solchen Fällen ist auch eine Intervention von außen durch einen anderen Staat erlaubt.

Wenn man unter einer Diktatur lebt, gibt es aber keine generelle moralische Pflicht zum aktiven Widerstand, bewaffnet oder nicht. Sich durchzuwursteln, ohne sich selber direkt am Bösen zu beteiligen, ist moralisch in Ordnung, auch wenn Widerstand heldenhafter wäre, und manchmal das einzig Sinnvolle.

Gewaltsame Rebellionen, illegale Verschwörungen und humanitäre Interventionen sind also wirklich nur im Notfall, und wenn sie nicht für noch schlimmere Verhältnisse sorgen, erlaubt. Eine Änderung der Staatsverfassung mit Zustimmung der Autorität wäre wieder etwas anderes, also wenn z. B. die Regierung zustimmt, über eine neue Verfassung oder die Abspaltung oder weitgehende Autonomie eines Landesteils abstimmen zu lassen. Solche Änderungen anzustreben, sofern sie an sich vernünftig und gut sind, dürfte m. E. nicht verwerflich sein, solange man damit nicht auch totalen Unfrieden im Land stiftet.

Gegenüber ungerechten Rebellionen, Putschversuchen, Terrorismus hat ein Staat natürlich das Recht und die Pflicht, sie zu bekämpfen und so schnell wie möglich die Ordnung wiederherzustellen. Das ist auch dann der Fall, wenn kleinere oder gelegentliche Machtmissbräuche den Terrorismus oder Putschversuch provoziert haben; denn so etwas kommt überall vor, und der öffentliche Friede und die Sicherheit all der anderen nicht-terroristischen Bürger gehen vor.

Die ganze Menschheit hat unter sich eine gewisse Einheit (gleiche Natur, gleiche Abstammung von Adam) und ein gemeinsames Ziel (Gott). Gegenüber anderen Staaten hat ein Staat die Pflicht, das Völkerrecht zu beachten (sowohl das gewohnheitsrechtliche Völkerrecht als auch die konkreten Verträge). Außerdem haben reiche Staaten gegenüber armen Staaten vergleichbare Pflichten wie reiche Personen gegenüber armen Personen, d. h. sie müssen nicht gerade zwangsläufig die Hälfte ihres Besitzes abgeben, aber sehr wohl in gewissem Maß helfen. Flüchtlingen in schwerer Not (Lebensgefahr, persönliche Verfolgung) beispielsweise muss man helfen; ein allgemeines Recht auf Migration gibt es allerdings nicht, da ein Staat hier auch darauf sehen muss, was dem Wohl seiner Bürger dient oder schadet, und Migranten haben Pflichten gegenüber dem sie aufnehmenden Staat.

Krieg zu führen ist erlaubt, wenn einem Unrecht mit friedlichen, diplomatischen Mitteln nicht abgeholfen werden kann und folgende Bedingungen erfüllt sind: rechte Absicht (also z. B. nur einen Angriff abzuwehren oder ihm zuvorzukommen, nicht aber, das andere Volk dann auch noch auszurotten oder ihm seinen Besitz zu rauben), Kriegserklärung durch die legitime Autorität, gerechter Grund (z. B. ein Angriff des anderen Staates) und gerechte Kriegsführung (keine gezielten Angriffe auf Zivilisten, keine Misshandlung von Kriegsgefangenen o. Ä.). Ein Krieg ist auch dann erlaubt, wenn man nicht viel Aussicht auf Erfolg hat, wenn es darum geht, ein extrem schwerwiegendes Unrecht abzuwehren oder zumindest abzuschwächen.

Der Staat hat das Recht, Gesetze zu erlassen, die dann unter Sünde verpflichten, d. h. es wäre eine Sünde, ihm (in gerechten Dingen) nicht zu gehorchen. Moraltheologen unterschieden manchmal zwischen Gesetzen, bei denen der Gesetzgeber im Gewissen verpflichten will, damit man das Gewünschte auch wirklich tut, und bloßen Pönalgesetzen, bei denen er nur zur Übernahme der Strafe verpflichten will. Um den Unterschied ein bisschen näherzubringen: Wenn der Gesetzgeber sagt, man soll Diebstahl unterlassen, will er einen wirklich im Gewissen verpflichten, Diebstahl zu unterlassen; ein Dieb, der später seine Strafe akzeptiert, hat das Gesetz nicht erfüllt. Wenn der Gesetzgeber sagt, dass eine Firma soundsoviel Prozent Schwerbehinderte einstellen oder stattdessen eine Ausgleichsabgabe zahlen soll, erfüllt die Firma das Gesetz durch Zahlung der Ausgleichsabgabe. In diesem Fall macht es der Staat wirklich selber ganz deutlich, dass er bloß ein Pönalgesetz einführt, in anderen Fällen kann man unter Umständen davon ausgehen. (Z. B. wenn kaum einer es für wirklich schlimm hält, das Gesetz zu übertreten, und der Staat es eher nutzt, um mit den Geldbußen seine Finanzen aufzubessern, wie z. B. wahrscheinlich bei unerlaubtem Parken. (Wobei es auch hier darauf ankommt: Wenn man durch das Parken unerlaubt eine Feuerwehrzufahrt blockiert, kann man davon ausgehen, dass derjenige, der das Verbotsschild aufgestellt hat, das sehr wohl wirklich verbieten wollte.))

Auch wer z. B. als Parlamentarier Immunität genießt, ist im Gewissen verpflichtet, sich an die Gesetze zu halten.

„Das Gesetz ist eine vernunftgemäße, dauernde Norm des freien Handelns, die vom Obern eines öffentlichen Gemeinwesens zum Zwecke des Allgemeinwohls erlassen und genügend bekanntgemacht wurde.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 40, Nr. 43.) Der Zweck der Gesetze ist es letztendlich, die Menschen gut zu machen; das Gesetz ist auch ein Lehrer und formt Einstellungen und Gewohnheiten.

Es gibt das Naturrecht, das von Gott in die Natur der Dinge gelegt wurde; das Naturrecht verpflichtet absolut. (Z. B. ist es gegen das Naturrecht, zu lügen, da der natürliche Zwecke der Sprache die Verständigung, die Weitergabe der Wahrheit unter Menschen ist.) Für Naturrecht sagt man auch natürliches Sittengesetz oder Moral. Dann gibt es das positive (=gesetzte, von lat. ponere) göttliche Gesetz, das Gott so erlassen hat, aber auch anders hätte erlassen können (z. B. das Gebot, den siebten Tag zu heiligen, oder für die Eucharistie Weizenbrot und Wein zu verwenden). Dann gibt es positive menschliche Gesetze, erlassen von Kirche oder Staat.

Gesetze befehlen, verbieten, erlauben oder bestrafen. Der Zweck von Strafen ist es, die gestörte gerechte Ordnung wiederherzustellen, dem Täter quasi etwas gegen seinen Willen zuzufügen, weil er seinen Willen auf Kosten anderer ausgelebt hat. Nebenzwecke sind der Schutz der Gesellschaft vor weiteren Verbrechen, die Besserung des Täters, die Wiedergutmachung (z. B. durch Schadensersatzzahlungen) und die Abschreckung anderer. (Das sind legitime Nebenzwecke, aber dürfen nur Nebenzwecke bleiben; denn wenn man die Wiederherstellung der Gerechtigkeit als Hauptzweck ganz abschaffen würde und nur noch auf Abschreckung und Besserung schauen würde, könnte das zu so einigen Ungerechtigkeiten führen. Nicht nur in dem Sinn, dass man manche Verbrecher, die eine schwere Strafe verdient hätten, nur kurz zum Psychologen schicken könnte, sondern auch in dem Sinn, dass man Kleinkriminelle ewig einsperren könnte, bis der zuständige Psychologe sie für ausreichend gebessert hält, oder dass man jemanden auf härtere Weise als verdient bestrafen könnte, um andere abzuschrecken. Man darf nur dann und höchstens in dem Maß strafen, wie jemand es verdient hat, und dann ist Strafe auch etwas Gutes, und sollte in etwa dem entsprechen, was derjenige eben durch die Tat verdient hat.) Ein Staat hat grundsätzlich auch das Recht, schwere Verbrechen (Mord, Landesverrat, Vergewaltigung o. Ä.) mit der Todesstrafe zu ahnden, wenn er das für zweckmäßig erachtet. „Denn nicht ohne Grund trägt sie [die staatliche Gewalt] das Schwert.“ (Röm 13,4) Gen 9,6 begründet die Todesstrafe für Mörder sogar mit der Menschenwürde der Opfer.

Verbrechen gegen das Naturrecht (z. B. Mord) dürfte man auch rückwirkend bestrafen, da es immer gilt, auch wenn die positiven Gesetze diesen Mord zuerst erlaubt haben (Bsp.: Bestrafung von Ärzten, die in der Nazizeit Kranke und Behinderte getötet haben), aber Verbrechen gegen positive menschliche Gesetze dürfen nicht rückwirkend bestraft werden; diese Gesetze gelten erst ab Promulgation, d. h. wenn die Menschen sie auch kennen können. Es kann freilich auch unzweckmäßig sein, naturrechtliche Verbrechen rückwirkend zu bestrafen, z. B. wenn es sehr viele Täter gibt, die Täter nicht mehr genau ermittelt werden können, oder viele Täter unter Zwang oder Gehirnwäsche gehandelt haben, aber das hängt vom Einzelfall ab.

Ein Staat sollte dem Naturrecht zusätzlichen Schutz durch positive Gesetze geben, wobei er nicht alles bestrafen muss, was das Naturrecht verbietet; z. B. wenn es Kleinigkeiten sind, die mit Gewalt durchzusetzen unverhältnismäßig und aufwendig wäre. (Z. B. könnte ein Staat schwerlich Notlügen mit Bußgeldern belegen.) Außerdem müssen die positiven Gesetze auf dem Naturrecht basieren, indem sie sich innerhalb des naturrechtlich erlaubten Rahmens bewegen und/oder die allgemeinen Vorschriften des Naturrechts auf den konkreten Fall anwenden. Ein Staat kann allerdings Übel, die er schlecht verhindern kann, zulassen, um größere Übel zu vermeiden.

Es gibt Fälle, in denen man Gesetzen nicht gehorchen darf, und Fälle, in denen man ihnen nicht gehorchen muss. (Genau genommen sind ungerechte Gesetze gar keine Gesetze, sondern nur Scheingesetze. Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz.) Nur naturrechtliche Vorschriften, die die Unterlassung einer bestimmten Handlung (z. B. direkte Tötung eines unschuldigen Menschen, Ehebruch o. Ä.) ausnahmslos zur Pflicht machen, gelten immer und können auch immer erfüllt werden, während naturrechtliche Vorschriften, die eine bestimmte Handlung zur Pflicht machen, nicht immer erfüllt werden können. Staatliche Gesetze gelten generell nicht ausnahmslos.

Man darf nicht gehorchen, wenn ein staatliches Gesetz eine Sünde befiehlt.

Man muss nicht gehorchen, wenn:

  • es physisch unmöglich ist, das Gesetz zu erfüllen (z. B. man zu einem Gerichtstermin erscheinen müsste, aber im Krankenhaus liegt)
  • es moralisch unmöglich ist, d. h. eine unverhältnismäßig große Anstrengung erfordert. Was unverhältnismäßig ist, hängt natürlich davon ab, wie wichtig das Gesetz ist, von weniger wichtigen Gesetzen ist man leichter entschuldigt. Außerdem: Das Allgemeinwohl kann in besonderen Fällen manchen extreme Anstrengungen abverlangen (z. B. Soldaten in einem Krieg), und auch ein freiwillig gewählter Stand, z. B. Missionar, kann besondere heroische Verpflichtungen auferlegen.

Bei Pflichtenkollision geht die höhere Pflicht vor, die andere muss zurücktreten und verliert ihre verpflichtende Kraft. „Kann jemand bei Pflichtenkollision trotz aller angewandten Mühe nicht erkennen, welche Pflicht die wichtigere ist, so sündigt er nicht, für welchen Teil er sich auch immer entscheiden mag“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 53, Nr. 70)

Das Gesetz verpflichtet auch nicht, wenn man davon ausgehen kann, dass der Gesetzgeber es nicht für einen bestimmten Einzelfall gedacht haben kann. Z. B. wird ein Gesetzgeber nicht wollen, dass man eine rote Fußgängerampel achtet, wenn kein Auto in Sicht ist, aber auf der anderen Straßenseite jemand zusammengebrochen ist, und man schnell hinüberrennen muss, um ihm zu helfen. Diese Auslegung der Absicht des Gesetzgebers nennt sich Epikie. (Wobei man die Auslegung durch den Gesetzgeber selbst zurate ziehen muss, wenn das leicht geschehen kann; vielleicht hat er ja schon ausdrücklich geklärt, ob es in einem solchen Fall gilt oder nicht. In dem Fall mit der Ampel wäre die Sachlage allerdings offensichtlich.)

Wenn das Gesetz seinen Zweck verliert, gilt folgendes:

„Seinen Zweck kann ein Gesetz verlieren für die Gesamtheit oder nur für Einzelpersonen; ferner so, daß seine Beobachtung nur nutzlos oder auch schädlich wird.

1. Wird für die Allgemeinheit ein Gesetz auch nur nutzlos, so hört es damit auf.

Einem solchen Gesetze fehlt ein wesentliches Merkmal: es dient nicht mehr dem Allgemeinwohl (vgl. Nr. 43).

2. Wird für eine Einzelperson das Gesetz schädlich, so hört seine Verpflichtung für den Betreffenden auf, wenn die Beobachtung für ihn moralisch unmöglich wird, oder wenn man Epikie anwenden kann. […]

3. Wird für eine Einzelperson die Beobachtung eines Gesetzes nutzlos, so bleibt diese Person nach der weitaus allgemeinen Ansicht zur Beobachtung des Gesetzes verpflichtet.

Im entgegengesetzten Falle würde nämlich das Allgemeinwohl leiden, weil viele sich einbildeten, das Gesetz sei für sie nutzlos. – Nur wenn in einem Einzelfall die Nutzlosigkeit evident und kein Ärgernis zu befürchten ist, dürfte man der milderen Ansicht folgen. Aber auch diese letztere Ausnahme ist unstatthaft bei Gesetzen, die erlassen wurden, um einer allgemeinen Gefahr vorzubeugen“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 58, Nr. 78)

(Man darf also nicht, sagen wir, eine gefährliche Schlange halten, wenn das Gesetz das verbietet, weil man sich denkt, in diesem Fall wäre das Gesetz überflüssig, weil man sich gut genug mit Schlangen auskennt und schon aufpasst.)

Man ist nicht verpflichtet, alle Gesetze zu kennen, aber muss sich auf gewöhnliche Weise informieren, wenn man etwas tun will, wobei man weiß, dass irgendwelche Vorschriften gelten (z. B. ein Unternehmen gründen will).

Gewohnheitsrecht kann auch Gesetzeskraft haben, wenn es in einem Bereich keine ausdrücklich geregelten Gesetze gibt.

Der hl. Thomas von Aquin schreibt über gerechte und ungerechte Gesetze:

„Ich antworte, die menschlichen Gesetze seien entweder gerecht oder ungerecht. Im ersten Falle haben sie vom ewigen Gesetze her die Kraft, im Gewissen zu verpflichten, nach Prov. 8.: ‚Durch mich herrschen die Könige und entscheiden Rechtes die Gründer der Gesetze.‘ Gerecht aber sind die Gesetze 1. vom Zwecke aus, wenn sie auf das Gemeinbeste sich richten; — 2. vom Urheber her, wenn sie von dem ausgehen, der rechtmäßige Gewalt hat und die Grenzen seiner Gewalt nicht überschreitet; — 3. von ihrer inneren Form aus, wenn sie nach rechtmäßigem, gleichem Verhältnisse den Unterthanen Lasten auflegen für das allgemeine Beste. Denn da jeder Mensch ein Glied der Menge ist und sonach das, was er ist und hat, dem Ganzen schuldet, so werden ihm, wenn das richtige Verhältnis zu den anderen eingehalten erscheint, mit Recht Lasten aufgelegt zu Gunsten des Ganzen; duldet ja auch die Natur, daß ein Glied Nachteil erleidet, damit das Ganze heil sei. Ungerecht sind die Gesetze also: 1. vom Zwecke aus, wenn jemand, nicht für das gemeine Beste, sondern zur Befriedigung seiner Geld- oder Ruhmgier Gesetze macht; — 2. vom Urheber aus; wenn jemand über seine Gewalt hinaus Gesetze aufstellt; — 3. von der Form aus, wenn in der Verteilung der Lasten nicht das gebührende Verhältnis gewahrt wird. Dergleichen sind mehr Gewaltthaten wie Gesetze; denn, sagt Augustin, ‚es ist kein Gesetz jenes, das nicht gerecht ist.‘ Solche Gesetze also verpflichten nicht im Gewissen außer etwa, damit man Ärgernis vermeide oder Verwirrung; weshalb ja der Mensch auch bisweilen sein Recht aufgeben muß, nach Matth. 5.: ‚Wer dir das Kleid genommen hat, gieb ihm auch den Mantel.‘ Sind aber die Gesetze ungerecht, weil sie dem göttlichen Gute entgegengesetzt sind und gegen Gottes ausdrückliches Gebot befehlen, so darf man sie nicht beobachten, sondern ‚man muß Gott mehr gehorchen wie den Menschen.‘ (Act. 4.)“ (Summa Theologiae II/I,96,4)

Ein Staat hat das Recht, Steuern zu erheben (was ja auch Jesus und Paulus bestätigt haben), in dem Maße, wie er sie für die Erfüllung seiner Aufgaben benötigt. Es ist allerdings eine Sünde (von unterschiedlicher Schwere) vonseiten der Staatsbeamten, Steuergelder zu verschwenden, und vonseiten der Gesetzgeber, unnötig hohe Steuern zu erheben oder die Steuerlast ungerecht zu verteilen. (Bei einer ungerecht hohen Steuerlast wäre es theoretisch keine Sünde, wenn jemand seine Steuern insoweit zahlt, als sie gerecht sind, und den Rest hinterzieht. Besonders klug wäre das allerdings normalerweise sicher nicht, insbesondere wegen des Schadens für sein Leben, seinen Ruf, seine Familie, wenn seine Steuerhinterziehung herauskäme.)

Die katholische Soziallehre kennt das „Subsidiaritätsprinzip“, d. h. größere Institutionen sollten untergeordneten Institutionen das überlassen, was sie selbst schaffen können, und nur bei größeren Aufgaben helfend eingreifen. (Z. B. ist es sinnvoll, wenn der Staat den Gemeinden das Einrichten von Kindergärten überlässt, aber selber Autobahnen baut.) Föderalistische Staaten wie Deutschland entsprechen diesem Prinzip besser als zentralistische wie Frankreich. Das Subsidiaritätsprinzip gilt auch in der Wirtschaft; der Staat sollte den einzelnen und den privaten Zusammenschlüssen (Firmen, Genossenschaften, Innungen…) nicht alle Entscheidungen abnehmen und alles diktieren, sondern Raum für Eigenständigkeit lassen, aber eben auch helfen, wenn es nötig ist.

Das Subsidiaritätsprinzip wird ergänzt durch das Solidaritätsprinzip, d. h. dass der einzelne der Gemeinschaft und die Gemeinschaft dem einzelnen verpflichtet ist. Beispielsweise entspricht die Einrichtung einer Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung (oder anderer Systeme, die Ähnliches leisten) dem Solidaritätsprinzip.

Noch kurz ein bisschen genauer zur Wirtschaft (wobei das eher ins 7. Gebot gehört): Die Güter der Erde wurden an sich der ganzen Menschheit von Gott gegeben, um für ihre Bedürfnisse zu sorgen, aber es entspricht der menschlichen Natur, dass es konkret aufgeteiltes Privateigentum gibt, sodass jeder für seines verantwortlich ist und auch etwas von seiner eigenen Arbeit damit hat; der Sozialismus ist widernatürlich und schädlich. Eigentum verpflichtet. Es ist generell besser, wenn das Eigentum an den Produktionsmitteln auf viele kleinere Besitzer aufgeteilt ist, und wenn z. B. größere Betriebe genossenschaftlich von den Beschäftigten selber geführt werden. Wer andere einstellt, ist verpflichtet, ihnen im Austausch für ihre Arbeit einen Lohn zu zahlen, der für ihr Leben und das ihrer Familie reicht; denn der Zweck der Arbeit ist es, den Lebensunterhalt für die Familie zu beschaffen, so dass sie in der jeweiligen Gesellschaft einigermaßen anständig leben kann. Der Staat hat das Recht, die Verwendung des Eigentums durch Gesetze zu regeln, z. B. Preis- und Zinswucher zu unterbinden, einen Mindestlohn festzulegen, Steuern zu verlangen etc. Politiker müssen sich, so weit möglich, nach solchen Grundsätzen der katholischen Soziallehre richten. Wirtschaftssysteme, die immerhin von dieser Lehre inspiriert waren/sind, waren/sind Korporatismus, Distributismus und soziale Marktwirtschaft.

So weit mal einige allgemeine Prinzipien. Generell haben sowohl die Teilhaber an der Staatsgewalt als auch die Untergebenen der Staatsgewalt die Pflichten, in ihrer jeweiligen Situation das Gemeinwohl zu respektieren, d. h. nicht gegen das Gemeinwohl zu handeln, ihre Pflichten gegenüber der Gemeinschaft zu erfüllen.

Heribert Jone schreibt über die genauen Pflichten der Amtsinhaber eines Staates:

Zweites Kapitel

Die Pflichten im Staate

I. Die Obrigkeit hat die Pflicht, in erster Linie für das allgemeine Wohl zu sorgen.

Sie muß deshalb nach Kräften alle Übel vom Staate fernhalten und sein Wohl fördern, Religion und Sittlichkeit beschützen, für gerechte Verteilung der Rechte und Pflichten sorgen, die Gesetze ohne persönliche Rücksichten durchführen, die öffentlichen Ämter nur geeigneten Personen geben und ungeeignete aus denselben entfernen.

II. Die Abgeordneten müssen ähnlich wie die Obrigkeit in positiver Weise das Allgemeinwohl fördern, besonders in den Punkten, in denen sie es ihren Wählern ausdrücklich versprochen haben.

1. Annahme der Wahl ist verboten, wenn jemand nicht die nötigen Fähigkeiten hat. Sie ist aber Pflicht, wenn jemand die entsprechenden Fähigkeiten hat und sonst keine geeignete Person zu finden ist, außer man hätte triftige Entschuldigungsgründe.

2. Teilnahme an den Beratungen und Beschlußfassungen ist Pflicht.

Besonders gilt dies von der Teilnahme an den Sitzungen, von denen das Zustandekommen eines guten Gesetzes oder die Verhütung eines schlechten abhängt.

3. Mitwirkung zu einem schlechten Gesetz ist Sünde.

Eine Ausnahme ist nur dann zulässig, wenn die Abgeordneten durch ihre Mitwirkung noch Schlimmeres verhüten können (vgl. Nr. 144, 147); sie müssen dann aber ihren Standpunkt öffentlich darlegen.“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 165, Nr. 203)

Der konkrete Teilhaber an der Staatsgewalt – Abgeordnete, Richter, Minister, Kanzler, Verwaltungsbeamte, Polizisten etc. – hat vor allem die Pflicht, die Pflichten seines jeweiligen Amtes gewissenhaft zu erfüllen und sich natürlich auch die nötigen Kenntnisse zu erwerben; das zu vernachlässigen ist je nach Fall lässliche oder schwere Sünde. Was die Mitwirkung an der Ausführung schlechter Gesetze o. Ä. angeht, siehe Teil 9b.

Korruption und Bestechlichkeit sind Sünden, deren Schwere davon abhängt, was auf dem Spiel steht. Ein Richter, der sich bestechen lässt, um einen Unschuldigen für zehn Jahre ins Gefängnis zu stecken, begeht offensichtlich eine schwerere Sünde als ein Polizist, der jemanden laufen lässt, der außerorts auf einer geraden übersichtlichen Strecke 25 km/h zu schnell gefahren ist, weil der sein Nachbar ist und sie sich gut verstehen. Insgesamt unterminiert Korruption allerdings das ganze Funktionieren des Staates und das Vertrauen in ihn und in andere Bürger (wer seinen Nachbarn verklagt, würde den von vornherein auch noch verdächtigen, den Richter zu bestechen etc.), was die Schwere der Sünde verstärkt.

Jone schreibt dann über die Staatsbürger:

III. Die Untertanen haben folgende Pflichten:

1. Liebe gegen das Vaterland, dem wir den Schutz und die weitere Ausbildung unserer von den Vorfahren überkommenen gemeinsamen guten Anlagen verdanken.

Diese Liebe zum Vaterland muß uns besonders veranlassen, sein Wohl zu fördern und in Eintracht mit unseren Mitbürgern zu leben. – Besonders muß man sich davor hüten, zum Vorteil eines Standes oder einer Interessengruppe das Allgemeinwohl zu schädigen.

2. Achtung vor der Obrigkeit.

Innerliche Verachtung der Obrigkeit als solcher, d. h. der obrigkeitlichen Gewalt (formelle Verachtung), ist schwere Sünde. Innere Verachtung gegenüber der Privatperson, welche die obrigkeitliche Gewalt innehat, ist insofern sündhaft, als Verachtung anderer Privatpersonen sündhaft ist. Schmähung des Inhabers der obrigkeitlichen Gewalt ist schwer sündhaft, unter anderem besonders, wenn sie öffentlich ist oder leicht öffentlich werden kann; ferner wenn sie ihm in seiner Gegenwart zugefügt wird. [Dazu unten mehr, Anmerkung von mir.]

3. Wahl von guten Abgeordneten

Wahlenthaltung ohne Grund scheint wenigstens eine läßliche Sünde zu sein, wenn der gute Kandidat einen schlechten Gegenkandidaten hat. Eine schwere Sünde kann es sein, wenn man durch Wahlenthaltung Ursache ist, daß ein schlechter Kandidat gewählt wird. [Anmerkung von mir: Das könnte ja z. B. in kleinen Wahlkreisen oder bei lokalen Wahlen ausnahmsweise der Fall sein, oder wenn ein Gremium, z. B. der Gemeinderat, jemanden wählt.]

Einem schlechten Kandidaten darf man nur dann seine Stimme geben, wenn dies notwendig ist, um die Wahl eines schlimmeren Kandidaten zu verhindern; durch eine entsprechende Erklärung aber soll der Grund dieser Handlungsweise angegeben werden. Ausnahmsweise dürfte man auch einmal einem unwürdigen Kandidaten seine Stimme geben, um einem ungewöhnlich großen persönlichen Nachteil zu entgehen. [Anmerkung von mir: Hier ist vielleicht an Länder gedacht, die keine geheimen Wahlen haben und wo man Schwierigkeiten bekommen kann, je nachdem, wie man wählt.]

4. Treue gegen die rechtmäßige Autorität und Gehorsam gegen die Gesetze im allgemeinen.

Die heimliche Flucht eines Gefangenen ist aber kein positiver Widerstand gegen die Staatsgewalt und daher an sich nicht verboten.

Unsittlichen Gesetzen eines gottlosen Staates darf man nicht gehorchen; ihrer Ausführung darf man passiven Widerstand entgegensetzen. – Offene Gewalt darf man in einem solchen Falle auch mit Gewalt abwenden, vorausgesetzt, daß man begründete Hoffnung auf Erfolg hat und das Gemeinwohl durch den Widerstand nicht noch größeren Schaden leidet als durch die Gewalttätigkeit der Regierenden. Nach einigen Autoren ist in höchster Not des Volkes und nach Erschöpfung aller gesetzlichen Mittel auch Absetzung des Herrschers und Änderung der Staatsverfassung erlaubt.

5. Gehorsam gegen die Steuergesetze im besonderen. […]

IV. Die Soldaten, die sich freiwillig anwerben lassen, sind durch die ausgleichende Gerechtigkeit verpflichtet, ihren Dienstvertrag zu erfüllen und ihren Dienst zu leisten.

