Korrumpierung des Glaubens?

Es ist eine bekannte Phrase: Jetzt, da [nicht total säkularisierte] Christen so gut wie keine politische Macht mehr haben, wird doch wenigstens ihr Christentum nicht von der Tagespolitik korrumpiert. Entweltlichung! Die Kirche wird rein und unbefleckt, nicht so wie in der Renaissance oder zu solchen schrecklichen Zeiten.

Das ist aber im Grunde genommen die Einstellung: Wenn man etwas falsch machen könnte, versucht man es gar nicht erst. Wenn man als Christ in der Politik Fehler machen könnte, lieber keine christliche Politik machen.

Gott hat bekanntlich die ganze Welt geschaffen, nicht nur die Kirche, das Pfarrheim und die eigene Wohnung, und Er hat den Menschen als Wesen geschaffen, das politische Organisation braucht (wie schon der Apostel in Röm 13 klarstellt). Wenn Christen die Politik aufgeben, übernehmen andere, und das hat mehr als genug schlimme Folgen. [Das soll kein Angriff auf einzelne sein: Heute haben wir einfach zu wenig Christen, die fähig dazu wären und denen es praktisch möglich wäre, in die Politik zu gehen und dort was auszurichten. Aber egal, ob die Christen sich zurückziehen oder einfach ihre Zahlen schrumpfen: Das Vakuum füllt sich.]

Bereich Wirtschaft: Mal hat man extrem liberale, mal sozialistische Ideen, wenn man die katholische Soziallehre aufgibt, und beide führen zu Ungerechtigkeit.

Bereich Lebensrecht: Es werden Abtreibung, Euthanasie, Suizidbeihilfe, Embryonenforschung erlaubt.

Bereich Familie: Leihmutterschaft und Homoehe (mitsamt Adoptionsrecht) kommen, davor wird die Scheidung normalisiert. Die Familie wird zugunsten des Staates zurückgedrängt, der die „Lufthoheit über den Kinderbetten“ will.

Man muss nicht für Fürstbischöfe sein; man kann schon das Argument vorbringen, dass ein Bischof sich hauptsächlich auf bischöfliche Aufgaben konzentrieren sollte. (Wobei Fürstbistümer für die Untertanen gar nicht so schlecht waren; „unter dem Krummstab ist gut leben“ war sprichwörtlich.) Aber gegen katholische Laien in der Politik zu sein, die sich nach ihrem katholischen Glauben richten und mit der Kirche zusammenarbeiten, ob nun Erbmonarchen wie der sel. Karl I. von Österreich-Ungarn, der hl. Ludwig IX. von Frankreich, Albert I. von Belgien oder sonstige Politiker wie Engelbert Dollfuß, Ellen Ammann, Konrad Adenauer, Gabriel Garcia Moreno oder der hl. Thomas Morus? Welchen Sinn ergibt das?

Reichsapfel des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer Arnoldius.

Es ist lustig, dass man dieses Argument manchmal von Leuten hört, die sonst entsetzt zurückschrecken würden, wenn es hieße, der Christ solle sich „von der Welt unbefleckt“ halten. (Das soll er ja auch; von manchen Dingen muss man sich einfach abgrenzen. Der Zweck heiligt nicht die Mittel und man ist nicht für alles verantwortlich. Nur heißt das eben nur in manchen Systemen, dass er sich aus Gewissensgründen ganz dem politischen System entziehen muss, weil es dermaßen dysfunktional ist.) Was, wir sollen uns absondern, uns als die Reinen aufspielen? Niemals; das wäre doch ein Verrat an unseren Mitmenschen. Wenn es an die Politik geht, soll man es aber plötzlich doch. Hier sieht man, dass der Grund wohl eher der ist, dass man nicht als Theokrat gelten will, der anderen „seine religiösen Überzeugungen aufzwingen“ will – also lässt man sich von anderen ihre atheistischen Überzeugungen aufzwingen und lässt diejenigen im Stich, denen man mit seinen christlichen Überzeugungen helfen würde.

Und wie rein wird die Kirche denn? Intrigen im Vatikan und den Bistümern gibt es heute mehr als genug.

„Aber die Kirche sollte sich nicht der Politik / dem Staat anbiedern.“ Mir scheint es, als ob die Kirche das früher, als es noch katholische Parteien wie die Zentrumspartei und die Bayerische Volkspartei gab, oder noch früher, als die meisten Länder von christlichen Monarchen regiert wurden, weniger getan hat als heute.

Gerade weil sie eine mächtige Partei war, die ihre Interessen offensiv vertrat und eine privilegierte Stellung in der Gesellschaft einnahm, musste sie sich weniger anbiedern und andere mussten sich ihren Forderungen mehr anpassen. Dem Sonnenkönig Ludwig XIV., der täglich die Messe besuchte, wurde jahrelang die Kommunion verweigert, als er eine Mätresse hatte (in späteren Jahren war er seiner zweiten Frau treu); unsere Bischöfe schaffen es selten, im Ehebruch lebenden Politikern die Kommunion zu verweigern. Die Kirche damals hatte es nicht so sehr nötig, sich mit den Mächtigen gut zu stellen. Der hl. Bischof Ambrosius von Mailand verwehrte nach dem Massaker von Thessaloniki im Jahr 390 dem römischen Kaiser Theodosius den Zugang zum Dom und brachte ihn dazu, Buße zu tun.

Ambrosius und Theodosius. Gemälde von Anthonis van Dyck, 17. Jh. Gemeinfrei.

Das ist natürlich verallgemeinernd; es wird sicher auch Gegenbeispiele und andere Nachteile geben. Aber hier kommen wir zum Punkt zurück: Dass man etwas falsch machen könnte, heißt nicht, dass man es einfach aufgeben sollte oder kann.

Oft, vermute ich, kommt die Abneigung gegen die Idee einer christlichen Verfassung, eines christlichen Staates, eines christlichen Staatsoberhauptes, christlicher Politiker einfach von vagen und falschen Vorstellungen davon, wie so was früher ausgesehen hätte. Schreckensvorstellungen vom finsteren Mittelalter mit seiner allgegenwärtigen Unterdrückung wabern eben immer noch umher. Daher lohnt es sich, sich über Herrschaft in der christlichen Vergangheit und konkrete christliche Herrscher – vor allem die besonders frommen – zu informieren; und die am besten auch mal mit nicht- oder antichristlichen Herrschern zur selben Zeit zu vergleichen.

(Und aufzuhören, die Herrscher zur eigenen Zeit für den Maßstab aller Dinge zu halten. Vielleicht wäre man ja vor 100, 200 oder 700 Jahren ziemlich entsetzt gewesen, wenn man unsere Herrscher und unsere Gesetze hätte sehen können.)

Was ist Rassismus? Teil 2a: Geschichtsmythen: Afrika vor dem Kolonialismus und der Sklavenhandel

Hinter dem heutigen „Anti-Rassismus“ der Linken steckt ein bestimmtes Weltbild, ein bestimmtes Geschichtsbild. Unter vielen Afrikanern ist (verstärkt durch panafrikanische Propaganda oder „black nationalism“) die Sichtweise verbreitet: Wo es Afrika/Schwarzen schlecht geht, ist das der Unterdrückung durch Weiße zu verdanken; wenn diese Unterdrückung nicht gewesen wäre, wäre Afrika haushoch überlegen. Quasi Wakanda. Und im Grunde genommen wollen Weiße Schwarze immer noch unterdrücken, wo sie können; dass es jetzt nicht mehr so schlimm wie früher ist, verdankt sich nur dem geeinten Widerstand der Schwarzen, ohne den käme praktisch die Sklaverei wieder. Unter Weißen wiederum wird es immer mehr verbreitet, zu glauben, die eigene Geschichte sei eine einzige Ansammlung von Gräueltaten und Überlegenheitsdünkel; es gäbe hier nichts, worauf man irgendwie stolz sein könnte. Das natürliche, erwartbare Resultat davon ist Hass und Paranoia unter Schwarzen (und die hat Folgen), und Scham, Minderwertigkeitsgefühle und Selbsthass unter Weißen.

Daher will ich hier mal ein paar Fakten aufzählen, um die Perspektive etwas zurechtzurücken. Öfter geht es wirklich um eine Umkehrung des allgemein verbreiteten Bildes, manchmal auch nur um eine Abmilderung; aber auch „mildernde Umstände“ sollte man erwähnen. (Wenn jemand einen Einbruch begangen und dabei eine Person leicht verletzt hat, ist es auch falsch, ihm einen geplanten Doppelmord vorzuwerfen; dasselbe gilt für Verbrechen von historischen Persönlichkeiten. Die Wahrheit ist ein Wert an sich.)

Der zentrale Punkt, den ich meinen Lesern einhämmern möchte, ist: Sklaverei und Kolonialismus waren zwei verschiedene Epochen in der afrikanischen Geschichte, und der Kolonialismus und nur der Kolonialismus hat die Sklaverei beendet.

Der transatlantische Sklavenhandel fällt in die Zeit, als Afrika unabhängig war und Afrikaner aus eigenem Willen ihre Nachbarn verkauften; es waren die Europäer, die beschlossen, ihn zu beenden, und es waren auch sie, die etwas später, als sie Afrika kolonialisierten, den so oft vergessenen Sklavenhandel mit der islamischen Welt unterdrückten, der im Lauf der Jahrhunderte locker 20 Millionen Opfer gefordert hatte (im Vergleich zu 11-12 Millionen beim transatlantischen Sklavenhandel). Der Kolonialismus hat einige sehr große Übel beendet, von denen das schlimmste der Sklavenhandel war; und er hat neben manchem Schlechten auch viel Gutes gebracht. (In späteren Artikeln will ich auf den Kolonialismus und einige Geschichtsmythen und Fälschungen diesbezüglich eingehen, die v. a. unter Afrikanern verbreitet werden, wie die „Charta des Imperialismus“.)

Aber jetzt der Reihe nach einige Fakten zur afrikanischen Geschichte vor dem Kolonialismus.

Manche Leute, die nur vage Geschichtskenntnisse haben, machen den Fehler, wenn sie über afrikanische Geschichte reden, nicht zu beachten, dass man von einem Kontinent spricht, der zweigeteilt ist durch die Sahara: Afrika nördlich der Sahara, mit seinen hellhäutigeren Bewohnern, die nicht wirklich anders aussehen als Spanier und Griechen, war immer in den Mittelmeerraum eingebunden; es war der Sitz von Reichen wie Ägypten und Karthago, später Teil des Römischen Reiches, früh christianisiert, Heimat von solchen Heiligen wie Augustinus, Clemens von Alexandria, Athanasius, Antonius. Dieser Teil Afrikas wurde im 7. Jahrhundert von arabischen Muslimen erobert und war später teilweise Teil des Osmanischen Reiches (heutige Türkei); freilich wurde der Anteil der christlichen Bevölkerung auch unter muslimischer Herrschaft nur langsam kleiner. Afrika südlich der Sahara, mit seinen schwarzen Bewohnern, bestand größtenteils aus sehr dezentralisierten Gesellschaften und war sehr lange größtenteils heidnisch (polytheistisch, animistisch). Auch die größeren Reiche dort (Dahomey, Kongo, Buganda etc.), waren meistens technologisch ziemlich wenig entwickelt.

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(Links: Ehemaliger Königspalast, später ein Königsgrab, von Buganda. Bildquelle: Wikimedia Commons, eingestellt von Nutzer not not phil. Rechts: König (Eze) Obalike von Nri, 1913. Gemeinfrei.)

(Die größte Ausnahme bildet Äthiopien, das über den Nil viel Kontakt zu Ägypten hatte, dessen König im 4. Jahrhundert das Christentum annahm, und das eine Schriftkultur und ein paar ganz beeindruckende Kirchen und Paläste hatte (und das leider zusammen mit den Ägyptern der monophysitischen Häresie verfiel, nach der Christus nur eine Natur, die göttliche, hat).)

Bete Abba Libanos.jpg ET Gondar asv2018-02 img03 Fasil Ghebbi.jpg Aethiopisch orthodoxer Moench.jpg(Bilder aus Äthiopien: Felsenkirche in Lalibela, Palast in Gondar, Mönch mit einer Bibelhandschrift. Bildquelle: Wikimedia Commons, Fotos von Nutzern Bernard Gagnon, A. Savin, Klemens Reidlinger.)

Wenn man an afrikanische Geschichte denkt, denkt man sofort an das Stichwort Sklaverei. Daher eine Klarstellung: Vor 2000 Jahren gab es auf der ganzen Welt Sklaverei. Korea, Indien, Afrika, Rom, Germanien, Irland: Man wird kein Land finden, in dem es keine Sklaverei gab. Die Sklaven stammten nicht aus einer bestimmten Rasse, und Afrika spielte nicht die Rolle eines Sklavenexporteurs für den Rest der Welt. Nachdem manche Länder (vorrangig das Römische Reich) das Christentum annahmen, ging die Sklaverei dort sehr langsam zurück oder nahm mildere Formen an; noch verschwand sie allerdings nicht.

Die ganze Situation änderte sich ab dem 7. Jahrhundert, als eine neue, recht militante Religion entstand, nämlich der Islam. Die islamischen Reiche führten massiv Kriege und importierten massiv Sklaven, teils durch Raubzüge, teils durch Handel. Sie waren nicht wählerisch bei deren Ursprung: Sklaven aus Franken wurden ebenso genommen wie Sklaven aus Osteuropa oder aus Indien (der Name „Hindukusch“ bedeutet übrigens „Hindu-Tod“, da beim Marsch über dieses Gebirge so viele indische Sklaven zu Tode kamen) – oder eben auch aus Afrika.

Die muslimischen Herrscher in Nordafrika bauten militärischen Druck auf die weiter südlich lebenden (schwarzen) Völker auf und zwangen sie dazu, Sklaven als Tribut zu liefern, um nicht selbst versklavt zu werden; die gingen also in der Sahelzone auf Menschenjagd und lieferten die gewünschte Ware nach Norden. Teilweise machten sich die Araber auch selbst einen Spaß an der Sklavenjagd, und teilweise wurde Handel von einzelnen Schwarzafrikanern aus schlichter Geldgier ohne fürstlich organisierte Sklavenjagden betrieben. In Westafrika waren es eher schwarze Fürsten, die auf Sklavenjagd gingen; an der ostafrikanischen Küste legten die Araber selbst Städte an.

„Im 15. Jh. gab es zwischen Kilwa und Mogadischu 37 regelmäßig angelegte Städte mit eigenen Moscheen und raffiniertem persischem Dekor. Alle dienten sie als Exporthäfen für Sklaventransporte in den Irak, nach Persien, auf die arabische Halbinsel, nach Indien und sogar nach China. […] Die Sklaven wurden teils von Händlern im Landesinnern erworben, zusammen mit Elfenbein, welches sie zur Küste tragen mussten; teils wurden sie durch die Raubzüge der Emire erbeutet. So vermerkt der Schriftsteller Ibn Battuta, welcher 1331 Kilwa besuchte, dass der Sultan jährlich zu Sklavenjagden auszog. […] Als Oman im 16. Jh. Seemacht wurde, importierte der Sultan in manchen Jahren 20.000 Schwarzafrikaner.“ (Egon Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, 3. Auflage, München 2018, S. 101-103)


(Schwarzafrikanische Sklaven in Sansibar, 1889. Gemeinfrei.)

Die niedrigste Schätzung für die von den Muslimen zwischen dem 7. und dem 20. Jahrhundert aus Afrika importierten Sklaven beträgt 17 Millionen; dabei sind aber die beim Transport gestorbenen und in den Versklavungskriegen getöteten Menschen nicht mitgerechnet; und selbst diese Schätzung ist höchstwahrscheinlich zu niedrig. Man wird von 20 Millionen und noch mehr auf den arabischen Märkten angekommenen Sklaven ausgehen können.


(Sklavenmarkt im Jemen, Illustration aus dem 13. Jahrhundert. Gemeinfrei.)

In Nordwesteuropa (England, Frankreich, Deutschland etc.) verschwand im Hochmittelalter die Sklaverei, in Südeuropa (Italien, Spanien, Portugal) blieb sie etwas länger erhalten, war aber nicht sehr bedeutend. Europa blieb allerdings in dieser Zeit noch (wenn auch in geringerem Maße als Afrika) ein Herkunftsgebiet für Sklaven: Die muslimischen Kaperfahrer aus den sog. Barbareskenstaaten wie Algier und Tunis erbeuteten im Lauf der Jahrhunderte mehr als eine Million Europäer von Schiffen oder aus Küstendörfern; in einzelnen Fällen fuhren sie bis Irland und sogar Island, aber hauptsächlich konzentrierten sie sich auf das Mittelmeer und die Mittelmeerstaaten: Italien, Malta, Frankreich, Spanien (das die christlichen Spanier langsam von den Arabern zurückeroberten, die von Nordafrika aus dort eingefallen waren) usw. Diese Sklavenjagden dauerten bis ins frühe 19. Jahrhundert; im mittelalterlichen Europa wurden Orden wie die Mercedarier gegründet, die in muslimische Länder gingen, um dort Sklaven freizukaufen. Zu den berühmten Personen, die einige Jahre lang Sklaven der Muslime waren und dann fliehen konnten, gehören der spanische Schriftsteller Miguel de Cervantes und der hl. Vincent de Paul. Der Großteil der Sklaven konnte allerdings weder freigekauft werden noch fliehen. Osteuropa und Russland litten ebenfalls stark unter muslimischen Sklavenjagden.*


(Linkes Bild: Mönche kaufen europäische Sklaven in den Barbareskenstaaten frei. Gemeinfrei. – Rechtes Bild: Kaufmann aus Mekka (rechts) mit seinem tscherkessischen Sklaven (links), ca. 1888. Gemeinfrei.)

Aber zurück zu Afrika: Die Muslime importierten, wie gesagt, besonders viele Sklaven aus Schwarzafrika und in Ländern wie Marokko bildete sich nach und nach eine „color-line“ zwischen hellhäutigeren und dunkelhäutigeren Bevölkerungsschichten: Bei einem Schwarzen war es typisch, dass er Sklave war. Für die Versklavung von Schwarzen wurde als Rechtfertigung manchmal Noahs Fluch über Ham (der u. a. als Stammvater von Kusch, also Äthiopien, gilt) herangezogen, der aus der Bibel stammt (Gen 9,24-27), aber den auch der Islam kannte. Diese Interpretation war etwas vom Islam, nicht vom Christentum Erfundenes; im Christentum wurde sie erst deutlich später von einzelnen übernommen.

Unter muslimischen Gelehrten finden sich sehr viele sehr unfreundliche Äußerungen über Schwarze; hier ein paar Kostproben:

„Ein Anonymus aus dem Irak (um 902) führt die Entstehung unterschiedlicher Rassen von defizienten Untermenschen auf das Klima zurück; in der heißen Klimazone würden die Kinder im Mutterleib zu lange ‚gekocht‘:

’so daß das Kind zwischen schwarz und dunkel gerät, zwischen übelriechend und stinkend, kraushaarig, mit unebenmäßigen Gliedern, mangelhaftem Verstand und verkommenen Leidenschaften, wie etwa die Zanj, die Äthiopier und andere Schwarze, die ihnen ähneln‘.

Eine persische geographische Abhandlung (928 n. Chr.) behauptet:

‚Was die Länder des Südens angeht, so sind alle ihre Einwohner schwarz … Es sind Leute, die dem Maßstab des Menschseins nicht genügen‘.

Desgleichen notiert der Geograph Maqdisi (10. Jh.) über Schwarzafrikaner:

‚Es gibt bei ihnen keine Ehen; das Kind kennt seinen Vater nicht; und sie essen Menschen … Was die Zanj (Ostafrikaner südlich Äthiopiens) angeht, so sind es Menschen von schwarzer Farbe, flachen Nasen … und geringem Verstand oder Intelligenz‘.

Interessanterweise handelt es sich zumeist nicht um einen dichotomischen Rassismus (Schwarz-Weiß), sondern um einen trichotomischen: Zwei minderwertige Rassen (Schwarz und Weiß), beheimatet in den extremen Klimazonen, stehen einer hochwertigen (Rot oder Hellbraun) in der ‚mittleren‘ Zone gegenüber. Demgemäß gelten auch Türken, Slawen und Chinesen als minderwertige Rassen. Die große arabische Philosophie übernahm diesen Hautfarbenrassismus. So untermauert der große Avicenna (Ibn Sina, gest. 1037) die aristotelische Theorie des Untermenschen klimatheoretisch; extremes Klima produziere Sklaven von Natur: ‚denn es muß Herren und Sklaven geben‘; und im Liber Canonis behauptet er, die Schwarzafrikaner seien intellektuell minderwertig. Auch im islamischen Spanien grassierte diese Rassentheorie: Sa’id al-Andalusi (gest. 1070) lehrt eine klimatologisch begründete Minderwertigkeit der Schwarzafrikaner; desgleichen tat der jüdische Philosoph Maimonides (gest. 1204) aus Córdoba, der sowohl Schwarzafrikaner als auch Türken zwischen Menschen und Affen einstuft. Ebenso lässt der große Gelehrte Ibn Khaldun (1332-1406) keinen Zweifel am Untermenschentum der Schwarzen:

‚Daher sind in der Regel die schwarzen Völker der Sklaverei unterwürfig, denn (sie) haben wenig Menschliches und haben Eigenschaften, die ganz ähnlich denen von stummen Tieren sind, wie wir festgestellt haben‘.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 128f.)

Jetzt werden sich manche Leser fragen: Wieso gibt es dann heute keine schwarze Minderheit mehr in Saudi-Arabien, dem Iran oder der Türkei? Die Gründe sind recht einfach: Erstens wurden Sklaven (z. B. auf den Zuckerrohrplantagen oder in den Minen) stärker verheizt als z. B. später in den Südstaaten der USA; sie arbeiteten sich zu Tode, ohne Nachkommen zeugen zu können. Zweitens vermischten sich die hellhäutigeren Herren leichter mit schwarzen Sklavinnen als das in christlichen Gesellschaften der Fall war, wo die Monogamie erwartet wurde und es keine Harems gab. Drittens, und das ist ein noch wichtigerer Grund: Die männlichen Sklaven wurden vor ihrem Import für gewöhnlich kastriert.

Dann kam eine neue Entwicklung. Die Iberische Halbinsel wurde von den Arabern befreit (abgeschlossen war die Reconquista 1492); Europa insgesamt wurde technologisch, wirtschaftlich und militärisch stärker, neue, bessere Schiffe wurden gebaut; die Portugiesen und die Spanier (und später die Hollländer, Franzosen und Engländer) begannen einige Entdeckungsfahrten. Die Portugiesen waren die Vorreiter. Sie segelten schon mal ein Stück auf den Atlantik hinaus und die afrikanische Küste entlang; entdeckten schon im 14. Jahrhundert die Kanarischen Inseln; umrundeten Ende des 15. Jahrhunderts das Kap der Guten Hoffnung, die Südspitze Afrikas. Und die Portugiesen waren die ersten Europäer, die schwarzen Stammesfürsten in Westafrika Menschen abkauften.

Beim transatlantischen Sklavenhandel waren es nicht die europäischen Sklavenhändler, die in Westafrika auf Menschenjagd gingen; diese Mühe mussten sie sich gar nicht machen. Sie kauften Afrikanern ihre Gefangenen aus anderen Stämmen ab; manche der Fürstentümer an der westafrikanischen Küste (z. B. Dahomey, Asante) waren richtiggehend auf das Sklavenjagen spezialisiert.


(Sklavenhändler in Gorée, Senegal, 18. Jh. Gemeinfrei.)

„Welche Modalitäten des Versklavens gab es? 1594 nennt Alvares de Almada für das Gebiet am Gambia-Fluss drei: Krieg und Gefangenschaft, dann die Verstoßung von Straftätern, schließlich Entführungen. König Eyo Honesty, der am Ende des 18. Jhs. am Calabar-Fluß (Bucht von Biafra) als großer Menschenverkäufer agierte, fügt noch zwei Arten hinzu: den Selbstverkauf von Schuldnern, und den Verkauf von entfernten Verwandten. Der Missionar S. W. Koelle befragte 1834 in Sierra Leone angesiedelte Ex-Sklaven und erhielt folgendes Bild: 34% waren Kriegsgefangene, 31% gewaltsam Entführte, 7% Schuldner, 11% Straftäter, 7% von Verwandten und Behörden Verkaufte. Der letzte Punkt indiziert ein bedenkliches Ausmaß von Entsolidarisierung […] Doch eine solche Haltung ist ein historisches Resultat; sie kann sich ergeben aus der unablässigen Erfahrung, den Angriffen überlegener Feinde wehrlos ausgesetzt zu sein, ohne jegliche Aussicht, diese Situation politisch verändern zu können. Dann zerbröckelt der Zusammenhalt, zunächst eines Stammes, schließlich auch der Verwandtschaftsgruppen selber.

Die Eliten der afrikanischen Raubstaaten begingen keine ‚Kollaboration‘; denn man kollaboriert mit einem Überlegenen, um ihm gefällig zu sein. Diese Eliten waren ebenbürtige Partner im Spiel und diktierten den Europäern normalerweise die Marktbedingungen […]. Alle Forts an der Küste des afrikanischen Festlandes waren gemietet gegen einen Tribut an die einheimischen Herrscher; zeigten sich die Europäer widerspenstig, zerstörten die Afrikaner das jeweilige Fort. Ferner legten die Afrikaner fest, wie viele Sklaven sie verkaufen wollten, an wen und in welcher Zeit, ja sogar, welche Sklaven nicht exportiert wurden: das Königreich Benin verhängte ein Ausfuhrverbot für männliche Sklaven und hielt es durch, von 1516 bis tief ins 18. Jh. hinein. […]

Afrikaner versklavten andere Afrikaner, sie deportierten ihre Opfer, und sie verkauften diese an der Küste wie Vieh an europäische Händler. Warum? Weil sie überhaupt keine Gemeinsamkeit zwischen sich und ihren versklavten Opfern sahen. […] Eine ‚afrikanische Solidarität‘ oder gar ‚Identität‘ ist niemals entstanden. Die Täter handelten ihren Zwecken und Interessen gemäß – völlig ‚rational‘. […]

Die Europäer bezahlten ihren Einkauf keineswegs mit Tand oder minderwertiger Ware, sondern mit einem breiten Sortiment hochwertiger Güter: Mit Kaurimuscheln, Silbermünzen, Waffen, mit europäischen Stoffen und indischen Textilien, mit Perlen und mit schwedischen Eisenbarren. Ab 1670 stiegen die Preise kontinuierlich. In Wydah (Dahomey) kostete um 1730 ein Sklave 25 Gewehre oder 40 Leinenballen, um 1750 kostete er 40 Gewehre, bzw. 70 Ballen. […] Josef Inikori spricht von einem Gewehr-Sklaven-Zyklus: Die Afrikaner kauften Gewehre, um noch mehr Sklaven zu machen, um noch mehr Gewehre zu kaufen usw. […]. Diese These ist inzwischen widerlegt: Man benutzte nämlich in weiten Teilen Afrikas bis tief ins 19. Jh. fast nie Gewehre, um Sklaven zu erbeuten. Schnell operierende Reiterverbände gebrauchten blanke Waffen, keine Gewehre; als Fernwaffen blieben die Giftpfeile viel gefährlicher. Die militärische Stärke des Yorubastaates Oyo stützte sich auf die Schlagkraft seiner Reiter und Bogenschützen; weiter nördlich waren Angriffsoperationen vollständig auf das Pferd angewiesen. Daraus folgt, daß es keinen Zyklus Gewehr-Sklaven gab, im Gegensatz zum Zyklus Pferd-Sklaven in der Savannen-Region. Wozu dann aber die 19 Millionen importierten Gewehre? Überwiegend dienten sie den großen Versklaverstaaten als Statusdemonstration für ihre militärischen Apparate, vor allem bei Festen. Ferner taugten sie hervorragend, um Städte und befestigte Dörfer zu verteidigen; und dieser defensive militärische Gebrauch der Musketen war politisch entscheidend: Diese Waffe half staatlichen Gebilden, sich gegen mächtige Nachbarn zu behaupten. Solche Staaten überlebten länger; nicht verwunderlich also, dass die Hauptimporteure von Gewehren zu den größten Lieferanten von Sklaven gehörten.

Die Überfahrt nach Amerika war gefürchtet; sie dauerte auf der Strecke Angola-Brasilien 30 bis 40 Tage, von Guinea zur Karibik zwei Monate. […] Es starben insgesamt etwa 15% der Verschleppten bei der Überfahrt, anfangs durchschnittlich 20%, im 18. Jh. anfangs 15%, um 1750 noch 10%, um 1800 noch 8%. In der zweiten Hälfte des 18. Jhs. bedeutete jeder gestorbene Sklave eine durchschnittliche Einbuße von 0,67% des Gewinns; starben mehr als 15% lohnte das Unternehmen kaum noch. Da jedem Sklaven unter Deck nur etwa 0,5m² zustand, zwang man sie, sich tagsüber an Deck zu bewegen, sogar zu tanzen, ferner zu täglichem Waschen und Mundpflege. Für alle Verschleppten war die Überfahrt ein tiefer biographischer Einschnitt, welcher ihnen jegliche Hoffnung auf Heimkehr raubte, und ein weiteres traumatisches Ereignis, welches ihre frühere Identität entwertete und sie gefügiger machte, eine neue anzunehmen.

Die Todesrate war – im Vergleich mit anderen Transporten – nicht sehr hoch; sie ‚lag im 18. Jh. nicht über jener, die bei transatlantischen Truppen- oder Sträflingstransporten ermittelt worden ist‘. Die Sklavenschiffe transportierten allerdings überwiegend junge, gesunde Männer. Maßgeblich war einerseits, wie lange die Überfahrt dauerte, anderseits, aus welchen Regionen die Sklaven stammten, denn sie waren auf unterschiedlichste Weise epidemiologisch anfällig. Die Tropenkrankheiten sind auch der Grund für einen weiteren Umstand: die höchste Sterberate auf Sklavenschiffen betraf nämlich die europäischen Seeleute; auf französischen Transportern des 18. Jhs. betrug sie durchschnittlich 15%, auf englischen oft 25%. Besonders gefährlich waren die Liegezeiten vor der afrikanischen Küste; hierbei verloren mehrere Liverpooler Transporter um 1770 etwa 45% ihrer Mannschaften. Aus diesem Grunde benötigten die Sklaventransporter, obwohl sie so klein waren, so dermaßen viele Matrosen. Die Kapitäne erhielten 2-5% Provision und waren – unter finanziellen Gesichtspunkten – eher daran interessiert, daß Sklaven überlebten als Matrosen.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 172-177)

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(Karte aus: Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 181.)

„Der Augenblick des Ablegens war traumatisch. ‚Die Sklaven die ganze Nacht in Aufruhr‘, heißt es im Bordtagebuch eines Seemanns. ‚Sie spürten, wie sich das Schiff in Bewegung setzte. Ein Geheul, schrecklicher als ich es je zuvor gehört hatte, wie bei den armen Irren im Bedlam Hospital. Die Männer rüttelten an ihren Ketten, was einen ohrenbetäubenden Lärm verursacht.‘

Diese Angst rührte zum Teil daher, daß viele Westafrikaner glaubten, Europäer seien Meereslebewesen, Kannibalen aus dem Land der Toten, das schwarze Leder ihrer Schuhe sei die Haut von Afrikanern, der Rotwein, den sie tranken, das Blut von Afrikanern, und ihr Schießpulver bestehe aus verbrannten und zermahlenen Knochen von Afrikanern. Ähnliche Ängste gab es in Mosambik und bei den Völkern, die dem transsaharischen Sklavenhandel ausgesetzt waren.“ (John Iliffe, Geschichte Afrikas, übers. von Gabriele Gockel und Rita Seuß, München 1997, S. 183)

Nicht in allen amerikanischen Kolonien gab es Sklaven. In spanischen Kolonien gab es sie weniger; ins portugiesische Brasilien wurden Millionen importiert. In den englischen Kolonien in Nordamerika bildeten sich sklavenhaltende (im Süden) und sklavenfreie Gebiete (im Norden) heraus; im Allgemeinen brauchte man da Sklaven, wo man Plantagen (für Zuckerrohr, Tabak, Baumwolle usw.) anlegte. Die Freilassungsquoten waren unterschiedlich hoch (in Nordamerika geringer als in Südamerika); aber praktisch überall bildete sich neben der Schicht der Sklaven eine mehr oder weniger große Schicht aus freien Schwarzen und „Mulatten“ heraus. Auch das Ausmaß der Rassenvermischung war verschieden; in Südamerika höher als in Nordamerika.

Anfangs wurden weiße Schuldknechte (die z. B. als verurteilte Kriminelle aus Europa in die Kolonien gebracht worden waren) und aus Afrika hergebrachte Schwarze manchmal ähnlich behandelt; sie mussten mehrere Jahre arbeiten und wurden dann freigelassen. Erst nach und nach ging die Zufuhr an weißen Schuldknechten zurück.

„Die Geschichte der Karibikinsel Barbados zeigt exemplarisch, welche Dynamik nun einsetzte: Ab 1628 übernahmen Kapitalgesellschaften große Teile der Insel, legten binnen zweier Jahre 120 Plantagen mit durchschnittlich 115 ha an. Sie importierten mehrere tausend englische Sträflinge oder Verarmte, von denen etwa 20% auf der Überfahrt starben und die angesichts der expandierenden Plantagen keine Aussicht mehr hatten, eine eigene Parzelle zu erhalten. 1634 machten die Schuldknechte einen Aufstand, den 800 Milizionäre erstickten. Danach verschlechterte sich ihre Lage; 1647 kamen die Pflanzer einem Aufstand zuvor und exekutierten die Anführer. Von 1648 bis 1655 wurden 12 000 irische politische Gefangene nach Barbados geschickt. Die Schuldknechte wurden nicht nach englischem Recht behandelt, sondern nach lokalem Gewohnheitsrecht. Gemäß dem 1661 erlassenen ‚Act for Ordaining of Rights between Masters and Servants‘ konnte man sie verkaufen, vermieten und verpfänden, ihren Dienst bei Vergehen um ein bis zwei Jahr verlängern und sie auspeitschen. Der Fall Barbados dokumentiert, wie leicht ein sklavistisches System auf der Basis weißer Sklaven hätte entstehen können. Warum geschah das nicht? Erstens weil die Zufuhr fast völlig versiegte; die Betroffenen taten alles, um ihre Strafen anderswo abzubüßen oder sich anderweitig zu verdingen; ihnen boten sich inzwischen viele Alternativen an; hatte doch mittlerweile die europäische Besiedlung Nordamerikas begonnen. Zweitens waren die Kosten der ständigen Repression zu hoch: Menschen, die als öffentliche Sträflinge oder als Verarmte bestimmte Erniedrigungen hinzunehmen bereit waren, wehrten sich verbissen dagegen, in eine private Quasi-Sklaverei hineingepresst zu werden. Drittens gab es Arbeitskräfte, von denen ein viel höherer Prozentsatz die Tropenkrankheiten überlebten: afrikanische Sklaven.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 167f.)

Übrigens gab es auch freie Schwarze, die selbst Sklaven besaßen; ein bekanntes Beispiel wäre Anthony Johnson, ein Schwarzer aus Angola, der 1621 nach Virginia gebracht worden war, nach mehreren Jahren freikam, sich einigen Wohlstand erwarb, und vor Gericht um das Recht stritt (und es erhielt), einen anderen Schwarzen namens John Casor lebenslang in seinem Dienst zu halten statt nur begrenzte Zeit als Schuldknecht.

Sklaverei war eine Sache der Kolonien; in den europäischen Mutterländern existierte sie in aller Regel nicht, und Sklaven wurden frei, sobald sie europäischen Boden betraten (die Ausnahme bildeten Portugal und italienische Städte). Die Menschen in Europa sahen die Sklaverei für gewöhnlich nicht als gut, sondern als eine unschöne Angelegenheit in Übersee, wie man heute Kinderarbeit oder Lohndumping in Fabriken der Dritten Welt sieht, in denen Subunternehmer europäischer Unternehmer produzieren. Erst recht nicht mochten sie den Sklavenhandel, der dafür sorgte, dass ständig immer weitere freie Menschen in die Sklaverei geführt wurden (ab dem 16. Jahrhundert schon findet man übrigens päpstliche Verurteilungen dieses Handels; z. B. hier eine von 1537, hier eine von 1838; auch wenn das Sklavenhalten nicht als in sich falsch kirchlich verurteilt wurde). (Für mehr dazu, was Bibel und Kirche zu Versklavung, Sklavenhandel und Sklaverei sagen bzw. sagten, siehe diesen (ein wenig geupdateten) Artikel hier.)

Die rechtlichen Bestimmungen, denen Sklaven unterworfen waren, variierten. „Als die karabischen Besitzungen Frankreichs immer mehr zu Sklavenkolonien wurden, erachtete es die Krone für nötig, die im Mutterland so verabscheute Sklaverei rechtlich zu regeln; im März 1685 erließ Ludwig XIV. den ‚Code Noir‘. Wie jedwedes Sklavenrecht leidet der Code Noir unter dem Widerspruch, daß Sklaven als Besitz und nicht als Rechtspersonen gelten sollen, anderseits aber Menschen sind, für deren Seelenheil der König höchste Sorge trägt (Artikel 2). Sklaven sind zwar weder als Zeuge noch als Ankläger gerichtsfähig, doch bei schweren Vergehen werden sie nicht vom Herrn bestraft, stattdessen spricht ein Gericht über sie das Urteil. Somit begrenzt der Code Noir die Strafgewalt des Herrn erheblich: Zwar kann der Herr widerspenstige Sklaven ketten, sie mit Ruten oder Seilen schlagen lassen; doch es ist ihm untersagt, sie zu foltern oder zu verstümmeln, andernfalls werden die Sklaven konfisziert. Tötet er einen Sklaven, droht ihm eine Anklage wegen Mordes. Die Arbeit ruht sonntags und an katholischen Feiertagen. Sklaven können nur mit Erlaubnis ihres Herrn heiraten, es ist anderseits verboten, wenn eine Ehe besteht, die Ehegatten und die vorpubertären Kinder getrennt zu halten oder zu verkaufen. Art. 58 erklärt, daß Freigelassene ihren ehemaligen Herrn Respekt zu bekunden haben, aber frei von jeglichen Dienstleistungen sind. Sie gelten automatisch als eingebürgerte Untertanen, mit gleichen Rechten und Pflichten. Falls der verheiratete Herr eine Sklavin als Konkubine hält, so wird diese mitsamt den gemeinsamen Kindern konfisziert, und sie erhält kene Aussicht auf Freilassung. Hingegen darf der unverheiratete Herr eine Sklavin, welche damit automatisch frei wird, ehelichen; die Kinder sind freie Franzosen. […] Die Rechtspraxis der englischen Sklavenregionen folgte nicht dem Code Noir; sie anerkannte keine Sklavenehe, erschwerte die Freilassungen, zog zwischen Freigelassenen und den Weißen eine scharfe politische und soziale Demarkationslinie.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 182f.)

(Eine englische Übersetzung des Code Noir findet man übrigens hier. U. a. enthält er auch Bestimmungen, die Ansammlungen von Sklaven verbieten, Herren befehlen, ihren Sklaven eine bestimmte Menge an Nahrung und Kleidung zur Verfügung zu stellen, die Todesstrafe für Sklaven festlegen, die ihre Herren ins Gesicht schlagen, und festlegen, dass Herren kranke Sklaven pflegen oder einem Hospital für ihre Pflege eine bestimmte Summe zahlen müssen.)

Die Südstaaten der USA zählen zu den bekanntesten Sklavenhalterregionen der Neuen Welt. Die Sklaverei dort war, wenn auch in rechtlicher Hinsicht schlimmer als die Sklaverei in französischen Kolonien, in mancher Hinsicht nicht so schlimm wie andere Sklavensysteme (z. B. im islamischen Machtbereich) – vielleicht gerade „nicht so schlimm“ genug, dass die Südstaatler, denen bewusst war, dass man anderswo auch ohne Sklaverei leben konnte, sich sagen konnten, dass sich am System eigentlich nichts ändern müsste.

Sklaven waren nicht völlig rechtlos und wurden gut genug behandelt, dass sie sich relativ stark vermehren konnten, was in anderen Sklavenhaltergesellschaften der Weltgeschichte, die auf ständigen Nachschub von Sklaven von außerhalb angewiesen waren, nicht der Fall war. Es war verboten, ihnen lesen und schreiben beizubringen, sie durften sich nicht ohne schriftliche Erlaubnis von ihrer Plantage entfernen, und das Schlimmste war natürlich, dass Familien legal getrennt werden konnten; zwar war das nicht so häufig, wie manchmal angenommen wird, aber es kam vor, vor allem, wenn beim Tod eines Sklavenbesitzers sein Erbe zu Geld gemacht und verteilt wurde, und es gab keinen Schutz dagegen. Für die Vergewaltigung von Sklavinnen gilt dasselbe: Sie war nicht so häufig wie manchmal gedacht, aber es gab keinen wirklichen Schutz dagegen. Ein großer Vorteil für Sklaven in den Südstaaten war allerdings, dass ihre Herren oft keine abwesenden Großunternehmer waren, sondern auf der Plantage lebten und ihren Sklaven öfter eine gewisse paternalistische Fürsorge angedeihen ließen. Die Sklaven waren relativ gut ernährt; lebten nicht in großen Baracken, sondern in einzelnen Hütten für eine Familie; wurden versorgt, wenn sie krank waren; oft wuchsen ihre Kinder mehr oder weniger zusammen mit denen ihrer Herren auf. (Einen ganz guten direkten Eindruck von der Sklaverei bekommt man übrigens in den sog. „Slave narratives“, Interviews aus den 1930ern mit Afroamerikanern, die in ihrer Kindheit noch die Sklaverei erlebt hatten.)

Es gibt manchmal eine gewisse Südstaatenschwärmerei, vor allem in den konservativen Kreisen der Südstaaten. Da wird dann die Bedeutung der Sklaverei heruntergespielt – sie wäre mit der Industrialisierung sowieso verschwunden, beim Bürgerkrieg sei es nicht vorrangig um die Sklaverei gegangen – oder auf die Fehler des Nordens verwiesen – den Arbeitern in den Industriestädten des Nordens sei es viel schlimmer gegangen; während der Sklavenhalter des Südens für seine Sklaven gesorgt habe, hätte der Fabrikherr des Nordens seine Arbeiter einfach entlassen können; und überhaupt hätten die Nordstaaten im Bürgerkrieg keine humanen Motive gehabt und es wäre ihnen nicht um die Sklaven gegangen.

Hier ist einiges Wunschdenken dabei. Während man im 18. Jahrhundert in den Südstaaten die Sklaverei noch als etwas Unschönes, als ein Übel, wenn auch vielleicht ein notwendiges Übel, gesehen hatte, das im Lauf der Zeit verschwinden müsste, hatte man sich dort Mitte des 19. Jahrhunderts an sie gewöhnt, wollte sich nicht mehr eingestehen, dass man oder seine Vorfahren die Sklaverei hätten abschaffen können oder sollen. Wer sagt, dass man Sklaven nicht auch als Fabrikarbeiter eingesetzt hätte? Der Süden war sehr überzeugt von dieser Institution. Die Südstaaten haben in ihren Abspaltungserklärungen überdeutlich klargemacht, dass es ihnen um die Sklaverei ging und wie wichtig ihnen diese Institution war; auch die „Cornerstone Speech“ des konföderierten Vizepräsidenten, in der er die Sklaverei als „Eckstein“ der Konföderation bezeichnet, ist aufschlussreich. Das war der Grund der Abspaltung, nichts anderes; und die Abspaltung führte zum Krieg.

Natürlich gab es dann im Norden einige Politiker die mit „wir sind jetzt auch keine so radikalen Abolitionisten, uns geht es jetzt im Krieg erst mal darum, die Union zu bewahren, nicht um die Sklavenbefreiung“ kamen, um auf die öffentliche Meinung einzugehen, denn auch im Norden war die Frage der Sklavenbefreiung keineswegs allen einen Krieg wert. Aber insgesamt war man im Norden doch gegen die Sklaverei und schaffte sie dann ja auch ab. Es stimmt, dass die prakischen Folgen nicht sofort gut waren; dass es im Chaos der Nachkriegszeit den befreiten Sklaven zunächst manchmal schlechter ging als vorher auf den Plantagen. Aber dass der Norden die Befreiung schlecht geplant und durchgeführt hatte, heißt nicht, dass er sie nicht aus wirklicher Empörung über einen schlimmen Missstand beschlossen hatte. Auch die Tatsache, dass es den Fabrikarbeitern im Norden manchmal praktisch schlechter ging, ändert nichts daran; manchmal lenkt man sich ja von eigenen Fehlern damit ab, dass man sich gegen Unrecht anderswo einsetzt, und dieses Unrecht anderswo existiert trotzdem. Und dass die Situation nach den Wirren der Nachkriegszeit besser wurde, wird auch kaum jemand bestreiten wollen.

(Was übrigens die Religion angeht: Norden und Süden waren gleichermaßen religiös (größtenteils protestantisch), und verteidigten ihre Ansichten zur Sklaverei gleichermaßen mit der Bibel.)

Soweit zur Sklaverei in Amerika; am Rande seien hier noch die „Kammermohren“ oder „Hofmohren“ in Europa erwähnt: Schwarze, die auf irgendwelchen Umwegen (oft durch Sklavenhändler) nach Europa gelangten und dort zu Dienern von Fürsten wurden. In Europa war die Situation ganz anders als in den amerikanischen Kolonien; Schwarze waren keine niedere Klasse, sondern als faszinierend gesehene vereinzelte Exoten, die die Fürsten gern um sich haben wollten, denen sie oft Bildung und hohe Gehälter oder Erbschaften zukommen ließen und als deren Taufpaten sie selbst fungierten: der „Hofmohr“ in den Salons von Wien oder Salzburg war etwas ganz anderes als der „Negersklave“ auf der karibischen Zuckerplantage. Auch wenn die Kammermohren (oft als Kinder) als Sklaven nach Europa gebracht worden waren, das europäische Recht kannte, wie oben schon gesagt, eigentlich keine Sklaverei und dementsprechend wurden die Hofmohren im Endeffekt als normale Diener und Höflinge behandelt. Ehen mit Europäerinnen waren nichts Außergewöhnliches.

Einige Kammermohren erlangten eine gewisse Bekanntheit. Anton Wilhelm Amo war ein Philosoph und Jurist, der gegen Ende seines Lebens nach Ghana zurückkehrte; Angelo Soliman ein Prinzenerzieher beim Fürst von Liechtenstein (und leider ein Freimaurer); Abraham Petrowitsch Hannibal erreicht in Russland sehr hohe Stellungen in Politik und Militär und wurde Großgrundbesitzer, außerdem ist er der Urgroßvater des russischen Dichters Puschkin; Ignatius Fortuna war ein typischerer Kammerdiener ohne besondere sonstige Leistungen, allerdings war er recht wohlhabend und wurde er von seiner Fürstin mit einer hohen Erbschaft bedacht und auf ihren Wunsch hin in der Nähe ihres eigenes Grabes bestattet.

(Links: Fürstäbtissin Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach mit Ignatius Fortuna, von Johann Jakob Schmitz, 1772. Gemeinfrei. Rechts: Angelo Soliman. Gemeinfrei.)

Aber jetzt zur Abschaffung der Sklaverei.

Der ab dem 15. Jahrhundert neu entstandene transatlantische Sklavenhandel war, wie schon gesagt, keineswegs allgemein gern gesehen. Ab dem 18. Jahrhundert entwickelte sich eine stärkere Bewegung für die Abschaffung (Abolition) der Sklaverei; in englischsprachigen Gebieten geprägt von Freikirchlern – Methodisten, Quäkern, usw. England beschloss 1807 ein Verbot des Sklavenhandels; kurz darauf untersagten auch die USA den Import neuer Sklaven. Die Sklaverei selbst blieb im Britischen Empire noch ein wenig länger erhalten, aber relativ bald lief es auf ihre Abschaffung zu, während dieser Weg in den US-Südstaaten schwieriger war. Diese Bemühungen waren nicht auf die englischsprachigen Gebiete beschränkt; in ganz Europa entwickelte sich Empörung über die Grausamkeiten des Sklavenhandels und es entstanden Organisationen, um ihn zu bekämpfen.


(Logo britischer Abolitionisten. „Bin ich nicht ein Mensch und ein Bruder?“ Gemeinfrei.)

Dass v. a. die Briten es ernst mit der Unterdrückung des Sklavenhandels meinten, zeigt sich an einer einfachen Tatsache: Sie steckten Geld und Einsatz hinein.

„Nachdem in Europa 1814 der Friede wiederhergestellt war, versuchte die britische Regierung, über internationale Verträge den Sklavenhandel lahmzulegen, um die Sklaverei auszutrocknen. Denn das interne britische Verbot hatte nicht verhindert, daß die transatlantischen Überfahrten neue Rekordziffern erreichten. Den ersten bilateralen Vertrag zur Abschaffung des Sklavenhandels unterzeichneten 1814 Großbritannien und Frankreich; im Februar 1815 gaben auf dem Wiener Kongreß acht europäische Monarchien eine Erklärung ab, sie seien entschlossen, den Sklavenhandel zu unterdrücken. 1817 und 1823 folgten bilaterale Verträge mit Portugal und Spanien, um die gegenseitige Durchsuchung von Schiffen zu legalisieren, danach zahlreiche andere. Englische Kapitäne, die man beim Transportieren von Sklaven ergriff, wurden gehenkt. Den ständigen Druck der britischen Marine empfanden freilich andere Länder als Bruch des internationalen Rechts und der nationalen Souveränität. In der Tat drängten die Abolitionisten auf direkte imperiale Intervention, wobei die Quaker in Gewissensnot gerieten, da sie Gewalt ablehnten. Jahrzehntelang leisteten britische Kriegsschiffe humanitäre Interventionen und machten Großbritannien zum Weltpolizisten.

1823 verbot das Parlament das Auspeitschen und begrenzte den Arbeitstag der Sklaven auf 9 Stunden; das Zwangssystem begann zu wanken. Es vervielfachten sich die Revolten, welche jedoch niedergeschlagen werden mussten, da das System immer noch legalerweise bestand. 1833 beschloß das Parlament, die Sklaverei im gesamten Empire abzuschaffen; die Sklavenhalter wurden mit insgesamt 20 Mio Pfund entschädigt, die Sklaven sollten noch 7 Jahre als ‚Lehrlinge‘ bei ihren Herren arbeiten. 1841 kam es zu einem multilateralen Vertrag, welcher den Sklavenhandel auf eine Stufe mit Piraterie stellte und vorsah, die Weltmeere zu überwachen und Seeblockaden zu verhängen – im Dienste der Humanität. Danach patrouillierten regelmäßig bis zu 60 Kriegsschiffe in afrikanischen Gewässern, zuvorderst britische, aber auch französische und US-amerikanische. Im Februar 1848 brach in Frankreich die Revolution aus; am 27. April erklärte ein Dekret in allen französischen Besitzungen die Sklaverei mit sofortiger Wirkung für aufgehoben; nach alter Tradition bestimmte Artikel 7, jeder Sklave werde frei, ’sobald er französischen Boden betritt‘. Ab 1849/50 setzte die britische Marine eine weitgehende Blockade der westafrikanischen Küste durch und erdrosselte tatsächlich den dortigen atlantischen Sklavenhandel. Von 1807 bis 1867 fing man insgesamt 1287 Sklavenschiffe ab. Den Sklavenhandel zu unterbinden war teuer; 90% der gesamten Last trugen die Briten, deren Marine zu diesem Zweck 15% ihrer Schiffe verwandte. ‚Insgesamt wendeten die Briten ein halbes Jahrhundert lang rund 250.000 £ (Pfund) pro Jahr oder … rund 2 bis 6% ihres gesamten Marinebudgets auf.‘ Von 1816 bis 1862 kostete die Unterdrückung des Sklavenhandels ebensoviel wie die britischen Händler von 1760 bis 1807 am Verkauf Versklavter verdient hatten.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklaverei, S. 206-208)

„‚Sie nahmen uns die Fesseln von den Füßen und warfen sie ins Wasser‘, erinnerte sich ein befreiter Sklave, ’sie gaben uns Kleider, um unsere Blöße zu bedecken, sie öffneten die Wasserfässer, damit wir unseren Durst stillen konnten, und wir aßen, bis wir satt waren.'“ (Iliffe, Geschichte Afrikas, S. 199.)

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(Links: Darstellung eines britischen Marineschiffs, das ein Sklavenschiff aufbringt. Rechts: Sir George Ralph Collier, erster Commodore der ‚West Africa Squadron‘. Gemeinfrei.)

Man muss kein Freund der Briten des 19. Jahrhunderts sein; in ihrem eigenen Land schufteten Kinder in Minen und Fabriken, sie nahmen den Hungertod etlicher Iren billigend in Kauf und mit China begannen sie Krieg, um den Chinesen weiterhin Opium verkaufen zu können; aber in Bezug auf den Sklavenhandel muss man schlicht sagen: Ohne sie würde wahrscheinlich immer noch weltweit Sklavenhandel betrieben.

Von Schiffen befreite Sklaven wurden oft in eigens angelegten Städten in Afrika angesiedelt; dazu gehören Libreville im heutigen Gabun und Freetown im heutigen Sierra Leone. Abolitionistischen Bemühungen verdankt sich auch die Existenz der einzigen amerikanischen Kolonie in Afrika, einer Kolonie besonderer Art: Liberia (von lateinisch liber = frei), gegründet im Jahr 1822 von der „American Colonization Society“, die freigelassenen Afroamerikanern, die auf den Heimatkontinent ihrer Vorfahren zurückkehren wollten, einen Platz zur Ansiedlung verschaffen wollte. (Liberia wurde 1847 unabhängig.)

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(Ausschnitt eines Zeitungsberichtes im ‚African Repository‘ von 1837 über einen Sklavenbesitzer aus Virginia, der zwölf Sklaven freilassen und für die Reise nach Liberia ausstatten will. Gemeinfrei.)

Sklaverei endete nie von selbst; es brauchte immer die Entscheidung dazu, und den Willen, diese Entscheidung durchzusetzen. In Europa und europäischen Kolonien brachten Aktivismus und Gesetzesänderungen meistens viel; um die muslimische Sklaverei zu beenden, waren militärische Interventionen von außen nötig; diplomatischer Druck tat nur wenig, und aus muslimischen Gesellschaften heraus kam kein Wille zur Veränderung. Sklavenaufstände waren derweil für gewöhnlich zum Scheitern verurteilt. Der einzige größere erfolgreiche Sklavenaufstand der Weltgeschichte fand von 1791 bis 1804 auf Haiti statt; und den Siegern gelang nach ihrem Sieg kein wirklich erfolgreicher Aufbau eines Staates.


(Pétion und Dessalines, zwei Anführer der Haitianischen Revolution, Bild von Guillon-Lethière. Gemeinfrei.)

Das Vorgehen gegen den Sklavenhandel zur See zeigte gewisse Erfolge, wobei immer noch eine gewisse Anzahl an Sklaven von gewinnsüchtigen Kapitänen geschmuggelt wurde (ihr Preis war unter diesen Umständen natürlich gestiegen); die Nachfrage in Amerika verschwand dann erst, nachdem in den USA der Bürgerkrieg (1861-1865) zu Ende und die Sklaverei abgeschafft war, und zuletzt Brasilien sie 1888 abschaffte. Dennoch beendete das Versklavungsprozesse nicht: Dann verkauften westafrikanische Versklaver ihre Sklaven eben in andere afrikanische Reiche, oder (da die Europäer den „legitimen Handel“ mit Gütern wie Palmöl förderten) setzten sie selbst auf Palmölplantagen in Westafrika ein, um das Palmöl dann den Europäern zu verkaufen. Die Sklavenjagden der Araber in Afrika, v. a. Ostafrika, wurden im 19. Jahrhundert unterdessen immer schlimmer; und hier befinden wir uns am Vorabend der Kolonialisierung Schwarzafrikas.

Aber zur Kolonialisierung und der großflächigen Abschaffung von Sklavenhandel und Sklaverei innerhalb Afrikas im nächsten Artikel.

* Im Frühmittelalter gab es noch mehr Versklavungsprozessse und Europa war stärker gefährdet: „Es lassen sich 4 wichtige Routen ermitteln: auf der ersten importierten friesische Händler Sklaven irischer und englischer Herkunft aus London, um sie in den Binnenhäfen Westeuropas und Deutschlands zu verkaufen; auf der zweiten verbrachte man Sklaven aus den noch heidnischen slawischen Gebieten durch Bayern über die Alpen nach Venedig, von wo aus sie zu den islamischen Märkten verfrachtet wurden; auf der dritten kamen verschleppte Slawen durch Deutschland über Verdun, das als Sammellager und Kastrationsanstalt diente, das Rhône-Tal abwärts nach Arles und Marseilles, von wo aus sie ins moslemische Spanien gelangten, um die Mamlukenschaft des Kalifats zu ergänzen; die vierte Route führte von England zum islamischen Spanien, welches die meisten importierten Sklaven absorbierte und einen Teil nach Nordafrika und Ägypten weiterverkaufte.

Es war im fränkischen Reich untersagt, Versklavte in andere ‚Staaten‘ oder Christen an nichtchristliche Händler zu verkaufen. Das Verbot wurde ständig missachtet. Wiederholt versuchten kirchliche Synoden diesen Handel zu stoppen, schlugen sogar vor, daß französische Christen die Sklaven kaufen sollten, damit diese nicht in die Hände der Muslime fielen, vergebens.