Im Falle eines Krieges verpflichten die Gesetze, welche allgemeine Wehrpflicht vorschreiben, im Gewissen, sogar in jenen Staaten, in welchen der Gesetzgeber die übernatürliche Sanktion seiner sämtlichen Gesetze ausschließen möchte. (Vgl. n. 57).“ (Heribert Jone, Katholische Moraltheologie, S. 165-168, Nr. 204-206.)

Bzgl. dem, was Jone zur Schmähung von Staatsoberhäuptern sagt: Eine Regierung zu kritisieren ist natürlich erlaubt, manchmal (manchmal auch oft) auch notwendig. („Minister X ist ungeeignet für sein Amt, weil er seine Meinung beinahe täglich ändert.“) Aber das Amt an sich ist eben doch achtenswert. Dass es überhaupt legitimerweise einen Staat gibt, muss man respektieren; die jeweilige Person, die ein Amt innehat, verdient an sich Respekt, da sie eine wichtige Aufgabe ausfüllt und die staatliche Macht repräsentiert. Wenn sie diesen Respekt durch ihre eigene Schuld verwirkt und ihre Aufgabe nicht mehr erfüllt, verdient sie evtl. weniger Respekt je nach Situation, aber ein gewisses grundsätzliches Maß an Respekt sollte wohl trotzdem da sein (ähnlich wie gegenüber einem schlechten Priester). Es gibt ja den alten Spruch: „Man grüßt die Uniform, nicht den Träger.“ Der Respekt ist vor allem dann wichtig, wenn man direkt mit dem Amtsinhaber zu tun hat, der ja eben auch die Staatsgewalt repräsentiert; dem Staatsoberhaupt bei einer öffentlichen Veranstaltung ins Gesicht zu spucken wäre daher ein Stück weit schlimmer, als das bei einem privaten Feind zu tun. (Wobei auch das nicht schön ist.)

Der Moraltheologe Augustin Lehmkuhl bringt ein paar Beispiele (von mir und einem Freund aus dem Lateinischen übersetzt):

„Blasius, vom Wein erhitzt, wettert in der Kneipe vor seinen Freunden gegen Minister und Könige: Regierung und Herrscher seien nun abzuschaffen, Steuern ihnen zu verweigern, und sie verdienten es wohl, dass die Zahlung gegenüber den Bürgern zu verhöhnen sei, ferner, in der Öffentlichkeit bei der Ankunft des Königs sollten sich alle von Zeichen der Freude enthalten, im Gegenteil sollte man das Bild des Fürsten zu Hause verhöhnen und dem Diener befehlen, dass er ein solches öffentlich ausgestelltes Bild heimlich mit Dreck beschmiert.

Fragen:

1) Was sind die Verpflichtungen gegenüber Fürsten und der Verwaltung?

2) Auf welche Weise hat Blasius gesündigt?

Lösung

Zu Frage 1)

1. Die Untergebenen sind gegenüber jenen, die die öffentliche Gewalt innehaben, zur Unterordnung und zum Respekt verpflichtet.

2. Aufgrund der Unterordnung ist ihnen die Rebellion verboten, sie sind verpflichtet, sich an die gerechten Gesetze zu halten und die gerechten Steuern, die verlangt werden, zu entrichten; aufgrund der Ehrfurcht sind sie gehalten, den höheren und niederen Obrigkeiten Ehre zu erweisen, innerliche Verachtung und äußerliche Beschimpfung/Schmähung/Misshandlung sind ihnen verboten. Wie es die heilige Schrift darlegt im Brief an die Römer 13,1-7.

3. Sündhaft ist immer die Verachtung der Staatsgewalt [selbst]; die Verachtung der Person [des Amtsinhabers] ist sündhaft, wenn und insofern sie auch ohne gerechten Grund geschieht.

Zu Frage 2)

1. Wenn man die objektive Gegebenheit betrachtet, enthalten Blasius‘ Worte schwere Sünden gegen die Pflicht zur Unterordnung, da sie nach Rebellion riechen und durch das Aufstacheln zur Verweigerung der Steuern zur schweren Sünde anstiften. Subjektiv kann er von der Todsünde entschuldigt sein, wenn er weder von Herzen gesprochen hat noch mit der Gefahr, dass die anderen zu solchem Verhalten überredet werden, sondern nur aus einer gewissen eitlen Prahlerei.

2. Wenn sich Blasius von allen Ehrenbezeigungen enthalten hat, müsste man betrachten, aus welchem Grund er so gehandelt hat. Wenn er aus Verachtung der Autorität so handelt, sündigt er schwer. Wenn er wirklich einen gerechten Grund gehabt hat, was z. B. sein könnte, um seine Trauer und Empörung zu zeigen, wenn dem Volk oder der Religion etwas Schlechtes und Ungerechtes durch den Fürst angetan worden wäre, sündigt er nicht, im Gegenteil, es könnte eine Pflicht, so zu handeln, bestehen, damit nicht Freudenzeichen als Gutheißen der ungerechten Gesetze und der Unterdrückung der katholischen Angelegenheiten verstanden worden wären.

3. Das öffentlich ausgestellte Bild des Fürsten zu entehren ist sicher schwerwiegende Verachtung, weil der Fürst in seinem Bildnis angegriffen wird, und deswegen an sich schwere Sünde. Hier ist nicht der Ort, danach zu forschen, ob von außen ein Grund hinzukommen könnte, aus dem subjektiv keine schwere Sünde begangen wird.

Etwas Ähnliches zuhause oder privat, nicht vor anderen, zu tun, kann Todsünde sein aufgrund der innerlichen Verachtung, wenn jene tödlich sündhaft ist; wegen der [äußerlichen] Schmähung besteht keine schwere Sünde, denn diese Schmähung, damit sie existiert, muss entweder im Herzen der Person sich offenbaren, oder die Sache muss bekannt werden, oder man muss aus der Natur der Sache vorhersehen können, dass sie bekannt wird.

4. Den staatlichen Bediensteten, die im Namen des Fürsten den Staat regieren, gebührt freilich nicht dieselbe Ehrerbietung wie dem Fürsten; daher können ihre öffentlichen Taten frei diskutiert und sie für die entstandenen Dinge getadelt werden. Nichtsdestoweniger gebührt ihnen Ehre für ihren Dienst und gewiss muss man sich davor hüten, nicht durch zügellose Rede und auf zersetzende Weise die gemeinsame Liebe oder Gerechtigkeit zu beschädigen oder die Legitimität der staatlichen Grundordnung selbst zu erschüttern. Die Nächstenliebe, die ein jeder schuldet, kann auch verpflichten, dass man sich auf diese Weise vor offensichtlich unnützer Schmähung in der Regel hütet.“

Eine gewisse Rolle spielt vielleicht auch das, was man klassischerweise „Landesbrauch“ oder „Gewohnheit“ nennen kann. Z. B. wird eine normale Karikatur über einen Politiker heutzutage nicht als schwerwiegende Beschimpfung verstanden. Die Frage wäre eher noch, wie es sich verhält, wenn z. B. jemand auf Facebook oder in einem Leserbrief über „dieses Arschloch, den Ministerpräsidenten“ schimpft, angenommen, dass der jeweilige Ministerpräsident wirklich einiges Schlechte zu verantworten hat und persönlich auch nicht den Eindruck von Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit macht. Ich würde schon davon ausgehen, dass es zumindest eine lässliche Sünde wäre; man kann ein hartes Urteil auch ohne solche Beschimpfungen abgeben. Die innerliche Verachtung wäre hier keine Sünde, aber äußerlich sollte man wohl ein Mindestmaß an Respekt wahren.

Generell: Die Beschimpfung ist dann eine schwere Sünde, wenn man die Ehre eines anderen ungerechterweise in schwerwiegender Weise angreift, also z. B. jemanden als Nazi oder Verbrecher beschimpft, weil man eine persönliche Abneigung aus banalen Gründen gegen ihn hat. Eine leichte Beschimpfung („Wieso bist du jetzt so zickig??“) ist nur lässliche Sünde, auch wenn sie ungerecht ist und die angesprochene Person sich nicht wirklich zickig verhalten hat. (Unbekannte Sünden vor anderen bekannt zu machen, ohne dass es nötig ist, ist auch falsch, aber bei Politikern reden wir in der Regel eher von bereits öffentlichen Sünden, oder Sünden, die zu erfahren die Öffentlichkeit ein Recht hat.)

Wieso ich AfD wählen werde

So, ich oute mich jetzt mal: Bei der Bundestagswahl werde ich meine Kreuzchen bei der AfD machen. Ich weiß, das gehört sich nicht, bei „AfD“ muss man sofort zurückschrecken und klarstellen, dass die natürlich überhaupt nicht gehen. Aber, doch. Früher hätte ich das auch nicht getan, aber ich musste meine Ansichten ein bisschen revidieren.

Mein Gedankengang ist ganz einfach der: Das gravierendste Problem, das wir im Moment haben und das sich noch einigermaßen abmildern lassen würde, wenn man es angehen würde, ist das der massenhaften Einwanderung und der Verkleinerung des deutschen Bevölkerungsansteils, und um dieses Problem abzumildern, ist es taktisch am klügsten, die AfD zu wählen. (Gründe: siehe weiter unten.) Außerdem schneidet sie auch bei einigen anderen Problemen (auch bei solchen, bei denen eine wirkliche Lösung nicht in Aussicht steht, wie z. B. der Abtreibungsgesetzgebung) immer noch um einiges besser oder zumindest weniger schlecht ab als die anderen Parteien. Außerdem ist sie einfach in vielen Fällen dazu bereit, Opposition zu machen, was sich andere nicht trauen, gerade jetzt in Coronazeiten; das sorgt zumindest für ein gewisses Gegengewicht zu anderen Parteien. Ihr Wahlprogramm kann jeder lesen, und darin finde ich weniges, was ich ablehne. (Ein paar Sachen gibt es immer.) Die meisten Punkte – z. B. solche wie Volksentscheide auf Bundesebene, keine Änderung des Grundgesetzes ohne Volksentscheid, Begrenzung der Amtszeit von Abgeordneten und Kanzler, Ablehnung von Frauenquoten, Erhalt des Bargelds, Abschaffung mancher Steuern wie Erbschafts- und Grunderwerbssteuer, Betreuungsgeld für Eltern oder Großeltern in den ersten drei Lebensjahren eines Kindes, Kontrolle der Jugendämter, um unnötige Kindesentziehungen zu verhindern, Ablehnung von Leihmutterschaft, keine Geschlechtsumwandlungen bei Kindern und Jugendlichen, keine Legalisierung von Cannabis außer als Medikament, Erhalt des mehrgliedrigen Schulsystems und der Förderschulen, Förderung von Wohneigentum – gefallen mir.

Ich bin keine Spezialistin, was die inneren Querelen der AfD angeht, ich weiß nur, dass es da genug gibt, sicher auch genug Inkompetenz und persönliche Rivalitäten. Ich weiß, dass viele AfDler sich bei Wirtschafts- und Umweltthemen nicht ganz einig sind. Aber solche Querelen oder Debatten finde ich jetzt nicht dermaßen schlimm, das kann manchmal auch gut sein. Die Idee vom deutschen EU-Austritt finde ich relativ sinnlos, aber das kümmert mich eigentlich auch nicht sehr (und die Schuldenunion und die Idee vom europäischen Bundesstaat lehne ich auch ab). Bei finanzpolitischen Fragen kenne ich mich selber nicht sehr gut aus und kann deswegen die Parteien nicht gut beurteilen. Manche AfDler denken für meinen Geschmack zu isolationistisch (wenn sie z. B. grundsätzlich Auslandseinsätze der Bundeswehr ablehnen), aber auch das ist zu ertragen. Banal gesagt: Ich will nicht, dass noch mehr vierzehnjährige Mädchen von Algeriern oder Marokkanern vergewaltigt werden, die dann Bewährung bekommen und natürlich nicht abgeschoben werden. Ich will nicht, dass sich die Kölner Silvesternacht wiederholt, und Messerangriffe finde ich auch nicht so toll. Und ja, natürlich habe ich auch selber eine gewisse Angst vor so etwas. Angst ist manchmal sehr rational, man macht Kindern nicht ohne Grund Angst davor, die heiße Herdplatte anzufassen oder über die Straße zu gehen, ohne nach links und rechts zu schauen. Angst zu haben, bedeutet nicht automatisch, in Panik zu handeln, sondern kann auch das Fundament dafür sein, rational zu handeln, um eine reale Gefahr anzugehen. Und diese Gefahr ist mir jetzt erst einmal das Wichtigste.

Wieso das Einwanderungsthema so gravierend ist:

Erstens: Kriminalitätsstatisken kann man nicht ignorieren. Die sog. „Zuwanderer“ (Asylzuwanderer der letzten Jahre) sind einfach stark überrepräsentiert bei Mord, Totschlag, sexueller Gewalt. Nehmen wir allein Gruppenvergewaltigungen, von denen es in Deutschland mittlerweile zwei am Tag gibt: Die Hälfte der Täter haben keine deutsche Staatsbürgerschaft – hier sind Männer mit Migrationshintergrund, aber Staatsbürgerschaft, noch gar nicht eingerechnet. Afghanen allein beispielsweise machen 0,3% der Bevölkerung aus, aber 6% (also das 20fache) bei den Tätern bei Gruppenvergewaltigungen. In den Gefängnissen stellen Ausländer einen ziemlich überproportionalen Teil der Insassen.

Um das klarzustellen: Niemand sagt „Alle Flüchtlinge sind Verbrecher“. (Genau genommen ist das Hetze und Verleumdung, zu behaupten, jemand würde das sagen.) Es wird nicht mal gesagt „die meisten Flüchtlinge sind Verbrecher“. Aber es sind überdurchschnittlich viele.

Wenn in einem Land durchschnittlich 2% Rothaarige leben, aber in einer Region 15% Rothaarige, sind unter den Einwohnern dieser Region überdurchschnittlich viele Rothaarige im Vergleich zum Rest des Landes, auch wenn sie nicht die Mehrheit stellen. Und die Rothaarigen aus dieser Region werden einen auf jeden Fall überdurchschnittlichen, wahrscheinlich einen mehrheitlichen Teil der Rothaarigen dieses Landes insgesamt stellen. Ähnlich ist es bei Ausländerkriminalität.

Da kann man jetzt langwierig die kulturellen oder sonstigen Gründe untersuchen, es bleibt einfach eine Tatsache: Einige – natürlich nicht alle, aber numerisch gesehen so einige – dieser in den letzten Jahren neu gekommenen Einwanderer verachten den Westen, verachten vor allem westliche Frauen, und sind schneller zu Gewalt bereit als Deutsche, auch die, die noch nicht gleich die schlimmsten Verbrechen begehen. Und da kann man noch so sehr sagen „es gibt aber auch deutsche Verbrecher“ – ja, und deswegen sollen wir uns noch mehr Verbrecher ins Land holen? Dann geht es uns bestimmt besser. Außerdem kommen ja auch aus einigen Ländern gerade die Leute, die diese Länder gerne los sind und nicht die friedfertigen und strebsamen.

Viele dieser Männer zeigen auch ganz offen ihre Verachtung für den Westen insgesamt, und besonders für die westliche Zahnlosigkeit, die es ihnen erlaubt, das Ausländer- und das Sozialamt anzulügen, sich als 17jährige Syrer auszugeben, wenn sie 30jährige Algerier sind, und unter mehreren Identitäten Sozialhilfe zu kassieren. Wenn Deutschland meint, es mache sich hier mit Milde beliebt, irrt es gewaltig. Solche Leute sehen den Westen als degeneriert (wobei sie nicht völlig Unrecht haben, aber der Islam ist ebenfalls eine sehr degenerierte Kultur, siehe allein seine abartige höchstoffizielle Position zu Polygamie und Sexsklaverei) und götzendienerisch (weil er irgendwie noch als christlich gilt), sehen keine Gemeinsamkeit zwischen sich und uns, und erst recht keinen Grund zur Dankbarkeit gegenüber dem Land, das sie aufnimmt. Bestenfalls sehen sie es als ihr gutes Recht, von Deutschland versorgt zu werden, weil sie ein völlig verzerrtes Geschichtsbild haben, in dem der Westen grundsätzlich der böse Aggressor und Imperialist und sowieso schuld an allen Problemen in ihren eigenen Ländern ist (auch wenn diese Länder selber im Lauf der Geschichte wahnsinnig aggressiv waren und entweder nie/kaum unter westlicher Herrschaft standen oder unter dieser Herrschaft weniger unter Korruption, Gewalt und Armut gelitten haben).

Es ist okay, anzuerkennen, dass manche Leute, die behaupten, Schutz zu suchen und dann Messerstechereien begehen, nicht nur missverstanden, traumatisiert und eigentlich nett sind. Deutschland verhält sich manchmal wie eine hilflose alte Tante, die sich selbst einreden muss, dass ihr Neffe doch nur Spaß machen wollte, als er die Katze in Brand gesteckt hat, und bestimmt von seinen Freunden irgendwie unter Druck gesetzt wurde, als er am Busbahnhof Gras verkauft hat, statt zu Onkel Manfreds Beerdigung zu kommen. Es ist nicht böse, anzuerkennen, wenn jemand einem feind ist, und es ist erst recht nicht böse, für Verbrechen höhere Strafen als Bewährung zu geben, oder Verbrecher abzuschieben.

Leute lassen sich auch nicht schnell mal durch Integrationskurse umformen; sie haben immer noch ihren eigenen Willen. Wenn man andere Kulturen herholt, hat man diese anderen Kulturen da. „Die muss man nur integrieren und ihnen Sprachkurse, Arbeit und Therapien bieten“ ist lächerliches Wunschdenken, auf einer Stufe mit „Ich kann meinen Freund ändern, er will mich eigentlich gar nicht schlagen“.

Das gilt nicht nur für Kriminelle. Auch jemand, der nicht kriminell ist, eine anständige Ausbildung als Koch macht und Deutsch auf Stufe B2 spricht, wird deswegen nicht seine Überzeugungen aufgeben, weder die guten noch die schlechten.

Die meisten, die kommen, sind junge, unverheiratete Männer; und ein Überschuss an solchen Männern ist in jeder Gesellschaft gefährlich, vor allem, wenn sie unzufrieden werden, weil es eben doch, so reich Europa ist, in anderen Erdteilen immer überzogene Erwartungen daran gibt, was man hier bekommen kann, oder weil man nicht so richtig dazugehört.

Viele, die kommen, sind Muslime, und zwar überzeugte. Je mehr Muslime da sind, desto schwieriger ist es für andere Muslime, den Islam zu verlassen, und desto mehr Konvertiten zum Islam gibt es. Und auch wenn eine atheistische Gesellschaft an sich theoretisch schlimmer ist als eine muslimische: sie wieder christlich zu machen ist nicht so schwierig, wie eine muslimische wieder christlich zu machen. Für Muslime ist die Bedrohung, wenn sie den Islam wieder verlassen, viel zu groß. Und ich will in keiner muslimischen Gesellschaft leben.

Ich hatte auch schon meine Einblicke dazu, wie es in Ausländerämtern so funktioniert, und da ist es wohl ziemlich normal, dass bei Asyl und Migration getrickst wird, auch von Leuten, die sonst brav und nicht kriminell sind. Man denkt sich eben, uns kann Deutschland ja wohl auch noch aufnehmen, und denkt sich dann ein paar schlimme Details der Fluchtgeschichte aus.

Die Linken wollen, dass man hier wegschaut, aber im Grunde können sie es nicht leugnen, und ich glaube, in ihrem Inneren wissen sie, dass es diese Probleme gibt. Sie denken nur, dass man das alles nun mal in Kauf nehmen muss, weil man eine Pflicht hätte, diese Männer trotzdem aufzunehmen. Aber die hat man nicht. So eine Pflicht kann man gar nicht proklamieren; man kann nicht die halbe Welt aufnehmen, und wenn man das versucht, wird nur Deutschland zum Dritte-Welt-Land und in anderen Ländern ändert sich gar nichts. Die Leute, die hierherkommen, sind größtenteils nicht aus Kriegsgebieten geflohen, und wenn, dann haben sie zwischendrin schon so einige sichere Länder durchquert. Das ist einfach eine Tatsache. Es wäre etwas völlig anderes, wenn in Frankreich oder Polen plötzlich Krieg wäre, dann müssten natürlich wir helfen, nicht Syrien oder Afghanistan – aber wieso sollten nicht so reiche islamische Länder wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate mal ausnahmsweise Flüchtlinge aus ihrem eigenen Kulturkreis aufnehmen? Das ist natürlich Kalkül vonseiten dieser Länder, dass sie die Leute lieber nach Europa schicken; man hat selber keine Probleme damit, sie zu integrieren und weitet den islamischen Einfluss aus. Und wer nicht nur zu einer überdurchschnittlich kriminellen Gruppe gehört, sondern selber persönlich schwer kriminell ist, hat sein Gastrecht sowieso grundsätzlich verwirkt.

Natürlich sind die Durchschnittsmenschen in Nigeria oder Marokko ärmer; aber deswegen sind sie in aller Regel nicht am Verhungern und werden nicht persönlich verfolgt und gefoltert. Es gibt Grenzen dessen, wobei man helfen muss, und es gibt sinnvollere und weniger sinnvolle Weisen der Hilfe. Mit der sog. „Hilfe vor Ort“ erreicht man auch mehr mit weniger Geld. Ich glaube ehrlich gesagt aber auch nicht, dass es den politisch Linken wirklich darum geht, was am effektivsten hilft. Eher haben sie so eine grundsätzliche Neigung zum Masochismus, einen Hass auf ihr eigenes Land, wollen ihre Landsleute dazu zwingen, angebliche oder tatsächliche Sünden der Vergangenheit zu sühnen, und gehen davon aus, dass das, was Deutschland am meisten schadet und/oder es am ehesten weniger deutsch macht, das moralisch Beste sein muss. Dabei wäre es für alle besser, wenn diese Männer ihre eigenen Länder aufbauen würden. In Deutschland werden sie am Ende auch relativ entwurzelt sein und es schwer finden, dazuzugehören, und die nächste Generation wird noch weniger wissen, womit sie sich identifizieren soll. (Man könnte auch zynischerweise spekulieren, ob die linken Parteien sich einfach neue Wähler heranholen wollen, weil Migranten kaum konservativ wählen, aber ich weiß nicht, ob das so zentral ist.)

[Hier noch kurz zum Thema Afghanistan, das aufkam, als ich diesen Artikel schon fast fertig hatte: Ja, auch hier bin ich dagegen, Afghanen aufzunehmen, und das hat mehrere Gründe:

  1. Die Alternative lautet nicht „von den Taliban massakrieren lassen oder herholen“. Ich hätte absolut nichts dagegen, Nachbarländer wie Tadschikistan, Usbekistan oder Pakistan finanziell und/oder mit Hilfspersonal zu unterstützen, damit sie afghanische Flüchtlinge versorgen können. In diesen Ländern herrscht einigermaßen Sicherheit, und dort können Afghanen sich viel schneller in der Gesellschaft zurechtfinden. Teile der afghanischen Bevölkerung gehören ja auch zu den Volksgruppen der Usbeken und Tadschiken. Wieso soll man sie um die halbe Welt in ein völlig fremdes Land fliegen? Hier in den Nachbarländern wäre Unterstützung aber wirklich angebracht; man sollte sich nach einem so langen Militäreinsatz nicht einfach so davonstehlen, und auch schauen, dass die Hilfe ankommt und nicht bei irgendwelchen korrupten Regierungen versickert.
  2. Sobald es heißt, dass Deutschland afghanische Hilfskräfte der Bundeswehr aufnimmt, wird jeder Pakistani oder Iraner, der mal sein Glück in Europa versuchen wollte, sich auf einmal zur afghanischen Hilfskraft deklarieren, wie vor ein paar Jahren jeder Flüchtling ein Syrer war. Hilfe vor Ort bietet keine solchen falschen Anreize, aber hilft gleichzeitig effektiver.
  3. Auch die Afghanen, die vielleicht nicht von den Taliban kontrolliert werden wollen, die sogar Musik verbieten und denen das Kopftuch noch nicht Verhüllung genug ist, sind in aller Regel überzeugte Muslime und eine völlig andere Kultur gewöhnt als Europäer. Auch im Afghanistan vor den Taliban wurde die Konversion vom Islam zu einer anderen Religion mit der Todesstrafe bedroht, und das von der Bevölkerung weit überwiegend gutgeheißen.
  4. Die Leute, die mit der Bundeswehr und den übrigen ausländischen Streitkräften zusammengearbeitet haben, waren oft ja gerade diejenigen, die Afghanistan nach dem Truppenabzug vor den Taliban hätten verteidigen sollen. Sie haben sich selber als Soldaten usw. gemeldet und wurden ausgebildet. Afghanistan hatte eine hochgerüstete und zahlenmäßig starke Armee, die aber fast überall ohne Kampf kapituliert hat. Es geht doch hier um deren eigenes Land, da haben sie auch eine eigene Verantwortung, nicht nur ausländische Armeen. Und leider haben viele von diesen Soldaten einfach aufgegeben oder sind gleich zu den Taliban übergelaufen. Zum Vergleich: Die syrische Armee kämpft seit ungefähr 10 Jahren gegen hochgerüstete Terrorgruppen, und das erfolgreich. Und dann die ganzen Geschichten, die jetzt auf den Nachrichtenseiten auftauchen, von einzelnen Flüchtlingen, so gut wie immer Männern, bei denen es sehr häufig heißt, dass ihre Familien in Afghanistan zurückgeblieben sind. Krieg ist grässlich, Leute reagieren in Panik, aber wer, selbst wenn er Panik hat, würde Frau und Kinder einfach schutzlos zurücklassen? Mit anderen Worten: Nein, diese Leute sind nicht einfach hochverdiente, treue, moderat-liberal eingestellte Menschen, wie sie manchmal dargestellt werden. Das heißt absolut nicht, dass man ihnen nicht helfen soll, aber siehe Punkt 1.]

Man könnte gegen diese ganze Entwicklung jedenfalls noch einiges tun. Man könnte die Ausreisepflichtigen abschieben. Man könnte von den Leuten mit subsidiärem Schutz verlangen, dass sie in ihr Heimatland zurückkehren, wenn ihnen dort keine Gefahr mehr droht. Und vor allem: Man könnte in Zukunft die Grenzen dicht machen, und Asylanträge außerhalb des Staatsgebiets entgegennehmen, weil es immer schwieriger ist, Leute loszuwerden, wenn sie schon mal da sind. Das würde nebenbei auch die Anreize verringern, die Reise überhaupt zu probieren, was für weniger Tote auf den gefährlichen Routen sorgen würde. Man könnte mehr Anreize für einheimische Deutsche schaffen, Kinder zu kriegen – das sollte man sowieso machen, weil Kinderkriegen einfach eine gute Sache ist, das Leben ist gut. Man könnte auch legal Eingewanderte nach einer schweren Straftat abschieben, und legale Arbeitsmigration beschränken (z. B. entweder indem man die Anforderungen höher macht oder ein festes Kontingent für die Neuerteilung von Arbeitsvisen schafft, pro Jahr nur soundsoviele). Den Fachkräftemangel kann man auch mit Deutschen (oder zumindest EU-Bürgern) angehen, man kann mehr deutsche Jugendliche motivieren, die entsprechenden Ausbildungen zu machen (und die Jobs besser bezahlen). Wieso sollten wir den Brain Drain aus Indien ausnutzen?

Mit lauter solchen Maßnahmen, die niemandes grundlegende Rechte verletzen, könnte man den Teil der Bevölkerung, der aus ganz anderen Kulturen kommt, immer noch auf einem akzeptabel kleinen, nicht viel weiter wachsenden Niveau halten.

Tatsache ist, dass demographische Fakten sehr mächtig sind. Das, was man offiziell „Ersatzmigration“ oder „Bestandserhaltungsmigration“ nennt, ist nichts Unproblematisches: Eine ethnische Gruppe wird kleiner, eine wird größer, Mehrheiten verschieben sich. Und das erinnert an den alten Witz von der Regierung, die sich ein neues Volk wählen sollte. Wenn, ohne das Volk zu fragen oder zumindest ohne sehr gute Gründe, die Zusammensetzung des Volkes grundlegend geändert wird, ist das schlimmer als ein Putsch. Wenn China massenhaft Han-Chinesen in die Gebiete der Tibeter und Uiguren schickt, sehen auch linkere Leute das ein. Manche sehen es auch, wenn Italien lauter Italiener nach Südtirol schickt, gegenüber denen die deutschsprachige Minderheit schwächer werden soll. Demographie ist, selbst dann, wenn die einzelnen Menschen nichts dafür können, oft genug eine politische Waffe.

Ich liebe meine Heimat, das habe ich schon immer, auch, als ich noch nicht die AfD gewählt hätte. Ich könnte mich nicht wirklich zuhause fühlen, wenn ich mehr als 30-40 km von daheim entfernt leben müsste, auch wenn das immer noch mein Land wäre, und auch wenn es ein sehr schönes Land ist. Erst recht nicht könnte ich im Ausland wirklich glücklich sein, auch wieder egal, wie schön es da ist. Und ich liebe mein Land mit den Leuten, die dazugehören. Ich will nicht, dass auf einmal die Bevölkerungsmehrheit aus Afrikanern und Arabern besteht. Ich möchte auch nicht, dass sie auf einmal aus Argentiniern, Japanern und Mongolen besteht; Verbrechen und Verachtung verschlimmern die ganze Sache, und gegen die Einwanderung von Japanern hätte ich weniger, aber das wäre trotzdem nicht ideal. Minderheiten sind okay, nichts dagegen einzuwenden; aber die einheimische Bevölkerung sollte in ihrem eigenen Land doch die Mehrheit stellen dürfen.

Ich mache absolut nicht dem einzelnen Einwanderer (ob Flüchtling oder nicht), der herkommt, einen Vorwurf, er tut ja durch die Einwanderung an sich nichts Böses; aber Deutschland ist es (wie jedes andere Volk/Land auch) einfach wert, erhalten zu werden, in etwa mit der Bevölkerung, die es als historisch gewachsene ethnisch-kulturelle Gemeinschaft hat, und deshalb sollte Deutschland nur eine begrenzte Menge an Einwanderern hereinlassen. Deutschland ist historisch gesehen auch kein Einwanderungsland wie die USA, die sich (bis zu einem gewissen Grad) als Schmelztiegel, offen für alles, definiert haben. Die letzte große Einwandererwelle, die es aufgenommen hat, kam zur Zeit der Völkerwanderung, und jeder weiß, wie brutal und katastrophal die ablief. (Oder könnte es wissen.) Seitdem kamen höchstens mal ein paar polnische Erntearbeiter oder aus Frankreich emigrierte Hugenotten.

Ebenso wie bei Deutschland ist es bei anderen Ländern; wenn ich mich auf einmal für Japan oder Neuseeland begeistern würde, würde ich es auch akzeptieren, wenn ich bei deren strengen Systemen kein Visum kriegen würde. Japan ist das Land der Japaner, und die sollen entscheiden dürfen, wie viele Gäste sie haben wollen, und als Gast würde ich das japanische Volk (nicht nur den abstrakt gedachten japanischen Staat, sondern die konkreten Leute) auch respektieren.

Es ist absolut nichts daran auszusetzen, wenn mal ein Deutscher eine Nigerianerin heiratet und sie herzieht und die beiden ein paar Kinder haben, oder wenn mal ein australischer Spezialist für die Arbeit nach Deutschland zieht, oder wenn mal ein Brasilianer ein paar Jahre in Deutschland studiert. Gastschüler, ausländische Studenten, wirklich gebrauchte Fachkräfte, u. U. mal ein Kontingent aus besonders bedrohten Flüchtlingen – alles gut, da ist ein bisschen internationaler Kontakt auch schön und hilfreich, so im Sinne der gegenseitigen Ergänzung und Hilfe und „Völkerfreundschaft“, wie man das vor sechzig oder siebzig Jahren genannt hätte. Es kommt schlicht und einfach auf die Menge an. Der einzelne Einwanderer muss überhaupt nicht die Absicht haben, die Deutschen/Europäer zu ersetzen oder zu dominieren, aber im Endeffekt kommt es nun mal so, dass eine Gruppe desto mehr dominiert (gesellschaftlich, kulturell, politisch), je größer sie wird. Niemand hat was dagegen, mal einen Gast aufzunehmen, das kann sogar sehr schön sein, aber man will nicht, dass er noch seine ganze Verwandtschaft mitbringt. Niemand hat was dagegen, wenn mal eine neue Familie ins Dorf zieht, aber wenn auf einmal ganze Horden von komischen Hippies und Sektenmitgliedern herziehen, die bald die Ortschaft dominieren und die Immobilienpreise hochtreiben, ist man nicht mehr so erfreut. Sogar Linke sind gegen „Gentrifizierung“ von Stadtvierteln, wo die Ärmeren verdrängt werden.

Multikulturelle Gesellschaften schaffen viel eher Probleme, als dass sie sie lösen. Je weniger man gemeinsam hat, desto weniger fühlt man sich wie eine Gemeinschaft, und kann dann auch Probleme weniger leicht gemeinsam angehen. Man kann weniger leicht zusammen gegen ein tyrannisches Gesetz protestieren oder sich für Nachbarschaftshilfe zusammenschließen. Das wird einfach schwieriger, wenn man oft nicht mal dieselbe Sprache spricht und wenig Kontakt hat. Multikulturelle Gemeinschaften sind oft extrem zerstritten und gespalten; man schaue mal nur auf den Balkan. Natürlich kann man diese Probleme in gewissem Maß angehen, wenn jeder gerecht und wohlwollend ist, aber es bleiben zusätzliche Probleme, die man sich sparen könnte (solange man noch kann). Und in der Praxis ist nicht jeder gerecht und wohlwollend.

Es ist okay, wenn eine kleine Gruppe, die nicht wirklich dazugehört, als Gäste in einem Land lebt, für sich bleibt und weiterhin ihre eigene Kultur pflegt, aber nicht die der Mehrheit beeinflussen will, und ihr Gastland auch respektiert. (Ja, gegen solche kleinen Parallelgesellschaften habe ich tatsächlich absolut nichts, solange zu ihrer Kultur keine besonders schlimmen Praktiken wie Witwenverbrennung, Genitalverstümmelung von Mädchen oder Polygamie und Kinderehen gehören.) Es ist auch okay, wenn eine gewisse Zahl an einzelnen Einwanderern herkommt, die die inländische Kultur als neue Kultur annehmen und unter den Einheimischen aufgehen. Absolut okay. Aber eine große Masse an Einwanderern, die ihre Kultur behalten und sie den Einheimischen evtl. auch noch aufdrängen und diese Einheimischen verachten, ist etwas komplett anderes.

Ich möchte Ausländern niemals die Rechte nehmen, die ihnen zustehen; auch gute Beziehungen zu anderen Ländern sollte man sich erhalten, solange man irgend kann; aber Deutsche haben auch Rechte.

Man muss das Thema angehen, ohne mit irrationalen Abwehrreaktionen heranzugehen, und ohne sich darum zu kümmern, was die Nachbarn sagen könnten. (Die Wahlentscheidung selbst ist ja sowieso zum Glück geheim.) Wieso soll man die AfD nicht genauso rational bewerten können wie die CDU oder die SPD? Sobald das Kürzel „AfD“ fällt, zucken alle zurück, als handle es sich um den Leibhaftigen. Wieso? Nur, weil gepredigt wird, man müsste das tun.

Es ist auch wahltaktisch sinnvoll, die AfD zu wählen, auch wenn es keine realistische Chance gibt, dass sie an die Regierung kommt. Erstens: Der Slogan „Eine Stimme für die AfD ist eine Stimme für Rot-Rot-Grün“ ist Unsinn. Je mehr Leute Parteien wählen, die nicht Rot-Rot-Grün sind, desto weniger Chancen hat Rot-Rot-Grün, eine absolute Mehrheit zu bekommen; dafür ist es egal, ob man AfD oder CDU wählt. Und wenn es keine Mehrheit für Rot-Rot-Grün gibt, müssen eben wieder linke Parteien mit CDU, FDP oder Freien Wählern koalieren. Eine starke AfD-Fraktion im Bundestag kann aber außerdem dazu beitragen, schlechte Verfassungsänderungen zu verhindern. Wenn man noch ein paar Abweichler aus den anderen Parteien hat und die AfD geschlossen dagegen stimmt, bekommt eine solche Verfassungsänderung nicht die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit. Außerdem können auch Oppositionsparteien Druck machen, für Untersuchungen von Skandalen sorgen etc. Die AfD muss auch endlich normalisiert werden, man muss sich dem Versuch der Linken, das Overton-Fenster (den Bereich des Sagbaren) immer weiter zu verkleinern, entgegenstellen. Eine Oppositionspartei – vor allem, wenn sie genug außerparlamentarische Überzeugungsarbeit betreibt – kann allmählich die Überzeugungen der Bevölkerung und das Handeln der anderen Politiker verändern; das hat man an den Grünen gesehen. (Natürlich ist das schwerer, wenn man sämtliche Medien gegen sich hat, aber die öffentliche Meinung schwenkt manchmal sehr schnell um.)

Aber vor allem: Die AfD kann auch eine strengere Migrationspolitik durchgesetzt bekommen, wenn sie nicht an der Regierung ist, weil ihre Existenz und vor allem ein relativ gutes Abschneiden bei Wahlen eine permanente Drohung gegenüber den anderen Parteien ist: Wenn ihr noch mehr Migranten holt, wird die AfD noch stärker, also macht mal lieber die Grenzen nicht ganz so weit auf. Und das funktioniert nur, wenn auch genug Menschen bereit sind, zumindest als letzten Ausweg AfD zu wählen. Wenn die anderen Parteien wissen, dass sie sich darauf verlassen können, als alternativlos zu gelten, weil die AfD der Leibhaftige in Person ist, dann können sie ruhig durchziehen, was auch immer sie wollen.

Man kann auch einfach mit dem Ausschlussverfahren zur AfD kommen.

Dass SPD, Grüne und Linke überhaupt nicht in Frage kommen, ist von vornherein klar. Sie wollen durch die Abschaffung von § 218 StGB Abtreibung bis zur Geburt legalisieren, was gemäß den Erfahrungen anderer Länder für noch höhere Abtreibungszahlen als die jetzigen jährlichen 100.000 sorgen würde. Außerdem sind sie alle extrem pro-Einwanderung, wollen oft nicht mal Verbrecher und Terroristen abschieben, und haben nicht gut versteckte diktatorische Neigungen. Viele von ihnen sind pathologische Deutschlandhasser, die wahrscheinlich am liebsten nachträglich den Morgenthauplan vollstrecken würden. Die Linke will es übrigens verbieten, Kinder in eine Religionsgemeinschaft aufzunehmen – ja, das steht im Wahlprogramm.

Ich mache dagegen keinem einen Vorwurf, der die Freien Wähler wählt. Die sind echt manchmal besser als die Union, und Hubert Aiwanger ist, ganz im Gegensatz zu Markus Söder, ein Mann, der für einen Politiker recht sympathisch, ehrlich und standhaft wirkt. Vielleicht könnten die Freien Wähler im Bundestag einen guten Einfluss ausüben. Aber im Ganzen finde ich eben doch, dass sie zu wenig Opposition sind und zu viel Schlechtes mittragen, manchmal sogar extrem Schlechtes. Im Europaparlament haben die beiden einzigen Abgeordneten der Freien Wähler, Ulrike Müller und Engin Eroglu, für den Matic-Bericht gestimmt, der Abtreibung zum Menschenrecht deklariert.

Ich mache auch keinem einen Vorwurf, der die Union wählt mit der Begründung „dann haben die wenigstens in ihrer Koalition, mit wem auch immer sie sie eingehen, eine stärkere Position und der Weg zur grünlinken Neu-DDR wird ein bisschen verlangsamt“. Aber ich halte das für eine falsche Taktik, und halte es für völlig absurd, mehr von der Union zu erwarten als eine solche geringfügige Verlangsamung. Die Union war mal christlich, aber dann wurde sie zu einer bräsigen Partei, in der es hauptsächlich um Machterhalt und vielleicht noch eine gewisse Bürgerlichkeit und ein „aber nicht zu schnell mit den Reformen, Kinder!“ ging. Am Ende hat sie jede Reform, die die linken Parteien durchgeboxt haben, mitgetragen.

Ähnliches gilt für die FDP, von der man erwarten würde, sich gegen unverhältnismäßige Grundrechtseinschränkungen zu stellen; mehr als eine halbherzige Verlangsamung wird man nicht bekommen, wenn überhaupt. Dazu kommt, dass die FDP sowieso von grundfalschen Ideen ausgeht, was z. B. dazu führt, dass die JuLis Inzest und Leihmutterschaft legalisieren wollen. Vollkommen konsequent entsprechend der Grundideologie des Liberalismus.

Ich mache auch keinem einen Vorwurf, der eine wirklich christliche Kleinstpartei wählt, die kaum 1% zusammenbekommt, oder meinetwegen die Bayernpartei; aber ich halte das für eine verschwendete Stimme.

Der Punkt ist eben auch der: Ich glaube AfDlern/Rechten im Großen und Ganzen, was sie sagen; Leute zeigen früher oder später schon, was sie meinen. Und es ist lachhaft, so zu tun, als würde die AfD, wenn sie die absolute Mehrheit hätte, schnell mal ein paar Millionen Türken und Afghanen vergasen wollen. Vielleicht sind Linke ja so schnell bereit, bei anderen Verstellung anzunehmen, weil sie selber so daran gewöhnt sind? Ich sehe nicht, dass in der AfD massenhaft Leute wären, die jedes Mittel für gerechtfertigt halten würden, um Probleme anzugehen. Ich erwarte auch nicht, dass die Wahl der AfD für solches Unrecht sorgen würde wie z. B. Leuten, die auf legale Weise ohne Täuschung eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung bekommen haben und nicht kriminell werden, die Aufenthaltsgenehmigung einfach zu entziehen. Das Schlimmste, was sie aus meiner Sicht vertritt, ist die Forderung nach einem Kopftuchverbot an öffentlichen Schulen auch für Schülerinnen – diese Gewissensfreiheit muss man muslimischen Schülerinnen lassen, die sich ja die Schulpflicht nicht ausgesucht haben; ich würde auch nicht mitmachen, wenn man mich zwingen wollte, in der Öffentlichkeit mit Minirock oder Bikini zu erscheinen.

Man kann sie auch mit ähnlichen rechten Parteien im Ausland vergleichen, die schon länger etabliert sind und an Regierungen beteiligt waren oder sind. Ruft die FPÖ zu Pogromen auf?

Ja, ich weiß, dass es unter „Rechten“ auch Leute gibt, die die Nazis verharmlosen oder sie als Irrweg, aber gut verstehbaren Irrweg sehen, und dann auch die Leute, die noch radikaler sind. Aber Mainstream in der AfD scheint doch zu sein: Natürlich war das Dritte Reich sehr schlimm, aber deswegen war es nicht die einzige Inkarnation des Bösen, die es je in der Weltgeschichte gab, und es bringt nichts, deswegen noch bis in die dritte und vierte Generation Leuten einreden zu wollen, dass sie sich für ihre Nationalität schämen sollen, und in der deutschen Geschichte gibt es auch vieles, auf das man stolz sein kann. Manche werden dann eher auf das Kaiserreich stolz sein, manche eher auf das mittelalterliche Heilige Römische Reich deutscher Nation, aber Nazibewunderung sehe ich wirklich nicht in großem Ausmaß. Und ich werde nicht deshalb, weil auch ein Nazi die wählen könnte, weil er sie aus seiner Sicht als das geringste Übel sieht, eine Partei nicht wählen, die ich aus meiner Sicht als das geringste Übel sehe und die in vielen Dingen sogar sehr vernünftig ist.

Und na ja, es wurde schon oft gesagt, ist aber einfach wahr, dass die Linken heute jeden, der vor zehn Jahren übliche Meinungen vertreten hat, als Nazi sehen würden. Jemand wie Konrad Adenauer, den die Nazis 1933 von seinem Posten als Kölner Oberbürgermeister entfernt haben, wäre für sie ein absoluter Nazi.

Die AfD ist sicher nicht perfekt. Vor allem glaube ich nicht, dass es langfristig wirklich gut geht, wenn man seine Weltanschauung auf irgendetwas anderes als Jesus Christus baut, und die AfD besteht ja nicht nur aus Leuten wie Beatrix von Storch, sondern auch aus einigen rabiat antikirchlichen Konfessionslosen. (Wobei man sagen muss, dass es kein Wunder ist, wenn manche AfDler und AfD-Wähler einen redditmäßigen Antiklerikalismus vertreten, so verächtlich und verteufelnd, wie unsere lieben Bischöfe sie manchmal behandeln, ohne dass das irgendwie durch die unveränderliche Lehre der Kirche gerechtfertigt wäre.) Was mich auch ein wenig nervt, ist, wenn AfD-Politiker zu einer zynisch-realpolitischen Argumentation à la „Man muss auch mal egoistisch sein“ greifen, wenn sie ihre Positionen (z. B. dass man, um Deutschland zu schützen, nicht unbegrenzt viele Migranten herholen soll) wunderbar mit Moral und Gerechtigkeit begründen könnten. Aber ich wähle jetzt das Beste, was zu haben ist, und das ist die AfD.

Ich muss sagen, ich mag auch den neuen Spruch aus dem Wahlprogramm: „Deutschland. Aber normal.“ Einfach deswegen, weil es von den Leuten, die hier als normal gelten, absolut abgelehnt wird, zu sagen, irgendetwas wäre normal und anderes unnormal. „Normal“ bedeutet „Norm“, sprich, es gibt einen guten Zustand und einen schlechten. Ich finde es ehrlich gesagt großartig, wie man mit einem so völlig – na ja – normalen unaufgeregten Spruch manche Leute maximal provozieren kann. Das ist vielleicht kindisch von mir, aber es ist objektiv gesehen auch eine gute Taktik.

Und noch was: Ich habe keine Lust mehr, ständig aufzupassen, mit wem ich rede. Ich würde im sog. realen Leben einiges nicht öffentlich sagen, was ich hier sage, zumindest nicht so deutlich (allein schon, weil es in meiner Familie, die ich sehr liebe, auf ziemliches Unverständnis stoßen würde; und es ist moralisch nichts daran auszusetzen, eine harmonische Familie einer politischen Diskussion vorzuziehen, die eh nicht viel an Deutschlands Zustand ändern würde; da diskutiere ich mit meiner Familie lieber über die Religion, das ist schon Minenfeld genug). Und ich weiß auch, dass man vieles mit Disclaimern ausdrücken muss, damit es Leuten zumindest schwerer fällt, es zu verdrehen. Aber ich habe keine Lust mehr auf dieses Kontaktschuldgetue, und habe nicht vor, unfreundlich zu Leuten sein, weil „man nicht mit denen redet“.

Ich habe nichts gegen Leute, die nicht die AfD wählen. Wenn jemand was gegen mich hat, weil ich sie wähle, ist das seine Sache.

Pro-Life aus Sicht von Pro-Choice

Wenn Pro-Choicer (der beliebte Euphemismus für Abtreibungsbefürworter) versuchen, die Argumente von uns Abtreibungsgegnern in ihren eigenen Worten wiederzugeben, kommt da manchmal etwa das heraus:

„Ihr wollt doch nur Frauen dafür bestrafen, dass sie Sex haben – wenn sie Sex haben, müssen sie damit gestraft werden, dass ihr Leben zerstört wird und sie neun Monate lang ihre komplette körperliche Autonomie verlieren.“

Aus Pro-Life-Sicht wäre das etwa so, als würde man sagen „Wer will, dass Männer den Unterhalt für ihre Kinder zahlen, will sie doch nur dafür bestrafen, dass sie Sex hatten und ihre ganze finanzielle Unabhängigkeit ruinieren“ – völliger Blödsinn. (Wobei Väter unter normalen Umständen mehr Pflichten und auch mehr Rechte haben als bloß den Unterhalt zu zahlen, aber belassen wir es mal bei dem Beispiel.) Pro-Choicer versuchen so krampfhaft, das Kind, um dessen Beseitigung es hier eigentlich geht, zu vergessen, dass sie sich nicht mehr vorstellen können, dass andere an es denken. Nein, natürlich muss es darum gehen, die Frau zu bestrafen.

Aber ein Kind ist keine Strafe für eine Frau – die Existenz keines Menschen ist die Strafe für einen anderen. Es ist ein Mensch mit seinem eigenen Leben und seinen eigenen Rechten. Ein Kind ist einfach da, und verdient Fürsorge und Liebe statt Tötung. Wenn die Frau es beseitigen will, obwohl sie selber das Risiko in Kauf genommen hat, dass es überhaupt entsteht, ist das ein Umstand, der die Sache verschlimmert, aber nichts grundsätzlich ändert. Es gibt auch Fälle, in denen die Frau überhaupt nichts dafür kann. In der Serie „Jane the Virgin“ (von der ich nur die Vorschau gesehen habe und zu der ich weiter nichts sagen kann, das soll keine Schleichwerbung sein) wird eine junge Frau aus Versehen von ihrem Frauenarzt künstlich befruchtet und schwanger. In dieser Situation war sie überhaupt nicht verantwortungslos, hat nichts Falsches getan, aber trotzdem ist ihr Kind jetzt da und hat ein Recht auf Leben. (In der Serie bekommt sie es auch.)

Anderes Beispiel: Man hat einen Autounfall auf einer einsamen Straße, der andere Fahrer wird schwer verletzt, einem selbst passiert nichts. Jetzt ist man verpflichtet, dem anderen zu helfen und den Rettungsdienst zu rufen, egal, ob man schuld war. Wenn man Fahrerflucht begeht, nachdem man den Unfall fahrlässig verursacht hat, ist das noch schlimmer, aber man dürfte auch keine Fahrerflucht begehen, wenn nur unvorhersehbare Umstände (z. B. ein aus dem Wald herausstürmendes Reh) verantwortlich waren und man selbst nichts dafür kann.

Bei der Frage, ob man einen Menschen, der sich nichts zu Schulden kommen hat lassen, sondern einfach da ist (Notwehr ist etwas anderes), gezielt töten darf, ist es völlig gleichgültig, wie seine Existenz andere Menschen betrifft und ob die Umstände banal oder tragisch sind. Es spielt schlichtweg keine Rolle. Man kann darüber debattieren, wie man über mildernde und verschlimmernde Umstände debattiert, aber es lenkt eher von der eigentlichen Frage ab.

Menschen haben nicht Gott zu spielen und anderen ihr Leben zu stehlen, und Punkt.

8 Wochen altes Kind.

Notwendige Prahlerei und Heldenmut

In den letzten Tagen wurde auf Twitter ja sehr viel über Afghanistan geredet, und u. a. darüber, wieso die hochgerüstete und zahlenmäßig überlegene afghanische Armee so schnell vor den Taliban kapituliert hat, Soldaten sogar übergelaufen sind, und wieso Bilder vom Flughafen in Kabul vor allem Männer zeigen, die versuchen, zu Flugzeugen zu gelangen, fast keine Frauen und Kinder. Auf Äußerungen wie „ich würde nicht kampflos aufgeben“ oder „ich würde nicht meine Familie auf der Flucht zurücklassen“ kamen dann schnell Beleidigungen im Stil von „Du wärst sicher ein Feigling, laber doch nicht“.

Ich möchte eine These aufstellen, ganz unabhängig davon, was Leute in dem Chaos in Kabul getan oder nicht getan haben: Es ist nicht einfach überhebliche Prahlerei, wenn Leute sagen „Im Krieg würde ich nie allein fliehen und meine Familie zurücklassen“ oder auch „ich würde nie meine Kinder zurücklassen, um schneller vor einem Feuer zu fliehen“ oder auch „auch wenn mich ein antichristlicher Diktator oder ein islamischer Terrorist dazu zwingen wollen würde, würde ich niemals Christus verleugnen“.

Der Grund dafür: Es ist gut, sich drauf einzustellen, was einem selber theoretisch mal passieren könnte, und dass man dann mutig sein müsste, dass Gott einem auch die Kraft dazu geben würde. Viele Menschen werden irgendwann in schlimme Situationen kommen, welcher Art auch immer. Und es ist ja nicht so, dass alle Menschen in solchen Situationen nicht mehr sie selbst sind, Menschen können auch über sich hinauswachsen. Ich habe das Gefühl, wenn Leute über Heldengeschichten die Nase rümpfen, dann machen sie solche Geschichten in der Realität unmöglich, weil jemand gar nicht mehr an den Gedanken gewöhnt ist, dass er selbst so etwas tun könnte, oder dass man so etwas sogar von irgendjemandem verlangen kann. Da sollen alle auf ein moralisch möglichst tiefes Niveau heruntergezogen werden, damit sich keiner mehr schlecht fühlt, wobei man sich mit dem Gedanken „wenigstens sind wir nicht überheblich und bilden uns was auf unsere Tugend ein“ tröstet.

Deswegen würde ich z. B. auch gegenüber den Argumenten von Abtreibungsbefürwortern inzwischen deutlicher sagen „wenn ich vergewaltigt und davon schwanger werden würde, würde ich mein Kind niemals abtreiben, sondern es lieb haben, Babykleidung kaufen und einen Namen aussuchen, vielleicht Cäcilia oder Konstantin, wobei Clemens auch sehr schön wäre“. Ich bin kein besonders mutiger Mensch und heule schon bei Kleinigkeiten, aber in so einer Situation könnte ich mir tatsächlich nichts anderes mehr vorstellen – sogar so ein Kind zur Adoption freigeben kommt mir unschön vor und das möchte ich einfach nicht. Genauso würde ich sagen „Wenn mir ein Islamist drohen würde, mich zu erschießen, wenn ich nicht das islamische Glaubensbekenntnis aufsage, würde ich es nicht aufsagen“. Gut, das ist eine relativ einfache Situation, weil kurzer schneller Märtyrertod – vor Dingen wie Folter und Gefängnis hätte ich viel mehr Angst, wirklich sehr viel mehr. Aber auch da: Ich finde es wichtig, sich im Vorhinein – wer weiß, ob wir irgendwann noch mal Kriege oder Ähnliches erleben werden – klar zu machen, was man tun müsste. Das gilt natürlich auch für harmlosere Situationen, die man vorhersieht.

Natürlich: Wenn man selber anderen Vorhaltungen macht, muss man auch Vorhaltungen von anderen ertragen. Ich finde sehr wohl, dass Deutsche über Afghanen sagen dürfen: „Wieso hat die ausgebildete Armee nicht mal versucht, zu kämpfen? Und wieso lassen so viele Männer, die zum Flughafen fliehen, offensichtlich ihre Familien zurück?“ Aber genauso hat jeder Ausländer das Recht, zu sagen: „Wieso haben die deutschen Männer, sogar die Polizisten, den Frauen bei der Kölner Silvesternacht, die massenhaft bedrängt, gedemütigt und teilweise vergewaltigt wurden, nicht geholfen?“ Denn beides ist schlimm und feige, auch trotz der Situation.

Man muss natürlich hier zwei Dinge unterscheiden: In manchen Situationen sind heroische Taten wirklich notwendig, verpflichtend. Man darf nicht, wenn man gefoltert wird, Christus verleugnen, oder seine Freunde verraten, oder zustimmen, selbst irgendwelche Gräueltaten an anderen zu begehen. Das ist eine furchtbare Situation, aber dasjenige zu tun, wäre trotzdem sehr falsch, auch wenn die Zurechnungsfähigkeit gemindert wäre, und viele Leute im Lauf der Geschichte haben es geschafft, hier das Richtige zu tun. In anderen Situationen ist Heldenhaftigkeit mehr als das Geforderte, z. B. wenn es darum geht, als unbeteiligter Nicht-Polizist bei einer Messerstecherei dazwischenzugehen, um jemanden vor dem Tod zu retten, oder z. B. jemandem unter großer Gefahr vor einem gefährlichen Tier zu retten, oder eine Laufbahn beim KSK anzustreben. Man kann das nicht von jemandem verlangen und ihm sagen, er lädt Schuld auf sich, wenn er das nicht tut. Aber es ist eben trotzdem heldenhaft, gerade auch weil es mehr ist, als man verlangen kann, und solche Leute gehören gehörig gepriesen.