Es blieb nicht beim Sklavenhandel. Zwischen 827 und 972 schienen die verbliebenen funktionierenden Königreiche zu kollabieren: Seit 825 griffen die Wikinger die Küsten an, drangen entlang der Flussläufe ins Innere, plünderten, zerstörten und verschleppten gefangene Menschen. Ihre Ausgriffe reichten bis tief nach Russland, wo sie 882 das Reich der Waräger gründeten; sie verschifften ihre Opfer von Irland bis ins moslemische Spanien, aber auch nach Osten, entweder über Nowgorod zur oberen Wolga, dann wolgaabwärts bis Bulgar, wo die Händler der moslemischen Niederlassung die Sklaven einkauften und sie über einen weiten Landweg zu den großen Sklavenmärkten und Kastrationszentren von Buchara und Samarkand verschleppten; oder über die Düna-Dnjepr-Linie bis nach Kiew; von dort führte ein Transportweg über das Schwarze Meer nach Konstantinopel und bis Ägypten, ein anderer nach Osten, den Don aufwärts, hinüber zur Wolga bis nach Itil im Norden des Kaspischen Meeres, wo ein riesiger moslemischer Sklavenmarkt die Opfer empfing, um Persien und den Irak zu beliefern. Ab 845 zahlten die Franken Tribute, um dieses Übel abzuwenden (Danegeld), was nur beding half. Gefährlicher war der Angriff aus dem Süden: 827 setzten nordafrikanische Emire nach Sizilien über, 840 besetzten sie Tarent, 846 richteten sie in Bari ein Emirat ein; ihre ständigen Razzien führten 846 zum ersten, 878 zum zweiten Angriff auf Rom; von Bari fuhren die Sklavenschiffe regelmäßig nach Tunis und Ägypten. 890 setzten sich die Truppen des Emirats von Córdoba im südfranzösischen Fraxinetum fest und unternahmen von dort ihre Feldzüge in das obere Rhonetal. 940 sperrten sie die westlichen Alpenpässe. Der südliche Rand Europas drohte zur okkupierten Lieferzone für die militärisch weit überlegene islamische Welt zu werden. Dazu kamen die Invasionen aus dem Osten: Seit 886 machten die Ungarn, ein Reitervolk der eurasischen Steppe ihre Raubzüge tief nach Mitteleuropa; auch sie zerstörten Siedlungen und deportierten Gefangene; 899 traf es Pavia, 911 Köln. Wohin kamen die Versklavten? Wen die Ungarn nicht benötigten, wurde wahrscheinlich donauabwärts verfrachtet, um übers Schwarze Meer nach Konstantinopel zu gelangen; da die Byzantiner nicht mehr die Mittel hatten, große Sklavenmengen zu importieren, dürfte der Großteil zu Schiff nach Syrien, dem Irak und Ägypten verschleppt worden sein. Erst 955 konnte Otto I. mit dem Sieg auf dem Lechfeld dieses Ausbluten der Bevölkerung im ostfränkischen Reich beenden. Die Invasionen der Wikinger endeten, als der westfränkische König 911 ihre Ansiedlung in Nordfrankreich akzepierte; 972 vertrieb das westfränkische Reich die Araber aus Südfrankreich. Angenommen, die fränkischen Reiche wären politisch zusammengebrochen, was wäre geschehen? Das christliche Resteuropa wäre eine ständig heimgesuchte Zone für mehrere kriegerische Versklaver geworden, welche ihre nicht zu absorbierenden Sklavenüberschüsse an das islamische Weltreich lieferten. Wäre Europa eine Lieferzone – vielleicht afrikanischen Typs – geworden, hätte die Weltgeschichte einen anderen Lauf genommen.“ (Flaig, Weltgeschichte der Sklavere, S. 154-157)

Ein paar Dinge zum Coronavirus

Es hat inzwischen wohl doch so ziemlich jeder mitbekommen: Was gerade vor sich geht, ist sehr viel gefährlicher als die Grippe.

Nicht, weil, wie in Zeiten der Pest, ein Drittel der Bevölkerung daran sterben würde; aber weil es doch sehr ansteckend ist, besonders gefährlich für ältere und kranke Menschen, und es die Krankenhäuser extrem stark belastet. In Italien sterben immer mehr Menschen den Erstickungstod wegen beidseitiger Lungenentzündung, weil nicht genug Beatmungsgeräte für alle Patienten da sind. Die Zahl der üblichen jährlichen Grippetoten ist da sehr schnell überholt, und wäre ohne drastische Maßnahmen noch schneller überholt.

(Und ja, die Alten und die Kranken sind genauso viel wert wie andere Menschen, und ja, es lohnt sich auch noch, die Alten zu schützen. Die Vermeidung einer Ansteckung mit Corona kann noch zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre für Fünfundsechzig- oder Siebzigjährige ausmachen, in der sie noch ihre Enkel aufwachsen sehen und ihre Urenkel kennen lernen können. Und dafür kann es sehr viel ausmachen, dass Menschen daheim bleiben, sich nicht in Menschenmassen bewegen, sich oft die Hände waschen, sich bei möglichen Corona-Symptomen oder Kontakten zu Infizierten gleich selbst zu Hause in Quarantäne stecken, usw.)

In unseren katholischen Kreisen wird ja gerade viel darüber geklagt, dass Messen nicht mehr öffentlich sind, die Kommunion nicht mehr möglich ist, usw., und besonders darüber, dass die Messen oft schon von den Bischöfen abgesagt worden sind, bevor die Regierungen alle Versammlungen verboten haben. Und dann kommen – leider gerade in Tradiland – zurzeit schnell die Leute an, die erklären, dass es einfach ein Mangel an Glauben bei den Leuten sei, die nicht die Zuversicht haben, dass Gott sie vor einer Ansteckung bei der Messe schützen werde, oder die nicht trotz der Gefahr der Ansteckung zur Messe gehen wollen. Klingt ja auf den ersten Blick gar nicht so dumm: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, die Messe ist der Höhepunkt und die Quelle des ganzen christlichen Lebens, eher könnte die Erde ohne die Sonne bestehen als ohne das Messopfer, usw. usf., da muss man auch was dafür opfern.

Aber richtig ist die Vorgehensweise trotzdem nicht. Erst einmal das Offensichtliche: Selbstverständlich ist Ansteckung bei der Messe möglich. Dabei fassen viele Menschen dieselben Türknäufe, Liederbücher oder Banklehnen an, sitzen vielleicht nahe beieinander, husten jemand anderem in den Nacken. Und natürlich ist Ansteckung auch über die Kommunion möglich. Ja, an den eucharistischen Gestalten können Keime haften; es ist nicht unkatholisch und ein Zeichen mangelnden Glaubens, zu meinen, man könne von der Eucharistie krank werden. Die Transsubstantiationslehre sagt gerade, dass die Akzidentien – das, woraus sie bestehen, also Aussehen, Geschmack, chemische Zusammensetzung etc. von Brot und Wein – bleiben, während sich die Substanz, das, was sie sind („Brotheit“, „Weinheit“), wandelt. Zu den Akzidentien können auch daran haftende Keime gehören.

Es ist allgemein bekannt, dass Zöliakiekranke den Herrn lieber nicht unter der Gestalt des Brotes empfangen sollten, und (trockene) Alkoholiker Ihn nicht unter der Gestalt des Weines. Es ist auch bekannt, dass es möglich ist, den Wein zu vergiften, auch nach der Wandlung. Der hl. Thomas von Aquin beispielsweise schreibt in der Summa Theologiae: „Fällt eine Mücke oder so etwas vor der Konsekration in den Kelch, so muß der Wein ausgeschüttet, der Kelch abgetrocknet und neuer Wein eingegossen werden. Geschieht dies nach der Konsekration, so muß man das Tier vorsichtig herausnehmen, abwaschen, verbrennen und Alles in das Sakrarium thun. Wird erkannt, es sei Gift hineingemischt worden, so darf der Priester das ja nicht nehmen und keinem anderen geben, damit der Kelch des Lebens nicht zum Anlasse des Todes werde; sondern man muß diesen konsekrierten Wein ausschütten und in einem passenden Gefäße zusammen mit Reliquien aufbewahren. Damit aber das Sakrament nicht unvollendet bleibe, muß anderer Wein in den Kelch gegossen, die Konsekration des Weines wiederholt und so das Opfer vollendet werden.“ (Summa Theologiae III,83,6)

Die Gnade hebt die Natur nicht auf, und auch wenn Gott immer ein Wunder wirken kann, sollten wir nicht so handeln, als hätten wir einen Anspruch darauf. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen“, hat unser Heiland dem Teufel auf die entsprechende Versuchung erwidert. Gott hat uns unseren Verstand gegeben, damit wir ihn benutzen.

Im übrigen finden Messen ja weiterhin statt – nur eben als Privatmessen ohne Teilnahme des Volkes. Die Darbringung des Messopfers ist auch ohne Volk wirksam und bringt der Welt viele Gnaden; die gegenteilige Meinung wäre protestantischer Humbug (der leider in den letzten sechzig Jahren auch unter Katholiken viele Anhänger gewonnen hat). Die Welt muss gerade nicht ohne das Messopfer auskommen. (Und auch öffentliche Messen finden in vielen Ländern der Welt zurzeit noch statt.)

Es ist kein Mangel an Glauben bei den Bischöfen, wenn sie öffentliche Messen verboten, oder zuvor nur eine geringe Teilnehmerzahl dabei zugelassen oder allgemein von der Sonntagspflicht dispensiert haben; es ist schlicht vernünftig. Man muss es sich mal durch den Kopf gehen lassen: Viele Priester sind schon älter und sie sind auch nicht immun gegen das Coronavirus. Wenn man nach dieser Krise wieder die normale Anzahl an Messen haben will, sollte man es eher zu vermeiden suchen, dass die Priester inzwischen wegsterben.

(Es ist dementsprechend auch besser, sich nicht irgendwo eine Kapelle zu suchen, in der die Messe verbotenermaßen noch öffentlich zugänglich ist. Ich will es nicht eigenmächtig zur Todsünde deklarieren, besonders, wenn da die Leute darauf achten, nicht zu nah beieinander zu sitzen; aber ich halte es doch für eindeutig falsch.)

Es ist ganz und gar nicht schön, ohne den Messbesuch auskommen zu müssen. Aber es ist auch vorübergehend. Vermutlich dauert es länger als nur bis Ostern, aber es ist trotzdem vorübergehend. Katholiken in abgelegenen Regionen mit Priestermangel oder auch schwer kranke Katholiken müssen auch oft monatelang ohne Messbesuch auskommen; das ist nichts Ungehörtes, nie Vorgekommenes. Es gab auch Heilige, die damit auskommen mussten. Der hl. Isaak Jogues (1607-1646) beispielsweise hat über ein Jahr lang die Messe nicht gefeiert, weil er überzeugt war, zuerst in Rom Dispens beantragen zu müssen, um sie feiern zu dürfen, ohne die Hostie zu erheben. (Mohawks, in deren Gefangenschaft er gewesen war, hatten ihm die dafür nötigen Finger abgeschnitten.) Das ist mal ein Beispiel dafür, wie man es mit Gehorsam gegenüber den Kirchengesetzen bis zu einem Extrem treiben kann.

Und es ist ja auch nicht so, als würden von der Seite der Regierungen nur die Messen verboten, weil das gerade ein bequemer Vorwand wäre, der Kirche eins reinzuwürgen. Es sind Vereinstreffen verboten, Spielplätze geschlossen, sogar Bordelle sind geschlossen (wenigstens etwas Gutes hat diese Pandemie). Und: Deutschland unter der Regierung von Frau Dr. Merkel hat Grenzkontrollen und Einreiseverbote eingeführt. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Wenn es so weit kommt, dass die Regierung Merkel zugibt, dass Grenzschließungen möglich und effektiv sein können, muss es wirklich schlimm stehen.

Ich kann ehrlich gesagt gut verstehen, dass viele auf egal welche Anordnungen unserer Bischöfe erst mal skeptisch bis ablehnend reagieren, weil sie den Bischöfen einfach nicht mehr über den Weg trauen. Und man muss wirklich sagen, dass viele Bischöfe gerade nicht die beste Figur machen. Nicht deswegen, weil sie öffentliche Messen bzw. Messen mit zu vielen Teilnehmern verboten haben. Das ist angemessen, und wurde immer wieder auch von heiligen Bischöfen  oder Päpsten vergangener Zeiten während Pestepidemien angeordnet oder auf Anweisung der weltlichen Macht durchgesetzt, z. B. auch vor hundert Jahren während der Spanischen Grippe. (Wobei es schon möglich ist, dass manche Bischöfe das nicht als die harte und schwer erträgliche, wenn auch notwendige, Maßnahme sehen, die es ist, weil ihnen die Messe tatsächlich nicht wichtig genug ist; aber das ändert nichts an der grundsätzlichen Berechtigung dieser Maßnahme.) Aber angemessen wäre auch:

1) Über die nächsten Monate eine sakramentale Grundversorgung weiterhin zu garantieren (und klar zu kommunizieren, dass sie garantiert ist!), insbesondere:

  • Gegenüber den Priestern (und Gläubigen) klarzustellen, dass alle Priester täglich privat die Messe für das Kirchenvolk zu applizieren haben, und sie evtl. anzuweisen, ab und zu die Kommunion in die Häuser zu bringen, zumindest zu den schwer Kranken, die vielleicht nicht mehr lange zu leben haben. [Update: Inzwischen kommen immer mehr Berichte von Priestern wie diesen, die die Monstranz durch die Straßen tragen, die Menschen, die an ihren Fenstern stehen, segnen, und unter besonderen Hygienevorkehrungen die Kommunion spenden, wenn sie ans Gartentor kommen.]
  • Dafür zu sorgen, dass Beichten möglich sind. Man kann kreativ werden. Es gibt inzwischen Priester, die Drive-through-Beichten auf dem Parkplatz anbieten, wobei die Leute in ihren Autos sitzen bleiben und so nicht alle dieselben Türgriffe an der Kirchen- und Beichtstuhltür anfassen müssen. Beichten sind unheimlich wichtig, und erfordern keine Massenansammlungen mit engem Kontakt.
  • Kinder weiterhin zu taufen, mit den entsprechenden Beschränkungen, dass die Eltern beispielsweise außer den Taufpaten sonst keine Gäste mitbringen dürfen. Es kann nicht angehen, dass Kinder gerade in einer solchen Gefahrensituation nicht zu Kindern Gottes gemacht werden. Notfalls sind die Gläubigen zu instruieren, dass sie ihre Kinder selbst taufen können, wenn nichts anderes übrig bleibt. Wenn man jetzt davon hört, dass manche Priester nicht zu Taufen bereit sind, ist das ein Skandal sondergleichen.
  • Die Gläubigen haben auch ein Recht darauf, das Sakrament der Ehe einzugehen; natürlich haben sie auch hier nicht das Recht darauf, neben den vom Kirchenrecht verlangten zwei Zeugen noch mehr Gäste mitzubringen, wenn gerade eine Pandemie herrscht. Aber sie haben ein Recht auf die Ehe. Und auch hier könnte man sie instruieren, dass sie sie gemäß den Bestimmungen des Codex des Kanonischen Rechtes (Can. 1116) unter bestimmten Voraussetzungen im Notfall nur vor zwei Zeugen und ohne Priester eingehen können. (Ja, das geht wirklich.)
  • Dass Beerdigungen nicht ausgesetzt werden können, versteht sich sowieso von selbst.
  • Priester sollten noch zur Einzelseelsorge verfügbar sein – ratlosen, trauernden, ängstlichen, kranken Menschen beistehen – und dass sie das sind, muss allgemein bekannt sein.
  • Evtl., wo die Bedrohung nicht zu groß ist, die Kirchen offen zu lassen, damit einzelne dort beten können, oder auch eine Anbetung machen, oder ab und zu das Allerheiligste Sakrament auf einem öffentlichen Platz auszustellen, wo die Leute den Herrn anbeten könnten, ohne zu nahe beieinander zu stehen. Solche Dinge passieren zum Glück auch mancherorts.

Man muss hier auch erwähnen, dass es vorbildlich ist, wie viele Priester gerade schon Livestreams von ihren Messen anbieten, damit die Katholiken immerhin aus der Ferne mitbeten und geistlich kommunizieren können.

2) Die sakramentale Versorgung der Coronakranken zu garantieren. Besonders Krankenhausseelsorger müssten darauf sehen, dass vor allem die schwer Kranken vor ihrem Tod zumindest beichten können, und evtl. die Krankensalbung und die Wegzehrung empfangen können. Sicher würde das medizinische Personal dabei zu Recht auf denselben Hygienemaßnahmen bestehen, die sie bei der Pflege der Kranken auch einhalten, aber die sind ja möglich.

Screenshot (12)

(Auf Twitter gefunden. Übersetzung: „Habe vorhin ein Hospizzentrum besucht, um einer sterbenden Frau die Krankensalbung zu spenden. Musste es mit Handschuhen und einer Maske tun. Habe ihr den vollkommenen Ablass in der Sterbestunde gewährt. Sie ist vor kurzem gestorben. Betet für ihr Seelenheil und für ihre Familie.“)

(Und falls die Quarantänebestimmungen Priestern keinen Zutritt gewähren sollten, müssten die Bischöfe eben lautstark dafür eintreten, das zu ändern, und notfalls müssten Priester auch in der Quarantäne bleiben. Das ist sicher einiges verlangt, aber Ärzte und Pfleger leisten gerade auch einiges; und für so etwas sind Priester ja geweiht worden.)

3) Den Leuten in dieser Zeit allgemein ihre Sterblichkeit in Erinnerung zu rufen. Es kann jeden treffen, auch die Jungen und Gesunden. Daher: Zu Umkehr und Buße aufrufen, die Schönheit und Lieblichkeit des Himmels und die Gnade und Güte Gottes in Erinnerung rufen. Ein paar kräftige Predigten unserer Bischöfe wären wirklich gut.

4) Zu allgemeinen Gebetstagen (ohne Zusammenkünfte) aufzurufen und den Herrn um sein Erbarmen anzuflehen. In dieser Richtung passiert immerhin ein bisschen was: Das Bistum Rom hat zu einem Tag des Fastens und Gebets aufgerufen, der Papst hat eine kleine Fußwallfahrt zu einem römischen Pestkreuz gemacht. (Es gibt sicher mehr, was schon passiert ist, das ich noch nicht mitbekommen habe.)

5) Die Leute überhaupt anzuleiten, wie sie eine Zeitlang ohne Messe auskommen: Anleitungen zu einem disziplinierten Gebetsleben, das man nicht wieder schleifen lässt, zur lectio divina o. Ä., wären sinnvoll.

Manchmal kommt man sich in dieser Zeit leider doch (mal wieder) vor wie ein Schaf ohne Hirt, oder zumindest wie eins mit einem eher nachlässigen Hirten.

 

Es fragt sich gerade natürlich auch: Ist das Coronavirus eine Strafe Gottes? Schon möglich. Vielleicht lautet die Antwort auch jein: Für manche ja, für manche nein. Eine Katastrophe kann vom Herrn, der alles mit Rücksicht auf jeden einzelnen lenkt, für den einen etwas anderes bedeuten als für den anderen und ihn aus einem anderen Grund treffen als jenen. Nicht alles Leid ist Strafe, aber manches ist es. Sodom und Gomorrha oder Hananias und Sapphira erhielten tatsächlich eine Strafe vom Herrn, für Ijob oder den Blindgeborenen aus Johannes 9 war ihr Leid dagegen keine.

Im Hinterkopf behalten: Gott bestraft einen nie so sehr, wie man es verdient, aber sicher, Strafe kann kommen. Das ist auch kein „grausames“ Gottesbild; es ist ja gut, wenn Gott einem irdische vorläufige Strafen zur Warnung schickt, sodass einen nicht unvorbereitet die ewige Höllenstrafe trifft.

Einige fragen sich ja gerade auch, ob es schon ein Anzeichen des Weltendes ist: Schließlich haben wir da Seuchen und weitere Katastrophen zu erwarten. Auszuschließen ist das einerseits nicht; der Herr hat gesagt, dass das Ende zu einer Stunde kommt, in der wir es nicht erwarten, und im Grunde kann es sehr schnell kommen. Andererseits hatten wir schon sehr viele, und schlimmere, Seuchen, ein eindeutiges Zeichen sieht also anders aus; außerdem muss sich vor dem Ende der Welt noch das jüdische Volk zu unserem Heiland bekehren, was noch aussteht, und der Antichrist ist auch noch nicht sicher in Erscheinung getreten.

Aber auch wenn das Ende der Welt als Ganzes noch auf sich warten lässt: Das eigene Ende kann ja jederzeit und ohne irgendwelche Vorzeichen kommen, also heißt es immer: vorbereitet sein.

 

Was also jetzt am besten konkret tun, so, wie die Situation ist? Abgesehen davon natürlich, zu Hause zu bleiben, soweit man kann, oft die Hände zu waschen oder sie zu desinfizieren, und jetzt gerade nicht die Oma im Altenheim zu besuchen. Zum Beispiel wäre folgendes vielleicht gut:

  • Wie oben schon gesagt: An die eigene Sterblichkeit denken. Man kann auch Corona bekommen, Komplikationen haben und ersticken, wenn man jung ist. Oder man kann morgen von einem Bus überfahren werden oder einen Stromschlag bekommen, wie immer. Daher: vorbereitet sein. Hilfreich (z. B.):
    Jeden Abend einen Akt der Reue beten (besonders, wenn man keine Gelegenheit zur Beichte hat, bzw. nicht gehen will, um kein Virus heimzubringen und jemanden anzustecken, weil man z. B. mit Risikopatienten zusammenlebt; das sorgt zusammen mit einem Vorsatz, später zu beichten, schon für Gottes Vergebung):„Mein Gott, aus ganzem Herzen bereue ich alle meine Sünden, nicht nur wegen der gerechten Strafen, die ich dafür verdient habe, sondern vor allem, weil ich dich beleidigt habe, das höchste Gut, das würdig ist, über alles geliebt zu werden. Darum nehme ich mir fest vor, mit Hilfe deiner Gnade nicht mehr zu sündigen und die Gelegenheiten zur Sünde zu meiden. Amen.“

    Oder vielleicht auch das Memorare:

    „Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria, es ist noch nie gehört worden, dass jemand, der zu dir seine Zuflucht nahm, deinen Beistand anrief und um deine Fürbitte flehte, von dir verlassen worden ist. Von diesem Vertrauen beseelt, nehme ich meine Zuflucht zu dir, o Jungfrau der Jungfrauen, meine Mutter, zu dir komme ich, vor dir stehe ich als ein sündiger Mensch. O Mutter des ewigen Wortes, verschmähe nicht meine Worte, sondern höre sie gnädig an und erhöre mich! Amen.“

    Oder dieses wunderschöne Gebet:

    „Seele Christi, heilige mich!

    Leib Christi, rette mich!
    Blut Christi, tränke mich!
    Wasser der Seite Christi, wasche mich!
    Leiden Christi, stärke mich!
    O guter Jesus, erhöre mich!
    Birg in deinen Wunden mich!
    Von dir lass nimmer scheiden mich!
    Vor dem bösen Feind beschütze mich!
    In meiner Todesstunde rufe mich!
    Zu dir zu kommen, heiße mich,
    mit deinen Heiligen zu loben dich
    in deinem Reiche ewiglich! Amen.“

     

  • Sich fragen, was man erledigt haben wollen würde, wenn man in einer Woche oder einem Monat sterben würde.
  • Jetzt gerade kann man außerdem die hl. Corona (Jungfrau, Märtyrerin und u. a. Patronin gegen Seuchen – kein Witz) um ihren Beistand anrufenund sie um ihre Fürbitte für alle Kranken, Sterbenden, Toten und die Ärzte und Pfleger in den Krankenhäusern bitten. Auch der heilige Sebastian ist ein beliebter Patron gegen Seuchen und Patron der Sterbenden.

(Heilige Corona und heiliger Viktor, aus einem Stundenbuch von ca. 1480. Gemeinfrei.)

  • Wenn andere Dinge abgesagt sind, etwas von der Zeit fest für mehr Gebet einplanen – Rosenkranz, Stundengebet, Bibellesen; was einem einfällt.
  • Die an Corona Sterbenden wären einem sicher auch nicht böse, wenn man ein paar (Teil)Ablässe für sie gewinnen würde (wenn man auch nicht zur Beichte und/oder Kommunion gehen kann, kann man zumindest einen Teilablass gewinnen).

Ansonsten: Nicht verzweifeln oder zu panisch werden, so ist das Leben eben, ein schönes Jammertal seit Adam, und der Tod kommt letztlich doch für alle. Man kann und muss vernünftige Maßnahmen gegen zu viel Tod (und Elend) auf einmal treffen, aber am Ende kommt er doch für alle. Tipps dazu, wie man anderen praktisch helfen kann (z. B. für ältere Nachbarn einkaufen gehen, wenn man gerade keine Schule hat, oder jemandem aushelfen, der wegen seines Berufs (z. B. als Verkäufer) viel Stress hat), oder wie man als Eltern für die Kinder Heimunterricht am besten gestaltet, usw. usf., finden sich ja allerorten auch genug. Und noch etwas: Sich dauernd mit etwas zu beschäftigen, das man nicht ändern kann, bringt nichts. Es ist sicher notwendig, sich ab und zu auf den neuesten Stand zu bringen (wofür ich übrigens Marco Gallinas Berichterstattung sehr viel mehr empfehlen kann als die unserer öffentlich-rechtlichen Medien), aber wenn man sich den ganzen Tag über mit denselben Meldungen verrückt macht, die man schon kennt, hätte man die Zeit besser verwenden können.

Wo Sie gerade hier sind, darf man Ihre Organe haben?

Man könnte es fast für ein Wunder halten (na ja, das vielleicht nicht, aber gerechnet habe ich nicht damit): Der Bundestag hat einen komplett bescheuerten Gesetzesentwurf abgelehnt.

Die Widerspruchsregelung bei der Organspende kommt nicht. Es ist also nicht jeder automatisch Organspender, wenn er nicht rechtzeitig widersprochen hat; der Staat beansprucht nicht die Organe von Menschen, die sich aus Antriebslosigkeit oder Gedankenlosigkeit nicht mit diesem speziellen Thema beschäftigt haben.

Öfter darauf ansprechen soll man die Leute stattdessen („erweiterte Zustimmungsregelung“). Wenn man aufs Amt muss, um den Personalausweis zu erneuern, soll es in Zukunft heißen: Möchten Sie nicht doch Ihre Organe spenden? Sie können hier gleich zustimmen. Zusätzlich sollen die Hausärzte einen zur Spende ermuntern. Druck statt Zwang soll jetzt das Ziel erreichen, mehr Organe zu bekommen.

Auch wenn ich froh bin, dass die Widerspruchsregelung nicht kommt, finde ich dieses Vorgehen, wenn ich ganz ehrlich bin, abstoßend. Es wird ja sehr offen gesagt, dass es das Ziel ist, „die Organspendebereitschaft zu erhöhen“; nicht einfach nur, die Leute mal auf dieses Thema aufmerksam zu machen, sondern mehr Leute zu einer bestimmten Entscheidung zu diesem Thema zu bringen. Und wenn sie trotzdem nicht bereit sind? Dann sind sie wohl einfach egoistisch.

Das Ziel ist sehr gut und richtig, natürlich: Kranken das Leben zu retten. Aber nicht alle Mittel zu einem guten Ziel sind gut. Und viele der hier angewandten Mittel sind sehr, um das Mindeste zu sagen, fragwürdig. Es ist hart, wenn man eine tödliche Krankheit hat und es ein Mittel gäbe, das einem helfen könnte, das man aber nicht auf eine moralisch erlaubte Weise bekommen kann; selbstverständlich. Aber das macht das Mittel nicht erlaubt. Und irgendwann muss sowieso jeder sterben; der Tod lässt sich nicht vermeiden. Zudem ist auch die Organtransplantation eine sehr risikoreiche, schwierige Sache (das Organ kann wieder abgestoßen werden usw.).

Das Vorgehen der meisten Befürworter der Organspende ist schlicht völlig falsch. Da wäre zunächst mal die Tatsache, dass die „Aufklärung“ über die Organspende (schon bisher gab es ja Post von der Krankenkasse deswegen) nie darin besteht, über strittige Punkte aufzuklären, sondern immer nur in Werbung. Vor allem das Thema Hirntod wird auf den „Aufklärungs“broschüren für gewöhnlich gar nicht erst erwähnt. Es heißt immer nur: Möchten Sie nach Ihrem Tod Organe spenden? Wenn der Hirntod so unproblematisch wäre, sollte es kein solches Problem dabei geben, tatsächlich darüber zu informieren, dass Organe nur bei den wenigen entnommen werden, bei denen das Gehirn vor dem Restkörper abschaltet, bevor dieser Restkörper dann wirklich tot ist.

Der Tod ist die Trennung von Leib und Seele; das ist die Definition. Es ist nun nicht komplett unmöglich, dass der Hirntod der Tod sein könnte; man kann postulieren, dass die Seele den Körper verlassen hat, wenn die Gehirnfunktionen erloschen sind und nur noch ein paar, sozusagen, Restzuckungen im Körper bleiben; wie auch kopflose Hühner noch kurz herumflattern können. Diese Restzuckungen sind in jedem Fall bald weg; in den extremsten Fällen ist es allerdings gelungen, sie für ein paar Monate zu erhalten.

Aber für deutlich plausibler halte ich die andere Ansicht, die man so beschreiben kann: Solange noch Leben im Körper ist (und man kommt einfach nicht umhin, es als „Leben“ zu beschreiben, was einem zu denken geben sollte; übrigens auch bei den kopflosen Hühnern), ist die Seele noch da, auch wenn ein Organ schon ausgefallen ist; der Sitz der Seele ist nicht das Gehirn, sondern der ganze Körper. Erst wenn sie weg ist, ist er nur noch Materie, tot, ohne Bewegung. Wenn ein Körper atmet, das Herz schlägt, er Reflexe hat, sogar im Extremfall noch ein ungeborenes Kind austragen kann, ist noch etwas da, das ihn eben belebt: Die Seele. Dass der Sterbeprozess unumkehrbar und zwangsläufig und nur noch mühevoll kurz aufzuhalten ist, heißt nicht, dass der Sterbende schon ein Toter ist. Man würde es auch sonst nicht als gerechtfertigt ansehen, bei einem bewusstlosen, unumkehrbar im Sterben Liegenden schnell noch Organe zu entnehmen, um jemand anderen zu retten.

Die katholische Kirche hat sich bisher nicht dazu geäußert, ob der Hirntod als Tod zählt, das ist ja auch eine wissenschaftliche Frage; aber sie sagt ganz prinzipiell, dass der Tod vor der Organentnahme feststehen muss.

Wenn man jetzt Gründe hat, die man als gewichtig beurteilt, den Hirntod nicht als Tod gelten zu lassen, muss man es als immer falsch beurteilen, nach dem Hirntod Organe zu spenden; selbst als Kranker Organe Hirntoter anzunehmen; oder sich als Arzt an einer Entnahme zu beteiligen. Dann müsste der Staat das System komplett verbieten, und solange er das nicht tut, müsste der Einzelne seine Beteiligung verweigern.

Aber selbst wenn man den Hirntod als Tod sieht, kann man es niemandem zur Pflicht machen, seine Organe zu spenden. Der Körper ist ein Teil des Menschen; der Mensch ist Körper und Seele, nicht nur die Seele; und auch nach dem Tod behält der Körper seine Würde. Es hat seinen Grund, dass man Tote bestattet, ihre Gräber besucht, und die Störung der Totenruhe bestraft. Der Körper wird am Jüngsten Tag bei der Auferstehung des Fleisches auferstehen, erneuert werden, und sich wieder mit der Seele vereinen. (Wem dann das gespendete Organ gehören wird, ist eigentlich ganz einfach: dem Spender. Aber solche Fragen haben ja schon die Kirchenväter geklärt, die sich damit befassten, was für den Fall von Kannibalismus gilt, wenn einer den Körper eines anderen isst. So ganz mechanisch muss man sich die Auferstehung des Fleisches ja auch nicht vorstellen.) Wenn man den Hirntod als Tod sieht, ist die Organspende sicher ein besonderes Opfer der Nächstenliebe, aber eben keines, das man einfordern kann. Es gibt Dinge, die gut sind, aber keine Pflicht sind. Und bei Organentnahmen wird mit dem Körper tatsächlich nicht sehr schön umgegangen; Zeit zur Verabschiedung für die Angehörigen bleibt auch nicht.

(An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich es ehrlich gesagt auch seltsam finde, dass manchmal dieselben Leute, die keine Pflicht einer Mutter sehen, ihr eigenes Kind auszutragen (bzw. es nicht gewaltsam töten zu lassen), meinen, dass man es zur Pflicht machen kann, fremden Menschen seine Organe zur Verfügung zu stellen.)

Dass es schon einzelne Fälle gab, in denen der Hirntod fälschlich diagnostiziert wurde und ein „Hirntoter“ wieder erwachte, ist noch ein zusätzlicher Punkt; ich halte dieses Risiko nicht für besonders groß, aber das ist etwas, über das man Bescheid wissen sollte. Es kann im Einzelfall schon vorkommen, dass übereifrige Ärzte, die das Leben anderer Patienten retten wollen, nicht genau genug hinsehen, ob jemand wirklich hirntot oder nur komatös ist.

Wenn man die Organspende nach Hirntod für falsch hält, muss die Konsequenz sein, auch selbst keine Organe anzunehmen, wenn man krank werden sollte. Ich würde keine Organe annehmen. Und wenn man sie nicht für falsch hält, aber trotzdem selbst nicht dazu bereit ist, wäre es vielleicht nicht das Allervorbildichste, aber auch nicht unbedingt moralisch verboten, selbst Organe anzunehmen, auch wenn man keine spenden wollen würde; man darf vom Prinzip her auch ein freiwilliges Opfer anderer annehmen, das man selbst nicht zu bringen bereit ist.

Das Ganze ist mal wieder ein Thema, bei dem sich zeigt: Wenn die Welt heute das Moralisieren versucht (man kann sagen: immerhin versucht sie es manchmal noch), macht sie es falsch.

Why should the games go on?

Vor ein paar Wochen fand ja in Halle eine dieser seltsamen Veranstaltungen statt, die es schon in Chemnitz gegeben hat: Konzert nach Mord. #HalleZusammen nannte sich das Ganze; „Wir sind mehr“ hieß es vorher in Chemnitz. Ein bisschen „Zeichen setzen“, eine kurze Erwähnung der Opfer noch, und natürlich etwas gemäßigt-fröhliches Feiern.

Aber auch wenn Konzerte anlässlich Terror/Mord ein eher neuer Trend sind, wird ja schon seit Ewigkeiten nach jedem Terroranschlag irgendwas dazu gesagt, dass „wir uns nicht verunsichern lassen“, „wir den Terror nicht gewinnen lassen“, „das Leben weitergeht“, und die Einstellung ist ja nicht gerade neu. 1972 wurden bekanntlich die Olympischen Spiele in München nach dem palästinensischen Attentat nach kurzer Unterbrechung gleich wieder fortgesetzt. Elf tote israelische Geiseln, ein toter Polizist – egal, „The games must go on“.

Was eigentlich ein sehr seltsamer Weg ist, damit umzugehen, meines Erachtens.

Sicher wird und kann nicht das ganze Leben in einem ganzen Land auf einmal stillstehen nach jedem Terroranschlag. Terroranschläge sind (Verzeihung für den flapsigen Vergleich) in einer Hinsicht so ähnlich wie verworrene Aussprüche von Papst Franziskus: Es gibt zu viele, um jeden einzeln zu kommentieren, und viel Originelles wird man eh nicht mehr dazu sagen können, weswegen es auch niemandem, der nicht qua Amt dazu verpflichtet ist, etwas dazu zu sagen, vorzuwerfen ist, solche, die ihn nicht betreffen, mehr oder weniger an sich vorüberziehen zu lassen. [Der Vergleich war vielleicht doch etwas respektlos gewählt; das tut mir leid.]

Aber dieses inszenierte Weiterfeiern? Inwiefern heißt es „den Terror gewinnen lassen“, wenn man erst einmal um die Opfer trauert? Der Terror hat doch zu dem Zeitpunkt längst gewonnen – er hat getötet. Diese Kaltschnäuzigkeit, dieses Getue, als wäre „unsere“ (immer dieser vereinnahmende Plural!) Reaktion wichtiger als die eigentlichen Opfer. Die Leute, die zur Gruppe der Opfer gehören, die Ortschaft des Anschlags, die Zeugen – wieso sollten die nicht lieber trauern? Hysterisch auf einem „I’m not owned!“ gegenüber den Terroristen zu bestehen ist doch Augenwischerei. Wenn man sich nicht eingestehen will, wo der Feind schon gesiegt hat, wie will man dann gegen ihn kämpfen?

„The games must go on“ hat doch noch nie so recht Sinn gemacht. Wo steht geschrieben, dass sie weitergehen müssten, dass ein Stabhochsprung- oder Sprintwettbewerb nicht wegen einigen schrecklichen Morden abgesagt werden darf? Wenn Terror oder Mord passiert ist, hat es um die Opfer und ihre Familien zu gehen (und dann darum, in Zukunft zu verhindern, dass es noch mehr Opfer gibt). Nicht um andere Leute, die sich nicht die Laune verderben lassen wollen.

Vielleicht ist dieses Urteil zu hart gegenüber den jeweiligen Organisatoren und Teilnehmern und ihren Motiven. Aber es kommt mir doch wie eine sehr falsche Reaktion auf gewaltsame Tode vor, erstmal ein Konzert zu veranstalten.

Und vielleicht betrifft das ganze Thema nicht nur solche Tode, sondern auch normale, wo es nicht gerade sinnvoll ist, Angehörigen (z. B.) zu sagen „XYZ hätte nicht gewollt, dass du trauerst“. Wieso sollte der Tote einen nicht um ihn trauern lassen wollen? Ein realer Verlust darf real betrauert werden. Vielleicht haben die alten Trauerzeiten und Trauerkleider doch Sinn gemacht.

(Das waren ein paar Gedanken, die ich mir schon länger gemacht habe, aber vielleicht passt die verspätete Veröffentlichung zum Allerseelentag vor kurzem.)

Millais - Das Tal der Stille.jpg

(John Everett Millais, The Vale of Rest. Gemeinfrei.)       

Die 68er-Bewegung: Am Ende nur Fehler und Verbrechen

Eine Rezension zu Bettina Röhls Buch „‚Die RAF hat euch lieb‘: Die Bundesrepublik im Rausch von 68 – eine Familie im Zentrum der Bewegung“.*

 

Über die 68er, die RAF/“Baader-Meinhof-Gruppe“ und von der RAF besonders über Ulrike Meinhof wurden ja schon einige Bücher geschrieben; das Buch der Journalistin Bettina Röhl ist in zweierlei Weise besonders: Erstens, sie war als Ulrike Meinhofs Tochter als Kind von der Gründung der RAF persönlich betroffen; zweitens, sie nimmt eine grundsätzlich kritische Haltung zur 68er-Bewegung ein. Letzteres unterscheidet sie von Autoren wie Stefan Aust („Der Baader-Meinhof-Komplex“) oder gar Jutta Ditfurth („Ulrike Meinhof. Die Biographie“), die ja aus einer sehr linken Perspektive schreibt und Ulrike Meinhof schon mal öffentlich unter feministischen Vorbildern erwähnt:

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Zurück zu diesem Buch: „Die RAF hat euch lieb“ ist eigentlich die Fortsetzung zu Frau Röhls „So macht Kommunismus Spaß! – Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte konkret“ und beginnt im Frühling 1968, als Ulrike Meinhof, zu dieser Zeit eine relativ bekannte und engagierte linke Journalistin Mitte dreißig, sich von ihrem notorisch untreuen Mann Klaus Rainer Röhl (dem Herausgeber der linken Zeitschrift konkret) scheiden lässt und mit ihren fünfeinhalbjährigen Zwillingstöchtern Bettina und Regine vom Hamburg nach Westberlin zieht, und endet 1974 bei ihrer Zeit in der Untersuchungshaft, bevor sie aus der Einzelhaft in Köln-Ossendorf nach Stuttgart-Stammheim verlegt wird, wo sie wieder mit den anderen RAF-Terroristen zusammenkommen, wo der Prozess gegen sie geführt werden, und wo sie 1976 Selbstmord begehen wird.

 

Auf ungefähr 600 Seiten wird Meinhofs Leben in Berlin 1968-1970 beschrieben, wo sie sich weiter radikalisiert, ihr Gang in den Untergrund anlässlich der Baader-Befreiung 1970, die Ausbildung in einem palästinensischen Terrorcamp, der RAF-Terror bis 1972, und die erste Zeit der Haft bis 1974. Es hilft vielleicht, wenn man sich schon ein bisschen mit Meinhofs früherem Leben auskennt; wie sie sich von der evangelischen Christin zur Kommunistin wandelte, wie sie Klaus Rainer Röhl heiratete, wer ihre Pflegemutter Renate Riemeck war usw.; und damit, was überhaupt so die politischen Debatten dieser Zeit waren – aber ich glaube, man wird auch so keine großen Schwierigkeiten haben (ich habe vor mehreren Jahren Alois Prinz‘ Biographie „Lieber wütend als traurig. Die Lebensgeschichte der Ulrike Marie Meinhof“ in der 9.oder 10. Klasse als Schullektüre gelesen, was ganz hilfreich war).

Das Buch ist keine Meinhof-Biographie; eher geht es um den Kontext von 1968 und den linken Terrorismus, und in diesem Kontext um Ulrike Meinhof und ihre Familie. In den Text sind drei Essays von Bettina Röhl eingebettet: einer am Anfang über die Bundesrepublik vor 1968, einer in der Mitte über den Erfolg der 68er und einer etwas weiter hinten über Meinhof als linke Ikone.

Im ersten Essay macht die Autorin deutlich, wie gut der Zustand der BRD in den 50ern und 60ern tatsächlich war – vor allem in Bezug auf die Wirtschaft und den weit verbreiteten Wohlstand, aber auch in Bezug auf Sicherheit, Sozialstaat, Rechtsstaat, Kultur; sie bemerkt auch eine gewisse Liberalisierung schon ohne 68. (Wie man die bewertet, ist freilich Ansichtssache.)

Danach, im langen Teil I („Auf dem Höhepunkt von 68″), schreibt sie über Ulrike Meinhofs Zeit in Westberlin ab März 1968, wo Meinhof Anschluss an die Neue Linke dort – die sog. Außerparlamentarische Opposition (APO), den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) – suchte; es geht um die großen Demonstrationen und Kongresse mit Leuten wie Rudi Dutschke, wo es z. B. gegen das militärische Eingreifen der USA im Vietnamkrieg oder den persischen Schah oder den Springer-Verlag („BILD“, „Welt“) und ähnliche Themen ging. Wobei, so groß waren sie im Vergleich nicht: Eine große Demonstration in Berlin fand 12.000 Teilnehmer, und ein paar Tage später gingen 80.000 Berliner gegen die Neue Linke auf die Straße. Es handelte sich, wie Frau Röhl deutlich macht, um eine kleine Minderheit, die aber eine ziemliche Medienpräsenz fand und bald ziemlich ernst genommen wurde.

Die Autorin dokumentiert an dieser Stelle sehr gut die Seiten der 68er, die heute nicht mehr so sehr betont werden: Vor allem die riesige Begeisterung für Mao Zedong, dessen Rote Garden die Bevölkerung in China damals auf unglaubliche Weise terrorisierten (diese Passagen sind besonders interessant), die Begeisterung für weitere Diktatoren und Terrorgruppen der Dritten Welt, außerdem die völlig fehlenden konkreten Vorstellungen davon, was man denn in der Bundesrepublik revolutionieren müsse (irgendwie müsse es mit Enteignungen und Sozialismus funktionieren), und ihr nebulöses Geschwafel von der Schaffung eines „Neuen Menschen“; oder auch die Tatsache, dass die Aufarbeitung der Naziverbrechen gar nicht wirklich in ihrem Fokus war, wie später oft behauptet. Außerdem geht sie z. B. auf ihren – noch immer nachwirkenden – doch sehr einseitigen Blick auf den Vietnamkrieg ein, wo sie sich einfach auf die Seite des grausamen Aggressors Nordvietnam stellten. Sie zeigt sehr gut, wie sich die Neue Linke weigerte, das zu sehen, was sie nicht sehen wollte (v. a. das Elend in China unter Mao).

Sie macht auch deutlich, wie hilflos und milde der westdeutsche Staat von da an immer öfter gegenüber linker Gewalt reagierte: Etwa bei einer Massenamnestie von 1970 für Verbrechen, die mit unter acht Monaten Haft bestraft worden waren, und die speziell für die oft ziemlich randalierenden Studenten geschaffen worden war. Linke Gewalt wurde zur kleingeredeten und für viele zur gerechtfertigten Gewalt; das zeigte sich auch bei den Bombenanschlägen der „Tupamaros West-Berlin“ um Dieter Kunzelmann aus der Kommune 1 (z. B. einem versuchten Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin; der sog. Antizionismus der Neuen Linken führte schon bald zu Gewalt), und der Kaufhausbrandstiftung durch Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein, die später zu zentralen Figuren der RAF wurden.

In dieser Zeit wollte Meinhof auch ihre Töchter im revolutionären Sinn umerziehen. Frau Röhls Schilderungen haben hier etwas sehr Ironisches:

„Niemand sollte uns mehr zwingen, ins Bett zu gehen. Eine gewisse Verdrecktheit war angesagt. Wir sollten laut, rücksichtslos, aggressiv auftreten, Nachbarn stören und auf keinen Fall ‚Bitte‘ oder ‚Danke‘ sagen.
 Ich sollte nicht mehr mit Puppen spielen, was mir ganz und gar missfiel. […]
 Das war jetzt das Diktat der Mutter im Befreiungskampf. Ich war, obschon noch keine sechs Jahre alt, auch wenn ich nicht alles verstand oder, besser gesagt, gar nichts verstand, fassungslos. Ich kämpfte plötzlich um meine Kleider, ich kämpfte um meine Haare, ich kämpfte um mein früheres kleines Leben, das mir sehr gut gefallen hatte. Und ich bekam einen Wutanfall nach dem anderen, die einen irrsinnig heftigen Widerstand bei ihr erzeugten und ein endloses, erschöpfendes und ziemlich autoritäres Diskutieren und Erklären, bis ich vor Erschöpfung umfiel. Ob ich es nun wohl endlich verstanden hätte, dass Kleider und Schmuck repressiv seien und Mädchen zu Puppen machten!“ (S. 121)

Ulrike Meinhof zeigte sich auch sonst nicht als die beste Mutter; ihre Kinder waren z. B. ständig zu spät und ohne Pausenbrot und anständige Ausstattung in der Schule, nachdem sie im Herbst 1968 in einer Privatschule eingeschult worden waren. In dieser Zeit lernte sie auch einen neuen Partner kennen, Peter Homann, ein ehemaliger Kunststudent, der ebenfalls zur sozialistischen Szene in Berlin gehörte, der zu ihr zog und sich besser um die Zwillinge kümmerte, und von dem Frau Röhl viele Aussagen in ihr Buch aufgenommen hat. (Sie bringt etliche lange Zitate aus Interviews mit Zeitzeugen, was sehr interessant ist.)

Während sie in Berlin lebte, schrieb Ulrike Meinhof außerdem weiter für konkret und startete auch einige Versuche, die Zeitschrift ihres Exmannes mit ihren Leuten zu übernehmen; als das nicht gelang, kündigte sie und organisierte dann noch eine Besetzung des Verlags und einen Überfall ihrer Leute auf das Wohnhaus von Klaus Rainer Röhl. Ihre Beziehung zu ihrem Exmann war überhaupt nicht die beste: ihrem Scheidungsanwalt gegenüber verbreitete sie Lügen über Klaus Rainer Röhl, sie hetzte Bettina und Regine gegen ihn auf, verhinderte seine Besuche und fing schließlich seine Briefe an die Kinder ab. Auch wenn Röhl durchaus nicht immer sympathisch und oft etwas eigen wirkt: Meinhof macht hier erst recht nicht den besten Eindruck.

Zudem schrieb sie in dieser Zeit das Drehbuch für ein Fernsehspiel über Heimkinder, und verschiedene Linke aus APO-Kreisen – u. a. Baader; die Kaufhausbrandstifter waren auf freiem Fuß, während ihre Revision lief – aus Frankfurt und aus Berlin fuhren auch tatsächlich zu Heimen für schwer erziehbare Jugendliche und brachten einige dazu, aus dem Heimen zu fliehen, woraufhin sie in deren WGs aufgenommen wurden. Besonders gut durchdacht war das nicht; Frau Röhl zitiert die spätere RAF-Terroristin Astrid Proll: „Und in allen Wohngemeinschaften gab es Streit mit den zum Teil kriminellen Jugendlichen, die alles klauten, asozial waren und nicht mehr wussten, wo es langging. Eine Diskussion lief an. Die Frage wurde diskutiert, ob man die Jugendlichen zu Revolutionären erziehen oder sie für ein normales Leben fit machen sollte. Baader wollte sie kriminalisieren. Gudrun und Andreas waren die ‚Stars‘, sie fuhren mit einem dicken Mercedes herum, nahmen reichlich Drogen, vor allem Haschisch und LSD.“ (S. 212f.) Trotzdem schafften die Leute um Baader es sogar, für ihre ‚Lehrlingskollektive‘ Subventionen vom Jugendamt zu bekommen.

An diesem Buch zeigt sich beispielhaft, wie die totale linke Politisierung ein Familienleben ruinieren konnte (alles war für Meinhof in dieser Zeit politisch und sie muss dabei anscheinend ziemlich unglücklich gewesen sein; es ist krass, wie sie z. B. in ihrem Osterurlaub 1969 Peter Homann als Faschist beschimpfte, weil er mit ihren Kindern Sheriff und Banditen spielte); und wie die versuchte Auflösung aller Strukturen durch die 68er oft einfach nicht funktionierte (z. B. bei den Heimkindern um Baader).

Dann kommt Frau Röhls zweiter Essay: „Der Triumph von 68“. Sie dokumentiert hier, wie Ende 1968, nach dem Attentat auf Dutschke, bei der engagierten Minderheit der neulinken Dauerprotestierer irgendwie „die Luft raus“ war und sie sich weiter zersplitterten, obwohl sie sich gerade da in der Gesellschaft durchzusetzen begannen und ihre Ideen sich weiter verbreiteten, v. a. nachdem Willy Brandt 1969 Kanzler wurde. Sie schreibt:

„Fast alle wollten nun mitmachen, wollten jetzt links sein, bald wollte jeder in der Gesellschaft beweisen, dass er irgendwie auch etwas links war und jedenfalls ‚Verständnis‘ für die guten Ziele der APO hatte. In einer Umfrage des Allensbacher Instituts erklärten zwischen 60 und 70 Prozent der Schüler und Studenten, dass sie Rudi Dutschke, der immerhin das System, die Bundesrepublik Deutschland, abschaffen wollte und von ‚Stadtguerilla‘ gesprochen hatte, gut fänden.
[…]
Der Staat, was immer das im 68er-Verständnis, in den nebulösen Abstrakta von ‚Repression‘, ‚Imperialismus‘ und dergleichen gewesen sein mag, hat damals verloren, das ist meine These. Er ist seither ein verdächtiger Staat, und das alleine ist bereits die Niederlage: Der Staat ist seit dem Paradigmenwechsel von 68 ein zutiefst im Kern bemakelter, ein im Mark erschütterter Staat. Ihm wurde damals eine enorme Bringschuld au
fgebürdet und nur eine extrem eingeschränkte Grundlegitimation zugestanden.“ (S. 249f.)

Es wird hier auch deutlich, wie diese linken Studenten eigentlich wenig wirklich (selbst aus ihrer Sicht) Konstruktives machen wollten, wie es ihnen langweilig wurde, als sie bei der Mehrheit beliebter wurden und nicht mehr so sehr Avantgarde spielen konnten. Sie hatten sich auf Revolution festgelegt; und jetzt sollte es plötzlich ohne Revolution gehen?!

Die Bewegung zersplitterte sich zwar, wurde aber zahlenmäßig groß und erlangte die Deutungshoheit; ihr wurde wenig entgegengesetzt. Über die Protestmode schreibt Frau Röhl:

„68, das heißt: Protestkultur statt Kultur. Protestpolitik statt Politik, heißt Protestjournalismus statt Journalismus, heißt Protestjustiz statt Justiz. Nur dass, wenn Protest Mainstream ist, wenn Protest Regierung und Opposition gleichzeitig ist, Subkultur und Hochkultur, vom Protest nichts übrig bleibt; dass dann linker Protest der aalglatteste, angepassteste, opportunistischste Mainstream und kein echter Protest mehr, nur noch Attitüde ist.“ (S. 255)

Nach diesem Essay kommt Teil II: „Die Entstehung der RAF“. Interessanterweise schreibt Frau Röhl hier zunächst wenig über Andreas Baader und Gudrun Ensslin und mehr über Horst Mahler, einen Berliner Anwalt und Begründer des „Sozialistischen Anwaltskollektivs“ (zusammen mit u. a. dem späteren Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele). Mahler wollte eine Stadtguerilla aufbauen, sprach dafür einige Leute im SDS-Umfeld an und war zentral an der Gründung der RAF beteiligt, wurde aber dann später früh festgenommen.

Andreas Baader und Gudrun Ensslin waren inzwischen abgetaucht, um ihre Haftstrafe nach der erfolglosen Revision nicht absitzen zu müssen, und zogen im Februar 1970 zu Ulrike Meinhof und ihren Kindern. Frau Röhl beschreibt sie: „Er schrie und pöbelte herum. Baader benahm sich, wie man sich vielleicht den Zuhälterkönig einer kleineren deutschen Großstadt vorstellt. […] Ensslin machte hier und da ihre Statements und war ähnlich aufgekratzt wie Baader, was vermutlich an den Aufputschmitteln und sonstigen Drogen lag, die sie nahmen. […] Auch sie sah und hörte uns Kinder nicht. Das war neu. Alle anderen Genossen, die wir bis dahin gekannt hatten, hatten sich mindestens den Anschein einer gewissen Kinderfreundlichkeit gegeben.“ (S. 276-278) Meinhof fand Baader offenbar sehr interessant; die Beziehung zu Homann ging zu Ende. Die Meinhofsche Wohnung wurde zum Treffpunkt der Linksradikalen, die von der „Stadtguerilla“ redeten; Meinhof war die Agitation durch Journalismus und Film jetzt zu wenig geworden, zu einer Art Heuchelei: Es musste etwas Richtiges passieren – aka Gewalt.

Dann wurde Andreas Baader doch noch festgenommen und hätte seine – ziemliche kurze – restliche Strafe absitzen müssen. Aus irgendeinem Grund wollte man ihn befreien, wofür ein fingierter Vertrag mit einem linken Verlag für ein Buchprojekt mit Baader und der Journalistin Meinhof abgeschlossen wurde, wegen dem Baader Ausgang für die Recherche in einer Bibliothek bewilligt wurde. (Das Ganze war im Mai 1970.) In dieser Bibliothek setzten die bewaffneten Befreierinnen Gudrun Ensslin, Irene G., Ingrid Schubert und ein Helfer namens Jürgen B. die Baader begleitenden Polizisten außer Gefecht und ein Angestellter namens Georg Linke wurde lebensgefährlich angeschossen, bevor sie mit Baader aus dem Fenster sprangen – Ulrike Meinhof hinterher – und in bereitgestellten Fluchtautos, von zwei Frauen namens Astrid Proll und Hanna K. gefahren, flüchteten.

Frau Röhl vertritt hier die von ihr gut begründete These, dass Meinhofs Mitabtauchen von ihr geplant war; dass sie nicht, wie manche meinten, nur quasi aus Versehen oder in einer Augenblicksentscheidung mitkam, statt, wie es ursprünglich gedacht gewesen wäre, scheinbar verdattert zurückzubleiben.

„Alles spricht dafür, dass Meinhof selber ganz dringend gemeinsam mit der Gruppe in den gemeinsamen Untergrund abtauchen wollte, dass sie in einem effektvollen Sprung die Welten wechseln wollte. […] Etliche Terroristen haben mir von diesem Reiz erzählt, von dieser Flucht vor den Sachzwängen des Lebens. Und die große Revolution, das große Ziel, das Phantasma, das alles legitimiert, verdrängt die eigenen täglichen Probleme, die allerdings, wer hätte das gedacht, im Untergrund binnen kürzester Zeit wie ein Bumerang doppelt und zehnfach zurückkehren. […]
In ihrem solidarischen Abtauchen in den Untergrund lag wahrscheinlich auch etwas Anbiederndes, sie wollte die Wärme einer Gruppe, ein Gruppengefühl, die Solidarität einer Familie, das Ideal, durch die Illegalität zusammengeschweißt zu werden. Und ganz wichtig für
Meinhof, dass sie, wie sie es oft zum Ausdruck brachte, sich selber immer wieder durch gemeinsame Taten revolutionieren konnte und nicht heimlich doch verbürgerlichte.“ (S. 310f.)

Die werdenden Terroristen verbargen sich zuerst bei Freunden und reisten dann mit gefälschten Pässen über Ostberlin nach Jordanien in ein Ausbildungslager der Fatah, die sich in ihrem Kampf gegen Israel mit vielen Linken weltweit verbündete. Auch Homann, der sich geweigert hatte, sich bei der Baader-Befreiung zu beteiligen, und noch versuchte, Ulrike Meinhof zu überreden, sich der Polizei zu stellen (aber nicht selbst die Polizei rief) ging mit, weil er fälschlicherweise statt Jürgen B. gesucht wurde und vielleicht auch, weil er sich irgendwie für Meinhof verantwortlich fühlte; auch Horst Mahler und andere kamen. Bevor sie nach Jordanien ging, sprach Ulrike Meinhof eine Art Manifest der RAF auf Tonband, das dem Spiegel zugespielt wurde und das er tatsächlich veröffentlichte; der Anfang einer Gier der Medien nach RAF-Geschichten. So erreichte die RAF die „intellektuellen Linken“, an die sie sich wenden wollte: Die müssten endlich etwas tun, sich bewaffnen, statt nur reden, proklamierte Meinhof. Dabei betrieb sie die totale Entmenschlichung der Gegner, d. h. der Polizisten. („Das ist ein Problem, und wir sagen, natürlich, die Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden.“) Viele Kampfgenossen bekam sie dadurch zwar nicht; aber berühmt wurde sie allerdings.

Und da waren dann noch Meinhofs Töchter, die jetzt gerade erst sieben Jahre alt waren. Da sie auf ihren Exmann einen extremen Hass hegte und sich auch mit ihrer Pflegemutter zerstritten hatte, fragte Meinhof, bevor sie in den Untergrund ging, eine Zeitlang im Bekanntenkreis herum, wer vielleicht ihre Kinder nehmen könnte; am Tag der Baaderbefreiung ließ sie ihre Kinder zunächst von ihren Verbündeten Jan-Carl Raspe und Marianne Herzog bei einem befreundeten Ehepaar, den Holtkamps, in Hannover unterbringen. Als ein Gericht eilig Klaus Rainer Röhl das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die verschwundenen Kinder zusprach und Holtkamps merkten, dass er bemerkt hatte, wo sie waren, ließ die RAF sie von Marianne Herzog, Monika Berberich und Hanna K. nach Sizilien verschleppen, in ein Barackenlager für Erdbebenopfer, wo einige kommunistische Genossen aktiv waren. (Röhl hatte seinen Bruder nach Hannover geschickt, um die Kinder zu finden, der zu spät ankam.) Herzog und Berberich fuhren abrupt wieder aus Sizilien ab; die zurückgelassene Hanna K., die eigentlich nur als Fahrerin hatte fungieren sollen, blieb eine Zeitlang mit den Zwillingen dort und wurde nach sechs Wochen von vier Hippies abgelöst; dann ging sie kurz nach Jordanien, reiste aber schnell entsetzt wieder ab und seilte sich von der entstehenden RAF ab. Regine und Bettina blieben insgesamt mehrere Monate in Sizilien, den ganzen Sommer über (eine Erklärung erhielten sie nicht), während ihre Mutter und deren Freunde bei der Fatah das Schießen und Handgranatenwerfen lernten.

In diesem Ausbildungslager wurden Baader und Ensslin, die sich auf brutale Weise durchsetzen konnten, zu den Anführern der RAF.