Und ich würde sagen, sogar wenn es um eine moralisch gebotene Heldentat geht, kann jemand, der diese Heldentat nicht geschafft hat, der feige und schwach war und eingeknickt ist, sich wieder aufrappeln, und die Leute bewundern, die es geschafft haben, sich an ihrem Beispiel aufrichten und sie ggf. um ihre Hilfe dabei bitten, stärker zu werden. So können wir uns gegenüber den Heiligen im Himmel verhalten, unter denen ja sehr viele Märtyrer sind; sowohl, wenn es um ein richtiges eigenes Martyrium geht, als auch, wenn man ein kleines Pseudo-Martyrium, z. B. Verleumdung oder Ausgrenzung wegen des Glaubens, aushalten muss (was sich evtl. gar nicht so klein anfühlen kann).

Ja, es ist sympathischer, wenn man nur bei Sachen, bei denen man sich einigermaßen sicher ist, dass man sie schaffen würde, sagt „ich würde das niemals tun“, und bei zweifelhafteren Sachen eher sagt „das wäre das Richtige, und ich hoffe, dass ich mit Gottes Hilfe die Kraft hätte, das zu tun“. Prahlerei kann eine Sünde sein – eine lässliche freilich. Aber es ist mir ehrlich gesagt sympathischer, wenn kleine Jungen herumprahlen, was sie als Ritter der Tafelrunde, Kreuzfahrer oder Entdecker getan hätten, als wenn sie sich weder was zutrauen noch anständige Helden als Vorbilder haben.

Charles-Philippe Larivière - detail of Battle of Ascalon, November 18, 1177.jpg

Noch ein kurzes PS zu Afghanistan, auch wenn das eigentlich nicht zum Thema gehört: Es ist erstaunlich, wie viele Leute hier wieder auf das linke Scheindilemma „Flüchtlinge in Afghanistan sterben lassen oder nach Deutschland holen“ hereinfallen – als wäre es keine Möglichkeit, die Nachbarländer Afghanistans dabei zu unterstützen, dass sie Flüchtlinge aufnehmen, sowohl finanziell als auch mit Hilfskräften, die auch vor Ort zusehen können, dass die Hilfe ankommt. Viele Afghanen gehören zu Volksgruppen, die auch in Pakistan, Usbekistan oder Tadschikistan leben, und könnten sich viel leichter in solchen Ländern zurechtfinden und ein neues Leben anfangen als in Europa.

Recht, Freiheit und Impfungen

Ich habe ja bis jetzt nicht so viel über Coronapolitik geschrieben. Am Anfang dieser ganzen Geschichte gab es ja schon einige schlimme Gesetze und Verordnungen, z. B. wenn Coronakranke allein sterben mussten, ohne dass jemand zu ihnen gelassen wurde, was ein absolutes Verbrechen war. Aber andere Maßnahmen konnte man noch gut und gerne für verhältnismäßig und ok halten, z. B. die Maskenpflicht. (Mich haben Masken nie sehr gestört, aber ich finde es ja auch ganz nett, meine hässlichen Zähne dahinter verstecken zu können.) Und bei den extremeren Bestimmungen konnte man denken, das sind Panikreaktionen, die hoffentlich bald aufgegeben werden, wenn man bessere Behandlungsmöglichkeiten hat. Man konnte sich ja auch mit vielem abfinden, vor allem, wenn man nur von den Verordnungen betroffen war, die nervig, aber eben nur nervig waren. Jetzt fallen mir nicht gerade viele Coronabestimmungen ein, die man noch als „verhältnismäßig“ hinbiegen könnte, und das Ganze geht jetzt schon anderthalb Jahre lang.

Jetzt soll es also für alles und jedes einen Impfnachweis oder einen Test brauchen, und die Tests sollen ab Oktober kostenpflichtig werden (während die Impfungen natürlich schön weiter von den Steuerzahlern gezahlt werden). Mit anderen Worten: Möglichst viel Schikane für alle, und eine Impfpflicht für die Armen, die sich keine ständigen Tests leisten können. Und wenn man arm ist und eine Krankheit hat, bei der eine schlechte Reaktion auf die Impfung wahrscheinlicher ist? Das interessiert nicht.

Das Interessante ist, dass es eine solche Testpflicht nicht mal Anfang 2020 gab – damals haben nach dem ersten großen Lockdown meistens die Masken gereicht, und zwar noch Stoffmasken, keine FFP2-Masken. Und damals wusste man weniger über Corona, hatte noch nicht sehen können, welche Medikamente am besten helfen, und es gab noch kaum Menschen, die eine Immunabwehr dagegen entwickelt hatten. Dazu kommt ja, dass die Varianten jetzt harmloser geworden sind (worüber nicht gern geredet wird).

Es bleibt einfach eine Tatsache: Diese Impfung ist und bleibt eine ziemlich neue Methode, konventionelle Impfstoffe sind noch nicht auf dem Markt, und so viele Impfnebenwirkungen, Fehlgeburten bei schwangeren Geimpften und Impftote gibt es bei keiner standardmäßigen Impfung. Auch wenn die meisten Geimpften mit leichten Nebenwirkungen davonkommen, es gibt solche Fälle nun mal gelegentlich. Und einem anderen Menschen vorschreiben, sich einen solchen Stoff mit teilweise unbekannter, möglicherweise schädlicher Wirkung in den Körper zu jagen, das dürfte man nur bei einer wirklich dringenden Notlage und sicherem Nutzen. Und die haben wir schlicht und ergreifend nicht. Hier hat jeder selbst das Recht, eine Risikoabwägung vorzunehmen.

Ich glaube nicht, dass irgendjemand, der mitdenkt, glauben kann, es ginge hier noch um das Chinavirus. Wie willkürlich die deutschen Reaktionen sind, kann man sehen, wenn man sich andere Länder ansieht, die die Maßnahmen aufgegeben haben – England oder Dänemark zum Beispiel. Nirgendwo sterben die Leute wie die Fliegen auf den Krankenhauskorridoren. Und in so gut wie vollständig durchgeimpften Ländern wie Israel steigen die Infektionen auch wieder an; irgendwie scheint dieses Virus den erwartbaren Gesetzmäßigkeiten nicht so ganz zu folgen, und irgendetwas stimmt hier nicht ganz.

Seltsamerweise gilt es als irgendwie „verschwörungstheoretisch“, davon auszugehen, dass Politiker bei diesen ihren Anordnungen irgendetwas falsch machen oder schlechte Motive haben könnten. Wieso eigentlich? Ich kann mir in diesem Fall einige unrühmliche Motive vorstellen. Manche wollen sich vielleicht einfach als besonders harte Kämpfer gegen Corona herausstellen, weil das mal eine der wenigen Gelegenheiten ist, bei denen sie sich trauen, sich als hart und kompromisslos aufzuspielen. Einige genießen vielleicht unterbewusst das Gefühl, so viel Macht über Millionen Menschen auszuüben, vielleicht sind sie deswegen überhaupt erst in die Politik gegangen. Vielleicht wollen sich viele auch nicht eingestehen, dass sie irgendwann überreagiert haben könnten und eskalieren deshalb immer weiter. Manche laufen wohl auch bei dieser Entwicklung mit, weil sie das parteipolitisch gesehen für ihre beste Chance halten und sich nicht unbeliebt machen wollen. Ich kann mir aber noch einen Grund vorstellen: Einige Grüne oder zum Grünentum Geneigte haben schon ziemlich deutlich gesagt, dass es bald ähnlich harte Einschränkungen brauchen könnte, um „die Klimakrise“ anzugehen. Solche Leute könnten relativ gezielt die Bürger an harte Einschränkungen in allen Bereichen des Alltagslebens gewöhnen, damit die sich später dran gewöhnt haben, wenn man ihnen noch mehr solche Gebote und Verbote aufzwingen will. Das sind verbohrte Ideologen, die ihre Ideologie durchbringen wollen, und dabei natürlich auch mal taktisch denken könnten.

[Zum Thema Ideologie: Ich denke nicht, dass es den Klimawandel nicht gibt, auch wenn ich keine Ahnung habe, was am Ende genau seine Auswirkungen sein werden, und viele Klimaforscher die wohl auch nicht haben – es wurde ja auch schon vorhergesagt, dass manche Inseln jetzt schon überschwemmt sein sollten, von Millionen von Klimaflüchtlingen und verschwundenen Gletschern gar nicht zu reden. Aber es ist eine verbohrte Ideologie, davon auszugehen, dass ein einzelner Staat, der für 2% des CO2-Ausstoßes auf der Welt verantwortlich ist, jetzt deswegen eine Diktatur einführen und sämtliche anderen Rechte und Werte hintanstellen müsste, und damit etwas an der Situation ändern könnte. Am Ende wird es das Klügste sein, moderate technische Veränderungen vorzunehmen, viele Bäume zu pflanzen und sich an ein verändertes Klima anzupassen; und wenn Leute behaupten, der Klimawandel würde das Leben auf der Erde unmöglich machen, haben sie nicht mal die Vorhersagen der Wissenschaftler auf ihrer eigenen Seite gelesen. Mehr alte Leute, die in den Sommermonaten an Hitzschlägen sterben – das kann man sich schon vorstellen. Ernterückgänge in Teilen Afrikas, Südasiens, Südamerikas, während die Erträge auf der Nordhalbkugel eher steigen – das auch. Eine unbewohnbare, verwüstete Erde wegen einem Temperaturanstieg von durchschnittlich 2 oder 3 Grad? Jeder weiß, dass das nicht so kommen wird. Durchschnittlich 3 Grad heißt eben wirklich nur durchschnittlich 3 Grad; d. h. wenn es im Sommer irgendwo schon 25-36 Grad und im Extremfall mal 40 Grad hatte, wird es dann eben 28-39 haben und im Extremfall mal 43; unangenehmer, aber aushaltbar.]

Hier ist einfach so viel totalitäres Denken am Werk, in das sich diese Gesellschaft immer weiter hineinsteigert; was man z. B. auch sieht, wenn Politiker die Leute anstiften, ihre Familienmitglieder und Freunde so lange zu nerven, bis die sich impfen lassen. Jeder müsse „für die Impfung werben“ (können diese Leute sich vorstellen, dass man Werbung kennen kann und das Produkt trotzdem nicht kaufen will?). Schlimm ist natürlich, wie viele Leute darauf vertrauen, dass im Grunde in Deutschland nichts absolut falsch laufen kann, und denen gar keine wirklichen Bedenken deswegen kommen, und schlimmer ist, wie viele unangenehme Leute jetzt die Möglichkeit nutzen, sich als die Lieblinge des Staates aufzuspielen und über alle sog. „Impfgegner“ und „Coronaleugner“ zu lästern.

Und was kann man da machen? Nicht so viel. Nicht, wenn man nur einer von 80 Millionen ist, die jetzt mit diktatorischen Gesetzen klarkommen müssen.

Es ist keine Sünde, sich aus einem ernsthaften Grund impfen zu lassen (auch wenn die meisten dieser Impfstoffe unter ethisch komplett widerlichen Bedingungen hergestellt wurden), und ein ernsthafter Grund ist auch, es zu tun, weil man endlich wieder ein normales Leben haben und nicht im Extremfall noch seinen Job verlieren will. Die Einschränkungen der letzten anderthalb Jahre sind nicht normal, und Menschen sollten nicht so leben müssen; es ist erlaubt, etwas an sich Erlaubtes zu tun, um das zu erreichen. Aber ja, ich sehe es als besser, sie rein aus Trotz schon nicht zu nehmen. Ich habe vor, sie möglichst lange nicht zu nehmen. Vielleicht werde ich mich mit einem der konventionellen Impfstoffe impfen lassen, falls die 2022 rauskommen. Aber ich mache mir wirklich Sorgen. Das hier ist keine gute Entwicklung, und sie hat nicht bei diesem Thema angefangen (totalitäres Denken sieht man auch Themen wie Antirassismus und LGBTQ), und wird auch dabei nicht stehen bleiben. Alles in allem kann man sich wohl auf eine ziemliche DDRifizierung gefasst machen, und das macht mir schon Angst. Diese Angelegenheit zeigt eben auch, wie schnell eine Verfassung mit ihren Rechten einfach ignoriert werden kann, ohne irgendwelche offenen Änderungen oder Machtergreifungen.

Von Kameltreibern und Spitzeln

Deutschland hat einen neuen Skandal gefunden: Patrick Moster, ein Radsporttrainer, hat einem deutschen Radler bei den Olympischen Spielen während eines Radrennens zugerufen „Hol die Kameltreiber! Hol die Kameltreiber! Komm!“, um ihn anzufeuern, seine algerischen und eritreischen Konkurrenten einzuholen. Die Medien stürzen sich auf die Aufnahme, der mittlerweile übliche Shitstorm beginnt, Moster bringt die mittlerweile übliche reuevolle Entschuldigung vor, was natürlich niemanden besänftigt, und wird von seinem Verband vorzeitig nach Deutschland zurückgeschickt.

Das Ganze ist ekelhaft. Irgendein beliebiger Mann wird ins Rampenlicht gezerrt und wie ein Aussätziger behandelt. Wenn es um einen französischen Konkurrenten gegangen wäre, und er „Hol die Froschfresser“ gerufen hätte, hätte man irgendetwas davon gehört? Natürlich nicht.

Das Perfide daran ist, dass auch Leute, die eigentlich gegen linke Hetzjagden sind, sich hier manchmal davon anstecken lassen, um nicht selbst als rassistisch zu gelten, und sich schnell „distanzieren“ und erklären, wie schlimm sie so eine „Entgleisung“ finden. Nicht, dass sie gar keine Entschuldigung dafür hätten: Der Ausdruck ist herablassend und gehört sich nicht. Und? Da könnte man jeden in Acht und Bann stellen, der schon mal „Arschloch“ gesagt hat. Unhöflichkeit gegenüber Ausländern ist keine besondere Form der Unhöflichkeit, und kein Kapitalverbrechen. Wie können Leute so offensichtlich jeden Sinn für Verhältnismäßigkeit verlieren? Der Zweck des Strafverteidigers vor Gericht ist es ja auch nicht nur, Unschuldige vor einer Bestrafung zu bewahren, sondern auch, Schuldige vor einer unverhältnismäßigen Bestrafung zu bewahren. (Auch wenn es bei unseren Gerichten ja mittlerweile so ist, dass Schuldige in aller Regel eine unverhältnismäßig geringe Strafe bekommen, aber das ist nicht der Punkt.)

Auch ein Trainer eines Profi-Radlers ist keine Person, die enorm im Rampenlicht steht, und bei der man jedes Wort belauschen darf. (Nicht, dass man das bei Personen, die enorm im Rampenlicht stehen, tun sollte.) Das erinnert an Leute, die heimlich mitfilmen, wie ihre Eltern irgendetwas „Rassistisches“ oder irgendetwas Rassistisches sagen und das dann auf Tiktok oder Twitter stellen. Die Öffentlichkeit hat nicht das Recht, jede kleine private Sünde – auch wenn es eine Sünde ist – zu erfahren, und man hat nicht das Recht, auf diese Weise jemandes Ruf zu schädigen. Hätte es früher irgendjemand entschuldbar gefunden, überall herumzuerzählen, dass der eigene Vater „Herrgott Sakrament, der blöde Hund läuft mir ständig zwischen die Beine“ gesagt hat, auch wenn man das als Sünde gesehen hätte? Natürlich nicht.

Petzen und Spitzel und in geringerem Ausmaß auch Leute, die sich auf die Seite von Mobbern stellen, weil sich ja auch irgendwas am Opfer findet, wegen dem sie sich sagen können, dass es irgendwie selber am Mobbing schuld ist – solche Leute verhalten sich ekelhaft.

Letztere – ich hab den Fehler auch schon gemacht – tun das nicht immer ganz bewusst. Sie wollen vielleicht wirklich fair sein – aber sie sind es nicht. Und unterbewusst lassen sie sich sicher in gewissem Maße von dem Motiv leiten, sich nicht bei den Mobbern unbeliebt machen zu wollen.

Außerdem lassen sie sich von einer sehr undurchdachten Taktik leiten. Wenn keiner mehr die Boomer mit losem Mundwerk verteidigt, stürzen sich die Mobber natürlich auf das nächste Opfer, und das kann sehr wohl der sein, der das erste Opfer nicht verteidigen wollte. Ob sich dann an ihm auch eine kleine Sünde findet oder er eigentlich ganz unschuldig ist, wird dann keinen mehr kümmern.

Es gibt kein drittes Geschlecht

Bei Menschen kann man zwei große Gruppen unterscheiden:

1) die, deren Körper grundsätzlich Eizellen hat/haben könnte/gehabt haben könnte („Frauen“ genannt)

2) die, deren Körper grundsätzlich Spermien hat/haben könnte/gehabt haben könnte („Männer“ genannt)

(„haben könnte“, weil es manchmal Fehlentwicklungen geben kann, und „gehabt haben könnte“, weil Embryonen manchmal sterben, bevor sich diese Organe entwickeln, und es auch schon geborene Leute gibt, denen sie aus irgendeinem Grund, z. B. Krebs, herausoperiert werden mussten; das ändert aber an dem grundsätzlichen Wesen dieser Leute nichts. Im Bauplan einer Katze ist angegeben, dass sie vier Beine hat, aber wenn sie eins verliert, wird sie nicht zur Nicht-Katze, sondern zur verstümmelten Katze.)

Es gibt schlichtweg keine Menschen, deren Körper beides produziert/produzieren könnte; keine wirklichen „Zwitter“, die sich selbst befruchten könnten, nicht mal als seltene Abweichung. (Während es das bei manchen Tieren gibt.) Und es gibt auch keine Menschen, die in keine dieser beiden Gruppen passen.

Was es gibt, sind Menschen, bei denen diese Merkmale wenig oder seltsam ausgeprägt sind oder die auch Sekundärmerkmale haben, die typisch für die andere Gruppe sind. Z. B. kommen unter sog. Intersexuellen Männer mit Mikropenis und Frauen mit übergroßer Klitoris vor. Menschen mit Agonadismus sind genetisch ganz normal männlich (XY-Chromosomen) oder weiblich (XX-Chromosomen), aber wegen einer Fehlbildung entwickeln sich die Keimdrüsen (Eierstöcke/Hoden), die sie gehabt haben könnten, nicht. Das Turnersyndrom ist eine Krankheit bei Frauen, die auch gut als Frauen erkennbar sind, denen aber ein Chromosom fehlt (d. h. sie haben nur ein X-Chromosom statt zwei) und die unfruchtbar sind. Männer mit dem Klinefelter-Syndrom haben ein X-Chromosom zu viel (d. h. XXY-Chromosomen), verkleinerte Hoden und einen Testosteronmangel und sind oft, aber nicht immer, unfruchtbar, aber sie sind Männer, und deutlich erkennbar als Männer. Beim Swyer-Syndrom bilden sich bei einem genetisch männlichen Embryo wegen einer Störung keine männlichen Keimdrüsen (Hoden) aus, und dann entwickelt sich der Körper weiterhin auf eine gewissermaßen weibliche Weise, bildet also eine Art Vagina und Gebärmutter aus, aber keine weiblichen Keimdrüsen (Eierstöcke). Jungen mit Swyer-Syndrom erscheinen anhand der äußeren Genitalien als Mädchen, ihr übriger Körper wirkt eher männlich, sie erleben keine Pubertät und sind unfruchtbar. Bei einem 5α-Reduktase-Mangel werden Jungen geboren, die zuerst wie Mädchen wirken, weil ihre Hoden zunächst im Körper verborgen sind und sich ihr Penis nicht entwickelt hat, die dann aber eine männliche Pubertät durchmachen und dann auch nach außen hin wie Männer aussehen.

Intersexuelle sind oft unfruchtbar, sehen manchmal sicher auch seltsam aus, aber sind nicht a-geschlechtlich – höchstens stecken sie zwischen zwei genau bestimmbaren Geschlechtern und haben Merkmale von beiden, aber im Grunde gehören sie immer noch klar zu einem der beiden.

Transpersonen wiederum sind etwas völlig anderes als Intersexuelle – nämlich Menschen, die körperlich klar einem Geschlecht zugehörig sind und keine solchen Gendefekte haben, die aber psychisch einfach nicht mit ihrem körperlichen Geschlecht klarkommen. Geschlechtsdysphorie ist nicht gleich Intersexualität.

Männer und Frauen kann man bezeichnen, wie auch immer man will: Sie bleiben trotzdem in der Realität als abgegrenzte Gruppen bestehen; und das wird man auch niemals ändern können. Auch Operationen, bei denen z. B. Männern die Geschlechtsteile abgeschnitten werden und eine künstliche Öffnung zwischen ihren Beinen geformt wird, ändern daran nichts und können auch nicht dazu führen, dass jemand sich als das andere Geschlecht fortpflanzen könnte.

Transgenderideologen kommen manchmal mit folgendem Argument, um die klare Abgegrenztheit der Kategorien „Mann“ und „Frau“ zu verunklaren: „Hast du deine Chromosomen testen lassen? Weißt du, ob in deinem Körper wirklich Eizellen sind? Siehst du, du gehst einfach davon aus, dass du eine Frau bist, du fühlst es einfach, wie Transpersonen es auch fühlen.“ Das ist aber erstens Blödsinn und zweitens Gaslighting. Bei einem normal aussehenden Nutellaglas muss ich es nicht erst bis unten auslöffeln, um davon ausgehen zu können, dass auch im ganzen Glas Nutella ist, oder es vielleicht nur innen dunkelbraun angemalt ist. Und als durchschnittliche Frau kann ich davon ausgehen, dass Merkmale, die etwas mehr äußerlich sind, schon zeigen, was weiter innen ist (abgesehen davon, dass gerade in der Pubertät, bei frauenärztlichen Untersuchungen, bei Bauchoperationen oder bei Gentests ja innere Auffälligkeiten entdeckt werden würden, aber in den seltensten Fällen entdeckt werden). Es gibt extrem seltene Fälle, in denen man sich bei der Geschlechtsbestimmung irren kann – aber nicht deshalb, weil das Neugeborene ein drittes Geschlecht hätte, sondern eben, weil es wegen einer seltenen medizinischen Fehlentwicklung schwer zu sehen ist, zu welchem Geschlecht es gehört. Normalerweise kann man sich da aber sicher sein.

Das Geschlecht kann körperlich eindeutig bestimmt werden, und jeder Mensch hat ein bestimmtes Geschlecht.

Selbst die LGBTQ-Bewegung geht irgendwie davon aus, indem die Kategorien jetzt eben nicht mehr „Mann“ und „Frau“, sondern „Cis-Mann“, „Transfrau“, „Cis-Frau“ und „Transmann“ heißen; und „Cis-Frauen“ und „Transmänner“ zusammengenommen sind einfach nur das, was man früher als „Frauen“ bezeichnete, und „Cis-Männer“ und „Transfrauen“ zusammengenommen einfach nur das, was man früher als „Männer“ bezeichnete. Man kann Begriffsverschiebungen durchführen, ohne den Realitäten dahinter zu entkommen.

Und auch die Versuche, aus Geschlecht ein „Spektrum“ zu machen, oder „divers“ als drittes Geschlecht einzuführen, gehen ja immer noch zutiefst von der Geschlechterdualität aus. Transgender – ich will zum anderen der zwei Geschlechter gehören. Genderfluid – ich will mal zu dem, mal zu dem der zwei Geschlechter gehören. A-gender/Non-binary – ich will zu keinem der beiden Geschlechter gehören. Man kann kein genuin drittes Geschlecht mit einer ganz eigenen Rolle erfinden, weil es nun mal bei der Fortpflanzung der Menschheit nur zwei Rollen gibt.

Das, was die zwei Geschlechter grundsätzlich unterscheidet, ist ihre Rolle bei der Fortpflanzung. (Und wenn man über die redet, könnte man gefälligst mal aufhören, so zu tun, als wäre sie eine unwichtige Sache, eine rein pragmatisch-materielle Geschichte. Hier geht es darum, neue einmalige Menschen zu machen, deren Seelen ewig leben werden. Natürlich sind diese Unterschiede wichtig.)

Andere Unterschiede gehen normalerweise damit einher, aber nicht in allen Fällen: Frauen entwickeln Brüste, Männer nicht; Männer sind fast immer stärker als Frauen; Männer sind im Durchschnitt körperlich aggressiver und gehen mehr Risiken ein, Frauen sind angepasster; Männer denken sachlicher und Frauen personenbezogener; usw. Diese Merkmale bestimmen nicht das Geschlecht, sondern sind seine Ausprägungen. Auch eine flachbrüstige, groß und breit gebaute Frau, die unsere Großeltern als „Mannweib“ bezeichnet hätten und die gerne Extremsport betreibt, bleibt eine Frau. Es ist generell nicht schlimm, wenn man nicht alle diese Ausprägungen hat, es gibt keine moralische Verpflichtung, einem bestimmten idealtypischen Bild genau zu entsprechen; aber die meisten Menschen haben zumindest viele davon und diese Dualität, diese gegenseitige Ergänzung von Männern und Frauen, ist auch gut so. Sie ist u. a. auch deswegen gut, weil sie der Rolle bei der Fortpflanzung zugutekommt: Frauen stillen das Kind und kümmern sich direkter um es; Männer, die unabhängiger vom Kind und körperlich stärker sind, beschaffen derweil den Lebensunterhalt für Frau und Kind. Aber diese gegenseitige Ergänzung und Verschiedenheit ist auch in anderen Lebensbereichen nützlich, und generell ist es gut, wenn man sich hier mit seiner jeweiligen Rolle identifizieren kann.

Zuletzt gibt es rein äußerliche Merkmale, die von Menschen selbst festgelegt sind, und mit denen Frauen und Männer sich voneinander abgrenzen – z. B. dass nur Frauen Röcke tragen (außer in Schottland). Ein Mann, der sich im Fasching zum Spaß einen Rock anzieht und sich Lippenstift auf die Lippen malt, bleibt genauso sehr ein Mann wie einer, der sich ernsthaft einen Rock anzieht und sich Lippenstift auf die Lippen malt, weil er gerne eine Frau sein möchte. Es ist aber auch gut, dass es diese Merkmale gibt; so, wie es gut ist, dass es überhaupt Begrüßungsrituale oder Tischsitten gibt, auch wenn die von Kultur zu Kultur unterschiedlich sein können, man manchmal zum Spaß darauf verzichten kann und sie sich ändern können. Man muss auch hier nicht immer total stereotyp sein; aber sich ernsthaft – nicht nur im Fasching – als das andere Geschlecht zu verkleiden, weil man wie dieses Geschlecht wirken will und seines hasst, ist falsch, weil das Motiv dahinter falsch ist.

Gott hat einem ja ein Geschlecht zugewiesen. Das waren nicht die Eltern oder ein Arzt, es war Gott. Und Schwierigkeiten dabei, sich mit dem Geschlecht, das man nun mal hat, zu identifizieren, sind dasselbe wie andere Schwierigkeiten dabei, mit dem Leben, wie es nun mal ist, zurechtzukommen, z. B. Autismus oder eine Angststörung. Die Realität zurechtzubiegen ist dabei ebenso so sinn- wie aussichtslos; man muss eben irgendwie mit ihr zurechtkommen; und solange man nichts wirklich Falsches tut, ist es auch nicht schlimm, wenn man dabei ab und zu etwas seltsam auf andere Menschen wirkt. Aber wenn man ein Mann ist, ist man ein Mann, wird ein Mann bleiben und sollte nicht versuchen, sich ernsthaft als Frau zu präsentieren. Wenn man sich wie ein ungewöhnlicher Mann verhält, ist das eine Sache; wenn man vorgibt, eine Frau zu sein, eine andere.