Peter Homann, der von Anfang an nicht richtig dazugehört hatte, wurde bald verdächtigt, möglicherweise zum Verräter werden zu können und die ganze Gruppe, inklusive Meinhof, beschloss ihn zu liquidieren; nur die Palästinenser schützten ihn vor den eigenen Genossen. Er konnte im Gegenzug für Versprechen gegenüber den Palästinensern getrennt von den anderen nach Deutschland zurückreisen. Er hatte auch gehört, wie die Gruppe einen Plan geschmiedet hatte, Meinhofs Kinder in ein Waisenlager der Fatah zu geben; in Deutschland, wo er sich bei palästinensischen Kontaktleuten melden sollte, erfuhr er, dass Bettina und Regine tatsächlich dorthin kommen sollten, sprach dann mit dem jungen Journalisten Stefan Aust, den er von konkret kannte, und nahm Kontakt zu Hanna K. auf, durch die er den Kontakt nach Sizilien bekam. Aust fuhr dorthin (Homann wurde immer noch polizeilich gesucht), um die Kinder zu holen und brachte sie ihrem Vater zurück. Kurze Zeit später traf Ulrike Meinhof – allein, mit gefälschtem syrischem Pass – in  dem sizilianischen Barackenlager ein; ihre Kinder waren weg. Für Regine und Bettina, die einem ziemlich entsetzlichen Schicksal gerade noch entkommen waren, ging in Hamburg eine anscheinend ziemlich unbeschwerte Kindheit weiter, in der ihre Mutter praktisch keine Rolle spielte.

Die Autorin erwähnt noch die ersten Banküberfälle der RAF und die Festnahme der ersten Mitglieder – darunter Mahler –; dann beginnt Teil III: „Mythos Meinhof“, der sich mit der Zeit nach 1970 befasst.

Die Taten der RAF – die Bombenanschläge auf amerikanische Soldaten, die Morde an Polizisten usw. – werden nicht im Detail beschrieben, auch wenn die Autorin Wert darauf legt, kurz auf die einzelnen Todesopfer einzugehen. „Die Taten der RAF“, schreibt Frau Röhl, „also der von den Beamten gemeinte Baader-Meinhof-Komplex, ist dagegen nur eine mittelinteressante Story, ein mittelinteressanter Krimi mit unheimlichen Längen. Die Reaktion der Gesellschaft und der Politik auf die RAF – das ist das spannende Thema.“ (S. 464) Es geht also hier mehr um Leute wie den zuständigen BKA-Kommissar Alfred Klaus, der sich bemühte, sich in das Denken der Terroristen hineinzuversetzen und psychologische Gründe für ihre Taten zu finden; Klaus Rainer Röhl, der fest überzeugt war, dass seine Exfrau, an der er irgendwie noch hing, von anderen in den Terrorismus hineingezogen worden war und diese Sicht weithin propagierte; Renate Riemeck, die in konkret empathisch und ganz auf kommunistischer Basis an ihre Ziehtochter appellierte, vernünftig zu werden; Heinrich Böll, der im Spiegel die Gewalttaten der RAF herunterspielte und Gnade für Meinhof forderte; oder auch um die ganze lächerliche Diskussion in der Bundesrepublik darüber, ob man in diesem Fall von Bandenkriminalität denn wirklich von der „Baader-Meinhof-Bande“ sprechen dürfte oder nicht eher „Gruppe“ sagen müsse.

In Teil III ist auch der dritte Essay der Autorin eingebettet, über die Ikone Meinhof, die wesentlich bekannter wurde als andere linksextreme Terroristen. Frau Röhl schreibt: „Meinhof besetzt viel zu singulär das Terrorfeld in den Köpfen vieler Menschen, und dies, ohne dass sie als echte ‚Terroristin‘ empfunden wird. So wie sie in den Köpfen vorkommt, verdrängt sie jedoch vor allem ihre Opfer regelrecht aus dem öffentlichen Bewusstsein.“ (S. 501)

Auf den letzten hundert Seiten wird Meinhofs erste Zeit im Gefängnis, in Isolationshaft, beschrieben, es wird beschrieben, wie Angehörige und Anwälte erfolglos versuchten, sie zu deradikalisieren. Jetzt entstand wieder ein kleiner Briefwechsel mit ihren Töchtern, und es gab ein paar wenige Besuche im Gefängnis; aber dann bricht Meinhof den Kontakt wieder ab, auch zu ihren anderen Verwandten. (Der Titel des Buches, „Die RAF hat euch lieb“, stammt aus einem von Meinhofs Briefen an Bettina und Regine.) Im Gefängnis schrieb Ulrike Meinhof auch eine jubelnde Erklärung zum Mord an den israelischen Sportlern durch palästinensische Terroristen bei den Olympischen Spielen in München 1972, die sie ihrem Anwalt schickte, und veranstaltete, wie andere RAF-ler, Hungerstreiks, um gegen die Isolationshaft zu protestieren, womit sie in der Gesellschaft einiges an Sympathie einheimsen konnten. Frau Röhl wertet hier die Akte von Meinhofs Anwalt Heinrich Hannover detailliert aus, was ziemlich spannend ist; interessant ist dabei auch, wie Meinhofs Briefe an ihren Anwalt immer verworrener werden.

Das Buch endet, wie gesagt, 1974; eine Fortsetzung wäre sicher ebenfalls noch lesenswert.

 

Ulrike Meinhof kommt in diesem Buch negativer herüber als in Prinz‘ „Lieber wütend als traurig“ (mit anderen Büchern kann ich es ja nicht direkt vergleichen). Ihre Rachsucht gegenüber ihrem Exmann, ihr oft unverschämtes und immer forderndes Verhalten z. B. gegenüber ihren Anwälten (bei ihrer Scheidung wie nach ihrer Festnahme als Terroristin) oder gegenüber Klaus Rainer Röhl bei den Verhandlungen über ihre Honorare und Vertragsbedingungen bei konkret, ihr mangelndes Interesse an ihren Kindern, ihre (mindestens passive, vielleicht aber auch sehr aktive) Beteiligung am Mordplan gegenüber Peter Homann, ihr völlig fehlendes Unrechtsbewusstsein wegen der Morde an Polizisten und amerikanischen Soldaten; alle diese unsympathischen Seiten werden hier deutlicher. Erschreckend war eine Stelle in einem Interview mit Peter Homann, in dem Homann erzählt (das war vor der Gründung der RAF):

„In dieser Zeit bat sie mich, während wir am Abend wieder mal viel zu viel Wein getrunken hatten, nach Hamburg zu fahren und heimlich nachts die Schrauben der Autoreifen an Klaus Röhls Auto, ein weißer Mercedes, zu lockern, damit er sich am nächsten Tag totfahren würde. Sie meinte das ganz im Ernst. Sie bat mich, das für sie zu tun. Und ich erschrak unheimlich.
 Ich sagte zu ihr: Also jetzt, Ulrike, bist du verrückt geworden, das mache ich nicht, das geht zu weit. Da sagte sie: Ach so, und ich dachte, das würdest du für mich tun. Ich habe lange überlegt, ob ich das irgendjemandem erzähle, aber es zeigt, wie weit damals ihr Hass ging.“ (S. 234)

Mir ist außerdem aufgefallen, dass Frau Röhl ab und zu Hintergrundinfos bringt, die Aussagen der RAF-Terroristen, die bei Alois Prinz unhinterfragt dastehen, als falsch entlarven. Z. B. schrieb Meinhof in einem Brief Ende 1968 an Freunde über die Zwillinge: „In den Herbstferien waren sie bei ihrem Pappi in Hamburg und haben Terror gemacht. Da standen 6 Marmeladen auf dem Tisch, ‚alle zu 6 Mark‘ – und dann ist meine Schwiegermutter fast in Ohnmacht gefallen, weil sie erklärten, sechs genügten nicht, unter acht fingen sie nicht an zu essen. Ich habe denen gesagt, wenn ihr nichts anderes anzubieten habt als Marmeladen, dürft ihr euch nicht wundern – wenn ihr Konsumterror macht, dürft ihr euch nicht wundern, wenn die Kinder auch Konsumterror machen.“ Prinz erwähnt diese Aussage in seiner Biographie. Frau Röhl schreibt, dass ihre Mutter sich die Geschichte schlichtweg zusammenfantasiert hatte, nachdem die Zwillinge ihr erzählt hatten, dass ihr Vater (der gern einen großen Wirbel veranstaltete und seine Kinder verwöhnte) mit ihnen zu einem Feinkostgeschäft gefahren war und acht oder zehn Marmeladensorten für sie ausgesucht hatte (was ihnen gefallen hatte).

Es kommen praktisch unglaubliche Details aus der RAF-Geschichte zutage: Frau Röhl hat z. B. recherchiert, wie sich Meinhofs Anwälte in Berlin tatsächlich noch einen Sorgerechtsstreit mit Klaus Rainer Röhl um die Zwillinge lieferten, nachdem Meinhof schon abgetaucht war und die Kinder in Sizilien waren: Meinhof beabsichtige, ihre Kinder zu ihrer Schwester zu geben „bis die gegen sie angeblich vorliegenden Verdachtsmomente der Begehung strafbarer Handlungen entkräftet sind und sie in ihre Wohnung nach Berlin zurückkehren kann“, hieß es in einem von Hans-Christian Ströbele unterzeichneten Antrag (S. 396), also solle man ihr das Sorgerecht, das sie seit der Scheidung hatte, doch bitte lassen.

Dass Meinhof ihre Mutterrolle schon vor der RAF-Zeit nicht allzu gut ausfüllte, wird deutlich. Die Autorin erwähnt auch dieses Videointerview, das Meinhof kurz vor ihrem Gang in den Untergrund gab und in dem sie traurig darüber redet, wie schwer es sei, alleinerziehend und gleichzeitig politisch aktiv zu sein, und am Ende ein bisschen kryptisch über das Verlassen der Familie redet:

Frau Röhl urteilt:

„Meinhof fabuliert über die klugen alleinerziehenden Frauen, zu denen sie sich selber zählt, die es unheimlich schwer hätten, politisch zu arbeiten, der Kinder wegen. Sie verschweigt, dass sie neben unserer Schule einen Kinderladen in Anspruch nahm, dass sie ganz viele dienstbare Geister um sich hatte, an die sie ihre Mutteraufgaben delegierte. Und sie verschweigt, dass sie seit der Geburt von uns Zwillingen immer Hauspersonal beschäftigt hatte, was sie jetzt aus ideologischen, nicht etwa aus finanziellen Gründen ablehnte. […]
 Und die erfahrene Journalistin, die schon mehrfach im Fernsehen aufgetreten war, also wusste, wie man auftritt und wie man wirkt, inszenierte sich für diese Filmsequenz ganz bewusst als eine Frau, die droht kaputtzugehen. Der 68-Revoluzzer mit Weltgeltungsanspruch wollte das Bild des an der Welt Verzweifelnden abgeben, der sich für die Menschheit opfert, Äußerlichkeiten nicht mehr wahrnimmt und so sensibel ist, dass man ihm das ‚Nicht-mehr-aushalten-Können‘, das ‚innere Weinen und Schreien‘ sofort und unmittelbar ansieht. […]
 Das Video ist ein mittelmäßig gelungenes Buhlen um Sympathie und Verständnis un gleichzeitig auch eine Abschiedsbotschaft.“ (S. 289f.)

Über das Problem von Meinhof mit ihren Kindern urteilt Frau Röhl schlicht:

„Eine Mutter ist Mutter, weil sie Kinder hat. Das ist die Definition. Wenn eine Mutter mit ihren Kindern Probleme hat, dann hat sie Probleme, die Kinder haben originär keins. Wenn eine Mutter ihre Kinder loswerden will, ist das ihr Problem, nicht das Problem der Kinder. Und vor allem: Die Kinder an sich sind kein Problem. Sie haben vielleicht eins mit ihrer Mutter, die ein Mutterproblem hat, mit einer Mutter, die eine Problemmutter ist. […]
Fakt ist:  Meinhof war eine Frau, die ihre Mutterrolle nie gefunde
n hat; zwischen partiellem Überengagement und aversivster Ablehnung schwankte sie hin und her und wusste nicht, wie sie es ihrer Umwelt verkaufen sollte, dass sie sich ihrer Kinder entledigen wollte. Vermutlich wusste sie auch vor sich selbst nicht, wie sie ihre Abstoßungsreaktionen erklären sollte.
Die Idee, dass Kinder ihre Mütter am Leben hinderten, am Beruf, an der Selbstverwirklichung, an der sexuellen Erfüllung oder eben auch an der revolutionären Selbstverwirklichung, lag damals schwer im Trend, ein Trend, der sich in den extremen Kommunen wie zum Beispiel der Otto-Mühl-Kommune, aber auch bei den Sannyasins fortsetzte. Auch dort war es Programm, dass Kinder für die Selbstverwirklichung vor allem der Frau gezielt und bewusst von ihren Müttern getrennt, verlassen, zurückgelassen oder sogar weggegeben wurden. Es galt teilweise als fortschrittlich, die überkommene Mutterbindung brutal zu brechen und zu überwinden, um auch die Kinder zu selbstständigen neuen Menschen zu erziehen.“
(S. 291f.)

Dass sich Meinhof immer weniger für ihre Kinder interessierte, wird immer wieder an Details deutlich; am entsetzlichsten zu lesen sind aber die Passagen über die Pläne der RAF, sie in dem Waisenlager der Fatah unterzubringen. Es ist krass, wie auch mehrere ehemalige RAF-ler sich der Autorin gegenüber über dieses Thema äußerten; wie z. B. Monika Berberich in einem Interview aus dem Jahr 1995 gegenüber Bettina Röhl versuchte, Meinhofs Taten herunterzuspielen und zu rechtfertigen:

„Monika Berberich: Ja, sie ist davon ausgegangen, dass ihr ’ne Menge Positives in eurem Leben schon mitgekriegt habt, und dass ihr zu zweit wart, war auch total wichtig. Und es war zuerst nicht die Überlegung, dass sie euch gleich gar nicht mehr sieht. Erst in dem Moment ist das eine Überlegung geworden, wo klar war, dass euer Vater versucht mit allen Mitteln, euch zu kriegen, denn – das vergess ich nicht…
Bettina Röhl: Was meinst du?
Monika Berberich: Willst du das wirklich genau wissen? Weil sie ihn für ein Schwein gehalten hat, und zwar im buchstäblichen Sinne.
Bettina Röhl: Ein bisschen genauer bitte.
Monika Berberich: Sie meinte, er wird sich auf die eine oder andere Weise irgendwie an euch vergreifen, und es gab schon Zeichen dafür.
Bettina Röhl: Also sexueller Missbrauch?
Monika Berberich: Ja – ja, jetzt vielleicht nicht im allerschlimmsten Sinne, aber..
Bettina Röhl: Hm.“ (S.379)

Oder wie Horst Mahler ihr gegenüber sagte „Sie wollte nicht, dass ihr in einem bürgerlichen Leben bei eurem Vater verkommt“ (S. 378).

Oder Manfred Grashof in einem Interview von 1999:

„Manfred Grashof: […] da kann ich sagen, ich hab dafür plädiert, dass ihr in ein Camp kommt, da kannst du mich jetzt hassen […], weil, das war für mich die einfachste und die plausibelste und die richtigste Lösung. […] es gab da auch Schulen, die hatten dann auch so eine Jugendorganisation, das war dann natürlich total militärisch, die jungen Löwen, na ja, Jungs und Mädchen zusammen, ab einem gewissen Alter, also es gab da soziale Strukturen, die nicht irgendwie behauptet waren, sondern die real existierten. […]
[…]
Bettina Röhl: Und hattest du auch die Idee, eventuell deine Tochter……?
Manfred Grashof: Na ja, die ging zur Schule, die war zu dem Zeitpunkt […] schon längst bei meinen Eltern und, also ich hatte ja eigentlich nicht so die Veranlassung, da das Mädchen zu kidnappen, um es dann in den Libanon oder sonst wohin […] zu bringen.“ (S. 383-385)

Nochmal im Klartext: Es ging darum, zwei siebenjährige Mädchen bei Fremden aus einer Terrororganisation in einem arabischen Kriegsgebiet zurückzulassen.

(Im selben Interview erzählt Grashof auf Nachfrage noch, wie das Camp mit den Waisenlagern kurze Zeit später bei einem Bombenangriff des israelischen und jordanischen Militärs zerstört wurde.)

Die Autorin urteilt: „Auch Mahler, Baader, Ensslin hatten Kinder in unserem Alter, und auch sie sahen ‚eigentlich nicht so die Veranlassung‘, ihre Kinder zu ‚kidnappen‘ und in ein Waisenlager in den Nahen Osten zu bringen. Der Kinderirrsinn, der tätliche Hass auf ihren Exmann sowie die Tatsache, dass sie dem Plan, Peter Homann zu liquidieren, schweigend zugestimmt hatte oder gar diejenige war, die den Liquidierungsplan durch ihren Verdacht befördert hatte, war ganz offenkundig eine Meinhof’sche Besonderheit.“ (S. 385)

Frau Röhl berichtet in diesem Zusammhang auch, wie Mahler und Baader später, als die Zwillinge wieder bei ihrem Vater waren, noch bei Hanna K. mit Pistolen auftauchten, sie bedrohten und erfahren wollten, wo die Kinder waren, wie sie auch bereit gewesen wären, Homann und Aust zu erschießen, und dann doch von ihren Plänen abließen, wie ernst es mit der Verschleppung der Mädchen also war und was ihre Befreier riskierten; und sie berichtet, wie RAF-Apologeten später oft versuchten, die Pläne mit der Verschleppung nach Jordanien herunterzuspielen (z. B. Jutta Ditfurth in ihrer Meinhof-Biographie), oder sie zumindest rasch übergingen.

„Meinhof hat ihre Kinder nicht ‚verlassen‘, wie es immer so schön traurig heißt“, urteilt Frau Röhl. „Im Gegenteil, sie hat ihre Kinder mit in ihren Abgrund reißen wollen. […]
 Ich begreife Meinhofs sogenannten Sprung aus dem Fenster des Instituts für Sozialforschung am 14. Mai 1970 als den ersten Akt ihres sich lang hinziehenden Selbstmords.“ (S. 456f.)

Ulrike Meinhof muss offenbar ein sehr unglücklicher Mensch gewesen sein, mit dem Wunsch, so radikal wie nur möglich zu sein, aber gleichzeitig auch mit sehr unangenehmen Seiten und absurden Rationalisierungsstrategien.

Weitere interessante Punkte:

Es tauchen immer wieder bekannte Namen im linksextremen Umfeld, aus dem die RAF entstand, auf: Hans Magnus Enzensberger, Johannes Rau, Heinrich Böll, und viele mehr. Die Anwälte der RAF, wie Otto Schily und Hans-Christian Ströbele waren deutliche Sympathisanten und Helfer ihrer Mandanten, oft Freunde, die sie von früher kannten, und sie wurden später erfolgreich in der deutschen Gesellschaft. Es wird dokumentiert, wie viele der RAF in den frühen 70ern halfen, wie gut gerade Ulrike Meinhof in der Gesellschaft vernetzt war, bei wie vielen Leuten sie, während sie im „Untergrund“ war, auftauchen und Unterkunft, Geld und sogar Pässe bekommen konnte, ohne dass jemand die Polizei rief. Man bekommt eine Ahnung, wie weit der absurde Hass der Linken auf die Polizei ging; lieber half man Terroristen, als die Polizei zu holen.

Man merkt Frau Röhl immer wieder einen gerechtfertigten Ärger über die selektive Geschichtsrezeption der Alt-68er an, aber dabei bleibt sie gerecht und klar. Sie schreibt ziemlich pragmatisch; manchmal vielleicht etwas sehr pragmatisch. Wo man vielleicht noch mehr ideologische Kritik an  den theoretischen Prinzipien des Linksextremismus üben könnte, und andererseits deutlicher anerkennen könnte, dass der Wunsch nach Radikalität, den damals so viele irgendwie romantisch fanden, doch auf irgendeiner guten Wurzel basieren musste (ich meine hier weniger die Terroristen als vielmehr ihre Fans – wie sehr fehlten vielen Leuten Radikalität und Prinzipientreue, wenn sie meinten, wenigstens das bei der blödsinnigen Zerstörungswut dieser Terroristen zu finden?) kanzelt sie das Ganze ab und zu einfach mit dem Hinweis auf den fehlenden wirtschaftlichen Sachverstand der Neuen Linken ab (was ja auch berechtigt ist).

Sie hat übrigens auch ein paar klare Worte übrig für das ideologiegeleitete Interesse mancher Journalisten usw. an ihrem Leben und dem ihrer Schwester:

Was für ein Roman, was für eine schöne dramatische Geschichte: zwei blonde Mädchen mit der Kalaschnikow in der Hand, das war das Bild, das sich viele Menschen von meiner Schwester und mir machten. In etlichen Theaterstücken und Filmen wurden meine Schwester und ich tatsächlich so dargestellt. Dass wir längst wieder ein normales Leben führten und mit dem Terror von Meinhof gar nicht in Berührung kamen, ja, dass es uns gut, sogar ganz hervorragend ging, dass wir unser eigenes Leben fröhlich und interessiert lebten, passte nicht in die gierigen Journalistengeschichten der Tragödie von den ‚armen Kinder‘, die von der guten, armen tollen Terroristin für die Revolution geopfert worden wären. Es nervt, kann ich nur sagen! […] Und wenn man nicht dem Bild entsprach, waren viele beleidigt oder etwas böse. Haben die Kinder denn gar keine Gefühle für ihre Mutter? Dann sind sie eiskalt und gefühlsmäßig abgestumpft, wie eigentlich doch alle Nachgeborenen nach 68, oberflächlich und vielleicht auch etwas dumm und ohne Empathie für die große Revolutionsidee.“ (S. 493f.)

„Ulrike Meinhof hat vor 42 Jahren entschieden, ohne Reue und ohne Versöhnung mit der Gesellschaft aus dem Leben zu gehen. Und doch wünschen sich immer wieder so viele Menschen eine große Versöhnungsgeschichte: Die Opfer der RAF sollen den RAF-Tätern vergeben, der Staat soll sich mit der RAF aussöhnen, und immer wieder riefen mich Filmleute an, sie wollten so gerne die Geschichte schreiben, wie sich eine Ulrike Meinhof, die doch irgendwie heimlich überlebt hätte, nun – so der Plot – mit ihrer Tochter, einer fiktiven Bettina Röhl, träfe, auseinandersetzte und schließlich versöhnte. Die ‚Tochter‘ sollte der Mutter ganz fürchterliche Vorwürfe machen und mindestens genauso schlimm oder noch schlimmer sein als ihre Mutter. Ich habe diese Filmanliegen, bei denen ich auch noch am Drehbuch mitwirken sollte, abgelehnt, aber dann erschien tatsächlich im Jahr 2009, ohne mein Mittun, der grässliche Kitsch ‚Es kommt der Tag‘ mit Iris Berben als leidende, uneinsichtige RAF-Mutti und Katharina Schüttler in der Rolle der unversöhnlichen, rachsüchtigen erwachsenen Tochter. So viel zur Fiktion!
 Die Wirklichkeit ist doch viel besser.“

(Im Anschluss beschreibt sie, wie Hanna K., die an ihrer Rettung aus Sizilien beteiligt war und deren Nachnamen sie bisher nicht gekannt hatte, ihr 2007 eine E-Mail schrieb und wie sie und Hanna einander kennenlernten und Hanna die Patentante ihrer Tochter wurde; womit sie das Buch abschließt.)

Bettina Röhl hat eine einfache These: Die Neue Linke hatte sich verrannt, es wäre besser, wenn es diese Bewegung nie gegeben hätte, und Ulrike Meinhof war auf einem zerstörerischen und selbstzerstörerischen Trip. Dass sie damit bei den Nachfolgern der 68er – die, wie sie es gut beschreibt, immer noch höchstens Detailkritik aus den eigenen Reihen zulassen wollen, nie grundsätzliche Kritik von außen – nicht gut ankommt, ist nicht erstaunlich.

Fazit: Ein sehr informatives und empfehlenswertes Buch.

Wer noch ein paar Infos will, hier ein interessantes Interview mit Bettina Röhl:

 

* Alle Zitate aus der 3. Auflage, Heyne-Verlag 2018.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit & Liberalismus, Kommunismus, Nationalismus

Vor ein paar Tagen war wieder mal französischer Nationalfeiertag mit den obligatorischen Feierlichkeiten anlässlich des Jahrestags der Erstürmung eines fast leeren Gefängnisses, nach der die Köpfe von Männern, die sich ergeben hatten, auf Piken durch Paris getragen wurden: aber hey, darauf kann ein Land wohl stolz sein. Aber gut: Am 14. Juli wird ja in Frankreich nicht nur ein sinnloser Gewaltausbruch gefeiert, sondern die ganze Revolution mit ihren vielen weiteren noch stärker ideologisch motivierten Gewaltausbrüchen; und diese Revolution hat die letzten 230 Jahre doch ziemlich geprägt, wenn auch leider meistens nicht zum Guten.

Der Spruch aus der Revolutionszeit, der heute noch am bekanntesten ist, lautet bekanntlich: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und anhand dieses Spruchs kann man, wie ich finde, eigentlich ganz gut die verschiedenen falschen, und auch untereinander widersprüchlichen Ideologien aufzählen, die in dieser Zeit (und schon in der die Revolution vorbereitenden Zeit der sog. Aufklärung) ihren Anfang nahmen.

Datei:Unité Indivisibilité de la République.jpg

(„Einheit und Unteilbarkeit der Republik. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, oder der Tod.“ Druck von 1793. Gemeinfrei.)

Da wäre zuerst das Schlagwort der Freiheit und die entsprechende Ideologie des Liberalismus.

Es kursierte ja damals schon längere Zeit unter den Intellektuellen Frankreichs und Europas die Idee von größerer Freiheit – Freiheit von der Macht des Königs und der Macht der Kirche, Freiheit, veröffentlichen zu dürfen, was man wollte, ohne zensiert oder bestraft zu werden. Darüber wurde auch relativ frei in gewissen Salons geredet; so ganz entsetzlich unterdrückerisch war das Ancien Régime dann wieder nicht. Die Adligen ließen sich auch mal durch provokante neue Ideen unterhalten, solange es nicht zu provokant wurde oder zu sehr damit ernst gemacht wurde. Die Vorstellung der Freidenker war, dass sich auf dem freien Markt der Ideen die besten durchsetzen würden, und alle mit denselben Voraussetzungen starten sollten.

Ein Grund für die Ausbreitung liberaler Ideen war das Schachmatt, zu dem die religiösen Debatten und auch die Religionskriege der Frühen Neuzeit geführt hatten: Von Protestanten und Katholiken hatte sich keine Seite endgültig durchgesetzt, und jetzt meinten einige, die den Streit müde waren, dass vielleicht einfach beide im Unrecht gewesen waren, und/oder der Streit nicht so wichtig war, und/oder man einfach jedem seine persönliche Wahrheit lassen müsste; im Bereich der Religion breitete sich eine gewisse Gleichgültigkeit und eine Abwendung von der tradierten Offenbarungsreligion aus.

Oft wollten die Aufklärer des 18. Jahrhunderts auch größere wirtschaftliche Freiheit; Freiheit von den alten Zünften und Handwerksordnungen und den merkantilistischen Gesetzen der Fürsten, die Industrie, Handel und Innovation einschränkten: Es braucht keine Gesetze zur Lenkung der Wirtschaft; wenn jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, gleicht sich das am Ende von selbst aus und alle haben was davon; auch hier der freie Markt. Einige libertins waren natürlich auch moralisch „liberaler“ eingestellt als z. B. die katholische Kirche.

Die Grundidee der Liberalen war: Der Staat (und andere Institutionen mit öffentlicher Macht) sollte sich auf ein Minimum beschränken, um dem Individuum Raum zu geben, nach seiner eigenen Fasson selig zu werden. Sie waren dabei nicht immer konsequent; da sie ein klösterliches Leben beispielsweise für unfrei hielten, wollten sie es staatlich verbieten lassen und setzten das auch öfter in einigen Ländern um – vor, während und nach der besagten Revolution. Aber von den Inkonsequenzen zurück zu den Prinzipien des Liberalismus: „Die Freiheit besteht darin, alles tun zu können, was einem anderen nicht schadet“, heißt es in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte der französischen Nationalversammlung von 1789.

Die Frage, die bleibt, ist nur: was schadet einem anderen Menschen, was schadet vielleicht der gesamten Gesellschaft?

Um eher aktuelle Beispiel zu nehmen: Schadet es anderen, wenn einige Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen? Schadet es dem Familienleben, wenn Inzest unter Erwachsenen legalisiert wird? Schadet es einer Gesellschaft, wenn Pornographie frei verbreitet werden kann? Besonders bei einem besonderen Anliegen der sog. Aufklärer und der Revolutionäre wird diese Frage akut: Bei der Meinungs- und Pressefreiheit. Schadet die Verbreitung aller möglichen Ansichten wirklich nicht? Was ist mit Ansichten wie… Angehörige bestimmter „Rassen“ wären weniger wert und sollten rechtlich benachteiligt sein? Behinderte würden eine Gesellschaft nur belasten und sollten getötet werden? Soll auch für solche Ansichten Meinungsfreiheit gelten? Die christlichen Staaten der Vormoderne hatten oft Gesetze gegen die Verbreitung von Häresie, also die Verfälschung der christlichen Glaubenslehre; heute wird das als entsetzlich freiheitsfeindlich abgelehnt, aber andererseits gibt es den Straftatbestand der Volksverhetzung – ist das mit der Theorie des Liberalismus vereinbar? Oft sind Liberale sogar dafür, Dinge zu legalisieren, die sehr eindeutig anderen schaden; z. B. die Abtreibung, die ja dem getöteten Kind nicht unbedingt gut tut.

Und dann ist da noch die grundsätzliche Frage: Darf denn jeder sich selbst schaden, wie er will? Die klassische katholische Lehre würde dazu nein sagen: Auch sich selbst schuldet man Wohlwollen, Liebe, und sein eigenes Leben hat man sowieso nur von Gott erhalten und soll es gut verwalten. Der Liberalismus erkennt dem eigenen Leben dagegen keinen klaren Wert zu; laut dieser Ansicht gäbe es keine Rechtfertigung dafür, zu sagen, man müsse es besonders schützen oder achten.

Aber wenn jemand etwas zustimmt, das ihm schadet, ist das wirklich in Ordnung? Unter Druck oder aus Selbsthass können Menschen vielem zustimmen, das ihnen selbst schadet. Das Opfer des Kannibalen von Rotenburg hat dem Mord an ihm auch zugestimmt; der zuständige Gerichtshof ließ das nicht als Verteidigung gelten. Darf jemand sich selbst in die Sklaverei verkaufen, oder einem Arbeitsvertrag, der ihn ungerechten Bedingungen unterwirft, zustimmen? Ist es in Ordnung, wenn Menschen zustimmen, in der Prostitution oder der Pornoindustrie zu arbeiten und an den Arbeitsbedingungen dort kaputtgehen? Ist es in Ordnung, wenn alte oder kranke Menschen aus Angst vor Abhängigkeit, Einsamkeit oder Schmerzen, oder unter Druck von Verwandten, denen sie nicht auf der Tasche liegen wollen, zustimmen, sich töten zu lassen? Was schadet, ist eben Definitionssache; hier müssen Fragen von Gut und Böse, Richtig und Falsch entschieden werden, die der Liberalismus am liebsten ausklammern oder offen lassen würde.

Der zu Ende gedachte Liberalismus führt in die Anarchie, die einfach nur das Recht des Stärkeren bedeutet; den Vorteil dessen, der andere am besten manipulieren und überreden kann und durch irgendwelche Zufälle am meisten Gehör findet oder Macht ausüben kann. Wie gesagt, der zu Ende gedachte: In der Praxis bleibt der Liberalismus pragmatischerweise irgendwo auf dem Weg dahin stehen.

Letztlich waren aber auch viele Liberale im Lauf der Geschichte nicht ohne eigene konkrete Vorstellungen von Gut und Böse; „Jetzt lass mich, ich schade dir doch nicht!!“ ist halt nur eine passable Argumentation, wenn man nach und nach die Maßstäbe von Gut und Böse verschieben will. Um einen Kommentar von Erzbischof Charles Chaput aus den USA zum Thema Abtreibung zu zitieren: „Das Böse redet nur von Toleranz, wenn es schwach ist. Wenn es die Oberhand gewinnt, erfordert seine Eitelkeit immer die Zerstörung des Guten und Unschuldigen, weil das Beispiel guter und unschuldiger Leben ein andauernder Zeuge gegen es ist. So war es immer. So wird es immer sein.“ Wenn zuerst nur gefordert wurde, andere Leute bei XYZ in Ruhe zu lassen, soll man bald ausdrücklich gutheißen und unterstützen, was sie tun; statt Toleranz wird Akzeptanz verlangt. (Die LGTBQ-Bewegung ist ein aktuelles Beispiel.)

Man kann (wie andere das schon besser dargelegt haben) einen harten Liberalismus (es gebe wirklich keine Wahrheit) und einen weichen Liberalismus (die Wahrheit muss eben individuell freiheitlich auf dem freien Markt der Ideen erkannt werden) unterscheiden, die aber am Ende in der Praxis oft auf dasselbe hinauslaufen. Als geradezu prototypisch für die liberale Einstellung wird besonders in liberalismuskritischen amerikanischen Kreisen oft ein Satz aus dem Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA im Fall Casey vs. Planned Parenthood von 1992 zitiert:

„Im Herzen der Freiheit liegt das Recht, sein eigenes Konzept der Existenz, des Sinns, des Universums, und des Mysteriums des menschlichen Lebens zu definieren. Überzeugungen zu diesen Angelegenheiten könnten nicht die Attribute des Personsein definieren, wenn sie unter dem Zwang des Staates geformt würden.“

(„At the heart of liberty is the right to define one’s own concept of existence, of meaning, of the universe, and of the mystery of human life. Beliefs about these matters could not define the attributes of personhood were they formed under compulsion of the State.“)

Hier ging es natürlich um das Thema Abtreibung – weil jeder seine eigenen Ansichten haben soll, darf der Staat nicht definieren, ob ein ungeborenes Kind eine Person ist. Damit wird natürlich die Ansicht der Partei, die findet, dass es keine Person ist, ermächtigt; während scheinbar keine Entscheidung getroffen wird, wird eine getroffen.

Der Liberalismus vertritt in der Theorie einen unhaltbaren moralischen Relativismus (Wenn es keine Wahrheit gibt, ist es dann wahr, dass es keine Wahrheit gibt? Wenn für jeden seine eigene Wahrheit gelten soll, was genau ist das dann, das für ihn gilt und woher hat er es?), und ignoriert, dass Menschen von Anfang an nur in Gemeinschaft existieren, nicht als Einzelwesen, deren einziges Ziel die Maximierung von Freiheit und Eigentum ist; in der Praxis ist er dagegen oft nur ein Feigenblatt für welche (guten oder schlechten) Ideen auch immer jemand gerade durchbringen will.

Dann wäre da das Schlagwort Gleichheit; und aus einem gewissen in manchen Strömungen der Aufklärung grundgelegten Egalitarismus entstand im frühen 19. Jahrhundert die Idee des Kommunismus.

Die Gleichheit war zum Teil schon eine Forderung von Montesquieu, Voltaire, Diderot und ihresgleichen; vor allem Gleichheit vor dem Gesetz, Abschaffung der Privilegien des Adels: Gleichheit vor allem als Vorbedingung der Freiheit. Auch hier hilft ein Blick in die Menschenrechtserklärung von 1789: „Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten.“ „Diese Rechte sind Freiheit, Eigentum, Sicherheit und Widerstand gegen Unterdrückung.“

Aber als die Revolution dann so richtig losbrach, war sie bald nicht mehr nur eine politische Revolte von Abgeordneten, sondern auch das Volk meldete sich und randalierte und verlangte nach Brot. Hier meldeten sich Leute, die den Begriff der Gleichheit aufgeschnappt hatten und wirtschaftliche Gleichheit wollten, weil sie Not litten. Hier kann man die Sansculotten (die Pariser Kleinbürger und Arbeiter, die die Revolution unterstützten) und Hébert einordnen; es gab auch schon ein paar utopistische Vordenker im 18. Jahrhundert und früher. Die sozialrevolutionären Kreise konnten zwar zwischendurch ein paar Dinge durchsetzen, erlangten allerdings in der Revolutionszeit keinen nachhaltigen Einfluss; Hébert zum Beispiel wurde 1794 während Robespierres Schreckensherrschaft hingerichtet. Es sollte noch einige Zeit vergehen, bis sich der Frühkommunismus voll entwickelt hatte, aber hier hat er – u. a. – seine Wurzeln.

Zunächst setzten sich, als in den 1790ern in Frankreich und dann zu Napoleons Zeiten u. a. auch in den deutschen Fürstentümern die Gesetze nachhaltig geändert wurden, die schon länger propagierten, gewohnten Ideen der Aufklärer durch: Abschaffung der letzten Reste der Leibeigenschaft und gewisser Adelsprivilegien, Aufhebung der Zünfte, stärkere Unterdrückung der Kirche. Keine Versuche, wirtschaftliche Gleichheit herzustellen, eher das Gegenteil. Die rechtliche sollte genügen, die rechtliche Gleichheit als Voraussetzung der allgemeinen, möglichst großen Freiheit. In dieser Zeit, als die wirtschaftliche Ungleichheit durch diese Laissez-Faire-Politik und durch die rapide Industrialisierung weiter zunahm, der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gingen die Liberalen und die Frühkommunisten getrennte Wege.

Die rechtliche Gleichheit hatte sicher ihre sehr guten Seiten; auch wenn beileibe nicht bei allen Bürgern die Abschaffung ihrer Partikular- und Gewohnheitsrechte beliebt war. Aber die Gleichheit, die die Kommunisten jetzt forderten, war sehr viel totaler. Wenn nur einzelne das Eigentum an den Produktionsmitteln besitzen und ihre Rechte nicht eingeschränkt sind, üben sie eine ungerechte Herrschaft über die Masse aus, sahen die Kommunisten, als während der Industiellen Revolution die Masse der Bevölkerung zu rechtlosen und überarbeiteten Fabrikarbeitern wurde, sehr richtig; also müsse die Gemeinschaft – was in der Praxis natürlich heißt: der Staat – alles besitzen und allen das gleiche zuteilen. Das führte, als es umgesetzt wurde, natürlich nur zu einer noch stärkeren Machtkonzentration und schlimmen Unterdrückung. Reguliertes, auf viele einzelne verteiltes Privateigentum wie zuvor stand für viele gar nicht mehr zur Debatte; die Idee des Distributismus konnte sich nicht viel Gehör verschaffen.

Typisch für das, was ich hier mal Egalitarismus nennen will, da es nicht nur den wirtschaftlichen Kommunismus umfasst, ist die Ansicht, dass jede Ungleichheit ungerecht und unterdrückerisch sei und mit Zwangsmitteln abgeschafft werden müsse; dass es in allem möglichen Ergebnisgleichheit geben müsse. Diese Denkweise findet man z. B. auch in der heutigen Debatte um frühkindliche Betreuung: Wenn einige Kinder Eltern haben, die sie besonders fördern, und andere solche, die sie eher vernachlässigen oder ihnen einfach nicht viel bieten können, muss der Staat für „Chancengleichheit“ sorgen und also alle Kinder möglichst früh aus ihren Familien reißen und den gleichen überforderten Erzieherinnen übergeben. (Dass natürlich staatliche Erzieherinnen auch individuelle Personen sind und gut oder schlecht in ihrem Beruf sein können, wird hier gerne übersehen.) Die Leute dürfen sich auch nicht mehr selbst für Ungleiches entscheiden; wenn z. B. Frauen freiwillig tendenziell andere Berufe als Männer wählen, muss man sie dazu nötigen, sich anders zu entscheiden.  Individuelle Freiheiten, die der Liberalismus übertreibt, werden hier zum totalen Feind, zur bloßen Gefahr; man darf sie nicht riskieren, egal, was daraus Gutes kommen könnte; der Staat über alles. Der historische Kommunismus war ja extrem feindlich gegenüber allem, was dem Totalitätsanspruch des Staates gegenüberstand, v. a. der Familie und der Kirche; daher z. B. die Wochenkrippen in der DDR, die Massenorganisationen für die Jugend, die Benachteiligung derer, die sich diesen Organisationen entziehen wollten, usw.

Der Kommunismus – und auch andere von Linken aufgegriffene Ideen wie die heutigen extremeren intersektionell-feministischen oder massenmigrationsbefürwortenden (mir fällt gerade kein besserer Begriff ein) Ideen – kam nicht mehr mit einem resignierten „Ach mei, die Wahrheit können wir eh nicht wissen, machen wir uns ein schönes Leben und seien wir tolerant“ daher wie der (theoretische) Liberalismus, sondern mit einem inhaltlichen Wahrheitsanspruch, und noch mehr, mit einem Weltrettungsanspruch. Entschlossenheit, wirklicher Einsatz war hier da, wenn auch leider oft fehlgeleiteter Einsatz, Sehnsucht nach einem Ende des Bösen. Sicher, das Böse wird hier ausschließlich materialistisch begriffen, man meint, in einer Welt mit gerechter Güterverteilung oder mit Frauenquoten und allgemeiner staatlicher Kinderbetreuung oder ohne Staatsgrenzen und Nationen gäbe es keine Probleme mehr, und für den Einsatz dafür gelten oft alle Mittel als gerechtfertigt, auch RAF-Terror, sowjetische Gulags, Antifa-Gewalt; aber dennoch, auf eine Weise hat es was Sympathischeres als der Liberalismus.

Aber eine perfekte Welt zu schaffen klappt hier unten eben nicht. Den Gedanken an eine andere perfekte Welt hatten die Egalitaristen ja schon lange als bloße Ablenkung von den „wichtigen“ Fragen beiseitegeschoben – obwohl sie selber am Ende auch alle mit dem Tod klarkommen mussten -, also setzten sie alle ihre Hoffnungen auf diese und wurden zwangsläufig enttäuscht.

Aber genau genommen muss eine perfekte Welt auch keine egalitäre sein: Unterschiede sind nicht automatisch schlimm, sogar Unterschiede bei Dingen, die alle Menschen gleichermaßen gern haben möchten. Wenn von zwei Ärzten in verschiedenen Krankenhäusern, die beide gleich viel arbeiten, einer 3100 Euro im Monat und einer 3400 Euro im Monat verdient, ist das nicht moralisch verwerflich, weil beide einen gerechten Lohn bekommen, der ihnen genügt; wenn sie beide jeweils den gleichen Lohn von 600 Euro bekommen würden und davon kaum ihre Miete zahlen könnten, wäre das dagegen verwerflich. Wenn jedem sein Recht geschieht und es jeder gut hat, ist eine Welt schon perfekt, auch wenn manche noch mehr haben als das, was ihnen zusteht; und Neid auf sie ist schlicht falsch. Gleichheit im Unrecht und Gleichheit im Elend sind dagegen nicht erstrebenswert.

Noch eine dritte moderne Bewegung findet sich in ihren Grundzügen schon in der Zeit der Französischen Revolution: Der Nationalismus, entsprechend dem Schlagwort der „Brüderlichkeit“ aller Franzosen, oder auch dem damals auch oft verwendeten, aber nicht mehr gleich bekannten Schlagwort der „Einheit und Unteilbarkeit der Nation / der Republik“.

Nun war Frankreich schon länger ein für die damalige Zeit vergleichsweise zentralistischer Staat, aber die unterschiedlichen Revolutionsregierungen und dann Napoleon machten schließlich Nägel mit Köpfen und zentralisierten das Land vollständig; auch regionale Sprachen beispielsweise waren jetzt nicht mehr gern gesehen. Während der 1790er wurde ständig die Nation als der neue Ankerpunkt betont; nun sollte es nicht mehr darauf ankommen, welchem Stand oder welcher Kirche man angehörte, sondern darauf, dass man Bürger Frankreichs war. Dieses neue Ideal von Bürgertum und Nation wurde mit religiöser Inbrunst hochgehalten: Es wurden „Bürgermessen“ als Ersatz für die alten religiösen Zeremonien erfunden und Revolutionsmärtyrer wurden verehrt. Alle Franzosen sollten zusammenstehen, und zwar zusammenstehen gegen den gemeinsamen Feind – die Könige, die Adligen, die Pfaffen, und die Ausländer, die das Land bedrohten; irgendwo schaffte die neue Einheit also auch automatisch eine neue Exklusivität.

Auch in den deutschen Gebieten war die liberale Bewegung des 19. Jahrhunderts die national-liberale Bewegung: die Studenten, die sich diese neuen Ideen aneigneten, träumten nicht nur von einem Deutschland ohne Zensurgesetze, sondern vor allem von einem Deutschland, das alle Deutschen, die bis dahin verteilt in einem Staatenbund aus vielen kleinen Fürstentümern lebten, in einem einheitlichen Reich vereinigte („Deutschland, Deutschland, über alles!“ – ein geeintes Deutschland ist unser wichtigstes Ziel, meinte das damals, und zwar eins „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“, also vom Elsass bis Ostpreußen, von Südtirol bis ins heutige südliche Dänemark). Die (an sich nicht schlimme, aber in ihrer überhöhten Form doch praktisch öfter gefährliche) Idee, dass alle Menschen, die sprachlich, ethnisch, kulturell einem Volk angehörten, in einem einzigen eigenen Staat zusammengeschlossen sein müssten, prägte das ganze 19. Jahrhundert, sorgte für diverse Kriege, vereinte das gespaltene Deutschland (leider) zu einem Reich unter preußischem Kommando, schaffte ein geeintes Königreich Italien, das auch den Kirchenstaat mit Gewalt eroberte, zerstörte das multikulturelle Riesenreich der Habsburger und sorgte für endlose Konflikte auf dem ethnisch durchmischten Balkan.

Die Überhöhung der Nation, die Tatsache, dass sie die sinn- und einheitsstiftende Rolle übernehmen sollte, die früher eher die Kirche, zusätzlich zu Familie, Dorf, Zunft, Stadt, Fürstentum etc., eingenommen hatte, trug im frühen 20. Jahrhundert dann schließlich zur noch viel stärker nationalistischen Ideologie des Faschismus bei: Die Nation, das Volk als Ganzes, stand jetzt endgültig an höchster, quasi vergöttlichter, Stelle, alle Volksangehörigen hatten sich seinen Belangen unterzuordnen und als homogene Einheit zusammenzustehen, und es sollte einen starken Führer geben, der an seiner Spitze stand und es in die Zukunft führte. Der Faschismus war freilich auch von der inzwischen aufgetauchten Idee vom Übermenschen geprägt, von der Verherrlichung der Macht und des Kampfes, die man z. B. im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert noch nicht so sehr findet, sondern die erst nach dem Aufkommen des Darwinismus in der Naturwissenschaft, der dann einen Sozialdarwinismus in der Philosophie nach sich zog, stärker aufkam. Ab dem späten 19. Jahrhundert kursierten militaristische Ideen vom Wettstreit der Nationen, die sich im 1. Weltkrieg entluden, aber damit eben bei weitem noch nicht ihr Ende fanden; dann redeten Leute wie Mussolini und Hitler vom Willen zur Macht und dem Kampf um Lebensraum und der Überlegenheit bestimmter Rassen.

Nationalisten und Faschisten suchten auch nach einem höheren Sinn, einem Zweck, einem Ziel des Schicksals, etwas, das über das materielle Leben des Einzelnen hinausging; leider war ihre Lösung von vornherein nicht besonders sinnvoll. Eine durch ein historisch nach und nach gewachsenes Vaterland definierte Gemeinschaft konnte die frühere durch einen gemeinsamen Vater im Himmel definierte eben nicht vollständig ersetzen; vor allem war sie doch ziemlich exklusiv. Was als untergeordnete Gemeinschaft einen sinnvollen, glaubwürdigen Platz beanspruchen konnte, taugt einfach nicht als höchstes Ideal und Endziel des Lebens.

Der Fehler der Liberalen war, dass sie jede Beschränkung und jeden Wahrheitsanspruch für Unterdrückung hielten (im Gegensatz z. B. zum Herrn Jesus, der verkündete, dass die Wahrheit es ist, die frei macht); der Fehler der Egalitaristen/Kommunisten, dass sie jede Ungleichheit auch für Ungerechtigkeit hielten; der Fehler der Nationalisten, dass sie die Nation für die wichtigste Gemeinschaft überhaupt statt für eine unter anderen hielten. Und alle drei Bewegungen machten den Fehler, für die Durchsetzung ihrer Ideologie so ziemlich alle Mittel für gerechtfertigt zu halten; der Kommunismus wegen seiner hohen Ansprüche vielleicht am meisten, aber auch der Liberalismus war davon nicht frei. (1793/94, in der Hochphase der Revolution, wurden in Frankreich alle nur vermuteten Feinde der „Freiheit“ guillotiniert; der Aufstand der Bauern in der Vendée gegen die revolutionäre Regierung wurde mit an Völkermord grenzender Gewalt niedergemacht.) Der Liberalismus leugnete, dass eine Gesellschaft auf konkreten Vorstellungen von Gut und Böse, Wahr und Falsch basieren musste; in das entstandene Vakuum grätschten Sozialismus und Nationalismus und Faschismus mit falschen Vorstellungen von Gut und Böse, Wahr und Falsch hinein.

Die katholische Kirche stand während all dieser Umbrüche im 18., 19., 20. Jahrhundert meistens auf einer ziemlich trotzigen, mal nicht zu viel verdammenden und dann immer wieder sehr deutlich verdammenden und den allgemeinen Verfall beklagenden Position. Auch wenn sie beileibe nicht alle einzelnen praktischen Neuerungen, die zufällig aus dem Geist dieser Ideologien entstanden, als unvereinbar mit der Wahrheit ablehnen musste: Zu Ende gedacht widersprachen alle drei ziemlich deutlich der katholischen Lehre, was die Päpste immer wieder deutlich machten, v. a. solche wie der sel. Pius IX., der im Syllabus Errorum unter anderem diese drei Ideologien verurteilte.

Letztendlich ist es ja doch so, dass nur eine Rückkehr zur tatsächlichen Wahrheit – was heißt, zu Gott, der die Wahrheit selbst ist – gegen sie helfen würde.

Wie man Rechtsextreme und Fundikatholiken unterscheidet: Eine Handreichung für die Uneingeweihten

Ich habe in letzter Zeit einmal zu oft die scheinbar gleichbedeutend aneinandergereihten Wörter „rechtsextrem“, „extremkatholisch“, „traditionalistisch-katholisch“, „religiös-fundamentalistisch“, „rechtsradikal“, „rechtskatholisch“, „rechts-fundamentalisch“ usw. gelesen. Gerade gewisse Linke, die es als den Sinn ihres Lebens zu betrachten scheinen, „gegen rechts“ zu sein, können die Rechten, gegen die sie sind, und die religiösen Fundamentalisten, gegen die sie auch sind, nicht immer so ganz auseinanderhalten – oder sind einfach nicht gewillt, das zu tun.

Aber gut: Der durchschnittliche Linksaktivist oder auch bloß der normale Weder-Katholik-noch-Rechte, der dessen Kitabroschüren liest, kennt sich vielleicht einfach zu wenig aus, um eine sinnvolle Unterscheidung zwischen Radikalkatholiken und Rechtsextremen treffen zu können. Ich will gerade besagten Linken nicht dazu bringen, die katholische Seite zu mögen. Ihr könnt Adenauer genauso hassen wie Bismarck oder wie Hitler, ihr solltet nur merken, dass die sich untereinander auch nicht grün waren und ganz unterschiedliche Dinge geglaubt haben. Lernt eure Feinde zu unterscheiden und verwendet Begriffe korrekt. Also hier mal an ganz konkreten Beispielen erklärt: Wie unterscheide ich den Extremkatholiken vom typischen Vertreter der mehr massentauglichen Neuen Rechten, und vom richtigen Neonazi?

(Anmerkung: Ich kenne mich offensichtlich auf der radikalkatholischen Seite besser aus als bei Rechten und da noch besser als bei Nazis.)

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Verhalten in der derzeitigen Saison:

Der Radikalkatholik stellt klar, dass wir jetzt erst Advent haben und die Weihnachtszeit erst am 1. Feiertag beginnt und dann bis Mariä Lichtmess dauert, legt Wert darauf, seinen vier oder fünf Kindern Schokoladennikoläuse statt Schokoladenweihnachtsmänner zu kaufen und erzählt gern davon, wie der hl. Nikolaus auf dem Konzil von Nicäa im Jahr 325 einen Ketzer geohrfeigt hat. (Nein, das ist kein Scherz, sondern sogar schon ein alter Hut unter Radikalkatholiken.) Zentraler Bestandteil des Weihnachtsfests ist die Christmette, und auch an den Tagen danach geht man in die Kirche, um den gesteinigten Erzmärtyrer Stephanus und die Heilige Familie und die von Herodes ermordeten Heiligen Unschuldigen Kinder zu feiern.

Der Vertreter der Neuen Rechten hat so einiges über die früher nicht notwendigen Betonpoller beim Weihnachtsmarkt zu sagen, und auch darüber, wenn die Erzieherinnen in der Kita seiner zwei Kinder meinen, aus Rücksicht auf die muslimischen Kinder sollte man den Nikolaus nicht kommen lassen. Vielleicht geht er an Weihnachten in die Kirche, weil das Familientradition ist, und befürchtet dabei, dass der Pfarrer über Flüchtlinge predigen könnte.

Der Neonazi teilt vor Weihnachten gern Artikel mit wirren, von Historikern lange widerlegten Theorien aus dem 19. Jahrhundert darüber, dass das Fest ja eigentlich auf germanische Winterbräuche zurückgehe, und feiert stattdessen das Julfest.

 

Lieblingsdemo:

Radikalkatholik: Marsch für das Leben, Demo für alle. (D. h. gegen Abtreibung, Sterbehilfe, bestimmte Formen der Sexualpädagogik.)

Vertreter der Neuen Rechten: Pegida etc. (D. h. gegen die Frau Merkel und die Migration.)

Neonazi: Rudolf-Heß-Gedenkmarsch.

(Marsch für das Leben. Bildquelle hier.)

 

Einstellung zu Afrika und Afrikanern:

Der Radikalkatholik beklagt „ideologischen Neokolonialismus“, womit er meint, dass westliche NGOs die westliche Kinderfeindlichkeit nach Afrika exportieren; wünscht sich einen Afrikaner als nächsten Papst, am liebsten Kardinal Robert Sarah (derzeitiger Präfekt der Gottesdienstkongregation); und teilt es in den sozialen Medien, wenn irgendein afrikanischer Bischof was gegen homosexuelle Handlungen gesagt hat (ja, der Begriff hat „homosexuelle Handlungen“, nicht „Homosexualität“ zu heißen – Radikalkatholiken legen sehr großen Wert darauf, zwischen homosexueller Neigung, die man sich nicht aussuchen kann, und homosexuellen Handlungen, die man trotzdem nicht begehen soll, zu unterscheiden). Das bedeutet nicht, dass der Radikalkatholik automatisch für die verstärkte Einwanderung von Afrikanern wäre oder sich auch nur viele Gedanken zu dem Thema gemacht hat; aber die Kirche in Afrika wird manchmal sogar ein bisschen zu stark idealisiert (klar sind die Leute da christlicher als bei uns hier, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren, aber sie hat dort auch ihre eigenen Probleme).

Der Vertreter der Neuen Rechten äußert sich äußerst verächtlich darüber, wie viele Kinder die Afrikaner bekommen und meint, die NGOs in Afrika sollten noch deutlich mehr für Abtreibung und Verhütung werben; und teilt auch gerne Studien von Rassentheoretikern, wonach Schwarze weniger intelligent wären als „Kaukasier“ (Weiße) und Asiaten. Er ist misstrauisch, wenn Beziehungen von nichtweißen Männern und weißen Frauen positiv dargestellt werden – der nicht so radikale Rechte aus eher kulturellen Gründen und durchaus auch echter Besorgnis um die Frauen; der radikalere Rechte hat so seine recht unappetitlichen Theorien darüber, warum weiße Frauen Beziehungen mit schwarzen Männern eingehen würden und sorgt sich eher darum, dass die weißen Männer leer ausgehen könnten.

Das trifft auch auf den Neonazi zu, der solche Beziehungen schlicht „Rassenschande“ nennt, klarer white supremacist ist und den Afrikanern auch mal Hakenkreuze an die Hauswand schmiert.

(Die letzte Chartres-Wallfahrt, so eine radikal-katholische Veranstaltung, mit Kardinal Sarah. Bildquelle hier.)

 

Einstellung zum Feminismus:

Die bewegt sich unter Radikalkatholiken zwischen „Es ist ja nicht alles schlecht am Feminismus“ und „Ich will sofort das Patriarchat zurück“ – wobei sich beide Thesen gut ergänzen, wenn man das Patriarchat entsprechend definiert. Die radikalkatholische Idee vom Patriarchat entspricht am ehesten dem, was Feministen als „benevolent sexism“ bezeichnen. Und, surprise, surprise, die rabiatesten Antifeministen sind bei uns immer Frauen. Da werden dann die typisch weiblichen Dinge, wie das Kinderkriegen gegenüber dem Feminismus, der nicht viel mit ihnen anfangen kann, besonders gepriesen. Die Hausfrau-und-Alleinverdiener-Ehe ist meistens das Ideal, zumindest wenn kleine Kinder da sind, wobei andere Formen des Familienlebens nicht generell abgelehnt werden. Man reagiert jedenfalls ziemlich allergisch auf die Herabwürdigung des Hausfrau-und-Mutter-Jobs. Ein Recht auf Abtreibung wird absolut abgelehnt und auch als schädlich für die Frauen selbst gesehen.

Unter Vertretern der Neuen Rechten ist man nicht ganz so streng in Bezug auf Abtreibung, macht dafür aber den Feminismus noch deutlicher verächtlich, da man überzeugt ist, dass er die Frauen verdirbt und zu Hexen macht, die übermäßig anspruchsvoll sind und bei sexueller Belästigung gleich total empfindlich, und die doch eh keiner mehr ficken will. (Gut – hier sollte man auch sagen, dass der gutbürgerliche Rechte, der Familie hat, anders reden wird als der neurechte junge Mann, der keine hat.) Während Radikalkatholiken Wert auf Schamhaftigkeit und Respekt und Ritterlichkeit legen, hält man unter Rechten Bikiniwerbung für eine große Errungenschaft der freiheitlichen westlichen Zivilisation – jedenfalls seitdem die Feministinnen der jüngsten Generation sie für sexistisch und muslimische Einwanderer sie für sittenlos erklärt haben. Wenn eine linke oder grüne Politikerin etwas Dämliches sagt, kann es schon mal vorkommen, dass die unhöflicheren Rechten ihr wünschen, sie möge doch vergewaltigt werden. (Unhöfliche Katholiken kennen andere Beschimpfungen. Bei uns nennt man bestimmte Ideen oder Geschehnisse „satanisch“ usw.)