In der ganzen Debatte ums Transgendertum werden ja auch viele andere Realitäten oft zurechtgebogen – z. B. die Tatsache, dass die Zahl von Kindern, die sich als transgender identifizieren, in den letzten fünf Jahren um ein Vielfaches gestiegen ist, und dass oft innerhalb derselben Klasse oder Gruppe andere Kinder, die bisher keine Geschlechtsdysphorie hatten, sich davon anstecken lassen. Sich als transgender zu identifizieren (etwas, von dem man vorher gar nicht wusste, dass es das gibt) kann als Ausweg aus Schwierigkeiten erscheinen, als Möglichkeit, jemand ganz anderer zu werden. Sog. Rapid Onset Gender Dysphoria ist gut dokumentiert. Und in vielen Fällen werden solchen Kindern dann schon vor der Pubertät einfach Pubertätsblocker gegeben, die den Körper schädigen und unfruchtbar machen. Psychologen und Ärzte wollen ja nicht transfeindlich wirken. Auch gerne übersehen werden die Menschen, die nach einer Transition gemerkt haben, dass es nicht funktioniert, und sie es eigentlich doch nicht wollen, und die wieder ihre ursprüngliche Identität angenommen haben. Auch übersehen wird gerne, dass es unter Transfrauen auch einige Männer mit Autogynophilie gibt, d. h. Männer, die sexuell von der Vorstellung von sich als Frau erregt werden; nicht nur Männer, die sich einfach als Frauen fühlen. Auch übersehen wird gerne, wie aggressiv gerade Transfrauen oft gegenüber Frauen werden, die keine biologischen Männer in Damentoiletten, Frauenhäusern und Frauengefängnissen wollen, also Orten, wo Frauen besonders verletzlich und ausgeliefert sind. Auch übersehen wird gerne, dass die enorme Selbstmordrate unter Transpersonen (um die 40%) nach einer Geschlechtsumwandlung nicht nach unten geht. Und das darauf zu schieben, dass einfach die Unterdrückung noch immer so schlimm wäre, funktioniert nicht ganz – eine solche Selbstmordrate können wahrscheinlich nicht mal Sklavinnen beim IS vorweisen.

Es geht hier nicht um Menschen, die einfach innerlich schon immer sicher waren, dass sie zum anderen Geschlecht gehören (wie will man überhaupt wissen, wie es sich anfühlt, etwas zu sein, das man nie war?), und die dann glücklich und zufrieden sind, wenn sie das endlich leben können. Das ist nicht alles harmlos und nett, genauso wie Homosexualität nicht Händchenhalten ist. Auch wenn man gerne so tut, als wäre es das.

Wieso man als Katholik nicht libertär sein kann

Unter Katholiken findet man ja bei einigen Dingen eine gewisse Meinungsvielfalt, z. B. auch bei der Politik. Und das ist auch manchmal ganz schön. Aber manchmal geht das in etwas seltsame Richtungen, z. B. wenn Leute unironisch den Libertarismus annehmen.

Der Libertarismus ist ja nicht nur einfach wirtschaftsliberal, sondern leugnet komplett die Notwendigkeit des Staates: Die Autorität des Staates soll z. B. durch freie Privatstädte ersetzt werden, wo die Besitzerfirma die Regeln aufstellt und Verbrechen entsprechend bestraft; Krankenversorgung und Ähnliches ganz durch private Versicherungen und Krankenhäuser; Schulbildung ganz durch private Schulen. Idee dahinter: Man spart sich die Steuern und zahlt nur für das, was man will; dabei sorgt der Wettbewerb für angemessene Preise und Qualität und jeder kann zu dem wechseln, was er gerade will. Nur freiwillige Verträge zwischen grundsätzlich Gleichberechtigten sollen die, die sie abschließen, binden, keine übergeordnete Staatsmacht soll ihr untergeordneten Bürgern etwas befehlen. Der Libertarismus versteht sich quasi als vollendete Form der Selbstregierung; nicht wie die standardmäßige Demokratie, bei der auch in der direkten Demokratie Mehrheiten über Minderheiten herrschen und letztere nicht selbstbestimmt sind.

Das kann in der Theorie erst mal ok klingen, funktioniert in der Praxis freilich nicht (dazu unten), aber für Katholiken kommt es grundsätzlich sowieso nicht in Frage, weil es sich einfach nicht mit der kirchlichen Lehre vereinbaren lässt. (Was einem ja schon mal sagen sollte, dass er nicht funktionieren wird, ebenso wie beim Sozialismus.)

Einige Katholiken, insbesondere liberal oder libertär Gesonnene, scheinen ja die Ansicht zu haben, die Kirche solle sich nicht in die Politik einmischen, sondern sich rein um die Seelen kümmern und sich auf diesen ihren Bereich beschränken. Da ist ein ziemlicher Denkfehler drin. Zwar sollen Bischöfe sich nicht in sämtliche tagespolitischen Fragen einmischen, aber bzgl. der Grundsätze gilt, dass jede politische Gemeinschaft sich nach dem Guten richten sollte, und nicht nach dem Schlechten, und das Gute ist nun einmal identisch mit Gott. Christus soll nicht nur im stillen Kämmerlein herrschen, sondern auch über die Taten der Menschen, ob das jetzt individuelle oder gemeinschaftliche Taten sind. Die Seelen der Menschen werden ja beeinflusst durch das, was sie in der Öffentlichkeit tun, erlangen dadurch Verdienst oder werden dadurch mit Schuld belastet. Und die Kirche Christi kann nun mal nicht den Libertarismus gutheißen, und war immer sehr klar in Bezug darauf, dass der Staat erstens notwendig ist und zweitens nicht nur dazu da ist, Freiheiten zu verteidigen, sondern z. B. auch dazu, die Schwachen zu schützen und die objektive Gerechtigkeit aufrechtzuerhalten.

Damit man sieht, dass ich mir das nicht aus den Fingern sauge, hier mal eine Zusammenfassung von ein paar lehramtlichen und biblischen Aussagen dazu:

Die Kirche lehrt, dass es zwei natürliche Gesellschaften gibt – die Familie und den Staat – und eine übernatürliche – die Kirche – und dass diese drei alle von Gott gewollt und für das Wohlergehen des Menschen nötig sind. Andere Gesellschaften, z. B. Gewerkschaften, Vereine etc., können auch sehr gut und nützlich sein, aber sie sind von Menschen gemacht, nicht so grundlegend nötig und könnten auch völlig umgestaltet werden.

Bei der Familie dürfte es offensichtlich sein; alle Menschen werden in Familien geboren, da fühlt man sich verbunden und es gibt in den meisten Fällen zumindest ein gewisses Maß an Zuneigung und Fürsorge. Aber Familien können in den allerwenigsten Fällen völlig autark leben; in jedem Fall brauchen sie auch immer wieder Neuzugänge von außen und Verbindungen mit anderen Familien, damit die Menschheit weiterbesteht. Familien leben in einer größeren Gemeinschaft, und auch hier braucht es eine gewisse Identität und ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Diese Gemeinschaft kann so klein wie ein Stamm aus 200 Personen sein, oder so groß wie ein Volk aus einer Milliarde Personen. Hier identifiziert man sich mit einer gewissen Gemeinschaft, lebt nach gemeinsamen Regeln, kümmert sich gemeinsam um gewisse Aufgaben. Die Kirche, das Volk Gottes, bietet dann noch eine darüber hinausgehende Verbindung und natürlich die Verbindung mit Gott.

Manche Staaten sind schlecht oder nur rudimentär organisiert oder es ist unsicher, welche Legitimität sie haben, z. B. wenn die Ansprüche einer Separatistenregierung und einer Zentralregierung einander entgegenstehen. Aber so etwas wie Staatlichkeit existiert überall, wo es Menschen gibt und nicht völliges Chaos herrscht. Leute gehören von ihrer Geburt an zu einer größeren Gemeinschaft, es wird von ihnen erwartet, deren Regeln zu folgen, auch wenn sie denen nicht zugestimmt haben, und es gibt eine Autorität, die diese Regeln vorgibt oder jedenfalls durchsetzt.

Die Bibel ist zur Notwendigkeit und Legitimität von Staaten ziemlich klar. Der Apostel Paulus schreibt:

„Jeder ordne sich den Trägern der staatlichen Gewalt unter. Denn es gibt keine staatliche Gewalt außer von Gott; die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen. Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten; willst du also ohne Furcht vor der staatlichen Gewalt leben, dann tue das Gute, sodass du ihre Anerkennung findest! Denn sie steht im Dienst Gottes für dich zum Guten. Wenn du aber das Böse tust, fürchte dich! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht nämlich im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der das Böse tut. Deshalb ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Das ist auch der Grund, weshalb ihr Steuern zahlt; denn in Gottes Auftrag handeln jene, die Steuern einzuziehen haben. Gebt allen, was ihr ihnen schuldig seid, Steuer, wem ihr Steuer schuldet, Zoll, wem ihr Zoll schuldet, Furcht, wem ihr Furcht schuldet, Ehre, wem ihr Ehre schuldet!“ (Röm 13,1-7)

Damit, dass die staatliche Gewalt von Gott eingesetzt ist, ist nicht gemeint, dass Gott sich in jedem Staat den idealen Kandidaten herauspickt (man kann davon ausgehen, dass Paulus das nicht glaubte, angesichts der Tatsache, dass die römische Regierung ihn lange Zeit in Haft hielt und später hinrichtete). Hier ist erstens gemeint, dass es von Gott gewollt ist, dass Menschen in staatlichen Gemeinschaften leben und irgendjemand dort staatliche Autorität ausübt. Zweitens ist auch gemeint, dass die konkreten Träger dieser Macht quasi von Gott gestützt werden. Um das deutlich zu machen: Wenn jemand ein Kind zeugt, wird er dadurch zum Vater und hat eine gewisse Autorität und Fürsorgepflicht in Bezug auf das Kind, und Gott stützt und bejaht diese konkrete Autorität und Verantwortung dieses konkreten Vaters, unabhängig davon, ob es eine gute Idee für ihn war, Kinder zu bekommen, oder ob er als Vater auch Fehler macht (diese Fehler unterstützt Gott nicht, aber sie machen ihn nicht zum Nicht-Vater). Und genauso sieht es aus, wenn jemand Staatsoberhaupt oder Regierungsmitglied wird: Damit bekommt er eine objektive Autorität und Verantwortung, für die ihn Gott wiederum zur Verantwortung ziehen wird und die Gott auch stützt. Er hat damit einen Anspruch auf Gehorsam vonseiten der Staatsbürger, die irgendwer anders nicht hat. (Jedenfalls solange er keine Gesetze einführen will, die gegen Gerechtigkeit und Allgemeinwohl verstoßen: „Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz“. Gegen solche Gesetze ist zumindest passiver Widerstand erlaubt, und im äußersten Notfall, wenn eine Regierung sich völlig gegen das Gemeinwohl wendet und nur noch willkürlich und tyrannisch ist, während sie ihre eigentlichen Aufgaben kaum erfüllt, wäre auch die Absetzung einer Regierung und die Einführung einer neuen Staatsverfassung erlaubt – genauso, wie man, wenn es entsprechend schlimm wird, Kinder aus ihrer Familie nehmen und die Vormundschaft jemand anderem übertragen darf, weil die Eltern durch die Verletzung ihrer Pflichten ihre Rechte verwirkt haben.)

Wie Familien ihre Angelegenheiten unterschiedlich regeln können, können das auch Staaten. Ob es eine Monarchie oder eine Republik ist, oder ein parlamentarisches oder präsidiales System, ist nicht so wichtig. Ein Staatsoberhaupt kann durch Erbfolge bestimmt werden, durch ein Gremium oder eine Gruppe gewählt werden, durch das Volk gewählt werden, oder sonstwie bestimmt werden. Aber in jedem Fall ist dann seine Autorität von Gott gewollt und gestützt, genau wie die Autorität der Eltern von Gott gewollt und gestützt ist, egal auf welche Weise sie Eltern geworden sind und wie genau sie ihre Familie leiten.

Diese Autorität hängt auch nicht davon ab, ob die Regierung christlich ist oder nicht; auch eine nichtchristliche Regierung bleibt Regierung. Bei der Familie ist es ja dasselbe. Wenn ein Sechzehnjähriger nichtchristliche Eltern hat, muss er ihnen zwar nicht gehorchen, wenn sie ihm verbieten wollen, in die Kirche zu gehen; aber sehr wohl, wenn sie ihm sagen, er soll um zwölf Uhr zu Hause sein.

Diese Lehre machen die Päpste deutlich; z. B. Leo XIII. in „Diuturnum Illud“ (1881). Er lehnt hier die Theorie, dass die staatliche Ordnung nur ein Vertrag zwischen den Bürgern wäre, den sie jederzeit völlig auflösen könnten, wenn sie wollten, überdeutlich ab:

„Denn die Not selbst zwingt jede menschliche Vereinigung und Gemeinschaft, einen Vorgesetzten zu haben, damit die Gesellschaft ohne Haupt und leitende Gewalt nicht zerfällt und nicht den Zweck verfehlt, weswegen sie entstanden ist und sich gebildet hat. […]

Ja, sehr viele, die in neuerer Zeit in die Fußstapfen derer traten, die im vorigen Jahrhundert sich Philosophen nannten, lassen alle Gewalt vom Volk ausgehen. Jene, welche diese Gewalt im Staate ausüben, üben sie demgemäss nicht als eine ihnen zukommende Gewalt aus, sondern nur als vom Volk übertragene, und zwar unter der Bedingung, dass sie durch den Willen des Volkes, von dem sie übertragen wurde, widerrufen werden kann. Diesen gegenüber leiten die Katholiken das Recht zu befehlen, von Gott als seinem natürlichen und notwendigen Ursprung ab.

Hierbei ist jedoch zu bemerken, dass in vollem Einklang mit der katholischen Lehre jene, welche an die Spitze des Staatswesens zu treten haben, in bestimmten Fällen durch den Willen und nach dem Urteil des Volkes gewählt werden können. Durch eine solche Wahl wird nun allerdings der Gewaltinhaber bezeichnet, aber die obrigkeitlichen Rechte werden hiermit nicht verliehen; auch wird die Befehlsgewalt nicht übertragen, sondern es wird nur bestimmt, wer dieselbe auszuüben hat. Ebenso handelt es sich hier nicht um die Formen der politischen Gewalt; denn die Kirche findet weder in der Herrschaft eines Einzigen, noch in der von vielen etwas Unangemessenes, wenn diese nur gerecht ist und durch sie das allgemeine Wohl besorgt wird. Wenn daher die Gerechtigkeit nicht verletzt wird, ist es den Völkern unbenommen, jene Regierungsform bei sich einzuführen, die ihrem Charakter oder den tradierten Einrichtungen und Gewohnheiten am meisten entspricht.

[Es werden Bibelstellen und Kirchenväter zitiert]

Denn es ist in der Tat ein Gebot der Natur oder, richtiger, Gottes, des Urhebers der Natur, auf dem das Zusammenleben der Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft beruht; einen Beweis hierfür bieten sowohl die Sprache, die in höchster Weise ein gesellschaftsbildendes Prinzip ist, als auch aus so vielen der Seele innewohnenden Neigungen und so vielfache und höchst wichtige Bedürfnisse, die der Mensch in seiner Vereinzelung nicht befriedigen kann, wohl aber im Verband und gesellschaftlichen Verkehr mit anderen. Eine Gesellschaft kann nun aber gar nicht bestehen, ja nicht einmal gedacht werden, in der nicht einer die Bestrebungen ihrer Glieder derart leitet, dass aus vielen gewissermaßen ein Einziges wird und die vielen Bestrebungen in rechtmäßiger und geordneter Weise einen Impuls nach dem Gemeinwohl hin empfangen. Darum wollte Gott, dass in der bürgerlichen Gesellschaft Herrscher seien, die der Menge zu gebieten haben. – Daher wollte es Gott so, dass jene, die durch ihr Ansehen das Gemeinwesen verwalten, derart die Bürger zum Gehorsam zu zwingen die Befugnis haben müssen, dass für diese der Ungehorsam eindeutig Sünde ist. Niemand aber hat in sich oder aus sich die Macht, durch die Bande der Befehlsgewalt in solcher Weise den freien Willen anderer zu binden. Gott allein, dem Schöpfer aller Dinge und Gesetzgeber, kommt diese Gewalt zu; wer sie darum ausübt, kann sie notwendigerweise nur als eine von Gott ihm übertragene ausüben. ‚Einer ist Gesetzgeber und Richter, der die Macht hat, zu retten und zu verderben‘. Dasselbe gilt bezüglich jeder Art von Gewalt. Dass jene, die den Priestern innewohnt, von Gott stammt, ist so bekannt, dass die Priester bei allen Völkern als Diener Gottes gelten und auch so genannt werden. Ebenso ist die Gewalt der Familienväter gewissermaßen ein Abbild der Autorität, die in Gott ist, von dem ‚alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen hat‘. So haben auf diese Weise die verschiedenen Arten von Gewalt eine wunderbare Ähnlichkeit untereinander, da, was irgendwo an Befehlsgewalt und Autorität gefunden wird, von ein und demselben Schöpfer und Herrn, von Gott, ausgegangen ist.

Jene, welche die bürgerliche Gesellschaft von einer freien Übereinkunft der Menschen ausgehen lassen und in ihr den Ursprung der Gewalt selbst erblicken, nehmen an, ein jeder habe etwas von seinem Recht abgetreten, und so hätten die einzelnen sich freiwillig unter die Herrschaft dessen begeben, der jene Rechte in ihrer Gesamtheit in sich vereinigt hat. Es ist jedoch ein großer Irrtum, die offenkundige Tatsache nicht zu erkennen, dass der Mensch von Natur aus nicht einzeln umherschweift, sondern vor jeder freien Willensentscheidung zur natürlichen Lebensgemeinschaft geboren ist; auch ist jener Vertrag, von dem sie reden, offenbar ganz willkürlich erfunden und erdichtet und vermag nicht, der politischen Gewalt so viel Kraft Würde und Festigkeit zu verleihen, wie der Schutz des Staates und der allgemeine Nutzen der Bürger es erfordern. Nur dann wird die bürgerliche Gewalt solche Beachtung und solchen allseitigen Schutz erlangen, wenn man anerkennt, dass ihr Ursprung aus Gott, der erhabensten und heiligsten Quelle herkommt.

Nur einen Grund haben die Menschen, nicht zu gehorchen, wenn nämlich etwas von ihnen gefordert werden sollte, was dem natürlichen oder göttlichen Gesetz offenbar widerspricht; denn nichts von allem, wodurch das Naturgesetz oder der Wille Gottes verletzt wird, ist zu gebieten oder zu tun erlaubt. Sollte daher einer in die Lage kommen, dass er sich gezwungen sieht, eines von beiden zu wählen, nämlich entweder Gottes oder des Staatsoberhauptes Gebote zu verletzen, dann hat er Christus zu gehorchen, der gebietet, ‚dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, Gott aber, was Gottes ist‘, und nach dem Beispiel des Apostels mutig zu antworten: ‚Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen‘. Auch gibt es keinen Grund, jene, die so handeln, wegen Verweigerung des Gehorsams anzuklagen; denn wenn der Wille der Staatsoberhäupter Gottes Willen und Gesetzen widerspricht, dann überschreiten sie ihre Machtbefugnis und verletzen die Gerechtigkeit; dann kann eben ihre Autorität keine Anwendung finden, denn wo keine Gerechtigkeit, da keine Autorität.

Damit aber in der Regierung die Gerechtigkeit gewahrt werde, müssen die Lenker der Staaten vor allem erkennen, dass die politische Gewalt ihrer Natur nach nicht dem Vorteil eines einzelnen zu dienen hat und dass das Staatswesen zum besten derer verwaltet werden muss, die ihnen anvertraut sind, nicht jener, denen es anvertraut ist. Möchten doch die Staatsoberhäupter Gott, das höchste und beste Wesen, von dem sie ihre Gewalt zu Lehen empfangen haben, sich zum Beispiel nehmen und, nach seinem Vorbild den Staat verwaltend, ihr Volk regieren in Gerechtigkeit und Treue, indem sie mit der Strenge, wenn sie notwendig ist, väterliche Liebe verbinden. Deswegen werden sie durch die Aussprüche der Heiligen Schrift ermahnt, dass auch sie dereinst dem König der Könige, dem Herrn der Herrscher Rechenschaft ablegen müssen, dass sie aber, wenn sie ihre Pflicht versäumten, Gottes Strenge nicht entgehen werden. ‚Der Allerhöchste wird euere Werke untersuchen und euere Gedanken erforschen. Denn wenn ihr als Diener seines Reiches nicht recht gerichtet habt, … wird er schrecklich und schnell über euch kommen, weil das strengste Gericht über die ergeht, die andern vorstehen … Denn Gott wird niemandes Person ausnehmen, noch irgendeines Größe scheuen, weil er den Kleinen wie den Großen gemacht hat und auf gleiche Weise sorgt für alle; dem Stärkeren aber steht eine größere Strafe bevor.‘ […]

Die Kirche war immer bestrebt, diese christliche Anschauung von der bürgerlichen Gewalt nicht nur dem Bewusstsein der Menschen einzuprägen, sondern sie auch im öffentlichen Leben der Völker und in deren Sitten zum Ausdruck zu bringen. Solange heidnische Kaiser an der Spitze der Regierung standen, die, in Aberglauben befangen, zur christlichen Auffassung vom Wesen der bürgerlichen Gewalt, wie Wir sie skizziert haben, nicht gelangen konnten, suchte sie dieselbe dem Bewusstsein der Völker einzuflößen. Sobald diese aber in den Lehren des Christentums unterwiesen waren, musste ihnen daran liegen, danach auch ihr Leben zu ordnen.“

Man kann auch das libertäre „Steuern sind Raub“ einfach kontern mit Jesu Kommentar zu Steuern: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Wenn Jesus die libertäre Ansicht gebilligt hätte, hätte er dann zu Pilatus (!) gesagt: „Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre“ (Joh 19,11)?

Die Kirche hat außerdem auch einfach immer die Ansicht abgelehnt, dass etwas dadurch gut wird, dass Leute sich freiwillig darauf einigen.

Leute könnten sich freiwillig auf eine Ehe auf Zeit oder auf Probe einigen; aber das macht diese Beziehung nach Ansicht der Kirche zu einer verkehrten und ungültigen Pseudo-Ehe. (Entsprechend schreibt Pius XI. in „Casti Connubii“: „Wenn nun aber auch die Ehe ihrem Wesen nach von Gott stammt, so hat doch auch der Wille des Menschen, und zwar in hervorragender Weise, seinen Anteil an ihr. Denn die einzelne Ehe entspringt, sofern sie die eheliche Verbindung zwischen diesem Mann und dieser Frau ist, dem freien Jawort der beiden Brautleute. Diese freie Willensentscheidung, durch die jeder Teil das der Ehe eigentümliche Recht gibt und nimmt, ist zu einer wahren Eheschließung derart notwendig, daß sie durch keine menschliche Macht ersetzt werden kann. Diese Freiheit hat jedoch nur das eine zum Gegenstand, ob die Eheschließenden wirklich eine Ehe eingehen und ob sie dieselbe mit dieser Person eingehen wollen. Dagegen ist das Wesen der Ehe der menschlichen Freiheit vollständig entzogen, so daß jeder, nachdem er einmal die Ehe eingegangen hat, unter ihren von Gott stammenden Gesetzen und wesentlichen Eigenschaften steht. Denn der Doctor Angelicus sagt da, wo er von der ehelichen Treue und der Nachkommenschaft handelt: ‚Sie gehen in der Ehe aus dem Ehevertrag hervor, und zwar so, daß, falls in dem Jawort, durch das die Ehe zustande kommt, etwas ihnen Entgegengesetztes Ausdruck fände, überhaupt keine wahre Ehe vorläge.'“)

Leute könnten mehr oder weniger freiwillig ausbeuterischen Arbeitsbedingungen und Löhnen zustimmen, aber das macht laut Kirche diese Verträge ungerecht, da der Arbeitgeber den gerechten Familienlohn schuldet. (Leo XIII. schreibt in „Rerum Novarum“, einer Enzyklika, in der er sowohl die Fehler des Sozialismus darlegt als auch den Arbeitgeber und den Staat an seine Pflichten gegenüber den Arbeitern erinnert: „Da der Lohnsatz vom Arbeiter angenommen wird, so könnte es scheinen, als sei der Arbeitgeber nach erfolgter Auszahlung des Lohnes aller weiteren Verbindlichkeiten enthoben. Man könnte meinen, ein Unrecht läge nur dann vor, wenn entweder der Lohnherr einen Teil der Zahlung zurückbehalte oder der Arbeiter nicht die vollständige Leistung verrichte, und einzig in diesen Fällen sei für die Staatsgewalt ein gerechter Grund zum Einschreiten vorhanden, damit nämlich jedem das Seine zuteil werde. Indes diese Schlußfolgerung kann nicht vollständigen Beifall finden; der Gedankengang weist eine Lücke auf, indem ein wesentliches, hierher gehöriges Moment übergangen wird. a ist das folgende: Arbeiten heißt, seine Kräfte anstrengen zur Beschaffung der irdischen Bedürfnisse, besonders des notwendigen Lebensunterhaltes ‚Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen‘. Zwei Eigenschaften wohnen demzufolge der Arbeit inne: sie ist persönlich, insofern die betätigte Kraft und Anstrengung persönliches Gut des Arbeitenden ist; und sie ist notwendig, weil sie den Lebensunterhalt einbringen muß und eine strenge natürliche Pflicht die Erhaltung des Daseins gebietet. Wenn man nun die Arbeit lediglich, soweit sie persönlich ist, betrachtet, wird man nicht in Abrede stellen können, daß es im Belieben des Arbeitenden steht, in jeden verringerten Ansatz des Lohnes einzuwilligen; er leistet eben die Arbeit nach persönlichem Entschluß und kann sich auch mit einem geringen Lohne begnügen oder gänzlich auf denselben verzichten. Anders aber stellt sich die Sache dar, wenn man die andere, unzertrennliche Eigenschaft der Arbeit mit in Erwägung zieht, ihre Notwendigkeit. Die Erhaltung des Lebens ist heilige Pflicht eines jeden. Hat demnach jeder ein natürliches Recht, den Lebensunterhalt zu finden, so ist hinwieder der Dürftige hierzu allein auf die Händearbeit notwendig angewiesen.Wenn also auch immerhin die Vereinbarung zwischen Arbeiter und Arbeitgeber, insbesondere hinsichtlich des Lohnes, beiderseitig frei geschieht, so bleibt dennoch eine Forderung der natürlichen Gerechtigkeit bestehen, die nämlich, daß der Lohn nicht etwa so niedrig sei, daß er einem genügsamen, rechtschaffenen Arbeiter den Lebensunterhalt nicht abwirft. Diese schwerwiegende Forderung ist unabhängig von dem freien Willen der Vereinbarenden. Gesetzt, der Arbeiter beugt sich aus reiner Not oder um einem schlimmeren Zustande zu entgehen, den allzu harten Bedingungen, die ihm nun einmal vom Arbeitsherrn oder Unternehmer auferlegt werden, so heißt das Gewalt leiden, und die Gerechtigkeit erhebt gegen einen solchen Zwang Einspruch.“)

Leute können sich freiwillig auf Inzest einlassen, das macht ihn auch nicht gut. Bei vielen Dingen ist es wichtig, dass die Leute freiwillig zustimmen (z. B. bei Eheschließung und Arbeitsvertrag; das macht sie erst gültig), aber das heißt nicht, dass man den Inhalt des Vertrags beliebig aushandeln darf.

Der Libertarismus übersieht, dass es Grenzen der Freiwilligkeit gibt. Manche Leute lassen sich leicht überrumpeln oder beeinflussen, oder stimmen etwas aus Not und Überforderung zu, oder werden durch Scheingründe und Schlagworte verführt. Besonders absurd wird der Libertarismus, sobald es um Kinder geht, also abhängige Menschen, die meistens gar nicht wissen können, was gut für sie ist, sprich solche Menschen, mit denen der Libertarismus einfach nichts anfangen kann. Da kommt dann bei Libertären völlig unironisch z. B. die Ansicht heraus, Eltern dürften mit ihren Kindern Handel treiben und sie an den Meistbietenden verkaufen. Umgekehrt sollen dafür die Kinder weglaufen dürfen und sich ein neues Zuhause aussuchen, sobald sie dazu physisch fähig sind, und es wäre Gewalt, wenn die Eltern sie zurückholen. (Es wäre auch interessant, zu wissen, was Libertäre dazu zu sagen hätten, ob Kinder sich freiwillig auf sexuelle Beziehungen einlassen könnten.)

Ich will hier nicht darüber streiten, ob der Libertarismus schon Häresie ist oder nur „nahe an der Häresie“ oder „zur Häresie hinführend“, oder welche der Zensuren, die die Kirche früher für falsche Meinungen vergab, er nun genau verdienen würde. Tatsache bleibt: Der Libertarismus widerspricht der konstanten Lehre der Päpste, und der Bibel, die nach katholischer Lehre frei von jedem Irrtum ist, daher kann kein Katholik libertär sein.

Bei manchen – nicht allen – bloß liberalen Ideen können Leute eher noch nach Schlupflöchern suchen und mit „lässt sich das nicht doch irgendwie mit diesen Enzykliken vereinbaren“ kommen; beim Libertarismus sehe ich nicht, wie auch nur das möglich sein sollte. Und selbst bei den meisten Liberalen ist das Problem, dass sie erst den Liberalismus als Grundsatz hernehmen und dann versuchen, ihn in die Kirchenlehre hineinzuzwängen, statt von der Kirchenlehre auszugehen und zu schauen, was nach dieser Lehre die beste politische, wirtschaftliche, soziale Ordnung sein könnte. Das ist gefährlich.

Zuletzt noch ein paar praktische Gründe gegen den Libertarismus aus meiner Sicht:

Kaum einer will wirklich in einer Welt leben, in der alles ein großer Markt ist. Ich jedenfalls will nicht, dass aus meiner Heimat eine Privatfirma wird. Es ist nicht alles durch den Markt bestimmt, und Menschen verlassen ihre Städte nicht gleich, wenn die Angebote irgendeiner „Privatstadt“ besser sind, weil es nun mal ihre Heimat ist; eine Besitzerfirma könnte also mit sehr viel durchkommen. Der Staat dagegen ist immer noch in gewisser Weise „unserer“ – auch wenn man praktisch keinen Einfluss auf seine Politik hat (was meistens der Fall ist), gehört man hier trotzem zu einer größeren Gemeinschaft, die einen nicht einfach rausschmeißen kann. Jemandem zu verbieten, eine Privatstadt zu betreten, ist sehr viel leichter, als jemandem die Staatsbürgerschaft abzuerkennen, vor allem, wenn er nur diese eine Staatsbürgerschaft hat. Ein Volk, eine Nation, ein Staat ist mehr als ein Unternehmen.

Der Libertarismus würde nicht mal immer praktische Vorteile bieten in dem Sinne, dass der Markt für beste Preise und Bedingungen sorgen würde. Bei einigen Dingen tut der Markt das, weil es viel Konkurrenz gibt, aber es gibt Monopole, die sich automatisch entwickeln: Straßen, Eisenbahnen, Wasserversorgung. Wenn das örtliche Wasserwerk die Preise extrem erhöht und an Reparaturen spart, werden die wenigstens anfangen, sich einen Brunnen im Garten zu graben und sich Wasserfilter zu kaufen. Und wer in einer Mietwohnung wohnt, hätte höchstens noch die Möglichkeit, Regenwasser in einer Wanne auf dem Balkon zu sammeln – nicht gerade die beste Alternative. Bei solchen Dingen, wo oft auch stetige Aufgabenerfüllung wichtiger ist als Effizienz und technische Verbesserung, ist der Staat tatsächlich besser als der Markt.

Der Staat hat seine Nachteile; aber Großfirmen – die immer entstehen, wenn man den Markt völlig frei lässt – haben auch ihre Nachteile. Haben es Arbeiter bei Amazon denn besser als die Postbeamten beim früheren Staatsmonopol? Sind private Versicherungen großartig und kundenorientiert?

Die totale freie Marktwirtschaft der Libertären ist ebenso eine Illusion wie der Kommunismus. Eigentlich lernt man schon in der Schule in Wirtschaft und Recht, dass ein „vollkommener Markt“, auf dem sich alle nur nach objektiven Vorteilen richten und einen gesamten Überblick über den Markt haben und alle Anbieter die gleichen Chancen haben, nicht existiert.

Und noch ein sehr wichtiger Grund:

Leute hören auch nicht auf, Meinungen zu haben und sie durchsetzen zu wollen, wenn man den Staat abschafft. Es kann genauso ideologische Zensur und Bespitzelung der Nachbarn geben, wenn man in einer „Privatstadt“ lebt. Der Libertarismus ist nicht stabil; er rechnet nicht mit Überzeugungen. Und Überzeugungen, die sich gegenseitig ausschließen, sorgen nun mal dafür, müssen dafür sorgen, dass es Konflikte gibt.

Freiheit ist etwas Gutes; das merkt man gerade dann, wenn man sie nicht mehr hat (z. B. jetzt gerade in vielen Angelegenheiten), oder wenn man nur daran denkt, sie zu verlieren (z. B. wenn man sich vorstellt, entmündigt und in ein Heim gegeben zu werden). Aber man kann sie wie alle guten Dinge – wie Ordnung, wie Sicherheit, wie Barmherzigkeit – nicht verabsolutieren und als einzigen Wert hinstellen.

Kurz gesagt: Freiheit gehört zum Guten; aber Freiheit ist nicht das ganze Gute.

Linkssein: Nicht nur fehlgeleiteter Idealismus

Es herrscht ja bei vielen der Eindruck, linke Ideen wären eigentlich an sich sehr schön, nur leider ein bisschen zu unpraktisch und utopisch; natürlich seien Linke gute Idealisten, aber auch ein bisschen realitätsfremde Träumer. „Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz, wer mit 30 noch Kommunist ist, hat keinen Verstand“ usw. Das ist meines Erachtens ziemlich falsch. Erstens ist schon die linke Theorie verkehrt; sie funktioniert deshalb nicht, weil sie nicht gut ist, nicht der Natur des Menschen entspricht. Aber auch ihre Vertreter sind nicht immer wahnsinnig sympathisch.

[Kurz zur Begriffsdefinition: Mit „Linkssein“ meine ich das ganze Konglomerat, das auf der politisch linken Seite zusammenkommt: Sozialismus (Ablehnung von Privateigentum und Marktwirtschaft in mehr oder weniger klassischer Form; zeigt sich z. B. an einer generellen Begeisterung für Enteignungen / Vergesellschaftungen, an Ideen von „100% Erbschaftssteuer“ o. Ä.); Feminismus im Sinne der Feministinnen, die Abtreibung befürworten und ständig über „toxische Männlichkeit“ schreiben; Anti-Rassismus im Sinne der Critical Race Theory (umgangssprachlich Wokeness), wobei alles und jedes von Rassismus geprägt ist, Weiße automatisch rassistisch sozialisiert sind und es keinen antiweißen Rassismus geben kann, weil Weiße strukturell privilegiert sind; Anti-Faschismus im Sinne der Antifa, wobei alles Faschismus ist, was man nicht mag; Umweltschutz im Sinne der Grünen, wobei oft das Denken dahintersteht, dass die Welt doch ohne Menschen besser dran wäre; usw.]

Ich halte nichts davon, nur mit Psychologisieren gegen Gegner vorzugehen; es gibt, wie gesagt, genug Argumente, die schon gegen ihre Theorien an sich sprechen. Ich habe diesen Artikel nicht geschrieben, weil ich meinen würde, Psychologisieren wäre schon genug, um diese Theorien zu verwerfen, sondern einfach, weil oft der m. E. falsche Eindruck herrscht, dass man mit Linken besonders freundlich und behutsam umgehen und ihnen automatisch gute Motive unterstellen sollte, während man anderen diese Freundlichkeit nicht entgegenbringt. Linke sind nicht automatisch gute Menschen mit irrendem Gewissen. Sicher gibt es einige solche Linke; v. a. die, die nur Mitläufer sind. Aber es gibt erfahrungsgemäß auch viele sehr unsympathische Menschen unter ihnen; und selbst sympathische Leute werden von linken Ideologien oft zu unangenehmeren Menschen gemacht (jedenfalls hat man im normalen Leben und vor allem im Internet diesen Eindruck).

Es stecken in jeder Ideologie irgendwelche guten Motive und irgendwelche (verdrehten) Wahrheiten, sonst könnte sie gar keine Anhänger finden. Aber auch eine Ideologie, in der was Gutes steckt, kann ziemlich falsch sein und ein Cover dafür bieten, böse Impulse ausleben zu dürfen. Bei den Linken kommen, jedenfalls habe ich diesen Eindruck, manchmal folgende zusammen:

  1. Man kann ungehemmt Hass und Aggression ausleben, weil die Gegner zutiefst böse sind. Man selbst ist eindeutig für das Gute, also können die Gegner nicht nur fehlgeleitet sein, sondern sind zutiefst böse Unterdrücker. In jedem sozialistischen Staat waren bzw. sind Geheimpolizei und Gefängnispersonal ungehemmt sadistisch. Man rechtfertigt es damit, dass der Zweck die Mittel heiligt: Man muss das Paradies schließlich möglichst schnell hier auf Erden errichten, weil es kein Leben nach dem Tod gibt, und dafür muss man eben vorerst ein paar Kollateralschäden in Kauf nehmen. (Im Christentum dagegen ist die Feindesliebe vorgeschrieben und man muss auch zu seinen Gegnern gerecht sein, auch Verbrecher verdienen nur verhältnismäßige Strafen, und Unschuldigen gezielt Böses zu tun, um das große Ganze zu retten, darf man schlicht nicht.) Auch dabei, dass man nicht an ein Gericht nach dem Tod glaubt, kann der Wunsch der Vater des Gedankens sein: Man wird sich nie vor jemandem rechtfertigen müssen, der vollkommen gerecht ist und alles weiß.
  2. Vor allem die neueren linken Theorien haben etwas Zerstörungswütiges, Lebensfeindliches: Man ist für Dekonstruktion (d. h. Destruktion), will Sicherheiten erschüttern, Überzeugungen verunklaren, Ordnungen auflösen. Aber es ist eben so: Wenn man alles durchschaut (bzw. scheinbar durchschaut), sieht man am Ende gar nichts mehr. Irgendwo gibt es eine Natur des Menschen, gibt es eine Ordnung in der Welt, die gut ist.
  3. Dazu passt auch die Familienfeindlichkeit des Sozialismus. Familien wurden schon immer als einschränkend gesehen (im Ostblock hatte man bekanntlich Wochenkrippen und dergleichen und früh ein liberales Abtreibungsrecht). Man soll die Leute aus ihren familiären „Zwängen“ „befreien“, was oft dadurch funktioniert, dass die Kinder vom Staat vereinnahmt werden (Olaf Scholz: „Lufthoheit über den Kinderbetten“). Für einzelne ist diese Familienfeindlichkeit zwar oft nachteilig, aber wenn jemand gerade gerne Verantwortung für seine Kinder abgeben will, ist die Verstaatlichung der Kindheit von Vorteil. Und dann heißt es ja manchmal sogar „überhaupt keine Kinder bekommen fürs Klima“, was es sehr leicht macht, nicht über sich hinauszugehen und neuen Menschen das Leben zu schenken. Auch sexuell erlauben die Linken alles, und daraus folgt die Erlaubnis der Abtreibung als Auffangbecken für Missgeschicke, was wesentlich schlimmer ist, als einfach von vornherein keine Kinder entstehen zu lassen. Und wenn einer sogar lieber das Leben anderer Menschen gewaltsam beendet, als ein bisschen Kontrolle über seine Lebenspläne abzugeben, aber sich dabei sagen will, dass er das Richtige für die Menschheit tut, hilft ihm die „Keine Kinder wegen Überbevölkerung und Klimawandel“-Einstellung oder die „Familien sind patriarchalische Unterdrückungsmechanismen“-Einstellung natürlich. [Anmerkung: Natürlich gibt es aus katholischer Sicht keine allgemeine Pflicht, Kinder zu bekommen; es ist völlig legitim, wenn man sich nicht dafür geeignet sieht, oder einfach ein Einzelgänger ohne Wunsch nach Familie ist; aber zu diesem Zweck darf man zuallererst niemanden töten, und dann muss man es auch akzeptieren, dass man keinen Sex haben kann; einer der beiden Zwecke von Ehe & Sexualität ist es nun mal, neue unsterbliche Seelen in die Welt zu setzen, und das ist etwas sehr Kostbares.]
  4. Gerade die Critical Race Theory hat oft etwas Masochistisches: Weiße sollen sich selbst dafür geißeln, dass sie weiß sind, und ihre ganze Kultur als von Grund auf auf Rassismus gebaut sehen. (Was sie nicht ist, aber das nur anbei.) Ähnlich beim Feminismus: Männer sollen ihre Männlichkeit als toxisch empfinden. Der Wunsch, sich selbst zurückzustellen und seine Fehler anzuerkennen, kann sehr gut sein; aber in diesem Fall spielt stattdessen sehr viel zerstörerischer Selbsthass hinein. Diese Ideologien erlauben keine wirkliche Erlösung und freuen sich auch nicht über bekehrte Sünder.
  5. Dieser Punkt gilt eher für den älteren Sozialismus als für den neuen Wokismus, aber manchmal auch für den: Man befreit sich innerlich ein Stück weit davon, im täglichen Leben seine Pflichten erfüllen zu sollen, Rücksicht und Gerechtigkeit zu üben, usw., weil der politische Kampf immer als das Vorrangige gilt. Solange man auf die richtigen Demos geht, ist es nicht zentral wichtig, ob man sonst ein Arschloch ist. Viele der RAF-Terroristen, um das extremste Beispiel zu nehmen, haben ihre Kinder zurückgelassen, um in den Untergrund zu gehen und Anschläge zu verüben; und eine von ihnen, Ulrike Meinhof, hat ihre Töchter sogar verschleppen lassen und wollte sie in einem Waisenlager der Fatah unterbringen (die Kinder entgingen diesem Schicksal glücklicherweise). Manchmal ist praktisch die Einstellung da: Wie kann man sich für sein privates Glück, seine privaten Verantwortlichkeiten, oder auch für sein gutes Gewissen interessieren, wenn man das große Ganze retten muss. Damit verschiebt man die Verantwortung, die man für konkrete Menschen hat, auf ein ominöses größeres Gebilde. (Damit zusammenhängend: Man gibt auch dadurch Verantwortung ab, dass es heißt, die Gesellschaft schafft alle Übel. Auch wenn man es ist, der sich schlecht verhält: Die Gesellschaft hat einen eben verdorben, man kann gar nichts dafür. Ja, das widerspricht in gewisser Weise dem vorigen Punkt, aber Sozialisten leben eben gerade in diesen Widersprüchen und verhalten sich mal so und mal so.) Ich will damit gar nicht sagen, dass die Gesellschaft und die Politik unwichtig sind, sie sind sehr wichtig und formen Menschen stark; aber manche Verantwortlichkeiten gehen vor und ein einzelner Mensch kann nicht immer viel am großen Ganzen ändern.
  6. Gerade wenn es um das Thema „Mikroaggressionen“ geht: Die betroffenen Gruppen können ziemlich schnell etwas finden, was am Benehmen eines anderen angeblich unsensibel gewesen sein soll (z. B. hat der einen ausländischen Namen falsch ausgesprochen), und das dann nicht als tatsächliche Mikroaggression (dem Wortlaut nach eine kleine unbedeutende Sache), sondern als Anzeichen einer allgegenwärtigen Unterdrückung nehmen; sich damit als Opfer profilieren, Mitleid einheimsen, und dem Gegner den Mund verbieten, denn alles, was der weiterhin sagen könnte, wäre ja nur noch mehr Mikroaggression; der soll sich nur noch für die erste Mikroaggression demütigen und dann verschwinden. Dass sie selbst gerade in größerem Maße aggressiv sind, merken sie gar nicht.
  7. Ein gewisser Neid steht auch manchmal dahinter: Man hält es für ungerecht, wenn es manchen Menschen besser geht als anderen. Dabei erfordert Gerechtigkeit nicht genaue Gleichheit, sondern eher, dass jeder zumindest das bekommt, was ihm zusteht, und es ihm einigermaßen gut geht (soweit das mit den gegebenen Mitteln in einer Gesellschaft machbar ist). Ich gehöre sicher nicht zu den Wirtschaftsliberalen, die es für Neid halten, wenn Leute für einen Vollzeitjob einen Lohn haben wollen, mit dem sie sich eine Familie mit vier Kindern und ein Reihenhaus leisten können, oder wenn Leute auch in der Arbeitslosigkeit nicht auf der Straße landen wollen. Aber genaue Gleichheit ist weder machbar noch wünschenswert. Wenn z. B. von zwei Leuten einer ein kleineres, aber hübsches und ausreichendes Haus mit mittelgroßem Garten hat, und einer eins mit 100 Quadratmeter mehr und riesigem Garten, ist das eine gute Situation, an der nichts auszusetzen ist, und offensichtlich besser, als wenn beide nur winzige Plattenbauwohnungen haben. Man kann es aushalten, wenn es anderen besser geht, man kann ihnen ihr Glück gönnen. Und wenn Linke z. B. dagegen wettern, dass manche Kinder Vorteile haben, weil ihre Eltern ihnen bei den Hausaufgaben helfen und ihnen gegebenenfalls Nachhilfe organisieren, kann es offensichtlich nicht die Lösung sein, Eltern zu verbieten, ihren Kindern zu helfen, oder alle Kinder bis sechs Uhr abends in der Nachmittagsbetreuung einzusperren, damit sie möglichst wenig Freizeit haben, in der sie eine vorteilhafte Position finden können. Eher sollte man alle Eltern anhalten, ihren Kindern zu helfen, ihnen ermöglichen, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, und meinetwegen eine freiwillige Nachmittagsbetreuung oder Nachhilfestunde für Kinder anbieten, deren Eltern ihnen nicht gut helfen können. Dasselbe beim Thema Erbrecht: Eltern haben offensichtlich den Wunsch und das Recht, für ihre Kinder vorzusorgen und ihnen etwas, das sie aufgebaut haben, zu hinterlassen. Das ist völlig legitim, auch wenn dabei unterschiedlich große Erbansprüche herauskommen. Ungleichheit wird nicht dadurch gelöst, dass es allen gleich schlecht gehen soll. (Noch eine kleine Illustration zum Thema Neid bei Linken: Ich kenne eine Linkenwählerin, die sich gleich mehrmals darüber beschwert hat, dass eine Kollegin fast so viel verdiene wie sie, obwohl die viel weniger qualifiziert sei – man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Das Problem war nicht, dass sie selber zu wenig verdient, sondern eine andere zu viel, obwohl die immer noch weniger verdient als sie.)

Weil ich oben gesagt habe, dass schon ihre Theorien falsch sind, ohne Psychologisieren, wäre es hier vielleicht angebracht, noch ganz knapp zusammengefasst ein paar Gründe zu erwähnen, wieso:

  1. Der klassische Sozialismus sah immer schon die Abschaffung des Privateigentums und auch die Auflösung der Familie voraus; beides ist grundfalsch. Menschen werden immer in Familien geboren und sind in Familien glücklicher als in Kollektiven. Und diese Familien brauchen, um zu funktionieren, auch eine gewisse Unabhängigkeit, bei der das Privateigentum hilft. Privateigentum ist generell ein gewisser Schutz davor, dass der Staat nicht nur seine legitimen Aufgaben erledigt, sondern gleich alles an sich reißt.
  2. Linke Theorien sehen oft die ganze Welt nur als Machtstrukturen. Dass Dinge wie Freundschaft, Treue, Überzeugungen, ein schlechtes Gewissen, künstlerisches Interesse, Abenteuerlust, Naivität, Massenpanik usw. usf., manche Dinge erklären könnten und eine größere Rolle in der Weltgeschichte gespielt haben könnten, stellt man sich gar nicht vor.
  3. Besonders die heutigen Linken stellen ständig Opferhierarchien auf. Dabei übersehen sie, dass Machtstrukturen nicht immer so einfach sind, und dass auch gerade Eliten (oder scheinbare Eliten) von starkem Hass betroffen sein können (man frage nur mal die Tutsi in Ruanda oder die Aleviten in Syrien). Natürlich übersehen sie auch (oder ignorieren es), dass sich Hierarchien oft umgedreht haben, und es in Einzelfällen oft nicht auf generelle Hierarchien ankommt. Sie bezeichnen außerdem Dinge, die eigentlich jeder haben sollte, als „Privilegien“, bei denen man sich dafür schämen sollte, dass man sie hat.

Zuletzt ein kurzes nettes Beispiel dafür, wo Linke falsch denken, aus dem Film „Eins zwei drei“ von 1961 (er spielt kurz vor dem Bau der Berliner Mauer): Die 17jährige reiche, verwöhnte und naive Amerikanerin Scarlett hat bei einem Aufenthalt in Berlin heimlich den ostdeutschen jungen Kommunisten Otto geheiratet, der mit ihr in die Sowjetunion gehen und da studieren will. Vor der geplanten Abreise fragt sie ihn, ob sie beide Pelzmäntel mitnehmen soll, worauf er entschlossen sagt „keine Frau sollte zwei Pelzmäntel haben, solange noch eine Frau keinen Pelzmantel hat“. Sie schließt daraus einfach „Otto sagt, jede Frau sollte einen Pelzmantel haben“, behält einen und schenkt den zweiten der Haushälterin ihrer Westberliner Gastgeber. So was ist tatsächlich ein gesunder Impuls. Aber der kommunistische Impuls, das, was Otto gemeint hat, ist „erstmal sollte keiner das haben“, und die Zeit, in der es alle haben, kommt dann nie. (Die zwei gehen übrigens am Ende doch nicht in die Sowjetunion.)

Abtreibung: Eine Sammlung von Diskussionsstrategien

Gelegentlich gerät man ja in Diskussionen mit Abtreibungsbefürwortern; da kann es sinnvoll sein, sich im Voraus seine Strategie zu überlegen. Deswegen habe ich mal zusammengetragen, was meiner Meinung nach am effektivsten funktioniert, um deren talking points zu kontern, und vielleicht doch mal zumindest den ein oder anderen Zuhörer/Mitleser zu überzeugen.

Die Pro-Choice-Position beruht hauptsächlich auf drei Argumenten, zwischen denen Pro-Choicer hin- und herwechseln:

  1. „Das Kind ist noch kein vollwertiger Mensch. Wenn es einer wäre, dürfte man es nicht töten, es ist aber keiner.“
  2. „Selbst wenn es ein Mensch ist, wenn ein Mensch mit deinem Körper verbunden ist, darfst du ihn töten, weil es dein Körper ist und er dich einschränkt, deine Gesundheit gefährdet, o. Ä.“
  3. „Abtreibung ist zwar nicht gut, weil das Kind ein Mensch ist und auch nicht getötet werden sollte, nur weil es im Körper der Frau ist, aber ein staatliches Verbot wäre kontraproduktiv. Es würde a) Abtreibungen nicht verhindern und b) abtreibende Frauen gefährden. Außerdem kann man Abtreibungen nicht verbieten, wenn es dann keine guten Zustände für die geborenen Kinder und ihre Mütter gäbe.“

Wichtig ist es deswegen erst mal, den Diskussionsgegner darauf festzunageln, was davon er denkt, oder ob er eine Kombination daraus denkt („einen nicht vollwertigen Menschen darf man erst recht dann töten, wenn er mit deinem Körper verbunden ist, und das sollte erst recht legal sein, wenn man es eh nicht verhindern könnte“).

Dann würde ich folgende Standardargumente vorschlagen, die man einsetzen kann (erst Antworten auf die grundlegenden Punkte, dann weitere Denkanstöße).

Ad 1 („kein vollwertiger Mensch“):

Das Kind ist ab der Vereinigung von Ei- und Samenzelle ein lebendes Wesen der Spezies homo sapiens. Es hat alle seine Gene und alle Merkmale, mit denen Biologen „Leben“ definieren: Stoffwechsel, Wachstum und Entwicklung, Homöostase (Organisiertheit und Selbstregulation), Bewegung, Reizbarkeit (Reaktion auf Umwelteinflüsse), es besteht aus Zellen (der Begriff „Zellklumpen“, um das Kind zu entmenschlichen, ist eigentlich ironisch, denn nur Lebewesen bestehen aus Zellen; Dinge, die nicht selbst Lebewesen sind, aber aus Zellen bestehen, wie z. B. eine abgehackte Hand, stammen von einem Lebewesen und waren mal ein Teil von ihm; das Kind ist allerdings ein eigenständiges Lebewesen, das andere Gene als die Mutter hat). Wenn ein Lebewesen stirbt, zerfallen die Zellen, das gleiche gilt bei der abgehackten Hand (auch Haare und Fingernägel bestehen aus bereits abgestorbenen Zellen).

(Prochoicer kommen gerne mit einer versuchten reductio ad absurdum: „Wenn Abtreibung Mord ist, ist dann Masturbation Massenmord, weil dabei die Samenzellen verlorengehen???“ – gerade so, als hätte irgendwer behauptet, Samenzellen wären lebende Menschen. Samenzellen sind Zellen des männlichen Körpers, die die Hälfte der DNA für einen neuen Menschen enthalten, und die nicht selbst lebendig sind, und eben keine Merkmale wie Homöostase zeigen. Sobald sie sich mit der Eizelle vereinigen, entsteht ein neuer Mensch. Das ist der zentrale Punkt, die zentrale Veränderung; dieser Mensch muss dann nur noch in die richtige Umgebung – die Gebärmutter – gelangen und wachsen und sich aus sich heraus entwickeln.)

Wenn man nun sagt, dass nicht jeder lebende homo sapiens ein „Mensch“ im Sinne von „jemand, der Menschenwürde hat und Menschenrechte verdient“ ist – nun, wer ist dann noch kein „Mensch“? Wem kann man noch seine Menschenrechte nehmen? Wer sagt, ein Embryo sei kein „Mensch“ oder keine „Person“ in diesem Sinne, muss definieren, was ein Mensch oder eine Person ist.