Dann gibt es auch gewisse Gruppen, die politisch auch in die rechte Ecke eingeordnet werden können, sich aber vor allem auf ihre Frauenfeindlichkeit und nicht so sehr auf Migration u. Ä. konzentrieren, und in der politisch rechten Szene nicht so zentral sind. Die MGTOW-ler, Incels etc. glauben, sie hätten ein Recht auf Sex, regen sich über „thots“ und „stacys“ auf, die ihnen das nicht gewähren, anderen Männern aber schon, und sehen Frauen so ziemlich als Tiere an, die man sich mit Tricks gefügig machen und in der Abhängigkeit halten müsse; vor allem sollen sie einen für einen alpha male statt einen beta male halten. Das katholische Vorbild für Männer, den hl. Joseph (der sich um Frau und Pflegekind gekümmert hat, ohne jemals Sex von der Frau dafür zu bekommen), würden sie sofort verächtlich bei den beta males einordnen. Auch hier sieht man typisch rechtsextreme Merkmale: Das Denken in den Kategorien von Kampf und Konkurrenz, die Verachtung von Schwäche, der Glaube an eine biologische Determiniertheit von Verhaltensweisen, die Unfähigkeit, zu glauben, dass Menschen einfach so Gutes tun könnten, ohne etwas davon zu haben. Christliche Fundamentalisten lehnen diese Merkmale absolut ab.

(Hl. Josef mit dem Jesusknaben, von Caspar Jele. Gemeinfrei.)

Soweit ich weiß, bewegt sich die Nazisicht zwischen der standardmäßigen rechten und der Incel-Sicht. Der historische Nationalsozialismus hatte ja schon einen Platz für die starke arische nichtfeministische Frau, die an der Heimatfront viele Kinder bekommt, an dem sie respektiert wurde; anders als die Incels, die so etwas gar nicht haben; und wie Beate Zschäpe zeigt, haben wir ja auch heute noch weibliche Nazis.

 

Lieblingsschriftsteller bei den Intellektuelleren (Auswahl) :

Radikalkatholik: Joseph Ratzinger, Robert Spaemann, G. K. Chesterton, Hillaire Belloc, C. S. Lewis, Gertrud von Le Fort, Evelyn Waugh, Flannery O’Connor, Dorothy Day…

Vertreter der Neuen Rechten: Friedrich Nietzsche, Martin Lichtmesz, Ernst Jünger

Neonazi: Weiß nicht genau, vermutlich der Adolf und so?

 

Eigene religiöse Einstellung:

Radikalkatholik: Unser Herr Jesus Christus ist Gottes Sohn und hat die katholische Kirche eingesetzt. Man ist Teil dieser weltweiten Kirche, steht treu zum Papst, Christi Stellvertreter auf Erden, und glaubt an alle katholischen Dogmen. Die Religion ist das Wichtigste im Leben – wenn irgendein Staat, in dem man zufällig in diesem Leben lebt, Gesetze erlassen sollte, die mit ihr in Konflikt geraten, hat sie immer Vorrang.

Vertreter der Neuen Rechten: Typus 1) Ist aus der Kirche ausgetreten, weil man damit Steuern spart und weil ein Bischof was Flüchtlingsfreundliches gesagt hat, will das Christentum aber noch als Bestandteil der „abendländischen Kultur“ und Bollwerk gegen den Islam bewahren. Natürlich interessiert er sich nicht dafür, ob es wahr ist – Hauptsache, der Weihnachtsmarkt heißt „Weihnachtsmarkt“ und nicht „Wintermarkt“! Typus 2) Entschiedener Atheist und Religionskritiker, der einen säkularen Staat will, in dem die Religion in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat – der Islam schon mal gar nicht, aber das Christen- und Judentum genauso wenig. Beschneidungs- und Kopftuchverbot jetzt!

Neonazi: Atheist, der neuheidnische Symbole verwendet, oder Neuheide, der wirklich an alle möglichen esoterischen Theorien glaubt.

 

Einstellung zum Islam:

Unter Radikalkatholiken sehr unterschiedlich. Die einen meinen, dass wir uns mit den Säkularisten gegen den Islam verbünden müssten, insbesondere, wo er zu Gewalt und Unterdrückung von Frauen beiträgt; die anderen, dass wir uns mit den Muslimen gegen die aggresiven Säkularisten von linker und rechter Seite verbünden müssten, die unsere Religionsfreiheit einschränken wollen. Normalerweise herrscht eine ziemlich negative Einstellung zu Mohammed und dem islamischen Gottesbild, auch wenn man den Muslimen anrechnet, dass sie immerhin überhaupt an Gott glauben.

Vertreter der Neuen Rechten: Scharia ist finsteres Mittelalter! Wir sind  aufgeklärt! Nehmt den muslimischen Eltern den Einfluss über ihre Kinder und weist Imame aus!

Neonazi: Auch manchmal islamfeindlich, wobei man aber auch einen gewissen Respekt vor dem mohammedanischen Kampfgeist hat. Hitler ist ja auch ganz gut mit den Muslimen ausgekommen.

 

Einstellung zum Christentum:

Radikalkatholik: Der Katholizismus ist die einzig wahre Religion (logisch).

Vertreter der Neuen Rechten: Sieht einen gewissen Nutzen im Christentum (als Bollwerk gegen den Islam), äußert sich aber auch verächtlich über „Christcucks“. Kann mit Demut und Sanftmut und Kreuztragen und so nicht so viel anfangen.

Neonazi: Das Christentum ist eine semitische Religion des Ressentiments und wir brauchen wieder eine starke germanische Religion.

 

Lieblingsperiode der Geschichte:

Radikalkatholik: Das glorreiche Mittelalter natürlich! Am besten ist das 13. Jahrhundert, das Zeitalter der Gotik und Scholastik und großer Heiliger.

Vertreter der Neuen Rechten: 19./frühes 20. Jahrhundert – das Zeitalter der Nationalstaaten.

Neonazi: Eine tatsächlich nie existente Zeit bei den antiken Germanen, oder eben 33-45 (wobei, na ja, der verlorene Krieg…).

 

Hobbies:

Radikalkatholik: Singt in der Gregorianik-Schola und/oder spielt die Orgel.

Vertreter der Neuen Rechten: Aktiv im Heimatverein und der AfD-Ortsgruppe.

Neonazi: Rechtsrock und Kampfsport.

 

Einstellung zu Migration und Flüchtlingskrise:

Radikalkatholik: Sehr unterschiedlich. Exemplarisch zwei gegenteilige Stellungnahmen zum Migrationspakt in der erzkatholischen Bloggerszene bei Josef Bordat und Marco Gallina. Es sind theologische und naturrechtliche Argumente für Migration/Aufnahme von Flüchtlingen (universale Bestimmung der Güter der Erde, Nächstenliebe, bestimmte Bibelstellen) ebenso gängig wie welche dagegen (Argumente zum Thema Ordnung und Sicherheit, Verpflichtung zur Hilfe nur entsprechend der eigenen Möglichkeiten, nach der moralischen Ordnung sei jedes Land zuerst für seine eigenen Bürger verantwortlich, Bedenken wegen des Islam, andere Bibelstellen). Bei einer Aussage wie „wir können nicht nur darauf schauen, was unserem eigenen Land nützt, aber absolut offene Grenzen sind auch keine Lösung“ dürften einem die meisten Fundikatholiken zustimmen (okay, die ist noch seeehr allgemein gehalten…). Manche engagieren sich in der Flüchtlingshilfe – u. U. auch mal mit dem Ziel, besonders die Minderheit der christlichen Flüchtlinge zu unterstützen oder nichtchristlichen Flüchtlingen die Frohe Botschaft zu bringen – wobei uns da zugegeben einige Freikirchen voraus sind. Das Kirchenasyl wird meistens, wenn schon nicht immer in seiner praktischen Anwendung, dann zumindest als Prinzip verteidigt. Allgemein ist man der Meinung, dass mehr für geflüchtete und verfolgte Christen in aller Welt getan werden müsste.

Vertreter der Neuen Rechten: Nur für eingeschränkte Migration, bei der es hauptsächlich oder ausschließlich um die Interessen der Zielländer gehen soll; so etwas wie ein Recht auf Migration gäbe es grundsätzlich nicht. Der gemäßigte Rechte ist evtl. für Hilfe vor Ort für Entwicklungsländer – solange nicht zu viele Steuergelder darauf verschwendet werden und es dann auch wirklich hilft, die Flüchtlinge fernzuhalten. Wenn es hart auf hart kommt, dann ist der Rechte vom Prinzip her auch für den Schießbefehl an der Grenze.

Neonazi: Ausländer raus. Nur ethnische Deutsche haben ein Recht, hier zu sein, Passdeutschen den Pass nehmen und auch raus mit ihnen. Wohin die sollen, kann uns doch egal sein.

 

Wahlverhalten und politisches Engagement:

Radikalkatholik: Ebenfalls unterschiedlich. Manche engagieren sich bei der CDU/CSU (etwa Klaus und Birgit Kelle, Hedwig von Beverfoerde (von der Demo für alle) bis 2016) oder speziell den „Christdemokraten für das Leben“ (etwa Sophia Kuby, Petra Lorleberg (von kath.net)), andere haben die Politik komplett aufgegeben und wollen sich auf Wichtigeres konzentrieren – christliche Basisgemeinschaften aufbauen. Ein paar wählen eine chancenlose Kleinstpartei, weil sie meinen, nur deren Programm mit ihrem Gewissen vereinbaren zu können, viele diejenige größere Partei, die sie am wenigsten schlimm finden. Das rangiert in Deutschland am ehesten im Bereich CDU, CSU, FDP, diverse Regionalparteien, ab und zu AfD, selten SPD, praktisch nie Grüne oder Linke. In Österreich vermutlich am ehesten Sebastian Kurz.

Vertreter der Neuen Rechten: Klar AfD bzw. FPÖ bzw. die vergleichbaren Parteien in anderen Ländern.

Neonazi: NPD, III. Weg, oder so. Manchmal aus taktischen Gründen AfD, weil letztere bessere Chancen hat.

 

Moralische Prinzipien:

Der Radikalkatholik ist aus säkularer Sicht in manchen Dingen entsetzlich rigoros (nein, Sex vor der Ehe ist nie in Ordnung!!) und in anderen eher leger (was soll am Fleischessen bitte Sünde sein – solange nicht gerade Fasttag ist?) Es gibt eine natürliche Ordnung in Gottes Welt, die man mit Vernunft und Gewissen und mit der Hilfe von Gottes Offenbarung erkennen kann, und der hat man sich gefälligst zu unterwerfen; die Moral gilt objektiv für alle, es darf nicht jeder tun, was er will. Die 10 Gebote, die 3 göttlichen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe) und die 4 Kardinaltugenden (Gerechtigkeit, Klugheit, Mut, das rechte Maß) sind zentral; die schlimmste Sünde der Hochmut – jawohl, der Hochmut, nicht die Unkeuschheit, wobei die auch zu den schweren Sünden zählt. Man bewundert die Radikalität der Nächstenliebe und Opferbereitschaft von Mutter Teresa, Maximilian Kolbe, Franz von Assisi. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Der Vertreter der Neuen Rechten legt Wert darauf, sich von linker „Gesinnungsethik“ abzugrenzen und betont, dass er „Verantwortungsethiker“ sei, der auf langfristige Folgen von Handlungen schaue, statt auf ein kurzfristiges gutes Gewissen. Er verachtet „virtue signalling“, also das Zurschaustellen von politisch korrekten Tugenden. Das Gute ist für ihn vor allem der Einsatz für die, die einem am nächsten stehen – die eigene Familie, die eigene Nation (also nicht total unähnlich der christlichen Nächstenliebe, wenn auch nicht ganz dasselbe). Ansonsten mag er die typischen preußischen Tugenden – Verlässlichkeit, Recht und Ordnung. Gegenüber übertrieben selbstlosem Verhalten kann er sehr zynisch werden – ein gewisses Maß an Moral braucht es ja, aber mehr nicht. Die Menschen sind eh fundamental egoistisch, aber sie müssen halt miteinander auskommen.

Neonazi: Glauben Neonazis an so was wie Moral? Vermutlich bewundern sie am ehesten Mut, Kampfgeist, Loyalität, halten sich sonst aber für den Übermenschen, der jenseits von Gut und Böse steht. Verachtung für eine Mitleidsmoral/“Sklavenmoral“ der Schwachen, besonders für das Konzept der Barmherzigkeit.

Gut illustrieren kann man die moralischen Prinzipien der drei Gruppen mit ihren Einstellungen zum Thema Abtreibung. Der Radikalkatholik ist immer dagegen, weil allein Gott der Herr über menschliches Leben sei und das ungeborene Kind nie getötet werden dürfe. Und wenn es um die bitterarme kranke vergewaltigte Elfjährige geht: Abtreibung ist immer Unrecht. Der Rechte hat gewisse moralische Bedenken bei vielen Abtreibungen, aber keine so prinzipiellen, und er will die Abtreibungszahlen vor allem in Deutschland senken, weil wir mehr deutsche und weniger Migrantenkinder bräuchten – wenn die Syrerin ihr sechstes Kind abtreiben möchte, wird er vermutlich eher dazu schweigen. Der Neonazi glaubt überhaupt nicht an ein Lebensrecht für Ungeborene – er hätte auch keine Bedenken, bei unerwünschten Volksgruppen oder behinderten ungeborenen Kindern Zwangsabtreibungen einzusetzen, solangen nur genug gesunde deutsche Kinder geboren werden. Er denkt hier rein zweckmäßig. (PS: Ja, wir Katholiken glauben ehrlich, dass es bei der Abtreibung um die Kinder geht. Ich weiß, das glaubt ihr uns nicht, es kann ja nur um die Unterdrückung von Frauen gehen, aber, tja, wenn ihr mal reale Katholiken kennenlernen würdet, könntet ihr tatsächlich feststellen: doch, wir glauben das wirklich.)

 

Idealer Staat:

Radikalkatholik: Die Kirche ist gesellschaftlich bedeutend, andere Religionen nur geduldet, Abtreibung und Sterbehilfe und Leihmutterschaft und Embryonenforschung sind verboten, die Gesellschaft ist kinderfreundlich und sozial gerecht und der Staat unterstützt Familien, statt sie mit flächendeckender Betreuung in Krippen und Ganztagsschulen ersetzen zu wollen. Eine Restauration von Habsburgern und Bourbonen (aber eine konstitutionelle Monarchie, bitte!) wäre das Sahnehäubchen, aber nicht unbedingt nötig. Seliger Karl I. und heiliger Ludwig IX., bittet für uns!

Vertreter der Neuen Rechten: Weißer Ethnostaat mit höchstens sehr wenigen dauerhaft ansässigen Ausländern, v. a. solchen aus dem außereuropäischen Ausland. Was die Staatsform angeht, wird meistens die parlamentarische/präsidiale Demokratie mit Elementen direkter Demokratie – „populistisch“ – bevorzugt. Manche würden gerne das Frauenwahlrecht abschaffen, weil Frauen von ihrer Biologie her emotional und harmoniebedürftiger und damit nicht geschaffen für die Politik wären.

Neonazi: Na ja, Führerstaat mit einem charismatischen, vom Schicksal bestimmten Führer, der den Willen der Volksgemeinschaft besser erfassen soll als irgendwelche Parteien, halt. Natürlich auch hier ein rassisch reiner Ethnostaat.

 

Einstellung zu Juden/Judentum/Israel:

Radikalkatholik: Politisch meistens israelfreundlich; Verständnis für den palästinensischen Terrorismus findet sich eher selten. Fühlt sich den Juden gewissermaßen verbunden und ist da auch gerne für interreligiöse Gebete usw. zu haben (viel eher als bei den Muslimen), weil die ja immerhin auch ans Alte Testament glauben; findet aber schon, dass sie sich eigentlich taufen lassen sollten, weil Jesus ja der im Alten Testament angekündigte Messias ist. Der Radikalkatholik lehnt die unter liberalen Theologen verbreitete Theorie, dass zur Zeit zwei Gottesbünde bestünden, also der des Alten Testaments für die Juden noch gelte, und der neue Bund in Jesus nur für die Heiden (d. h. die übrigen Völker der Welt), für gewöhnlich ab – Jesus ist der Messias für alle. In Ländern mit höherem Judenanteil als Deutschland findet sich auch der ein oder andere Radikalkatholik jüdischer Herkunft (z. B. stammt die amerikanische Bloggerin Simcha Fisher aus einer konvertierten jüdischen Familie).

Vertreter der Neuen Rechten: Politisch ebenfalls eher israelfreundlich, bewundert das gut organisierte israelische Militär und Benjamin Netanjahu. Macht auch mal auf den weit verbreiteten islamischen Judenhass aufmerksam. Kann mit der jüdischen Religion allerdings wenig anfangen – so ein dreitausend Jahre alter unaufgeklärter Wüstenkult wieder, genau wie Christentum und Islam – und hätte gerne ein Beschneidungsverbot für Minderjährige (so etwa die AfD in ihrem Wahlprogramm für die letzte bayerische Landtagswahl). Speziell zu verschwörungstheoretischem Denken geneigte Rechte sehen Juden als zersetzende Kräfte hinter liberalen Medien, Universitäten usw.

Neonazi: Verschwörungstheorien über Israel und jüdische Banker usw., die die Welt kontrollieren.

 

Einstellung zu Klima/Umwelt

Radikalkatholik: Ja, also, Bewahrung der Schöpfung ist schon ganz gut und nötig und so. Landleben und Natur werden manchmal ein bisschen idealisiert (etwa im Stil Tolkiens, der ja auch so ein Radikalkatholik war, und dessen Auenlands, das in den HdR-Büchern kurz von Sarumans Industrialisierung heimgesucht wird), besonders radikal umweltschützerisch wird es allerdings meistens nicht. Vor allem dann, wenn Umweltschützer den Menschen eigentlich nur als Störfaktor im Getriebe der Natur sehen und „Überbevölkerung“ in Afrika und anderswo eindämmen wollen, geht man absolut nicht mehr mit und rantet darüber, wie viele Menschen die Erde eigentlich versorgen könnte und dass es keine Überbevölkerung gibt. Als Radikalkatholik sieht man Kinderkriegen ja als was Natürliches an und hat auch gerne mal drei, vier Kinder und mehr (die besonders fleißigen so bis zu zehn). Fleisch zu essen hält man nicht für moralisch problematisch – man denkt halt doch anthropozentrisch. Tiere soll man schon artgerecht halten, aber sie haben ja keine unsterbliche vernunftbegabte Seele. Zum Klimawandel (aufhaltbar oder nicht, was genau sollte man tun, um ihn aufzuhalten, etc.) wie auch zur Energiewende und ähnlichen Themen gehen die Meinungen auseinander.

Vertreter der Neuen Rechten: Hält die Theorie vom menschengemachten Klimawandel für eine Fabrikation von Lügenpresse und Ökoindustrie und den Grünen – das Klima hat sich schon immer verändert. Außerdem ist es sowieso wichtiger, die Industrie und damit Arbeitsplätze nicht mit irgendwelchem Umweltschutz zu gefährden, als zu versuchen, einen möglicherweise oder möglicherweise auch nicht aufhaltbaren Klimwandel aufzuhalten und Ähnliches. Naturschutz, okay, wenn Wichtigeres erledigt ist.

Neonazi: Kommt drauf an, was genau für esoterisch-naturreligiöses Zeug der einzelne Neonazi glaubt. Die völkischen Siedler sind durchaus sehr naturliebend. Verbundenheit mit dem Boden, unser deutscher Wald… und so.**

 

Feindbilder:

Radikalkatholik: Häresie (das ist das Fremdwort für den schönen deutschen Begriff „Ketzerei“ – damit meinen wir z. B. den Protestantismus), moralischer Relativismus und Indifferentismus („mir meine Wahrheit, dir deine Wahrheit“), Modernismus (nein, damit meinen wir nicht Eisenbahnen und Internet, sondern bestimmte theologische Ansichten (wie etwa die Ansicht, Wunder könne es doch nicht geben, weil es Wunder ja nicht geben könne, was ja bekannt sei, weil wir modernen Menschen viel klüger seien als unsere Vorväter)), eine Liturgie, die nicht streng nach den Rubriken zelebriert wird (die Liturgie ist uns sehr wichtig, ja).

Vertreter der Neuen Rechten: Linke, Grüne, politische Korrektheit

Neonazis: Hm, ziemlich viel. Moral und Schwäche, die ganze derzeitige Politik und Gesellschaft…

 

Lieblingsverschwörungstheorie unter den Radikaleren:

Radikalkatholik: Die Freimaurer haben das 2. Vatikanische Konzil kontrolliert! Papst Franziskus ist kein gültiger Papst! (Achtung: Letzteres trifft jetzt Leute, die man eigentlich gar nicht mehr als katholisch bezeichnen kann – Sedisvakantisten haben sich ja eigentlich von der Kirche losgesagt.)

Vertreter der Neuen Rechten: Irgendwelche Theorien über George Soros. Angela Merkel ist Hitlers Tochter. Reichsbürgertum.

Neonazi: Holocaustleugnung. Okay, das gilt vermutlich nicht für die „Radikaleren“. Die Radikaleren unter Neonazis halten den Holocaust vermutlich einfach für eine tolle Sache und versuchen nicht mehr, ihn zu leugnen. Vermute ich jetzt einfach mal.

 

Organisationen und prominente Vertreter (ausgewählte Beispiele):

Radikalkatholiken: Auf der „einfach bloß lehramtstreuen“ Seite, die mit der Theologie und Liturgie der Nachkonzilszeit und der Ökumene ganz gut klarkommt: Gebetshaus Augsburg, Johannes Hartl, Josef Bordat, kath.net, Jugend 2000, Gemeinschaft Emmanuel, fe-Verlag. Auf der traditionalistischen Seite, die die alte Liturgie mag und nicht so mit den Protestanten kann: Petrusbruderschaft, Pater Engelbert Recktenwald FSSP, Pater Martin Ramm FSSP, Christkönigsjugend, Pater Edmund Waldstein OCist. Das Stift Heiligenkreuz und die angeschlossene Hochschule kann man allgemein als leicht traditionalistisch bezeichnen, ähnlich den Fernsehsender EWTN, den Lepanto-Verlag oder das Opus Dei. Auf der vulgärtraditionalistischen Seite haben wir gloria.tv, katholisches.info, und (seit dem neuen Betreiber – früher versuchten sie sich noch als hippes Lifestylemagazin und waren dabei schon nicht ernstzunehmen) The Cathwalk. Dann gibt es noch die traditionalistische und (anders als die Petrusbruderschaft) mit Rom im Streit liegende und oft ungehorsame Piusbruderschaft, deren Status in der Kirche im Moment eher unklar ist, und kleine sedisvakantistische Grüppchen, die sich von der Kirche abgespalten haben (also tatsächlich gar nicht mehr katholisch sind, auch wenn sie sich als die einzig wahren Katholiken sehen).

Neue Rechte/“Alt right“: AfD, Identitäre Bewegung, Martin Sellner, Burschenschaften, Götz Kubitschek, Antaios-Verlag, Martin Lichtmesz.

Richtig Neonazi: NPD, Weiße Wölfe, Blood and Honour, Wiking Jugend, Heimattreue Deutsche Jugend.

 

[Ach ja, wieder eine ganz eigene und in sich sehr diverse Gruppe sind übrigens die protestantischen „Fundamentalisten“ (die den Begriff „Fundamentalismus“ übrigens vor hundert Jahren erfunden haben), also z. B. bestimmte Evangelikale oder Pfingstkirchler. Nazis sind die auch nicht; zur Unterscheidung von Extremkatholiken seien hier ein paar Merkmale aufgezählt: Die Protestanten sind i. d. R. Junge-Erde-Kreationisten, glauben also an eine Schöpfung in sechs Tagen vor 6000 Jahren, während die Katholiken schon lange – ja, auch schon vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil – die päpstliche Erlaubnis haben, Genesis anders auszulegen; die Katholiken lehnen alle Verhütungsmethoden außer der Natürlichen Empfängnisregelung ab, während die Protestanten kein Problem damit haben; die Protestanten neigen zu einem etwas patriarchaleren Eheverständnis und die ganz Extremen warten nicht nur mit dem Sex, sondern auch mit dem ersten Kuss bis zur Ehe; die Katholiken sind eifrige Heiligenverehrer, während die Protestanten das für gar grausigen Götzendienst halten. Die protestantischen Gottesdienste bestehen aus ein bisschen Bibellesung, einer Stunde Predigt und rockigen Lobpreisliedern; die Katholiken haben dagegen eher kurze, nicht sehr bemerkenswerte Predigten, Orgelmusik, und der wichtigste Teil des Gottesdienstes ist der mit Brot und Wein (wir reden da vom „Messopfer“, nicht vom „Abendmahl“); Tradikatholiken gehen am liebsten in die alte, lateinische Form der Messe. In Bezug auf Abtreibung ist man sich dafür unter Radikalkatholiken und Fundiprotestanten wieder einig und arbeitet zusammen. Der Linksaktivist, der nur den Marsch für das Leben stören will, braucht sich um diese Unterscheidungen also nicht groß zu kümmern.]

 

Eine Klarstellung: Es gibt durchaus Katholiken, die ihren Glauben sehr ernst nehmen und gleichzeitig einige politische Ansichten vertreten, die ich hier der noch eher gemäßigten Rechten zugeordnet habe. Aber das eine hängt nicht zwangsläufig mit dem anderen zusammen – wer besonders traditionalistisch ist, kann gleichzeitig entschieden gegen die Neue Rechte sein, und wer theologisch liberal ist, ist nicht unbedingt politisch liberal. Und wie gesagt, politisch gibt es einen gewissen Spielraum im Katholizismus.

Und ja, dann gibt es auch noch in Einzelfällen solche schändlichen Dinge wie katholische (bzw. sich selbst trotz ihrer Abspaltung von der Kirche als katholisch verstehende) Holocaustleugner, wie etwa Williamson (der ja selbst von der Piusbruderschaft ausgeschlossen wurde). Aber das sind eben extreme Ausnahmefälle, die gerade nicht eine weitere Radikalisierung typisch extremkatholischer Ansichten sind, sondern eine deutliche Abweichung vom landläufigen Extremkatholizismus. Katholische Holocaustleugner vertreten normalerweise auch keine weiteren Nazithesen, neigen dafür aber allgemein zu verschwörungstheoretischem Denken und sehen überall den Antichrist und den Weltuntergang – da gäbe es etwa noch eine Seite, die neben sämtlichen von der Kirche nicht anerkannten Privatoffenbarungen und landläufigen Verschwörungstheorien auch noch die Protokolle der Weisen vom Zion verbreitet.

 

Was ich letzten Endes sagen will: Wenn ihr uns hasst, dann seid euch bitte wenigstens bewusst, was ihr hasst. Wenn ihr uns hasst, weil wir „heteronormativ“ und gegen Abtreibung sind, oder weil wir an Engel und Dämonen und ein Jüngstes Gericht glauben, okay, bitte, meinetwegen, aber das gilt auch für Juden und Muslime und genügend andere Gruppen über einen Großteil der Weltgeschichte verteilt, also wäre es nett, wenn ihr uns wenigstens nicht gerade Nazis nennen würdet, zumal die Nazis ganz andere Merkmale haben und genügend von unseren Leuten zu Märtyrern gemacht haben. Ihr könnt uns immer noch „mittelalterlich“ und sonst was nennen, das trifft es sogar ganz gut. Danke auch.

Fr.Maximilian Kolbe 1939.jpgEdith Stein (ca. 1938-1939).jpgUnzeitigLeisnerHäfnerKozalStarowieyskiBrandsmaHirschfelder

(Eine winzige Auswahhl unserer von den Nazis getöteter Heiliger und Seliger. Von links nach rechts und oben nach unten: Hl. Maximilian Kolbe, hl. Edith Stein, sel. Engelmar Unzeitig, sel. Karl Leisner, sel. Eduard Müller, sel. Johannes Prassek, sel. Hermann Lange, sel. Georg Häfner, sel. Michal Kozal, sel. Stanislaw Kostka Starowieyski, sel. Titus Brandsma OCarm, sel. Gerhard Hirschfelder. Bildquelle: Wikimedia Commons sowie hier.)

 

Viele Grüße von Crescentia. Und Gottes Segen.

 

* Bildquelle: Wikimedia Commons. Die Bilder von Bonifatius, der die Donareiche fällt, und vom Hermannsdenkmal sind gemeinfrei; das Photo der Naziversammlung wurde Wikimedia vom Bundesarchiv zur Verfügung gestellt (B 145 Bild-P022061).

** Die Abschnitte zum Thema Juden und zum Thema Natur wurden nachträglich eingefügt, da ich den ersten bei der ursprünglichen Veröffentlichung vergessen hatte (wie das so passiert, wenn man zu hastig postet) und beim zweiten hinterher darauf aufmerksam gemacht wurde, dass ich zu dem Thema noch etwas schreiben hätte können.

Toleranz, Freiheit und Burkinis

Es gibt Zeiten, da komme ich mir ziemlich radikalisiert, mittelalterlich und antiliberal vor (eigentlich habe ich nicht mal ein besonderes Problem mit diesen Labeln – ich mag das Mittelalter*). Aber dann gibt es auch wieder Zeiten, da bin ich erstaunt, wie liberal und tolerant ich anscheinend im Vergleich zu manchen bin, die sich selbst als Vorkämpfer für die Freiheit sehen. Zum Beispiel glaube ich tatsächlich nicht, dass der Staat Leuten, die Mohammeds Irrlehre folgen, ihre Kleidung vorschreiben sollte.