Wenn Prochoicer sich an dieser Definition versuchen, zeigen sich verschiedene vage Ideen:

  • „Eine Person soll Bewusstsein haben.“ Das würde Schlafende und Komapatienten ausschließen. Schlafende sind des Bewusstseins nur für ziemlich kurze Zeit beraubt und Komapatienten hatten es zumindest mal; aber auch in Embryonen ist die Fähigkeit dazu grundlegend angelegt und sie würden es später erlangen, tatsächlich erlangen sie es im Lauf der Schwangerschaft. Dass jemand, der an sich Bewusstsein haben kann, es im Augenblick nicht hat, sagt offensichtlich nicht viel aus.
  • „Eine Person soll zu vernünftigem Denken fähig sein.“ Das würde nicht nur Schlafende und Komapatienten, sondern auch Neugeborene, Kleinkinder und bestimmte Behinderte ausschließen. Wie Bewusstsein ist Vernunft eine im Menschen angelegte, ihm seinem Wesen nach innewohnende Fähigkeit, deren Ausübung aber durch verschiedene Gründe (noch nicht weit genug entwickeltes Gehirn, krankhaft verändertes Gehirn, ausruhendes Gehirn) gehemmt sein kann. Der Körper, der das Instrument für die Ausübung der seelischen Fähigkeiten ist, ist auch ein fehleranfälliges Instrument, das sie behindern kann. Diese grundsätzlich angelegte Fähigkeit gehört tatsächlich zur Würde des Menschen, nicht aber ihre Ausübung. (Wenn jemand diese Fähigkeit im Leben nie ausüben konnte, kann er es nach dem Tod, wenn die Einschränkung durch den fehlerhaften Körper wegfällt.)
  • „Eine Person muss eine bestimmte Größe oder körperliche Entwicklung/Ausdifferenzierung haben“. (Das „Zellklumpen“-Argument.) Dahinter steht im Grunde die Vorstellung einer gestaffelten Menschenwürde: Eine Frühabtreibung über Präparate der Pille danach, die nicht nur die Vereinigung von Ei- und Samenzelle, sondern auch die Einnistung des bereits existierenden Embryos in der Gebärmutter verhindern, sehen solche Leute oft als völlig unproblematisch an; mit einer Abtreibung in den ersten 12 Wochen haben sie ziemlich wenige Probleme, wobei sie vielleicht finden, dass sie nicht aus ganz frivolen Gründen stattfinden sollte („keine Frau treibt gerne ab!“), eine spätere Abtreibung, z. B. in der 20. oder 24. Woche sehen sie nur in Ausnahmefällen als gerechtfertigt an, z. B. bei einem Kind mit Downsyndrom (von denen ja 90-95% in Deutschland abgetrieben werden). Da „Embryo“ und „Fötus“ aber nur die ersten Entwicklungsstufen eines Menschen sind, und seine Entwicklung auch nach der Geburt noch mit Stufen wie „Baby“, „Kleinkind“, „Kind“, „pubertärer Jugendlicher“, „Erwachsener“ weitergeht, müsste man auch hier eine Staffelung annehmen: Selbst wenn man einem Baby bereits ein ausreichendes Maß an Menschenwürde zugestehen würde, dass seine Tötung nicht legal sein sollte, müsste man sie als weniger schlimm sehen und weniger hart bestrafen als die eines Erwachsenen, wenn man der Theorie von der nach Alter, Größe und Entwicklungsstand gestaffelten Menschenwürde konsequent folgen würde. Die von Pro-Choicern aufgestellten Grenzen sind offensichtlich willkürlich: Wenn Abtreibung bis zur 14. statt bis zur 12. Woche straffrei wäre, wäre es dann in Ordnung, Kinder in der 14. Woche zu töten, aber jetzt ist es das nicht? Manchmal kann es auch helfen, darauf hinzuweisen, wie schnell Kinder sich schon entwickeln; z. B. dass der Herzschlag bereits ab dem 22. Tag (!), d. h. nach knapp über 3 Wochen, beginnt. In der 12. Woche ist das Kind mehrere Zentimeter groß und hat alle Organe.

Wer über Leben und Tod von Menschen entscheiden will, muss das wenigstens konsequent tun und Gründ dafür angeben, dass einer keine Menschenrechte haben soll; Gründe, die dann allgemein gelten müssen.

Bild
10 Wochen altes Kind.

Tatsächlich ist das hier der Knackpunkt: Denn Pro-Choicer gehen oft genug von der nominalistischen Idee aus, dass es keine genau abgrenzbaren Kategorien von Wesen gibt und alle Label nur menschliche Festlegungen sind, dass also auch der Unterschied zwischen Menschen und Tieren z. B. fließend ist, und es eine rein pragmatische Festlegung ist, wann man die Tötung eines wenig entwickelten Menschen erlaubt; außerdem glauben sie nicht so wirklich an eine besondere Menschenwürde, die dem Menschen als Menschen zukommt.

Instinktiv lehnen viele das jetzt noch ab: Sie wissen, dass es nicht dasselbe ist, ob man einen Schweineschinken isst oder sich eine Suppe aus einem im 6. Monat abgetriebenen Kind kocht. Aber man sollte es auch begründen können. Dafür muss man zunächst den Nominalismus widerlegen (dazu bald ein eigener Artikel), und dann belegen, dass die abgrenzbare Kategorie Mensch eine besondere Würde hat. Das ergibt schon die Feststellung, dass in Menschen grundsätzlich die Fähigkeit zur Vernunft und zum Guten angelegt ist; auch Menschen, bei denen ihre Ausübung gehemmt ist, gehören eben zur Kategorie Mensch, sie teilen eine Wesenhaftigkeit mit anderen Menschen. Und zu diesem Wesen gehört es, Gutes oder Böses tun zu können, seinem Gewissen folgen zu können, andere Menschen lieben zu können, über sich selbst hinausdenken zu können, bewusst und frei handeln zu können statt nur Instinkten zu folgen; Tiere können das nicht, sie können weder so gut noch so böse sein wie Menschen. Aber die tiefste Begründung geht eigentlich nur mit dem Christentum, damit, dass wir wirklich nach dem Ebenbild Gottes geschaffen und für das ewige Leben bestimmt sind, dass alle Menschen spätestens nach dem Tod uneingeschränkt ihr eigentliches Selbst sein werden und diejenigen unter ihnen, die das Richtige draus gemacht haben, Gott schauen werden. Menschen sind sehr viel wert, und zwar jeder einzelne. Es ist kein Wunder, dass in sämtlichen heidnischen Gesellschaften, auch den hoch entwickelten wie Indien, China, Rom, das menschliche Leben wenig wert war, dass Abtreibung und auch Kindesaussetzung und in manchen Gesellschaften auch die Aussetzung von Alten und Kranken gang und gäbe war.

Hier muss man evtl. tiefer in die Grundlagen einsteigen. Am Ende kann man Menschenwürde und Lebensrecht nur mit dem Christentum haben; aber vorerst müssen wir uns damit begnügen, Leute, die gefühlsmäßig noch an diesen Konzepten hängen, ohne Christen zu sein, ein wenig zum Nachdenken zu bringen und sie dazu zu bringen, dass sie wenigstens merken, dass entweder alle Menschen Menschenwürde haben müssen oder man sie allen möglichen Gruppen nehmen kann.

Manchmal kommen Prochoicer auch damit, es würden doch sowieso soundsoviel Prozent der Embryonen von selbst abgehen. Das ist in etwa das Argument: Je höher dein Risiko, auf natürliche Weise zu sterben, desto eher darf man dich töten. Menschen über 80 haben auch ein hohes Risiko, bald auf natürliche Weise zu sterben; früher hatten Babys und Kleinkinder ein hohes Risiko, bald auf natürliche Weise zu sterben. Und eigentlich hat sowieso jeder Mensch ein 100%iges Risiko, irgendwann zu sterben.

Zuletzt: Angenommen, der Prochoicer meint, man könnte ja nicht wissen, ab wann genau ein Embryo wirklich weit genug entwickelt sei, um als Mensch zu zählen; in dem Fall kann man ihn fragen: Wäre es dann nicht angebracht, auf Nummer sicher zu gehen und ihn nicht zu töten, weil er möglicherweise ein Mensch sein könnte? Wenn ein Jäger eine sich bewegende Figur hinter einem Busch ausmachen kann, aber sich nicht sicher ist, ob es ein Reh oder ein Mensch ist, darf er dann auch darauf schießen, weil es ja nur vielleicht ein Mensch ist? Natürlich nicht.

Ad 2 („mit dem Körper der Frau verbunden und ihre Gesundheit gefährdend“):

  • Das offensichtlichste Gegenargument dagegen, dass man jemanden töten dürfe, der mit dem eigenen Körper verbunden ist, ist: Darf dann auch ein siamesischer Zwilling den anderen töten? Nehmen wir einfach mal an, einer könnte eine Trennung leicht überleben, aber der andere würde dabei sterben. Darf der erste gegen den Willen des zweiten einen Arzt zu der Trennung beauftragen? Welcher siamesische Zwilling hat hier das höhere Lebensrecht und darf bestimmen? Wenn man hier sagt „Keiner darf den anderen töten!“, wieso sagt man das nicht bei Menschen, die auf andere Weise verbunden sind, d. h. einer Schwangeren und ihrem Kind? Wieso macht man hier einen Unterschied in der Menschenwürde? Um es noch stärker ad absurdum zu führen: Wird ein Zahnarzt Teil meines Körpers, sobald sein Finger in meinem Mund ist, und darf ich ihm diesen Finger deswegen abbeißen? Wo ein Mensch sich befindet, ändert nichts an seinem Lebensrecht.
  • Es geht nicht nur darum, dass die Schwangere einem Kind das „Gastrecht“ in ihrem Körper verweigert, es ist eine aktive Tötung. Bei einer Frühabtreibung wird ein Kind i. d. R. durch Saugluft in Stücke gerissen und abgesaugt, bei einer Spätabtreibung wird einem Kind häufig Gift ins Herz gespritzt und dann eine Frühgeburt eingeleitet. Die „Komplikation“ des Überlebens soll so verhindert werden; denn früher, als man nur eine Frühgeburt einleitete, ohne Gift, kam es öfter vor, dass das Kind lebend geboren wurde und noch einige Zeit unversorgt liegen gelassen werden musste, damit es auch starb. Wenn es nur darum ginge, ein Kind aus dem Körper zu entfernen, könnte man zunächst schon mal aus Spätabtreibungen normale Geburten/Kaiserschnitte machen, bei denen man versuchen würde, das Leben des Kindes zu retten, und das Kind dann weggeben würde.
  • Tatsächlich gibt es Menschen, die eine Spätabtreibung überlebt haben und dann doch noch versorgt wurden; z. B. Gianna Jessen. Seit wann hat Gianna Jessen ein Recht auf Leben? Bei vielen Spätabtreibungen lebt das Kind noch kurze Zei außerhalb des Mutterleibs; ist es unterlassene Hilfeleistung, es zum Sterben liegenzulassen, sobald es draußen ist, aber war völlig unbedenklich, sich daran zu machen, es zu töten, während es drinnen war? Ein anderer Überlebender einer Spätabtreibung, Tim, das „Oldenburger Baby“ wurde 11 Stunden unversorgt liegengelassen. Ab wann war das ein Verbrechen, und was wäre gewesen, wenn er nach diesen 11 Stunden still und heimlich gestorben wäre?
  • Selbst wenn es nur um ein „verweigertes Gastrecht“ ginge, hätten dann auch Eltern von geborenen Kindern das Recht, diesen Kindern das Gastrecht in ihrem Haus zu verweigern? Auch geborene Kinder hängen von ihren Eltern ab, um auch nur kurze Zeit zu überleben. Natürlich kann man geborene Kinder zur Adoption freigeben, aber nehmen wir mal an, das ginge nicht; nehmen wir an, eine Mutter wäre allein mit ihrem neugeborenen Kind auf einer einsamen Insel gestrandet; es ist vollkommen angewiesen auf sie, sogar angewiesen auf ihren Körper, weil sie es stillen muss. Darf sie es einfach irgendwo liegen lassen, damit es stirbt, oder hat sie eine Verantwortung für es? Eltern haben eine ganz besondere Verantwortung gegenüber ihren Kindern, und jeder Mensch hat eine besondere Verantwortung gegenüber einem hilflosen anderen Menschen, um den sich sonst niemand kümmern kann, er aber schon.
  • Das Kind hat sich nicht selbst entschieden, in den Körper der Schwangeren einzudringen; in aller Regel ist sie selbst wissentlich das Risiko eingangen, schwanger zu werden, was auch trotz Verhütung passieren kann. Im Fall einer Vergewaltigung (was glücklicherweise die allerwenigsten Fälle von Abtreibungen betrifft; weit unter 1%) sind weder die Mutter noch das Kind verantwortlich; auch hier ist das Kind kein böswilliger Angreifer. (Unten noch einmal zu diesem Härtefallthema.) Aber es sei nochmal wiederholt: In der Regel ist die Mutter wissentlich das Risiko eingegangen, dass ein neuer Mensch entsteht, der ihr im Weg wäre, damit sie ein paar Minuten Spaß hat.
  • Auch wenn eine Schwangerschaft für die Mutter lebensgefährlich wird (was heute sehr selten der Fall ist und meistens ist dann ein verfrühter Notkaiserschnitt oder eine Einleitung der Geburt sowieso besser als eine Abtreibung, da man bei einer Abtreibung erst noch das Kind vergiften und einige Zeit abwarten müsste), oder zumindest ihre Gesundheit gefährdet, tut das Kind nichts, um sie anzugreifen; Notwehr ist nur gegen einen schuldigen Menschen erlaubt, der aktiv etwas tut, um einen anzugreifen. Wenn jemandes bloße Existenz oder Anwesenheit für mich lebensgefährlich wird, darf ich ihn deswegen nicht töten. Sagen wir, mein kleines Kind, mit dem ich mich an einem einsamen Ort ohne andere Menschen befinde, hat eine schwere ansteckende Krankheit, die mir gefährlich werden könnte, darf ich es schnell erschießen und die Leiche wegschaffen, damit ich mich nicht anstecke, wenn ich es pflege? Sagen wir, ich renne auf einem schmalen Weg neben einem Abgrund vor einem Mörder weg; ein kleines Kind, das nicht begreift, was da passiert, steht mir im Weg; darf ich es in den Abgrund stoßen, um weiterrennen zu können? Ich verstecke mich vor Polizeispitzeln eines Diktators und habe mein kleines Kind dabei; ich habe Angst, dass es schreien und mich verraten könnte; darf ich es schnell im Schlaf mit einem Kissen ersticken, solange die Spitzel noch fern sind?
  • Manchmal liest man, Abtreibung sollte ab dann verboten sein, wenn das Kind eigenständig überleben könnte. Das ist völlig absurd. Es heißt im Endeffekt: Je hilfloser und bedürftiger du bist, desto eher darf man dich töten. Und auch ein in der 28. Woche verfrüht auf die Welt geholtes Kind kann eben nicht alleine überleben; auch ein normal geborenes Baby kann das nicht, ein dreijähriges Kind kann es nicht, und es gäbe sicher auch genug Erwachsene, die nicht überleben würden, wenn sie plötzlich völlig auf sich gestellt und alle anderen Menschen von der Erde verschwunden wären. Dass geborene Menschen (meistens) selbstständig atmen können und Nahrung durch den Mund statt die Nabelschnur aufnehmen: Was bedeutet das groß? Wieso soll das einen Unterschied für ihr Lebensrecht machen?

Ad 3 („Kriminalisierung kontraproduktiv“):

Die erste Behauptung ist, dass man Abtreibungen nicht verhindern könnte; Frauen würden sowieso abtreiben. Diese Behauptung ist schlicht falsch. Dafür kann man sich ansehen, ob es irgendein Land gibt, in dem nach der Legalisierung die Zahl der Abtreibungen gleich blieb oder nach unten ging; das ist nicht der Fall. In den USA beispielsweise ging die jährliche Zahl der Abtreibungen erst einmal um das 15fache (!) nach oben (von 100.000 im Jahr auf 1,5 Millionen). Wo es stärkere Einschränkungen von Abtreibungen gibt (z. B. Pflichtberatung und Wartezeit vor der Abtreibung; Zustimmung der Eltern bei Minderjährigen nötig; Abtreibung nur innerhalb bestimmter Fristen oder bei bestimmten Indikationen legal) sind die Zahlen, wenn andere Umstände (z. B. Armut) vergleichbar sind, niedriger als dort, wo es sie nicht gibt. Strenge Gesetze verhindern Abtreibungen; das ist durch viele Studien nachgewiesen.

(Wichtig ist es hier, dieselben Länder vor und nach Gesetzesänderungen zu vergleichen, und nicht nur Länder miteinander, in denen andere Umstände sehr unterschiedlich sein können.)

Es ist auch leicht einzusehen, wieso:

  • Viele Menschen haben ein „Wenn das Gesetz es erlaubt, kann es ja nicht so schlimm sein“-Denken verinnerlicht; Menschen müssen bewusst inneren Widerstand leisten, um die Überzeugung beizubehalten, dass etwas, das das Gesetz zulässt und das viele ihrer Mitbürger tun, falsch ist. Wenn Abtreibung dagegen illegal ist, ist sie mehr tabu. Das Gesetz ist ein Lehrer.
  • Es gibt mehr Hindernisse auf dem Weg zu einer Abtreibung; es ist schwieriger, einen Arzt zu finden, der bereit ist, eine vorzunehmen, für eine Abtreibung ins Ausland zu reisen, o. Ä. Viele Frauen, die heute ein Kind abtreiben lassen, sind sich davor unsicher bei der Entscheidung und schwanken hin und her. Wenn es leichter ist, eine Abtreibung zu bekommen, werden unsichere Frauen eher in diese Richtung gelenkt.
  • Wenn Abtreibung legal ist, ist es für den Kindsvater, die Familie, die Freunde leichter, Druck auf die Schwangere auszuüben und sie kann dem weniger entgegensetzen. Ein mittelmäßig gewissenhafter Kindsvater hätte mehr Hemmungen, seine Freundin zu einer illegalen Abtreibung zu drängen als zu einer legalen; selbst wenn ein wenig gewissenhafter es tut, wird sie eher noch sagen können „wegen dir mache ich doch nichts Illegales!“. Auch der Druck der Gesellschaft – „wie kannst du daran denken, so etwas zu tun“ – kann viel ausrichten.

Manchmal kommen Abtreibungsbefürworter in diesem Zusammenhang auch mit „Wenn man Abtreibung verbieten will, muss man erst mal dafür sorgen, dass Müttern in Not genug geholfen wird, aber das wollt ihr mal wieder nicht!“ Der letzte Halbsatz ist nur eine beliebig wiederholte Verleumdung (genau so könnten wir einfach mal sagen „ihr redet, als würden euch kranke Schwangere interessieren, aber ihr seid ja gegen jede medizinische Forschung, weil ihr Menschen verrecken sehen wollt!!!11“, weil es auch irgendwelche Prochoicer geben wird, die medizinische Tierversuche verbieten wollen); und der erste Teil des Arguments hat etwa den Wert, den das Argument „Es reicht nicht, die Sklaven nur freizulassen, man muss auch dafür sorgen, dass sie dann einen besseren Platz in der Gesellschaft finden und z. B. zu guten Löhnen angestellt werden statt zu Hungerlöhnen wieder als Quasi-Sklaven, dass sie auch Bildung und Wohlstand erlangen können etc.“ hätte – ja, genau, und das heißt jetzt wohl, wir sollen lieber gleich auf absehbare Zeit die Sklaverei beibehalten?

Abgesehen davon geht das Argument von falschen Voraussetzungen aus: In Deutschland jedenfalls endet ganz sicher keine alleinerziehende Mutter auf der Straße, und für die wenigen Kinder, die zur Adoption freigegeben werden, stehen sofort mehr als genug Adoptiveltern bereit. Auch in Ländern mit strengem Abtreibungsrecht wie Polen oder (früher) Irland gibt es Sozialhilfe und natürlich auch z. B. Hilfen für Behinderte, auch wenn etwa der polnische Staat nicht so viel Geld hat wie der deutsche. Die USA sind eine Ausnahme, sowohl als 1.-Welt-Staat mit schlechtem Sozialsystem als auch darin, dass es dort viele Prolifer gibt, die gleichzeitig relativ wirtschaftsliberal/anti-Sozialstaat gesonnen sind. Das ist eine US-amerikanische (meiner Meinung nach) Fehlentwicklung; aber auch diese liberal Gesonnenen muss man nicht für persönlich schlechte Menschen halten: Republikanerwähler spenden privat durchschnittlich mehr als Demokratenwähler. Ich halte ihre Sicht, dass private Hilfe bei diesem Thema immer besser ist als staatliche, für falsch, aber es ist nicht so, dass sie nichts täten, z. B. bei der Unterstützung von Crisis Pregnancy Centers oder als Pflege- oder Adoptiveltern. Von diesen Crisis Pregnancy Centers, die Beratung, Babyausstattung und dergleichen bieten, werden tatsächlich sehr viele betrieben; das ist eine Haupttätigkeit der Prolifebewegung. Und wenn Prolifer Kinder adoptieren, wie die katholische US-Supreme-Court-Richterin Amy Coney Barrett, die zusätzlich zu ihren fünf eigenen Kindern zwei Kinder aus Haiti adoptiert hat, ist das Prochoicern seltsamerweise auch nicht recht. Und nochmal: Das macht in etwa den Sinn, den es machen würde, Prochoicer würden Leute sterben sehen wollen, weil unter ihnen auch militante Veganer sein werden, die medizinische Tierversuche verbieten wollen.

Auch in Deutschland gibt es übrigens Pro-Life-Organisationen, die Schwangerenberatung und praktische Hilfe bieten. Das ist Prochoicern natürlich auch wieder nicht recht; da wird schon mal Vandalismus betrieben und eine Kleiderkammer mit Babyausstattung unbrauchbar gemacht, weil sie von Prolifern betrieben wird.

Aber wenn man als Prolifer als „Heuchler“ o. Ä. beschimpft wird, muss man eigentlich gar nicht so weit ausholen. Ein Heuchler ist, wer heimlich etwas anderes tut, als was er predigt und wie er sich selbst darstellt. Wir nun verlangen von anderen Menschen einfach nur, dass sie ihre Kinder nicht töten. Und wir selber töten unsere Kinder dementsprechend auch nicht.

Ja, auch Prolifer haben die Fähigkeit, schwanger zu werden. Auch christliche Ehepaare können ein Kind haben, bei dem in der Schwangerschaft Downsyndrom diagnostiziert wird, oder ungeplanterweise noch ein Kind bekommen, nachdem sie sich eigentlich schon dachten, jetzt reicht es, oder wenn es der Frau gesundheitlich schlecht geht. Unverheiratete Prolifer hätten genauso wie andere Menschen die Möglichkeit, Sex zu haben, und tun das für gewöhnlich aus Verantwortungsgefühl etc. eben nicht. Und um wieder einen Extremfall zu nehmen: Auch Frauen, die prolife sind, können vergewaltigt und davon schwanger werden.

Wenn eine Frau sich als prolife geben würde, aber dann sagen würde „in meinem Fall ist das eben anders, es passt gerade so dermaßen nicht, außerdem geht es mir nicht gut, ich treibe ab, das ist was anderes als sonst!“, dann wäre die eine Heuchlerin. Wenn ein Mann sich als prolife geben würde, aber dann mit Frauen schlafen würde, die er wenig kennt, und sie zur Abtreibung drängen würde, damit er keine Scherereien hat, dann wäre er ein Heuchler. Vermutlich wird es in Gottes weiter Welt sogar irgendwo solche Menschen geben; aber bei den Prolifern, die ich kenne, trifft das auf keinen zu.

So weit, so gut. Und es ist wichtig, auch das zu betonen: Selbst ein bettelarmer Staat, in dem es Familien wirklich schlecht gehen kann, dürfte trotzdem diesen Familien verbieten, ihre Kinder zu töten. Das ist bei ungeborenen Kindern nicht anders als bei geborenen. Und ein Staat, der es sich leisten kann, hat die Pflicht, Familien zu helfen; aber selbst wenn er dieser Pflicht nicht nachkommen würde, wäre es noch schlimmer, wenn er zusätzlich auch seiner anderen Pflicht, das Lebensrecht der Kinder hochzuhalten, nicht nachkommen würde.

Die zweite Behauptung ist, dass bei illegalen Abtreibungen Frauen verletzt werden oder sterben. Zunächst könnte man dazu sagen, dass die Zahlen solcher Todesfälle sehr gering waren im Verhältnis zu den illegalen Abtreibungen, dass vor der Legalisierung (in vielen Ländern in den 60ern, 70ern) illegale Abtreibungen inzwischen viel eher von Ärzten vorgenommen wurden als von Engelmacherinnen oder Frauen selbst (von wegen Kleiderbügel), und dass auch bei legalen Abtreibungen Frauen manchmal verletzt werden oder sterben; es ist wie jede Operation ein Eingriff mit Risiko, wenn auch mit geringem. Man kann auch auf andere Länder mit restriktivem Abtreibungsrecht hinweisen: Wie viele Frauen sterben heute in Polen bei illegalen Abtreibungen? Eben. Selbst wenn eine sich mal verletzen sollte, ist ein Krankenhaus gleich erreicht.

Aber vor allem muss man sagen, dass es darauf nicht ankommt. Das tut es wirklich nicht. Es ist nicht schön, wenn so etwas passiert (vor allem, wenn eine sterben sollte, bevor sie ihre Tat bereut). Aber Tötungsdelikte sicher für die Täter zu machen ist nicht das Ziel; das Ziel ist, Tötungsdelikte zu verhindern und die Würde der Opfer aufrechtzuerhalten. Eine „sichere“ Abtreibung gibt es nicht; immer wird ein Mensch dabei getötet.

Wenn bei einem Amoklauf eines psychisch gestörten Jugendlichen der Täter von der Polizei erschossen wird, ist das auch nicht schön, aber deswegen ist es nicht das zentrale Ziel, diese Taten für die Täter sicherer zu machen. Sicher wird man ein bisschen darauf schauen, z. B. werden die Polizisten ihn erst auffordern, sich zu ergeben (und ebenso wird ein Krankenhaus eine bei einer illegalen Abtreibung verletzte Frau versorgen), aber es ist nicht das eigentliche Problem. Was denkt man über einen Amokläufer, der stirbt, weil seine eigene Pistole unverhofft losgegangen ist und ihn verwundet hat?

Hier muss man sich klar ausdrücken und hart bleiben. Ungeborene Opfer von Tötungsdelikten sind nicht weniger wert als geborene. Das ist keine Aussage über das Ausmaß an Schuld der Mütter oder der Ärzte (aber beide tragen Schuld, wie viel, das hängt vom Fall ab), sondern eine über die Würde der Opfer.

Und es bringt auch nichts, hier nicht konsequent und klar zu sein: Denn wenn wir diese massenhaften Kindertötungen nicht als massenhafte Kindertötungen behandeln, dann geben wir Pro-Choicern nur einen Grund, zu sagen, „aha, die behandeln diese Zellklumpen auch nicht als richtige Menschen, die glauben auch nicht, dass es hier um Morde von einem genozidartigen Ausmaß geht, sie wollen eben nur Frauen kontrollieren und dafür bestrafen, dass sie Sex haben!“ (wie man sie manchmal argumentieren sieht, wenn Pro-Lifer sich zu „kompromissbereit“ zeigen).

Sonstiges / Allgemeine Gedankenanstöße:

Um Prochoicer zum Nachdenken zu bringen, kann man z. B. fragen:

a) Wie viele Frauen, die sich fast für eine Abtreibung entschieden hätten, es aber dann doch nicht getan haben, bereuen es sieben Jahre später, wenn ihr Kind in der 1. Klasse ist, und würden wünschen, dass es nicht existiert? Umgekehrt, wie viele Frauen, die abgetrieben haben, bereuen es später, wenn sie daran denken, dass sie jetzt ein sechs- oder siebenjähriges Kind hätten?

b) Diejenigen, die finden, dass Abtreibung aus jedem Grund erlaubt sein sollte, finden die auch die gezielte Abtreibung von Mädchen in Indien und China gut? (Ein entschlossener Abtreibungsbefürworter könnte darauf vielleicht sagen „an sich ist die nicht schlimm, die abgetriebenen weiblichen Embryonen hatten ja kein Recht auf Leben, sie ist nur schlecht als Zeichen, das anzeigt, dass diese Gesellschaften Mädchen nicht wollen“, aber Mithörer wären vielleicht von dieser Argumentation, zu der er gezwungen wäre, abgestoßen.)

c) Wenn ein Prochoicer mit den „Härtefällen“ (Vergewaltigung, Lebensgefahr) kommt, kann man erstens einfach antworten: „Also wärst du dafür, Abtreibung nur noch in diesen Fällen zu erlauben? Okay, ich bin zwar nicht einverstanden, aber als Verbesserung der jetzigen Gesetzeslage können wir das gerne beschließen und so über 99% der 100.000 jährlichen Abtreibungen in Deutschland verhindern.“ Bald wird sich zeigen, ob derjenige nicht eher sichergehen will, dass gewöhnliche ungeplante Schwangerschaften noch „abgebrochen“ werden dürfen.

Außerdem ist es hilfreich, auf konkrete Beispiele von vergewaltigten Frauen zu verweisen, die ein aus einer Vergewaltigung entstandenes Kind wollen und lieben, oder auf Frauen, die auch ein hohes Risiko eingegangen sind, um lange genug zu warten, bis ein Kaiserschnitt möglich war.

Aber am besten nicht nur auf Einzelbeispiele, sondern auf Daten und Statistiken!