Das ist anscheinend eine sehr umstrittene Ansicht. Man schaue sich nur mal die Aufregung an, zu der die neuesten Äußerungen von Familienministerin Giffey über Burkinis im schulischen Schwimmunterricht geführt haben. Frau Giffey hat in den sozialen Medien noch einmal klargestellt, was sie gemeint und nicht gemeint hat:

Zur aktuellen Burkini-Debatte stelle ich folgendes klar:

1. Um es deutlich zu sagen: ich befürworte nicht das Tragen von Burkinis im Schwimmunterricht.

2. Zu keinem Zeitpunkt habe ich das Tragen von Burkinis im Schwimmunterricht für „unproblematisch“ erklärt. Im Gegenteil – es ist ein sehr schwieriges Thema.

3. Wir müssen aber sehr konsequent darin sein, dafür zu sorgen, dass alle Kinder schwimmen lernen, egal welcher Herkunft sie sind und welche Religion sie haben. Schwimmen ist Teil des Sportunterrichts und damit Teil der Schulpflicht. Diese ist durchzusetzen.

4. Wir erleben aber in der Praxis, dass dies umgangen wird. Zum Beispiel durch ärztliche Atteste. Im Ergebnis nehmen Mädchen nicht am Schwimmunterricht teil und lernen deswegen nicht schwimmen. Das kann nicht unser Ziel sein.

5. Wenn Schulleiter dann vor Ort eine pragmatische Lösung finden, ist das zwar nicht optimal, aber ich finde nicht, dass sich Bundespolitiker darüber erheben sollten. Ich habe mich zu dem pragmatischen Weg der Schule geäußert, aber nicht grundsätzlich Burkinis befürwortet.

6. Ich habe erlebt, was es für die Familie und Freunde bedeutet, wenn ein kleines Mädchen ertrunken ist, das nicht schwimmen konnte. Für mich ist das Vermitteln einer Überlebenstechnik wichtiger als die Badebekleidung.

7. Eine Ausstattung von Schulen mit Burkinis aus öffentlichen Geldern lehne ich ab. Badesachen sind von jeder Schülerin und jedem Schüler selbst mitzubringen.

8. Ich bin Initiatorin und Schirmherrin des Neuköllner Wassergewöhnungsprojektes Neuköllner Schwimmbär, mit dem wir die Nichtschwimmerquote in den letzten vier Jahren halbiert haben – für alle Kinder, egal welcher Herkunft.

9. Ich engagiere mich seit Jahren für ein konsequentes Vorgehen gegen Gewalt an Frauen und Zwangsheirat und für ein selbstbestimmtes Leben von Mädchen und jungen Frauen. Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Dafür trete ich ein.

10. Aus meiner Sicht haben kleine Mädchen keine sexuellen Reize, die es zu verhüllen gilt.

Mit anderen Worten: Mädchen, die nicht bereit sind, normale Badeanzüge zu tragen, sollen lieber in Burkinis kommen dürfen, statt sich ganz vor dem Schwimmunterricht zu drücken und nicht schwimmen zu lernen. Aber nein, nein, gut findet sie Burkinis auch nicht. – Und darüber regen sich die Leute jetzt auf? Und wie sie das tun. Nach Ansicht vieler darf der Staat so etwas doch nicht zulassen; so weit, dass Mädchen ihre Badebekleidung (beim verpflichtenden Schwimmunterricht) selber wählen dürfen, kann die Religionsfreiheit dann wohl nicht gehen. Dafür werden hauptsächlich zwei Argumente vorgebracht:

  • Mädchen sollen selbstbestimmt entscheiden, was sie anziehen; deshalb soll man nicht zulassen, dass ihre Eltern ihnen eine bestimmte Kleidung vorschreiben.
  • Hier werden kleine Mädchen sexualisiert, indem suggeriert wird, sie würden sexuelle Reize aussenden, wenn sie nicht von Kopf bis Fuß verhüllt sind.

Zum zweiten Argument zuerst. Tatsächlich ziehen die meisten muslimischen Mädchen Kopftuch und Burkini erst ab der Pubertät an; Ausnahmen gibt es wie bei allem, aber sie sind nicht häufig – aber natürlich ist es Unsinn, ein Mädchen, das – o Graus – seine Haare oder seinen Hals zeigt, als Gefahr für die Keuschheit der sie umgebenden Männerwelt zu behandeln, egal, ob es jetzt acht oder fünfzehn Jahre alt ist.

Aber was, wenn manche Mädchen, oder ihre Familien, das eben trotzdem so sehen? Hier sind wir wieder beim ersten Argument: Wer darf dann über die Kleidung der Mädchen entscheiden? Die Wahl hier lautet jedoch nicht: Das Mädchen oder die Eltern? Sondern: Die Eltern / das Mädchen oder der Staat? Wenn der Staat sich heraushält, gibt es vier Möglichkeiten: Ein Mädchen entscheidet sich selbst, den Burkini zu tragen; Eltern schreiben einem Mädchen vor, den Burkini zu tragen; ein Mädchen entscheidet sich selbst, keinen Burkini zu tragen; Eltern schreiben einem Mädchen vor, keinen Burkini zu tragen. Wenn dagegen der Staat vorschriebe, dass soundsoviel von Armen, Beinen und Kopf zu zeigen ist (wie viel wäre wohl das Minimum?), wäre gar keine Freiwilligkeit mehr möglich.

Wäre das auch schon zu züchtig? (Um 1900. Quelle: Wikimedia Commons.)

Aber, wird argumentiert, man muss die Leute eben mit Zwang zur Freiheit führen. Man muss eben Zwang anwenden, um die Mädchen von den Vorstellungen ihrer Eltern zu befreien. Nun ist es aber so, dass kein Kind frei von den Vorstellungen der Eltern und irgendwie „neutral“ erzogen werden kann. Das ist auch gut so – Eltern haben das natürliche Recht und die Pflicht, ihre Kinder zu erziehen, und der Staat hat erst dann einzugreifen, wenn die Kinder wirklich gefährdet oder vernachlässigt werden. Kinder werden irgendwann erwachsen, und dann sind sie unabhängig und fähig, eigene Entscheidungen zu treffen; aber zuvor stehen sie immer unter dem Einfluss der Eltern. Die Frage dreht sich dann also darum, ob der Burkini eine grobe Gefährdung des Kindeswohls genannt werden kann, die das Eingreifen des Staates rechtfertigt. Und glaubt mir, Leute, so wollt ihr „grobe Gefährdung des Kindeswohls“ nicht definieren. Es wird behauptet, der Burkini sexualisiere die Kinder. Aber wie wäre es z. B. mit einer Art „direkteren“ Sexualisierung – sagen wir, eine Mutter bringt ihrer zehnjährigen Tochter bei, sich sexy anzuziehen und sich zu schminken. Auch Kindeswohlgefährdung? Burkini und Kopftuch wären gegen die Gleichberechtigung der Geschlechter gerichtet – aber, was wenn z. B. ein älteres Mädchen sich nicht mit der Vorstellung der Gesellschaft von der Gleichberechtigung anfreundet und von selber der islamischen Vorstellung folgen will? Soll man ihr das auch verbieten?

Solche Debatten sagen im Endeffekt weniger über den Islam aus, meine ich, als über die Verlogenheit vieler Säkularisten. Säkularisten haben es nur in der Theorie mit der Religionsfreiheit; praktisch endet sie für sie, sobald eine Religion ihren eigenen Überzeugungen zuwiderläuft. Das zeigt sich in ihrem Umgang mit falschen Religionen wie dem Islam ebenso wie im Umgang mit der richtigen Religion. Im 18. Jahrhundert wetterten die sog. „Aufklärer“ gegen das unfreie und unnatürliche Leben in den Klöstern; als sie an die Macht kamen, lösten sie die Klöster folglich zwangsweise auf und vertrieben die Nonnen und Mönche.

„Die Karmelitinnen von Compiègne angesichts der Guillotine“ (Illustration von Louis David OSB, 1906; Quelle: Wikimedia Commons). Die 16 Karmelitinnen von Compiègne wurden 1794 von der französischen Revolutionsregierung hingerichtet, weil sie sich geweigert hatten, ihr Ordensleben aufzugeben.

Die Kirche hat immer schon mit guten Gründen Zwangstaufen abgelehnt; vielleicht sollte sich der Säkularismus mal ihre Argumente in der Hinsicht ansehen, bevor er mit seinen unlauteren Missionsmethoden fortfährt.

 

* Das richtige Mittelalter; nicht die falsche Vorstellung vom Mittelalter, die die Geschichtslegenden des 19. Jahrhunderts uns hinterlassen haben.

Von Gottesstaaten (und anderen Staaten)

Zwischen 413 und 426 n. Chr. schrieb der hl. Augustinus sein berühmtes Werk „Vom Gottesstaat“ (De civitate Dei), in dem er den „Gottesstaat“, d. h. das Reich Gottes, das sich in den Christen verwirklicht, vom irdischen Staat – d. h. zu seiner Zeit dem römischen Kaiserreich – abgrenzte. Das ist nicht unbedingt der Sinn, in dem der Begriff „Gottesstaat“ heute verwendet wird. Unter einem Gottesstaat verstehen die Leute heute eher einen irdischen Staat, der die Gebote einer Religion zu seinen Gesetzen gemacht hat. Augustinus dagegen grenzte die civitas Dei (Gesellschaft Gottes, Staat Gottes) klar von der civitas terrena (irdischer Staat) ab.

Er hatte auch seine Gründe dafür: Viele seiner Zeitgenossen gingen davon aus, dass, wenn das Reich als Ganzes die richtigen Götter (oder den richtigen Gott) verehren würde, es von denen vor Unglück geschützt werden würde, also von einer sehr engen Verbindung zwischen Religion und Staat. Nun hatte man die alten Götter aufgegeben, die Kaiser waren christlich geworden – und gleichzeitig fielen Germanenstämme wie die Ost- und Westgoten, die Vandalen und die Franken ins Reich ein. Viele Heiden waren also der Ansicht, dass der Religionswechsel nicht funktioniert hatte; der Christengott konnte offenbar nichts für einen tun. 410 eroberten und plünderten die Westgoten unter Alarich Rom, und auf dieses schlimme Ereignis nimmt Augustinus in seinem Werk Bezug, und wenn er da so von Verschleppungen, Vergewaltigungen, Toten, die nicht begraben werden konnten, Hunger und Kannibalismus schreibt, dann merkt man, es war wirklich keine schöne Zeit.* (Augustinus selbst sollte dann übrigens in seiner nordafrikanischen Bischofsstadt Hippo Regius während der Belagerung durch die Vandalen unter Geiserich im Jahr 430 sterben.)

In diesem Werk bestand Augustinus jedenfalls darauf, dass das Römische Reich, auch wenn es christliche Kaiser hatte, nicht identisch war mit dem Gottesreich. Der Bestand des christlichen Glaubens ist nicht abhängig vom Wohlergehen eines irdischen Reiches, das zwar an sich einen Zweck in der von Gott gewollten Ordnung erfüllen kann, indem es für Ordnung und Gerechtigkeit unter den Menschen sorgt usw., das Gottesreich aber auch behindern kann. Diese Unterscheidung zwischen weltlichem und geistlichem Bereich beruht schon auf der Bibel („So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“, Matthäus 22,21) und wirkte das ganze Mittelalter hindurch weiter.

So, das war jetzt eine längere Einleitung zu einem Begriff, dessen Bedeutung meistens nicht ganz klar ist, wenn er verwendet wird: „Gottesstaat“. Der Iran wird gern als Gottesstaat bezeichnet, oder Saudi-Arabien. Manche Leute sehen den Gottesstaat auch schon verwirklicht, wenn in Deutschland Geschäfte am Sonntag geschlossen haben und an stillen Feiertagen nicht getanzt werden darf. Hierzulande gilt aber grundsätzlich eine Trennung von Staat und Kirche, die noch über eine Trennung im Sinne des Augustinus hinausgeht, auch wenn sie keine Laizität à la Frankreich (die eine Verdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum beabsichtigt) ist. Was ist jetzt also ein „Gottesstaat“?

Hier mal ein paar Beispiele, um die Unterschiede zwischen verschiedenen Gesellschaften, die man im heutigen Westen vermutlich alle mehr oder weniger als Gottesstaaten bezeichnen würde, deutlich zu machen:

  • Mohammeds Herrschaft und das Kalifat: Hier war der weltliche Herrscher gleichzeitig auch das geistliche Oberhaupt der (ganzen) Gemeinschaft der Muslime. Mohammed verkündete konkrete weltliche Gesetze, z. B. zum Erbrecht, die direkt auf göttlicher Offenbarung beruhen sollten – seine Nachfolger, die Kalifen, behielten diese bei – und führte seine Feldzüge im Namen seines Gottes – was die Kalifen ebenfalls taten.
  • Der heutige Iran: Die Regierung der Islamischen Republik Iran versteht sich nach der Verfassung von 1979 als Vertreterregierung des entrückten 12. Imam Mahdi, dessen Wiederkehr von den Zwölferschiiten erwartet wird. Das Staatsoberhaupt ist der „Führer“ (Rhabar), der von Theologen ausgewählt wird (zuerst war es Ajatollah Chomeini, jetzt ist es Ajatollah Chamenei). Regierungschef ist ein gewählter Präsident, der sich aber an die Prinzipien des schiitischen Islam halten muss, was vom Wächterrat überwacht wird.
  • Das heutige Saudi-Arabien: Die Kleriker sind nicht so direkt in die Regierung eingebunden wie im Iran, Saudi-Arabien hat allerdings den Islam (in der sunnitischen, speziell der wahabitischen Form) als Staatsreligion und die Könige, die als absolute Herrscher regieren, verstehen sich auch als Hüter der heiligen Stätten in Mekka und Medina.
  • Das mittelalterliche Europa: Die mittelalterlichen Staaten hatten ganz verschiedene Staatsformen (Venedig z. B. war eine Republik, viele andere Staaten waren Erbmonarchien oder -aristokratien); diesen Staaten gemeinsam war, dass einerseits der katholische Glaube öffentlich als wahr anerkannt, also praktisch Staatreligion war (was er in Malta übrigens interessanterweise immer noch ist), dass die Autorität des Papstes etwas galt (auch wenn man sich nicht einigen konnte, wie viel genau), dass weltlicher und geistlicher Bereich aber trotzdem irgendwo getrennt waren – Päpste, Bischöfe, Pfarrer, Äbte und Äbtissinnen waren nicht dasselbe und hatten nicht dieselben Aufgaben wie Kaiser, Könige, Grafen und Bürgermeister, und das Kirchenrecht war, anders als im Islam, nicht identisch mit dem weltlichen Recht.
  • Der Kirchenstaat oder die Fürstbistümer des Heiligen Römischen Reiches: Hier besaß ein Geistlicher zusätzlich zu seiner geistlichen Macht über ein umfassenderes Gebiet auch noch weltliche Macht über ein kleineres Gebiet. Die weltlichen Gesetze waren folglich eher stärker religiös geprägt als in benachbarten Staaten, leiteten sich aber auch nicht direkt oder ausschließlich aus religiösen Quellen ab und der geistliche und der weltliche Bereich wurden unterschieden. (Mir bekannte Unterschiede zwischen den deutschen Fürstbistümern und weltlichen Fürstentümern in der Frühen Neuzeit wären z. B., dass es in den Fürstbistümern oft deutlich mehr Feiertage gab, oder dass die Bischöfe, wenn das Reich einen Krieg führen musste, eher Geld an den Kaiser schickten, um Söldner anzuwerben, als selbst mit in den Krieg zu ziehen.)
  • Das Täuferreich von Münster: Eine spannende Geschichte aus der Reformationszeit: In Münster setzten sich die radikalen Propheten der Wiedertäufer-Sekte an die Macht, verkündeten, dass Christus zu Ostern 1534 wiederkehren sollte, benannten die Stadt in Neu-Jerusalem um, zerstörten Heiligenbilder, die sie für Götzen hielten, vertrieben Katholiken und Lutheraner, und führten die Polygamie ein. Sie wurden schließlich vom Fürstbischof militärisch geschlagen, nachdem die Stadt von innen heraus verraten worden war, und die Propheten wurden gefoltert und hingerichtet. Ähnlich wie bei Mohammed erlangten hier religiöse Propheten auch weltliche Macht – wenn auch für deutlich kürzere Zeit.
  • England unter Heinrich VIII. oder Elisabeth I.: Heinrich VIII. erklärte sich, als der Papst ihm nicht die Scheidung erlauben wollte, selbst zum Oberhaupt der Kirche von England, und seitdem stand die anglikanische Kirche unter der Autorität des Staates. Sicher hatten auch Synoden und Bischöfe noch etwas zu sagen, v. a. der Erzbischof von Canterbury, aber es handelte sich doch um eine dem Staat untergeordnete Kirche. Kardinal John Fisher, der einzige der englischen Bischöfe dieser Zeit, der nicht den Eid auf Heinrich als Kirchenoberhaupt leisten wollte, wurde hingerichtet, ebenso aus demselben Grund Heinrichs ehemaliger Lordkanzler Thomas Morus. Wer nicht zu dieser Kirche gehörte, musste u. U. mit Sanktionen rechnen (z. B. mussten Katholiken unter Heinrichs Tochter Elisabeth I. Geldstrafen zahlen, wenn sie nicht in die anglikanischen Gottesdienste kamen), konnte seinen Glauben evtl. nicht frei ausüben (z. B. war es unter Elisabeth verboten, die Messe zu feiern, und katholische Priester wurden hingerichtet), und hatte keinen Zugang zu bestimmten Staatsämtern (das galt bis ins 19. Jahrhundert). Das alles wurde mit der Zeit immer lockerer gehandhabt, auch wenn die anglikanische Kirche offiziell noch immer Staatskirche in England ist.

Der Unterschied zwischen Mohammeds Arabien oder dem Täuferreich von Münster auf der einen Seite und sagen wir mal, dem Heiligen Römischen Reich oder Frankreich oder England im Mittelalter auf der anderen Seite wäre, dass Mohammed (bleiben wir mal bei ihm als Beispiel; sein Herrschaftssystem hat immerhin länger überlebt) nicht einen geistlichen und einen weltlichen Bereich unterschied, sondern seine prophetischen Offenbarungen auf beide bezog: Sein Gott gab direkte Anweisungen zum Gerichtswesen, zur Verteilung von Kriegsbeute, zum Familienrecht. Nun war es im Mittelalter nicht so, dass geistliche und weltliche Angelegenheiten ganz voneinander abgeschnitten gewesen wären; im Gegenteil, es gab gegenseitige Zusammenarbeit und Überschneidungen (z. B. beim Eherecht) und auch die staatlichen Gesetze, von denen man viele auch aus römischem oder germanischem Recht übernommen hatte, richteten sich im Idealfall irgendwo nach übergeordneten moralischen Prinzipien, die die Kirche verkündete. (Im Idealfall. In der Praxis musste die Kirche z. B. noch 1374 Rechtsprinzipien aus dem Sachsenspiegel wie etwa „Wer auch immer nach der Bestimmung dieses Buches zum Duell aufgefordert wurde, der kann das Duell nicht verweigern, es sei denn, der so Auffordernde wäre weniger wohl geboren als der Aufgeforderte“** verurteilen, und auch für die Abschaffung der aus dem Heidentum übernommenen Gottesurteile musste sie immer wieder eintreten.) Man ging davon aus, dass Christus, König über die ganze Welt, sowohl der Kirche, mit dem Papst als Oberhaupt, die geistliche Macht, als auch den weltlichen Fürsten, mit dem Kaiser als ihrem höchsten Vertreter, die weltliche Macht verliehen hatte; kurz: weltliche und geistliche Ordnung standen beide auf dem Boden des Christentums. Auch wenn sich der Kaiser dann und wann mit dem Papst zoffte.

Der Gang nach Canossa in einer Darstellung aus dem 19. Jahrhunderts, als man in Deutschland den Papst nicht leiden konnte und den Kaiser als trotzig und ungebeugt darstellten wollte. (Eduard Schwoiser, „Heinrich vor Canossa“) Hier noch eine mittelalterliche Darstellung, in der Kaiser Heinrich IV. Markgräfin Mathilde von Tuszien und seinen Taufpaten Abt Hugo von Cluny um Vermittlung bei Papst Gregor VII. bittet:

(Quelle für beide  Bilder: Wikimedia Commons.)

Ehrlich gesagt, ich würde den Begriff „Gottesstaat“ am liebsten aufgeben. Er ist zu unscharf und wird zu vielseitig verwendet. Ich möchte verschiedene Herrschaftsformen unterscheiden:

  1. Religiöse Führer als weltliche Herrscher; alle weltlichen Gesetze direkt aus göttlicher Offenbarung abgeleitet (Kalifat, Täuferreich von Münster, heutiger Iran)
  2. Religiöse Führer üben auch weltliche Herrschaft aus, bei gleichzeitiger Unterscheidung der geistlichen und weltlichen Bereiche (Kirchenstaat, Fürstbistümer)
  3. Religiöser Integralismus bei personeller Trennung von weltlichem und geistlichem Bereich (Großteil Westeuropas im Mittelalter)
  4. Religiöser Staat; Religion aber unter der Fuchtel des Staates (England unter Heinrich VIII. oder Elisabeth I., Russland unter den Zaren)
  5. Zusammenleben von mehreren religiösen Gruppen auf nicht-religiöser Grundlage; Trennung von Staat und Religion; religiöse Toleranz (heutiges Deutschland)
  6. Staatliche Ablehnung der Religion und Zurückdrängung des Religiösen aus dem öffentlichen Raum, „Laizität“ (heutiges Frankreich, Türkei unter Atatürk)
  7. Staatlich verordneter Atheismus, Verfolgung der Religion (frühere Sowjetunion, China unter Mao, Nordkorea, sämtliche sonstigen kommunistischen Diktaturen der Geschichte)

Nr. 1 gab es in der Christenheit zunächst überhaupt nicht, später war sie eine Randerscheinung bei einigen extremen Gruppen im Gefolge der Reformation, die sich direkt von Gott inspiriert fühlten (z. B. könnte man außer den Täuferpropheten evtl. noch Oliver Cromwell hier einordnen). Nr. 2 ist im christlichen Bereich eine bekannte, aber alles in allem nicht allzu häufige Erscheinung, die mancherorts aus den historischen Gegebenheiten im Chaos des Frühmittelalters entstand. Nr. 3 war der katholische Standard bis ca. 1500, in manchen Gebieten bis ca. 1800 oder noch etwas länger. Diese Form habe ich „Integralismus“ getauft. Mit „Integralismus“ ist laut den Definitionen, die man so im Internet findet, generell gemeint, dass alle gesellschaftlichen Bereiche (integral) im religiösen Sinne geordnet werden sollen. Hier gäbe es natürlich noch verschiedene Abstufungen; katholischen Integralismus im strengen Sinne würde ich als die Ansicht definieren, die dem Papst indirekte oder direkte weltliche Macht zugesteht, also z. B. die Macht, weltliche Herrscher abzusetzen (die Frage, ob der Papst solche Macht hat, war im Mittelalter immer umstritten und hat damals dann und wann zu Konflikten geführt); katholischen Integralismus im weiteren Sinn als die Ansicht, dass der Papst und die Bischöfe an sich zwar nur geistliche Macht haben, dass sie nicht über, sondern neben weltlichen Herrschern, stehen, dass aber beide, geistliche und weltliche Herrscher, von Christus eingesetzt sind, Ihn als ihren Herrn anerkennen und nicht gegen Seine Gebote handeln sollten. Ein Staat sollte nach dieser Ansicht im Idealfall die katholische Religion als Staatsreligion anerkennen. [Im Internet scheint es keine ganz eindeutige Definition des Begriffes „Integralismus“ zu geben, daher habe ich ihn jetzt mal einfach so definiert, wie es mir passend erschien.] Das wäre, wie gesagt, die mittelalterliche (und in den katholischen Staaten auch noch frühneuzeitliche) Ordnung.

Mit der Reformation traten dann gewisse Probleme auf: Einige Fürsten wiesen den Glauben und die Autorität der Kirche und des Papstes zurück und gründeten sich ihre eigenen Landeskirchen, in denen sie oberste Kirchenherren waren. Das sieht man in Sachsen oder Preußen ebenso wie in England. Ähnliches hatte es vorher schon im Oströmischen Reich und in Russland gegeben, wo man die Autorität des Papstes ebenfalls nicht mochte und die Kirche lieber dem Kaiser bzw. Zar unterordnete (dafür gibt es den schönen Begriff „Cäsaropapismus“). Hier wären wir bei Nr. 4. Im Zuge der Reformation entstanden aber auch die Religionskriege zwischen den protestantischen und den katholischen Fürsten, und als man davon dann genug hatte, fragte man sich, ob denn die Religion das alles wert gewesen war, ob an diesen ganzen Streitfragen überhaupt so viel war, und ob es nicht einfach reichte, überhaupt an Gott zu glauben und ein guter Mensch zu sein (oder einfach nur ein guter Mensch zu sein). Hier wären wir im 18. Jahrhundert bei den Intellektuellen, die sich in nicht allzu großer Demut „Aufklärer“ tauften, angelangt. Sie waren für größere religiöse Toleranz gegenüber der jeweils in der Minderheit befindlichen Konfession und auch gegenüber den Juden, die immer einen Außenseiterstatus eingenommen hatten und als Außenseiter geduldet worden waren, aber nie wirklich zur Gesellschaft gehört hatten.

Dann musste man im Gefolge der sog. Aufklärung natürlich andere Prinzipien finden, auf die sich eine Gesellschaft einigen und auf denen sich ein Staat aufbauen konnte. Da wurden sehr unterschiedliche Wege gefunden. Bei uns nennen sich die herrschenden Prinzipien „freiheitlich-demokratische Grundordnung“, womit man Dinge wie Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit etc. meint; in den kommunistischen Staaten war es Marx‘ Lehre; in faschistischen Staaten der Wille des Führers. Hier wären wir bei Nr. 5, 6 und 7.

Auch für alle post-religiösen Staaten stellte und stellt sich dann übrigens die Frage, wie tolerant man gegenüber Ketzereien (womit ich Abweichungen von den staatstragenden Prinzipien meine, also etwa Anarchismus, Monarchismus, islamischer Extremismus, Reichsbürgertum) sein wollte. Es gab eben immer noch Leute, die sich den tragenden Prinzipien nicht anschließen wollten, auch wenn man die nicht mehr aus einer Religion nahm. Auch diese Frage wurde ganz unterschiedlich beantwortet; manche Staaten sind bzw. waren strenger gegenüber „Verfassungsfeinden“ als andere. Die französische Revolutionsregierung schickte einen schnell mal auf die Guillotine, bei Stalin kam man ins Gulag, in der BRD hat man, wenn es schlimm wird, eine Geldstrafe wegen Volksverhetzung zu befürchten.

Klar wird hier: Alle sieben Arten von Staaten sind auf irgendeiner Weltanschauung aufgebaut, die zumindest ein größerer Teil der Bevölkerung teilen muss, wenn die Gesellschaft funktionieren soll. Die Weltanschauung kann der Islam sein, der Konfuzianismus (altes China), der Protestantismus, der Katholizismus, der Liberalismus, der Kommunismus, der Faschismus, oder sonst irgendetwas. Aber eine gewisse Basis ist praktisch immer da; der Staat kann nicht ganz „weltanschaulich neutral“ sein. (Was soll z. B. der deutsche Staat gegenüber Leuten sagen, die von Menschenwürde nichts wissen wollen?) Es gibt dabei auch gewisse Unterschiede bei dieser gemeinsamen Basis: Es kann eine universal anwendbare Weltanschauung sein (Katholizismus, Kommunismus, Liberalismus), die man mit anderen Staaten teilt, oder eine rein nationale Religion, die direkt von der Regierung beeinflusst wird (Anglikanismus, verschiedene Formen des Nationalismus).

Hier stellt sich dann natürlich die Frage, auf welche Basis sich die Menschen in einem Land einigen können, und auf welche sie sich im Idealfall einigen sollten. Sucht man einen kleinsten gemeinsamen Nenner? Will man so nah wie möglich an die Wahrheit herankommen? Und was ist die Wahrheit? Die Wahrheitsfrage lässt sich am Ende nicht umgehen: Auf die Menschenwürde zum Beispiel kann sich eine Verfassung nur stützen, wenn diese wirklich existiert (was sie tut).

Worauf ich hinaus will: Statt den Begriff „Gottesstaat“ bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten hinauszuposaunen, sollte man sich vielleicht genauer ansehen, um was für eine Art Staat (Nr. 1, 2, 3 oder 4?)es sich handelt – und dann natürlich auch, um welchen Gott. Der Aztekenkönig war ebenso wie der Papst im Kirchenstaat weltlicher und religiöser Herrscher zugleich, aber in Rom wurden doch weniger Menschen geopfert als in Tenochtitlan…

 

* Augustinus beruhigt seine Leser z. B. dahingehend, dass es für die leibliche Auferstehung am Ende der Zeiten keine Unterschied machen wird, wenn ein Toter nicht begraben werden konnte und von Tieren gefressen wurde, oder er schreibt an einer anderen Stelle, dass Vergewaltigungsopfer, da sie keine Schuld an dem tragen, was ihnen passiert ist, sich nicht umbringen sollen, um die Schande der Vergewaltigung loszuwerden, auch wenn solche Selbtmorde menschlich verständlich seien. Die Bischöfe damals hatten schon andere pastorale Probleme als unsere heute.

** Gregor XI., Bulle „Salvator humani generis“ an den Erzbischof von Riga und seine Suffraganen, in: Enchiridion symbolorum definitionum et declarartionum de rebus fidei et morum / Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen, hrsg. v. Heinrich Denzinger und Peter Hünermann, 42. Auflage, Freiburg im Breisgau 2009, Nr. 1113, S. 521.