Beim Thema Vergewaltigung etwa wird immer davon ausgegangen, dass die Opfer annähernd alle abtreiben wollen und auch unter den schlimmsten Risiken abtreiben werden. Dazu einige Zahlen: In den USA, wo Abtreibung legal ist (und zwar in vielen Staaten bis spät in die Schwangerschaft hinein), hat eine Studie von 1996 ergeben, dass 50% der Betroffenen nicht abtreiben, in anderen Studien findet man das Ergebnis, dass dort 38% ihre Kinder nicht abtreiben. Da muss man nicht auf obskure Seiten schauen, das gibt Wikipedia selbst zu. (Andere Studien zeigen noch höhere Zahlen.)

Wirklich interessant ist, wie viele Kinder dann zur Adoption freigegeben wurden; denn man kann sich ja denken, dass es passieren kann, dass eine es nicht über sich bringt, das Kind abzutreiben, aber dann später nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Wieder laut Wikipedia ergaben Studien Werte von 6% oder von 26% – das zeigt sehr gut, dass diese Mütter es aus vielen Gründen schwerer haben, ihr Kind aufzuziehen, aber dass auch eine Mutter, die vergewaltigt worden ist, ihr Kind lieben kann, und es nicht nur als Hinterlassenschaft seines Vaters sehen muss – wie auch andere Mütter, die von den Vätern ihrer Kinder schwer misshandelt wurden o. Ä., und diese Kinder trotzdem genauso lieben.

Und man sollte hier nicht verschweigen, dass Vergewaltigungsopfer, die nicht abgetrieben haben, oft von der Pro-Choice-Seite angegriffen werden, weil sie nicht mehr nützlich sind und nicht mehr als menschliche Schutzschilde für ein Recht auf Abtreibung gebraucht werden können – „viel Spaß mit deinem Vergewaltiger-Baby, mal sehen, ob es nach seinem Vater schlägt“; so etwas sieht man in dem Fall häufig.

Auch Vergewaltiger selbst profitieren von Abtreibung, v. a. im Fall von Inzest. Wenn die 13-jährige plötzlich schwanger ist, könnten Fragen gestellt werden, also fährt der Stiefvater oder Onkel, der sie missbraucht hat, sie eben schnell zu einer Abtreibungsklinik, damit die Beweise verschwinden. Von der amerikanischen Abtreibungsorganisation Planned Parenthood sind immer wieder Fälle bekannt geworden, in denen sie wegen schwangeren Mädchen unterhalb des Schutzalters die Behörden hätten informieren müssen und es nicht getan haben. Auch Fälle von brutal durch den Missbrauchstäter erzwungenen Abtreibungen gibt es. Vergewaltigungsopfern, die durch eine Abtreibung nur noch mehr traumatisiert wurden, wird nicht zugehört; Vergewaltigungsopfern wird Druck gemacht, abzutreiben, weil das doch das einzig Normale sein kann, und wenn eine nicht will, gilt sie als verrückt oder es wird bezweifelt, ob sie dann wirklich vergewaltigt worden sein kann.

Auch Menschen, die selbst durch eine Vergewaltigung gezeugt wurden, wird nicht zugehört. Ihnen wird im Endeffekt gesagt: Ihr seid etwas Ekliges, ihr solltet nicht da sein, man hätte euch töten sollen, jedenfalls habt ihr nicht dieselben Rechte wie andere Menschen, ihr seid nur Hinterlassenschaften eurer Väter.

Was ist mit sehr jungen Mädchen, die schwanger geworden sind? Bei diesen Mädchen wird eine Schwangerschaft oft erst spät durch Zufall entdeckt, und ein solches Mädchen wird dann wissen und spüren, was eine Abtreibung ist und dass hier ein kleines Baby getötet wird. Eine solche Spätabtreibung hat viele gesundheitliche Risiken und wird normalerweise wieder für ein neues Trauma sorgen. Und vor allem mit der modernen Medizin ist eine sichere Geburt über einen Kaiserschnitt sehr gut möglich – auch bei einer 12- oder 13jährigen.

Der Wikipediaartikel über die jüngsten bekannten Mütter der Weltgeschichte enthält viele gruselige Geschichten von Mädchen, die enorm frühzeitig in die Pubertät gekommen, sexuell missbraucht und schwanger geworden waren; die jüngste davon war eine 5-jährige, die 1939 in Peru von ihren Eltern in ein Krankenhaus gebracht wurde, weil sie meinten, sie hätte einen Tumor im Bauch; eineinhalb Monate später wurde sie per Kaiserschnitt von einem Jungen entbunden. Lina Medina lebt heute noch in Peru. Ihr Vater wurde vorübergehend wegen Verdachts auf sexuellen Missbrauch festgenommen, aber wegen Mangel an Beweisen freigelassen. In den 2 Fällen von 6jährigen Müttern (ebenfalls aus den 1930ern) überstanden die Mütter die Geburt; in den 10 Fällen von 8jährigen starb eine (1933 in Indien); in den 27 Fällen von 9jährigen wird von keiner berichtet, dass sie starb; in den 70 Fällen von 10jährigen wird auch in keinem Fall berichtet, dass die Mutter starb. Das sind gerade die absolut extremsten bekannten Fälle, viele aus Entwicklungsländern oder schon länger zurückliegend: Und selbst in diesen bekannten Fällen überlebten so gut wie alle der Mädchen. (Man muss vielleicht in Diskussionen nicht gleich mit 6jährigen Müttern herausplatzen; aber das als Hintergrundwissen.)

Eine Gesellschaft, die pro-life wäre, wäre für jeden pro-life. Sie würde auch dafür sorgen, dass Vergewaltiger die Todesstrafe erhalten oder wenigstens den Rest ihres Lebens im Gefängnis verschwinden, dass die betroffenen Frauen jede Unterstützung bekommen, und dass es Schutz davor gibt, dass die Täter das Sorge- oder Umgangsrecht einklagen, auch, wenn die Vergewaltigung nicht 100% bewiesen ist. Kein Sorge- oder Umgangsrecht für den unehelichen Vater selbst bei nur berechtigtem Verdacht auf Vergewaltigung wäre definitiv machbar.

Soweit zu Vergewaltigungen. Was dann Kinder angeht, bei denen man weiß, dass sie nach der Geburt nicht lange überleben werden: Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich hier nicht einmal die Versuchung zur Abtreibung verstehe. Was ist schlimmer, sein Kind vorzeitig gewaltsam töten (und bei einer Spätabtreibung wird ein Kind grausamste Schmerzen erleben) oder warten, bis es auf die Welt kommt und man es in den Armen halten kann, während sein Leben auf natürliche Weise zu seiner Zeit endet? Vielleicht werden manche Eltern sich denken „lieber ist es gleich vorbei“, aber das ist selbstsüchtig und grausam gegenüber dem Kind. Dabei denkt man auch nicht daran, dass Testergebnisse manchmal falsch sind und es sein kann, dass das Kind gesund ist.

Man hört auch von Fällen, in denen Eltern von Ärzten gedrängt oder gezwungen wurden, ein solches Baby abtreiben zu lassen; in diesem Fall sind natürlich vor allem, wenn auch nicht nur, die Ärzte schuld.

Und behinderte Kinder, die länger leben? Nun, da sollte man vielleicht erst mal Menschen mit diesen Behinderungen fragen, ob sie nicht leben wollten. Behinderungen können für riesige Schwierigkeiten sorgen, manchmal mehr für die Behinderten und manchmal mehr für die Familien als für die Behinderten selbst. Gewisse Krankheiten sind nicht angenehm, da muss man gar nichts schönreden. Aber das heißt nicht, dass solche Behinderten „lebensunwertes Leben“ wären – ja, ab und zu kann es auch nützlich sein, Abtreibungsbefürwortern Nazianspielungen unter die Nase zu reiben, wenn sie nun mal passen. (Gut, manchmal muss man aufpassen, weil dann die ganze Diskussion auf Abwege gelenkt wird und sich nur noch darum dreht, ob man Nazivergleiche bringen darf.)

Selbst wer dafür ist, Behinderten die Selbsttötung zu erlauben, muss zugeben, dass hier einem Kind jede Chance auf ein Leben genommen wird, ohne dass es gefragt wird. Auch wer behindert oder krank ist, kann trotzdem leben wollen. Jemandem das Leben zu nehmen nimmt ihm gleichzeitig mit dem Schlechten auch das Schöne.

Was ist mit einer Eileiterschwangerschaft? In diesem Fall, wo sich ein Kind im Eileiter eingenistet hat statt in der Gebärmutter, würde der Eileiter irgendwann reißen, das Kind sowieso sterben, und die Mutter eventuell auch. Die Lösung besteht einfach darin, den Eileiter mit dem Kind zu entfernen. Hier entfernt man ein Organ, das lebensgefährliche Probleme machen wird, und will dabei den Tod des Kindes nicht, auch wenn man ihn voraussieht und in Kauf nimmt. Wenn es möglich wäre, das Kind in die Gebärmutter zu versetzen, oder bereits künstliche Gebärmütter fertig entwickelt wären (woran die Forschung arbeitet), wo man es hineinsetzen könnte, würde man das tun. Hier gilt das Prinzip der Handlung mit Doppelwirkung: Wenn ich etwas tue, das indirekt etwas Schlechtes verursacht, ich aber nicht auf diese schlechte Wirkung abziele, sondern auf eine andere, und das nur eine Nebenwirkung ist – wenn ich die Handlung auch tun würde, wenn die Nebenwirkung nicht auftreten würde und sie wirklich ungewollt ist -, dann ist das aus einem verhältnismäßigen Grund erlaubt. Der verhältnismäßige Grund ist hier vorhanden: Die Mutter könnte sterben und das Leben des Kindes ist sowieso nicht zu retten. Und was ich tue, ist, den Eileiter zu entfernen, wobei ich voraussehe, aber nicht will, dass das Kind dann außerhalb des Körpers der Mutter nicht überleben wird.

Ähnliches gilt für die Entfernung einer mit Krebs befallenen Gebärmutter bei einer Schwangeren; wobei es hier generell machbar ist, mit der Entfernung zu warten, und das Kind überleben kann und nicht zwangsläufig stirbt wie bei einer Eileiterschwangerschaft. Eine solche OP wäre erlaubt, aber eine Mutter könnte sich auch entscheiden, mehr zu tun, als sie muss, und es riskieren, sie zu verschieben, wenn sie dieses Opfer bringen will.

Ein Kind verfrüht auf die Welt zu holen ist auch aus einem proportionalen Grund erlaubt. D. h. man darf nicht wegen einem geringen Risiko für die Mutter den sicheren Tod des Kindes verursachen, aber man darf wegen einem hohen Risiko für die Mutter ein Kind auf die Welt holen, das vielleicht nicht überleben wird, aber schon eine gute Chance hat. Beide Leben sind genau gleich viel wert, also muss man hier dieselben Prinzipien anwenden wie sonst, wenn man eine Lebensgefahr für einen Menschen nur abwenden kann, indem man etwas tut, was einen anderen in Lebensgefahr bringt.

Manchmal wird dann so etwas gesagt wie: „Aber soll das Kind damit leben, dass es seine Mutter getötet hat??“ Zu der Abwegigkeit dieses Arguments habe ich mich hier schon mal geäußert.

d) Es gibt unterschiedliche Ansichten unter Pro-Lifern dazu, ob man Bilder abgetriebener Kinder herzeigen sollte. Ich bin der Ansicht, dass es manchmal gut ist; nicht so in der Öffentlichkeit, dass Kinder o. Ä. ungewollt darüber stolpern, aber es kann hilfreich sein, z. B. dazu zu verlinken; auch über die genaue Art und Weise der Abtreibungsmethoden zu informieren kann sinnvoll sein. Es macht die Brutalität der Sache deutlich; und es hat seinen Grund, wieso Abtreibungsbefürworter diese Bilder nicht ansehen wollen.

Es sollte aber nicht das zentrale Argument sein: Die Tötung eines unschuldigen Menschen wäre auch dann böse, wenn sie ganz schmerzlos und unblutig erfolgen und die Leiche nicht zerstückelt werden würde (was freilich hier nicht der Fall ist; die Methoden sind extrem grausam).

e) Manche Pro-Lifer in Deutschland verweisen gerne darauf, dass das Grundgesetz nach Auslegung des Bundesverfassungsgerichts Abtreibungen eigentlich verbietet, weil das Recht auf Leben auch für Ungeborene gilt, sodass man sie nur durch Kniffe wie „illegal, aber straffrei“ bekommt. Kann man machen; aber man sollte sich nicht zu sehr darauf verlassen. Selbst Leute, die sich sonst manchmal als totale Grundgesetzanbeter aufführen, werden sich dann eben nur denken „ja, das ist halt trotzdem von bösen alten weißen Männern geschrieben worden, in der Hinsicht ist es halt falsch“. Im Grunde genommen weiß jeder, dass das, was richtig oder falsch ist, nicht auf einem 1949 verfassten und nur in Deutschland geltenden Gesetzestext basiert. Diese Argumentation zieht vielleicht ein bisschen bei gefühlsmäßig konservativen CDU-Wählern.

f) Ich habe ja den Vorteil, weiblich zu sein; wenn Männer gegen Abtreibung argumentieren, werden sie gerne mit „no uterus, no opinion“ angegangen. Auf dieses Argument kann man einfach antworten „Was würdest du sagen, wenn dir jemand sagen würde ‚Es sollte legal sein, geborene behinderte Kinder zu töten, wenn man einfach nicht mehr mit ihnen zurecht kommt, und wenn du keine behinderten Kinder hast, hast du dabei nicht mitzureden‘?“ Andere Vergleiche bieten sich auch an: Dürfen nur Soldaten ihr Urteil darüber abgeben, was ein Kriegsverbrechen ist, weil nur sie an der Front sind und sich vielleicht gegen brutale Terrorgruppen wehren müssen?

Dazu kommt, dass auch Männer manchmal von Abtreibung profitieren und auf Abtreibung drängen; das ist nicht einfach immer etwas, das nur Frauen wollen. Oft sind die Kindsväter für Abtreibung, weil sie keine Lust auf Verantwortung oder Unterhaltszahlung haben. Freilich ist sie böse unabhängig davon, wer sie will.

(Öfter wird es sich auch lohnen, weibliche Abtreibungsgegner hinzuzuziehen, Bilder und Videos vom Marsch für das Leben mit etlichen Mädchen und Frauen zu zeigen, o. Ä., um zu zeigen, dass es hier eben nicht darum geht, dass nur Männer „die Körper von Frauen kontrollieren wollen“, aber man sollte den Gegnern gar nicht erst zugestehen, dass nur eine bestimmte Gruppe mit den Opfern mitfühlen darf.)

g) Manchmal kommen Prochoicer mit dem Argument „Würdest du aus einer brennenden Klinik lieber eine Petrischale mit mehreren Embryonen oder ein Baby retten?“. Das ist gezielte Irreführung: Denn bei Abtreibung geht es nicht darum, ob man diesen Menschen rettet und jenen nicht, oder jenen rettet und diesen nicht, sondern es geht um nur einen Menschen, den man entweder aktiv tötet oder nicht. Wenn man von zwei Menschen nur einen retten kann, ist beides gut, den einen zu retten oder den anderen; den Tod desjenigen, der dann stirbt, konnte man nur nicht verhindern, wollte ihn aber nicht und hat ihn erst recht nicht herbeigeführt.

(Und was sollte die Antwort auf die Frage sein? Nun, keine Ahnung. Beides zu tun wäre gut. Viele würden wahrscheinlich das Baby retten: Weil es unter Schmerzen sterben würde; weil es sicher eine Chance auf ein längeres Leben hätte, während die im Labor geschaffenen Embryonen vielleicht bald weggeworfen worden wären – so, wie viele vielleicht auch lieber ein Baby als drei hundertjährige Komapatienten, die im Schlaf sterben würden, retten würden. Dabei wird kein Unterschied bzgl. ihrer Menschenwürde gemacht. Aber egal wie man sich entscheiden würde, jede Entscheidung wäre richtig, denn man hätte Menschen gerettet.)

h) Man muss es wirklich einfach sagen: Kinder entstehen nicht durch Zauberei. Nun ist es nicht sehr aussichtsreich, Leute gleich mal schnell zu überzeugen, dass Sex außerhalb der Ehe immer falsch ist, aber vielleicht bekommt man sie wenigstens dazu, zu verstehen, dass man vor dem Sex darüber nachdenken kann: Was wäre denn, wenn? Und wenn man in extreme Panik geraten würde beim Gedanken an eine Schwangerschaft, dann ist es sehr wohl möglich, auf Nummer sicher zu gehen und keinen Sex zu haben. Es gibt keine allgemeine Pflicht für Frauen im gebärfähigen Alter, Sex zu haben.

i) Über den Begriff „Mord“ zu debattieren bringt indessen nicht viel. Zu oft wird zwischen dem moralphilosophischen Gebrauch („direkte Tötung eines unschuldigen Menschen“) und dem juristischen Gebrauch (wo niedere Beweggründe etc. nötig sind) nicht unterschieden. Im juristischen Sinn kann eine Abtreibung von den Motiven her auch genausogut Totschlag sein: darauf kommt es aber nicht an.

j) Auch auf „Wo sagt die Bibel, dass Abtreibungen falsch sind“-Diskussionen sollte man sich gar nicht erst einlassen: Denn unsere Argumentation ist nicht, dass Abtreibung falsch ist, weil es die Bibel sagt. Wir gehen von dem biologischen Fakt aus, dass das Kind ein Mensch ist, und von den Überzeugungen, dass jeder Mensch eine hohe Würde hat und kein unschuldiger Mensch direkt getötet werden darf.

Es gibt tatsächlich Abtreibungsbefürworter, die mit „Die Bibel ist gar nicht gegen Abtreibung“ argumentieren, und dafür vor allem zwei Stellen heranziehen:

  • Zunächst Exodus 21,22: „Wenn Männer miteinander raufen und dabei eine schwangere Frau treffen, sodass ihre Kinder abgehen, ohne dass ein weiterer Schaden entsteht, dann muss der Täter eine Buße zahlen, die ihm der Ehemann der Frau auferlegt; er muss die Zahlung nach dem Urteil von Schiedsrichtern leisten.“ Hier wird dieser Fall von Mord und Totschlag unterschieden, weshalb Abtreibungsbefürworter argumentieren, das Leben des ungeborenen Kindes wäre also weniger wert gewesen als das geborener Menschen. Das ist völlig abwegig. Zunächst einmal wird die Tat hier ja bestraft; das Leben des Kindes wird durch das Gesetz geschützt. Zweitens ist eine aus Fahrlässigkeit verursachte Verletzung einer schwangeren Frau, die leicht eine Fehlgeburt haben kann, nun einmal etwas anderes, als jemanden totzuschlagen – zwar nicht, was das Resultat, einen toten Menschen, angeht, aber sehr wohl, was die Schuld des Täters angeht. Übrigens: Das Mosaische Gesetz unterscheidet hier, wie gesagt, auch Mord und Totschlag voneinander, und im Fall von Totschlag bleibt dem Totschläger die Möglichkeit, in eine Asylstadt zu fliehen, wo er dann unbehelligt wäre; er muss also nur das Exil in der Asylstadt auf sich nehmen. Das Gesetz unterscheidet hier nach der Schuld des Täters, nach seinem Vorsatz oder seiner Fahrlässigkeit, nicht nach dem Wert des Opfers. (Vgl. auch Numeri 35)
  • Dann wäre da Numeri 5,11-31: „Der HERR sprach zu Mose: Rede zu den Israeliten und sag ihnen: Angenommen, eine Frau gerät auf Abwege, sie wird ihrem Mann untreu, und ein anderer Mann liegt bei ihr im Beischlaf, ohne dass ihr Mann es merkt, angenommen also, sie ist unrein geworden, ohne dass es entdeckt wird, und es gibt keine Zeugen, weil sie nicht ertappt worden ist, im Mann aber wird Eifersucht wach und er wird eifersüchtig auf seine Frau, die wirklich unrein geworden ist; angenommen aber auch, er wird auf seine Frau eifersüchtig, obwohl sie in Wirklichkeit nicht unrein geworden ist: In einem solchen Fall soll der Mann seine Frau zum Priester bringen und soll zugleich die für sie vorgesehene Opfergabe mitbringen: ein Zehntel Efa Gerstenmehl. Er darf kein Öl darauf gießen und keinen Weihrauch darauf streuen; denn es ist ein Eifersuchtsspeiseopfer, ein Speiseopfer zur Ermittlung der Schuld. Der Priester führt die Frau hinein und stellt sie vor den HERRN. Er nimmt heiliges Wasser in einem Tongefäß; dann nimmt er etwas Staub vom Fußboden der Wohnung und streut ihn in das Wasser. Dann stellt der Priester die Frau vor den HERRN, löst ihr Haar und legt ihr das Ermittlungsspeiseopfer, das heißt das Eifersuchtsspeiseopfer, in die Hände; der Priester aber hält das bittere, fluchbringende Wasser in der Hand. Dann beschwört der Priester die Frau und sagt zu ihr: Wenn kein Mann mit dir geschlafen hat, wenn du deinem Mann nicht untreu gewesen, also nicht unrein geworden bist, dann wird sich deine Unschuld durch dieses bittere, fluchbringende Wasser erweisen. Wenn du aber deinem Mann untreu gewesen, wenn du unrein geworden bist und wenn ein anderer als dein eigener Mann mit dir geschlafen hat – und nun soll der Priester die Frau mit einem Fluch beschwören und zu ihr sprechen – , dann wird der HERR dich zum Fluch und zum Schwur in deinem Volk machen. Der HERR wird deine Hüften einfallen und deinen Bauch anschwellen lassen. Dieses fluchbringende Wasser wird in deine Eingeweide eindringen, sodass dein Bauch anschwillt und deine Hüften einfallen. Darauf soll die Frau antworten: Amen, amen. Der Priester aber schreibt diese Flüche auf und wischt die Schrift sodann in das bittere Wasser. Dann gibt er der Frau das bittere, fluchbringende Wasser zu trinken, damit dieses fluchbringende Wasser in sie eindringt und Bitternis bewirkt. Der Priester nimmt aus der Hand der Frau das Eifersuchtsspeiseopfer, erhebt das Speiseopfer vor dem HERRN und bringt es auf dem Altar dar. Der Priester nimmt von dem Speiseopfer eine Handvoll als Gedächtnisanteil weg und lässt ihn auf dem Altar in Rauch aufgehen. Dann erst lässt er die Frau das Wasser trinken. Sobald er sie das Wasser hat trinken lassen, wird das fluchbringende Wasser in sie eindringen und Bitternis bewirken, falls sie unrein und ihrem Mann untreu geworden ist: Es wird ihren Bauch anschwellen und ihre Hüften einfallen lassen, sodass die Frau in ihrem Volk zum Fluch wird. Wenn sie aber nicht unrein geworden, sondern rein ist, dann wird sich zeigen, dass sie unschuldig ist, und sie kann Kinder bekommen. Das ist die Eifersuchtsweisung für den Fall, dass eine Frau ihren Mann betrügt und unrein geworden ist, oder dass in einem Mann Eifersucht wach wird, er auf sie eifersüchtig wird und sie vor den HERRN treten lässt. Wenn der Priester diese Weisung auf sie anwendet, dann ist der Mann von Schuld frei, die Frau aber muss die Folgen ihrer Schuld tragen.“ Abtreibungsbefürworter lesen das so, dass das bittere Wasser ein Abtreibungsmittel wäre und das Kind abgehen soll, falls sie aus einem Ehebruch schwanger ist. Aber hier lesen sie einfach ihre Annahmen in den Text hinein. Zunächst einmal ist Wasser mit ein klein wenig Staub kein Gift; es ist nicht unbedingt gesund, aber es hat an sich keine schlimmen Folgen. Hier geht es also um eine Prüfung, die normalerweise nicht schadet, außer, wenn Gott ein Wunder wirkt, sodass sie schadet. Und worin besteht dieser Schaden? Offensichtlich in zukünftiger Unfruchtbarkeit. Bei einer Fehlgeburt ist es nicht so, dass der Bauch anschwillt und die Hüften einfallen. Hier ist nirgends die Rede von einer bereits bestehenden Schwangerschaft der Frau. (Vielleicht kommt diese Vorstellung aber auch daher, dass in einer englischen Übersetzung – der New International Version – heißt: „he makes your womb miscarry and your abdomen swell“. In den deutschen und den anderen englischen Übersetzungen, die ich zu rate gezogen habe, ist allerdings überall die Rede davon, dass der Bauch anschwillt und die Hüften oder Oberschenkel einfallen.)

Man kann auch von der Prolifeseite aus auf die Stelle im Neuen Testament hinzuweisen, wo die gerade erst schwanger gewordene Maria die im sechsten Monat schwangere Elisabeth besucht: „Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib.“ (Lk 1,41-44) Der ungeborene Jesus ist hier bereits da, und Er wird bereits „Herr“ genannt („Mutter meines Herrn“), obwohl er nur ein wenige Tage alter Embryo ist; und der ungeborene Johannes der Täufer erkennt Seine Anwesenheit.

Aber wie gesagt: Solche Diskussionen sind nicht zielführend und lenken nur ab.

Ein letzter Punkt: Meines Erachtens sollte man Abtreibungsbefürwortern nicht zu viel guten Willen unterstellen. Sie wissen oft genug selbst, dass sie sich etwas vorlügen. Jeder normale Mensch hat im Gespür, dass es böse wäre, z. B. ein Baby im 9. Monat umzubringen; und jeder Mensch kann sehr leicht in Erfahrung bringen oder weiß es eigentlich schon, dass es keinen kategorischen Unterschied zwischen dem Baby in diesem Stadium und dem, was es ein paar Monate vorher war, gibt. Es gibt viele Leute (Frauen und Männer), die es zwar nicht so richtig schaffen, Abtreibung ganz zu „verurteilen“, weil sie heute einfach so normalisiert worden ist, die aber selber abgestoßen genug davon sind, dass sie ein eigenes Kind nicht abtreiben würden, auch wenn es „ungeplant käme“. Vor allem wer Abtreibung in jedem Stadium der Schwangerschaft aus jedem Grund, vehement verteidigt, Kinder als Parasiten bezeichnet usw. usf., ist einfach ein schlechter Mensch. Klar kann er sich ändern, aber im Moment ist er ein schlechter Mensch. Und in letzter Zeit sieht man immer häufiger Leute mit solchen Äußerungen. (Wer Abtreibung nur in „Härtefällen“ als notwendiges Übel sieht, ist inkonsequent und denkt nicht an die Opfer, aber es steht nicht so schlimm mit ihm.)

Abtreibungsbefürworter sind auch nicht fähig, unsere Argumentation, unsere Sichtweise in eigenen Worten wiederzugeben; sie müssen sie immer irgendwie entstellen. „Ihr seid einfach gegen Sex“ (Hm, vielleicht glauben viele Prolifer auch an „Kein Sex außerhalb der Ehe“, u. a. weil Sex außerhalb der Ehe nun mal schnell zu Situationen führt, in denen Abtreibung in Erwägung gezogen wird? Aber man muss das nicht glauben, um zu sehen, dass die Tötung eines Kindes immer falsch ist; Abtreibung ist keine Sünde gegen das sechste, sondern eine gegen das fünfte Gebot: Du sollst nicht morden. Ich z. B. war gegen Abtreibung, bevor ich gegen Sex vor der Ehe war.) „Ihr seid nicht pro-life, sondern nur pro-birth“ (Welchen Sinn soll das überhaupt ergeben?) „Ihr wollt Frauen kontrollieren“ (Weil es eine so furchtbare Kontrolle ist, einer zu verbieten, ihr Kind zu töten.) Sie müssen sich immer Karikaturen schaffen, die nicht einmal Sinn ergeben, weil sie sich selbst belügen müssen.

Wenn man merkt, dass Abtreibungsbefürworter aggressiver und irrationaler werden, als sie für gewöhnlich sowieso schon sind, bringt es auch manchmal nichts, weiterzureden. Sollen sie sich selbst überlassen werden, wie sie mit ihrem Gekreisch (im realen oder übertragenen Sinn) ihr eigenes Gewissen und unsere Argumente übertönen wollen.